4.Teil – Die Verfolgerin

Ralph Geek-Thoben erwachte und war bester Laune. Er hatte viel Zeit investiert, um sich innerhalb der Behörde in eine Position zu manövrieren, die ihm ein großes Maß an eigenständiger Entscheidungsfreiheit ermöglichte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er von den Beobachtern der obersten Korrekturbehörde in seiner angestammten Zeit entdeckt worden war. Er war bereits siebzehn Jahre alt gewesen und hatte überhaupt nicht gewusst, dass es so etwas wie die Behörde überhaupt gab. Er wollte eigentlich Künstler werden und hatte sich bei einem Internat für Kunstförderung beworben. Sein glücklichster Tag war, als seine Eltern ihm die Zulassungsmail gezeigt hatten. Ralph war noch nie lange von zu Hause weg gewesen, doch fiel es ihm nicht schwer, seine geliebte Familie zu verlassen, um seinen Traum leben zu können.
Nach einem Jahr in der neuen Schule tauchten die rätselhaften Beobachter auf und entschieden, dass er die richtigen Anlagen für die Korrekturbehörde besaß. Ohne auf seine Proteste einzugehen, oder seine Eltern zu fragen, nahmen sie ihn mit. Sein Entsetzen war maßlos, als er begriff, dass er niemals mehr nach Hause zurückkehren würde. Es hatte lange gedauert, bis er sich in sein Schicksal gefügt und akzeptiert hatte, dass es für ihn nun nur noch die Arbeit innerhalb des Zeitvektors gab. Es zeigte sich, dass die Beobachter richtig geurteilt hatten, denn Ralph besaß tatsächlich genau die richtigen Anlagen für diese Arbeit. Während der Ausbildung war er immer einer der Besten und so stieg er später schnell vom Hilfstechniker zum Techniker und anschließend zum Agenten auf. Er leistete wirklich gute Arbeit für die oberste Behörde, doch niemand ahnte, dass er im Grunde seines Herzens einen tiefen Hass gegen diese Behörde entwickelt hatte. Man hatte ihm seinen Lebenswunsch zerstört und ihm sein Zuhause genommen. Im Gegensatz zu vielen Anderen im Dienst der Behörde hatte er eine Familie. Er hatte Eltern und drei Geschwister, die er vermisste.
Ralph begann sich dafür zu interessieren, wie die Behörde überhaupt strukturiert war. Im siebenundvierzigsten Jahrhundert hatte man die Zeitreisen entdeckt und fast vierhundert Jahre später fasste man den Entschluss, eine Behörde zu errichten, die darüber wachen sollte, dass es niemals zu Katastrophen, Epidemien oder Kriegen kommen sollte. Dieses Ziel war im Grunde nicht zu erreichen, doch bemühte man sich redlich, den gesamten Zeitstrom zu kontrollieren. Sobald man auf ein Problem stieß, wurde es überprüft und man suchte nach Lösungen, die ein solches Problem bereits im Vorfeld ungeschehen machen würden. Man entwickelte das System der Zeitaufzüge, die sich entlang der Zeitachse bewegen konnten, um den Agenten die Möglichkeit zu geben, jeden Zeitpunkt im Weltgeschehen erreichen zu können. Ralph musste zugeben, dass dies ein äußerst geniales System war. Er bewarb sich um einen Ausbildungsplatz zum Analysten, da er erkannt hatte, dass die Analysten die wahren Herrscher des Systems waren. Die Techniker und Beobachter entdeckten die Probleme, aber die Analysten prüften die Lösungsansätze, die notwendig waren, um sie zu beseitigen. Wenn ein Analyst die optimale Lösung gefunden hatte, legte er seinen Bericht der obersten Behörde vor, die im Grunde überhaupt nicht die Mittel hatte, diesen anzuzweifeln. Sicher, in den Anfängen der Behörde hatte man jeden Bericht durch mehrere Analysten gegenprüfen lassen, doch mit der immer weiter fortschreitenden Ausdehnung der überwachten Zeitebenen fehlte einfach das Personal, um diese erweiterten Prüfungen aufrechtzuerhalten. Jetzt waren es die einzelnen Analysten selbst, welche die Entscheidungen trafen. Die oberste Behörde gab den Aktionen nur noch den offiziellen Anstrich.
Ralph grinste. Niemand ahnte, dass er ein Analyst war, der gegen das System arbeitete. Doch er arbeitete nicht nur gegen das System, sondern er verfolgte auch eigene Ziele. In seiner Eigenschaft als Analyst hatte er das Recht, Daten aller Zeitebenen abzurufen. So erforschte er auch die Zeitebene, aus der er ursprünglich entführt worden war. Er verfolgte, wie seine Eltern verzweifelten, als er plötzlich verschwunden war. Seine Mutter hatte es nie verwunden und war früh gestorben, sein Vater wiederum hatte sich die Schuld an ihrem Tod gegeben und sich ein paar Jahre später das Leben genommen. Sein Bruder, der schon früher häufig Probleme mit seiner ungezügelten Aggressivität hatte, heiratete und bekam einen Sohn, der die gleichen Probleme hatte. Allerdings war er hochintelligent und wurde schon früh politisch aktiv.
