3. Tag der Entscheidung – Teil 1

Wäre nicht ihre bedrückende Aufgabe gewesen, hätte man ihren Aufenthalt im Yellowstone-Park wie einen Abenteueraufenthalt empfinden können. Dunn wusste zwar, dass Individualreisen durch den Park grundsätzlich nicht verboten waren, sie wurden in der Realität jedoch meist nur von wenigen Extremwanderern unternommen. Zu nachhaltig wurde vor herumstreunenden Bären und anderen Tieren gewarnt, die durchaus zu einer tödlichen Gefahr werden konnten. Einem Grizzly-Bären ungeschützt gegenüberzustehen war kein Spaß. Er hoffte jedoch, dass sie auf dem Plateau weitgehend vor ihnen sicher waren. Meist hielten sie sich in den Flussbereichen auf, die von vielen anderen Tieren als Tränke benutzt wurden.
Auch vor Park-Rangern waren sie weitgehend sicher, denn die Parkaufsicht hatte nicht das Personal, auch die entlegensten Orte des riesigen Parks zu überwachen. Straßen gab es in weitem Umkreis nicht. Das Einzige, das man häufiger finden konnte, waren Pfade, denen abenteuerlustige Wanderer hin und wieder folgten.
Das Hightech-Zelt aus der Zukunft, das Sequel aufgestellt hatte, bot erstaunlich guten Schutz vor der Witterung und hatte bislang nicht einen Tropfen der nächtlichen Regenfälle durchgelassen. Es wärmte automatisch, wenn es draußen kalt wurde und kühlte, wenn die Mittagssonne sich allmählich durchsetzte und das Zelt aufheizte.
Vier Tage verweilten sie bereits an diesem Ort und noch immer hatten Brungk und Sequel das Herannahen der erwarteten Waffe der Skrii nicht gespürt. Sie schienen darüber nicht beunruhigt, denn sie waren vollkommen überzeugt davon, dass sie erscheinen würde.
Dunn war schon früh aufgewacht und hatte sich aus dem Zelt geschlichen, um die anderen nicht zu wecken. Obwohl es noch kühl war, genoss er es, den Sonnenaufgang über den Bergen zu beobachten. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Sequel kam aus dem Zelt gekrabbelt. Ihren Schlafsack hatte sie an der Seite geöffnet und sich wie eine Decke umgelegt, in die sie sich einwickelte, sowie sie sich erhoben hatte.
»Wie kannst du so hier in der Kälte stehen, ohne zu frieren?«, fragte sie, als sie sich zu ihm gesellt hatte.
Er sah auf sie herab und musste lächeln. »Ich bin das Klima von Wyoming gewohnt. Das kann in der kalten Jahreszeit schon mal rau sein. Mir macht das nicht so viel aus. Im Grunde liebe ich diese kurze Zeit vor dem Sonnenaufgang, wenn der Atem beim Ausatmen noch dampft. Es macht den Kopf klar.«
»Mich lässt es nur erzittern, wie ich feststelle. Vielleicht sollte ich besser wieder ins Zelt schlüpfen.«
»Bleib ruhig noch da«, sagte Dunn.
Sie sah ihn an, doch er sagte nichts mehr. »Wenn du das möchtest, musst du mich wärmen.«
»Na, komm her«, sagte er und breitete seine Arme aus. Sie trat zu ihm und er legte seine Arme um sie.
Sequel brummte leise. »Ich hätte nicht geglaubt, dass ich in dieser morgendlichen Kälte die Wärme deines Körpers spüren könnte. Es ist angenehm. Wie lange dauert es noch, bis die Sonne aufgeht?«
»Nicht lange.«
Dunn dachte an das Gespräch mit Brungk. Er hielt die schönste Frau, die er je getroffen hatte, in den Armen. Wie fühlte sich das für ihn an? Suchte sie lediglich seine Wärme? Gab sie ihm Zeichen und er war nur zu dämlich, sie zu verstehen? War dies der Moment, sich endlich über verschiedene Dinge klar zu werden?
