Ein Liebesbrief von Peter S.

Liebste Rosa,

Ich schreibe diesen Brief in der Angst, es könnte der letze sein. Morgen beginnt der Großangriff. Meine Einheit wird ganz vorne dabei sein. Kommandant Huber sagt, es sei eine Ehre für uns, ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube, wir werden als Kugelfutter eingesetzt.
Darum nutze ich die letzten Stunden, um dir diesen Brief zu schreiben; noch mal alles zu teilen, was mir im Kopf herumschwirrt, damit ich mit leichten Herzens morgen in den Kampf ziehen kann.
Ich vermisse dich so unendlich viel. Ich vermisse dein Haar, das wie eine Wolke um deinen Kopf schwebt; deine roten Lippen, die mich immer an Rosen denken lassen.Ich vermisse dein Lachen, so bezaubernd wie der erste Sonnenstrahl nach Regen.
Die Tage hier werden wieder etwas länger und ich glaube, wir haben die schlimmste Kälte überstanden. Leider haben sich viele meiner Kameraden dem Trinken hingegeben, morgen werden sie es bereuen. Der Alkohol vernebelt die Sinne und man wird unachtsam. In der Schlacht darf man nicht unkonzentriert sein. Zu groß ist die Sehnsucht, nach dir und unserem ungeborenen Kind, um das Risikoeinzugehen und getroffen zu werden. Dein Bauch muss jetzt schon riesig sein. Es bricht mir das Herz, nicht bei der Geburt dabei sein zu können.
Ich habe mir gedacht, wenn es ein Knabe wird, könnten wir ihn »Franz« taufen, nach meinen Großvater. Ich musste in letzter Zeit oft an ihn denken. Er hatte mir oft Geschichten über den Krieg erzählt und nun bin ich selbst an der Front. Wie die Zeit vergeht.
Gestern hat das Rote Kreuz ein Klavier gebracht. In meiner Kompanie gibt es einen Polen, ich sage dir, der kann spielen! Seine Musik ist wie ein Sonnenstrahl im Winter. Es ist nicht immer schlimm hier. Wir haben auch viel Spaß. Der Krieg schweißt uns zusammen und steigert die Kameradschaft zwischen uns Männern. Ich habe viele neue Freunde gefunden.
Ich sitze oft bis spät in der Nacht draußen und sehe mir die Sterne an. Sogar die Sterne sind mir hier fremd, aber sie erinnern mich an dich. Kannst du dich noch an den einen Abend erinnern? Wir waren tanzen und später sind wir mit dem Volkswagen auf den Kalvarienberg gefahren. Wir lagen Arm in Arm im Gras und haben zu den Sternen geblickt. Du hast mir verraten, dass du einen Lieblingsstern hast. Ich denke oft an diesen Stern, wenn ich zum Himmel schaue,und hoffe, dass er irgendwo da oben ist. Er ist für mich wie eine Brücke zu dir.
Grüße deine Eltern von mir. Sag ihnen, dass ich mich gut schlage und dass sie sich keine Sorgen machen müssen.
Schau bitte auch nach meiner Mutter. Seit Vater tot ist und Anton und ich an der Front sind, ist sie viel alleine. Gibt ihr ein Bussal von mir. Sag ihr, sie kann stolz auf ihren Sohn sein.
Vor ein paar Tagen sind wir in ein Feuergefecht gekommen. Ich bin hinter einem Baumstamm in Deckung gegangen, und während die Kugeln über meinen Kopf schossen, hatte ich eine Vision von unserer Zukunft. Ich sah dich vor einem kleinen gelben Hof stehen. Er hatte ein rotes Tondach und braune Fensterläden;Efeu kletterte die Wand empor. Die Kinder spielten auf der Wiese und lachten;es waren vier. Zwei stramme Knaben und zwei bildhübsche Mädchen, wie ihre Mutter. Vor dem Hof war ein Gemüsegarten, auf den du sehr stolz warst. Ich danke Gott für diese Vision, sie gibt mir Mut für den Kampf morgen.
Wenn du mich wieder siehst, wirst du erschrecken, wie mager ich aussehe. Der Krieg zehrt schon an mir. Darum muss ich oft an deinen Braten denken, ich kann ihn sogar manchmal riechen.
Ich danke Gott aus tiefsten Herzen, dass es dicht gibt. Der Gedanke an dich gibt mir Kraft; er erfüllt mich mit Wärme, hier an diesem kalten Ort und schenkt mir Hoffnung. Wenn das mein letzter Brief ist, bitte vergiss nie, dass ich dich liebe, und sag unserem Kind, dass sein Vater gestorben ist, damit es eine bessere Zukunft hat. Ich liebe dich, Rosa.

In tiefster Liebe, dein Karl.