Im Jahre 2017 endete für die Sinologin Eva Schestag ein sechsjähriges Großprojekt: Zum ersten Mal übersetzte sie „Die Drei Reiche“, den ältesten Roman Chinas, vollständig ins Deutsche und vollbrachte damit eine gewaltige Pioniertat.

Der älteste Roman Chinas

Verfasst vom mythischen Autor Luo Guanzhong im ausgehenden vierzehnten Jahrhundert, bildet dieses Mammutwerk die literarische Bearbeitung der heroischen Epoche Chinas im 2./3. Jahrhundert n. Chr. Der Roman basiert auf der gleichnamigen Chronik der drei Reiche und flicht Volksglauben und Legenden in den historischen Stoff mit ein.

Die heroische Epoche

Die Han-Dynastie liegt in ihren letzten Atemzügen. Korrupte Eunuchen und aufstrebende Kriegsfürsten bedrohen den Frieden im Reich. Überall greifen die Menschen zu den Waffen und ein entsetzlicher Bürgerkrieg verheert China. In diesen unruhigen Zeiten erhebt sich der Held Liu Bei zusammen mit seinen Schwurbrüdern, um die Han-Dynastie zu retten und dem Reich Frieden zu bringen. Mit treuen Freunden und dem genialen Strategen Kongming stellt er sich machtgierigen Fürsten in den Weg – allen voran dem Erzschurken Cao Cao, der seine ganz eigenen Pläne mit dem Han-Kaiser hat …

Der erste Cliffhanger der Menschheit

Mit über 1750 Seiten in der deutschen Fassung bildet der Roman eines der längsten Werke der Weltliteratur. Trotz dieses Umfangs und des beachtlichen Alters führt uns Luo Guanzhong sehr modern in seine Geschichte ein: Die Kapitel gleichen Episoden einer Fernsehserie und enden allesamt mit Cliffhangern. Das Buch bleibt durchgehend spannend und bringt insbesondere seinen zahlreichen Charakteren (über 1000 namentlich genannten Personen!) besondere Liebe entgegen. Bemerkenswert sind auch die vielen kunstvollen, ruhigen Passagen, die sich etwa nach gewaltigen Schlachten oder dem Tod eines Helden finden.

Fanservice auf Altchinesisch

Was treiben Liu Beis Schwurbrüder in der Nacht? Welcher von Cao Caos Generälen gewinnt an seinem freien Tag den Bogenschießwettbewerb? Und, am wichtigsten: Was geschieht, wenn Erzschurke Cao Cao höchstpersönlich bei einer der ersten Komponistinnen der Menschheitsgeschichte einen Hausbesuch macht? Trotz sechshundert Jahre Unterschied gewinnt man die Charaktere mit der Zeit lieb und ist umso ergriffener, wenn eine der Hauptpersonen zwischendurch das Zeitliche segnet.

Schlüssel zur Kultur Chinas

Im Roman finden sich unzählige Querverweise auf die chinesischen Klassiker. Die Charaktere zitieren ununterbrochen Größen der Philosophie – wie zum Beispiel Konfuzius oder Kriegsmeister Sunzi. Im Gegensatz zu westlichen Epen legt die Geschichte den Fokus vor allem auf den Wert der Gruppe und nicht des Einzelnen. Was wäre Liu Bei ohne seine Schwurbrüder? Welche Intrigen könnte Cao Cao ohne seine tapferen Generäle schmieden? Jeder Charakter hat seinen Sinn, hat einen Wert für die Geschichte. Laut Chinas Präsidenten Xi Jinping verkörpern eben diese Charaktere bis heute die zentralen Werte der chinesischen Kultur.

Ein Schmankerl für Fans des Epos

Nach dem Lesen beider Autoren muss ich sagen: Luo Guanzhong kann problemlos mit Homer mithalten. Im Gegensatz zu Ilias und Odyssee ist sein Werk jedoch in Prosa verfasst und bietet daher auch dem modernen Menschen eine überraschend angenehme Lektüre. Wer dem Genre Epos also zugetan ist und das Reich der Mitte schon seit längerer Zeit näher kennenlernen will, sollte unbedingt zugreifen!