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Autorinnen und Autoren im Netz

Kategorie: Fantasy

Silvarum Nemora – Im Dunkel der Wälder (2/2)

,,Mein lieber Junge, darf ich dir etwas zeigen?“

Bevor Matthias antworten konnte, veränderte sich plötzlich der Raum. Die Dunkelheit, die sie wie Nebel umfangen gehalten hatte, wich dem Licht einer grellen Deckenlampe. Erstaunt erkannte Matthias ein Schlafzimmer. Auf dem Bett saß Theo, ein Junge aus seiner Klasse, der ausschließlich Einsen und Zweien schrieb, mit gesenktem Kopf. Auf einem Sessel ihm gegenüber thronte eine stark geschminkte, hochgewachsene und streng wirkende Frau. Sie trug ein enges schwarzes Kostüm. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem straffen Knoten gebunden. Sie las sich gerade die schriftliche Chemie-Überprüfung durch, die erst vor zwei Tagen stattgefunden hatte.

Beide schienen weder ihn, noch Enki, noch den Tisch oder die Stühle zu bemerken.

Plötzlich rümpfte die Frau, wohl Theos Mutter, die Nase und ließ das beschriebene Blatt Papier sinken. ,,Was hast du da bei der Definition für Isotope geschrieben? Positiv oder negativ geladene Atome? Das sind Ionen, nicht Isotope! Du hast einen Punkt dafür abgezogen bekommen!“

,,Ich habe mich verlesen.“, erwiderte Theo kleinlaut.

,,Verlesen? Du hast diesmal nur 18 von 20 Punkten erreicht, das ist schon fast eine Zwei. Wie kommt das? Bist du etwa in der Nacht wach geblieben und konntest dich dann nicht mehr konzentrieren?“

Theo schwieg. Er wirkte klein und verletzlich.

,,Wenn du im späteren Berufsleben Erfolg haben möchtest, dann kannst du dir solche Fehler nicht leisten!“ Wutschnaubend erhob sich die Frau. ,,Du wirst die Definition von Isotopen…die RICHTIGE Definition…hundertmal aufschreiben, verstanden? Und heute gehst du um acht ins Bett. Und kein Fernsehen oder Handy!“

Die Frau verließ das Zimmer mit großen Schritten. Theo zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel. Er saß noch lange in dieser Haltung auf dem Bett, den Blick gesenkt. Als Matthias sich näher beugte, erkannte er bestürzt, dass Theo weinte. Tränen liefen über seine bleichen Wangen.

Schließlich stand der Junge auf und ging, direkt an Matthias vorbei, zu einem kleinen Schreibtisch. Er nahm eine Schere aus einer Federschachtel, die Matthias aus der Schule kannte. Fassungslos sah er einen der Besten seiner Klasse, wie er sich langsam die Hand ritzte. Auf der bleichen Haut entstanden rote Buchstaben…Theo schrieb das Wort Versager in sein Fleisch.

,,Es tut mir leid, Mama.“, flüsterte Theo mit halb erstickter Stimme. Tränen tropften von seinem Kinn.

Der Szene wich wieder Dunkelheit. Enki lächelte. ,,Er hat es wohl auch nicht so leicht, was?“

Als Matthias nicht antwortete, fuhr er fort. ,,Theo wünscht sich nichts sehnlicher, als mit anderen Jungen seines Alters ungestört abhängen zu können…doch seine Eltern erlauben es ihm nicht. Sie beide haben Erfahrungen mit dem Geschäftsleben gemacht und wollen um jeden Preis verhindern, dass ihr Sohn später einmal keinen Job bekommt. Um ihr Ziel zu erreichen, zwingen sie ihn, zu lernen, bis er umfällt.“ Es folgte eine kurze Pause. ,,Und du hast ihn gedemütigt. Damit trägst auch du Schuld an seinem Drang, sich selbst zu verletzen.“

Enkis Stimme enthielt keinerlei vorwurfsvolle Elemente. Sie klang vielmehr wie eine nüchterne Feststellung.

Matthias hüllte sich in Schweigen. In seinem Herzen pochte Theos Schmerz. Er fühlte den unglaublichen Drang, den Fesseln seines Daseins zu entfliehen.

Meine Eltern lieben mich nicht., klagte Theos Stimme in Matthias Gedanken. Sie wollen mich zu einem Roboter machen, arbeiten, arbeiten, arbeiten, alles andere ist ihnen egal. Musik, Kunst…das alles ist für sie nebensächlich. Und in der Klasse mag mich auch keiner. Alle halten mich für einen Streber, nicht wahr? Kein Mädchen wird je mit mir zusammen sein wollen, nicht einmal Katja, in die ich mich so verliebt habe. Und du und deine Freunde verspotten mich immer, besonders in Sport, weil ich nicht genug Kraft habe, um die Übungen zu machen…

,,Und du hast ihn gedemütigt.“, wiederholte Enki.

Eine Erinnerung schlich sich in Matthias’ Bewusstsein, nur erlebte er sie diesmal aus Theos Perspektive.

Ich versuche, Klimmzüge zu machen., flüsterte Theos Stimme. Alle grinsen mich bereits an, besonders der Sportlehrer, Herr Lindenberger. Und Matthias…verdammt, sie werden gleich wieder anfangen, ich weiß es, sie werden mich verspotten und mich demütigen. Und wenn ich Pech habe sind dann auch noch die Mädchen in der Nähe…

Es ist sinnlos, meine Kraft reicht nicht aus. Stöhnend falle ich auf den mit Matten bedeckten Boden. Tränen verschleiern meinen Blick, als das Gelächter beginnt. Ich wälze mich auf den Bauch, um zu verbergen, dass ich weine. Doch es ist sinnlos.

,,Heulen bringt dich nicht weiter, Theo!“, ruft Lindenberger. Obwohl ich sein Gesicht nicht erkennen kann, erscheint in meiner Vorstellung sein zu einem sadistischen Grinsen verzerrter Mund. Wie ich ihn hasse! Am liebsten würde ich auf ihn einprügeln.

,,Los, steh auf, Theo, versuch’s nochmal. Du weißt, wenn du es nicht schaffst, kriegst du eine Drei in Sport. Und darüber kannst du auch noch verflucht nochmal froh sein!“ Lindenberger lacht laut auf, als habe er den besten Witz der Welt erzählt.

Nun mischt sich auch noch Matthias ein. ,,He! Theo steh auf, komm schon, ich will mal endlich wieder richtig lachen können. Jetzt nützen dir deine Einsen wohl nichts mehr…“

Matthias schrie auf, als Theos Schmerz und Verzweiflung sein Herz durchdrang. Glühende Ketten schienen sich in seine Seele zu graben. Matthias erlebte, wie Theo verzweifelt nach Halt suchte, bevor er in der Dunkelheit versank.

Ich habe keine Freunde, meine Eltern lieben mich nicht, mein Sportlehrer und meine Klassenkameraden hassen mich., schrie Theos Stimme in Matthias Gedanken.

Matthias schrie vor unsäglichen Qualen.

Dann war es vorbei.

Enki lächelte ihn an. Seine goldenen Augen erfassten jedes Detail seiner Gedankengänge. ,,Du könntest ihm helfen, weißt du?“

Matthias atmete schwer. Als er feststellte, dass er sich wieder bewegen und reden konnte, erfüllte es ihn nicht mit Freude. ,,Ich bin so ein Idiot.“, flüsterte er.

Enki seufzte. ,,Du hast vorhin gesagt, dass du mit deinem Leben kaum fertig wirst, dass du nicht weißt, woher du dir dein Selbstvertrauen holen sollst. Ich kann es dir verraten: hol dir dein Selbstvertrauen aus guten Taten.“

Matthias sah Enki verwirrt an. ,,Was?“

,,Hilf Menschen. Erkenne ihr Leid. Anstatt es zu vermehren, sollst du es lindern. Das ist der Weg, den das Schicksal dir zugedacht hat. Solange du spottest und andere demütigst, wirst du nie deinen Frieden finden. Oder glaubst du tatsächlich, gute Schulnoten oder Talent im Fußball kann das Geschenk einer guten, friedvollen Seele, die im Reinen mit sich ist, aufwiegen?“

Während er sprach, griff Enki mit seiner rechten Hand über die Kerze zu Matthias’ Stirn. Er zuckte zusammen, als die Finger des Fremden ihn berührten, doch er ließ es geschehen. Etwas verriet ihm, dass Enki ihm nicht schaden wollte..

,,Hiermit mache ich dir das Geschenk von Frieden und verleihe dir den Fluch der Weisheit.“

Es fühlte sich an, als ob ein elektrischer Schlag Matthias’ Körper durchdränge. Vor seinen Augen tanzten Punkte und Schauer schüttelten seinen Körper. Doch er gab keinen Ton von sich.

Als die Punkte seinen Blick nicht mehr verschleierten, war Enki verschwunden. Wo vorher noch ein Dach den Raum in Dunkelheit hüllte, konnte nun Mondlicht ungehindert eindringen.

Gut gelaunt betrachtete Lindenberger die Jungen, die vor ihm in einer Reihe aufgestellt standen. Sie wirkten müde und demotiviert, wie an jedem Montag. Er würde sie mit seinem Programm schon wachrütteln.

Schließlich wollte er ihnen helfen.

Automatisch glitten seine Augen zu der Person, die seiner Hilfe am meisten bedurfte. ,,Theo!“, rief er so laut, dass der kleine Junge zusammenzuckte. ,,Zeige vor, wie man richtig Klimmzüge macht!“

Grinsend wies er dabei zur hohen Reckstange, die nur wenige Meter entfernt zwischen zwei Metallstützen angebracht war.

Theo sah erschrocken aus. Seine Augen glänzten und Lindenberger wusste, er würde bald zu weinen beginnen. Spätestens, wenn die anderen sich vor Lachen bogen.

Du musst hart werden, Junge!

Theo setzte sich gerade in Bewegung, als Matthias plötzlich vor ihn trat. ,,Ich kann die Übung auch vorzeigen.“

Lindenberger starrte ihn verwirrt an. Normalerweise freute sich Matthias diebisch darauf, wenn Theo sein mangelndes Talent demonstrierte. Doch heute wirkte er wie ausgewechselt. In seinen Augen glomm ein seltsamer Schimmer. Er symbolisierte eine Sicherheit, die Lindenberger zurückweichen ließ. Dieser Junge wusste genau, was er tat.

,,Ich habe gesagt, Theo!“, rief Lindenberger. In seiner Stimme schwang Entsetzen mit, dessen Herkunft er selbst kaum verstand. ..Theo soll vorzeigen!“

,,Ich werde die Übung demonstrieren.“, erwiderte Matthias ruhig. Er wirkte wie eine Statue, ein Fels in der Brandung.

Die Jungen starrten ihn mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen an. Lindenberger verschlug es die Sprache. Er brachte nur noch ein schwaches Nicken zustande, als Matthias langsam zur Stange ging und begann, Klimmzüge zu machen. In diesem Moment verstand der Sportlehrer, dass von diesem Tage an eine Kraft in dem Schüler wohnte, die er selbst nie würde besitzen können. Eine Kraft, der er nicht ebenbürtig war.

Der Spiegel

Und wieder sitze ich vor dem Spiegel. Ich bin es so leid!

Auf meinen Oberschenkeln liegen meine Hände. Sie sind schön. Die Finger lang und schmal, die Nägel gepflegt. Die Haut ist seidenweich, faltenfrei und fast weiß.

Das alles ist auf der anderen Seite des großen Grabens ein Hinweis auf edle Abstammung und Reichtum. Nur Mona weiß, dass meine Hände gebleicht sind. Mona ist meine Betreuerin. Sie hat viel von einer Katze. Ihre majestätische Art, sich zu bewegen, ihre Beharrlichkeit, mit der sie das Ziel verfolgt, mich zu einer perfekten Dame auszubilden, ihre Ruhe, die sie für gewöhnlich ausstrahlt.

Nachdem ich meinem Widerwillen genügend Raum gegeben habe, seufze ich tief und hebe meinen Blick. Noch immer berührt es mich seltsam, wenn ich mein Spiegelbild betrachte.

Meine dunklen, fast schwarzen Augen, die ein bisschen zu eng nebeneinander stehen. Meine schmale, lange Nase, die ein bisschen zu groß ist. Mein Mund, mit der vollen Unterlippe und der etwas zu schmalen Oberlippe. Die blasse Haut und mein langes, gelocktes Haar.

Nichts ist perfekt , und doch, in seiner Gesamtheit ist das Gesicht so schön, dass das Betrachten fast weh tut. Also gut, beginnen wir mit den Übungen. Was ist heute dran? Ich nehme meinen Ausbildungsplan zur Hand.

Der laszive Blick, der unschuldige Blick, ein fröhliches Lächeln, ein schüchternes Lächeln, ein Aufblitzen meiner Augen – so, dass mein Gegenüber Temperament erkennen kann.

All das und noch viel mehr steht heute auf dem Programm. Sobald ich mit meinem Gesichtsausdruck zufrieden bin, drücke ich auf den Auslöser der Kamera. Später am Tag wird Mona die Bilder mit mir durchgehen und sicherlich wieder viele Verbesserungsvorschläge machen.

Ich kratze mich nachdenklich an der Stirn, werfe meine schwarze Lockenpracht nach hinten und schiebe die rechte Schulter nach vorne. So gewähre ich einen tiefen Blick in mein makelloses Dekolleté, neckischer Blick – klick.

Haare nach vorne, leicht übers rechte Auge, unschuldiger Blick – klick.

Freundliches Lächeln mit Sehnsucht im Blick – klick.

Gelangweiltes Gähnen, müder Blick – klick. Mist, ich muss mich konzentrieren, Mona wird meckern. Trotzdem kann ich mir ein spitzbübisches Grinsen nicht verkneifen. Erstaunt betrachte ich die wunderschönen Züge im Spiegel und stelle fest, dass gerade etwas von mir durchscheint. Erleichtert und gleichzeitig erschreckt nehme ich es zur Kenntnis.

Ich stehe auf, laufe hin und her. „Kleinere Schritte, Hüften schwingen!“, höre ich Mona sagen. Meistens gehorche ich ihr sogar, wenn sie nicht da ist. Nach ein paar Runden vor dem Spiegel wird mir heiß. Das was ich sehe, ist die Verführung pur. Ich trete näher an den Spiegel heran. Streiche mit den Fingerspitzen sanft über meine linke Brust. Unwillkürlich atme ich tief ein. Meine Brüste hüpfen fast aus dem Ausschnitt.

Ich seufze. Mit so einem Mädchen wie diesem wäre ich gerne einmal im Bett. Das muss der Himmel auf Erden sein.

Hätten sie mir bloß kein Bild von ihm gezeigt. Wenn ich nur daran denke, wer mich erwartet, könnte ich kotzen. Er hat dicke, fleischige Patschhände und viel zu viele Haare dort, wo sie nicht hingehören. Sein Trommelbauch ist gigantisch, ähnlich dem meiner Schwester, kurz bevor sie mit ihren Zwillingen niederkam.

Sanft streichle ich mir übers Gesicht und lächle mir aufmunternd zu. Weiter geht’s. Nun steht Haare kämmen auf dem Programm. Ich hätte niemals gedacht, dass es so viel Arbeit ist, ein paar Locken wie Locken aussehen zu lassen und nicht wie ein verfilztes Vogelnest. Ich lächle versonnen beim Kämmen, die brennende Kopfhaut ignorierend. Klick.

Zum Schluss kommt die Königsdisziplin. Das Schminken. So langsam stelle ich mich dabei nicht mehr ganz so dumm an. Sorgfältig trage ich erst die Farbpaste und dann den Puder auf. Dabei völlig entspannt auszusehen, schaffe ich leider noch nicht. Also kein Klick.

Wieder denke ich an den Fettsack, den ich in Kürze bezirzen darf. Ich sollte ihn möglichst vor der Hochzeit beseitigen, sonst wird er sich wundern. Bei diesem Gedanken kichere ich amüsiert.

Ich höre förmlich Zakils Worte. „Es ist nur eine Illusion, wenn auch eine sehr gute. Lass dich erst anfassen, wenn ihr alleine seid und du das Messer in Greifweite hast. Und sobald er tot ist, löse den Zauber und gib Fersengeld.“

Ich ziehe mein Kleid aus und hänge es sorgfältig über den Kleiderständer neben der Türe. Mein Blick fällt auf meinen Körper, die langen Beine, die perfekt geschwungenen Hüften und die Wespentaille. Mir wird schon wieder heiß. Wie wunderschön sie doch ist.

Dann spreche ich laut das Lösungswort. Ein Schleier legt sich über meine Augen. Als ich wieder klar sehen kann, erblicke ich im Spiegel einen schmal gebauten, glatzköpfigen jungen Mann mit blauen Augen. Ich ziehe meine Hose an. „Wenn es nur schon vorbei wäre“, murmle ich vor mich hin und öffne die Türe. Während ich mit raumgreifenden Schritten und extra lautem Stampfen den Raum verlasse, beginne ich mich wieder als das zu fühlen, was ich wirklich bin. Ein sehr junger Mann, fast noch ein Schuljunge, mit einer schweren Aufgabe. Mein Blick wird düster und gleichzeitig entschlossen. Ich werde es schaffen, weil ich es schaffen muss.

Silvarum Nemora – Im Dunkel der Wälder (1/2)

,,Alter.“, flüsterte Ben leise. ,,Willst du das wirklich durchziehen?“

Matthias nickte entschlossen. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust, er fühlte wie seine Glieder in der Kälte der Furcht erstarrten. Doch er durfte sich auf keinen Fall weigern. Er würde ohne Zweifel sein Gesicht verlieren.

Es war Samstag. Ben und er hockten in seinem Zimmer und warteten auf Mitternacht. Um Punkt zwölf Uhr nachts sollte Matthias allein in ein kleines, verlassenes Dorf gehen, dass sich im Wald hinter der Stadt befand. Anja hatte dies als Mutprobe in der Schule von ihm verlangt.

Matthias konnte sich lebhaft vorstellen, was seine Mutter von dem Vorhaben halten würde: Es ist viel zu gefährlich für einen fünfzehnjährigen Jungen, in der Nacht allein durch den Wald zu gehen! Betrunkene oder Diebe oder anderes Gesindel lauern einem da drin auf…

Matthias schüttelte den Kopf, um sich zu fokussieren. Nur noch zwei Minuten, dann musste er sich auf den Weg machen. Die Uhr an seinem Handgelenk, deren Ziffernblatt hell leuchtete, erschien ihm plötzlich wie ein Sendbote des Gerichts, der ihm ein verhängnisvolles Urteil verkündete…

Todesstrafe, vollzogen in zwei Minuten…

,,Lass mich wenigstens mitkommen, Alter.“, verlangte Ben. Seine Augen suchten den Kontakt, seine Stimme klang eindringlich. ,,Fällt doch nicht auf…“

Matthias schüttelte den Kopf. ,,Irgendwer muss hier die Stellung halten, falls meine Mom aufwacht und sich fragt, was los ist. Das musst du machen, Alter.“

,,Ja, aber Alter…“ Ben schien nach Worten zu suchen, um ein seltsames Gefühl auszudrücken, das wie eine Gewitterwolke zwischen ihnen hing. Es handelte sich um ein psychisches Echo, das Gefahr verkündete. Keine logische Aussage konnte ihre Anwesenheit belegen, doch Matthias fühlte, wie seine Instinkte reagierten. Sie rieten ihm, in Sicherheit zu bleiben, hinter hohen, schützenden Mauern zu verweilen, anstatt sich leichtfertig in Gefahr zu begeben.

Gefahr, was rede ich denn? Reiß dich zusammen, du Baby!, schalt er sich selbst. Da draußen sind nur Bäume und Tiere, aber keine Verbrecher…

,,Es ist soweit.“ Bens Stimme legte sich wie ein dunkles Tuch über ihn. Seine Uhr bestätigte seine Aussage. Die zwei Minuten waren verstrichen, obwohl sie sich eher wie zehn Sekunden angefühlt hatten.

Schweigend erhob sich Matthias und ging zur Tür seines Zimmers. Leise drückte er sie auf und schlich aus dem Raum. Trotz der Dunkelheit fand er die Treppe ohne Probleme. Im Erdgeschoss schlüpfte er in eine dunkle Jacke und in warme Stiefel. Ben, der ihm geräuschlos gefolgt war, drückte ihm eine starke Taschenlampe in die Hand. Matthias bedankte sich mit einem Nicken. Theoretisch könnte er auch die Funktion seines Handys benutzen, um seine Umgebung zu erhellen, jedoch zog er es vor, Akkuladung sparen zu können.

Kurz bevor Matthias die Tür öffnete, nickte er Ben zum Abschied zu. Obwohl es ihnen absurd erschien, erfüllte sie eine seltsame Furcht. Lag es am Schatten der Bäume, die nur wenige Meter hinter Matthias’ Elternhaus das Gras in Dunkelheit tauchten? Oder am Wispern der Blätter im Wind, das trotz geschlossener Fenster auf abstruse Weise seinen Weg zu den Ohren der Jungen gefunden hatte?

Keiner von beiden wusste es.

Matthias’ Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er folgte einem schmalen Weg, der sich, von Blättern und Tannennadeln bedeckt, kaum vom restlichen Waldboden unterschied. Lediglich die starke Lampe in seiner rechten Hand bewahrte ihn davor, den Pfad zu verlieren.

Seine Gedanken wurden vom Gefühl der Gefahr, das sein Herz wie eine eisige Klaue umklammerte, nahezu erstickt. Die Sinne geschärft, die Muskeln angespannt, marschierte er leicht geduckt durch die nächtliche Landschaft. Sein Atem bildete vor ihm in der Luft Rauchwolken.

Matthias konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als er sich seinem Zielort näherte: einer großen Waldlichtung, die von baufälligen alten Häusern ausgefüllt wurde. Anja hatte grinsend von ihm verlangt, dort ein Video mit seinem Handy zu drehen und außerdem ein Holzstück von einem der Gebäude mitzunehmen.

Wieso habe ich Trottel mich darauf eingelassen?

Die Frage fegte wie ein plötzlicher Windstoß durch sein Gehirn. Er blieb stehen. Das Licht der Lampe in seiner Rechten entrang der Finsternis ein vermodertes Holzschild, das umgeworfen im Gras lag.

Ich kann jetzt nicht umkehren. Ich muss weitermachen.

Als er sich langsam wieder in Bewegung setzte, kam ihm ein Horrorfilm in den Sinn, den er erst vor Kurzem gesehen hatte. Die Protagonistin war in einer kalten Nacht wie dieser von einem verrückten Massenmörder überrascht worden. Der Mann lauerte halb verborgen im Gebüsch, versteckt durch die Dunkelheit und seinen Mantel, die Axt ruhig in der Hand. Er beobachtete sein Opfer, leckte sich in stiller Vorfreude über die Lippen, bis er schließlich des Wartens überdrüssig war. Wie ein Raubtier schoss er aus der Barriere aus Finsternis und fiel die Protagonistin an.

Das ist doch nur ein Film, Blödmann!

Trotzdem konnte sich Matthias eines Gefühls durchdringender Furcht nicht erwehren. Während er mit zitternden Knien das verlassene Dorf betrat, erfüllte ihn die nie gekannte Sicherheit, beobachtet zu werden.

Lauf!, rieten ihm seine Instinkte. Wen interessiert diese Mutprobe?

Trotzdem setzte er kontinuierlich einen Fuß vor den anderen, bis er in der Mitte des Kreises aus verfallenen Gebäuden stand. Ängstlich um sich blickend, griff er mit seiner zitternden linken Hand in seine Hosentasche, in der er sein Handy mit sich trug.

Plötzlich erklang ein Geräusch, das ihn sofort erstarren ließ. Direkt hinter ihm war soeben eine Tür mit rostigen Scharnieren geöffnet worden.

O mein Gott.

Matthias vermochte kaum zu atmen, während er wie eine Statue auf dem von Gras überwuchertem Boden stand. Alles in ihm schrie danach, sofort die Flucht zu ergreifen. Doch etwas hielt ihn zurück, eine merkwürdige Kraft. Sie glich einer seltsamen Sperre, ähnlich der, die einen in Rage gebrachten Menschen am Zuschlagen hindern will. Ein letztes Echo der Zivilisation, das sich zwischen Realität und der von Zorn vergifteten Geisteswelt schiebt.

,,Sieh an.“, sprach eine Stimme hinter ihm gut gelaunt. Sie klang überraschend menschlich, jagte Matthias aber dennoch einen Schauer über den Rücken. ,,Ein Junge. Wie nett. Aber um diese Uhrzeit solltest du wirklich nicht mehr alleine herumlaufen. Seltsame Gestalten treiben im Wald ihr Unwesen…“

Wie auf Kommando drehte Matthias sich um. Er konnte die Bewegung nicht aufhalten. Sein Wille war zerschellt wie eine edle Blumenvase, die zu Boden fiel.

Zu seinem Erstaunen stand er einem schlanken jungen Mann gegenüber, der ihn freundlich anlächelte. Er trug löchrige, ausgewaschene Jeans und am Oberkörper eine fleckige Weste über einem schwarzen T-Shirt. Seine schmutzigen, langen blonden Haare fielen ihm ungebunden auf die Schultern. Auf seinem Kopf saß ein großer Hut, die Hände steckten in den Hosentaschen.

Der Fremde wirkte lässig und auf seine Art unantastbar. Es handelte sich bei ihm um einen jener Menschen, die Matthias sich nicht als gedemütigte Opfer vorstellen konnte. Der Gedanke, diese Person könnte irgendwie Schwäche zeigen, erschien ihm völlig absurd.

,,Möchtest du nicht hereinkommen?“, fragte der junge Mann und deutete einladend auf eines der baufälligen Häuser. ,,Hier draußen ist es sehr kalt.“

Obwohl seine Furcht etwas nachließ, verspürte Matthias noch immer das dringende Bedürfnis, zu fliehen. Was, wenn er hier einem Psychopathen begegnet war, der seine Opfer im Wald suchte? Er durfte ihm auf keinen Fall vertrauen.

Doch wieder erschien jene seltsame Sperre. Die Vorstellung, sich zu verweigern, erschien Matthias unsittlich und böse. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, ging er auf den Fremden zu.

Dieser nickte zufrieden und hielt ihm die Tür auf. ,,Nenne mich Enki. Einfach den Gang entlang, Matthias.“

Woher weiß er meinen Namen? Ein Stalker?

Die eisige Klaue der Furcht schloss sich enger um Matthias’ Herz, als er den dunklen Gang durchquerte. Das Mondlicht erhellte durch Löcher in der Decke schwach den Boden. Wie mechanisch durchquerte er den langen Korridor, Enki direkt hinter ihm. Am Ende des Ganges versperrte ihm eine Tür den Weg.

,,Einfach den Knauf drehen.“, riet ihm Enki, als er stehen blieb. Obwohl Matthias am liebsten schreiend in die andere Richtung gelaufen wäre, befolgte er wie selbstverständlich die Anordnung. Die Tür schwang laut quietschend auf und enthüllte einen dunklen Raum. Die einzige helle Stelle bestand aus einem runden Tisch mit einer Kerze und zwei Stühlen, die sich gegenüberstanden.

,,Fühle dich wie zuhause.“ Enki ging lächelnd an ihm vorbei und ließ sich auf einen der beiden Stühle sinken. Ohne darüber nachzudenken, wählte Matthias den anderen. Kaum berührte er die Sitzfläche, erfüllte Taubheit seinen Körper. Er konnte sich nicht mehr bewegen.

O Gott, was passiert hier, was wird dieser Wahnsinnige mit mir anstellen? O Gott, wenn es dich gibt, dann bitte, bitte, bitte, bitte, rette mich, ich will noch nicht sterben, bitte, bitte, bitte, ich werde auch nie wieder mit jemandem streiten, bitte, bitte, bitte.

Enki betrachtete ihn interessiert über den Rand der Kerzenflamme hinweg. Der unregelmäßige Schein warf gespenstische Schatten an die Wand und verwandelte sein Gesicht in ein Schlachtfeld zwischen Licht und Dunkelheit. Erst jetzt fielen Matthias die seltsamen Augen des Fremden auf. Sie strahlten golden, doch erleuchteten sie die Umgebung in keinster Weise.

Schließlich durchbrach Enki die unheimliche Stille: ,,Ich muss schon sagen, Matthias, sehr schöne Sachen hast du da.“ Dabei glitt sein Blick über Matthias’ Kleidung. ,,I-Phone 11, Snipes-Pullover und Jeans von Tommy Hilfiger. Und erst die Schuhe…Desert Boots aus Leder…ebenfalls von Tommy Hilfiger…“ Enkis Augen wanderten zu seinem Kopf. ,,Hochgestellte Haare…Fußballer, nicht wahr?“

Matthias nickte automatisch. Er spielte im Verein und trainierte oftmals wöchentlich.

Enki nickte langsam…fast verträumt. Der seltsame Mann ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken, bis sein Rücken die dünne Holzlehne berührte.

,,Erzähl mir doch mal ein bisschen von dir.“

Matthias wollte schweigen. Er litt immer noch an gewaltigen Ängsten und vollbrachte es kaum, zu atmen. Trotzdem entrangen sich seinem Mund die Worte, intimste Gedanken und Geheimnisse offenbart in der kaum erhellten Dunkelheit dieses Raumes. Enki lauschte dem Redefluss mit ruhiger Miene.

,,Ich bin Matthias, 15, Einzelkind, lebe mit meinen Eltern in Theresienfelden. Ich kicke im Verein, bin aber einer der schlechtesten von uns, obwohl ich immer behaupte, der Beste zu sein, um meine Freunde und die Mädchen zu beeindrucken. Außerdem gehe ich jeden Tag ins Fitnessstudio, damit ich fett Muskeln aufbaue, mein Bizeps ist schon echt groß, ich werde dafür echt beneidet. Meine besten Freunde sind Ben und Mert, ich hab’ auch noch’n paar Kumpels in der Klasse, alle finden mich cool und ich will auch cool sein, deswegen kaufe ich das ganze Zeugs, ich weiß, dass es Blödsinn ist, aber ich will es trotzdem, sieht voll geil aus…außerdem bin ich total in Anja verschossen, sie ist so geil, ich hab mir schon oft vorgestellt, dass wir auf ein Date gehen, aber es geht nich’ wirklich, ich weiß nicht, was ich tun soll und was, wenn sie nein sagt…ich hab’ richtig schlechte Noten, letztes Jahr sogar Nachprüfung, deshalb hasse ich die ganzen Streber in meiner Klasse, die sind so arrogant, wenn sie wieder davon reden wie gut ihre Noten sind, voll abartig, zum Kotzen, deshalb mache ich mich über sie lustig und verarsche sie öfters, eigentlich beneide ich sie ja, die Trottel haben keine Ahnung, wie gut sie es haben…ich habe schon oft Alkohol getrunken und oft gekotzt eigentlich finde ich ja, es schmeckt ziemlich bescheuert, aber naja…ich will, dass die anderen mich cool finden und ich habe sonst nichts, wo ich mein Selbstvertrauen herkriege, ist echt blöd, aber naja…meine Eltern wollen ständig, dass ich lerne, sind echt voll nervig, sie nehmen mir immer wieder mein Handy weg, weil sie denken, dass ich zu viel damit mache und naja…sie wollen mich in den Ferien in so ein Lerncamp schicken, wo man die ganze Zeit Bücher liest und so anderes Scheißzeug ist echt zum Kotzen…außerdem wollen sie mir nichts zum Geburtstag mehr schenken, wenn ich in Englisch nicht mindestens einen Dreier schaffe…echt zum Kotzen, ich will mir einreden, dass ich sie hasse, obwohl ich sie irgendwie verstehen kann, aber trotzdem, ich will nicht lernen, ich kann nicht, ich werde in so was nie gut sein, ist echt zum Kotzen…“

Enki hob ruhig die Hand. Wie durch Zauberhand schloss sich Matthias’ Mund und der Redeschwall endete. Einen Moment lang versank die Angst in einer Flut aus Peinlichkeit, die ihn zu ersticken drohte. Er hatte diesem Fremden soeben alles über sein Leben verraten, sogar Dinge, die er selbst nicht wusste.

Oder die ich mir nicht eingestehen wollte.

Der Gedanke erfüllte mit einem Mal Matthias’ Kopf, wirkte aber nicht, als stamme er von ihm.

Enki räusperte sich. Er sah Matthias ernst an. Seine goldenen Augen schienen dabei bis auf den Grund seiner Seele zu blicken. Schließlich sagte er:

,,Mein lieber Junge, darf ich dir etwas zeigen?“

Gottes Hammer: Folkvang Ende?

Hallo Schreibkommune!

Seit Beginn der Geschichte sind einige Monate vergangen und es wird Zeit, dass sie nun endet. Es fehlt nur noch ein Teil. Bevor ich dn aber veröffentliche, möchte ich eine kleine Untersuchung vornehmen: Gottes Hammer wurde weitaus länger als beabsichtigt und weil mir durchaus bewusst ist, dass eine solche Seitenzahl den einen oder anderen abschreckt, würde ich gern ein kleines Experiment durchführen. Wer wirklich alle Teile gelesen hat und nun auch das Ende erfahren möchte, der schreibe mir eine kurze Nachricht: antares.hoerl@gmail.com

Das hier soll auch eine kleine Studie meinerseits werden, ob Geschichten solchen Umfangs überhaupt gut ankommen.

Danke für euer Verständnis!

Gottes Hammer: Folkvang XVIII

Berith wartete.

Er stand in aufrechter Haltung vor dem gewaltigen Doppeltor, das als einziger Zugang zum unterirdischen See Sökkvar diente. Zwei Statuen aus schwarzem Stein, die wie groteske Abgötter dem Besucher eine Peitsche und einen Apfel entgegenhielten, flankierten es. Er selbst hatte sich ihnen nun in ihrer endlosen Wache angeschlossen.

Er wusste, lange würde die seine nicht dauern.

Die Ereignisse überschlugen sich und der Köder, den er für Azrael ausgelegt hatte, würde seine Wirkung nicht verfehlen. Berith wusste, wie der Kampf ausgehen würde. Er konnte gegen Azrael und Halgin nicht bestehen.

Aber jemand anderes konnte es.

Berith lächelte. Er hörte ein Geräusch in der Finsternis. Das Flattern von Flügeln. Sie waren hier.

Er hätte nicht gedacht, dass ein Dämon sich vor dem Tod derartig frei und ungebunden fühlen konnte. Vermutlich fiel die Verantwortung dafür dem jahrhundertelangen Zermürbungsprozess zu, der nur die Machtgierigen verschonte. Azrael würde auch tausend Jahre überdauern, ohne Todessehnsucht zu verspüren. Er hingegen hatte sein Schicksal erfüllt. Der Folkvangstag war gekommen. Gottes Hammer würde endlich fallen.

