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Die Kinder Kains (3/3)

Ich konnte mich nicht mehr bewegen.

Die Erkenntnis überwältigte mich. Eine Flut aus Bildern, Stimmen und Eindrücken brach über meinen Verstand herein. Ich schluckte und barg den Kopf in Händen. Unzählige Punkte tanzten vor meinen Augen. Plötzlich glaubte ich, ferne Stimmen hinter dem Felsentor zu vernehmen. Sie sprachen lockende, hämische Worte.

Jede Faser meines Körpers schrie nach Flucht. Ich wollte mich erheben, aber meine Beine zitterten zu sehr. Ich war kurz davor, den Verstand zu verlieren, als Tiph meine Hand in ihre nahm.

Sofort verstummten die Stimmen.

Ich hob langsam den Kopf und sah Tiph so, wie sie wirklich war – ich sah Tiphareth Sefer Qadmon, die auserwählte Heldin, die die Welt gerettet hatte. Ihre Augen glühten wie funkelnde Sonnen und ein seltsames Schimmern ummantelte ihre Haut. Sie lächelte sanft, aber mir entging die Trauer in ihrem Blick nicht.

„Ich erinnere mich“, krächzte ich. Meine Hände zitterten unablässig. In meiner Erinnerung hörte ich die Stimmen tausender Menschen, die um Gnade winselnd vor mir im Staub lagen. Jedes Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ich schüttelte wie wild den Kopf und senkte den Blick. Die schroffen Felswände der Höhle schienen ihre Gesichtszüge hämisch zu imitieren.

„Du trägst keine Schuld, David“, sagte Tiphareth leise. „Du warst nicht du selbst.“

„Könnte das nicht jeder behaupten?“ Meine Stimme zitterte. Ich konnte es nicht verhindern. „Könnte nicht jeder diese Ausrede benutzen?“ Ein Schluchzen entfuhr meiner Kehle. „Großer Gott, ich habe es wirklich getan …“

Tiphareth zog mich näher an sich heran. Die Wärme ihres schimmernden Körpers vertrieb einen Teil der eisigen Furcht in meinem Herzen. Sanft streichelte sie meinen Kopf. Ich starrte sie mit großen Augen an.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass sie mir eher vergeben würde als ich mir selbst.

„Es ist einfach, ein Held zu sein“, flüsterte ich. „Ein Held tut immer das Richtige. Selbst wenn er scheitert – er hat sich nichts vorzuwerfen. Auf deinen Schultern lasteten die Hoffnungen der gesamten Menschheit. Niemand kann dir Vorwürfe machen.“ Ich schluckte. Die Worte kamen mir nur zögerlich über die Lippen. „Aber bei mir ist das anders. Wenn ich stärker gewesen wäre – wenn ich besser gewesen wäre – dann hätte die Eklipse nie stattgefunden.“ Entsetzt fuhr ich hoch. „All die Kinder in deiner Obhut – ihre Eltern würden noch leben!“

Tiphareth schwieg, bis ich wieder erschöpft zurücksank. Sie seufzte.

„Erinnerst du dich an den letzten Kampf?“

Ich versuchte es. Aber eine Ansammlung aus Schreien und schmerzverzerrten Gesichtern legte sich wie blutiger Nebel um meine Gedanken. Ich schüttelte den Kopf.

Tiphareth holte tief Luft. Ihre Augen schweiften in weite Ferne.

„Wir wurden damals verraten und mussten uns zurückziehen. Gerade hatten wir noch die Unterstützung der UNO – keine Woche später hatte der alte Mann auf dem Berg sämtliche Kontinente assimiliert. Wir zogen uns an den letzten Ort zurück, der uns blieb: in die Antarktis.“

Ich spitzte die Ohren. Auch davon hatte ich in offiziellen Stellungnahmen nichts gehört.

Tiph lächelte verträumt, als sie die Erinnerung erneut durchlebte.

„Wir waren nur noch zu fünft“, erzählte sie. „Ches, Nah und ich hatten als einzige Waffen. Die anderen beiden waren einfache Fischer. Mit einem viel zu kleinen Boot legten wir die gesamte Strecke von Neuseeland bis in die Antarktis zurück.“ Sie kicherte. „Zugegeben, wir wandten ein wenig Magie an, aber anders hätten wir es auch nicht geschafft.“

Beim Anblick ihres fröhlichen Gesichts formte sich sofort ein Bild in meinem Inneren, wie die drei zur Rettung der Welt über das Meer kreuzten. Ich musste ebenfalls lächeln.

Tiphareth lehnte sich leicht nach vorn, so als ob sie den Kindern im Waisenhaus eine Geschichte erzählen würde. Ihre Augen wurden groß und sie gestikulierte mit ihrer freien Hand. Sofort war ich im Bann der Geschichte.

„Tief unter dem Eis der Antarktis befindet sich eine alte, vergessene Zivilisation. Dort liegt der Ursprung des alten Manns – der Ursprung aller Entitäten, die wir Menschen schlicht über die Jahrhunderte hinweg vergessen haben. Aber sie leben fort – in unseren Geschichten, Ängsten, Legenden.“

Sie holte tief Luft. „Darum nannten wir diesen Ort auch die Stadt der Mythen. Er war unsere letzte Hoffnung.“

Ich hing an ihren Lippen. Als sie mich ansprach, fühlte ich mich, als hätte sie mich geschlagen.

„Dann kamst du“, fuhr sie fort. „Wir hatten ein paar Tage Vorsprung, aber du kamst bald über das Meer. Das endlose Weiß der Antarktis verwandelte sich in Rot. Die Stadt der Mythen leuchtete und hieß dich willkommen – wie in alter Zeit.“

Erinnerungen überwältigten mich. Diesmal waren es nicht meine. Ich sah den alten Mann auf dem Berg in seiner ursprünglichen, entsetzlichen Gestalt und wie er sich zwischen den gewaltigen Gebäuden im Eis langsam hin- und herwiegte, während seine einhundertvierundvierzigtausend Augen die Gestirne beobachteten und den Tag der Eklipse herbeisehnten. Ich musste einen Schrei unterdrücken. Mir entfuhr ein leises Wimmern.

„In der Stadt der Mythen kam es zum letzten Kampf. Und soll ich ehrlich zu dir sein? Ich wusste am Ende nicht, wie ich mich verhalten sollte.“

Ich sah überrascht auf. „Wie meinst du das?“

„Du wirktest so glücklich.“ Tiphareth musterte mich nachdenklich. „Die Präsenz des alten Manns gab dir Sicherheit – dir und all den anderen Menschen. Die beiden Fischer ließen sich überreden und liefen über. Am Ende gab es keinen einzigen Menschen mehr auf der Welt – nur noch Ches, Nah und mich.“ Sie seufzte. „Wir sind Wesen aus einer anderen Dimension. Haben wir das Recht, den Menschen eine Entscheidung abzunehmen? Nein.

Der alte Mann auf dem Berg richtete seine Stimme an uns. Sie war wie ein Chor aus Millionen von Menschen, jung und alt, reich und arm, gut und böse. Er wollte uns mit Worten überzeugen, dass wir niemanden retten müssten. Ich weigerte mich, es zu glauben. Aber in Wirklichkeit war ich kurz davor. Ches, Nah und ich hätten einfach in die endlose Kathedrale zurückkehren können. Unsere Mission wäre gescheitert, aber das betraf uns nicht. Wir waren – und sind – keine Menschen mehr.

Also überließen sowohl der alte Mann als auch ich die Entscheidung einem anderen.“

Dabei richtete sie den Blick ihrer flammenden Augen auf mich und lächelte. „Dir.“

Ich sah sie überrascht an. „Mir?“

„Du warst der erste, der dem alten Mann und mir begegnete. Du kanntest uns beide am längsten. Du warst der einzige Mensch, der den Anfang der Geschichte kannte – wir überließen es dir, ihr Ende zu schreiben.“

„Moment!“ Ich hob eine Hand. „Der alte Mann auf dem Berg kontrollierte mich doch – oder nicht?“

Plötzlich erklangen wieder die Stimmen hinter dem Felsentor. Diesmal klangen sie aber bedauernd, beinahe gekränkt.

„Er gab dich frei.“ Tiph lächelte. „Er wollte mir beweisen, dass ein Mensch sich aus freiem Willen für ihn entscheiden würde. Für eine neue Welt. Für eine bessere Welt.“

Die Erinnerung erfasste mich ohne Vorwarnung. Plötzlich stand ich wieder mitten in der Antarktis, auf der abgeflachten Spitze einer gewaltigen Pyramide. Unter mir breitete sich das gewaltige Bild einer riesigen Stadt aus, in der zeitlose Schatten zu kosmischen Flötentönen tanzten und mir ihre formlosen Hände wie im Gebet entgegenstreckten. Über meinen Köpfen schwebten zwei Götter.

Diesmal konnte ich meinen Schrei nicht unterdrücken. In meiner Erinnerung sah ich Tiphs wahre Gestalt.

Wenn der alte Mann eine schattenhafte Schlange war, glich sie einer riesigen, geflügelten Masse aus Licht. Ein einziges Auge schwebte darin und entblößte in seiner Iris ein funkelndes Dreieck, in dem sich das Universum selbst zu brechen schien wie in einer kosmischen Schnittstelle zwischen Zeit und Raum. Entsetzt fuhr ich herum und betrachtete die Tiphareth neben mir in der Höhle. In ihren Augen leuchtete ihre wahre, weltenzerbrechende Gestalt.

„Ich bin kein Mensch, David“, bekräftigte sie leise. „Ich bin von derselben Art wie der alte Mann. Dieser zerbrechliche Menschenkörper ist nur ein kleines Schmuckstück, ein Accessoire, mit dem ich spiele.“

Ich nickte. Ich konnte ihren Worten kaum noch einen Sinn abgewinnen. Die Erinnerung beherrschte mein Bewusstsein.

„Ich habe mich für dich entschieden“, flüsterte ich. „Aber warum?“

Tiph hob eine Augenbraue. „Das fragst du mich?“

Ich erhob mich und runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich, dass ich in euren Augen Bilder sah“, fuhr ich zerstreut fort. „Der alte Mann auf dem Berg zeigte mir Reichtum, Friede, Macht – aber auch Einsamkeit.“ Ich schüttelte den Kopf. „Was hast du mir gezeigt?“

Tiph zuckte verwirrt die Schultern. „Ich habe dir nichts gezeigt und der alte Mann auch nicht – du hast es dir wahrscheinlich eingebildet.“

Ich dachte noch lange darüber nach, selbst als wir uns auf den Weg zurück zur Villa Paradiso machten. Tiph warf mir immer wieder neugierige Seitenblicke zu. Wir schwiegen beide.

Eigentlich wollte ich mich unbemerkt aus dem Staub machen, sobald wir die Villa erreichten, aber Chessed Sefer Qadmon verstellte mir den Weg. Er war ein gutaussehender, junger Mann mit schneeweißen Zähnen und grünen Haaren, der mir sofort die Hand entgegenstreckte.

„Sie bleiben doch noch zum Abendessen, oder?“

Ich wollte eigentlich ablehnen, aber ein Blick in Binahs Augen überzeugte mich schnell anderweitig. Die Kinder nutzten diese kurze Ablenkung, um Tiph in den Bauch zu piksen. Sie quietschte schrill und die Kinder brachen in schallendes Gelächter aus.

Ich blieb noch bis zum späten Abend. Als die Kinder schliefen, begleitete mich Tiphareth allein zum Ausgang.

„Ich denke, ich weiß, was ich gesehen habe“, murmelte ich.

Tiphareth sah mich interessiert an. „Was?“

Ich lächelte. „Nicht so wichtig. Am Ende habe ich es mir doch nur eingebildet.“

Tiph zuckte mit den Schultern. „Diese Einbildung hat die Welt gerettet.“ Sie musterte mich forschend. „Wirst du der Welt die Wahrheit erzählen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich glaube kaum, dass mir irgendeine Zeitung diese Story abkaufen würde.“ Ich rang mir ein raues Lachen ab. „Ich schätze, es wird bei der Schneewanderung bleiben.“

Wir verharrten kurz schweigend. Dann trat Tiphareth unvermittelt auf mich zu und schlang die Arme um mich. Ihre Wärme erfüllte mein Innerstes.

„Versprich mir eines“, flüsterte sie. „Vergiss niemals, dass du die Welt gerettet hast.“

Sie verharrte in der offenen Tür und winkte mir zu, bis mein Wagen die Einfahrt verlassen hatte. Ich lächelte und winkte zurück.

Dann nahm ich eine Biegung und die Heldin, die die Welt gerettet hatte, verschwand aus meinem Sichtfeld.

Die Kinder Kains (2/3)

Trotz meines dicken Wintermantels war ich binnen weniger Minuten fast völlig durchgefroren. Der Wind heulte und fauchte wie eine hungrige Bestie.

Tiph bemerkte mein Zittern und hakte sich bei mir ein. Sie trug nicht einmal einen Pullover. Das gewaltige Schwert hielt sie locker in der linken Hand.

In diesem Moment ging mir erst auf, wie mächtig dieses junge Mädchen sein musste. Unsere Begegnung hatte sie kurz wie einen normalen Menschen wirken lassen.

Ich darf sie nicht falsch einschätzen. Sie könnte mich mit einer einzigen Handbewegung zu Asche verbrennen.

Sehnsüchtig richtete ich meinen Blick auf eine ferne Ansammlung warmer Lichter. Tiph führte mich immer weiter in die Wildnis der Alpen. Als der Schnee mir bis zur Hüfte reichte, hob sie ihr Schwert und zerschmolz ihn mit einem mitfühlenden Lächeln. Ich lächelte ebenfalls. Meine Hände zitterten in ihrer Gegenwart ohne Unterlass.

Dunkelheit breitete sich über den verschneiten Gipfeln aus, als wir eine versteckte Grotte erreichten.

Ich hielt überrascht inne. Ein schmuckloses Tor aus schroffem Stein versperrte den Eingang. Die zerklüfteten Felsen machten es unmöglich, sich der Grotte von oben zu nähern. Ein winziges Loch klaffte in der Tür. Uralte Zeichen glommen schwach im fahlen Mondlicht.

Ich wich unwillkürlich zurück. Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf. Ich taumelte und verlor beinahe das Gleichgewicht. Mit einem Mal loderte sengender Schmerz in meiner Brust.

Er verschwand, als Tiphareth meine Schulter berührte. Sie übte sanften Druck auf meine Haut aus.

„Keine Angst“, sagte sie mit fester Stimme. „Dieser Ort ist nicht mehr gefährlich.“ Sie hob lächelnd ihr Schwert. „Gehen wir nach drinnen.“

Die Klingenspitze passte haargenau in das dunkle Loch. Tiph drehte ihre Waffe wie einen Schlüssel und plötzlich erbebte die Erde. Das Steintor schob sich langsam zur Seite und öffnete einen Spalt, der für uns gerade groß genug zum Durchschlüpfen war.

Im Inneren herrschte überraschende Wärme. Ich zog den Mantel aus und suchte nach einer Lichtquelle. Ohne viel Federlesens rammte Tiph ihr Schwert in den steinernen Boden. Weitere Einbuchtungen verrieten, dass sie das nicht zum ersten Mal tat. Die Klinge erglühte und warf mit ihrem rötlichen Lichtschein unheimlich verrenkte Schatten an die Wände.

„Setz dich.“ Tiph ließ sich auf dem Boden nieder und holte zwei Wasserflaschen hervor. Dankbar nahm ich sie an und trank in gierigen Zügen. Tiph musterte mich wie eine Mutter ihr Kind.

„Siehst du die Tür dort hinten?“ Tiph wies auf ein gewaltiges Steintor. Es wirkte neuer als die restliche Felsformation. Auf den zweiten Blick erkannte ich matt schimmernde Adern im Gestein. Sie glühten in derselben Farbe wie Tiphs Schwert.

„Gehen wir da auch hinein?“ Ich fragte mich bereits, was sich wohl dahinter befand.

„Nein!“ Tiphs Stimme klang scharf wie ein Messer. „Dieses Tor darf niemals geöffnet werden. Das ist das einzige, was du darüber wissen musst.“ Sie seufzte und holte tief Luft. Ihre Augen reflektierten das Licht des Schwerts.

„Das ist deine letzte Chance, David. Du musst dich nicht mit diesem Wissen belasten. Du kannst noch einen Rückzieher machen.” Sie lächelte. „Eine Schneewanderung mit mir wäre doch auch einen Artikel wert, oder nicht?“

Einen Moment lang überwältigte mich die Versuchung schier. Ich spürte auf seltsame Weise die abgrundtiefe Dunkelheit, die hinter dem Steintor lauerte. Das Gefühl rief alte Erinnerungen wach. Ich musste schlucken.

Nein.

Ich atmete tief durch und sah Tiph direkt an.   

„Ich darf nicht mehr davor weglaufen“, erwiderte ich. „Ich muss die Wahrheit erfahren, egal wie schmerzhaft sie ist.“

Tiphareths Miene war nicht zu deuten. Wir verharrten in Stille, bis sie endlich seufzte und sich erschöpft gegen die Felswand lehnte.

„Wie du willst. Ich erzähle dir die Wahrheit.“

Mein Herz wollte beinahe zerspringen. Ich nickte. Ich hing an ihren Lippen.

„Hier, in dieser Grotte, hat alles begonnen“, murmelte Tiph leise. Es ist fünf Jahre her – ich kann mich trotzdem noch genau daran erinnern.“ Sie hielt kurz inne und starrte ihr Schwert an. Das Licht der Klinge flackerte wie ein Lagerfeuer.

„Anders als Binah und Chessed stamme ich nicht aus einer anderen Welt“, erklärte sie. „Ursprünglich war ich ein normaler Mensch. Ich hatte mich verirrt und kam zufällig hierher. Vor dem Grotteneingang türmten sich Skelette – davor lag ein Schwert.“ Sie wies mit dem Kinn auf ihre Waffe. „Decim.“

Der Name hallte machtvoll von den steinernen Wänden wider. Ich erschauderte. Respektvoll neigte ich den Kopf.

„Ich ergriff Decim und öffnete damit den Eingang.“ Sie schluckte. „Das war mein größter Fehler.

Seit Urzeiten erzählen sich die Bergleute Geschichten über einen uralten, bösen Geist, der im Inneren der Berge wohnen soll. Manche wurden aufgeschrieben, manche gingen verloren, die meisten werden nur noch flüsternd von sterbenden Generationen gehütet. Die Alten unter ihnen kennen das Geheimnis nur noch aus Erzählungen der Großeltern ihrer Großeltern – aber die Vorstellung blieb wach. Und soll ich dir etwas verraten?“ Ihr Mund kräuselte sich zu einem bitteren Lächeln. „Sie sind alle wahr.

Ich öffnete die Grotte und befreite dadurch den, den wir nur den alten Mann auf dem Berg nennen. Ich will nicht ins Detail gehen, Worte können ihn nicht beschreiben. Er entkam und ich lag mit dem Schwert im Schnee. Der alte Mann fuhr in den Körper eines Wanderers, der sich genau wie ich verirrt hatte und zufällig des Weges kam.“

Sie holte tief Luft. Die nächsten Worte schienen ihr besonders schwerzufallen.

Der Wanderer wurde zu einer Hülle für den alten Mann. Ich wollte mit dem Schwert gegen ihn kämpfen, aber er warf mich einfach zu Boden und … und …“ Ihre Stimme brach ab. Eine Träne glitzerte einen Moment lang in ihrem rechten Augenwinkel, dann blinzelte sie sie fort.

„Er tötete mich.“

Ich starrte sie entsetzt an. Ich wollte etwas sagen, aber meine Worte versagten. Diese Erzählung tauchte in keinem offiziellen Bericht auf, trotzdem kam sie mir vage vertraut vor.

„Der alte Mann auf dem Berg löste die Eklipse aus. Er dehnte die hereinbrechende Nacht. Er wollte sie ewig währen lassen. Im nächsten Dorf schlug er dann als erstes zu. Er verwandelte die Bewohner in seine abscheulichen Diener und sie zogen ihrerseits aus und verbreiteten seinen Fluch wie eine Krankheit.“

Ich nickte. Das war allgemein bekannt.

Tiph lächelte schwach. „Du weißt, was als nächstes passierte. Die Menschheit wurde von diesen Kreaturen überrannt. Überall auf der Welt entstanden Fronten. Die Welt stand plötzlich am Abgrund – nur weil ich diese Pforte aufstoßen musste.

Meine nächste Erinnerung setzt in der endlosen Kathedrale ein, Sagt dir der Begriff etwas?“

Ich schüttelte den Kopf. Das Wort kam mir auch vertraut vor, aber ich konnte es nicht zuordnen.

Sie nickte wissend. Sie schien jeden meiner Gedanken zu kennen.

„Du musst nicht mehr darüber wissen. Die endlose Kathedrale steht am Rande unserer Realität. Kein Mensch hat sie je betreten oder gesehen – außer mir.“ Sie schluckte. „Ich erwachte. Chessed und Binah beugten sich über mich. Plötzlich war ich als Engel wiedergeboren und hatte eine Mission. Ich musste die Welt retten – mithilfe der beiden.“

Sie lächelte traurig. „Das ist alles.“

Ein unbeschreibliches Gefühl regte sich in mir. Meine Zähne schmerzten, so fest presste ich sie aufeinander.

„Wer war dieser Wanderer, Tiphareth?“, stieß ich mühsam hervor.

Sie zuckte zusammen, als ob ich sie geschlagen hätte.

„David, das tut doch nichts zur Sache …“

Das Gefühl steigerte sich zu unerträgliche Schmerzen. Ich kauerte mich zusammen. Wie besessen rückte ich von Decims warm leuchtender Klinge ab. Die Entfernung linderte meine Qual.

„Tiphareth, bitte!“, stieß ich hervor. „Bitte!“

Tiphareth litt ebenso wie ich. Ich verharrte mit flehendem Blick an Ort und Stelle. Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. Unsere Schatten wirkten wie grausam verrenkte Ungeheuer.

„Na gut“, flüsterte sie schließlich. Ihre Augen glommen wie Sonnen.

„Du warst der Wanderer, David.“

Der Schreibwettbewerb – Der Hobbyautor

Liebe Schreibkommune,


der Hobbyautor zeigt sich uns in seinen schönsten Farben. Er ist divers, er folgt keinem Stereotypen. Ja, in der Tat tummelt sich unter diesem Begriff eine Gruppe an zappeligen Schreibwütigen , die in keiner Weise zu kategorisieren sind. Es gibt so viele gute Autoren und Bücher. Allerdings liegen noch fünf Mal so viele tolle Bücher, Gedichte und unfertige Texte in den staubigen Schubladen oder in den fernen Weiten der unorganisierten Dateiordner der Hobbyautoren begraben. Diese auszugraben könnte die archäologische Arbeit von mehreren Leben bedeuten und dennoch offenbart sich uns gerade ein wahrer Schatz, der offensichtlich nur ein kleiner Teil dessen ist, was wirklich dort draußen zu erforschen ist.


Der Hobbyautor ist demnach ein Mensch, der dem Schreiben verfallen ist. Diese Eigenschaft sollen wir alle gemeinsam haben. Genau diese Eigenschaft spiegeln zudem alle wunderbaren Texte und Gedichte wider, die uns bis jetzt erreicht haben. Bis zum Einsendeschluss hoffen wir, noch die letzten Erleuchtungen willkommen heißen zu dürfen. Für uns geht ein Traum in Erfüllung und wir wissen, dass dies erst der Anfang ist.


Die Schreibkommune soll wachsen und jeder Hobbyautor soll sich hier entwickeln können, soll sich zeigen dürfen und anderen wiederum die Plattform bieten, dasselbe zu tun. Liebe Hobbyautoren, ihr seid klasse!


Eure Saigel

Die Kinder Kains (1/3)

„Untersteht euch!“, rief die Heldin, die die Welt gerettet hatte. „Wehe, ihr rührt mich auch nur a…“ Ihr Protest versank in einem hysterischen Lachanfall, als die Kleinen sich auf sie stürzten und unter Freudenschreien kitzelten. Die Menschenmasse wurde von einem Berg aus Kissen verschlungen, der lautlos in sich zusammenfiel.

Ich saß hilflos neben dem Sofa und wusste nicht recht, was ich tun sollte. Während Tiphareth Sefer Qadmon sich der unzähligen kleinen Händchen zu erwehren versuchte, kratzte ich mich verlegen am Hinterkopf und musterte diskret das digitale Kaminfeuer. Das warmherzige Knistern ließ mich wohlig erschauern. Ein Blick aus dem Fenster des großen Hauses verriet mir, dass es immer noch schneite. In der Ferne zeichneten sich die weißen Gipfel der Alpen ab. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob die Wärme im Wohnzimmer von der Heizung oder von dem sanft glühenden, kreuzförmigen Breitschwert an der Wand kam.

Tiphareths Kreischen nahm beängstigende Ausmaße an und endete erst, als neben mir ein lauter Gongschlag ertönte. Ich zuckte zusammen. In Windeseile standen die Kinder artig und mit gesenkten Köpfen vor Binah Sefer Qadmon, Tiphareths bester Freundin. Sie war die Köchin in der Villa Paradiso und trug eine lange Schürze. Einzig ihre blau glühenden Augen verrieten ihre Herkunft.

„Was soll das werden?“, knurrte sie wütend. Ich wandte den Blick ab. Obwohl meine Kindheit schon Jahre zurücklag, fühlte ich mich wieder in unangenehme Situationen zurückversetzt – damals, vor der Eklipse.

„Entschuldigung, Tante Nah“, erwiderten die Kinder im Chor.

Binah verdrehte die Augen und warf ihr rostbraunes Haar zurück. Mit einem Wink bedeutete sie den Kindern, mitzukommen. „Wenn ihr so viel Energie habt, könnt ihr mir beim Kochen helfen. Heute Abend gibt es Schnitzel!“

Ich musste mich noch immer daran gewöhnen, dass ein außerirdischer Erzengel fünf Jahre nach der Eklipse seine Zeit damit verbrachte, für Waisenkinder Schnitzel zu klopfen.

Die Botschaft löste triumphierendes Jubelgeschrei aus. Binah bedachte mich mit einem entschuldigenden Blick, während sie die aufgeregten Kinder aus dem behaglichen Wohnzimmer führte. Das Geschrei wurde leiser, als die Tür hinter ihnen zufiel. Ich atmete erleichtert auf und sank kaum merklich auf meinem Stuhl zurück.

Mir reichten bereits Amelie und Jonas. Beim Gedanken, so viele Kinder erziehen zu müssen, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Neugierig ließ ich meinen Blick über die braun gestrichenen Wände schweifen. Wie viele Einrichtungsgegenstände hatte die Rasselbande wohl schon zerstört?

Meine Überlegungen endeten, als sich Tiphareth keuchend aufrappelte. Ihr feuerrotes Haar hing ihr wirr ins Gesicht und verdeckte die rubinfarbenen Augen, deren mattes Leuchten meine Blicke schon die ganze Zeit über auf sich zog. Ungeschickt zupfte sie an ihrem Pullover herum. Ich zwang mich wegzusehen, als ihr Rock kurz mehr als üblich offenbarte.

Dann stand Tiphareth auf. Kein Geräusch ertönte, als ihre nackten Füße den dicken Wollteppich berührten. Sie lachte verlegen.

„Entschuldigung!“, rief sie. „Destiny und Viktor haben letzte Woche herausgefunden, dass ich kitzelig bin und seitdem …“ Sie räusperte sich vielsagend und versuchte, ein seriöses Gesicht aufzusetzen. Der Anblick brachte mich zum Schmunzeln.

„Darf ich diesen … Vorfall in meinen Artikel aufnehmen, Frau Qadmon?“

Sie winkte ab. „Tiph reicht. Und mach dir keine Gedanken. Solange du unseren Standort nicht verrätst, kannst du alles detailgetreu wiedergeben. Ich weiß schließlich, dass ich dir vertrauen kann, David.“

Ich sah sie überrascht an. Ich hatte mich noch nicht vorgestellt.

„Sie kennen meinen Namen?“

Tiph hob drohend einen Zeigefinger. „Offenbar. Und duzt du mich? Bitte?“

Ich schluckte. Ich hatte sie mir anders vorgestellt.

„Wenn es Ih- … dir Freude macht.“

Tiph nickte zufrieden und kuschelte sich auf das gemütliche Sofa. Ich musterte sie unsicher, bis sie eine einladende Bewegung machte und mir zunickte.

„Komm schon, dein Stuhl ist steinhart. Ich sage Nah schon seit Ewigkeiten, dass wir ihn entsorgen müssen.“

„Ist schon in Ordnung.“

Tiph hob eine Augenbraue. „Glaub ich dir nicht.“

Ich seufzte und erhob mich mit einem Stöhnen. Seit Jahren verfolgten mich nun schon Schmerzen im Rücken. Harte Stühle und Bänke waren dabei nicht hilfreich. Ich seufzte erleichtert, als ich mich neben Tiph niederließ. Ein wohliger Schauer wogte über meine Haut. In ihrer Nähe war die Luft wärmer.

„Chessed meinte, ich kann mich auf dich verlassen“, sagte sie erklärend. Ich nickte erleichtert. Chessed Sefer Qadmon war der dritte im Bunde. Er zeigte sich als einziger in der Öffentlichkeit. Ich war überrascht, dass er sich mein Gesicht offenbar gemerkt hatte.

„Also habe ich ihm dieses Interview zu verdanken“, murmelte ich.

Tiph nickte. „Binah war natürlich dagegen, aber Chessed versicherte uns hoch und heilig, dass dieses Gespräch deinem Seelenfrieden helfen würde. Also konnte ich nicht ablehnen.“

Mein Innerstes gefror. Meinem Seelenfrieden? Wie viel wusste sie?

Außerdem entging mir nicht, dass sie bezüglich der Entscheidung nur von sich selbst sprach. Tiph wirkte zwar tollpatschig, aber ihre Führungsposition schien nicht infrage zu stehen.

„Also“, sagte Tiph, als ich schwieg. „Was willst du wissen, David?“

Einen Moment lang schloss ich die Augen und genoss die wohlige Wärme, die sie verströmte. Das war meine letzte Gelegenheit. Die letzte Chance, Vergebung zu finden.

„Was passierte wirklich während der Eklipse?“, fragte ich wie einstudiert. Dabei holte ich einen altertümlichen Schreibblock hervor und zückte einen Kugelschreiber. Mein Tablet und mein Aufnahmegerät waren mir nicht gestattet worden.

Tiph spielte mit einer ihrer feuerroten Locken. Sie wirkte entsetzlich jung. Sie hätte meine Tochter sein können.

„Du kennst die offizielle Version, David.“

Ich schluckte. Würde sie sich weigern?

„Es sind fünf Jahre vergangen“, erwiderte ich mit zitternder Stimme. „Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht auf die Wahrheit!“

Tiph seufzte und zog die Beine an. Sie schlang die Arme um ihre Knie und stützte ihr Kinn darauf, während sie mich betrübt musterte.

„Das ist eine lange und traurige Geschichte“, sagte sie kaum hörbar. „Und ich kann dir nicht erlauben, sie anderen zu erzählen.“

Die Luft erhitzte sich weiter und ich fühlte Angstschweiß auf meiner Haut. Ich wich instinktiv zurück, ließ aber nicht locker.

„Du sagtest doch, dass du mir wegen meines Seelenfriedens weiterhelfen willst, oder nicht? Ich kann dir versichern, dass die Eklipse viele Menschen mit ähnlichen Empfindungen zurückgelassen hat. Willst du ihnen nicht helfen?“

Tiphs Augen wirkten wie kaltes Feuer. Dann wandte sie sich ab und seufzte. Ich zuckte zusammen, als sie mich plötzlich umarmte.

Ich hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht.

Das Zittern meines Körpers beruhigte sich, als sie mich fest an sich zog. Ihre Wärme erfüllte mein Innerstes. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte ich mich wieder geborgen.

Dann ließ sie los und der Moment endete.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Was dir zugestoßen ist, was allen Menschen zugestoßen ist – es tut mir unendlich leid. In jener Nacht vor fünf Jahren … hat sich alles verändert.“ Sie schloss einen Moment lang die Augen. Sie wirkte wie eine Feuerlilie in einer Schneelandschaft.

„Ich werde es dir erzählen“, flüsterte sie und stand auf.

