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Autorinnen und Autoren im Netz

Kategorie: Allgemein (Seite 1 von 4)

Die Aneignung des Lebens

Ich könnte nun die Geschichte einer mutigen jungen Frau erzählen. Die Geschichte einer Frau, die sich entgegen aller Erwartungen unbegreiflichen Schrecknissen entgegenstemmt und letztlich mit wehenden Haaren aus den Fängen ihrer Häscher entkommt und auf dem Rücken eines Pferdes in die Nacht reitet. Das wäre eine finstere, dunkle Geschichte, aber sie hätte immerhin ein gutes Ende und einen sympathischen Hauptcharakter, der an den ihm auferlegten Prüfungen wächst.

Ich bedaure zutiefst, dass das Leben ein schlechter Autor ist.

Ich weiß nicht, warum ich die Begebenheiten hier aufschreibe. Meine Kerze ist beinahe heruntergebrannt und ich darf nicht annehmen, dass jemals irgendjemand diese vergilbten Pergamentseiten finden wird. Ich befinde mich tief unter der Erde in einem Raum ohne Fenster. Ich sitze auf dem einzigen Stuhl vor einem altertümlichen Schreibpult. Die einzige Tür ist fest verschlossen und ich werde sie niemals öffnen. Dieser Raum wird meine letzte Ruhestätte.

Ich habe mir immer gewünscht, vor meinem Tod etwas hinterlassen zu können. Doch ich hätte niemals vermutet, dass die Geschichte der Frau M. die letzte sein würde, die aus meinen Fingern fließt. Dennoch, ihr Gesicht, ihre Miene und ihr Name gehen mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich will ihr meine letzten Stunden widmen.

Eigentlich wollte ich meinen Lebensabend in der Nähe des Schwarzen Buchs mit all seinen Versuchungen zubringen, doch es liegt unerreichbar weit entfernt in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit meines Lebens. Es ist auch nicht nötig, einen weiteren Blick hineinzuwerfen. Die süßen Lehren auf diesen Seiten werden bis auf alle Ewigkeit in meinen Gedanken widerhallen. Auch in diesem Moment höre ich das Flüstern der verbotenen Worte in meinem Gedächtnis. Ich will sie hier nicht aufschreiben, denn das Aussprechen dieser Silben könnte den Verstand eines leichtfertigen Abenteurers sprengen und ihn bis an sein Lebensende zu einem zitternden Nervenbündel verdammen.

Als ich M. zum ersten Mal sah, saß ich tagsüber in einem Restaurant in einem Einkaufszentrum. Damals genoss ich ein Leben, das zur einen Hälfte aus eintönigem Arbeitsalltag und zur anderen aus dem Reiz nächtlicher Geheimnisse bestand, die in regelmäßigen Abständen einen bestimmten Tribut forderten. In diesem Einkaufszentrum befand ich mich auf Pirsch, hinter einer Zeitung und einer dampfenden Tasse Kaffee verborgen, und behielt alle möglichen Kandidaten im Auge. Ich tat dies nicht zum ersten Mal und hätte es unter Gewissheit auch nicht zum letzten Mal getan, wenn das Schicksal mich nun nicht zu diesem einsamen Tod unter der Erde verdammen würde.

Die Kriterien einer geeigneten Person sind mannigfaltig und doch dermaßen simpel, das ein perfekter Tribut auf den ersten Blick erkannt werden kann. Als ich M. sah, wusste ich, dass meine Suche zu Ende war.

Wie sollte ich sie beschreiben? Wenn ich sie vorher als Frau bezeichnet habe, so war das gnädiger Selbstschutz. M. war ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, das vor Lebenslust geradezu übersprühte. Sie besuchte das Restaurant an diesem Tag mit einigen Schulfreunden und wirkte geradezu wie eine elektrisierende Laterne reinsten Lichts zwischen den übrigen Jugendlichen. Sie trug lockere, bunte Kleidung, die ihre physischen Vorzüge auf sehr unschickliche Art und Weise hervorhob, dazu ein kleines Täschchen, in dem sie wohl ihr Handy und ihre Geldbörse aufbewahrte. Auf ihrem Kopf saß ein weißer Sommerhut, der mit den rabenschwarzen Haaren kontrastierte. Doch am meisten bannten mich ihre Augen – diese saphirblauen, schimmernden Augen! Das Leben schien geradezu aus ihnen herauszufließen wie klares Wasser aus einer Gebirgsquelle.

Als Apostel des einzig Wahren haben wir stets das Leben gesucht, denn es zerfloss uns zwischen den Fingern. Jeden Monat erinnert mich mein schwacher Körper an meine eigene Unwürdigkeit. Der Gott des Schwarzen Buches tauscht Leben gegen Leben, aber er ist unersättlich und unerbittlich.

Ich beschattete M. eine Zeitlang und schlich mich sogar in der Verkleidung eines Installateurs in ihre Schule. Allein die bloße Nähe zu ihr ließ mein Herz höher schlagen. Kein Zweifel, sie war die Person unserer Träume. Als ich in einer Pause ihr Lachen hörte, wählte ich die Nummer des Abts.

»Gut«, sagte er nur. Er sprach wie üblich mit dunkler, rasselnder Stimme und erinnerte mich dabei, dass auch seine Kräfte mit jedem Atemzug schwanden.

Die folgenden drei Nächte verbrachte ich nie im Bett. Gemeinsam mit meinen Brüdern beschattete ich M. und kundschaftete ihr Zuhause – ein schöner, weiß gestrichener Bungalow mit großer Glasfassade – aus. Unsere Sehnsucht einte uns auf unseren Beobachtungsposten. Wir alle wurden von dem Verlangen nach ihrem Licht verzehrt.

Zwei Nächte später war der große Augenblick gekommen. Wir alle boten einen schrecklichen Anblick und verhüllten unsere Mienen mit den dunklen Kapuzen, um nicht unsere bleichen, ausgemergelten Gesichter mit den hervortretenden Augäpfeln voller Gier und Mordlust sehen zu müssen. Die schwarzen Kutten streiften über den Boden und alarmierten den Vater, der uns auf dem Gang überraschte. Nach einem kurzen Handgemenge und einem erstickten Schrei erklang nur noch das Tropfen des Bluts auf den Stufen.

Es gab auch noch eine Mutter und einen Bruder, doch beide interessierten uns wenig. Selbst Bruder Malach, der eine große Liebe für Knaben hegt, war völlig auf unsere Auserwählte fixiert.

M. erwachte erst, als wir sie in ihrem Bett schon gefesselt und geknebelt hatten. Den Ausdruck des übermächtigen Entsetzens in ihren saphirblauen Augen werde ich niemals vergessen. In dem Moment, als sie sich aufbäumte und gegen die Ketten wehrte, spürten wir alle unsere Kräfte zurückehren.

Unentdeckt verließen wir das Haus und brachten M. mit dem Lastwagen einer Metzgerei (einer von uns besaß einen Schlachthof und ein Geschäft) ins Verlies. Auf dem Altar entkleideten wir sie zunächst, bevor wir die Ketten befestigten.

M. war völlig starr vor Schreck und schien bereits jegliche Gegenwehr aufgegeben zu haben. Erst während des Rituals kehrte ihre Energie zurück.

Der Abt las mit seiner wie üblich sonoren Stimme aus dem Schwarzen Buch, während wir unsere Rollen ausfüllten. Ms Schreie umschmeichelten unsere Ohren wie Wasser die Kehle eines Verdurstenden und erzeugten mit dem Geräusch klirrender Ketten, gegen die sie sich stemmte, ein blasphemisches Orchester. Kurz vor dem Höhepunkt flehte sie mich um Gnade an, während ihre saphirblauen Augen sich beinahe in die Höhlen drehten und das freudvolle Licht der Iris brach. Ihre Worte erfreuten mich besonders und wärmten mein Herz. Zum Dank erwies ich ihr besonders viel Zärtlichkeit.

Unsere Kräfte wuchsen und wuchsen. Meine Haut straffte sich, meine Hände gewannen ihre alte Kraft und Gewandtheit und mein Atem ging leicht, ohne zu rasseln. Es geschah zu diesem Zeitpunkt, dass der Herr des Schwarzen Buchs unter uns wandelte.

Wir nahmen ihn nur als schattenhafte Figur wahr, deren Oberfläche sich kontinuierlich verwandelte. Wie lebendiger Rauch zeigten sich in seiner Körperform verschiedenste Umrisse. Ich glaubte, die Gesichter vergangener Tribute darin zu sehen, während Bruder Malach verzückt den Namen eines verstorbenen Knaben rief.

Bis zu diesem Zeitpunkt verlief alles auf gewohnte Art und Weise. Jedoch begannen nun aus völlig unerfindlichen Gründen Zweifel in mir zu sprießen. Sie kamen nicht in Form von Worten oder vernünftigen Gedanken, sondern in Form von Bildern, die ich längst vergessen glaubte. Da erkannte ich mit einem Mal, woran mich M. wirklich erinnerte und warum ich mich so zu ihr hingezogen fühlte. Entferntes Kinderlachen drang in jenem Moment an meine Ohren. Beinahe glaubte ich, eine kleine Hand zwischen meinen Fingern zu spüren.

Ich kann mich nur noch schemenhaft an das Folgende erinnern. Meine sanften Zweifel lösten eine Kakophonie des Grauens aus, als es an mir lag, Ms Blut dem Herrn darzubieten. Grässliches Geschrei ertönte und einen Augenblick lang hüllte mich ein dunkles Meer aus wutverzerrten Gesichtern ein. Schattenhafte Hände griffen nach mir und meinen Brüdern und im nächsten Augenblick hörte ich ein seltsames Geräusch aus der Kehle des Abts, so als ob eine gewaltige Menge Körperflüssigkeit unter Zwang durch eine viel zu enge Öffnung nach außen gedrückt werden würde. Die anderen Brüder erlitten ähnliche Schicksale.

Blind vor Panik eilte ich davon. Ich fand eine Tür und stieß sie hinter mir zu. Ehe ich mich versah, wurde sie von außen abgesperrt. Ich zog und zerrte an dem Schloss herum, doch es erklang nur schauriges Gelächter.

Ich bin hier eingesperrt und dazu verdammt, elend zu verdursten. Der Herr des Schwarzen Buchs mag mich beim Ritual verschont haben, doch das war kein Akt der Gnade. Er lauert im Verborgenen und sieht mir zu, sieht mir dabei zu, wie meine Schrift immer fahriger und mein Atem immer unregelmäßiger wird. Immer wenn der Kerzenschein flackert, vermeine ich in der Dunkelheit seine schattenhafte Gestalt zu erkennen, aber immer nur aus den Augenwinkeln, sodass ich nie Gewissheit haben kann.

Mir fehlt die Kraft, mich gegen das Schicksal aufzulehnen. Ich besaß nie die nötige Kraft dazu. Als das Schwarze Buch mir auf meine brennenden Fragen blasphemische Antworten bot, ließ ich mich nur allzu gern davon führen. Wie hätte ich sonst auch in dieser grausamen Welt überleben sollen? Nur das Schwarze Buch konnte mir die nötige Kraft verleihen.

Doch es ist noch nicht vorbei. Ich höre etwas auf der anderen Seite der Tür – ein Klirren von Ketten. M. ist vielleicht noch am Leben. Wenn sie mich befreit, könnte ich Vergebung erbitten …

 

Anmerkung von Damian von Liebgard

Meinen Quellen nach zu urteilen wurde dieses Schreiben vor einigen Jahren in einem alten Verlies unterhalb der Rabengruft-Villa in Krähenberg gefunden. Daneben lag die Leiche eines erwachsenen Mannes, mit stacheligen Ketten umschlungen. Außerdem fand man die blutigen Kleider eines jungen Mädchens – ein rosarotes T-Shirt und eine kurze Hose. Auffallend war zudem ein steinerner Altar mit geschwärzter Oberfläche.

Bei der männlichen Leiche handelt es sich um den Bürger Hans S. Die Überreste seiner Ordensbrüder konnten wir nicht finden. Hans S. war auch der einzige Bürger Krähenbergs, der an jenem Tag den Tod fand. Könnten die Ordensbrüder aus einer anderen Stadt stammen?

Die Archive verraten auch nichts von einem Einbruch, einem Mord oder einer Entführung in sämtlichen Städten der Umgebung zu diesem Zeitpunkt.

Wie weit sind die Ordensbrüder gefahren? Was hat sich in dieser Nacht tatsächlich ereignet?

Recherche und literarisches Schreiben

Oftmals stößt man auf die Ansicht, dass literarisches Schreiben nicht zwingend recherchiert sein muss. Ich fragte mich, ob ein Unterschied besteht zwischen der anfallenden Recherche für ein zum Verkauf bestimmtes Buch und einem Buch, das innerhalb des Hobbyschreibertums entsteht. So bietet es sich an, einen nicht allzu schlüssigen Text in unser Forum zu stellen (was ich in der Vergangenheit wohl mehrmals tat, in Ermangelung an Zeit (und vielleicht auch Lust) für Recherche) und zu sehen, ob die kleinen schwammig gehaltenen Stellen auffallen. Die Antwort ist schlicht und dennoch ergreifend: ja. Diese Texte, in denen ich etwas schrieb, über das ich mich im Grunde nicht einmal ansatzweise auskannte, wurden als eben solche enttarnt und mir blieb nichts anderes übrig als am Ende doch mit geradem Rücken der Ehrlichkeit Genüge zu tun.
Folglich kann ich nur sagen, dass aus meiner eigenen Erfahrung heraus das Schreiben über ein Thema, das ich nicht vollends verstehe, kein Schreiben ist. Es ist wie das Sprechen, ohne zu wissen, wovon ich spreche. Das Sprichwort: „Ich sage nur dann etwas, wenn ich etwas zu sagen habe“, bekommt in diesem Zusammenhang eine neue Dimension. Denn dasselbe sollte auch fürs Schreiben gelten.
Das Schreiben lässt uns an den uns selbst gestellten Herausforderungen wachsen. Ich möchte über etwas schreiben, das ich noch nicht all zu gut kenne? Kein Problem! Dann lerne ich eben etwas Neues kennen und schreibe anschließend darüber. Auch an dieser Stelle kommt abermals zum Vorschein, dass das Lesen und Schreiben in enger Beziehung zueinander stehen. Denn ohne Lesen, gäbe es auch kein Schreiben. Weder aus dem Grund nicht, weil dann keine Leserschaft für die geschriebenen Texte existieren könnte aber auch deswegen nicht, weil das Geschriebene ohne Fundament und Quelle irgendwo im Raum treiben würde und genauso sinnlos wäre, wie das, was jemand sagt, der im Grunde nichts zu sagen hat.

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich also, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben, sagen: „So schreibe folglich nur dann, wenn du etwas zu schreiben hast und zwar nicht nur einen Bleistift und Papier oder eine Tastatur und einen PC, sondern auch eine Idee und bodenständiges Wissen, das um diese Idee herum wirken und den Text schlüssig und folglich lesenswert machen kann.“

Eure Saigel

Der letzte Palast (2/2)

„Etwas stimmt hier nicht“, flüsterte Lameth.

Gwen und Yuki wechselten einen stummen Blick und warteten auf Lameths Erklärung. Ihr Freund räusperte sich und schnallte den Schild auf seinen Rücken.

„Hier gibt es keine Feinde“, murmelte er mit zusammengekniffenen Augen. „Hier ist nichts … kein Dämon, kein Ghul, nichts.“ Er schüttelte verzweifelt den Kopf und fixierte Yuki. „Du hast Geister erwähnt. Meinst du wirklich, dass es sie gibt?“

Yukis Augen blitzten. „Warum stellst du mir so eine überflüssige Frage?“ Ihre sanfte Stimme wirkte mit einem Mal nahezu beleidigt.

„Es tut mir leid.“ Lameth setzte sich in Bewegung. „Wir haben dir nie Glauben geschenkt. Aber vielleicht hast du mit deiner Vermutung Recht. Hier sind keine Gegner.“ Er deutete auf den Boden. „Hier gibt es nur dieses Lied.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Gwen mit einem Stirnrunzeln.

„Ich hatte eine Vision“, erwiderte Lameth langsam. „Ich weiß es einfach. Kommt, lasst uns gehen.“

Gwen wechselte einen weiteren Blick mit Yuki und seufzte. Das Lied erklang immer noch am Rande ihrer Wahrnehmung, doch sie verschloss sich seiner Wirkung und folgte Lameth eilig nach.

Sie hielten sich wieder an der Wand. Als sie an den Statuen vorbeikamen, erkannte Gwen, dass sie Überlebensgröße hatten. Die Menschen neben ihnen waren beinahe doppelt so groß wie sie selbst. Gwen erschauderte und kontrollierte sie ein weiteres Mal mit ihrer Magiesicht.

Es gibt keine Geister, sagte sie zu sich selbst. Dabei warf sie einen Seitenblick auf Yuki, die immer unsicherer wirkte. Ihre Augen huschten umher wie verängstigte Tiere.

Gwen schluckte. Sie fühlte ebenso die beunruhigende Aura dieses Ortes. Kurz warf sie einen Blick auf die Statuen. Aus der Nähe betrachtet wirkten ihre Züge erschreckend menschlich. In ihren Augen tanzte das rötliche Licht der Wände auf glitzernden Edelsteinen, sodass echte Tränen ihre Wangen zu benetzen schienen. Trotz ihrer offenkundigen Trauer wirkten sie schön, nahezu elfenhaft. Ihre Münder waren geöffnet. Sie erinnerten Gwen an Sänger in einem tragischen Stück voller Trauer und Leid.

Unwillkürlich beschleunigte Gwen ihre Schritte.

Der Raum der Statuen war größer als die Eingangshalle. Als sie endlich einen weiteren Bogen erreichten, schmerzten ihre Füße. Sie hatten nun schon ein Drittel des Palastes durchquert und noch immer erschienen keine Feinde.

„Das kann doch nicht wahr sein“, knurrte Lameth und warf Blicke in alle Richtungen. „Ich hatte massenhaft Feinde erwartet. Wie können die Dämonen die Quelle ihres Lebens nur unbewacht lassen?“

Yuki kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Ein dunkler Gedanke überkam Gwen und sie räusperte sich verlegen.

„Vielleicht braucht die Quelle keinen Schutz“, sagte sie leise.

Lameth schluckte. Sie konnte ihm seine Unsicherheit ansehen. Immer hatten ihre Missionen den Kampf gegen grausame Kreaturen beinhaltet und ihnen ein Maximum an Stärke und Magie abgerungen. Die Abwesenheit jeglicher Kampfkraft fühlte sich falsch an. Gwen selbst hatte damit gerechnet, von einer Horde Dämonen empfangen zu werden, anstatt durch verlassene Flure zu laufen.

Dennoch, sie durften sich keine Zweifel leisten. Das Schicksal Karfurths hing von ihnen ab. Nur sie konnten ihr Heimatreich Aramon vor dem Untergang durch die Dämonen bewahren. Sie mussten weitergehen, selbst dann, wenn die Hoffnung vollends erstarb.

Sie passierten einen weiteren Torbogen. Kurz umschlang sie wieder vollkommene Finternis, bis die steinernen Stufen sie in eine weitere Halle mit rotem Licht führten.

Gwens Augen weiteten sich, als sie die Architektur sah.

„Großer Gott“, flüsterte Lameth.

Vor ihnen war kein Innenraum, sondern eine unterirdische Stadt unendlichen Ausmaßes, über die sich gewaltige Brücken spannten. Gwen erspähte die nächste Tür am anderen Ende eines Übergangs, der über einige Nebenstränge mit ihrer Position verbunden war. Auch hier entdeckte ihre Magiesicht nichts.

Das Lied erklang hier lauter und wirkte trotzdem noch nicht vollständig. Sie erhob sich wie sanfter Nebel aus dem Untergrund und kroch unter den zerstörten Häusern empor.

„Was ist das hier?“, kam es Gwen erschrocken über die Lippen. „Das hier sieht aus wie eine Menschensiedlung! Seht doch, eine Kathedrale!“

Ihr zitternder Zeigefinger deutete ausgestreckt auf ein gewaltiges Bauwerk, dessen spitze Zwillingstürme sich gegen das rote Licht mehrerer Deckengargoyles abzeichneten. Weit dahinter erkannte Gwen die Silhouetten vieler anderer Gotteshäuser. Die Stadt breitete sich bis an den Rand ihres Sichtfelds aus.

Wie groß ist diese Höhe, fragte sich Gwen perplex. Das ist kein Palast – das sind die Ruinen einer ganzen Zivilisation!

„Was ist hier nur geschehen?“ Lameth wirkte ebenso verunsichert wie sie. Seine goldenen Augen starrten die große Kathedrale an. „Ich … ich glaube … ich habe das alles hier schon einmal gesehen …“

Gwen schüttelte den Kopf. „Das ist doch nicht möglich … der Eingang war versiegelt, das hast du doch gesehen! Seit Jahrtausenden hat niemand mehr den Palast des Dämonenkönigs betreten!“

Lameth hörte ihr nicht zu, sondern beugte sich weit über das Geländer. Er wisperte unverständliche Worte, die Gwen nicht verstand. Dennoch wirkten sie vage vertraut. Sie erinnerten sie an ihre eigenen Zaubersprüche.

„Deus … Sabaoth … Elohim“

Als hätte er tatsächlich Magie gewirkt, erhob sich ein Luftzug und riss an ihren Kleidern. Gwen hielt instinktiv ihren Spitzhut fest. Wieder erklangen Stimmen. Diesmal konnte Gwen ihre Worte sogar verstehen. Sie wiederholten Lameths Worte wie ein Gebet, wie eine uralte Litanei, während unsägliche Trauer darin mitschwang. Ein ganzes Heer aus Geistern schien ein bestimmtes Ereignis zu beklagen.

Ehe Gwen reagieren konnte, fühlte sie Yukis Hand an der ihren. Im nächsten Augenblick drückte sich ihre Freundin eng an sie. Sie schien zu zittern und das schwarze Haar fiel ihr unordentlich ins Gesicht. Der Wind heulte auf und riss an ihrem bunten Mantel. Die Zeichen auf ihren Metallkappen glühten blutrot.

„Oni …“, kam es leise aus ihrem Mund. „Oni …“

Gwen strich sanft über ihren Arm und segnete sie mit einem Zauber. Dann trat sie vor und berührte Lameth an der Schulter. Seine goldenen Augen fixierten noch immer die ferne Kathedrale.

„Leth“, flüsterte sie so sanft wie möglich. Sie konnte die Furcht nicht vollständig aus ihrer Stimme verbannen. „Leth, komm. Wir müssen weiter. Wir stehen kurz vor dem Ziel.“

Lameth blinzelte. Langsam trat Erkennen in seine Augen und er schüttelte sich wie ein nasser Hund. Plötzlich zog er wutentbrannt sein Schwert und hob es hoch über seinen Kopf empor.

„Ormozd Alvanelev!“, brüllte er. Ein warmer Lichtblitz umhüllte sie. Einen Augenblick später waren die klagenden Stimmen im Wind verstummt. Nur noch die ferne Melodie drang an ihre Ohren.

Lameth atmete schwer und schlug die Hände vors Gesicht. Nur der goldene Schein seiner Augen schlich sich an seinen zitternden Fingern vorbei.

Aus einem unerfindlichen Grund schockierte Gwen dieses Bild mehr als alle anderen Vorkommnisse. Lameth war ein Held. Er hatte Dämonen getötet, hatte Yuki in einem verfluchten Wald und sie selbst aus ihrem brennenden Dorf gerettet. Er war die Hoffnung und der erwählte Krieger der Menschheit – der Schüler des alten Meisters Gravis, dessen Schicksal sich nun endlich erfüllen würde.

Dennoch stand er mit einem Mal schluchzend vor ihr.

Gwen wich instinktiv zurück. Sie hatte Lameth noch nie weinen gesehen. Seine Gefühle traten stets hinter seiner heldenhaften und freundlichen Ausstrahlung zurück. Ein goldener Schleier aus Mut und Kraft schien den wahren Lameth stets zu umhüllen. Sein jetziger Zustand zerstörte Gwens Bild des unbesiegbaren Streiters vollkommen.

Sie sah sich nach Yuki um, doch ihre Freundin sah auch nicht besser aus. Sie warf unsichere Blicke in alle Richtungen und wisperte immer wieder das gleiche Wort. Gwen erkannte den Begriff für Dämon in der Sprache von Yukis Volk.

Mit einem Mal verspürte Gwen selbst den Drang zu weinen. Sie waren allesamt noch so jung. Trotz all ihrer Abenteuer besaßen sie kaum Lebenserfahrung. Gwen hatte noch nie einen Beruf ausgeübt, hatte noch nie eine eigene Familie gehabt oder den Bund der Liebe geschlossen. In diesem Augenblick traf sie die Bedeutung der Situation mit voller Wucht. Gravis verließ sich auf sie – auf drei Kinder, die sich zufälligerweise im Kampf gegen unheilige Geschöpfe bewährt hatten.

Was ist in meinem Leben nur schiefgelaufen? Ich sollte nicht kämpfen können. Ich sollte zuhause sein, in meinem Dorf … ich sollte ein glückliches Leben führen und nicht das Schicksal der gesamten Welt auf meinen Schultern tragen müssen.

Eine einzelne Träne benetzte ihre eigene Wange. Kurz bevor die fremdartige Melodie sie in Besitz nahm, erhob sich Lameth, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und hob sein Schwert.

„Genug davon!“, rief er so laut, dass seine Worte wie Donnerhall durch den unterirdischen Komplex fuhren. Seine Augen funkelten ungehalten.

„Ich kann mich wieder erinnern“, flüsterte er. „Hier bin ich geboren. Hier, in dieser Stadt.“ Seine goldenen Augen blitzten und fixierten die Kathedrale. „Ich weiß nicht, wie das alles zusammenhängt, aber das Schicksal wollte, dass ich zurückkehre. Ich verstehe den Sinn nicht, aber …“ Er schluckte. „Lasst uns weitergehen“, murmelte er mit gesenktem Kopf. „Wir müssen es zu Ende bringen. Karfurth wird fallen.“

Lameth atmete tief durch und setzte sich in Bewegung. Doch Gwen hielt ihn einen Augenblick fest.

„Ich weiß, das ist kein guter Zeitpunkt …“, begann sie zögerlich. Sie unterdrückte ein Schluchzen, das sich zuvor in ihrer Kehle gebildet hatte. „Bist du sicher, dass alle Dämonen sterben, wenn wir das Herz des Königs zerstören? So wie die alten Legenden es berichten?“

Lameth nickte. „Ich bin sicher. Sie werden alle sterben. Sie müssen einfach.“

Schweigend folgten sie dem Verlauf der Brücke und erreichten einen weiteren Torbogen. Erst jetzt erkannte Gwen, dass er Teil eines seltsamen Gebäudes war, das auf den ersten Blick wie ein verunstalteter Felsbrocken wirkte. Feingliedrige Adern durchzogen den nackten Stein. Sie glommen rötlich und ihr fahler Schimmer erweckte den Eindruck von fließendem Blut.

Der Gesang wurde lauter, als sie den Torbogen durchschritten und zur letzten Treppe gelangten. Der Sänger war eindeutig männlich und wurde von einem einzigen Instrument begleitet, das Gwen nicht einordnen konnte. Sein Klang schien nicht von dieser Welt zu sein.

Während sie hinabstiegen, schweiften Gwens Gedanken ein letztes Mal zu den Legenden der alten Welt, die sie als Kind gehört hatte. Ein gewaltiges Reich erhob sich in einem fruchtbaren Land, das nun verödet wie eine Wunde die Landschaft verunzierte. Es war ein Königreich der Dämonen gewesen und von den Paladinen der alten mit der Kraft des Lichts vernichtet worden. Nun kehrten die Dämonen aus ihrem Schlaf zurück, um die übrigen Reiche heimzusuchen, als Ersatz für ihre verlorene Heimat.

Aber das hier ist keine Dämonenstadt, wisperte eine freche Stimme in ihrem Verstand. Das hier ist eine Stadt der Menschen, schöner und größer als je eine Stadt zuvor und danach.

Gwen umklammerte ihren Stab fester. Sie durfte sich keine Zweifel erlauben. Der Dämonenkönig erwartete sie.

Endlich erreichten sie den Fuß der Treppe. Das Lied drang hier am deutlichsten an ihre Ohren. Gwens Augen weiteten sich überrascht.

Sie standen im Eingang einer winzigen Kammer, deren Wände schwebende Leuchtkugeln säumten. Sie glommen sanft in warmen Farben und wirkten wie freundliche Glühwürmchen. In dem Augenblick, als Gwen das Zentrum der Kammer erblickte, verstummte der Sänger und das Lied endete.

Inmitten leuchtender Kugeln saß ein junger Mann mit schneeweißen Haaren und einer weiten Robe auf einem gewaltigen Sarkophag. Seine Augen wirkten wie abgrundtiefe Seen der Trauer. Müdigkeit spiegelte sich in seinem weisen Blick. Er wirkte deutlich älter, als seine jugendliche Gestalt erlauben sollte.

Er hatte dasselbe Gesicht wie Lameth.

Gwen war ebenso überrascht wie ihre Freunde. Yuki schlug entsetzt eine ihrer metallüberzogenen Hände vor den Mund, während Lameth instinktiv eine defensive Kampfposition einnahm. Seine Augen erglühten in unbegreiflichem Schrecken.

Der junge Mann nickte ihnen langsam zu und erhob sich von dem Sarkophag. Er bewegte sich mühselig und stützte sich mit zitternden Händen ab. Die Robe legte sich um seinen dürren Körper wie eine seidene Aura aus Nebel.

Der junge Mann deutete eine Verbeugung an und lächelte traurig.

„Willkommen in meiner Ruhestätte“, seufzte er und breitete die Arme aus, so als wollte er die Kammer umfassen. „Mein Retter.“

Kurz herrschte Stille, bis Lameth entschlossen die Waffen hob und sich seinem Ebenbild näherte. Seine Hände zitterten, doch er blieb kampfbereit.

„Wer bist du? Bist du das Herz des Chaos, das die Dämonen am Leben erhält?“

Der junge Mann schüttelte den Kopf und der kurze Anflug eines Lächelns huschte über seine Lippen. „Ich habe vor so langer Zeit dieselben Worte gesprochen. Du bist wahrhaftig mein Nachfolger.“

„Dein Nachfolger? Was soll das bedeuten?“, fragte Lameth verwirrt. Er verharrte auf halbem Wege vor dem jungen Mann. Yuki und Gwen flankierten ihn eilig. Gwen segnete ihre beiden Freunde, konnte aber keine Anstalten zum Kampf an ihrem Gegner entdecken. Sie entdeckte keine Kampfmagie, sondern nur filigrane Lichtfäden, die den Körper ihres Gegenübers mit dem Sarkophag verbanden.

„Du wurdest hier geboren, um der Retter der Menschheit zu sein“, erklärte der junge Mann geduldig. „Was ich vor so vielen Jahrhunderten getan habe, sollst du nun wiederholen. Es ist unser Vermächtnis, unser Fluch.“ Dabei strich er gedankenverloren über den Sarkophag. „Unser Fluch als Söhne des Dämonenkönigs.“

Wie vom Blitz getroffen wich Lameth zurück. Sein Mund öffnete sich und seine Augen blitzten geweitet in stummem Entsetzen. Gwen blickte den jungen Mann entsetzt an. Das konnte nicht wahr sein.

„Es war einmal ein Mann“, berichtete der junge Mann leise. „Der die schönste Stadt der Welt regierte. Er besaß alles, bis auf eigene Kinder. Also griff er zu verbotener Magie und schloss einen Pakt mit dem Teufel, um das Fortbestehen seiner Linie zu sichern.“

Der junge Mann seufzte und wies mit einer vor Schwäche zitternden Hand auf die Decke der Kammer. „Aber der Pakt forderte einen unverschämten Preis. Der Wunsch des Mannes, dass seine Familie ewig fortbestehen möge, erfüllte sich. Doch der Mann und seine Untertanen verwandelten sich in blutrünstige Dämonen, die in ihrer großartigen Stadt mordeten und ein schreckliches Massaker anrichteten. Seine Frau flüchtete in die Kathedrale und gebar einen Sohn – einen Sohn, der die Macht des Teufels erhielt und auszog, seinen Vater zu bekämpfen.“

Der junge Mann kicherte verschmitzt. Seine Augen richteten sich auf Lameth und Gwen betrachtete schockiert, wie Tränen seine Wangen benetzten.

„Verstehst du, Bruder?“, flüsterte er. „Der erste Sohn verbannte seinen Vater hier in diesen Sarkophag. Aber er versetzte ihn nur in einen Schlaf. Der Sohn verband sich mit dem Vater mit seiner eigenen uralten Magie und hielt ihn und seine dämonischen Legionen zurück, bis seine Kraft nachließ. Die Dämonen erhoben sich erneut und der Teufel setzte einen neuen Sohn in die Kathedrale, der wieder auszog, um dieselbe Reise zu erleben und denselben Kampf zu fechten, nur um letzten Endes den Platz des vorherigen Sohnes einzunehmen und den Sarkophag seines unsterblichen Vaters zu bewachen und die Dämonen erneut zu bannen.“ Er kicherte erneut. „Ihr solltet wissen, dass ich einer der Paladine war, die vor Jahrhunderten die letzte Dämonenplage beendeten. Man hält mich für einen verstorbenen Helden, aber in Wirklichkeit habe ich hier ausgeharrt – und gewartet. Gewartet, dass mein jüngerer Bruder meinen Platz einnimmt.“ Er lächelte schwach. „Ich kann das Böse nicht mehr zurückhalten.“

Gwen starrte den jungen Mann an und plötzlich offenbarte sich ihr die Niedertracht dieses diabolischen Plans. Immer und immer wieder erhoben sich die Dämonen, nachdem die Helden in Vergessenheit gerieten, immer und immer wieder wurden die Stadtbewohner ins Leben zurückgerufen, um die lebendigen Menschen heimzusuchen. Es war ein gewaltiger Kreislauf aus Hass und Leid.

Plötzlich hatte Gwen eine Vision. Sie sah den jungen Mann, einen anderen Lameth mit seinen Freunden in dieselbe Höhle kommen. Neben ihm ging eine Magierin mit einem Spitzhut und einem Ebenholzstab.

Die Geschichte wiederholt sich. Selbst wenn wir ihn jetzt binden … nach einigen Jahrhunderten werden neue Dämonen umherstreifen und andere Mädchen wie mich zu Waisen machen. Eine neue Gruppe wird zu einer Reise aufbrechen, um diesen aussichtslosen Kampf weiterzuführen.

Diese Spirale würde niemals enden.

Gwen blickte ratlos Lameth an und erschrak, als sie die Trauer in seinem Gesicht sah. Er nickte.

„Ich erinnere mich jetzt“, flüsterte er. „Ich erinnere mich an meine Geburt und meinen Zweck. Ich muss den König binden. Ich bin der Wächter der Welt.“

Er steckte das Schwert in die Scheide und näherte sich seinem Bruder.

„Lameth!“, rief Gwen verzweifelt und sprang vor, doch Yuki hielt sie zurück und schüttelte den Kopf. Gwen kämpfte gegen ihren Griff an.

„Wir finden einen Weg!“, schrie sie. „Wir können den Dämonenkönig bezwingen! Wenn wir alle unsere Kräfte vereinen …“

„Wir haben keine Zeit mehr.“ Lameth warf Schild und Schwert von sich und näherte sich dem jungen Mann. „Jede weitere Sekunde könnte ein Menschenleben in Karfurth beenden.“ Kurz herrschte Schweigen. „Gwen, Yuki …“ Lameth wandte sich mit traurigem Lächeln um und sah sie an. „Danke. Danke für alles.“

Gwen hob entschlossen den Ebenholzstab. Sie würde ihn zurückhalten. Sie musste ihn zurückhalten! Doch noch ehe ein Zauberspruch über ihre Lippen kam, umarmte Lameth sein Ebenbild.

Goldenes Leuchten erfüllte die Kammer und schleuderte Gwen und Yuki nach hinten. Gwen stieß einen lauten Schrei aus. Sie hatte das Gefühl zu fallen und durch einen endlosen Wirbel aus Farben zu gleiten. Sie presste sich eng an Yuki, hielt sich an ihr fest und zog Trost aus ihrer Anwesenheit.

Dann verschwand der Wirbel und sie schlugen hart auf dem Erdboden auf.

Als Gwen sich taumelnd erhob, brandete Jubel auf sie ein. Yuki und sie befanden sich vor den Toren Karfurths und wurden Zeuge eines dämonischen Heeres, das wie schwarzer Nebel in alle Windrichtungen verteilt wurde. Die menschlichen Soldaten strömten aus den zerstörten Toren, reckten ihre Waffen und freuten sich über die beendete Bedrohung. Sie glaubten, dass ihre Helden den Dämonenkönig besiegt hätten.

