2. Yellowstone – Teil 2

»Das ist lächerlich. Er gefährdet die Mission, indem er seine Konzentration in Bahnen lenkt, die nicht der Aufgabe dienen.«
»Sequel bleib auf dem Teppich.«
»Warum soll ich auf einem Teppich bleiben?«
Dunn verdrehte die Augen. »Das ist eine Redensart, wenn man sagen will, dass der andere übertreibt. Ich denke nicht, dass Brungk seine Mission gefährdet. Aber im Gegensatz zu dir ist er offenbar bereit, sich zu erden – an ein Leben nach der Mission zu glauben. Sequel, du musst noch viel lernen.«
Sie knurrte leise. »Wir sind zunächst nur unserer Mission verpflichtet. Ich halte es für unverantwortlich, Kontakte zu knüpfen.«
»Ich hoffe, du siehst irgendwann ein, dass deine Einstellung nicht gesund ist«, sagte Dunn. Er griff einen Toast und begann zu frühstücken. Auch Sequel begann zu essen, und eine Weile sagte niemand von ihnen ein Wort.
Sie waren fast fertig, als sie ein Motorengeräusch hörten, das schnell näherkam. Durch das Fenster erblickten sie einen alten Honda, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Der Lack wirkte stumpf, und zahlreiche Roststellen zierten die Motorhaube. Vor dem Haus hielt der Wagen an, Brungk stieg auf der Beifahrerseite aus und eine junge Frau kletterte hinter dem Steuer hervor.
»Das ist Melanie«, sagte Dunn. »Sicher hat Brungk ihr gesagt, dass er für eine Weile verreisen muss. Wirst du dich zusammenreißen können und nicht wieder diese Missbilligung ausstrahlen? Melanie ist ein nettes Mädchen. Sie ist die Tochter von Lawrences Schwager, und hat ein paar schlechte Erfahrungen mit Männern hinter sich.«
»Ich hab es verstanden«, zischte Sequel. »Ich bin nicht dumm.«
»Das hab ich auch nie behauptet. Ganz im Gegenteil: Du bist verdammt intelligent, aber im zwischenmenschlichen Bereich hast du Defizite.«
Brungk und Melanie kamen Hand in Hand die Stufen zur Veranda herauf, und Dunn öffnete die Tür. »Kommt herein!«
»Mel wollte mich unbedingt nach Hause fahren«, sagte Brungk entschuldigend. »Ich hab ihr schon gesagt, dass wir gleich starten werden, aber sie meinte, das störe sie nicht.«
»Hallo Wayne«, grüßte Melanie, wandte sich dann an Sequel. »Auch an dich ein Hallo. Es stört euch doch nicht, dass ich meinen Freund nach Hause gefahren habe, oder? Ich wollte mich so spät wie möglich von ihm verabschieden.«
Sequel brachte ein Lächeln zustande und hielt Mel die Hand hin. »Schön, dich kennenzulernen.«
»Wieso habt ihr Wayne nicht schon früher mal besucht?«, fragte Melanie. »Ich hätte mich dann ganz sicher nicht mit diesem Ekel Dexter eingelassen. Und ihr müsst wirklich schon wieder wegfahren? Gerade jetzt, wo Brungk und ich uns kennengelernt haben?« Brungk griff Melanies Hände und zog sie an sich. »Ja, es muss sein, aber ich verspreche dir, zurückzukommen, wenn Sequel und ich unseren Job erledigt haben. Wir sind leider nicht nur zum Vergnügen hier. Wünsch uns einfach Glück.«
Sie küsste ihn. Anschließend blickte sie ihn fragend an. »Und du willst mir nicht sagen, was ihr tun müsst?«
Er schüttelte den Kopf. »Irgendwann werde ich es dir erzählen. Versprochen. Aber jetzt kann ich es nicht. Vertrau mir einfach. Wir sind keine Kriminellen. Frag Wayne.«
Melanie blickte zu Wayne, der nachdrücklich den Kopf schüttelte. »Sind sie ganz sicher nicht. Sie sind die Guten, das darfst du mir glauben. Gib deinem Freund noch einen Abschiedskuss, denn wir werden sofort starten.«
»Darf ich wenigstens erfahren, wohin ihr fahrt?«
»Bitte Mel«, sagte Dunn. »Bohre nicht nach. Du wirst später alles erfahren.«
Sie zuckte resignierend mit den Schultern und lehnte sich an Brungk, der sogleich seine Arme um das Mädchen schloss.