Rezension “Das Erbe der Braumeisterin” von Charlotte Thomas

(Bitte beachten. Zuerst findet ihr hier allgemeine Informationen zu dem Buch. Dann folgt auch schon die Rezension an sich.)

Titel: Das Erbe der Braumeisterin

Autor: Charlotte Thomas

Verlag: Bastei Lübbe

508 Seiten inkl. Nachwort, Details zur Kölner Biergeschichte und einem Glossar

ISBN: 9783404169061

Preis: 9,99 €

Hier gibt es Informationen zur Bibliografie der Autorin Charlotte Thomas

Charlotte Thomas – Bücher & Infos – BücherTreff.de (buechertreff.de)

Informationen zur Autorin

Charlotte Thomas – Bücher & Infos – BücherTreff.de (buechertreff.de)

Eva Völler – Wikipedia



Inhalt des Buches

Die Geschichte der Handlung von „Das Erbe der Braumeisterin“ spielt in Köln Mitte des 13. Jahrhunderts.

Madlen, seit einem knapp einem Jahr verwitwet, führt die Brauerei des verstorbenen Vaters in Eigenregie. Doch die Zunft der Brauer sitzt ihr im Nacken. Denn sie darf laut Gesetz das gutgehende Erbe des Vaters nach dessen Tod und dem des Ehemanns dieses nur ein Jahr alleine weiterführen.

Madlen denkt jedoch nicht daran erneut zu heiraten, auch wenn bereits mehrere Männer bereit sind sie zu eheligen.

Kurz nach einer Hinrichtung heiratet sie notgedrungen, den einstigen Kreuzritter Johann, der eigentlich hätte getötet werden sollen. Dies geschah durch eine Verbindung zu einem gleichaltrigen Mann, den sie durch ihren Vater kennt, denn auch dessen Eltern sind im Braugewerbe tätig.

Nun muss sie beweisen, dass die Ehe Bestand hat und keine Schande bringt. Allerdings haben Madlen und Johann Schwierigkeiten miteinander klar zu kommen. Vor allem deswegen, weil sie beide vorerst einen eigenen Weg verfolgen.

 

Eindruck und Fazit

Eigentlich bin ich nicht der Typ Mensch, der sich von Anfang an auf einen historischen Roman einstellen kann. Das heißt, dass mich die Handlung eigentlich schon von Beginn abholen muss.

Bei diesem Roman dauerte es jedoch einige Seiten bis mich die Handlung so in den Bann gezogen hat, dass ich mich zwingen musste um das alltägliche zu kümmern oder rechtzeitig in meinem Bett einzuschlafen.

Auch wenn es ein fiktiver Plott ist, zeigt er doch einen Einblick auf die mittelalterliche Kultur, das damalige Leben und wie die Stadt zu der damaligen Zeit strukturiert war.
Im Großen und Ganzen ist es ein Roman, der den Leser in die mittelalterliche Zeit zurückversetzt. Durch die zusätzliche Liebesgeschichte in der Handlung findet sich auch für die Romantiker etwas. Rundum ein

Lasst euch nicht erschrecken, solltet ihr erst mal nicht in die Geschichte finden. Es wird besser.

Evolution der Revolution

Ein hübsch plätschernder Bach folgt entlang der grünen Linie, ein Vogel sitzt auf kreischender Maschine, die sich dem Wind nicht beugt, die Luft nicht säugt und nicht von freundlicher Erscheinung zeugt. Ein sonst so idyllischer Traum gibt anderen Gefühlen Raum. Gibt kaum dem Saum des Talkleides ein lieblicheres Antlitz als das, des von Schienen zerfurchten Bergschlitz‘, der sein schreiendes Maul grässlich öffnet und widererwarten das metallene Ungeheuer verschluckt, um es dann, geduckt, wieder auszuspeien, unbeeindruckt von dem „Verspeist-Sein“ und immerdar kreischend, nach Achtung heischend und den zerfleischend, der sich ihm entgegenstellt, auf dieser eigentümlich schauderhaften Welt.

Doch, horch – was kommt da noch? Ein brillierendes Gefährt, das freilich noch länger währt, als die vogelbesetzte Kreischemaschine, die auf ihrer Schiene fest eingefasste Routen fährt und keinen Ausflug in unbekannte Gefilde gewährt. Der Vogel kann auf ihm zwar nirgendwo mehr sitzen, aber seine Ausscheidungen auf den Scheiben verspritzen, um zu erklären: „ich bin noch da und du läufst Gefahr, mich auszurotten und mich, gleich wie tausend Motten, mit einem Wisch auf die Straße zu kehren und ich könnte mich noch nicht einmal wehren gegen diesen Glanz und diese Glorie, die mich, wie eine Hysterie, vor Wut schreien und mein Verblassen gedeihen lassen.“

Dennoch wusste der Vogel noch nichts angesichts des größten Wütenden, der sich in den Köpfen der Elenden vernetzt und sie in eine Realität versetzt, die es nicht gibt und ihnen dennoch oftmals mehr beliebt, als das Wahre, das verloren geht und in dunklen Ecken steht, dort das Gesicht verdreht und klammheimlich Dinge versteht, die virtuell nicht funktionieren und die den Display-Vernarrten und Online-Verharrten nicht mehr regieren. Die Gefühle, die echten. Die verschwinden im gerechten Nirwana der menschlich-technischen Evolution, die immer schon den Menschen auf den Thron gesetzt und ihn somit womöglich schlichtweg vergrätzt, um ihn sich selbst mit dem zu stürzen, was er am besten kann, dem Einzelgang
… solang …
bis dann die Kräfte wieder das Sein bedingen, das in der Balance zwischen den (klammheimlichen) Dingen durch gefühlvolles Leben gelingen lässt, dass der Mensch diese Realität gänzlich verlässt und den Schein erpresst, Berge zu brechen, Meere zu schwächen, Ozonschichten zu stechen und dennoch für den Wohlstand zu sprechen, die Expansion, eine Mediation von Stichen ins eigene Herz für Gewinne, für die das Gefühl sich eine Realität ersinne, die weniger selbstzerstörerisch erscheine – an der virtuellen Leine, die solange fest um den Hals verweile – bis das Auge ihn wieder zu sehen vermag: den Vogel, bei Nacht und bei Tag, so, wie er eben ist, ohne, dass der Mensch ihm menschliche Werte beimisst. Denn die Revolution vergisst, dass sie sich selbst auffrisst und das verschlingt, was durch sie bedingt, anders klingt.


Walpurgisnacht

Man möchte meinen, dass es in einem beschaulichen kleinen Dorf wie Krähenflügel wenig Anlass zu Selbstjustiz gibt. Auch ich erlag in der Vergangenheit diesem Fehlschluss, als ich beschloss, mich hier zur Ruhe zu setzen. Ich hatte meine Kindheit in der Stadt Krähenberg verbracht und schätzte die Nähe zu meiner alten Heimat. Krähenflügel lag nur wenige Meilen entfernt. Man konnte sogar die beeindruckenden Zwillingstürme der Krähenberger Kathedrale vom Rathausplatz aus sehen.

Das Dorf selbst ist schwer zu beschreiben, denn Worte scheinen ihm nie gerecht zu werden. Zum einen wirkt es altehrwürdig und edel mit seinen stuckverzierten Häusern und den steinernen Wasserspeiern, zum anderen auch ungezähmt und wild, was vor allem an den ungezügelt wuchernden Sträuchern und Bäumen liegt, die ohne jede Vorwarnung zwischen den alten Gebäuden hervorbrechen. Ich erinnere mich, dass ich als Kind einen Abend lang mit meiner Familie in Krähenflügel einen Gasthof besuchte. Damals jagte mir der Anblick der emporgestreckten Zweige eiskalte Schauer über den Rücken. Mein Bruder verlachte mich, aber auch ihm waren sie nicht geheuer – zu sehr erinnerten sie uns an knochige Arme, die sich langsam nach den Passanten ausstreckten.

Krähenflügel besitzt auch mehrere Hügel, die ursprünglich das Dorf begrenzten und heute größtenteils bebaut sind. Nur einer verbleibt bis heute von jeglicher menschlichen Architektur verschont – es ist der Galgenhügel, an dem man vor etlichen Jahrhunderten die namenlose Frau aus Krähenberg hingerichtet wurde.

Wenn ich in der Dämmerung noch einen geruhsamen Spaziergang unternahm, führte mich der Weg direkt am Fuße des Hügels vorbei. Hier stand kein Haus und es gab keine Viehweide, nur ungezügelte Natur. Als ich zum ersten Mal dort vorbeikam, hielt ich unbedachterweise auf einem Baumstumpf Rast. Ich tupfte mir gerade die Stirn ab, als ich im Wispern des Windes plötzlich eine Stimme vernahm. Sie war leise und kaum hörbar, doch hörte ich die unverwechselbaren Klänge eines alten Kinderliedes. Ich versuchte, der Stimme zu folgen, doch schon bald veränderte sie sich. Sie klang abscheulich und bestialisch verzerrt, wie eine Steigerungsform blutrünstigen Knurrens. Mit einem Mal schienen die Zweige nach mir zu greifen und ich floh, so schnell ich konnte. Als ich endlich zu Hause ankam, raste mein Herz wie wild in meiner Brust.

Damals wäre es mir als lächerlich erschienen, irgendjemandem davon zu erzählen. Heute hingegen wünsche ich mir inständig, es getan zu haben. Vielleicht hätte ich die folgenden Ereignisse verhindern können.

Krähenflügel besitzt einen äußerst romantischen Friedhof, der, zwischen üppiger Vegetation versteckt, zwischen dem Rathaus und der Kirche verborgen liegt. Metallene Kreuze erheben sich aus dem Schotterboden, während die Pflanzen sie umschlingen. Der Totengräber ist zugleich mit einer Heckenschere ausgestattet, die er bei jedem meiner Besuche tatkräftig einzusetzen pflegte. Er war damals bereits ein stets betrübter Mann mit faltigem Gesicht und dürrem Körperbau, dem man das Führen einer Schaufel kaum zutraute. Dazu kam eine unnatürliche Blässe, die ihm ein nahezu gespensterhaftes Aussehen verlieh. Einmal konnte ich mich nicht zurückhalten und fragte ihn nach seinem Wohlergehen. Er seufzte dabei, schnitt ein vorstehendes Ästchen mit der Heckenschere ab und sagte dabei mit flüsterleiser Stimme: „Es sind die Gräber, Sibelius. Früher haben sie mich angeschwiegen; heutzutage lassen sie mich nachts nicht mehr schlafen.“

Ich glaubte zuerst, dass er nur in Metaphern sprach und fragte scherzhaft, welches Grab denn am lautesten sei. Daraufhin deutete er mit einem knochigen Finger mitten ins Dickicht.

„Es ist die Krypta“, wisperte er, während seine Augen sich vor Schrecken weiteten. „Mein Vorgänger hat sie zuwachsen lassen. Ich habe sie einmal besucht und seither tue ich nachts kein Auge mehr zu.“

Meine Neugier war geweckt. Ich wusste von keiner Krypta in Krähenflügel und bohrte hartnäckig nach. Doch der Totengräber zuckte bei jeder Frage zusammen und nahm mir schließlich mit bebenden Lippen das Versprechen ab, sie niemals aufzusuchen. Ich empfand sein Verhalten als befremdlich, respektierte seinen Wunsch jedoch und besuchte lediglich das schlichte Grab meiner Kindheitsfreundin. Ich bin froh, dass niemand ein Foto an das Kreuz geheftet hatte. Ich weiß nicht, ob ich die Tränen sonst hätte zurückhalten können.

Es geschah um diese Zeit, dass eines Nachts ein grässlicher Schrei meinen Schlaf störte. Der Mond hielt sich hinter dunklen, unheilschwangeren Wolken verborgen. Ich eilte sofort hinaus und blickte in die müden Gesichter vieler anderer Bewohner. Der Bürgermeister stand im Nachthemd neben seinem Sekretär und dem Feuerwehrkommandanten. Er begrüßte mich mit einem gewichtigen Nicken. Schließlich war ihm bestens bekannt, dass ich im Auffinden verlorener Personen und Dinge durchaus geübt war.

Mein geschultes Gehör war zu diesem Zeitpunkt zwar bei weitem nicht mehr so gut wie früher, doch meine Fertigkeiten reichten aus, um den Schrei beim Rathaus zu lokalisieren. Wenn ich heute zurückdenke, erscheint es mir ein wenig seltsam, dass sämtliche Dorfbewohner den Drang verspürten, nach der Quelle des Schreis zu suchen. Damals erschien es mir als völlig natürlich. Dem Schrei wohnte dermaßen fürchterliche Todesangst inne, dass uns der Klang alleine die Haare zu Berge stehen ließ. In dieser schrillen Stimme verbarg sich ein Funken jenes menschlichen Leides, das niemals die Schwelle unseres Unterbewusstseins übertreten sollte und die Seele eines Menschen verzehrt, wenn es dennoch in sein Herz gelangt.

Der Bürgermeister, der Feuerwehrkommandant und ich stürmten in den Rathauskeller. Man hatte ihn seit Jahrzehnten nicht mehr betreten. Wie ich wohl wusste, hatten sich in archaischen Zeiten darin die Zellen befunden – und die Folterkammer.

Der Feuerwehrkommandant und zwei seiner Jungspunde traten die morschen Türen ein und wir betraten die alten Räume mit zusammengepressten Lippen und geballten Fäusten.

Wenn ich mich heute frage, zu welchem Zeitpunkt der Wahnsinn sich in mein Innerstes schlich, so würde ich diesen Anblick angeben. Ein Mensch kann nur eine gewisse Anzahl an Anblicken ertragen – weitaus weniger, als die endlosen Weiten des Universums und der Realität ihn auszusetzen vermögen. In jenem Augenblick durchfuhren mich die rätselhaften Zeilen einer alten Krähenberger Steintafel, die ich vor Jahren entziffert hatte.

Post mortem manet ecclesia. Nach dem Tod bleibt die Versammlung.

In der feuchten Kammer bot sich uns ein Bild unaussprechlichen Grauens und Liebreizes. Wir sahen eine lächelnde junge Frau in weißen Gewändern, die uns aus treuherzigen Augen aufrichtig anblickte. Sie wirkte so zerbrechlich und unschuldig wie eine Elfe. Als ich meinen Blick senkte, wollte mein Gehirn das Bild zunächst nicht annehmen. Erst der metallische Gestank brachte mich zur Vernunft.

Zu Füßen der elfenhaften Frau kauerte ein blutiges Bündel, das kaum noch als Lebewesen zu erkennen war. Ich wage nicht, den Zustand dieses menschlichen Körpers zu beschreiben, dieses armen, kaum dem Kindesalter entwachsenen Mädchens. Bis heute kann ich nicht ermessen, welche gottlosen Teufelsmaschinen einen Menschen sosehr verdrehen können, dass die Glieder in dermaßen widernatürlicher Position hervorragen wie knochige, reglose Zweige. Allein der Gedanke an den Schmerz, den dieses Geschöpf vor unserer Ankunft hatte erdulden müssen, bringt mich heute an den Rand der Ohnmacht.

Von uns allen bewies allein der Feuerwehrkommandant die nötige Geistesgegenwart, den Rettungsdienst zu rufen. Wir anderen waren wie versteinert. Die elfenhafte Frau lächelte uns verführerisch an und ging. Ich kann mir noch immer nicht erklären, wie sie an uns vorbeikam, doch mit einem Mal stand sie hinter uns. Ich wandte mich wie gesteuert um, als sie mit einem Mal zu singen begann.

Ich erkannte das gottlose Kinderlied, das ich zum letzten Mal auf dem Galgenhügel gehört hatte. Ohne dass ich es wollte, formten meine Lippen dieselben Worte und wir sangen, marschierten in einer Prozession an den staunenden Dorfbewohnern vorbei und sangen dabei ununterbrochen. Das Ereignis wirkte in seiner Unverständlichkeit wie ein paradoxer Albtraum auf mich. Dennoch hat sich jedes Bild in meinen Verstand eingeprägt, wie nur die Realität es zu tun vermag. Selbst an den Text des Liedes erinnere ich mich, doch wage ich nicht, ihn hier aufzuschreiben. Wir sangen abscheuliche, gotteslästerliche Worte in einer Sprache, die mir seither immer wieder unwillkürlich die Zunge verdreht. Nicht umsonst schrieb Bruder Petronius über die Hexen Krähenbergs: Dicunt bonum malum et malum bonum.

Die Frau führte uns zum Krähenberger Friedhof. Wir durchschritten das schmiedeeiserne Tor und erkannten aus den Augenwinkeln den Totengräber, der zwischen den Vorhängen seines Häuschens hervorlugte und dabei ein Kruzifix zitternd vor sich hielt. Wir beachteten ihn nicht länger und steuerten sofort auf das Dickicht zu, während der Gesang sich als gewaltiges, im Echo widerhallendes Klangnetz über den Gräbern aufspannte. Plötzlich bildeten wir eine große Versammlung aus geisterhaften Gestalten, die furchtlos ins Dickicht stürzten.

Endlich sahen wir die Krypta. Heute bin ich mir sicher, dass sie niemals als Grabmal, sondern als Gefängnis gedacht war. Ein rostiges, schmiedeeisernes Tor versperrte den Eingang, während Heiligenbildnisse und von zitternden Händen eingeritzte Psalmen dem Bösen Einhalt gebieten sollten. Steinerne Dämonen starrten wütend auf uns herab, doch sie waren kalt und tot, ungeboren, ohne jede Macht. Singend stiegen wir hinter der Frau die Treppe hinab und fanden uns schließlich in einem kreisrunden, unterirdischen Raum wieder. Er war leer, bis auf einen Sarg in der Mitte. Die Frau ließ sich darauf nieder, klatschte in die Hände und mit einem Mal entstiegen Geister den steinernen Wänden.  

Bis zum Zeitpunkt dieser Niederschrift klammere ich mich mit größter Verzweiflung an die Illusion, Opfer einer kollektiven Halluzination geworden zu sein. Doch in meinem Innersten weiß ich es besser. Einmal nur will ich diese Geschichte vollständig erzählen, um danach nie wieder daran denken zu müssen.

Die Geister waren schrecklich missgestaltet. Manche humpelten, aus manchen wuchsen grotesk verdrehte Glieder, andere wiederum krochen als formlose Masse über den steinernen Boden. Ich wollte fliehen, wollte diesem grässlichen Anblick entkommen, aber stattdessen hob ich auffordernd die Arme. Ein schrecklich entstelltes Mädchen taumelte auf mich zu, ich schloss es in die Arme und wir tanzten, ich singend, sie kehlig röchelnd, während abscheuliche Töne aus dem Sarg drangen. Ich weiß noch immer nicht, welche Instrumente solches Grauen heraufbeschwören können, doch in jenem Moment trieben die Klänge mich in einen seltsamen Zustand abstruser Glückseligkeit. Meine Gedanken erloschen wie Kerzen im Wind und ich lächelte, lächelte mit dem Wahnsinn um mich herum. Vor meinem inneren Auge zogen weitläufige, unvorstellbare Landschaften in mir völlig unbekannten Farben vorbei, während sich die trägen, flötenspielenden Körper alter Götter in schattenhafter Ekstase zwischen den Sternen wanden.

Ich hätte bis zum Hungertod weitergetanzt, wenn mich nicht ein weiteres Klatschen der elfenhaften Frau aus meiner Trance gerissen hätte. Ich blinzelte verwirrt und sah den Geist vor mir zum ersten Mal mit klaren Augen. Dabei erschrak ich beinahe zu Tode, nicht wegen der grausam verrenkten Glieder oder der verunstalteten Haut, sondern weil ich die in entsetzlichen Qualen verzerrten Gesichtszüge wiedererkannte.

Ein drittes Klatschen ertönte und die Geister verschwanden. Sie glitten in den Stein zurück, so als ob es sie niemals gegeben hätte. Als wir uns zum Sarg umwandten, erblickten wir statt der elfenhaften Frau eine einsame Urne auf dem Sarg.

Nach dieser Nacht besuchte ich täglich das Grab meiner Kindheitsfreundin. Der Totengräber hält den Kopf stets gesenkt, wenn ich durch das Tor trete und verweigert auch sonst sämtliche Kommunikation mit mir. Ich kann es ihm nicht verübeln.

Erst heute habe ich eine Rose auf das Grab gelegt. Ich kann nicht aufhören, ihren Tod zu beweinen. Wenn sie damals, vor meinem Umzug nach Berlin, nicht ein derart grausames Ende gefunden hätte, hätten wir dann vielleicht tatsächlich einmal miteinander getanzt?

Rezension: Wärst du nur hier – Susanna Schober

Wärst du nur hier – der neue Roman von Susanna Schober ist nun ab sofort erhältlich! Wie man das Buch einschätzen darf und ob sich das Lesen lohnt, klären wir hier!

 

Wir befinden uns in Frankfurt bei unseren beiden Protagonisten Noah und Ilvy. Obwohl sie sich nicht kennen, sind sie beide bei derselben Psychologin in Betreuung, um ihre ganz eigenen Probleme aufzuarbeiten. Der Zufall führt sie schließlich zusammen – und lässt eine Liebesgeschichte der ganz besonderen Art beginnen …

 

Die Charaktere – ein Überblick

 

Ilvy: Unsere Protagonistin hatte es im Leben nicht gerade einfach. Wir erfahren bereits bald im Buch, woran das liegt. Die Erlebnisse zeichneten sie sogar soweit, dass sie zu Beginn der Geschichte kaum in der Lage ist, ihr neues Büro zu betreten. Sie misstraut anderen Menschen und weicht instinktiv vor großen Ansammlungen zurück. Außerdem ist sie fest von ihrer angeblichen Hässlichkeit überzeugt und hegt keine großen Hoffnungen für eine romantische Zukunft.

Noah: Zunächst dachte ich, dass wir mit Noah einen klassischen Manic Pixie Dream Boy ins Gesicht komplimentiert bekommen, aber dem ist nicht so: Genau wie Ilvy befindet auch er sich in psychologischer Betreuung. Der Tod seiner Mutter hat ihn tief gezeichnet und seine schwierige Beziehung zu seinem Vater hält ihn auch von seinem Berufswunsch ab. Zwar sieht er der Beschreibung gemäß umwerfend aus, aber in der Liebe klappt es bei ihm auch nicht wirklich. Sein innerer Konflikt lässt also noch genügend Wachstum übrig, um eine famose Heldenreise zu starten.

Eric: Noahs Vater fungiert in diesem Roman als Hauptantagonist. Er hält nichts vom Berufswunsch seines Sohnes, will ihn unbedingt in seiner Firma anstellen und einen „normalen“ Menschen aus ihm machen.

 

Der Plot

 

Grundsätzlich teilt sich das Hauptgeschehen in zwei separate Handlungsstränge auf, die durch Noah verbunden sind – zum einen der Konflikt mit Eric, zum anderen die komplizierte Beziehung zu Ilvy. Noah fungiert in beiden Fällen als Hauptcharakter, als „knight in shining armor“ (wenn auch mit Abstrichen). Was die Lysis (Happy End) des Buchs zunächst verhindert, sind Ilvys innerer Konflikt und Erics Handlungsweise als Antagonist, jedoch auch Noahs Unvermögen, seinem Vater eine Chance zu geben.

 

Kritik

 

Die Geschichte bietet an sich sehr viel Potenzial und dazu auch Tiefgang. Es werden soziale Abgründe angesprochen – vor allen Dingen aber das Versagen einer Gesellschaft. Im Gegensatz zu vielen anderen modernen Büchern vollzieht sich Ilvys Leidensgeschichte nicht während der Handlung, sondern der Leser bekommt nur die Folgen zu Gesicht – bis Ilvy endlich von selbst über ihre Erlebnisse spricht. In dieser Hinsicht hätte dem Buch etwas mehr Subtilität gutgetan. Anstatt Ilvys Vergangenheit bereits im ersten Kapitel grob zu umreißen, wären sanfte Andeutungen besser gewesen – nicht zuletzt, um den Mysteryfaktor zu erhöhen. Als Ilvy Noah endlich alles erzählt, wollte die Autorin dem Leser wohl wie mit einem Vorschlaghammer die Wahrheit ins Gesicht drücken. In Wirklichkeit aber ist man kaum noch überrascht, denn der Plot Twist wird bereits in einer Art radikalen Prokatalepsis vorweggenommen. Wäre Ilvy zunächst nur schüchtern, könnte sich das Buch bis zu diesem Punkt als „normale“ Liebesgeschichte tarnen und dann den Schleier ruckartig fallen lassen – was leider nicht geschieht.

Dazu kommt, dass einige wenige Charaktere keinen augenscheinlichen Sinn in der Geschichte haben – es gibt keine Lysis, keine Auflösung, die ihre Anwesenheit rechtfertigen könnte (wie zum Beispiel Johanna, Ilvys beste Freundin mit ganzen zwei Auftritten im Roman). An sich ist das noch kein Kritikpunkt. Zum Tragen kommt er erst durch die Okkupation wichtiger Seiten, die man in den Ausbau relevanterer Charaktere hätte investieren können – wie zum Beispiel der Antagonisten Eric und Leo. Erics und Noahs Verhältnis wirkt stellenweise ein bisschen aufgesetzt. Der Herr Papa legt zudem äußerst einseitiges Verhalten an den Tag. Er bleibt immer der düstere, strenge Vater – die Verkörperung mangelnder sozialer Akzeptanz innerhalb Noahs Familie. Mich hätte mehr interessiert – wie ist Eric, der Ehemann? Was liebt seine Frau Fiona an ihm? Wie behandelt er die übrigen Kinder? Wie behandelt er seine Mitarbeiter? Was macht er in seiner Freizeit? Zusammenfassend: Wie denkt, handelt und fühlt der „Mensch“ Eric, nicht der Plot Device und Antagonist?

Leo steht dabei auf einem anderen Blatt Papier. Er taucht sehr spät im Buch auf und sollte damit wohl ein retardierendes Moment auslösen und Ilvy in ihrem Fortschritt zurückwerfen. Stattdessen verpufft er wie eine abstürzende Eintagsfliege am Handlungsrahmen. Sein Auftauchen wird (ähnlich wie bei Alissa, Noahs One Night Stand) hastig beendet und danach in wenigen Sätzen abgehandelt, bevor die Geschichte wieder wie gewohnt weitergeht. Grundsätzlich hätte sein Charakter großes Potenzial, das er aber leider nicht entfalten kann (beispielweise hätte er ebenfalls in psychologischer Betreuung und schon seit Beginn des Buchs ein Freund Noahs sein können – was einen äußerst schmerzhaften Plot Twist zur Folge gehabt hätte).      

 

Lesen – oder nicht lesen?

 

Trotz dieser Punkte ist der Roman auf jeden Fall lesenswert. Susanna Schober beschreibt hier keine simple Liebesgeschichte, wie man sie in Groschenromanen findet – sondern einen anstrengenden, passionsvollen Heilungsprozess. Ilvys Vergangenheit ist schrecklich, unbegreiflich, wie ein hässlicher Hinterhof menschlicher Zivilisation. Dennoch ist nicht nur sie es, die Heilung bedarf, sondern auch Noah. Beide Charaktere brauchen diese Beziehung, brauchen einander, um wieder ganz zu werden.

Abschließend lässt sich also über Wärst du nur hier sagen: Eine schmerzhaft-schöne Heldenreise mit kleinen Formfehlern, die das Buch selbst jedoch nicht ad absurdum führen.

 

 

 

 

 

NaNoWriMo Tag 1 bis 11 – Eine kleine Zusammenfassung

Leider musste ich feststellen, dass meine Aktualisierung des 3. Tages des NaNoWriMo’s 2020 nicht geladen werden konnte. Also mache ich nun eine kleine Zusammenfassung der letzten elf Tage.

Während die ersten drei Tage noch recht gut verliefen, fing es ab dem 4. oder 5. Tag an zu stocken, während der 6. Tag des NaNo’s mit 0 Wörtern zu Buche schlug.

An Tag neun konnte ich dann die 10.000 Wörter Marke knacken und konnte mich für das erste Drittel dieses Monats doch recht entspannt zurücklehnen. Jedoch noch nicht so sehr, da ich ja noch gut und gerne zwanzig Tage vor mir hatte um an meinem außerplanmäßigen Projekt weiterzukommen.

Nun nach elf Tagen konnte ich die 12.000 Wörter Marke überschreiten. Obwohl ich weit über 5000 Wörter hinter meinem Soll liege, bin ich doch ein wenig stolz darüber überhaupt soweit gekommen zu sein. Denn neben meiner unterschiedlich langen Schichten ist es teilweise doch recht schwierig die Worte zu erlangen, die es gilt zu schreiben.

Wichtig ist weiter zu kommen und stetig am Ball zu bleiben.

Die Bestellung des Generals (1/2)

„Was soll das heißen, keine Bestellung hinterlegt?“

Jeff zuckte zusammen und hob beschwichtigend die Arme. Sie standen kurz vor einer Katastrophe.

„Liebes, bitte beruhige dich!“

Ex-Generalin Shalyra Raschach-Albedo wandte sich von der kaugummikauenden Verkäuferin mit den fellbewachsenen Wangen ab und funkelte ihn mit ihrem verbleibenden Auge an. Die gefletschten Zähne und ihre wilde Mähne verliehen ihr das Aussehen eines harenarischen Sandwolfes.

Jeff schluckte und tat so, als wollte er die Angebote an der Wand bestaunen. Bunte Holodarstellungen der verkäuflichen Wesen säumten die Mauern der Tierhandlung. Beim Anblick des Angebots war Jeff froh, die Exemplare nicht wirklich vor sich zu haben.

Diese Tierhandlung war ihm zutiefst unheimlich. Selbst nach jahrhundertelanger Nachforschung war es dem Imperium nie gelungen, in die Tiefen der Taschendimension vorzudringen. Selbst die hochrangigsten Aristokraten bekamen nur diese Theke und die kaugummikauende Verkäuferin zu Gesicht, deren Herkunft ebenso wie die Beschaffenheit der Dimension vollkommen im Dunkeln lag. Jeff lief ein Schauer über den Rücken und vermied den Blickkontakt mit ihr. Auf den ersten Blick erschien sie ihm desinteressiert und unerfahren, doch auf den zweiten spürte er die unverhohlene Wachsamkeit, die in ihren Augen glomm.

Wie alt sie wohl ist? Selbst der erste Imperator hat schon von ihr berichtet …

Shalyra schien die Aura der Verkäuferin ebenso zu spüren, denn sie straffte sich und schluckte ihren Ärger mit sichtlicher Anstrengung hinunter. Dabei strich ihre behandschuhte Faust reflexartig über die Augenklappe. Die Geste betrübte Jeff ein wenig.

Die Heldin Shalyra Raschach-Albedo kann sich nicht einmal ein bionisches Auge leisten, schoss es ihm durch den Kopf, während er seine eigenen mechanischen Augen aktivierte und ihre Umgebung erneut scannte. Er konnte keine Gefahren erkennen und die Verkäuferin schien auch unbewaffnet zu sein. Jeff beruhigte sich und trat mit hämmerndem Herzen vor. Er wollte diesen unheimlichen Ort so schnell wie möglich verlassen.

Shalyra schien ebenfalls dieser Auffassung zu sein. „Der General hat uns angeheuert, um seine Bestellung abzuholen! Ist das hier nun eine Tierhandlung oder nicht?“

„Wenn Sie mir den Namen des Generals verraten, kann ich ihnen vielleicht weiterhelfen“, erwiderte die Verkäuferin quälend langsam. Ihre Stimme erinnerte Jeff an seine Zeit in der Assassinenakademie auf Mortis Sextus. Die Dozentin im Fach Tödliche Gifte hatte genauso geklungen.

„Das ist ja genau das Problem!“, stöhnte Shalyra. „Wir kommen im Auftrag des Maskierten! Des Maskierten, verstehen Sie? Niemand kennt seinen Namen!“

Wie in Zeitlupe wanderte eine Augenbraue der Verkäuferin nach oben und sie hielt einen Augenblick lang im Kauvorgang inne.

„Das Imperium unterhält Generäle, obwohl es ihre Identität nicht kennt?“ Nun klang sie sogar beinahe interessiert.

