Seine Visionen hatten Archweyll mehr Kraft gekostet, als er bereit war zuzugeben. Wieder und wieder erlebte er die Geschehnisse, rekapitulierte sie vor seinem inneren Auge. Jedes Mal machte sich ein widerspenstiger Schmerz zwischen seinen Schläfen bemerkbar. Er spürte die nervösen Blicke seiner Mannschaft auf sich ruhen. Wenn er jetzt einknickte, würden sie ihm bald folgen. Also zwang er sich dazu, Stärke zu zeigen. Bereits eine halbe Stunde nach seinem Erwachen, ging Archweyll durch die Reihen seiner Leute, sprach ihnen Mut zu und erklärte abermals den Plan. Auch, weil er sich nicht sicher war, ab wann er sich in einer Halluzination befunden hatte. Wie er das alles fertigbrachte, wusste der Kommandant selber nicht.
Als er den Befehl zum Aufbruch gab, gesellte sich Howard Bering zu ihm an die Spitze des Trupps. „Willst du über den Xulthaquep sprechen?“, fragte er den Kommandanten.
„Deine perverse Neugier widert mich an“, antwortete dieser trocken. Der letzte Mensch, mit dem er jetzt sprechen wollte, war sein Chefmechaniker.
“Nicht einmal ein Dämon kann dir die Stimmung versüßen“, feixte Howard. „Du musst ein wirklich bedauernswerter Kerl sein.“
Noch bevor Howard den Satz ausgesprochen hatte, wurde er von Archweyll gepackt. Der Kommandant legte seine Hände um die Kehle des Chefmechanikers und rammte ihn mit einem brutalen Hieb gegen die Innenbordwand. „Geh mir aus den Augen“, knurrte Archweyll düster.
Howard Bering, dessen Füße nun einen halben Meter über dem Boden baumelten, während er versuchte sich aus dem Würgegriff zu winden wie eine Schlange, antwortete nur mit einem entsetzten Röcheln.
Lass ihn leiden. Er verdient den Schmerz. Ich erkenne diese Leidenschaft in dir, während du das Licht in seinen Augen zum Erlöschen bringst. Wie erregend. Die Stimme schnitt durch Archweylls Kopf wie ein Schwert.
Instinktiv lockerte er den Griff.
Mit einem Seufzer sank Howard zu Boden.
„Du bist nicht da“, hauchte der Kommandant ungläubig. Die Angst griff erneut nach seinem Herzen. Ich dachte, das ist vorbei?, dachte er und schluckte. Als er bemerkte, dass seine Mannschaft ihn entsetzt anstarrte, geriet er ins Stocken. Es erinnerte ihn zu sehr an seine Halluzination. Wieder pochte es in seinem Schädel. Würde es jetzt wieder von vorne beginnen? Irgendetwas schnürte ihm den Hals zu. „Wir sollten weiter“, murmelte er und setzte sich wieder in Bewegung.
Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Immer tiefer drangen sie in die Raumstation vor, passierten düstere Korridore und sterile Kammern. In regelmäßigen Abständen trafen sie auf Leichname der Dunklen Engel, die dem Parasitenbefall nicht standgehalten hatten. Blaue Pilze wucherten aus ihren Körpern und entstellten sie ganzheitlich. Die Atemkontrolleuchte auf Archweylls Monitor sprang ihm förmlich entgegen. Glücklicherweise hatten sie Sauerstoffgeräte dabei.
„Was wollte Bering von dir?“, der Kommandant hatte gar nicht gemerkt, wie Tamara zu ihm aufgeschlossen hatte. Sorge schwang in ihrer Stimme mit.
„Ach, nichts. Das übliche Gefasel. Mach dir keine Gedanken“, bemühte sich Archweyll. Ihm war gerade nicht so nach Gesprächen.
Was für eine liebreizende Dame. Ihre Lenden verzehren sich ja förmlich nach dir. Erfülle ihr flehendes Gesuche und dann vergieße ihren Lebenssaft. Was für ein Festmahl der Sinne.
Der Kommandant ballte die Fäuste bis es wehtat. Erst jetzt merkte er, dass er Tamara anstarrte wie ein Psychopath. Mühsam verdrängte er die Stimme in seinem Kopf.