Es tut mir wirklich leid, dass ich Ashaya nicht einweihen konnte. Die lebhafte Heilige war ihm ans Herz gewachsen. Sie glaubte immer noch, er würde einfach Irodeus wiedererwecken wollen. Dabei ist im Leben nichts einfach. Eine Lektion, die alle hier erst noch lernen müssen.

In der Dunkelheit flammte rotes Licht auf und Berith schloss die Augen. Das Geräusch zweier Stiefel, die sich kräftig vom felsigen Untergrund abstießen, wurde zu seinem Requiem.

Jetzt liegt alles an dir …

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Azrael zog die blutüberströmte Klinge überrascht aus der schlaffen Leiche. Die Präsenz des toten Dämons erlosch. Berith musste sie gehört haben. Warum hatte er keine Gegenwehr geleistet?

Worauf wartest du, Angnaur?“ Halgins ruhige Stimme ertönte aus der gesichtslosen Schwärze.

Auf nichts.“ Azrael nahm Murakama und fokussierte seine Energie. Das Blut auf dem Stahl verdampfte, während Wellen dämonischer Macht hindurchfuhren. „Müsst Ihr mich so nennen?“

Das fragst du? Du hast mir eindrucksvoll demonstriert, was du von Ehre hältst!“ Azrael zuckte zusammen, als sich die Krallen des unscheinbaren Vogels in seine rechte Schulter bohrten. Halgin betrachtete ihn aus klugen Augen, während er sich niederließ. „Diesen Titel hast du dir verdient.“

Azrael verdrehte die Augen. „Lasst es uns hinter uns bringen“, murmelte er und sprach ein Wort der Macht. Die beiden grotesken Statuen rotierten langsam um ihre eigene Achse und zogen die schweren Torflügel dabei mit sich. Wachsam trat Azrael ein. Als er Irodeus’ Geist herausgefordert hatte, war er bestens vorbereitet und in Begleitung von Malfegas und Velis gekommen. Nun wusste er nicht, was ihn erwartete.

Der Untergrundsee lag still und glatt da wie eine Glasfläche. Ein fernes Leuchten vom anderen Ufer empfing die beiden. Azrael schluckte. Halgin flatterte nervös mit den Flügeln.

Am Ufer stand eine kleine Gestalt. Als sie näherkamen, erkannte Azrael überrascht Iliana. Sie trug die neuwertige Kleidung eines Pagen der Tempelsöhne und blätterte in einem verstaubten Folianten. Azrael wusste sofort, um welches Buch es sich handelte.

Iliana!“, krächzte mit einem Mal Halgin. Azrael taumelte, als der König sich kräftig von seiner Schulter abstieß. „Iliana!“, rief er erneut. Er landete direkt vor ihr und blickte das Mädchen unverwandt an. Azrael näherte sich langsamer. Er hob Murakama vors Gesicht. Täuschte er sich oder glühten Ilianas Augen rot?

Iliana?“, fragte er leise.

Ein Knall ertönte, als Iliana das Buch zuschlug und sich ihnen zuwandte. Ein Lächeln breitete sich ungewohnterweise auf ihrem jungen Gesicht aus. Azrael konnte sich nicht erinnern, sie je lächeln gesehen zu haben. Als sie sprach, wusste Azrael, wen er vor sich hatte.

Der See Sökkvar“, murmelte Irodeus. „Seit Äonen ein heiliger Ort für jeden Dämon. Berith ermöglicht er, in fremde Träume einzudringen. Mir, in fremde Körper.“

Azrael hob drohend Murakama. „Du!“, schrie er wütend.

Welch ein Schauspiel!“, sprach Irodeus und seufzte theatralisch. „Endlich sind alle Kinder Arions wieder vereint! Nicht wahr, Majestät?“ Dabei betrachtete er Halgin, der entsetzt zurückwich.

Azrael fühlte sich wie von innen ausgehöhlt. „Was?“, flüsterte er.

Man entsinne sich einer Nacht vor fünfzig Jahren, als ein schrecklicher Krieg seinen Anfang nahm“, begann Irodeus. Ilianas Körper vollführte groteske Tanzbewegungen. „Ich erinnere mich an einen mutigen Bruder, der seine neugeborene Schwester einem Fremden übergab …“

Azrael schnappte nach Luft. Seine menschlichen Erinnerungen kehrten mit voller Wucht zurück und ließen ihn erbeben. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Der alte Fischer auf dem Boot, den er vor all den Jahren nach dem Fall Astavals aufsuchen hatte müssen, war der Dämonenkönig selbst gewesen!

Wie kann das sein?“, flüsterte er. „Ihr? Ihr habt mir meine Schwester … ?“

Ilianas Körper nickte grinsend. „Iliana war mein Preis, meine Sklavin und Vollstreckerin, bis dein närrischer Bruder kam und mich in sein Buch sperrte! Glücklicherweise brachte Berith sie schnell genug in Sicherheit. Sie kam zu Arinhild nach Raureif, wo der gute König der Navali natürlich schnell Gefallen an ihr fand. So ein unschuldiges, kleines Würmchen zu retten ist ein gefundenes Fressen für einen derartig ehrenhaften Vogel.“

Ein animalischer Laut löste sich aus Halgins Kehle. Azraels Gedanken vereinigten sich zu einem gewaltigen Wirbel. Er hatte seine Familie für vernichtet gehalten. Nun erfuhr er, dass sowohl sein Bruder als auch seine Schwester noch auf Erden weilten.

Wenn ich das Saskia erzählen könnte … Er würde nie den Blick aufrichtigen Mitleids vergessen, als er ihr vom Tod seiner Geschwister berichtete.

Irodeus lachte wie ein vergnügtes Mädchen. „Ist es nicht melodramatisch? Mein alter Freund Arion wollte sein Volk beschützen. Und was ist aus seinem Plan erwachsen? Sein ältester Sohn verbrennt wehrlose Frauen, sein Jüngster will die Welt beherrschen und seine Tochter ist die Dienerin des Königs von Hornheim! Und alle drei sind Dämonen!“ Ein weiteres Lachen erschütterte die gewaltige Höhle. Wut durchströmte Azraels Adern wie flüssiges Feuer. Er umklammerte Murakama fester. Nur wie sollte er gegen den Dämonenkönig kämpfen, ohne Iliana zu verletzen? Er sah Halgin nervös an. Der König der Navali wirkte ebenso unschlüssig.

Irodeus schien die Situation durchaus zu behagen. Ilianas Körper legte sich auf einen Felsen und ließ vergnügt die Beine baumeln. „Ich muss zugeben, vor meiner psychischen Gefangenschaft hätte ich nie vermutet, euch beide gemeinsam zu sehen. Teshin aus dem entvölkerten Herzogtum und Halgin, der ehrenhafte Vogelkönig … das grenzt an ein Wunder!“ Er breitete die Arme aus. „Ein Wunder, nur inszeniert für meine glorreiche Rückkehr!“

Halgin riss der Geduldsfaden. „Wie kommt es, dass du noch lebst, Irodeus?“, fragte er ungehalten. „Du bist gestorben!“

Irodeus lachte erneut. „Wenn du die traurigen Mordversuche von Arions Söhnen meinst …“

Das tue ich nicht.“ Halgin rührte keinen Muskel. „Ich spreche von damals, in Hrandamaer.“

Stille kehrte ein und die fröhliche Miene auf Ilianas Gesicht wich einer jähzornigen Maske. Azrael sah den vorangegangenen Dämonenkönig verwirrt an. „Halgin, was meint Ihr?“

Es war einmal ein König, der über ein wundervolles Reich herrschte. Aber weil er dem Schicksal trotzen wollte, wurde er zum Dämon und verfluchte sein Heimatland bis in alle Ewigkeit.“ Halgins Augen blitzten. „Nicht wahr, Androg?“

Kurz herrschte Stille. Als der Dämonenkönig erneut sprach, klang seine Stimme dunkel und bedrohlich. „Ja, Halgin. Ich habe mich damals mit letzter Kraft nach Hornheim geschleppt. Meine Götter haben mich zu Gunsten dieses neuen Gottes der Denomination verlassen und ich brauchte ein neues Reich … ein dämonisches, das meinem Geschmack entsprach.“ Er lachte und diesmal wohnte dem Laut nichts Kindliches mehr inne. „Aber das hielt mich nicht davon ab, meinen Machtbereich asuzuweiten.“ Ilianas rot leuchtende Augen wanderten zu Azrael. „Als mich dein Bruder versiegelte, habe ich mich getarnt in die Denomination geschlichen.“, fauchte der Dämon. „Ich war Erzbischof Drogan von Sankt Emerald.“ Ein breites Grinsen spaltete das kindliche Gesicht. „Menschen sind dermaßen vergesslich. Ich musste nur meinen ursprünglichen Namen verdrehen und schon wurde ich vom geächteten König aus den Legenden zum angesehenen Kleriker.“

Azrael hob Murakama. „Also habt Ihr von Anfang an die Fäden gezogen“, flüsterte er. „Ihr habt meinen Vater erst zur Dämonie gebracht, Ihr habt die Denomination manipuliert und den Krieg verursacht. Aber weshalb?“

Irodeus breitete die Arme aus, so als wollte er die gesamte Welt umfassen. „Die Antwort heißt Leid!“ Er lachte erneut und hob dann in gespieltem Ernst den Finger, wobei Grausamkeit Ilianas Augen verdunkelte. „Was würde einen Gott eher auszeichnen, als die Gabe, Leid nach Lust und Laune zu geben und zu nehmen? Meine Kerker waren stets mit Menschen gefüllt und ich habe es genossen, sie zu brechen. Jeder einzelne von ihnen war mein Jünger und ich ihr Gott. Wir lebten damals in einem Mikrokosmos, einer verkleinerten Version unserer wahren Welt. Was ihnen widerfuhr, lag in meinem Ermessen und in meinem Ermessen allein. Jegliche Hybris, jegliche Sünde wider mich, den Heiligsten aller Heiligen, habe ich mit aller Härte bestraft. Nach einem Tag verzweifelten sie, nach einer Woche verfielen sie dem Wahnsinn, nach einem Monat brüllten sie unter der Folter meinen Namen und nach deren zwei sprachen sie Gebete zu mir. Dasselbe wollte ich im Makrokosmos ebenfalls erreichen. Dein Vater ist der Rolle eines Sklaven nahegekommen. Welcher Mensch weiht seine Kinder denn auch einem unbekannten Dämon für die vage Hoffnung, sein Herzogtum zu retten? Ganz genau. Ein Held. Es gab damals viele Helden und ich habe sie alle für mich gewonnen und sie dazu gebracht, sich gegenseitig zu bekriegen. Ihr Wahnsinn war meine Freude, ihre Verluste waren meine Geschenke. Ich will den Menschen Leid und Krieg bringen, auf dass sie mir hörig werden!“ Ilianas Körper keuchte und Schweiß glitzerte auf ihrer Stirn. Irodeus wischte ihn mit einer energischen Handbewegung fort, bevor er erneut zu sprechen begann. „Wie nennst du dich nun? Azrael? Dann hör mir zu. So hättest du dir die Menschen untertan machen sollen. Unter der Folter glaubt ein Mensch an alles, auch an einen Dämon. Aber du wolltest es anders machen. Es steckt zu viel von deinem Vater in dir, du elender Held!“

Azrael wich angeekelt zurück. Auch wenn seine Menschlichkeit unter der Last seines dämonischen Daseins schwand, erschien ihm Irodeus’ Grausamkeit als unbegreiflich. Er selbst hatte auch Leid unter die Menschen gebracht, aber nie allein um des Leides willen. Mit einem Mal kamen ihm Zweifel. Konnte die Zeit einen Dämon zu einem solchen Ungeheuer reifen lassen?

Genug.“ Halgin klang kühl, als er sich vor Azrael stellte. „Drei Könige sind hier versammelt, wir stehen zwei gegen einen. Ich habe nicht die Äonen überdauert, um häretische Gespräche zu führen. Mein Interesse galt stets Hornheims Zerstörung und ich beabsichtige nicht, mein Vorhaben nun aufzugeben!“

Wie nett.“ Irodeus lächelte schmallippig. „Also gehe ich recht der Annahme, dass ihr zwei gegen mich kämpfen wollt?“

Halgin flatterte mit den Flügeln. „Erraten.“

Ilianas Körper zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, Iliana sei Euch mehr wert … aber wenn Ihr darauf besteht …“

Er hatte noch nicht geendet, als drei Lichtblitze die Luft erfüllten.

Azrael fühlte Halgins machtvollen Zauber, während er selbst mit übernatürlicher Geschwindigkeit auf Irodeus zuschoss. Er musste versuchen, Murakama in Ilianas Fleisch zu treiben und dem alten König so seine Magie zu entziehen.

Irodeus aber blieb nicht untätig. Eine elektrisierende Welle dämonischer Energie erfasste Azrael und warf ihn zurück. Kaum landete er mit erhobenem Schwert, folgte ein Feuerstrom. Azrael fokussierte seine magische Macht und umgab sich mit einem Schutzschild aus reiner Energie. Er fühlte, wie Halgin sich an seinen abgeschirmten Rücken duckte.

Als die Flammen zurückwichen, hielt Irodeus mit einem Mal ein Schwert in der Hand. Azrael erkannte es.

Überrascht?“, fragte Irodeus ironisch. „Das ist Abigors Schwert Velfaunir, das nur die ältesten Söhne von Hrandamaer führen dürfen. Eure heidnische Magie kann es nicht aufhalten!“

Obwohl sein klopfendes Herz ihm aus der Brust zu springen drohte, hob Azrael kühl Murakama. „Ihr seid nicht der einzige, der eine heilige Waffe sein Eigen nennt.“

Arions Megingjormar? Berith erzählte mir, du hast ihm einen neuen Namen gegeben. Wie blasphemisch.“

Anstatt mit einer Erwiderung beantwortete Azrael den Satz mit einem Überkopfhieb. Funken sprühten, als die Klingen aufeinandertrafen. Azrael schluckte. Gegen ein Kind zu fechten war ungewohnt.

Irodeus nutzte seine Position und reagierte mit einem schnellen Streich. Azrael parierte, aber der Hieb kam von zu weit unten und die ungewohnte Stellung brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Iliana stürzte blitzschnell vor und Velfaunirs Stahl fuhr durch die magische Barriere in Azraels Oberarm.

Irodeus stieß einen triumphierenden Schrei aus und Azrael brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit. Eilig befühlte er die blutende Wunde. Sie war nicht groß, aber tief. Der geweihte Stahl schien seine Adern berührt zu haben, denn Azrael taumelte mit einem Mal. Die Heiligkeit der Klinge küsste sein Blut und fuhr durch seinen Körper wie reinigendes Feuer. Es schien alles Dämonische aus ihm zu zwingen wollen.

Halgin deckte seinen Rückzug aus der Luft, aber Ilianas kleiner Körper tauchte unter dem magischen Angriff hinweg und attackierte Azrael erneut. Er parierte und verlor beinahe das Gleichgewicht, als er gegen einen aus dem Boden ragenden Stein stieß. Im Nahkampf konnte er dem alten König nichts entgegensetzen. Er musste den Kampf auf magische Weise entscheiden.

Während er sich gegen eine weitere Angriffsserie stemmte, stieß Azrael ein verbotenes Wort der Macht hervor, das den Eingang zu seiner Hölle öffnete. Mit einem Mal befanden sie sich inmitten von Schwefeldampf und magmatischen Quellen. In der Ferne konnte er die Umrisse der von den Menschen gegründeten Stadt ausmachen. Azrael fühlte, wie seine Kräfte zurückkehrten. Dies war sein Reich. Hier war er der einzige König.

Einen Moment lang wirkte Irodeus tatsächlich verblüfft. Azrael erkannte seine Chance und stieß als unmenschlich schneller Schemen mit Murakama zu. Die schlanke Spitze des Schwerts verfehlte Irodeus’ Schulter nur knapp. Der alte König brachte sich mit einer unmöglich weiten Hechtrolle in Sicherheit und entging mit einem lässigen Ausfallschritt Halgins Angriff. Er nutzte Velis’ Zauber, um als kaum zu fassender Schemen auszuweichen.

Dennoch, er wirkte verunsichert. Azrael sah, wie Ilianas dünne Arme zitterten. Gleichgültig, über welche Kräfte Irodeus gebot, er bewohnte den Körper eines Kindes und führte einen Bidenhänder. Selbst erwachsene Männer würden ein solches Gewicht nicht lange ertragen.

Azrael hob Murakama und fokussierte sich. Velfaunirs Kuss forderte seinen Tribut, aber er hielt der Wirkung der heiligen Klinge stand. In einem Zermürbungskampf würde er die Oberhand gewinnen.

Zu einem ähnlichen Schluss schien auch Irodeus zu kommen. Mit einer verächtlichen Bewegung ließ er Velfaunir verschwinden und hielt plötzlich einen Mauritiusstab in der Hand.

Der Choral der sieben Könige“, flüsterte er. „So hat alles begonnen, nicht wahr?“

Ehe Azrael reagieren konnte, begann Ilianas Körper mit glockenheller Stimme zu singen. Heilige Magie sammelte sich um den zierlichen Körper. Azrael erinnerte sich. Dieselbe Kampftechnik hatte Velis in der Gestalt von Medardus gegen ihn und Saskia angewandt. Irodeus jedoch sammelte weitaus mehr Magie, bis ein Nexus aus Heiligkeit sich um ihn legte.

Azraels Barriere glühte auf, als Halgin auf seiner Schulter landete. „Wir müssen von hier weg!“, krächzte der König panisch. „Wenn dieser Angriff uns trifft, werden wir bei lebendigem Leib verbrannt!“

Azrael dachte an Abigors Ableben und erschauderte. Velis’ Zauber in der verfluchten Kirche konnte kaum mit Irodeus’ Nexus verglichen werden. Azrael ballte wütend die Hände zu Fäusten. Ihnen blieb keine andere Wahl. Sie mussten fliehen.

Hastig hob er Murakama, um ein Portal zu öffnen. Er griff tief hinein in das Gebilde der Realität, doch ehe er es entwirren konnte, verschloss es sich ihm mit einem Mal. Entsetzt hielt Azrael inne und betrachtete seine Umgebung. Die Realität verzerrte sich um ihn herum. Irodeus erschuf eine abgegrenzte Welt innerhalb der Welt.

Er benutzt den selben Zauber wie ich damals!“, krächzte Halgin, während der Gesang anschwoll. „Los, kontere ihn, wie du meinen gekontert hast!“

Ich kann nicht!“, erwiderte Azrael hitzig. „Um ein Portal zu meiner Hölle zu öffnen, muss ich außerhalb dieser Hölle sein!“ Sie waren gefangen. Irodeus hatte sie vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Azrael fühlte, wie seine Kräfte ihn verließen. Dies war Irodeus’ Sphäre. Hier besaß der alte König unbegrenzte Macht.

Azrael hörte, wie Halgin einen letzten Segen murmelte, als Irodeus den Choral beendete und seine Umgebung in heiliges Licht tauchte.

Gottes Hammer: Folkvang XVII

Ashaya!“, rief Azrael wütend. Sein Arm zitterte, als er herausfordernd Murakama hob. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

Kurz herrschte Stille. Azrael wog seine Chancen ab. Er könnte Ashaya schlicht ignorieren und nach Hornheim zurückkehren. Doch Irodeus hatte ihm nun schon einmal bewiesen, dass er über seine Portale Macht besaß. Wenn er es erneut versuchte, könnte er vielleicht mitten im Meer landen.

Ein Angebot?“, fragte er gereizt.

Ashaya setzte sich lächelnd auf den Dachfirst und ließ ihre Beine baumeln. Die Symbole auf ihren Schultern glühten.

Es ist ganz einfach. Bleibt hier bei mir, während mein Herr und König zurückkehrt. Danach dürft Ihr ihm gern die Treue schwören – Ihr werdet in Ruhe gelassen und dürft tun, was auch immer Ihr wollt. Indem Ihr Euch unterwerft, werdet Ihr wahre Freiheit erlangen – genau wie ich.“

Malfegas schnaubte und sein Schwanz peitschte wild umher. „Du unterstützt diesen Spinner? Weißt du eigentlich, was er getan hat?“

Ashaya zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ich weiß nur, was er nicht getan hat. Zum Beispiel die Menschheit unterwerfen, um sie vor sich selbst zu beschützen.“ Sie kicherte erneut und die Symbole flackerten wie violette Leuchtfeuer. „Kommt schon, so schlimm ist das auch nicht. Azrael, Ihr dürft Euch gerne ein Königreich der Menschen aussuchen und als Usurpator herrschen. Das ist meinem Herrn einerlei. Er will nur den Thron Hornheims.“

Azrael warf Velis einen besorgten Blick zu. Die mädchenhafte Herzogin zitterte am ganzen Leib. Sie wirkte bleich wie ein Gespenst und schlang die Arme um ihren dürren Körper. Seimos legte stellte sich schützend vor sie und sah Azrael entschlossen an. Er verstand.

Auch wenn sie als Brüder gewisse Differenzen hatten, sie beide verfolgten zumindest ein gemeinsames Ziel. Sie wollten Velis vor ihrem Vater beschützen. Azrael wandte sich wieder Ashaya zu. Ihr herausforderndes Lächeln machte ihn rasend.

Was wird mit Velis geschehen?“, fragte Azrael laut.

Ashaya schob die Unterlippe vor. „Och, das ist eine gemeine Frage.“ Im nächsten Moment schlich sich ein breites Lächeln auf ihr Gesicht und kurz funkelte Niedertracht in ihren großen Augen. „Sie ist des Königs Tochter. Also gehört sie dem König. So einfach ist das.“

Velis erbebte und schmiegte sich an Seimos. Dabei sah sie Azrael flehend an. Betroffen wandte er sich ab. Noch nie hatte er solches Entsetzen in den Augen eines Kindes erblickt.

Und was, wenn ich mich weigere? Wenn ich nach Hornheim zurückkehre und den König erneut töte?“, fragte er.

Ashaya kicherte. „Bitte, öffnet ein Portal! Wo werdet Ihr diesmal landen? In Hrandamaer? In den Ruinen von Astaval? Vielleicht in Folkvang?“ Sie lachte, doch nun hatte der Laut nichts Kindliches mehr. „Eure Bemühungen sind vergeblich. Ihr habt die Schlacht verloren, noch ehe sie begonnen hat.“

Azrael ballte die Hand zur Faust. Er kannte keinen Zauber, der Portale umleiten konnte. Berith hätte ihm mit seinem unfangreichen Wissen in dieser Situation gewiss dienlich sein können. Warum musste er ihn bloß zum Feind haben?

Azrael wagte einen letzten Versuch. „Wie wäre es mit einem Tausch?“

Ashaya legte den Kopf schief. „Ein Tausch?“

Azrael umklammerte Murakama fester. Er hasste es, sich erpressen zu lassen. „Was, wenn ich Berith das gäbe, was er sich wünscht? Wäre das genug, um mir seine Treue zu sichern?“

Ashaya lachte erneut. Tränen entflohen ihren Augen, während sie sich herzhaft auf die Schenkel klopfte.

Beriths größter Wunsch ist es, einen weisen und realistisch denkenden König zu haben!“, frohlockte sie. „Beides Eigenschaften, die Ihr offenbar nicht Euer Eigen nennt!“

Das war zuviel. Azrael knurrte und fühlte, wie seine magische Macht wuchs. Noch war er der König von Hornheim. Er würde sich nicht von einer falschen Heiligen Hrandamaers demütigen lassen.

Wie kannst du es wagen?“, brüllte Malfegas erregt, ehe Azrael handeln konnte. „Wenn du glaubst, dass ich mich Irodeus wieder unterwerfe, hast du dich gründlich getäuscht! Das kannst du ihm ausrichten, wenn ich dich in Einzelteile nach Hornheim zurückschicke!“

Der gewaltige Löwe stemmte sich auf seinen Hinterbeinen empor und beantwortete Ashayas Kichern mit einem wahren Inferno aus Feuer. Beriths Dienerin entkam knapp, aber im nächsten Augenblick erstarrte sie mitten in der Luft. Velis wirkte mit zitternden Händen und wütend zusammengekniffenen Augen ihren Gegenzauber.

Während Ashaya gen Erdboden fiel, stieß sich Azrael vom Boden ab. Seltsame Ruhe überkam ihn und er flüsterte ein Wort der Macht. Wie ein Blitz bewegte er sich auf den durch die Luft gleitenden Körper zu, seine Umgebung verschwamm zu einem Wirbel aus Farben und Murakama glich einem rötlichen Kometen. Im nächsten Augenblick stach er zu wie mit einer Turnierlanze und Ashaya schrie auf.

Der Geruch von Blut hing in der Luft und die Dienerin wand sich am Boden. Azrael flüsterte ein weiteres Wort. Während die Klinge in Ashayas Fleisch steckte, entzog sie den Symbolen auf ihren Schultern die Magie. Im nächsten Augenblick lag die Jungfrau von Hrandamaer als gewöhnlicher Mensch vor ihm auf dem Boden, den rechten Arm mit Stahl auf den Boden genagelt.

Malfegas knurrte zufrieden. Azrael musterte sorgenvoll die Blutspur, die sein abgetrenntes Bein hinterließ. Normalerweise konnten Waffen einem Dämon keine ernstzunehmenden Verletzungen zufügen, aber Abigors heiliges Schwert bildete die Ausnahme.

Ergrimmt beugte sich Azrael zu Ashaya hinab. „Berith hat dich verraten. Er hat dich zum Sterben hierhergeschickt. Du und Abigor, ihr hattet von Anfang an keine Chance gegen uns.“

Zu seiner Überraschung lachte Ashaya laut auf.

Wir haben getan, was wir tun mussten. Und mich werdet ihr so schnell nicht fassen.“

Azrael setzte zu einer Erwiderung an, als ihm eine altbekannte Präsenz den Atem raubte. Sie fühlte sich an wie von einer anderen Welt und schien als kosmischer Arm nach Ashaya zu greifen. Ihr grinsendes Gesicht verschwand in einem Lichtblitz. Murakama traf auf Stein. Die fremde Macht hatte sie binnen eines Augenblicks der Realität entrissen.

Azrael erkannte sie. „Irodeus“, flüsterte er entsetzt.

Malfegas brüllte frustriert und spieh Flammen wie ein Berserker. Velis sank zu Boden, die bleichen Arme vors Gesicht geschlagen. Mendatius zog langsam sein Schwert und Seimos umklammerte den Mauritiusstab.

Wie kann er von Hornheim aus … ?“, stieß der falsche Inquisitor ungläubig hervor. Er führte den Satz nicht zu Ende.

Malfegas tobte weiter, bis er, vom Blutverlust geschwächt, vor Velis’ Hrandar erschöpft zusammenbrach. Die Untoten wechselten unsichere Blicke, während ihre Herrin langsam begann, seine Wunden zu heilen. Rötliches Licht erhellte die Nacht.

Das war’s“, stöhnte Malfegas ermattet. „Hornheim ist mehrere Tagesreisen von hier entfernt. Wir können nie und nimmer rechtzeitig zurück sein.“

Mendatius fluchte verhalten. Seimos strich gedankenverloren über seinen hölzernen Stab. „Wir brauchen einen Plan“, murmelte er. „Wir müssen einen Zufluchtsort finden und unsere Kräfte sammeln. Vielleicht kann ich in Sankt Emerald mit dem Erzbischof sprechen. Als Clavis eines Heeres werde ich ihn mit Sicherheit überzeugen …“

Azrael schnitt ihm mit erhobener Hand das Wort ab, während er gedankenverloren Murakama betrachtete. Er fühlte die magische Macht, die er Ashaya entzogen hatte. Es gab eine Verbindung nach Hornheim. Eine Verbindung zu Irodeus. So gelang es ihr also, ohne Portal zu verschwinden.

Azrael seufzte. Es blieb ein Restrisiko, aber er musste es eingehen.

Es gibt eine Möglichkeit“, sagte er schließlich.

Aller Augen richteten sich auf ihn. Azrael strich langsam über sein Schwert. Die Klinge glomm rötlich.

Ashaya konnte einfach verschwinden, weil sie mit Irodeus verbunden ist. Er verleiht ihr die Kraft für diesen Zauber.“ Er hob das Schwert und sammelte seine Kräfte. „Ich habe ihr einen Großteil ihrer Magie entzogen. Somit existiert nun zwischen Murakama und dem alten König ebenfalls eine Verbindung.“ Azrael betrachtete die Klinge einen Moment lang. Er hoffte inständig, dass seine Vermutung zutraf. „Ich glaube, ich kann diesen Zauber kopieren.“

Kurz herrschte Stille. Malfegas meldete sich als Erster zu Wort.

Willst du … ich meine, wollt Ihr etwa alleine zu Irodeus?“, rief er entsetzt und machte Anstalten, sich zu erheben. Dabei stolperte er und fiel erneut hin. Velis unterband weitere Versuche mit einem strengen Blick.

Für mehrere Personen reicht dieser Zauber nicht aus“, entgegnete Azrael. „Abgesehen davon weiß ich, wo ich weitere Verbündete finden kann.“

Seimos trat vor. Seine lodernden Augen glitzerten unheilsschwanger.

Das kann nicht dein Ernst sein. Irodeus ist zu mächtig.“

Ich habe ihn schon einmal besiegt, Bruder. Und mit Berith werde ich auch fertig.“ Azrael grinste ihn an. „Er mag ja in Sachen Magie ein Meister sein, aber das trifft nicht auf Ashaya zu. Wie ironisch, dass ausgerechnet sie von Freiheit spricht, während sie ständig Magie anwendet, die ihr nicht einmal gehört.“

Er wandte sich ab und hob das Schwert. Die Energie des fremden Zaubers durchfloss seine Adern. „Wünscht mir Glück.“

Tut das nicht!“ Überrascht hielt Azrael inne. Malfegas sah ihn flehend an. Bestürzt sah Azrael Tränen in seinen rötlichen Augen.

Ich bitte Euch“, rief Malfegas. „Ohne Euch bin ich nur ein Tier. Bitte … kehrt lebend zurück. Liefert den Sängern keine weitere Tragödie, die sie grölen können!“

Dann doch noch eher eine Komödie“, entgegnete Azrael lächelnd und wirkte die fremdartige Magie.

Sorgenvolle Blicke musterten ihn, als der König von Hornheim verschwand.

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Heiße Luft empfing Azrael, als er dem Nichts entrann und sich materialisierte.

Unglaublich, es hat funktioniert. Und das sogar ohne Wort der Macht. Ich muss nach diesem Kampf unbedingt Nachforschungen anstellen.

Er befand sich in seiner Hölle, in der er Esben getötet hatte.

Er bereute die Tat. Er war nach ihrem Gespräch vollkommen sicher gewesen, dass der ehemalige Priester als Dämon zurückkehren würde. Aber scheinbar übertraf Esbens Frömmigkeit doch seine Verzweiflung.

Azrael ließ den Blick über seine Umgebung schweifen, um sich zu orientieren. Er entdeckte inmitten giftiger Dämpfe die kleine Höllenstadt. Ein Wort der Macht verkrümmte die von ihm geschaffene Realität und beförderte ihn sofort durch das Tor vor seinen Palast.

Die Menschen ließen sich nicht blicken. Der Hinrichtungsplatz lag verwaist inmitten der kleinen Gebäude. Eine neue Leiche lag dort, an ein Rad gefesselt. Ungoros, der Fleischklumpen, schwebte darüber.

Ungoros!“, rief Azrael. Er war erleichtert, den hässlichen Dämon wohlauf zu sehen. Scheinbar hatte Berith ihm nichts getan. „Was ist hier los? Wo sind die Menschen?“

Ungoros wandte sich langsam um. Obwohl er keine Miene besaß, die Azrael hätte deuten können, erkannte er die Trauer und die Verzweiflung des Dämons. Ungoros stieß einen kaum vernehmlichen Laut aus, der an ein Seufzen erinnerte.

Mein König.“ Die Stimme des Dichters klang merkwürdig dumpf. „Ihr seid zurückgekehrt.“

Alarmiert hielt Azrael inne und sammelte Energie. Hatte selbst Ungoros die Seiten gewechselt?

Es tut mir leid“, klagte Ungoros. Diesmal wob er keine poetischen Ergüsse in seine Worte mit ein. „Ich ertrage diese Menschen nicht mehr länger! Ich weiß, ich enttäusche Euch, ich werde Euch nicht gerecht, aber ich kann nicht der Engel der Verdammnis sein. Diese Hölle ist für mich eine größere Strafe als für ihre Insassen.“

Azrael blieb wachsam. „Also bist du nun für Irodeus als König?“

Ich weiß, er ist ein grässlicher Mann!“, rief Ungoros. „Aber unter seiner Herrschaft konnte ich tagein, tagaus dichten und tun, was mir beliebte. Es tut mir leid, Majestät, aber ich bin nicht der Richtige für die Rettung der Welt. Die Menschen sind mir ein Gräuel! Sie haben mich einst verkannt, gemartert und hingerichtet. Als Dämon bin ich glücklicher denn als Mensch.“

Bestürzung überkam Azrael. „Dann ist dir das viele Leid in der Welt gleichgültig? Ich habe das alles getan, um Menschen, die wie du sind, ein ähnliches Schicksal zu ersparen!“

Die Menschheit wird sich nie ändern“, erwiderte Ungoros. „Sie wird immer Brutalität mehr als Kultur schätzen. Wie viele Gelehrte gibt es und wie viele Soldaten? Nein, ich will mich als Dämon zurückziehen und alle empfangen, die ebenfalls von den Menschen verschmäht wurden!“

Azrael hob ruhig sein Schwert. Die Worte schmerzten ihn mehr, als er zuzugeben bereit war. „Ich verstehe. Ungoros, es steht dir frei zu gehen. Aber wenn du mich an meinem Vorhaben hinderst, muss ich dich töten.“

Kurz schien Ungoros tatsächlich einen Kampf in Erwägung zu ziehen. Doch im nächsten Moment wandte er sich mit einem weiteren Seufzen ab.

Ich hoffe, Ihr werdet Euren Frieden finden, Majestät“, sagte er leise, bevor er ein Portal öffnete und die Hölle verließ.

Der Verlust von Ungoros betrübte Azrael, aber zum Trauern blieb ihm keine Zeit. Irodeus musste seine Ankunft bereits gespürt haben. Es gab nur eine Person, die ihn jetzt noch unterstützen konnte.

Ein weiteres Wort der Macht beförderte Azrael in seinen kirchenähnlichen Palast, ein weiteres in dessen Gruft. Er hatte sie nach seinem Sieg über Irodeus anlegen lassen, als Gefängnis für künftige Feinde. Sie bestand aus Nachtkammern, dunkle Gräber, die ihre Insassen in finsteren Schlaf versetzten. In den steinernen Wänden zeigten düstere Portale den Eingang in immerwährende Träume.

