Zur Werkzeugleiste springen

Autorinnen und Autoren im Netz

Plüschblaue Tagträume (1)

Hallo, ich bin schaldek und wie wohl alle hier, träume ich nachts im Schlaf und auch manchmal am Tag. Und wenn ein Traum mich nicht los lässt, dann schreibe ich ihn auf. So, wie jetzt gerade.

Ich blicke mit geschlossenen Augen nach oben und sehe die von der Sonne in Gold getauchten Gipfel der Anden. Ja, ich war in Peru, wandern, heute in meinem Traum. Ich trug eine kurze Hose und mir war nicht kalt. Ich wollte den Gipfel dieses Berges erklimmen, doch auf irgendeinem steilen Treppenanstieg kam mir ein fremdes Hochgebirgstier entgegen und wollte einfach nicht zur Seite gehen. Ich sprach es freundlich an und es antwortete freundlich zurück. „Da oben gibt es vielleicht nichts für Dich, Bro. Sicher, dass Du da hoch willst?“, fragte es im Ton einer Antwort. Dann wachte ich auf.

Ich dachte mir dann, dass mein Gehirn ein schlechter Autor sein muss. Wieso – wenn man in der Fantasie überall hinreisen kann – hindert mich so ein komisches Tier daran, das zu tun? Ich bin doch hier der Autor! Es hat gefälligst aus dem Weg zu gehen! Als ich mir nun, da ich schon wach lag, den Weg nach oben vorstellen wollte, passierte nichts. Weiße Fläche, Stille. Nichts. Hm.

Seit Monaten und Jahren schreibe ich; plotte, skripte, prosare, gedichte privat vor mich hin. Ich glaube, dass dieses Gehirn dazu in der Lage ist, irgendwann was zu reißen. Aber wieso eigentlich?, dachte ich nun ernsthafter als je zuvor. Vielleicht ist ja an der Stelle bei mir empty. Woher soll ich auch wissen, wie es auf einem Berggipfel in den Anden aussieht? Ich war noch niemals in Südamerika. Und mein Verstand endet offenbar dort am Aufstieg der Bergtreppe, wo das Tier mich höflich wegkomplimentiert …

Als ich mich daraufhin – irritiert von diesen Gedanken – aus dem Bett erheben will, um was zu trinken und vielleicht das Fenster zu öffnen, höre ich ein eigenartiges Geräusch in der Dunkelheit meines Zimmers. Und da beginnt mein Abenteuer.

Ich greife nach meinem Handy und mache Licht. Meine Klamotten am Boden, mein kleiner Couchtisch aus Plastik, daneben der Flokati. Hm. Er scheint sich leicht zu heben und zu senken, denke ich kurz. Ein doppeltes Funkeln, das aus seinem Fell kommt, blendet mich plötzlich. Okay jetzt. Nicht ehrlich, oder?! Zusammengekuschelt vor mir am Boden; das Tier von der Steintreppe aus meinem Traum! Wie automatisch dreht dieses nun hellblau leuchtende Alpaka seinen langen, pelzigen Hals einmal fast um sich und guckt mich auf Bettsitzhöhe an. Es … spricht. „Keine Sorge, Bro. Du bist nur Teil eines Traumes von mir.“, sagt es ruhig. Bitte, was?

Es stößt mich sanft mit seiner warmen Schnauze an die Schulter. Jetzt plötzlich erkenne ich, dass es real ist. Es nickt mich wissend an. „Du musst nichts sagen, Mann! Ich will Dir zeigen, wie Du die Steintreppe hoch kommst. Aber erstmal: füttere mich!” „Ähm, okay?“, sage ich eher im Affekt. „Was frisst Du denn gern?“

Nicht zu glauben, aber das blaue Alpaka frisst Papier. Und zwar ganz Spezielles. Es fällt seit einer Viertelstunde genüsslich über ein altes Manuskript von mir her, während ich mein Müsli esse. Jap, sechzig Seiten Dialog-Skript. Eine anderthalbstündige Szene in einer Kneipe, in der ein zunächst pöbelnder Ex-Kommissar schliesslich von einem alten Erpresserfall erzählt, der ihn bis zum jüngsten Tag nicht loslassen will. Er war vom Ermittler zum Betroffenen geworden. Es hatte Morddrohungen einer geheimen Organisation an ihn gegeben. Zeugenschutzprogramm, Identitätswechsel. Am Ende stellt sich raus, dass der Ex-Kommissar an diesem Tag erneut einen Brief von jener Organisation bekommen hat. Er legt ihn auf den Tresen und geht nach Hause. Weglaufen wird er nicht mehr.

„Das Skript habe ich 2013 geschrieben“, sage ich etwas müde.  „Es hat mir keinen großen Erfolg gebracht.“ „Dafür riecht es ganz gut“, sagt das Alpaka.  Ich bin kurz sauer. „Keine Sorge, ich hab noch mehr für Dich!“ Wieder beginnt das Alpaka zufrieden zu wiehern. „Sehr gut. Wir haben eine lange Reise vor uns, Bro.“ Es beginnt zu schmatzen. Ich stelle mein Müsli zur Seite und packe meinen alten Rucksack voll mit leckeren Manuskripten, die unter meiner Couch lagern. Sind ein paar. Ähm, habe ich erwähnt, was das Spezielle am Papier sein muss, Leute? Das Alpaka frisst ausschließlich schlecht geschriebene Manuskripte. „Ehrlich, es tut mir in der Seele weh“, sage ich ihm.  „Laff bie Heilung begimmem.“, schmatzt es ohne aufzublicken. „Iff werbe Bir helfem, viel beffer pfu schreibm.“ Alles blinkt plötzlich auf.

Zäpp! Plötzlich stehen wir am Fuße des goldenen Berges …

Fortsetzung folgt

2 Kommentare

  1. InEs

    Plüschige Tagträume habe ich gerne gelesen
    und freue mich auf Teil 2 – Danke schladek!
    Dann möchte ich anfragen, ob ich mir gelegentlich einmal das blaue Alpaka ausleihen kann, wenn es doch so gerne Papier frisst. Habe eine Menge schlechte Manuskripte. Sind zwar nur Kurzgeschichten, doch bekanntlich macht Kleinvieh auch Mist.
    Wiehert es wirklich?
    Schönes WE noch allen Lesern und Autoren. – VG InEs

  2. schaldek

    Ja, es wiehert! Und wie!
    Danke für den Kommentar. Ich habe beschlossen, immer, wenn ich nachts nicht schlafen kann, an das Alpaka zu denken und mir Storys mit ihm auszumalen, die ich hier reinschreibe. Teil 2 fühlt sich schon mal ganz kuschlig an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Bitte akzeptiere unsere Datenschutzbedingungen, nur so können wir Dich und uns schützen.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© 2020 Schreibkommune

Theme von Anders NorénHoch ↑

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.  Mehr erfahren