Sie wissen nicht, dass derselbe Kampf in wenigen Jahrhunderten von vorn beginnen wird.

Erschaudernd schlang Gwen die Arme um ihre angewinkelten Knie. Yuki umarmte sie.

„Hab keine Angst“, flüsterte Yuki.

Gwen erwiderte die Umarmung. Yukis Trost wog schwerer als der Jubel aller Soldaten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Krisenschreiben

Heute geht es um das Krisenschreiben. Schreiben in der Krise. Kriselndes Schreiben während die Krise das Schreiben hemmt. So in etwa. Eine Krise im Schreiben, oder das Schreiben in der Krise? Oder gar, eine Krise und das Schreiben? Ein Krisenschreiben kann immer geschehen. Eine abgesagte Hochzeit ist eine Krise. Ein Ehebruch ist eine Krise. Ein Todesfall ist eine Krise. Hunderttausend Todesfälle sind eine Krise. Die Krise ist ein schwammiger Begriff. Sie reicht vom Tod des hauseigenen Hamsters bis zum Wirtschaftscrash. Aber, kann der Autor in der Krise schreiben? Über was schreibt er? Über die Krise? Oder über seine Krise, die aus der allgemeinen Krise entwächst? Wird das Schreiben nicht doch ein klein wenig sinnlos in Anbetracht der Krise?

Was ist Krisenschreiben? Einige weltberühmte Autoren würden das Krisenschreiben wohl als reinen Quell der Kreativität beschreiben. Andere würden das Krisenschreiben als Medizin zur Linderung der Krise einstufen. Wieder andere würden die Krise als schreibhemmend charakterisieren. Krisenschreiben ist wohl genauso individuell und abstrakt, wie die Krise und das Schreiben. Doch … gibt es das überhaupt? Gibt es ein Schreiben ohne Krise?
Liebe Schreibkommune, Saigel steckt wohl gerade mitten im Krisenschreiben. Aber sie ist zurück. Sie schreibt. Das reicht.

Eure Saigel

Woher kommt das Wort Prolog und was bedeutet es?

Egal ob man Leser ist oder selbst Romane verfasst, stößt man immer mal wieder auf den Prolog. Das bedeutet, dass es Autoren gibt, die nicht sofort mit der Handlung beginnen, während einige Autoren gleich mit ihrer Geschichte starten.

Im Grunde wissen wir ja eigentlich alle, worum es sich bei diesem Teil des Schreibens handelt. Aber woher stammt das Wort? Wie ist es definiert?

Also hab ich mich mal ein wenig kundig gemacht und Folgendes recherchiert um es so gut wie möglich zusammenzufassen.

 

Die Herkunft des Wortes

Dieses Wort wird bereits seit mehreren Jahrtausenden genutzt, wobei es seinen Ursprung im griechischen hat und in der westlichen Sprachkultur angepasst wurde. Unten führe ich mal die Entwicklung des Wortes vom griechischen Ursprung ins Mittelhochdeutsche auf (kleine Anmerkung am Rande soll sein, dass Griechisch und Latein die deutsche Sprache stark prägten)

in Mittelhochdeutsch     prologe

in Latein                        prologus

in Griechisch                 prólogos

Das Wort prólogos an sich besteht aus zwei Wörtern, die dem griechischen entstammen:

pro -> vor

logos -> Wort

 

Kurze Erläuterung

Bei der Recherche sind mir auch die Synonyme für diesen Begriff aufgefallen, wovon vor allem die im literarischen Bereich ins Auge fallen. Anschließend führe ich jene Ausführungen auf, die vor allem beim Schreiben von Bedeutung sind:

  1. Beginn
  2. Anfang
  3. Einleitung

All das zuvor Erwähnte, ist natürlich unheimlich trocken und zeigt nur im Groben worum es sich bei diesem Wort handelt. Im weiteren Verlauf möchte ich noch ein wenig intensiver darauf eingehen und hoffe, dass es verständlich ist.

Der Prolog ist die Vorgeschichte einer Erzählung oder eines literarischen Werkes und dient oft der Erläuterung der Intention des Folgenden.

Allerdings ist zu beachten, dass man diesen Beginn nicht mit einem Vorwort verwechselt, welches eine Bemerkung des Autoren ist. Es gehört nicht direkt zur Erzählung, obwohl ein eindeutiger Zusammenhang besteht.

Die Einleitung kann mit dem folgenden Schriftstück verbunden oder auch vollkommen gelöst davon sein.

Hin und wieder nutzt der Autor die Einführung in sein Werk die Form eines Gespräches oder eines Monologes. Manchmal wird der Prolog auch für Dinge oder Umstände genutzt, die nicht in die Handlung passen. Meist sind es Hintergründe oder zwischenmenschliche Beziehungen, die darin ihren Platz finden.

Bei den vorhergehenden Varianten ist es möglich, dass die Erzählform eine vollkommen andere ist als in der Handlung.

Einen Prolog kann man erst so nennen, wenn dieser von dem Autor selbst verfasst worden ist.

 

Fazit

Mein Fazit zu diesem Thema ist, dass sich mir der ein oder andere Prolog eines Buches erklärt hat. So kann ich in Zukunft bei Büchern weitaus ruhiger angehen und mich auf das freuen was kommt.

Der letzte Palast (1/2)

Sacht fegte ein staubiger Windstoß durch die Ödnis. Ausgetrocknete Flussbette und abgestorbene Bäume säumten seinen Weg, das silbrige Mondlicht tanzte auf ihm und gelangte selbst in den rissigen Erdboden. Der Wind durchquerte die leblose Landschaft unter dem schimmernden Sternenhimmel. Keine einzige Wolke stand am Himmel.

Eine auffällige Felsformation, um die sich schwarzer Rauch wand wie ein hungriges Gespenst, erhob sich inmitten der Trostlosigkeit. Wie wabernder Nebel verschluckte er das fahle Mondlicht und verbarg sein Geheimnis vor neugierigen Augen.

Stille beherrschte die Einöde, bis mit einem Mal zwei gewaltige Lichtsäulen vom Sternenhimmel herunterfuhren und das halbdunkel zerrissen. Direkt vor der Felsformation bohrten sich die Säulen in den trockenen Boden und wirbelten eine Staubwolke auf. Einen Augenblick später waren sie verschwunden und zwei geisterhafte Schemen traten daraus hervor.

Gwen kniff die Augen zusammen und strich eine Strähne ihres karmesinroten Haares hinter ihr Ohr. Der Wind zog sacht an ihrem langen Umhang und zerrte feine Lichtfetzen aus der Spitze ihres langen Zauberstabs. Dabei hörte sie hämisches Flüstern und kurz glaubte sie, diabolische Augen blitzten sie aus der Dunkelheit heraus an.

Gwen hob entschlossen den Stab. „Ormozd!“

Eine Druckwelle aus Licht breitete sich um sie herum aus und fegte ihr beinahe den verzauberten Spitzhut vom Kopf. Das Wispern des Windes erstarb sofort und der Luftzug legte sich. Gwen atmete tief durch, als sie mit einem Mal eine Bewegung neben sich wahrnahm. Sofort wirbelte sie herum und hob kampfbereit ihren Stab. Ihre Lippen formten bereits Worte, bis sie ihre Freundin erkannte.

„Yuki!“, rief sie erleichtert. „Gravis sei Dank, es hat funktioniert!“

Die schweigsame junge Frau mit den wallenden schwarzen Haaren und den geschlitzten Augen nickte langsam. Sie trug einen bunten, fremdartigen Mantel, der einem langen Federkleid glich. Seine weiten Ärmel verbargen kaum die metallenen Kappen, die sich über ihre geballten Fäuste wölbten. Schwach glimmende Schriftzeichen bedeckten ihre harte Oberfläche.

Gwen atmete tief durch. Sie durften nun keinen Fehler begehen. Das Schicksal der gesamten Welt hing von ihnen ab.

Langsam suchte sie mit zusammengekniffenen Augen ihre Umgebung ab und erschauderte, als sie die toten Bäume erspähte. Sie wirkten wie Leichen, die im Todeskampf ihre dürren Arme in alle Richtungen ausstreckten.

Yuki zupfte an ihrem Ärmel und deutete hinter Gwen. Ihre unergründlichen schwarzen Augen verengten sich.

Als Gwen sich umwandte, sah sie zunächst nur schwarzen Nebel. Erst nach einigen Sekunden erkannte sie die Silhouette einer Felsformation.

„Das muss der Eingang sein!“, rief sie und schluckte. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie durften sich nun keinen Fehler erlauben. Langsam ging sie vorwärts, den Stab vorsichtig erhoben. Yuki folgte ihr mit forschen Schritten. Ihre Gewänder schleiften über den staubigen Boden.

Gwen strengte ihre Augen an, doch sie konnte die Schwärze des Nebels nicht durchdringen. Probeweise streckte sie eine Hand aus und erschauderte, als die Dunkelheit ihre Haut umschlang. Beinahe fühlte es sich an wie eine wahrhaftige Berührung.

Im nächsten Augenblick erhob sich bestialisches Brüllen. Gwen konnte nicht reagieren, als der Nebel sich verdichtete und ein dunkles Gesicht auf ihren Arm niederfuhr. Ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei.

Es verging kein Herzschlag, bis eine weitere Lichtsäule vom Himmel herabfuhr und das Wesen vor ihr in Stücke schnitt. Eine goldene Druckwelle fegte die Dunkelheit vor der Felsformation hinweg und offenbarte einen jungen Mann mit goldblondem Haar und blitzenden blauen Augen, dessen Langschwert im fahlen Mondlicht silbrig glitzerte. Er trug eine Rüstung und einen beeindruckenden Schild mit Schutzrunen.

„Ormozd Alvanalev!“, kam es aus seinem Mund.

Der dunkle Nebel verschwand und ein fernes Wimmern ertönte. Der junge Mann ließ seinen Schwertarm sinken und fixierte Gwen vorwurfsvoll.

„Das war gefährlich“, sagte er.

„Ich bin geschützt, Lameth“, erwiderte Gwen und ließ wie zum Beweis ihren Schild aufleuchten. „Abgesehen davon, was hat dich denn aufgehalten? Wir müssen die Welt retten, schon vergessen?“

Lameth lächelte verlegen und steckte sein Schwert zurück in die Scheide. Die ernste Aura fiel von ihm ab wie ein alter Mantel.

„Meister Gravis hatte noch einen Rat für mich“, sagte er. „Das könnte schließlich das letzte Mal sein, dass ich ihn gesehen habe.“

Gwen hob eine Augenbraue. „Ich weiß, dass er für dich immer wie ein Vater war, seitdem er dich im Wald gefunden hat. Aber du musst dich jetzt konzentrieren. Du bist der einzige, der den Dämonenkönig besiegen kann!“

Yuki stellte sich neben Gwen und nickte bekräftigend. Dabei schlug sie ihre metallenen Fäustlinge gegeneinander. Früher hatte dieses Geräusch Gwen immer zum Zittern gebracht, aber nach ihren gemeinsamen Reisen war sie mittlerweile schon daran gewöhnt.

Lameth atmete tief durch und nickte. „Ich weiß. Ich werde mich nicht zurückhalten.“ Seine Augen funkelten entschlossen. „Ich habe die besten Freunde an meiner Seite, die sich ein Mensch nur wünschen kann! Gemeinsam können wir diese ewige Geißel vernichten!“

Gwen und Yuki nickten zustimmend. Sie hatten so vieles gemeinsam erlebt. Sie waren bereit, den letzten Gegner zu besiegen!

Lameth hob den Schild und näherte sich der verräterischen Felsformation. Sie wirkte wie der unebene Rücken eines schlafenden Drachen.

„Belphegors Rücken“, flüsterte Gwen beeindruckt. Das schroffe Gestein wirkte rasiermesserscharf.

„Hier muss der Eingang sein“, murmelte Lameth. „Yuki! Das ist deine Aufgabe.“

„Gut.“ Wohlige Schauer liefen über Gwens Rücken. Yukis Stimme erinnerte sie an einen Fluss aus Milch und Honig, der sie warm umschloss. Dennoch umklammerte sie den Ebenholzstab fester. Sie durfte sich nun keinerlei Ablenkung erlauben.

Bedächtig schritt Yuki zum Eingang und nahm ihre Eröffnungsposition ein. Sie murmelte einige unverständliche Worte, bis die Symbole auf den Metallkappen zu glühen begannen. Yuki stieß einen bedrohlichen Schrei aus und schlug zu.

Ein roter Lichtblitz erfüllte die Luft und das Geräusch berstenden Gesteins zerriss die Stille der Einöde. Risse zogen sich durch die Felsformation. Einen Augenblick später erzitterten die Felsen und eine getarnte Wand stürzte ein. Gwen bedeckte ihre Augen mit den Händen und bewegte sich vorsichtig nach vorn. Yukis Angriff hatte einen kleinen Erker freigelegt. Mit ihren Sinnen erspähte sie eine verborgene Treppe hinter der gemauerten Wand.

„Geht zur Seite!“, rief Gwen und hob ihren Ebenholzstab. „Hier ist der Eingang!“

Yuki und Lameth traten zurück und Gwen klopfte gegen die Mauer. Sie löste sich in feinen Staub auf, der langsam zu Boden rieselte. Dahinter kam ein uralter Torbogen zum Vorschein, der sich über die abschüssige Treppe wölbte.

„Das ist es“, flüsterte Lameth. „Der unterirdische Palast des ersten Reiches.“ Kurz schloss er die Augen. Er schien Kraft zu sammeln. Als er sie wieder aufschlug, glühten sie golden.

„Ich gehe voran“, sagte Lameth schlicht und begab sich zur Treppe.

Die Anordnung war überflüssig. Die drei hatten bereits so oft miteinander gegen die Mächte der Finsternis gekämpft, dass Gwen ihm instinktiv nachfolgte und Yuki die Nachhut bildete. Gwen umklammerte ihren Stab fester und sprach einen Segen über ihre Freunde. Die magischen Energien mussten frei fließen, wenn sie den König bekämpfen wollten.

Die Treppe war lang und dunkel, jedoch überraschend gut erhalten. Gwen war überrascht, Jahrtausende waren seit dem Untergang des alten Reiches vergangen, doch die Stufen wirkten wie neu.

Kurz glaubte sie wieder, leise wispernde Stimmen zu hören. Gwen konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Bisher waren ihre Feinde stets Dämonen gewesen, deren Kräfte sich analysieren und bewerten ließen. Sie fürchtete die mystische Aura dieses Orts.

Geheimnisumwittert heißt lediglich informationslos.

Mit einem Mal legte sich Yukis Hand sanft auf ihre Schulter. Gwen ergriff und drückte sie. Yuki schien stets zu spüren, wann es ihr schlechtging.

Endlich erreichten sie das Ende der Treppen. Vor ihnen erhob sich ein prunkvolles Doppeltor, das von dämonischen Statuen flankiert wurde. Gwen erkannte die Darstellung. Der Künstler hatte zwei doppelköpfige Unholde verewigt, deren raubtierhafte Züge einem Geier ähnelten. Gwen erinnerte sich widerstrebend an einen Kampf gegen diese Wesen, den sie zusammen geführt hatten. In diesem Augenblick beruhigte sie die Anwesenheit von Yuki und Lameth mehr als jede Ehrengarde es je könnte.

„Dort oben steht etwas“, sagte Lameth leise. Gwen folgte seinem Blick und erkannte verwitterte Buchstaben auf dem Torbogen. Sie kannte weder die Schrift noch die zugehörigen Satzzeichen. Für sie wirkte es wie das Gekritzel eines wirren Hofnarrs.

„Fürchte dich selbst“, las Lameth zögerlich vor.

Gwen und Yuki musterten ihn verblüfft. Lameth sah sie verlegen an.

„Was ist das für eine Sprache?“, fragte Gwen sofort. „Wieso kannst du sie?“

„Ich … ich weiß es nicht“, gestand Lameth. „Sie wirkt irgendwie vertraut …“

Gwen seufzte. Solche Dinge geschahen ständig. Lameth besaß keine Erinnerungen an seine Kindheit und glaubte immer wieder, in alten Relikten Erinnerungsfetzen zu erkennen.

Wahrscheinlich steht dort in Wirklichkeit nur so was wie „Mit Schuhen betreten verboten“ oder „Keine Waffen erlaubt“. Dennoch stieg Unbehagen in Gwen auf. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass Yuki sorgenvoll die Stirn runzelte. Ihre Freundin wirkte ebenfalls besorgt.

„Egal …“ Lameth trat vor und untersuchte das gewaltige Doppeltor. „Ich glaube, das könnten wir sogar ohne Yuki schaffen … diese Seite gibt nach …“ Lameth stemmte sich dagegen. Kurz geschah nichts, dann knarrte der Torflügel und schabte über den steinernen Boden. Gwen starrte das Tor überrascht an.

Wie kann das Holz so viele Jahrtausende überstanden haben? Es hat nur die Farbe gewechselt. Statt bräunlich wirkte es im schwindenden Licht beinahe grau.

Lameth drückte das Tor ein Stück weit auf, dann ging er mit erhobenem Schild durch den so entstandenen Spalt. Gwen folgte ihm mit hämmerndem Herzen und hörte Yukis beruhigende Atemzüge. Sie zwang sich innerlich, ihren Puls dem ihren anzugleichen.

Als sie das Tor passierten, empfing sie plötzlich Helligkeit.

Gwen starrte überrascht auf die gewaltige Halle, die sich vor ihnen erstreckte. Reich verzierte Fackeln in der Form lauernder Gargoyles verbreiteten rötliches Leuchten. Gwen konnte trotz ihrer Magiesicht keine Fallen entdecken.

„Die Halle ist riesig!“, stieß sie atemlos hervor. „Und es gibt keine einzige Falle!“

Lameth betrachtete sie mit gehobener Augenbraue. „Keine einzige Falle? Bist du dir sicher?“

Gwen schob die Unterlippe vor. Musste er ausgerechnet jetzt an ihr zweifeln? Sie war auch ohnedies schon nervös genug!

„Natürlich sind hier keine Fallen! Hast du schon vergessen, dass Meister Gravis mich zum Oculus ernannt hat?“

Lameth leckte sich nervös über die Lippen. „Hier ist nichts“, murmelte er. „Keine Fallen, keine Feinde, keine Einrichtung. Wofür diente diese Halle?“

Gwen wollte bereits Vermutungen anstellen, als Yuki ihnen beiden die Hände auf die Schultern legte und mit dem Kinn auf die Wand vor ihnen deutete. Gwen wandte verwirrt den Kopf und entdeckte mit einem Mal im Halbdunkel der Wand eine Karte, die jemand in die Mauer gemeißelt hatte.

Lameth hob seinen Schild. „Bleibt zurück!“

Gwen verdrehte die Augen, bevor sie ihm in der gewohnten Formation nachfolgte. Eine goldene Aura tanzte wie ein Lichtermeer auf Lameths Körper und rang mit den roten Lichtern der Statuen an der Wand. Gespensterhafte Schatten wiegten sich an der Wand, während sie die Karte betrachteten.

„Scheint so, als hätte der Palast drei Ebenen“, flüsterte Lameth. „Das Grab des Dämonenkönigs ist ganz unten.“

Gwen zischte übellaunig. „Natürlich. Warum kann unser Ziel auch nie dort sein, wo unsere Karten es sagen?“

Yuki kicherte mit vorgehaltener Hand, während Lameth sie mit gehobener Augenbraue musterte. „Na hör mal“, sagte er mit der Andeutung eines Lächelns. „Meinst du, die Welt zu retten wäre einfach?“

Gwen verkniff sich eine Antwort und setzte sich in Bewegung.

Sie gingen vorsichtig die Wand entlang und blieben im Schatten der gewaltigen Gargoyle-Statuen. Gwen hoffte zutiefst, dass sie nicht lebendig werden konnten. Ihr zweiter Kampf hatte ihnen ein ähnliches Problem bereitet und blieb immer noch ihre schlechteste Erinnerung.

Gleich nach den Unholden mit den zwei Köpfen.

Die Halle war leer, aber entsetzlich groß. Gwens Augen schmerzten bereits nach der Hälfte durch die konstante Magiesicht. Sie war sogar gewaltiger als Meister Gravis‘ Anwesen in Karfurth!

„Wir sollten uns beeilen!“, rief Lameth. Er wirkte nun todernst. Gwen entging nicht, dass er seinen Schild krampfhaft umfasste. „Das Heer der Dämonen wird Karfurth jeden Augenblick erreichen. Wir müssen das Grab vorher finden!“

Gwen nickte zustimmend und beschleunigte ihre Schritte. Die Geräusche hallten unnatürlich in der Stille der gewaltigen Halle wider. Gwen warf unsichere Blicke in alle Richtungen. Das rote Licht wirkte unheilvoll. Sie erschauderte, als sie die unnatürlichen Verrenkungen ihrer eigenen Schatten an der Wand beobachtete. Sie erkannte keine Fallen, aber war trotzdem beunruhigt. Dieser Ort strahlte mystische Bedrohlichkeit aus, wie ein gefährlicher Schemen eines gewaltigen Raubtiers, der sich in dunklem Nebel verbarg.

Endlich erreichten sie das Ende der Halle. Ein weiterer Torbogen überspannte eine gähnende Öffnung, die wie das Maul eines Raubtiers wirkte. Kurz glaubte Gwen, wieder entferntes Flüstern zu vernehmen. Die Stimmen klangen nun von Trauer erfüllt und schwebten aus der finsteren Öffnung zu ihnen empor.

„Das wäre der ideale Ort für einen Hinterhalt“, flüsterte Lameth und hob seine Waffen. „Dies sind die Ruinen eines vergessenen Reichs. Wir können nicht genau einschätzen, was hier auf uns lauert. Rechnet mit Unholden und anderen Dämonen der A-Klasse!“

Gwens Hände zitterten. Sie schluckte und umklammerte den Stab fester. Dann warf sie sich hinter Lameth in die Dunkelheit.

Kurz verlor die Welt ihr Licht.

Einen einzigen Augenblick lang meinte Gwen, durch eine durchscheinende Silhouette zu gleiten und hielt instinktiv den Atem an. Die seltsamen Formen um sie herum erinnerten sie an eine surreale Unterwasserwelt.

Dann endete das Gefühl und sie fand sich zwischen Lameth und Yuki in einem Tempel voller Statuen wieder.

Steinerne Säulen trugen tonnenschweres Gestein über ihren Köpfen. Zu ihrer Überraschung glich der Rest der Einrichtung einem gewaltigen Figurenkabinett aus Statuen. Doch hier standen keine Dämonen, keine Unholde und auch keine Geister, sondern Menschen. Gwen sah edle Ritter und grimmige Könige, die große Zepter schwangen. Sie erspähte auch Magier und Faustkämpfer wie Yuki, deren Handschutz von ebenso alten Symbolen bedeckt waren wie die ihrer Freundin.

Die Bildnisse standen wirr im Raum verteilt und schienen einer unbekannten Ordnung zu folgen. Instinktiv hatte Gwen das Gefühl, die Statuen starrten sie an. Sie wich zurück.

„Ich wette, sie erwachen zum Leben“, flüsterte Lameth entsetzt und hob einen Schild. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er griff kampfbereit zur Schwertscheide. „Gwen? Was siehst du? Sind sie gefährlich?“

Gwen konnte ihren Blick nicht von den Statuen losreißen. Ihre Blicke wirkten nicht bedrohlich oder furchteinflößend, sondern wie ein kollektives Klagegeschrei, ein schmerzerfülltes Weinen, das tausende Seelen auf einmal anstimmten. Gwen schüttelte den Kopf und blinzelte, doch nichts änderte sich. Ihre Magiesicht zeigte keine Gefahren auf.

„Das sind nur … Statuen“, erwiderte sie leise.

Lameth musterte sie ungläubig. Sein Blick taxierte die Statuen genauer und er deutete mit seiner freien Hand auf die gewaltige Armee vor ihnen.

„Du willst mir weismachen“, sagte er langsam. „Dass keine einzige Statue verzaubert ist?“

Gwen nickte perplex. Sie konnte ihrer Einschätzung selbst kaum glauben.

Ohne Vorwarnung trat Yuki vor und strich ihr Haar aus dem Gesicht. Die Symbole auf ihren Handkappen glommen schwach. Sie wirkte angespannt.

„Das ist ein Ort der Geister“, murmelte sie mit einem Mal. Lameth und Gwen sahen sie beide erstaunt an. Yuki sprach zum ersten Mal an diesem Tag.

„Wieso Geister?“, fragte Lameth entrüstet. „Das hier ist das Grab eines Dämons!“

Yuki hob eine Hand und gebot Schweigen. „Schließt die Augen“, flüsterte sie.

Gwen befolgte den Rat ihrer Freundin. Es vergingen mehrere Herzschläge ohne jegliches Ereignis. Gwen wollte Yuki bereits anzweifeln, als sie mit einem Mal die sanften Klänge eines Lieds hörte.

Die Melodie schien von weither zu kommen und dennoch sehr nahe zu sein. Die Stimme eines jungen Mannes erklang in ihrem Inneren und erfüllte die Luft mit düsterer Melancholie. Obwohl das Lied Gwen zu Tränen rührte, nahm sie in der Musik auch unbegreifliche Schönheit wahr. Bilder aus ihrer Kindheit fluteten ihr Gedächtnis – Bilder ihres Heimatdorfs, das von herumstreunenden Dämonen zerstört worden war, Bilder ihrer Eltern und Geschwister, deren verwesende Leiber nun in kalten Gräbern lagen. Das Lied wirkte wie eine Litanei für die Vergangenheit, für die Dinge, die verloren waren.

Gwen schlug die Augen erst wieder auf, als sie Yukis handkappen an ihrer Schulter spürte. Das Lied erschien ihr nun lauter als zuvor. Die Melodie schwebte scheinbar aus dem Boden zu ihnen herauf. Der Sänger musste sich unter ihnen befinden.

Gwen bemerkte mit einem Mal, dass Yuki angespannt Lameth schüttelte. Ihr Freund lehnte mit dem Rücken an der Mauer und hatte seine Arme sinken gelassen. Der Schild entglitt seinen erschlafften Fingern und prallte geräuschvoll auf dem Boden auf. Kurz schien die Melodie anzuschwellen, bis sie wieder auf ihre ursprüngliche Lautstärke zurücksank wie ein ermattetes Geschöpf, das sich im Sterbebett aufbäumte.

„Lameth!“, rief Gwen panisch und griff nach ihm. Er war ihre einzige Hoffnung. Sein Schwert Alvanalev war die einzige Waffe, die den Dämonenkönig in seinem Grab in das Jenseits bringen konnte.

Yuki schüttelte ihn beinahe brutal und zum ersten Mal sah Gwen so etwas wie Panik in den Augen ihrer Freundin. Yuki blieb immer ruhig und bedacht, selbst in den heftigsten Kämpfen behielt sie einen kühlen Kopf. Nun wirkte sie wie ein verängstigtes Kind.

Gwen sprach einen schnellen Segen und stärkte Lameths Widerstandskraft gegen fremde Magie. Jemand sabotierte ihn. Eine andere Erklärung für seine Ohnmacht fand sie nicht.

Ein Zittern ließ Lameths Körper erbeben. Yuki schlug so vorsichtig wie möglich gegen seine Wange. Endlich öffneten sich seine Augen. Lameth brach schwer atmend zusammen. Schweiß strömte ihm plötzlich ins Gesicht und seine Arme zitterten.

„Lameth?“, fragte Gwen sanft. „Lameth?“ Sie konnte nicht verhindern, dass sich Sorge in ihre Stimme schlich.

Lameth hob eine Hand wie als Versicherung. Er nickte langsam und erhob sich. Entschlossen hob er den Schild hoch. Seine Augen glühten wieder golden, als er sie ansah.

„Etwas stimmt hier nicht“, flüsterte er.

Das Manuskript – Eine kleine Erläuterung

Wir als Autoren, egal ob wir schon Veröffentlicht haben oder nicht, stehen regelmäßig dem Begriff “Manuskript” gegenüber. Vor allem für jene, die gerade am Anfang stehen, wissen nicht so recht, was sie mit diesem Wort in Verbindung bringen sollen.

Also habe ich mir gedacht, dass es vielleicht mal an der Zeit sei einen kleinen Überblick zu geben, wobei es sich bei dem Begriff “Manuskript” denn so handelt.

Das Wort “Manuskript” entstammt dem mittellateinischem und wird dort als manuscriptum bezeichnet.

Es besteht aus zwei Worten des lateinischen. Diese sind:

    manus = Hand (auch in der Maniküre enthalten) sowie

    scriptum 2. Partizip von scribere = schreiben (franz. scribir / span. escribir).

Für das doch recht lange Wort kann man auch die Kurzform “manus” verwenden.

Das Manuskript bezeichnet im allgemeinen handgeschriebene Bücher, Briefe oder andere Publikationsformen, die im engeren Sinne durch manuelles Schreiben mit Tinte oder anderen Farbmitteln entstanden sind.

Dazu gehören vor allem auch die im Mittelalter rein handschriftlichen Texte. Diese wurden damals in Sammelbänden zusammengefasst. Um diese dann publizieren zu können, mussten diese dann handschriftlich kopiert, also abgeschrieben, werden.

Doch mit dem Aufkommen des Buchdruckes wurden die langwierigen Prozesse des “Kopierens” vereinfacht und die Publikation wurde um einiges schneller.

Durch den soeben genannten Buchdruck werden heute umgangssprachlich auch maschinenschriftliche Druckvorlagen als Manuskript bezeichnet.

Der Wahn einen Krimi zu schreiben

Einen Krimi schreiben – wer bitte kommt denn auf so eine abgefahrene Idee? Ich zum Beispiel. Streng von außen betrachtet, bringe ich gar keine Voraussetzungen mit, einen Krimi schreiben zu können – doch ich möchte das.

Krimis haben mich schon mein Leben lang beschäftigt. Ich habe diese Lektüre verschlungen. Groschenromane, waren billig und als Schüler mit damals sehr geringen Taschengeld, versuchte ich nicht nur an die Dinger ranzukommen, sondern nach der Lektüre diese auch wieder weiterzuverkaufen. Flohmärkte sei Dank.

Diese Krimis rissen mich in den Bann, in einen Strudel und meine Eltern waren damals “not amused” zu sehen, wie ich an den Dingern hing.
Scotland Yard 333, London 999, John Cameron und nicht zu vergessen Jerry Cotton. Später las ich Bücher und stieß auf die Heyne Serien rot und blau. Da waren tolle Romane dabei.

Erst viel später fand ich zu Büchern von Edgar Allen Poe und Sir Arthur Conan Doyle mit seinem berühmten Sherlock Holmes Holmes, um nur einige zu nennen.

Dennoch frage ich mich, ist es also vermessen, heute 40 Jahre später, zu behaupten ich könne einen Krimi schreiben.

Genau das habe ich mir vorgenommen. Ich konnte zu diesem Moment noch nicht abschätzen, was das für mich bedeutete und welche Auswirkungen diese Entscheidung für mich hatte.

Auf diesen Seiten möchte ich meine Erfahrungen mit dem Projekt “einen Krimi schreiben”, posten.

Dabei werde ich alle Aspekte des Schreibens durchgehen. Von der Idee bis zur Veröffentlichung.

Einige Passagen gibt es natürlich hier zu lesen.

Sei gespannt!

Andre

Rezension “Zeilen aus Tyarul” von Farina de Waard

Das Buch Zeilen aus Tyarul

Die Autor Farina deWaard

Genre Fantasy

Preis 2,99 €

Verlag fanowa

Informationen zur Autorin und deren Büchern (Bibliografie)

https://www.fanowa.de/

Die Handlung:

Geschichte 1

Diese Geschichte handelt von Sebila, der ehemaligen Amme der Familie van Dymar. Mittlerweile ist Zayda, ihr jüngstes Ziehkind, an der Macht was so einige Annehmlichkeiten für sie bereithält. Denn Sebila ist die oberste Hausdame in dem Familiensitz von Zaydas Familie. Somit unterstehen ihr alle Diener und sie kann fast ebenbürtig mit den Ratkenkriegern reden.
An ihrem Namenstag holt sie eine Flasche Wein aus dem Lager und teilt diesen mit den anderen Dienern und Sklaven, die sie seit ihrer neuen Stellung meiden.
Schon einen Tag danach wird Sebila mit dem gesamen Hausstab nach Mazmorra gebracht, wo Zayda nun die Macht an sich genommen hat. Hier ist für die einstige Amme so einiges anders und sie muss sich an diesem Ort neu behaupten.

Geschichte 2

Zayda ist nun mehr als zehn Jahre an der Macht und doch wird sie von ihrer Vergangenheit heimgesucht. Sie sieht es als Schwäche, die sie nicht zulassen kann, sodass in ihr eine unbezähmbare Wut heranwächst.
Sie trifft, nach einer ernüchternden Nachricht über die Bilure, eine Enscheidung, die vor allem für ihr Volk entscheidend sein wird. Denn Zayda schafft es mit Hilfe ihrer Magie einen widerspensigen Statthalter auf ihre Seite zu ziehen.
Hiernach kehrt sie an den Ort zurück, wo alles begann. Dort kommt es zu einem Zusammentreffen mit der Hüterin der Ratken.

Mein Eindruck:

Ein wunderbarer Einblick in die jungen Jahre von Zayda und die Kultur der Ratken. Und nicht nur das. Man lernt das Leben in Tyarul ein wenig besser kennen.

Mein Fazit:

Auch wenn das Buch mit seinen zwei Geschichten nur als e-book erhältlich ist und mir ein richtiges Buch gefehlt hat, so haben mich die Erzählungen in ihren Bann gezogen.
Vor allem die Sichtweisen von diesen beiden Personen aus dieser Kultur hatten fast schon etwas magisches an sich.
Für jeden der „Das Vermächtnis der Wölfe“ liest eine Lektüre, die es sich zu lesen lohnt.

Gottes Hammer: Folkvang IXX

Ein Blitz, ein Hieb, dann kehrte Stille ein.

Azrael atmete schwer. Murakamas Klinge glühte brennend heiß. Blutstropfen benetzten den von heiliger Magie durchdrungenen Stahl.

Ashaya hatte ihm das Leben gerettet.

Durch die Verbindung zwischen Murakama und dem Dämonenkönig war es ihm gelungen, das Licht des Chorals in die alte Klinge zu bannen. In der Zügellosigkeit seines Angriffs löste Irodeus seine Sphäre auf. Ein Wort der Macht genügte und Azrael stand vor ihm, Astavals legendäres Schwert in Ilianas Brustkorb, noch während der alte König begierig den Hals reckte, um einen Blick auf seine Überreste zu erhaschen.

Einen langen Augenblick lang schien die Welt stillzustehen, schienen die stechenden Dämpfe seiner Hölle sie vor den grausamen Augen der Realität zu behüten. Einen Moment lang füllte die Ewigkeit Azraels Gedanken. Er wagte erst wieder zu atmen, als Ilianas Augen erloschen und sie in seine Arme sank. Seine Gedanken verstummten, als er das Schwert herauszog. Seine linke Hand, die den zierlichen jungen Körper hielt, schien zu zittern.

Ist es jetzt vorbei?

Die Frage formte sich in seiner Seele, ohne je sein Gehirn zu erreichen. Er taumelte. Iliana entglitt ihm und fiel zu Boden. Ein Loch klaffte in ihrer Brust. Er hatte genau das Herz getroffen.

Eine gewöhnliche Waffe hätte sie niemals töten können.

Der Gedanke erschien ihm fremd. Er stieß Murakama ungelenk in die Scheide zurück. Eine Blutlache breitete sich um seine Stiefel aus.

Er verharrte reglos, als Halgin neben ihm landete.

Was hast du getan?“, krächzte der Vogelkönig fassungslos. Er flatterte wild mit den Flügeln. „Warum?“

Azrael sah ihn verwirrt an, so als ob er die Worte des anderen nicht erfassen könnte. In seinem Verstand herrschte Leere.

Iliana war seine Schwester. Nein, sie war viel mehr. Das letzte Kind seines Vaters, das noch Hoffnung auf Erlösung hatte. Wer waren schon Seimos und er? Was sagte Irodeus noch gleich?

Der eine verbrennt wehrlose Frauen und der andere will die Menschheit gegen ihren Willen versklaven“, flüsterte er. Er sank auf die Knie. Was hatte er in den vergangenen Wochen wirklich erreicht?

Halgin entfernte sich kopfschüttelnd von ihm. In den schwarzen Augen des Königs stand grenzenlose Bitternis.

