2. Yellowstone – Teil 1

Ein paar Wochen waren inzwischen vergangen und Dunns Gäste hatten sich alle Mühe gegeben, in der für sie fremden Zeit zurechtzukommen. Sequel hatte sich von dem Geld, das Dunn ihr gegeben hatte, im Ort etwas eigene Kleidung gekauft, die der Mode etwas besser entsprach als die von seiner Schwester zurückgelassenen Sachen. Sie meinte, die Leute würden sie immer anstarren, dabei wolle sie doch nicht so sehr auffallen. Ihr war nicht klar, dass es dafür andere Gründe gab. Wenn sie die kleine Einkaufszone von Thedford entlangbummelte, drehten sich die Männer des Ortes reihenweise nach der bildhübschen jungen Frau um. Auch Brungk fiel durch seine auffallend maskuline Erscheinung auf, und viele Frauen verglichen verstohlen ihre eigenen Männer mit ihm. Brungk hatte sich besonders schnell an die Gegebenheiten in Thedford angepasst und schnell Kontakt zu den Bürgern des Ortes bekommen.
Man hatte sich daran gewöhnt, dass diese Zwei zum Stadtbild gehörten und jeder wusste, dass Dunn seine Verwandten zu Besuch hatte.
Dunn hatte als Sheriff des Ortes nicht viel zu tun und Cole war gern bereit, zusätzliche Aufgaben zu erledigen, um seinem Chef den Rücken frei zu halten. Oft ging Dunn schon früh nach Hause und brütete mit Brungk und Sequel über den Karten des Gebietes, in dem aller Voraussicht nach die Skrii-Waffe auftauchen würde.
Sequel entschied schließlich, dass sie es etwa in der Mitte des Mirror Plateau im Ostteil des Nationalparks versuchen sollten. Es lag fernab aller Straßen und auch Sehenswürdigkeiten für Touristen, wie Geysire, Pools oder Sinterterrassen, gab es im weiten Umkreis nicht. Da man mit dem Erscheinen einer gewaltigen Maschine rechnen musste, die nach Möglichkeit nicht entdeckt werden sollte, wäre eine weitgehend unerschlossene Gegend ideal für die Zwecke der Skrii.
»Wie kannst du sicher sein, dass die Waffe in dieser Gegend auftauchen wird?«, fragte Dunn. »Wenn sich das Ding rückwärts durch die Zeit frisst, können sie doch in der Zukunft nicht wissen, welche Gegenden in der Vergangenheit erschlossen waren und welche nicht.«
Sequel nickte. »Doch, das können sie. Wir müssen davon ausgehen, dass sie es stichprobenhaft überprüft haben. Zeitreisen sind eben möglich – sowohl für uns als auch für die Skrii. Ich bin sicher, dass wir mit diesem Plateau richtig liegen. Bleibt es dabei, dass du uns hinbringst?«
Dunn nickte. »Wenn ich etwas verspreche, halte ich das auch.« Er deutete auf die Karte. »Wir fahren nach Norden bis zur Interstate 90 und von dort nach Westen bis Sheridan. Von dort müssen wir über kleinere Straßen weiter. Ich schlage vor, wir suchen ein Quartier außerhalb des eigentlichen Parks – also hier in Codi oder Wapiti. Das sind zwar kleine Nester, aber ein Hotel oder Motel werden wir dort sicher finden. Wir können uns als Naturliebhaber ausgeben, die dort durch die Wildnis wandern wollen. In gewisser Weise stimmt das ja sogar.«
Sequel und Brungk nickten.
»Die Entfernung zu unserem Zielgebiet ist nicht sehr groß«, sagte Sequel. »Wir könnten in einem Zug eine Ortsversetzung bis auf das Plateau schaffen. Was meinst du?«
»Kein Problem«, meinte Brungk. »Wir könnten sogar Dunn und unsere Ausrüstung mitnehmen.«
»Was ist, wenn ihr euch mit dem Plateau getäuscht habt und das Ding im Südwesten des Parks auftaucht?«, fragte Dunn. »Bekommt ihr das mit?«
»Das liegt in unserem Radius«, sagte Sequel. »Wir könnten sofort dorthin weiterziehen.«
Dunn schlug mit der Hand auf den Tisch. »Dann sollten wir morgen aufbrechen. Ich hab den Wagen schon vollgetankt und Vorräte für die Reise sind im Kühlschrank. Wir sollten früh schlafen gehen, damit wir morgen frisch und ausgeruht sind.«
Sie trafen noch weitere Vorbereitungen, packten das Fahrzeug und legten zweckmäßige Kleidung bereit.