»Wie kommst du mit den Waffenübungen zurecht?«, fragte sie plötzlich. Die Stimmung war mit einem Moment vorbei.
»Ich denke, ich bin schon recht schnell und sicher damit. Besonders, wenn ich den Anzug aktiviert habe. Wenn es losgeht, werde ich euch sicher unterstützen können.«
Sie nickte. »Gut.«
»Wann, glaubst du, geht es los? Die Warterei geht mir an die Nieren. Ich schlafe schon recht unruhig in den letzten Tagen.«
»Vielleicht wirst du dir die Warterei zurückwünschen, wenn das Ding erscheint. Es kann nicht mehr lange dauern. Wir rechnen jeden Moment mit den ersten Anzeichen.«
Ein erster Lichtschein erschien zwischen den Bergspitzen und leuchtete ihnen direkt ins Gesicht. Die Ebene des Plateaus wurde in goldenes Licht getaucht und es sah einfach fantastisch aus.
»Die Erde ist wunderschön«, sagte Sequel leise. »Soetwas gab es auf Lorana nicht. Dieser Moment zeigt mir deutlich, dass die Erde der Heimatplanet der Menschen ist. Wir habe Vieles durch unseren Exodus zurückgelassen und verloren.«
Sie schmiegte sich enger an Dunn. »Ich danke dir, dass ich diesen Moment erleben durfte.«
Er empfand plötzlich ein irrationales Glücksgefühl und presste sie fest an sich. In diesem Moment versteifte sich Sequel und Dunn erschrak. Hatte er eine unsichtbare Grenze überschritten und Sequel wies ihn zurück? Er blickte ihr ins Gesicht und erschrak nochmals. Ihr Gesicht hatte einen vollkommen abwesenden Ausdruck und ihre Augen waren komplett schwarz.
»Sequel! Was ist mit dir?«
Sie antwortete nicht und lag stocksteif in seinen Armen. Aus dem Zelt drangen unverständliche Laute und nach wenigen Augenblicken kam Brungk aus dem Zelt. Seine Bewegungen wirkten zeitlupenhaft und fahrig, als hätte er Probleme, seinen Körper unter Kontrolle zu bringen. Er benötigte mehrere Versuche, bis er endlich auf seinen Beinen stand. Mit steifen Schritten ging er auf die beiden zu. Auch er hatte schwarze Augen, die auch die Augäpfel mit einschlossen.
»Es geht los«, sagte er stockend. »Ich muss Sequel zurückholen.«
»Zurückholen?«
»Emotionen können unsere Deckung unterlaufen. Die temporale Bugwelle der Waffe hat sie überrascht und gelähmt. Allein kann ich nichts tun. Ich brauche ihre mentalen Kräfte. Ohne sie können wir den exakten Ort nicht orten.«
Brungk blickte in Sequels schwarze Augen. »Ich brauche sie sofort im Zelt. Hier draußen ist es zu kalt, und wenn ich es richtig sehe, ist sie unter ihrem Schlafsack nackt.«
Dunn presste die Lippen zusammen. Nur widerstrebend entließ er die Frau aus seinen Armen. Er hatte das Gefühl, für die Situation verantwortlich zu sein, sah sich aber nicht imstande, etwas zu tun.
»Fass mal mit an!«, forderte Brungk ihn auf. »Allein bekomm ich sie in diesem Zustand nicht ins Zelt.«
Gemeinsam trugen sie das Mädchen zum Zelt und zogen es auf dem Schlafsack hinein. Brungk ignorierte die durch das Aufklaffen des Schlafsacks offengelegte Nacktheit Sequels und beugte sich über sie, bis er mit seiner Stirn ihre berührte. Ein leichtes Zucken lief durch ihren Körper. Dunn beobachtete besorgt die Szene und fragte sich, was Brungk wohl mit ihr anstellte.
