Ein Liebesbrief von Maryja

schon seltsam: Ich kenne deinen Namen nicht, aber deinen Geruch.
Ich weiß nicht, welche Worte dein Mund gerne formt, aber wie er sich auf meinem anfühlt.
Ich weiß, dass deine Lippen weich sind und dein Drei-Tage-Bart rau.
Ich weiß nicht, was du mit deinen Händen tagsüber arbeitest, weiß nur, dass sie groß sind und perfekt an meine Wange passen.
Ich weiß, dass ich gar nichts mehr weiß, wenn du mich küsst.

Es wird dunkel um mich
Ich fühl mich erdrückt, meine Welt wird verrückt
Erst dreh ich mich und dann du deinen Kopf von mir
Deine Lippen lösen sich, es entsteht eine Lücke
Lehn mich nach vorne, suche dich im Dunkeln
Schnell, bau wieder eine Brücke!
Lass mich nicht mit mir allein
Dann spür ich dich wieder
die anderen Menschen und der Lärm versinken
irgendwo im Boden
und du in mir und ich in dir.

Lieber Fremder,

ich habe mich verliebt in unsere Höhle und ein bisschen auch in dich.
Vor allem aber in den Moment.
Ich hab mich verliebt in das Gefühl von deinen Lippen auf meinen
In das Gefühl von Zusammenhalt, Zärtlichkeit und Zweisamkeit
Hab mich verliebt in – das Gegenteil von Einsamkeit.

Irgendwann ist sie gebrochen – unsere Brücke. Deine grünen Augen verschwunden in der Menge.
Jetzt bin ich verliebt in ein Hirngespinst, in das Was-wäre-wenn.
Aber vielleicht ist es nicht zu spät: Vielleicht können wir uns nochmal verlieben
– in einen anderen Moment
oder vielleicht auch ineinander?
Sollen wir es wagen, das Experiment?