„Herrgott, ja!“, fluchte Shalyra und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. „Sie müssen ihn doch kennen!“

Die Verkäuferin zog einen Augenblick lang die Stirn kraus und schien angestrengt nachzudenken. Im nächsten Moment erklang das Schmatzgeräusch erneut und sie zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Shalyras Militärrüstung leuchtete rot auf und ihre Hand zuckte zu ihrer Magma F-7. Da Jeff schon oft gesehen hatte, was diese modifizierte Streitaxt anrichten konnte, trat er beschwichtigend zwischen Shalyra und den Tresen. Seit ihrer Entlassung aus dem Militärdienst war sie stets leicht reizbar.

„Shaly, Liebes“, sagte er sanft. „Wir haben doch die Rechnungsnummer, nicht? Das sollte gehen!“

Shalyra sah ihn verdutzt an. Endlich hellte sich ihre Miene auf und sie baute sich triumphierend vor der Verkäuferin auf, deren Augenbraue erneut nach oben schwebte.

Dem Imperator sei Dank, dass sie ein fotografisches Gedächtnis hat.

Während Shalyra die sechzehnstellige Zahl aufsagte, atmete Jeff tief durch und beglückwünschte sich selbst zur Abwendung der Apokalypse. Zum wiederholten Male fragte er sich, warum er sich ausgerechnet eine krude Kriegerin wie die Generalin zur Kampfpartnerin genommen hatte. Eine ruhige Klassenkameradin von Mortis Sextus, die sich im Hintergrund hielt und stets wohlüberlegt handelte, passte besser zu ihm.

Wenn es denn so eine Klassenkameradin gegeben hätte, flüsterte eine hämische Stimme.

Jeff seufzte. Wem machte er etwas vor? Alle Schüler auf Mortis Sextus waren entweder traumatisierte Waisenkinder oder abgrundtief böse Sadisten.

Ich hätte nie Assassine werden sollen. In einem Bürojob auf einem Sternenkreuzer würde ich wenigstens normale Menschen kennenlernen.

Ein grässliches Quietschen riss ihn aus seinen Überlegungen. Die Verkäuferin öffnete in ihrer gewohnten Geschwindigkeit ein Fach unter dem Tresen und beförderte einen viel zu großen Käfig zu Tage, der mit einem Tuch verhängt war. Jeff starrte das Fach an. Er war sich vollkommen sicher, dass ein solches Objekt dort nicht hineinpassen würde.

Das hat man davon, wenn man in fremde Taschendimensionen einbricht, um illegale Aufträge zu erledigen …

Als die Verkäuferin diesmal sprach, klang ihre Stimme fest und nahezu scharf. Ihre Augen funkelten wie die Warnblinkanlage eines Passagierschiffs vor dem Absturz und ihr Schmatzen war vollständig verstummt.

„Dieses Wesen wird der Gefahrenstufe sieben zugeordnet. Hochtoxisch, intelligent, dazu telepathisch begabt und unsterblich. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir für Schäden in der Haltung nicht haften.“

Jeff verdrehte die Augen. Wen sollte der General schon verklagen, wenn der Betreiber der Tierhandlung dem Imperium unbekannt war?

„Ich werde das Tuch nun entfernen“, kündigte die Verkäuferin an und riss die Abdeckung mit einem Ruck herunter.

Jeff war noch nie sonderlich sportlich gewesen, doch in diesem Moment sprang er beinahe bis an die Zimmerdecke. Instinktiv schnellten seine Finger zu dem kleinen Toaster an seinem Gürtel. Entsetzen lähmte seine Glieder.

Was zur Hölle läuft beim General falsch, dass er sich so etwas ins Haus stellen will?

In dem vorsintflutlichen Käfig hockte ein Mischwesen, dessen Unterleib dem einer haarigen Riesenspinne glich. Acht fadenverklebte Beine trippelten aufgeregt umher, während aus winzigen Körperöffnungen stetig Gift tropfte. Wie betäubt nahm Jeff einen kleinen Abfluss wahr, in dem die Flüssigkeit träge verschwand.

Er hob den Blick in Erwartung eines monsterhaften Gesichts und erkannte einen Eulenkopf, der nahtlos in den arachnoiden Körper überging. Zwei kluge Augen taxierten ihn. Auf dem Schnabel saß eine altmodische Brille.

„Ich grüße Sie, meine Käufer“, sagte der Eulenkopf. Die Spinnenbeine hielten in ihrer steten Bewegung inne. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.“

Jeff kämpfte das Verlangen aufzuschreien krampfhaft nieder. Er hatte zwar bereits von genmanipulierten sprechenden Tieren in imperialen Geheimlabors gehört, von Chimären war jedoch nie die Rede gewesen.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Wesen sogar Eulenflügel besaß.

„Dies ist Doktor Arachno Medicus“, stellte die Verkäuferin vor. „Er hat vor zweiundfünfzig Jahren an einer außerdimensionalen Universität molekulare Biochemie und Trizellulargenetik studiert. Wollen Sie einen Behälter oder wohnen Sie in der Nähe?“

Die folgende Stille wurde nur vom erneuten Trippeln der Spinnenbeine durchbrochen. Jeff wechselte unwillkürlich einen verwirrten Blick mit Shalyra, die ihn mit offenem Mund anstarrte. Die Ereignisse überstiegen ihren Horizont.

„Arachmed für meine Freunde“, fügte der Eulenkopf der Erklärung der Verkäuferin hinzu.

Jeff war noch immer stockstarr, als Shalyra sich räusperte.

„Einen Behälter, bitte.“

Kauend verstaute die Verkäuferin den Doktor in einer großen Plastikbox mit durchsichtigen Scheiben und reichte ihnen den Henkel. In derselben Bewegung legte sie vor sich ein Blatt Papier auf den Tresen.

„Wir brauchen noch Ihre Unterschrift, dass Sie die Bestellung entgegengenommen haben. Rufen Sie bei Problemen einfach an oder hinterlassen Sie eine Nachricht. Umtausch ist ausgeschlossen.“

Shalyra erteilte Jeff mit dem Kinn den Befehl und er nickte. Hastig setzte er seine Unterschrift unter einen langen Text, der so klein gedruckt war, dass er nicht einen einzigen Buchstaben entziffern konnte. Er verwendete sein Pseudonym, falls die Behörden hinter ihre ungenehmigte Operation kamen. Dann folgte er seiner Partnerin aus der Tierhandlung.

 

„Ihr Gefährt hat durchaus Stil“, bemerkte der schaurige Doktor, als sie die Box auf der Rakshasa verluden.

Jeff senkte beschämt den Blick, während Shalyras Auge tödliche Strahlen auszusenden schien. Sie waren nur zwei einfache Söldner in einer gewaltigen Galaxis. Das einzige vorgesehene Teil an ihrem Raumschiff bildete der Überlichtantrieb.

Die Rakshasa hatten sie vor zwei Monaten auf Harenaria gekauft. Ihr bärtiger Besitzer war Hobbymechaniker und baute sie einst aus den Überresten eines uralten Speeders und eines Abfangjägers zusammen. Daher wirkte das Schiff wie eine Seeschlange mit abgehacktem Schwanz, deren Kopf auf die doppelte Größe angeschwollen war.

Außerdem stinkt es drin nach Sandwölfen, die Sitzbezüge sind verschlissen, das Cockpit wirkt wie aus einem Vorkriegs-Holofilm und im Laderaum könnte man nicht einmal eine Packung Haschaschiri verstecken.

Jeff hätte die Liste der unliebsamen Merkmale noch lange fortsetzen können, wenn Shalyra ihm nicht mit einem ihrer Todesblicke bedeutet hätte, sich anzuschnallen. Die Ex-Generalin saß vor dem Steuer, Jeff nahm den Kopilotensitz und hoffte, keines der blinkenden Lämpchen auf dem Armaturenbrett beachten zu müssen. Ihr Schiff war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln.

Mit der Box zwischen ihnen startete Shalyra das Schiff. Die Triebwerke ächzten und husteten, als hätte Jeff sie mit seinem Lieblingsmesser vergiftet und wie immer musste Shalyra ein zweites Mal den Startknopf bedienen, bis die Rakshasa endlich abhob. Jeff wandte sich kurz um und sah aus dem hinteren Fenster. Langsam verschwand das Portal zur Tierhandlung aus ihrem Blickfeld.

Ich frage mich, wieso der General dieses unbewachte Portal kennt. Alle Zugänge unterliegen doch strengster Geheimhaltung … Die Frage erlosch, so schnell sie gekommen war. Er hatte bereits früh gelernt, dass man das Fragenstellen in seinem Gewerbe besser Menschen mit Todessehnsucht überließ.

„Ein Wüstenplanet!“, kommentierte der Doktor. Seine Stimme drang klar und deutlich durch die Luftlöcher. Jeff fragte sich unwillkürlich, wie er aus seiner Position durch die Fenster blicken konnte. „Wie faszinierend! Ist dies das berühmte Harenaria?“

„Ja.“ Shalyra war offenkundig nicht in der Stimmung für ein Gespräch.

„Sie sind Generalin Shalyra Raschach-Albedo, richtig?“

Jeff starrte den Doktor erstaunt an. Shalyras Miene verhärtete sich, doch sie hielt sich unter Kontrolle.

„Ehemals.“

„Ich habe schon von Ihnen gehört. Waren Sie nicht eine Kriegsheldin, die die Rebellen von Harenaria besiegte?“

„Ja.“

„Dabei hielt man sie während Ihrer Gefangenschaft hier schon für tot …“

Das Schiff vollführte einen Schlenker, als Shalyra das Steuer verriss. Die Konstruktion knirschte, wie um zu protestieren. Furcht überkam Jeff und seine Hände krallten sich krampfhaft in die verschlissene Sitzlehne.

„Das ist etwas, worüber meine Partnerin nicht gerne spricht, Doktor“, sagte er mit gezwungener Höflichkeit, ohne das Zittern ganz aus seiner Stimme verbannen zu können.

„Aber trotzdem sind Sie hierher zurückgekehrt“, stellte Arachmed ungerührt fest. „Sie wollen wohl Rache üben?“

Kurz herrschte Stille im Cockpit. Einen Augenblick lang meinte Jeff, Shalyra würde nach ihrer Axt greifen und den Doktor zu Asche verbrennen, doch es verkrampften sich nur ihre Finger. Ihre Arme zitterten.

„Ich kann mich an die Zeit meiner Gefangenschaft nicht mehr erinnern“, erwiderte sie knapp.

Jeff warf ihr einen überraschten Blick zu. Über dieses Kapitel ihres Lebens sprach Shalyra für gewöhnlich mit niemandem.

Mit niemandem außer mir.

„Ich verstehe“, murmelte Arachmed. „Sie wollen Nachforschungen anstellen.“

Unvermittelt ruckte sein Eulenkopf herum und musterte Jeff. Die Spinnenbeine trippelten erneut wild herum.

„Und wer sind Sie, mein junger Freund? Dieses merkwürdige Gerät an ihrer Hüfte kenne ich nicht.“

Natürlich erwähnte der Doktor zunächst den kleinen Toaster. Jeffs Gesichtszüge und Aussehen waren dermaßen durchschnittlich, dass sie im Gegensatz zu Shalyra keinerlei Gesprächsstoff boten.

Stolz klopfte er auf sacht auf das Gerät. Die polierte Oberfläche glitzerte im Licht des Wüstenmondes.

„Das ist eine uralte Vorrichtung, mit der Eingeborene im sternenlosen Zeitalter Brotscheiben erhitzten“, erklärte er. „Ein altes Familienerbstück.“

Eine Augenbraue der Eule wanderte nach oben. „Nur ein Erbstück?“

„Nur ein Erbstück.“ Er wollte lieber nicht näher auf die Funktionsweise des Geräts eingehen. Er hatte es schon vor langer Zeit umgebaut und zweckentfremdet. Auch wenn der Doktor scheinbar nur als Haustier dienen sollte, wollte er ihm nicht zu viel verraten.

„Bevor Sie weitere Fragen stellen“, sagte auf einmal Shalyra. „würde mich interessieren, wer Sie eigentlich sind. Wieso darf ein Haustier studieren?“

Als hätte sie ein verfluchtes Wort ausgesprochen, begannen die Spinnenbeine erneut wild zu trippeln. Sorgenvoll sah Jeff, dass Gifttropfen die durchsichtigen Wände des Behälters benetzten.

„Eine solche Bezeichnung weise ich entschieden von mir!“, entgegnete Arachmed bestimmt. „Ich bin ein intelligentes Wesen, ein Forscher und Mann größter Kultur! Wissen Sie, was ich in meinem langen Leben bereits erfunden habe? Trizellulare Genmanipulation für Bipedie, des weiteren Genduplikation und diverse Möglichkeiten zur Heilung von Erbkrankheiten sowie …“

Shalyra würgte ihn mit einer wüsten Geste ab. „Können Sie auch Wörter benutzen, die man versteht?“

„Können Sie Ihre Nase in ein Buch stecken, anstatt Sandwölfe zu jagen?“

O, verdammt. Er kennt den Geruch.

Sorgenvoll blickte Jeff seine Partnerin an. Shalyra starrte die Box an und steuerte das Schiff blind über die weitläufige Wüste. Dann breitete sich mit einem Mal ein Grinsen auf ihrem Gesicht auf und sie lachte. Jeffs Kinnlade fiel nach unten. Er hatte sie noch nie lachen gehört.

„Der Punkt geht an Sie, Doktor!“, erwiderte Shalyra und wandte sich wieder der mehrfach ausgebesserten Windschutzscheibe zu.

„Ein Sieg ist nur so viel wert wie seine Rezeption“, zitierte Arachmed.

Jeff zog seine Stirn kraus. „Ist das von De Libro?“

Arachmed gab ein Geräusch von sich, das sich am ehesten noch als das erstickte Lachen eines Ertrinkenden interpretieren ließ. „Ihr Begleiter ist scheinbar ein Mann von Kultur, Generalin.“

Shalyra verdrehte die Augen. „Erinnern Sie mich nicht daran.“

Dennoch lächelte sie dabei. Jeff atmete erleichtert aus. Die Anspannung war überstanden.

„Wie weit ist es noch bis zum Treffpunkt?“, fragte er.

Shalyra warf einen Blick auf die Holokarte, die zwischen den leuchtenden Knöpfen glomm. Die Projektion sollte eigentlich dreidimensional sein, doch der Projektor war seit langem defekt und zeigte nur den Boden ohne jegliche Erhebungen an.

„Nur noch ein paar Minuten“, erwiderte sie und deutete mit dem Kinn nach vorn. „Man kann ihn schon sehen.“

Jeff starrte mit zusammengekniffenen Augen angestrengt durch die Windschutzscheibe. Erst jetzt erkannte er am Horizont einige unnatürliche Erhebungen, die er zuvor für weitere Dünen gehalten hatte. Gewellte Dächer bogen sich über die Spitzen gewaltiger Turmbauten, die im Sandmeer verschüttet lagen.

„Die Ruinen von Alt-Harenaria“, kommentierte Arachmed mit ernster Stimme.

Jeff blinzelte überrascht. „Wie können Sie sie sehen?“

Erneut löste sich ein lachendes Geräusch aus dem Eulenschnabel. „Das kann ich nicht, mein junger Freund. Aber wofür bin ich Telepath? Ich habe die Bilder in euren Köpfen gesehen.“

„Sie können Gedanken lesen?“, fragte Jeff entgeistert.

Die Miene des Doktors verhärtete sich. „Das ist eine äußert vulgäre und unpassende Bezeichnung für die überragende Komplexität dieser Praktik. Ich bin lediglich dazu in der Lage, starke Eindrücke durch eure Augen wahrzunehmen, das ist alles.“

Shalyra schwieg. Jeff bemerkte, wie sich ein harter Zug um ihre Mundwinkel bildete. In diesen Ruinen hatten sich die Rebellen verschanzt und sie gefangen gehalten.

Was auch immer sie mit ihr angestellt haben, niemand lebt mehr, um davon zu berichten …

Sie verfielen in unangenehmes Schweigen, bis Shalyra die Rakshasa überraschend sanft auf dem Sand zum Stehen brachte. Die Triebwerke übergaben sich ein letztes Mal, dann verstummte das rauchige Ächzen und Stöhnen. Jeff fragte sich, ob sie Harenaria mit diesem Schiff je wieder würden verlassen können.

„Bringen wir es hinter uns“, seufzte Jeff und löste seinen Sicherheitsgurt. „Wenn wir uns jetzt beeilen, haben wir vielleicht noch ein paar Stunden für die Erkundung.“

„Ihr wollt in ein Sperrgebiet einbrechen?“, fragte Arachmed überrascht. „Das kann der General doch wohl nicht dulden, oder?“

„Das war unsere Übereinkunft“, sagte Shalyra leise. Ihre verkrampften Hände umklammerten nach wie vor das Steuer. „Wir übernehmen Eure Eskorte, Doktor, und dürfen dafür eigene Nachforschungen anstellen.“

„Eine Nacht lang“, fügte Jeff hinzu und betrachtete den Sternenhimmel. „Bis zum ersten Sonnenstrahl haben wir noch Zeit.“

„Und Sie lassen sich darauf ein, mein junger Freund?“, fragte Arachmed an Jeff gewandt. „Ich ging immer davon aus, dass ein Söldner lediglich nach Geld und Reichtum giert.“

Jeff lächelte säuerlich. „Sie sollten Ihre Disposition noch einmal überdenken, Doktor.“

Ohne ein weiteres Wort nahm Shalyra die Box und kletterte aus dem Cockpit. Die Ladeluke öffnete sich unter sichtlicher Anstrengung und Jeff seufzte erleichtert, als sie endlich unbeschädigt den Boden berührte. Vorsichtig traten sie in die Nacht hinaus.

Sie befanden sich inmitten einer endlosen Ödnis aus Sand, die nur von den drei Turmspitzen vor ihnen unterbrochen wurde. Die kunstvoll gewellten Dächer reflektierten das silbrige Mondlicht und ließen Jeff einen Augenblicklang innehalten.

Könnte sich unter dem Sand eine vergessene Stadt verbergen? Vielleicht eine ganze Zivilisation? Er wagte einen schnellen Seitenblick auf Shalyra, die die Bauwerke mit unergründlicher Miene musterte. Kehrten ihre Erinnerungen bereits zurück?

Kurz entschlossen scannte Jeff ihre Umgebung mit seinen bionischen Augen. Zu seiner Überraschung waren die Türme abgeschirmt. Selbst sein kybernetischer Blick konnte nicht durch die Außenlegierung dringen.

Nach all der Zeit … ?

„Da kommen sie“, sagte Arachmed mit einem Mal. Jeff wandte sich um und entdeckte einige geisterhafte Schemen, die sich wachsam auf sie zubewegten. Scheinbar waren sie aus dem mittleren Turm gekommen.

„Doktor?“, sagte einer der Soldaten. Seine Stimme klang merkwürdig verzerrt. Er trug vermutlich eine Atemmaske.

Eine Atemmaske? Dabei herrscht doch kein Sandsturm.

„Ich bin hier“, sagte Arachmed vergnügt. „Ihr könnt sie jetzt ihrem Schöpfer vorstellen.“

Jeff besaß genügend Geisteskraft, um den Satz als weiteres Zitat von De Libro zu identifizieren, als Shalyra ihn bereits zur Seite stieß. Die Schemen hoben ihre Schusswaffen und Jeff sah grell leuchtende Feuerbälle durch die Nacht blitzen. Einer von ihnen durchschnitt die Luft knapp über seinem Kopf und versengte seine Haare.

Was zur Hölle?

Die Aneignung des Lebens

Ich könnte nun die Geschichte einer mutigen jungen Frau erzählen. Die Geschichte einer Frau, die sich entgegen aller Erwartungen unbegreiflichen Schrecknissen entgegenstemmt und letztlich mit wehenden Haaren aus den Fängen ihrer Häscher entkommt und auf dem Rücken eines Pferdes in die Nacht reitet. Das wäre eine finstere, dunkle Geschichte, aber sie hätte immerhin ein gutes Ende und einen sympathischen Hauptcharakter, der an den ihm auferlegten Prüfungen wächst.

Ich bedaure zutiefst, dass das Leben ein schlechter Autor ist.

Ich weiß nicht, warum ich die Begebenheiten hier aufschreibe. Meine Kerze ist beinahe heruntergebrannt und ich darf nicht annehmen, dass jemals irgendjemand diese vergilbten Pergamentseiten finden wird. Ich befinde mich tief unter der Erde in einem Raum ohne Fenster. Ich sitze auf dem einzigen Stuhl vor einem altertümlichen Schreibpult. Die einzige Tür ist fest verschlossen und ich werde sie niemals öffnen. Dieser Raum wird meine letzte Ruhestätte.

Ich habe mir immer gewünscht, vor meinem Tod etwas hinterlassen zu können. Doch ich hätte niemals vermutet, dass die Geschichte der Frau M. die letzte sein würde, die aus meinen Fingern fließt. Dennoch, ihr Gesicht, ihre Miene und ihr Name gehen mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich will ihr meine letzten Stunden widmen.

Eigentlich wollte ich meinen Lebensabend in der Nähe des Schwarzen Buchs mit all seinen Versuchungen zubringen, doch es liegt unerreichbar weit entfernt in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit meines Lebens. Es ist auch nicht nötig, einen weiteren Blick hineinzuwerfen. Die süßen Lehren auf diesen Seiten werden bis auf alle Ewigkeit in meinen Gedanken widerhallen. Auch in diesem Moment höre ich das Flüstern der verbotenen Worte in meinem Gedächtnis. Ich will sie hier nicht aufschreiben, denn das Aussprechen dieser Silben könnte den Verstand eines leichtfertigen Abenteurers sprengen und ihn bis an sein Lebensende zu einem zitternden Nervenbündel verdammen.

Als ich M. zum ersten Mal sah, saß ich tagsüber in einem Restaurant in einem Einkaufszentrum. Damals genoss ich ein Leben, das zur einen Hälfte aus eintönigem Arbeitsalltag und zur anderen aus dem Reiz nächtlicher Geheimnisse bestand, die in regelmäßigen Abständen einen bestimmten Tribut forderten. In diesem Einkaufszentrum befand ich mich auf Pirsch, hinter einer Zeitung und einer dampfenden Tasse Kaffee verborgen, und behielt alle möglichen Kandidaten im Auge. Ich tat dies nicht zum ersten Mal und hätte es unter Gewissheit auch nicht zum letzten Mal getan, wenn das Schicksal mich nun nicht zu diesem einsamen Tod unter der Erde verdammen würde.

Die Kriterien einer geeigneten Person sind mannigfaltig und doch dermaßen simpel, das ein perfekter Tribut auf den ersten Blick erkannt werden kann. Als ich M. sah, wusste ich, dass meine Suche zu Ende war.

Wie sollte ich sie beschreiben? Wenn ich sie vorher als Frau bezeichnet habe, so war das gnädiger Selbstschutz. M. war ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, das vor Lebenslust geradezu übersprühte. Sie besuchte das Restaurant an diesem Tag mit einigen Schulfreunden und wirkte geradezu wie eine elektrisierende Laterne reinsten Lichts zwischen den übrigen Jugendlichen. Sie trug lockere, bunte Kleidung, die ihre physischen Vorzüge auf sehr unschickliche Art und Weise hervorhob, dazu ein kleines Täschchen, in dem sie wohl ihr Handy und ihre Geldbörse aufbewahrte. Auf ihrem Kopf saß ein weißer Sommerhut, der mit den rabenschwarzen Haaren kontrastierte. Doch am meisten bannten mich ihre Augen – diese saphirblauen, schimmernden Augen! Das Leben schien geradezu aus ihnen herauszufließen wie klares Wasser aus einer Gebirgsquelle.

Als Apostel des einzig Wahren haben wir stets das Leben gesucht, denn es zerfloss uns zwischen den Fingern. Jeden Monat erinnert mich mein schwacher Körper an meine eigene Unwürdigkeit. Der Gott des Schwarzen Buches tauscht Leben gegen Leben, aber er ist unersättlich und unerbittlich.

Ich beschattete M. eine Zeitlang und schlich mich sogar in der Verkleidung eines Installateurs in ihre Schule. Allein die bloße Nähe zu ihr ließ mein Herz höher schlagen. Kein Zweifel, sie war die Person unserer Träume. Als ich in einer Pause ihr Lachen hörte, wählte ich die Nummer des Abts.

»Gut«, sagte er nur. Er sprach wie üblich mit dunkler, rasselnder Stimme und erinnerte mich dabei, dass auch seine Kräfte mit jedem Atemzug schwanden.

Die folgenden drei Nächte verbrachte ich nie im Bett. Gemeinsam mit meinen Brüdern beschattete ich M. und kundschaftete ihr Zuhause – ein schöner, weiß gestrichener Bungalow mit großer Glasfassade – aus. Unsere Sehnsucht einte uns auf unseren Beobachtungsposten. Wir alle wurden von dem Verlangen nach ihrem Licht verzehrt.

Zwei Nächte später war der große Augenblick gekommen. Wir alle boten einen schrecklichen Anblick und verhüllten unsere Mienen mit den dunklen Kapuzen, um nicht unsere bleichen, ausgemergelten Gesichter mit den hervortretenden Augäpfeln voller Gier und Mordlust sehen zu müssen. Die schwarzen Kutten streiften über den Boden und alarmierten den Vater, der uns auf dem Gang überraschte. Nach einem kurzen Handgemenge und einem erstickten Schrei erklang nur noch das Tropfen des Bluts auf den Stufen.

Es gab auch noch eine Mutter und einen Bruder, doch beide interessierten uns wenig. Selbst Bruder Malach, der eine große Liebe für Knaben hegt, war völlig auf unsere Auserwählte fixiert.

M. erwachte erst, als wir sie in ihrem Bett schon gefesselt und geknebelt hatten. Den Ausdruck des übermächtigen Entsetzens in ihren saphirblauen Augen werde ich niemals vergessen. In dem Moment, als sie sich aufbäumte und gegen die Ketten wehrte, spürten wir alle unsere Kräfte zurückehren.

Unentdeckt verließen wir das Haus und brachten M. mit dem Lastwagen einer Metzgerei (einer von uns besaß einen Schlachthof und ein Geschäft) ins Verlies. Auf dem Altar entkleideten wir sie zunächst, bevor wir die Ketten befestigten.

M. war völlig starr vor Schreck und schien bereits jegliche Gegenwehr aufgegeben zu haben. Erst während des Rituals kehrte ihre Energie zurück.

Der Abt las mit seiner wie üblich sonoren Stimme aus dem Schwarzen Buch, während wir unsere Rollen ausfüllten. Ms Schreie umschmeichelten unsere Ohren wie Wasser die Kehle eines Verdurstenden und erzeugten mit dem Geräusch klirrender Ketten, gegen die sie sich stemmte, ein blasphemisches Orchester. Kurz vor dem Höhepunkt flehte sie mich um Gnade an, während ihre saphirblauen Augen sich beinahe in die Höhlen drehten und das freudvolle Licht der Iris brach. Ihre Worte erfreuten mich besonders und wärmten mein Herz. Zum Dank erwies ich ihr besonders viel Zärtlichkeit.

Unsere Kräfte wuchsen und wuchsen. Meine Haut straffte sich, meine Hände gewannen ihre alte Kraft und Gewandtheit und mein Atem ging leicht, ohne zu rasseln. Es geschah zu diesem Zeitpunkt, dass der Herr des Schwarzen Buchs unter uns wandelte.

Wir nahmen ihn nur als schattenhafte Figur wahr, deren Oberfläche sich kontinuierlich verwandelte. Wie lebendiger Rauch zeigten sich in seiner Körperform verschiedenste Umrisse. Ich glaubte, die Gesichter vergangener Tribute darin zu sehen, während Bruder Malach verzückt den Namen eines verstorbenen Knaben rief.

Bis zu diesem Zeitpunkt verlief alles auf gewohnte Art und Weise. Jedoch begannen nun aus völlig unerfindlichen Gründen Zweifel in mir zu sprießen. Sie kamen nicht in Form von Worten oder vernünftigen Gedanken, sondern in Form von Bildern, die ich längst vergessen glaubte. Da erkannte ich mit einem Mal, woran mich M. wirklich erinnerte und warum ich mich so zu ihr hingezogen fühlte. Entferntes Kinderlachen drang in jenem Moment an meine Ohren. Beinahe glaubte ich, eine kleine Hand zwischen meinen Fingern zu spüren.

Ich kann mich nur noch schemenhaft an das Folgende erinnern. Meine sanften Zweifel lösten eine Kakophonie des Grauens aus, als es an mir lag, Ms Blut dem Herrn darzubieten. Grässliches Geschrei ertönte und einen Augenblick lang hüllte mich ein dunkles Meer aus wutverzerrten Gesichtern ein. Schattenhafte Hände griffen nach mir und meinen Brüdern und im nächsten Augenblick hörte ich ein seltsames Geräusch aus der Kehle des Abts, so als ob eine gewaltige Menge Körperflüssigkeit unter Zwang durch eine viel zu enge Öffnung nach außen gedrückt werden würde. Die anderen Brüder erlitten ähnliche Schicksale.

Blind vor Panik eilte ich davon. Ich fand eine Tür und stieß sie hinter mir zu. Ehe ich mich versah, wurde sie von außen abgesperrt. Ich zog und zerrte an dem Schloss herum, doch es erklang nur schauriges Gelächter.

Ich bin hier eingesperrt und dazu verdammt, elend zu verdursten. Der Herr des Schwarzen Buchs mag mich beim Ritual verschont haben, doch das war kein Akt der Gnade. Er lauert im Verborgenen und sieht mir zu, sieht mir dabei zu, wie meine Schrift immer fahriger und mein Atem immer unregelmäßiger wird. Immer wenn der Kerzenschein flackert, vermeine ich in der Dunkelheit seine schattenhafte Gestalt zu erkennen, aber immer nur aus den Augenwinkeln, sodass ich nie Gewissheit haben kann.

Mir fehlt die Kraft, mich gegen das Schicksal aufzulehnen. Ich besaß nie die nötige Kraft dazu. Als das Schwarze Buch mir auf meine brennenden Fragen blasphemische Antworten bot, ließ ich mich nur allzu gern davon führen. Wie hätte ich sonst auch in dieser grausamen Welt überleben sollen? Nur das Schwarze Buch konnte mir die nötige Kraft verleihen.

Doch es ist noch nicht vorbei. Ich höre etwas auf der anderen Seite der Tür – ein Klirren von Ketten. M. ist vielleicht noch am Leben. Wenn sie mich befreit, könnte ich Vergebung erbitten …

 

Anmerkung von Damian von Liebgard

Meinen Quellen nach zu urteilen wurde dieses Schreiben vor einigen Jahren in einem alten Verlies unterhalb der Rabengruft-Villa in Krähenberg gefunden. Daneben lag die Leiche eines erwachsenen Mannes, mit stacheligen Ketten umschlungen. Außerdem fand man die blutigen Kleider eines jungen Mädchens – ein rosarotes T-Shirt und eine kurze Hose. Auffallend war zudem ein steinerner Altar mit geschwärzter Oberfläche.

Bei der männlichen Leiche handelt es sich um den Bürger Hans S. Die Überreste seiner Ordensbrüder konnten wir nicht finden. Hans S. war auch der einzige Bürger Krähenbergs, der an jenem Tag den Tod fand. Könnten die Ordensbrüder aus einer anderen Stadt stammen?

Die Archive verraten auch nichts von einem Einbruch, einem Mord oder einer Entführung in sämtlichen Städten der Umgebung zu diesem Zeitpunkt.

Wie weit sind die Ordensbrüder gefahren? Was hat sich in dieser Nacht tatsächlich ereignet?

