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Saigels Irr(e)Lichter – Das Schreibexil

Ist es nicht so, dass jeder genau das am Schreiben mag? Die Abgeschiedenheit. Irgendwo in der Ferne zwitschern ein paar Vögel, leichter Regen klopft zaghaft an die Scheiben, völlige Stille, vollkommener Frieden. Der Tag, mit all seinen Turbulenzen, die mit Lichtgeschwindigkeit auf uns einprasseln, uns überfordern und uns keinen Moment zum Durchatmen lassen, ist leicht verjagt, wenn der Schreibtisch ruft.

Der Schreibtisch. Heimisches Terrain. Beinahe schon selige Entspannung. Ein leidenschaftlicher Schreiber sitzt oft dort, an diesem Ort, der sich gefühlsmäßig auf dem höchsten Punkt eines verlassenen Berges befindet. Das Schreiben ist eigentümlich, es kann an manchen Tagen so unendlich viel bedeuten, an anderen Tagen weniger bis nichts.

Wie lange habe ich mich schon damit auseinanderzusetzen versucht, was da vorgeht, was dieses Schreibgefühl für mich bedeutet und ob ich bereit bin, all das auch mit anderen zu teilen. Ist da nicht ein großer Unterschied, alleine auf dem Berg zu schreiben, oder dann das Geschriebene auch ins Tal hinabzurufen?

Für mich ist es heute beides. Ich teile gerne das, was ich schreibe, natürlich nur einen Bruchteil von dem, was an beschriebenen Blättern oder Dateien wirklich in meinen Regalen steht. Aber es gab eine lange Zeit, in der ich das Tal nicht brauchte. Es war mir egal, niemand wusste von meinem Hobby, ich war die einzige, die etwas von mir zu lesen bekam. Ich war im Schreibexil. Fühlte mich wohl, suchte es dann auf, wenn ich es brauchte und verließ es, wenn es mir nichts mehr gab.

Für mich ist das Schreibexil genau das: ein Ort, der mir offen steht, nur ich besitze den Schlüssel, jedoch ist er auch zufrieden ohne mich.

Es ist ein zweischneidiges Schwert, das Tal mit einzubeziehen. Ich habe mich erst vor einem Jahr getraut, einen leisen, verschüchterten Ruf hinunter zu wagen. Das Echo, das ich bekam, war schwer verdaulich. Denn darüber wurde ich mir plötzlich bewusst: einmal ins Tal hinab gerufen, und man kann es nicht mehr lassen. Das Schreibexil ist nun nicht mehr das, was es war. Es ist jetzt bevölkert von Stimmen, Meinungen, Kritikern.

Öffnet man die Tür, schlägt einem nicht mehr schöne Stille entgegen, sondern ein unbekömmlicher Tumult. Schnell kristallisiert sich aber heraus, dass es Kollegen gibt, deren Schreibexil in etwa so aussieht wie das eigene, und die sich gerne der hiesigen Hausordnung anpassen.

Ich glaube, dass mein Schreibexil die Veränderung gut verkraftet hat. Ich habe nun ein ganzes Team an meiner Seite, eine Gemeinschaft, die sich mit meinen Texten auseinandersetzt, mich aber auch nicht sucht, sollte ich einmal die Türen meines Exils hinter mir geschlossen haben.

Denn es ist nicht das Exil, das wir als Autoren so dringend brauchen, es ist das richtige Tal, das eine, das zu uns passt. Das uns dann fördert, wenn wir stagnieren, das uns dann tröstet, wenn wir zweifeln, und das uns dann mit einem kräftigen Ruck herauszieht, wenn wir ganz und gar versumpft sind. Feedback ist wichtig, um zu wachsen. Das Schreibexil ist wichtig, um Wurzeln zu schlagen. Ich bin dazu übergegangen, weder in dem einen, noch in dem anderen Gegenteiliges zu suchen. Der selbstbestimmte Autor nimmt sich das, was er braucht und entscheidet selbst wohin er wann mit welchem Text geht: auf den Berg, oder in das Tal?

Eure Saigel

1 Kommentar

  1. Andre

    Hallo Saigel, wunderbare Erklärung und gleichzeitig Offenbarung deines Schreib-Ichs. Ja ich finde, das Tal könnte noch mehr von deinem geschriebenem vertragen. Lass uns teilhaben, denn den Mutigen steht die Welt offen. Bitte weiter so.

    Herzliche Grüße
    Andre

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