Scheinbar habt Ihr wieder versagt“, flüsterte Azrael kaum hörbar. „Iliana ist nicht nur gestorben. Ihr habt mir bei ihrer Ermordung geholfen.“

Halgin stieß ein Wort der Macht hervor, doch Azrael verzerrte schlicht den Raum seiner Hölle und saß mit einem Mal in der kleinen Menschenstadt. Dort waren sie, die Folterinstrumente. Er hatte den Menschen ein friedliches Leben angeboten, fernab aller gesellschaftlichen Konventionen und Zwänge, mit der Möglichkeit, alte Konflikte zu begraben und neue zu vermeiden. Und was taten sie?

Halgin tobte in der Ferne, doch er achtete nicht darauf. Er betrachtete stumpfsinnig die grässliche Bühne. Überall war es dasselbe. In Aminas, in Hrandamaer, sogar in Raureif. Wie konnte er nur hoffen, die Menschen je zu verbessern?

Saskia“, flüsterte er. Er war sicher, dass sie nun kommen würde. „Warum nur?“

Azrael musste sich nicht umwenden, um den gesegneten Windstoß zu fühlen. Seine Heiligkeit brannte auf seiner Haut.

Doch es war nicht Saskia, die vor ihm stand.

Esben.“ Azraels Stimme versagte. „Du auch?“

Esben nickte langsam. Er trug nicht mehr seine schmutzige Kutte, sondern einen weißen Mantel, gewoben aus Mondlicht. In seinem Arm lag ein Foliant, dessen Aura Azrael dazu zwang, sich abzuwenden.

Ich habe wohl versagt, nicht wahr?“, murmelte er. „Ich habe auf ganzer Linie versagt. Ich war anmaßend. Was habe ich erreicht? Irodeus ist besiegt. Aber ist er tot? Nein, ich fühle die Verbindung von Murakama. Er lebt. Und die Menschen? Wollen sie hören? Wollen sie mich annehmen? Nein. Und Iliana?“ Seine Stimme brach.

Esben erwiderte nichts. Er musterte ihn lediglich mit ausdrucksloser Miene.

Verdammt!“ Azrael schluckte, doch er schien an seinem eigenen Speichel zu ersticken. In der Ferne hörte er ein Wort der Macht, das die Erde erbeben ließ. Halgin gab nicht auf. „Bin ich wirklich so ein Narr?“

Ich kann dir diese Frage nicht beantworten“, entgegnete Esben. Seine Stimme klang hell und klar, wie Kirchenglocken an einem Feiertag. „Aber ich kann dich zu jener Person bringen, die es kann.“

Azrael fühlte ein Aufwallen heiliger Magie. Instinktiv griff er nach Murakama, doch hielt er sich zurück. Es spielte keine Rolle mehr. Er würde nun alles tun, um Saskia wiederzusehen.

Im nächsten Augenblick stand er in Folkvang. Mondlicht erfüllte die Halle wie sich sanft kräuselnder Rauch. Esben war verschwunden, doch dort, vor dem Thron mit der Feder, stand die eine Person, die seine Wunden heilen konnte.

Er hatte Saskia seit ihrem Tod nicht mehr gesehen, sondern nur von ihr gehört. Ihre gewaltigen Flügel und ihr Harnisch aus Mondlicht wirkten auf ihn wie prachtvolle Boten einer anderen Welt. In ihren Augen glitzerte eine allumfassende Sicherheit, die ihr eine höhere Macht verliehen zu haben schien.

Der Augenblick der Stille dehnte sich unendlich lange. Azrael tat einen tiefen Atemzug, so als wollte er seine Seele aushauchen und trat vor. Bereits beim zweiten Schritt sank er nieder.

Berith hat all das geplant, nicht wahr?“, stieß er schließlich hervor.

Ja.“ Saskias Stimme erzeugte wohlige Schauer auf seiner Haut. Er hatte sie noch nie zuvor sprechen hören.

Azrael kicherte. Er konnte nicht anders. Plötzlich schien alles auf grauenhafte Art und Weise Sinn zu ergeben.

Berith hat mir damals berichtet, dass du erwacht bist. Berith hatte Kontakte im Lager der Tempelsöhne und nach Hrandamaer. Er wollte Iliana von Anfang an als Gefäß für Irodeus benutzen, richtig? Deshalb hast du Iliana im Lager geheilt! Sie musste willig sein und ihr musstet sicherstellen, dass das Ritual während meiner Abwesenheit durchgeführt wird!“ Azrael hustete. „Aber warum? Warum wolltet ihr Iliana töten?“

Saskia schwieg. Ein Blitz teilte ihre vor Entschlossenheit funkelnden Augen.

Denk nach“, flüsterte sie.

Azrael schüttelte den Kopf. „Weil sie ein Dämon ist? Weil sie meine …“ Saskia schüttelte den Kopf und zog Esbens Kutte hervor. Er brach ab. Langsam verstand er.

Weißt du, wie Folkvang und Hornheim entstanden?“, fragte Saskia leise. „Durch einen uralten Fluch des letzten Königs von Hrandamaer, der Leben und Tod verdammte. Seitdem erheben sich die Toten in seinem Heimatland aus den Gräbern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.“ Saskia spreizte die Flügel und ein Speer aus Mondlicht manifestierte sich in ihren Händen. „König Androg verachtete nichts mehr als diese neue Religion, die ihm sein Reich genommen hatte, und den Tod, der ihm seine Familie raubte. Ein Fluch zwang die Lasterhaftesten unter den Menschen, als Dämonen oder als Elphahim wiederzukehren – um einander zu bekämpfen und die Welt mit Krieg und Leid zu überziehen.“ Ihre Augen funkelten. „Wir beide haben im Leben viel Schuld auf uns geladen, Teshin. Wir sind verflucht. Und nur ein verfluchtes Leben kann ein verfluchtes Leben retten.“

Unsinn!“ Azrael hustete erneut. Das strahlende Mondlicht schien sich in seine Lunge zu drängen und sie langsam zu zersetzen. Ein Aufwallen seiner Magie stieß die Heiligkeit aus seinem Körper. „Soll ich mich etwa opfern, um Iliana ins Leben zurückzuholen?“

So wurdest du ins Leben zurückgeholt“, erwiderte Saskia.

Azrael schnaubte erbost. Doch dann standen ihm die Ereignisse der letzten jahre wieder deutlich vor Augen und entsetzliche Müdigkeit befiel ihn. Was hatte erreicht? Worauf konnte er zurückblicken? Er alterte kaum und hatte diesen Vorteil nur benutzt, um zu kämpfen und Leid über andere zu bringen. War er es Iliana nicht letztlich sogar schuldig, diesem Mädchen, das stets ein Opfer war?

Wenn ich mich opfere“, flüsterte Azrael. „Wird Iliana als Dämon wiederauferstehen oder als Engel?“

Saskia zuckte mit den Schultern. Ihre gewaltigen Flügel erbebten. „Das hängt davon ab, ob sie dem Licht folgt oder sich der Dunkelheit erneut verschreibt.“

Azrael lachte unkontrolliert, Murakama entglitt seiner Hand und er fiel auf die Knie. Seine Augen weiteten sich, bis sie schmerzten, während er Folkvangs Fresken betrachtete.

Ja, ich verstehe!“, rief er lauthals. „Das war Beriths Plan! Er wusste, mich im Kampf zu besiegen wäre schwer – also erfand er eine Lösung. Er wollte, dass ich mich opfern muss – nicht, weil mich jemand dazu zwingt, sondern aus freien Stücken.“ Er schluckte und ein martialisches Grinsen entstellte sein Gesicht. „Aber diesen Gefallen tue ich euch nicht! Niemals! Ich werde die Menschheit retten!“

So wirst du das niemals schaffen“, entgegnete Saskia ruhig.

Azrael spreizte die Finger. Er konnte nicht verhindern, dass sich ein Kichern seiner Kehle entrang. „Beweise es mir. Beweise es mir, indem du mich jetzt und hier, an diesem Ort besiegst! Zwinge mich zu einer guten Tat, du Engel!“

Saskia nickte langsam.

Komm“, flüsterte sie.

Azrael hob Murakama auf und stieß sich kraftvoll vom Boden ab. Er schoss auf Saskia zu, ein glühender Blitz in Folkvangs schimmernder Heiligkeit.

Dann kreuzten sich ihre Waffen.

Bilder füllten Azraels Kopf und er schnappte nach Luft. Er sah Saskia als junge Novizin unter einem unerbittlichen Meister, er sah sie bei einer Hexenverbrennung jubeln und ihre Kräfte als Inquisitorin schärfen. Er sah den Verrat, den andere an ihr übten, weil sie eine Frau war, und ihre Flucht nach Aminas. Er sah, wie sie dem redseligen Söldner namens Teshin begegnete und letztlich in Hornheim ihr Leben verlor.

Azrael taumelte. Saskia folgte ihm langsam und vollführte einen schwachen Schlag. Azrael parierte mühelos, doch erneut füllten Erinnerungen seinen Kopf. Diesmal betrafen sie Esben. Als nächstes sah er Iliana, Berith, Malfegas, Ungoros und Velis. Dem nächsten Schlag versuchte Azrael auszuweichen, doch vergebens. Ashaya grinste ihn an, Abigor hob grimmig sein Schwert, Lifas und Elinor folgten Seimos auf seinen Feldzug nach Hornheim. Als letztes blickte ihn Arion an, mit von Trauer schwerem Blick.

Azrael schrie vor Schmerz. Er hatte all das Unglück der vergangenen Monate zu verantworten. Er war kein Held. Von dieser Sünde konnte er sich nie reinwaschen.

Er hatte verloren.

Saskias Speer war seine Rettung. Als sie ihn herausfordernd hob, sstürzte Azrael nach vorn. Ein Zittern ließ seinen Körper erbeben, als die willkommene Spitze sich durch seine Brust bohrte.

Stille kehrte ein. Er stand dicht vor Saskia, sein Körper eng an den ihren gepresst. Er spürte das warme Blut, das seinem Körper entfloh. Murakama entglitt ihm, diesmal für immer.

Werde ich je …“ Ein Blutschwall unterbrach seine Worte und er hatte das Gefühl zu ersticken. Sein Blick verschwamm und er sah nur noch Saskias leuchtende Augen. Sie beantwortete seine letzte Frage mit einem Nicken.

Azrael schluckte. Keine Pein war größer gewesen, als in die Seelen seiner Opfer und Untergebenen blicken zu müssen.

Er verschwand mit der Erkenntnis, dass Gottes Hammer nun endgültig gefallen war.

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Sechs Monate später

Aminas feierte.

Iliana betrachtete die tanzende Menge durch das flimmernde Licht des Nachmittags. Heute war Sankt-Esbens-Tag, ein Fest für jeden Menschen. Eine Woche lang fasteten die Bürger in Anbetracht dieses Ereignisses. In dieser Zeit durften keine Todesurteile vollstreckt werden. Jeder sollte diesen Tag, den Tag der Vergebung der Sünden, miterleben.

Ich wusste gar nicht, dass Menschen feiern können, ohne jemandem wehzutun“, flüsterte Velis neben ihr erstaunt. Ihr Sklavenmacher erntete verwirrte Blicke der vorbeigehenden Menschen. Niemand dachte an Folter und Tod.

Iliana zuckte mit den Schultern. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, trat Esben in ihr Blickfeld. Der ehemalige Wanderpriester reichte ihnen zwei Tüten mit Backwerk, die er von einer gebeugten Straßenhändlerin erstanden hatte. Iliana dankte ihm lächelnd. Velis betrachtete die Süßigkeiten verwirrt, so als ob sie nicht genau wüsste, was damit anzufangen wäre.

Und?“, fragte Esben mit einem verschmitzten Lächeln. „Wie fühlt man sich als Königin von Hornheim auf einem solchen Fest? Brüskiert Euch das muntere Treiben?“

Iliana tat, als werfe sie mit einem Kieselstein nach ihm. „Sei du bloß still, du unsterblicher Engel.“

Esben verschränkte die Arme vor der Brust. Sein strahlend weißer Mantel reflektierte das Sonnenlicht. „Als ich deine Einladung erhielt, dachte ich zunächst, ich höre nicht recht.“

Iliana lachte. „Kann ich mir denken. Aber ich schulde Folkvang mein Leben. Dass ich zufällig als Dämon zurückgekommen bin, ändert nichts daran. Folkvang und Hornheim müssen nicht stets Feinde bleiben.“

Das ist radikal“, murmelte Esben. „Vergiss nicht, wir sind wie Tag und Nacht. Folkvang ist ein Thron der Engel, Hornheim eine riesige Folterkammer.“

Iliana zuckte mit den Schultern. „Die Dinge können sich ändern. Arion wollte aus mir eine Herzogin machen, Irodeus einen Folterknecht und Arinhild ein Dorfmädchen. Die Dinge müssen nicht immer einen vorgezeichneten Weg gehen.“ Dabei blickte sie Velis an, die verzückt errötete, als sie eine der Süßigkeiten probierte.

Esben seufzte. „Vermutlich hast du recht.” Kurz hielt er inne und ließ seinen Blick in weite Ferne schweifen. Wir können wohl alle noch viel von dir lernen.“

Iliana lächelte. Aus den Augenwinkeln sah sie Halgin, der das Geschehen von einer Dachkante aus aufmerksam beobachtete. Er hatte sich nicht von ihr abgewandt. Sie würde Hornheim verändern, sodass auch er die Existenz von Dämonen akzeptieren konnte.

Gottes Hammer war gefallen. Nun konnte eine neue Zeit anbrechen.

 

Saigels Irr(e)lichter – Die Schreibatmosphäre

Besonders jetzt, in der kalten Jahreszeit, wenn der Schnee fällt und es früh dunkel wird setzt sich der Autor doch auch mal früher an den Schreibtisch und lässt sich mit einem Blick nach draußen von der Atmosphäre einfangen. Schreiben erzeugt eine gewisse Atmosphäre, so ähnlich wie das Lesen.

Sind die äußeren Einflüsse wie, Wetter, Hintergrundgeräusche, Ort etc. wichtig für das Schreiben? Kann hinterher gar herausgelesen werden, dass sich der Autor, sonst stets zuhause schreibend, während des Erstellens dieses einen Kapitels im Zug befand? Schreibt der Schreiber anders an anderen Orten? Kann er abgelenkt werden von seiner Welt auf Papier?
Selbst von den großen Schriftstellern werden Bilder verbreitet, die deren Schreibtische oder Büros zeigen. Bilder eben jener werden ebenfalls zumeist während des Schreibens gemacht. Sogar so manches Museum beinhaltet den Schreibtisch eines längst verstorbenen Autors, dessen Name die Jahrhunderte überdauert hat.

Es ist eine interessante Frage, welche Art von Atmosphäre nötig ist um schreiben zu können. Muss es still sein, oder laut? Muss die Sonne scheinen, oder muss es regnen. Muss der Schreibtisch in Unordnung versinken, oder fein säuberlich sortiert sein? Muss es am Schreibtisch geschehen, oder unterwegs, im Zug, auf der Arbeit? Wann kann ein Autor schreiben? Wann kann er überarbeiten? Noch einmal lesen? Wieder überarbeiten?

Ich glaube, das Schreiben selbst, das Konzentration erfordert, erzeugt die Atmosphäre. Allerdings kann ein ruhiger Ort mit einem schönen Ausblick dies wohl eher zulassen als ein hektischer Platz. Die Lust am Schreiben hat wohl auch mit dem Wetter nur so weit etwas zu tun, dass schlechtes Wetter wohl eher dazu verleitet sich lieber einmal zurückzuziehen um zu schreiben. Offenbar gibt es aber Autoren, die das anders sehen. Einige können nicht schreiben, wenn sie nicht an dem einen gewohnten Platz sind, den sie dafür erdacht haben. Andere schreiben ausschließlich im Winter. Wieder andere schreiben überall aber nur mit Stift auf Papier.

Der Sprung in die Professionalität bedeutet hier wohl weitere Einschränkungen. Die produktive Phase im Winter reicht dann wohl nicht mehr aus. Konzentrationsfähigkeit kann trainiert werden, weshalb ich darauf schließe, dass das ausdauernde Schreiben genauso geübt werden kann. Aber ist die Atmosphäre dann noch dieselbe? Schlägt sich eben dies in dem Geschriebenen dann auch nieder?

Derjenige der dies gelesen hat ist dazu eingeladen, seine eigene Schreibatmosphäre in den Kommentaren zu beschreiben.

Eure Saigel

Murks – von Saigel


„Guten Tag Herr Direktor. Sie wollten mich sprechen?“

„Ja bitte, nehmen Sie Platz, Inspektor Klotz.“

„Danke. Was gibt es denn so Dringendes?“

„Ich möchte mit Ihnen über Ihre Arbeit sprechen. Über die Akte 5869.“

„5869… Mhm.“

„Das war ziemlicher Murks.“

„Murks? Ja. Der wurde abgemurkst.“

„Nicht der Mord, Ihre Arbeit!“

„Ich habe niemanden getötet. Wie kommen Sie darauf?“

„Nein! Ihre Arbeit war Murks!“

„Meine Arbeit war es, zu ermitteln. Ich hatte nicht die Anweisung jemanden zu ermorden.“

„Ihre Ermittlung war Murks, Inspektor Klotz! Darüber möchte ich mit Ihnen sprechen! Die Leiche lag fünf Tage im Wasser bevor Sie sie da herausgezogen haben!“

„Aber das lag doch nicht daran, dass ich dem armen Teufel selbst den Hals umgedreht habe! Wir konnten nicht früher ans Wasser ran!“

„Warum nicht?“

„Na, wegen der Spurensicherung!“

„Im Wasser?!“

„Nein! Am Tatort! Da waren so viele Spuren!“

„Weil Sie mit Ihrer Mannschaft da durchgetrampelt sind, wie der Elefant im Porzellanladen!“

„Aber was hat das mit dem Abgemurksten zu tun?“

„Nichts! Sie haben das vermurkst und Sie werden die vollen Konsequenzen tragen! Vom Seuchenschutz bis zu den wütenden Angehörigen!“

„Komme ich jetzt ins Gefängnis?“

„Sie werden suspendiert, wenn Sie sich weiter so aufführen!“

„Also gut. Ich werde alles tun was sie verlangen, aber ich werde keinen Mord gestehen den ich nicht begangen habe!“

„Sie haben die Ermittlungen in den Sand gesetzt, Herr Klotz! Sie werden sich rechtfertigen!“

„Herr Direktor! Der Sand war nötig um die Leiche aus dem Wasser zu ziehen, das weiß doch nun wirklich jeder!“

„Ok, lassen Sie es mich anders formulieren: Sie haben die Ermittlungen verhackt!“

„Der war schon so, als wir zum Tatort kamen!!!“

„Verflucht Herr Klotz, verlassen Sie augenblicklich mein Büro!“

„Aber die Leiche! Bin ich jetzt verdächtigt, oder wie?“

„Raaaaaaus!“

„Otto! Was wollte jetzt der Chef?“

„Der meint, ich hätte den Mann aus 5869 selber abgemurkst.“

„Heftig!“

„Ich muss das Land verlassen, sonst fahre ich noch unschuldig ein!“

„Stimmt, mach lieber schell!“

„Ja ist besser so. Sicher ist sicher.“

7 mm

Sieben Millimeter
Nicht mal ein Fingernagel
Noch gar nicht richtig echt
Im Grunde fast nicht da

Sieben Millimeter
Bringen alles durcheinander
Sind Freude und Hoffnung
Und schlaflose Nächte

Sieben Millimeter
Das sind winzige Finger
Ein Kopf, viel zu groß
Und ein Herz, das schlägt

Und schlägt
Und schlägt

Ganz dicht unter meinem
Fleißig und tapfer
Muss wachsen und formen
Werden und sein

Sieben Millimeter
Sind auf einmal die Welt
Machen Herzen weicher
Bande stärker Glück greifbar

Sieben Millimeter
Im Grunde fast nicht da
Sind jetzt schon geliebt
Behütet und nah

by Rebekka Steltzer

Leben im Meer

Tag für Tag gehe ich die Straße entlang. Baustellenlärm umhüllt mich. Ich sehe den tristen Backsteinhäusern dabei zu, wie sie die Segel setzen und sich stetig weiter in Schwindel erregende Höhen hinauf schrauben. Stets sind die Menschen bestrebt darum, den höchsten Punkt der Stadt für ihre Beobachtungszwecke zu nutzen. Es ist ein Privileg, die sich aneinander brechenden Wellen aus Stein und Stahl, die wild spritzende Gischt von Menschen und Autos sowie die ewig grollende Geräuschkulisse der lebendigen Stadt aus sicherer Entfernung zu betrachten. Über immense Höhen durch unzählige Stockwerke gefiltert, ist kaum noch etwas von den Ausmaßen der aufeinanderprallenden Ungetüme zu hören, die hier im endlosen Meer der Großstadt ihren jahrhundertealten Zwist miteinander austragen.
Ich war noch nie dort oben in den Wolken, von wo aus dieses staubaufwirbelnde Wirrwarr lediglich zu beobachten ist. Ich bin hier unten, eigentlich schon immer. Dennoch bin ich nicht traurig darum, da mich die tosenden Gewalten selten noch mit Angst und Schrecken erfüllen. Sie wüten in blinder Raserei die Straßen entlang und doch bin ich froh, sie mit ihren eigenen Konflikten beschäftigt zu sehen. Denn wenn ich auf meinem Heimweg den ewigen Kampf beobachte, der so vollkommen in sich verstrickt, nicht ein einziges Mal zu mir aufsieht und mich schlicht nicht bemerkt, erinnere ich mich des Öfteren an andere Zeiten.

Damals war ich noch ein junges Mädchen, unfähig, die Gewaltigkeit um mich herum zu begreifen, unmündig, gehetzt, nach Sicherheit und Frieden lechzend. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie noch vor mir: laut miteinander zankend, in solch ungeheuerlicher Wut ineinander verbissen und gekrallt, durch die Straßen tobend, ohne ein Ende zu sehen, ohne sich loszulassen, ohne zu vergeben.
Hass floss durch die Stadt, vergiftete Gischt und Herzen, nistete sich ein, erfüllte die Luft, kontaminierte selbst den letzten Aufrechten mit schaurig fauligem Atem. Nichts und niemand konnte fliehen. Wie durch Marionettenfäden geführt, entwickelte sich ein grausiges Schauspiel, das die Meereswasser mit dem Anblick der Zerstörung und des Todes färbte.
Die Tränen, die ich und die anderen Verlorenen in die brüllenden Strudel weinten, wurden sofort blutrot, unfähig, der bereits verdorbenen Flüssigkeit Mitgefühl beizumischen.
 
Heute begebe ich mich gerne auf die belebten Straßen. Nach einem langen Tag genieße ich es, nachhause zu spazieren, hier und da stehen zu bleiben und mein rotes Kopftuch zurechtzurücken, das ich zu meinem Schutz trage. Sollten sich einmal die Wassermassen schlagartig ändern und mich mitreißen, werden mich die Gaffer dieses Mal nicht von oben erkennen. Die grollende Welle wird mich mitnehmen, mich entweder ertränken, oder mich leben lassen. Habe ich doch zu lange Zeit auf Hilfe von oben gehofft, mich nach starken Händen gesehnt, die sich mir, durch die Wasseroberfläche drängend, geöffnet darboten. Ich wünschte, sie als rettenden Anker zu ergreifen und mich zu ihnen herauf zuziehen, in das abgeschottete Nichts der Höhe, die unberührt und trocken keinerlei Gefahren barg.
Schmerzlich sticht mich die Erinnerung an weit aufgerissene Augen, zusammengepresste Münder, die ihre Hände fest hinter dem Rücken verschränkt, dort oben verweilten, und keine Anstalten machten, ihr Exil zum Teilen anzubieten. Wie sehr beweinte ich mein dunkles, langes Haar, das sich klar abzeichnete, sich, wild um meine Ohren peitschend, in den speienden Fluten kräuselte. Schmerz, Enttäuschung und Angst bündelten sich in der niederschmetternden Erkenntnis, dass ich mein Elend ertragen musste, alleine, ohne Hilfe, wie ein Ausstellungsstück im Museum. Hinter dickem Glas, um die wütenden Gewässer nicht zu den Zuschauern hindurchzulassen, beobachteten sie meinen Überlebenskampf. Gerührt, manche von ihnen indifferent, andere gelangweilt, alle jedoch untätig verharrend ob der Möglichkeit, die Geschichte zu ändern. Das passive Kollektiv hatte mir den Lebensfunken genommen, einfach so, gestohlen und als wertlos ausrangiert. Diese schweigende Gemeinschaft, der Grund, weshalb das Wasser erst in derart unwirtliche Höhen ausschlagen konnte, ließ die Hoffnungslosigkeit Einzug halten und schmerzte mich in dieser ohnehin dunklen Zeit auf grausamste, unmenschliche Weise.
Heute trage ich es, das rote Kopftuch. Das mich unsichtbar macht, mich ohne wallendes Haar durch die blutigen Ströme irren, mich ungesehen und unbemerkt verschwinden lässt, ohne Aussicht auf Rettung. Ohne Hoffnung, die, einst bitter enttäuscht, den sicheren Tod für mich bedeutete, ließe ich sie ein zweites Mal aufglimmen. An der Wurzel reiße ich die Zuversicht in jene dort oben jeden Tag erneut aus der Erde, bis ich sicher bin, dass kein Körnchen mehr ein Nachwachsen bedingen, dass es auf immer fort ist und nie wiederkehren kann. Mein Kopftuch fest auf dem Haupt, blutrot und scheußlich, lässt mich ohne Angst vor dem, was noch kommen kann, die friedlichen Tage genießen.
 
Ich wende mich nach links und betrete den schmalen gepflasterten Weg, aus dessen Ritzen grün lebendige Pflanzen hervorschauen. Ich lächle und schüttele meine Gedanken an die Vergangenheit ab. Erleichtert sauge ich klare Luft ein, die von den Bäumen in meinem Garten gefiltert und fein durch meine Lungen fährt wie die leibhaftige Erlösung. Die Haustür ist klein und unscheinbar, doch sie verbirgt eine Oase der Ruhe und Harmonie.
Ich öffne die Tür und entgegen schwappen mir zwei Enkelkinder, die schon zappelig darauf gewartet haben, mich endlich wieder in ihre Arme schließen zu können. Meine Tochter und ihr Mann bereiten, sich verliebt neckend, in der Küche das Abendessen zu.
Mein Mann sitzt in seinem Schatten vor dem Kamin und blickt ins Feuer, das das kühle Nass für diesen Moment noch von ihm fernhält. Auch wenn er es möchte, kann er zunehmend weniger die Haustür hinter sich schließen. Ich bin dankbar dafür, dass ich das noch kann. Von ganzem Herzen lachend begrüße ich ihn mit einem Kuss auf die Stirn und folge den Kindern, den für sie unsichtbaren Schatten noch einmal abschüttelnd, um ihre neu gebaute Höhle ehrfürchtig zu bestaunen. Das Abendessen schmeckt köstlich, gerade so, als seien alle Zutaten aus dem süßesten Zucker. Hier möchte ich sein. Zuhause.
Oftmals bemerke ich die gewaltigen Wogen an unseren Fensterläden vorbeiziehen, spüre die Blicke aus unbedrohter Höhe auf mir und erkenne die Angst fadenscheinig anklopfen, heuchlerisch lächelnd, wohl wissend, dass ich gegen ihr Eintreten machtlos bin. Dann versuche ich mich abzulenken, mich mit den Kindern in einem Buch zu verlieren oder mich mit meiner Tochter in einem langen Gespräch zu amüsieren.
Bin ich jedoch ganz allein und nähere mich dem Sessel vor dem Feuer, der bald schon nur noch eine dunkle, leere Hülle beherbergt, dann erinnere ich mich an mein Kopftuch, das an einem Haken neben der Haustür aufgehängt, hier drinnen zuweilen einem nutzlosen Gegenstand glich, der mit wachsender Hoffnung an Wert verlor… und dann bin ich sicher, dass ich den einen Schatz besitze, der mich aus den Tiefen des Meeres nach dort droben hinauflächeln lässt.

Eine sinnvolle Reise – von Saigel

Die Wellen schlagen mir gegen die Fußknöchel. Um mich herum ist nur das Rauschen des Meeres zu vernehmen. Das Wasser ist kalt und ich frage mich, weshalb ich überhaupt die Socken und Schuhe ausgezogen habe. Einerseits friere ich beträchtlich, andererseits kann ich es nicht lassen, die Füße in dieses fremde Wasser zu halten und für einen kurzen Moment Teil davon zu sein.
Vor allem sieht es friedlich aus. Es ist weder aufgewühlt, noch trüb. Im Grunde ist es alles, was ich nicht bin. Irgendetwas ist da in mir, das mir zu schaffen macht. Um die ganze Welt bin ich gereist, Stunden um Stunden habe ich im Flieger gesessen, in Taxis die Nase an die Fensterscheibe gedrückt und in irgendwelchen billigen Hotels meinen Jetlag ausgeschlafen. Das alles nur um mich jetzt hier zu finden. An diesem Steg, der normalerweise gut besucht ist, wenn die Sonne scheint und das Wasser nicht so eisig kalt an die Ufer drängt.
Ich habe weder eine Flasche Wasser dabei, noch eine Kleinigkeit zu essen. Ich habe nicht mal Geld, weil ich noch nicht dazu kam, eine der Wechselbuden aufzusuchen. Eigentlich habe ich nur den Schlüssel zu meinem neuen Zimmer in der Tasche. Die Schuhe, in denen ich die acht Kilometer bis zum Ufer gelaufen bin, stehen neben mir und fragen mich mit großen Augen, was ich hier gerade mache. Die einzelnen Passanten bleiben mit den Gesichtern an mir hängen, obwohl sie eilig vorbeigehen. Das alles bemerke ich und doch sehe ich nur das Wasser, das hier an diesem Ort irgendwie anders ist. Der Wind peitscht meine Haare auf und lässt sie in alle Richtungen fliegen. Meine Wollmütze liegt in meinem Koffer unter dem Bett in meinem neuen Zimmer. Gleich neben ihr liegen auch meine Handschuhe, weshalb meine Hände in den Jackentaschen frieren. Alles was ich tun müsste wäre aufzustehen, die Schuhe wieder anzuziehen und zügig wieder nachhause zu gehen. Nachhause. Da, wo mein Koffer unter dem Bett liegt. Da, wo ich dieses eigentümliche Rauschen nicht hören kann. Dieses seltsame Wasser, das mich verzerrt spiegelt, während ich es mit meinen Blicken zu durchlöchern versuche. Es ist still und gibt nicht preis, wie es zu seiner Ruhe gelangt.
Ich muss wohl noch einige Male herkommen um zu begreifen, wie das geht. Aufgewühlt und in trüber Stimmung verlasse ich also den Steg und mache mich in meinen warmen Schuhen zurück auf den Weg.
Irgendwann werde ich von dieser Reise erzählen. Ich werde darüber berichten, was ich erlebt und gesehen habe. Ich werde die Menschen mit tollen Landschaftsaufnahmen beeindrucken und sie verträumt die Köpfe zurücklehnen lassen. Doch das hier, was ich hier im Eigentlichen mache, das werde ich, wie sonst auch, niemandem erzählen. Es wird keine Fotos von diesem Steg geben und an dieses Wasser werde ich mich lediglich erinnern, wenn ich alleine bin. Dieser Steg, das Wasser und der Sinn meiner Reise, all das bleibt tief verborgen. Irgendwo vergraben, bis ich verstehe, warum ich 18.400 Kilometer geflogen, 40 Kilometer gefahren und acht Kilometer gelaufen bin, nur, um meine Füße in eiskaltes Wasser zu hängen.

Gottes Hammer: Folkvang X

Esben trieb in völliger Finsternis. Er fühlte sich wie in einem warmen Meer, das ihn von allen Gedanken und Widrigkeiten der Realität befreite. Farblose Wellen umspülten seinen reglosen Körper.

Dann geschah es.

Mit einem Mal wurde die Schwärze zerrissen und er schlug die Augen auf. Verwirrt blickte Esben um sich. Die Orientierungslosigkeit umnebelte seinen Verstand wie wohlriechender Dampf. Aber schnell verdrängte der Geruch nach Schwefel seine Verwirrung.

Esben lag auf schwarzer Erde, der alte Foliant und sein Gerüst waren verschwunden. Rauchschwaden blockierten die Sicht auf seine Umwelt, aber Esben hörte Geschrei und Stöhnen. Er sah, wie schemenhafte Gestalten in wirren Bewegungen am Rand seines Sichtfelds vorbeirannten. Flüssiges Feuer brodelte in Gräben neben ihm.

Esben sank entkräftet zu Boden. Seine letzte Erinnerung war Elinors erschrockenes Gesicht, als er sie im Lager der Tempelsöhne verhörte. Jemand musste ihn hinterrücks angegriffen haben!

Es konnte nur Abigor gewesen sein. Esben wusste nicht, welches prekäres Geheimnis der Tempelsohn hütete, aber es musste Ashaya und Berith betreffen.

Esben atmete tief durch und ließ seinen Blick über die nahe Umgebung schweifen. Sein Hinterkopf schmerzte, als ob tausend Nadeln sich gleichzeitig in ihn bohrten. Seine Nemesis war nicht zimperlich gewesen.

Plötzlich erklang hinter ihm eine Stimme. „Gut geschlafen?“

Esben wirbelte herum und erblickte Velis’ ausdrucksloses Gesicht. Die mädchenhafte Dämonin musterte ihn aus flackernden Augen, während sie ihre Hände vor der Brust verschränkt hielt. Esben entging nicht, dass sie noch immer das stachelige Halsband trug, das sie während ihres Aufeinandertreffens in Hornheim als Sklavenmacher bezeichnet hatte. Scheinbar war es Azrael nicht gelungen, sie von dem Fluch zu befreien.

Wo bin ich hier?“, fragte Esben leise. Die Antwort lauerte in seinem Innersten hinter einer Fassade aus Selbstschutz.

In der Hölle“, entgegnete Velis schlicht.

Esbens Hand fuhr zu seinem Hinterkopf. Ein entsetzlicher Verdacht nahm in seinem Kopf Gestalt an. „Bin ich etwa … gestorben?“

Kurz herrschte Schweigen und nur das Stöhnen der Schemen umschmeichelte die Stille. Dann brach Velis plötzlich in lautes Gelächter aus. Auf seltsame Weise beruhigte das Geräusch Esben. Es wirkte kindlich, nahezu unschuldig.

Ich dachte, du glaubst nicht an uns?“, fragte sie neckisch.

Ich glaube nicht an Azraels Göttlichkeit“, korrigierte Esben. „Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Hölle existiert.“

Velis neigte den Kopf. Nun wirkte sie wieder ernst. „Damit liegst du gar nicht so falsch. Azrael hat diesen Ort schließlich selbst erschaffen.“ Sie breitete die Arme aus, so als ob sie die gesamte Welt umfassen wollte. „Eine eigene Welt in einer Welt.“

Esben starrte sie erstaunt an. „Was? Azrael hat …“

Velis streckte ihm eine Hand entgegen. „Komm mit, dann verstehst du es vermutlich besser.“

Zögerlich ergriff Esben ihre wartenden Finger. Welche Möglichkeiten boten sich ihm schon? Er wusste nicht, wo er sich befand oder wie er diese furchteinflößende Welt verlassen konnte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als nach dem Szenario der Dämonen zu handeln.

Velis führte ihn zielsicher durch den Rauch. Esben hustete und schirmte Mund und Nase mit seinem Unterarm ab. Schmerzhaft wurde ihm das Fehlen des Folianten ins Bewusstsein gerufen. Die Magie des Buches hätte die dämonischen Blendwerke vernichten können. Ein Schauer der Angst ließ Esben erzittern. Er war nun kaum mehr als ein normaler Mensch. Seine mäßige magische Kraft konnte ihn hier nicht schützen.

Plötzlich tauchte aus den schwarzen Schwaden ein Mensch auf, am ganzen Körper geschunden und blutig, der mit lauten Schreien und wie ein Irrer gestikulierend über den felsigen Untergrund lief. Erstarrt folgten Esbens Blicke der grässlichen Gestalt, die wild zuckend an ihnen vorbeiraste und wieder im Schutz des dichten Rauchs verschwand. Die Schreie wurden immer leiser, bis sie schließlich erstarben.

Was … was war das?“, fragte Esben heiser.