Recherche und literarisches Schreiben

Oftmals stößt man auf die Ansicht, dass literarisches Schreiben nicht zwingend recherchiert sein muss. Ich fragte mich, ob ein Unterschied besteht zwischen der anfallenden Recherche für ein zum Verkauf bestimmtes Buch und einem Buch, das innerhalb des Hobbyschreibertums entsteht. So bietet es sich an, einen nicht allzu schlüssigen Text in unser Forum zu stellen (was ich in der Vergangenheit wohl mehrmals tat, in Ermangelung an Zeit (und vielleicht auch Lust) für Recherche) und zu sehen, ob die kleinen schwammig gehaltenen Stellen auffallen. Die Antwort ist schlicht und dennoch ergreifend: ja. Diese Texte, in denen ich etwas schrieb, über das ich mich im Grunde nicht einmal ansatzweise auskannte, wurden als eben solche enttarnt und mir blieb nichts anderes übrig als am Ende doch mit geradem Rücken der Ehrlichkeit Genüge zu tun.
Folglich kann ich nur sagen, dass aus meiner eigenen Erfahrung heraus das Schreiben über ein Thema, das ich nicht vollends verstehe, kein Schreiben ist. Es ist wie das Sprechen, ohne zu wissen, wovon ich spreche. Das Sprichwort: „Ich sage nur dann etwas, wenn ich etwas zu sagen habe“, bekommt in diesem Zusammenhang eine neue Dimension. Denn dasselbe sollte auch fürs Schreiben gelten.
Das Schreiben lässt uns an den uns selbst gestellten Herausforderungen wachsen. Ich möchte über etwas schreiben, das ich noch nicht all zu gut kenne? Kein Problem! Dann lerne ich eben etwas Neues kennen und schreibe anschließend darüber. Auch an dieser Stelle kommt abermals zum Vorschein, dass das Lesen und Schreiben in enger Beziehung zueinander stehen. Denn ohne Lesen, gäbe es auch kein Schreiben. Weder aus dem Grund nicht, weil dann keine Leserschaft für die geschriebenen Texte existieren könnte aber auch deswegen nicht, weil das Geschriebene ohne Fundament und Quelle irgendwo im Raum treiben würde und genauso sinnlos wäre, wie das, was jemand sagt, der im Grunde nichts zu sagen hat.

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich also, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben, sagen: „So schreibe folglich nur dann, wenn du etwas zu schreiben hast und zwar nicht nur einen Bleistift und Papier oder eine Tastatur und einen PC, sondern auch eine Idee und bodenständiges Wissen, das um diese Idee herum wirken und den Text schlüssig und folglich lesenswert machen kann.“

Eure Saigel

Der letzte Palast (2/2)

„Etwas stimmt hier nicht“, flüsterte Lameth.

Gwen und Yuki wechselten einen stummen Blick und warteten auf Lameths Erklärung. Ihr Freund räusperte sich und schnallte den Schild auf seinen Rücken.

„Hier gibt es keine Feinde“, murmelte er mit zusammengekniffenen Augen. „Hier ist nichts … kein Dämon, kein Ghul, nichts.“ Er schüttelte verzweifelt den Kopf und fixierte Yuki. „Du hast Geister erwähnt. Meinst du wirklich, dass es sie gibt?“

Yukis Augen blitzten. „Warum stellst du mir so eine überflüssige Frage?“ Ihre sanfte Stimme wirkte mit einem Mal nahezu beleidigt.

„Es tut mir leid.“ Lameth setzte sich in Bewegung. „Wir haben dir nie Glauben geschenkt. Aber vielleicht hast du mit deiner Vermutung Recht. Hier sind keine Gegner.“ Er deutete auf den Boden. „Hier gibt es nur dieses Lied.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Gwen mit einem Stirnrunzeln.

„Ich hatte eine Vision“, erwiderte Lameth langsam. „Ich weiß es einfach. Kommt, lasst uns gehen.“

Gwen wechselte einen weiteren Blick mit Yuki und seufzte. Das Lied erklang immer noch am Rande ihrer Wahrnehmung, doch sie verschloss sich seiner Wirkung und folgte Lameth eilig nach.

Sie hielten sich wieder an der Wand. Als sie an den Statuen vorbeikamen, erkannte Gwen, dass sie Überlebensgröße hatten. Die Menschen neben ihnen waren beinahe doppelt so groß wie sie selbst. Gwen erschauderte und kontrollierte sie ein weiteres Mal mit ihrer Magiesicht.

Es gibt keine Geister, sagte sie zu sich selbst. Dabei warf sie einen Seitenblick auf Yuki, die immer unsicherer wirkte. Ihre Augen huschten umher wie verängstigte Tiere.

Gwen schluckte. Sie fühlte ebenso die beunruhigende Aura dieses Ortes. Kurz warf sie einen Blick auf die Statuen. Aus der Nähe betrachtet wirkten ihre Züge erschreckend menschlich. In ihren Augen tanzte das rötliche Licht der Wände auf glitzernden Edelsteinen, sodass echte Tränen ihre Wangen zu benetzen schienen. Trotz ihrer offenkundigen Trauer wirkten sie schön, nahezu elfenhaft. Ihre Münder waren geöffnet. Sie erinnerten Gwen an Sänger in einem tragischen Stück voller Trauer und Leid.

Unwillkürlich beschleunigte Gwen ihre Schritte.

Der Raum der Statuen war größer als die Eingangshalle. Als sie endlich einen weiteren Bogen erreichten, schmerzten ihre Füße. Sie hatten nun schon ein Drittel des Palastes durchquert und noch immer erschienen keine Feinde.

„Das kann doch nicht wahr sein“, knurrte Lameth und warf Blicke in alle Richtungen. „Ich hatte massenhaft Feinde erwartet. Wie können die Dämonen die Quelle ihres Lebens nur unbewacht lassen?“

Yuki kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Ein dunkler Gedanke überkam Gwen und sie räusperte sich verlegen.

„Vielleicht braucht die Quelle keinen Schutz“, sagte sie leise.

Lameth schluckte. Sie konnte ihm seine Unsicherheit ansehen. Immer hatten ihre Missionen den Kampf gegen grausame Kreaturen beinhaltet und ihnen ein Maximum an Stärke und Magie abgerungen. Die Abwesenheit jeglicher Kampfkraft fühlte sich falsch an. Gwen selbst hatte damit gerechnet, von einer Horde Dämonen empfangen zu werden, anstatt durch verlassene Flure zu laufen.

Dennoch, sie durften sich keine Zweifel leisten. Das Schicksal Karfurths hing von ihnen ab. Nur sie konnten ihr Heimatreich Aramon vor dem Untergang durch die Dämonen bewahren. Sie mussten weitergehen, selbst dann, wenn die Hoffnung vollends erstarb.

Sie passierten einen weiteren Torbogen. Kurz umschlang sie wieder vollkommene Finternis, bis die steinernen Stufen sie in eine weitere Halle mit rotem Licht führten.

Gwens Augen weiteten sich, als sie die Architektur sah.

„Großer Gott“, flüsterte Lameth.

Vor ihnen war kein Innenraum, sondern eine unterirdische Stadt unendlichen Ausmaßes, über die sich gewaltige Brücken spannten. Gwen erspähte die nächste Tür am anderen Ende eines Übergangs, der über einige Nebenstränge mit ihrer Position verbunden war. Auch hier entdeckte ihre Magiesicht nichts.

Das Lied erklang hier lauter und wirkte trotzdem noch nicht vollständig. Sie erhob sich wie sanfter Nebel aus dem Untergrund und kroch unter den zerstörten Häusern empor.

„Was ist das hier?“, kam es Gwen erschrocken über die Lippen. „Das hier sieht aus wie eine Menschensiedlung! Seht doch, eine Kathedrale!“

Ihr zitternder Zeigefinger deutete ausgestreckt auf ein gewaltiges Bauwerk, dessen spitze Zwillingstürme sich gegen das rote Licht mehrerer Deckengargoyles abzeichneten. Weit dahinter erkannte Gwen die Silhouetten vieler anderer Gotteshäuser. Die Stadt breitete sich bis an den Rand ihres Sichtfelds aus.

Wie groß ist diese Höhe, fragte sich Gwen perplex. Das ist kein Palast – das sind die Ruinen einer ganzen Zivilisation!

„Was ist hier nur geschehen?“ Lameth wirkte ebenso verunsichert wie sie. Seine goldenen Augen starrten die große Kathedrale an. „Ich … ich glaube … ich habe das alles hier schon einmal gesehen …“

Gwen schüttelte den Kopf. „Das ist doch nicht möglich … der Eingang war versiegelt, das hast du doch gesehen! Seit Jahrtausenden hat niemand mehr den Palast des Dämonenkönigs betreten!“

Lameth hörte ihr nicht zu, sondern beugte sich weit über das Geländer. Er wisperte unverständliche Worte, die Gwen nicht verstand. Dennoch wirkten sie vage vertraut. Sie erinnerten sie an ihre eigenen Zaubersprüche.

„Deus … Sabaoth … Elohim“

Als hätte er tatsächlich Magie gewirkt, erhob sich ein Luftzug und riss an ihren Kleidern. Gwen hielt instinktiv ihren Spitzhut fest. Wieder erklangen Stimmen. Diesmal konnte Gwen ihre Worte sogar verstehen. Sie wiederholten Lameths Worte wie ein Gebet, wie eine uralte Litanei, während unsägliche Trauer darin mitschwang. Ein ganzes Heer aus Geistern schien ein bestimmtes Ereignis zu beklagen.

Ehe Gwen reagieren konnte, fühlte sie Yukis Hand an der ihren. Im nächsten Augenblick drückte sich ihre Freundin eng an sie. Sie schien zu zittern und das schwarze Haar fiel ihr unordentlich ins Gesicht. Der Wind heulte auf und riss an ihrem bunten Mantel. Die Zeichen auf ihren Metallkappen glühten blutrot.

„Oni …“, kam es leise aus ihrem Mund. „Oni …“

Gwen strich sanft über ihren Arm und segnete sie mit einem Zauber. Dann trat sie vor und berührte Lameth an der Schulter. Seine goldenen Augen fixierten noch immer die ferne Kathedrale.

„Leth“, flüsterte sie so sanft wie möglich. Sie konnte die Furcht nicht vollständig aus ihrer Stimme verbannen. „Leth, komm. Wir müssen weiter. Wir stehen kurz vor dem Ziel.“

Lameth blinzelte. Langsam trat Erkennen in seine Augen und er schüttelte sich wie ein nasser Hund. Plötzlich zog er wutentbrannt sein Schwert und hob es hoch über seinen Kopf empor.

„Ormozd Alvanelev!“, brüllte er. Ein warmer Lichtblitz umhüllte sie. Einen Augenblick später waren die klagenden Stimmen im Wind verstummt. Nur noch die ferne Melodie drang an ihre Ohren.

Lameth atmete schwer und schlug die Hände vors Gesicht. Nur der goldene Schein seiner Augen schlich sich an seinen zitternden Fingern vorbei.

Aus einem unerfindlichen Grund schockierte Gwen dieses Bild mehr als alle anderen Vorkommnisse. Lameth war ein Held. Er hatte Dämonen getötet, hatte Yuki in einem verfluchten Wald und sie selbst aus ihrem brennenden Dorf gerettet. Er war die Hoffnung und der erwählte Krieger der Menschheit – der Schüler des alten Meisters Gravis, dessen Schicksal sich nun endlich erfüllen würde.

Dennoch stand er mit einem Mal schluchzend vor ihr.

Gwen wich instinktiv zurück. Sie hatte Lameth noch nie weinen gesehen. Seine Gefühle traten stets hinter seiner heldenhaften und freundlichen Ausstrahlung zurück. Ein goldener Schleier aus Mut und Kraft schien den wahren Lameth stets zu umhüllen. Sein jetziger Zustand zerstörte Gwens Bild des unbesiegbaren Streiters vollkommen.

Sie sah sich nach Yuki um, doch ihre Freundin sah auch nicht besser aus. Sie warf unsichere Blicke in alle Richtungen und wisperte immer wieder das gleiche Wort. Gwen erkannte den Begriff für Dämon in der Sprache von Yukis Volk.

Mit einem Mal verspürte Gwen selbst den Drang zu weinen. Sie waren allesamt noch so jung. Trotz all ihrer Abenteuer besaßen sie kaum Lebenserfahrung. Gwen hatte noch nie einen Beruf ausgeübt, hatte noch nie eine eigene Familie gehabt oder den Bund der Liebe geschlossen. In diesem Augenblick traf sie die Bedeutung der Situation mit voller Wucht. Gravis verließ sich auf sie – auf drei Kinder, die sich zufälligerweise im Kampf gegen unheilige Geschöpfe bewährt hatten.

Was ist in meinem Leben nur schiefgelaufen? Ich sollte nicht kämpfen können. Ich sollte zuhause sein, in meinem Dorf … ich sollte ein glückliches Leben führen und nicht das Schicksal der gesamten Welt auf meinen Schultern tragen müssen.

Eine einzelne Träne benetzte ihre eigene Wange. Kurz bevor die fremdartige Melodie sie in Besitz nahm, erhob sich Lameth, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und hob sein Schwert.

„Genug davon!“, rief er so laut, dass seine Worte wie Donnerhall durch den unterirdischen Komplex fuhren. Seine Augen funkelten ungehalten.

„Ich kann mich wieder erinnern“, flüsterte er. „Hier bin ich geboren. Hier, in dieser Stadt.“ Seine goldenen Augen blitzten und fixierten die Kathedrale. „Ich weiß nicht, wie das alles zusammenhängt, aber das Schicksal wollte, dass ich zurückkehre. Ich verstehe den Sinn nicht, aber …“ Er schluckte. „Lasst uns weitergehen“, murmelte er mit gesenktem Kopf. „Wir müssen es zu Ende bringen. Karfurth wird fallen.“

Lameth atmete tief durch und setzte sich in Bewegung. Doch Gwen hielt ihn einen Augenblick fest.

„Ich weiß, das ist kein guter Zeitpunkt …“, begann sie zögerlich. Sie unterdrückte ein Schluchzen, das sich zuvor in ihrer Kehle gebildet hatte. „Bist du sicher, dass alle Dämonen sterben, wenn wir das Herz des Königs zerstören? So wie die alten Legenden es berichten?“

Lameth nickte. „Ich bin sicher. Sie werden alle sterben. Sie müssen einfach.“

Schweigend folgten sie dem Verlauf der Brücke und erreichten einen weiteren Torbogen. Erst jetzt erkannte Gwen, dass er Teil eines seltsamen Gebäudes war, das auf den ersten Blick wie ein verunstalteter Felsbrocken wirkte. Feingliedrige Adern durchzogen den nackten Stein. Sie glommen rötlich und ihr fahler Schimmer erweckte den Eindruck von fließendem Blut.

Der Gesang wurde lauter, als sie den Torbogen durchschritten und zur letzten Treppe gelangten. Der Sänger war eindeutig männlich und wurde von einem einzigen Instrument begleitet, das Gwen nicht einordnen konnte. Sein Klang schien nicht von dieser Welt zu sein.

Während sie hinabstiegen, schweiften Gwens Gedanken ein letztes Mal zu den Legenden der alten Welt, die sie als Kind gehört hatte. Ein gewaltiges Reich erhob sich in einem fruchtbaren Land, das nun verödet wie eine Wunde die Landschaft verunzierte. Es war ein Königreich der Dämonen gewesen und von den Paladinen der alten mit der Kraft des Lichts vernichtet worden. Nun kehrten die Dämonen aus ihrem Schlaf zurück, um die übrigen Reiche heimzusuchen, als Ersatz für ihre verlorene Heimat.

Aber das hier ist keine Dämonenstadt, wisperte eine freche Stimme in ihrem Verstand. Das hier ist eine Stadt der Menschen, schöner und größer als je eine Stadt zuvor und danach.

Gwen umklammerte ihren Stab fester. Sie durfte sich keine Zweifel erlauben. Der Dämonenkönig erwartete sie.

Endlich erreichten sie den Fuß der Treppe. Das Lied drang hier am deutlichsten an ihre Ohren. Gwens Augen weiteten sich überrascht.

Sie standen im Eingang einer winzigen Kammer, deren Wände schwebende Leuchtkugeln säumten. Sie glommen sanft in warmen Farben und wirkten wie freundliche Glühwürmchen. In dem Augenblick, als Gwen das Zentrum der Kammer erblickte, verstummte der Sänger und das Lied endete.

Inmitten leuchtender Kugeln saß ein junger Mann mit schneeweißen Haaren und einer weiten Robe auf einem gewaltigen Sarkophag. Seine Augen wirkten wie abgrundtiefe Seen der Trauer. Müdigkeit spiegelte sich in seinem weisen Blick. Er wirkte deutlich älter, als seine jugendliche Gestalt erlauben sollte.

Er hatte dasselbe Gesicht wie Lameth.

Gwen war ebenso überrascht wie ihre Freunde. Yuki schlug entsetzt eine ihrer metallüberzogenen Hände vor den Mund, während Lameth instinktiv eine defensive Kampfposition einnahm. Seine Augen erglühten in unbegreiflichem Schrecken.

Der junge Mann nickte ihnen langsam zu und erhob sich von dem Sarkophag. Er bewegte sich mühselig und stützte sich mit zitternden Händen ab. Die Robe legte sich um seinen dürren Körper wie eine seidene Aura aus Nebel.

Der junge Mann deutete eine Verbeugung an und lächelte traurig.

„Willkommen in meiner Ruhestätte“, seufzte er und breitete die Arme aus, so als wollte er die Kammer umfassen. „Mein Retter.“

Kurz herrschte Stille, bis Lameth entschlossen die Waffen hob und sich seinem Ebenbild näherte. Seine Hände zitterten, doch er blieb kampfbereit.

„Wer bist du? Bist du das Herz des Chaos, das die Dämonen am Leben erhält?“

Der junge Mann schüttelte den Kopf und der kurze Anflug eines Lächelns huschte über seine Lippen. „Ich habe vor so langer Zeit dieselben Worte gesprochen. Du bist wahrhaftig mein Nachfolger.“

„Dein Nachfolger? Was soll das bedeuten?“, fragte Lameth verwirrt. Er verharrte auf halbem Wege vor dem jungen Mann. Yuki und Gwen flankierten ihn eilig. Gwen segnete ihre beiden Freunde, konnte aber keine Anstalten zum Kampf an ihrem Gegner entdecken. Sie entdeckte keine Kampfmagie, sondern nur filigrane Lichtfäden, die den Körper ihres Gegenübers mit dem Sarkophag verbanden.

„Du wurdest hier geboren, um der Retter der Menschheit zu sein“, erklärte der junge Mann geduldig. „Was ich vor so vielen Jahrhunderten getan habe, sollst du nun wiederholen. Es ist unser Vermächtnis, unser Fluch.“ Dabei strich er gedankenverloren über den Sarkophag. „Unser Fluch als Söhne des Dämonenkönigs.“

Wie vom Blitz getroffen wich Lameth zurück. Sein Mund öffnete sich und seine Augen blitzten geweitet in stummem Entsetzen. Gwen blickte den jungen Mann entsetzt an. Das konnte nicht wahr sein.

„Es war einmal ein Mann“, berichtete der junge Mann leise. „Der die schönste Stadt der Welt regierte. Er besaß alles, bis auf eigene Kinder. Also griff er zu verbotener Magie und schloss einen Pakt mit dem Teufel, um das Fortbestehen seiner Linie zu sichern.“

Der junge Mann seufzte und wies mit einer vor Schwäche zitternden Hand auf die Decke der Kammer. „Aber der Pakt forderte einen unverschämten Preis. Der Wunsch des Mannes, dass seine Familie ewig fortbestehen möge, erfüllte sich. Doch der Mann und seine Untertanen verwandelten sich in blutrünstige Dämonen, die in ihrer großartigen Stadt mordeten und ein schreckliches Massaker anrichteten. Seine Frau flüchtete in die Kathedrale und gebar einen Sohn – einen Sohn, der die Macht des Teufels erhielt und auszog, seinen Vater zu bekämpfen.“

Der junge Mann kicherte verschmitzt. Seine Augen richteten sich auf Lameth und Gwen betrachtete schockiert, wie Tränen seine Wangen benetzten.

„Verstehst du, Bruder?“, flüsterte er. „Der erste Sohn verbannte seinen Vater hier in diesen Sarkophag. Aber er versetzte ihn nur in einen Schlaf. Der Sohn verband sich mit dem Vater mit seiner eigenen uralten Magie und hielt ihn und seine dämonischen Legionen zurück, bis seine Kraft nachließ. Die Dämonen erhoben sich erneut und der Teufel setzte einen neuen Sohn in die Kathedrale, der wieder auszog, um dieselbe Reise zu erleben und denselben Kampf zu fechten, nur um letzten Endes den Platz des vorherigen Sohnes einzunehmen und den Sarkophag seines unsterblichen Vaters zu bewachen und die Dämonen erneut zu bannen.“ Er kicherte erneut. „Ihr solltet wissen, dass ich einer der Paladine war, die vor Jahrhunderten die letzte Dämonenplage beendeten. Man hält mich für einen verstorbenen Helden, aber in Wirklichkeit habe ich hier ausgeharrt – und gewartet. Gewartet, dass mein jüngerer Bruder meinen Platz einnimmt.“ Er lächelte schwach. „Ich kann das Böse nicht mehr zurückhalten.“

Gwen starrte den jungen Mann an und plötzlich offenbarte sich ihr die Niedertracht dieses diabolischen Plans. Immer und immer wieder erhoben sich die Dämonen, nachdem die Helden in Vergessenheit gerieten, immer und immer wieder wurden die Stadtbewohner ins Leben zurückgerufen, um die lebendigen Menschen heimzusuchen. Es war ein gewaltiger Kreislauf aus Hass und Leid.

Plötzlich hatte Gwen eine Vision. Sie sah den jungen Mann, einen anderen Lameth mit seinen Freunden in dieselbe Höhle kommen. Neben ihm ging eine Magierin mit einem Spitzhut und einem Ebenholzstab.

Die Geschichte wiederholt sich. Selbst wenn wir ihn jetzt binden … nach einigen Jahrhunderten werden neue Dämonen umherstreifen und andere Mädchen wie mich zu Waisen machen. Eine neue Gruppe wird zu einer Reise aufbrechen, um diesen aussichtslosen Kampf weiterzuführen.

Diese Spirale würde niemals enden.

Gwen blickte ratlos Lameth an und erschrak, als sie die Trauer in seinem Gesicht sah. Er nickte.

„Ich erinnere mich jetzt“, flüsterte er. „Ich erinnere mich an meine Geburt und meinen Zweck. Ich muss den König binden. Ich bin der Wächter der Welt.“

Er steckte das Schwert in die Scheide und näherte sich seinem Bruder.

„Lameth!“, rief Gwen verzweifelt und sprang vor, doch Yuki hielt sie zurück und schüttelte den Kopf. Gwen kämpfte gegen ihren Griff an.

„Wir finden einen Weg!“, schrie sie. „Wir können den Dämonenkönig bezwingen! Wenn wir alle unsere Kräfte vereinen …“

„Wir haben keine Zeit mehr.“ Lameth warf Schild und Schwert von sich und näherte sich dem jungen Mann. „Jede weitere Sekunde könnte ein Menschenleben in Karfurth beenden.“ Kurz herrschte Schweigen. „Gwen, Yuki …“ Lameth wandte sich mit traurigem Lächeln um und sah sie an. „Danke. Danke für alles.“

Gwen hob entschlossen den Ebenholzstab. Sie würde ihn zurückhalten. Sie musste ihn zurückhalten! Doch noch ehe ein Zauberspruch über ihre Lippen kam, umarmte Lameth sein Ebenbild.

Goldenes Leuchten erfüllte die Kammer und schleuderte Gwen und Yuki nach hinten. Gwen stieß einen lauten Schrei aus. Sie hatte das Gefühl zu fallen und durch einen endlosen Wirbel aus Farben zu gleiten. Sie presste sich eng an Yuki, hielt sich an ihr fest und zog Trost aus ihrer Anwesenheit.

Dann verschwand der Wirbel und sie schlugen hart auf dem Erdboden auf.

Als Gwen sich taumelnd erhob, brandete Jubel auf sie ein. Yuki und sie befanden sich vor den Toren Karfurths und wurden Zeuge eines dämonischen Heeres, das wie schwarzer Nebel in alle Windrichtungen verteilt wurde. Die menschlichen Soldaten strömten aus den zerstörten Toren, reckten ihre Waffen und freuten sich über die beendete Bedrohung. Sie glaubten, dass ihre Helden den Dämonenkönig besiegt hätten.

Sie wissen nicht, dass derselbe Kampf in wenigen Jahrhunderten von vorn beginnen wird.

Erschaudernd schlang Gwen die Arme um ihre angewinkelten Knie. Yuki umarmte sie.

„Hab keine Angst“, flüsterte Yuki.

Gwen erwiderte die Umarmung. Yukis Trost wog schwerer als der Jubel aller Soldaten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Krisenschreiben

Heute geht es um das Krisenschreiben. Schreiben in der Krise. Kriselndes Schreiben während die Krise das Schreiben hemmt. So in etwa. Eine Krise im Schreiben, oder das Schreiben in der Krise? Oder gar, eine Krise und das Schreiben? Ein Krisenschreiben kann immer geschehen. Eine abgesagte Hochzeit ist eine Krise. Ein Ehebruch ist eine Krise. Ein Todesfall ist eine Krise. Hunderttausend Todesfälle sind eine Krise. Die Krise ist ein schwammiger Begriff. Sie reicht vom Tod des hauseigenen Hamsters bis zum Wirtschaftscrash. Aber, kann der Autor in der Krise schreiben? Über was schreibt er? Über die Krise? Oder über seine Krise, die aus der allgemeinen Krise entwächst? Wird das Schreiben nicht doch ein klein wenig sinnlos in Anbetracht der Krise?

Was ist Krisenschreiben? Einige weltberühmte Autoren würden das Krisenschreiben wohl als reinen Quell der Kreativität beschreiben. Andere würden das Krisenschreiben als Medizin zur Linderung der Krise einstufen. Wieder andere würden die Krise als schreibhemmend charakterisieren. Krisenschreiben ist wohl genauso individuell und abstrakt, wie die Krise und das Schreiben. Doch … gibt es das überhaupt? Gibt es ein Schreiben ohne Krise?
Liebe Schreibkommune, Saigel steckt wohl gerade mitten im Krisenschreiben. Aber sie ist zurück. Sie schreibt. Das reicht.

Eure Saigel

Woher kommt das Wort Prolog und was bedeutet es?

Egal ob man Leser ist oder selbst Romane verfasst, stößt man immer mal wieder auf den Prolog. Das bedeutet, dass es Autoren gibt, die nicht sofort mit der Handlung beginnen, während einige Autoren gleich mit ihrer Geschichte starten.

Im Grunde wissen wir ja eigentlich alle, worum es sich bei diesem Teil des Schreibens handelt. Aber woher stammt das Wort? Wie ist es definiert?

Also hab ich mich mal ein wenig kundig gemacht und Folgendes recherchiert um es so gut wie möglich zusammenzufassen.

 

Die Herkunft des Wortes

Dieses Wort wird bereits seit mehreren Jahrtausenden genutzt, wobei es seinen Ursprung im griechischen hat und in der westlichen Sprachkultur angepasst wurde. Unten führe ich mal die Entwicklung des Wortes vom griechischen Ursprung ins Mittelhochdeutsche auf (kleine Anmerkung am Rande soll sein, dass Griechisch und Latein die deutsche Sprache stark prägten)

in Mittelhochdeutsch     prologe

in Latein                        prologus

in Griechisch                 prólogos

Das Wort prólogos an sich besteht aus zwei Wörtern, die dem griechischen entstammen:

pro -> vor

logos -> Wort

 

Kurze Erläuterung

Bei der Recherche sind mir auch die Synonyme für diesen Begriff aufgefallen, wovon vor allem die im literarischen Bereich ins Auge fallen. Anschließend führe ich jene Ausführungen auf, die vor allem beim Schreiben von Bedeutung sind:

  1. Beginn
  2. Anfang
  3. Einleitung

All das zuvor Erwähnte, ist natürlich unheimlich trocken und zeigt nur im Groben worum es sich bei diesem Wort handelt. Im weiteren Verlauf möchte ich noch ein wenig intensiver darauf eingehen und hoffe, dass es verständlich ist.

Der Prolog ist die Vorgeschichte einer Erzählung oder eines literarischen Werkes und dient oft der Erläuterung der Intention des Folgenden.

Allerdings ist zu beachten, dass man diesen Beginn nicht mit einem Vorwort verwechselt, welches eine Bemerkung des Autoren ist. Es gehört nicht direkt zur Erzählung, obwohl ein eindeutiger Zusammenhang besteht.

Die Einleitung kann mit dem folgenden Schriftstück verbunden oder auch vollkommen gelöst davon sein.

Hin und wieder nutzt der Autor die Einführung in sein Werk die Form eines Gespräches oder eines Monologes. Manchmal wird der Prolog auch für Dinge oder Umstände genutzt, die nicht in die Handlung passen. Meist sind es Hintergründe oder zwischenmenschliche Beziehungen, die darin ihren Platz finden.

Bei den vorhergehenden Varianten ist es möglich, dass die Erzählform eine vollkommen andere ist als in der Handlung.

Einen Prolog kann man erst so nennen, wenn dieser von dem Autor selbst verfasst worden ist.

 

Fazit

Mein Fazit zu diesem Thema ist, dass sich mir der ein oder andere Prolog eines Buches erklärt hat. So kann ich in Zukunft bei Büchern weitaus ruhiger angehen und mich auf das freuen was kommt.

Der letzte Palast (1/2)

Sacht fegte ein staubiger Windstoß durch die Ödnis. Ausgetrocknete Flussbette und abgestorbene Bäume säumten seinen Weg, das silbrige Mondlicht tanzte auf ihm und gelangte selbst in den rissigen Erdboden. Der Wind durchquerte die leblose Landschaft unter dem schimmernden Sternenhimmel. Keine einzige Wolke stand am Himmel.

Eine auffällige Felsformation, um die sich schwarzer Rauch wand wie ein hungriges Gespenst, erhob sich inmitten der Trostlosigkeit. Wie wabernder Nebel verschluckte er das fahle Mondlicht und verbarg sein Geheimnis vor neugierigen Augen.

Stille beherrschte die Einöde, bis mit einem Mal zwei gewaltige Lichtsäulen vom Sternenhimmel herunterfuhren und das halbdunkel zerrissen. Direkt vor der Felsformation bohrten sich die Säulen in den trockenen Boden und wirbelten eine Staubwolke auf. Einen Augenblick später waren sie verschwunden und zwei geisterhafte Schemen traten daraus hervor.

Gwen kniff die Augen zusammen und strich eine Strähne ihres karmesinroten Haares hinter ihr Ohr. Der Wind zog sacht an ihrem langen Umhang und zerrte feine Lichtfetzen aus der Spitze ihres langen Zauberstabs. Dabei hörte sie hämisches Flüstern und kurz glaubte sie, diabolische Augen blitzten sie aus der Dunkelheit heraus an.

Gwen hob entschlossen den Stab. „Ormozd!“

Eine Druckwelle aus Licht breitete sich um sie herum aus und fegte ihr beinahe den verzauberten Spitzhut vom Kopf. Das Wispern des Windes erstarb sofort und der Luftzug legte sich. Gwen atmete tief durch, als sie mit einem Mal eine Bewegung neben sich wahrnahm. Sofort wirbelte sie herum und hob kampfbereit ihren Stab. Ihre Lippen formten bereits Worte, bis sie ihre Freundin erkannte.

„Yuki!“, rief sie erleichtert. „Gravis sei Dank, es hat funktioniert!“

Die schweigsame junge Frau mit den wallenden schwarzen Haaren und den geschlitzten Augen nickte langsam. Sie trug einen bunten, fremdartigen Mantel, der einem langen Federkleid glich. Seine weiten Ärmel verbargen kaum die metallenen Kappen, die sich über ihre geballten Fäuste wölbten. Schwach glimmende Schriftzeichen bedeckten ihre harte Oberfläche.

Gwen atmete tief durch. Sie durften nun keinen Fehler begehen. Das Schicksal der gesamten Welt hing von ihnen ab.

Langsam suchte sie mit zusammengekniffenen Augen ihre Umgebung ab und erschauderte, als sie die toten Bäume erspähte. Sie wirkten wie Leichen, die im Todeskampf ihre dürren Arme in alle Richtungen ausstreckten.

Yuki zupfte an ihrem Ärmel und deutete hinter Gwen. Ihre unergründlichen schwarzen Augen verengten sich.

Als Gwen sich umwandte, sah sie zunächst nur schwarzen Nebel. Erst nach einigen Sekunden erkannte sie die Silhouette einer Felsformation.

„Das muss der Eingang sein!“, rief sie und schluckte. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie durften sich nun keinen Fehler erlauben. Langsam ging sie vorwärts, den Stab vorsichtig erhoben. Yuki folgte ihr mit forschen Schritten. Ihre Gewänder schleiften über den staubigen Boden.

Gwen strengte ihre Augen an, doch sie konnte die Schwärze des Nebels nicht durchdringen. Probeweise streckte sie eine Hand aus und erschauderte, als die Dunkelheit ihre Haut umschlang. Beinahe fühlte es sich an wie eine wahrhaftige Berührung.