Mitten in der Nacht wurde Dunn wach. Er hatte normalerweise einen festen Schlaf und wurde in der Regel nicht einfach wach. Er blickte an die Decke, wo durch seinen Projektionswecker die Uhrzeit angezeigt wurde. Es war 02:10 Uhr, also noch eine Menge Zeit bis zum Aufstehen. Er rollte sich von seiner rechten auf die linke Seite und stieß gegen ein Hindernis. Irritiert tastete er mit der Hand danach und zuckte erschreckt zurück. Seine Hand hatte warme, weiche Haut berührt. Der Körper neben ihm bewegte sich leicht und rückte näher an ihn heran.
Dunn wusste nicht, was er davon zu halten hatte. Offenbar war Sequel zu ihm ins Bett geschlüpft. Mehr als einmal hatte sie ihm in den letzten Wochen zu verstehen gegeben, dass sie alles andere als romantisch veranlagt ist und eine Beziehung über die Zeitalter hinweg für sie nicht infrage kam. Was also hatte es zu bedeuten? Ging es einfach nur um Sex? Er war irritiert, da sie bisher nie den Eindruck erweckt hatte, diesbezüglich Interesse an ihm zu haben.
»Kannst du mich in den Arm nehmen?«, fragte sie zaghaft.
»Bist du sicher?«
Statt einer Antwort schmiegte sie sich in seinen Arm, sodass ihm keine andere Wahl blieb, als sie an sich zu drücken. Es war ihm natürlich alles andere als unangenehm. Er verstand es nur nicht.
»Was ist mit dir?«, fragte er sie.
»Ich weiß nicht«, gab sie unsicher zu. »Es ist wegen der Fahrt morgen, der Mission und
… Ich glaub, ich habe Angst. Angst vor der Aufgabe, die vor uns liegt. Man hat uns auf vieles vorbereitet, nur nicht auf Emotionen. Ich kann es nicht einmal konkret fassen. Da ist eine schreckliche Angst, zu versagen, zu sterben.« Sie blickte zu ihm auf und versuchte, im schwachen Licht der Nacht, sein Gesicht zu sehen.
»Hast du keine Angst?«
»Doch, hab ich. Ich wollte es nur nicht zeigen, weil ihr immer so tough gewesen seid. Wie kommt es, dass du zu mir gekommen bist?«
»Mit Brungk würde es nicht klappen. Bei dir hab ich das Gefühl, ich könnte meine Ängste loslassen, wenn ich deine Nähe spüre. Darf ich bei dir bleiben? Ich bin auch ganz ruhig und lass dich schlafen.«
Dunn lachte leise und drückte die Frau fester an sich. »Dir ist schon klar, dass du es mir in diesem Aufzug nicht leicht machst? Du bist splitternackt in mein Bett geschlüpft.«
»Muss ich wieder gehen?«, fragte sie enttäuscht.
»Nein, natürlich darfst du bleiben«, flüstete er gönnerhaft.
Er strich ihr mit seiner freien Hand sanft über das Gesicht und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie versteifte sich einen Augenblick, entspannte jedoch gleich wieder und schlief seufzend ein. Dunn blieb noch eine Weile wach und dachte über die seltsame Situation nach, in der er sich befand. Schließlich schlief auch er ein.
Als er am Morgen wach wurde, fiel ihm gleich ein, dass Sequel sich in der Nacht zu ihm ins Bett geschlichen hatte. Das Gefühl ihres warmen Körpers an seinem war noch angenehm präsent. Vorsichtig tastete er mit der Hand nach dem Platz neben sich, fand aber nur eine kalte Matratze. Sequel war genauso unbemerkt verschwunden, wie sie auch gekommen war. Dunn fühlte Enttäuschung. Zwar bildete er sich nicht ein, dass der nächtliche Besuch für sie etwas bedeutet hatte, doch hätte er sich gefreut, sie beim Erwachen noch neben sich vorgefunden zu haben.
Er setzte sich auf die Bettkante und versuchte, seinen Kopf klar zu bekommen. Er fragte sich, ob er unbewusst tatsächlich geglaubt hatte, diese Frau aus der Zukunft könnte in ihm mehr sehen als einen unbedeuteten Menschen aus ihrer fernsten Vergangenheit – eine Art von Halbwildem. Andererseits: Wieso war sie in der Nacht zu ihm gekommen? Sie hatte Trost gesucht. War sie wirklich so verschieden von den Frauen, die er kannte? Er schüttelte den Kopf. Es hatte keinen Sinn, darüber Mutmaßungen anzustellen. Er fragte sich, wieso ihn das so sehr beschäftigte. Sicher, Sequel war ein schönes Mädchen, aber hatten ihn andere Mädchen aus Thedford auch so aus dem Konzept gebracht? Empfand er mehr für sie, als er sich selbst eingestand? Er schüttelte den Gedanken ab.
