10.Teil – Giwoon (2/2)

»Bist du schon einmal mit einem Fahrrad gefahren?«, fragte Giwoon.
»Was ist ein Fahrrad?«, fragte Fancan. »Ich komme mir so dumm vor. Du zeigst mir ein Wunder nach dem anderen und ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich noch glauben soll.«
Er zog sie mit sich in Richtung des Weges und zeigte ihr, was er meinte. Dort standen in einem metallenen Ständer mehrere Fahrräder.
»Das sind Fahrräder«, sagte er und deutete auf die Fahrzeuge. »Man setzt sich darauf und tritt mit den Füßen die Pedale, worauf sich das Rad in Bewegung setzt. Will man bremsen, zieht man an den Hebeln dort oben.«
Fancan betrachte die Fahrräder interessiert.
»So etwas hat man hier bei euch in eurer Zeit?«, fragte sie.
Giwoon lachte.
»Das, mein Schatz, ist eine uralte Erfindung. Sie geriet in Vergessenheit und ein Freund von uns fand in alten Archiven Unterlagen darüber. Er baute einige davon und seit dem nutzen wir sie fast ständig. Sie werden mit Muskelkraft betrieben und verschmutzen unsere Welt nicht. Versuch es mal, es ist gar nicht so schwer.«
Fancan sah, wie Giwoon es anstellte und versuchte, es ihm nachzumachen. Ein paar Mal wäre sie fast gestürzt, doch dann begriff sie das Prinzip und setzte das Rad erst schlingernd und dann immer sicherer in Bewegung. Sie folgten dem Weg und fuhren in den Wald hinein. Hier herrschte ein herrliche Ruhe und ständig huschten irgendwelche Tiere über den Weg.
»Das macht richtig Spaß«, sagte Fancan nach einer Weile und fuhr schneller.
»Werde nicht übermütig, Fancan«, rief Giwoon hinter ihr her. »Du tust es immerhin zum ersten Mal.«
Er beeilte sich, Anschluss an seine Freundin zu bekommen. Fancan genoss die Fahrt sehr. Zum ersten Mal seit vielen Tagen dachte sie nicht an die Behörde, ihren Auftrag und was ihre Pflicht war.
Nach wenigen Kilometern wurde der Baumbestand dünner und schließlich öffnete sich vor ihnen ein grünes Tal mit sanften Hügeln und einem kleinen Bach. Direkt neben dem Bach stand ein Haus, das überwiegend aus Holz erbaut zu sein schien. Fancan bremste das Rad und betrachtete die Szene. Giwoon hielt neben ihr an.
»Warum hältst du an?«, fragte er. »Das dort vorn ist unser Haus.«
»Du sagst, wir befinden uns im einhundertzwölften Jahrhundert? Aber es sieht alles so alt und rückständig aus. Diese viele Natur, das Rad, das man mit Muskelkraft fährt, das Holzhaus dort vorn. Wir können doch nicht in der Zukunft sein.«
»Wir sind bei Weitem nicht so rückständig, wie du vielleicht denkst«, versicherte Giwoon. »Komm ich stelle dir meine Familie vor.«
Aus einer der Türen des Hauses trat eine junge Frau heraus, sah zu ihnen hinüber und winkte mit den Armen. Sie begann zu rennen und lief ihnen entgegen. Giwoon trat in die Pedale und fuhr ein Stück auf sie zu, warf dann sein Rad auf die Wiese und breitete seine Arme aus. Die Frau stürzte förmlich auf Giwoon zu und warf sich an seine Brust. Fancan empfand eine irrationale Eifersucht, als sie diese Szene sah.
Giwoon drehte sich zu ihr um und winkte, dass sie kommen solle. Zögernd fuhr Fancan mit dem Rad zu den Beiden hinunter.
»Fancan, darf ich dir meine Schwester Yshaa vorstellen?«, sagte Giwoon und zeigte auf Fancan, »Yshaa, das ist meine Freundin Fancan.«
Yshaa lächelte freundlich und umarmte auch Fancan.
»Eine Freundin von Giwoon ist auch meine Freundin«, sagte sie einfach.
Fancan hatte erst jetzt Gelegenheit, sich Yshaa näher anzusehen. Sie trug ein einfaches, bis zu den Knien reichendes Kleid und hatte nackte Füße. Ihre dicken, langen, schwarzen Haare trug sie zu einem dicken Zopf geflochten, bis zu den Hüften. Fancan schätzte, dass sie noch nicht ganz erwachsen war, obwohl ihre Figur durchaus bereits weibliche Formen zeigte.
»Kommst du aus der alten Zeit?«, fragte Yshaa neugierig. »Giwoon hatte einmal erzählt, dass er dort eine Freundin hätte.«
»Ja, ich denke, aus eurer Sicht komme ich aus der alten Zeit«, sagte Fancan.
Yshaa griff beide an den Händen und zog sie zum Haus.