Nach mehr als einer halben Stunde ließ Brungk sich zurücksinken und wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Ich hab’s geschafft. Sie sollte gleich zu sich kommen.«
Wenige Augenblicke später begann Sequel, sich zu bewegen. Mit einem leisen Stöhnen richtete sie sich auf und blickte mit ratlosem Gesicht umher. Ihre Augen waren noch immer tiefschwarz. »Was ist geschehen? Ich kann mich noch an den Sonnenaufgang erinnern, dann war es, als hätte mich etwas einfach ausgeknipst.«
»Der erste Gruß der Skrii«, sagte Brungk. »Die erste temporale Schockwelle. Sie hat dich überrascht.«
»Dann ist heute der Tag der Entscheidung?«, fragte Dunn.
»Nicht heute«, sagte Brungk kopfschüttelnd. »Voraussichtlich morgen. Wir werden den heutigen Tag nutzen, um den exakten Ort zu bestimmen. Mit etwas Glück gibt es noch eine weitere Schockwelle. Spätestens dann können wir genau sagen, wo das Skriikravkniikth, wie unsere Feinde die Waffe nennen, erscheinen wird, bevor es wieder in die Tiefen des Zeitstroms weiterzieht.«
»Woher wisst ihr eigentlich so genau über diese Waffe Bescheid?«
Brungk und Sequel blickten sich kurz an. Sequel nickte.
»Gut«, sagte Brungk. »Warum solltest du es auch nicht wissen. Für die Situation der Kriegsparteien in der Zukunft ist es sicher nicht relevant. Als wir unsere Reise antraten, befanden wir uns schon viele Jahrzehnte mit den Skrii im Kriegszustand. Ich kann dir nicht einmal sagen, was ursprünglich den Ausschlag dazu gegeben hat. Fest steht, dass Menschen und Insektoide vollkommen unterschiedliche Motivationen haben und von den Moralvorstellungen will ich überhaupt nicht reden. Schon beim ersten Zusammentreffen unserer Rassen war dies von Missverständnissen geprägt und gipfelte in erste kleine Gefechte. Als es eskalierte, gab es furchtbare Schlachten, aber niemandem gelang es, einen endgültigen Sieg zu erringen. Wir glauben, dass der Einsatz einer Roboterschwadron schließlich dazu führte, dass die Skrii uns endgültig auslöschen wollen.«
»Roboterschwadron?«
»Eine riesige Flotte von automatischen Schiffen mit Kampfrobotern, die wir zu einer der Zentralwelten der Skrii geschickt haben. Ihr gelang die Vernichtung des ›Nests‹, dem Mutterstamm der Skrii. Es war jedoch naiv, anzunehmen, dass dies zu einer Kapitulation des Gegners führen würde. Sie bauten das Nest wieder auf und setzten eine neue Königin ein, die bedeutend kompromissloser war als die alte. Nicht nur wir Menschen, sondern auch die Skrii haben hervorragende Wissenschaftler. Sie hatten die Natur der Zeit ebenso erforscht wie wir und die neue Königin befahl den Bau des Skriikravkniikth, um uns aus der Geschichte unseres Universums zu tilgen. Wir lagen lange genug mit dem Gegner im Krieg, dass wir genau über die Vorgänge auf ihren Wissenschafts- und Industriewelten informiert waren. Dennoch kamen wir zu spät, den Einsatz der Waffe zu verhindern. Als unser Einsatzkommando eintraf, um das Gerät zu vernichten, war es bereits nicht mehr dort, und man hatte unserem Team eine Falle gestellt. Nur einer konnte entkommen, aber es gelang ihm, eine der Chefplanerinnen der Skrii zu betäuben und nach Lorana zu entführen. Bei den Befragungen plauderte sie viele Einzelheiten aus, die uns nun hoffentlich helfen.«
»Und diese Skrii hat euch das einfach verraten?«, wunderte sich Dunn.