Zunächst galt es, die Gefahr für die Menschheit abzuwenden.
Dunn lachte humorlos auf. Es war hochgradig lächerlich, sich im Zusammenhang mit der Rettung der Welt zu sehen. Es fühlte sich reichlich eigenartig an.
Die Tür öffnete sich und Sequel trat ein. Sie war bereits vollständig angezogen und trug ein kariertes Hemd aus seinem Schrank, das ihr viel zu groß war, und Shorts, die sie sich im Ort gekauft hatte. Dazu trug sie feste Schuhe. Ihre langen Haare hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten. Wäre nicht ihr weißblondes Haar gewesen … Er hätte gedacht, Lara Croft wäre von der Leinwand herabgestiegen. Sie sah atemberaubend aus.
»Ich bin schon reisefertig«, verkündete sie munter. »Das Frühstück wartet in der Küche auf dich. Ich hoffe, ich hab alles richtig gemacht. Oft genug zugesehen hab ich ja.« Dunn erhob sich und sah sie prüfend an. »Alles in Ordnung, Sequel?«
»Warum fragst du?«
»Wenn ich das heute Nacht nicht geträumt habe, dann …«
»Ach das. Ja, ich bin wieder in Ordnung. Vermutlich ist mir die Verantwortung über den Kopf gewachsen. Ich bekam einfach Panik, ein Gefühl, das ich bisher nicht kannte. Danke, dass du mir den Halt gegeben hast, den ich brauchte.«
Dunn nickte. »Keine Ursache.« Damit war auch geklärt, dass Sequels Verhalten nichts mit ihm zu tun hatte. Er stand halt zur Verfügung. Das war alles. Er war etwas enttäuscht.
Er folgte ihr in die Küche und pfiff anerkennend, als er den gedeckten Tisch sah. Sequel hatte gut aufgepasst, denn es fehlte absolut nichts. Sie hatten am Tag zuvor
beschlossen, vor ihrer Abfahrt noch reichhaltig zu frühstücken, da sie nicht wussten, was in den nächsten Tagen auf sie zukommen würde.
»Was ist mit Brungk?«, fragte Dunn. »Er wird doch nicht noch schlafen?«
Sequel verzog das Gesicht, wie er es bei ihr bisher noch nicht gesehen hatte. »Er wollte noch in den Ort laufen und etwas erledigen, wie er es nannte.«
»Etwas erledigen?«
»Brungk ist unprofessionell!«, schimpfte sie. »Hast du es etwa nicht mitbekommen? In den letzten Wochen ist er immer häufiger in den Ort gegangen.«
»Warum auch nicht? Ich muss gestehen, dass ich es begrüßt habe, dass er sich bemüht hat, sich an unsere Gemeinschaft anzupassen. Von dir kann ich das nicht unbedingt behaupten. Du bist in allem, was du tust, schrecklich distanziert. Aber du solltest überlegen, dass du eine von uns werden musst, wenn die Aufgabe erfüllt ist. Für dich wird es keinen Weg zurück in deine Heimatzeit geben. Oder war das gelogen? Werdet ihr wieder verschwinden?«
»Ob ich gelogen habe? Es ist gemein, mir das zu unterstellen. Ich kann aus verschiedenen Gründen nicht mehr zurück. Es wäre selbst dann nicht möglich, wenn es eine Zeitreise zurück in meine Zeit gäbe.«
Dunn stutzte. »Und warum wäre das nicht möglich?«
Sequel setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. »Ich hatte dir erzählt, dass die Menschen die Erde verlassen haben. Wir waren am Ende so viele geworden, dass ein Exodus unvermeidbar war. Mit der Entdeckung neuer Antriebssysteme und anderen Errungenschaften gelang es, das All zu erforschen. Man fand geeignete Planeten in anderen Sonnensystem, weit entfernt vom heimatlichen Sonnensystem. Die Besiedelung der neuen Welten gelang, forderte aber auch ihren Tribut, denn keine Welt ist wie die Erde. Mal war die Schwerkraft auf der Oberfläche zu hoch oder zu niedrig. Mal war die Zusammensetzung der Luft von der irdischen Luft so verschieden, dass man entweder immer mit Luftaufbereitern herumlaufen musste, oder … man passte sich an. Wir entschieden uns für die Anpassung. Wir sorgten dafür, dass die nächste Generation mit genetischen Veränderungen aufwuchs, die sie an die Gegebenheiten der neuen Heimatwelt anpasste. Inzwischen sind Millionen Jahre vergangen. Manche der besiedelten Welten sind inzwischen wieder unbewohnt, weil Krankheiten, Katastrophen oder leider auch Kriege ihre Bevölkerung ausgelöscht haben. Auf anderen Welten ist die Adaption an die Natur inzwischen perfekt gelungen. Es gibt in der Zukunft keine einheitliche Menschheit mehr, sondern es existieren zahlreiche Rassen mit zum Teil extrem voneinander abweichenden Körpermerkmalen. Menschen wie Brungk und mich gibt es auf keiner unserer Welten mehr. Diese Linie ist vor vielen Jahren ausgestorben.«