Velis seufzte. Melancholie lag in ihrer Stimme, als sie antwortete. „Ein Schemen, nichts weiter.“

Das war doch … ein Mensch!“, stieß Esben zitternd hervor. „Was ist ihm zugestoßen?“

Velis ergriff seine Hand fester, während sie an einem besonders tiefen Graben vorbeigingen. „Was bringt dich zu der Annahme, diese Gestalt sei ein Mensch gewesen?“

Esben sah Velis an. Wollte sie ihn verhöhnen? Er räusperte sich. „Das war ja wohl kaum zu übersehen. Er hatte Arme und Beine, also muss er ein Mensch gewesen sein.“

Velis hielt an und erwiderte seinen Blick. Das blutrote Leuchten ihrer Augen wurde intensiver. „Was ist mit mir? Ich habe auch den Körper eines Menschen.“

Esben fluchte innerlich. Er wollte sich auf keine Diskussion einlassen!

Das ist eine Frage der Gesinnung“, erwiderte er knapp und wollte weitergehen.

Velis hielt ihn zurück. „Ich habe es versucht.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich habe wirklich versucht, ein Mensch zu sein.“ Ihre großen Augen funkelten und die dünnen Finger ihrer verbliebenen Hand strichen über das dunkle Halsband.

Esben entwand sich ihr. „Jetzt tu nicht so scheinheilig!“, brüllte er. Die Panik schürte seine Wut. „Ihr seid Dämonen! Ihr holt Menschen hierher und FOLTERT sie!“

Velis’ Augen blitzten erbost. „Warum denkst du das? Weil Sitraxa es so gemacht hat?“

Willst du mich verarschen?“ Die Unsicherheit und die vielen Gefahren der letzten Tage machten sich bemerkbar. Ein Held wie Halgin hätte vermutlich selbst in dieser Situation Haltung bewahrt und Velis majestätisch Paroli geboten, aber der Strudel der Ereignisse hatte jegliche Heldenhaftigkeit aus Esben herausgezwungen. „Sieh dich doch um! Das hier ist doch Beweis genug!“ Der Priester vollführte wilde Gesten. „Und hast du vergessen, dass ich in Hornheim war? Dort ist alles voller Verliese und Kerker! Ein gottloser Ort!“

Velis erwiderte nichts. Stattdessen ergriff sie wortlos den Rand ihres Hemdes und zog es hoch, bis Esben ihren Bauch sehen konnte.

Der Priester erstarrte.

Brandnarben überzogen die ehemals weiche Haut, sodass sie wie ein zerklüftetes Felsenmeer wirkte. Esben erkannte einen eingeritzten Schriftzug in dem Zeugnis von Schmerz und Leid. Unhold, stand dort geschrieben.

Esben sank entkräftet zu Boden und mit einem Seufzen bedeckte Velis ihre Blöße erneut. Als sie zu sprechen begann, wirkte sie wesentlich älter.

Mein Vater war ein grausamer Dämon“, erzählte sie und strich dabei über ihr Halsband. „Er hat Mägde aus Raureif geraubt und meine Mutter gezwungen, ihm … Vergnügen zu bereiten. So … bin ich entstanden. Unbeabsichtigt.“

Velis’ Augen füllten sich mit den Erinnerungen vergangener Zeiten. Sie blickte in den Rauch, so als ob sich die Bilder dort neu bildeten. „Aber dennoch hat mein Vater niemandem je zum Spaß Schmerz zugefügt, auch wenn viele das behaupten. Er hat es getan, weil er es zum Leben brauchte. Seine Magie als Dämon hatte ihm ewiges Leben geschenkt, aber eben zu diesem Preis. Er verachtete sich selbst und in grausigen Anfällen von Hass geißelte er sich oft bis zur Bewusstlosigkeit. Seine gesamte Welt bestand nur aus Schmerz. Wie auch meine.“

Velis erschauderte. „Als ein mächtiger Inquisitor von Astaval in Hornheim eindrang und meinen Vater trotz seiner Unsterblichkeit tötete, wurde ich befreit. Aber ich kannte das Leben jenseits der vertrauten Mauern des Verlieses nicht. Ich kannte kein Leben, in dem man stundenlang keinen Schmerz verspürt. Also flehte ich die Knechte des Inquisitors an, mir Schmerz zuzufügen.“

Velis strich über ihren Bauch. Übelkeit überkam Esben, als er verstand, worauf sie hinauswollte.

Ich trug davor schon einen Sklavenmacher, aber ich hatte nie Narben“, flüsterte Velis. „Dafür hat mein Vater gesorgt. Aber an jenem Tag bekam ich mehr als genug Narben und dazu noch einen Schmerz, der jenseits aller Vorstellungskraft stand.“ Velis stöhnte. „Glühendes Eisen. Die Knechte haben pausenlos gelacht und sich betrunken. Für sie war es ein Spiel. Sie betrachteten mich nicht als Lebewesen, sondern als … Ding, mit dem der Besitzer tun und lassen kann, was auch immer er will.“ Velis’ lodernder Blick ruhte auf Esben. „Hast du schon einmal so etwas erlebt, Priester? Wenn Menschen außer Kontrolle sind?“

Esben dachte an den Lynchmord an seiner Schwester und nickte traurig. „Warum?“, flüsterte er. „Warum erzählst du mir das?“

Velis ging auf ihn zu und ließ sich vor ihm nieder. „Du liegst richtig“, sagte sie leise. „Wir Dämonen sind keine Menschen mehr. Sowohl im schlechten, als auch im guten Sinne.“ Sie erhob sich und deutete auf die Stelle, an der die geschundene Gestalt im Rauch verschwunden war. „Das war übrigens ein Hrandar von Berengar. Wir lassen sie einmal pro Tag durch die Gegend rennen, um den Verdammten Angst einzuflößen.“

In einem letzten verzweifelten Versuch begehrte Esben auf. „Was ist mit Sitraxa? Sie genoss es, Menschen Leid zuzufügen!“, rief er.

Velis erwiderte nichts. Stattdessen zog sie den gewaltigen Folianten hervor, so als ob sie ihn aus Luft bildete. „Beschwöre sie“, flüsterte sie. „Dann wirst du die Wahrheit erkennen.“

Ehe Esben eine Antwort finden konnte, war Velis verschwunden und das dicke Buch lag vor ihm im Staub der Hölle.

König Azrael.“ Berith sank vor dem Dämon auf ein Knie.

Azrael nickte und bedeutete ihm, sich zu erheben. Eine Sorgenfalte spaltete seine Stirn. Scheinbar quälte ihn wieder die Stimme, deren Herkunft niemand kannte.

Berith.“ In einen prächtigen schwarzen Mantel gehüllt, wirkte Azrael wie ein Edelmann. Das prächtige Schwert Murakama lehnte an seinem Thron.

Berith räusperte sich. „Soll ich mich nun um Esben kümmern?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Er ist fürs Erste aus dem Verkehr gezogen, aber er wird uns später noch gute Dienste leisten. Mehr Sorgen bereiten mir Abigor und unsere Kontaktperson im Heerlager der Tempelsöhne.“

Berith schluckte. Diese Antwort missfiel ihm. „Ashaya kümmert sich bereits um sie.“

Genau das macht mir Sorgen.“ Azraels Augen funkelten. „Sie war gerade erst hier und wollte Esben abholen.“

Berith nickte. Er hatte ihr diesen Auftrag gegeben.

Azrael knurrte. Er wirkte wie ein Raubtier. „Eine Sterbliche. Hier, in Hornheim? Berith, sie weiß bereits jetzt zuviel. Du verlässt dich zu sehr auf sie.“

Fürchtet Ihr, sie könnte uns verraten?“, fragte Berith, ohne Emotionen zuzulassen.

Azrael blickte in die Ferne. Er schien der Frage ausweichen zu wollen. „Die Sache mit Iliana und Lifas lassen wir sie noch erledigen, aber um Medardus und Abigor wird sich unsere Kontaktperson kümmern. Aminas indes werde ich jemand anderem überlassen.“

Beriths Herz setzte einen Schlag aus. „Habe ich … habe ich gefehlt, Herr?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich brauche dich hier. Das Ultimatum ist bald vorbei. Der Kampf steht kurz bevor und diesmal wird es kaum so einfach werden wie in Aminas.“ Seine Augen funkelten. „Aber wenn wir es schaffen, Medardus auf unsere Seite zu bringen, haben wir gewonnen.“

Berith sah ihn erstaunt an. „Was macht Euch so sicher?“

Ein leises Lächeln umspielte Azraels Lippen. „Er stammt aus Astaval. Ich kenne ihn noch aus Kindestagen. Seither hat er sich einen großen Namen gemacht. Wenn wir ihn haben, wird uns niemand mehr ernsthaften Widerstand leisten können.“ Sein Blick fiel auf Beriths Rüstung. „Halte dich bereit. Bald ist es soweit.“

Berith nickte und erhob sich. Eine Schlacht stand bevor.

Rezension zu „Die Phileasson-Saga – Himmelsturm“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus

Das Buch Die Phileasson-Sage – Himmelsturm

Die Autor Bernhard Hennen / Robert Corvus

Genre Fantasy

ISBN 978-3-453-31752-9

480 Seiten inkl. Bonusmaterial

Preis 14,99 €

Heyne Verlag

Informationen zu den Autoren und Büchern:

 

http://www.phileasson.de/ph_romane.shtml

Die Handlung:

Asleif Phileasson und seine Mannschaft sowie Beorn mit seinen Begleitern kommen am Himmelsturm an. Nun gilt es für die beiden thorwalischen Kapitäne und deren Mitglieder diesen mysteriösen, elfischen Turm mitten im Eis zu erforschen sowie dessen Geheimnisse zu lüften.

Während die beiden Kapitäne in unterschiedliche Richtungen ausschwärmen, verfolgen sie weiterhin ihren eigenen Weg um den Titel „König der Meere“ zu erlangen.

Auf ihrer Entdeckungstour stellen sich den beiden Schiffsmannschaften nicht nur Rätsel entgegen. Um den ein oder anderen Kampf kommen sie leider nicht herum, wobei sie auch mal einen Wegbegleiter verlieren.

Doch was sie nicht ahnen, ist die Herausforderung in den Tiefen des Himmelsturmes…

Mein Eindruck:

Noch immer hänge ich den Erinnerungen an meine Zeit als DSA-Spieler hinterher und doch ist auch das zweite Abenteuer der Saga in dieser Form eine ganz andere Erfahrung als zu der Zeit als ich selbst gespielt habe.

Die Schreibweise der beiden Autoren führen mich als Leser locker durch die Handlung und ermöglicht es so mit dem ein oder anderen Charakter mitzufiebern

Die Geschichte ist natürlich in einem Roman verpackt ein wenig anders im Erleben im Gegensatz zum DSA-Abenteuer.

Mein Fazit:

Für mich ist der zweite Teil der Phileasson-Saga eine wunderbare Fortsetzung des ersten Bandes und führt die klare Ausdrucksweise der beiden Autoren weiterhin locker durch das Geschriebene. Wer also neugierig darauf ist, was im zweiten Band geschieht nachdem er den ersten Band gelesen hat, sollte diesen auch in die Leseliste übernehmen.

Gottes Hammer: Folkvang IX

Iliana entsann sich der Worte des Dorfpriesters in Raureif, der die Hölle als heißen, trostlosen Ort beschrieben hatte, in dem man in vollkommener Einsamkeit umherirrte. Jedoch nur dann, wenn man zu den Glücklichen zählte. Die schlimmeren Sünder, die Ketzer, Mörder und Hexen wurden von den Dämonen gequält. Dennoch war Ilianas Vorstellung von der Hölle immer einem weitläufigen, verbrannten Feld gleichgekommen, auf dem sie vollkommen allein und verlassen war.

In Hrandamaer schien es, als bewahrheitete sich ihre kindliche Fantasie.

Keine Pflanze, kein Lebewesen. Nur die bräunliche, nach Schwefel riechende Erde. Hin und wieder passierten sie verkohlte Ruinen, die wohl vor Jahrhunderten einmal Dörfer gewesen sein mochten. Öfter sahen sie Bäume, deren Äste in grotesken Winkeln abstanden, sich immer weiter verjüngten und schließlich zu weißen Knochen zu werden schienen. Es herrschte völlige Stille.

Als einziger Lichtblick in diesem verheerten Land betrachtete Iliana die Umrisse einer Kathedrale am Horizont. Sie glich entfernt dem großen Tempel, den Lifas ihr vor ihrer Begegnung mit den beiden Flüchtlingen aus Aminas gezeigt hatte, wenngleich sie dessen gewaltige Höhen in geringerem Maße teilte.

Die Stille war zermürbend. Anfangs hatten sie noch versucht, ihr Gespräch aufrechtzuerhalten, aber diese unnatürliche Abwesenheit von Tönen erstickte ihre Bemühungen wie unter einem Leichentuch. Selbst die beiden Zugpferde wirkten ermattet.

Iliana wollte Lifas nach dem Fluch fragen, vermochte jedoch kein Wort von sich zu geben. Stattdessen ließ sie ihren Blick über die endlosen Weiten von Hrandamaer schweifen. Was mochte hier nur geschehen sein?

Mit einem Mal beschleunigte ihr Herzschlag und die Pferde scheuten. Mehrere Leichen säumten die staubige Straße.

Es handelte sich um groteske Gestalten, die kaum noch als Menschen zu identifizieren waren. Das Fleisch hing ihnen in Fetzen vom Körper, der nur durch eine Kruste aus Schmutz und Staub zusammengehalten werden schien. Die Körper lagen um den frischeren Kadaver einer Kuh herum, manche sogar auf ihm. Er wirkte, als hätten hungrige Mäuler sich in sein Fleisch gegraben.

Iliana erschauderte. In ihr formte sich ein Verdacht, wie der Fluch von Hrandamaer aussah. Ihr Magen rebellierte und sie wandte sich ab. Nicht einmal Fliegen wagten sich an das verstorbene Tier heran.

Ergrimmt griff Lifas zur Peitsche. Er schien seine Nervosität unter einer Fassade aus Wut zu verbergen.

Los!“, rief er laut. „Hü!“

Widerstrebend trabten die Pferde weiter. Nun durchbrach Iliana die Stille.

Sollten wir sie nicht bestatten?“, fragte sie zaghaft. Sie erinnerte sich an eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie handelte von einem edlen Helden, der jeden besiegten Feind mit eigenen Händen zu Grabe trug und für sein Seelenheil betete.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie wurden bereits einmal bestattet“, entgegnete er mit einem Knurren.

Eine kalte Klaue umfasste Ilianas Herz. Ihr Verdacht entsprach wohl der Wahrheit. Nachts, wenn die Lebenden ruhten, erhoben sich in Hrandamaer die Toten.

Kurze Zeit später erreichten sie die Kathedrale. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei vielmehr um eine Stadt, die in das geistliche Gebäude gebaut wurde. Zwischen Heiligenstatuen und prunkvollen Altarbildern reihten sich Zelte aneinander, deren Bewohnern mehrere fahrende Händler ihre Waren präsentierten. Es herrschte geschäftiges Treiben, ein heftiger Gegensatz zur Stille der weiten Ebenen.

Lifas bedeutete ihr, abzusteigen und Iliana ließ sich in den braunen Staub gleiten. Der Boden knirschte unter ihren Stiefeln und sie schluckte. Sie fühlte sich, als würde sie auf Knochen wandeln.

Sie passierten mehrere Frauen, die an einem verschlossenen Brunnen hantierten. Iliana fragte sich, weshalb diese Vorsichtsmaßnahme wohl nötig war. Da kam ihr der Gedanke an die Leichen und sie beschloss, es lieber nicht wissen zu wollen.

Als Lifas durch das weit geöffnete Doppeltor schritt, erregte er sofort Aufmerksamkeit. Scheinbar war er als Sohn des Herzogs nicht unbekannt. Sofort verstummten die Gespräche und wer dennoch redete, wurde von seinem Nachbarn auf die Neuankömmlinge hingewiesen.

Bruder!“, rief ein Mann sofort. „Wir haben hohe Gäste!“

Aus der neugierigen Menge löste sich ein gealterter Mann in der Robe eines Mönchs, auf dessen Glatze sich das durch die Buntglasfenster fallende Sonnenlicht spiegelte. Iliana entging das kantige Glaubenssymbol nicht, das er wie eine Waffe an seinem Gürtel trug.

Herr Lifas!“, rief der Mann überrascht. „Welch eine Ehre! Wie geht es Eurem Onkel und Eurer Schwester? Ich hoffe doch, es gab im Heidenwald keine Komplikationen?“

Lifas begrüßte den Neuankömmling mit einem Nicken. Der Anflug eines Lächelns schlich sich auf sein Gesicht. Dennoch erreichte die Wärme seine Augen nicht.

Ich grüße Euch, Bruder Thomasius. Meine Verwandten sind wohlauf. Wir erwarten bald ein Gefecht, bisher noch kein Feindkontakt.“ Iliana erschien die Erzählung wie ein militärischer Bericht.

Thomasius’ Mundwinkel zuckten. Scheinbar hatte er nichts anderes erwartet.

Folgt mir ins Sakrosanktum! Dort können wir genauer über die Geschehnisse sprechen!“ An die Gemeinde gewandt fügte er hinzu: „Und Ihr bereitet für den Abend ein Mahl vor! Wir haben einen Fürstensohn als Gast!“

Jubel erhob sich und Iliana warf unbehagliche Blicke in die Runde. Sie war dieses Maß an Aufmerksamkeit nicht gewohnt.

Bruder Thomasius bewegte sich mit äußerster Geschicklichkeit durch die Menschenmenge, wohingegen sich Iliana mit gemurmelten Entschuldigungen an den Leuten vorbei drängte. Jedoch erwarteten sie keine wüsten Reaktionen. Die meisten der Bewohner quittierten ihre Unbeholfenheit lediglich mit einem amüsierten Lächeln. Offenbar war dies keine Seltenheit.

Als sie in den hinteren Teil der Kathedrale gelangten, betätigte Thomasius einen verborgenen Schalter, der einen wohl ehemals geheimen Gang öffnete. Sie erklommen eine Wendeltreppe und fanden sich kurz darauf vor einer reich verzierten Tür wieder.

Bitte, tretet ein.“ Thomasius öffnete die Tür und wies auf den kleinen Raum dahinter.

Es handelte sich um ein kleines Arbeitszimmer, in dem sich neben einem Schreibtisch außerdem ein Bücherregal und eine unbequem wirkende Koje befanden. Kaum fiel die Tür ins Schloss, fiel Thomasius Lifas in die Arme.

O Junge!“, rief er leise. „Ich war schon in Sorge! Das Orakel …“

Lifas räusperte sich vielsagend und deutete auf Iliana. Thomasius brach sofort ab und musterte sie, als sähe er sie zum ersten Mal.

Ist diese junge Maid nicht eingeweiht?“, fragte er ehrlich überrascht.

Iliana errötete. Man hatte sie noch nie zuvor als Maid bezeichnet.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie erfährt es noch bald genug. Wir sind auf dem Weg nach Hrandars Faust.“

Was erfahre ich früh genug?“ Iliana runzelte die Stirn. „Dass in der Nacht die Toten umgehen?“

Die beiden Männer sahen sie überrascht an.

Das ist doch der Fluch, oder?“, fügte sie hinzu. „Esben hat etwas in der Art erwähnt und wir haben auf dem Weg hierher ein halb aufgefressenes Tier gesehen.“ Ihr fragender Blick galt vor allem Lifas.

Der Ritter räusperte sich. „Zugegeben, ich wollte dich schonen und dir das verheimlichen. Aber wir sprechen von etwas anderem.“ Seine Augen glitzerten. „Medardus meinte, du hattest Visionen. Das Orakel kann dir alles besser erklären als wir.“

Iliana verdrehte die Augen. „Hältst du mich für zartbesaitet?“, fragte sie schmollend. Wenn er sie duzte, konnte sie das auch. „Vergiss nicht, ich war in Hornheim und habe gegen Sitraxa gekämpft!“

Lifas’ rechte Augenbraue wanderte nach oben, obgleich widerwilliger Respekt in seinem Blick glitzerte. Thomasius erbleichte.

Das hast du bisher noch nicht erwähnt.“

Ich ging davon aus, Medardus erzählt seinen Tempelsöhnen sowieso alles“, konterte Iliana.

Gegen diese Bestie?“, klagte der Bruder. „Gott helfe uns allen! Die Gerüchte stimmen! Die Dämonen toben auf der Welt!“

Sind die Gerüchte bereits bis hierher gelangt?“, fragte Lifas den Mann irritiert.

Thomasius nickte zerknirscht. „Ein fahrender Händler war vor kurzer Zeit hier. Er berichtete, dass angeblich ein Dämon den Bischof von Aminas geholt hätte.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Nicht, dass dieser wollüstige Bock es nicht verdient hätte, aber es gibt einem doch sehr zu denken!“

Es ist weit schlimmer“, flüsterte Iliana. „Die Dämonen haben die Stadt übernommen.“

Thomasius flüsterte einige Worte in der Alten Sprache, ehe er entkräftet in seinen Stuhl sank. Ein unheilsschwangeres Knarren hallte durch den Raum.

Gott steh uns bei!“, flüsterte er und fächelte sich mit seiner Hand Luft zu. „Was, wenn sie auch nach Hrandamaer kommen?“

Keine Sorge.“ Lifas’ Stimme klang hart. „Medardus befehligt unser Heer. Wenn jemand diese Bedrohung aufhalten kann, dann er.“

Medardus? Der Inquisitor?“ Als Lifas nickte, stöhnte Thomasius auf. „An ihn habe ich keine guten Erinnerungen. Man erzählt sich viel über seine Vergangenheit … angeblich soll er aus Astaval stammen und mit dem Tempelsohn Mendatius einen Dämon besiegt haben, bevor er seine Stimme opferte …“

Wir alle kennen die Geschichten“, erwiderte Lifas.

Ich nicht!“, entgegnete Iliana beleidigt. Lifas ignorierte sie.

Falls die Dämonen den Händlern die Reise nach Hrandamaer verbieten, könnt ihr euch dann versorgen?“, fragte er besorgt.

Thomasius holte ein fleckiges Tuch hervor und fuhr sich damit über seine mit Schweißperlen bedeckte Stirn. „Ich weiß es nicht“, bekannte er. „Die Lieferungen aus Astaval gehen zum größten Teil nach Hrandars Faust, aber wenn ich mit Ashaya spreche …“

Der Name durchzuckte Iliana wie ein Blitz. Berith hatte ihr geraten, diese Person aufzusuchen! War sie etwa eine Fürstin?

Lifas nickte bedächtig. „Sie ist zwar eine Freundin meines Onkels, aber dennoch für Argumente zugänglich.“

Thomasius neigte den Kopf. Schalk blitzte in seinen Augen auf. „Hat sich Abigors Gebahren noch nicht zum besseren gewandt?“

Lifas seufzte resigniert. Kurz verschwand der Ingrimm aus seiner Miene.

Sagt, Bruder Thomasius, ist er wirklich ein Gelehrter? Mit jedem neuen Tag zweifele ich mehr daran.“

Thomasius lachte auf. Das herzhafte Geräusch besaß solche Lautstärke, dass Iliana erschrocken zusammenzuckte.

Ich denke nicht, dass dies die Zeit ist, um einen alten Freund zu diskreditieren“ erwiderte er mit einem Augenzwinkern und wandte sich dann plötzlich Iliana zu. „Aber nun zu Euch, junge Maid. Ihr habt sicher viele Fragen. Genauso wie ich. Wie kommt es, dass Ihr Euch derart … kämpferisch kleidet?“

Iliana sah an ihrem Körper hinab und errötete erneut. Sie hielt noch immer den Bogen in der Hand. Zusammen mit ihrer praktischen Kleidung wirkte sie wie eine Waldläuferin.

Wie gesagt, ich habe gekämpft!“, antwortete sie etwas lauter als gedacht. „Versucht das einmal in einem Kleid!“

Die Vorstellung schien den Mönch zu erheitern. „Ich kämpfe auch, meine Liebe. Dennoch trage ich immer meine Kutte.“

Iliana verdrehte die Augen. „Ich dachte, ich dürfte die Fragen stellen?“

Thomasius erteilte ihr mit einer einfachen Geste die Erlaubnis. Iliana holte tief Luft. „Was hat es mit dem Fluch genau auf sich? Erheben sich die Toten wirklich aus den Gräbern?“ Sie hoffte inbrünstig, dass sie falsch lag.

Der Mönch seufzte. „Ich teile dies einer Maid nur äußerst ungern mit … aber ja. Das tun sie.“ Er räusperte sich. „Vor mehr als siebenhundert Jahren waren diese Lande noch fruchtbar und wunderschön. Zu dieser Zeit entstand das Kaiserreich mit seiner Hauptstadt Sankt Emerald. Es verleibte sich Astaval und Aminas in Windeseile ein, über unsere Grenzen kam es jedoch zunächst nicht hinaus. Unsere Vorfahren waren stark und wohlhabend. Sie hielten wenig davon, ihre Unabhängigkeit aufzugeben. So existierte unser Königreich jahrelang neben dem Kaiserreich in Frieden.“

Er machte eine theatralische Pause. Lifas schien sich zu verspannen. Nun kam wohl der unangenehme Teil der Geschichte.

Jedoch waren unsere Vorfahren heidnisch. Sie verspotteten den Glauben an den einen Gott im Süden. Aus dieser Zeit stammt die Geschichte vom Heiligen Lifas.“ Thomasius räusperte sich erneut. „Er kam in unsere Lande, um die Botschaft des Herrn zu verkünden. Nach einigen Predigten ließ König Androg ihn jedoch festnehmen und verhören. Was er hörte, gefiel ihm nicht.“

Bei diesen Worten glitzerten Thomasius’ Augen mit einem Mal wie abgründige Sterne. Iliana schluckte. Sie konnte seine Miene nicht deuten, aber sie vermutete, dass seine leidenschaftliche Frömmigkeit nun zutage trat.

Androg war ein verabscheuungswürdiges Wesen, alt und verbittert. Er stützte seine Macht auf den heidnischen Glauben und paktierte heimlich mit Dämonen. Er sah Lifas als Gefahr für seine Herrschaft an und ließ ihn daher öffentlich martern, um ihn zum Abschwören zu bringen. Aber der Heilige ertrug alle Qualen und immer wenn die Wachen ihn fragten: „Bekennst du dich zu Fimbultyr, unserem obersten Gott?“, antwortete er: „Ich bekenne mich zu dem einen Gott, der uns geschaffen und geformt hat und in dessen Auftrag ich hierher kam“ und zeigte keine Schwäche. Schließlich ließ Androg den Heiligen von Hunden zerfleischen, aber Lifas hatte das Volk bereits so beeindruckt, dass viele zum wahren Glauben übertraten. Sie wurden alle von der Katastrophe verschont, die da kommen sollte.

Denn Gott der Herr schickte seinen Todesengel, um Androgs Grausamkeit zu bestrafen. Eine Seuche kam über das Land und raubte die Leben all derer, die Lifas verspottet hatten. Androg verlor seine Frau und sein einziges Kind. Doch anstatt Buße zu tun und die Größe des einen Gottes anzuerkennen, beging er noch einen Fehler.“

Ilianas Hände krallten sich in die Lehne ihres Stuhls. Die Stimmung im Raum war gekippt. Merkwürdige Anspannung ging von Lifas und Thomasius aus. Sie wirkten mit einem Mal ernst und erhaben, so als ob eine himmlische Eingebung sie von einem Moment auf den anderen über das Profane gestellt und ihnen die göttliche Wahrheit offenbart hätte. Iliana fühlte sich unwohl. Sie hatte ihren Glauben vor Arinhilds Scheiterhaufen und in den Verliesen Hornheims zurückgelassen und machte auch kein Hehl daraus. Sie fühlte sich fehl am Platz, wie ein Eindringling.

Thomasius’ Augen schienen sich in ihre Seele zu brennen, als er fortfuhr.

Der Teufel erschien Androg und bot ihm einen unverschämten Handel an: Er würde seine Familie wiedererwecken, wenn er dafür ein bestimmtes Ritual ausführte. Worin diese unheilige Zeremonie genau bestand, ist heute unbekannt. Zum Glück. Aber viele berichten, dass Androg die Häupter von siebenhundert frommen Männern zusammentrug, im Blut von neunhundert Kindern badete und dreizehn schwarze Messen las. Diese schreckliche Hybris brachte den Fluch über dieses Reich. Androgs Frau und Kind kehrten tatsächlich zurück, aber sie waren nur tote Hüllen ohne Seele. Aus Gram nahm sich Androg das Leben und stürzte in die Hölle, während sich die Toten in ganz Hrandamaer aus ihren Gräbern erhoben.“

Iliana dachte an Berengar zurück, an Herzogin Velis’ untoten Diener in Hornheim. Er hatte behauptet, als Hrandar noch immer über seine volle Geisteskraft zu verfügen. Scheinbar verhielt es sich mit diesen Geschöpfen anders.

Thomasius’ Stimme wurde lauter. „In dieser Nacht fanden tausende Menschen den Tod. Die Erde brannte, die Pflanzen vertrockneten und das Vieh starb in Raserei. Die wenigen Überlebenden errichteten Kathedralen im ganzen Land und nutzten die heilige Magie, um sich vor den Schrecken der Nacht zu schützen. Denn bis heute suchen uns in der Dunkelheit die Leichname Verstorbener heim. Aufgrund unserer Schwäche konnte uns das Kaiserreich leicht beanspruchen, obwohl wir nie erobert worden sind. Wegen des Fluchs nennen die Menschen dieses Herzogtum bis heute „Hrandae Maer“ … „die Kunde von Untoten“. So werden wir immer an die Dunkelheit erinnert, die uns stets bedroht.

Unsere Aufgabe ist daher, Buße zu tun für die Verbrechen unserer Ahnen. Wir sind Menschen des Glaubens, denn wir leben mit dem Glauben und der Glaube beschützt uns“, verkündete der Mönch inbrünstig. „Daher hat Lifas auch bei seiner Weihe zum Tempelsohn den Namen unseres großen Heiligen angenommen.“

Iliana warf dem Ritter einen verstohlenen Blick zu. Langsam verstand sie, weshalb er stets solch üble Laune hatte. Scheinbar wollte er ständig für die Vergehen seiner Ahnen büßen. Iliana hielt diese Einstellung für geistig minderbemittelt, schließlich hatte er ja nichts verbrochen, aber sie behielt ihre Gedanken lieber für sich. Lifas und Thomasius wirkten, als ob ihnen diese Ideologie viel bedeutete.

Danke“, sagte sie stattdessen nur. Als sie sah, dass Thomasius scheinbar mehr von ihr erwartete, räusperte sie sich verlegen. „Ich denke, ich verstehe jetzt vieles besser“, fügte sie vage hinzu.

Thomasius nickte zufrieden. Die himmlische Erhabenheit schien von ihm abzufallen wie ein abgestreifter Mantel. „Habt Ihr sonst noch Fragen?“

Iliana schüttelte den Kopf. Sie musste erst die vielen Informationen verarbeiten, die der Mönch ihr soeben gegeben hatte.

Dann lasst uns nach unten gehen!“, schlug Thomasius vor und wies durch ein Fenster nach draußen. „Die Sonne geht bald unter und bis Hrandars Faust ist es ein weiter Weg. Ihr werdet hier nächtigen müssen, wenn ihr euch nicht durch Horden von toten Leibern kämpfen wollt.“

Iliana glaubte zwar nicht, dass irgendetwas sie nach ihrer Begegnung mit Sitraxa noch schockieren konnte, aber sie wollte lieber kein Risiko eingehen.

Als sie sich erhoben, entging Iliana jedoch nicht der Verdruss in Lifas’ Augen. Scheinbar hätte er die Geschichte seiner Heimat lieber vor ihr geheim gehalten.

Iliana schluckte. Sie wurde das Gefühl nicht los, an etwas sehr Dunklem zu rühren.

__

Berith stand in voller Rüstung im Rathaus von Aminas. Azrael hatte die Verwaltung der Stadt einstweilen ihm überlassen. Der Dämon spähte durch die Fenster nach draußen und entdeckte mit zusammengekniffenen Augen den Schemen einer geflügelten Person am Horizont. Die Augen gewöhnlicher Menschen würden nicht ausreichen, um ihn zu bemerken, seine hingegen schon. Er konnte nur von Glück sprechen, dass die Privatgemächer des Bürgermeisters so hoch lagen. Von hier aus konnte er selbst die verlassene Kirche mit den Zwillingstürmen entdecken, in der Herzogin Velis Azrael zum ersten Mal begegnet war. Berith fluchte.

Der Schemen kreiste unaufhörlich weiter.

Er wusste, dass es sich hierbei um den Engel, um die Elphahir, handeln musste. Folkvang war früher aktiv geworden, als sie alle gedacht hatten.

Gibt es Unannehmlichkeiten, Herr?“

Berith wandte sich um und entdeckte Ashaya. Ihr Gesicht lag im Schatten und ihre unvergleichlichen, violetten Augen stachen durch die Dunkelheit wie glühende Dolche.

Du bist früher hier, als ich dachte.“ Berith warf einen letzten prüfenden Blick durch das Fenster. Der Schemen kreiste immer noch. „Kommt Abigor uns auf die Schliche?“

Er kennt nur einen Teil der Wahrheit und verzweifelt bereits daran“, antwortete Ashaya. „Esben hingegen ist ein Problem. Er wurde von unserer Kontaktperson außer Gefecht gesetzt.“

Berith nickte langsam. „Lass ihn zu mir bringen. Wir können ihn nicht eliminieren. Azrael scheint Pläne mit ihm zu haben. Er hat mir bereits einen speziellen Auftrag erteilt.“

Ashaya nickte langsam. Das lange schwarze Haar fiel ihr offen auf die nackten Schultern. Ihr schwarzer Mantel besaß einen tiefen Ausschnitt, der die Brandzeichen offenbarte. Es handelte sich um alte und mächtige Worte, die selbst Azrael nicht kannte. Durch diese Magie war Ashaya eine wertvolle Waffe in Beriths Händen.

Seine Blicke glitten über ihr unschickliches Gewand. „Planst du, dich Lifas und Iliana in diesem Aufzug zu zeigen?“

Ashaya lachte. Dieser Laut ließ Berith wohlig erschaudern. Er beinhaltete etwas Reines, Unschuldiges, das nicht zum provokanten Auftreten der Frau passen wollte. Berith konnte die Regung in seinem Inneren nicht beschreiben, aber ihr Lachen erinnerte ihn daran, dass die Welt nicht nur ein Konglomerat aus Schmutz und Blut war.

Fürchtet Ihr um Hornheims untadeligen Ruf?“

Berith wandte sich kopfschüttelnd ab. „Hin und wieder denke ich, du solltest eher die Untergebene von Malfegas oder Ungoros sein. Du würdest besser zu ihnen passen.“

Ashaya rümpfte die Nase. „Malfegas? Dieser riesige Löwe? Und Ungoros, der wandelnde Fleischklumpen? Nein, da bleibe ich lieber bei Euch.“

Sie erschien ihm tatsächlich wie ein Kind. Sie wirkte fröhlich, verspielt und beurteilte jede Person nach ihrem Äußeren. Kein Wunder, dass sie Azrael gegenüber Irodeus bevorzugte. Der alte Dämonenkönig hatte sich vieler Eigenschaften rühmen können. Schönheit gehörte nicht zu ihnen.

Dann verfahren wir ab jetzt streng nach Plan“, sagte er. „Aminas gehört quasi uns und wenn wir Hrandamaer haben, ist auch Astaval gefügig. Das heißt, was davon noch übrig ist.“ Berith wusste nicht, was Azrael mit dem nahezu entvölkerten Herzogtum zu tun gedachte. Er hoffte inständig, dass der König sich nicht dazu verleiten lassen würde, seinen menschlichen Gefühlen nachzugeben und Rache an Hrandamaer zu nehmen. Emotionen standen einem Gott schlecht zu Gesicht.

Ebenso wie einem Wissenschaftler, wie er es war.

Er würde Esben ein Angebot unterbreiten, dass er nicht abschlagen konnte.

Werden sie rechtzeitig in Hrandars Faust sein?“, fragte Berith Ashaya.

Die Frau nickte. „Morgen rechne ich mit ihrer Ankunft.“

Er lächelte. Eine rare Geste, die sich jedoch in den letzten Tagen häufte.

Ihr Plan ging auf.

Gottes Hammer: Folkvang VIII

Esben kehrte gemessenen Schrittes in das Zelt von Hrandamaer zurück. Die unheilsschwangere Atmosphäre, die wie undurchdringlicher Nebel das Lager umschloss, war beinahe greifbar. Wen auch immer Esbens Blick streifte, er sah ungläubige Gesichter mit schreckgeweiteten Augen.

Sollte es ihn verwundern? Die Tempelsöhne galten weithin als unbesiegbar. Ihre Macht wurde in zahllosen Liedern besungen und auf etlichen Schlachtfeldern immer wieder demonstriert. Esben entsann sich seiner eigenen, naiven Gedanken, als er von der berühmten Geschichte der vier Tempelsöhne hörte, die zur Verteidigung einer Kirche ein ganzes Heer des Fürsten von Aminas auslöschten. Dass einer dieser Helden nachts gemeuchelt werden konnte, erschien ihm schlichtweg absurd.