Azrael wagte sich tief in die steinernen Räume vor. Allein das rötliche Licht seiner Augen erhellte die Umgebung spärlich.

Die Dunkelheit erinnerte ihn an das furchtbare Ende seiner Kindheit, an die eine Nacht, die ihn für immer veränderte. Er hatte alles verloren. Seine Eltern, seine Geschwister, sein Zuhause. Seimos nach all den Jahren wiederzubegegnen glich einem Spottgesang des Schicksals. Sein älterer Bruder hatte sich ebenfalls verändert. Sie beide verfolgten edle Ziele und sie beide opferten Menschenleben für die Verwirklichung ihrer Träume.

Sie kamen eben nach ihrem Vater.

Hatte Arion von Astaval nicht immer gesagt, der Wert eines Ritters bestünde in seiner Fähigkeit, sein Wohl dem der Gruppe unterzuordnen? Dies war seine Lebenseinstellung und er erwartete sie genauso von jeder anderen Person. Wie sonst konnte Azrael erklären, dass sein Vater ihn, sein eigenes Kind, zum Dämon gemacht hatte, um sein Herzogtum vor der Pest zu bewahren?

Ohne diesen Entschluss wäre er Teshin geblieben und Irodeus nie begegnet. Er wüsste nichts von Dämonen und von Hornheim. Vermutlich hätte er sich als Greis zur Ruhe gesetzt und würde nun seinen Lebensabend friedlich in Astavals Überresten verbringen. Wahrscheinlich wäre er nie zum Söldner geworden.

Der Gedanke rief ihm Saskias Gesicht in Erinnerung. Saskia … wieso nur hatte er sie getötet, in der Hoffnung, dass sie als Dämon zurückkehren würde? Er unterschied sich kaum von seinem Vater. Nein, er war sogar noch schlimmer. Arion handelte, um sein Herzogtum zu beschützen. Azrael handelte, um die Menschheit gegen ihren Willen zu versklaven. Behielt Ungoros nicht recht? War es wirklich klug, die Menschen ihrer Natur zu berauben?

Er war nun vor der tiefsten Nachtkammer angelangt. Mächtige Runen umgaben ihr schwarzes Doppeltor, auf dem eine grauenerregende Fratze Wache hielt. Langsam hob Azrael eine Hand und fokussierte seine magische Macht. Das Siegel zu erschaffen hatte viel Kraft gekostet. Es zu entfernen forderte sogar noch mehr Energie.

Ein Nexus aus Macht legte sich um ihn, Blitze zuckten und er hob Murakama. Die heilige Magie des Schwertes paarte sich mit seiner dämonischen Macht wie mit einem verloren geglaubten Bruder. Azrael vernahm ein Brüllen, das er als sein eigenes identifizierte. Im nächsten Augenblick erklang ein lautes Knacken, so als ob Stein zerbräche, und das Tor schwang auf. Schwarzer Nebel füllte den Gang. Azrael rümpfte die Nase. Als Dämon besaß er eine gewisse Immunität gegen dessen einschläfernde Wirkung, aber er nahm dennoch den stechenden Geruch wahr.

Eine kleine Gestalt regte sich in der Nachtkammer. Azrael räusperte sich. Wie sollte er sich bloß erklären?

Er wollte ihm würdevoll als König gegenübertreten, aber die Ereignisse der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Azrael sank auf die Knie, die Hände in den Staub gepresst.

Ich brauche deine Hilfe“, sagte er schließlich.

Das überrascht mich nicht.“ Zu Azraels Überraschung klang die Stimme eher traurig als wütend. „Aber glaube nicht, dass ich deinen Thron verteidige. Ich habe die Zerstörung Hornheims noch nicht aufgegeben. Mein Feind ist Irodeus.“

Azrael neigte leicht den Kopf, als sein alter Verbündeter mit den Flügeln schlug.

Ich danke dir, Halgin.“

Gottes Hammer: Folkvang XVI

Velis erstarrte. Eine längst vergessene Präsenz erhob sich.

Vater.

Ihre zitternden Finger wanderten zu dem Sklavenmacher um ihren Hals. Nie würde sie den Schmerz vergessen, aus dem ihr Leben in jenen Tagen bestanden hatte.

Die meisten Menschen hinterfragten die Möglichkeit, im strahlenden Sonnenschein einen Spaziergang zu unternehmen, kaum. Doch für Velis würde dies immer eine Besonderheit bleiben. Ihr Blick streifte Seimos, der seinen Bruder ernst musterte. Ihr erster Spaziergang mit ihm hatte sich wie der Beginn eines neuen Lebens voller Schönheit angefühlt.

Doch nun würde er ihr wieder alles nehmen. Sie wusste es. Gegen ihren Vater konnte sie noch nie bestehen. Er würde siegen und sie erneut an seinen Thron ketten, während die Schreie seiner zahlreichen Sklaven ihre Ohren erfüllten. Sie hörte sie in diesem Moment, diese nackten, sich krümmenden Gestalten. Ihre qualvoll zuckenden Glieder suchten sie noch heute in ihren Träumen heim.

Velis sah Azrael an. Zum ersten Mal erblickte sie Angst in seinen rot leuchtenden Augen. Ohne sie zu beachten griff er nach Murakama.

Plötzlich erschütterte ein Beben den Untergrund. Velis taumelte und vergrub ihre Finger in Malfegas’ Fell, der nervös knurrte. Azrael zog blank und Seimos musterte wachsam ihre schattenhafte Umgebung.

Ich würde sagen, die Auferstehung hat begonnen“, sagte der Inquisitor ernst. Seine Finger umklammerten den schlichten Mauritiusstab fester. „Wir haben keine Wahl, Teshin. Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir Irodeus besiegen wollen.“

Das hast du von Beginn an so eingefädelt, nicht wahr?“ Azrael wirkte eher bestürzt als wütend. „Wenn du mich vorgewarnt hättest …“

Du hättest mir nicht geglaubt. Abgesehen davon können wir Irodeus nicht für immer in einem Buch gefangen halten. Jedes Gefängnis wird einmal brüchig, auch ein magisches, Teshin.“

Mein Name ist Azrael“, knurrte der neue König, als ein neuerliches Beben die Erde erschütterte. Dunkle Wolken sammelten sich am Himmel. Velis schluckte. Rote Blitze zuckten am Horizont.

Was schlägst du vor?“, fragte Malfegas den Inquisitor.

Seimos seufzte. „Meine Tempelsöhne werden uns kaum von Nutzen sein. In den engen Räumen Hornheims entscheidet die Qualität des Einzelnen die Schlacht. Mendatius und ich werden euch zum unterirdischen See begleiten. Wir müssen die Schlacht beginnen, ehe er seine Kräfte sammeln kann.“ Er legte eine kurze Pause ein. „Wo ist Esben?“

Velis warf einen Blick auf Azrael. Der König wirkte zerknirscht. „Ich habe ihn getötet. Er wird als Dämon zurückkehren, dessen bin ich mir sicher.“

Seimos nickte langsam. „Falls das zutrifft, wird er uns in den ersten Stunden seines neuen Lebens kaum von Nutzen sein. Wir müssen schnell handeln.“ Er sah seinen Bruder an. Obwohl sich ihre Farbe verändert hatte, erkannte Velis die altbekannte Entschlossenheit in seinen lodernden Augen.

Kannst du uns nach Hornheim bringen?“, fragte Seimos.

Azrael nickte knapp. „Was ist mit deinen Tempelsöhnen? Lässt du sie einfach allein?“

Seimos’ Lippen kräuselten sich. „Was ist mit deinen Dämonen? Nimmst du sie nicht mit?“

Azrael seufzte. Velis erriet seine Gedanken. Wer konnte schon erahnen, wie weit Beriths Einfluss geraten war? Möglicherweise gab es noch weitere Dämonen in Hornheim, die Irodeus als König vorziehen würden.

Vergiss es, Seimos.“ Azrael hob Murakama und ein Blitz zerteilte die Luft. Langsam bildete sich am Rand der Lichtung ein Portal. „Ich vertraue nicht jedem hier. Wir müssen das alleine hinbekommen.“

Seimos nickte lächelnd. „Kaum zu glauben, dass wir noch einmal miteinander kämpfen würden, nicht wahr? Schließlich hast du mich umgebracht.“

Du hast es auch verdient.“

Du ebenfalls.“

Velis folgte den Brüdern unter die Nadelbäume. Wie ein stummer Schatten tauchte Mendatius neben ihr auf. Velis hatte den alten Tempelsohn lange genug gekannt, um seine grimmige Entschlossenheit zu bemerken. Malfegas schnaubte.

Das wird noch einmal wie in alten Zeiten, richtig?“, lachte der gewaltige Löwe.

Mendatius schnaubte, jedoch milderte sein funkelnder Blick die Geste.

Einen besseren Lebensabend kann sich ein alter Ritter nicht wünschen“, brummte er.

Velis teilte ihre Sicherheit nicht, als sie durch das Portal schritten. Hinter ihrer ruhigen Miene verbarg sie aufkeimende Panik.

Was zur Hölle?“

Als sich das Portal schloss, standen sie nicht in Hornheim. Stattdessen erhoben sich große Häuser um sie herum. Sie befanden sich auf einem weitläufigen Marktplatz, in dessen Zentrum sich eine Tribüne erhob. Velis erkannte ein prunkvolles Rathaus und einen unheilsschwangeren Kerker. Sie entdeckte keine Menschenseele. Sie waren allein.

Sind wir hier in Aminas?“, fluchte Malfegas. „Was soll das?“

Seimos schwieg. Seine Finger glitten über den Mauritiusstab. Mendatius zog sein Langschwert. Velis’ Finger wanderten erneut zu dem Sklavenmacher. Sie zuckte zusammen, als die feinen Stacheln die Haut berührten.

Einzig Azrael ergriff das Wort. „Mein Portal wurde umgeleitet“, stieß er hervor. „Aber wie … ?“

König Azrael!“, rief eine laute Stimme.

Sie fuhren herum. Vor einer kleinen Nebenstraße stand, das lange Breitschwert drohend erhoben, Abigor von Hrandamaer. Das fahle Mondlicht tanzte auf seiner reich verzierten Augenklappe.

Abigor.“ Azraels Stimme nahm bestialische Züge an. Velis erinnerte sich, dass Hrandamaer im fünfzigjährigen Krieg Astavals Untergang herbeigeführt hatte. Die Nachkommen der einst so stolzen Herzogtümer standen noch immer in erbitterter Fehde miteinander.

Seimos trat vor und musterte Abigor mit zusammengekniffenen Augen. „Was tut Ihr hier, Abigor? Warum seid Ihr nicht im Lager und unterstützt die unerfahreneren Tempelsöhne?“

Abigor warf den Kopf in den Nacken und stieß ein grässliches Lachen aus, das Velis das Blut in den Adern gefrieren ließ. Genauso hatten die Knechte gelacht, als sie sie vor langen Jahren mit dem Brandeisen marterten.

Lasst uns mit offenen Karten spielen, Seimos.“ Abigor wuchtete das gewaltige Schwert auf seine Schulter. Ein breites Grinsen spaltete sein grobschlächtiges Gesicht. „Ich bin hier, um einen Dämonenkönig zu töten.“

Ich auch.“ Seimos zuckte nicht mit der Wimper.

Zu schade.“ Abigor seufzte. Wahnsinn glitzerte in seinem verbliebenen Auge. „Ich kann euch allen nicht erlauben, meinen Meister zu stören.“ Langsam deutete er eine Duellverbeugung an.

So einfach verratet Ihr Eure Eide?“, rief Seimos überrascht. „Ich hielt Euch immer für einen Narren, aber immerhin für einen frommen. Ihr überrascht mich.“

Abigor lachte erneut, aber diesmal schlich sich Trauer in seinen müden Blick.

Das kann nur ein Sprössling Arions von Astaval sagen. Dieser elende Bastard war so darauf versessen, das Richtige zu tun, dass er sogar seine eigene Familie opferte. Oder etwa nicht, Teshin? Bist du nicht einem Dämon geweiht?“ Azraels Züge verhärteten sich. Velis betrachtete beunruhigt, wie sich eine kaum erkennbare Aura der Macht um den König legte, während seine Lippen wie Lefzen die Zähne entblößten.

Abigor griff mit seiner freien Hand nach der Augenklappe. Als er sie sich vom Gesicht riss, erkannte Velis die grässliche Wunde. Sie wirkte wie ein verkrusteter Krater, der sich unaufhaltsam in das weiche Fleisch gegraben hatte.

Glaubt mir, Seimos, ich habe alles erfahren. Ich weiß Dinge, die meinen Glauben zerstört und mein Leben in ein Spottgebilde verwandelt haben. Soll ich Euch etwas verraten? Ich scheiß auf die Denomination. Ich scheiß auf den Kampfesruhm. Berith allein kann mir Freiheit geben und nur das will ich!“

Noch ehe er geendet hatte, färbte sich sein verbliebenes Auge rot und ein bestialischer Schrei löste sich aus der Kehle des Ritters. Velis erinnerte sich, dass in den Adern der Ritter von Hrandamaer dunkles Blut floss, das ihnen nachts mehr Kraft gewährte.

Abigor erblickte Velis, nahm Anlauf und stieß sich kräftig vom Boden ab. Instinktiv ließ sie ihre dämonische Macht durch ihre Adern jagen und wich wie ein Schemen zur Seite aus. Eine Staubwolke erhob sich, als der kalte Stahl in den steinigen Untergrund fuhr. Velis’ Herz klopfte so stark, als würde es jeden Moment aus der Brust springen wollen.

Das ist lächerlich, Abigor!“, rief Seimos. Sorge spiegelte sich in seinen blutroten Augen und strafte seine Worte Lügen.. „Ihr habt keine Chance!“

Malfegas reagierte wortkarger. Ehe Abigor sein Schwert aus dem Boden befreien konnte, setzte der gewaltige Löwe zum Sprung an. Seine roten Augen glitzerten mordlustig und rotes Licht umhüllte die gekrümmten Pranken.

Plötzlich erschien ein ähnliches Licht vor Abigor. Malfegas prallte überrascht davon ab und landete fauchend auf dem Boden.

Ein Halbblut kann niemals Dämonenmagie einsetzen!“, knurrte er. „Sag, wer hilft dir?“

Abigor beantwortete die Frage mit einem weiten Schwerthieb. Malfegas bildete selbst eine Barriere, als die Klinge ihn zu erreichen drohte. Aber anstatt abzuprallen fuhr der Stahl hindurch wie durch Luft.

Blut spritzte und Malfegas heulte auf. Velis schlug entsetzt die Hände vor den Mund. Das Schwert hatte ihm ein Vorderbein abgetrennt.

Kommt ihm nicht zu nah!“, rief Seimos. „Das scheint die Klinge Velfaunir zu sein! Dämonische Magie wird sie nicht aufhalten!“

Erzähl mir was Neues!“, brüllte Malfegas und spie Feuer. Schnell wich Abigor mit einem Ausfallschritt vor den fauchenden Flammen zurück. Trotz des gewichtigen Schwerts bewegte er sich leichtfüßig über die schmutzigen Pflastersteine.

Schock durchdrang Velis wie ein Blitz. Sie konnte sich nicht erinnern, je in Lebensgefahr geschwebt zu haben. Stets umwölkte das unumstößliche Wissen ihren Verstand, dass ihre Magie jedem menschlichen Versuch, sie zu töten, Einhalt gebieten würde. Dieses Schwert degradierte sie zu einem unscheinbaren Mädchen, das jeder Hieb zu Fall bringen könnte.

Doch ihre Angst verwandelte sich schnell in Wut. Sie fühlte, wie der Sklavenmacher gegen ihre Magie aufbegehrte, aber sie war nicht mehr das hilflose Mädchen in Ketten. Sie war eine Herzogin Hornheims, eine Beraterin Azraels. Sie würde sich vor keinem Tempelsohn Blöße geben.

Zeitgleich mit Mendatius sprach sie ein Wort der Macht.

Der Greis hüllte sein Breitschwert in heiliges Licht und formte vor sich in der Luft eine Rune der Alten Sprache, die verheißungsvoll glomm. Velis’ Macht erschuf einen Abglanz der Finsternis um ihre Füße, einen giftigen Sumpf, geboren aus ihrer ketzerischen Existenz. Zufrieden sah sie, wie bleiche Hände aus dem dunklen Untergrund schossen. Ihre Hrandar versammelten sich.

Abigor machte Anstalten, Malfegas zu enthaupten, aber in einem scharlachroten Blitz drängte sich Azrael zwischen sie. Der Dämonenkönig deckte Abigor mit einer Reihe schneller Hiebe ein, die den Tempelsohn straucheln ließen. Zeitgleich begann Seimos einen Choral. Heilige Magie sammelte sich um den dämonischen Inquisitor und hüllte ihn in einen Kokon aus Licht.

Zu Diensten“, grüßte Berengar, während er sich mit den übrigen wandelnden Toten aus dem Untergrund erhob. Velis atmete tief durch. Seine Anwesenheit beruhigte ihn.

Helft Malfegas!“, befahl sie dreien der Toten. Berengar nickte sie zu. „Triff ihn von hinten.“

Berengar nickte grinsend. „Verstanden.“

Velis vollführte eine kurze Geste und verschleierte Berengars Gestalt. Als Schatten glitt er über den Boden, während Mendatius sich zu Azrael gesellte und Abigor von seiner blinden Seite attackierte.

Der Ritter von Hrandamaer brüllte wütend auf, als die beiden ihn weiter zurückdrängten. Zudem fühlte Velis, wie Azrael Magie für seinen Höllenzauber sammelte.

Dieser Kampf war entschieden.

Kurz erlangte sie ihre einstige Sicherheit wieder, als plötzlich ein Lichtblitz die Welt teilte.

Azrael hielt der Entladung mit erhobenem Schwert stand, aber Mendatius leuchtende Rune zerstob in Funken. Der alte Ritter taumelte und fiel zu Boden. Abigor lachte triumphierend. Stahl traf auf Stahl, als er Azrael attackierte.

Jemand hilft ihm, begriff Velis. Mit geschärften Sinnen untersuchte sie die Umgebung. Sie konnte niemanden spüren.

Vater? Bist du das?

Die Frage blieb unbeantwortet. Ergrimmt sprach Velis ein Wort der Macht und Berengar stürzte sich aus dem Schatten auf Abigor.

Erneut erhellte ein Blitz den Marktplatz und der Hrandar sank besinnungslos zu Boden.

Es kam aus dieser Richtung!“, schrie plötzlich Malfegas. Der verletzte Löwe erhob sich auf seine Hinterbeine und spie ein Wort der Macht aus. Feuer schoss aus seinem Maul und verbrannte einen leeren Pferdestall zu Asche. Velis erkannte einen schwarzen Schemen, der mit unmenschlicher Geschwindigkeit in das nächste Gebäude auswich.

Wer auch immer das ist, er verwendet meinen Ausweichzauber. Es gibt nur eine Person, die ihn lehren kann.

Malfegas erzeugte einen weiteren Feuerstrom, während Azrael und Abigor miteinander fochten. Velis erkannte ihre Chance und lief schnell zu Mendatius, um ihm aufzuhelfen.

Danke“, stöhnte der alte Ritter. Velis erkannte keine Verletzungen. Der Blitz schien ihn jedoch etwas konfus gemacht zu haben, denn er konnte nur beschwerlich ein Bein vor das andere setzen und hielt die Hand vor sich gestreckt wie ein Blinder. Velis sammelte all ihre magische Macht. Sollte Abigors rätselhafter Verbündeter auch sie angreifen, musste sie vorbereitet sein.

Ihre Hrandar standen wachsam um Malfegas, während dieser das Rathaus in Brand steckte. Velis sah geschmolzenes Gold und wertvolle Marmorstatuen, die sich in einer unförmigen Masse schwelender Materialien dem Erdboden zuneigten. Der Hass auf den dekadenten Bürgermeister im Volk verwunderte sie nun nicht mehr.

Wieder entkam der Schemen. Doch diesmal war Velis vorbereitet. Sie hob die Hand und rief ein Wort der Macht. Der Schemen strauchelte und fiel zu Boden. Mit triumphierendem Geheul setzte Malfegas nach, ihre Hrandar folgten ihm dicht.

Im nächsten Moment beendete Seimos seinen Choral. Ein Konglomerat heiliger Magie erfüllte den Marktplatz. Kurz glaubte Velis, himmlischen Gesang zu vernehmen. Eine Aura aus Frieden und Heiligkeit regierte die einstige Versammlungsstätte und fror die Zeit ein. Die Welt und ihre Bewohner schienen stillzustehen, um sich in frommer Eintracht im Gesang zu vereinen.

Im nächsten Augenblick zerstob die Vision und reinigendes Licht schoss aus dem Mauritiusstab wie weißes Feuer. Der Angriff erfasste Azrael und Abigor mitten während ihres Duells. Die Barriere des Dämonenkönigs hielt stand. Abigors Schutz hingegen schmolz wie Butter in der Sonne.

Das Schwert Velfaunir nahm einen großen Teil der heiligen Magie in sich auf, doch der Rest traf Abigor ohne Hindernis. Sein Harnisch schützte den hünenhaften Oberkörper, aber das heilige Feuer stürzte sich hungrig auf Abigors freiliegenden Kopf. Das rötliche Auge zerfloss zu Schlacke, während ihm das Schwert aus der Hand glitt. Einen Augenblick lang stand Abigor wie eine Statue auf den Pflastersteinen, unbändiges Entsetzen im Gesicht. Dann ergriff der Wahnsinn den Ritter und Bischof, als die Macht der Denomination eben jenen verschlang, der sie zu beschützen geschworen hatte.

Unter lautem Geschrei rannte er an Azrael vorbei gegen die Mauer des Kerkers, taumelte blind gegen die Tribüne und sprang in unmöglichen Verrenkungen umher, während sich seine zuckenden Gliedmaßen dem Mond entgegenstreckten. Velis sah fassungslos, wie Abigor von Hrandamaer schließlich zu Boden fiel und sich sein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Gesicht vor der Ewigkeit verneigte.

Mit klopfendem Herzen wandte sich Velis ab. Sie empfand Mitleid mit dem verzweifelten Ritter. Ein solches Schicksal sollte kein Mensch teilen.

Ihr blieb keine Zeit zum Trauern. Malfegas stürzte sich auf die schwarz gekleidete Gestalt, die Velis’ Gegenzauber aus der Luft geholt hatte. Doch bevor das Maul des Löwen sich schloss, wich sie katzengleich nach links aus, erklomm in Windeseile die Mauer des Kerkers und hielt auf dem Dach inne.

Erst jetzt erkannte Velis das grinsende Gesicht.

Ashaya!“, rief Azrael wütend und hob herausfordernd Murakama. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

Gottes Hammer: Folkvang XV

Es waren Jahrzehnte vergangen, seit Azrael dieses Gesicht erblickt hatte. Dennoch erkannte er es sofort wieder. Die unverwechselbaren, fein geschnittenen Züge, die denen seines Vaters glichen, der leicht schmunzelnde Mund, die zusammengekniffenen Augen, in denen sich überwältigende Kühnheit mit lodernder Entschlossenheit paarte … es konnte kein Zweifel bestehen. Auch wenn die Zeit sein Haar gebleicht und seine Züge erweicht hatte, vor ihm stand sein totgeglaubter Bruder Seimos von Astaval.

Azrael taumelte. Er hörte, wie Malfegas aufkeuchte und wandte sich zu Velis um. Die Dämonin wich seinem Blick aus. Hatte sie etwa von Medardus’ wahrer Identität gewusst?

Seimos schien seine Gedanken zu erraten. „Gib nicht ihr die Schuld. Ich habe ihr meine Identität nie enthüllt. Zumindest nicht bewusst.“ Er trat einen Schritt näher und breitete seine Arme aus. „Teshin! Es ist so schön, dich wiederzusehen! Du hast dich kaum verändert!“ Ein Anflug von Spott begleitete die Worte.

Azraels Herz raste. Die Konfrontation verlief entschieden anders, als er geplant hatte. Er räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Er durfte keinesfalls die Fassung verlieren.

Du hast gesagt, du hättest die Denomination betrogen“, hob er an, ohne auf Seimos’ rührselige Worte einzugehen. „Aber allerorts spricht man von deiner Tapferkeit und Tugend. Und davon, dass du der erfolgreichste Hexenjäger seit Erzbischof Drogans Zeiten bist.“ Er konnte die Bitterkeit nicht aus seiner Stimme verbannen. „Weißt du, was Leute wie Esben deinetwegen durchmachen mussten?“

Seimos ließ die Arme sinken und das angedeutete Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Trauer furchte seine Miene. Er musste bereits ein Greis gewesen sein, als sich die Verwandlung zum Dämon vollzog. Azrael konnte kaum glauben, dass ein geachteter alter Mann, noch dazu ein von der Denomination unterstützter Kleriker, willentlich einen solchen Pfad beschritt.

Kurz herrschte Totenstille. Nur das Krächzen einiger ferner Navali erklang auf der Lichtung. Nicht zum ersten Mal fragte sich der Dämonenkönig, ob sie trotz Halgins Abwesenheit ihre besondere Intelligenz beibehalten hatten.

Schließlich seufzte Seimos und schüttelte den Kopf, so als wollte er eine unangenehme Erinnerung verscheuchen. „Glaube mir, ich habe es nicht gern getan. Im Gegenteil. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Das Volk glaubt an Hexen. Es schreit nach deren Blut. Die Menschen wollen Sündenböcke und sie wollen sie leiden sehen. Sie verstehen das Konzept von Magie nicht und erzählen sich stattdessen Geschichten von alten Weibern, die Unzucht treiben und mit ominösen Zaubertränken das Wetter beeinflussen. Wenn wir ihnen die Entscheidung überließen, wer zu verbrennen und wer zu verschonen ist, wie lange würde es dauern, bis allüberall Selbstjustiz herrscht? Es wäre wieder wie zu Beginn des Krieges, als falsche Hexenjäger die Städte terrorisierten und vor nichts Halt machten, um ihr Vermögen zu mehren.“

Dennoch!“ Azrael hob die Stimme. Er fühlte, wie seine Fäuste zu zittern begannen. „Du hast Unschuldige getötet! Du hast sie bei lebendigem Leib den Flammen übergeben!“

Seimos zuckte zusammen, so als hätte ihn jemand geschlagen. Aber im nächsten Moment kehrte die Sicherheit in seinen Blick zurück und er atmete tief durch.

Teshin … oder soll ich dich Azrael nennen? Wie stellst du dir einen Helden vor?“

Azrael bedachte seinen Bruder mit einem wütenden Blick. „Du weißt, was ich vorhabe. Ich betrachte denjenigen als einen Helden, der die Herde behütet und sie zähmt, der sie beherrscht und im Zaum hält. Er soll ihre Aggressionen nicht stützen, sondern ausmerzen!“

Der Anflug eines Lächelns entstand auf Seimos’ Gesicht. Doch diesmal schlich sich Verzweiflung in seine roten Augen. „Du wirst schon bald merken, dass das nicht möglich ist. Wer auch immer den Menschen erschaffen hat, er hatte einen sehr eigenartigen Sinn für Humor. Wir werden stets Hass und Wut empfinden und stets ein Ziel für beides brauchen. Ich gebe den Menschen ein Ziel, aber ich sorge dafür, dass ihre Wut kontrolliert zu Tage tritt und den kleinstmöglichen Schaden anrichtet. Ja, ich bin ein Mörder. Ja, ich bin ein Sünder. Aber letztlich bin ich auch ein Heiland, denn ich nehme die Sünden der Menschen auf mich. Ich werde zur Personifikation der Sünde, ich schlachte für die Menschen, ich bin das grauenerregende Idol des Hasses. Wenn die Leute verstehen, was sie wahrhaftig getan haben, wenn ihnen wirklich klar wird, dass sie eine unschuldige junge Frau dazu verdammt haben, unter grässlichen Qualen auf dem Scheiterhaufen zu sterben, während sie sich die schmelzende Lunge aus dem Leib brüllt, … ja, dann bin ich hier, um zum Sündenbock zu werden. Glaube mir, es gibt nichts, was ich mehr begehre.“

Azrael schwieg, während er die Worte sacken ließ. Er betrachtete Seimos genau. Sein Bruder musterte ihn mit der überwältigenden Sicherheit eines Mannes, der mit seinem Gewissen vollkommen im Reinen war. Seimos schien nicht daran zu zweifeln, das Richtige getan zu haben.

Bist du deshalb ein Dämon geworden?“, fragte Azrael leise.

Seimos neigte zustimmend den Kopf. „Mein Platz ist nicht im Himmel. Ich muss hier sein, auf der Erde. Ich muss den Menschen ein Feind und ein Heiliger sein, um ihre Ausschreitungen zu überwachen. Das ist mein Lebenszweck. Aber ich habe auch noch einen anderen.“ Er atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Teshin, ich bin nicht deinetwegen nach Hornheim aufgebrochen. Ich bin hier, um den Dämonenkönig zu erschlagen.“

Azrael schüttelte verwirrt den Kopf. Scherzte sein Bruder? „Ich bin der Dämonenkönig, Seimos!“

Der Inquisitor schüttelte den Kopf und trat einen Schritt vor. Seine roten Augen loderten wie blutige Flammen.

Ich spreche vom wahren König. Von Irodeus.“

Kurz herrschte Stille. Dann brach Malfegas plötzlich in nervöses Gelächter aus. Rauch stob aus dem Maul des monströsen Löwen.

Du bist zu spät gekommen, Medard – … ich meine, Seimos!“, rief er. „Wir haben ihn längst erledigt!“

Azrael nickte. „Seimos, ich weiß, du hast vor vierzig Jahren gegen Irodeus gekämpft und Velis befreit. Du hast ihn damals nur versiegelt, das ist richtig. Irodeus’ Seele ist danach in den See Sökkvar geflohen, aber ich habe ihn vor einigen Monaten vernichtet. Er ist nicht mehr.“

Nun war es an Seimos zu lachen. „Hat dir Berith das erzählt? Ich fürchte, du wurdest in die Irre geführt.“

Azrael straffte sich. „Wie meinst du das? Ich habe deutlich gespürt, wie Irodeus’ Seele von dieser Welt verschwand!“

Ja, ein Teil von Irodeus’ Seele“, entgegnete Seimos. „Der andere Teil befindet sich in Esbens Buch.“

Azrael starrte Seimos schockiert an. Er fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. „In Androgs Folianten? Aber …“ Seine Gedanken rasten. „Esben war doch in deinem Lager! Wieso hast du nicht … ?“

Seimos schüttelte den Kopf. „Glaubst du, ich wollte Irodeus mitten im Lager bekämpfen? Du wirst es nicht wissen, aber die glorreichen Tage der Tempelsöhne sind vorbei. Könnten sie den Dämonenkönig besiegen? Wahrscheinlich. Würde es viele Opfer geben? Mit Sicherheit. Ich habe zugelassen, dass Esben betäubt und nach Hornheim entführt wird, weil ich wusste, dass Berith sich diese Chance, seinen wahren Meister wiederzubeleben, nicht entgehen lassen würde. In Kürze wird Irodeus wiederauferstehen und dann müssen wir beide, du und ich, zusammenarbeiten, um unser Ziel zu erreichen.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Berith ist absolut loyal! Er würde doch niemals diesen Verrückten …“

Nicht? Vergiss nicht, unter Irodeus genoss jeder Dämon vollkommene Freiheit. Berith konnte forschen und Sitraxa konnte foltern. Aber dann bist du gekommen und hast Ordnung in das Chaos gebracht.“ Seimos seufzte. „Nicht wahr, Malfegas?“

Der Löwe wirkte nun nicht mehr amüsiert. Sein schlangenartiger Schwanz peitschte wild umher.

Es ist wahr“, knurrte Malfegas. „Freiheit ist Berith wichtiger als alles andere.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht. Gerade ein akurater Gelehrter wie er …“

Seimos lächelte. „Wissenschaft und Kunst können mit Einschränkungen nun einmal nicht florieren. In deiner absoluten Gottesmonarchie ist kein Platz für Visionen, Bruder.“

Azrael setzte zu einer wütenden Erwiderung an, als sich plötzlich eine unheilige Präsenz erhob. Er schnappte nach Luft und fasste sich an die Brust. Sein Herz schien von eiskalten Klauen zerrissen zu werden.

Es ist Zeit, hauchte die Stimme in seinem Kopf hämisch.

Mit einem Mal kannte Azrael ihre Herkunft.

Du! Wieso lebst du noch? Ich habe dich vom Antlitz dieser Welt gebrannt!, rief er in Gedanken verzweifelt.

Man kann Feuer nicht mit Feuer bekämpfen. Das ist nur eine der zahlreichen Lektionen, die du noch lernen musst.

Azrael griff mit zitternden Fingern nach Murakama. Ehe er die Klinge aus der Scheide befreien konnte, begann die Erde zu beben.

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Esben schlief. Friede umhüllte ihn wie ein seidenweiches Leichentuch. Kein Traum suchte ihn heim. Keine Erinnerung knechtete ihn. Er besaß das Privileg, allein und ohne Bürde im Nichts zu existieren.

Mit einem Mal spaltete ein Lichtstrahl sein Bewusstsein. Bilder erfüllten Esbens Verstand. Er sah seine Schwester, die frommen Gesichter seiner Gemeinde in Aminas, Teshin und Saskia auf ihren Eseln, den Inquisitor Medardus und schließlich die unerbittlichen Schreie der wütenden Menge. Er sah den ketzerischen Folianten, Halgin und Iliana, den Eingang Hornheims, Sitraxas Kerker und Velis’ schreckliches Herzogtum. Das Lager der Tempelsöhne und Azraels Hölle folgten. Und am Schluss stand der Schmerz der Erkenntnis, dass es nie Frieden geben konnte. Das Bild, als Azrael ihn mit Murakama durchbohrte, ließ ihn erbeben.

War er tot? Befand er sich auf dem Prüfstand oder wurde er gerade in die Hölle geworfen? Verwandelte er sich in diesem Moment in einen Dämon?

Ehe er den Gedanken zu Ende geführt hatte, fühlte er ein verführerisch glimmendes Licht am Rande seines Bewusstseins. Obwohl er es nicht sah, spürte er die warme rote Farbe und fühlte sich von ihr angezogen. Ohne ein Gefühl für den Raum zu besitzen, kam er dem Licht näher und streckte etwas aus, das einem Arm wohl am nächsten kam. Ungeahnte Macht durchströmte ihn.

