Zur Werkzeugleiste springen

Autorinnen und Autoren im Netz

Bei Norbert läuft´s flüssig

Liebster Norbert,

Ein Liebesbrief von Dirk Hoffmann

an solch verregneten Sonntagen wie heute fehlst Du mir ganz besonders, deshalb liege ich gerade auf meinem Bett und schreibe Dir diesen Brief.

Schon am ersten Tag als Deine neue Sekretärin war ich ganz hingerissen von Deiner weltmännischen Art und Deinen kultivierten Umgangsformen.Vor einigen Wochen spürte ich dann zum ersten Mal Deine streichelnden Blicke und wagte kaum zu hoffen, dass ein so erfahrener Mann wie Du wirklich Interesse an mir haben könnte. Doch dann, als ich Dir einige Akten brachte und deine Finger ganz sacht meine Hand streiften, wurde es für mich endlich Gewissheit. In den folgenden Tagen konnte ich mich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren und kam sogar verspätet ins Büro, da ich vorher besonders viel Zeit vor dem Spiegel verbracht hatte, um mich für Dich hübsch zu machen.
Ich konnte es kaum glauben, als Du mir bei unserem ersten gemeinsamen Abendessen davon erzähltest, wie sehr dich Deine Frau vernachlässigt und wie furchtbar diese Ehe für Dich ist. Ich verstehe, dass Du bei ihr bleiben musst, weil sie nun mal das Geld hat und die Firma praktisch ihr gehört. Aber, weißt Du, auch wenn es mir schwerfällt, Dich zu teilen, so hätten wir doch ohne diese Firma niemals zueinander gefunden. Und letztlich bezahlt sie ja viele unserer Treffen, bei denen Du Dich stets so spendabel zeigst und so zuvorkommend dafür sorgst, dass ich mich wie eine Prinzessin fühlen kann. Es muss wirklich anstrengend für Dich sein, gerade jetzt, wo die Firma so tief in den roten Zahlen steckt, Dir ständig neue Geschichten über Geschäftstermine und Überstunden auszudenken, um uns die nötige gemeinsame Zeit zu verschaffen.
Flüssigkeiten haben ja schon immer eine Rolle bei uns gespielt. Erst der Kaffee, den ich Dir jeden Morgen ins Büro bringe, später dann ein, zwei Gläschen Sekt und letztlich das Wasser aus der Blumenvase auf Deinem Schreibtisch – dessen Stabilität ich sehr zu schätzen gelernt habe –, die wir umstießen, während wir noch ganz andere Säfte austauschten. Dieses Mal, so einsam und allein, habe ich mich also für die Tinte entschieden.


In Liebe und sehnsuchtsvollem Verlangen,
Petra

p.s.
Ja, Hr. Uhlenbring, genau so einen Brief wird ihre Ehefrau – natürlich durch einen ganz dummen Zufall – in die Hände bekommen, wenn ich nicht endlich von Ihren plumpen und widerlichen Annäherungsversuchen verschont bleibe.
Sollte ich auch nur noch ein einziges Mal eine Bemerkung wie zu Beispiel „Damals, da schrieb man Pfütze noch mit O“ von Ihnen zu hören bekommen, oder Sie vertrockneter alter Sack bieten mir noch einmal einen neuen Arbeitsplatz „unter Ihrem Schreibtisch“ an, werden Sie sich sowohl mit dem Scheidungsanwalt ihrer Ehefrau als auch mit dem Betriebsrat auseinandersetzen müssen.


Ich hoffe, mein Anliegen deutlich und verständlich vorgebracht zu haben, und verbleibe mit unfreundlichen Grüßen.
P. Meinert

1 Kommentar

  1. Saigel

    Auch das ist ein wichtiger Aspekt der Liebe, die eigentlich garkeine ist, aber oft als solche verkauft wird. Eine mutige Frau ist sie, die den Weg der Einschüchterung gleichermaßen geht und sich nicht geschlagen gibt. Ich hoffe für sie, dass es geklappt hat und ihr Chef sein Verhalten nicht nur ihr gegenüber geändert hat. Richtig gut geschrieben und ein Megaeffekt am Ende, der alles vorherige komplett auf den Kopf stellt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Bitte akzeptiere unsere Datenschutzbedingungen, nur so können wir Dich und uns schützen.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© 2020 Schreibkommune

Theme von Anders NorénHoch ↑

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.  Mehr erfahren