Ralph beschloss, diesen Jungen zu fördern und ihn zu Macht zu verhelfen. Er spielte ihm eine Nachricht zu, in der er ihm mitteilte, wie er ihm helfen würde. Der Junge, Herwarth Thoben, antwortete ihm, dass er, wenn er ihm zur Macht verhelfen würde, ihm einen Platz an seiner Seite einräumen würde. Ralph würde niemals mehr Befehle entgegen nehmen müssen – nein, er würde herrschen. Das würde seine Rache an der Behörde sein.
Ralph lief pfeifend den Gang zur Datenbankabteilung hinunter. Inzwischen mussten die Scans der veränderten Realität vollständig sein und er war gespannt, ob seine Arbeit die erwarteten Früchte getragen hatte.
»Hallo Zeno!«, rief er, als er die Abteilung betrat.
Zeno, der – wie so oft – vor dem Terminal eingeschlafen war, schreckte hoch.
»Was?!«, rief er, »Meine Güte, dass Sie mich immer so erschrecken müssen!«
»Gab es irgendwelche Besonderheiten, seit ich gestern hier war?«, wollte Ralph wissen.
»Nein, keine«, meinte Zeno, »nur Khendrah war noch eine Weile hier gestern Abend. Sie wollte noch den Abschlussbericht schreiben.«
»Oh«, sagte Ralph, »das ist aber schnell. Sonst muss ich ihr immer erst auf die Füße treten. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ich bin dann mal für eine Weile in der Hauptdatenbank, oder haben Sie wieder einmal eine Wartung?«
Zeno winkte ab.
»Nein, Sie können loslegen. Sicherung und Wartung liefen schon während der Nacht.« Ralph betrat den dunklen Raum, der nur spärlich durch die virtuellen Displays der Terminals beleuchtet war. Er setzte sich an sein übliches Terminal und meldete sich an. Zunächst interessierte ihn, wie sich nach der Korrektur die Machtverhältnisse in seinem Heimatzeitalter darstellten. Je mehr er jedoch von der Zusammenfassung der Geschichte las, umso verwirrter wurde er. Sein Neffe war noch immer nicht an der Macht, dabei hatte er alles genau analysiert. Nur dieser Gunter Manning-Rhoda hatte im Weg gestanden und dessen Vorfahren hatte Khendrah beseitigt. Was also war schief gegangen? Er begann zu recherchieren. Erst jetzt fiel ihm ein kleines, blinkendes Symbol auf, das er noch nie gesehen hatte. Er klickte darauf und erfuhr, dass es einen unerlaubten Zugriff auf seine Personalakte gegeben hatte. Er stutzte. Seine Akte war gesperrt – er selbst hatte sie verschlüsselt. Wer konnte sich Zugriff verschafft haben? Überrascht las er den Namen Khendrah.
»Khendrah?«, fragte er laut, »Was zum Teufel ist denn in das Mädchen gefahren, dass sie mich auszuspionieren versucht?
Erst dann wurde ihm klar, dass es nicht nur der Versuch gewesen war, sondern, dass sich Khendrah seine Daten wirklich beschafft hatte. Nun wurde Ralph hektisch. Schnell wühlte er sich durch alle Register, bis er wusste, dass Khendrah offenbar nach ihrem kurzen Gespräch Dinge getan hatte, die unvorstellbar waren. Seine ganze Arbeit war zerstört worden und nicht nur das. Khendrah wusste nun offenbar über ihn und seine Pläne Bescheid. Es gab nur eines zu tun: Khendrah musste ebenso beseitigt werden, wie dieser Thomas Rhoda. Er blickte kurz auf den elektronischen Terminkalender und lächelte. Der Basis-Leiter Liivo Qum befand sich zurzeit zur Berichterstattung in der obersten Behörde. Damit war er zur Zeit dessen Vertreter und konnte selbst Agenten Aufträge erteilen. Schnell meldete er sich vom Terminal ab und verließ die Abteilung.
Zeno blickte ihm verwundert hinterher, da er noch nie erlebt hatte, dass Ralph Geek- Thoben es wirklich eilig hatte.
Ralph stürzte in sein Büro und rief nach Agentin Fancan, die kurz darauf erschien.
»Was gibt es denn so Eiliges?«, wollte sie wissen.
»Haben Sie im Moment freie Kapazitäten, Agentin Fancan?«, fragte er.
»Sicher, warum fragen Sie? Haben Sie einen Auftrag? Ich habe im Plan nichts gesehen.«
»Wie gut kennen Sie Khendrah?«, fragte Ralph.
»Khendrah? Wir sind befreundet. Wieso?«
»Hätten Sie moralische Bedenken, Khendrah zu liquidieren, wenn sie eine Verräterin wäre?«
Fancan war verblüfft.