»Natürlich nicht. Du willst nicht wissen, was geschehen musste, an dieses Wissen zu gelangen.«
»Ihr habt dieses Wesen gefoltert.«
»Vermutlich würdet ihr es so nennen. Unsere Spezialisten nennen es ›nachdrückliche Befragung‹.«
»Ich stelle fest, dass die Menschen der Zukunft auch nicht besser sind als wir.«
»Wir stammen zwar aus der Zukunft, aber wir haben noch immer unseren Selbsterhaltungstrieb«, sagte Brungk. »Ich weise aber darauf hin, dass weder Sequel noch ich an solchen Aktionen beteiligt waren. Ich glaube auch nicht, dass wir das könnten.«
»Okay«, sagte Dunn. »Das war für mich als Hintergrundwissen natürlich interessant, aber wie geht es jetzt weiter?«
»Wir werden jetzt verschmelzen und unsere Orterfähigkeiten einsetzen«, meinte Sequel. »Das kann eine Weile dauern. Für dich bedeutet es nur, dass du uns alles vom Hals halten musst, was uns stören könnte. Schalte eventuell den Anzug ein und aktiviere den Tarnmodus. Es wird dich dann niemand sehen können. Du könntest jeden Neugierigen ablenken oder notfalls ausschalten, wenn es ein gefährliches Tier ist.«
»Denkst du, es dauert so lange?«
»Wir müssen der Temporalschockwelle nachspüren. Die Nachwirkungen sind nur noch schwach spürbar. Wenn in der nächsten Zeit keine weitere Welle kommt, kann es Stunden dauern. Mach dir also keine Sorgen, wenn wir lange in der Verbindung bleiben.«
Sie setzten sich bequem auf den Zeltboden gegenüber und legten ihre Stirn aneinander. Nur wenige Augenblicke später waren sie nicht mehr ansprechbar.
Dunn verließ das Zelt und sah sich um. Nichts deutete darauf hin, dass jemand oder etwas sich für ihr Zelt interessierte. Nicht einmal Wapitis hielten sich in der Nähe auf. Er aktivierte aus purer Langeweile seinen Anzug und experimentierte mit den Kontrollen herum. Es gab tatsächlich einen Tarnmodus, aber aus dem Innern des Anzuges konnte er nicht die Wirkung dieses Modus überprüfen. So übte er weiterhin das Zusammenspiel von Waffensystemen und Anzug, trainierte, das System mit seinen Gedanken zu steuern und bemühte sich allgemein, die Abläufe zu beschleunigen. Dass das letztlich ausreichend war, um den Ernstfall zu überleben, konnte er nur hoffen.
Als er nach einiger Zeit den Anzug abschaltete, war es fast Mittag und sein Magen signalisierte ihm Hunger.
Er schlüpfte ins Zelt, um sich eine Rolle Kekse zu holen. Dabei sah er, dass sich weder Brungk noch Sequel in der Zwischenzeit bewegt hatten. Seit mehreren Stunden hatten sie in dieser Position verharrt. Das konnte nicht gesund sein. Er hoffte, dass die beiden bald aus ihrer Verschmelzung auftauchen würden. Es sollte noch ein paar weitere Stunden dauern, als sie sich plötzlich bewegten und ihre schmerzenden Glieder rieben. »Wasser!«, rief Sequel. »Ich bin völlig ausgetrocknet.«
Dunn eilte sofort mit einer Flasche Quellwasser zur ihr, die sie an einer kleinen Quelle, nur wenige Meter neben dem Zelt, auffüllen konnten. Sequel trank wie eine Verdurstende. Brungk ging es nicht besser, doch er wartete geduldig, bis Sequel fertig war.
