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Saigels Irr(e)lichter – Das Schreibselbstbewusstsein

Das Schreibselbstbewusstsein. Eine Größe im Leben eines jeden Autors, ein Faktor, eine Variable und (hoffentlich) irgendwann einmal ein Ergebnis. Ständig ändert es sich, schwingt innerhalb eines Tages von einer Million auf minus Tausend und schnellt mit dem nächsten Wort wieder rasant in den Plusbereich. Es macht uns sowohl müde und verzweifelt als auch stark und motiviert.

Das Schreibselbstbewusstsein … es ist ein Phänomen. Ein unbändiges Tier, das sich entweder brav von uns kraulen oder uns tagelang im Regen stehen lässt.

Es zu bändigen habe ich bis heute nicht gelernt. Ebenso wenig konnte ich es zähmen oder die immensen Aufs und Abs zu kleineren, weniger verheerenden Schlägen überreden. Es erfasst mich noch immer genauso hart und unvorbereitet wie vor über zehn Jahren, als ich anfing zu schreiben. Sitze ich, mir die Ohren zuhaltend und die Augen verschlossen unter einer großen Welle, die tosend über mir zusammenzubrechen droht, erkenne ich selbst nicht einmal den Fortschritt, den ich bereits zu verzeichnen, die schönen Kritiken, die ich bekommen habe. Die Welle ist dieselbe, sie hat sich nicht verändert, sie macht weder halt vor schönen Anfängen noch vor beendeten Werken, die Zeugnis für tausende von Arbeitsstunden sind.

Das mag jetzt auf den ersten Blick trostlos klingen, jedoch habe ich gelernt, dass die Tiefschläge genauso wichtig sind wie das Hochgefühl. Wie viele herausragende Schriftsteller wollten in ihrem Leben ihre Manuskripte verbrennen? Gott sei Dank, haben sie sich nicht unterkriegen lassen, sich aus den Wassermassen erhoben und einfach weitergemacht. Besser. Bemühter. Überlegter.

Das Schreiben ist für mich ein Prozess. Eine Geschichte entwickelt sich nicht innerhalb von ein paar Wochen. Sie arbeitet in uns, schlägt Wurzeln und Blüten. Das braucht Zeit und Geduld. Stehe ich am Ende meiner Überlegungen, liegen vielleicht fünf Jahre zwischen dem Schluss und der Anfangsidee. Das ist oftmals ein guter Zeitpunkt für das Schreibselbstbewusstsein, unterzutauchen. Denn genau dann stelle ich fest, dass ich mich mit dem Anfang meiner Geschichte nicht mehr identifizieren kann, sie sich also wie aus fremder Hand liest, da der Fortschritt, den ich mir über die lange Zeitspanne erarbeitet habe, meine Texte verändert hat. Genauso begreife ich, dass die Handlung nicht ideal verläuft und der Anfang auf den weiteren Hergang der Geschichte nicht mehr passen will.

Die Erkenntnis, dass der Anfang im besten Fall noch einmal komplett überarbeitet und im schlechtesten Fall neu verfasst werden muss, drückt mich dann nieder, lässt mich den Text vergraben, ihn vergessen. Das Potenzial, das darin steckt, sehe ich nicht mehr, in meiner Erinnerung klingt jedes Wort schief, jeder Satz ungelenk und jedes Kapitel zusammenhangslos.

Doch dann, mit der Zeit, kehrt es zurück, das Schreibselbstbewusstsein. Schmiegt sich versöhnlich an mich, lockt mich mit zarten Gesten in das Versteck, wo meine Texte schlummern und lässt mich neugierig einen davon herausziehen. Beim Lesen setzt es sich auf meinen Schoß, hört meinen Gedanken zu, erfüllt mich mit einem eigenartigen Hochgefühl und lässt mich dann endlich wieder laut sagen: „Mensch, das ist ja doch gar nicht so schlecht!“

Frohes Schreiben!

Eure Saigel

5 Kommentare

  1. Yann

    Liebe Saigel,

    danke, dass du deine Gefühle beim Schreiben mit uns teilst! 🙂 Spannend und auch ein bisschen erstaunlich, diese Flutwelle und dass sie dich immer wieder ereilt. Das Gefühl, enttäuscht über alte Zeilen zu blicken, kennt sicher jeder, der schreibt. Es kann sich sehr unterschiedlich äußern. Bei mir ist es meistens eher ein ernüchternder Eimer Eiswasser. Aber das Bild, das du beschreibst, beweist auf jeden Fall, wie sehr du deine Texte liebst!

    • Saigel

      Lieber Yann,

      Danke für deine Rückmeldung.
      Tja, ich denke das Schreibselbstbewusstsein unterscheidet sich in seinen Grundzügen einfach nicht sonderlich von dem allgemeinen Selbstbewusstsein – mich reißt ab und zu die Flutwelle mit, weil ich grundsätzlich oft und alles hinterfrage, fünfzigmal unwerfe und zweifle, bevor ich mich endgültig entscheide.
      Dein ernüchternder Eimer Wasser bedeutet wohl für dich, dass du in einer Sackgasse steckst und dennoch weißt, wo du hinmusst, nur, dass du den Weg noch nicht genau kennst.
      Danke also für die Vervollkommnung meiner Gedanken hierzu, dein Beispiel erweitert die Sicht :).

      • Yann

        Naja – in den meisten Fällen sehe ich den Ausweg ja sofort, wenn ich einen Text von mir nochmal durchlese und merke, dass der nicht so ganz hinhaut. Darum ist es keine so erschütternde Sache, eher die lästige Erkenntnis, dass ich da noch eine Plackerei vor mir habe, die ich für erledigt hielt. 😉 Selbstredend war das nicht immer so. Ich denke auch, dass das Erschüttertsein zunächst total normal ist. Man lernt eben nach und nach hinzu – auch darin, sich selbst einzuschätzen. Aber klar ist, dass das nicht der einzige denkbare Auslöser solcher Gefühlsachterbahnen sein muss.

  2. Andre Marto

    Oh ja, ein wunderbarer Text und an sich, dass Highlight im Schreibprozess.
    Wer sich zurück erinnert wie das mit den ersten Fahrstunden vor der Führerscheinprüfung war, wie das mit den ersten Kilometern nach der Führerscheinprüfung war und wie es ist, heute (vielleicht x-Jahre später) ins Auto zu steigen und einfach loszufahren, dem müsste aufgefallen sein, dass es auch eine Art Fahrselbstbewusstsein gibt.
    Es gibt auch ein Kochenselbstbewusstsein, oder ein Bügelnselbstbewusstsein – Vorgänge die wir täglich oder regelmäßig tun, erwirken in uns ein Selbstbewusstsein, ein natürliches “handling” der Dinge, die wir gewohnt sind so zu tun.

    Vielen Dank für deine Einblicke, die du uns gewährst.
    Liebe Grüße
    Andre

    • Saigel

      Danke dir! Ja, genau so sehe ich das auch. Selbstbewusstsein kommt (und geht) immer auch mit Übung und einer gewissen Routine. Schön, dass du das herausgelesen hast :).

      Liebe Grüße

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