1. Die Ankunft – Teil 3

»Tatsächlich?«
»Nein, verdammt! Mit der Ironie habt ihr es in der Zukunft wohl nicht, oder? Was denkt ihr denn? Taucht nackt aus dem Nichts auf, könnt in Gedanken miteinander reden, und nehmt mich in einen Raum mit hinein, der nur in eurem verschmolzenen Geist existiert. Was soll daran normal sein? Habt ihr sonst noch Tricks drauf, von denen ich wissen sollte?«
»Was meinst du mit Tricks?«, fragte Sequel unbefangen. »Wirst du uns helfen?«
»Wie kann ich euch denn helfen? Ich bin ein kleiner Dorf-Sheriff, und – wenn ich ehrlich bin – fühle mich ein wenig von der Situation überfordert.«
»Nach unseren Berechnungen wird die Waffe in der Zeit vom 12. Mai bis zum 14. Mai dieses Jahres sichtbar sein. Sie soll sich in einer Gegend befinden – nicht all zu weit von diesem Ort hier entfernt -, der für seine vulkanische Aktivität bekannt ist. Es sollen dort nur wenige oder überhaupt keine Menschen leben. Kennst du einen solchen Ort?« Dunn überlegte. »Da fällt mir nur der Yellowstone Nationalpark ein, aber der ist nicht gerade in der Nähe.«
»Kannst du uns zeigen, wo das ist?«, fragte Brungk. »Es existieren doch sicher Karten, in denen Koordinaten verzeichnet sind, oder? Wir würden uns die erforderlichen Vektoren berechnen und könnten daraus eine Ortsverlagerung generieren.«
Dunn schüttelte den Kopf. »Ich verstehe wieder mal kein Wort. Also Karten kann ich euch natürlich zeigen, und der Nationalpark ist natürlich darauf verzeichnet. Was meint ihr mit Ortsverlagerung?«
Sequel sah ihn fragend an. »Ist das nicht klar? Wir müssen doch in unmittelbarer Nähe sein, wenn die Waffe erscheint. Es nutzt nichts, wenn wir hier sind, wenn das Ding diese Zeitebene durchzieht. Wir müssen schon physikalisch vor Ort sein. Während wir geistig verschmolzen sind, können Brungk und ich uns direkt an diesen Ort versetzen.« Dunn verzog seinen Mund. »Ich weiß nicht, ob ich überhaupt wissen möchte, was ihr alles draufhabt, aber eine Sache interessiert mich doch: Denkt ihr immer so kompliziert?«
»Nicht kompliziert, sondern nur folgerichtig.«
»Mag ja sein, aber ihr habt doch noch eine Menge Zeit, bis dieses Waffending erscheint, wie ihr sagt. Ich könnte euch hinfahren. Ich steck in dieser Sache sowieso schon tief genug drin – da kann ich euch auch weiterhin helfen. Außerdem kann es nicht schaden, meinen beschissenen Schreibtisch mal eine Weile nicht zu sehen.«
»Es mag sein, dass es nicht ungefährlich ist«, sagte Sequel ernst. »Brungk und ich sind nicht das erste funktionale Paar, das ausgesandt wurde. Etliche vor uns sind gescheitert, und wir haben keine Informationen darüber, was geschehen ist. Wir nehmen deine Hilfe natürlich gern an, aber du musst wissen, dass es uns alle das Leben kosten kann. Ihr Menschen dieser Epoche habt oft Bezugspersonen – andere
Menschen, mit denen ihr verbunden seid. Ist das bei dir auch der Fall? Bist du einem Typ A verbunden?«
Dunn konnte es nicht fassen. »Typ A? Jetzt noch mal von vorn: Wovon, zum Henker, sprichst du jetzt schon wieder? Was ist ein Typ A?«
Brungk antwortete: »Du bist ein Typ B, wie auch ich einer bin. Sequel ist ein Typ A – ein Mensch der Neumenschen in sich tragen kann, bis sie Lebensreife erlangen.«
Dunn verschluckte sich fast. »Geht’s noch komplizierter? Ihr wollt wissen, ob ich eine Frau habe? Ich kann euch versichern, dass ich auf Frauen stehe, aber es ist mir leider noch keine begegnet, die einen kleinen Dorfsheriff nehmen wollte. Ich bin solo, falls euch das beruhigt.«
Sequel wandte sich an Brungk. »Vermutlich will er damit sagen, dass es keine typübergreifende, emotionale Verbindung gibt.«
Sie wandte sich zu Dunn. »Unter diesen Umständen würden wir uns freuen, die Unterstützung eines nativen Menschen dieser Epoche zu bekommen. Wir werden diesen virtuellen Raum nun auflösen. Die Rückkehr in die Realität führt bei Menschen, die es nicht gewohnt sind, zu kurzfristiger Desorientierung. Das ist normal und muss dich nicht beunruhigen.«
»Aber …«, konnte Dunn noch sagen, dann versank die Welt um ihn in bodenlose Schwärze. Als er wieder zu sich kam, hielt er sich direkt neben Sequel und Brungk am Tisch fest und fühlte sich schwindelig. Brungk erhob sich und stützte ihn.