Doch plötzlich hauchte ihm eine Stimme ein Wort ins Ohr. „Nicht!“

Esben kannte sie. Er hatte sie vor langer Zeit gehört.

Wie auf Befehl ließ er von dem roten Licht ab. Sein verführerisches Glimmen erschien ihm nun heuchlerisch und voller Niedertracht. Dort wartete nur ein Leben voller Hass und Gewalt auf ihn.

Stattdessen begab er sich zu der Stimme und ehe er sich versah, erwachte er.

Das Gefühl kehrte nur langsam in seine schmerzenden Gliedmaßen zurück. Mühselig setzte sich Esben auf.

Er befand sich in einer kreisrunden Halle ohne Wände. Prächtige Säulen stützten eine vielfach verzierte Decke. Fresken stellten einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen dar. Er glaubte, darin eine Szene aus dem Epilog von Sankt Esbens Bußlehre zu erkennen.

Ein Windstoß fegte durch die Säulen und Esben erschauderte. Nicht wegen der Kälte, sondern aufgrund der überwältigenden Präsenz, die vor ihm stand.

Eine hochgewachsene Frau in einem Harnisch aus Mondlicht mit gespreizten Flügeln war in der Mitte der Säulenhalle aufgetaucht. Sie stand vor einem einsamen Thron, auf dem eine einzelne Feder ruhte, und musterte Esben lächelnd.

Esbens Beine zitterten, als er sich langsam erhob. Er kannte die Frau.

Saskia?“

Gottes Hammer: Folkvang XIV

Abigor von Hrandamaer zitterte.

Er hatte seit Jahrzehnten nicht mehr gezittert. Seit dem Attentat auf ihn, als er durch die Hölle gehen musste und alles verlor, was er besaß.

Abigor saß in seinem Zelt auf dem fremdartigen Stuhl mit den Schnitzereien, den ihm vor langer Zeit ein mächtiger Fürst vermachen ließ. Es handelte sich um eben jenen Fürsten, von dessen Gunst sein Überleben nun abhing.

Abigor erhob sich und schritt unruhig auf und ab. Das Ultimatum endete heute und Anspannung regierte die Tempelsöhne. Jeden Moment konnten die Dämonen angreifen.

Abigor hustete und rieb sich den Mund. Er schmeckte Blut und fluchte. Mit fahrigen Bewegungen griff er zu einem dunklen Tuch und wischte die rote Flüssigkeit ab.

Seit Esbens Verschwinden war ein weiterer Apostel des Heeres ermordet worden. Weder Medardus noch ein anderer der Tempelsöhne kannte den Täter.

Abigor hingegen wusste genau, wer mit den dunklen Mächten im Bunde stand. Er musste die Person bald zur Rede stellen, aber zunächst galt es, einem anderen Rätsel auf den Grund zu gehen.

Abigor beschleunigte sein unruhiges Auf- und Abgehen, wobei sein Blick zwischen dem Zelteingang und einem kleinen Tisch in der Ecke pendelte. Ein geöffneter Brief lag darauf, Lifas’ säuberliche Handschrift offenbarend.

Endlich bewegte ein Hauch seine ungebändigte Mähne. Abigor erstarrte und wandte sich um. Zwei violette Augen musterten ihn aus der Dunkelheit.

Ashaya!“, rief Abigor. Er ballte seine Hände zu Fäusten, um das Zittern zu unterdrücken. „Was soll das?“

Was soll was?“ In Abigors Gegenwart trat Ashaya nach außen hin stets als Dienerin auf, aber die Realität könnte anders nicht sein. Abigor wusste wohl, dass Ashaya keine Befehle von ihm entgegennahm. Er konnte sie lediglich bitten, ihm einen Wunsch zu erfüllen. Sollten seine Interessen jedoch Beriths Plan gefährden, würde Ashaya kaum zögern, ihn zu beseitigen.

Es gab nicht viele Lebewesen, vor denen ein Tempelsohn Furcht verspürte. Ashaya bildete eine solche Ausnahme. Es lag weniger an ihrer Macht, denn diese kam nur selten zum Einsatz, sondern vielmehr an ihrer Ausstrahlung. Die spöttischen und hell leuchtenden Augen, das ironische Lächeln, das ihre Miene spaltete, ihre kokette Haltung und die provokante, langsame Art zu sprechen ließen sie unantastbar wirken. Allein die Vorstellung, Ashaya könnte um Gnade bitten, erschien ihm absurd.

In dieser Hinsicht erinnerte sie ihn an Medardus.

Abigor räusperte sich. Er fühlte, wie kalter Schweiß seinen Nacken benetzte. Ein einzelner Tropfen glitt an ihm herab.

Du weißt genau, was ich meine!“, herrschte Abigor sie an. Er schrie immer, wenn ihn Furcht peinigte.

Ashaya schob die Unterlippe vor und tat, als müsste sie weinen. „Warum musst du immer schreien? Das ist gemein!“ Der Spott in ihrem Blick strafte sie Lügen.

Hör damit auf!“ Abigor durchmaß den Raum und zog sein Schwert. „Wo ist Iliana?“

Ashaya betrachtete die geschliffene Klinge betont gelangweilt. „Warum fragst du?“

Abigor deutete auf den Brief. „Lifas hat mir eine Nachricht geschickt. Iliana ist zusammen mit dir verschwunden. Was hat das zu bedeuten? Willst du Hrandamaer in den Rücken fallen?“

Ich? Hrandamaer in den Rücken fallen? Wie könnte ich! Ihr habt mich ja nur eingesperrt und von der Außenwelt abgeschottet!“, erwiderte Ashaya sarkastisch. Doch diesmal glühte nicht Spott, sondern Wut in ihren violetten Augen. Der Anblick erschien Abigor dermaßen abstrus, das er zurückwich. Er hatte in diesen unergründlichen Lichtern nie eine menschliche Emotion gesehen.

Ashaya trat aus der Dunkelheit. Abigor erkannte ihren dunklen Ledermantel, der die Schriftzeichen auf ihren Schultern und auf ihrer Brust offenbarte. Er schluckte. Sie entschied sich nur dann für diese Aufmachung, wenn sie ihre dunkle Magie einzusetzen gedachte.

Wir haben dir lange geholfen“, sagte Ashaya. Ihre Stimme klang nun kalt. „Nun ist es an der Zeit, dass du deinen Teil der Abmachung erfüllst.“

Abigor wich zurück. Er sah, wie die Dunkelheit sich um Ashaya ausbreitete.

Ich habe dir bereits Siegbert gegeben!“, rief er panisch. Seine Hände zitterten nun so stark, dass das Schwert ihm aus der Hand glitt. Er hatte den Koch in einer mondlosen Nacht vor Esbens Verschwinden geopfert, um den Zyklus von Neuem zu beginnen. Er benötigte die Kraft, die er von Berith bekam. Ohne sie war er machtlos.

Ashaya schüttelte langsam den Kopf und trat näher. „Er diente nur zu deiner Wiederherstellung. Aber Berith hat dir ein Versprechen abgenommen, als Preis für das Wissen. Sollte je der Zeitpunkt kommen, an dem das Gefüge der Welt in Gefahr ist, musst du seinem Ruf folgen. In dieser Situation befinden wir uns jetzt.“

Abigor schüttelte den Kopf. Er hatte versucht, hinter die Geheimnisse von Azrael und Berith zu kommen, er hatte sogar in der Nacht der Opferung nach der Tat Siegberts Geist beschworen und ein unheiliges Verhör durchgeführt. Aber er kam der Wahrheit nicht näher. Das Geflecht der Verschwörung blieb für ihn undurchdringlich.

Soll ich etwa gegen die Tempelsöhne kämpfen?“, fragte er entrüstet. Mit dieser Tat wäre sein gesellschaftliches Leben zu Ende.

Ashaya trat noch einmal näher. Sie stand nun direkt vor ihm und starrte ihn unverblümt an.

Nachdem du im Krieg das Attentat in Hrandars Faust überlebt hattest, bist du zu uns gekommen“, rief sie ihm in Erinnerung. „Du begehrtest Wissen und Erleuchtung und gleichzeitig die Befreiung von der Menschlichkeit. Du wolltest die fleischliche Liebe nicht mehr spüren, den Schmerz eines Verlustes und dafür wolltest du alles wissen; ob ein Gott existiert, ob die Welt im Zentrum des Universums steht. Berith hat dir deine Fragen beantwortet und dir deinen Wunsch erfüllt. Deine Emotionen bist du los, dein Wissen hast du. Und sieh dich an.“ Abigor fuhr überrascht zusammen, als Ashaya ihm ins Gesicht spuckte. „Anstatt ein Gelehrter zu sein und den Menschen Wissen zu bringen, führst du dein Schwert in sinnlosen Kriegen im Namen einer Denomination, deren Widersprüche eine Kirchenspaltung nach der anderen hervorrufen. Du tötest und meuchelst, um vor deinem Wissen zu fliehen und musst dennoch immer wieder ein Opfer darbringen, weil du ohne dein Wissen nicht leben kannst. Du demütigst und verscheuchst dein Umfeld. Du brüskierst Lifas und Elinor, deinen Neffen und deine Nichte, denn du kennst kein Mitgefühl mehr. Nun lädt dich mein Herr ein, einmal in deinem verdorbenem Leben eine wahrhaft rechtschaffene Tat auszuführen. Willst du eine solche Gelegenheit wirklich ausschlagen?“

Abigor taumelte, so als hätte sie ihn geschlagen. Ihre Worte gruben sich in sein Herz wie die rostigen Schaufeln der Totengräber.

Ja, er hatte sein Leben vergeudet.

Er war stets einem Traum gefolgt. Zuerst dem Traum der Gelehrtheit, der ruhmreichen Überhöhung des Geistes. Er wollte nach dem Schrecken des Krieges den profanen Widrigkeiten des Lebens entfliehen und sich den Wissenschaften verschreiben. Kaum hatte ihm Berith jedoch deren Geheimnisse offenbart, wählte er verschreckt den Weg des Kampfes. Er war nun ein ruhmreicher Streiter der Denomination und musste die Bürde eigener Gedanken nicht mehr tragen.

Ashayas Augen glitzerten streng, als er ermattet auf seinen Stuhl sank.

Ich kann das nicht!“, rief er. „Ihr habt es mir gezeigt. Ihr habt mir die Wahrheit gezeigt und ich wünschte, ich hätte sie nie erblickt. Gibt es einen Gott? Ja. Und nein.“ Abigor lachte und er fühlte, wie der altbekannte Wahnsinn sich in seiner Brust regte. Nur das Schwert konnte ihn bezähmen. „Wenn Berith mich eines gelehrt hat, dann das hier: Die Wahrheit existiert nicht, nichts existiert und gleichzeitig existiert alles. Es gibt keinen vorgezeichneten Weg und erst recht keinen „Richtigen“, denn jede gute Tat kann einen Mörder retten und jeder Mord ein Leben.“ Er hustete und Blutstropfen benetzten seinen gerüsteten Arm. „Wer sagt mir, dass Beriths Weg der „Richtige“ ist?“

Warum sollte er es nicht sein?“ Ashaya kam näher und ging vor ihm in die Hocke, sodass sie einander auf Augenhöhe begegneten. „Azrael will sich zum Herrscher der Welt krönen. Sein Plan ist edel, aber auch zum Scheitern verdammt. Menschen sind nicht dazu gemacht, sich lange einem Herrscher zu beugen. Dafür sind sie zu starrköpfig – und zu rebellisch.“ Kurz schwieg sie und ihr Blick schweifte ab. Sie schien längst vergangene Erinnerungen durchleben.

Das wichtigste Gut auf dieser Welt ist nicht Sicherheit“, sagte sie schließlich. „Sondern Freiheit. Das war es schon immer.“

Kein Mensch ist wirklich frei“, stieß Abigor hervor.

Ashaya bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick. „Wirklich? Nun, es gibt nicht viele, das stimmt. Aber Freiheit wartet auch nicht auf einen. Man bekommt sie nicht geschenkt, man muss sie sich nehmen. Mit Feuer und Schwert. Nur die Mächtigen können frei sein.“

Abigor schüttelte den Kopf. „Selbst ein König ist nicht frei! Er hat eine Verantwortung! Er hat ein Volk, das er regieren muss!“

Ashaya erhob sich und wandte sich von ihm ab. „Das ist richtig. Könige sind nur eine andere Art von Sklaven.“ Sie drehte den Kopf und der violette Schein ihrer Augen blendete Abigor. „Ich spreche von den wahrhaft Mächtigen, die keiner anderen Person unterstehen außer ihrer eigenen. Azrael will sich selbst zum ersten Sklaven eines großen Volkes machen. Berith hingegen ist wirklich frei. Und so hat er auch als einziger die Lösung gefunden.“

Zeig sie mir“, flüsterte Abigor. „Zeig mir diese Freiheit!“

Ashaya reichte ihm die Hand. Ein derbes Lächeln verunstaltete ihre Züge.

Tu dir keinen Zwang an!“

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Sie kommen!“, kreischte der Junge. „Sie kommen! Sie komm -“

Weiter kam er nicht.

Medardus betrachtete den Narren, wie er in einer Feuersäule verschwand. Ein animalischer Schrei wurde zu seinem abschließenden Segen und die geschwärzte Leiche stürzte zu Boden. Einige neugierige Navali erhoben sich krächzend von den Ästen der Bäume und ergriffen die Flucht. Scheinbar wollten sie die Vorgänge beobachten, um einen Hinweis auf Halgins Aufenthaltsort zu bekommen.

Medardus hatte die Tempelsöhne versammelt und in Formation gebracht. Er fühlte, dass der Angriff kurz bevorstand. Finstere Präsenzen spukten am Rande seines Bewusstseins.

Medardus blickte ein weiteres Mal zu der Leiche des Jungen. Warum hatte er die Formation wohl verlassen und seinen Tod besiegelt? War es Ehrgeiz? Ein Gefühl von Minderwertigkeit? Der Drang, sich zu beweisen? Der Inquisitor würde es niemals erfahren.

Im Schutz der Bäume näherten sich die Schrecken. Die Nacht war hereingebrochen und einzig die gesegneten Waffen der Tempelsöhne spendeten spärliches Licht. Sie vermochten kaum, den Schleier der Dunkelheit zu durchdringen. Medardus konnte im Dickicht nur verschwommene Silhouetten erkennen.

Kurz herrschte vollkommene Stille. Medardus konnte die Anspannung seiner Ritter beinahe mit den Händen umfassen. Er war ihr Clavis. Er musste sie beschützen.

Im nächsten Augenblick peitschte ein Name durch die Nacht.

Medardus!“, rief eine altbekannte Stimme. „Wir stehen für Verhandlungen bereit! Kommt zu uns und wir werden Eure Männer schonen!“

Darauf hatte er gehofft. Medardus atmete tief durch und der Luftzug verursachte durch seine Maske ein schneidendes Geräusch. Ursprünglich wollte er im Fall der Fälle mit Esbens Hilfe die Dämonen versiegeln. Nun war er auf seine eigenen Fähigkeiten angewiesen. Er hoffte inständig, dass der abtrünnige Priester nicht den Dämonen in die Hände gefallen war. Das verbotene Buch würde ihnen in diesem Konflikt gute Dienste leisten, wie Medardus wohl wusste. Er hatte den Folianten bei ihrer ersten Begegnung sogleich wiedererkannt. Ob die Überreste des Dämonenkönigs wohl noch darin weilten?

Er vollführte eine Geste. Mendatius von Astaval, der treue Tempelsohn und Apostel, erschien nebem ihm wie aus dem Nichts. Der Greis konnte sich besser in der Finsternis verbergen als jeder Sprössling von Hrandamaer.

Mendatius nickte ihm langsam zu. „Wir nehmen das Angebot an!“, rief er laut.

Durch die notwendige Stummheit erwuchs jedem Inquisitor die Notwendigkeit eines Adjudanten. Während seiner Zeit als Hexenjäger hatten viele solcher Männer Medardus gedient, doch Mendatius blieb der Beste von ihnen. Es sollte ihn nicht verwundern. Schließlich kannte der alte Ritter ihn schon seit Beginn des Krieges gegen Hrandamaer.

Hoffnung glomm in den Augen der Tempelsöhne, als Medardus und Mendatius durch ihre Reihen ritten. Keiner schien einen Kampf gegen die Schrecken Hornheims bestreiten zu wollen. Ingrimm überkam den Inquisitor. In vergangenen Zeiten hätte dieser Orden ein diplomatisches Vorgehen zwar begrüßt, aber dennoch niemals eine Schlacht gescheut. Dereinst waren die Tempelsöhne zu solcher Macht und Stärke angewachsen, dass sie sogar nach Hornheim selbst gingen und den Dämonenkönig stürzten. Heute erschien ihm jenes Vorhaben mit solchen Hasenfüßen unter den geistlichen Rittern als unmöglich.

Als sie den Lichtkreis der geweihten Waffen verließen, wurden sie bereits erwartet. Ein entstellter Fleischklumpen schwebte aus dem Dickicht, mit von Maden bevölkerter Haut, die nach Verwesung stank. Grotesk kleine Flügel flatterten an seiner Seite.

Medardus’ Hand fuhr erregt zu seinem Mauritiusstab, als er von den Reihen seiner Ritter angewidertes Stöhnen vernahm. Es würde ihn nicht verwundern, wenn der eine oder andere das Bewusstsein verlieren würde.

Ungoros.“ Genau wie Medardus konnte sich auch Mendatius noch an den hässlichen Dämon erinnern. Sie waren ihm in Hornheim begegnet, als sie gegen Irodeus kämpften.

Ungoros erwiderte nichts, sondern führte sie schweigend von dem Lager weg. Erst außer Hörweite begann er zu sprechen.

Mich dünkt, Eure Herzen seien von Furcht befallen.“

Unsere nicht“, erwiderte Mendatius mit fester Stimme, auch wenn eine tiefe Furche seine Stirn spaltete. „Wir kennen euch. Und dich im Besonderen!“

Ungoros kam nicht zu einer Erwiderung. Velis erschien vor ihnen wie ein bleiches Gespenst, den stacheligen Sklavenmacher um den zierlichen Hals geschlungen. Sie musterte Medardus mit ausdrucksloser Miene.

Medardus’ Herz setzte einen Schlag aus.

Es waren beinahe dreißig Jahre seit ihrer letzten Begegnung vergangen. Vierzig seit ihrer ersten. Medardus konnte sich noch bestens an das verlorene Mädchen erinnern, das nur den Schmerz kannte und nie Liebe erfahren hatte. Sie war für ihn einer Tochter am nächsten gekommen.

Ungoros verschwand lautlos in einer Schattenwand. Die beiden gealterten Geistlichen waren nun mit Velis alleine.

Lasst die Pferde hier“, sprach das Mädchen. „Sie scheuen sonst.“

Medardus glitt lautlos vom Rücken seines Rosses und gab ihm einen Klaps. Es handelte sich um kein normales Pferd. Er hielt es mit einem Zauber der Denomination seinem Willen unterworfen. Dennoch grenzte es an ein Wunder, dass es nicht vor Ungoros Reißaus genommen hatte.

Ihre beiden Rettiere trabten zurück zum Lager. Hoffentlich würden die Hasenfüße dies nicht als Zeichen ihres Scheiterns werten und in Panik ausbrechen.

Hast du Angst, wir könnten euch zu Tode trampeln?“, fragte Mendatius unwirsch.

Velis musterte sie kurz, dann senkte sie plötzlich den Blick.

Ich wünschte, wir würden uns unter anderen Umständen wiedersehen“, flüsterte sie zaghaft.

Tja“, sagte Medardus. Mendatius betrachtete ihn überrascht, aber der Inquisitor winkte ab. „Es ist niemand von der Denomination in der Nähe. Es wird nicht auffallen, wenn ich spreche.“ Er sah Velis an, die schuldbewusst zu Boden blickte.

Weshalb bist du so unsicher? Weil du mich umgebracht hast?“, fragte Medardus und trat einen Schritt auf sie zu.

Velis erschrak. „Dann ist es wahr?“, rief sie entsetzt. „Ich hatte gehofft, es wären nur Gerüchte …“

Bei einem Hexenprozess gibt es keine Gerüchte. Jede Grausamkeit, und sei sie noch so unbeschreiblich, ist real.“ Medardus’ Finger glitten über das Holz des Mauritiusstabes. „Es ist wahr. Nachdem Teshin dir in der Kirche begegnet ist, hat er mich tatsächlich getötet. Vor aller Augen. Und ich bin tatsächlich als Dämon zurückgekehrt.“

Schweigen breitete sich aus. Velis schüttelte nur den Kopf. Sie schien seine Worte kaum zu begreifen.

Das ist unmöglich“, murmelte sie. „Einfach unmöglich.“

Medardus seufzte und legte einen Arm um Velis. Kurz erstarrte sie, doch im nächsten Moment erwiderte sie die Geste. Ein längst vergessener Winkel von Medardus’ Seele regte sich erneut wie ein edles Tier, das zum ersten Mal seit Äonen aus einem langen Schlaf erwachte. Er fühlte sich noch immer verantwortlich für sie, auch wenn sie im Moment auf verschiedenen Seiten standen.

He, Velis!“, rief eine rohe Stimme plötzlich. Medardus löste sich von ihr und hob seinen Stab. Ein gewaltiger Löwe mit einem schlangenförmigen Schwanz erschien vor ihnen. Als er Medardus erblickte, hielt er inne.

Ich grüße Euch, Malfegas“, sagte der Inquisitor.

Malfegas lachte dröhnend, als er Medardus trotz seiner Maske erkannte.

Na, wenn das nicht Medardus von Astaval ist!“, rief er. „Oder hast du wieder einen neuen Namen angenommen?“

Medardus entspannte sich ein wenig. Trotz seines temperamentvollen Gemüts zählte Malfegas zu den umgänglicheren Bewohnern Hornheims. „Es ist noch derselbe, ja.“

Wie lange ist das jetzt schon her?“ Malfegas’ Schwanz peitschte erregt von einer Seite zur anderen. „Als wir gemeinsam dem alten König eins auf den Deckel gegeben haben? Ziemlich genau vierzig Jahre, oder?“

Sieht so aus“, erwiderte Medardus. „Und jetzt? Wollt ihr jetzt uns eins auf den Deckel geben?“

Malfegas erfüllte ein Etwas, dem Ernsthaftigkeit wohl am nächsten kam. Er sog die Luft ein und stieß sie mit einem theatralischen Seufzer wieder aus.

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ganz ehrlich? Obwohl ich in Hornheim ständig gegen meine Gäste kämpfe, möchte ich nicht unbedingt meine Krallen gegen dich erheben. Aber wenn mein König es befiehlt, werde ich gehorchen.“

Ist Azrael tatsächlich so beliebt?“, mischte sich nun Mendatius ein. Der alte Ritter wirkte beunruhigt. Medardus erschien das kaum verwunderlich. Er hatte Malfegas nie viel Sympathie entgegengebracht, auch nicht während ihres zeitweiligen Bündnisses in Hornheim, dank dessen sie Berith und König Irodeus bezwingen konnten.

Beliebt ist gar kein Ausdruck.“ Malfegas wandte sich um. „Aber bevor wir hier Maulaffen feilhalten, fragt ihn doch einfach selbst!“

Von Malfegas und Velis begleitet, wurden Medardus und sein greiser Adjudant durch das Gestrüpp geführt. Die roten Augen der Dämonen tauchten die Umgebung in gespenstisches Licht. Medardus erinnerte die Farbe an eine blutige Schlachtbank. Das war nur einer der Gründe, weshalb er seine wahre Augenfarbe vor seiner Umwelt verbarg.

Nach kurzer Zeit erreichten sie eine Lichtung, die Medardus kannte. Es war jener Ort, an dem die Ruinen von Sankt Esbens erster Kirche wie vergessene Gebeine ihren Ruheort gefunden hatten. Ironischerweise konnten nur Dämonen und Navali die Lichtung ausfindig machen. Wie um diese Aussage zu unterstreichen, saßen einige der schwarzen Vögel auf den kahlen Steinmauern und krächzten unheilsverkündend.

Medardus betrachtete Mendatius traurig. Sein Gefährte wusste, dass sie am Zielort waren, obwohl er als Mensch die Lichtung nicht sehen konnte. „Ich fürchte, Ihr müsst hier auf mich warten.“

Der Blick des alten Ritters sprach deutlich aus, was sein Mund nicht wagte. Er presste nur die Lippen aufeinander und nickte langsam. Medardus wandte sich ab und trat vor die alten Steinruinen. Velis und Malfegas folgten ihm.

Inmitten der verwitterten Überreste stand Azrael, in einen schwarzen Mantel gehüllt. Er hielt die Arme hinter dem Rücken verschränkt und nahm die Wände der Kirche in Augenschein. Als er Medardus’ Nahen hörte, begann er zu sprechen.

Ich besuche diesen Ort schon zum dritten Mal“, erzählte er scheinbar gedankenverloren, doch mit einem Charisma in der Stimme, das jeden zum Zuhören bewog. „Einmal nach meinem Tod, als ich Eure Arbeit zu Ende gebracht und Irodeus endgültig besiegt hatte, und einmal, als ich meine Erinnerungen aufgab, um den König der Navali in die Knie zu zwingen. Ich hoffe, Ihr versteht, dass das hier unser Treffpunkt werden sollte.“ Er wandte sich langsam um und ein rotes Augenpaar musterte Medardus. „Vor jedem Kampf gegen einen Rivalen komme ich hierher. Ihr solltet das als Kompliment betrachten.“

Medardus lachte und ließ seine Tarnung fallen. Sein Blickfeld veränderte sich ein wenig, als auch seine eigenen Augen in der Farbe des Blutes glommen.

Ihr solltet nicht so sicher sein, in mir einen leichten Gegner zu finden!“, rief er. „Wie Ihr seht, bin ich seit unserem letzten Aufeinandertreffen besser gewappnet.“

Azraels Augen verengten sich zu hasserfüllten Schlitzen. „Ich hätte damit rechnen müssen, dass Ihr am Leben festhalten würdet.“ Er schüttelte den Kopf, so als wiederte ihn die Vorstellung an. „Als Kleriker habt Ihr auf diese Weise doch das größtmögliche Sakrileg begangen, oder?“

Ich war nie ein Kleriker.“ Medardus grinste hinter der Maske. „Ich war auch nie ein Inquisitor. Ich habe meine Stimme niemals verloren.“

Azrael starrte ihn verwirrt an. „Ihr seid ein Scharlatan?“

Medardus nickte. „Mehr als das. Ich habe die Denomination betrogen. Ich habe ihr etwas Unverzeihliches angetan. Aber das weißt du vermutlich besser als ich.“

Der plötzliche vertraute Ton irritierte Azrael. „Was meint Ihr?“

Medardus hob langsam die Hand und griff nach seiner Maske. Mit einem Ruck zog er sie sich vom Gesicht. „Das meine ich.“

Gottes Hammer: Folkvang XIII

Iliana fühlte sich schwerelos. Sie schwebte als körperloser Schemen inmitten einer dunklen Stadt, die sie nicht wiedererkannte.

Langsam bewegte sie probeweise eine Hand. Ein spektrales Etwas, das auf dem schmalen Grat zwischen Existenz und Auslöschung zu wandeln schien, schob sich in ihr Blickfeld. Sich sanft kräuselnde Nebelschwaden umspielten die Konturen des geisterhaften Körperteils.

Vermutlich hätte Iliana erschrocken sein müssen, aber nach den Ereignissen der letzten Tage war ihr Weltbild stets aufs Neue widerlegt und in tausend Stücke gesprengt worden. Diese eine Tatsache wirkte nur wie die filigrane Erweiterung einer für sie nicht mehr erkennbaren Realität.

Pass auf, es geht gleich los!“ Iliana spürte Ashayas Hand am Rücken. Als sie den Kopf wandte, erkannte sie das Gesicht des Orakels, das sie mit einem schelmischen Grinsen empfing. Ashaya wirkte ebenso geisterhaft wie sie selbst.

Ehe Iliana zu einer Erwiderung ansetzen konnte, vernahm sie plötzlich Schritte. Im nächsten Moment sah sie einen Jungen in edlen Gewändern, der aus einer dunklen Gasse auf die menschenleeren Straßen stürmte. Seine vom Entsetzen geweiteten Augen funkelten im fahlen Licht des Mondes. Er trug ein in Tüchern gehülltes Bündel auf dem Arm.

Iliana erkannte ihn sofort wieder. Vor ihr lief Teshin die Straße hinab.

Ehe er aus ihrem Blickfeld verschwinden konnte, murmelte Ashaya ein Wort der Alten Sprache und sie setzten sich in Bewegung. Wie unheilsschwangere Wolken glitten sie lautlos durch die Luft, beständig hinter dem flüchtenden Jungen hinterher, der immer wieder panische Blicke um sich warf.

Iliana vernahm Geschrei in der Ferne und musste an Teshins Geschichte denken. Der Herrschaftssitz seiner Familie in Astaval war überfallen worden und er musste fliehen. Vermutlich zeigte ihr Ashaya die Ereignisse jener Nacht.

Die Straße blieb weiterhin menschenleer. Iliana sah jedoch ängstliche Augenpaare, die hinter Vorhängen hervorblickten oder aus winzigen Dachfenstern das Geschehen erspähen wollten. Die kollektive Furcht, die die Bewohner der Stadt verband, erschien Iliana beinahe greifbar.

Dann endete die Flucht. Teshin gelangte in den Hafen der Stadt und steuerte ein einsames Boot an, vor dem ein Fischer wachte. Er wirkte abgezehrt und erinnerte eher an einen verwesenden Leichnam als an einen lebendigen Menschen.

Teshin übergab ihm schwer atmend das Bündel. In diesem Augenblick öffnete sich die Wolkendecke und ein Mondstrahl fiel auf die Tücher. Iliana lehnte sich vor. Ein Kleinkind lag schlafend inmitten des Stoffes.

Der Fischer nickte langsam. „Du musst gehen, Junge. Dein Vater erwartet dich.“

Aber wohin?“, fragte Teshin verzweifelt. „Wohin muss ich gehen?“

Der Fischer deutete auf eine nahe Taverne, die wie ein Kadaver zwischen den angrenzenden Häusern ruhte.

Frag nach Mendatius. Er wird dir den Weg weisen.“

Daraufhin bestieg der Fischer langsam das Boot, das Bündel im Arm. Kaum entfernte er sich von Teshin, begann das Kleinkind laut zu schreien. Der Fischer wiegte es unbeholfen hin und her.

Moment! Wohin bringt Ihr sie?“, rief Teshin.

An einen sicheren Ort“, entgegnete der Fischer. „Dein Vater wird es dir erklären.“

Im nächsten Moment verschwand er in der Kajüte und das Boot legte plötzlich ab. Teshin betrachtete es verwundert. Die bullige Silhouette setzte sich langsam in Bewegung wie ein majestätisches Tier. Iliana erkannte weder ein Segel noch Anzeichen von Ruder.

Kurz bevor das Boot außer Sichtweite glitt, erhaschte Iliana einen Blick auf den alten Fischer. Mit einem Mal trug er einen langen schwarzen Mantel und seine Augen stachen blutrot durch die Nacht. Iliana erschrak, als sein spöttischer Blick den ihren zu erwidern schien. Ein harter Zug umspielte die Lippen des Mannes und formte ein grausames Lächeln.

Im nächsten Augenblick verschwanden die Bilder und Iliana schwebte mit Ashaya in völliger Dunkelheit.

Ashaya lächelte nicht mehr. Die Präsenz des Mannes schien auch sie nicht ungerührt zu lassen.

Ilianas Gedanken rasten. „War das etwa … ich?“

Ashaya musterte sie. Ihre violetten Augen blitzten. „Ein Bruder, der nach seiner Schwester schreit. War das nicht Teil deiner Vision? Nun, ich bin sicher, du bist Azrael seither nicht aus dem Kopf gegangen.“

Das kann doch nicht sein!“ Jegliche Kraft entwich Ilianas Knie, doch sie sank nicht zu Boden. Eine unsichtbare Macht hielt sie in der Luft. „Das ist doch schon über fünfzig Jahre her! Wie kann das dann ich sein?“

Wie Teshin wurdest auch du als Mensch dem mächtigen König Irodeus geweiht. Du alterst nicht wie andere Menschen.“

Iliana schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. „Wieso kann ich mich nicht daran erinnern?“

Nun schlich sich wieder ein Lächeln auf Ashayas Gesicht. „Lass mich dir ein wenig auf die Sprünge helfen.“

Die Dunkelheit schwand und wich einem prunkvollen Thronsaal. Trotz der Statuen und Ornamente erkannte Iliana auf den ersten Blick, dass sie sich in Hornheim befanden. Wie auch in Velis’ Reich hingen Ketten von der Decke und säumten Zellen die Wände.

Im Gegensatz zu Velis hielt der Hausherr jedoch wenig von der Idee, diese Räume leer zu lassen.

Egal, wohin Iliana blickte, sie sah Menschen. Ausgezehrte Gestalten mit leerem Blick, die hinter den rostigen Eisenstäben auf Pritschen lagen und deren abgründige Augen lethargisch dem Geschehen folgten. Inmitten des Raumes erhob sich ein gewaltiger Thron, auf dem der alte Fischer saß. Seine ruhigen Gesichtszüge wirkten nun zur Unkenntlichkeit entstellt, seine roten Augen schienen nach Grausamkeit zu lechzen und seine runzligen, von geschwollenen Adern durchzogenen Hände klammerten sich erwartungsvoll an die kunstvollen Lehnen.

Neben ihm sah Iliana sich selbst.

Ihr Ebenbild trug eine pechschwarze Uniform und bedachte die Gefangenen mit begehrlichen Blicken aus rot schimmernden Augen. Ein eiskalter Schauer ließ Iliana erzittern. Diese vage Andeutung von seelischer Grausamkeit in ihren kindlichen Zügen ängstigte sie mehr als der monströse Blick des Fischers. Das harte Lächeln, der halb geöffnete Mund und die entsetzliche Wahrheit, die das glatte Gesicht furchte, offenbarten einen vollkommen anderen Charakter, der sich in jeder Hinsicht von Ilianas jetziger Persönlichkeit unterschied. Aber wenn sie tatsächlich einmal die Grenze zum Wahnsinn überschritten hatte, konnte das wieder geschehen.

Iliana ertrug den Anblick ihres grotesken Selbsts nicht länger und wandte den Blick ab, als sie plötzlich Velis erkannte. Sie wachte auf der anderen Seite des Throns, ebenfalls in einer schwarzen Uniform. Jedoch trug sie im Gegensatz zu Ilianas Ebenbild Ketten, die sie an den Thron fesselten. Dieser Umstand schien sie nicht zu bedrücken, im Gegenteil. Sie strich sanft über die Ketten, so als ob sie ein Kind liebkoste.