„Und ich soll mir keine Sorgen machen“, sagte seine Spähtruppführerin mit gerunzelter Stirn. Dann wurde ihr Blick eindringlich. „Wenn du mir nicht sofort erklärst, was hier vor sich geht, nehme ich die Männer mit und kehre zum Schiff zurück. Dann kannst du hier alleine versuchen klarzukommen. Versuch nicht, mir zu widersprechen. Du bist blasser als eine Wasserleiche, dein Atem ist unregelmäßig und gerade hättest du Bering fast zerfleischt“, sagte sie bestimmt. „Nicht, dass es allzu bedauerlich gewesen wäre“, fügte sie noch hinzu. „Sag mir was los ist!“
„Ich höre Stimmen“, knurrte Archweyll widerwillig und darum bemüht, dass niemand sie hören konnte. „Ich glaube es ist der Xulthaquep. Er will mich wahnsinnig machen.“
„Dann reiß dich verdammt nochmal zusammen“, antwortete Tamara, ihr Blick ließ keinen Widerspruch zu. „Wir brauchen dich hier. Ohne dich haben wir keine Chance.“ Sie griff ihn bei der Schulter und für einen Moment waren sie sich näher als Archweyll lieb war. „Du schaffst das“, lächelte sie.
Der Kommandant versteinerte für eine Sekunde. Ein seit jeher für unmöglich befundenes Ereignis hatte stattgefunden: Tamara hatte tatsächlich gelächelt. Er wollte etwas erwidern, aber die Spähtruppführerin war schon verschwunden.
Ihr weiterer Weg führte sie in ein Treppenhaus. Archweyll befahl den Männern, sich in Dreiertrupps zusammenzutun und Rücken an Rücken voranzumarschieren. „Laut Berings Scans kommen wir von hier in die Hauptlebensader des Schiffs“, erklärte er der Mannschaft, während sie die Treppen hinabstiegen. „Von dort stoßen wir direkt in das Herz der Station vor.“ Es zischte, als eine Blendgranate langsam die Dunkelheit in den Tiefen des Schachtes zurückdrängte. Schatten tanzten an den rot beleuchteten Wänden, als würden sie ein wahnsinniges Spektakel abhalten.
Plötzlich bewegte sich einer dieser Schatten genau auf sie zu.
Archweylls Reaktion war nicht schnell genug.
Der Dunkle Engel schoss mit kräftigen Flügelschlägen aus dem Treppenhaus. Er breitete seine mechanischen Handflächen in ihre Richtung aus und feuerte. Ein roter Laser fegte durch ihre Reihen und durchtrennte alles, was mit ihm in Berührung kam. Detonationen, laut wie Donnergrollen, folgten der Schneise.
Soldaten brüllten auf, als sie von der Waffe versengt wurden. Mehrere fielen zu Boden, welcher aufgrund der Hitzeeinstrahlung Blasen warf. Ächzend gab ein Teil der Metalltreppe unter ihnen nach. Das knarzende Geräusch des Metalls übertönte selbst die Schmerzensschreie.
„Kampfanzug, Level 1!“, befahl Archweyll, während er sein Teleskopschwert ausklappte. Mit einem Satz sprang er von der Treppe ab. Krachend stürzte sie hinter dem Kommandanten in die Tiefe, aber die Schubtriebwerke beförderten ihn vorwärts.
Seine Männer gaben ihm Deckung, indem sie das Feuer eröffneten. Elektrische Ladungen fegten durch den Raum und zwangen den Dunklen Engel in die Defensive.
Mit einem Aufschrei seiner Schwingen stieß ihr Feind weiter in die Höhe.
Doch Archweylls Triebwerke waren schneller. Er wirbelte einmal um die eigene Achse und das Schwert teilte den Engel vom Rumpf an in zwei Hälften. Blut und Maschinenöl gleichermaßen spritzen durch die Leere, als sein Körper zertrennt wurde.
Sein Schwung ließ Archweyll auf die gegenüberliegende Wand prallen. Der Aufprall nahm ihm die Luft aus den Lungen, doch der Kommandant reagierte sofort. Mechanische Spitzen an seinen Handgelenken krallten sich in das Metall und hielten ihn fest, noch bevor der vernichtete Feind auf dem Boden aufgeschlagen war.