Im nächsten Augenblick erhob sich bestialisches Brüllen. Gwen konnte nicht reagieren, als der Nebel sich verdichtete und ein dunkles Gesicht auf ihren Arm niederfuhr. Ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei.

Es verging kein Herzschlag, bis eine weitere Lichtsäule vom Himmel herabfuhr und das Wesen vor ihr in Stücke schnitt. Eine goldene Druckwelle fegte die Dunkelheit vor der Felsformation hinweg und offenbarte einen jungen Mann mit goldblondem Haar und blitzenden blauen Augen, dessen Langschwert im fahlen Mondlicht silbrig glitzerte. Er trug eine Rüstung und einen beeindruckenden Schild mit Schutzrunen.

„Ormozd Alvanalev!“, kam es aus seinem Mund.

Der dunkle Nebel verschwand und ein fernes Wimmern ertönte. Der junge Mann ließ seinen Schwertarm sinken und fixierte Gwen vorwurfsvoll.

„Das war gefährlich“, sagte er.

„Ich bin geschützt, Lameth“, erwiderte Gwen und ließ wie zum Beweis ihren Schild aufleuchten. „Abgesehen davon, was hat dich denn aufgehalten? Wir müssen die Welt retten, schon vergessen?“

Lameth lächelte verlegen und steckte sein Schwert zurück in die Scheide. Die ernste Aura fiel von ihm ab wie ein alter Mantel.

„Meister Gravis hatte noch einen Rat für mich“, sagte er. „Das könnte schließlich das letzte Mal sein, dass ich ihn gesehen habe.“

Gwen hob eine Augenbraue. „Ich weiß, dass er für dich immer wie ein Vater war, seitdem er dich im Wald gefunden hat. Aber du musst dich jetzt konzentrieren. Du bist der einzige, der den Dämonenkönig besiegen kann!“

Yuki stellte sich neben Gwen und nickte bekräftigend. Dabei schlug sie ihre metallenen Fäustlinge gegeneinander. Früher hatte dieses Geräusch Gwen immer zum Zittern gebracht, aber nach ihren gemeinsamen Reisen war sie mittlerweile schon daran gewöhnt.

Lameth atmete tief durch und nickte. „Ich weiß. Ich werde mich nicht zurückhalten.“ Seine Augen funkelten entschlossen. „Ich habe die besten Freunde an meiner Seite, die sich ein Mensch nur wünschen kann! Gemeinsam können wir diese ewige Geißel vernichten!“

Gwen und Yuki nickten zustimmend. Sie hatten so vieles gemeinsam erlebt. Sie waren bereit, den letzten Gegner zu besiegen!

Lameth hob den Schild und näherte sich der verräterischen Felsformation. Sie wirkte wie der unebene Rücken eines schlafenden Drachen.

„Belphegors Rücken“, flüsterte Gwen beeindruckt. Das schroffe Gestein wirkte rasiermesserscharf.

„Hier muss der Eingang sein“, murmelte Lameth. „Yuki! Das ist deine Aufgabe.“

„Gut.“ Wohlige Schauer liefen über Gwens Rücken. Yukis Stimme erinnerte sie an einen Fluss aus Milch und Honig, der sie warm umschloss. Dennoch umklammerte sie den Ebenholzstab fester. Sie durfte sich nun keinerlei Ablenkung erlauben.

Bedächtig schritt Yuki zum Eingang und nahm ihre Eröffnungsposition ein. Sie murmelte einige unverständliche Worte, bis die Symbole auf den Metallkappen zu glühen begannen. Yuki stieß einen bedrohlichen Schrei aus und schlug zu.

Ein roter Lichtblitz erfüllte die Luft und das Geräusch berstenden Gesteins zerriss die Stille der Einöde. Risse zogen sich durch die Felsformation. Einen Augenblick später erzitterten die Felsen und eine getarnte Wand stürzte ein. Gwen bedeckte ihre Augen mit den Händen und bewegte sich vorsichtig nach vorn. Yukis Angriff hatte einen kleinen Erker freigelegt. Mit ihren Sinnen erspähte sie eine verborgene Treppe hinter der gemauerten Wand.

„Geht zur Seite!“, rief Gwen und hob ihren Ebenholzstab. „Hier ist der Eingang!“

Yuki und Lameth traten zurück und Gwen klopfte gegen die Mauer. Sie löste sich in feinen Staub auf, der langsam zu Boden rieselte. Dahinter kam ein uralter Torbogen zum Vorschein, der sich über die abschüssige Treppe wölbte.

„Das ist es“, flüsterte Lameth. „Der unterirdische Palast des ersten Reiches.“ Kurz schloss er die Augen. Er schien Kraft zu sammeln. Als er sie wieder aufschlug, glühten sie golden.

„Ich gehe voran“, sagte Lameth schlicht und begab sich zur Treppe.

Die Anordnung war überflüssig. Die drei hatten bereits so oft miteinander gegen die Mächte der Finsternis gekämpft, dass Gwen ihm instinktiv nachfolgte und Yuki die Nachhut bildete. Gwen umklammerte ihren Stab fester und sprach einen Segen über ihre Freunde. Die magischen Energien mussten frei fließen, wenn sie den König bekämpfen wollten.

Die Treppe war lang und dunkel, jedoch überraschend gut erhalten. Gwen war überrascht, Jahrtausende waren seit dem Untergang des alten Reiches vergangen, doch die Stufen wirkten wie neu.

Kurz glaubte sie wieder, leise wispernde Stimmen zu hören. Gwen konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Bisher waren ihre Feinde stets Dämonen gewesen, deren Kräfte sich analysieren und bewerten ließen. Sie fürchtete die mystische Aura dieses Orts.

Geheimnisumwittert heißt lediglich informationslos.

Mit einem Mal legte sich Yukis Hand sanft auf ihre Schulter. Gwen ergriff und drückte sie. Yuki schien stets zu spüren, wann es ihr schlechtging.

Endlich erreichten sie das Ende der Treppen. Vor ihnen erhob sich ein prunkvolles Doppeltor, das von dämonischen Statuen flankiert wurde. Gwen erkannte die Darstellung. Der Künstler hatte zwei doppelköpfige Unholde verewigt, deren raubtierhafte Züge einem Geier ähnelten. Gwen erinnerte sich widerstrebend an einen Kampf gegen diese Wesen, den sie zusammen geführt hatten. In diesem Augenblick beruhigte sie die Anwesenheit von Yuki und Lameth mehr als jede Ehrengarde es je könnte.

„Dort oben steht etwas“, sagte Lameth leise. Gwen folgte seinem Blick und erkannte verwitterte Buchstaben auf dem Torbogen. Sie kannte weder die Schrift noch die zugehörigen Satzzeichen. Für sie wirkte es wie das Gekritzel eines wirren Hofnarrs.

„Fürchte dich selbst“, las Lameth zögerlich vor.

Gwen und Yuki musterten ihn verblüfft. Lameth sah sie verlegen an.

„Was ist das für eine Sprache?“, fragte Gwen sofort. „Wieso kannst du sie?“

„Ich … ich weiß es nicht“, gestand Lameth. „Sie wirkt irgendwie vertraut …“

Gwen seufzte. Solche Dinge geschahen ständig. Lameth besaß keine Erinnerungen an seine Kindheit und glaubte immer wieder, in alten Relikten Erinnerungsfetzen zu erkennen.

Wahrscheinlich steht dort in Wirklichkeit nur so was wie „Mit Schuhen betreten verboten“ oder „Keine Waffen erlaubt“. Dennoch stieg Unbehagen in Gwen auf. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass Yuki sorgenvoll die Stirn runzelte. Ihre Freundin wirkte ebenfalls besorgt.

„Egal …“ Lameth trat vor und untersuchte das gewaltige Doppeltor. „Ich glaube, das könnten wir sogar ohne Yuki schaffen … diese Seite gibt nach …“ Lameth stemmte sich dagegen. Kurz geschah nichts, dann knarrte der Torflügel und schabte über den steinernen Boden. Gwen starrte das Tor überrascht an.

Wie kann das Holz so viele Jahrtausende überstanden haben? Es hat nur die Farbe gewechselt. Statt bräunlich wirkte es im schwindenden Licht beinahe grau.

Lameth drückte das Tor ein Stück weit auf, dann ging er mit erhobenem Schild durch den so entstandenen Spalt. Gwen folgte ihm mit hämmerndem Herzen und hörte Yukis beruhigende Atemzüge. Sie zwang sich innerlich, ihren Puls dem ihren anzugleichen.

Als sie das Tor passierten, empfing sie plötzlich Helligkeit.

Gwen starrte überrascht auf die gewaltige Halle, die sich vor ihnen erstreckte. Reich verzierte Fackeln in der Form lauernder Gargoyles verbreiteten rötliches Leuchten. Gwen konnte trotz ihrer Magiesicht keine Fallen entdecken.

„Die Halle ist riesig!“, stieß sie atemlos hervor. „Und es gibt keine einzige Falle!“

Lameth betrachtete sie mit gehobener Augenbraue. „Keine einzige Falle? Bist du dir sicher?“

Gwen schob die Unterlippe vor. Musste er ausgerechnet jetzt an ihr zweifeln? Sie war auch ohnedies schon nervös genug!

„Natürlich sind hier keine Fallen! Hast du schon vergessen, dass Meister Gravis mich zum Oculus ernannt hat?“

Lameth leckte sich nervös über die Lippen. „Hier ist nichts“, murmelte er. „Keine Fallen, keine Feinde, keine Einrichtung. Wofür diente diese Halle?“

Gwen wollte bereits Vermutungen anstellen, als Yuki ihnen beiden die Hände auf die Schultern legte und mit dem Kinn auf die Wand vor ihnen deutete. Gwen wandte verwirrt den Kopf und entdeckte mit einem Mal im Halbdunkel der Wand eine Karte, die jemand in die Mauer gemeißelt hatte.

Lameth hob seinen Schild. „Bleibt zurück!“

Gwen verdrehte die Augen, bevor sie ihm in der gewohnten Formation nachfolgte. Eine goldene Aura tanzte wie ein Lichtermeer auf Lameths Körper und rang mit den roten Lichtern der Statuen an der Wand. Gespensterhafte Schatten wiegten sich an der Wand, während sie die Karte betrachteten.

„Scheint so, als hätte der Palast drei Ebenen“, flüsterte Lameth. „Das Grab des Dämonenkönigs ist ganz unten.“

Gwen zischte übellaunig. „Natürlich. Warum kann unser Ziel auch nie dort sein, wo unsere Karten es sagen?“

Yuki kicherte mit vorgehaltener Hand, während Lameth sie mit gehobener Augenbraue musterte. „Na hör mal“, sagte er mit der Andeutung eines Lächelns. „Meinst du, die Welt zu retten wäre einfach?“

Gwen verkniff sich eine Antwort und setzte sich in Bewegung.

Sie gingen vorsichtig die Wand entlang und blieben im Schatten der gewaltigen Gargoyle-Statuen. Gwen hoffte zutiefst, dass sie nicht lebendig werden konnten. Ihr zweiter Kampf hatte ihnen ein ähnliches Problem bereitet und blieb immer noch ihre schlechteste Erinnerung.

Gleich nach den Unholden mit den zwei Köpfen.

Die Halle war leer, aber entsetzlich groß. Gwens Augen schmerzten bereits nach der Hälfte durch die konstante Magiesicht. Sie war sogar gewaltiger als Meister Gravis‘ Anwesen in Karfurth!

„Wir sollten uns beeilen!“, rief Lameth. Er wirkte nun todernst. Gwen entging nicht, dass er seinen Schild krampfhaft umfasste. „Das Heer der Dämonen wird Karfurth jeden Augenblick erreichen. Wir müssen das Grab vorher finden!“

Gwen nickte zustimmend und beschleunigte ihre Schritte. Die Geräusche hallten unnatürlich in der Stille der gewaltigen Halle wider. Gwen warf unsichere Blicke in alle Richtungen. Das rote Licht wirkte unheilvoll. Sie erschauderte, als sie die unnatürlichen Verrenkungen ihrer eigenen Schatten an der Wand beobachtete. Sie erkannte keine Fallen, aber war trotzdem beunruhigt. Dieser Ort strahlte mystische Bedrohlichkeit aus, wie ein gefährlicher Schemen eines gewaltigen Raubtiers, der sich in dunklem Nebel verbarg.

Endlich erreichten sie das Ende der Halle. Ein weiterer Torbogen überspannte eine gähnende Öffnung, die wie das Maul eines Raubtiers wirkte. Kurz glaubte Gwen, wieder entferntes Flüstern zu vernehmen. Die Stimmen klangen nun von Trauer erfüllt und schwebten aus der finsteren Öffnung zu ihnen empor.

„Das wäre der ideale Ort für einen Hinterhalt“, flüsterte Lameth und hob seine Waffen. „Dies sind die Ruinen eines vergessenen Reichs. Wir können nicht genau einschätzen, was hier auf uns lauert. Rechnet mit Unholden und anderen Dämonen der A-Klasse!“

Gwens Hände zitterten. Sie schluckte und umklammerte den Stab fester. Dann warf sie sich hinter Lameth in die Dunkelheit.

Kurz verlor die Welt ihr Licht.

Einen einzigen Augenblick lang meinte Gwen, durch eine durchscheinende Silhouette zu gleiten und hielt instinktiv den Atem an. Die seltsamen Formen um sie herum erinnerten sie an eine surreale Unterwasserwelt.

Dann endete das Gefühl und sie fand sich zwischen Lameth und Yuki in einem Tempel voller Statuen wieder.

Steinerne Säulen trugen tonnenschweres Gestein über ihren Köpfen. Zu ihrer Überraschung glich der Rest der Einrichtung einem gewaltigen Figurenkabinett aus Statuen. Doch hier standen keine Dämonen, keine Unholde und auch keine Geister, sondern Menschen. Gwen sah edle Ritter und grimmige Könige, die große Zepter schwangen. Sie erspähte auch Magier und Faustkämpfer wie Yuki, deren Handschutz von ebenso alten Symbolen bedeckt waren wie die ihrer Freundin.

Die Bildnisse standen wirr im Raum verteilt und schienen einer unbekannten Ordnung zu folgen. Instinktiv hatte Gwen das Gefühl, die Statuen starrten sie an. Sie wich zurück.

„Ich wette, sie erwachen zum Leben“, flüsterte Lameth entsetzt und hob einen Schild. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er griff kampfbereit zur Schwertscheide. „Gwen? Was siehst du? Sind sie gefährlich?“

Gwen konnte ihren Blick nicht von den Statuen losreißen. Ihre Blicke wirkten nicht bedrohlich oder furchteinflößend, sondern wie ein kollektives Klagegeschrei, ein schmerzerfülltes Weinen, das tausende Seelen auf einmal anstimmten. Gwen schüttelte den Kopf und blinzelte, doch nichts änderte sich. Ihre Magiesicht zeigte keine Gefahren auf.

„Das sind nur … Statuen“, erwiderte sie leise.

Lameth musterte sie ungläubig. Sein Blick taxierte die Statuen genauer und er deutete mit seiner freien Hand auf die gewaltige Armee vor ihnen.

„Du willst mir weismachen“, sagte er langsam. „Dass keine einzige Statue verzaubert ist?“

Gwen nickte perplex. Sie konnte ihrer Einschätzung selbst kaum glauben.

Ohne Vorwarnung trat Yuki vor und strich ihr Haar aus dem Gesicht. Die Symbole auf ihren Handkappen glommen schwach. Sie wirkte angespannt.

„Das ist ein Ort der Geister“, murmelte sie mit einem Mal. Lameth und Gwen sahen sie beide erstaunt an. Yuki sprach zum ersten Mal an diesem Tag.

„Wieso Geister?“, fragte Lameth entrüstet. „Das hier ist das Grab eines Dämons!“

Yuki hob eine Hand und gebot Schweigen. „Schließt die Augen“, flüsterte sie.

Gwen befolgte den Rat ihrer Freundin. Es vergingen mehrere Herzschläge ohne jegliches Ereignis. Gwen wollte Yuki bereits anzweifeln, als sie mit einem Mal die sanften Klänge eines Lieds hörte.

Die Melodie schien von weither zu kommen und dennoch sehr nahe zu sein. Die Stimme eines jungen Mannes erklang in ihrem Inneren und erfüllte die Luft mit düsterer Melancholie. Obwohl das Lied Gwen zu Tränen rührte, nahm sie in der Musik auch unbegreifliche Schönheit wahr. Bilder aus ihrer Kindheit fluteten ihr Gedächtnis – Bilder ihres Heimatdorfs, das von herumstreunenden Dämonen zerstört worden war, Bilder ihrer Eltern und Geschwister, deren verwesende Leiber nun in kalten Gräbern lagen. Das Lied wirkte wie eine Litanei für die Vergangenheit, für die Dinge, die verloren waren.

Gwen schlug die Augen erst wieder auf, als sie Yukis handkappen an ihrer Schulter spürte. Das Lied erschien ihr nun lauter als zuvor. Die Melodie schwebte scheinbar aus dem Boden zu ihnen herauf. Der Sänger musste sich unter ihnen befinden.

Gwen bemerkte mit einem Mal, dass Yuki angespannt Lameth schüttelte. Ihr Freund lehnte mit dem Rücken an der Mauer und hatte seine Arme sinken gelassen. Der Schild entglitt seinen erschlafften Fingern und prallte geräuschvoll auf dem Boden auf. Kurz schien die Melodie anzuschwellen, bis sie wieder auf ihre ursprüngliche Lautstärke zurücksank wie ein ermattetes Geschöpf, das sich im Sterbebett aufbäumte.

„Lameth!“, rief Gwen panisch und griff nach ihm. Er war ihre einzige Hoffnung. Sein Schwert Alvanalev war die einzige Waffe, die den Dämonenkönig in seinem Grab in das Jenseits bringen konnte.

Yuki schüttelte ihn beinahe brutal und zum ersten Mal sah Gwen so etwas wie Panik in den Augen ihrer Freundin. Yuki blieb immer ruhig und bedacht, selbst in den heftigsten Kämpfen behielt sie einen kühlen Kopf. Nun wirkte sie wie ein verängstigtes Kind.

Gwen sprach einen schnellen Segen und stärkte Lameths Widerstandskraft gegen fremde Magie. Jemand sabotierte ihn. Eine andere Erklärung für seine Ohnmacht fand sie nicht.

Ein Zittern ließ Lameths Körper erbeben. Yuki schlug so vorsichtig wie möglich gegen seine Wange. Endlich öffneten sich seine Augen. Lameth brach schwer atmend zusammen. Schweiß strömte ihm plötzlich ins Gesicht und seine Arme zitterten.

„Lameth?“, fragte Gwen sanft. „Lameth?“ Sie konnte nicht verhindern, dass sich Sorge in ihre Stimme schlich.

Lameth hob eine Hand wie als Versicherung. Er nickte langsam und erhob sich. Entschlossen hob er den Schild hoch. Seine Augen glühten wieder golden, als er sie ansah.

„Etwas stimmt hier nicht“, flüsterte er.

Das Manuskript – Eine kleine Erläuterung

Wir als Autoren, egal ob wir schon Veröffentlicht haben oder nicht, stehen regelmäßig dem Begriff “Manuskript” gegenüber. Vor allem für jene, die gerade am Anfang stehen, wissen nicht so recht, was sie mit diesem Wort in Verbindung bringen sollen.

Also habe ich mir gedacht, dass es vielleicht mal an der Zeit sei einen kleinen Überblick zu geben, wobei es sich bei dem Begriff “Manuskript” denn so handelt.

Das Wort “Manuskript” entstammt dem mittellateinischem und wird dort als manuscriptum bezeichnet.

Es besteht aus zwei Worten des lateinischen. Diese sind:

    manus = Hand (auch in der Maniküre enthalten) sowie

    scriptum 2. Partizip von scribere = schreiben (franz. scribir / span. escribir).

Für das doch recht lange Wort kann man auch die Kurzform “manus” verwenden.

Das Manuskript bezeichnet im allgemeinen handgeschriebene Bücher, Briefe oder andere Publikationsformen, die im engeren Sinne durch manuelles Schreiben mit Tinte oder anderen Farbmitteln entstanden sind.

Dazu gehören vor allem auch die im Mittelalter rein handschriftlichen Texte. Diese wurden damals in Sammelbänden zusammengefasst. Um diese dann publizieren zu können, mussten diese dann handschriftlich kopiert, also abgeschrieben, werden.

Doch mit dem Aufkommen des Buchdruckes wurden die langwierigen Prozesse des “Kopierens” vereinfacht und die Publikation wurde um einiges schneller.

Durch den soeben genannten Buchdruck werden heute umgangssprachlich auch maschinenschriftliche Druckvorlagen als Manuskript bezeichnet.

Der Wahn einen Krimi zu schreiben

Einen Krimi schreiben – wer bitte kommt denn auf so eine abgefahrene Idee? Ich zum Beispiel. Streng von außen betrachtet, bringe ich gar keine Voraussetzungen mit, einen Krimi schreiben zu können – doch ich möchte das.

Krimis haben mich schon mein Leben lang beschäftigt. Ich habe diese Lektüre verschlungen. Groschenromane, waren billig und als Schüler mit damals sehr geringen Taschengeld, versuchte ich nicht nur an die Dinger ranzukommen, sondern nach der Lektüre diese auch wieder weiterzuverkaufen. Flohmärkte sei Dank.

Diese Krimis rissen mich in den Bann, in einen Strudel und meine Eltern waren damals “not amused” zu sehen, wie ich an den Dingern hing.
Scotland Yard 333, London 999, John Cameron und nicht zu vergessen Jerry Cotton. Später las ich Bücher und stieß auf die Heyne Serien rot und blau. Da waren tolle Romane dabei.

Erst viel später fand ich zu Büchern von Edgar Allen Poe und Sir Arthur Conan Doyle mit seinem berühmten Sherlock Holmes Holmes, um nur einige zu nennen.

Dennoch frage ich mich, ist es also vermessen, heute 40 Jahre später, zu behaupten ich könne einen Krimi schreiben.

Genau das habe ich mir vorgenommen. Ich konnte zu diesem Moment noch nicht abschätzen, was das für mich bedeutete und welche Auswirkungen diese Entscheidung für mich hatte.

Auf diesen Seiten möchte ich meine Erfahrungen mit dem Projekt “einen Krimi schreiben”, posten.

Dabei werde ich alle Aspekte des Schreibens durchgehen. Von der Idee bis zur Veröffentlichung.

Einige Passagen gibt es natürlich hier zu lesen.

Sei gespannt!

Andre

Rezension “Zeilen aus Tyarul” von Farina de Waard

Das Buch Zeilen aus Tyarul

Die Autor Farina deWaard

Genre Fantasy

Preis 2,99 €

Verlag fanowa

Informationen zur Autorin und deren Büchern (Bibliografie)

https://www.fanowa.de/

Die Handlung:

Geschichte 1

Diese Geschichte handelt von Sebila, der ehemaligen Amme der Familie van Dymar. Mittlerweile ist Zayda, ihr jüngstes Ziehkind, an der Macht was so einige Annehmlichkeiten für sie bereithält. Denn Sebila ist die oberste Hausdame in dem Familiensitz von Zaydas Familie. Somit unterstehen ihr alle Diener und sie kann fast ebenbürtig mit den Ratkenkriegern reden.
An ihrem Namenstag holt sie eine Flasche Wein aus dem Lager und teilt diesen mit den anderen Dienern und Sklaven, die sie seit ihrer neuen Stellung meiden.
Schon einen Tag danach wird Sebila mit dem gesamen Hausstab nach Mazmorra gebracht, wo Zayda nun die Macht an sich genommen hat. Hier ist für die einstige Amme so einiges anders und sie muss sich an diesem Ort neu behaupten.

Geschichte 2

Zayda ist nun mehr als zehn Jahre an der Macht und doch wird sie von ihrer Vergangenheit heimgesucht. Sie sieht es als Schwäche, die sie nicht zulassen kann, sodass in ihr eine unbezähmbare Wut heranwächst.
Sie trifft, nach einer ernüchternden Nachricht über die Bilure, eine Enscheidung, die vor allem für ihr Volk entscheidend sein wird. Denn Zayda schafft es mit Hilfe ihrer Magie einen widerspensigen Statthalter auf ihre Seite zu ziehen.
Hiernach kehrt sie an den Ort zurück, wo alles begann. Dort kommt es zu einem Zusammentreffen mit der Hüterin der Ratken.

Mein Eindruck:

Ein wunderbarer Einblick in die jungen Jahre von Zayda und die Kultur der Ratken. Und nicht nur das. Man lernt das Leben in Tyarul ein wenig besser kennen.

Mein Fazit:

Auch wenn das Buch mit seinen zwei Geschichten nur als e-book erhältlich ist und mir ein richtiges Buch gefehlt hat, so haben mich die Erzählungen in ihren Bann gezogen.
Vor allem die Sichtweisen von diesen beiden Personen aus dieser Kultur hatten fast schon etwas magisches an sich.
Für jeden der „Das Vermächtnis der Wölfe“ liest eine Lektüre, die es sich zu lesen lohnt.

Gottes Hammer: Folkvang IXX

Ein Blitz, ein Hieb, dann kehrte Stille ein.

Azrael atmete schwer. Murakamas Klinge glühte brennend heiß. Blutstropfen benetzten den von heiliger Magie durchdrungenen Stahl.

Ashaya hatte ihm das Leben gerettet.

Durch die Verbindung zwischen Murakama und dem Dämonenkönig war es ihm gelungen, das Licht des Chorals in die alte Klinge zu bannen. In der Zügellosigkeit seines Angriffs löste Irodeus seine Sphäre auf. Ein Wort der Macht genügte und Azrael stand vor ihm, Astavals legendäres Schwert in Ilianas Brustkorb, noch während der alte König begierig den Hals reckte, um einen Blick auf seine Überreste zu erhaschen.

Einen langen Augenblick lang schien die Welt stillzustehen, schienen die stechenden Dämpfe seiner Hölle sie vor den grausamen Augen der Realität zu behüten. Einen Moment lang füllte die Ewigkeit Azraels Gedanken. Er wagte erst wieder zu atmen, als Ilianas Augen erloschen und sie in seine Arme sank. Seine Gedanken verstummten, als er das Schwert herauszog. Seine linke Hand, die den zierlichen jungen Körper hielt, schien zu zittern.

Ist es jetzt vorbei?

Die Frage formte sich in seiner Seele, ohne je sein Gehirn zu erreichen. Er taumelte. Iliana entglitt ihm und fiel zu Boden. Ein Loch klaffte in ihrer Brust. Er hatte genau das Herz getroffen.

Eine gewöhnliche Waffe hätte sie niemals töten können.

Der Gedanke erschien ihm fremd. Er stieß Murakama ungelenk in die Scheide zurück. Eine Blutlache breitete sich um seine Stiefel aus.

Er verharrte reglos, als Halgin neben ihm landete.

Was hast du getan?“, krächzte der Vogelkönig fassungslos. Er flatterte wild mit den Flügeln. „Warum?“

Azrael sah ihn verwirrt an, so als ob er die Worte des anderen nicht erfassen könnte. In seinem Verstand herrschte Leere.

Iliana war seine Schwester. Nein, sie war viel mehr. Das letzte Kind seines Vaters, das noch Hoffnung auf Erlösung hatte. Wer waren schon Seimos und er? Was sagte Irodeus noch gleich?

Der eine verbrennt wehrlose Frauen und der andere will die Menschheit gegen ihren Willen versklaven“, flüsterte er. Er sank auf die Knie. Was hatte er in den vergangenen Wochen wirklich erreicht?

Halgin entfernte sich kopfschüttelnd von ihm. In den schwarzen Augen des Königs stand grenzenlose Bitternis.

Scheinbar habt Ihr wieder versagt“, flüsterte Azrael kaum hörbar. „Iliana ist nicht nur gestorben. Ihr habt mir bei ihrer Ermordung geholfen.“

Halgin stieß ein Wort der Macht hervor, doch Azrael verzerrte schlicht den Raum seiner Hölle und saß mit einem Mal in der kleinen Menschenstadt. Dort waren sie, die Folterinstrumente. Er hatte den Menschen ein friedliches Leben angeboten, fernab aller gesellschaftlichen Konventionen und Zwänge, mit der Möglichkeit, alte Konflikte zu begraben und neue zu vermeiden. Und was taten sie?

Halgin tobte in der Ferne, doch er achtete nicht darauf. Er betrachtete stumpfsinnig die grässliche Bühne. Überall war es dasselbe. In Aminas, in Hrandamaer, sogar in Raureif. Wie konnte er nur hoffen, die Menschen je zu verbessern?

Saskia“, flüsterte er. Er war sicher, dass sie nun kommen würde. „Warum nur?“

Azrael musste sich nicht umwenden, um den gesegneten Windstoß zu fühlen. Seine Heiligkeit brannte auf seiner Haut.

Doch es war nicht Saskia, die vor ihm stand.

Esben.“ Azraels Stimme versagte. „Du auch?“

Esben nickte langsam. Er trug nicht mehr seine schmutzige Kutte, sondern einen weißen Mantel, gewoben aus Mondlicht. In seinem Arm lag ein Foliant, dessen Aura Azrael dazu zwang, sich abzuwenden.

Ich habe wohl versagt, nicht wahr?“, murmelte er. „Ich habe auf ganzer Linie versagt. Ich war anmaßend. Was habe ich erreicht? Irodeus ist besiegt. Aber ist er tot? Nein, ich fühle die Verbindung von Murakama. Er lebt. Und die Menschen? Wollen sie hören? Wollen sie mich annehmen? Nein. Und Iliana?“ Seine Stimme brach.

Esben erwiderte nichts. Er musterte ihn lediglich mit ausdrucksloser Miene.

Verdammt!“ Azrael schluckte, doch er schien an seinem eigenen Speichel zu ersticken. In der Ferne hörte er ein Wort der Macht, das die Erde erbeben ließ. Halgin gab nicht auf. „Bin ich wirklich so ein Narr?“

Ich kann dir diese Frage nicht beantworten“, entgegnete Esben. Seine Stimme klang hell und klar, wie Kirchenglocken an einem Feiertag. „Aber ich kann dich zu jener Person bringen, die es kann.“

Azrael fühlte ein Aufwallen heiliger Magie. Instinktiv griff er nach Murakama, doch hielt er sich zurück. Es spielte keine Rolle mehr. Er würde nun alles tun, um Saskia wiederzusehen.

Im nächsten Augenblick stand er in Folkvang. Mondlicht erfüllte die Halle wie sich sanft kräuselnder Rauch. Esben war verschwunden, doch dort, vor dem Thron mit der Feder, stand die eine Person, die seine Wunden heilen konnte.

Er hatte Saskia seit ihrem Tod nicht mehr gesehen, sondern nur von ihr gehört. Ihre gewaltigen Flügel und ihr Harnisch aus Mondlicht wirkten auf ihn wie prachtvolle Boten einer anderen Welt. In ihren Augen glitzerte eine allumfassende Sicherheit, die ihr eine höhere Macht verliehen zu haben schien.

Der Augenblick der Stille dehnte sich unendlich lange. Azrael tat einen tiefen Atemzug, so als wollte er seine Seele aushauchen und trat vor. Bereits beim zweiten Schritt sank er nieder.

Berith hat all das geplant, nicht wahr?“, stieß er schließlich hervor.

Ja.“ Saskias Stimme erzeugte wohlige Schauer auf seiner Haut. Er hatte sie noch nie zuvor sprechen hören.

Azrael kicherte. Er konnte nicht anders. Plötzlich schien alles auf grauenhafte Art und Weise Sinn zu ergeben.

Berith hat mir damals berichtet, dass du erwacht bist. Berith hatte Kontakte im Lager der Tempelsöhne und nach Hrandamaer. Er wollte Iliana von Anfang an als Gefäß für Irodeus benutzen, richtig? Deshalb hast du Iliana im Lager geheilt! Sie musste willig sein und ihr musstet sicherstellen, dass das Ritual während meiner Abwesenheit durchgeführt wird!“ Azrael hustete. „Aber warum? Warum wolltet ihr Iliana töten?“

Saskia schwieg. Ein Blitz teilte ihre vor Entschlossenheit funkelnden Augen.

Denk nach“, flüsterte sie.

Azrael schüttelte den Kopf. „Weil sie ein Dämon ist? Weil sie meine …“ Saskia schüttelte den Kopf und zog Esbens Kutte hervor. Er brach ab. Langsam verstand er.