Dunn sah sie ungläubig an. »Und woher stammt ihr dann?«
»Oh, keine Angst. Wir sind durchaus echte Menschen, aber wir wurden genetisch nach den ältesten verfügbaren Daten geschaffen, die wir finden konnten. Dabei konnten wir uns nicht einmal sicher sein, dass unsere Daten lückenlos und zutreffend waren. Datenspeicherung ist eine tolle Sache, aber es gibt keine Medien für die Ewigkeit. Zwei Millonen Jahre sind im Grunde eine Ewigkeit. Wir verfügen in unserer Zeit über hervorragende Archive und über eine beispiellose Dokumentation der menschlichen
Geschichte. Aber diese Daten wurden immer wieder kopiert, transformiert und migriert, um sie an die jeweils aktuellen Speichersysteme anzupassen. Dabei können Details verlorengehen oder verändert werden. Auch die zuletzt verwendeten Kristalle mit ihren Quantenspeichern halten nicht ewig. Doch wir hatten keine Wahl und so wurden wir nach den Daten geschaffen, die wir für authentisch hielten.«
Dunn starrte sie ungläubig an. »Ihr wurdet speziell gezüchtet, um diesen Einsatz zu machen? Was, wenn eure Daten fehlerhaft gewesen wären?«
»Dann wären wir im Augenblick unserer Ankunft gestorben.«
Er schüttelte den Kopf. »Das ist unfassbar! Ein Himmelfahrtskommando! Wo habt Ihr denn bis zu eurer Reise in unsere Zeit gelebt, wenn es keine Welten mehr gibt, auf denen Menschen wie wir leben können? Oder seid Ihr gleich als Erwachsene Menschen geschaffen worden?«
Sequel lächelte. »Ich habe dir gesagt, wir wären richtige Menschen und das meine ich auch so. Wir sind fast natürlich entstanden, wenn man davon absieht, dass die Gensätze in Spermium und Eizelle künstlich zusammengefügt wurden und der Reifungsprozess in einem künstlichen Brutautomaten erfolgte.«
»Bis jetzt kann ich nicht viel Natürliches darin entdecken. Ihr wart also auch mal Babys und Kleinkinder?«
»Aber sicher. Wir hatten auch eine schöne Kindheit mit unseren Aufzuchtrobotern.« Dunn verschluckte sich beinahe. »Aufzuchtroboter? Ihr hattet keinen Kontakt zu menschlichen Wesen?«
»Ja wie denn? Wenn wir auf dem Planeten unserer Geburt nicht leben konnten, dann konnten es die Menschen dort auch nicht bei uns. Bis zu unserer Reise mussten wir in speziell geschaffenen Ressorts leben, in denen die Lebensbedingungen der alten Erde simuliert wurden. Wir sollten schließlich auf der alten Erde leben können. Keine der in meiner Zeit lebenden Rassen könnte hier ohne Schutzvorkehrungen überleben. Als ich sagte, wir wären für die Mission entworfen und geschaffen worden, meinte ich das genau so. Einen Weg zurück gibt es für uns nicht. Ich würde auch gern darauf verzichten, nachdem ich in den letzten Wochen erleben durfte, wie das Leben sein kann, wenn man es nicht in einem künstlichen Gefängnis führen darf.«
Dunn nickte. »Das hab ich verstanden. Ich verstehe aber noch nicht, warum du dich so über Brungk aufregst.«
Sequel verzog wieder das Gesicht. »Was er zu erledigen hat, trägt den Namen Melanie. Er trifft sich mit einer Typ A aus dem Supermarkt. Ich hab sogar den Verdacht, es sind typübergreifende Emotionen im Spiel.«
Dunn verschluckte sich fast. »Typübergreifende Emotionen? Sequel, du bist wirklich eine hoffnungslose Romantikerin! Es macht dir Probleme, dass unser cooler Brungk sich vielleicht in die Kassiererin vom U-Store verknallt hat? Wirklich? Er trifft sich mit Melanie Ryback? Das hätte ich nie vermutet. Und was stört dich daran? Du wirst doch nicht etwa eifersüchtig sein?«

Die Geschichte wird fortgesetzt. Wie es weitergeht mit Sequel und Brungk erfahrt Ihr schon am nächsten Samstag, dem 13.Oktober …