„Verluste?“, fragte Archweyll nach einer kurzen Atempause. Dieser Teil seines Jobs frustrierte ihn jedes Mal aufs Neue.
„Zwölf Männer gefallen, sieben verwundet“, rief Tamara ihm zu.
Der Kommandant ließ es zu, dass ein Fluch seinen Lippen entwich. Ein einziger Angriff dieses Dunklen Engels hatte fast ein Fünftel seiner Hundertschaft dezimiert. Er verließ seine verankerte Position, indem er erneut die Schubwerke aktivierte, und gleitete langsam auf den gesicherten Treppenabsatz zurück. „Deine Untauglichkeit hat sich einmal mehr unter Beweis gestellt!“, fuhr er Howard Bering an. „Du sagtest: keine Lebewesen oder zumindest keine Herzschläge. Dieser Feind sah mir ziemlich intakt aus und deine anatomische Untersuchung hat ergeben, dass sie ein Herz besitzen. Also was zur Hölle war das?“ Archweyll war drauf und dran seine Faust in Howards Gesicht zu versenken. Wieder und wieder.
Dessen Unfähigkeit hatte all diese Leben auf dem Gewissen.
„Das ist unmöglich“, quickte der Chefmechaniker empört. „Meine Scans waren absolut sauber.“
„Vor allem waren sie absolut ungenau“, zischte der Kommandant. Sein Blick versprühte reines Toxin. „Nenne mir einen Grund, dich nicht in den Schacht stürzen zu lassen“, Archweyll packte den Mann am Kragen und hob ihn in die Lüfte.
„Hast du eine Vorstellung davon, was die molekulare Verzerrung auslösen könnte oder wie man sie deaktiviert?“, krächzte Howard Bering bemüht. „Immer trampelst du auf meiner Arbeit herum. Hast du schon einmal daran gedacht es selbst zu erledigen? Oder ist der feine Herr sich zu schade für so etwas?“
„Vorsichtig!“, mahnte Archweyll zornig. Sein Griff lockerte sich leicht, sodass Howard fast aus seinem Griff in die Tiefe glitt.
Viel zu langweilig. Nimm deine Klinge, weide ihn aus und ergötze dich an seinem niederen Blute. Es muss Kunst sein, Archweyll, Kunst.
Der Kommandant erschrak so dermaßen, dass sich sein Griff vollständig löste.
Der Chefmechaniker glitt aus seinen Händen und stürzte ab. In letzter Sekunde schossen die Tentakeln aus Howards Hand hervor und schnappten nach dem Geländer. Mühsam zog er sich daran hoch. „Du bist ein Arschloch!“, fluchte der Chefmechaniker lautstark.
Archweyll starrte ihn entgeistert an. Wurde er langsam verrückt? Unkontrollierbar? Was machte der Dämon mit ihm? Howards wütende Hassparole bekam er nur am Rande mit. „Wir sollten weiter“, verdrängte er seine Gedanken. „Wenn mich nicht alles täuscht, sollten wir bald im Haupttunnel sein.“
Sie stiegen weiter in die Finsternis herab, die sie begrüßte wie ein alter Freund. Nur das Surren der Nachtsichtgeräte und das Klacken der Aspexylstiefel war zu hören. Niemand wagte es zu sprechen. Als sie auf die Leiche des Dunklen Engels stießen, wurde Archweyll stutzig. „Halt!“, befahl er lautstark. Der Körper ihres Feindes war ebenfalls überwuchert von Pilzen. Im Vergleich zu ihren vorherigen Funden, konnte dieser Dunkle Engel also unmöglich überlebt haben. Verstohlen Blickte er zu seinem Chefmechaniker.
Als Howard den Fund erkannte, schwollen seine Flüche zu einem ausgewachsenen Sturm an. „Ich habe dir gesagt, dass ich keine Lebensformen analysiert habe!“, brüllte er wutentbrannt. „Und dir fällt nichts Besseres ein, als zu versuchen mich hinzurichten? Vielen Dank auch!“, Howard spukte aus vor Verachtung.