Als Cole das durch die halbdurchsichtige Scheibe sah, hastete er zur Tür und riss sie auf. »Was tun Sie da? Setzen Sie sich sofort wieder hin!«
Dunn winkte ab. »Ist schon in Ordnung, Lawrence. Mir war nur etwas schwindelig und unser Freund hier wollte mir helfen.«
»Freund?«, fragte Cole misstrauisch. »Hab ich was nicht mitbekommen? Als du eben in den Verhörraum gegangen bist, waren das noch unsere Gefangenen.«
»Eine lange Geschichte, Lawrence. Wir haben uns ausführlich unterhalten und ich glaub ihnen jetzt. Sie brauchen unsere Hilfe – und wenn ich das richtig verstanden habe, brauchen wir auch ihre.«
Cole blickte ihn ungläubig an. »Chef, nimm es mir nicht übel, aber das klingt jetzt ganz schön verrückt. Du bist doch erst vor wenigen Sekunden hier hineingegangen. Ihr habt überhaupt nicht miteinander gesprochen.«
Dunn sah Brungk an. Sequel antwortete: »Zeitabläufe im virtuellen Raum werden anders empfunden als in der Realität. Cole hat schon recht. Für ihn sind nur wenige Sekunden vergangen.«
Cole hob abwehrend die Hände. »Ich hab genug von dem Scheiß. Du hast dich von diesem Weib einwickeln lassen. Ich hab’s befürchtet. Ich ruf jetzt in Omaha an. Sollen die sich mit diesem Pärchen herumschlagen.« Er wandte sich um und machte einen Schritt.
»Lawrence, warte!«, rief Dunn und wandte sich an Sequel. »Könnt ihr es ihm ebenso erklären wie mir?«
Sie nickte. »Kommen Sie, Cole.« Sie lächelte ihm zuckersüß zu, und Cole ging – wie von Fäden gezogen – zu ihr.
»Und was kommt jetzt? Gehirnwäsche?«
»Man kann ein Gehirn nicht waschen«, bemerkte Sequel ernst. »Nehmen Sie Platz und fassen einen von uns an. Mehr müssen Sie nicht tun, aber Sie werden anschließend verstehen, worum es uns geht. Sie müssen nichts befürchten. Wir werden nur reden.« Damit wandte sie sich Brungk zu und sie berührten sich gegenseitig mit ihren Stirnen.
»Was jetzt?«, fragte Cole und sah Dunn fragend an.
Dunn deutete auf die beiden. »Na mach schon! Setz dich hin und berühre einen von ihnen.«
Widerstrebend folgte er der Aufforderung und streckte seinen Arm aus, um Sequel zu berühren. Im letzten Moment zuckte er zurück. »Was wird passieren, wenn ich sie anfasse?«
»Ich verstehe dich, aber dein Misstrauen ist unbegründet.« Dunn deutete mit dem Kopf auf die beiden. »Mach endlich. Sie warten auf dich.«
Cole seufzte und berührte die Frau. Ein kurzes Zittern fuhr durch seinen Arm und er bekam einen abwesenden Gesichtsausdruck.