»Diese Frage ist doch hoffentlich rhetorisch, oder?«
»Ich wünschte, es wäre so«, sagte Ralph, »Khendrah hat ihren letzten Auftrag nachträglich erneut korrigiert und ist vermutlich mit der Zielperson flüchtig.«
»Das ist doch ausgemachter Unsinn!«, schimpfte Fancan, »Khendrah würde so etwas niemals tun!«
»Vorsichtig«, sagte Ralph. »Ich habe unwiderrufliche Beweise, dass sie gestern noch einmal den Aufzug benutzt hat und zu ihrer Einsatzzeit zurückgereist ist. Gleichzeitig ist ihre Korrektur in den Datenbanken nicht mehr existent. Das ist Verrat! Sie wissen, was wir mit Verrätern tun müssen?«
Fancan ließ sich auf einen Stuhl fallen.
»Das kann ich nicht glauben«, sagte sie. »Nicht Khendrah. Sie ist bisher immer absolut korrekt gewesen.«
»Soll ich einen Agenten von einer anderen Basis anfordern?«, fragte Ralph. Fancan schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht nötig«, flüsterte sie. »Ich mache das. Vielleicht kann ich sie noch zur Vernunft bringen. Mir vertraut sie.«
Ralph schüttelte den Kopf.
»Nein, Fancan. Keine Verhandlungen. Sie finden sie und schalten sie aus. Dann kümmern Sie sich um Khendrahs Zielperson, haben Sie das verstanden?«
»Aber Khrendra ist eine von uns! Sollten wir nicht erst mal hinterfragen, warum sie das getan hat? Ich kenne sie seit Jahren. Sie ist mit Leib und Seele Agentin.«
»Die Regeln sind klar. Unsere Verantwortung gehört allen Zeitaltern, die von uns überwacht werden. Wenn aus unseren eigenen Reihen jemand aus der Reihe tanzt, steht zu viel auf dem Spiel. Es geht hier nicht um eine kleine Ordnungswidrigkeit. Khendrah ist zu liquidieren, und das, bevor ihre Anwesenheit in einer Zeitzone Einfluss auf die dortige Geschichte hat.«
»Ja«, sagte Fancan heiser. »Ich mache mich gleich auf den Weg.«
Nachdem Fancan gegangen war, atmete Ralph auf. Das war noch einmal gut gegangen. Er zweifelte nicht daran, dass Fancan diesen Job erledigen würde. Er war selbst einmal Agent und wusste daher, wie gradlinig und konsequent sie ihre Arbeit machten.

Fancan fühlte sich wie im Nebel, als sie zu ihrer Wohnung zurückkehrte. Khendrah eine Verräterin? Es erschien ihr wie ein schlechter Scherz. Sie hatten schon so viele Einsätze hinter sich, einige davon sogar gemeinsam. Khendrah war ihre Freundin, aber trotzdem war es jetzt ihr Job, sie zu töten, wenn sie Khendrah finden konnte. In ihrer Wohnung zog sie eine Einsatzkombination an und nahm alles an Waffen mit, was man unauffällig darin verstauen konnte. Wohin musste sie reisen? 17. November 2008? Was gab es für Besonderheiten in dieser Zeit. Sie befragte ihren Computer, der mit der Datenbank verbunden war. Es gab eine Vielzahl von Einzelstaaten und man benötigte Geld. Was war Geld? Sie suchte weiter. Geld war ein symbolischer Tauschartikel, für den man Waren und Dienstleistungen bekommen konnte. Fancan lächelte. Es war eine rückständige Welt dort am unteren Ende der überwachten Zeitalter, aber sie war froh, sich noch rechtzeitig informiert zu haben, so konnte sie sich noch einiges an Geld dieser Zeit und dieses Staates aus dem Archiv liefern lassen.
Als sie alles beisammenhatte, machte sie sich auf den Weg zum Aufzug. Während der Fahrt zum Zielzeitpunkt wünschte sie sich insgeheim, ihre Freundin nicht zu finden. Sie konnte nicht abstreiten, dass es ihr nicht leicht fallen würde, sie zu töten. Doch wenn sie ihr gegenüberstand …
Die Kabine kam zum Stillstand. Fancan sog zischend die Luft ein und drückte die Tür auf, im nächsten Moment stand sie auf einer belebten Straße. Passanten hasteten vorbei, unerhört viele Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren verstopften die Fahrbahn. Die Luft stank vor Abgasen der Fahrzeuge. Fancan blickte desorientiert umher und spürte die schneidende Kälte des Novembertages. Der Gehweg war feucht und ein unangenehmer Nieselregen schlug ihr ins Gesicht.
»Verdammt, ist das kalt«, sagte sie.
»Da wunderst du dich, wenn du in solchen Klamotten herumläufst, Kindchen«, mischte sich eine alte Frau ein, die gerade mit vollen Kunststofftaschen an ihr vorbei kam.
Fancan ignorierte sie, nahm sich aber vor, sich wärmere Kleidung zu besorgen.
»Wo steckst du, Khendrah?«, sagte sie leise zu sich selbst und mischte sich unter die unzähligen Passanten. Erst einmal brauchte sie irgendwo eine Bleibe. Morgen würde die Jagd beginnen.