Weißt du, wie Folkvang und Hornheim entstanden?“, fragte Saskia leise. „Durch einen uralten Fluch des letzten Königs von Hrandamaer, der Leben und Tod verdammte. Seitdem erheben sich die Toten in seinem Heimatland aus den Gräbern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.“ Saskia spreizte die Flügel und ein Speer aus Mondlicht manifestierte sich in ihren Händen. „König Androg verachtete nichts mehr als diese neue Religion, die ihm sein Reich genommen hatte, und den Tod, der ihm seine Familie raubte. Ein Fluch zwang die Lasterhaftesten unter den Menschen, als Dämonen oder als Elphahim wiederzukehren – um einander zu bekämpfen und die Welt mit Krieg und Leid zu überziehen.“ Ihre Augen funkelten. „Wir beide haben im Leben viel Schuld auf uns geladen, Teshin. Wir sind verflucht. Und nur ein verfluchtes Leben kann ein verfluchtes Leben retten.“

Unsinn!“ Azrael hustete erneut. Das strahlende Mondlicht schien sich in seine Lunge zu drängen und sie langsam zu zersetzen. Ein Aufwallen seiner Magie stieß die Heiligkeit aus seinem Körper. „Soll ich mich etwa opfern, um Iliana ins Leben zurückzuholen?“

So wurdest du ins Leben zurückgeholt“, erwiderte Saskia.

Azrael schnaubte erbost. Doch dann standen ihm die Ereignisse der letzten jahre wieder deutlich vor Augen und entsetzliche Müdigkeit befiel ihn. Was hatte erreicht? Worauf konnte er zurückblicken? Er alterte kaum und hatte diesen Vorteil nur benutzt, um zu kämpfen und Leid über andere zu bringen. War er es Iliana nicht letztlich sogar schuldig, diesem Mädchen, das stets ein Opfer war?

Wenn ich mich opfere“, flüsterte Azrael. „Wird Iliana als Dämon wiederauferstehen oder als Engel?“

Saskia zuckte mit den Schultern. Ihre gewaltigen Flügel erbebten. „Das hängt davon ab, ob sie dem Licht folgt oder sich der Dunkelheit erneut verschreibt.“

Azrael lachte unkontrolliert, Murakama entglitt seiner Hand und er fiel auf die Knie. Seine Augen weiteten sich, bis sie schmerzten, während er Folkvangs Fresken betrachtete.

Ja, ich verstehe!“, rief er lauthals. „Das war Beriths Plan! Er wusste, mich im Kampf zu besiegen wäre schwer – also erfand er eine Lösung. Er wollte, dass ich mich opfern muss – nicht, weil mich jemand dazu zwingt, sondern aus freien Stücken.“ Er schluckte und ein martialisches Grinsen entstellte sein Gesicht. „Aber diesen Gefallen tue ich euch nicht! Niemals! Ich werde die Menschheit retten!“

So wirst du das niemals schaffen“, entgegnete Saskia ruhig.

Azrael spreizte die Finger. Er konnte nicht verhindern, dass sich ein Kichern seiner Kehle entrang. „Beweise es mir. Beweise es mir, indem du mich jetzt und hier, an diesem Ort besiegst! Zwinge mich zu einer guten Tat, du Engel!“

Saskia nickte langsam.

Komm“, flüsterte sie.

Azrael hob Murakama auf und stieß sich kraftvoll vom Boden ab. Er schoss auf Saskia zu, ein glühender Blitz in Folkvangs schimmernder Heiligkeit.

Dann kreuzten sich ihre Waffen.

Bilder füllten Azraels Kopf und er schnappte nach Luft. Er sah Saskia als junge Novizin unter einem unerbittlichen Meister, er sah sie bei einer Hexenverbrennung jubeln und ihre Kräfte als Inquisitorin schärfen. Er sah den Verrat, den andere an ihr übten, weil sie eine Frau war, und ihre Flucht nach Aminas. Er sah, wie sie dem redseligen Söldner namens Teshin begegnete und letztlich in Hornheim ihr Leben verlor.

Azrael taumelte. Saskia folgte ihm langsam und vollführte einen schwachen Schlag. Azrael parierte mühelos, doch erneut füllten Erinnerungen seinen Kopf. Diesmal betrafen sie Esben. Als nächstes sah er Iliana, Berith, Malfegas, Ungoros und Velis. Dem nächsten Schlag versuchte Azrael auszuweichen, doch vergebens. Ashaya grinste ihn an, Abigor hob grimmig sein Schwert, Lifas und Elinor folgten Seimos auf seinen Feldzug nach Hornheim. Als letztes blickte ihn Arion an, mit von Trauer schwerem Blick.

Azrael schrie vor Schmerz. Er hatte all das Unglück der vergangenen Monate zu verantworten. Er war kein Held. Von dieser Sünde konnte er sich nie reinwaschen.

Er hatte verloren.

Saskias Speer war seine Rettung. Als sie ihn herausfordernd hob, sstürzte Azrael nach vorn. Ein Zittern ließ seinen Körper erbeben, als die willkommene Spitze sich durch seine Brust bohrte.

Stille kehrte ein. Er stand dicht vor Saskia, sein Körper eng an den ihren gepresst. Er spürte das warme Blut, das seinem Körper entfloh. Murakama entglitt ihm, diesmal für immer.

Werde ich je …“ Ein Blutschwall unterbrach seine Worte und er hatte das Gefühl zu ersticken. Sein Blick verschwamm und er sah nur noch Saskias leuchtende Augen. Sie beantwortete seine letzte Frage mit einem Nicken.

Azrael schluckte. Keine Pein war größer gewesen, als in die Seelen seiner Opfer und Untergebenen blicken zu müssen.

Er verschwand mit der Erkenntnis, dass Gottes Hammer nun endgültig gefallen war.

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Sechs Monate später

Aminas feierte.

Iliana betrachtete die tanzende Menge durch das flimmernde Licht des Nachmittags. Heute war Sankt-Esbens-Tag, ein Fest für jeden Menschen. Eine Woche lang fasteten die Bürger in Anbetracht dieses Ereignisses. In dieser Zeit durften keine Todesurteile vollstreckt werden. Jeder sollte diesen Tag, den Tag der Vergebung der Sünden, miterleben.

Ich wusste gar nicht, dass Menschen feiern können, ohne jemandem wehzutun“, flüsterte Velis neben ihr erstaunt. Ihr Sklavenmacher erntete verwirrte Blicke der vorbeigehenden Menschen. Niemand dachte an Folter und Tod.

Iliana zuckte mit den Schultern. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, trat Esben in ihr Blickfeld. Der ehemalige Wanderpriester reichte ihnen zwei Tüten mit Backwerk, die er von einer gebeugten Straßenhändlerin erstanden hatte. Iliana dankte ihm lächelnd. Velis betrachtete die Süßigkeiten verwirrt, so als ob sie nicht genau wüsste, was damit anzufangen wäre.

Und?“, fragte Esben mit einem verschmitzten Lächeln. „Wie fühlt man sich als Königin von Hornheim auf einem solchen Fest? Brüskiert Euch das muntere Treiben?“

Iliana tat, als werfe sie mit einem Kieselstein nach ihm. „Sei du bloß still, du unsterblicher Engel.“

Esben verschränkte die Arme vor der Brust. Sein strahlend weißer Mantel reflektierte das Sonnenlicht. „Als ich deine Einladung erhielt, dachte ich zunächst, ich höre nicht recht.“

Iliana lachte. „Kann ich mir denken. Aber ich schulde Folkvang mein Leben. Dass ich zufällig als Dämon zurückgekommen bin, ändert nichts daran. Folkvang und Hornheim müssen nicht stets Feinde bleiben.“

Das ist radikal“, murmelte Esben. „Vergiss nicht, wir sind wie Tag und Nacht. Folkvang ist ein Thron der Engel, Hornheim eine riesige Folterkammer.“

Iliana zuckte mit den Schultern. „Die Dinge können sich ändern. Arion wollte aus mir eine Herzogin machen, Irodeus einen Folterknecht und Arinhild ein Dorfmädchen. Die Dinge müssen nicht immer einen vorgezeichneten Weg gehen.“ Dabei blickte sie Velis an, die verzückt errötete, als sie eine der Süßigkeiten probierte.

Esben seufzte. „Vermutlich hast du recht.” Kurz hielt er inne und ließ seinen Blick in weite Ferne schweifen. Wir können wohl alle noch viel von dir lernen.“

Iliana lächelte. Aus den Augenwinkeln sah sie Halgin, der das Geschehen von einer Dachkante aus aufmerksam beobachtete. Er hatte sich nicht von ihr abgewandt. Sie würde Hornheim verändern, sodass auch er die Existenz von Dämonen akzeptieren konnte.

Gottes Hammer war gefallen. Nun konnte eine neue Zeit anbrechen.

 

Saigels Irr(e)lichter – Die Schreibatmosphäre

Besonders jetzt, in der kalten Jahreszeit, wenn der Schnee fällt und es früh dunkel wird setzt sich der Autor doch auch mal früher an den Schreibtisch und lässt sich mit einem Blick nach draußen von der Atmosphäre einfangen. Schreiben erzeugt eine gewisse Atmosphäre, so ähnlich wie das Lesen.

Sind die äußeren Einflüsse wie, Wetter, Hintergrundgeräusche, Ort etc. wichtig für das Schreiben? Kann hinterher gar herausgelesen werden, dass sich der Autor, sonst stets zuhause schreibend, während des Erstellens dieses einen Kapitels im Zug befand? Schreibt der Schreiber anders an anderen Orten? Kann er abgelenkt werden von seiner Welt auf Papier?
Selbst von den großen Schriftstellern werden Bilder verbreitet, die deren Schreibtische oder Büros zeigen. Bilder eben jener werden ebenfalls zumeist während des Schreibens gemacht. Sogar so manches Museum beinhaltet den Schreibtisch eines längst verstorbenen Autors, dessen Name die Jahrhunderte überdauert hat.

Es ist eine interessante Frage, welche Art von Atmosphäre nötig ist um schreiben zu können. Muss es still sein, oder laut? Muss die Sonne scheinen, oder muss es regnen. Muss der Schreibtisch in Unordnung versinken, oder fein säuberlich sortiert sein? Muss es am Schreibtisch geschehen, oder unterwegs, im Zug, auf der Arbeit? Wann kann ein Autor schreiben? Wann kann er überarbeiten? Noch einmal lesen? Wieder überarbeiten?

Ich glaube, das Schreiben selbst, das Konzentration erfordert, erzeugt die Atmosphäre. Allerdings kann ein ruhiger Ort mit einem schönen Ausblick dies wohl eher zulassen als ein hektischer Platz. Die Lust am Schreiben hat wohl auch mit dem Wetter nur so weit etwas zu tun, dass schlechtes Wetter wohl eher dazu verleitet sich lieber einmal zurückzuziehen um zu schreiben. Offenbar gibt es aber Autoren, die das anders sehen. Einige können nicht schreiben, wenn sie nicht an dem einen gewohnten Platz sind, den sie dafür erdacht haben. Andere schreiben ausschließlich im Winter. Wieder andere schreiben überall aber nur mit Stift auf Papier.

Der Sprung in die Professionalität bedeutet hier wohl weitere Einschränkungen. Die produktive Phase im Winter reicht dann wohl nicht mehr aus. Konzentrationsfähigkeit kann trainiert werden, weshalb ich darauf schließe, dass das ausdauernde Schreiben genauso geübt werden kann. Aber ist die Atmosphäre dann noch dieselbe? Schlägt sich eben dies in dem Geschriebenen dann auch nieder?

Derjenige der dies gelesen hat ist dazu eingeladen, seine eigene Schreibatmosphäre in den Kommentaren zu beschreiben.

Eure Saigel

Murks – von Saigel


„Guten Tag Herr Direktor. Sie wollten mich sprechen?“

„Ja bitte, nehmen Sie Platz, Inspektor Klotz.“

„Danke. Was gibt es denn so Dringendes?“

„Ich möchte mit Ihnen über Ihre Arbeit sprechen. Über die Akte 5869.“

„5869… Mhm.“

„Das war ziemlicher Murks.“

„Murks? Ja. Der wurde abgemurkst.“

„Nicht der Mord, Ihre Arbeit!“

„Ich habe niemanden getötet. Wie kommen Sie darauf?“

„Nein! Ihre Arbeit war Murks!“

„Meine Arbeit war es, zu ermitteln. Ich hatte nicht die Anweisung jemanden zu ermorden.“

„Ihre Ermittlung war Murks, Inspektor Klotz! Darüber möchte ich mit Ihnen sprechen! Die Leiche lag fünf Tage im Wasser bevor Sie sie da herausgezogen haben!“

„Aber das lag doch nicht daran, dass ich dem armen Teufel selbst den Hals umgedreht habe! Wir konnten nicht früher ans Wasser ran!“

„Warum nicht?“

„Na, wegen der Spurensicherung!“

„Im Wasser?!“

„Nein! Am Tatort! Da waren so viele Spuren!“

„Weil Sie mit Ihrer Mannschaft da durchgetrampelt sind, wie der Elefant im Porzellanladen!“

„Aber was hat das mit dem Abgemurksten zu tun?“

„Nichts! Sie haben das vermurkst und Sie werden die vollen Konsequenzen tragen! Vom Seuchenschutz bis zu den wütenden Angehörigen!“

„Komme ich jetzt ins Gefängnis?“

„Sie werden suspendiert, wenn Sie sich weiter so aufführen!“

„Also gut. Ich werde alles tun was sie verlangen, aber ich werde keinen Mord gestehen den ich nicht begangen habe!“

„Sie haben die Ermittlungen in den Sand gesetzt, Herr Klotz! Sie werden sich rechtfertigen!“

„Herr Direktor! Der Sand war nötig um die Leiche aus dem Wasser zu ziehen, das weiß doch nun wirklich jeder!“

„Ok, lassen Sie es mich anders formulieren: Sie haben die Ermittlungen verhackt!“

„Der war schon so, als wir zum Tatort kamen!!!“

„Verflucht Herr Klotz, verlassen Sie augenblicklich mein Büro!“

„Aber die Leiche! Bin ich jetzt verdächtigt, oder wie?“

„Raaaaaaus!“

„Otto! Was wollte jetzt der Chef?“

„Der meint, ich hätte den Mann aus 5869 selber abgemurkst.“

„Heftig!“

„Ich muss das Land verlassen, sonst fahre ich noch unschuldig ein!“

„Stimmt, mach lieber schell!“

„Ja ist besser so. Sicher ist sicher.“

7 mm

Sieben Millimeter
Nicht mal ein Fingernagel
Noch gar nicht richtig echt
Im Grunde fast nicht da

Sieben Millimeter
Bringen alles durcheinander
Sind Freude und Hoffnung
Und schlaflose Nächte

Sieben Millimeter
Das sind winzige Finger
Ein Kopf, viel zu groß
Und ein Herz, das schlägt

Und schlägt
Und schlägt

Ganz dicht unter meinem
Fleißig und tapfer
Muss wachsen und formen
Werden und sein

Sieben Millimeter
Sind auf einmal die Welt
Machen Herzen weicher
Bande stärker Glück greifbar

Sieben Millimeter
Im Grunde fast nicht da
Sind jetzt schon geliebt
Behütet und nah

by Rebekka Steltzer

Leben im Meer

Tag für Tag gehe ich die Straße entlang. Baustellenlärm umhüllt mich. Ich sehe den tristen Backsteinhäusern dabei zu, wie sie die Segel setzen und sich stetig weiter in Schwindel erregende Höhen hinauf schrauben. Stets sind die Menschen bestrebt darum, den höchsten Punkt der Stadt für ihre Beobachtungszwecke zu nutzen. Es ist ein Privileg, die sich aneinander brechenden Wellen aus Stein und Stahl, die wild spritzende Gischt von Menschen und Autos sowie die ewig grollende Geräuschkulisse der lebendigen Stadt aus sicherer Entfernung zu betrachten. Über immense Höhen durch unzählige Stockwerke gefiltert, ist kaum noch etwas von den Ausmaßen der aufeinanderprallenden Ungetüme zu hören, die hier im endlosen Meer der Großstadt ihren jahrhundertealten Zwist miteinander austragen.
Ich war noch nie dort oben in den Wolken, von wo aus dieses staubaufwirbelnde Wirrwarr lediglich zu beobachten ist. Ich bin hier unten, eigentlich schon immer. Dennoch bin ich nicht traurig darum, da mich die tosenden Gewalten selten noch mit Angst und Schrecken erfüllen. Sie wüten in blinder Raserei die Straßen entlang und doch bin ich froh, sie mit ihren eigenen Konflikten beschäftigt zu sehen. Denn wenn ich auf meinem Heimweg den ewigen Kampf beobachte, der so vollkommen in sich verstrickt, nicht ein einziges Mal zu mir aufsieht und mich schlicht nicht bemerkt, erinnere ich mich des Öfteren an andere Zeiten.

Damals war ich noch ein junges Mädchen, unfähig, die Gewaltigkeit um mich herum zu begreifen, unmündig, gehetzt, nach Sicherheit und Frieden lechzend. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie noch vor mir: laut miteinander zankend, in solch ungeheuerlicher Wut ineinander verbissen und gekrallt, durch die Straßen tobend, ohne ein Ende zu sehen, ohne sich loszulassen, ohne zu vergeben.
Hass floss durch die Stadt, vergiftete Gischt und Herzen, nistete sich ein, erfüllte die Luft, kontaminierte selbst den letzten Aufrechten mit schaurig fauligem Atem. Nichts und niemand konnte fliehen. Wie durch Marionettenfäden geführt, entwickelte sich ein grausiges Schauspiel, das die Meereswasser mit dem Anblick der Zerstörung und des Todes färbte.
Die Tränen, die ich und die anderen Verlorenen in die brüllenden Strudel weinten, wurden sofort blutrot, unfähig, der bereits verdorbenen Flüssigkeit Mitgefühl beizumischen.
 
Heute begebe ich mich gerne auf die belebten Straßen. Nach einem langen Tag genieße ich es, nachhause zu spazieren, hier und da stehen zu bleiben und mein rotes Kopftuch zurechtzurücken, das ich zu meinem Schutz trage. Sollten sich einmal die Wassermassen schlagartig ändern und mich mitreißen, werden mich die Gaffer dieses Mal nicht von oben erkennen. Die grollende Welle wird mich mitnehmen, mich entweder ertränken, oder mich leben lassen. Habe ich doch zu lange Zeit auf Hilfe von oben gehofft, mich nach starken Händen gesehnt, die sich mir, durch die Wasseroberfläche drängend, geöffnet darboten. Ich wünschte, sie als rettenden Anker zu ergreifen und mich zu ihnen herauf zuziehen, in das abgeschottete Nichts der Höhe, die unberührt und trocken keinerlei Gefahren barg.
Schmerzlich sticht mich die Erinnerung an weit aufgerissene Augen, zusammengepresste Münder, die ihre Hände fest hinter dem Rücken verschränkt, dort oben verweilten, und keine Anstalten machten, ihr Exil zum Teilen anzubieten. Wie sehr beweinte ich mein dunkles, langes Haar, das sich klar abzeichnete, sich, wild um meine Ohren peitschend, in den speienden Fluten kräuselte. Schmerz, Enttäuschung und Angst bündelten sich in der niederschmetternden Erkenntnis, dass ich mein Elend ertragen musste, alleine, ohne Hilfe, wie ein Ausstellungsstück im Museum. Hinter dickem Glas, um die wütenden Gewässer nicht zu den Zuschauern hindurchzulassen, beobachteten sie meinen Überlebenskampf. Gerührt, manche von ihnen indifferent, andere gelangweilt, alle jedoch untätig verharrend ob der Möglichkeit, die Geschichte zu ändern. Das passive Kollektiv hatte mir den Lebensfunken genommen, einfach so, gestohlen und als wertlos ausrangiert. Diese schweigende Gemeinschaft, der Grund, weshalb das Wasser erst in derart unwirtliche Höhen ausschlagen konnte, ließ die Hoffnungslosigkeit Einzug halten und schmerzte mich in dieser ohnehin dunklen Zeit auf grausamste, unmenschliche Weise.
Heute trage ich es, das rote Kopftuch. Das mich unsichtbar macht, mich ohne wallendes Haar durch die blutigen Ströme irren, mich ungesehen und unbemerkt verschwinden lässt, ohne Aussicht auf Rettung. Ohne Hoffnung, die, einst bitter enttäuscht, den sicheren Tod für mich bedeutete, ließe ich sie ein zweites Mal aufglimmen. An der Wurzel reiße ich die Zuversicht in jene dort oben jeden Tag erneut aus der Erde, bis ich sicher bin, dass kein Körnchen mehr ein Nachwachsen bedingen, dass es auf immer fort ist und nie wiederkehren kann. Mein Kopftuch fest auf dem Haupt, blutrot und scheußlich, lässt mich ohne Angst vor dem, was noch kommen kann, die friedlichen Tage genießen.
 
Ich wende mich nach links und betrete den schmalen gepflasterten Weg, aus dessen Ritzen grün lebendige Pflanzen hervorschauen. Ich lächle und schüttele meine Gedanken an die Vergangenheit ab. Erleichtert sauge ich klare Luft ein, die von den Bäumen in meinem Garten gefiltert und fein durch meine Lungen fährt wie die leibhaftige Erlösung. Die Haustür ist klein und unscheinbar, doch sie verbirgt eine Oase der Ruhe und Harmonie.
Ich öffne die Tür und entgegen schwappen mir zwei Enkelkinder, die schon zappelig darauf gewartet haben, mich endlich wieder in ihre Arme schließen zu können. Meine Tochter und ihr Mann bereiten, sich verliebt neckend, in der Küche das Abendessen zu.
Mein Mann sitzt in seinem Schatten vor dem Kamin und blickt ins Feuer, das das kühle Nass für diesen Moment noch von ihm fernhält. Auch wenn er es möchte, kann er zunehmend weniger die Haustür hinter sich schließen. Ich bin dankbar dafür, dass ich das noch kann. Von ganzem Herzen lachend begrüße ich ihn mit einem Kuss auf die Stirn und folge den Kindern, den für sie unsichtbaren Schatten noch einmal abschüttelnd, um ihre neu gebaute Höhle ehrfürchtig zu bestaunen. Das Abendessen schmeckt köstlich, gerade so, als seien alle Zutaten aus dem süßesten Zucker. Hier möchte ich sein. Zuhause.
Oftmals bemerke ich die gewaltigen Wogen an unseren Fensterläden vorbeiziehen, spüre die Blicke aus unbedrohter Höhe auf mir und erkenne die Angst fadenscheinig anklopfen, heuchlerisch lächelnd, wohl wissend, dass ich gegen ihr Eintreten machtlos bin. Dann versuche ich mich abzulenken, mich mit den Kindern in einem Buch zu verlieren oder mich mit meiner Tochter in einem langen Gespräch zu amüsieren.
Bin ich jedoch ganz allein und nähere mich dem Sessel vor dem Feuer, der bald schon nur noch eine dunkle, leere Hülle beherbergt, dann erinnere ich mich an mein Kopftuch, das an einem Haken neben der Haustür aufgehängt, hier drinnen zuweilen einem nutzlosen Gegenstand glich, der mit wachsender Hoffnung an Wert verlor… und dann bin ich sicher, dass ich den einen Schatz besitze, der mich aus den Tiefen des Meeres nach dort droben hinauflächeln lässt.

Eine sinnvolle Reise – von Saigel

Die Wellen schlagen mir gegen die Fußknöchel. Um mich herum ist nur das Rauschen des Meeres zu vernehmen. Das Wasser ist kalt und ich frage mich, weshalb ich überhaupt die Socken und Schuhe ausgezogen habe. Einerseits friere ich beträchtlich, andererseits kann ich es nicht lassen, die Füße in dieses fremde Wasser zu halten und für einen kurzen Moment Teil davon zu sein.
Vor allem sieht es friedlich aus. Es ist weder aufgewühlt, noch trüb. Im Grunde ist es alles, was ich nicht bin. Irgendetwas ist da in mir, das mir zu schaffen macht. Um die ganze Welt bin ich gereist, Stunden um Stunden habe ich im Flieger gesessen, in Taxis die Nase an die Fensterscheibe gedrückt und in irgendwelchen billigen Hotels meinen Jetlag ausgeschlafen. Das alles nur um mich jetzt hier zu finden. An diesem Steg, der normalerweise gut besucht ist, wenn die Sonne scheint und das Wasser nicht so eisig kalt an die Ufer drängt.
Ich habe weder eine Flasche Wasser dabei, noch eine Kleinigkeit zu essen. Ich habe nicht mal Geld, weil ich noch nicht dazu kam, eine der Wechselbuden aufzusuchen. Eigentlich habe ich nur den Schlüssel zu meinem neuen Zimmer in der Tasche. Die Schuhe, in denen ich die acht Kilometer bis zum Ufer gelaufen bin, stehen neben mir und fragen mich mit großen Augen, was ich hier gerade mache. Die einzelnen Passanten bleiben mit den Gesichtern an mir hängen, obwohl sie eilig vorbeigehen. Das alles bemerke ich und doch sehe ich nur das Wasser, das hier an diesem Ort irgendwie anders ist. Der Wind peitscht meine Haare auf und lässt sie in alle Richtungen fliegen. Meine Wollmütze liegt in meinem Koffer unter dem Bett in meinem neuen Zimmer. Gleich neben ihr liegen auch meine Handschuhe, weshalb meine Hände in den Jackentaschen frieren. Alles was ich tun müsste wäre aufzustehen, die Schuhe wieder anzuziehen und zügig wieder nachhause zu gehen. Nachhause. Da, wo mein Koffer unter dem Bett liegt. Da, wo ich dieses eigentümliche Rauschen nicht hören kann. Dieses seltsame Wasser, das mich verzerrt spiegelt, während ich es mit meinen Blicken zu durchlöchern versuche. Es ist still und gibt nicht preis, wie es zu seiner Ruhe gelangt.
Ich muss wohl noch einige Male herkommen um zu begreifen, wie das geht. Aufgewühlt und in trüber Stimmung verlasse ich also den Steg und mache mich in meinen warmen Schuhen zurück auf den Weg.
Irgendwann werde ich von dieser Reise erzählen. Ich werde darüber berichten, was ich erlebt und gesehen habe. Ich werde die Menschen mit tollen Landschaftsaufnahmen beeindrucken und sie verträumt die Köpfe zurücklehnen lassen. Doch das hier, was ich hier im Eigentlichen mache, das werde ich, wie sonst auch, niemandem erzählen. Es wird keine Fotos von diesem Steg geben und an dieses Wasser werde ich mich lediglich erinnern, wenn ich alleine bin. Dieser Steg, das Wasser und der Sinn meiner Reise, all das bleibt tief verborgen. Irgendwo vergraben, bis ich verstehe, warum ich 18.400 Kilometer geflogen, 40 Kilometer gefahren und acht Kilometer gelaufen bin, nur, um meine Füße in eiskaltes Wasser zu hängen.

Gottes Hammer: Folkvang X

Esben trieb in völliger Finsternis. Er fühlte sich wie in einem warmen Meer, das ihn von allen Gedanken und Widrigkeiten der Realität befreite. Farblose Wellen umspülten seinen reglosen Körper.

Dann geschah es.

Mit einem Mal wurde die Schwärze zerrissen und er schlug die Augen auf. Verwirrt blickte Esben um sich. Die Orientierungslosigkeit umnebelte seinen Verstand wie wohlriechender Dampf. Aber schnell verdrängte der Geruch nach Schwefel seine Verwirrung.

Esben lag auf schwarzer Erde, der alte Foliant und sein Gerüst waren verschwunden. Rauchschwaden blockierten die Sicht auf seine Umwelt, aber Esben hörte Geschrei und Stöhnen. Er sah, wie schemenhafte Gestalten in wirren Bewegungen am Rand seines Sichtfelds vorbeirannten. Flüssiges Feuer brodelte in Gräben neben ihm.

Esben sank entkräftet zu Boden. Seine letzte Erinnerung war Elinors erschrockenes Gesicht, als er sie im Lager der Tempelsöhne verhörte. Jemand musste ihn hinterrücks angegriffen haben!

Es konnte nur Abigor gewesen sein. Esben wusste nicht, welches prekäres Geheimnis der Tempelsohn hütete, aber es musste Ashaya und Berith betreffen.

Esben atmete tief durch und ließ seinen Blick über die nahe Umgebung schweifen. Sein Hinterkopf schmerzte, als ob tausend Nadeln sich gleichzeitig in ihn bohrten. Seine Nemesis war nicht zimperlich gewesen.

Plötzlich erklang hinter ihm eine Stimme. „Gut geschlafen?“

Esben wirbelte herum und erblickte Velis’ ausdrucksloses Gesicht. Die mädchenhafte Dämonin musterte ihn aus flackernden Augen, während sie ihre Hände vor der Brust verschränkt hielt. Esben entging nicht, dass sie noch immer das stachelige Halsband trug, das sie während ihres Aufeinandertreffens in Hornheim als Sklavenmacher bezeichnet hatte. Scheinbar war es Azrael nicht gelungen, sie von dem Fluch zu befreien.

Wo bin ich hier?“, fragte Esben leise. Die Antwort lauerte in seinem Innersten hinter einer Fassade aus Selbstschutz.

In der Hölle“, entgegnete Velis schlicht.

Esbens Hand fuhr zu seinem Hinterkopf. Ein entsetzlicher Verdacht nahm in seinem Kopf Gestalt an. „Bin ich etwa … gestorben?“

Kurz herrschte Schweigen und nur das Stöhnen der Schemen umschmeichelte die Stille. Dann brach Velis plötzlich in lautes Gelächter aus. Auf seltsame Weise beruhigte das Geräusch Esben. Es wirkte kindlich, nahezu unschuldig.

Ich dachte, du glaubst nicht an uns?“, fragte sie neckisch.

Ich glaube nicht an Azraels Göttlichkeit“, korrigierte Esben. „Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Hölle existiert.“

Velis neigte den Kopf. Nun wirkte sie wieder ernst. „Damit liegst du gar nicht so falsch. Azrael hat diesen Ort schließlich selbst erschaffen.“ Sie breitete die Arme aus, so als ob sie die gesamte Welt umfassen wollte. „Eine eigene Welt in einer Welt.“

Esben starrte sie erstaunt an. „Was? Azrael hat …“

Velis streckte ihm eine Hand entgegen. „Komm mit, dann verstehst du es vermutlich besser.“

Zögerlich ergriff Esben ihre wartenden Finger. Welche Möglichkeiten boten sich ihm schon? Er wusste nicht, wo er sich befand oder wie er diese furchteinflößende Welt verlassen konnte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als nach dem Szenario der Dämonen zu handeln.

Velis führte ihn zielsicher durch den Rauch. Esben hustete und schirmte Mund und Nase mit seinem Unterarm ab. Schmerzhaft wurde ihm das Fehlen des Folianten ins Bewusstsein gerufen. Die Magie des Buches hätte die dämonischen Blendwerke vernichten können. Ein Schauer der Angst ließ Esben erzittern. Er war nun kaum mehr als ein normaler Mensch. Seine mäßige magische Kraft konnte ihn hier nicht schützen.

Plötzlich tauchte aus den schwarzen Schwaden ein Mensch auf, am ganzen Körper geschunden und blutig, der mit lauten Schreien und wie ein Irrer gestikulierend über den felsigen Untergrund lief. Erstarrt folgten Esbens Blicke der grässlichen Gestalt, die wild zuckend an ihnen vorbeiraste und wieder im Schutz des dichten Rauchs verschwand. Die Schreie wurden immer leiser, bis sie schließlich erstarben.

Was … was war das?“, fragte Esben heiser.

Velis seufzte. Melancholie lag in ihrer Stimme, als sie antwortete. „Ein Schemen, nichts weiter.“

Das war doch … ein Mensch!“, stieß Esben zitternd hervor. „Was ist ihm zugestoßen?“

Velis ergriff seine Hand fester, während sie an einem besonders tiefen Graben vorbeigingen. „Was bringt dich zu der Annahme, diese Gestalt sei ein Mensch gewesen?“

Esben sah Velis an. Wollte sie ihn verhöhnen? Er räusperte sich. „Das war ja wohl kaum zu übersehen. Er hatte Arme und Beine, also muss er ein Mensch gewesen sein.“

Velis hielt an und erwiderte seinen Blick. Das blutrote Leuchten ihrer Augen wurde intensiver. „Was ist mit mir? Ich habe auch den Körper eines Menschen.“

Esben fluchte innerlich. Er wollte sich auf keine Diskussion einlassen!