Dabei hatte Teshins Vater Arion dasselbe Schicksal erlitten. Als gröter Recke der Menschheit gefeiert, wurde er nach dem Angriff auf sein Herzogtum hinterrücks von einem Unbekannten ermordet, dessen Gesicht er vermutlich nie erblickt hatte. Esben verstand Teshins Groll nun weitaus besser. Das Leben war kein Lied und sein Zynismus konnte einen Menschen an den Rand des Wahnsinns treiben.

Esbens Gedanken endeten, als er das Zelt betrat. Er hielt überrascht auf der Schwelle des Eingangs inne, als er eine ihm unbekannte Frau sah. Sie stand schweigend in der Ecke, ihr schwarzes Haar zu einem straffen Knoten gebunden, und blickte auf einige Zutaten auf einem Holztisch. Sie schien in diesem Moment das Mittagsmahl zu bereiten. Esben fragte sich unwillkürlich, wo Siegbert der Koch sich wohl aufhielt.

Abigor saß mit grimmiger Miene auf einem dunklen Ebenholzstuhl, den Esben erst jetzt bemerkte. Kryptische Zeichen bedeckten die Lehne und der stilisierte Kopf eines Lindwurms erhob sich drohend über Abigors mächtiger Haarmähne. Der Tempelsohn begrüßte ihn mit einem angedeuteten Nicken und nippte an dem mit einer übelriechenden Flüssigkeit gefüllten Trinkhorn in seiner Hand.

Esben erwiderte die Geste, nicht zum ersten Mal leicht angewidert von der ungehemmten Zurschaustellung von Kulturlosigkeit. Es fiel ihm immer schwerer, Abigors Status als großer Gelehrter nicht anzuzweifeln.

Wo ist Siegbert?“, fragte Esben.

Abigor blickte ihn nicht an, sondern nahm einen weiteren Schluck. „Ich habe ihn meinem Neffen hinterhergeschickt. Lifas hat mein Lieblingsmesser mitgenommen, ohne das ich nie in den Kampf ziehe. Versehentlich, hoffe ich. Sonst muss ich Konsequenzen ziehen.“ Seine rissigen Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Nehmt mich nicht zu ernst, Esben.“

Euer Humor hat schon prächtigere Früchte getragen“, erwiderte der Priester unbeeindruckt und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Nun erst fiel ihm auf, wie müde der Ritter wirkte. Hatte er sich die Nacht um die Ohren geschlagen?

Esbens Misstrauen wuchs. Laut Medardus konnte jeder im Lager der geheimnisvolle Mörder des unglücklichen Apostels Palayon sein. Selbst ein angesehener Ritter wie Abigor …

Und wer ist das?“, versuchte Esben, das Gespräch am Laufen zu halten.

Abigor folgte träge seiner ausgestreckten Hand und wirkte regelrecht überrascht, als er die dunkelhaarige Frau in der Ecke des Zeltes sah. Er räusperte sich verlegen.

Esben, darf ich Euch mit Ashaya bekannt machen? Sie dient mir als Köchin.“

Im Gegensatz zu Siegbert scheute sich Ashaya nicht, das Wort an ihn zu richten. Sie hob den Kopf, strich sich eine gelöste Strähne aus der Stirn und lächelte breit.

Sehr erfreut. Ich habe schon viel von Euch gehört. Ihr seid doch der Priester, der nach Hornheim ging und lebendig wieder zurückkehrte?“

Esben konnte nur nicken, während ihn der Schock zu einer hilflosen Statue degradierte. Laut Iliana war ihr Berith im Traum erschienen und hatte ihr Ashayas Namen als Ansprechspartnerin in Hrandamaer genannt. Was ging hier vor?

Esben fühlte sich immer unwohler. Er warf unruhige Blicke auf den ermatteten Ritter und die lächelnde Dienerin und seine Finger fanden den magischen Folianten auf seinem Feldbett hinter ihm. Sollten sie ihn angreifen, würde er zumindest nicht kampflos untergehen.

Aber keiner von beiden machte Anstalten, ihm schaden zu wollen. Abigor wandte sich wieder seinem Trinkhorn zu und Ashaya schnitt eine Karotte. Esben schluckte und seine Anspannung ließ ein wenig nach. Dennoch schlang er vorsichtshalber die Kette mit dem eisernen Gerüst um seinen Oberkörper und platzierte das schwere Buch darin. Er fühlte sich so weitaus sicherer.

Esben ließ seinen Blick über das Zeltinnere schweifen. Er musste sofort Medardus davon berichten. Mit einem gequält freundlichen Nicken erhob er sich, murmelte etwas von wegen „Elinor befragen“ und stolperte aus dem Zelt. Er warf immer wieder Blicke über die Schulter, doch niemand verfolgte ihn. Dennoch ließ die Erleichterung auf sich warten.

Kurz vor Medardus’ Zelt hielt Esben inne. Er hatte keinen Beweis für seine Behauptungen … was sollte er dem gestrengen Inquisitor sagen und wie würde dieser reagieren?

Bevor er handeln konnte, nahm das Schicksal ihm die Entscheidung ab. Der gealterte Tempelsohn Mendatius von Astaval verließ das Zelt mit zusammengekniffenen Augen. Er wirkte erzürnt und murmelte unverständliche Worte, deren tieferer Sinn jedoch kaum missdeutet werden konnte.

Falls Ihr den Clavis sucht, verschwendet Ihr hier Eure Zeit!“, rief er, als er Esben sah. „Er ist gerade abwesend und inspiziert den Rand des Lagers für den nahenden Angriff der Dämonen.“ Esben schluckte. Seit Ilianas Traum und Vergiftung war etwas mehr als ein Tag vergangen. Ihnen blieben nur noch zwei, bis das von Berith angekündigte Ultimatum auslief.

Bevor er sich entfernte, legte Mendatius plötzlich den Kopf schief und musterte Esben. „Ihr wart doch Priester, nicht wahr? Dann habt Ihr doch gewiss eine Ausbildung in Seelsorge!“

Esben nickte langsam. Was wollte der Veteran von ihm?

Mendatius legte ihm eine gepanzerte Hand auf die Schulter. „Könnt Ihr mir helfen? Ich wollte gerade Schwester Elinor verhören, aber sie ist zutiefst … betrübt über die Vorkommnisse und kaum ansprechbar.“ Der Ritter räusperte sich verlegen. „Ich vermag mein Schwert noch immer behende zu schwingen, aber hierfür sind subtilere Fähigkeiten gefragt.“

Esben nickte, obwohl sich Unruhe in seinem Innersten ausbreitete. Er musste mit dem Inquisitor persönlich sprechen. Aber das Lager war groß und ihn zu suchen konnte schnell zu einer aussichtslosen Aktion werden. Zudem wollte er keinen Verdacht erregen, falls Abigor sich nach ihm erkundigte. Er folgte Mendatius mit dem gequälten Gedanken, dass es sich wohl um eine gewisse Ironie handelte, wie seine Ausrede nun zur Realität wurde.

Während er neben Mendatius herging, kam ihm mit einem Mal eine Idee.

Ihr stammt aus Astaval, richtig?“, fragte er ihn. Kaum hatte er das gefallene Herzogtum erwähnt, straffte sich der Ritter und ein dunkler Zug verunstaltete seine Miene.

Wollt Ihr mich deshalb verhöhnen oder mir Euer Beileid aussprechen? In beiden Fällen rate ich Euch gut, wenn ich sage: Lasst es. Über fünfzig Jahre sind seit der Ermordung von Herzog Arion und seiner Familie vergangen und keine Macht der Welt kann sie zurückbringen, erst recht nicht die der menschlichen Stimme.“

Esben räusperte sich. Er bereute, das Thema angesprochen zu haben, wollte nun aber auch nicht den Rückzug antreten. „Tatsächlich wollte ich Euch weder verhöhnen, noch bemitleiden“, stellte er klar. „Ich wollte Euch nur sagen, dass Teshin von Astaval noch lebt.“

Esben war unsicher, wie Mendatius reagieren würde und warf dem Veteran einen vorsichtigen Blick zu. Der gealterte Ritter schüttelte nur den Kopf.

Ihr lügt.“

Esben sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Weshalb sollte ich?“

Mendatius schnaubte. „Selbst wenn jemand unwissentlich eine Unwahrheit von sich gibt, bleibt die Unwahrheit unwahr. Teshin kann nicht am Leben sein, denn ich habe ihn selbst getötet.“

Esben stolperte beinahe. „Ihr habt was?“

Mendatius’ kalter Blick schien die Bilder längst vergangener Erinnerungen zu betrachten. „Ich habe ihn vor zwanzig Jahren getroffen. Obwohl er schon ein vierzigjähriger Mann hätte sein müssen, hatte er immer noch die Gestalt eines Jugendlichen. Er war verbittert und voller Hass, paktierte mit dunklen Mächten und wollte meinen Treueeid einlösen, um mit meiner Hilfe den Dämonenkönig Irodeus zu erschlagen. Der Narr hatte einen Vertrag mit ihm geschlossen und fürchtete nun die Konsequenzen.“ Ein seltsames Funkeln trat in Mendatius’ Augen. Esben erschauderte. Was mochte nur vorgefallen sein?

Was geschah dann?“, fragte er leise.

Ich habe ihn erschlagen. Schließlich und endlich war er ein Ketzer und sündigte wider den Herrn.“

Esben schüttelte den Kopf. „Und doch habe ich ihn gesehen. Ich habe mit ihm gesprochen, habe zunächst an seiner Seite und schließlich gegen ihn gekämpft. Es ist wahr, dass er sich mittlerweile in einen Dämonen verwandelt hat, aber vor einigen Monaten begegegnete ich ihm zum ersten Mal in Aminas und da war er noch ein Mensch!“

Mendatius schüttelte bestimmt den Kopf. „Ich bezweifle es. Aber wer kann sich schon sicher sein? Vielleicht hat er mich damals durch eine dunkle Kunst getäuscht und ist meinem rächenden Schwert entkommen? Wer kann sich schon anmaßen, die Blendwerke der Dämonen zu verstehen!“

Esben nickte langsam, war aber nicht überzeugt. Ihm erschien wahrscheinlicher, dass Mendatius etwas vor ihm verbarg. Aber das Gespräch endete, als sie ein kleines, weißes Zelt erreichten, vor dem zwei jüngere Tempelsöhne Wache hielten. Mendatius verabschiedete sich wortlos und Esben betrat die provisorische Verhörzelle mit einem leisen Seufzer.

Er musste gewiss einen erheiternden Anblick für Elinor abgeben, als er halb im Nachthemd und mit dem im Kettengerüst steckenden Folianten am Leibe vor sie trat. Dennoch verzog sie keine Miene, sondern starrte mit leerem Blick vor sich hin. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden schienen sie sehr in Mitleidenschaft gezogen zu haben.

Ich grüße Euch!“, rief Esben ein wenig zu laut und nahm ihr gegenüber an einem kleinen Tisch Platz. Kam es nur ihm so vor oder erschien sein Stuhl ihm weitaus bequemer als die harte Holzbank, auf der die Schwester saß?

Elinor nickte ihm langsam zu. „Ich dachte, der grausame Alte wollte den Inquisitor holen?“, fragte sie tonlos.

Esben sah sie überrascht an. Auch wenn ihre Konversation Mendatius in seinen Augen zu keinem Sympathieträger machte, würde er seinen Ruf nicht mit solch respektlosen Titeln antasten. Dann erinnerte er sich an die Feindschaft zwischen Astaval und Hrandamaer und begrub seine Bedenken.

Wie Ihr seht, müsst Ihr mit mir vorliebnehmen“, antwortete Esben betont freundlich. Er war unsicher, wie er vorgehen sollte. In Aminas waren oftmals Leute zu ihm gekommen, um Rat oder Trost zu suchen. Ihm erschien es jedoch ungewohnt, von selbst auf Menschen zugehen zu müssen.

Esben räusperte sich verlegen. Elinor schwieg und hielt den Kopf gesenkt. Sie wirkte nicht, als ob sie reden wollte.

Seid Ihr um Euren Bruder besorgt?“, fragte er schließlich.

Elinor hob argwöhnisch den Kopf. „Weshalb sollte ich mich um Lifas sorgen? Er kehrt zurück nach Hrandamaer, in die Heimat.“ Sie klang beinahe wehmütig.

Neugier erfasste Esben. „Ich hatte nie den Eindruck, dass er sehr beglückt von seinem Zuhause wäre.“

Elinor schnaubte. „Beglückt ist sicher niemand von uns. Hrandamaer ist ein karges, dunkles Land, das nur durch den Glauben erhellt wird. Zudem ist es verflucht, wie Ihr sicher wisst.“

Esben erschauderte. Ja, er wusste Bescheid. Er hoffte nur, dass Lifas es Iliana so schonend wie möglich beibringen würde.

Elinor entging seine Reaktion nicht. „Alle Menschen müssen sich irgendwie vom Leid in der Welt ablenken“, flüsterte sie. „Viele nutzen dafür Feiertage, um bis spät in die Nacht mit Freunden zusammenzusein und einmal über die Stränge zu schlagen. In Hrandamaer ist nicht einmal das möglich. Uns bleibt allein der Glaube. Sonst wären wir allesamt schon längst der Finsternis anheimgefallen.“

Esben nickte. Elinor meinte dies nicht metaphorisch. Die Finsternis genoss widerwilligen Respekt in Hrandamaer. Schließlich brachte sie die Erzeugnisse von König Androgs Fluch mit sich.

Esben räusperte sich erneut. „Was ist mit Eurem Onkel? Er wirkte recht müde bei der Versammlung heute. Macht Ihr Euch um ihn … Sorgen?“

Elinor spitzte sichtlich die Ohren. „Fragt Ihr mich gerade, ob ich ihn verdächtige, den Apostel getötet und Iliana vergiftet zu haben?“

Esben hob unschuldig die Hände. „Ich will Euch nur besser verstehen lernen. Schließlich will ich Euch und den Menschen im Lager helfen.“

Eine Augenbraue wanderte nach oben und verschwand unter Elinors Haaren. Aber als sie sprach, wirkte sie ein wenig selbstsicherer. Scheinbar hatte sie erkannt, dass von Esben keine Gefahr ausging.

Meine Beziehung zu Abigor ist angespannt. Er war einmal ein großer Gelehrter und eindrucksvoller Kämpfer, aber mittlerweile verhält er sich wie ein barbarischer Heide. Er säuft, missachtet das Keuschheitsgelübde, fastet kaum und verhöhnt alles Fromme und Gute. Außer, wenn es um meine Minderwertigkeit geht!“, fügte sie erregt hinzu. „In diesem Punkt ist er mit den übrigen Rittern einer Meinung!“

Esben legte fragend den Kopf schief. „Eure … Minderwertigkeit?“

Elinor schnaubte nur.

Esben erkannte, dass er in eine Sackgasse geraten war und versuchte es von einer anderen Seite. Er fühlte sich, als würde er ein Labyrinth durchqueren und müsste unterschiedliche Eingänge ausprobieren.

Kennt Ihr eine Frau namens Ashaya?“

Elinor zuckte deutlich zusammen und ballte ihre Hände zu Fäusten. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht.

Ist sie hier?“, fragte sie nahezu lautlos.

Esben nickte. Erregung loderte in seiner Brust. „Kennt Ihr sie? Was hat es mit Ihr auf sich?“ Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Hat sie Iliana vergiftet?“

Elinor setzte zu einer Antwort an, als ihre Augen sich plötzlich vor Schreck weiteten und einen Punkt hinter Esben fixierten. Die Finger des Priesters fuhren zu dem magischen Folianten, aber es war bereits zu spät. Er fühlte eine eiskalte Berührung im Nacken, ein Zittern schüttelte seinen Körper und ein Schleier aus Finsternis legte sich über seine Augen. Jegliche Kraft entwich seinen Gliedern und er stürzte zu Boden.

Dann wusste Esben nichts mehr.

Gottes Hammer: Folkvang VII

Langsam lichteten sich die hohen Tannenbäume und gaben die Sicht auf das weite Grasland vor ihnen frei. Ilianas Herz klopfte wild. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie die Welt jenseits des Heidenwaldes.

Lifas wies nach Süden, wo gewaltige Türme neben einer Bergkette in die Luft stachen. „Das ist der Tempel“, verkündete er. „Mein jetziges Zuhause.“

Iliana folgte seinem Blick beeindruckt. „Wie weit sind wir von ihm entfernt?“

Etliche Meilen“, erwiderte Lifas förmlich. „Aber die großen Leuchttürme sind selbst in Aminas noch sichtbar.“

Iliana musterte den Ritter verwirrt. Von einer anderen Person hätte sie vermutet, auf den Arm genommen zu werden. „Leuchttürme?“, fragte sie schließlich. „Stehen die nicht normalerweise am Meer?“ Ihre Ziehmutter Arinhild hatte ihr vor Jahren Geschichten vom Hafen Sankt Emeralds erzählt. Die kaiserliche Hauptstadt verfügte über mehrere solcher Türme.

Lifas’ Züge verhärteten sich, so als peinigte ihn eine grässliche Erinnerung. „Hier werden sie ebenfalls gebraucht“, antwortete er knapp und ließ die Peitsche knallen. Sogleich bewegte sich der Wagen schneller.

Iliana umfasste ihren neuen Bogen fester. Lifas wollte eigentlich nach Hrandamaer reiten, um schneller voranzukommen. Als er jedoch im Lager Ilianas zaghafte Versuche auf einem Pferd mitansah, traf er eine andere Entscheidung. Bei der Erinnerung rötete sich ihr Gesicht. Sie war außerordentlich dankbar, dass Esben die Szene nicht beobachtet hatte.

Beim Gedanken an den Priester trübte sich ihr Gemüt. Was er wohl gerade tat? Ein Tag war seit ihrem Aufbruch vergangen. Ob Berith sein Wort wohl hielt? Oder würden die Dämonen schon vor dem dritten Tag das Lager der Tempelsöhne angreifen?

Bevor ihre Zweifel wachsen konnten, lenkte ein anderer Wagen Iliana ab. Lifas zügelte die Pferde und wich auf das Gras aus. Die Straße war zu schmal für sie beide.

Ein Ehepaar mittleren Alters neigte dankbar seine Köpfe vor dem Ritter. Anstatt zweier Pferde zogen Ochsen ihren voll beladenen Karren. Sie wirkten, als ob sie ihre sämtlichen Habseligkeiten mit sich führten. Iliana musste an die Geschichten der Dorfbewohner über fahrendes Volk nachdenken. In Raureif hieß es, solche Menschen brächten Unheil über jeden Ort, durch den sie kamen. Trotzig entschloss sich Iliana, dem Ehepaar ihre Sympathie entgegenzubringen. Schließlich hätten die Dorfbewohner das Mädchen verbrannt.

Iliana warf Lifas einen neugierigen Blick zu. Teilte er ihre Vorurteile? Was würde er wohl tun, wenn er von Ilianas Anklage als Hexe erführe?

Der Tempelsohn ließ sich jedoch nichts anmerken. „Wohin des Weges?“, rief Lifas. „Seid Ihr Händler? Oder fahrendes Volk?“

Schön wär’s, edler Ritter!“, erwiderte der Mann. „In Aminas wüten die Dämonen!“

Ilianas Herz gefror. Selbst Lifas’ ausdruckslose Miene durchfuhr ein erregter Blitz.

Was sagt Ihr da?“

Es ist wahr!“, rief die Frau und rang die Hände. „Die Feierlichkeiten für die Hinrichtung des Bürgermeisters waren in vollem Gange! Die ganze Stadt versammelte sich zu Speis und Trank, um ihn mit seinen sieben Töchtern sterben zu sehen!“

Ich hab’ schon immer gewusst, dass mit denen was nicht stimmt!“, fügte der Mann grimmig hinzu.

Aber dann sind Dämonen erschienen und haben den armen Henker in die Hölle gezerrt! Einer von ihnen sagte, er sei der Erzengel der Strafe. Gottes Hammer nannte er sich …“

Lifas erstarrte bei der Erwähnung des Begriffs. Iliana schluckte. Wie war Azrael so schnell nach Aminas gelangt?

Was ist mit den Verurteilten geschehen?“, fragte Iliana heiser.

Der Mann sah sie an, so als bemerke er sie zum ersten Mal. „Er hat sie alle mit sich genommen!“, rief er.

In die Hölle?“

Nein!“, ereiferte sich der Mann. „Dem Gericht Gottes will er sie übergeben, oder so etwas in der Art. Jedenfalls herrscht jetzt ein löwenköpfiges Monster über Aminas, als Strafe für die Sünden der Bewohner!“

Die Frau nickte heftig. „So musste es ja kommen! Die Stadt ist ein einziger Sündenpfuhl!“

Der Mann lachte schauerlich. „Jedenfalls erwarten den Bürgermeister und seine Töchter jetzt eine höhere Gerechtigkeit und danach das Höllenfeuer! Geschieht ihnen ganz recht!“

Lifas schien halb in Gedanken versunken, als er erneut das Wort ergriff. „Wie ist die Stimmung in der Stadt?“

Der Mann seufzte. „Reumütig. Niemand zweifelt daran, dass der Erzengel ein Gesandter Gottes ist, seit die Priester ihm zugestimmt haben. S’ ist besser so! Die Dämonen werden die Hexen direkt in die Hölle werfen, bevor sie uns schaden können!“

Nur schade, dass wir das nicht mitbekommen!“, sagte die Frau betrübt. „Die Verbrennungen waren immer ein sehr besonderes Erlebnis! Immer eine Feier für die ganze Stadt, wenn der Inquisitor kam! Erinnerst du dich noch an die Hinrichtung unserer Nachbarin?“

Hab immer gewusst, dass mit der was nicht stimmt!“, knurrte der Mann.

Ilianas Inneres fühlte sich merkwürdig ausgehöhlt an, als die beiden sich von ihnen verabschiedeten. War dies die Normalität? Die Schadenfreude über das Leid der anderen?

Sie setzten ihre Reise schweigend fort, bis Iliana ihre Ungewissheit nicht mehr länger ertrug. Sie wollte endlich in Erfahrung bringen, wie Lifas dazu stand.

Lifas“, setzte sie vorsichtig an.

Der Tempelsohn neigte den Kopf, wandte den Blick aber nicht von der staubigen Straße ab.

Was … ich meine, wie steht Ihr eigentlich zu diesen Dingen?“

Zur Grausamkeit des einfachen Volkes?“ Er brachte das Thema auf den Punkt.

Iliana nickte. „Genau.“

Lifas schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Das beweist nur die Sündhaftigkeit des Menschen … und die Dummheit des Pöbels. Diese Leute sind tumbe Toren, die mit den Fäusten denken und ihre Seele in den Lenden tragen. Ungebildet und unzivilisiert. Sie sind die Herde, wir sind die Hirten.“

Iliana blinzelte, nicht sicher, was sie von diesen harten Worten halten sollte. „Seid Ihr da nicht etwas zu streng? Schließlich macht die Denomination die brutalen Vorschriften, oder nicht?“

Lifas schüttelte den Kopf. „Das Strafrecht ist Sache des weltlichen Arms. Schließlich sind die Richter, Kerkerknechte und Henker keine Geistlichen.“

Iliana ließ nicht locker. „Und was ist mit den Inquisitoren?“

Lifas schwieg kurz, so als sammelte er Argumente. Dann legte sich plötzlich der Anflug eines Lächelns auf seine Lippen. „Ihr scheint mir minder tumb, junge Maid. Ihr stellt die richtigen Fragen.“ Er räusperte sich wie vor einem Vortrag. „Bis vor vierzig Jahren lag die Ausführung der Hexenprozesse ebenfalls in den Händen des weltlichen Arms. Die Geschichten von grässlicher Folter und grausamen Hinrichtungen stammen aus dieser Zeit. Scharlatane gaben sich als Hexenjäger aus, marterten unschuldige Personen, bis sie alles gestanden und legten ihre Aussagen als Beweismittel vor. Als Gegenleistung wurden sie vom Wehrdienst befreit und erhielten für jedes Opfer ihrer Umtriebe stattliche Summen.“ Ein Schatten umwölkte bei diesen Worten Lifas’ Augen.

Iliana, Ihr könnt Euch vorstellen, dass viele Hochstapler zu jener Zeit ihr Unwesen trieben. Man sagt, der Fürst von Aminas habe nur deshalb so wenig gegen Astaval ausrichten können, weil ihn die zahlreichen Hexenjäger in seinem Reich nahezu in den Ruin trieben. Daher erließ er auch ein Gesetz, wodurch die Summe nicht mehr vom Fürstentum selbst, sondern von den Angehörigen der Opfer zu entrichten war.“

Moment!“, warf Iliana ein. „Heißt das, man musste einen Hexenjäger auch noch dafür bezahlen, dass dieser seine Verwandten umbrachte?“

Lifas nickte düster. „In Aminas tobte die Hölle. Die Menschen bezichtigten sich gegenseitig, denn in einer so großen Stadt finden sich immer Neid und Missgunst. Die ersten zehn Kriegsjahre forderten über siebenhundert Opfer. Der Barde Arminius dichtete sogar ein Lied mit dem Namen „Die siebenhundert Feuer“. Habt Ihr es je gehört? In Hrandamaer hat es große Berühmtheit erlangt.“

Iliana schüttelte den Kopf. Ein Schauer lief über ihren Körper.

Lifas räusperte sich erneut, bevor er fortfuhr. „Ebenfalls populär wurde die Geschichte der kleinen Anna. Ihre gesamte Familie starb auf dem Scheiterhaufen und das Mädchen landete im Schuldturm, weil seine Mittel verständlicherweise nicht ausreichten, um den Hexenjäger zu bezahlen. Man sagt, diese Kunde habe Erzbischof Drogan von Sankt Emerald dazu bewogen, die heilige Inquisition hinzuzuziehen.“ Lifas seufzte. „Versteht Ihr, worauf ich hinauswill?“

Iliana legte den Kopf schief. „Er konnte diese Hexenjagden nicht verhindern, also hat er sie legalisiert und damit der Inquisition unterstellt.“

Lifas nickte langsam. „Leute wie Medardus genießen eine umfangreiche theologische Ausbildung und opfern ihre Stimme und ihr Gesicht, um Gott allein zu dienen. In früheren Zeiten bestand ihre Aufgabe aus dem Kampf gegen Dämonen, doch nun kümmern sie sich auch um die Hexenprozesse. Sie tun das im Wissen, dass es keine Hexen gibt und sie lediglich die selbstsüchtigen Wünsche ihrer Schützlinge erfüllen.“ Trauer glitzerte in seinem Blick. „Ich wollte lange nicht hinnehmen, dass es sich dabei nur um eine Farce handelt“, flüsterte er. „Aber mir ist klar geworden, dass die Herde nach dem Blut ihrer Artgenossen schreit, nicht der Hirte. Dennoch muss der Hirte in einer solchen Situation eingreifen, sonst übt die Herde Selbstjustiz.“

Iliana nickte. Langsam erschien ihr Medardus weitaus weniger böse. Er hatte niemanden um einen Prozess gebeten. Die Dorfbewohner selbst hatten sie angeklagt.

Aber warum?“, fragte sie mit erstickter Stimme. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten. „Warum können Menschen so böse sein?“

Das ist der Einfluss der Dämonen und der Hölle“, erwiderte Lifas. Täuschte sie sich oder schwang tatsächlich Mitleid in seiner Stimme mit? „Fürchte dich nicht“, murmelte er und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Die unerwartete Berührung ließ Iliana überrascht aufblicken. „Gott erlöst die Frommen, auch wenn seine Prüfungen auf Erden schwer zu meistern sind.“

Sie fühlte sich tatsächlich getröstet, als sie plötzlich die Grenze von Hrandamaer passierten.

Mit großen Augen sah Iliana sich um. Es wuchs kein Gras und die wenigen Bäume wirkten verkrüppelt und missgestaltet. Bräunlicher Dampf stieg von der verbrannten Erde auf und kräuselte sich in der Luft. Iliana erblickte nirgendwo Leben.

Willkommen in meiner Heimat“, sagte Lifas verbittert.

(Un)Wirklichkeit – von Saigel

Verbrannte Füße schleifen auf dem Asphalt. Die Luft ist stickig, Benzin kreist um die Nase des Humpelnden. Pralle Sonne peinigt ihn, will ihn versengen, seine Haut kochen und mit tausend feinen Nadeln langsam und schmerzvoll abziehen. Irgendwo in der Weite des blauen Himmels kreist ein verlorener Aasgeier, der letzte seiner Art, denn Aas gibt es schon lange nicht mehr. Das Leben ist fort, geblieben ist die Hitze, der chemische Geruch, der längst begrabene Tod.
Doch er kämpft. Er läuft noch, arbeitetet sich voran, auf dieser einst viel befahrenen Straße, die damals Grundlage für seinen Lebensunterhalt war und heute offenbar den letzten, seidenen Faden seines schmächtigen Lebenswillen in den Händen hält. Verbissen, mit aufgeplatzten Lippen, gerunzelter Stirn und starren Augen verheißen seine Züge dennoch einen Funken, den die letzten Jahre und Katastrophen, Verluste und Tragik nicht auslöschen konnten. Noch nicht. Denn er läuft weiter. Und auch wenn er noch nicht der letzte seiner Art ist, ist er womöglich der Letzte, der das Wort der Hoffnung noch auf den Lippen trägt. Eine Welt, die dem Untergang zugeneigt, noch einen letzten Atemzug nimmt und ihn von hinten in den Rücken bläst, um dem Respekt zu zeugen, der in Bewegung bleibt. Da ohne Bewegung, das Leben nicht ist.

Gelangweilt schaltet sie den Fernseher aus. Sie empfindet nichts. Mit einem Klatschen schiebt das Sofa sie auf den Rollstuhl, der sich selbstständig mit ihrem Gehirn verknüpft. Starren Blickes fährt sie zum Kühlschrank und lässt sich ein Burgermenü servieren. Der Roboter füttert sie, dann lässt sie sich ins Bett legen und nimmt die letzte Pille für diesen Tag, die ihre Träume unterdrücken. Gleichgültig starrt sie an die Decke aus nacktem Beton, bis ihr die Augen zufallen und sie der Nebel in einen sterilen Schlaf begleitet.

Gottes Hammer: Folkvang VI

An diesem Tag weckte nicht die Sonne Esben. Stattdessen riss ihn ein langgezogener Schrei aus dem Schlaf. Desorientiert warf er wilde Blicke um sich, bis er das Zelt von Hrandamaer wiedererkannte. Verwirrt erhob er sich von seinem Feldbett und stolperte durch den Eingang. Der Schrei war von außerhalb an sein Ohr gedrungen.

Elinor stand zwischen den Zelten, ein Korb Heilkräuter lag zu ihren Füßen. Sie hielt die Hände vor den Mund geschlagen und starrte aus schreckgeweiteten Augen auf ein unförmiges etwas, das sich in wirren Winkeln vor ihren Füßen befand . Esben trat verwirrt näher, bis er den Körper erkannte.

Er wusste seinen Namen nicht, doch handelte es sich um einen Apostel des Heeres, wie er an der reich verzierten Rüstung unschwer sah. Auf den ersten Blick wirkte er unverletzt, aber eine Lache aus Blut bewies das Gegenteil. Jemand hatte ihn scheinbar getötet und ihm dann, wie zum Hohn, die Rüstung über den Kopf gestülpt. Am schrecklichsten erschienen Esben jedoch die Gesichtszüge des Toten. Grausige Todesangst stand in ihnen und die verdrehten Augen wirkten wie dunkle Splitter unermesslicher Qual.

Andere hatten Elinors Schrei ebenfalls vernommen. Tempelsöhne aller Ränge und Altersstufen versammelten sich vor dem Leichnam. Rufe erschollen. Ein anderer Apostel mit grauem Haar trat vor, kniete nieder und legte seinem gefallenen Kameraden eine Hand auf die Stirn. Einen Augenblick verharrte er und Esben konnte spüren, wie Wellen heiliger Magie durch seine Hände flossen wie rasende Wogen eines Ozeans. Kurz darauf erhob sich der Apostel betrübt und seufzte.

Er ist tot!“, verkündete er.

Betretenes Schweigen legte sich auf die Versammlung. Die Wahrheit hinter dieser Erkenntnis musste erst in den Herzen der Menschen Fuß fassen. Jemand hatte in ihrer Mitte einen Apostel besiegt!

Rufe erhoben sich und Gespräche wurden laut, doch sie verstummten sofort, als Medardus erschien. Der Inquisitor wirkte noch grimmiger als sonst und seine Augen glichen vernichtenden Sonnen, die jeden in ihrem Weg verbrannten.

Da er nicht auf seinem Stuhl saß, musste der ehrwürdige Clavis sich über Gesten verständigen. Dennoch hatten sie eine ähnliche Wirkung wie seine Stimme. Medardus verfügte über eine charismatische Ausstrahlung, die es jedem unmöglich machte, den Blick von ihm abzuwenden.

Kurz darauf wurde der Tote von einigen Novizen weggetragen. Medardus bedeutete den Aposteln, ihm zu folgen. Überraschenderweise wies er auch auf Esben. Der Priester schluckte. In diesem Moment wünschte er sich unwillkürlich Androgs heidnisches Buch herbei.

Sein Herz hämmerte, als er mit den Aposteln das Zelt betrat. Medardus ließ sich auf seinem Stuhl nieder und sein lodernder Blick flog von Gesicht zu Gesicht. Jeder vermied, ihn direkt anzusehen.

Schließlich räusperte sich Medardus. „Wo ist Apostel Abigor von Hrandamaer?“

Überraschte Blicke glitten über die Versammlung. Esben zuckte peinlich berührt zusammen. Er hatte sein Fehlen nicht einmal bemerkt.

Als handelte es sich hierbei um ein Stichwort, erhellte kurz das Licht der aufgehenden Sonne den spartanisch eingerichteten Raum, als Abigor das Zelt betrat.

Ich bin hier“, grummelte er. Seine Augen wirkten beinahe ebenso grimmig wie Medardus’ lodernder Blick. „Was, bei allen Heiligen, ist mit Palayon von Aminas geschehen?“

Das versuchten wir gerade zu erörtern.“ Medardus deutete mit seinem Mauritiusstab auf den Stuhl neben Esben und Abigor ließ sich wortlos auf die harte Sitzfläche fallen. Er wirkte kalt wie ein Eisblock und Esben musste sich unbewusst fragen, wieso er nicht im Zelt gewesen war. Nun erst fiel ihm auch Siegberts Abwesenheit auf. Begann er nicht normalerweise um diese Zeit schon mit den Vorbereitungen für das Mittagsmahl?

Doch dies war nicht die Zeit für solche Überlegungen, wie Esben Medardus’ Räuspern entnahm.

Heute ist ein Apostel von uns gegangen“, begann der Clavis. „Selbstmord können wir, denke ich, ausschließen. Die Wunde befindet sich ganz eindeutig unter dem Harnisch, den anzulegen er in diesem Fall wohl kaum noch die nötige Kraft aufgebracht hätte. Wir müssen von Meuchelmord ausgehen. Die Geräuschkulisse eines fairen Kampfes hätte uns schließlich alle geweckt.“ Er legte die Fingerspitzen aneinander, so als würde er beten. Nach kurzem Schweigen fuhr sein Blick zu dem Apostel, der den Toten begutachtet hatte. „Mendatius von Astaval, ich möchte Euch bitten, hier und jetzt den Leichnam zu untersuchen. Auf etwaige magische Rückstände, versteht sich.“ Trotz seiner Wortwahl machte der Tonfall des Clavis deutlich, dass auch diese Bitte nur als Befehl aufzufassen war.

Esben warf dem gealterten Ritter einen überraschten Blick zu, als er sich erhob und das Zelt verließ. Astaval galt heute als nahezu menschenleer. Dieser Mann musste bereits vor dem Krieg geboren worden sein. Ob er sich vielleicht sogar an Teshin erinnerte?

Tempelwächter Esben.“ Er zuckte zusammen, als Medardus’ lodernder Blick auf ihm ruhte. „Ihr habt gewisse Erfahrung mit Dämonen. Gibt es in Hornheim eine Person, die ihre Gestalt verändern kann?

Esben benötigte eine volle Sekunde, um den Worten des Inquisitors einen Sinn abzugewinnen. Er räusperte sich verlegen. „Ich denke nicht. Allerdings weiß ich von jemandem, der einen Menschen durch seine Magie auf jede beliebige Distanz betäuben und ihm unsanfte Träume bereiten kann …“ Die Erinnerung an Berith ließ Esben auch nun noch erschaudern. Ihn hatten während seiner Bewusstlosigkeit keine Visionen gepeinigt, aber Iliana waren solche Träume zuteilgeworden. Esben biss sich auf die Lippe. Er hätte sie genauer danach fragen sollen.