Die beiden waren völlig erschöpft. Dunn sah, dass Sequel offenbar Schmerzen verspürte. »Geht es dir nicht gut?«
Sie lachte humorlos auf. »So kann man es nennen. Mir platzt der Kopf und jeder Knochen schmerzt. Aber wir wissen jetzt, wo wir die Waffe erwarten werden.«
»Tatsächlich? Ihr konntet es lokalisieren? Ist es weit von hier?«
Brungk setzte seine Flasche ab und wischte sich über den Mund. »Etwas mehr als drei Kilometer von hier.«
»Wir sollten unser Zelt hier stehen lassen und nur mit unserer Ausrüstung loslaufen«, ergänzte Sequel. »Für diese kurze Strecke sollten wir keine Energie für eine Ortsversetzung vergeuden. Wir werden jedes Quäntchen davon brauchen, wenn das Ding erscheint.«
»Wann brechen wir auf?«
»Wir sollten uns bald auf den Weg machen«, sagte Sequel. »Bereiten wir uns vor.«
Dunn schaute sie verständnislos an. »Welche Vorbereitungen meinst du?«
»Nun. Zieh deine Sachen aus und schalte den Anzug ein. Anschließend heften wir unsere Waffen an den Anzug und los geht es.«
»Und wieso soll ich mich ausziehen? Bei euch scheint Nacktheit normal zu sein. Bei uns ist das etwas anders.«
»Damit hat das nichts zu tun«, erklärte Sequel. »Der Anzug kann sich nur richtig um die Bedürfnisse deines Körpers kümmern, wenn er Kontakt dazu hat. Wenn du unter dem Anzug nackt bist, wird er sich auch um deine Ausscheidungen kümmern. Wir können es uns nicht leisten, deswegen auch nur eine Minute unachtsam zu sein.«
Dunn zögerte noch.
»Worauf wartest du?«, fragte Sequel, die bereits fast vollständig ausgezogen war.
»Nun mal im Ernst: Wenn ich irgendwann den Anzug ausschalte, stehe ich im Adamskostüm vor meinen Gegnern? Das ist doch völlig verrückt!«
Sequel lachte. »Dann schalt ihn halt nicht aus.« Elegant warf sie ihr Höschen als letztes Kleidungsstück auf den Kleiderhaufen am Boden und aktivierte ihren Anzug. Von einem Moment zum anderen verwandelte sie sich in eine graubraune Figur aus einem Guss. Auch Brungk war bereits fertig und schaltete seinen Anzug ein. Dunn begann zögernd, auch seine Kleidung abzulegen. Vielleicht war es seine prüde Erziehung, aber es fühlte sich einfach falsch an, seine Kleidung auszuziehen, wenn es in den Kampf gegen einen mächtigen Gegner ging. Trotzdem tat er es und der Kleiderhaufen auf dem Boden wurde noch etwas größer. Er fühlte sich erst besser, als sein Anzug ebenfalls aktiv war. Aus seinem Helm heraus konnte er die Gesichter seiner Freunde wieder erkennen. Vom Hals an abwärts verbargen die Anzüge allerdings die Körper vor den Blicken der anderen, was ihn beruhigte.
Er spürte, wie sich der Anzug wie eine zweite Haut an seinen Körper anpasste, bis er ihn kaum noch spürte. Brungk nahm die Waffen zur Hand und klebte sie einfach in Hüfthöhe auf die glatte Oberfläche des Anzuges. Sie blieben dort haften wie festgeschweißt. »Wenn du danach greifst, werden sie ganz einfach abgehen.«
»Können wir uns dann auf den Weg machen?«, fragte Sequel ungeduldig. »Wir kennen den exakten Zeitplan des Skriikravkniikth nicht. Wir müssen ganz dicht am Objekt sein, wenn es erscheint. Es wird ein Schutzfeld besitzen, das wir mit unseren Mitteln nur schwer durchdringen können. Daher sollten wir von vornherein innerhalb des Schutzmechanismus sein.«
Dunn spürte, wie ihm heiß wurde. Er begann zu ahnen, dass ihre Mission kein Spaziergang werden würde.
Sie verstauten noch ihre Kleidung im Zelt und liefen los. Durch die Navigationsmodule ihrer Anzüge geführt, war es ihnen unmöglich, sich zu verlaufen, und die kinetische Unterstützung ihrer Körper durch die Anzüge ließ sie den Marsch wie einen Spaziergang empfinden. Keine Stunde später trafen sie am Ziel ein. Nichts unterschied diesen Ort von der Stelle, an der ihr Zelt stand. Es fiel Dunn schwer, sich vorzustellen, dass an dieser Stelle in Kürze eine riesige Maschine erscheinen sollte, die eine tödliche Gefahr für die gesamte Menschheit darstellen sollte. Er fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, das Militär auf diese Waffe anzusetzen.