Ist das Irodeus?“, fragte Iliana Ashaya. Sie erinnerte sich daran, dass Teshin den grimmigen Dämonenkönig besiegt haben sollte.

Ashayas spektrale Gestalt nickte. „Du rätst gut.“

Mit einem Mal öffnete sich die Tür und Berith betrat den Raum. Er wirkte gehetzt und seine Fledermausflügel flatterten unkontrolliert.

Majestät!“

Irodeus antwortete nicht. Allein die Intensität seines Blickes reichte aus, um Berith zum Stehen zu bringen. Der Dämon keuchte, was wenig zu seinem korrekten Erscheinungsbild passen wollte.

Der Inquisitor! Er ist hier!“, stieß er hervor.

Weiter kam er nicht.

Eine Explosion erschütterte das Gewölbe und eine Druckwelle warf Berith weiter in den Raum. Der geflügelte Dämon stieß gegen eine der Statuen und blieb reglos liegen. Ilianas Ebenbild zog einen schwarzen Bogen hervor und Velis wich ängstlich zurück. Irodeus’ Augen verengten sich zu blutigen Schlitzen.

Aus einer Rauchsäule trat der Inquisitor.

Auch wenn sie sein Gesicht nicht kannte, wusste Iliana sofort, wer hier in den Raum trat. Es war Medardus.

Irodeus!“, rief der Inquisitor mit laut hallender Stimme. „Eure Stunde hat geschlagen, Dämonenkönig!“

Kurz herrschte Stille. Dann erhob sich Irodeus langsam. Das Glühen seiner Augen verschwand, der schwarze Mantel färbte sich weiß und ein Lichtstrahl formte eine goldene Kopfbedeckung für den König. Als Irodeus auf den Inquisitor zuging, erschien er Iliana wie ein Bischof.

Willst du mich wirklich erschlagen, mein Sohn?“, fragte er mit angenehmer Stimme. Dabei breitete er die Arme leicht aus, so als wollte er Medardus umarmen.

Lasst die Fisimamenten!“ Iliana musste sich fragen, wie Medardus an diesem Ort sprechen konnte. Inquisitoren erlangten ihre Stimme nur an heiligen Orten wieder. Hornheim erschien ihr diese Voraussetzung nicht zu erfüllen.

Medardus’ lodernde Augen wanderten zu Ilianas Ebenbild und dann wieder zurück zu Irodeus. „Das“, sagte der Inquisitor leise. „werde ich Euch nie verzeihen.“

Irodeus seufzte, er seufzte, so als ob er die Welt und ihre Grausamkeit beweinen wollte. Einen kurzen Moment lang wirkte er tatsächlich wie ein Geistlicher und verdrehte die Augen gen Himmel, so als erwartete er prophetische Visionen, um alles Leid lindern zu können.

Die Visionen jedoch blieben aus. Stattdessen zog der König einen deformierten Stab hervor, an dessen Spitze ein Schlangenkopf thronte.

Dann ist dies wohl die Zeit zu kämpfen“, murmelte er.

Ehe Irodeus jedoch reagieren konnte, zog Medardus plötzlich ein Buch hervor, das Iliana gut kannte. Es handelte sich um Esbens Folianten, der Dämonen bannen konnte.

Sofort erbleichte Irodeus und die weißen Bischofsgewänder fielen von ihm ab. Stattdessen trug er nun wieder den schwarzen Mantel.

Ihr wisst, was dies hier ist“, flüsterte Medardus.

Das kann nicht sein“, entgegnete Irodeus heiser. Der Stab entglitt seiner zitternden Hand und er wich zurück. „Woher … ?“

Medardus ließ ihn nicht weitersprechen. Er hob das Buch über den Kopf und grelles Licht erhellte den grässlichen Thronsaal. Irodeus stieß einen markerschütternden Schrei aus. Seine Gestalt wandelte sich, bis eine auf groteske Weise deformierte Gestalt sich im Licht des Buches wand, die wild mit ledrigen Flügeln schlug und mit schuppigen Händen nach dem Inquisitor griff. Iliana sah, wie ihr Ebenbild ebenfalls schrie und auf Medardus zustürmte. Ehe es jedoch den schwarzen Bogen heben konnte, sprang plötzlich ein Ritter hinter Medardus hervor und schlug es nieder. Iliana erkannte ihn. Sie hatte den Ritter im Lager der Tempelsöhne gesehen. Er stammte aus Astaval.

Gebt mir Deckung, Mendatius!“, rief Medardus überflüssigerweise.

Mendatius quittierte den Befehl mit einem Nicken, aber Velis wirkte nicht, als ob sie zur Gegenwehr bereit wäre. Sie musterte nur mit geweiteten Augen, wie Irodeus in das Buch gesogen wurde.

Im nächsten Moment erstarben die wütenden Schreie des Dämonenkönigs und der Foliant schloss sich. Auf der aufgeschlagenen Seite erschien ein Bild in Form eines Bischofs. Medardus sank entkräftet nieder.

Es ist vollbracht“, flüsterte der Inquisitor.

Mendatius steckte das Schwert in die Scheide und vollführte eine militärische Geste. Weitere Tempelsöhne strömten in die Halle, die Waffen erhoben.

Ist es vorbei?“, fragte einer von ihnen. „Ist der Dämonenkönig besiegt?“

Glaubst du, er versteckt sich hinter seinem Thron?“, fragte Mendatius ironisch. „Jetzt haltet keine Maulaffen feil und befreit diese armen Menschen!“

Die Tempelsöhne salutierten und schwärmten aus. Einer war geistesgegenwärtig genug, einen Schlüsselbund am Thron ausfindig zu machen und ihn an den Schlössern zu erproben. Nach und nach bildete sich ein Zug geistlicher Ritter, die die Geschundenen stützend aus dem Raum brachten.

Was machen wir mit ihr?“, fragte Mendatius und deutete auf Velis. Medardus sah auf und richtete seine lodernden Augen auf die Halbdämonin, in derem blutroten Blick blankes Entsetzen stand.

Wir nehmen sie mit. Als Gefangene“, antwortete Medardus. „Lasst uns sehen, ob wir in ihr einen Freund oder einen Feind finden.“

Mendatius schien der Befehl zu missfallen, doch er erwiderte nichts. Stattdessen entfernte er sich von Medardus, der sich langsam an den Eisenstäben der Gefängniszellen hochzog, und half seinen Männern bei der Befreiung der gefangenen Menschen. Medardus blätterte in seinem Folianten und ging langsam auf Berith zu. Scheinbar wollte er ihn auch versiegeln.

Mit einem Mal regte sich der Dämon. Ehe jemand reagieren konnte, erhob sich Berith in die Lüfte und flog mit atemberaubender Geschwindigkeit zu Iliana. Mit einer einzigen Bewegung schwang er sich ihr Ebenbild über die Schulter und entkam durch den Eingang.

Einen Augenblick lang musterten die versammelten Tempelsöhne das aufgesprengte Tor wie erstarrte Salzsäulen, bis Mendatius sein Schwert zog und lauthals die Verfolgung befahl. Medardus setzte sich mit dem Folianten an die Spitze und die Ritter stürmten aus dem Thronsaal.

Im nächsten Augenblick verschwanden die Bilder und Iliana befand sich wieder in der Dunkelheit. Ashayas Schemen leuchtete ihr violett entgegen.

Ich … bin eine Dämonin?“, fragte Iliana tonlos. Blankes Entsetzen überkam sie. Doch langsam erschloss sich ihr die Wahrheit hinter den Worten. Als sie mit Esben, Halgin und Azrael Hornheim betreten hatte, war ihr der Ort äußerst bekannt erschienen. Nun kannte sie den Grund.

Ashaya nickte und legte Iliana einen spektralen Arm um die Schulter.

Armes Ding“, seufzte sie. „Das muss ein großer Schock für dich sein, aber … ja. Irodeus hat dich getötet und du bist zurückgekehrt. Du hast ihm eifrig gedient. Die Gefangenen kannten dich nur als Folterknecht. Wahrscheinlich wärst du jetzt in diesem kuriosen Buch eingeschlossen, wenn Berith dich nicht in Sicherheit gebracht hätte.“

Iliana begann zu verstehen. „Er hat meine Erinnerungen gelöscht und mich zu Arinhild gebracht. Aber warum?“

Um dich in Sicherheit zu bringen. Er glaubte, dass Raureif vor den sich häufenden Hexenverfolgungen verschont bleiben würde. Er hat sich geirrt.“

Aber das verstehe ich nicht“, stammelte Iliana. „Ich dachte, Teshin hätte den Dämonenkönig besiegt?“

Ein Lächeln schlich sich auf Ashayas Lippen. „Das hat er auch. Aber das ist eine andere Geschichte, Liebes, die ich dir nur erzähle, wenn du mir versprichst, mir zu helfen.“

Iliana schluckte. „Wobei soll ich dir helfen?“

Ashaya lächelte verschmitzt. „Das ist eine Sache, die nur Berith dir erklären kann. Ihr seid ja schon bestens miteinander bekannt.“

Ashaya kicherte und die Dunkelheit verschwand erneut. Diesmal jedoch offenbarte sich keine neue Vision. Iliana fühlte festen Untergrund unter den Füßen. Zu ihrer Erleichterung waren ihre Hände wieder aus Fleisch und Blut. Jedoch stand sie nicht mehr in Ashayas Kammer in Hrandamaer. Stattdessen befand sie sich in einer gewaltigen Grotte, am felsigen Ufer eines schwarzen Sees, dessen Oberfläche sich unheilsverkündend kräuselte. Unweit von ihr stand eine geflügelte Gestalt.

Berith“, sagte Iliana leise. Ein Schauer ließ sie erbeben. Wenn Lifas das erführe! Er würde sie mit Sicherheit sofort erschlagen. Und Medardus? Scheinbar hatte er ihr Gesicht vergessen, ansonsten wäre sie nun wohl nicht mehr am Leben. Iliana betrauerte ihre Verbindung zu Esben. Sie mochte den gefallenen Priester, aber er würde eine Dämonin Hornheims wohl kaum verschonen.

Jedoch war es Halgin, der ihr wahre Übelkeit bereitete. Der mächtige Herrscher der Navali hatte alles riskiert, um Hornheim zu zerstören und dabei eine Dämonin gerettet. Falls er noch lebte, würde auch er kurzen Prozess mit ihr machen.

Iliana war allein. Nur Berith und Ashaya schienen ihr keinen Schaden zufügen zu wollen.

Der Dämon mit den weißen Haaren nickte ihr zu. Seine Flügel flatterten leicht.

Weißt du, wo wir uns hier befinden?“, fragte er.

Iliana schüttelte den Kopf. War dies etwa Azraels Höllendimension? Würde sie hier auf Halgin treffen? Sie würgte. Ihrem besten Freund als Dämonin gegenüberzutreten war unvorstellbar.

Wir sind hier am Ufer des Sees Sökkvar. Dies hier ist der tiefste Punkt und älteste Teil Hornheims.“ Dabei deutete er auf die stillen Gewässer vor ihnen.

Niemand kennt seine Ausdehnung. Niemand weiß, was sich in der Mitte des Sees befindet. Aber angeblich … angeblich soll dort das Grab von König Androg von Hrandamaer sein.“

Iliana sah ihn verständnislos an. „Warum erzählst du mir das?“

Beriths rote Augen glühten. „Ich habe Pläne. Große Pläne, die deiner Hilfe bedürfen. Dein Bruder ist gerade dabei, die Welt in den Abgrund zu treiben. Ich werde das verhindern.“

Iliana starrte ihn überrascht an. „Du bist gegen Azrael? Aber …“

Dafür ist jetzt keine Zeit.“ Berith winkte sie an das Ufer heran. „Nimm ein Bad in dem See. Wenn ich mit meiner Einschätzung richtig liege, wird sich dir dann alles offenbaren.“

Iliana nickte langsam. Sie wollte Berith nicht gehorchen. Sie wollte aber auch nicht unverrichteter Dinge nach Hrandamaer in Ashayas Kammer zurückkehren und sich Lifas’ Gnade ausliefern. Sie wollte nicht Medardus bei seinem Feldzug oder Azrael bei seinem Gottesprojekt unterstützen.

Sie wollte nur die Wahrheit erfahren und dann fern von der Welt an einem ruhigen Ort verbleiben, an dem weder Götter noch Dämonen ihr Unwesen trieben und keine Kriege das Land verheerten.

Wie eine Verdurstende stürzte sich Iliana in die Flüssigkeit und ihr Geist zersplitterte.

Gottes Hammer: Folkvang XII

Bitte wartet hier.“ Der Diener verneigte sich so tief, dass seine Nase den marmornen Boden zu berühren drohte. Er trug eine schwarze Uniform und hielt einen kunstvoll geschnitzten Stab in seiner rechten Hand. Iliana glaubte, in dem hölzernen Geflecht eine Heiligendarstellung zu erkennen. „Das Orakel wird Euch bald empfangen.“

Er wies mit dem Stab auf zwei harte Bänke. Bequemlichkeit schien hier nicht zu herrschen. Kaum hatten sie sich auf den kalten Sitzflächen niedergelassen, verschwand der Diener durch ein prunkvolles Doppeltor. Lautlos fielen die schweren Flügel hinter ihm ins Schloss.

Sie befanden sich in einer großen Kathedrale inmitten jener Stadt, die Lifas nur Hrandars Faust nannte. Iliana wusste nur, dass von hier aus der Großangriff auf das benachbarte Herzogtum Astaval stattgefunden hatte. Sie würde gerne mehr in Erfahrung bringen, wagte aber nicht, Lifas anzusprechen. Der kühle Ritter wirkte noch abweisender als sonst. Seine Augenbrauen bildeten eine durchgehende Linie über seinem durchbohrenden Blick. Offenbar erschien ihm eine Begegnung mit dem Orakel wenig reizvoll.

Iliana fröstelte. Je mehr sie von Hrandamaer zu sehen bekam, desto mehr erstaunte sie das verheerte Herzogtum. Gleichgültig, wohin sie ging, die Religion beherrschte alle Lebensbereiche. Sie wirkte hier nicht nur als ferner Hoffnungsschimmer für das Leben nach dem Tod, sondern als reale Verteidigungsmaßnahme gegen die Schrecken der Nacht.

Iliana kannte die Geschichten von Klerikern, die trotz ihres Standes rauschende Feste feierten und die Abkehr vom Fleischlichen nicht so genau nahmen. Selbst der Bischof von Aminas genoss einen Ruf, von dem sogar die Menschen in Raureif Kunde hatten. Iliana erinnerte sich an ein Gespräch zwischen einer verzweifelten Frau und dem Dorfpriester. Die Nichte der Frau lebte in Aminas und war in des Bischofs „Jungfernturm“ gesperrt worden. Sie bat den Dorfpriester inständig um Hilfe, dieser jedoch blieb machtlos. Die Trauer in seinem Blick sprach Bände.

In Hrandamaer wirkten die Kleriker vollkommen anders. Jeder von ihnen besaß harte, vom Leben gezeichnete Züge und einen federnden Gang, der überwältigende Selbstsicherheit ausstrahlte. Selbst niedere Mönche trugen Symbole des Glaubens wie Waffen an ihren Gürteln, beteten öffentlich unter großem Zustrom der Leute und sicherten die Stadtgrenzen. Sie wirkten zäh und predigten mit den charismatischen Bewegungen von Propheten. Es handelte sich um Menschen, für die Selbstaufopferung zur Gewohnheit geworden war. Auf Iliana wirkten sie wie Soldaten.

Dass die hrandamaerischen Kleriker wenig Gelegenheit für Ausschweifungen hatten, zeigten auch die Heiligendarstellungen in der Kathedrale des Orakels. Iliana kannte viele überspitzte Motive, in denen die Schrecken der Hölle neben der Herrlichkeit des Himmels gezeigt wurde. Hier hingegen offenbarten die Buntglasfenster dem Betrachter lediglich die Leiden der Heiligen, ohne auf Erlösung oder Verdammnis einzugehen. Iliana erschauderte. Wenn die Priester tatsächlich jede Nacht aufs Neue die Städte gegen die wandelnden Toten verteidigen mussten, führten sie kein besonders angenehmes Leben. Plötzlich wünschte sich Iliana zurück nach Raureif, in die Zeit vor Arinhilds Verbrennung. Halgin wäre noch am Leben … und sie hätte Azrael nie getroffen …

Im nächsten Moment öffnete sich das große Tor wie von Geisterhand und der Diener mit dem Stab trat heraus. Er verneigte sich erneut.

Das Auge der Ewigkeit wird Euch nun empfangen“, verkündete er mit klarer Stimme.

Iliana und Lifas erhoben sich schweigend. Der Ritter hatte ihr erzählt, dass das Orakel bereits seit Äonen lebte. Man verehrte sie in Hrandamaer als Heilige, obwohl der Erzbischof in der kaiserlischen Hauptstadt Sankt Emerald nur bedingt Ambitionen zeigte, sie offiziell anzuerkennen. Der aus Hrandamaer stammende Erzbischof Drogan hatte zuletzt versucht, ihr den Status zu verleihen, war damit jedoch gescheitert. Seither konnte sich kein hrandamaerischer Kleriker mehr an die Spitze der Denomination setzen.

Der Diener führte sie eine breite Treppe hinauf, bog dann jedoch unvermittelt ab und führte sie durch einen engen Gang. Am Ende flankierten zwei schwer gepanzerte Ritter eine unscheinbar wirkende Tür. Sie trugen gleichermaßen profane und geistliche Waffen.

Der Diener pochte mit dem Stab auf den Boden. Kurz geschah nichts, dann öffnete sich die Tür von innen und die beiden konnten passieren.

Iliana hatte einen Thronsaal erwartet, vielleicht mit zahlreichen Buntglasfenstern und gewaltigen Statuen. Stattdessen befanden sie sich in einer dunklen Kammer mit zwei hölzernen Bänken und einer steinernen Pritsche. Das Orakel lag darauf und grinste sie verwegen an.

Iliana blickte das Auge der Ewigkeit wie erstarrt an. Vor ihr thronte keine ehrwürdige Heilige, sondern eine junge Frau mit einem langen schwarzen Mantel und einem unverschämten Ausschnitt. So sah sie zahlreiche unverständliche Schriftzeichen auf ihrer bleichen Haut, die im Dämmerlicht schimmerten. Violette Augen strahlten gespenstisches Licht ab und lange schwarze Haare fielen dem Orakel ungebändigt in die Stirn.

Plötzlich erstaunte es Iliana nicht mehr, dass der Erzbischof die Heilige nicht anerkennen wollte.

Willkommen!“, rief die Frau und erhob sich ungestüm von ihrer Pritsche. Ehe Iliana reagieren konnte, hatte sie sie bereits beide umarmt. „Lasst euch herzen! Ihr seid die ersten Personen seit Monaten, die mich hier aufsuchen! Kommt, setzt euch, setzt euch! Ich kann euch leider nichts anbieten, ich trinke nichts.“

Iliana leistete der Aufforderung Folge, doch Lifas blieb stehen. Abscheu verhärtete seine Miene.

Wortlos wandte er sich um und verließ den Raum. Iliana zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel. Er hatte sie tatsächlich mit der seltsamen Heiligen allein gelassen.

Dein Freund hat keine Manieren!“, stellte das Orakel kopfschüttelnd fest. „Aber egal. Man sagte mir, du hast seltsame Visionen, von denen das Schicksal der Welt abhängen könnte?“ Sie ließ sich auf die Pritsche sinken und sah sie neugierig an. Sie wirkte wie ein Kind, dem jemand eine Geschichte zu erzählen versprach.

Iliana schluckte und nickte langsam. Leise begann sie zu sprechen.

In Hornheim hat mich ein Dämon namens Berith betäubt. Ich war einige Stunden bewusstlos, aber kurz vor dem Aufwachen sah ich mehrere Dinge.“ Sie versuchte, sich die Bilder in Erinnerung zu rufen. Es fiel ihr nicht schwer.

Zuerst war da ein Schlachtfeld“, berichtete sie. „Es war voller gepfählter Leichen. Dann sah ich einen Bruder, der nach seiner Schwester schrie und einen Mann, der jemanden liebte, aber diese Liebe nicht zeigen durfte … dann hörte ich noch eine Stimme.“

Das Orakel zog ein Bein an und stützte das Kinn auf sein Knie.

Was hat sie gesagt?“

Gottes Hammer fällt am Folkvangstag“, erwiderte Iliana leise.

Das Auge der Ewigkeit schwieg einen Moment. „Gibt es sonst irgendwelche Hinweise?“

Iliana wollte bereits den Kopf schütteln, als ihr das Treffen mit Berith in den Sinn kam. „Der Dämon, der mich betäubt hatte, erschien mir später im Traum. Er meinte, ich solle nach Hrandars Faust gehen und dort eine Frau namens Ashaya aufsuchen.“

Das Orakel blinzelte, dann brach es in Gelächter aus.

Wirklich? Das hat er gesagt?“

Iliana nickte unsicher. Was war daran so amüsant?

Das Auge der Ewigkeit lächelte süffisant. „Nun, eine Frage kann ich dir mit absoluter Sicherheit beantworten. Ich bin Ashaya. Du wirst hier keine Zweite finden. Schließlich hat mich der Erzbischof noch immer nicht anerkannt.“

Iliana erstarrte. Plötzlich sehnte sie ihren neuen Bogen herbei. Sie hatte ihn am Eingang der Kathedrale zurücklassen müssen.

Ashaya schien ihre Furcht zu spüren. „Ach, Mädchen, das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Angst zu haben! Wenn Berith dich umbringen wollte, hätte er dich wohl kaum zu mir geschickt.“

Dann ist es wahr?“, stieß Iliana entsetzt hervor. „Ihr paktiert mit Hornheim?“

Ashaya rollte mit den Augen und wies auf das einzige Fenster im Raum. Es war vergittert. „Glaubst du, ich hause in einer Gefängniszelle, weil ich asketisch leben will? Ursprünglich hatte ich ein großes Zimmer und ein weiches Bett im Herzen der Kathedrale. Dann bemerkte einer meiner Leibwächter, dass ich doch nicht so heilig bin, wie sie glauben. Jetzt bin ich hier. Die zwei Ritter vor der Tür sollen nicht mich vor der Welt beschützen, sondern die Welt vor mir.“ Ashaya lachte. Sie klang wie ein Mädchen, das sich diebisch über einen gelungenen Streich freute. Iliana erschauderte. „Es gibt nur einen Grund, weshalb sie mich nicht foltern und verbrennen. Ich bin ihnen nützlich. Ich kann Begebenheiten vorhersagen und Träume deuten. Das sind Eigenschaften, die furchtsame Herrscher immer schätzen, egal ob geistlicher oder weltlicher Art.“

Iliana schüttelte fassungslos den Kopf. „ Was habt Ihr jetzt mit mir vor? Werdet Ihr mich nach Hornheim zurückbringen?“ Sitraxa kam ihr in den Sinn und Übelkeit machte sich in ihrem Inneren breit.

Warum hast du Angst davor?“, fragte Ashaya grinsend. „Du warst doch schon dort, oder nicht?“

Iliana sah sie voller Unverständnis an. „Gerade deshalb habe ich ja so große Angst!“

Du missverstehst mich.“ Ungewohnte Ernsthaftigkeit glomm in Ashayas violetten Augen. Sie erhob sich und kam langsam auf Iliana zu.

Ich meine nicht dein Eindringen mit Halgin und Esben. Ich meine deinen Aufenthalt als Kind, bevor du zu Arinhild kamst.“

Eiskalter Frost befiel Ilianas Brustkorb. „Was?“

Du hast schon richtig gehört.“ Ashaya wandte sich ab und spähte durch das vergitterte Fenster. „Hast du dich nie gefragt, wer deine Eltern sind? Woher du wirklich stammst?“

Ilianas Herz drohte zu bersten. „Ihr wisst, woher ich komme?“

Ashaya nickte. Erneut legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen, doch diesmal schmälerte Trauer die Geste. „Ich kann es dir zeigen. Aber ich warne dich gleich: Wenn du es gesehen hast, wird deine Welt nie wieder so sein wie zuvor.“

Iliana konnte diese Warnung nicht abschrecken. Sie erhob sich und ging auf Ashaya zu, die ihr die Hand anbot.

Zeigt es mir“, flüsterte sie zitternd.

Ashaya antwortete nicht. Ihre violetten Augen flammten auf wie Sterne und hüllten Iliana in unheiliges Licht. Dann erblickte sie die Wahrheit.

Gottes Hammer: Folkvang XI

Esbens Finger schlossen sich zögernd um den ledernen Einband des altertümlichen Folianten. Die Augen des unheilsschwangeren, kunstvoll gearbeiteten Gesichts erglühten rot. Langsam schlug er das Buch auf.

Jenes Schriftwerk, das Medardus als den verschollenen siebten Band aus König Androgs verbotener Chronik erkannt hatte, war nur auf den ersten dreizehn Seiten beschrieben. Es handelte sich um eine heidnische Anleitung in der Alten Sprache. Der restliche Platz diente als Gefängnis für Dämonen.

Esben blätterte weiter. Zwei der dunklen Wesen waren durch diesen Zauber eingefangen worden. Ein Unbekannter bildete das erste Opfer. Seine letzten Atemzüge waren in Form einer Zeichnung auf das Pergament gebannt worden. Er glich einem erhabenen Bischof. Esben schenkte ihm keine Beachtung und suchte die Seite, die er erst vor wenigen Tagen in Hornheims düsterstem Verlies aufgeschlagen hatte.

Ihn schauderte, als Sitraxas Bildnis ihn angrinste.

Die Urdämonin besaß die Gestalt einer monströsen Spinne, aus der der Oberkörper eines ihrer Opfer wuchs. Teshin hatte den Unterleib mit Murakama vollkommen zerstört, aber scheinbar konnte er Sitraxa nicht töten. Sie schien sich mithilfe des entstellten menschlichen Körpers am Leben festzuklammern wie an einem fetten Beutestück.

Esbens Gedanken rasten. Er hatte bereits im Lager der Tempelsöhne mit dem Gedanken gespielt, Sitraxa freizulassen und sie zu befragen. Der Text zu Beginn des Buches erwähnte den nötigen Zauber, warnte aber auch explizit davor. Sollte ein Dämon befreit werden, würde die betreffende Seite im Buch zu Staub zerfallen und man müsste ihn neu bannen. Esben ging jedoch nicht davon aus, dass ihm dies ein zweites Mal gelingen könnte. In Hornheim hatte er Sitraxa überrascht, aber nun wäre sie vorbereitet.

Dennoch … sie besaß nicht einmal mehr Beine. Sie konnte weder laufen, noch stehen und ihrer dämonischen Magie würde Esben mithilfe des Folianten widerstehen. Er entsann sich Velis’ Worte. Sie wollte, dass er die Wahrheit erfuhr. Worüber? Esben warf prüfende Blicke um sich. Beobachtete ihn die jugendliche Herzogin? Er leckte sich nervös die Lippen. Wenn er ihrem Wunsch nicht entsprach, würde sie ihn möglicherweise bis ans Ende aller Zeiten in dieser Hölle lassen. Wie um ihm die Aussicht auf ein solches Szenario noch mehr zu verleiden, gellte plötzlich ein markerschütternder Schrei und geisterhafte Schemen tanzten durch den stechenden Rauch.

Sein Entschluss stand fest. Er würde Velis’ Wünschen entsprechen. Er wusste zu wenig über diese verzerrte Parallelwelt, die Azrael geschaffen hatte. Esben musste sich unwillkürlich fragen, wie der Dämonenkönig zu einer solchen Großtat imstande gewesen war.

Er las die Anleitung erneut, ohne auf die wilden Schreie zu achten und wob schließlich den Zauber.

Esben war nie ein guter Magier gewesen. Gleichgültig, wie inbrünstig er betete, er konnte keine bösen Geister austreiben, keine Untoten in den heiligen Schlaf zurückführen und die Kranken nicht genesen lassen. Trotz seines entfachten Glaubens blieben ihm die geistlichen Gaben stets verwehrt. Während die Magie Gottes sich widerspenstig und kaum formbar zeigte, empfing ihn der Foliant mit offenen Armen. Innerhalb kürzester Zeit beherrschte der Priester die unheiligen Zauber bestens. Verglichen mit seinen vergeblichen Studien als Novize hatten sich die vergangenen Monate als äußerst produktiv erwiesen.

Esben fühlte sich dennoch wie ein Verräter. Er war ein Priester. Er sollte keine heidnische Magie benutzen. Aber dennoch … anders konnte er nicht gegen Hornheims Mächte bestehen.

Bestehen? Berith hat mich vom Gegenteil überzeugt.

Esben schüttelte den Gedanken ab und kanalisierte die gesammelte Magie.

Unheiliges Licht glomm auf und hüllte die schroffen Felsen um ihn herum in rötlichen Schein. Esben erschien der unebene Boden wie ein blutiges Schlachtfeld, auf dem sich wabernde Schatten wie die zuckenden Leiber sterbender Menschen wanden.

Im nächsten Moment erlosch das Licht. Mit klopfendem Herzen las Esben das Buch auf. Überrascht sah er, dass die Seite nicht zerfallen war. Sitraxas Gesicht grinste ihm unverändert entgegen.

Habe ich einen Fehler gemacht?

Ehe er den Gedanken zu Ende führen konnte, nahm er eine Regung wahr.

Esben fuhr herum, den Folianten zum Zauber erhoben. Vor ihm lag die junge Frau im Staub, deren Antlitz ihn noch immer im Schlaf heimsuchte. Zu seiner Überraschung wirkte sie verändert.

In Hornheim hatten eiternde Narben eine Gesichtshälfte bedeckt und die glühenden Augen jeden Eindringling das Fürchten gelehrt. Nun hingegen straffte sich die Haut glatt und unversehrt über den hohen Wangenknochen und ihr Blick schien in weite Ferne zu schweifen, lediglich von einem Hauch von Melancholie getrübt. Sie trug ein langes weißes Gewand, das Esben an ein Büßerhemd erinnerte.

Hatte Esben Sitraxas Opfer befreit? Er musste einen Moment lang in seinem Gedächtnis nachforschen, bis ihm der Name von Teshins ehemaliger Geliebten einfiel.

Silena?“, fragte er verunsichert.

Langsam drehte die Frau den Kopf und sah ihn an. Ihr Mund weitete sich zu einem scheuen Lächeln. Doch als sie sprach, war ihre Stimme voller Hohn.

Ist tot!“, rief das Wesen zu seinen Füßen und lachte abscheulich.

Esben fuhr zusammen und vollführte einen Satz nach hinten. Das Geräusch ließ ihn erbeben, aber schien nicht recht zu dem zierlichen Körper zu passen, der sich vor ihm im Staub wand.

Einen Augenblick später erzitterte Sitraxa und hustete. Blutstropfen spritzten aus ihrem Mund und sie verkrampfte sich. Wie von Esben vermutet, besaß sie keine Beine.

Er hielt drohend das Buch vor sich. „Ich warne dich!“, rief er. Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte. „Ein falsches Wort und ich nehme dich gefangen!“

Ich bin schon längst gefangen!“ Sitraxas Worte klangen heiter, so als spräche sie über das Wetter. „Ich bin deine Gefangene. Du hast es irgendwie geschafft, meinen Willen an das Buch zu ketten.“ Ihre Augen flammten auf wie zwei Scheiterhaufen.

Ich … äh … genau!“ Esben gab sein Bestes, sich seine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Scheinbar lag ihm die heidnische Magie weitaus mehr, als er gedacht hatte. Er nahm sich vor, die Anleitung im Buch erneut zu studieren und notfalls zu ergänzen. Da kam ihm ein Gedanke. „Kannst du noch Magie einsetzen?“

Nicht gegen dich, falls du mich fürchten solltest.“ Sitraxa kicherte wie ein kleines Mädchen. „Ich kann deine Angst bis hierher riechen. Aber so wie es aussieht, kann ich dir nichts anhaben. Solange du mich unter Kontrolle hast, bist du sicher und ich muss dir auch noch all deine Fragen beantworten.“ Sie setzte sich halb auf und grinste ihn anzüglich an. „Welche Geheimnisse willst du erfahren?

Esben wich zurück. Die Konversation nahm einen entschieden anderen Verlauf, als er erwartet hatte.

Warum bist du so verrucht?“, entfuhr es ihm. „Hast du kein Seelenheil, um das du fürchtest? Warum fügst du anderen gerne Schmerz zu?“

Im nächsten Augenblick biss er sich auf die Zunge. Velis musste ihn für ein Kleinkind halten. Er hoffte inständig, dass Sitraxa seine naiven Fragen nicht verspotten würde.

Zu seiner Überraschung legte sie den Kopf schief und musterte ihn verwirrt.

Warum ich anderen Schmerz zufüge?“ Sie hielt kurz inne. „Genauso könnte ich dich fragen, weshalb du Blumen pflückst.

Esben starrte sie verwirrt an. „Das ist doch etwas vollkommen anderes!“

Sitraxa ließ sich nicht beirren. Der spöttische Unterton war aus ihrer Stimme gewichen.

Warum ist das etwas anderes? Du zerstörst etwas. Grundlos. Du pflückst eine Blume, weil sie dir gefällt. Du pflückst ein Kleeblatt, weil es dir Glück bringen soll. Ich füge Menschen Schmerz zu, weil ich es mag.

Die Worte verhallten und ließen eine verheißungsvolle Stille zurück, die die unverrückbare Wahrheit in Stein zu meißeln schien. Esben schüttelte den Kopf. Er konnte das nicht hinnehmen. „Aber du musst doch wissen, dass das falsch ist! Du bist ein vernunftbegabtes Wesen, du hast einen Verstand! Wie kann solche Bösartigkeit existieren?“

Diese Bösartigkeit existiert überall.“ Sitraxa hob einen Arm und schwenkte ihn herum, um auf ihre nahe Umgebung zu deuten. „Denk nur an die Natur. Sie ist eine Ansammlung von Schmerz und Leid, von einem ständigen Kampf ums Überleben. Aber gerade durch ihre Vergänglichkeit und Fragilität gewinnt sie erst ihre wahre Schönheit. Und dennoch fußt sie auf Blut und Knochen, auf Tod und Korrosion, auf Konflikt und Gewalt.“ Kurz hielt sie inne und betrachtete gedankenverloren das glühende Gesicht auf dem Einband des alten Folianten. „Ihr Menschen versteht das nicht. Ihr könnt Schmerz und Leid nicht akzeptieren. Ihr könnt euch der Schönheit des Schmerzes und des Todes nicht beugen, obwohl ihr ihr stets frönt. Für euch muss es immer einen perfekten Ort geben, an dem keine Konflikte herrschen. Nenn es Himmel, nenn es Folkvang, das ist gleichgültig. Vielleicht ist genau das der göttliche Funke in euch.