»Mutter hat Kuchen gebacken«, sagte sie, »es ist, als hätte sie geahnt, dass Ihr heute ankommt. Kommt, er schmeckt am besten, wenn er noch warm ist.«
Fancan kam sich vor wie in einer Märchenwelt. Es kam ihr noch immer vollkommen unwirklich vor. Im Haus gab es mehrere kleine, gemütliche Zimmer. Aus einem der Räume kam ein Mann heraus, der Giwoon gleich umarmte. Fancan erkannte gleich, dass es sich um Giwoons Bruder handelte, dessen Kopf in der Kugel des Sliders erschienen war. Er wandte sich Fancan zu und betrachtete sie interessiert.
»Giwoon, du alter Schwerenöter!«, rief er. »Du hast uns nie erzählt, dass deine Freundin eine Schönheit ist.«
Dann ergriff er ihre Hand und drückte sie.
»Entschuldige ich bin Zedroog, Giwoons Bruder. Ich bin ganz überwältigt.«
Giwoon versetzte ihm spielerisch einen Faustschlag an die Schulter.
»Du lässt die Finger von ihr, verstanden? Sie gehört mir!«
Die Brüder standen schweigend und mit ernsten Mienen voreinander. Fancan sah von einem zum anderen, unfähig, zu erkennen, was hier eigentlich los war.
Nach einigen Sekunden prusteten die Brüder los und lachten, was das Zeug hielt. Sie nahmen sich gegenseitig in die Arme und klopften sich gegenseitig auf den Rücken.
»Verdammt, bin ich froh, dass du wieder zurück bist!«, rief Zedroog aus.
»So sind die beiden immer«, sagte eine Frau, die plötzlich in der Tür stand.
Es war die ältere Ausgabe von Giwoons Schwester Yshaa. Fancan vermutete, dass es sich um die Mutter der Familie handelte.
»Ich bin Fancan«, stellte sie sich vor und reichte der Frau ihre Hand. Sie drückte ihr überraschend fest die Hand und antwortete:
»Ich weiß. Ich bin die Mutter dieser Bande hier. Mein Name ist Symeen. Bei uns geht es immer so hoch her. Ich hoffe, es erschreckt dich nicht.«
Fancan schüttelte den Kopf.
»Ich habe nur noch nie wirklich mit Familien zu tun gehabt. Ich weiß daher nicht, wie Menschen, die von ein und demselben Elternpaar abstammen, sich untereinander verhalten.«
Symeen lachte, bis ihr die Tränen kamen.
»Entschuldige, aber du drückst dich so unglaublich gestelzt aus. Wir nennen solche Menschen einfach ‘Kinder’. Ich schließe daraus, dass du keine Geschwister besitzt.«
»Ich weiß es nicht«, sagte Fancan wahrheitsgemäß. »Ich kam schon sehr früh zur obersten Korrekturbehörde.«
Symeens Miene umwölkte sich für einen Moment, dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.
»Lasst uns meinen Kuchen essen, solange er noch warm ist«, schlug sie vor. »Wir wollen unseren Gast gebührend willkommen heißen. Es ist im Esszimmer gedeckt.«
Sie gingen ins Esszimmer, wo Symeen eine Kaffeetafel gedeckt hatte. Fancan hatte so etwas noch nie gesehen. Der Kuchen war einfach ein Gedicht und Fancan hatte hinterher das Gefühl, noch nie so viel in ihrem Leben gegessen zu haben. Symeen lächelte, als Fancan ein Stück nach dem anderen griff und es sich einverleibte.
»Symeen, so einen herrlichen Geschmack habe ich noch nie erlebt«, lobte Fancan mit vollem Mund. Die gesamte Atmosphäre wurde insgesamt sehr locker. Später, als Yshaa und Zedroog sich wieder zurückgezogen hatten, wechselte Symeen das Thema.
»Du wirst dich sicher schon gewundert haben, dass wir hier in der Zukunft jenseits eurer überwachten Zeitebenen in dieser Form leben, nicht wahr?«, fragte sie Fancan.
»Das wundert mich allerdings«, gab sie zu.
»Nun, dann nehme bitte zur Kenntnis, dass wir nicht so einfach sind, wie wir scheinen. Wir haben uns dieses Leben gewählt, weil es uns die Möglichkeit gibt, mit der Natur besser in Einklang zu bleiben«, erklärte Symeen. »Ich bin nicht nur die Mutter dieser Kinder hier, ich bin auch die Beauftragte für Zeitvergehen. Ich kontrolliere von hier aus, ob irgendwo in den Weiten der Zeit Manipulationen vorgenommen werden, die Auswirkungen bis in unser Zeitalter hinein haben. Wir haben bereits eine Sperre installiert, die verhindern soll, dass Ihr diesen Zeitvektor – wie Ihr ihn nennt – immer weiter in unsere Richtung ausdehnen könnt. Ständig werden von euch Korrekturen vorgenommen, die zum Teil verheerende Auswirkungen auf die ferne Zukunft hatten. Eure sogenannten Analysten glauben, dass sie beurteilen können, was sie eigentlich tun, aber ich kann dir garantieren, dass sie irren. Unsere Kenntnisse über die Natur der Zeit sind heute viel größer, als in den frühen Jahrhunderten, deshalb wissen wir heute, dass die Zeit nichts vergisst. Glücklicherweise neigt die Zeit – wie auch alles andere – dazu, ein ausgeglichenes Potenzial zu erreichen. Dazu muss man ihr aber auch Gelegenheit geben. Deshalb haben wir die Zeit vom zweiundachtzigsten bis zum einhundertsten Jahrhundert für Manipulationen und Zeitreisen komplett blockiert. Nur dadurch können wir hier annähernd unbeeinflusst leben, ohne fürchten zu müssen, dass eure dauernden Manipulationen auch unsere Welt verändern.«
Fancan hatte gebannt den Worten der Frau gelauscht. Sie wusste nicht warum, aber sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass jedes einzelne Wort der Wahrheit entsprach.