»Das wäre keine Lösung«, übermittelte Sequel.
»Was?«, fragte Dunn.
»Du hast so intensiv gedacht, dass der Anzug es an uns weitergeleitet hat. Euer Militär besitzt keine Waffen, die den Schutz des Skriikravkniikth überwinden könnten. Selbst diese Atomwaffen, auf die ihr so stolz seid, würden nur das Land unbewohnbar machen. Glaub mir, wenn jemand eine Chance hat, dann sind wir es
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Den ganzen Tag verbrachten sie mit Warten im eingeschalteten Anzug. Inzwischen hatte Dunn sich so daran gewöhnt, in dem Anzug zu stecken, dass er ihn überhaupt nicht mehr bemerkte. Das System versorgte ihn mit allem, was sein Körper benötigte. Als die Sonne versank, wurden Brungk und Sequel unruhig.
»Ich hab was gespürt«, sandte Brungk. »Es kommt.«
»Wir stehen mittendrin!«, rief Sequel laut. »Weg hier!«
Dunn blickte sie ratlos an. Sequel stürzte auf ihn zu und zog ihn am Arm hinter sich her. »Willst du, dass es dich zerquetscht?«
»Ich verstehe nicht. Hier ist doch weit und breit nichts zu sehen.«
In diesem Moment begann die Luft, sich mit Elektrizität aufzuladen. Winzige Blitze zuckten aus der Luft in den Boden, und auf dem Boden zeichnete sich plötzlich eine gerade Linie ab, an der entlang das Gras der Ebene von der Faust eines Titanen niedergedrückt schien. Die Blitze wurden zahlreicher und heftiger. Die Luft stank nach Ozon.
Sequel und Brungk liefen an der Linie entlang. »Es ist ein perfektes Quadrat! Wir müssen uns ganz knapp außerhalb des Quadrats aufhalten!«
Dunn achtete darauf, diesen Hinweis zu befolgen und rannte den beiden hinterher. Er hatte keine Lust, von ihnen getrennt zu sein, wenn dieses Ding plötzlich erschien. Doch nach wenigen Metern musste er stoppen, weil die Blitze inzwischen in großer Zahl rund um sie herum in den Boden schlugen. Sequel und Brungk waren kaum noch zu erkennen. Ständig wurde er durch Blitze geblendet, da die Automatik seines Helms nicht schnell genug regierte.
»Dunn, wo steckst du?«, fragte Sequel. »Warum folgst du uns nicht?«
»Ich kann nicht! Ich müsste durch ein Blitzgewitter laufen. Ich bezweifle, dass der Anzug das aushalten würde
»Nein! Versuch das nicht! Warte, bis die Waffe erschienen ist. Die Blitze sollten aufhören, wenn die Waffe materialisiert ist. Nicht erschrecken! Es wird ein riesiger Würfel sein!«
Dunn hatte nicht bemerkt, dass sein Kreislauf auf Hochtouren lief. Heftig atmete er und der Anzug bemühte sich, seine Nerven zu beruhigen, aber das Ergebnis fiel nur dürftig aus. Inzwischen war das Blitzgewitter zu einem regelrechten Dauerfeuer geworden und allmählich wurde aus den strahlenden Blitzen ein gewaltiges würfelförmiges Ding sichtbar. Er wagte kaum, sich zu rühren, da er befürchtete, sonst mit den Entladungen in Kontakt zu geraten. Nie in seinem Leben hatte er solche Angst verspürt, wie in diesen Momenten.
Von einem Augenblick zum anderen hörten die Blitze auf. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Eine gewaltige schwarze Wand erhob sich vor ihm. Er war zu dicht davor, um das tatsächliche Ausmaß erfassen zu können, schätzte aber, dass sie sich mindestens zwanzig Meter in die Höhe erstreckte. Ein schwacher Schein beleuchtete die Szenerie einen Moment später. Dunn spähte in die Richtung, aus der das Licht kam und sah, dass in wenigen Metern Entfernung ein leuchtender Vorhang erschien, der das gesamte Gebilde einhüllte.