Esbens Arm zitterte. „Und was, wenn ich dir Schmerz zufügen würde? Würde dir das etwa gefallen?“

Er bereute die Frage im selben Atemzug. Sitraxas Augen loderten wie abgründige Höllenschlünde. „Ob es mir gefallen würde?“, kreischte sie. Blutstropfen spritzten erneut aus ihrem Mund, während sie erstickt lachte. „Das ist das falsche Wort, Priester! Ich giere danach, ich will ihn haben, der Schmerz ist mein Begleiter und Freund! Er ist die Essenz meines Lebens und ich liebe ihn mehr als alles andere!“

Sitraxa schlang die Arme um ihren schmächtigen Leib und wiegte sich laut lachend vor und zurück, während Tränen aus ihren weit aufgerissenen Augen quollen. Esben entfernte sich angewidert, ohne sie aus den Augen zu lassen. Wie konnte solch ein Wesen existieren? Nur existieren, um sich als wandelnde Abscheulichkeit mit dem Schmerz zu verbünden und ihn unter alles Lebendige zu bringen?

Du willst es doch, Priester?“, rief Sitraxa und robbte langsam auf ihn zu. „Du trägst selbst noch Teile der Natur in dir, die du unter deiner glitzernden Klerikerfassade versteckst! Komm, gib es zu! Du willst diesen jungen Körper, du willst ihn besitzen, du willst ihn haben und …

Schluss!“ Esben presste seine Magie regelrecht in den Folianten. Ein roter Lichtblitz fegte über den schroffen Felsen und wirbelte Staub auf. Sitraxa schrie auf, doch ihr hämisches Gelächter verstummte erst, als das Licht verschwand und sie wieder in ihrem Gefängnis im Folianten ruhte.

Esben sank zitternd zu Boden. Das schwere Buch entglitt seiner Hand. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Jegliche Kraft verließ ihn.

Verstehst du es jetzt?“, fragte ihn schließlich eine Stimme.

Esben hob ermattet den Kopf. Velis lehnte im Schatten einer Felsnadel am schroffen Stein und beobachtete ihn. Ihre roten Augen flackerten wie Funken.

Ihr seid Monster!“, stieß Esben hervor. „Ihr suhlt euch im Schmerz, ganz gleich ob ihr ihn erleidet oder zufügt! Ihr seid …“

Rauch füllte seinen Mund und Esben hustete. Er krümmte sich und fiel auf den schweren Folianten zu seinen Füßen. Er roch Schwefel.

Du liegst falsch“, sagte Velis schließlich, ohne sich zu bewegen. „Sitraxa und mein Vater suhlten sich im Schmerz. Aber das war nicht die Wahrheit, die ich dich lehren wollte.“ Sie hielt kurz inne und trat dann ins schwache Licht der brennenden Feuergruben. Esben rappelte sich mühsam auf und hob das Buch.

Komm nicht näher!“, rief er.

Velis hielt an und musterte ihn ohne Furcht. Kurz standen sie sich kampfbereit gegenüber, Auge in Auge, bis der Anflug eines Lächelns ihre schmalen Lippen umspielte.

Die Wahrheit ist, dass wir Dämonen alle mit einem festen Ziel geboren werden.“

Esben blinzelte und sah sie verwirrt an. Velis’ Lächeln wurde breiter, doch nun spiegelte sich Melancholie in ihren blutroten Augen.

Jeder Dämon verspürt Gier in seinem Innersten. Die Gier nach einer bestimmten Sache, einem bestimmten Gefühl. Es entspricht unserem Wesen, stets nach diesem einen Ziel zu streben. Mein Vater strebte nach Schmerz, Berith nach Wahrheit, Malfegas nach immerwährendem Kampfesruhm und Azrael nach Herrschaft und Dominanz. Wir alle versuchen, ein Ziel zu erreichen, das uns im Leben missgönnt wurde.“

Einen Namen kannte Esben nicht. „Wer ist Malfegas?“

Ein äußerst ruhmreicher, edler und starker Ritter Seiner Majestät“, hauchte eine Stimme in Esbens Ohr.

Esben fuhr so hastig herum, dass er stolperte und beinahe auf Velis fiel. Vor ihm stand ein gewaltiger Löwe, aus dessen Maul sich Rauchschwaden in den Himmel wanden. Sein Schwanz glich einer toten Schlange, die gefährliche Zähne entblößte.

Esben war sicher, ihn bereits einmal gesehen zu haben. Er musste ihm nach dem Kampf gegen Sitraxa in Velis’ Herzogtum begegnet sein.

Malfegas lachte. Esbens Reaktion schien ihm zu gefallen. „Das ist der furchterregende Magier, der uns alle mit einem Zauberwort einkerkern könnte? Ein Abrakadabra Verschwindibus und ich soll in dem Schmöker sein?“ Malfegas deutete mit dem furchterregenden Schwanz auf den verbotenen Folianten. „In meiner Arena würde der keinen Tag überleben.

Esben brachte die Kraft für eine Antwort nicht auf. Die Schrecken dieses Ortes beraubten ihn seiner Macht.

Malfegas!“, rief Velis überrascht. Sie hatte ihn ebenso nicht kommen gehört. „ich dachte, du bist in der Stadt?“

Malfegas grinste. „War ich auch. Hab dem Bischof von Aminas einen Besuch abgestattet. Er betet den ganzen Tag, während die anderen Insassen ihn verprügeln. Hat ihnen wohl früher viel Unbehagen bereitet.

Esben horchte auf. „Gibt es hier etwa eine Stadt?“

Malfegas bleckte seine Fänge. „Ja, Schlaumeier. An der müssen wir sowieso vorbei, wenn wir zum Chef wollen.“ Beiläufig bedeutete er Esben, ihm zu folgen. „Er will dich sehen.

Esben umklammerte den Folianten fester, als er sich in Bewegung setzte. Er hoffte nur, dem Rauch und der unangenehmen Hitze dieses Ortes zu entkommen.

Velis musste laufen, um zu Malfegas aufzuschließen. „Jetzt schon?“, fragte sie überrascht. „Ich dachte, Esben soll hierbleiben, bis die Schlacht vorbei ist?“

Malfegas schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht mehr. Die Dinge haben sich verändert.

Was ist geschehen?“

Malfegas knurrte. „Ein gewisser Engel.

Esben wusste, von wem sie sprachen. „Saskia?“, platzte er heraus. Azrael hatte sie für tot erklärt, aber Esben wusste es besser.

Malfegas schnippte mit dem schlangenköpfigen Schwanz. „Erraten. Sie hat deiner kleinen Bogenschützin im Lager das Leben gerettet, richtig?

Weil ihr sie vergiftet habt!“ Esben sah vor seinem inneren Auge, wie Abigor verzweifelt versucht hatte, Iliana zu heilen.

Haben wir nicht!“, protestierte Malfegas lautstark. „Das war ein gewisser Hanswurst, den ich bei lebendigem Leib fressen werde, das verspreche ich!

Velis verdrehte die Augen. Scheinbar handelte es sich hierbei nicht um die erste leere Drohung des gewaltigen Löwen.

Sie umrundeten einen schroffen Felsen und standen vor einem schmiedeeisernen Tor. Steinerne Totenengel flankierten es mit erhobenen Sensen.

Lasset alle Hoffnung fahren“, las Esben auf dem Torbogen.

Erbaulich, nicht wahr?“ Malfegas lachte dröhnend. „Original Ungoros.

Ungoros?“, fragte Esben verwirrt. „Wer ist das?“

Als sich das Tor öffnete, schwebte ihnen die Antwort entgegen.

Edle Herren, seid nicht verzagt, das jüngste Gericht wurd’ jäh vertagt“, sprach der riesige Fleischklumpen, der sich mit grotesk kleinen Fledermausflügeln in der Luft hielt. Esben bemerkte weißliche Maden, die sich in den speckigen Falten seines Körpers tummelten. Punkte tanzten vor seinen Augen und Übelkeit durchwühlte seinen Mageninhalt. Er würgte.

Na, na.“ Malfegas stupste Esben mit seiner Schnauze an. „Wer wird denn hier schon umfallen? Ist doch nur ganz natürlicher Verwesungsgeruch!

Esben wandte den Blick von Ungoros ab und folgte Malfegas dankbar in die Stadt. Bei dem Gedanken, gegen diese Wesen kämpfen zu müssen, rebellierte sein Magen erneut.

Ich war närrisch. Vollkommen närrisch. Wie könnte ich gegen solche Abscheulichkeiten kämpfen? Nicht ein Zauber würde mir einfallen!

Die Gebäude waren allesamt aus schwarzem Stein gebaut, Fenstergläser gab es nicht. Esben sah eine Menschenmenge sich um ein Podest versammeln, auf dem ein Mann predigte. Neben ihm lag eine wimmernde Frau, hinter ihr ein stand ein maskierter Henker.

Sieh genau hin“, forderte Malfegas. „Wir haben nichts damit zu tun. Wir haben ihnen freie Hand gelassen.

Freunde!“, rief der Mann. „Dieses elende Weib hat wider unsere Gemeinschaft gesündigt, indem es frevelhaft zum Heiligen Esben gebetet hat!“

Blasphemie!“, kreischte die Menge.

Blasphemie!“, bestätigte der Mann. „Im Namen unseres allmächtigen und weisen Herrn Azrael gebe ich sie hiermit zur Schändung frei! Treibt eure Spielchen mit ihr, bis der Blutmond am Himmel erscheint! Dann wird der Henker sie kreuzigen.“

Jubel wurde laut und die Frau schluchzte auf. Einige Männer stürmten sogleich auf das Podest und suhlten sich in ihren Trieben.

Wir müssen ihr helfen!“, sagte Esben mit brüchiger Stimme. „Das darf … das darf doch nicht sein!“

Gründet eine Stadt und büßet für eure Sünden“, murmelte Malfegas. „Das hat Azrael zu ihnen gesagt. Wir haben ihnen das Material gegeben, um sich zu organisieren. Wir haben ihre Häuser gebaut. Aber alles andere haben wir ihnen überlassen.“ Malfegas betrachtete Esben traurig, während die Frau vor Qualen schrie. „Wir mischen uns nicht ein, haben wir gesagt. Und das ist das Ergebnis. Das ist die Hölle, mein Freund. Die wahre Hölle.

Aber … aber wie kann das die Hölle sein, wenn sie sie hinrichten?“, fragte Esben. „Eure Täuschung fliegt dann doch auf, oder etwa nicht?“

Unsere Täuschung hat nie so recht funktioniert“, erwiderte Velis und drängte sie, weiterzugehen. „Der Sprecher vorhin ist Azraels selbsternannter Apostel. Er erklärt seinen Jüngern, dass sie sich nur in einem Zwischenstadium befinden und bald in den Himmel aufsteigen werden.“

Dann hatte Sitraxa recht“, flüsterte Esben, „Wir Menschen greifen immer nach dem Göttlichen, aber kommen nie von der Grausamkeit los.“

Als sie die tobende Menge passierten, bemerkten einige die Botschafter ihres neuen Gottes und warfen sich vor ihnen in den Staub. Esben erkannte den Bischof von Aminas, statt der prachtvollen Gewänder nun nur mit einem Lendenschurz bekleidet und mit geschwollenem Gesicht. Scheinbar regierten Streit und Gewalt den Alltag der Bewohner.

Esben atmete auf, als sie einen gewaltigen Palast inmitten der Häuser erreichten und den Marktplatz hinter sich ließen. Die Schreie verstummten, als die schwere Eisentür ins Schloss fiel.

Esben sah sich überrascht um. Der Regierungssitz glich einer düsteren Kirche. Unheilsschwangere Buntglasfenster kündeten von Krieg und Zerstörung, andere von Gericht und Seligkeit. Statuen säumten den Weg, der mit einem purpurroten Teppich ausgelegt war.

Inmitten des Monuments erhob sich eine gewaltige Thronlehne, die bis zur prunkvollen Decke reichte. Die Darstellung eines Richtschwerts bedeckte den dunklen Stein. Es ähnelte Murakama.

Darunter saß, den Kopf in herrschaftlicher Manier sanft mit zwei Fingern abstützend, Azrael.

Obwohl seit ihrer letzten Begegnung keine drei Tage vergangen waren, wirkte der Dämonenkönig stark verändert. Er schien bleich und ausgezehrt, dunkle Ringe verunzierten seine rötlich schimmernden Augen. Er trug einen schwarzen Mantel mit Stehkragen und eine ebenso dunkle Plattenrüstung. Die Klinge Murakama lehnte neben ihm am Thron.

Willkommen.“ Azrael erhob sich und breitete die Arme aus, so als begrüßte er einen alten Freund. „Wie gefällt es dir? Mein Domizil?“

Esben zögerte. Nach dem Toben der Menge hallte hier jedes Wort unangenehm laut durch den gewaltigen Raum.

Düster“, erwiderte er schließlich.

Besser kann man es vermutlich nicht beschreiben. Ich bin schließlich auch ein düsterer Gott.“ Azrael ließ sich wieder auf den Thron sinken und bedeutete Malfegas zu gehen. Der Löwe neigte das Haupt und verschwand durch eine unscheinbare Tür in einen Nebenraum. Esben zuckte zusammen, als sie ins Schloss fiel. Velis stellte sich neben Azraels Thron und hauchte einen Kuss auf seine Stirn.

Esben sah sie überrascht an. Azrael kommentierte die Geste mit einem ironischen Lächeln. „Ja, auch Dämonen können lieben, mein Freund. Aber das kann ich dir später noch erklären.“ Ernsthaftigkeit verfinsterte seine Miene. „Esben, ich mache es kurz: Schließt du dich uns an?“

Esben umklammerte den Folianten. Er erinnerte sich an den Kampf in Hornheim, als die Dämonen vor der Macht des Buches zurückgeschreckt waren. Nun schien niemand mehr Angst zu verspüren.

Für mich gibt es nur einen Gott“, presste er hervor.

Azrael seufzte. „Wieso fühlst du dich ihm verpflichtet? Was hat er dir je gegeben?“

Esben hielt seinem Blick stand. „Mein Leben.“

Und warum sollst du dafür dankbar sein?“

Esben sah Azrael verblüfft an. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Azrael lehnte sich zurück, bis sein Rücken gegen die hohe Lehne stieß. Seine Augen blitzten.

Wenn Gott der Herr dich tatsächlich liebte, hätte er dich sofort im Himmel erschaffen. An einem Ort ohne Leid, ohne Konflikt. Stattdessen warf er dich auf dieses Schlammloch namens Erde, wo die Dämonen regieren.“ Azrael breitete die Arme aus. „Gier, Neid, Wollust, Völlerei! Das sind die wahren Dämonen und sie hausen in eurem Verstand! Du glaubst mir nicht? Sieh nach draußen! Ich bot ihnen einen Garten Eden und sie bauen ein Inferno! Der Mensch muss ein Knecht sein, um keinen Schaden anzurichten!“

Der Foliant entglitt Esbens erschlaffenden Hand und fiel zu Boden. Die Kraft wich aus seinen Knien und der Priester knickte ein. Er fing seinen Sturz mit den Händen ab. Schmerz durchzuckte die Gelenke und ein Tränenschleier schob sich vor Esbens Augen.

Dann befreie mich!“, schrie er. Die lodernde Wut, die schmerzhaften Zweifel, die schleichende Furcht, alles brach sich nun Bahn. Seit Teshins und Saskias Auftauchen in Aminas war seine Welt immer wieder aufs Neue zerschmettert worden. „Befreie mich von meinem Schmerz! Mach mich endlich wieder ganz!“

Azrael schwieg. Er wirkte erstaunt.

Esben starrte ihn an, während Tränen seine Wangen benetzten.

Überall Monster“, flüsterte er. „Wohin ich auch blicke, alles ist düster und voller Dunkelheit. Jeder Dämon ist gottlos und jeder Mensch schlachtet seinesgleichen. Meine Schwester – tot. Meine Gemeinde – Monster. Meine Freunde – versprengt. Es gibt nichts … nichts … keinen Schutz vor der Dunkelheit. Jeder ist grausam und jeder ist ein Abgrund.“

Die Worte sprudelten aus Esben jervor wie ein Wasserfall der Bekenntnis. Er konnte nicht mehr an sich halten und lautes Lachen entrang sich seiner gepeinigten Kehle. Der Wahnsinn erschien ihm nun als tröstlicher Freund.

Alles ist dunkel und kalt!“, schrie Esben, bevor er entkräftet niedersank.

Kurz herrschte Stille, als Azrael sich plötzlich erhob und über den roten Teppich schritt. Der Stoff dämpfte seine schweren Schritte kaum.

Ich verstehe dich“, murmelte der Dämonenkönig. „Unsere Welt ist von Krieg geplagt und wir alle haben diese Momente, wenn wir die Wahrheit begreifen, in denen unser Leben wie grausamer Spott erscheint. Liebe deinen Nächsten, sagen sie und am nächsten Tag verbrennen sie eine Hexe. Gott bequemt sich nicht herab, um zu herrschen. Ich muss es für ihn tun.“

Esben hob verunsichert den Kopf, als Azrael ihm die Hand anbot. Zögernd ergriff er sie.

Kann es wirklich gelingen?“, fragte er leise.

Ja“, erwiderte Azrael und stieß ihm Murakama ins Herz.

Wer bin ich?

Der Wind pfeift mir um die Ohren. Ich fliege über endlose Wälder hinweg. Moment mal. Da stimmt etwas nicht. Ich kann doch gar nicht fliegen.

Noch bevor ich darüber nachdenken kann, gerate ich in einen Aufwind. Wie im Expreßaufzug zieht es mich nach oben. Das macht Spaß. Ich gebe mich den Luftströmungen hin und lasse mich treiben. Ab und an ein Flügelschlag zur Korrektur reicht völlig aus. Flügelschlag?

Wo bin ich nur? Ich sehe mich um. Am Horizont kann ich einen blauen Tupfen im grünen Waldmeer erkennen. Der Fleck zieht mich magisch an und ich halte darauf zu. Es ist einsam hier. Wo sind nur die Menschen?

Plötzlich fließt mir Wasser aus dem Auge. Das ist sicher der Fahrtwind. Ich wische es weg und betrachte dabei meine Hand. Sie hat sieben Finger und mein Daumen ähnelt einer Kralle. Kralle?

Bei Sonnenuntergang habe ich den blauen Tupfen erreicht. Es ist ein großer, fast kreisrunder See und in seiner Mitte liegt eine Insel. Auf ihr kann ich ein Dorf erkennen in dem Menschen herumlaufen.

Schon seit einiger Zeit knurrt mein Magen. Doch jetzt wird es richtig schlimm. Ob es hier wohl ein Gasthaus gibt?

Als ich näher komme, höre ich Wortfetzen. Noch kann ich nichts verstehen, doch es scheint so, als wären alle Dorfbewohner in großer Aufregung. Ich schaue mich um. Was die wohl haben?

Dann höre ich einen Schrei. „Rennt in die Häuser, er greift wieder an.“

Im selben Moment pfeift etwas durch die Luft, knapp an meinem linken Ohr vorbei. Als ich den Kopf drehe, sehe ich eine Metallkugel in der Ferne verschwinden. Ich überfliege den Ort, wende und suche einen Landeplatz. Ein Mann, direkt unter mir, rennt brüllend auf eine Holzhütte zu.

„Der Drache kommt!“ Und schon schwirrt die nächste Kugel an meinem Kopf vorbei.

Während ich abdrehe, läuft eine einsame Träne aus meinem Auge. Ich habe endlich verstanden. Ich bin der Drache.

Gottes Hammer XII

„Medardus?“, wiederholte Halgin überrascht. Iliana umklammerte ihren Bogen so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Wie konnte das sein? Hilfesuchend sah sie vom einen zum anderen. Esben wirkte hilflos, Halgin erstarrt wie eine Statue und aus Teshins Augen starrte ihr Zorn entgegen.

Ebenso hatte Ilianas Gesicht ausgesehen, als sie sich nach der Verbrennung ihrer Mutter in einer Pfütze betrachtete.

Einen Moment lang regierte Stille die Kammer, bis Halgin entschlossen das Wort ergriff. „Es ist mir zutiefst rätselhaft, wie dieser Inquisitor in solch kurzer Zeit von Aminas hierhergelangen konnte. Dennoch, wir dürfen keine Zeit mit Erklärungsversuchen verschwenden. Es steht wohl außer Frage, dass er von uns weiß, sonst wäre er nicht mit einem solchen Aufgebot auf dem Weg hierher. Wir müssen eine Strategie erarbeiten.“ Kurz atmete er durch. „Aus welchen Einheiten besteht das Heer?“

Esben strich sich mit seiner zitternden Hand Schweiß von der Stirn. „Ausnahmslos berittene Männer in schweren Rüstungen, etwa fünfhundert Mann, denke ich. Sie alle tragen die Abzeichen der Tempelsöhne.“

Es war, als hätte er ein Wort der Macht gesprochen. „Ein Heer aus Rittern?“, fragte Teshin fassungslos.

Iliana sah ihn überrascht an. „Ist das nicht normal?“

Teshin schüttelte angespannt den Kopf. „Nein. Die Denomination verfügt nur über wenige geistliche Ritter. Sie alle durchlaufen eine harte Ausbildung, wodurch sie zu ausgezeichneten Magiern werden. Die Tempelsöhne sind die absolute Elite unter ihnen. Als im großen Krieg vor ein paar Jahren der Herzog von Aminas eine große Kirche plündern wollte, hielten zehn Tempelsöhne seine ganze Armee auf. Die bestand aus fünftausend Mann.“

Iliana fasste sich benommen an den Kopf. Sie konnte solche Stärke kaum erfassen. „Aber … ich wurde doch auch von Tempelsöhnen gefangen genommen! Du hast sie besiegt!“

Teshin lachte freudlos. Der Laut ließ Iliana erschaudern.

„Ich hatte das Überraschungsmoment auf meiner Seite“, erwiderte er. „Außerdem waren die vier in der Kutsche nur Anwärter. Und selbst die hätten mich wahrscheinlich überwältigt, wenn sie vorbereitet gewesen wären.“ Er sah Iliana direkt in die Augen. „Fünfhundert Mann auf einem Feldzug können wir nicht überraschen. Wir sind nur zu viert, außerdem sind das keine Narren. Sie wissen, dass sie nach Hornheim reiten. Sie werden wachsam bleiben.“

Halgin nickte zustimmend. „Wann werden sie hier sein, Esben?“

Der gefallene Priester riskierte einen weiteren Blick. „Sie kommen in unsere Richtung, aber noch sind sie im Wald. Wenn wir jetzt fliehen, könnten wir vielleicht entkommen!“

„Fliehen?“, fragte Teshin und lachte. „Das wird nicht funktionieren!“

Esbens Augen glommen hoffnungsvoll im roten Licht. „Warum nicht? Mithilfe der Navali …“

Teshin schüttelte den Kopf. „Denk bitte nach, Esben. Ein Heer aus Tempelsöhnen steht nicht zufällig vor unserer Haustür. Ich bin mir fast völlig sicher, dass Medardus unseretwegen gekommen ist. Ich bin mir ebenfalls sicher, dass er Androgs Halle kennt. Sonst würde er nicht so schnell in diese Richtung ziehen.“

Ilianas Herz sank gen Boden, als Halgin entmutigt nickte.

„Ich fürchte, er behält recht. Noch weiß ich nicht, wer sie ersonnen hat, aber dies war eine Falle und wir sind hineingetappt. Im Wald würden wir ihm in die Arme laufen und in Hornheims Ödnis kann man sich nicht verstecken. Unsere einzige Hoffnung ruht auf dem Gang vor dem Haupttor.“

Der Hoffnungsschimmer in Esbens Blick erstarb. „Ihr meint, wir sollen den Gang verbarrikadieren? Womit?“

„Mit uns selbst.“ Halgin flatterte energisch mit den Flügeln. „In ihren schweren Rüstungen können die Ritter höchstens jeweils zu zweit nebeneinander durch den Gang marschieren. Wenn wir alle vier gemeinsam kämpfen, könnten wir einige von ihnen aufhalten.“

Teshin lachte erneut. „Diese Strategie haben die zehn Tempelsöhne beim Heer des Herzogs angewandt und sie hatten Erfolg. Aber wisst Ihr was, Majestät? Das funktioniert nur bei Armeen, die durch schiere Masse siegen. In einem engen Gang können sie diesen Vorteil nicht ausspielen und werden der Reihe nach niedergemacht. Aber wir haben es hier nicht mit einfachen Soldaten zu tun, wie die im Heer des Herzogs. Das hier sind Tempelsöhne. Jeder von ihnen beherrscht heilige Magie und wäre uns wahrscheinlich ebenbürtig. Wir können vielleicht ein paar von ihnen mit in den Tod nehmen, aber wie viele sollen das sein? Vier? Zehn? Sechzehn? Am Ende wird uns die Erschöpfung überwältigen, während der Feind immer wieder zwei neue, ausgeruhte Gegner gegen uns ins Feld schickt. Und eine Sache habt Ihr noch übersehen.“ Teshin winkte sie zurück in die Halle. Kaum standen sie auf der Galerie an der linken Wand, deutete er auf den Eingang. „Der Gang vom Haupttor zu Androgs Halle ist abfallend. Die Ritter werden folglich über uns stehen und daher im Vorteil sein. So haben wir keine Chance.“

„Dennoch wäre es ein ehrenhaftes Ende“, erwiderte Halgin. Iliana schluckte angsterfüllt. Täuschte sie sich oder schwang tatsächlich Furcht in der Stimme des Königs mit?

Teshin schnaubte. „Majestät, vergebt mir, aber wollt Ihr unsinnig morden? Euer Heldentod würde nichts Gutes bewirken, im Gegenteil. Wenn wir uns wehren, erregen wir nur den Zorn des Gegners. Wir würden sinnlos Blut vergießen, sinnlos gute und schlechte Männer gleichermaßen in einer verlorenen Schlacht töten. Wenn wir uns ergeben, erregen wir vielleicht eher ihre Gnade.“

„Dir geht es also nur um dein Leben, Angnaur!“, fauchte Halgin ungehalten. „Hast du nicht selbst gesagt, der Inquisitor habe Grund genug, jeden von uns zu verbrennen? Was nützt dir diese Torheit?“

Teshin blieb ruhig. Ein Hauch von Melancholie schlich sich in seine Stimme. „Mir geht es um Iliana.“

Stille breitete sich aus. Iliana sah Teshin überrascht an. Gleichzeitig regte sich Trotz in ihrem Innersten. „Ich will mich nicht ergeben!“, brauste sie auf. Zu lebendig waren die Erinnerungen an Arinhilds Tod. Lieber wollte sie durch ein Schwert sterben als auf dem Scheiterhaufen.

Teshin beachtete sie nicht, sondern fixierte Halgin. „Denkt nach, Was, wenn wir Iliana fesseln und so tun, als wäre sie unsere Gefangene? Wir lassen die Ritter hereinkommen und erwarten sie in Androgs Halle. Wir werden so tun, als hätten sie uns überrascht. Uns drei werden sie wahrscheinlich töten, aber Iliana könnte überleben, indem sie ihr Mitleid erregt. Ein solches Heer wird nicht wegen einer entflohenen Hexe ausgeschickt. Sie hätte gute Chancen, nicht erkannt zu werden und vielleicht sogar Hilfe zu erhalten. So könntet Ihr Euren Eid erfüllen und auch im Kampf sterben, wenn Ihr das unbedingt wollt. Wäre das nicht ehrenhafter?“

Iliana musste an Medardus denken. Würde er sie erkennen? Sie starrte Halgin hilfesuchend an, doch die Miene des Königs war nicht zu deuten. Schweigend betrachtete er Teshins Gesicht.

Iliana biss die Zähne zusammen. Ihr ganzer Körper bebte und erst im nächsten Moment wurde ihr bewusst, dass sie in Tränen auszubrechen drohte. Medardus hatte ihr einst alles geraubt, nun würde er es wieder tun. Halgin, ihr König, ihr heimlicher Verbündeter und Beschützer … sie wollte, sie konnte ihn nicht auch noch verlieren.

Teshin bemerkte ihre Trauer. „Du wirst leben“, sprach er überraschend sanft. „Du musst, hörst du? Ich werde Medardus herausfordern und vielleicht kann ich ihn in meinen letzten Momenten dazubringen, Saskias Aufenthaltsort zu nennen. Vorausgesetzt, er kann seine Stimme wirklich außerhalb eines Heiligtums einsetzen.“ Seine blauen Augen glitzerten. „Falls er es tut – bitte such nach ihr. Bitte sag ihr, was geschehen ist.“

Iliana konnte nur nicken. Eisige Klauen gruben sich in ihr gepeinigtes Herz. Teshin wandte sich ab und lockerte Murakama in der Scheide. Seine Hände zitterten leicht, als sich seine Finger um den verzierten Griff der Waffe schlossen.

„Es gibt noch eine andere Möglichkeit“, sagte Esben unvermittelt und deutete auf die drei versiegelten Portale in der gegenüberliegenden Wand. „Können wir das Siegel brechen, Majestät?“

Ilianas Blick flog zu den drei gewaltigen Toren. Ein Hoffnungsschimmer regte sich in ihrer Brust. Kurz breitete sich überraschtes Schweigen aus, dann schüttelte Halgin fassungslos den Kopf. „Wenn wir unsere Kräfte vereinen, dann hege ich daran keinen Zweifel. Doch weißt du, wohin dieser Weg führt? In tiefste Finsternis, ins wahre Hornheim!“

„Dort hausen Dämonen, ich weiß.“ Esben hielt sein Buch hoch. Die Augen der Fratze glitzerten hell. „Aber hier drin steht eine Anleitung, wie ich Dämonen an mich binden kann. Es ist ein schreckliches Ritual … aber es verschafft uns einen Vorteil, den wir gegen die Tempelsöhne nicht haben.“ Er sah in die Runde. „Wir müssten dort nur solange ausharren, bis das Heer wieder abgezogen ist.“

Halgin wirkte entsetzt, doch Teshin nickte. Seine ernste Mine konnte die Erleichterung in seiner Stimme nicht verbergen. Offenbar war er für den Tod doch noch nicht bereit. „Auch wenn ich so die Wahrheit nicht erfahre, ich bin dabei. Los, brechen wir das Siegel!“

Esben wandte sich ab. „Ich habe nicht weit von hier eine Vorratskammer angelegt. Brecht ihr beide bitte das Siegel, Iliana und ich holen einige Nahrungsmittel. Wer weiß, wie lange Medardus Androgs Halle besetzt halten wird.“

Noch ehe Iliana eine eigene Entscheidung treffen konnte, hastete sie bereits Esben nach. Der gefallene Priester führte sie eine steinerne Treppe hinab, an einer bärtigen Statue vorbei, die sich schwach regte. In der Kammer fanden sie zwei Taschen und füllten sie mit verschiedensten Früchten und mit Gemüse. Esben hatte gut vorausgeplant.

Kaum kehrten sie in Androgs Halle zurück, empfing sie ein heller Lichtblitz. Iliana bedeckte geblendet die Augen. Halgins Magie glich einem Mantel aus reinem Licht, der ihn bedeckte. Schon zeigten sich Risse im Stein. Iliana betrachtete die Fratze über dem zugemauerten Tor. Es war die mit den kalten Zügen.

Einen Moment später brach die Barriere zusammen. Sofort entströmte ungewöhnlich warme Luft dem Gang dahinter. Verwesungsgeruch stieg Iliana in die Nase und ließ ihren Körper erbeben. Das Gefühl, eine von göttlicher Kraft gezogene Schwelle zu übertreten, machte sich in ihr breit.

„Geht voran“, orderte Halgin. „Ich baue die Barriere hinter uns wieder auf.“

Teshin winkte ihnen energisch und durchschritt als erster das Portal. Iliana atmete tief durch und stürzte sich nach ihm in die Finsternis.

Gottes Hammer XI

Iliana atmete erleichtert auf, als sie Androgs Halle erreichte. Esben hatte ein altes Deckenlicht entzündet, dass unzählige Meter über ihren Köpfen silbriges Licht verströmte. Halgin meinte, die Runen um den magischen Gegenstand bedeuteten soviel wie „Vater Sonne“. Zu seiner Zeit beteten die Menschen Himmelskörper als Götter an. Offenbar stammte das Bauwerk aus der Ära des Verlorenen Reiches.

Als sie die kalten Stufen hinabstieg, fiel ihr Blick zuerst auf die drei großen Portale in der dem Eingang gegenüberliegenden Wand. Jemand hatte sie zugemauert und mächtige Schutzzauber in den Stein gewoben. Siegel prangten auf der Oberfläche und drei grässliche Fratzen aus Marmor warnten jeden neugierigen Betrachter. Dennoch ertrug Iliana lieber diesen Anblick als ein Gespräch mit Teshin zu führen.

Halgin hatte sie bereits vor dem Söldner gewarnt, doch Iliana bedurfte keiner Mahnung. Zwar war Teshin kein Monster, wie sie wohl wusste, aber er war in namenlose Dunkelheit abgeglitten, deren Hohngelächter sie nach ihrer Befreiung empfangen hatte. Niemand musste sie von Teshins Gefährlichkeit überzeugen. Sie hatte seinen Angriff als Schwertdämon miterlebt … sie würde ihn nie vergessen.

Nie hatte sie solch grimmige Genugtuung verspürt.

Iliana lebte nicht in dem kleinen Dorf Raureif, wie Halgin meist erzählte. Sie war bei einer alten Frau aufgewachsen, deren Hütte sich abseits von allen Straßen im Wald an einen gewaltigen Baum duckte. Bei ihrer Ziehmutter Arinhild.

Die Erinnerung jagte Freude und Schmerz gleichermaßen durch Ilianas Geist. Wenn sie die Augen schloss und sich konzentrierte, sah sie die verwinkelten Innenräume der schiefen Hütte vor ihrem inneren Auge, sie hörte Arinhilds stets rauchige Stimme und roch die zahlreichen Kräutersorten, die sie in Schränken und Regalen aufbewahrte. Arinhild kannte die Pflanzenwelt besser als jede andere Person und zahlreiche Dorfbewohner kamen zu ihr, um sich von Krankheiten kurieren zu lassen. Auch Iliana befreite sie von so manchem Schnupfen. Arinhild hatte ihr wahrlich vieles beigebracht. Iliana wusste, dass dieses Wissen nichts mit Magie zu tun hatte.

Dennoch konnte sie dem Volkszorn nicht Einhalt gebieten.

Vor genau vier Jahren war Raureif von einem schrecklichen Hagelsturm heimgesucht worden, der Felder verwüstete und Bäume fällte. Die Bewohner verloren Habseligkeiten oder sogar Angehörige an das Toben der Natur. Alle hatten sie Verluste zu beklagen, mit Ausnahme von Arinhild und Iliana. Der große Baum im Wald hatte ihrer kleinen Hütte genügend Schutz geboten.