„Wie kann das möglich sein?“, fragte Archweyll verunsichert.
„Ich denke, es ist der Parasit. Möglicherweise übernimmt er im Endstadium die Funktionen der wichtigsten Organe und dadurch letzendlich die vollständige Kontrolle über seinen Wirt. Da die Dunklen Engel Hybridwesen sind, könnte es sein, dass sie keinen Hirntod erleiden, wie es bei uns der Fall wäre. Das würde auch erklären, warum der Dämon hier ist. Weil sie auch mit ihrem Tod weiterhin Signale in das Kollektiv einfließen lassen“, erklärte der Chefmechaniker.
„Das heißt, wir haben ein Problem“, stellte der Kommandant fest. Wenn sich ihnen noch mehr dieser Wesen in den Weg stellen würden, könnte das üble Folgen haben.
„Lass sie nur kommen. Das nächste Mal sind wir vorbereitet“, Tamara schien es nach einem Gefecht zu dürsten. Auch für sie war der Tod dieser Männer ein tragischer Verlust.
„Wie weit ist es noch bis zum Zentrum?“, erkundigte sich der Kommandant. „Die Kommandobrücke befindet sich fast vor uns. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dir wirklich helfe“, Howard schien angefressen. Doch falscher Stolz ließ ihn nicht länger leben als er beabsichtigte.
Auf Archweylls Befehl hin eilte der Trupp weiter.
Die Lebensader des Schiffes war ein riesiger mehrstöckiger Korridor, dessen Decke in der Höhe nicht zu erkennen war. Normalerweise wäre hier alles in ein strahlendes Licht getaucht, doch die Lampen waren erloschen und mit ihnen die Hoffnung der Engel auf das weitere Fortbestehen. Überall befanden sich düstere Zwischenkorridore, Leitern, die in unerkennbare Gefilde führten, und elektronische Aufzüge. Hier konnte hinter jeder Ecke ein weiterer Feind lauern und diese Tatsache versetzte den Kommandanten in Alarmbereitschaft.
„Wir müssen dem Korridor folgen, dann erreichen wir automatisch die Brücke“, erklärte Howard und deutete in die Finsternis.
Jeder Urinstinkt in Archweyll sträubte sich davor weiterzugehen. Aber es musste sein, wenn sie die Atharymn jemals wiedersehen wollten. Mittlerweile hatte der Kommandant kein Gefühl mehr dafür, wie lange sie sich schon auf der Raumstation befanden.
Der Trupp marschierte weiter, beständig auf einen Überfall vorbereitet. Induktionsgewehre reichten in jede Himmelsrichtung und verliehen der Formation das Aussehen eines Igels. Die Stimmung war angespannt. Sie schritten eine gefühlte Ewigkeit durch den Korridor, bis sich vor ihnen eine riesige Pforte abzeichnete. Archweyll stieß einen energischen Fluch aus. Wenn diese Panzertüren versiegelt waren, gab es für sie zunächst keine Möglichkeit in das Innere vorzustoßen.
Mutig, dem Tod ins Gesicht zu lachen. Ich freue mich, dich empfangen zu dürfen. Wir werden viel Spaß miteinander haben.
„Halt dein Maul“, knurrte Archweyll.
„Hast du etwas gesagt?“, fragte Tamara verdutzt.
Der Kommandant winkte ab.
„Die Türen, sie bewegen sich!“, rief einer der Männer außer sich. „Ich dachte dieser Laden hätte keinen Saft mehr?“
„Soll uns nur recht sein“, erwiderte der Kommandant. „Egal was dort drinnen auf uns wartet, es wird sich wünschen uns nicht auf die Probe gestellt zu haben.“ Er blickte in zahlreiche Gesichter, die ihn entgeistert anstarrten. Niemand regte sich. Nein, nicht schon wieder. Das konnte doch nicht möglich sein. Archweyll wollte schreien, doch jeder Laut erstickte in seiner Kehle. Sofort stellten sich die Kopfschmerzen wieder ein und Panik kam in ihm auf. Zitternd trat er an den geöffneten Türspalt. Vor ihm lag eine unnatürliche Finsternis.
Willkommen, flüsterte die Stimme in seinem Kopf.