Wie heißt dieser Dämon?“, fragte Medardus.

Esben räusperte sich erneut. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an. „Berith.“

Der Clavis nickte und ein Raunen ging durch die Runde. Offenbar war er den gelehrten Aposteln nicht unbekannt.

Etwa jener Berith, der auch im ketzerischen Daymonikon erwähnt wird?“, fragte ein jüngerer Ritter erstaunt.

Esben kannte die Schrift, hatte sie jedoch nie zu Gesicht bekommen. Verbotene Bücher durften nur von Bischöfen eingesehen werden. Er setzte gerade zu einer Antwort an, als Medardus eine Hand hob.

Für Abgleiche wird später noch Zeit genug sein“, rief er. „Tempelwächter Esben, haltet Ihr es für wahrscheinlich, dass besagter Dämon in dieses Lager eingedrungen ist?“

Esben legte den Kopf schief. „Ich denke, es würde zu ihm passen“, erwiderte er schließlich. „Als ich gegen ihn gekämpft habe, erschien er mir als sehr hinterhältig.“ Ein weiteres Raunen brachte Esben in Verlegenheit. Er verkniff es sich, seine unrühmliche Niederlage zu erwähnen. „Ich denke, er würde sicherlich so vorgehen, um uns zu verwirren und unsere Moral zu zerrütten, vielleicht sogar um uns gegeneinander aufzubringen. Er hat schließlich auch Iliana im Traum heimgesucht.“

Medardus nickte. „Dennoch … es könnte sich auch um einen Trick handeln“, entgegnete er. „Möglicherweise befindet sich in diesem Lager tatsächlich eine Person, die mit den Dämonen zusammenarbeitet.“ Wieder ruhte sein Blick auf Esben. „Eure junge Gefährtin wurde beinahe getötet. Das war kein Fluch von diesem Dämonen, es war reines, profanes Gift. Jemand musste bei ihr sein, um es ihr zu verabreichen.“ Seine Augen wanderten weiter zu Abigor. „Eure Nichte hat sich doch um sie gekümmert, nicht wahr? Wir sollten sie befragen. Schließlich hat sie auch den Apostel Palayon gefunden. Sollte es sich bei dem Täter jedoch tatsächlich um einen Dämonen handeln, werden wir dies durch Euren Bericht herausfinden, Esben.“

Esben nickte. Er hatte die Zeit nach Ilianas Abreise mit der Niederschrift all seiner Informationen über die Dämonen Hornheims verbracht. Er musste nur noch Azraels Fähigkeiten erläutern.

In diesem Moment kehrte Mendatius in das Zelt zurück. Seine Augen glichen kaum sichtbaren Schlitzen. „Getötet wurde er durch eine Stichwunde, aber ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass Magie im Spiel war.“ Er räusperte sich, so als genierte er sich für seine folgende Vermutung. „Palaymon trägt eine schwarze Rune auf der Brust, die exakt jener gleicht, die der Choral des langen Schlafes verursacht.“

Schockiertes Schweigen machte sich breit. Entsetzen ergriff Esben. Berith beherrschte gewiss keinen Choral und auch die übrigen Dämonen konnten sich einer solchen Fähigkeit wahrscheinlich nicht rühmen. Was mochte das bedeuten?

Medardus nickte. Seine behandschuhte Faust umklammerte den Mauritiusstab wie eine tödliche Lanze. „Jemand hat den Choral des langen Schlafes angewandt, ihn aber ins Gegenteil verkehrt. Die Rune müsste weiß sein. Dass sie schwarz ist, kann nur bedeuten, dass sie mit gottloser Magie gezeichnet wurde.“ Medardus machte eine unheilsschwangere Pause. „Das ist Ketzerei. Was sage ich, es ist Dämonie! Jemand verhöhnt uns, indem er unsere eigenen Waffen zu profanen Tötungsmitteln umfunktioniert!“ Diese Nachricht schien Medardus mehr zu erregen als der Mord selbst.

Im nächsten Augenblick räusperte er sich jedoch und fing sich wieder.

Diese Versammlung hätte auch ohne diesen Mord stattgefunden“, erklärte er schließlich. Seine Augen glühten. „Mich hat heute, kurz vor Sonnenaufgang, ein Bote erreicht. Ein Dämon mit Löwenkopf ist in Aminas aufgetaucht und hat den Bischof entführt. Angeblich meinte er, er würde ihn für sein sündiges Leben in die Hölle hinabziehen.“

Erschrockene Blicke machten die Runde. Esbens Herz setzte einen Schlag aus. Er hatte angenommen, dass die Dämonen in Hornheim festsaßen, solange das Heer der Tempelsöhne den Weg durch den Heidenwald blockierte. Er erinnerte sich an den Dämonen mit dem Löwenkörper. Er hatte ihn vor zwei Tagen in Hornheim gesehen! Selbst wenn er sich sofort nach ihrer Niederlage auf den Weg gemacht haben sollte … die Zeit des Boten musste auch miteinberechnet werden … war dies schlichtweg unmöglich. Esben erschauderte. Konnten die Dämonen etwa an jedem beliebigen Ort erscheinen?

Die Apostel teilten seine Gedanken offenbar. Medardus nickte langsam.

Wir befinden uns hier in einem Krieg. In einem heiligen Krieg.“ Der Clavis erhob sich. „Diese Dämonen wollen ganz offenbar zur maßgeblichen geistlichen Instanz im Reich werden. Sie wollen sich selbst zu Göttern krönen und die Menschheit mit der Drohung der Hölle versklaven. Dies hier ist kein Kampf um Ehre oder Land … es ist ein Kampf um das Schicksal … um die Freiheit der Menschen.“

Mit diesen Worten entließ Medardus sie und Esben hatte das Gefühl, als bräche seine Welt nun endgültig zusammen.

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Azrael saß auf seinem steinernen Thron am Ufer und blickte hinaus auf die schwarzen Fluten des Sees Sökkvar. Er musste sich unwillkürlich fragen, wer Hornheim wohl geschaffen hatte. Ihm erschien es weitaus kunstvoller als seine Höllendimension.

Eine Hölle muss nicht kunstvoll sein, sie muss nur viel Feuer haben und wehtun, kicherte die Stimme in seinem Kopf.

Azrael ließ sie gewähren. Die Müdigkeit beraubte ihn seines Widerstands. Er hatte das Geheimnis dieser seltsamen Stimme noch nicht entschlüsselt und bezweifelte, ihr je auf die Spur zu kommen. Er hoffte nur, dass sie ihn im Kampf nicht behindern würde. Sie standen kurz vor dem Angriff auf das Lager der Tempelsöhne.

Herr!“, erklang plötzlich eine Stimme hinter ihm.

Azrael wandte sich um und erblickte Ungoros. Der Dämon besaß die wohl hässlichste Gestalt in ganz Hornheim. Er glich einem großen, runden Fleischklumpen voller Falten, aus dem zwei kaum erkennbare Augen seine Umgebung anfunkelten. Ein dünner Strich bildete seinen Mund. Missgebildete Beine entwuchsen ihm und zwei winzige Fledermausflügel flatterten an seiner Seite. Azrael wusste, dass er sich mittels Magie in der Luft hielt. Anderenfalls könnten weder seine Flügel, noch seine Beine das Gewicht des klobigen Körpers tragen.

Kurz erlaubte Azrael sich einen Moment der Verwunderung. Als Mensch hätte er sich gewiss vor den weißen Maden geekelt, die Ungoros’ Falten durchstreiften und eitrige Flüssigkeit verspritzten. Doch nun … weder konnte er sich am Schönen erfreuen, noch konnte er das Hässliche verachten. Möglicherweise lautete der Grund dafür, dass Dämonen sich im Normalfall nicht fortpflanzen konnten und daher auch keinen Sinn für die Schönheit ihres Partners benötigten.

Azrael räusperte sich. „Was ist dein Begehr?“, fragte er förmlich. Er wusste, dass Ungoros lieber kunstvoll mit ihm sprach.

Der Fleischklumpen offenbarte nun seine poetischen Fähigkeiten. „Es wär nun gar soweit, dünkt es mich wilde, mich hinabzubegeben in düstere Gefilde. Denn ziemt es wohl kaum einem solchen Gott, sich zu genieren auf seines Kinders Schafott.“

Azrael nickte dankbar. Ungoros schlug ihm vor, an seiner statt die von ihm geschaffene Hölle zu überwachen. „Geh nur“, sagte er. „ich werde dich bald dort brauchen. Wie wir es abgesprochen haben.“

‘s deucht mich wohl, dass sie ruft, die Pflicht. So hinab, hinab, wo es rußt die Sicht.“ Azrael verdrehte die Augen, als Ungoros sich umwandte und auf das Portal dahinter zusteuerte. Seine Hölle beherbergte bereits einige Gäste. Erst tags zuvor hatte Malfegas den Bischof von Aminas entführt. Es war ein offenes Geheimnis, dass der Geistliche in seinem „Jungfernturm“ schreckliche Dinge tat.

Tja, schlechte Menschen gibt es überall.

Diesmal konnte Azrael der Stimme beim besten Willen nicht widersprechen. Sie klang sogar traurig.

Plötzlich drang eine andere Stimme an sein Ohr, die ihn ganz und gar nicht mit Trauer erfüllte.

Azrael!“

Er wandte sich um und erblickte Velis, die ungestüm auf ihn zurannte. Der Anblick des Sklavenmachers um ihren Hals versetzte ihm einen Stich. Er hatte es noch immer nicht geschafft, sie vom Fluch ihres grausamen Vaters zu befreien.

Er erhob sich und sie fiel ihm in die Arme. Wilde Wärme durchdrang Azrael, als ihre Lippen sich zum Kuss trafen.

Als Mensch hätte er sicherlich Gewissensbisse verspürt. Schließlich glich Velis’ äußerliche Gestalt einem Kind. Aber als Dämon beeinflussten ihn solche Emotionen nicht.

Velis lächelte spitzbübisch und ihre Augen funkelten, als sie sich an ihn schmiegte. Von Zeit zu Zeit kam es Azrael so vor, als sehnte sie sich regelrecht nach Berührung, wie als Beweis für ihre Existenz. Er schluckte. Sicherlich trugen die Taten ihres Vaters die Verantwortung dafür.

Velis war kein gewöhnlicher Dämon. Wie er Halgin und Esben gegenüber richtig vermutet hatte, handelte es sich bei ihr vielmehr um einen Halbmenschen. Anders als er war sie nicht gestorben. Als Tochter eines Dämons von Hornheim und einer seiner Untergebenen bildete sie im Gesetz der Fortpflanzung eine absolute Ausnahme.

Und?“, fragte sie nach kurzem Schweigen. „Werden wir es jetzt tun?“

Azrael nickte. „Die Gelegenheit ist günstig. Der Fürst von Aminas ist ein junger, unsicherer Mann und die Erinnerungen an die Taten dieses furchtbaren Bischofs haben die Herzen der Einwohner gegenüber der Denomination verhärtet. Aber das Wichtigste ist, dass uns kein Inquisitor in die Quere kommen kann.“

Ist es nicht irgendwie grotesk, dass die Menschen von Inquisioren mehr fasziniert sind als von Tugend und Reinheit?“, fragte Velis leise.

Vielleicht sind sie es deshalb, weil beides nicht existiert“, erwiderte Azrael verbittert. „Ich meine, sieh uns an. Jedes Gericht der Welt würde uns wegen Unzucht am Galgen baumeln lassen.“

Velis kicherte. Dabei klang sie immer wie ein normales Mädchen, das nicht bereits seit Jahrzehnten versuchte, die Welt zu retten. Azrael strich über ihr langes Haar. Ohne ihre Intervention wäre Irodeus noch König von Hornheim und er selbst würde nicht einmal existieren. Er verdankte ihr sowohl als Teshin, als auch als Azrael sein Leben.

Velis deutete auf den See Sökkvar. „Glaubst du wirklich, dass Androg dort begraben liegt?“

Azrael schnaubte. „Das fragst du mich? Ich existiere erst seit wenigen Monaten! Aber wenn du mich fragst, ist das eine Legende wie jede andere.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber dass man dort angeblich den Verstand verliert … das ist schon interessanter. Wir beide wissen, in welchem Zustand Sitraxa vor ihrem Tod war.“

Velis sah ihn überrascht an. „Sie ist tot? Ich dachte, Esben hätte sie in seinem Buch versiegelt!“

Azrael schüttelte den Kopf. „Er hat das Wesen versiegelt, das einmal eine gute Freundin von mir war, bevor Irodeus sie raubte und sie Sitraxa schenkte.“ Obwohl er diese Frau eigentlich nie getroffen hatte, schmerzte sein Herz beim Gedanken daran. Offenbar nahmen Teshins Erinnerungen mehr Einfluss auf seine Gefühlswelt, als er ursprünglich vermutet hatte. Ein ähnlicher Schmerz war ihm während des Kampfes gegen Halgin zuteilgeworden.

Bevor Velis zu einer Antwort ansetzen konnte, erscholl hinter ihnen lautes Gelächter.

Sieh sie dir an!“, rief Malfegas und schüttelte seinen gewaltigen Löwenkopf. „Da sitzen sie, Arm in Arm, und genieren sich nicht! Und das in so einer sittsamen Einrichtung wie der unseren!“

Beriths Miene blieb beherrscht, obwohl eine seiner Augenbrauen nach oben wanderte. Die beiden Dämonen standen erwartungsvoll vor ihnen.

Azrael atmete tief durch und erhob sich dann. Ernst umwölkte Velis’ Blick.

Nun würden sie die Initiative ergreifen.

Alles läuft nach Plan“, sagte er. „Iliana ist auf dem Weg nach Hrandamaer, Ashaya bereitet sich dort vor, Medardus lagert im Heidenwald und der Engel bleibt vorerst zurückgezogen. Aminas liegt ungeschützt da. Wir müssen es uns nur holen.“ Er warf einen Blick auf Malfegas. „Du bist dir sicher, dass die Hinrichtung heute stattfindet?“

Der große Löwe lachte unbeherrscht, wobei kleine Funken aus seinem Maul stoben.

Natürlich! Die eine Hälfte der Stadt freut sich auf das Bier, die andere auf die Schreie. Schließlich stehen der Bürgermeister und seine sieben Töchter auf dem Spielplan, das will niemand verpassen.“

Teshins Erinnerungen an den ersten Bürger der Stadt kamen ihm in den Sinn. Ein vollkommen unsympathischer Mensch, aber einen solchen Tod hatte er nicht verdient.

Azrael atmete tief durch. Dann wandte er sich um und watete in die schwarzen Fluten des Sees Sökkvar. Das dunkle Wasser ermächtigte Berith, in die Träume anderer einzudringen. Ihn hingegen ließ es Portale öffnen.

Jeder von ihnen musste nur einen Schritt tun, um mit der Läuterung der Welt zu beginnen.

Gottes Hammer: Folkvang V

Ich seufze befreit und schlage wie wild mit meinen Flügeln, als die Winde mich umarmen. Mein Körper scheint mit jedem Tag leichter zu werden und es kostet mich immer weniger Anstrengung, mich zu bewegen.

Wie sollte es auch anders sein? Schließlich entstamme ich Folkvangs heiligen Hallen.

Ich spähe hinab auf das weite Land und lasse vor meinem geistigen Auge die Jahrhunderte vorüberziehen. So ungemein viele Menschen … alle emsig im Streben vereint. Wenn sie nur wüssten, was ich jetzt weiß. Wäre ihnen das Leben auf ewig vergällt oder könnten sie sich erst richtig daran erfreuen?

Trauer überkommt mich, als ich einen Blick auf Aminas werfe. Eine große Stadt voller Groll und Missgunst, voller Ungerechtigkeit und Leid. Kurz erlaube ich mir, in der Geschichte eines jungen Mädchens zu versinken, dass der Hexerei angeklagt und vor genau fünfzig Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Der Inquisitor hielt es zudem für angemessen, zwei kleine Kinder mit Peitschen über den Hauptplatz treiben zu lassen, bis ihre geschundenen Leiber zitternd in die Hände ihrer bleichen Eltern fielen.

Fürwahr, je stärker man auf Menschen einprügelt, desto stärker prügeln sie zurück.

Die beiden Kinder zogen zehn Jahre später in den Krieg und sahen lachend zu, wie eine Frau vor den Augen ihres fünfjährigen Sohnes von anderen Soldaten zu Tode gequält wurde. Der Sohn zog seinerseits zehn Jahre später in den Krieg und verübte einen Anschlag auf einen Sprössling von Hrandamaer. Er überlebte, aber der Sohn hatte den Groll in ihm entzündet. Und jetzt steht dieser Nachkomme Hrandamaers in einem Zelt im Heidenwald und ringt mit dunklen Mächten.

Es ist ein ewiges Rad.

Ich sehe eine Zeit lang zu. Ich weiß nicht, ob ich eingreifen soll. Ist es Trägheit, die mich auf diese Weise ummantelt? Ich schlage energisch mit den Flügeln, wie um diesen Verdacht zu entkräften.

Vor langer, langer Zeit habe ich Gott immer vorgeworfen, meine Stimme geraubt und dennoch niemandem geholfen zu haben. Ich habe ihn der Trägheit bezichtigt.

Jetzt bin ich wieder in dieser Situation, aber in einer anderen Rolle.

Ich spähe auf die Person hinab, die der Sohn Hrandamaers behandelt und erstarre. Ja, ich, eine Elphahir Folkvangs, erstarre.

Im nächsten Moment verlasse ich im Sturzflug die friedlichen Gefilde des Himmels und begebe mich hinab ins unheilsschwangere Reich meiner Herde.

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Abigor atmete schwer.

Er wusste nicht, welcher Trottel den Menschen von einem Exorzismus berichtet hatte. Er versuchte hier nur, das verdammte Gift im Körper dieses verdammten Mädchens zu neutralisieren. Seine Nichte stand zitternd neben ihm und hielt die Hände vors Gesicht geschlagen, während sie zusammenhangslose Worte hervorstieß, die wohl als Gebet gedacht waren.

Verdammt.

Iliana lag schweißgebadet auf dem Feldbett. Jegliche Farbe war aus ihrem schmerzverzerrten Gesicht gewichen. Eben hatte sie noch von einem seltsamen Traum berichtet, nun lag sie schon wie eine Leiche vor ihm.

Abigor schnaubte wutentbrannt, während er seine Kräfte sammelte und die heilige Magie förmlich durch ihre Venen jagte. Gottes Humor nahm sich recht eigentümlich aus, wenn er ein unschuldiges Mädchen zu sich rufen und ihn alten Sünder verschonen wollte.

Verdammt.

Er kannte das Gift. Ja, er kannte es sogar sehr gut. Sein Körper hatte bereits davon gekostet, in jener Nacht vor dreißig Jahren, als ein Knabe ein Attentat auf ihn verüben wollte. Diese verdammte Substanz lähmte ihr Opfer, sodass jede Bewegung unmöglich schien. Jedoch hieß dies nicht, dass der Tod schmerzlos vonstattenging. Im Gegenteil.

Abigor fluchte, als der helle Schein seines Zaubers verflog und seine Bemühungen wirkungslos blieben. Welcher verdammte Schleicher hatte ihr nur das Gift verabreicht? Oder stammte es noch aus Hornheim?

Abigor sah nur noch eine letzte Möglichkeit. Er hatte seine Stimme nicht geopfert, weshalb ihm der Zugriff auf die meisten Choräle verwehrt blieb. Aber einen kannte er, mit dessen Macht er in Hrandamaer ein Totenfeld auf einmal geläutert hatte.

Abigor sank nieder auf ein Knie und begann zu singen. Es handelte sich um die herzzerreißende Geschichte eines Bruders und seiner Schwester, die sich aus den Augen verloren und nach langen Irrwegen wieder zueinander fanden.

Er kam nicht weit.

Mit einem Mal erfüllte solche Heiligkeit das Zelt, dass dem Bischof sein eigener Choral plump und profan erschien. Abigor schirmte mit der Hand sein verbliebenes Auge ab, nur um sie überrascht wieder sinken zu lassen. Fassungslosigkeit meuchelte seine Gedanken.

Ein Engel stand vor ihnen.

Es handelte sich um eine Frau mit strahlend weißen Flügeln und gütigen Gesichtszügen, die in einer wallenden Robe, halb Stoff, halb Stahl, an das provisorische Krankenbett trat und Iliana eine Hand auf die Stirn legte. Der folgende Zauber ließ Abigor nach Luft schnappen und ihn geblendet sein verbliebenes Auge schließen. Als das Licht erlosch, regte sich das Mädchen schwach. Der Engel lächelte aufmunternd.

Dann stieß Iliana mit einem Mal einen langgezogenen Schrei aus.

Elinor stolperte vor Schreck und Abigors Hand fuhr zu seinem Schwert. Dünne Fäden aus Schatten schraubten sich aus Ilianas weit geöffnetem Mund. Der Engel schien das Gift förmlich aus ihrem Körper zu zwingen.

Abigor zuckte zusammen, als ein Handgemenge am Zelteingang den Vorgang störte. Lifas und Esben, der Priester, stolperten mit verwirrten Mienen in das Lazarett, die weit geöffneten Augen auf die eindrucksvolle Gestalt vor ihnen gerichtet.

In diesem Augenblick begann die Frau zu singen.

Abigor verstand die Sprache nicht, aber sie erschien ihm nichtsdestominder göttlicher als alles, was er zuvor gehört hatte. Die Töne griffen melodisch ineinander, wie die Hände feiernder Menschen, die in einem Tanzkreis ihrer Freude frönten. Alles hatte seine feste Ordnung und kein Wort blieb sich selbst überlassen in diesem kunstvollen Satzgeflecht.

Im nächsten Moment erhellte ein Lichtblitz den Raum, der Gesang endete und der Engel war verschwunden. Iliana saß aufrecht und gesund auf dem Bett, verwirrt blinzelnd, so als wäre sie gerade erst erwacht. Sie alle tauschten verwunderte Blicke. Niemandem erschienen einfache Worte der sakrosankten Stille des Moments angemessen.

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Ich muss nach Hrandamaer“, murmelte Iliana. Sie fühlte sich seltsamerweise beschwingt und voller Energie. Von den Auswirkungen des Giftes spürte sie nichts mehr.

Sie lehnte an einem dicken Baum, den wohl selbst zehn Tempelsöhne nicht umfassen könnten, und wartete auf Esbens Reaktion. Er wirkte fahrig und abgelenkt, so als erholte er sich immer noch von der Begegnung mit dem Engel. Als sie ihr Anliegen wiederholte, erschrak der gefallene Priester sichtlich, räusperte sich dann jedoch verlegen.

Hrandamaer ist kein Ort für eine junge Maid“, antwortete er vorsichtig.

Hornheim auch nicht!“, erwiderte Iliana bissig. „Und hier bin ich offenbar auch nicht sicher! Abigor meinte, dass ich vergiftet wurde. Hier muss es jemanden geben, der es auf uns abgesehen hat.“ Eine brennende Frage schlich sich auf Ilianas Zunge. „Abgesehen davon … was ist so schlimm an Hrandamaer? Lifas und Abigor müssen ja schließlich auch dort aufgewachsen sein!“

Esben rang sichtlich mit sich. Schließlich seufzte er ermattet und nickte langsam. „Erinnerst du dich an das Wort Hrandar?“

Iliana erschauderte. Velis’ untoter Diener Berengar kam ihr in den Sinn. „Ich werde es nie vergessen.“

Esben räusperte sich. Offenbar bereitete ihm dieses Thema Unbehagen. „Hrandamaer bedeutet übersetzt soviel wie Kunde von Untoten. Diesen Namen haben die Bewohner ihrer Heimat nicht selbst gegeben, er wurde in den übrigen Regionen nach der … Katastrophe gebräuchlich.“

Ihr Unwissen peinigte Iliana. „Welche Katastrophe?“

Esbens Blick schweifte ab. „Erinnerst du dich an Androgs Halle? In Hornheim?“

Iliana nickte. Sie entsann sich, dass Esben dort für eine Weile gelebt hatte.

Esben räusperte sich erneut. „Sie ist nach dem letzten König von Hrandamaer benannt. Sein Reich wurde nach seinem Tod in ein Herzogtum umgewandelt. Angeblich brachte er den Fluch über seine Heimat …“

Ganz genau.“

Iliana fuhr erschrocken zusammen und Esben vollführte einen Satz nach hinten. Lifas stand kerzengerade vor ihnen, seine Miene blieb bar jeder Emotion.

Kurz kehrte Stille ein. Lifas’ kühle Augen schienen bis auf den Grund von Ilianas Seele zu starren. Dann umspielte der Anflug eines Lächelns seine schmalen Lippen.

Ich habe vom Inquisitor und heiligen Clavis Medardus den Befehl erhalten, umgehend in meine Heimat zurückzukehren. Ihr sollt mich begleiten, Fräulein Iliana.“ Dabei verneigte er sich galant. „In Hrandars Faust residiert das Orakel, das Euch vom Einfluss der Dämonen befreien wird.“

Ilianas Herz schlug schneller. Ihr Verdacht, dass jemand im Lager der Tempelsöhne mit Hornheim in Verbindung stand, erhärtete sich. Konnten solche Zufälle existieren? Oder hatte Berith dies alles geplant?

Was ist mit mir?“, fragte Esben prompt.

Lifas schüttelte den Kopf und deutete mit dem Kinn auf das Buch, das Esben nun in einem Gerüst um den Oberkörper geschlungen trug. „Eure Fähigkeiten werden gebraucht.“ Damit wandte er sich wieder an Iliana. „Ich lasse Euch noch Zeit für den Abschied, dann brechen wir umgehend auf.“

Ich würde Elinor auch noch gern Lebewohl sagen“, rief Iliana, als Lifas sich umdrehte.

Kurz schien es, als bohrte sich eine Art Stachel von Menschlichkeit in die undurchdringliche Fassade des jungen Ritters. Aber der Moment endete sofort und er nickte nur. „Ich warte vor dem Lazarett auf Euch!“, rief er.

Er ließ unangenehmes Schweigen zurück.

Iliana kannte Esben seit kaum zwei Tagen und dennoch schien er schon ein fester Teil ihres Lebens geworden zu sein. Bei dem Gedanken, auch noch ihn verlassen zu müssen, schmerzte Ilianas Herz. Vielleicht geriet sie auf diesem Wege sogar in die Falle der Dämonen. Dennoch, sie musste etwas tun. Sie benötigte ein Ziel, ein etwas, auf das sie hinarbeiten konnte. Möglicherweise handelte es sich dabei auch nur um eine Ausrede ihrer selbst, um der Verantwortung des Denkens so elegant wie möglich zu entkommen, aber sie besaß keine Perspektive, keine Überzeugung. Esben hatte eine Kirche, für die er kämpfen wollte, sie hatte nur ihr Leben.

Er schien all dies zu verstehen.

Ich brauche wohl Zeit, um das alles zu verarbeiten“, murmelte sie, während ihr Blick auf den grünen Boden fiel. Die Grashalme wiegten sich sacht im sanften Wind.

Esben nickte langsam. „Du bist vielleicht noch ein Kind, aber du sprichst schon wie eine Erwachsene“, erwiderte er leise. „Aber das ist wohl das Schicksal jener, die wie du so früh solches Leid mitansehen müssen.“

Zu Ilianas Überraschung kniete er vor ihr nieder und nahm sie in den Arm. Etwas zögerlich erwiderte sie die Geste.

Sie schwor sich, diese Erinnerung immer in ihrem Herzen zu bewahren.

 

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Ein Engel? Also eine Elphahir Folkvangs?“, fragte Medardus langsam. Abigor schluckte. Dank der Maske konnte er die Gefühle des Inquisitors unmöglich erraten.

Falls er überhaupt welche hegte.

Es scheint so“, erwiderte er. „Mehr noch, der neu eingesetzte Tempeldiener Esben wirkte, als ob er die Person kannte. Er bleibt jedoch verschlossen.“

Kurz kehrte Stille ein. Medardus machte keine Anstalten, weiterzusprechen. Abigor räusperte sich und fuhr fort. Die respektvolle Anrede fiel ihm mit zunehmendem Alter immer schwerer. „Ehrwürdiger Clavis, wenn die Anmerkung erlaubt ist, viele Legenden bewahrheiten sich in dieser unruhigen Zeit. Hornheim, Sankt Esbens erste Kirche, Androgs Chronik und nun auch noch Folkvang? Was geschieht hier?“

Einen Moment lang schien es, als bliebe ihm der Inquisitor die Antwort schuldig. Schließlich erhob er sich jedoch und griff nach seinem Mauritiusstab.

Gottes Hammer regt sich. Das geschieht.“

Aber was ist Gottes Hammer?“, rief Abigor verzweifelt. „Ist das ein Dämon? Oder ein Engel?“

Medardus trennte die Verbindung zu dem heiligen Nexus um seinen Stuhl. Er war wieder stumm.

Abigor verstand, murmelte einen Salut und zog sich zurück. Außerhalb des Zeltes machte er seinem Ärger Luft, indem er ein lautes Knurren losließ. Zwei Novizen, die das Zelt des Clavis bewachten, fuhren erschrocken zusammen. Ja, es gab einen Grund, warum manche ihn nur unter dem Namen „der Bär“ kannten.

Er musste endlich herausfinden, worum es sich bei Gottes Hammer wirklich handelte. Medardus verbarg weitaus mehr vor ihm, als nur sein Gesicht.

Er wusste auch, wie er dies schaffen konnte.

Abigor wandte den Blick gen Westen. Die Sonne ging langsam unter. Er fühlte, wie die Kraft in seine Glieder zurückkehrte. Ja, nachts war er wirklich er. Nachts konnte er seine wahre Macht nutzen.

Ohne Umschweife betrat er das Zelt von Hrandamaer. Esben schlief bereits. Er war ein wahrhaft frommer Priester, auch wenn er ein heidnisches Buch benutzte. Wenn er nur wüsste …

Abigor fand, wen er gesucht hatte. Siegbert kauerte zitternd in einer Ecke und musterte ihn ängstlich. Er fühlte, dass seine Zeit gekommen war.

Niemand hielt ihn auf, als er zusammen mit seinem Bediensteten das Lager verließ.

In dieser Nacht fand Abigor keinen Schlaf mehr.

Gottes Hammer: Folkvang IV

Die hellen Sonnenstrahlen flimmerten im Zelteingang. Esben blinzelte müde und setzte sich langsam auf. Kurz bereitete es ihm Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Er warf verwirrte Blicke um sich, erzeugt von einem ermatteten Geist, bis seine Gedanken wieder aus dem Meer des Schlafes auftauchten.

Lifas hatte ihn als Gast in das Zelt der Ritter von Hrandamaer eingeladen. Es handelte sich um eine gewaltige Unterkunft, die selbst Medardus’ taktischen Stützpunkt inmitten des Lagers übertraf. Esben erschien dies befremdlich. Außer ihm und Lifas nächtigten nur Abigor und ein Mann namens Siegbert hier. Esben sah auch in der äußerst bescheidenen Inneneinrichtung keinen Grund, solche Dimensionen anzustreben.

Habt Ihr wohl geruht?“

Esben bedeckte die Augen mit einer Hand. Im Zelteingang erblickte er Lifas’ Silhouette. Er trug bereits seine Rüstung und den gewaltigen Streithammer. Erneut bewunderte Esben die Körperkraft des jungen Mannes. Seine Statur ließ nicht auf solche Macht schließen.

Durchaus. Was ich nur Eurer Gastfreundschaft zu verdanken habe“, erwiderte Esben höflich, während er sich erhob und ankleidete.

Und der Gnade des Herrn.“ Lifas’ Augen funkelten, als er vom Schöpfer sprach.

Esben entdeckte Siegbert in einer Ecke des Zeltes. Es handelte sich um einen kleinen, gedrungenen Mann, dessen Leibesumfang das Beeindruckendste an ihm darstellte. Sein Gesicht wirkte wie ein Flickwerk aus rohen Fleischklumpen. Aufgedunsen und gerötet hing die Haut von seinem Schädel. Esben fühlte sich an die Pest erinnert, die Aminas vor vielen Jahren heimsuchte. Flüchtlinge aus Astaval hatten die schreckliche Seuche in die große Handelsstadt gebracht. Möglicherweise zählte Siegbert zu den glücklichen Seelen, die dem Tod trotz einer Infizierung von der Schippe gesprungen waren.

Esben grüßte ihn mit einer Geste. Siegbert warf ihm einen überraschten Blick zu, so als hätte er ungeheuerliche Anschuldigungen von sich gegeben. Nach einem kurzen Moment erwiderte er jedoch stumm den Gruß und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Wie Esben nun erst bemerkte, schnitt er Karotten.

Lifas beachtete den Diener nicht, obwohl seine Mundwinkel zuckten. Offenbar schätzte er Siegbert gering. „Kommt!“, sagte er nur. „Mein Onkel meinte, ich soll Euch das Lager zeigen!“

Esben folgte dem jungen Ritter nach draußen. Sein Herz klopfte. Er hatte bereits viele Geschichten über das sündige Leben der Soldaten gehört. In Lagern wie diesen ertränkten angeblich Söldner ihre Sorgen in Wein und boten Konkubinen ihre Körper an. Zwar hätte er vor einigen Monaten den Tempelsöhnen solche Verfehlungen niemals zugetraut, aber mittlerweile erschien ihm auch dies nicht mehr abwegig. Die Welt war fürwahr ein wüster Ort und die Sünde führte ein unvergleichbares Regiment.

Folglich überkam ihn große Überraschung, als der morgendliche Anblick ihm das Gegenteil demonstrierte.

Überall sah er gerüstete Gestalten, die sich vor ihren Zelten zum Morgengebet niederließen. Manche murmelten mit geschlossenen Augen Worte, andere sangen in Gruppen heilige Choräle. Das Bild der Frömmigkeit linderte Esbens Schmerz einen himmlischen Moment lang, in dem er beinahe den Glauben an die Vorsehung und die Schöpfung zurückgewann.

Lifas sah ihn ausdruckslos an. „Habt Ihr heute schon gebetet?“

Esben schüttelte den Kopf. „Nein.“

Dann tut es jetzt.“ Lifas ließ sich ebenso nieder wie die übrigen Ritter und faltete die Hände. Er betete stumm.

Esben tat es ihm nach. Doch im nächsten Moment hielt er inne. Was sollte er beten?

Als Priester waren ihm die meisten Texte bekannt und er hatte die Worte öfter gesprochen als er zählen konnte. Aber die meisten trugen den Geschmack von Aminas in sich. Sie blieben ihm im Halse stecken, während die bewundernden, Trost suchenden Gesichter der Gläubigen vor seinem inneren Auge schwebten. Er hatte sie begleitet und beschützt, sie getröstet und geeint. Wie konnten sie alle zu Bestien werden und seine Schwester angreifen?

Esben verschloss sich diesem Gedanken. Auf seiner Reise nach Hornheim hatte er ihn oft genug gequält. Stattdessen begann er zu sprechen. Es handelte sich um ein Gebet aus Kindertagen, das ihm auch jetzt noch ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermittelte.

Kurze Zeit später ließen die beiden das Zelt von Hrandamaer hinter sich und Lifas begann mit der Führung.

Dort seht Ihr das Speisezelt“, erklärte Lifas. „Euch wird es nicht betreffen, da Ihr als unser Gast mit uns im Zelt die Mahlzeiten einnehmen werdet. Mein Onkel ist ein Apostel des Heeres, weshalb wir einen eigenen Koch anstellen durften.“

Soweit Esben wusste, spielte das gemeinsame Mahl für die Tempelsöhne eine große Rolle. Die Apostel hingegen mussten alleine speisen, um ungehindert die Taktiken für die Schlacht erarbeiten zu können. Esben entsann sich der Worte seines Namensgebers, dem Erbauer der ersten Kirche. Sankt Esben hatte einst über Ähnliches sinniert.

Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen. Als solches versteht er die Gefahr der Sünde und sieht von ihr weitgehend ab. Die Menschen hingegen sind ein närrisches Konglomerat von animalischen Trieben. Die Menschen verlieren ihr Bewusstsein und lassen sich als Teil einer großen Masse auf die Sünde ein wie kein anderes Geschöpf Gottes es vermag.

Gesellschaft fördert Sünde“, zitierte Esben.

Lifas nickte. „Und dennoch können wir nur in Gesellschaft das Böse bekämpfen.“

Esben betrachtete den jungen Ritter genauer. Sein Gesicht verriet keine Regung.