Dunn stieß Sequel an. »Komm, wir lassen den beiden einen Augenblick. Wir können auch am Wagen warten.«
Sie liefen zum Wagen, der eine Menge Zeug auf der Ladefläche hatte. Dunn hatte seinen Cherokee-Pick-up mit allem gepackt, das sie in den folgenden Tagen gebrauchen konnten. Er nahm am Steuer Platz und Sequel kletterte auf den Beifahrersitz. Ein paar Minuten später kamen Brungk und Melanie aus dem Haus. Brungk zog die Tür hinter sich zu und kam zu ihnen. Melanie blickte traurig hinter ihm her und hob winkend ihre Hand.
Kaum war Brungk an Bord, ließ Dunn den Motor an und fuhr los.
»Hätten wir nicht noch den Tisch abräumen müssen und das Haus verschließen?«, fragte Sequel. »Sonst hatten wir das immer getan, wenn wir alles das Haus verließen.«
»Lawrence wird sich darum kümmern. Er besitzt einen Schlüssel. Ich hatte es mit ihm abgesprochen.«
Die Fahrt war recht eintönig und langweilig.
»Stört es, wenn ich versuche, etwas zu schlafen?«, fragte Brungk.
Sequel schüttelte verständnislos den Kopf. »Wir starten in den Einsatz, für den wir geschaffen wurden und du willst schlafen?«
Brungk grinste. »Du kannst mich ja wecken, wenn etwas Interessantes geschieht.« Er legte sich quer auf die Rückbank und kurz darauf hörten sie ihn leise schnarchen.
Währenddessen studierte Sequel in einem fort die Karten, die im Handschuhfach von Dunns Wagen gelegen hatten.
»Was suchst du eigentlich?«, fragte Dunn. »Bis zum Ziel sind es noch über fünfhundert Meilen.«
»Es gibt eine Sache, die ich dir noch nicht erzählt hatte. Wir benötigen noch Ausrüstung.«
»Bitte? Und das sagst du mir jetzt, wo wir Thedford verlassen haben und Meilen im Umkreis nichts ist – abgesehen von Gegend?«
»Es ist nichts, was man kaufen kann. Es ist Ausrüstung, die man für uns bereitgestellt hat. Es gibt eine Kapsel mit Gegenständen, die wir für unsere Arbeit benötigen werden. Diese Kapsel ist schon lange vor uns hier angekommen und ich habe versucht, herauszufinden, wo sie zu finden ist. Offenbar haben meine Leute in der Zukunft ihren Job gut gemacht, denn wir fahren im Grunde daran vorbei.«
»Verdammt Sequel! Was gibt es noch, das du mir nicht erzählt hast?«
»Nur diese Sache. Es sind äußerst gefährliche Gegenstände und ich wollte nicht riskieren, dass irgendwer davon erfährt, nur weil er zufällig zugehört hat. Kannst du das nicht verstehen?«
»Nicht so richtig, wenn ich ehrlich bin. Und was zum Teufel müssen wir noch abholen?«
Sie deutete auf die Karte. »Kurz hinter Sheridan durchfahren wir einen Nationalpark. Irgendwo neben der Route liegt die Kapsel. Ich werde sie spüren, wenn ich in ihre Nähe gelange.«
»Und um was handelt es sich? Waffen?«
Sie presste die Lippen zusammen. »Ja, es sind Waffen, die es in eurer Zeit nicht gibt. Sie dürfen nicht in fremde Hände fallen und wir müssen sie auch vernichten, wenn wir sie nicht mehr benötigen.«
»So gefährlich?«
»In den falschen Händen noch gefährlicher …«
Dunn musste grinsen. Sequel passte sich allmählich an die Verhaltensweisen der Zeit immer besser an, und dieses Typ-A-Typ-B-Gerede würde er ihr auch noch abgewöhnen. Aber erst würden sie noch einen Kampf auszufechten haben. Er durfte nicht daran denken, denn im Grunde wusste er noch immer nicht, was auf sie zukam.