»Warum erzählst du mir das alles, Symeen?«, fragte sie. »Warum habt Ihr mich hier hergeholt?«
»Her geholt hat dich Giwoon ganz allein«, sagte Symeen mit einem milden Lächeln. »Ich fürchte, mein Sohn hat sich wirklich in dich verliebt, mein Kind. Trotzdem ist es wichtig, dass du uns verstehst, damit du auch verstehst, warum wir bestimmte Dinge tun müssen. Auch, wenn man es uns nicht unbedingt ansieht, beschäftigen wir uns sehr intensiv mit der Zeit und ihrem Fluss in den frühen Jahrhunderten. Wir besitzen Datenbanken, die in vielen Bereichen weitaus detaillierter sind, als eure. Dank Giwoon und seiner Arbeit für die Behörde können wir nun auch unsere Daten laufend mit denen der Behörde abgleichen.«
Fancan sah von Symeen zu Giwoon.
»Giwoon, du hast die Daten der Behörde angezapft und einen Zugang bis in diese Zeitebene hier gelegt?«, fragte sie. »Das ist Verrat!«
»Fancan, du nimmst dieses Wort für meinen Geschmack zu oft in den Mund. Ich habe nie für die Behörde gearbeitet. Mir ging es immer nur um Vorbereitungen für eine weitreichende Manipulation, die dazu führen soll, die Arbeit der Behörde ein für alle Mal zu beenden.«
Fancan glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen.
»Du willst die Behörde vernichten?«
»Ja«, sagte Giwoon einfach. »Nur deswegen bin ich in die Vergangenheit gereist. Ursprünglich hatte ich vor, herauszufinden, wie es zur Entdeckung der Zeitreisen im siebenundvierzigsten Jahrhundert gekommen ist und wollte einen Agenten durch gefälschte Analysen veranlassen, eine Zeitkorrektur vorzunehmen, die diese gravierende Entdeckung verhindern sollte. Ich fand jedoch heraus, dass diese Lösung zu einem generellen Chaos führen würde und die Zeit bis weit über meine eigene Zeitebene hinaus verändern würde. Also musste eine andere Lösung her – eine, die die bisherigen Aktionen der Behörde bereits berücksichtigt.«
»Und wie soll das aussehen?«, fragte Fancan heiser. Sie konnte nicht glauben, dass ihr Freund offenbar der gefährlichste Feind dessen war, wofür sie bisher gelebt hatte.
»Die Energieversorgung ist die Lösung. Zeitreisen sind äußerst energieaufwendig. Ich hatte mich immer gefragt, wieso man die Behörde erst vierhundert Jahre nach Entdeckung der Zeitreisen gegründet hatte. Die Antwort ist einfach: Man konnte erst dann den Energiebedarf eines solchen Systems decken, in dem man die Energie der Sonne anzapfte. Ich rede jetzt nicht davon, das Sonnenlicht einzufangen. Man hat eine Möglichkeit gefunden, die Energie der Sonne direkt am Himmelskörper abzugreifen und auf der Erde nutzbar zu machen. Das System der Zeitaufzüge wurde installiert und alle Energie, die diese Aufzüge benötigen, erhalten sie von der Anzapfstelle im einundfünfzigsten Jahrhundert. Wird sie zerstört, bricht das System zusammen, wie ein Kartenhaus.«
»Das ist doch Wahnsinn, Giwoon!«, regte sich Fancan auf.
»Nein, Wahnsinn ist es, diese sogenannten Experten immer weiter machen zu lassen!«, konterte Giwoon.
»Nun streitet nicht, Ihr Zwei!«, mahnte Symeen. »Das hat erst recht keinen Sinn. Wir sollten Fancan nun nicht dumm sterben lassen, sondern sie in alles einweihen, was wir herausgefunden haben.«
Sie wandte sich an Fancan: »Kind, du ahnst nicht, wie wichtig es ist, dass du heute und hier verstehst und akzeptierst, was wir dir zu erzählen haben.«

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Die Geschichte macht jetzt eine Woche Pause. Wie es weitegeht, erfahrt Ihr in der nächsten Fortsetzung am 4. Mai 2019.