Lifas war ihm ein Rätsel. Er wirkte stets zurückhaltend und distanziert, so als wollte er mit niemandem eine Bindung eingehen. Esben erschien es vollkommen unrealistisch, dass Lifas weinen oder lachen konnte. Er wirkte vielmehr wie in Stein gemeißelt, kalt und unzerstörbar.

Sie durchstreiften weiter das Lager, bis Esben mit einem Mal ein Gedanke kam. Er wollte bereits seit dem gestrigen Abend danach fragen.

Gibt es hier einen Schmied?“, fragte er.

Lifas musterte ihn überrascht. Zum ersten Mal schien Esben ihn aus der Fassung gebracht zu haben. „Benötigt Ihr etwa einen Harnisch?“, fragte Lifas. „Den müsst Ihr nicht erst schmieden lassen. Unser Rüstmeister verfügt über einen großen Vorrat an offensiver und defensiver Kampfausstattung.“

Bei dem Gedanken, sich erneut mit den Mächten Hornheims messen zu müssen, erbebte Esben. Er räusperte sich verlegen. „Nein, es geht um etwas anderes.“

Lifas fragte nicht nach. Er führte ihn in die Rüstkammer, die in Form mehrerer schwer beladener Wagen neben Medardus’ Zelt lag.

Unser Rüstmeister Hartfried ist auch ein Schmied“, erklärte er. „Seine Ausrüstung liegt natürlich noch im Tempel des Vaters, da man einen Amboss schlecht transportieren kann.“ Esben war unschlüssig, ob er Sarkasmus in Lifas’ Stimme vernahm. „Sprecht am besten mit ihm.“

Esben war in Aminas mehreren Schmieden begegnet, doch Hartfried stellte sie alle in den Schatten. Er war ein Hüne, sicherlich mehr als vier Ellen groß, und schritt hastig mit geballten Fäusten und leicht vornübergebeugt auf Esben zu, so als ob er sich stets um ein Maximum an Geschwindigkeit bemühte. Er trug einen Lendenschurz und einen langen Mantel, der ihn wie eine Gewitterwolke umgab.

Ihr seid neu? Gut. Braucht Ihr Waffen? Helme? Stulpen? Den Sax kann ich durchaus empfehlen!“

Was ist denn ein Sax?“, fragte Esben mit zitternder Stimme, während Hartfried ihm die Hand schüttelte. Der Rüstmeister schien ihm den Arm ausrenken zu wollen.

Kaum waren die Worte verklungen, entschwand Hartfried und kehrte mit einer kleinen Hiebwaffe zurück. Bis Esben ihm verständlich machte, dass er keine Waffen brauchte, türmte sich bereits ein Arsenal stählerner Tötungsinstrumente vor seinen Augen.

Was ist dann Euer Begehr?“, fragte Hartfried verblüfft.

Ich brauche eine Kette“, erklärte Esben und zog den Folianten hervor. „Eine Verbindungskette zwischen meinem Arm und diesem Buch. Handschellen, sozusagen. Könnt Ihr eine solche Vorrichtung herstellen?“

Zum ersten Mal fehlten Hartfried die Worte. Aber scheinbar nur, weil seine Gedanken wie ein Sturm durch seinen Kopf fegten. Schließlich leckte der Hüne sich nervös die Lippen und schüttelte den Kopf.

Herstellen kann ich diese Kette nicht, dafür müsste ich in meiner Schmiede sein. Aber ich glaube, ich habe dennoch etwas, was Euch helfen könnte.“

Sprach’s und war verschwunden. Esben sog erschöpft die Luft ein. Das Gespräch mit dem dynamischen Schmied ermüdete ihn zunehmend. Ob Hartfried sich wohl je Ruhe gönnte?

Einen Moment später kehrte der Hüne mit einer seltsamen Vorrichtung zurück. Esben erinnerte sie an ein Folterinstrument.

Sie bestand aus einem quaderförmigen metallenen Gerüst, von dem mehrere Ketten ausgingen. Hartfried trug es mit spitzen Fingern, so als missfiele ihm allein dessen Existenz.

Das könntet Ihr Euch um den Oberkörper schlingen“, erklärte er. „Wenn das Buch in das Gerüst passt, könnt Ihr es stets bei Euch tragen und habt dennoch beide Hände frei.“

Esben nahm die seltsame Vorrichtung entgegen. Der Foliant passte tatsächlich. So dürfte es selbst Berith schwerfallen, ihm das Buch zu entreißen. Bei der Erinnerung an ihren Kampf in Velis’ Halle liefen eiskalte Schauer über Esbens Rücken.

Damit habt Ihr mir einen großen Gefallen getan! Möge der Herr es Euch vergelten!“, sagte Esben und neigte den Kopf.

Hartfried wirkte dennoch unglücklich. „Ihr solltet nur gut auf Euch achtgeben!“, erwiderte er in einem deutlich langsameren Ton. „Man erzählt sich, dieses Konstrukt sei verflucht. Der ehrwürdige Inquisitor und Clavis Medardus hat es mir nach mannigfaltigem Gebrauch überlassen.“

Esbens Inneres gefror. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen.

Lifas stellte keine Fragen, als er Esben mit dem Gerät sah. Falls er dessen Zweck kannte, ließ er es sich nicht anmerken.

Sie setzten den Rundgang fort, bis sie zum Lazarett gelangten. Esben sah bereits von Weitem, das etwas nicht stimmte. Eine Ansammlung von Menschen blockierte den Eingang.

Lifas runzelte die Stirn. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er beschleunigte seinen Schritt.

Esben folgte ihm. Furcht umklammerte sein Herz wie eine eiskalte Klaue. War Iliana etwas zugestoßen?

Verzeiht!“, rief Lifas und wandte sich einem älteren Tempelsohn zu. „Was geht hier vor sich?“

Der Mann wirkte beunruhigt. „Das junge Mädchen, das gestern angekommen ist, scheint von dämonischen Mächten heimgesucht zu werden. Bischof Abigor führt in diesem Moment einen Exorzismus durch.“

Bei diesen Worten zerriss ein markerschütternder Schrei die Luft.

Panik ergriff Esben. Iliana war die letzte Person aus seinem Leben, der letzte Anker, an dem er sich festhalten konnte. Er hatte bereits seine Schwester verloren, dann Teshin und auch seinen Lehensherr Halgin … Iliana durfte nicht die nächste Person sein.

Von grimmiger Entschlossenheit erfüllt schob Esben das Buch in das Gerüst und schlang die Kette um seine Brust. Das kühle Metall presste die dünnen Gewänder schmerzvoll gegen seine Haut.

Unsanft bahnte Esben sich einen Weg durch die Menge und betrat das Zelt.

Gottes Hammer: Folkvang III

Iliana sah sich überrascht um.

Sie stand in einem vollkommen weißen Raum, in dem sich ein edler Ebenholztisch und zwei Stühle befanden. Verwirrt trat sie näher. Sie erkannte auf der polierten Fläche die taktische Karte aus Medardus’ Zelt. Wo war sie hier?

Iliana hielt nach einer Tür Ausschau, doch sie fand keine. Panik beschleunigte ihren Herzschlag. Es musste doch einen Ausgang geben! Wie wäre sie sonst hereingekommen?

Just in diesem Moment bemerkte sie plötzlich eine Gestalt in einem der Stühle.

Hätte es sich um eine unbekannte Person gehandelt, wäre Iliana wahrscheinlich die Frage durch den Kopf gegangen, wie sie den Neuankömmling hatte übersehen können. Doch sie erkannte den Besucher sofort wieder.

Ich grüße dich“, sagte Berith emotionslos. Seine roten Augen funkelten wie lodernde Sterne in der Nacht. Er schlug die Beine übereinander und spreizte seine gewaltigen Fledermausflügel.

Wo bin ich hier?“, fragte Iliana schrill. Sie wich zurück und warf wilde Blicke in alle Richtungen. Sie brauchte eine Waffe! Zähneknirschend fiel ihr ein, dass sie den Bogen in Hornheim zurückgelassen hatte.

Weißt du das nicht?“ Berith klang ehrlich erstaunt. „Du träumst. Ich spreche hier direkt in deinem Kopf zu dir.“

Iliana erinnerte sich. Elinor hatte ihr erlaubt, die Nacht im Lazarett zu verbringen. Die Erschöpfung wiegte sie bald in den Schlaf.

Iliana atmete tief durch. Ein Traum fühlte sich anders an, er waberte gleich dunklem Nebel am Rande des Bewusstseins. Sie konnte jedoch alles spüren und ertasten. Als sie sich an die Wand presste, schrie sie vor Schmerz auf. Unsägliche Hitze erfüllte die weiß gestrichene Mauer.

Berith betrachtete sie genau. Sein Gesicht glich einer starren Maske. „Ein interssanter Raum“, merkte er an. „Ich habe schon viele solcher Zimmer gesehen, aber deines unterscheidet sich doch merklich von anderen.“ Dabei fuhr er mit einer seiner bleichen Hände über die Stuhllehne. „In diesem Holz steckt förmlich der Geist des Heidenwaldes. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, du hättest dein ganzes Leben dort verbracht. Scheinbar gehörte dein Herz nie dem Dorf Raureif.“ Iliana musterte ihn ängstlich. Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Erinnerungen umwölkten ihre Seele und ließen sie schlucken. Kaum hatte Elinor sie getröstet, erhob sich der Albtraum von neuem. Frustriert ballte sie die Fäuste. Der Zynismus des Schicksals verschonte auch sie nicht.

Berith fuhr indes mit seinen Auspizien fort. „Heiße Mauern, die alles verbrennen, was den Raum betreten will. Aber sie sind nicht nur ein Schutzmechanismus, sondern auch ein Gefängnis.“ Berith erhob sich und drückte seine Hand gegen die Wand, so als ob er die Hitze nicht wahrnehmen würde. „Auf der anderen Seite wartet all deine Wut auf dich. Du tätest gut daran, sie nicht passieren zu lassen.“ Er ließ sich wieder auf den Stuhl sinken und deutete auf den Ebenholztisch. „Und dann noch das Bild.“

Iliana trat unwillkürlich näher. Der Tisch glich dem in Medardus’ Zelt, aber statt der Karte erspähte sie das Porträt zweier rot glühender Augen, die sie bedrohlich musterten. Eine einzige schwarze Feder bedeckte sie.

Iliana wich zurück und sank auf die Knie. Ihre Hände zitterten und sie schluckte. Sie kannte diesen Blick. Diese Augen hatten den Bürgermeister von Raureif durchbohrt, bevor Murakama es tat.

Hör auf!“, flehte Iliana und schlug die Hände vors Gesicht. Ihr ganzer Körper bebte. „Geh! Hör auf!“

Berith sah sie ohne jede Regung in seiner Miene an. „Wenn es dein Wunsch ist, werde ich meine Analysen selbstredend abbrechen. Wissen ist Macht, doch Macht ist eine Bürde. Den meisten Menschen ergeht es besser, wenn sie nichts wissen.

Iliana hob überrascht den Kopf. Berith sah über die Tischkante auf sie hinab. Mit einem Mal kam ihr ein Gedanke.

Ist Halgin tot?“, fragte sie und ihre Stimme brach.

Eine von Beriths schneeweißen Augenbrauen wanderte nach oben. „Was hättest du davon, wenn ich jene Frage beantwortete?

Weshalb bist du sonst hier?“, fragte Iliana. „Wenn du mich quälen willst, nur zu, aber sag mir vorher, ob Halgin noch lebt!“

Der Anflug eines Lächelns umspielte Beriths schmale Lippen. Seine Augen aber blieben ausdruckslos.

Nehmen wir einmal an, ich beantworte deine Frage mit Ja“, begann er. „Du würdest mich drängen, dir seinen Aufenthaltsort zu verraten. Wenn ich das tue, wirst du sofort zu Lifas oder Abigor gehen und um eine Rettungsaktion bitten. Sie werden dem nicht zustimmen, da es sich um eine Falle handeln könnte. Schließlich bin ich der Feind. Somit würde dich diese Information nur martern, während du zur Untätigkeit verdammt bist.“ Berith machte eine Pause. „Wenn ich dir nun sage, dass Halgin tot sei, könnte das immer noch eine Lüge sein. Ich bin ein Dämon. Du misstraust Dämonen. Somit misstraust du mir. Dein Ansinnen ist daher an sich absurd.

Iliana erhob sich voller Gram. „Wie könnte ich euch nicht misstrauen! Ihr foltert Menschen in Hornheim zum Vergnügen!“

Berith legte den Kopf schief. „Was bringt dich auf den Gedanken?

Iliana lachte laut auf. Das Geräusch war selbst ihr unheimlich. Alle Hoffnungslosigkeit der Welt schien darin mitzuschwingen. „Soll das ein Witz sein? Ich habe gegen Sitraxa gekämpft!“

Nun gut. Lass uns deine Vorgehensweise analysieren.“ Nun klang Berith wie der Pfarrer, der von Zeit zu Zeit Kinder in Raureifs Dorfschule unterrichtete. „Deine Stichprobe umfasst eine Person. Du schließt von dieser Person auf alle Dämonen. Da Sitraxa sehr … besonders war, bedeutet dies deiner Vorgehensweise nach zu urteilen, dass alle Dämonen ihr gleichen, richtig? Dann werde ich diese Methode auf die Menschheit anwenden. Medardus foltert und verbrennt junge und alte Frauen, richtig? Dies müsste bedeuten, alle Menschen foltern und verbrennen einander. Richtig?

Iliana starrte ihn mit offenem Mund an. Glücklicherweise fielen ihr rechtzeitig Azraels Worte ein.

Euer König sprach doch davon, dass ihr Menschen in Hornheim bestraft, oder nicht?“

Tut ihr das etwa nicht?

Gereizt schnaubte Iliana. „Ja, aber nicht … so.“

Berith lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wenn mein König dich nicht gerettet hätte, wärst du nach Aminas gebracht worden. Die Tempelsöhne hätten dich durch die schmutzigen Straßen gezerrt, die Bewohner dich beschimpft und mit Unrat beworfen. Dann wärst du in den Kerker geworfen und entkleidet worden. Der Kerkermeister von Aminas ist ein berüchtigter Mann, der angeblich Kinder als … Gefährten gegenüber älteren Gefangenen bevorzugt. Er hätte dich sicherlich…

Hör auf!“, rief Iliana verzweifelt. „Das sind doch nur die Kerker! Im normalen Leben geschieht so etwas nicht! Außerdem hat Sitraxa auch Kinder gefoltert!“

Berith nickte wie ein Weiser, der einen geistig Umnachteten bemitleidete. „Das war zu Irodeus’ Zeiten. Weshalb, glaubst du, war Sitraxa so erpicht auf Beute, als ihr ihre Höhle betratet? Azrael hat jedem verboten, ohne Befehl zu handeln. Unsere Willkür wurde dadurch mehr oder minder in Fesseln geschlagen.

Trotzdem!“, rief Iliana unbeugsam. „Wer gibt euch das Recht dazu, eine solche Hölle zu erschaffen?“

Wer gibt Gott das Recht dazu?

Berith ließ die Worte wie beiläufig erklingen, so als spräche er über das Wetter.

Iliana schluckte. „Er … er hat uns erschaffen.“

Dürfen Eltern ihre Kinder foltern, nur weil sie durch ihre Liebe ins Leben traten?“ Beriths Stimme wurde schärfer.

Was weiß denn ich!“, rief Iliana und vergrub ihr Gesicht in Händen. „Lass mich doch einfach in Ruhe! Ich will nicht mehr an euch denken, ihr seid böse!“

Glaubst du, wir sind gerne, wie wir sind?“, fragte Berith. Nun klang er beinahe menschlich. „Vor meinem Tod war ich der glückliche Vater von sieben Kindern und der Ehemann einer wunderbaren Frau. Meine einzige Sünde war die Neugier, die mich zur Alchemie brachte. Ich wollte den Stein der Weisen finden und alle Nöte beenden. Ungerechtigkeit, Krieg und Hass sollten durch meine Forschung für immer aus der Welt verschwinden! Aber was geschah?“ Trauer zerschmetterte die kühle Maske des Dämons. „Eine Seuche suchte meine Heimat heim und die Menschen brauchten einen Sündenbock. Also suchten sie verzweifelt nach Leuten, die anders als sie selbst waren. Sie töteten Heiden, Einsiedler und fahrendes Volk und als die Seuche immer schlimmer wurde, töteten sie sogar deren Kinder. Doch als schließlich niemand von diesen mehr übrig war, kamen sie auf mich. Meine Familie fiel vor meinen Augen wütenden Fäusten zum Opfer und ich fand mich mit einem Mal an einem entlegenen Ort wieder, geflügelt und entstellt, als Dämon gebrandmarkt.

Iliana sah ihn aus traurigen Augen an. Sie konnte nicht sprechen.

Euer Gott hat euch die Freiheit geschenkt“, fuhr Berith fort. Seine Miene fand langsam wieder zu ihrer kühlen Form zurück. „Aber er hat nicht bedacht, dass der Mensch schlichtweg für die Freiheit ungeeignet ist. Die Denomination kann mit der Hölle drohen, soviel sie will. Jeder Mensch macht aus der Religion etwas anderes, wenn ihn niemand genügend anleitet. Predige Frieden und sie kämpfen gegen andere Völker, predige Nächstenliebe und sie zerfleischen sich gegenseitig, predige Mitgefühl und sie hetzen die Armen.“ Iliana fühlte sich an ihre unbedeutende Randexistenz nach Arinhilds Hinrichtung erinnert. Ein ungeschriebenes Gesetz erklärte sie für vogelfrei. Jugendliche und andere Kinder rotteten sich zusammen und spielten ihr schreckliche Streiche oder bedrohten sie. Ihre Eltern und Großeltern saßen daneben, unterbrachen ihre Arbeit und betrachteten die Szenerie lachend. Immer endete es gleich. Iliana lief weinend davon, oftmals am ganzen Körper schmutzig und geschunden. Allein Halgin und der Heidenwald boten ihr Schutz vor ihren Peinigern.

Berith schien ihre Gedanken zu lesen, denn kurz funkelte Mitleid in seinen roten Augen.

Wir bieten Stabilität. Azrael ist unsterblich, also wird er seine Fehler nicht wiederholen. Er wird zu einem neuen Gott werden, zu einem immer präsenten Wächter von Recht und Ordnung. Keine Kriege, keine unrechtmäßigen Verfolgungen. Verbrecher werden in eine reale, wirkliche Hölle geworfen, die niemand verleugnen kann. So, und nur so, kann diese Welt zu einem friedvollen Ort werden. Wir müssen den Menschen ihre Freiheit nehmen.

Iliana nickte langsam. Dann schluckte sie. „Wieso musstet ihr Halgin bekämpfen?“

Beriths Augen verengten sich zu Schlitzen. „Dein König hätte uns im Weg gestanden. In seinem Alter wird man oft zu starrsinnig, um Veränderungen hinzunehmen. In seinem Weltbild konnten wir nur als die Bösen existieren. Aber in Wirklichkeit lassen sich Gut und Böse nicht voneinander trennen. Sie sind miteinander verwoben.

Berith erhob sich und spreizte die Flügel. „Wir werden das Lager der Tempelsöhne in drei Tagen zerstören. Du musst eine Entscheidung treffen. Gehe nach Hrandamaer und suche in Hrandars Faust nach einer Frau namens Ashaya. Sie wird dir alle Informationen geben, die du brauchst.

Ehe Iliana reagieren konnte, verschwand Berith in einem Wirbel schwarzen Rauchs. Im nächsten Moment erwachte sie schweißgebadet im Lazarett.

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Hat es funktioniert?“, fragte Malfegas. Flammen stoben aus dem Maul des gewaltigen Löwen.

Berith nickte, während er sich langsam aus dem schwarzen Wasser erhob. Der große See Sökkvar bildete den tiefsten Punkt Hornheims. Wenn man in den dunklen Fluten badete, manifestierte sich die uralte Macht dieses Ortes in jedem unterschiedlich. Berith erhielt so die Fähigkeit, in fremde Gedanken einzudringen.

Er ließ den Blick über die glatte Fläche schweifen. Selbst ein Dämon sollte davon absehen, die Mitte des Sees erreichen zu wollen. Man erzählte sich, Sitraxa habe es versucht und dort ihren Verstand verloren.

Malfegas folgte seinem Blick und schnaubte.

Da soll er begraben sein, nicht wahr?“, fragte er, wobei Schwefelgestank sein hartes Fell einhüllte. „Der alte Androg?“

Beriths Flügel zuckten. Er war dankbar, ihre Bewegungen immerhin im Traum unter Kontrolle zu haben. „Das ist nur eine Legende. Androg war lediglich ein närrischer König, der seine Heimat verdammte. Es erscheint mir wahrscheinlicher, dass seine Gebeine an einem gottlosen Ort im Norden der Ewigkeit entgegenstreben.“ Er räusperte sich. „Die Kleine wird sich sicher bald nach Hrandamaer aufmachen. Unser Kontaktmann im Lager wird dafür Sorge tragen.“

Was tun wir, wenn sie sich gegen uns entscheidet?“, fragte Malfegas misstrauisch. „Können wir uns darauf verlassen, dass Ashaya sie in die richtige Richtung lenken wird?“

Berith lächelte. Er tat dies nur selten, aber beim Gedanken an diese Frau konnte er nicht anders. „Ich kenne sie. Es ist schwer vorstellbar, dass sie die Menschheit sympathischer wirken lässt. Aber dies ist jetzt gleichgültig.“ Berith sah zwei Hrandar, die eine Rüstung aus schwarzem Stahl zu ihm trugen. „Ist sie das?“

Malfegas’ Schwanz peitschte stolz hin und her. Er glich einer Schlange, die jedoch kein Eigenleben besaß. Jedenfalls nicht mehr.

Blutstahl“, verkündete Malfegas. „Er ist in meiner Schmiede entstanden. Eine bessere Rüstung hat auch unser König nicht.“

Berith nickte und atmete tief durch. Er unterbrach seine Forschung nicht gerne, aber Folkvang war erwacht und auch er musste zu den Waffen greifen.

Die beiden Dämonen erklommen gerüstet die Stufen zum Thronsaal, um eine wüste Welt zu korrigieren.

Rezension “Onyx – Schattenschimmer” von Jennifer L. Armentrout

Das Buch Onyx – Schattenschimmer

Die Autor Jennifer L. Armentrout

Genre Urban Fantasy / Jugendbuch

ISBN 978-3-551-31615-8

Seiten 474 Seiten inkl. Danksagung und Bonusmaterial

Preis 14,99 €

Verlag Carlsen

Informationen zur Autorin und deren Büchern (Bibliografie)

(Quellen: wikipedia.org,

https://de.wikipedia.org/wiki/Jennifer_Armentrout

Die Handlung:

Nach ihrer Heilung ist Katy mit Daemon enger verbunden als sie sich beide hätten vorstellen können.

Diese Verbundenheit bringt Daemon dazu sich um Katy für sich zu gewinnen.

Katy jedoch versucht sich gegen ihre Gefühle für den Nachbarsjungen zu wehren.

Als wenn das nicht schon anstrengend genug wäre, taucht ein neuer Schüler auf und bringt ihre Welt noch mehr durcheinander.

Sie gerät in einen Strudel sonderbarer Aktivitäten, in die nicht nur die Regierung, sondern auch der „Neue“ verwickelt zu sein scheinen.

All das droht die Freundschaft zu Dee zu zerstören und alle Beteiligten in eine nicht vorhersehbare Zukunft zu entlassen.

Mein Eindruck:

Die Handlung um die Protagonistin Katy im zweiten Band dieser Reihe scheint immer verworrener zu werden.

Zwar lese ich gerne Handlungen, die komplexer werden, aber hier wurde diese Komplexität durch die Vorhersehbarkeiten zwischen Daemon und Katy hin und wieder ein wenig gestört. Manchmal musste ich mich extra motivieren, weiterzulesen.

Das Erscheinen von dem neuen Mitschüler war hingegen eine wahre Freude, denn er brachte frischen Wind in die Geschichte.

Mein Fazit:

Trotz kleiner Mängelliste, die den einen oder anderen Charakter und dessen Handlungen miteinbezieht, habe ich mich entschlossen, die Reihe bis zum Ende zu lesen, vor allem aus dem Grunde, um zu erfahren, was sich die Autorin im Verlauf der folgenden Bücher noch ausgedacht hat.

Was das Buch an sich angeht, geht die Handlung nahtlos von Band 1 in Band 2 über. Eine positive Seite, die ich sehr schätze. Auch das flüssige Lesen macht es einfach allem zu folgen und zusammenzusetzen.

Der Mondmann – von Saigel

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Die Idee von einem runden vollen Bauch, der ebenso schnell wieder zu einer grazilen Sichel werden kann, wollte mich nicht loslassen. Bei Nacht herauskommen und bei Tage friedlich schlummern. Stets von dezentem Licht umgeben, weder grell noch laut noch auffallend. Lediglich elegant und unbemerkt in den zartesten Tönen singend. Dunkle Landschaften unter mir, gefüllt mit langen, großen Schlangen, die durch grelle Scheinwerfer unsäglich unseriös funkeln. Der einsame Wolf, der im dunklen Gebirge heult. Der Duft von Kiefernnadeln und verbranntem Plastik, die beide gleichermaßen im lodernden Lagerfeuer ihr Ende finden.

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Einsam und ungebunden. Frei und weit, hoch oben über den Köpfen aller. Mit eigenen Gedanken, eigenen Aufgaben, selbstständiger Arbeit und zufriedenen Kunden. Abends hinaus und früh morgens hinein ins Bett der Sonne, das sich eng um mich schlingt und mich versucht, im Schlaf zu erdrücken. Doch die Tat kann nicht vollbracht, das Ansinnen nicht beendet werden. Denn sie braucht mich, ihr Verderben ist mein Untergang. Mein Fortbestehen ist ihre Kränkung, für die ich wärmstes Mitgefühl empfinden kann.

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Einst, doch nicht mehr heute. Denn damals schien die Weite schön, die Ferne bezaubernd, die Nacht anziehend. Jetzt ist es ein Dasein, das mir, nachdem es seine Trostlosigkeit offenbart hat, schwer auf dem Herzen liegt. Der Schein, den ich funkeln sah, ist lediglich ein Trugbild. Erschaffen von ihr, die das Licht ist. Die Nacht ist Tag und der Tag ist Nacht, denn für ihn, den Mondmann, ist es immer Nacht und er kann nicht schlafen, darf nicht ruhen, sitzt gefangen, in seinem Käfig, hoch dort droben aufgehängt, unerreichbar für alles, was helfen könnte. Was helfen wollte, denn helfen wollte niemand, der es könnte, bestünde die Hilfe doch aus der eigenen Vernichtung.

Mach es gut, du lieber Wunsch. Ein Mondmann zu sein, das warst du einst. Doch heute bist du dort irgendwo im Schatten verschwunden, da ich begriff, dass ich nicht viel höher greifen muss, als ich selbst lang bin, um die Erfüllungen zu pflücken, die mich zufrieden machen.

Gottes Hammer: Folkvang II

Iliana war einem Albtraum entkommen, nur um in einem anderen zu landen.

Erschöpft und kraftlos brachte sie nicht mehr die nötige Kraft zur Gegenwehr auf. Der Bogen, den sie dem toten Novizen in der Kutsche aus den klammen Fingern gerissen hatte, blieb ebenfalls verschwunden.

Ebenso wie Halgin.

Iliana und Esben saßen in einem großen Zelt der Tempelsöhne an einem Tisch, der die nahe Umgebung darstellte. Üblicherweise versammelten sich hier wohl die Hauptleute des Heeres, in diesem Moment waren jedoch nur sie und Medardus anwesend. Vor dem Eingang warteten die beiden Ritter, die sie gefunden hatten.

Der Inquisitor musterte sie mit seinen lodernden Augen, bis sein Blick auf Esbens Buch verharrte. Der ehemalige Priester klammerte es an sich wie einen Schatz.

Iliana Hände schlossen sich verkrampft um die Armlehnen ihres harten Stuhls. Sie mussten einen jämmerlichen Anblick bieten. Sie schluckte. Würde Medardus sie wiedererkennen?

Nach einer Zeit, die ihnen wohl die unerträgliche Ewigkeit demonstrieren sollte, ergriff Medardus wieder das Wort.

Ihr behauptet also, mit dem heidnischen König und dem Söldner Teshin in Hornheim gewesen zu sein?“ Er flüsterte beinahe und dennoch durchdrangen die Worte Ilianas Körper wie schmerzende Druckwellen. Diesem Mann kein Gehör zu schenken, wirkte unmöglich.

Esben beeilte sich zu nicken. Er hatte die Geschichte wahrheitsgetreu wiedergegeben. Lediglich den Tod der Tempelsöhne in der Kutsche und ihre eigentlichen Gründe für die Expedition ließ er aus.

Und Ihr wolltet diese Dämonen … vernichten, liege ich richtig?“, fragte der Inquisitor weiter.

In der Tat“, erwiderte Esben hastig. „Wir konnten nicht ahnen, dass Ihr mit einem derartig großen Heer naht. Sonst hätten wir sicherlich auf Euch gewartet.“

Medardus nickte langsam. Dann deutete er unvermittelt auf den großen Folianten. „Der siebte Band aus König Androgs großer Chronik. Ich bin ehrlich beeindruckt. Ich hielt ihn immer für verschollen.“

Esben starrte ihn überrascht an. „Ihr kennt dieses Buch?“

Natürlich. Jeder Bischof muss Kenntnis von verbotenen Büchern haben, die den Glauben der Menschen ins Wanken bringen könnten.“

Ilianas Herz gefror. Der Inquisitor hatte ihnen eine Falle gestellt und Esben war blind hineingetappt. Panik verdunkelte Esbens Blick.

Medardus räusperte sich. Ein Blitz schien seine Augen zu teilen. „Genug von diesem Geplänkel“, sagte er noch leiser. Ein drohender Unterton schlich sich in seine Stimme. „Ich weiß sehr genau, wer Ihr seid. Esben, ein Priester von Aminas, dessen Schwester ich der Gerechtigkeit hätte zuführen sollen. Ihr werdet mittlerweile in vier Herzogtümern amtlich gesucht. Nicht nur aufgrund Eurer Dienstverweigerung, sondern auch wegen gewisser alchemistischer Experimente.“ Esben senkte den Blick, als Iliana ihn überrascht ansah.

Und Iliana von Raureif“, fuhr Medardus fort. Iliana erstarrte zur Salzsäule. Er erkannte sie tatsächlich! „Du standest schon während des Falls deiner Ziehmutter unter dem Verdacht der Hexerei.“ Er räusperte sich. „Teshin ist ebenfalls kein Unbekannter. Er hat einen Mordanschlag auf mich verübt und damit die Verbrennung einer gewissen Hexe verhindert …“ Dabei fiel sein Blick auf Esben, der das Buch noch stärker an sich drückte. „Ihr seid euch hoffentlich bewusst, dass ich euch hier an Ort und Stelle hinrichten lassen könnte, ohne dass mir jemand Vorwürfe machen würde?“

Esben erwiderte nichts. Als das Schweigen unerträglich wurde, zerbrach etwas in Iliana und sie erhob sich. Ihre zu Fäusten geballten Hände bebten.

Dann tut es doch! Verbrennt uns wie all die anderen! Richtet uns hin! Euer Gott wird sich freuen über so einen frommen, tüchtigen Mann …“

Iliana!“, rief Esben schockiert. Aber Iliana beachtete ihn nicht. Die Wut loderte hoch in ihr wie ein Leuchtfeuer. Sie kam gerade aus der Hölle, sie hatte gegen Sitraxa gekämpft, sie war von Dämonen angegriffen und von einem Verbündeten verraten worden. Dazu blieb ihre einzige Vertrauensperson verschwunden! Das Leben hatte gewaltsam auf sie eingeprügelt, nun musste sie zurückschlagen, ehe der Zorn sie von innen heraus auffraß.

Einen Augenblick lang geschah nichts. Dann erhob sich auch Medardus. Langsam, beinahe quälend langsam richtete er sich auf und griff zu seinem Mauritiusstab. Angst löschte die Flammen des Zorns in Iliana. Nun war ihr Leben wohl tatsächlich verwirkt.

Dann geschah das Unerwartete: Medardus lachte.

Es handelte sich um einen widernatürlichen, schrecklichen Laut, der Iliana durch Mark und Bein fuhr. Sie taumelte und wich zurück, bis sie gegen den Stuhl stieß und ungelenk auf die harte Sitzfläche fiel.

Ich wäre ein Narr, euch beide zu töten!“, knurrte Medardus schließlich. „Ein tüchtiger, frommer Mann? Mädchen, werde erwachsen. Oder glaubst du wirklich, ich verbrenne Frauen, weil ich an Hexen glaube?“ Damit wandte er sich ab. „Ich erwarte von euch einen genauen Bericht über Hornheim und seine Bewohner. Esben, fühlt Euch in Euer Amt als Priester wieder eingesetzt. Zudem ernenne ich Euch zu einer Schutzwache des Tempels, was Euch die Befugnis gibt, an diesem Feldzug teilzunehmen.“ Einen Augenblick lang herrschte Stille. „Ihr werdet den Rittern von Hrandamaer zugeteilt. Wagt es nicht zu desertieren.“ Damit scheuchte er sie hinaus.

Iliana wurde die Welt fremd, als sie aus dem Zelt stolperte. Bis zu diesem Augenblick hatte sie Medardus für einen religiösen Eiferer gehalten und nun nahm er zwei offenbare Ketzer in sein Heer auf?

Vor ihnen standen die beiden Tempelsöhne, die sie gefunden hatten. Der jüngere von beiden hieß Lifas und wirkte viel zu schmächtig für den gewaltigen Streithammer auf seinem Rücken. Weißblonde Haare umrahmten sein Gesicht. Abigor hingegen ähnelte eher einem Bären.

Esben setzte gerade zu einer Erklärung an, doch Abigor schnitt ihm brummend das Wort ab. „Kommt mit.“

Iliana folgte ihnen überrascht. Hatten die beiden etwa alles gehört?

Lifas negierte diese Theorie. „Onkel? Wie lauten unsere Befehle?“

Abigor gab einen unverständlichen Laut von sich, bevor er zu einer Erwiderung ansetzte. „Die beiden sind ab jetzt Soldaten und kommen bei uns unter.“

Lifas blinzelte überrascht. „Soldaten?“ Er musterte sie. „Sicher?“

Frag mich nicht.“

Abigor und Lifas brachten sie zu einem weiteren Zelt, das ebenfalls auf der großen Lichtung stand. Iliana sah im Dunkel der Nacht die hellen Flecken zweier Navali. Der Anblick gab ihr Halt in einer Situation, die sie vollkommen überforderte.

Zu ihrer Überraschung betraten sie nicht die Unterkunft der Ritter aus Hrandamaer, sondern ein Lazarett. Eine einzige, junge Nonne stand darin an einem Tisch und bereitete offenbar eine Kräuterpaste zu.

Abigor nickte Lifas zu. „Pass auf die beiden auf. Nicht, dass deine Schwester ihnen noch mehr Schaden zufügt.“

Die Nonne sah auf und ein beleidigtes Funkeln trat in ihren Blick. Dennoch schwieg sie.

Lifas legte den Kopf schief. „Und was macht Ihr, Onkel?“

Schlafen“, brummte Abigor. „Das machen Menschen normalerweise in der Nacht, weißt du?“

Mit einem Lachen, das Iliana das Blut in den Adern gefrieren ließ, wandte er sich ab. Lifas seufzte. Dann fiel sein Blick auf die Nonne.

Elinor“, sagte er müde. „Kannst du dich bitte kurz um die beiden kümmern? Sei so nett. Vielleicht sind sie verletzt, sie kommen gerade aus Hornheim.“

Elinor schürzte die Lippen. „Immerhin bittest du mich.“

Habt Dank.“ Esben verneigte sich. „Aber bitte untersucht zuerst Iliana.“

Unter normalen Umständen hätte Iliana vielleicht protestiert, doch die Ereignisse degradierten sie zu einer schwachen Marionette in den Händen des Puppenspielers namens Leben. Das Schicksal der Welt wirkte mit einem Mal fern, so als ob Iliana immer noch ein unwissendes Mädchen in Raureif wäre, das nie mit Königen, Dämonen oder Magie in Berührung gekommen war.

Elinor winkte Iliana und bedeutete ihr, sich auf ein schmales Feldbett zu legen, wobei sie Esben und Lifas aus dem Zelt scheuchte. „Zieh dich bitte aus.“

Iliana leistete dem Befehl Folge. Elinor musterte sie mit einer Art von grimmiger Besorgnis. „Gott Vater, ein Kind“, murmelte sie. „Haben die Dämonen dich entführt, Mädchen?“

Iliana schüttelte den Kopf, während sie sich entkleidete. „Ich bin ihnen freiwillig entgegengetreten. Wir haben gegen sie gekämpft …“

Du hast gegen sie gekämpft?“ Elinor klang ungläubig. „Leg dich hin. Nein, auf den Bauch. Keine Angst, was du jetzt spüren wirst, sind die heilenden Hände unseres Herrn.“ Sie murmelte ein Gebet in der Alten Sprache, dann legte sie Iliana die Hände auf den Rücken.