Seit Stunden schon führte der Highway durch eine staubtrockene Mondlandschaft und ihre Stimmung sank allmählich. Sheridan lag schon länger hinter ihnen und sie näherten sich dem Nationalpark, von dem Sequel gesprochen hatte. Ihr Gesicht drückte intensive Konzentration aus, als rechnete sie jeden Moment damit, die Kapsel zu spüren. Brungk war mittlerweile aufgewacht und versuchte ebenfalls, die Kapsel zu orten.
Es dauerte noch einige Zeit und sie steckten schon tief im Park, als beide plötzlich aufschrien. Dunn wäre vor Schreck fast in den Graben gefahren.
»Die Kapsel! Wir spüren die Kapsel! Fahr rechts ran und warte!«
»Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Schaut euch mal die Straße an. Wo soll ich hier halten? Wir müssen diesen Serpentinenbereich hinter uns lassen, dann finden wir sicher eine geeignete Stelle.«
»Was, wenn wir sie dann nicht mehr spüren?«
»Dann haben eure Leute ihren Job doch nicht so gut gemacht, wie ihr geglaubt habt.«
»Wir brauchen diese Waffen. Unbedingt.«
Dunn schüttelte den Kopf. »Dann müssen wir eben umkehren und ihr müsst noch einmal nach dieser Kapsel suchen. Ihr bekommt schon noch eure Spielzeuge …«
Dunn hielt am ersten Halteplatz, den er finden konnte. »Und? Spürt ihr es noch?« Sequel nickte. »Ja, aber sie steckt irgendwo dort in den Hängen. Ich werde sie mit Brungk holen müssen.«
Sie schnallte sich ab und kletterte zwischen den Vordersitzen hindurch nach hinten, wo Brungk bereits Platz gemacht hatte. Ohne sich weiter zu verständigen, legten sie ihre Stirn aneinander und leiteten eine Verschmelzung ein. Dunn sah den beiden zu, wie sie sich ineinander versenkten und zu etwas anderem wurden. Für einen Moment schienen sie zu flackern, dann waren sie verschwunden. Mit einem schmatzenden Laut füllte die umgebende Luft den Raum, den eben noch die Körper der beiden eingenommen hatten. So also sah eine Ortsversetzung aus, von der Sequel gesprochen hatte. Ihm war bewusst, dass es eine Weile dauern würde, bis seine Passagiere zurück waren, doch nach drei Stunden wurde er nervös. Er befürchtete, dass den beiden etwas zugestoßen sein könnte, und er nicht das Geringste tun konnte, weil er nicht einmal wusste, wohin sie sich transportiert hatten. Noch eine weitere Stunde verging und es
war bereits nicht mehr damit zu rechnen, dass sie noch bei Tageslicht ihr Ziel in Codi oder Wapiti erreichen würden, als neben dem Auto plötzlich ein merkwürdiges Leuchten in der Luft lag. Kleine Blitze zuckten daraus hervor und schlugen in die Karosserie, den Boden und nahe stehende Bäume ein. Dunn starrte wie gebannt in dieses Leuchten und er hoffte, dass nicht ausgerechnet in diesem Moment ein Auto seinen Standort passieren würde. Er hatte keine Lust, neugierige Fragen zu beantworten. Es roch nach Ozon und mit einem leichten Knall erschienen Sequel und Brungk, zusammen mit einer schweren Tasche. Sie wankten ein wenig, als sie die Tasche zum Wagen trugen und auf den Rücksitz des Cherokee wuchteten.
»Das war heftig«, sagte Brungk. »Wir sind total ausgelaugt. Die Ortsversetzung mit so schwerem Gepäck hätte uns beinahe das Bewusstsein geraubt.«
»Also habt Ihr die Ausrüstung gefunden?«, fragte Dunn.