»Sequel!«, dachte er.
»Komm jetzt zu uns«, antwortete sie. »Wir haben eine Art Schleuse gefunden
Dunn hastete an der Wand entlang, die völlig schwarz wirkte und leicht dampfte. Er legte versuchsweise eine Hand auf die Oberfläche und erfuhr über die Sensoren, dass die Temperatur der Oberfläche weit unter -100 Grad Celsius lag. Als er um die nächste Ecke des Würfels bog, sah er die beiden, die bereits ihre Destabilisatoren in der Hand hielten.
»Du musst uns helfen«, sagte Brungk. »Das Schott bekommen wir nicht auf. Es ist an die Physiognomie der Skrii gebunden, und damit können wir nicht dienen. Wir werden Gewalt anwenden müssen.«
Sie erhoben ihre Waffen und zielten auf eine Stelle des Schotts, wo sie das Scharnier vermuteten. Dunn hatte schon erlebt, was diese Waffen mit Materie anrichteten und wappnete sich instinktiv gegen eine heftige Explosion. Sie blieb jedoch aus und das Schott war völlig unbeschadet.
»Komm Wayne, wir versuchen es mit Dauerfeuer aus drei Waffen gleichzeitig.«
Dunn zog ebenfalls seine Waffe und gemeinsam nahmen sie das Schott unter Feuer. Minutenlang beschossen sie das Material, als es endlich Wirkung zeigte. Es löste sich zwar nicht in einer Explosion auf, doch wurde es porös und seine Dichte wurde immer geringer, bis es schließlich riss und ein gelbes Gas freigesetzt wurde.
»Weiterschießen!«, befahl Sequel. »Wir kommen da noch nicht durch. Das Loch ist noch zu klein.«
»Wozu habt Ihr Destabilisatorbomben?«, rief Dunn. »Die haben doch sicher mehr Power als die Handwaffen, oder?«
»Gute Idee!«
Brungk und Sequel pflückten ihre Bomben vom Anzug und hafteten sie an die bereits angeschlagene Tür.
»Weg hier! Wir ziehen uns bis um die nächste Ecke zurück!«
Sie rannten an der Mauer entlang und hielten nicht eher an, bis sie hinter der nächsten Ecke des Würfels in Deckung gehen konnten. Ein greller Blitz erhellte die gesamte Umgebung mit unnatürlichem Licht. Vorsichtig kehrten sie zurück zu der Stelle, an der sie auf das Eingangsschott geschossen hatten. Es war nicht mehr da. Stattdessen klaffte eine große, ausgefranste Öffnung in der Wand des Würfels.
Brungk hielt seine Waffe in der Hand und kletterte ohne zu Überlegen durch das Loch ins Innere. Sequel sah Dunn kurz an und folgte Brungk. Als Letzter folgte Dunn.
Im ersten Augenblick herrschte totale Finsternis, doch schon Sekunden später hatte der Anzug diverse Strahlenquellen ausgemacht, die sich eigneten, als sichtbares Licht über die Innenfläche des Helms auf die Augen übertragen zu werden. Es half ihm jedoch nicht weiter, da sein Verstand nicht einordnen konnte, was er sah. Das Innere des Würfels glich einem Bild von Hieronymus Bosch – vollkommen verwirrend und zugleich bedrückend. Man konnte zwar alles erkennen, doch wusste man nicht, was man überhaupt sah. Sequel und Brungk schien es nicht anders zu ergehen, denn auch sie standen staunend und unsicher inmitten des Chaos, welchem vermutlich lediglich ein Skrii etwas Sinnvolles abgewinnen konnte.

________________________________________________

Der ursprünglich für den 3.11. angekündigte Teil konnte leider erst verspätet heute gepostet werden. Die Fortsetzung gibt es am 01.12.2018