Iliana fühlte angenehme Wärme. „Seid Ihr eine mächtige Magierin?“, fragte sie leise, während die heilenden Hände scheinbar ihre Rippen abtasteten.

Blaue Flecken, eine Prellung … Wie? Nein.“ Elinor klang verbittert. „Frauen dürfen die heilige Magie nicht einsetzen.“

Was tut Ihr dann im Moment?“, fragte Iliana verwundert.

Ein Bluterguss … Mädchen, das ist doch keine heilige Magie, das ist nur ein kleiner Zaubertrick, den sogar schon die Heiden beherrschten. Medardus könnte dich mit einem Fingerschnippen vollständig läutern!“

Läutern?“

Alle schwarze Magie von dir nehmen und dich von ihren Auswirkungen heilen …“

Kann er auch Blutergüsse heilen?“

Das ist unter seiner Würde“, erwiderte Elinor. „Du hast einige mindere Wunden. Bist du in letzter Zeit oft gestürzt?“

Nun ja …“ Iliana dachte an die Druckwellen, die der Kampf zwischen Halgin und Azrael hervorgerufen hatte. Ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken mehr als ihr Körper. „Sozusagen.“

Armes Kind“, seufzte Elinor. „Nichts Ernstes, aber es wird noch eine Weile schmerzen. Versuche, dir ein wenig Ruhe zu gönnen.“

Muss ich keine Salbe auftragen?“

Elinor schüttelte den Kopf. „Die heilenden Hände des Herrn haben das Ihre bereits getan. Alles, was die Wunden jetzt noch brauchen, ist Zeit.“ Sie schwieg kurz, dann fragte sie: „Ich arme Sünderin mache mich wohl der Neugier schuldig, wenn ich frage … aber weshalb seid ihr hier? Werdet ihr etwa bei uns bleiben, wenn die Schlacht kommt?“

Iliana nickte langsam. „Esben muss kämpfen. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird.“ Dabei drehte sich ihr Magen um. „Ich weiß überhaupt … nichts.“

Dabei musste sie schlucken. In diesem Moment der Ruhe, in dem alle unmittelbaren Gefahren für ihr Leben überstanden schienen, überkam die Erinnerung sie wie ein hungriges Ungeheuer. Was sollte nun aus ihr werden? Halgin war vielleicht tot, Teshin ein Verräter, Medardus wollte sie offenbar nur benutzen und nach Raureif konnte sie auch nicht zurück. Ihr Leben schien in Scherben vor ihr den Fußboden zu zieren.

Ehe Iliana reagieren konnte, füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie begann zu schluchzen. Nach Arinhilds Hinrichtung hatte sie sich eigentlich geschworen, nie wieder zu weinen, aber nun brachen alle Dämme.

Iliana erduldete die Qualen der Trauer allein auf dem Feldbett, bis sich Arme voller Mitgefühl um sie schlossen.

Alles wird gut“, murmelte Elinor.

Ein lange verloren geglaubter Teil kehrte in Ilianas Herz zurück.

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Rotes Licht spiegelte sich in den metallenen Ketten, als sie die schmächtige Gestalt heraustrugen.

Beriths Flügel zuckten. Selbst nach beinahe zweihundert Jahren in dieser Gestalt hatte er sie noch nicht vollkommen unter Kontrolle. Er erlaubte sich diese Unachtsamkeit dennoch angesichts der Situation.

Drei Schattendiener oder Hrandar, wie man sie in der Alten Sprache nannte, trugen Velis langsam durch die Tür. Berengar folgte ihnen mit sorgenvoller Miene. Die Herzogin lag zitternd auf der Bahre, mit dem Gesicht nach unten, um ihre Tränen zu verbergen.

Niemand musste Berith erklären, was vorgefallen war. König Azrael hatte versprochen, sie von ihrem Sklavenmacher zu befreien. Keine Tortur vermochte einen Dämon zu brechen, aber dieses schlichte Schmuckstück konnte sich dieser Fähigkeit durchaus rühmen. Ein Blick auf Velis’ Nacken verriet Berith, dass auch dieser Versuch gescheitert war.

Als er den kleinen Raum betrat, fand er Azrael in gedrückter Stimmung vor.

Sie befanden sich in einem Verlies, das zu Irodeus’ Zeiten zur persönlichen Erheiterung des Königs gedient hatte. Drei Wörter in der Alten Sprache schmückten die Wände: Sünde, Verfall und Marter. Dabei handelte es sich um einen Auszug aus Sankt Esbens Bußlehre, der jedoch nicht vollständig war. Dass der Tod fehlte, verriet bereits Irodeus’ Grausamkeit.

Azrael saß auf einem einfachen Schemel, neben ihm verkündete eine Streckbank stumm finstere Botschaften.

Beriths Blick fiel auf das hölzerne Folterinstrument. „Verzeiht, wenn ich frage, Herr, aber ich dachte, Ihr wolltet diesen Raum nicht mehr für die Marter benutzen?“

Azrael hob den Kopf. Sein ermatteter Blick schien Berith kaum zu streifen. „An diesem Beschluss hat sich auch nichts geändert“, flüsterte er. „Aber ich musste Velis fixieren.“ Dabei deutete er auf die vier durchgerissenen Eisenketten, die halb gelöst aus dem Holz hingen. „Sie hat sich dennoch losgerissen.“

Ich habe die Kettenringe an ihren Handgelenken bemerkt“, erwiderte Berith emotionslos. Dennoch ließ ihn ein Schauer erzittern. Velis mochte wie ein Kind wirken, doch ihre Schmerzgrenze lag ungemein hoch. Er konnte ihre Qualen nicht einmal ansatzweise ermessen.

Als Azrael weiterhin schwieg, räusperte sich Berith vernehmlich. „Funktioniert meine Methode nicht?“

Azrael schnaubte. „Berith, deine Fähigkeiten in Ehren, aber diesmal bist du einem Narren aufgesessen. Auf diese Weise würde ich sie höchstens töten!“

Berith seufzte. Diese Aussage entsprach nicht der Wahrheit, aber dies schien ihm nicht die rechte Zeit für einen intellektuellen Disput zu sein. Dennoch. Ein anderes Anliegen musste er vorbringen …

Majestät“, begann Berith langsam. „König Halgins Begleiter sind sicher im Lager der Tempelsöhne angekommen. Wie erwartet, will der Inquisitor sie im Kampf einsetzen. Beginnen wir mit der Offensive?“

Azrael sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Willst du mich zum Narren halten? Du weißt, es ist noch nicht alles bereit. Velis sollte zuerst ihren Sklavenmacher loswerden und ich … ich muss mich erst um die Stimme kümmern.“ Dabei legte er einen Finger an den Mund, so als wollte er jemanden zum Schweigen bringen.

Berith legte den Kopf schief. „Sie ist noch da, Herr? In Eurem Kopf?“

Azrael nickte langsam. „Wer mag das nur sein … ?“, murmelte er. „Selbst während meiner Zeit ohne Erinnerungen war sie noch präsent.“ Er räusperte sich. „Wie dem auch sei. Wie gesagt, wir müssen zunächst die Vorbereitungen abschließen …“

Folkvang ist erwacht.“ Berith ließ nur selten Gefühle zu, doch diesmal konnte er das Zittern aus seiner Stimme nicht verbannen.

Kurz breitete sich Schweigen aus. Rote Blitze schienen Azraels Augen zu spalten. Dann seufzte er und nickte langsam.

Sammle alle Herzöge. Wir greifen an.“

Erstaunen überkam Berith. „Seid Ihr sicher? Wir sollten wenigstens unserem Kontaktmann im Heerlager Bescheid geben …“

Er hört zu, während wir sprechen. Seine Gedanken sind mit den meinen verbunden.“ Azraels Augen funkelten. „Aber du hast recht. Eines müssen wir vor dem Kampf tatsächlich noch erledigen. Initiiere das erste Treffen.“

Berith nickte und verneigte sich. Er gestattete sich keine wertenden Gefühle in Bezug auf diese Anweisung. Er war ein Verfechter von Wissenschaft und Logik. Niedere Emotionen standen ihm dabei nur im Weg.

Berith wandte sich ab. Nun würde er die Rettung der Welt vorantreiben.

Die Wölfe von Asgard – Die Heimkehr

»Verschwunden sagst du? Seid ihr euch da sicher?« Yorrick gelang es nur mit Mühe, einen Fluch zu unterdrücken. 
Die Nachricht über Islavs Verrat hatte sich wie ein Laubfeuer unter den Männern ausgebreitet und sie suchten bereits einen halben Tag nach dem gebrochenen Jarl. 
»Wir haben alle Schiffe auf den Kopf gestellt. Sogar die der Ustenströmer. Nichts«, erwiderte Knutson zähneknirschend. »Und um die ganze Insel abzusuchen, fehlen uns die Männer. Viele sind damit beschäftigt, die Toten auf die verbliebenen Schiffe zu schleppen. Die anderen bewachen die Ustenströmer, die du Narr verschont hast. Nur die Götter wissen, woher du solche schwachsinnigen Einfälle nimmst.«
Für einen kurzen Moment huschte ein Lächeln über die Lippen des Schiffsbaumeisters. »Die Götter, ja. Oder aber eine mutige Stimme, durch die sie gesprochen haben.«
»Manchmal redest du in Rätseln, alter Freund«, grübelte Knutson laut. 
»Mag sein«, erwiderte Yorrick. »Doch wenn ich mir unsere Reise so ansehe, dann scheint es mir fast, als sei dies alles von ihnen geplant gewesen. Es war eine Prüfung.« 
Knutson bellte ein Lachen und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Dass ich diese Worte noch einmal aus deinem Munde hören darf. Von jenem, der den Göttern einst abschwur.«
»Es brauchte ein Zeichen«, schmunzelte Yorrick. 
Für einen Augenblick schien Knutson zu stutzen. Dann weiteten sich seine Augen. »Das Heulen des Wolfes, das wart doch ihr, oder nicht?«
Yorrick blickte ihn überrascht an. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, entgegnete er verwundert. Dann erhob er sich achselzuckend, um die Männer zu versammeln.

***

»Das Schwert und die See. Der Traum von Freiheit. Von Ruhm und Tapferkeit. Von einem glorreichen Tod, den die Skalden besingen und die Götter bedauern. Das ist es, was uns Nordmännern in die Wiege gelegt wurde. Das ist es, wofür wir mit jedem Atemzug leben und kämpfen.« Aegir schritt durch die gelichteten Reihen der Krieger. »So sagt man es uns nach. So sagen wir es uns selbst nach.« Er deutete auf die drei großen Schiffe, die ganz langsam aus der Bucht steuerten, hinein in die dunkle, endlose See. »Doch sind wir nicht viel mehr als nur der Schrecken der Meere? Als ehrenhafte Krieger?« Sein Blick wanderte durch die Reihen und haftete sich an seinem Bruder fest, der ihm gebannt lauschte. »Wenn ich mich so umsehe, sehe ich mehr als nur das. Ich sehe Feinde, die zu Freunden wurden«, er nickte Knutson und Snorri zu, »Ich sehe Männer, die ihren Glauben wiedergefunden haben«, sein Blick steuerte für einen Moment zu Yorrick, »und ich sehe eine große Heldin, die wahrhaft würdig ist, ihren Weg in die heiligen Hallen an die Seite unserer Brüder zu finden.« Aegir zeigte in Richtung der Schiffe, die die Toten ins Jenseits trugen. »Denn in der gestrigen Nacht wurde uns gelehrt, dass auch wir dem Fluch der Sterblichkeit verfallen sind. Dass auch Helden fallen können.« Für einen Moment hielt er inne, verdrängte den Schmerz des Verlustes und sammelte seine Worte. Es war seine Aufgabe, die Männer zusammenzuhalten. Der Erbfolge nach würde er der neue Jarl von Skiringssal werden. Als solcher stellte es seine Pflicht dar, die Gefallenen würdevoll zu verabschieden. Er blickte in traurige, aber gefasste Mienen, die allesamt zu ihm heraufschauten.
»Heute ehren wir jene, die den morgigen Tag nicht erleben dürfen. Heute ehren wir ihren Mut, das eigene Leben für die Kameraden aufs Spiel zu setzen. Sie haben sich als würdig erwiesen, ein bedeutsames Leben nach dem Tod zu erfahren, ganz gleich, ob es sie an die Pforten von Walhall führen mag oder in den Himmel.« Er atmete tief durch, fokussierte seine Gedanken. »Denn wir sind bei ihnen und senden ihre Seelen mit den besten Wünschen ins Jenseits«, rief er so laut, dass es noch bis in den letzten Winkel der Welt hallen musste. 
»Auf dass die Götter sie für würdig halten und als Gäste empfangen«, murmelte die Menge. 
Dann schritten Snorri, Yorrick und Knutson vor, in ihren Händen hielten sie jeweils eine brennende Fackel, welche die schwarze Nacht mit einem matten Flackern erhellten. Wie Sternschnuppen segelten sie durch die Luft und steckten die Schiffe in Brand. Die Flammen leckten am Holz der Geri, auf der Deila ihre letzte Reise antreten würde. Islav hatte das stolze Schiff kein Glück gebracht und da er in Ungnade gefallen war, hatten sie einstimmig beschlossen, die Valkyre von Skiringssal auf ihr zu bestatten. 
Eine letzte Ehre. Die einzige, die wir dir jemals erteilt haben. 
Aegirs Miene verfinsterte sich vor Kummer. Ylvie hatte auf dieser Insel einen wichtigen Teil ihrer Familie verloren. Wie sollte er ihr nur beibringen, dass sie Islav zurückgelassen hatten? Was er dem Dorf angetan hatte? Dass ihre Schwester seinetwegen gestorben war. Er wusste es nicht. Ebenso wenig wie er wusste, ob er das Zeug zum Jarl hatte. Er sehnte sich nach Ruhe. Jetzt mehr denn je. Doch das Schicksal schmiedete offenbar andere Pläne mit ihm. Seufzend ließ er sich in den Sand fallen und dachte nach.

***

Snorri torkelte schlaftrunken über das Deck. Es war noch sehr früh und dichter Nebel hatte sich über die See gelegt. Die meisten Männer schliefen noch. Als er Aegir am Bug lehnen sah, erhellte sich seine Miene schlagartig. Seit den Geschehnissen in jener Nacht, bevor sie das Kloster erreicht hatten, hatten sie nie die Zeit gehabt, um zu reden. Und alles in ihm sehnte sich nach Versöhnung mit seinem Bruder.
»Ein letztes Omen. Der Weg, der nun vor uns liegt, ist so undurchsichtig wie der Morgennebel«, raunte ihm Aegir zur Begrüßung entgegen. 
»Doch wird er sich lichten und einen Blick auf die Heimat gewähren«, erwiderte Snorri und ließ sich neben seinem Bruder nieder. »Das, was ich dir vor ein paar Tagen vor den Kopf geworfen habe«, begann Snorri vorsichtig, doch Aegir winkte ab. 
»Du warst noch nicht soweit, es zu erkennen. Die Wahrheit kostet immer einen Preis. Wähle weise, ob du bereit bist ihn zu bezahlen und ob du mit der Wahrheit leben kannst.«
Snorri atmete auf. Dass sein Bruder ihm vergab, bedeutete ihm viel, angesichts der Torheit, die er ihm entgegengebracht hatte. »Ich möchte mich bei dir bedanken. Du hast versucht mir die Augen zu öffnen, aber ich war wie geblendet von Versprechungen. Scheinbar musste ich erst erleben, was es bedeutet, ein Leben zu fordern, um zu verstehen, dass ich es nicht kann.« Beschämt schaute er zu Boden. 
»Du hast dich verhalten, wie ich es von einem jungen Narren nicht anders erwartet hätte. Es freut mich, dass du wahrhaft schnell begriffen hast«, erwiderte der Riese sanft. »Es gab Momente, da fürchtete ich um dein Leben.«
»Du weißt doch, so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen«, grinste Snorri schelmisch, bevor er beschwichtigend die Hände hob, um Aegirs bohrendem Blick zu entgehen. »Und wie geht es dir? Die Hände wieder in Blut zu tauchen schien dir nicht allzu schwer zu fallen. Du wirktest wie im Rausch.«
»Ich kannte den Preis, der mir abverlangt werden würde und doch habe ich keinen Moment gezögert. Du wirst noch lernen, dass es keinen Unterschied macht, ob man nun Unschuldige oder Verräter abschlachtet. Den Unterschied macht es, wofür du dich entscheidest zu kämpfen. Ich lasse doch nicht meine Familie im Stich.« 
Snorri klopfte ihm auf die Schulter. »Und dafür werde ich dir ewig dankbar sein. Sei dir gewiss, dass ich auf dieser Reise viel gelernt habe.« 
»Nicht nur du«, schmunzelte Aegir. »Wir alle haben etwas gelernt, über den Preis des Lebens. Du hast Yorrick davon abgehalten, noch mehr Gefangene zu opfern. Knutson hat gelernt, mit Demut an andere heranzutreten und ich? Ich habe schmerzhaft gelernt, dass nicht jedes ausgesprochene Wort von endloser Dauer sein kann.«
Snorri gab ihm Recht. Er hielt kurz inne, hielt die Worte, die er nun aussprechen würde, für einen Moment zurück. »Ich werde Skiringssal verlassen, Bruderherz«, flüsterte er dann leise. 
»Du willst was?«, Aegir riss vor Verwunderung die Augen weit auf. 
»Nicht so laut. Die Anderen werden es nicht heute erfahren.« Snorri blickte sich verstohlen um, doch an Bord regte sich nichts. »Das was ich auf dieser Fahrt gelernt habe, möchte ich in der Welt verbreiten. Gottes Wort soll mich führen. Ich hörte von Wanderpredigern, die durch Schweden und Dänemark reisen. Ich werde sie bitten, mir ihre Bräuche zu lehren, um Gottes Willen zu verkünden. Damit wir nicht mehr sinnlos töten müssen.«
»Ein nobles Ziel«, antwortete Aegir, nach reichlicher Bedenkzeit. »Doch versprich mir, dass du nicht blauäugig drauflos stürmst. Bedenke deiner Taten und der Menschen, die dich umgeben. Lass sie deine Gutgläubigkeit nicht ausnutzen und erkenne die Wahrheit, bevor sie es tun.«
Snorri gelobte es feierlich. 
Aegir lehnte sich mit einem steifen Nicken auf die Reling und schien für einen Augenblick in Gedanken zu schweifen, während er versuchte, irgendetwas im Nebel zu identifizieren. »Die Suppe lichtet sich allmählich. Das wurde auch langsam Zeit. Aufstehen, ihr Faulpelze! Na wird’s bald?« Er begann damit, die Männer auf ihre Positionen zu scheuchen. 
Snorri lehnte sich an die Reling und beobachtete das Ganze mit einem Lachen auf den Lippen. Dann richtete sich sein Blick in die Ferne, wo der Nebel sich allmählich lichtete und plötzlich wie aus dem Nichts die skiringssaler Klippen vor ihnen auftauchten.Jubelrufe erklangen, doch Snorri fiel nicht mit ein. Diese Reise hatte ihn verändert. Hatte ihn erwachsen werden lassen. Innerlich dankte er Aegir für alles, was er ihn gelehrt hatte. Morgen würde er sich auf den Weg machen. Kein Abschied, kein Unverständnis, keine große Trauer. Snorri atmete die salzige Seeluft ein und schloss für einen Moment die Augen. Wahrlich, der Geruch der Veränderung lag in der Luft, er konnte ihn förmlich schmecken. Hatte er sich doch gestern noch auf die wohlverdiente Ruhe der Heimat gefreut, so erschien es ihm heute unmöglich zu rasten. Denn eine neue, große Reise lag nun vor ihm.

Gottes Hammer: Folkvang I

Die hohen Bäume des Heidenwaldes schienen sie zu bedrängen, als sie in ihre Schatten ritten. Eine nahezu unnatürliche Stille beherrschte das gottlose Gebiet. Dennoch vermittelten die umherhuschenden Schatten im Dickicht Lifas das Gefühl, von Dämonen umkreist zu werden.

Aufregung beschleunigte seinen Puls. Seine Hand zuckte zu dem Streithammer an seiner Seite. Er brannte regelrecht darauf, seine Kampfkraft unter Beweis zu stellen.

Abigor entging die Geste nicht. Obwohl sein Onkel nur noch ein Auge besaß, verfügte er über das unfehlbare Talent, jede Bewegung wahrzunehmen.

„Du bist nervös.“ Das war keine Frage.

Lifas seufzte. Vor seinem Onkel konnte er nichts verbergen. „Das ist das erste Mal, dass ich gegen Dämonen kämpfen werde.“

Abigor schnaubte und zügelte sein Pferd, sodass sie nebeneinander über den Waldboden trabten. „Wenn ich für jeden meiner Kämpfe gegen einen falschen Dämon einen Heller bekommen hätte, wäre der Tempel längst reicher als alle anderen Abteien der Denomination zusammen. Glaub nicht alles, Neffe.“

Lifas nickte langsam, war aber nicht überzeugt. „Aber, Onkel“, begann er zaghaft und deutete auf die zahlreichen gepanzerten Gestalten, in deren Mitte sie den düsteren Wald durchquerten. „Wir reiten nach Hornheim! Und außerdem habt Ihr doch selbst gesagt, dass dies das erste Heer in der Geschichte des Reiches ist, das nur aus Tempelsöhnen besteht.“

„Aus alten Knackern und kleinen Hüpfern“, korrigierte Abigor und deutete mit dem Kinn auf Lifas. Dabei blitzte das goldene Siegel über seiner rechten Augenhöhle. Es wies kunstvolle Lettern in der Alten Sprache auf und verbarg eine grässliche Wunde.

Altbekannter Trotz überkam Lifas. Er zählte bereits siebzehn Jahre, war aber seit seiner Einweisung in den Novizenstand der Tempelsöhne nicht wesentlich gewachsen. Viele ergriff großes Erstaunen, wenn sie seine schmächtige Gestalt mit dem gewaltigen Streithammer sahen. Lifas lächelte grimmig. Er trug große Kraft in sich.

Abigor grinste breit. „Kräm dich nicht, Junge. Immerhin bist du sonst sehr ansehnlich. Sieh dir dagegen mich an …“ Er seufzte resigniert.

Man erzählte sich viele Geschichten über Abigor von Hrandamaer, jedoch nicht seiner Schönheit wegen. Lifas’ Onkel war ein kräftiger, hochgewachsener Mann mit einem vernarbten Gesicht und zottigen Haaren, die mehr an ein Bärenfell erinnerten. Das fehlende Auge trug ebenfalls nicht zur Ästhetik bei.

Lifas hingegen hatte das Aussehen seines Vaters geerbt. Die edlen Gesichtszüge und das weißblonde Haar erinnerten ihn stets an den gealterten Fürsten.

Dennoch, Attraktivität war lediglich eine Versuchung des Widersachers. Lifas hatte seinen Lockrufen bereits vor Jahren entsagt.

„Ihr wisst, dass mir Schönheit nichts nützt“, erinnerte er Abigor. „Als Tempelsohn muss man keusch bleiben.“

Abigor schnaubte lediglich. Ein anderer Ritter, der direkt vor ihnen durch den Nadelwald trabte, wandte sich mit einem traurigen Lächeln zu ihm um.

„Schön, dass es noch solche Unschuld in unseren Reihen gibt“, murmelte er, während ein trüber Schleier seinen Blick verhüllte.

Lifas errötete. Er war doch nicht naiv, er hielt sich lediglich an die von Gott festgesetzten Regeln!

Plötzlich durchtsieß ein Horn die kühle Abendluft. Es handelte sich um einen Sammelruf für die wichtigsten Apostel des Ordens. Abigor gab seinem Ross die Sporen und folgte dem Signal. Lifas jagte ihm hinterher. Sein Onkel hatte ihm erlaubt, ihn zu den Versammlungen zu begleiten.

Die Rangordnung der Tempelsöhne unterschied sich auf mannigfaltige Weise von der eines normalen Heeres. An der Spitze stand der Clavis, der mindestens den Rang eines Bischofs bekleiden musste. Ihn berieten die sogenannten Apostel, deren Zahl je nach Größe des Heers variierte. Auch sie waren Bischöfe.

Als Kind hatte Lifas nur alte Bischöfe gekannt, die in prächtigen Gewändern Zeremonien abhielten. Sein Onkel unterschied sich dermaßen stark von ihnen, dass Lifas seinen Rang nur schwer mit seinem Äußeren in Einklang bringen konnte. Dennoch, Abigor war ein Gelehrter der Denomination und ein Krieger. Er hatte sich nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in gelehrten Disputen einen Namen gemacht.

Eben aus diesem Grund brüskierte Lifas die vulgäre Ausdrucksweise seines Onkels immer wieder aufs Neue. Dass dieser Mann der Bruder seines ruhigen und stets majestätischen Vaters war, erschien ihm noch immer befremdlich.

Endlich erreichten sie die Mitte des Heeres. Die Apostel versammelten sich auf einer großen Lichtung, während mehrere Novizen das Zelt des Clavis errichteten. Kein Tier ließ sich blicken, nur mehrere schwarze Vögel mit hellen Punkten auf den Köpfen betrachteten sie neugierig.

Lifas erbebte vor Ehrfurcht, als er von seinem Pferd stieg. Er erkannte einige mächtige Helden des Ordens der Tempelsöhne wieder. Sein Onkel empfand jedoch weniger Respekt. Er trat in ihre Mitte, sah sich gelangweilt um und fragte dann ungeniert nach dem Clavis.

Der edle Ritter Mendatius aus dem gefallenen Herzogtum Astaval verwies auf den Rand der Lichtung.

Schlagartig befiel Lifas Kälte. Auf einem kunstvoll geschnitzten Stuhl mit prächtigen Darstellungen der Heiligen saß der Inquisitor Medardus. Er war nicht viel größer als Lifas, aber seine lodernden Augen erstickten jeden Gedanken an Widerspruch im Keim. Als er leicht den Kopf hob, glitzterte die reich verzierte Maske im Licht der untergehenden Sonne. Die bischöflichen Inquisitoren gaben ihre eigene Identität und ihre Stimme auf, um mit aller Kraft Gott dienen zu können.

In diesem Moment umklammerte Medardus seinen Mauritiusstab und klopfte leicht gegen die hölzerne Armlehne des Stuhls. Sofort herrschte auf der Lichtung Stille und die Apostel setzten sich in Bewegung. Selbst Abigor wirkte unterwürfig.

Als Lifas nähertrat, nahm er mächtige Energien wahr, die gleich einer strahlenden Wolke den kunstvollen Stuhl umhüllten. Die Ströme glichen denen im Heiligtum einer Kirche. Wie Lifas wohl wusste, konnten die Inquisitoren nur an einem solchen Ort ihre Stimme benutzen.

Medardus sprach leise und dennoch trugen seine Worte bis an den Rand der Lichtung. Die Geräusche des Waldes verstummten und selbst die Tiere schienen ihm zu lauschen.

„Hornheim liegt kaum eine Tagesreise entfernt“, teilte Medardus ihnen mit. „Feindkontakt wird bald erfolgen. Die Dämonen sind jedoch nicht unsere einzigen Feinde,“ Seine Augen loderten auf wie eine mächtige Flamme. „Die geplagten Bürger des nahen Dorfes, das ich schon einmal von einem großen Übel befreit habe, berichten von einem sagenumwobenen König. Dieser Mann soll hier im Heidenwald in einem verborgenen Palast herrschen und heidnische Götter anbeten. Angeblich begleiten ihn schwarze Raben auf Schritt und Tritt.“

Lifas warf den dunklen Vögeln mit den hellen Punkten einen nervösen Blick zu. Täuschte er sich oder wirkte es tatsächlich so, als würden sie die Versammlung beobachten?

„Bis heute ist der Heidenwald ein gottloses Land“, fuhr Medardus fort. „Wir werden kein Risiko eingehen.“ Dabei wandte er sich an Abigor. „Abigor von Hrandamaer, Ihr kundschaftet auf gewohnte Weise den Weg aus. Lasst Euch auf keinen Kampf ein. Weder wissen wir viel über die Dämonen, noch über diesen König. Vielleicht steht er sogar auf unserer Seite, vielleicht ist er auch nur eine Legende.“

Abigor nickte ergeben. „Ja, Eure Eminenz. Nur …“ Er zögerte sichtlich. „Bitte gestattet mir eine Frage.“

Medardus’ Augen blitzten, doch er nickte.

Abigor räusperte sich. „Ist es sicher, dass sich Gottes Hammer in Hornheim befindet?“

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann erhob sich Medardus und verschwand wortlos im von den Novizen errichteten Zelt.

Der Mond tauchte den Wald bereits in silbriges Licht, als sie aufbrachen.

Normalerweise glich es einer Torheit, ein Land bei Nacht zu erkunden, besonders wenn der Feind mit der Hölle im Bunde war und – wie jeder wusste – daher die Dunkelheit schätzte. Doch Abigor und Lifas waren keine normalen Soldaten, sie waren nicht einmal normale Ordensritter. Als Söhne des nördlichen Herzogtums Hrandamaer fanden sie sich in der Finsternis beinahe besser zurecht als im Licht.

Lifas schluckte. Er wurde nicht gern an seine Herkunft erinnert. Wie zur Bestätigung fuhr jäher Schmerz durch die gewisse Stelle auf seinem Rücken.

In der heidnischen Zeit waren sie wie Tiere gewesen. Erst die Religion hatte sie zu Menschen gemacht.

Die beiden bewegten sich ohne ihre Pferde. Sollte es tatsächlich zum Kampf kommen, wären sie ihnen ohnehin nicht von Nutzen. Im engen Dickicht erfüllten Schlachtrösser ihre Rolle nur sehr begrenzt.

Keine Menschenseele begegnete ihnen. Auch die dunklen Vögel mit den hellen Flecken auf dem Kopf ließen sich nicht blicken. Dennoch blieb Lifas wachsam. Dämonen waren Meister der Täuschung, hieß es. Hornheim lag zwar noch einige Meilen entfernt, aber wer konnte schon ermessen, wie stark der Einfluss der Hölle in diesen gottlosen Landen wirklich war?

Mit einem Mal erreichten sie eine Lichtung.

Lifas blickte erstaunt auf die Ruine einer alten Kirche. Im Heidenwald gab es doch keine Kirchen!

Abigor dachte ähnlich, denn er zog sein Schwert und näherte sich vorsichtig dem verfallenen Gebäude. Das Gotteshaus musste bereits seit etlichen Jahrhunderten verlassen worden sein, denn Pflanzen überwucherten die steinernen Mauern. Lifas betrachtete neugierig den Innenraum. Das Dach war zu kleinen Teilen noch vorhanden.

„Sieh dir das an, Neffe.“ Lifas wandte sich überrascht um. Abigor klang beinahe ehrfurchtsvoll.

Der Veteran zeigte auf eine Inschrift in der Alten Sprache. Lifas kniff die Augen zusammen und trat näher. Erregung überkam ihn, als er den Namen Sant Esben entzifferte!

„Ist das die erste Kirche?“, hauchte er ergriffen. „Die, die Sankt Esben nach seiner Vision erbaute?“

Abigor nickte nur. Er murmelte ein kurzes Gebet, in dem er dem Herrn für ihre Entdeckung dankte. Ergriffen wich Lifas zurück. Die erste Kirche war legendär! Sicher handelte es sich hier um ein Omen. Ihre Mission würde den Heidenwald von allem Bösen läutern und das Wort Gottes auch hier zum Gesetz machen!

Plötzlich unterbrach ein Stöhnen seine Gedanken.

Es klang leise und schwach, wie von einer verletzten Person. Lifas und Abigor tauschten einen entschlossenen Blick, dann umrundeten sie mit gezogenen Waffen die Kirche. Stellten ihnen die Dämonen eine Falle?

Hinter dem Mauerwerk herrschte Dunkelheit. Lifas ließ seinen Blick über die Grasfläche schweifen, konnte jedoch nichts entdecken. Dann hörte er auf einmal, wie jemand scharf einatmete.

Da entdeckte er eine reglose Gestalt hinter einem Felsen.

Es handelte sich um ein Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen. Es trug schmutzige Kleidung und eine mehrfach geflickte Hose.

„Onkel!“, rief er. „Seht doch!“

„Da ist noch einer“, brummte Abigor. Er deutete auf einen jungen Mann in einer schwarzen Kutte, neben dem ein großer Foliant lag. Abigor beugte sich über ihn und fühlte seinen Puls.

Lifas’ Herz klopfte, als er den Atem des Mädchens kontrollierte. Eigentlich hatte er geschworen, einer Frau niemals so nahe zu kommen. Dennoch, auch dieses Mädchen war ein Geschöpf Gottes und der sündigen Flamme neue Nahrung zu geben nur ein geringer Preis für ein Leben, wenn man den Einflüsterungen des Widersachers widerstehen konnte.

Er warf Abigor einen fragenden Blick zu. Sein Onkel besaß einen untrüglichen sechsten Sinn für die Blendwerke von Dämonen. Doch Abigor schüttelte leicht den Kopf. Es handelte sich um Menschen.

Behutsam schob Lifas die Arme unter den dünnen Körper und hob ihn mit Leichtigkeit hoch. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Abigor sich den jungen Mann über die Schulter legte.

„Keine Sorge!“, sagte er zu dem Mädchen. „Wir bringen euch in Sicherheit!“

Ein Zittern durchfuhr den kleinen Körper und das Mädchen hustete. Dann schlug es die Augen auf.

a

Die Frau ohne Namen existierte.

Es reichte der Frau, zu existieren. Sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte, außer zu atmen und das Leben durch ihren Körper strömen zu lassen.

Die Frau dachte nicht darüber nach, was außer dem Schlaf in der Welt auf sie warten könnte.

Sie kannte nicht einmal ihren Namen und dennoch war sie zufrieden.

Sie existierte.

Mit einem Mal störte sie etwas.

Die Frau sog scharf die Luft ein. Zum ersten Mal seit langer Zeit atmete sie unregelmäßig. Dieses … etwas … behinderte ihren Schlaf. Dieses etwas wollte sie zurück ins Leben zwingen und ihr Wissen aufdrängen, dass sie nicht haben wollte.

Die Frau wehrte sich dagegen. Sie wollte nichts wissen. Sie wollte schlafen. Schlafen und existieren.

Doch das etwas war unerbittlich. Die Frau ohne Namen konnte ihm nicht mehr widerstehen. Im nächsten Moment und ohne es zu wollen, setzte sie sich auf.

Sie wusste nicht, wie sie hieß.

Sie wusste nicht, wo sie war.

Sie saß in einer kreisrunden Halle ohne Wände. Prächtige Säulen stützten eine vielfach verzierte Decke. Fresken stellten einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen dar.

Die Frau erhob sich auf unsicheren Beinen. Als ihre nackten Füße über den steinernen Boden wandelten, verwunderte der entfernte Gedanke die Frau, dass ihr eigentlich kalt sein müsste. Doch ihr war nicht kalt.

Sie hielt an, als sie vor einem weißen Thron im Zentrum der Halle stand. Eine Feder ruhte auf dem prächtigen Sitz.

Die Frau nahm die Feder und betrachtete den Thron.

Auf der Lehne entzifferte sie ein altes Wort in einer Sprache, von der sie nicht wusste, weshalb sie sie verstand.

Folkvang.

Die Frau legte den Kopf schief und sah sich um. Zwischen den Säulen blinzelte ihr der Mond entgegen.

Sie sprach das alte Wort aus. Ihre eigene Stimme war ihr fremd.

Da erhob sich plötzlich ein Sturm. Die Frau hob eine Hand vors Gesicht, um ihre Augen zu schützen. Der Wind erschien ihr schön und schrecklich zugleich, er brannte auf ihrer Haut und umschmeichelte sie, er war trocken und feucht, er brachte Glück und Verderben.

Mit einem Mal schwebte die Feder langsam in die Luft. Die Frau betrachtete überrascht, wie sie zu leuchten begann, wie sie sich immer schneller drehte. Das Leuchten gefiel ihr und sie trat auf die Feder zu und berührte sie.

Im nächsten Moment endete der Sturm und die Frau hielt keine Feder mehr in der Hand. Stattdessen umhüllte ein Panzer aus Mondlicht ihren Körper und schwere Flügel schmiegten sich an ihren Rücken.

Mit einem Mal hatte die Frau einen Namen.

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