Als Medardus auf Bitten des Dorfältesten kam, schloss der Inquisitor sofort auf Hexenwerk. Er beschrieb die Zauberinnen dieser Gattung als entweder alt und durchtrieben oder als jung und lustvoll. Es gab nur ein „armes altes Weib mit Kräuterkenntnissen“, dessen man habhaft werden konnte. Ihre liebe Mutter.

Iliana ließ sich auf die steinerne Treppe sinken und betrachtete eine der Fratzen. Sie befand sich über dem mittleren Portal und funkelte sie ohnmächtig an. Ein ähnlicher Blick war auch den Dorfbewohnern zuteilgeworden, als sie Arinhild zum Scheiterhaufen schleppten. Iliana zwangen sie, sich das Spektakel der Hinrichtung genau anzusehen. Medardus dachte, wenn sie sich abwandte, wäre sie ebenfalls als Hexe überführt. Doch Iliana konnte sich nicht abwenden. Der Anblick verwandelte sie in eine Statue.

Dieses Ereignis höhlte sie innerlich aus, raubte ihr jeden Teil kindlichen Glücks, der ihrer jungen Seele noch anhaftete. Nach Medardus’ Abzug fühlte sie sich nur noch mit einer Waffe sicher. Zu ihrem Glück fand Halgin sie, als einige junge Männer sie mit Stöcken aus dem Dorf jagten. Der König rettete sie nicht nur einmal vor gewalttätigen Übergriffen. Dennoch bedurfte es eines Schwertdämons, um sie aus den Fängen der Ritter zu befreien.

Iliana schluckte. Die Fratze rechts daneben funkelte sie kalt an, ohne jede menschliche Regung in den verunstalteten Zügen. Ebenso hatte Teshin sie angesehen, als er auf dem Marktplatz blutig erntete.

Ein grimmiges Lächeln legte sich auf Ilianas Gesicht. Die Ältesten, die Arinhild verurteilt hatten, die jungen Burschen und Mädchen, die vor ihrem Scheiterhaufen ausgelassen getanzt hatten – sie fielen durch Murakama. Nur wenige entkamen dem Massaker. An diesem Tag hatte Raureif die Hälfte seiner Bewohner verloren.

Obwohl Iliana nicht geflohen war, blieb sie verschont. Für die verbliebenen Dorfbewohner galt dies als Beweis für ihre Verbindung mit den Dämonen Hornheims. Es glich einem Wunder, dass sie nicht zu Tode geprügelt worden war. Vielleicht hatte die Aussicht, Iliana bei lebendigem Leib zu verbrennen, ihre Fäuste ruhig gehalten.

Iliana schluckte. Nein, sie musste Teshin sogar dankbar sein. Nicht nur für ihre Errettung, sondern auch für ihre Rache. Mehr als dieses freudlose, ergrimmte Lächeln hatte sie in den vergangenen vier Jahren nicht zustande gebracht. Die Bilder von Arinhilds Hinrichtung machten jedes Lachen unmöglich.

Iliana wandte sich von den Portalen ab. Sie sollte keine dermaßen finsteren Gedanken hegen. Sie wollte nicht werden wie Teshin. Während sie die Stufen auf der anderen Seite erklomm, zweifelte sie an der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Sie hätte Teshin nicht aufsuchen sollen. Was, wenn er nun vollkommen den Verstand verlor?

Nein, sie war ihm die Wahrheit schuldig. Auch wenn er ihr Angst einflößte, verdiente er nichtsdestotrotz, alles über seine Vergangenheit zu erfahren. Wenn sie ihm dabei helfen konnte, musste sie es tun.

Ilianas Zweifel und Erinnerungen erloschen, als sich ihre Finger um den Bogen schlossen. Sie hatte ihn auf die zweite Galerie gelegt, die gegenüber der ersten lag. Von der ersten zweigte unter anderem der Gang zur Terrasse ab, von der zweiten der zu Esbens Basis. Iliana setzte sich in Bewegung. Sollte Teshin zurückkehren, konnte er ja einfach nach ihnen rufen, falls er sie nicht finden sollte.

Dieser Gang war eben und weitaus kürzer als der andere. Nach wenigen Schritten gelangte Iliana in einen quadratischen Raum, der ebenfalls über ein magisches Deckenlicht verfügte. Inmitten der steinernen Konstruktion thronte Esben auf einem gewaltigen Ebenholzstuhl, vor ihm erhob sich ein abstruses Gebilde wie ein dämonischer Arm aus dem Boden. Auf der Spitze ruhte eine leuchtende Kugel, deren rötlicher Schein verrenkte Schatten an die Wände warf. Esben starrte konzentriert in die Tiefen der Kugel, Halgin saß auf seiner Schulter.

„Was siehst du?“, fragte der König just in dem Moment, als Iliana den Raum betrat.

Esben antwortete nicht sofort. Stattdessen kniff er die Augen zusammen und lehnte sich leicht vor. Das Licht der Kugel verlieh seinen Zügen etwas Gespenstisches.

„Noch nichts“, erwiderte er schließlich und sank erschöpft in den Stuhl. Halgin krächzte und erhob sich von seiner Schulter. Er flog zu Iliana und ließ sich vor ihr nieder.

Iliana kratzte sich fragend am Hinterkopf. „Was ist das für eine Kugel?“ In ihrer Gegenwart trat ihr kalter Schweiß auf die Stirn.

„Ein Artefakt“, erwiderte Halgin. „Mit diesem mächtigen Objekt kann Esben einen bestimmten Radius um Androgs Halle sehen. Wir rechnen damit, dass früher oder später Gesandte des Inquisitors Medardus hier auftauchen werden.“

Der Name versetzte Iliana einen Stich. „Wieso das?“

Diesmal antwortete Esben. „Vor dem Krieg hatte die Denomination mit einer heidnischen Unterorganisation zu kämpfen, die den Dämonenkönig Irodeus anbetete. Wenn die Inquisitoren solche Ketzer verhafteten, wurden sie meist auf dem Weg zur nächstgrößeren Stadt von diesen Kultisten überfallen und überwältigt. Daher arbeiteten die Inquisitoren ein System aus Außenposten und einen straffen Zeitplan aus. Jedes Kommando der zuständigen Ritter musste Vögel an alle Außenposten auf ihrem Weg schicken und ihnen somit berichten, wann sie voraussichtlich dort ankommen würden. Verspäteten sie sich, schickte der Außenposten eine Rettungseinheit, da man von einem Angriff der Kultisten ausging. Allein auf dem Weg von hier bis Aminas befinden sich zehn solcher Außenposten, die noch immer genutzt werden, obwohl der Kult des Irodeus längst zerschlagen ist. Teshin hat dich heute kurz nach Sonnenaufgang gerettet, mittags hätten die Tempelsöhne wahrscheinlich bereits den ersten Außenposten erreicht. Wir müssen also jeden Moment mit einem Suchtrupp oder einer Rettungseinheit rechnen.“

Iliana nickte beeindruckt. Sie hatte nicht gedacht, dass die Inquisition über ein solches System verfügte. „Und diese Außenposten sind alle mit Rittern und Inquisitoren besetzt?“

Esben schnaubte. „Das waren sie vielleicht einmal. Du darfst dir diese Einrichtungen nicht als uneinnehmbare Burgen vorstellen. Meistens wurden die Außenposten in Ruinen oder verlassenen Häusern eingerichtet. Einer hier ganz in der Nähe gleicht eher einem Bauernhof. Manche verfügen nur über wenige Waffen oder es sind keine Magier dort stationiert. Ich bin sicher, dass man dieses System leicht lahmlegen könnte. Aber da es den Kult nicht mehr gibt, spielt das keine große Rolle mehr. Heutzutage besteht die Hauptaufgabe der Inquisitoren in der Verfolgung von Hexen. Diese Maßnahmen werden im Allgemeinen vom Volk begrüßt.“ Bitternis schlich sich in Esbens Stimme.

Iliana nickte langsam. Sie interessierte sich mehr für die Kultisten. „Wie hat die Denomination diese Teufelsanbeter denn besiegt?“

Esben legte die Stirn in Falten. „Wenn ich mich richtig erinnere, schleuste sich ein mutiger Adeliger bei ihnen ein. Er versorgte die Denomination mit wertvollen Informationen, bis sein Verrat entdeckt wurde. Die Kultisten verwüsteten sein Gut und töteten seine Familie. Zwei Kinder entkamen angeblich. Der Adelige selbst wurde hinterrücks ermordet und sein berühmtes magisches Schwert verschwand. Aber durch diese Aktion hatten die Anhänger des Irodeus sich zu weit in die Öffentlichkeit gewagt. Ein mächtiger Inquisitor übernahm den Oberbefehl über ein Heer aus geistlichen und weltlichen Rittern, die die Schlupfwinkel der Kultisten stürmten und sie vernichteten. Einige flohen hierher nach Hornheim.“ Esben deutete in die Richtung des Ganges. „Als der Inquisitor Androgs Halle einnahm, flohen die Kultisten durch die drei Portale, die dir sicher schon aufgefallen sind. Dahinter liegen weitere Gänge, die ins wahre Hornheim führen, wo angeblich bis heute Dämonen hausen. Anstatt sie zu verfolgen, versiegelte der Inquisitor die Gänge. Was mit den Kultisten geschah, weiß niemand.“

Iliana erschauderte. „Das klingt wie eine Gespenstergeschichte! Musstest du mir das jetzt am Abend erzählen?“

Esben lachte. Der Laut klang fremdartig in dem dunklen Gewölbe. Dennoch fühlte sich Iliana dadurch seltsam befreit.

Halgin legte den Kopf schief und schlug mit den Flügeln. „Dieses magische Schwert, das dem Adeligen gehörte … das hieß nicht etwa Murakama?“

Iliana sah Halgin verwirrt an. „Wie Teshins Klinge?“

Esben schüttelte den Kopf. „Man nannte die Waffe Megingjormar. Das bedeutet „Heilsbringer“ in der Alten Sprache.“

Halgin nickte. Seine Augen glitzerten. „Das ist mir wohl bekannt. Nur gab es neben der hohen Alten Sprache in südlicheren Gebieten einige Dialekte, von denen heute nur noch wenige bekannt sind. Das Wort Meging wird in dieser Variation als Mura ausgesprochen, Jormar als Kama. Ich weiß nicht, woher Teshin es weiß, doch so interpretiert heißt die Klinge Murakama.“

Iliana starrte Halgin fassungslos an. Bevor sie ihre Schlüsse ziehen konnte, hallte Applaus durch den Raum. Iliana fuhr herum. Teshin lehnte im Eingang, sein blauer Blick ruhte auf Halgin. „Wie ich sehe, versucht Ihr, meine Geheimnisse zu lüften, Majestät. Das nenne ich nicht besonders ehrenhaft.“

Ein Blitz durchfuhr Halgins schwarze Augen. Als er sprach, klang seine Stimme beinahe bedrohlich. „Eines Königs erste Pflicht ist es, sein Volk zu schützen. Man kann das Volk jedoch nicht vor dem beschützen, was man nicht kennt. Du hast mir den Lehenseid verweigert, mir deinen wahren Namen nicht genannt und meine Fragen nur ausweichend beantwortet. Ich kann dich weder als Freund noch als Feind bezeichnen. Also muss ich Informationen sammeln, um deine Rolle in diesem Spiel zu durchschauen.“

Teshins Augen funkelten gefährlich. „Ich bin nicht der einzige, der Geheimnisse hat. Iliana wollte mir von ihrer Vergangenheit ebenfalls nichts berichten und Ihr habt vor mir die wichtigste Information überhaupt verheimlicht!“

Ilianas Herz vollführte einen angstvollen Satz. Er konnte nur ihren Hinweis meinen.

Halgin wirkte verwirrt. „Wovon sprichst du, Angnaur?“

Teshin trat einen Schritt auf ihn zu. Iliana erinnerte sich an die Ritter und wich instinktiv zurück. Würde es zum Kampf kommen? Sie hätte ihm nichts verraten sollen! Ängstlich umklammerte sie den Bogen. Teshins Worte spukten durch ihre Gedanken.

Ich verstehe, dass du Angst hast.

Sie fürchtete nicht Teshin selbst. Sie fürchtete den Wahnsinn, der von ihm ausging und sie gleichermaßen zu verschlingen drohte. Teshin verhieß Blut und Rache. Egal, wer er vorgab zu sein, für sie würde er immer der Angnaur, der Schwertdämon bleiben.

Teshin holte tief Luft. „Wann gedachtet Ihr, mir von den besonderen Eigenschaften jener zu berichten, die Eure Stimme zu hören vermögen? Nur diejenigen, die einen geliebten Menschen vor ihren Augen sterben sahen, ist das richtig?“

Einen Moment lang starrte Halgin ihn nur an. Esben wirkte überrascht und erhob sich vom Stuhl.

Kurz legte sich Stille über sie. Dann begann der König zögerlich zu sprechen.

„Deine Definition ist nicht völlig zutreffend. Nur diejenigen, vor deren Augen ein geliebter Mensch getötet wurde, können meine Stimme hören. So lautete der Fluch, der über mich gesprochen wurde.“ Er brach ab. Esben sank zurück auf den Stuhl, die Augen von Entsetzen geweitet. Iliana umklammerte den Bogen fester. Das rote Licht der Kugel verunstaltete Teshins Züge und verlieh ihm etwas Raubtierhaftes.

„Ich wollte dir deine Hoffnung nicht rauben“, fuhr Halgin schließlich fort. „Ein geliebter Mensch … wer weiß schon, wem man diesen Titel verleihen kann und wem nicht? Wenn ein Kind der Hinrichtung einer ihm bekannten Person beiwohnt, kann das oftmals ausreichen, ohne dass es diese Person als geliebt bezeichnen würde.“ Iliana fuhr bei diesen Worten zusammen. Schmerz durchzuckte sie wie ein Kugelblitz. Erneut loderten die Flammen vor ihrem inneren Auge.

Halgin blieb ihre Reaktion nicht verborgen. „Verzeih, mein Kind“, sagte er sanft. „Damit wollte ich nicht auf deine Ziehmutter anspielen. Natürlich hast du sie innig geliebt und hättest genau das auch gesagt.“

Teshin wirkte verwirrt, schwieg aber dankbarerweise. Die Bitternis jedoch verschwand nicht aus seinem Blick.

„Dennoch“, knurrte er mit unheilsschwangerer Stimme. „Ihr hättet …“

Ein Aufschrei schnitt ihm das Wort ab. Esben war erneut aufgesprungen, den fassungslosen Blick auf die Kugel gerichtet. Erschrocken starrte Iliana ihn an.

„Lasst den Streit!“, rief der gefallene Priester und verlor sich in hektischer Gestik. „Ein Heer! Ein Heer nähert sich Androgs Halle!“

Sofort stürzten sie zu Esben. Iliana sah die Kugel an, doch sie erblickte nur rötlich schimmernden Rauch. Halgin landete auf ihrer Schulter. Er schien ebenfalls nicht mehr zu entdecken. Teshin starrte das Artefakt mit fragend gerunzelter Stirn an, schien seinen Verwendungszweck jedoch sofort zu durchschauen. Ob er ein solches Instrument vielleicht sogar schon einmal gesehen hatte?

„Beruhige dich, Esben!“, rief er bestimmt. „Was für ein Heer? Wer führt es an?“

Esben atmete schwer, als er zögernd antwortete. Der Name glich einem Dolchstoß in Ilianas Herz. „Medardus.“

Gottes Hammer X

„Ich habe es befürchtet“, murmelte Esben besorgt. „Von diesem Mädchen ging eine kaum zu beschreibende Aura aus, die mich zutiefst verunsicherte. Es würde mich nicht wundern, wenn mehr dahintersteckt.“

„Moment!“, ergriff Iliana das Wort. Sie wirkte verwirrt. „Heißt das, dieses Mädchen ist der Dämon?“

Teshin nickte, doch sie schien nicht überzeugt. Auch Halgin teilte Bedenken.

„Ich habe in meinem langen Leben bereits gegen Dämonen gefochten“, erwiderte er mit ruhiger Stimme. „Sie alle waren grässlich deformierte Wesen, manche geflügelt, andere nicht. So oder so, wenn ein Dämon seine wahre Gestalt annimmt, erblickt man wahren Schrecken. Ein einfaches Mädchen erscheint mir hier fehl am Platz.“

„Vielleicht war es ja nicht seine wahre Gestalt?“, hielt Teshin dagegen.

Halgin schüttelte den Kopf. „Du und Saskia, ihr habt gegen den Inquisitor gekämpft. Meiner Theorie nach zu urteilen handelte es sich bei ihm ebenfalls schon um den Dämon. Nachdem ihr ihn besiegt hattet, hätte er seine wahre Gestalt annehmen müssen.“

„Das Mädchen also muss die wahre Gestalt gewesen sein. Falls es sich um einen Dämon handelt.“ Esben sah in die Runde, so als suchte er Bestätigung.

Teshin legte den Kopf schief. „Ich habe da eine kurze Frage. Können sich Menschen mit Dämonen paaren?“

Halgin setzte zu einer Antwort an, brach jedoch ab, wechselte einen Blick mit Esben und setzte erneut an. Schließlich räusperte er sich vielsagend und stieß ein frustriertes Krächzen aus.

„Ich weiß es nicht“, gestand er. „Mir ist nichts bekannt, was dagegenspräche.“

Teshin nickte. „Was, wenn dieses Wesen eine Art … Halbdämon ist?“

„Eine gewagte Theorie“, erwiderte Esben. „Hast du dafür auch irgendwelche Hinweise oder verlässt du dich nur auf deine Intuition?“

Teshin lächelte freudlos. „Was meinst du?“

„Genug.“ Halgin flatterte energisch mit den Flügeln. „Solcherlei Theorien können wir später aufstellen. Erst müssen wir unser weiteres Vorgehen bestimmen. Ich denke, uns allen ist daran gelegen, das Geheimnis um dieses Mädchen und um Gottes Hammer zu lüften. Formen wir also eine Allianz gegen die Händel der Inquisitoren!“

„Ich weiß nicht“, gab Esben zu bedenken. „Die Inquisitoren stehen unter dem Schutz der Denomination. Sollen wir sie uns wirklich zum Feind machen?“

„Haben wir das nicht schon längst getan?“, fragte Teshin. „Ich meine, denkt doch mal nach. Ein heidnischer König, eine verurteilte Hexe, ein Priester mit verbotener Magie und ein Schwertdämon ohne Erinnerungen gelten im Normalfall nicht unbedingt als fromme Gläubige. Medardus hätte Grund genug, jeden einzelnen von uns zu verbrennen.“

Esben nickte zustimmend, doch Trauer verhüllte seinen schwermütigen Blick. Offenbar streubte sich sein Innerstes trotz allem gegen diesen Abfall von der Kirche, der er sein ganzes Leben lang gedient hatte.

„In diesem Fall möchte ich einen Vorschlag machen.“ Halgin flatterte erneut mit den Flügeln. „Teshin, Esben, wie wäre es, wenn ihr mir den Lehenseid schwören würdet?“

„Den Lehenseid?“, fragte Teshin verblüfft. „Ich dachte, ihr wolltet keine Zeit mit überflüssigen Gesprächen verschwenden? Oder sind wir nicht schon längst Verbündete?“

Halgin stieß einen Laut aus, der am ehesten noch als Schnauben bezeichnet werden konnte.

„Ich spreche auch nicht von einem normalen Lehenseid. Wenn ihr beide euch an mich bindet, kann ich meine Magie mit euch teilen und euch stets zu Hilfe kommen, gleichgültig, wo ihr euch aufhaltet. Angesichts der Schwere unseres Vorhabens halte ich es für recht und billig, unsere Kräfte zu vereinen.“

„Davon habe ich gelesen!“, rief Esben erregt. „Die Könige des Verlorenen Reichs pflegten ihre Untertanen so an sich zu binden, richtig?“

Halgin nickte schwermütig. „Heutzutage besteht der Lehenseid nur noch aus leeren Worten, doch zu meiner Zeit diente er zur wahren Vereinigung der Macht von Herr und Untertan.“

„Ich bin einverstanden.“ Esben kniete vor Halgin nieder. Offenbar wusste er besser als Teshin, wie er sich bei dieser Zeremonie zu verhalten hatte.

Teshin fiel kein Grund ein, Halgin seinen Wunsch abzuschlagen. Er tat es Esben nach und verneigte sich vor dem verzauberten König

Halgin hob würdevoll den Kopf. „Priester Esben, bist du willens und fähig, als Vasall in meine Dienste zu treten und einzugehen in die Reihe der ehrenwerten Fürsten des nunmehr Verlorenen Reiches?“

„Ja. Ich, Esben, bin willens und fähig, Euch zu dienen.“ Esbens Stimme hallte kraftvoller als sonst durch das Gewölbe. Kaum hatte er die Worte gesprochen, erhob sich Halgin majestätisch in die Lüfte und berührte Esbens Stirn mit einem Flügel. Mit einem Mal umhüllte goldenes Licht die beiden und Magie ging in Wellen von ihnen aus. Teshin musste geblendet die Augen schließen.

Kurze Zeit später war es vollbracht.

„Erhebe dich, Markgraf Esben.“ Halgin neigte respektvoll den Kopf. Esben erwiderte die Geste. „Mögest du mir gut dienen.“

„So schnell geht das?“, fragte Iliana erstaunt. „Kann ich nicht auch so einen Eid schwören?“

„Leider erst, wenn du volljährig bist“, antwortete Halgin. „Bis dahin bleibst du mein Mündel.“

Iliana seufzte enttäuscht. Halgin wandte sich Teshin zu. „Nun zu dir. Teshin, bist du willens und fähig, als Vasall in meine Dienste zu treten und einzugehen in die Reihe der ehrenwerten Fürsten des nunmehr Verlorenen Reiches?“

In diesem Moment spürte Teshin eine Verbindung zwischen sich und Halgin. Als er die Worte sprach, schienen Generationen von Vasallen ihm die Antwort einzuflüstern. Ihre Präsenz umgab ihn wie ein wärmender Schleier, der seine Sorgen vertrieb und ihm neue Kraft verlieh.

„Ja. Ich, Teshin, bin willens und fähig, Euch zu dienen.“

Halgin nickte, dann legte er ihm seinen Flügel auf den Kopf. Teshins Körper erschauderte und Ströme reiner Magie durchflossen seine Adern. Er fühlte sich mit tausenden Seelen verbunden, die in einer wilden Klimax herrschaftliche Gesänge anstimmten, um ihre Macht mit ihm zu teilen.

Im nächsten Moment erstarb das Gefühl abrupt. Teshin fühlte sich, als wäre er diesem Chor der Seelen gewaltsam entrissen worden. Die Magie und das Geflüster wich von ihm, kein goldenes Leuchten besiegelte den Pakt. Stattdessen landete Halgin ungelenk am Boden und musterte ihn erstaunt.

„Hat es nicht funktioniert?“, fragte Teshin leise.

„Nein. Kurz schien es, als könnte ich dich erreichen, aber im nächsten Moment …“ Halgin schüttelte den Kopf. „Du warst einfach weg. Kann es sein … dass Teshin nicht dein wahrer Name ist?“

Eiskalte Klauen zerfetzten Teshins Herz. Ein Kloß bildete sich in seinem Hals und er konnte kaum noch Luft in seine schmerzende Lunge zwingen. Seine Stimme zitterte, als er sprach.

„Wenn Ihr den Geburtsnamen meint, dann nein.“

„Das dachte ich mir.“ Halgin ließ betrübt den Kopf hängen. „Du müsstest mir eben diesen Namen nennen, um den Lehenseid leisten zu können. Aber er scheint für dich mit großem Schmerz verbunden, richtig?“

„Vollkommen richtig.“ Teshin erhob sich und wandte sich ab. „Es tut mir leid, Majestät. Unter diesen Umständen … kann ich den Eid doch nicht leisten.“ Er trat auf den Eingang zu. „Ich brauche frische Luft …“

„Einer der Seitengänge führt nach oben auf eine geschützte Terrasse. Dort müsstest du vor Dämonen sicher sein“, sagte Esben.

Teshin nickte ihm dankbar zu und erklomm die steinernen Stufen einer seitlich gelegenen Galerie. Eine Statue hob leicht den Kopf, als er an ihr vorbeiging. Ein kurzer Blick zeigte Teshin einen gepanzerten Krieger mit einem verblichenen Totenschädel unter dem marmornen Helm.

Teshin floh beinahe durch den engen Gang, bis er er endlich an die Oberfläche gelangte. Esben hatte recht behalten. Diese Terrasse würde kaum angegriffen werden. Teshin spürte mächtige Siegel in der Brüstung und Schutzzauber, die sie vor neugierigen Blicken verbargen. Erschöpft wie nach einem langen Kampf sank er zu Boden.

Er konnte nicht sagen, wie lange er reglos auf dem kalten Stein hockte. Sein bisheriges Leben schien wie eine endlose Aneinanderreihung schlecht gezeichneter Bilder an ihm vorbeizuziehen. Mit Ausnahme der letzten Monate natürlich. Immer wieder erschien Saskias Gesicht vor seinem inneren Auge, wie sie ihn stumm anlächelte. Nachdem er Murakama erhalten hatte, lachte er jahrelang nicht mehr. Erst, als er Saskia traf, konnte er wieder Witze reißen. In ihrer Gegenwart erwachte sein Humor wie der Phönix aus der Asche.

Doch nun war er wieder gestorben, hinterrücks erdolcht von diesem listigen Dämonenmädchen und von Medardus. Die schiere Last der Geheimnisse schien Teshin zu Boden zu drücken. Er verspürte das dringende Verlangen nach Schlaf, fernab von allen Gefahren und Geheimnissen. Fernab von der Bürde seines wahren Namens. Wie konnte dieses simple Wort solche Pein hervorrufen? Wie konnte es dermaßen viele Erinnerungen wecken? Teshin schlug die Hände vors Gesicht und lehnte sich erschöpft gegen die Brüstung der Terrasse. Er wollte nur noch weg von allem.

Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er Schritte vernahm. Überrascht bemerkte Teshin, dass er auf dem Boden lag. War er versehentlich eingeschlafen? Der Anblick der untergehenden Sonne bestätigte seine Vermutung. Der leuchtende Feuerball entschwand hinter den Bergen. Allein Hornheims Finsternis verweilte in der Ödnis.

Einen Moment später bemerkte er Iliana. Sie wirkte kleinlaut und verletzlich, vollkommen anders als mit dem Bogen. Sie hatte die Waffe wohl in Androgs Halle zurückgelassen.

„Hallo“, murmelte sie schlicht.

Teshin fühlte sich ausgeruhter als zuvor. Dennoch war er nicht in der Stimmung für ein Gespräch. „Hallo.“

Kurz legte sich Schweigen über sie, bis Iliana schließlich wieder das Wort ergriff. „Ich sollte dir etwas sagen. Etwas, das dir vielleicht dabei hilft, deine Erinnerungen zurückzuerlangen.“

Teshin hob missmutig den Kopf. „Meinst du etwa meinen Angriff als Schwertdämon auf dein Dorf? Danke, den musst du mir nicht erst schildern.“

Iliana schnaubte. „Hältst du mich für völlig empfindungslos?“ Offenbar hing nicht all ihr Temperament an dem Bogen. „Nein, es geht um Saskia.“

Sofort war Teshin auf den Beinen. „Was weißt du?“

Reflexartig wich Iliana einen Schritt zurück. Die Angst in ihren Augen versetzte Teshins Herzen einen Stich.

Zum ersten Mal seit langem meldete sich die Stimme in seinem Kopf wieder zu Wort.

Kein Wunder, dass sie Angst vor dir hat. Du bist bei eurer ersten Begegnung Amok gelaufen, schon vergessen?

Der hämische Unterton erzürnte Teshin, doch er kämpfte seinen Ärger nieder. Stattdessen sank er kraftlos zu Boden. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Du hast allen Grund, Angst vor mir zu haben.“

„Ich hab keine Angst!“ Das Zittern ihrer Stimme bewies das Gegenteil.

„Hast du schon einmal jemanden getötet?“, fragte Teshin.

Die eisblauen Augen funkelten ihn einen Moment lang an, dann schüttelte Iliana den Kopf.

„Es ist etwas Seltsames, weißt du? Ein Leben lang wird man mit dem Tod konfrontiert, auch im Hinblick auf Verbrecher. Ein Leben lang sieht man Helden und Mörder, die beiderseits Leben nahmen. Man kapselt sich von ihnen ab, kleidet sich in Unschuld, bewundert oder verachtet sie. Aber alles ist anders, wenn man selbst ein Leben nimmt.“ Teshin schwieg einen Moment lang, um seine Worte sacken zu lassen. „Das habe ich Saskia auch immer gesagt. Sie konnte mir natürlich nicht antworten, aber ihre Blicke waren Antwort genug. Hat man einmal ein Leben genommen, bleibt man für immer ein Mörder. Man beschreitet einen Weg, auf dem es kein Zurück mehr gibt. Diebesgut kann man ersetzen, Wunden kann man behandeln … aber keine Macht der Welt ist dazu in der Lage, Tote zu erwecken. Von der Todsünde des Mordes kann sich niemand mehr freikaufen.“

Wieder eine Pause. Dann seufzte er. „Egal. Du willst dir das nicht anhören, richtig? Lieber willst du mir einfach sagen, was du zu sagen hast und wieder zu Halgin gehen, hab ich recht? Ich halte dich nicht mehr länger auf.“

Teshin konnte ihr eisblaues Funkeln nicht deuten, als Iliana zu sprechen begann. Schlich sich tatsächlich Mitleid in ihre Stimme? „Ich dachte nur, du solltest es wissen … Halgin macht keine Anstalten, es dir zu sagen, also tu ich es.“ Sie atmete tief durch, bevor sie weitersprach. „Teshin, hast du schon einmal einen geliebten Menschen sterben sehen?“

Teshins Herz setzte einen Schlag aus. „Was?“, flüsterte er entsetzt.

„Nur solche Menschen, vor deren Augen ein geliebter Mensch ermordet wurde, können Halgins Stimme hören“, fuhr Iliana leise fort. „Ich dachte nur … wegen Saskia. Selbst wenn dein Kopf es vergessen sollte, deine Seele erinnert sich.“

Und während das verlorene Mädchen schweigend den Rückweg in die dunkle Gruft antrat, zersprangen Teshins Hoffnungen wie eine filigrane Glaskugel an einem gezackten Felsen.

Gespräch unter Arbeitskollegen

Ich bin an meinem Lieblingsplatz. Hier kann ich weit in die Stadt hineinschauen, die mein Arbeitsgebiet ist und nun auch schon länger meine Heimat. Neben mir sitzt Gabriel. Er ist sozusagen bei der Feuerwehr und wird immer dort eingesetzt, wo es brennt. Manchmal verlieren wir uns lange aus den Augen, aber das hat unserer Freundschaft bislang keinen Abbruch getan. Seit heute ist er wieder meinem Gebiet zugeteilt und ich bin gerade dabei, ihn einzuweisen. Da er ein alter Hase ist, dauert es nur eine halbe Stunde und er ist wieder auf dem Laufenden.

„Sag mal, was macht eigentlich Lydia? Lebt sie noch?“, fragt er mich interessiert.
„Oh ja, letzte Woche hatte ich vier Einsätze wegen ihr“, antworte ich lachend.
„Sie war für mich immer etwas Besonderes“, sagt Gabriel nachdenklich. „Sie ist so schön. Sie leuchtet wie eine Alte, obwohl sie noch so jung ist.“

Sein Piepser ertönt. „Ich muss los“, sagt er noch und ist auch schon weg.

Ich mache es mir gemütlich und genieße die Zeit die mir noch bleibt, bis auch ich zum nächsten Einsatz gerufen werde. Ich mag Gabriel. Er ist mir ähnlich und wir reden, wenn wir uns treffen. Das ist unüblich, mit meinen anderen Arbeitskollegen rede ich nur selten.
Gabriel hat Lydia gut in Erinnerung. Für eine junge Seele hat sie ein seltsames Leben geführt. Sie hat schon als Kind ihre Prioritäten falsch gesetzt. Sie war extrem risikobereit, sodass ich oft im Dauereinsatz nur für sie war. Später hat sie alle Fehler gemacht, die man nur machen kann und trotzdem ihre innere Ruhe nicht verloren. Dabei ist es doch das Privileg der jungen Seelen, rastlos und ohne langfristige Ziele durch das Leben zu rasen und sich selbst dabei zu verlieren. Lydia hat das zwar auch alles getan, aber mit der Einstellung und Ausstrahlung einer alten Seele, die ihre Erfahrungen bereits gemacht hat. Das ist kurios und bislang einzigartig.

Mein Piepser meldet sich. Ich strecke mich und stoße mich ab. Mit kräftigen Flügelschlägen beschleunige ich und halte auf mein Ziel, etwa einen Kilometer entfernt, zu. Ich weiß nicht, was mich dort erwartet, doch das berührt mich nicht. Das ist Teil meines Jobs und ich habe genug Erfahrung, um jede Situation zu meistern.
Als ich mich dem Einsatzort nähere, sehe ich Lydia, wie sie gerade ansetzt, über eine Straße zu laufen. Sie scheint tief in ihren Gedanken versunken zu sein, denn sie schaut sich nicht um und übersieht so den Laster, der gerade rückwärts aus einer engen Einfahrt in die Straße einbiegt.
„Oh nein, altes Mädel“, denke ich. „Noch ist es nicht Zeit für dich.“ Ich lege einen Zahn zu und erwische sie gerade noch rechtzeitig. Mit einem sanften Stoß befördere ich sie aus der Gefahrenzone. Zufrieden sehe ich ihr dabei zu, wie sie verwirrt um sich blickt. Sich wundert, worüber sie gerade gestolpert ist. Ihre Einkaufstasche aufhebt und kopfschüttelnd weiterläuft.