Das ist eine Frage der Gesinnung“, erwiderte er knapp und wollte weitergehen.

Velis hielt ihn zurück. „Ich habe es versucht.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich habe wirklich versucht, ein Mensch zu sein.“ Ihre großen Augen funkelten und die dünnen Finger ihrer verbliebenen Hand strichen über das dunkle Halsband.

Esben entwand sich ihr. „Jetzt tu nicht so scheinheilig!“, brüllte er. Die Panik schürte seine Wut. „Ihr seid Dämonen! Ihr holt Menschen hierher und FOLTERT sie!“

Velis’ Augen blitzten erbost. „Warum denkst du das? Weil Sitraxa es so gemacht hat?“

Willst du mich verarschen?“ Die Unsicherheit und die vielen Gefahren der letzten Tage machten sich bemerkbar. Ein Held wie Halgin hätte vermutlich selbst in dieser Situation Haltung bewahrt und Velis majestätisch Paroli geboten, aber der Strudel der Ereignisse hatte jegliche Heldenhaftigkeit aus Esben herausgezwungen. „Sieh dich doch um! Das hier ist doch Beweis genug!“ Der Priester vollführte wilde Gesten. „Und hast du vergessen, dass ich in Hornheim war? Dort ist alles voller Verliese und Kerker! Ein gottloser Ort!“

Velis erwiderte nichts. Stattdessen ergriff sie wortlos den Rand ihres Hemdes und zog es hoch, bis Esben ihren Bauch sehen konnte.

Der Priester erstarrte.

Brandnarben überzogen die ehemals weiche Haut, sodass sie wie ein zerklüftetes Felsenmeer wirkte. Esben erkannte einen eingeritzten Schriftzug in dem Zeugnis von Schmerz und Leid. Unhold, stand dort geschrieben.

Esben sank entkräftet zu Boden und mit einem Seufzen bedeckte Velis ihre Blöße erneut. Als sie zu sprechen begann, wirkte sie wesentlich älter.

Mein Vater war ein grausamer Dämon“, erzählte sie und strich dabei über ihr Halsband. „Er hat Mägde aus Raureif geraubt und meine Mutter gezwungen, ihm … Vergnügen zu bereiten. So … bin ich entstanden. Unbeabsichtigt.“

Velis’ Augen füllten sich mit den Erinnerungen vergangener Zeiten. Sie blickte in den Rauch, so als ob sich die Bilder dort neu bildeten. „Aber dennoch hat mein Vater niemandem je zum Spaß Schmerz zugefügt, auch wenn viele das behaupten. Er hat es getan, weil er es zum Leben brauchte. Seine Magie als Dämon hatte ihm ewiges Leben geschenkt, aber eben zu diesem Preis. Er verachtete sich selbst und in grausigen Anfällen von Hass geißelte er sich oft bis zur Bewusstlosigkeit. Seine gesamte Welt bestand nur aus Schmerz. Wie auch meine.“

Velis erschauderte. „Als ein mächtiger Inquisitor von Astaval in Hornheim eindrang und meinen Vater trotz seiner Unsterblichkeit tötete, wurde ich befreit. Aber ich kannte das Leben jenseits der vertrauten Mauern des Verlieses nicht. Ich kannte kein Leben, in dem man stundenlang keinen Schmerz verspürt. Also flehte ich die Knechte des Inquisitors an, mir Schmerz zuzufügen.“

Velis strich über ihren Bauch. Übelkeit überkam Esben, als er verstand, worauf sie hinauswollte.

Ich trug davor schon einen Sklavenmacher, aber ich hatte nie Narben“, flüsterte Velis. „Dafür hat mein Vater gesorgt. Aber an jenem Tag bekam ich mehr als genug Narben und dazu noch einen Schmerz, der jenseits aller Vorstellungskraft stand.“ Velis stöhnte. „Glühendes Eisen. Die Knechte haben pausenlos gelacht und sich betrunken. Für sie war es ein Spiel. Sie betrachteten mich nicht als Lebewesen, sondern als … Ding, mit dem der Besitzer tun und lassen kann, was auch immer er will.“ Velis’ lodernder Blick ruhte auf Esben. „Hast du schon einmal so etwas erlebt, Priester? Wenn Menschen außer Kontrolle sind?“

Esben dachte an den Lynchmord an seiner Schwester und nickte traurig. „Warum?“, flüsterte er. „Warum erzählst du mir das?“

Velis ging auf ihn zu und ließ sich vor ihm nieder. „Du liegst richtig“, sagte sie leise. „Wir Dämonen sind keine Menschen mehr. Sowohl im schlechten, als auch im guten Sinne.“ Sie erhob sich und deutete auf die Stelle, an der die geschundene Gestalt im Rauch verschwunden war. „Das war übrigens ein Hrandar von Berengar. Wir lassen sie einmal pro Tag durch die Gegend rennen, um den Verdammten Angst einzuflößen.“

In einem letzten verzweifelten Versuch begehrte Esben auf. „Was ist mit Sitraxa? Sie genoss es, Menschen Leid zuzufügen!“, rief er.

Velis erwiderte nichts. Stattdessen zog sie den gewaltigen Folianten hervor, so als ob sie ihn aus Luft bildete. „Beschwöre sie“, flüsterte sie. „Dann wirst du die Wahrheit erkennen.“

Ehe Esben eine Antwort finden konnte, war Velis verschwunden und das dicke Buch lag vor ihm im Staub der Hölle.

König Azrael.“ Berith sank vor dem Dämon auf ein Knie.

Azrael nickte und bedeutete ihm, sich zu erheben. Eine Sorgenfalte spaltete seine Stirn. Scheinbar quälte ihn wieder die Stimme, deren Herkunft niemand kannte.

Berith.“ In einen prächtigen schwarzen Mantel gehüllt, wirkte Azrael wie ein Edelmann. Das prächtige Schwert Murakama lehnte an seinem Thron.

Berith räusperte sich. „Soll ich mich nun um Esben kümmern?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Er ist fürs Erste aus dem Verkehr gezogen, aber er wird uns später noch gute Dienste leisten. Mehr Sorgen bereiten mir Abigor und unsere Kontaktperson im Heerlager der Tempelsöhne.“

Berith schluckte. Diese Antwort missfiel ihm. „Ashaya kümmert sich bereits um sie.“

Genau das macht mir Sorgen.“ Azraels Augen funkelten. „Sie war gerade erst hier und wollte Esben abholen.“

Berith nickte. Er hatte ihr diesen Auftrag gegeben.

Azrael knurrte. Er wirkte wie ein Raubtier. „Eine Sterbliche. Hier, in Hornheim? Berith, sie weiß bereits jetzt zuviel. Du verlässt dich zu sehr auf sie.“

Fürchtet Ihr, sie könnte uns verraten?“, fragte Berith, ohne Emotionen zuzulassen.

Azrael blickte in die Ferne. Er schien der Frage ausweichen zu wollen. „Die Sache mit Iliana und Lifas lassen wir sie noch erledigen, aber um Medardus und Abigor wird sich unsere Kontaktperson kümmern. Aminas indes werde ich jemand anderem überlassen.“

Beriths Herz setzte einen Schlag aus. „Habe ich … habe ich gefehlt, Herr?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich brauche dich hier. Das Ultimatum ist bald vorbei. Der Kampf steht kurz bevor und diesmal wird es kaum so einfach werden wie in Aminas.“ Seine Augen funkelten. „Aber wenn wir es schaffen, Medardus auf unsere Seite zu bringen, haben wir gewonnen.“

Berith sah ihn erstaunt an. „Was macht Euch so sicher?“

Ein leises Lächeln umspielte Azraels Lippen. „Er stammt aus Astaval. Ich kenne ihn noch aus Kindestagen. Seither hat er sich einen großen Namen gemacht. Wenn wir ihn haben, wird uns niemand mehr ernsthaften Widerstand leisten können.“ Sein Blick fiel auf Beriths Rüstung. „Halte dich bereit. Bald ist es soweit.“

Berith nickte und erhob sich. Eine Schlacht stand bevor.

Rezension zu „Die Phileasson-Saga – Himmelsturm“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus

Das Buch Die Phileasson-Sage – Himmelsturm

Die Autor Bernhard Hennen / Robert Corvus

Genre Fantasy

ISBN 978-3-453-31752-9

480 Seiten inkl. Bonusmaterial

Preis 14,99 €

Heyne Verlag

Informationen zu den Autoren und Büchern:

 

http://www.phileasson.de/ph_romane.shtml

Die Handlung:

Asleif Phileasson und seine Mannschaft sowie Beorn mit seinen Begleitern kommen am Himmelsturm an. Nun gilt es für die beiden thorwalischen Kapitäne und deren Mitglieder diesen mysteriösen, elfischen Turm mitten im Eis zu erforschen sowie dessen Geheimnisse zu lüften.

Während die beiden Kapitäne in unterschiedliche Richtungen ausschwärmen, verfolgen sie weiterhin ihren eigenen Weg um den Titel „König der Meere“ zu erlangen.

Auf ihrer Entdeckungstour stellen sich den beiden Schiffsmannschaften nicht nur Rätsel entgegen. Um den ein oder anderen Kampf kommen sie leider nicht herum, wobei sie auch mal einen Wegbegleiter verlieren.

Doch was sie nicht ahnen, ist die Herausforderung in den Tiefen des Himmelsturmes…

Mein Eindruck:

Noch immer hänge ich den Erinnerungen an meine Zeit als DSA-Spieler hinterher und doch ist auch das zweite Abenteuer der Saga in dieser Form eine ganz andere Erfahrung als zu der Zeit als ich selbst gespielt habe.

Die Schreibweise der beiden Autoren führen mich als Leser locker durch die Handlung und ermöglicht es so mit dem ein oder anderen Charakter mitzufiebern

Die Geschichte ist natürlich in einem Roman verpackt ein wenig anders im Erleben im Gegensatz zum DSA-Abenteuer.

Mein Fazit:

Für mich ist der zweite Teil der Phileasson-Saga eine wunderbare Fortsetzung des ersten Bandes und führt die klare Ausdrucksweise der beiden Autoren weiterhin locker durch das Geschriebene. Wer also neugierig darauf ist, was im zweiten Band geschieht nachdem er den ersten Band gelesen hat, sollte diesen auch in die Leseliste übernehmen.

Gottes Hammer: Folkvang IX

Iliana entsann sich der Worte des Dorfpriesters in Raureif, der die Hölle als heißen, trostlosen Ort beschrieben hatte, in dem man in vollkommener Einsamkeit umherirrte. Jedoch nur dann, wenn man zu den Glücklichen zählte. Die schlimmeren Sünder, die Ketzer, Mörder und Hexen wurden von den Dämonen gequält. Dennoch war Ilianas Vorstellung von der Hölle immer einem weitläufigen, verbrannten Feld gleichgekommen, auf dem sie vollkommen allein und verlassen war.

In Hrandamaer schien es, als bewahrheitete sich ihre kindliche Fantasie.

Keine Pflanze, kein Lebewesen. Nur die bräunliche, nach Schwefel riechende Erde. Hin und wieder passierten sie verkohlte Ruinen, die wohl vor Jahrhunderten einmal Dörfer gewesen sein mochten. Öfter sahen sie Bäume, deren Äste in grotesken Winkeln abstanden, sich immer weiter verjüngten und schließlich zu weißen Knochen zu werden schienen. Es herrschte völlige Stille.

Als einziger Lichtblick in diesem verheerten Land betrachtete Iliana die Umrisse einer Kathedrale am Horizont. Sie glich entfernt dem großen Tempel, den Lifas ihr vor ihrer Begegnung mit den beiden Flüchtlingen aus Aminas gezeigt hatte, wenngleich sie dessen gewaltige Höhen in geringerem Maße teilte.

Die Stille war zermürbend. Anfangs hatten sie noch versucht, ihr Gespräch aufrechtzuerhalten, aber diese unnatürliche Abwesenheit von Tönen erstickte ihre Bemühungen wie unter einem Leichentuch. Selbst die beiden Zugpferde wirkten ermattet.

Iliana wollte Lifas nach dem Fluch fragen, vermochte jedoch kein Wort von sich zu geben. Stattdessen ließ sie ihren Blick über die endlosen Weiten von Hrandamaer schweifen. Was mochte hier nur geschehen sein?

Mit einem Mal beschleunigte ihr Herzschlag und die Pferde scheuten. Mehrere Leichen säumten die staubige Straße.

Es handelte sich um groteske Gestalten, die kaum noch als Menschen zu identifizieren waren. Das Fleisch hing ihnen in Fetzen vom Körper, der nur durch eine Kruste aus Schmutz und Staub zusammengehalten werden schien. Die Körper lagen um den frischeren Kadaver einer Kuh herum, manche sogar auf ihm. Er wirkte, als hätten hungrige Mäuler sich in sein Fleisch gegraben.

Iliana erschauderte. In ihr formte sich ein Verdacht, wie der Fluch von Hrandamaer aussah. Ihr Magen rebellierte und sie wandte sich ab. Nicht einmal Fliegen wagten sich an das verstorbene Tier heran.

Ergrimmt griff Lifas zur Peitsche. Er schien seine Nervosität unter einer Fassade aus Wut zu verbergen.

Los!“, rief er laut. „Hü!“

Widerstrebend trabten die Pferde weiter. Nun durchbrach Iliana die Stille.

Sollten wir sie nicht bestatten?“, fragte sie zaghaft. Sie erinnerte sich an eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie handelte von einem edlen Helden, der jeden besiegten Feind mit eigenen Händen zu Grabe trug und für sein Seelenheil betete.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie wurden bereits einmal bestattet“, entgegnete er mit einem Knurren.

Eine kalte Klaue umfasste Ilianas Herz. Ihr Verdacht entsprach wohl der Wahrheit. Nachts, wenn die Lebenden ruhten, erhoben sich in Hrandamaer die Toten.

Kurze Zeit später erreichten sie die Kathedrale. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei vielmehr um eine Stadt, die in das geistliche Gebäude gebaut wurde. Zwischen Heiligenstatuen und prunkvollen Altarbildern reihten sich Zelte aneinander, deren Bewohnern mehrere fahrende Händler ihre Waren präsentierten. Es herrschte geschäftiges Treiben, ein heftiger Gegensatz zur Stille der weiten Ebenen.

Lifas bedeutete ihr, abzusteigen und Iliana ließ sich in den braunen Staub gleiten. Der Boden knirschte unter ihren Stiefeln und sie schluckte. Sie fühlte sich, als würde sie auf Knochen wandeln.

Sie passierten mehrere Frauen, die an einem verschlossenen Brunnen hantierten. Iliana fragte sich, weshalb diese Vorsichtsmaßnahme wohl nötig war. Da kam ihr der Gedanke an die Leichen und sie beschloss, es lieber nicht wissen zu wollen.

Als Lifas durch das weit geöffnete Doppeltor schritt, erregte er sofort Aufmerksamkeit. Scheinbar war er als Sohn des Herzogs nicht unbekannt. Sofort verstummten die Gespräche und wer dennoch redete, wurde von seinem Nachbarn auf die Neuankömmlinge hingewiesen.

Bruder!“, rief ein Mann sofort. „Wir haben hohe Gäste!“

Aus der neugierigen Menge löste sich ein gealterter Mann in der Robe eines Mönchs, auf dessen Glatze sich das durch die Buntglasfenster fallende Sonnenlicht spiegelte. Iliana entging das kantige Glaubenssymbol nicht, das er wie eine Waffe an seinem Gürtel trug.

Herr Lifas!“, rief der Mann überrascht. „Welch eine Ehre! Wie geht es Eurem Onkel und Eurer Schwester? Ich hoffe doch, es gab im Heidenwald keine Komplikationen?“

Lifas begrüßte den Neuankömmling mit einem Nicken. Der Anflug eines Lächelns schlich sich auf sein Gesicht. Dennoch erreichte die Wärme seine Augen nicht.

Ich grüße Euch, Bruder Thomasius. Meine Verwandten sind wohlauf. Wir erwarten bald ein Gefecht, bisher noch kein Feindkontakt.“ Iliana erschien die Erzählung wie ein militärischer Bericht.

Thomasius’ Mundwinkel zuckten. Scheinbar hatte er nichts anderes erwartet.

Folgt mir ins Sakrosanktum! Dort können wir genauer über die Geschehnisse sprechen!“ An die Gemeinde gewandt fügte er hinzu: „Und Ihr bereitet für den Abend ein Mahl vor! Wir haben einen Fürstensohn als Gast!“

Jubel erhob sich und Iliana warf unbehagliche Blicke in die Runde. Sie war dieses Maß an Aufmerksamkeit nicht gewohnt.

Bruder Thomasius bewegte sich mit äußerster Geschicklichkeit durch die Menschenmenge, wohingegen sich Iliana mit gemurmelten Entschuldigungen an den Leuten vorbei drängte. Jedoch erwarteten sie keine wüsten Reaktionen. Die meisten der Bewohner quittierten ihre Unbeholfenheit lediglich mit einem amüsierten Lächeln. Offenbar war dies keine Seltenheit.

Als sie in den hinteren Teil der Kathedrale gelangten, betätigte Thomasius einen verborgenen Schalter, der einen wohl ehemals geheimen Gang öffnete. Sie erklommen eine Wendeltreppe und fanden sich kurz darauf vor einer reich verzierten Tür wieder.

Bitte, tretet ein.“ Thomasius öffnete die Tür und wies auf den kleinen Raum dahinter.

Es handelte sich um ein kleines Arbeitszimmer, in dem sich neben einem Schreibtisch außerdem ein Bücherregal und eine unbequem wirkende Koje befanden. Kaum fiel die Tür ins Schloss, fiel Thomasius Lifas in die Arme.

O Junge!“, rief er leise. „Ich war schon in Sorge! Das Orakel …“

Lifas räusperte sich vielsagend und deutete auf Iliana. Thomasius brach sofort ab und musterte sie, als sähe er sie zum ersten Mal.

Ist diese junge Maid nicht eingeweiht?“, fragte er ehrlich überrascht.

Iliana errötete. Man hatte sie noch nie zuvor als Maid bezeichnet.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie erfährt es noch bald genug. Wir sind auf dem Weg nach Hrandars Faust.“

Was erfahre ich früh genug?“ Iliana runzelte die Stirn. „Dass in der Nacht die Toten umgehen?“

Die beiden Männer sahen sie überrascht an.

Das ist doch der Fluch, oder?“, fügte sie hinzu. „Esben hat etwas in der Art erwähnt und wir haben auf dem Weg hierher ein halb aufgefressenes Tier gesehen.“ Ihr fragender Blick galt vor allem Lifas.

Der Ritter räusperte sich. „Zugegeben, ich wollte dich schonen und dir das verheimlichen. Aber wir sprechen von etwas anderem.“ Seine Augen glitzerten. „Medardus meinte, du hattest Visionen. Das Orakel kann dir alles besser erklären als wir.“

Iliana verdrehte die Augen. „Hältst du mich für zartbesaitet?“, fragte sie schmollend. Wenn er sie duzte, konnte sie das auch. „Vergiss nicht, ich war in Hornheim und habe gegen Sitraxa gekämpft!“

Lifas’ rechte Augenbraue wanderte nach oben, obgleich widerwilliger Respekt in seinem Blick glitzerte. Thomasius erbleichte.

Das hast du bisher noch nicht erwähnt.“

Ich ging davon aus, Medardus erzählt seinen Tempelsöhnen sowieso alles“, konterte Iliana.

Gegen diese Bestie?“, klagte der Bruder. „Gott helfe uns allen! Die Gerüchte stimmen! Die Dämonen toben auf der Welt!“

Sind die Gerüchte bereits bis hierher gelangt?“, fragte Lifas den Mann irritiert.

Thomasius nickte zerknirscht. „Ein fahrender Händler war vor kurzer Zeit hier. Er berichtete, dass angeblich ein Dämon den Bischof von Aminas geholt hätte.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Nicht, dass dieser wollüstige Bock es nicht verdient hätte, aber es gibt einem doch sehr zu denken!“

Es ist weit schlimmer“, flüsterte Iliana. „Die Dämonen haben die Stadt übernommen.“

Thomasius flüsterte einige Worte in der Alten Sprache, ehe er entkräftet in seinen Stuhl sank. Ein unheilsschwangeres Knarren hallte durch den Raum.

Gott steh uns bei!“, flüsterte er und fächelte sich mit seiner Hand Luft zu. „Was, wenn sie auch nach Hrandamaer kommen?“

Keine Sorge.“ Lifas’ Stimme klang hart. „Medardus befehligt unser Heer. Wenn jemand diese Bedrohung aufhalten kann, dann er.“

Medardus? Der Inquisitor?“ Als Lifas nickte, stöhnte Thomasius auf. „An ihn habe ich keine guten Erinnerungen. Man erzählt sich viel über seine Vergangenheit … angeblich soll er aus Astaval stammen und mit dem Tempelsohn Mendatius einen Dämon besiegt haben, bevor er seine Stimme opferte …“

Wir alle kennen die Geschichten“, erwiderte Lifas.

Ich nicht!“, entgegnete Iliana beleidigt. Lifas ignorierte sie.

Falls die Dämonen den Händlern die Reise nach Hrandamaer verbieten, könnt ihr euch dann versorgen?“, fragte er besorgt.

Thomasius holte ein fleckiges Tuch hervor und fuhr sich damit über seine mit Schweißperlen bedeckte Stirn. „Ich weiß es nicht“, bekannte er. „Die Lieferungen aus Astaval gehen zum größten Teil nach Hrandars Faust, aber wenn ich mit Ashaya spreche …“

Der Name durchzuckte Iliana wie ein Blitz. Berith hatte ihr geraten, diese Person aufzusuchen! War sie etwa eine Fürstin?

Lifas nickte bedächtig. „Sie ist zwar eine Freundin meines Onkels, aber dennoch für Argumente zugänglich.“

Thomasius neigte den Kopf. Schalk blitzte in seinen Augen auf. „Hat sich Abigors Gebahren noch nicht zum besseren gewandt?“

Lifas seufzte resigniert. Kurz verschwand der Ingrimm aus seiner Miene.

Sagt, Bruder Thomasius, ist er wirklich ein Gelehrter? Mit jedem neuen Tag zweifele ich mehr daran.“

Thomasius lachte auf. Das herzhafte Geräusch besaß solche Lautstärke, dass Iliana erschrocken zusammenzuckte.

Ich denke nicht, dass dies die Zeit ist, um einen alten Freund zu diskreditieren“ erwiderte er mit einem Augenzwinkern und wandte sich dann plötzlich Iliana zu. „Aber nun zu Euch, junge Maid. Ihr habt sicher viele Fragen. Genauso wie ich. Wie kommt es, dass Ihr Euch derart … kämpferisch kleidet?“

Iliana sah an ihrem Körper hinab und errötete erneut. Sie hielt noch immer den Bogen in der Hand. Zusammen mit ihrer praktischen Kleidung wirkte sie wie eine Waldläuferin.

Wie gesagt, ich habe gekämpft!“, antwortete sie etwas lauter als gedacht. „Versucht das einmal in einem Kleid!“

Die Vorstellung schien den Mönch zu erheitern. „Ich kämpfe auch, meine Liebe. Dennoch trage ich immer meine Kutte.“

Iliana verdrehte die Augen. „Ich dachte, ich dürfte die Fragen stellen?“

Thomasius erteilte ihr mit einer einfachen Geste die Erlaubnis. Iliana holte tief Luft. „Was hat es mit dem Fluch genau auf sich? Erheben sich die Toten wirklich aus den Gräbern?“ Sie hoffte inbrünstig, dass sie falsch lag.

Der Mönch seufzte. „Ich teile dies einer Maid nur äußerst ungern mit … aber ja. Das tun sie.“ Er räusperte sich. „Vor mehr als siebenhundert Jahren waren diese Lande noch fruchtbar und wunderschön. Zu dieser Zeit entstand das Kaiserreich mit seiner Hauptstadt Sankt Emerald. Es verleibte sich Astaval und Aminas in Windeseile ein, über unsere Grenzen kam es jedoch zunächst nicht hinaus. Unsere Vorfahren waren stark und wohlhabend. Sie hielten wenig davon, ihre Unabhängigkeit aufzugeben. So existierte unser Königreich jahrelang neben dem Kaiserreich in Frieden.“

Er machte eine theatralische Pause. Lifas schien sich zu verspannen. Nun kam wohl der unangenehme Teil der Geschichte.

Jedoch waren unsere Vorfahren heidnisch. Sie verspotteten den Glauben an den einen Gott im Süden. Aus dieser Zeit stammt die Geschichte vom Heiligen Lifas.“ Thomasius räusperte sich erneut. „Er kam in unsere Lande, um die Botschaft des Herrn zu verkünden. Nach einigen Predigten ließ König Androg ihn jedoch festnehmen und verhören. Was er hörte, gefiel ihm nicht.“

Bei diesen Worten glitzerten Thomasius’ Augen mit einem Mal wie abgründige Sterne. Iliana schluckte. Sie konnte seine Miene nicht deuten, aber sie vermutete, dass seine leidenschaftliche Frömmigkeit nun zutage trat.

Androg war ein verabscheuungswürdiges Wesen, alt und verbittert. Er stützte seine Macht auf den heidnischen Glauben und paktierte heimlich mit Dämonen. Er sah Lifas als Gefahr für seine Herrschaft an und ließ ihn daher öffentlich martern, um ihn zum Abschwören zu bringen. Aber der Heilige ertrug alle Qualen und immer wenn die Wachen ihn fragten: „Bekennst du dich zu Fimbultyr, unserem obersten Gott?“, antwortete er: „Ich bekenne mich zu dem einen Gott, der uns geschaffen und geformt hat und in dessen Auftrag ich hierher kam“ und zeigte keine Schwäche. Schließlich ließ Androg den Heiligen von Hunden zerfleischen, aber Lifas hatte das Volk bereits so beeindruckt, dass viele zum wahren Glauben übertraten. Sie wurden alle von der Katastrophe verschont, die da kommen sollte.

Denn Gott der Herr schickte seinen Todesengel, um Androgs Grausamkeit zu bestrafen. Eine Seuche kam über das Land und raubte die Leben all derer, die Lifas verspottet hatten. Androg verlor seine Frau und sein einziges Kind. Doch anstatt Buße zu tun und die Größe des einen Gottes anzuerkennen, beging er noch einen Fehler.“

Ilianas Hände krallten sich in die Lehne ihres Stuhls. Die Stimmung im Raum war gekippt. Merkwürdige Anspannung ging von Lifas und Thomasius aus. Sie wirkten mit einem Mal ernst und erhaben, so als ob eine himmlische Eingebung sie von einem Moment auf den anderen über das Profane gestellt und ihnen die göttliche Wahrheit offenbart hätte. Iliana fühlte sich unwohl. Sie hatte ihren Glauben vor Arinhilds Scheiterhaufen und in den Verliesen Hornheims zurückgelassen und machte auch kein Hehl daraus. Sie fühlte sich fehl am Platz, wie ein Eindringling.

Thomasius’ Augen schienen sich in ihre Seele zu brennen, als er fortfuhr.

Der Teufel erschien Androg und bot ihm einen unverschämten Handel an: Er würde seine Familie wiedererwecken, wenn er dafür ein bestimmtes Ritual ausführte. Worin diese unheilige Zeremonie genau bestand, ist heute unbekannt. Zum Glück. Aber viele berichten, dass Androg die Häupter von siebenhundert frommen Männern zusammentrug, im Blut von neunhundert Kindern badete und dreizehn schwarze Messen las. Diese schreckliche Hybris brachte den Fluch über dieses Reich. Androgs Frau und Kind kehrten tatsächlich zurück, aber sie waren nur tote Hüllen ohne Seele. Aus Gram nahm sich Androg das Leben und stürzte in die Hölle, während sich die Toten in ganz Hrandamaer aus ihren Gräbern erhoben.“

Iliana dachte an Berengar zurück, an Herzogin Velis’ untoten Diener in Hornheim. Er hatte behauptet, als Hrandar noch immer über seine volle Geisteskraft zu verfügen. Scheinbar verhielt es sich mit diesen Geschöpfen anders.

Thomasius’ Stimme wurde lauter. „In dieser Nacht fanden tausende Menschen den Tod. Die Erde brannte, die Pflanzen vertrockneten und das Vieh starb in Raserei. Die wenigen Überlebenden errichteten Kathedralen im ganzen Land und nutzten die heilige Magie, um sich vor den Schrecken der Nacht zu schützen. Denn bis heute suchen uns in der Dunkelheit die Leichname Verstorbener heim. Aufgrund unserer Schwäche konnte uns das Kaiserreich leicht beanspruchen, obwohl wir nie erobert worden sind. Wegen des Fluchs nennen die Menschen dieses Herzogtum bis heute „Hrandae Maer“ … „die Kunde von Untoten“. So werden wir immer an die Dunkelheit erinnert, die uns stets bedroht.

Unsere Aufgabe ist daher, Buße zu tun für die Verbrechen unserer Ahnen. Wir sind Menschen des Glaubens, denn wir leben mit dem Glauben und der Glaube beschützt uns“, verkündete der Mönch inbrünstig. „Daher hat Lifas auch bei seiner Weihe zum Tempelsohn den Namen unseres großen Heiligen angenommen.“

Iliana warf dem Ritter einen verstohlenen Blick zu. Langsam verstand sie, weshalb er stets solch üble Laune hatte. Scheinbar wollte er ständig für die Vergehen seiner Ahnen büßen. Iliana hielt diese Einstellung für geistig minderbemittelt, schließlich hatte er ja nichts verbrochen, aber sie behielt ihre Gedanken lieber für sich. Lifas und Thomasius wirkten, als ob ihnen diese Ideologie viel bedeutete.

Danke“, sagte sie stattdessen nur. Als sie sah, dass Thomasius scheinbar mehr von ihr erwartete, räusperte sie sich verlegen. „Ich denke, ich verstehe jetzt vieles besser“, fügte sie vage hinzu.

Thomasius nickte zufrieden. Die himmlische Erhabenheit schien von ihm abzufallen wie ein abgestreifter Mantel. „Habt Ihr sonst noch Fragen?“

Iliana schüttelte den Kopf. Sie musste erst die vielen Informationen verarbeiten, die der Mönch ihr soeben gegeben hatte.

Dann lasst uns nach unten gehen!“, schlug Thomasius vor und wies durch ein Fenster nach draußen. „Die Sonne geht bald unter und bis Hrandars Faust ist es ein weiter Weg. Ihr werdet hier nächtigen müssen, wenn ihr euch nicht durch Horden von toten Leibern kämpfen wollt.“

Iliana glaubte zwar nicht, dass irgendetwas sie nach ihrer Begegnung mit Sitraxa noch schockieren konnte, aber sie wollte lieber kein Risiko eingehen.

Als sie sich erhoben, entging Iliana jedoch nicht der Verdruss in Lifas’ Augen. Scheinbar hätte er die Geschichte seiner Heimat lieber vor ihr geheim gehalten.

Iliana schluckte. Sie wurde das Gefühl nicht los, an etwas sehr Dunklem zu rühren.

__

Berith stand in voller Rüstung im Rathaus von Aminas. Azrael hatte die Verwaltung der Stadt einstweilen ihm überlassen. Der Dämon spähte durch die Fenster nach draußen und entdeckte mit zusammengekniffenen Augen den Schemen einer geflügelten Person am Horizont. Die Augen gewöhnlicher Menschen würden nicht ausreichen, um ihn zu bemerken, seine hingegen schon. Er konnte nur von Glück sprechen, dass die Privatgemächer des Bürgermeisters so hoch lagen. Von hier aus konnte er selbst die verlassene Kirche mit den Zwillingstürmen entdecken, in der Herzogin Velis Azrael zum ersten Mal begegnet war. Berith fluchte.

Der Schemen kreiste unaufhörlich weiter.

Er wusste, dass es sich hierbei um den Engel, um die Elphahir, handeln musste. Folkvang war früher aktiv geworden, als sie alle gedacht hatten.

Gibt es Unannehmlichkeiten, Herr?“

Berith wandte sich um und entdeckte Ashaya. Ihr Gesicht lag im Schatten und ihre unvergleichlichen, violetten Augen stachen durch die Dunkelheit wie glühende Dolche.