Dunn wollte sich gerade einen Kaffee aus der Küche holen, als die drei sich wieder bewegten. Cole lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. »Oh Scheiße, in was sind wir da hineingeraten? Gut, dass ich Omaha nicht angerufen habe … Wenn das alles stimmt … Ich darf gar nicht darüber nachdenken …«
»Verstehst du jetzt, dass wir ihnen helfen müssen?«
Cole nickte. »Ja, sie haben mir gesagt, dass du sie begleiten wirst. Ich mach dabei allerdings nicht mit. Ich hab Elaine, und wir planen unsere Hochzeit. Da werde ich nicht mein Leben bewusst aufs Spiel setzen.«
»Ich verstehe dich.« Dunn legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Du wirst den Laden hier eine Weile allein schmeißen müssen. Offiziell kannst du sagen, ich wäre im Urlaub. Denkst du, das geht in Ordnung?«
»Du machst Witze! Wie soll ich die zwei Strafzettel, die ich in der Woche auszustellen habe, nur allein bewältigen?«
Dunn lachte. »So hab ich mir das gedacht.« Er wandte sich an Sequel und Brungk. »Ihr seid natürlich ab sofort keine Gefangenen mehr und könnt gehen, wohin ihr wollt.« Sequel lächelte. »Und wohin sollte das sein? Wir kennen hier nichts und haben auch nichts – nicht einmal passende Kleidung.« Sie wand ihren Körper ein wenig. »Selbst mit diesem Stück Stoff fühle ich mich etwas unvollständig bekleidet.«
Dunn schluckte, als er die Bewegungen der Frau sah. Sie sah einfach atemberaubend aus. Er fragte sich, ob sich so eine Frau für einen wie ihn interessieren könnte. Er schalt sich in Gedanken sogleich einen Narren. Die Frau war eine Fremde und hatte zudem diesen Brungk, der selbst aussah wie ein griechischer Halbgott.
»Ihr könnt erst mal mit zu mir kommen«, hörte er sich sagen. »Ich hab das Haus meiner Eltern geerbt und lebe dort seit ihrem Tod allein. Der Platz reicht für uns alle. Es gibt gute Betten und ihr könnt euch dort frisch machen. Mit etwas Glück ist auch noch Kleidung von meiner Schwester da. Sie ist vor einiger Zeit mit ihrem Mann nach Cheyenne gezogen.«
Er blickte Sequel prüfend an. »Die Sachen könnten dir passen. Ist zwar nicht mehr die neueste Mode, aber für den Anfang müsste es gehen.«
»Und was ist mit mir?«, fragte Brungk.
»Du kannst ein paar Sachen von mir anprobieren.«
»Das Angebot nehmen wir gern an«, sagte Sequel. »In deinem Haus gibt es auch eine Karte?«
Dunn lächelte. »Ja, eine Karte habe ich auch im Haus.«
»Dann schaff deine Gäste mal hier raus«, schlug Cole vor. »Es haben heute Morgen sicher ein paar Leute mitbekommen, dass wir diese zwei Nudisten an der Interstate aufgegriffen haben. Bevor hier Neugierige auftauchen, sollten sie schon weg sein.«
»Er hat recht«, sagte Dunn und deutete auf die Hintertür des Büros. »Mein Wagen steht hinter dem Haus. Folgt mir, ich bring euch zu mir nach Hause.«
Sie erhoben sich und folgten ihm. Dunn bemerkte erst jetzt, dass sie noch barfuß liefen. Schuhe hatten sie ihnen noch nicht anbieten können. Er lief zu seinem Wagen und öffnete ihn. »Na kommt schon.«
Sequel zögerte einen Moment und betrachtete skeptisch den Toyota Prius, bevor sie auf den Beifahrersitz kletterte. Brungk nahm auf dem Rücksitz Platz.
Sequel strich mit ihren Händen über den Stoff des Sitzes. »Dieses Fahrzeug ist überraschend bequem. Dunns Blick fiel auf die langen Beine seiner Beifahrerin und einige Augenblicke lang war er nicht in der Lage, den Wagen anzulassen. Verdammt, er war auch nur ein Mann, und in festen Händen oder nicht – diese Frau machte ihn wahnsinnig. Dabei hatte er nicht einmal das Gefühl, sie würde es absichtlich machen. Sie tat alles mit einer beeindruckenden Unbefangenheit.
Er riss sich von dem Anblick los und gab Gas. Seine Fahrgäste blickten neugierig umher und schienen alle Eindrücke förmlich in sich aufzusaugen. Sequel sah ihn von der Seite an. »Der Antrieb ist sehr laut«, sagte sie. »Mit welcher Energieform wird dieses Fahrzeug angetrieben?«
»Diesel-Benzin.«
»Darüber liegen uns keine Informationen vor. Worum handelt es sich dabei?«
»Es wird aus Erdöl gewonnen. Wir haben Motoren, die das verbrennen und daraus Leistung beziehen.«
»Da werden fossile Brennstoffe verbrannt?«, fragte Brungk ungläubig. »Das wäre bei uns strengstens verboten. Wisst ihr denn nicht, was diese Verbrennungsrückstände mit eurer Welt anstellen?«
»Willkommen im 21. Jahrhundert«, erwiderte Dunn sarkastisch.