Leseprobe aus meinem ersten Roman: Söhne der Krähe – Die schwarze Krankheit (Fantasy)

Von Tobias Ziemann

Hey, ich hoffe ich kann euch ein bisschen für mein Buch begeistern. 
Wenn ja, lasst mir doch eine Nachricht da. 🙂

Kapitel 1: Dunkle Visionen

»Wir haben schon wieder drei verloren.« Das Entsetzen in Amnaeons Stimme war kaum zu überhören. Vor drei Wochen war die Seuche ausgebrochen, seitdem hatten sich die Todesfälle drastisch vermehrt. »Die Frau vom Fischer hat es nicht überstanden.« Er bedeckte das furchtbar entstellte Gesicht der alten Frau mit einem schmutzigen Laken und kniete sich neben sie, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Die beiden anderen Leichname waren bereits in Leinensäcke verstaut worden und lagen auf einem Karren.
Die letzten Strahlen des Tages glitzerten in seiner goldenen Maske, die der Hohepriester des Klosters von Karkarstyre schon trug, seit Corvin ihn kannte. Er hatte dem jungen Schüler nie sein wahres Gesicht enthüllt. Die Maske war kreisrund und formte die Strahlen einer aufgehenden Sonne, die sich einmal um das angedeutete Gesicht zogen. Auf der Stirn war eine elfische Rune eingraviert. Malhaeyli, die Sonne einer längst vergangenen Zeit. Lediglich das aschgraue Haar, das in einem imposanten Zopf über seinen Rücken fiel, ließ darauf schließen, dass sich ein Mensch unter der Maske verbarg. Amnaeon hatte eine elegante rote Robe angelegt, die mit Goldfaden bestickt war, und die verwobenen, glitzernden Linien schienen immer wieder miteinander zu verschmelzen, auch wenn sie doch getrennt waren. Außerdem trug er rote Samthandschuhe, sodass kein Stück seiner Haut unbekleidet war.
Corvin runzelte die Stirn. Er betrachtete die leblose Leiche, die vor ihm lag, und fuhr sich dabei durch sein mittellanges, schwarzes Haar. 
»Mit deiner Erlaubnis würde ich gerne noch einmal ihren Körper betrachten. Ich untersuche die Krankheit jetzt schon eine ganze Weile und möchte sämtliche Symptome in einer Zeichnung festhalten«, sagte der junge Priesterschüler zu seinem Lehrmeister. 
»Nur zu, aber beeile dich«, erwiderte Amnaeon mit einem düsteren Ton in der Stimme. »Die Krankheit entfesselt ihre wütende Seele und schickt sie gen Himmel. Sei wachsam, dass sie nicht in dich hineinfährt und dich zu einem Dämon macht.«
Corvin antwortete nicht und schob das Leichentuch sachte beiseite. Die Augen der Toten waren weit aufgerissen und sie hatte sich sicher ein Dutzend Büschel Haare herausgerissen. Dort, wo einmal Zähne gewesen sein mussten, befanden sich Lücken oder faulige Überreste. Ihre Gesichtszüge erinnerten eher an eine groteske Grimasse und sie war über und über mit blutig aufgekratzten Pusteln bedeckt. Die Augen des Priesteranwärters ließen keine Stelle der Frau aus und er bemühte sich, möglichst schnell eine Skizze anzufertigen, um die Verstorbene nicht allzu lange ihrer Ruhe zu berauben. Sie so zu betrachten kam ihm im ersten Moment unglaublich merkwürdig vor, doch dann rief er sich in Erinnerung, dass er hier eine wichtige Aufgabe zu erledigen hatte. Dafür zog er eine Rolle Pergament hervor und begann diese mit Feder und Tinte zu bearbeiten. Plötzlich fiel ihm auf, dass die alte Frau etwas in der Hand festkrallte. Er hatte Mühe, ihre geballte Faust zu öffnen, da sie schon in die Leichenstarre verfallen war. Als er den Gegenstand endlich entwenden konnte, bemerkte Corvin einen fauligen Gestank, der von der Alten ausging. Erschrocken riss er den Inhalt ihrer Handfläche an sich und taumelte ein paar Schritte rückwärts. Sein Blick wandte sich von der Toten ab, zu dem Objekt, das er in der Hand hielt.
Es war ein aus Holz geschnitztes Amulett des Araz’Nol, dem Gott des Jüngsten Gerichts. Die Frau schien den Tod gespürt zu haben und hatte in ihrer Verzweiflung um Gnade und Einzug in den Himmel gebetet. Er legte das Amulett zurück in ihre Hand und sie verschlossen den Leichensack. Zwei stämmige Männer legten die Leiche zu den anderen und das eingespannte Maultier setzte sich in Bewegung. Bald war der Karren verschwunden.
»Lass uns aufbrechen. Hier können wir nichts mehr tun«, sagte Amnaeon sanft und legte dem jungen Priester eine Hand auf die Schulter.
Das Dorf Windbruch lag nur einen kurzen Marsch entfernt von seiner Heimat, dem Kloster von Karkarstyre. Dies war die Umgebung, in der Corvin seine Kindheit verbracht hatte, nachdem er vor achtzehn Jahren als Findelkind an die Pforte des Klosters gelegt worden war. Hier gab es überall kleinere oder größere Wälder, Felsen und Höhlen und der seichte Plätschernde Wanderer wand sich wie eine fließende Schlange durch die Landschaft. Ringsumher erstreckten sich die Felder des Klosters oder jene der Bauern aus dem Dorf. Eine fruchtbare Landschaft, von der sie alle gut leben konnten. Corvin hatte keinerlei Ahnung, wer seine Eltern gewesen waren, dennoch spürte er deswegen keinen Zorn in sich. Er hatte in Amnaeon einen Vater und Lehrmeister gefunden, wie er ihn sich nicht besser hätte erhoffen können.
»Was meinst du, wie sich die Seuche entwickeln wird?«, riss ihn dieser aus seinen Gedanken. »Ich befürchte, sie wird sich ausbreiten, auf die nördlichen Gebiete bis nach Arkarnoss.«
»Gut möglich«, antwortete Corvin. »Ich hoffe wir finden bald ein Gegenmittel, denn das Dorf betrauert wahrlich schon genug Tote. Und es werden bald weitere folgen, da bin ich mir fast sicher. Spätestens, wenn sie die Hauptstadt erreicht.«
»Es stimmt mich traurig, aber wir sind so gut wie machtlos, angesichts dieser Bedrohung. Uns bleibt nur abzuwarten und weiter nach der Ursache zu suchen.« Amnaeon seufzte unter seiner Maske. »Sobald wir zurück im Kloster sind, möchte ich, dass du deinen Lehrgang absolvierst. Du warst nun schon lange genug mit mir hier draußen.«
Sie schritten eine Weile schweigend den matschigen Feldweg entlang.
»Irgendwie verhalten sich die Dorfbewohner merkwürdig«, murmelte Corvin nachdenklich. »Sie distanzieren sich immer mehr von uns und denken, ich würde ihre Blicke nicht bemerken. Seit die Krankheit ausgebrochen ist wirken sie angespannt.«
»Sie mussten schon einmal gegen eine Krankheit kämpfen, die dieser hier verdächtig ähnlich war«, erwiderte der Hohepriester und sein Tonfall nahm etwas Dunkles an. »Das nannte man die schwarze Zeit«, raunte er bedächtig. »Es werden möglicherweise viele Menschen sterben und wir schweben vielleicht in größerer Gefahr, als uns lieb ist.«
Bevor Corvin weiter darauf eingehen konnte, beschleunigte der Hohepriester seinen Schritt und hatte ihn bald abgehängt.
Vor ihnen zeichnete sich das Kloster ab.
Die Pforten aus schwerem Eichenholz öffneten sich quietschend, als sie sich dem Gebäude näherten. Schon von weitem konnte man den Kirchturm erkennen, dessen Glocke schon jahrelang nicht mehr geläutet hatte. Zu schwarz waren die Tage geworden, zu dunkel die Gedanken. Die roten Ziegel, die sein Dach bedeckten, waren alt und die Farbe schien aus ihnen zu weichen. Doch war das Kloster ein Auffangort für diejenigen, die noch wagten zu hoffen oder sich der Lehre der Magie unterziehen wollten. Allerdings schien Corvin, zumindest seit er sich erinnern konnte, der einzige Student der magischen Künste zu sein. Die anderen Jugendlichen in seinem Alter waren einfache Waisen oder hier geboren. Das Kloster bot Platz für jeden Hilfsbedürftigen und mittlerweile hatte sich daraus eine nette Gemeinde entwickelt.
Bruder Efaso begrüßte sie am Eingang, der runde Bauch und sein gutmütiger Gesichtsausdruck vermittelten seit jeher ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Obwohl Amnaeon das Oberhaupt des Klosters darstellte, so war er es doch, der stets ein offenes Ohr für die Mitglieder der Gemeinde hatte  und dem man sich am besten anvertrauen konnte. Eine braune Kutte bedeckte seinen mächtigen Bauch und ein grünes Amulett verzierte seinen Hals. Seine Glatze wurde durch eine schlichte Lederkappe bedeckt und er begrüßte die beiden mit einem warmen Lächeln, zwischen seinen fleischigen Wangen. »Wie ist die Visite verlaufen, meine Herren?«, fragte er mit einer unbeholfenen Verbeugung.
»Es gab drei weitere Todesfälle und wir konnten nichts tun, außer ihre Beerdigung zu veranlassen«, entgegnete Amnaeon frustriert und stürmte regelrecht an dem dicken Mönch vorbei, eilte in das Innere des Klosters und verschwand.
Corvin strich sich nachdenklich durch das Haar. »Nimm es ihm nicht übel«, stotterte er hastig. »Das Ganze nimmt ihn einfach zu sehr mit.«
»Ich weiß«, entgegnete Efaso wehmütig. »Er ist ein guter Mann mit einem großen Herzen. An ihm können sich so manche ein Beispiel nehmen.« Der Mönch setzte ein mildes Lächeln auf.
»Wenn du mich nun entschuldigst, Bruder, ich muss noch meinen Lehrgang absolvieren und benötige dafür Zeit. Ich ziehe mich zurück«, sagte der junge Priester und setzte sich wieder in Bewegung.
Eine weitere Pforte, mit einem eingesetzten kleinen Türchen, um still in den Altarraum zu gelangen, trennte ihn von der großen Haupthalle. Links und rechts von ihm befanden sich Treppen, die in die Dormitorien führten, welche strikt nach Geschlechtern unterteil waren. Es gab einen Jungen- und einen Mädchentrakt. Dies waren zwei Flügelbauten, die seitlich parallel zu der Haupthalle gebaut worden waren. Im Notfall konnten also alle Klosterbewohner gemeinsam ihre Heimat und das Allerheiligste gleichermaßen verteidigen.
Die große Halle stellte gleichzeitig auch den Altarraum dar und somit den Ort für ihre morgendlichen Andachten. Zwei Reihen aus schlichten Bänken, gefertigt aus schwarzem Holz, bildeten einen Gang nach vorne, wo sich eine schnörkellose, erhöhte Kanzel befand. Von hier sprach Amnaeon zu ihnen, wenn er die Andacht hielt und die täglichen Aufgaben wurden von Bruder Efaso vorgetragen . Der Altar zu ihren Füßen war aus Stein gemeißelt und besaß goldene Verzierungen, die sich in elegant geschwungenen Linien darüber zogen. Eine Kerze flackerte darauf, so groß und dick, dass sie vermutlich schon brannte, seit Corvin hier lebte. Hinter dem Altar, in einigem Abstand und dicht an die Mauer gedrängt, führte eine Wendeltreppe nach oben. Hier ging es zu den Gemächern des Hohepriesters. Corvin erinnerte sich an die heutige Predigt, als Amnaeon diese Treppe hinabgestiegen war und ihm schon jeder gespannt gelauscht hatte, bevor er überhaupt zum Altar getreten war. Dieser Mann hatte eine bewundernswerte Ausstrahlung. In einiger Höhe befand sich zu beiden Seiten eine Empore, von denen aus man der Andacht folgen konnte, außerdem führten sie ebenfalls zu den Schlafzellen. Doch heute hatte er anderes zu erledigen, als im großen Altarraum zu beten. Corvin entschied sich für den Weg nach links, in den ersten Stock, wo die Bibliothek lag, ebenso wie die Zellen der männlichen Klosterbewohner. Er steuerte zielstrebig darauf zu, als er jäh gestoppt wurde. 
Auf der Bank eines Fensters saß ein Mädchen, mit einer langen braunen Mähne und großen grünen Augen, genauso grün, wie es seine eigenen waren. Sie schien in Tagträume vertieft zu sein und aus ihren wohlgeformten Lippen zwitscherte eine Melodie. Ein Diadem zierte ihren Kopf, welches mit kleinen grünen Steinen besetzt war und sie hatte eine Tasche aus Leder umgebunden, in der sich ein eleganter Langbogen befand.
Corvin schmunzelte. »Faulenzt du mal wieder, Jaina? Das kannst du doch hervorragend.«
»Die Pausen sind das Beste und hier wird nie jemand nach mir suchen. Du weißt doch, ich schätze es, meine Ruhe zu haben«, entgegnete das Mädchen mit einem frechen Grinsen. Die beiden fielen sich in die Arme.
»Wie ist es dir da draußen ergangen?«, wollte sie wissen.
»Es sterben immer mehr«, entgegnete der junge Zauberer niedergeschlagen und legte die Handflächen übereinander, um seinen Gott um Beistand zu ersuchen.
»Lass den Unsinn. Du weißt ich glaube an keinen Gott«, sagte sie angewidert und schlug seine Hände ausladend zur Seite.
»Möge er dich auf den rechten Pfad leiten«, erwiderte Corvin, legte beide Fäuste an seine Brust, als Zeichen für religiöse Erhabenheit, und schritt weiter in Richtung der Bibliothek. Er bekam einen spöttischen Blick mit auf den Weg, was ihn jedoch nicht kümmerte. Er stand stets begeistert für seinen Glauben ein und hatte es noch nie bereut.
»Ich sehe dich dann beim Essen«, sagte das Mädchen und ging in entgegengesetzter Richtung davon. Er winkte ihr noch im Gehen hinterher, doch Jaina war schon verschwunden.
Der Korridor, in dem er sich jetzt befand, war im ersten Obergeschoss. Hier lagen die Zellen der älteren Schüler sowie der Ordensmönche. Der junge Priester stellte es sich wunderbar vor, bald zu ihnen zu gehören. Außerdem waren hier die Bibliothek und ein Bad, in dem zwei große, mit Wasser gefüllte Holzwannen standen.
Zum Glück regnete es regelmäßig in diesen Gefilden, denn das Wasser wurde niemals gänzlich ausgetauscht, sondern verlief von einem Rohr auf dem Dach direkt in die Kübel. Das war eine der vielen Ideen des Bruders Teskyr gewesen, einem schlauen Fuchs, der mit so mancher Idee das Leben aller angenehmer werden ließ. Leider war er letzten Winter verstorben und auf dem klostereigenen Friedhof beerdigt worden. Die Bibliothek war ein riesiges Labyrinth zusammengestellter  Buchregale, die sich bis zur Decke erstreckten. Tausende Bücher und Schriftrollen waren hier im dämmerigen Zwielicht der wenigen Fenster eingelagert.
Ob Meister Amnaeon wohl alle Bücher  kennt?, fragte sich Corvin, verwarf den Gedanken jedoch und konzentrierte sich auf seine Aufgabe.
Er sollte eine Abhandlung über eine Schrift des ersten Hohepriesters Merrymnion verfassen und dabei besondere Rücksicht auf die Konstruktion der Beziehungen der alten Götter nehmen. Er deckte sich mit Folianten ein, begab sich an einen freien Tisch und verlor sich zwischen den Zeilen. Corvin atmete den Geruch des alten Papiers und seiner Tinte ein und fing an, auf eine Rolle Pergament zu schreiben.
In der Bibliothek verbrachte er sehr viel Zeit seines Lebens und er tat es gerne. Das Wissen von unzähligen Generationen, vermittelt an einem Ort, zugänglich für jeden, das war einfach eine wunderbare Vorstellung. Wenn er einst ein vollwertiger Priester sein wollte, so wie er es sich immer vorstellte, so musste er noch viel Wissen aus diesen uralten Büchern aufsaugen. Es wurde langsam dunkel und er zündete sich eine Kerze an. Oft arbeitete Corvin bis tief in die Nacht. Manchmal kämpfte er dabei mit dem Schlaf, so wie auch heute. Der Tag war lang und anstrengend gewesen und sein Körper forderte eine Ruhepause für sich ein, die ihm der junge Zauberschüler jetzt aber noch nicht gewähren wollte. Also fokussierte er sich angestrengt auf die gekritzelten Buchstaben. Die Schrift des Merrymnion verdeutlichte die Beziehungen der Götter zueinander und ihren Zweck. Der große Erhabene war der Schöpfer der Götter und des Lebens, er stand an oberster Stelle und wurde von allen verehrt. Er hatte die Kaheleth erschaffen, die niederen Götter, die unter seinem Befehl einzelne Aufgaben zugetragen bekommen hatten. Mestopheles, sein erstes Kind, war der Weber der lebenden Seelen und befand sich im inneren Ich, dem Charakter des Menschen. Er war immer zugegen, da war sich Corvin ganz sicher. Dann gab es die vier Elementargötter, deren Macht die Erde formte, ganz nach dem Willen des Erhabenen. Eine weitere wichtige Gottheit war Andrysthe, die Gebieterin des Endes, da Leben und Tod ein empfindliches Gleichgewicht darstellten. Sie hatte mit Araz’Nol eine Tochter gezeugt, die jähzornige Morrigan, die sich schon früh von ihr abwandte und sich den dunklen Pfaden widmete. Sie verhieß Elend und Tod. Corvin musste intensiv gähnen und seine Augen wurden langsam schwer. Er versuchte sich angestrengt auf den Text einzulassen. Der Übermittlung nach trat die Morrigan in drei verschiedenen Formen auf.
Die erste davon war Macha, eine Krähe, die sich an den Gefallenen der Schlacht labte. Dann gab es Badb, eine Riesin, welche die Kleidung derer an einem Bach wusch, die am heutigen Tage fallen würden, und für Unglück stand. Ihr letzter Aspekt war die Nemain, die Mutter der Trauer und des Wehklagens über den Tod. Drei Schwestern, die zusammen ein großes Ganzes ergaben.
Es gibt so viele verschiedene Götter, die für die Menschen das Unheil verheißen, dachte der junge Priester wehmütig. Die Leute vergaßen einfach an den positiven Seiten des Lebens festzuhalten. Schließlich übermannte ihn der Schlaf. Er hatte bis tief in die Nacht gelesen und konnte sich dem Verlangen nach Ruhe nicht mehr entziehen. Corvins Kopf sank auf das Pult und er schlief über seinen Büchern ein.


Er taumelte vorwärts, seine Füße schienen an Blei gekettet zu sein. Jede Bewegung erschien ihm schwerfällig und träge. Corvin merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Diese bestimmte Gewissheit, gleich mit etwas konfrontiert zu werden, das ihm Angst bereiten würde, schnürte ihm die Kehle zu. Er befand sich auf einem Hügel. Ein schwarzer Himmel, der mit tausenden furchteinflößenden Augen auf ihn herabstarrte, schien ihn zu verspotten, weil er so klein und nichtig war. Um den Priester herum erstreckte sich eine weite, hügelige Graslandschaft, die bis zum Horizont reichte. Dunkle Vögel am Horizont, sie kamen ihn holen!
Ein riesiger Schwarm aus Krähen näherte sich mit kreischendem Flattern seiner Position, ihre Präsenz war durch und durch böse. Plötzlich ertönte das wohlbekannte Donnern von Hufen, die auf die Erde niederfuhren, dunkel und mächtig. Ihr regelmäßiger Schlag drang wie ein Blitz in Corvins Schädel ein und zwang ihn auf die Knie.
Der junge Priester schrie und hielt sich den Kopf, welcher zu explodieren drohte. Dunkle Vögel am Horizont, sie kamen ihn holen!

Corvin öffnete die Augen. Vor ihm baute sich ein Reiter auf, der ein Ross aus Schatten ritt. Er hatte einen schwarzen Mantel umgelegt und sein Gesicht wurde durch eine Kapuze verborgen. Ein Schwert ruhte in seiner Hand, das mit tausend Stimmen kreischte, noch lauter als die Vögel am Himmel. Corvins Kopf schien zu platzen und vor Schmerz schrie er abermals auf. Er blickte gegen seinen Willen direkt in das Gesicht des Reiters, irgendetwas zwang ihn dazu. Der junge Priester erkannte nichts außer einer alles verschlingenden Dunkelheit darin, die an ihm sog, um ihn zu vertilgen. Der Reiter richtete seine Klinge an Corvins Hals und seine toten Lippen flüstern das wohlbekannte Wort. »Bruder!«
Corvin schrie: 
»Nein! Geh fort! Weg von mir!« Es fühlte sich so an, als würde ein Zeitalter vergehen, während er sprach, so langsam formten seine Lippen die Worte, so schwach war er. So schwach. Die Vögel hatten ihn fast erreicht. Sie kamen ihn holen! 
Abermals rief der Reiter: »Bruder!« Die Krähen erreichten ihn, der Reiter verschwand und alles wurde erstickt von schwarzem Gefieder und messerscharfen Schnäbeln. Schmerzerfüllt sank Corvin zu Boden. Er versuchte sich zu schützen, doch er kam nicht dagegen an. Die Schnitte in seinem Körper ließen ihn noch an Ort und Stelle sterben. Während seine Seele in den dunklen Himmel aufstieg, um endlose Qualen im Fegefeuer der höllischen Schmieden von Heraxes zu erwarten, sah er auf seine eigene Leiche herab und ein letztes Mal vernahm er den Ruf des Reiters. »Bruder!«


Corvin wurde jäh aus dem Schlaf gerissen, um ihn versammelt stand ein Dutzend Leute, die ihm bekannt vorkamen. Ein grauer Nebel erfüllte seinen Kopf, schien sein Sichtfeld undurchsichtig zu machen. Er blickte in das besorgte Gesicht von Bruder Efaso und in die nichts verratende Maske des Hohepriesters. 
»Du hast geschrien im Schlaf«, stellte dieser mit ernstem Ton fest und musterte den Jungen. Corvin erkannte ihn nur verschwommen, denn er war noch benommen von seinem Albtraum. Seine Schulter brannte höllisch, wie jedes Mal, wenn er dem dunklen Reiter begegnete. Der junge Priester versuchte sich zu orientieren, was ihm im ersten Moment leider absolut nicht gelang. Schwindel kam in ihm auf und er verspürte Brechreiz. Er versuchte vergeblich, sich nichts anmerken zu lassen, der Schmerz übermannte ihn und er wurde bewusstlos. 
Corvin erwachte in einem weichen Bett und grub seinen Kopf tief in ein Kissen. Ein leichtes Pochen, eine Art Vibrieren, das von seiner Schulter ausging, ließ ihn spüren, dass die Wirkung des Traums noch nicht ganz nachgelassen hatte. Er krempelte seine Kutte hoch und musterte seine Schulter. Die drei ineinander verschlungenen Krähen schienen ihn zu verspotten. Er trug dieses Siegel seitdem er an einem stürmischen Herbsttag vor der Klosterpforte gefunden wurde. So zumindest hatte es ihm Amnaeon erzählt. Die Krähen spreizten ihre Flügel und waren in einem Kreis angeordnet. Es sah so aus, als würden sie der jeweils nächsten Krähe in die Schwanzfedern beißen und in der Mitte befand sich eine Rune die nicht einmal Meister Amnaeon kannte. Jedes Mal, wenn er träumte, brannte sie wie das Fegefeuer. Corvin blickte durch den Raum. Es war einer der Krankensäle, mit vier Betten, die parallel zueinander angeordnet wurden. Ein robuster Nachttisch, auf dem eine rote Kerze brannte, und ein Hocker standen neben seinem Bett. Scheinbar musste jemand hier gewesen sein. Corvin blickte aus dem großen Fenster am Ende des Raumes. Es war schon wieder Abend, er musste also lange bewusstlos gewesen sein. Das Fenster stand offen und ein kühler Luftzug wehte durch den Raum. Der Sommer würde bald vorbei sein.
Es klopfte und ohne auf eine Antwort zu warten, trat der Hohepriester ein. »Du kannst von Glück reden, solche Freunde wie Jaina zu haben«, sagte er bestimmt. »Sie ist nicht einen Moment von deiner Seite gewichen und es brauchte zwei Mann, um sie hier herauszutragen.«
Corvin schmunzelte. »Ja, die gute Jaina. Eigenwillig und stur bis zuletzt.«
»War es wieder der Traum?« wollte Amnaeon wissen.
»Ja, und er wird immer intensiver«, antwortete Corvin mit trockenem Mund. Der Gedanke an seinen Albtraum schnürte ihm die Kehle zu.
»Zeig mir deine Schulter«, verlangte der Hohepriester und begann damit, die Kutte hochzustreifen. Die bernsteinfarbenen Augen unter der Maske schienen das Mal förmlich zu verschlingen.
»Mysteriös«, hauchte er. »Das ist eine elfische Rune, aber aus einer Zeit, weit vor der unseren. Außerdem hat sie einen seltsame Schreibweise, ich habe sie in keinem unserer Bücher wiedererkannt. Ich kenne da jemanden, der die alte Sprache der altvorderen Elfenkönige weitaus besser beherrscht als meine Wenigkeit. Er ist der Anführer der hier stationierten Hand von Alzykrazh und sein Name ist Elendrahyl. Ein Sohn der Blutelfen, aus dem fernen Reich der Hochwohlgeborenen. Doch die Hand ist eine Organisation von Verstoßenen und sie verstecken sich an unauffindbaren Orten.«
»Die Elfen verlassen für gewöhnlich ihren Wald nicht. Was ist mit ihm geschehen?«, wollte Corvin wissen.
»Er wurde verbannt«, murmelte Amnaeon finster. »Er hat einen Menschen geliebt, was nach Elfengesetz strikt verboten ist. Lass dich nicht von ihnen täuschen, Corvin, sie sind Wesen ohne Güte und sie kennen kein Mitleid mit einem der Unseren. Doch ich glaube er ist anders.«
Plötzlich wurde die Tür abermals aufgerissen und Bruder Efaso schritt, sichtlich außer Atem und mit rot angelaufenem Gesicht, herein.
»Hohepriester«, japste er und schnappte nach Luft. »Ein Fremder ist aufgetaucht und verlangt dich zu sprechen. Er sagt, er bringt schlechte Nachrichten.«
Amnaeon erhob sich. Bevor er das Zimmer verließ, drehte er sich noch einmal um. »Du wirst noch früh genug eine Antwort finden, aber jetzt schlafe erst noch ein wenig, mein Junge.« Mit diesen Worten brachte er die Kerze mit einem Fingerschnippen zum Erlöschen und verließ, dicht gefolgt von Bruder Efaso, das Zimmer.
Unruhig wälzte sich der junge Priester hin und her. Nachrichten, die Amnaeon nicht gefallen werden? Ein Fremder mit schlechter Kunde? Das klang beunruhigend. Er murmelte Nachtgebet um Nachtgebet, bis er endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

Seifenblasen – ein Sommermärchen

Wie so oft in letzter Zeit erwache ich viel zu früh. Ich mache Licht und sehe auf die Uhr. Es ist halb fünf und ich feiere heute meinen 80. Geburtstag. Mein Blick fällt auf die blaue Glaskugel, die ich gestern Abend auf meinen Nachttisch gelegt habe. Sie hat mich nun genau 60 Jahre meines Lebens begleitet.
Ich lege sie auf meinen rechten Handteller und drehe sie langsam. Erst scheint sie an meiner Haut festzukleben, doch dann dreht sie sich von selbst und beginnt zu leuchten. Ihr Licht wird immer heller, bis es so grell ist, dass sich meine Lider von selbst schließen. Als ich sie vorsichtig wieder öffne, schaue ich in tiefblaue Augen. Eine barsche Stimme ertönt in meinem Kopf: „Du hast mich geweckt.“
„Deine Umgangsformen haben sich über die Jahre auch nicht verbessert“, antworte ich amüsiert.
„Wo brennt`s?“, knurrt er.
„Nirgendwo. Ich wollte dir nur danken“, antworte ich.
„Danken wofür? Du hast mich nie gerufen.“
„Das ist richtig, doch alleine die Möglichkeit hat mir in schwierigen Zeiten so viel Sicherheit gegeben, dass ich sie alleine meistern konnte.“
Sein Blick wird sanft. „Wie war dein Leben?“
„Erfüllt!“, antworte ich lächelnd.
„Dann lass uns Abschied nehmen. Möchtest du unsere Begegnung noch einmal erleben?“
Ich nicke und spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Sein Bild verblasst und mit einem leisen „Plopp“ löst sich die Kugel in Luft auf. Meine Hand fühlt sich kalt und leer an.

Ich finde mich wieder an einem dieser heißen Augusttage, an denen die Welt stillzustehen scheint. Froh, der brennenden Sonne entronnen zu sein, wandere ich durch den Wald. Auf einer kleinen Lichtung, unweit von hier, möchte ich Himbeeren pflücken. Breite Lichtbahnen dringen durch die Baumkronen und erhellen den schmalen Pfad. Abseits des Weges ist alles in ein geheimnisvolles Halbdunkel gehüllt. Obwohl ich den Wald gut kenne, erscheint er mir heute neu, fast märchenhaft. Das mag aber auch daran liegen, dass ich Geburtstag habe. Leise plätschernd kreuzt ein Bach den Weg. Ich setze mich auf die kleine Holzbrücke und lasse meine Füße im kühlen Wasser baumeln. Ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem wütenden Aufschrei lässt mich aufhorchen. Neugierig stehe ich auf und gehe einige Schritte ins Halbdunkel hinein, bis ich an einem steil abfallenden Hang stehe. In der Senke liegen mehrere Baumstämme übereinander gestapelt zum Abholen bereit. Obenauf sitzt ein alter Mann mit hellem Haar und hochrotem Gesicht. Als er mich erblickt, wirft er einen dicken Ast in meine Richtung. Achselzuckend drehe ich mich um und bin schon fast wieder an der Brücke, als er mir im Befehlston hinterher schreit: „Bring mir Wasser. Und dann laufe ins Dorf und hole Hilfe, ich stecke fest!“ Eigentlich habe ich große Lust, den unverschämten Alten sitzen zu lassen, aber dann siegt mein gutes Herz. Ich kehre um. Es dauert ein bisschen, bis ich es den steilen Abhang hinunter geschafft habe. Als ich bei ihm ankomme, brummt er mürrisch: „Mein Fuß ist eingeklemmt.“ Ich krame meine Saftflasche aus dem Rucksack und während er gierig trinkt, greife ich nach seinem Bein. Nach einigem Drehen und Ziehen, untermalt von den lauten Flüchen des Alten, ist der Fuß frei. „Du bist ein Engel“, stottert er verdutzt und humpelt mit erstaunlicher Geschwindigkeit davon.
Ich mache mich wieder auf den Weg und bin schon ein gutes Stück auf dem Hang, als ich ihn erneut schreien höre: “So warte doch, Kind! Ich will dir etwas schenken.“ Unmut macht sich in mir breit. Ich bin schon lange kein Kind mehr, schließlich ist heute mein 20. Geburtstag. Und was wird der alte Zausel mir schon schenken wollen? Doch dann siegt meine Neugier. Als ich ihn einhole, steht er am Bach, etwa zehn Meter von der Brücke entfernt. Wie ist er so schnell dort hingekommen? Er deutet auf einen großen Stein. Ich setze mich bereitwillig. Während er umständlich in seinem Rucksack kramt, betrachte ich ihn genauer. Er ist sehr klein und dünn und wenn die tiefen Falten in seinem Gesicht nicht wären, könnte man ihn fast für ein Kind halten. Über seiner speckigen Lederhose trägt er ein viel zu großes Hemd. Seine Haare, die auf den ersten Blick weiß aussehen, sind hellblond und extrem dünn. Nach einer Weile hat er eine alte Tasse, einen Strohhalm und ein kleines grünes Glasfläschchen hervorgeholt. Mittlerweile sehr interessiert, beobachte ich ihn genau. Er füllt die Tasse mit Wasser, gibt einige Tropfen aus dem Fläschchen hinzu und rührt dann bedächtig mit dem Strohhalm um. Schon beim ersten Versuch gelingt ihm eine wunderschöne Seifenblase. Schillernd steigt sie nach oben, um dann, knapp über unseren Köpfen, in der Luft stehenzubleiben. Der Alte beugt sich zu mir hinüber und tippt mir mit seinem Zeigefinger auf die Stirn. Ich fühle ein leichtes Brennen über meiner Nasenwurzel. Er berührt auch seine Stirn und verblüfft sehe ich ein silbernes Band, das uns nun verbindet. Mit seiner rechten Hand wedelt er einige Male hin und her, dazu murmelt er unverständliche Worte, die Schnur löst sich und schwebt langsam auf die Seifenblase zu. Ich kratze mich an meiner Nase, die heftig zu jucken beginnt. Das Band windet sich um die Seifenblase, etwa so wie eine Schlange um einen Ast, taucht gemächlich in sie ein und verblasst. Der Alte nickt zufrieden. Er hält eine Hand unter die Seifenblase, die immer noch wie angeklebt in der Luft hängt, schnippt mit den Fingern der anderen Hand, die Kugel fällt. Er verbeugt sich galant, so, als wolle er mich zu einem Tanz auffordern und hält mir die Seifenblase direkt unter die Nase. Es kostet mich einige Überwindung, bis ich sie berühren kann. Sie ist kühl und fest. Sie hat sich in eine blaue Glaskugel verwandelt. Die Stimme des Alten klingt nun sanft, fast liebevoll.
„Wir sind jetzt verbunden. Wenn du in Not bist, nimm die Kugel und drehe sie auf deinem Handteller. Dann werde ich Kontakt mit dir aufnehmen und dir helfen, genauso, wie du mir vorhin geholfen hast. Doch wähle den Zeitpunkt weise. Denn danach wird sie wieder zur Seifenblase und du wirst unsere Begegnung vergessen.“ Sanft streicht er mir mit seiner knochigen Hand über die Wange.
„Und nun geh nach Hause, Kind, und feiere deinen Geburtstag.“ Ich bin so sprachlos über das, was ich eben erlebt habe, dass ich lediglich nicke, sein Geschenk sorgfältig in meinem Rucksack verstaue und mich brav auf den Weg mache. Tausend Fragen schwirren mir durch den Kopf. Woher weiß er, dass ich Geburtstag habe? Wie hat er das mit der Seifenblase gemacht? Stimmt es, dass er mir zur Hilfe kommen wird, wenn ich ihn rufe? Als ich bei meinem Eimer ankomme, den ich auf der Brücke abgestellt hatte, erwartet mich die nächste Überraschung. Er ist bis zum Rand gefüllt mit großen, reifen Himbeeren. Nachdenklich nehme ich eine davon und stecke sie in meinen Mund. Ich will zurück zum Alten und ihn fragen, wie er das gemacht hat. Doch er ist spurlos verschwunden.

Ich erwache vom Klingeln des Telefons. Irritiert schaue ich auf meine Nachttischlampe. Wieso brennt sie? Ich fühle mich seltsam. Glücklich und traurig zugleich. Was habe ich geträumt? Ich kann mich leider nicht erinnern.

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