»Haben wir«, nickte Sequel. »Das Zeug lag sicher schon seit ein paar Hundert Jahren in der Kapsel hier herum, aber es handelt sich um das Modernste, was unsere Waffentechniker in unserer Zeit zu bieten haben. Wir werden die Sachen allerdings noch auf ihre Funktionsfähigkeit testen müssen, bevor es ernst wird.«
Dunn warf einen neugierigen Blick auf den Rücksitz, wo Brungk bereits dabei war, alles zu begutachten. »Was sind das für Waffen?«
Brungk hielt eine handliche Faustwaffe hoch, die entfernt an einen futuristischen Revolver erinnerte. »Das hier ist ein Materie-Destabilisator. Man muss äußerst vorsichtig damit umgehen. Wird man davon getroffen, gibt es keine Rettung mehr.«
»Was stelle ich mir unter einem Materie-Destabilisator vor?«
»Nun, er macht genau das, was sein Name sagt: Er destabilisiert Materie. Er neutralisiert auf begrenztem Raum – eben dort, wo sein Strahl auf Materie trifft – die molekularen und atomaren Bindungskräfte. Einfach ausgedrückt: Er zerstört materielle Strukturen.«
Er hielt noch weitere Gegenstände hoch, die zum Teil nicht als Waffen erkennbar waren. »Neuro-Stimulator, Schockwellenbombe, Destabilisatorbombe, Lähmungs-Strahler, Spezialanzüge. Eine gute Auswahl für den Einsatz.«
»Anzüge? Ich sehe keine Anzüge.«
Sequel lachte. »Das war selbst bei uns das Neueste. Man schlüpft nicht mehr mühsam in einen Einsatzanzug hinein, sondern materialisiert ihn um sich herum über einen speziellen Projektor, den man am Gürtel trägt. Er passt sich dabei perfekt an die Gestalt des Trägers an. Solche Anzüge sind kleine Wunderwerke. Sie dienen dem persönlichen Schutz, der Kommunikation untereinander und der Orientierung, da der Helm über eine Vorrichtung verfügt, die jegliche Art von Wellen als sichtbares Licht auf dem integrierten 3D-Monitor im Helm darstellen kann. Wer so einen Anzug trägt, kann auch in der tiefsten Nacht hervorragend sehen. Müßig, dir alles zu erklären, da der Anzug fast alle notwendigen Maßnahmen automatisch trifft. Die Energiezelle reicht für etwa einen Monat, aber bei extremer Belastung kann das schnell auf wenige Stunden schrumpfen.«
Sie betrachtete ihn. »Du wirst diesen Anzug lieben, glaub mir.«
»Ihr habt auch für mich einen solchen Anzug mitgebracht? Ich dachte, ihr zwei wärt die eigentlichen Kämpfer.«
»Sind wir auch, aber du bist nun mal dabei und dann solltest du auch dieselben Möglichkeiten nutzen können wie wir. Sobald wir aus diesem Park heraus sind, sollten wir uns mit unserer Ausrüstung vertraut machen.« Sie griff die Karte und studierte sie einen Moment. »Dieses Fahrzeug kann doch auch durchs Gelände fahren, oder?«
»Ja.«
»Dann sollten wir hinter dem Ort Greybull ein Stück in die Berge fahren, wo uns niemand zuschauen kann.«
Dunn blickte auf die Karte und nickte. »Anspruchsvolles Gelände, aber das bekomm ich hin. Eine halbe Stunde abseits der Straße wird uns niemand mehr beobachten können.«
Sequel lächelte. »Dann los! Ich will sehen, wie du mit Waffen aus der Zukunft zurechtkommst.«
»Sag mal: Macht dir das Ganze jetzt etwa auch noch Spaß?«, fragte Dunn. »Es geht noch immer um Leben und Tod, oder? Wir und dieser ganze Planet kann dabei draufgehen.«
»Ja, du hast recht. Es ist nicht wirklich Spaß. Aber wir werden gemeinsam gegen diese Waffe der Skrii kämpfen, und da hätte ich es ganz gern, wenn ich weiß, dass du bereit bist und eine reelle Chance hast. Auch, wenn es dir vielleicht nichts bedeutet, aber ich habe dich inzwischen ganz gern und ich würde dich nur ungern tot sehen.«
Dunn zog überrascht die Augenbrauen hoch, startete den Wagen und fuhr wieder los. Auf den Straßen in dieser Gegend war nicht viel Verkehr und manchmal kam ihnen eine Viertelstunden lang kein einziges Fahrzeug entgegen. Hinter Greybull verließ Dunn die Hauptstraße und bog auf eine Dirt-Road ab, die in die Berge führte. Die Fahrt wurde bald holprig und sie wurden durchgeschüttelt. Hinzu kam, dass die Lichtverhältnisse allmählich schlechter wurden. Der Weg war im Licht der tanzenden Scheinwerfer immer schlechter zu erkennen.
Sie fuhren eine knappe halbe Stunde, bis sie einen kleinen Talkessel erreichten, der von steilen, felsigen Hängen umsäumt war.

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Den nächsten Teil der Geschichte gibt es hier am 20. Oktober zu lesen!