Nach wenigen Minuten erreichten sie ein alleinstehendes Haus mit zwei Stockwerken und einem – für diese Gegend untypischen – Satteldach. Eine breite Veranda mit einem roten Holzgeländer zierte die Vorderfront.
»Wir sind da«, erklärte Dunn. »Das ist mein Zuhause. Lasst uns hineingehen, da ist es viel kühler als hier draußen.«
Sie verließen das Auto und folgten Dunn über die kleine Holztreppe auf die Veranda. Sequel schaute sich immer wieder neugierig um und Dunn bildete sich ein, dass ihr gefiel, was sie sah. Er öffnete die Tür und ließ seine Gäste eintreten. Von der Veranda aus erreichte man die Küche. Dunn hatte seit dem Tod seiner Eltern fast nichts darin verändert. So hatte er alle Möbel aus den 50er Jahren behalten und kochte noch immer
auf dem alten Gasherd, den sein Vater Dutzende Male repariert hatte. Er konnte sich einfach nicht davon trennen.
»Hier wird Essen zubereitet, nicht wahr?«, fragte Sequel. »Ich habe Fotos von solchen Räumen gesehen, hab aber keine Vorstellung davon, wie so etwas vor sich geht.«
»Richtig«, grinste Dunn, »Hier werden Speisen gekocht. Wir nennen so einen Raum Küche. Diese hier ist schon sehr alt und stammt noch von meinen Eltern. Ich hab alles gelassen, wie es ist. Es schien mir immer unpassend, sie zu verändern oder sogar zu modernisieren.«
Brungk hatte sich auf einen der Stühle gesetzt und wirkte desinteressiert, während Sequel mit ihren Fingern über die Oberflächen von Tisch, Anrichte und Spüle fuhr.
»Ich finde das faszinierend«, sagte sie. »Es ist unsagbar fremd für mich, aber es ist atmosphärisch stimmig. Ich weiß nicht, was es auslöst, aber es gefällt mir. Darf ich auch die anderen Räume sehen?«
Dunn deutete auf die schmale Holzstiege, die nach oben führte. »Die Schlafräume liegen oben. Vielleicht sollte ich euch zunächst diese Räume zeigen. Dort steht auch der Kleiderschrank mit den zurückgebliebenen Kleidungsstücken meiner Schwester.« Er ging vor und deutete ihnen, ihm zu folgen. Oben öffnete er die Tür zum Zimmer seiner Schwester und Sequel blickte hinein.
»Hier könnt ihr zwei übernachten. Das Bett ist breit genug für zwei Personen. Mein Zimmer liegt auf der anderen Seite. Was meint ihr?«
»Du meinst, ich soll mit Sequel zusammen in diesem Bett schlafen?«, fragte Brungk.
»Ich halte das nicht für eine gute Idee.«
Dunn sah ihn ratlos an. »Ähem, und warum nicht? Ihr seid ein Paar, oder nicht? Dann könnt ihr auch in einem Bett zusammen schlafen.«
Sequel sah ihn lächelnd an. »Du hast da etwas nicht ganz richtig verstanden. Brungk und ich sind ein funktionales Paar. Wir wurden als Paar konzipiert, um eine bestimmte Aufgabe lösen zu können. Wir sind in der Lage, unsere Egos miteinander verschmelzen zu lassen und haben in diesem Zustand besondere Fähigkeiten. Wir sind genetisch aufeinander abgestimmt. Es ist dir doch selbst bereits aufgefallen. Denk an unsere Fingerabdrücke. Das ist nur ein Hinweis auf unsere enge Beziehung. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns auch geschlechtlich als Paar empfinden. Es ist im Grunde ein Zufall, dass wir als Typ A und Typ B konzipiert wurden. Zwischen Brungk und mir existiert kein emotionales Band. Wir würden es vorziehen, nicht gemeinsam in einem Bett zu schlafen.«
»Da hab ich wohl tatsächlich was in den falschen Hals bekommen«, meinte Dunn, kommentierte es jedoch nicht, als er Sequels fragenden Blick bemerkte. »Ich hab noch ein Gästezimmer am Ende des Flures, aber das ist nicht so komfortabel eingerichtet.«
»Das nehm ich!«, rief Brungk, ohne es überhaupt gesehen zu haben.