Du bist früher hier, als ich dachte.“ Berith warf einen letzten prüfenden Blick durch das Fenster. Der Schemen kreiste immer noch. „Kommt Abigor uns auf die Schliche?“

Er kennt nur einen Teil der Wahrheit und verzweifelt bereits daran“, antwortete Ashaya. „Esben hingegen ist ein Problem. Er wurde von unserer Kontaktperson außer Gefecht gesetzt.“

Berith nickte langsam. „Lass ihn zu mir bringen. Wir können ihn nicht eliminieren. Azrael scheint Pläne mit ihm zu haben. Er hat mir bereits einen speziellen Auftrag erteilt.“

Ashaya nickte langsam. Das lange schwarze Haar fiel ihr offen auf die nackten Schultern. Ihr schwarzer Mantel besaß einen tiefen Ausschnitt, der die Brandzeichen offenbarte. Es handelte sich um alte und mächtige Worte, die selbst Azrael nicht kannte. Durch diese Magie war Ashaya eine wertvolle Waffe in Beriths Händen.

Seine Blicke glitten über ihr unschickliches Gewand. „Planst du, dich Lifas und Iliana in diesem Aufzug zu zeigen?“

Ashaya lachte. Dieser Laut ließ Berith wohlig erschaudern. Er beinhaltete etwas Reines, Unschuldiges, das nicht zum provokanten Auftreten der Frau passen wollte. Berith konnte die Regung in seinem Inneren nicht beschreiben, aber ihr Lachen erinnerte ihn daran, dass die Welt nicht nur ein Konglomerat aus Schmutz und Blut war.

Fürchtet Ihr um Hornheims untadeligen Ruf?“

Berith wandte sich kopfschüttelnd ab. „Hin und wieder denke ich, du solltest eher die Untergebene von Malfegas oder Ungoros sein. Du würdest besser zu ihnen passen.“

Ashaya rümpfte die Nase. „Malfegas? Dieser riesige Löwe? Und Ungoros, der wandelnde Fleischklumpen? Nein, da bleibe ich lieber bei Euch.“

Sie erschien ihm tatsächlich wie ein Kind. Sie wirkte fröhlich, verspielt und beurteilte jede Person nach ihrem Äußeren. Kein Wunder, dass sie Azrael gegenüber Irodeus bevorzugte. Der alte Dämonenkönig hatte sich vieler Eigenschaften rühmen können. Schönheit gehörte nicht zu ihnen.

Dann verfahren wir ab jetzt streng nach Plan“, sagte er. „Aminas gehört quasi uns und wenn wir Hrandamaer haben, ist auch Astaval gefügig. Das heißt, was davon noch übrig ist.“ Berith wusste nicht, was Azrael mit dem nahezu entvölkerten Herzogtum zu tun gedachte. Er hoffte inständig, dass der König sich nicht dazu verleiten lassen würde, seinen menschlichen Gefühlen nachzugeben und Rache an Hrandamaer zu nehmen. Emotionen standen einem Gott schlecht zu Gesicht.

Ebenso wie einem Wissenschaftler, wie er es war.

Er würde Esben ein Angebot unterbreiten, dass er nicht abschlagen konnte.

Werden sie rechtzeitig in Hrandars Faust sein?“, fragte Berith Ashaya.

Die Frau nickte. „Morgen rechne ich mit ihrer Ankunft.“

Er lächelte. Eine rare Geste, die sich jedoch in den letzten Tagen häufte.

Ihr Plan ging auf.

Gottes Hammer: Folkvang VIII

Esben kehrte gemessenen Schrittes in das Zelt von Hrandamaer zurück. Die unheilsschwangere Atmosphäre, die wie undurchdringlicher Nebel das Lager umschloss, war beinahe greifbar. Wen auch immer Esbens Blick streifte, er sah ungläubige Gesichter mit schreckgeweiteten Augen.

Sollte es ihn verwundern? Die Tempelsöhne galten weithin als unbesiegbar. Ihre Macht wurde in zahllosen Liedern besungen und auf etlichen Schlachtfeldern immer wieder demonstriert. Esben entsann sich seiner eigenen, naiven Gedanken, als er von der berühmten Geschichte der vier Tempelsöhne hörte, die zur Verteidigung einer Kirche ein ganzes Heer des Fürsten von Aminas auslöschten. Dass einer dieser Helden nachts gemeuchelt werden konnte, erschien ihm schlichtweg absurd.

Dabei hatte Teshins Vater Arion dasselbe Schicksal erlitten. Als gröter Recke der Menschheit gefeiert, wurde er nach dem Angriff auf sein Herzogtum hinterrücks von einem Unbekannten ermordet, dessen Gesicht er vermutlich nie erblickt hatte. Esben verstand Teshins Groll nun weitaus besser. Das Leben war kein Lied und sein Zynismus konnte einen Menschen an den Rand des Wahnsinns treiben.

Esbens Gedanken endeten, als er das Zelt betrat. Er hielt überrascht auf der Schwelle des Eingangs inne, als er eine ihm unbekannte Frau sah. Sie stand schweigend in der Ecke, ihr schwarzes Haar zu einem straffen Knoten gebunden, und blickte auf einige Zutaten auf einem Holztisch. Sie schien in diesem Moment das Mittagsmahl zu bereiten. Esben fragte sich unwillkürlich, wo Siegbert der Koch sich wohl aufhielt.

Abigor saß mit grimmiger Miene auf einem dunklen Ebenholzstuhl, den Esben erst jetzt bemerkte. Kryptische Zeichen bedeckten die Lehne und der stilisierte Kopf eines Lindwurms erhob sich drohend über Abigors mächtiger Haarmähne. Der Tempelsohn begrüßte ihn mit einem angedeuteten Nicken und nippte an dem mit einer übelriechenden Flüssigkeit gefüllten Trinkhorn in seiner Hand.

Esben erwiderte die Geste, nicht zum ersten Mal leicht angewidert von der ungehemmten Zurschaustellung von Kulturlosigkeit. Es fiel ihm immer schwerer, Abigors Status als großer Gelehrter nicht anzuzweifeln.

Wo ist Siegbert?“, fragte Esben.

Abigor blickte ihn nicht an, sondern nahm einen weiteren Schluck. „Ich habe ihn meinem Neffen hinterhergeschickt. Lifas hat mein Lieblingsmesser mitgenommen, ohne das ich nie in den Kampf ziehe. Versehentlich, hoffe ich. Sonst muss ich Konsequenzen ziehen.“ Seine rissigen Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Nehmt mich nicht zu ernst, Esben.“

Euer Humor hat schon prächtigere Früchte getragen“, erwiderte der Priester unbeeindruckt und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Nun erst fiel ihm auf, wie müde der Ritter wirkte. Hatte er sich die Nacht um die Ohren geschlagen?

Esbens Misstrauen wuchs. Laut Medardus konnte jeder im Lager der geheimnisvolle Mörder des unglücklichen Apostels Palayon sein. Selbst ein angesehener Ritter wie Abigor …

Und wer ist das?“, versuchte Esben, das Gespräch am Laufen zu halten.

Abigor folgte träge seiner ausgestreckten Hand und wirkte regelrecht überrascht, als er die dunkelhaarige Frau in der Ecke des Zeltes sah. Er räusperte sich verlegen.

Esben, darf ich Euch mit Ashaya bekannt machen? Sie dient mir als Köchin.“

Im Gegensatz zu Siegbert scheute sich Ashaya nicht, das Wort an ihn zu richten. Sie hob den Kopf, strich sich eine gelöste Strähne aus der Stirn und lächelte breit.

Sehr erfreut. Ich habe schon viel von Euch gehört. Ihr seid doch der Priester, der nach Hornheim ging und lebendig wieder zurückkehrte?“

Esben konnte nur nicken, während ihn der Schock zu einer hilflosen Statue degradierte. Laut Iliana war ihr Berith im Traum erschienen und hatte ihr Ashayas Namen als Ansprechspartnerin in Hrandamaer genannt. Was ging hier vor?

Esben fühlte sich immer unwohler. Er warf unruhige Blicke auf den ermatteten Ritter und die lächelnde Dienerin und seine Finger fanden den magischen Folianten auf seinem Feldbett hinter ihm. Sollten sie ihn angreifen, würde er zumindest nicht kampflos untergehen.

Aber keiner von beiden machte Anstalten, ihm schaden zu wollen. Abigor wandte sich wieder seinem Trinkhorn zu und Ashaya schnitt eine Karotte. Esben schluckte und seine Anspannung ließ ein wenig nach. Dennoch schlang er vorsichtshalber die Kette mit dem eisernen Gerüst um seinen Oberkörper und platzierte das schwere Buch darin. Er fühlte sich so weitaus sicherer.

Esben ließ seinen Blick über das Zeltinnere schweifen. Er musste sofort Medardus davon berichten. Mit einem gequält freundlichen Nicken erhob er sich, murmelte etwas von wegen „Elinor befragen“ und stolperte aus dem Zelt. Er warf immer wieder Blicke über die Schulter, doch niemand verfolgte ihn. Dennoch ließ die Erleichterung auf sich warten.

Kurz vor Medardus’ Zelt hielt Esben inne. Er hatte keinen Beweis für seine Behauptungen … was sollte er dem gestrengen Inquisitor sagen und wie würde dieser reagieren?

Bevor er handeln konnte, nahm das Schicksal ihm die Entscheidung ab. Der gealterte Tempelsohn Mendatius von Astaval verließ das Zelt mit zusammengekniffenen Augen. Er wirkte erzürnt und murmelte unverständliche Worte, deren tieferer Sinn jedoch kaum missdeutet werden konnte.

Falls Ihr den Clavis sucht, verschwendet Ihr hier Eure Zeit!“, rief er, als er Esben sah. „Er ist gerade abwesend und inspiziert den Rand des Lagers für den nahenden Angriff der Dämonen.“ Esben schluckte. Seit Ilianas Traum und Vergiftung war etwas mehr als ein Tag vergangen. Ihnen blieben nur noch zwei, bis das von Berith angekündigte Ultimatum auslief.

Bevor er sich entfernte, legte Mendatius plötzlich den Kopf schief und musterte Esben. „Ihr wart doch Priester, nicht wahr? Dann habt Ihr doch gewiss eine Ausbildung in Seelsorge!“

Esben nickte langsam. Was wollte der Veteran von ihm?

Mendatius legte ihm eine gepanzerte Hand auf die Schulter. „Könnt Ihr mir helfen? Ich wollte gerade Schwester Elinor verhören, aber sie ist zutiefst … betrübt über die Vorkommnisse und kaum ansprechbar.“ Der Ritter räusperte sich verlegen. „Ich vermag mein Schwert noch immer behende zu schwingen, aber hierfür sind subtilere Fähigkeiten gefragt.“

Esben nickte, obwohl sich Unruhe in seinem Innersten ausbreitete. Er musste mit dem Inquisitor persönlich sprechen. Aber das Lager war groß und ihn zu suchen konnte schnell zu einer aussichtslosen Aktion werden. Zudem wollte er keinen Verdacht erregen, falls Abigor sich nach ihm erkundigte. Er folgte Mendatius mit dem gequälten Gedanken, dass es sich wohl um eine gewisse Ironie handelte, wie seine Ausrede nun zur Realität wurde.

Während er neben Mendatius herging, kam ihm mit einem Mal eine Idee.

Ihr stammt aus Astaval, richtig?“, fragte er ihn. Kaum hatte er das gefallene Herzogtum erwähnt, straffte sich der Ritter und ein dunkler Zug verunstaltete seine Miene.

Wollt Ihr mich deshalb verhöhnen oder mir Euer Beileid aussprechen? In beiden Fällen rate ich Euch gut, wenn ich sage: Lasst es. Über fünfzig Jahre sind seit der Ermordung von Herzog Arion und seiner Familie vergangen und keine Macht der Welt kann sie zurückbringen, erst recht nicht die der menschlichen Stimme.“

Esben räusperte sich. Er bereute, das Thema angesprochen zu haben, wollte nun aber auch nicht den Rückzug antreten. „Tatsächlich wollte ich Euch weder verhöhnen, noch bemitleiden“, stellte er klar. „Ich wollte Euch nur sagen, dass Teshin von Astaval noch lebt.“

Esben war unsicher, wie Mendatius reagieren würde und warf dem Veteran einen vorsichtigen Blick zu. Der gealterte Ritter schüttelte nur den Kopf.

Ihr lügt.“

Esben sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Weshalb sollte ich?“

Mendatius schnaubte. „Selbst wenn jemand unwissentlich eine Unwahrheit von sich gibt, bleibt die Unwahrheit unwahr. Teshin kann nicht am Leben sein, denn ich habe ihn selbst getötet.“

Esben stolperte beinahe. „Ihr habt was?“

Mendatius’ kalter Blick schien die Bilder längst vergangener Erinnerungen zu betrachten. „Ich habe ihn vor zwanzig Jahren getroffen. Obwohl er schon ein vierzigjähriger Mann hätte sein müssen, hatte er immer noch die Gestalt eines Jugendlichen. Er war verbittert und voller Hass, paktierte mit dunklen Mächten und wollte meinen Treueeid einlösen, um mit meiner Hilfe den Dämonenkönig Irodeus zu erschlagen. Der Narr hatte einen Vertrag mit ihm geschlossen und fürchtete nun die Konsequenzen.“ Ein seltsames Funkeln trat in Mendatius’ Augen. Esben erschauderte. Was mochte nur vorgefallen sein?

Was geschah dann?“, fragte er leise.

Ich habe ihn erschlagen. Schließlich und endlich war er ein Ketzer und sündigte wider den Herrn.“

Esben schüttelte den Kopf. „Und doch habe ich ihn gesehen. Ich habe mit ihm gesprochen, habe zunächst an seiner Seite und schließlich gegen ihn gekämpft. Es ist wahr, dass er sich mittlerweile in einen Dämonen verwandelt hat, aber vor einigen Monaten begegegnete ich ihm zum ersten Mal in Aminas und da war er noch ein Mensch!“

Mendatius schüttelte bestimmt den Kopf. „Ich bezweifle es. Aber wer kann sich schon sicher sein? Vielleicht hat er mich damals durch eine dunkle Kunst getäuscht und ist meinem rächenden Schwert entkommen? Wer kann sich schon anmaßen, die Blendwerke der Dämonen zu verstehen!“

Esben nickte langsam, war aber nicht überzeugt. Ihm erschien wahrscheinlicher, dass Mendatius etwas vor ihm verbarg. Aber das Gespräch endete, als sie ein kleines, weißes Zelt erreichten, vor dem zwei jüngere Tempelsöhne Wache hielten. Mendatius verabschiedete sich wortlos und Esben betrat die provisorische Verhörzelle mit einem leisen Seufzer.

Er musste gewiss einen erheiternden Anblick für Elinor abgeben, als er halb im Nachthemd und mit dem im Kettengerüst steckenden Folianten am Leibe vor sie trat. Dennoch verzog sie keine Miene, sondern starrte mit leerem Blick vor sich hin. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden schienen sie sehr in Mitleidenschaft gezogen zu haben.

Ich grüße Euch!“, rief Esben ein wenig zu laut und nahm ihr gegenüber an einem kleinen Tisch Platz. Kam es nur ihm so vor oder erschien sein Stuhl ihm weitaus bequemer als die harte Holzbank, auf der die Schwester saß?

Elinor nickte ihm langsam zu. „Ich dachte, der grausame Alte wollte den Inquisitor holen?“, fragte sie tonlos.

Esben sah sie überrascht an. Auch wenn ihre Konversation Mendatius in seinen Augen zu keinem Sympathieträger machte, würde er seinen Ruf nicht mit solch respektlosen Titeln antasten. Dann erinnerte er sich an die Feindschaft zwischen Astaval und Hrandamaer und begrub seine Bedenken.

Wie Ihr seht, müsst Ihr mit mir vorliebnehmen“, antwortete Esben betont freundlich. Er war unsicher, wie er vorgehen sollte. In Aminas waren oftmals Leute zu ihm gekommen, um Rat oder Trost zu suchen. Ihm erschien es jedoch ungewohnt, von selbst auf Menschen zugehen zu müssen.

Esben räusperte sich verlegen. Elinor schwieg und hielt den Kopf gesenkt. Sie wirkte nicht, als ob sie reden wollte.

Seid Ihr um Euren Bruder besorgt?“, fragte er schließlich.

Elinor hob argwöhnisch den Kopf. „Weshalb sollte ich mich um Lifas sorgen? Er kehrt zurück nach Hrandamaer, in die Heimat.“ Sie klang beinahe wehmütig.

Neugier erfasste Esben. „Ich hatte nie den Eindruck, dass er sehr beglückt von seinem Zuhause wäre.“

Elinor schnaubte. „Beglückt ist sicher niemand von uns. Hrandamaer ist ein karges, dunkles Land, das nur durch den Glauben erhellt wird. Zudem ist es verflucht, wie Ihr sicher wisst.“

Esben erschauderte. Ja, er wusste Bescheid. Er hoffte nur, dass Lifas es Iliana so schonend wie möglich beibringen würde.

Elinor entging seine Reaktion nicht. „Alle Menschen müssen sich irgendwie vom Leid in der Welt ablenken“, flüsterte sie. „Viele nutzen dafür Feiertage, um bis spät in die Nacht mit Freunden zusammenzusein und einmal über die Stränge zu schlagen. In Hrandamaer ist nicht einmal das möglich. Uns bleibt allein der Glaube. Sonst wären wir allesamt schon längst der Finsternis anheimgefallen.“

Esben nickte. Elinor meinte dies nicht metaphorisch. Die Finsternis genoss widerwilligen Respekt in Hrandamaer. Schließlich brachte sie die Erzeugnisse von König Androgs Fluch mit sich.

Esben räusperte sich erneut. „Was ist mit Eurem Onkel? Er wirkte recht müde bei der Versammlung heute. Macht Ihr Euch um ihn … Sorgen?“

Elinor spitzte sichtlich die Ohren. „Fragt Ihr mich gerade, ob ich ihn verdächtige, den Apostel getötet und Iliana vergiftet zu haben?“

Esben hob unschuldig die Hände. „Ich will Euch nur besser verstehen lernen. Schließlich will ich Euch und den Menschen im Lager helfen.“

Eine Augenbraue wanderte nach oben und verschwand unter Elinors Haaren. Aber als sie sprach, wirkte sie ein wenig selbstsicherer. Scheinbar hatte sie erkannt, dass von Esben keine Gefahr ausging.

Meine Beziehung zu Abigor ist angespannt. Er war einmal ein großer Gelehrter und eindrucksvoller Kämpfer, aber mittlerweile verhält er sich wie ein barbarischer Heide. Er säuft, missachtet das Keuschheitsgelübde, fastet kaum und verhöhnt alles Fromme und Gute. Außer, wenn es um meine Minderwertigkeit geht!“, fügte sie erregt hinzu. „In diesem Punkt ist er mit den übrigen Rittern einer Meinung!“

Esben legte fragend den Kopf schief. „Eure … Minderwertigkeit?“

Elinor schnaubte nur.

Esben erkannte, dass er in eine Sackgasse geraten war und versuchte es von einer anderen Seite. Er fühlte sich, als würde er ein Labyrinth durchqueren und müsste unterschiedliche Eingänge ausprobieren.

Kennt Ihr eine Frau namens Ashaya?“

Elinor zuckte deutlich zusammen und ballte ihre Hände zu Fäusten. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht.

Ist sie hier?“, fragte sie nahezu lautlos.

Esben nickte. Erregung loderte in seiner Brust. „Kennt Ihr sie? Was hat es mit Ihr auf sich?“ Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Hat sie Iliana vergiftet?“

Elinor setzte zu einer Antwort an, als ihre Augen sich plötzlich vor Schreck weiteten und einen Punkt hinter Esben fixierten. Die Finger des Priesters fuhren zu dem magischen Folianten, aber es war bereits zu spät. Er fühlte eine eiskalte Berührung im Nacken, ein Zittern schüttelte seinen Körper und ein Schleier aus Finsternis legte sich über seine Augen. Jegliche Kraft entwich seinen Gliedern und er stürzte zu Boden.

Dann wusste Esben nichts mehr.

Gottes Hammer: Folkvang VII

Langsam lichteten sich die hohen Tannenbäume und gaben die Sicht auf das weite Grasland vor ihnen frei. Ilianas Herz klopfte wild. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie die Welt jenseits des Heidenwaldes.

Lifas wies nach Süden, wo gewaltige Türme neben einer Bergkette in die Luft stachen. „Das ist der Tempel“, verkündete er. „Mein jetziges Zuhause.“

Iliana folgte seinem Blick beeindruckt. „Wie weit sind wir von ihm entfernt?“

Etliche Meilen“, erwiderte Lifas förmlich. „Aber die großen Leuchttürme sind selbst in Aminas noch sichtbar.“

Iliana musterte den Ritter verwirrt. Von einer anderen Person hätte sie vermutet, auf den Arm genommen zu werden. „Leuchttürme?“, fragte sie schließlich. „Stehen die nicht normalerweise am Meer?“ Ihre Ziehmutter Arinhild hatte ihr vor Jahren Geschichten vom Hafen Sankt Emeralds erzählt. Die kaiserliche Hauptstadt verfügte über mehrere solcher Türme.

Lifas’ Züge verhärteten sich, so als peinigte ihn eine grässliche Erinnerung. „Hier werden sie ebenfalls gebraucht“, antwortete er knapp und ließ die Peitsche knallen. Sogleich bewegte sich der Wagen schneller.

Iliana umfasste ihren neuen Bogen fester. Lifas wollte eigentlich nach Hrandamaer reiten, um schneller voranzukommen. Als er jedoch im Lager Ilianas zaghafte Versuche auf einem Pferd mitansah, traf er eine andere Entscheidung. Bei der Erinnerung rötete sich ihr Gesicht. Sie war außerordentlich dankbar, dass Esben die Szene nicht beobachtet hatte.

Beim Gedanken an den Priester trübte sich ihr Gemüt. Was er wohl gerade tat? Ein Tag war seit ihrem Aufbruch vergangen. Ob Berith sein Wort wohl hielt? Oder würden die Dämonen schon vor dem dritten Tag das Lager der Tempelsöhne angreifen?

Bevor ihre Zweifel wachsen konnten, lenkte ein anderer Wagen Iliana ab. Lifas zügelte die Pferde und wich auf das Gras aus. Die Straße war zu schmal für sie beide.

Ein Ehepaar mittleren Alters neigte dankbar seine Köpfe vor dem Ritter. Anstatt zweier Pferde zogen Ochsen ihren voll beladenen Karren. Sie wirkten, als ob sie ihre sämtlichen Habseligkeiten mit sich führten. Iliana musste an die Geschichten der Dorfbewohner über fahrendes Volk nachdenken. In Raureif hieß es, solche Menschen brächten Unheil über jeden Ort, durch den sie kamen. Trotzig entschloss sich Iliana, dem Ehepaar ihre Sympathie entgegenzubringen. Schließlich hätten die Dorfbewohner das Mädchen verbrannt.

Iliana warf Lifas einen neugierigen Blick zu. Teilte er ihre Vorurteile? Was würde er wohl tun, wenn er von Ilianas Anklage als Hexe erführe?

Der Tempelsohn ließ sich jedoch nichts anmerken. „Wohin des Weges?“, rief Lifas. „Seid Ihr Händler? Oder fahrendes Volk?“

Schön wär’s, edler Ritter!“, erwiderte der Mann. „In Aminas wüten die Dämonen!“

Ilianas Herz gefror. Selbst Lifas’ ausdruckslose Miene durchfuhr ein erregter Blitz.

Was sagt Ihr da?“

Es ist wahr!“, rief die Frau und rang die Hände. „Die Feierlichkeiten für die Hinrichtung des Bürgermeisters waren in vollem Gange! Die ganze Stadt versammelte sich zu Speis und Trank, um ihn mit seinen sieben Töchtern sterben zu sehen!“

Ich hab’ schon immer gewusst, dass mit denen was nicht stimmt!“, fügte der Mann grimmig hinzu.

Aber dann sind Dämonen erschienen und haben den armen Henker in die Hölle gezerrt! Einer von ihnen sagte, er sei der Erzengel der Strafe. Gottes Hammer nannte er sich …“

Lifas erstarrte bei der Erwähnung des Begriffs. Iliana schluckte. Wie war Azrael so schnell nach Aminas gelangt?

Was ist mit den Verurteilten geschehen?“, fragte Iliana heiser.

Der Mann sah sie an, so als bemerke er sie zum ersten Mal. „Er hat sie alle mit sich genommen!“, rief er.

In die Hölle?“

Nein!“, ereiferte sich der Mann. „Dem Gericht Gottes will er sie übergeben, oder so etwas in der Art. Jedenfalls herrscht jetzt ein löwenköpfiges Monster über Aminas, als Strafe für die Sünden der Bewohner!“

Die Frau nickte heftig. „So musste es ja kommen! Die Stadt ist ein einziger Sündenpfuhl!“

Der Mann lachte schauerlich. „Jedenfalls erwarten den Bürgermeister und seine Töchter jetzt eine höhere Gerechtigkeit und danach das Höllenfeuer! Geschieht ihnen ganz recht!“

Lifas schien halb in Gedanken versunken, als er erneut das Wort ergriff. „Wie ist die Stimmung in der Stadt?“

Der Mann seufzte. „Reumütig. Niemand zweifelt daran, dass der Erzengel ein Gesandter Gottes ist, seit die Priester ihm zugestimmt haben. S’ ist besser so! Die Dämonen werden die Hexen direkt in die Hölle werfen, bevor sie uns schaden können!“

Nur schade, dass wir das nicht mitbekommen!“, sagte die Frau betrübt. „Die Verbrennungen waren immer ein sehr besonderes Erlebnis! Immer eine Feier für die ganze Stadt, wenn der Inquisitor kam! Erinnerst du dich noch an die Hinrichtung unserer Nachbarin?“

Hab immer gewusst, dass mit der was nicht stimmt!“, knurrte der Mann.

Ilianas Inneres fühlte sich merkwürdig ausgehöhlt an, als die beiden sich von ihnen verabschiedeten. War dies die Normalität? Die Schadenfreude über das Leid der anderen?

Sie setzten ihre Reise schweigend fort, bis Iliana ihre Ungewissheit nicht mehr länger ertrug. Sie wollte endlich in Erfahrung bringen, wie Lifas dazu stand.

Lifas“, setzte sie vorsichtig an.

Der Tempelsohn neigte den Kopf, wandte den Blick aber nicht von der staubigen Straße ab.

Was … ich meine, wie steht Ihr eigentlich zu diesen Dingen?“

Zur Grausamkeit des einfachen Volkes?“ Er brachte das Thema auf den Punkt.

Iliana nickte. „Genau.“

Lifas schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Das beweist nur die Sündhaftigkeit des Menschen … und die Dummheit des Pöbels. Diese Leute sind tumbe Toren, die mit den Fäusten denken und ihre Seele in den Lenden tragen. Ungebildet und unzivilisiert. Sie sind die Herde, wir sind die Hirten.“

Iliana blinzelte, nicht sicher, was sie von diesen harten Worten halten sollte. „Seid Ihr da nicht etwas zu streng? Schließlich macht die Denomination die brutalen Vorschriften, oder nicht?“

Lifas schüttelte den Kopf. „Das Strafrecht ist Sache des weltlichen Arms. Schließlich sind die Richter, Kerkerknechte und Henker keine Geistlichen.“

Iliana ließ nicht locker. „Und was ist mit den Inquisitoren?“

Lifas schwieg kurz, so als sammelte er Argumente. Dann legte sich plötzlich der Anflug eines Lächelns auf seine Lippen. „Ihr scheint mir minder tumb, junge Maid. Ihr stellt die richtigen Fragen.“ Er räusperte sich wie vor einem Vortrag. „Bis vor vierzig Jahren lag die Ausführung der Hexenprozesse ebenfalls in den Händen des weltlichen Arms. Die Geschichten von grässlicher Folter und grausamen Hinrichtungen stammen aus dieser Zeit. Scharlatane gaben sich als Hexenjäger aus, marterten unschuldige Personen, bis sie alles gestanden und legten ihre Aussagen als Beweismittel vor. Als Gegenleistung wurden sie vom Wehrdienst befreit und erhielten für jedes Opfer ihrer Umtriebe stattliche Summen.“ Ein Schatten umwölkte bei diesen Worten Lifas’ Augen.

Iliana, Ihr könnt Euch vorstellen, dass viele Hochstapler zu jener Zeit ihr Unwesen trieben. Man sagt, der Fürst von Aminas habe nur deshalb so wenig gegen Astaval ausrichten können, weil ihn die zahlreichen Hexenjäger in seinem Reich nahezu in den Ruin trieben. Daher erließ er auch ein Gesetz, wodurch die Summe nicht mehr vom Fürstentum selbst, sondern von den Angehörigen der Opfer zu entrichten war.“

Moment!“, warf Iliana ein. „Heißt das, man musste einen Hexenjäger auch noch dafür bezahlen, dass dieser seine Verwandten umbrachte?“

Lifas nickte düster. „In Aminas tobte die Hölle. Die Menschen bezichtigten sich gegenseitig, denn in einer so großen Stadt finden sich immer Neid und Missgunst. Die ersten zehn Kriegsjahre forderten über siebenhundert Opfer. Der Barde Arminius dichtete sogar ein Lied mit dem Namen „Die siebenhundert Feuer“. Habt Ihr es je gehört? In Hrandamaer hat es große Berühmtheit erlangt.“

Iliana schüttelte den Kopf. Ein Schauer lief über ihren Körper.

Lifas räusperte sich erneut, bevor er fortfuhr. „Ebenfalls populär wurde die Geschichte der kleinen Anna. Ihre gesamte Familie starb auf dem Scheiterhaufen und das Mädchen landete im Schuldturm, weil seine Mittel verständlicherweise nicht ausreichten, um den Hexenjäger zu bezahlen. Man sagt, diese Kunde habe Erzbischof Drogan von Sankt Emerald dazu bewogen, die heilige Inquisition hinzuzuziehen.“ Lifas seufzte. „Versteht Ihr, worauf ich hinauswill?“

Iliana legte den Kopf schief. „Er konnte diese Hexenjagden nicht verhindern, also hat er sie legalisiert und damit der Inquisition unterstellt.“

Lifas nickte langsam. „Leute wie Medardus genießen eine umfangreiche theologische Ausbildung und opfern ihre Stimme und ihr Gesicht, um Gott allein zu dienen. In früheren Zeiten bestand ihre Aufgabe aus dem Kampf gegen Dämonen, doch nun kümmern sie sich auch um die Hexenprozesse. Sie tun das im Wissen, dass es keine Hexen gibt und sie lediglich die selbstsüchtigen Wünsche ihrer Schützlinge erfüllen.“ Trauer glitzerte in seinem Blick. „Ich wollte lange nicht hinnehmen, dass es sich dabei nur um eine Farce handelt“, flüsterte er. „Aber mir ist klar geworden, dass die Herde nach dem Blut ihrer Artgenossen schreit, nicht der Hirte. Dennoch muss der Hirte in einer solchen Situation eingreifen, sonst übt die Herde Selbstjustiz.“

Iliana nickte. Langsam erschien ihr Medardus weitaus weniger böse. Er hatte niemanden um einen Prozess gebeten. Die Dorfbewohner selbst hatten sie angeklagt.

Aber warum?“, fragte sie mit erstickter Stimme. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten. „Warum können Menschen so böse sein?“

Das ist der Einfluss der Dämonen und der Hölle“, erwiderte Lifas. Täuschte sie sich oder schwang tatsächlich Mitleid in seiner Stimme mit? „Fürchte dich nicht“, murmelte er und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Die unerwartete Berührung ließ Iliana überrascht aufblicken. „Gott erlöst die Frommen, auch wenn seine Prüfungen auf Erden schwer zu meistern sind.“

Sie fühlte sich tatsächlich getröstet, als sie plötzlich die Grenze von Hrandamaer passierten.

Mit großen Augen sah Iliana sich um. Es wuchs kein Gras und die wenigen Bäume wirkten verkrüppelt und missgestaltet. Bräunlicher Dampf stieg von der verbrannten Erde auf und kräuselte sich in der Luft. Iliana erblickte nirgendwo Leben.

Willkommen in meiner Heimat“, sagte Lifas verbittert.

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