Dunn sah ihn überrascht an. »Du hast es doch noch nicht einmal gesehen.«
»Wenn es ein Bett enthält, reicht mir das völlig. Ich bin sehr müde und muss unbedingt ein paar Stunden schlafen.«
Dunn deutete auf das Ende des Flures. »Dann leg dich einfach hin.«
»Kein Problem«, sagte Brungk. »Ich komme schon klar.«
Dunn wandte sich zu Sequel um. »Das gilt natürlich auch für dich. Du bist sicher auch müde.«
»Überhaupt nicht«, versicherte sie. »Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern weiter dein Haus anschauen und mich unterhalten. Es ist in eurem Zeitalter alles so interessant und ursprünglich. Ich möchte so viel wie möglich davon in mich aufnehmen.«
»Okay«, sagte Dunn und deutete auf das Bad. »Hier könnt ihr euch frisch machen, waschen oder duschen. Es gibt auch eine Toilette.«
Sequel warf einen Blick hinein und lächelte. »Nicht alles ist völlig verschieden, scheint mir. Das ähnelt einer Hygienezelle in meinem Heimatkomplex.«
Sie kehrten zurück zum Zimmer seiner Schwester. Dunn deutete von der Tür aus auf einen Kleiderschrank. »Dort befinden sich die Sachen meiner Schwester, die sie zurückgelassen hat. Probier einfach an, was dir passt und gefällt. Ein Spiegel befindet sich auf der Innenseite der Schranktür. Ich lass dich jetzt allein und du kannst in Ruhe auswählen. Wenn du mich suchst, findest du mich unten im Erdgeschoss. In Ordnung?«
Sequel lächelte und nickte. »Danke Dunn.«
»Wayne«, korrigierte Dunn. »Dunn ist der Familienname. Mein Vorname lautet Wayne. Wenn du schon in meinem Haus wohnst, solltest du mich beim Vornamen nennen.«
»Okay. Wayne also.«
Sie blickten sich einen Moment schweigend an, bis Sequel die Tür von innen verschloss und Dunn auf dem Flur stehen ließ. Er blieb noch einen Augenblick stehen, wandte sich dann um und lief die Treppe herunter ins Erdgeschoss. Im Kühlschrank fand er noch ein Bier, das er sogleich öffnete und mit ins Wohnzimmer nahm. Er hatte vor, sich durch das TV auf andere Gedanken bringen zu lassen, doch waren die Erlebnisse des Tages noch zu präsent in ihm. Er hielt die Fernbedienung in der einen, das Bier in der anderen Hand, konnte sich jedoch nicht entscheiden, was er tun sollte. Alles, was ihm etwas bedeutete, sollte in Kürze nicht mehr existieren? Und diese zwei eigenartigen Menschen, die nun auch noch in seinem Haus wohnten, sollten der Schlüssel zur Rettung sein? Ausgerechnet er sollte eine Rolle in diesem Drama spielen? Es war alles zusammen etwas viel für ihn.
Er wusste nicht, wie lange er so gesessen hatte, als er Geräusche von oben vernahm. Jemand kam die Treppe herunter. Das Erste, was er sah, waren zwei lange, nackte Beine. Es folgte eine junge Frau, wie er sie bislang nur aus Zeitschriften oder dem TV kannte. Sequel war eine ausgesprochene Schönheit und mit der Zielsicherheit einer Frau hatte sie aus dem Fundus seiner Schwester die Kleidung herausgesucht, die ihre gesamte Erscheinung am besten zur Geltung brachte.
Unten angekommen breitete sie ihre Arme aus und drehte sich einmal um ihre Achse.
»Ich hoffe, ich habe passende Kleidung gefunden. Trägt man es so bei euch? Ich möchte natürlich nicht auffallen, wenn andere Menschen mich sehen.«
»Es ist perfekt«, beeilte sich Dunn zu versichern. Es war eigenartig, diese Frau in den Sachen seiner Schwester zu sehen. Sequel schien eine Vorliebe dafür zu haben, Kleidung zu tragen, die ihren Körper gut zur Geltung brachte, beziehungsweise einiges davon zeigte. Dunn konnte sich nicht erinnern, wann Kim zuletzt so kurze Röcke getragen hatte.
Sie setzte sich neben ihn auf die Couch und schlug ihre Beine unter. »Bei euch ist alles so … ursprünglich«, sagte sie.

… wird fortgesetzt am 22. September 2018