Der Premierminister ist da.

Sie formierten sich und gingen gemeinsam die Treppe zum Ausgang hinab. Johannes wollte den Lift nehmen, aber Flinn brachte ihn mit einem drohenden Blick davon ab. Drachengardisten nahmen traditionell keine technischen Hilfsmittel in Anspruch. Auch wenn die Zahl der Halbblute drastisch geschrumpft war und die meisten Gardisten mittlerweile Pistolen verwendeten, konnten sie immerhin auf andere Bequemlichkeiten verzichten.

Im Vorbeigehen erhaschte Finn einen Blick auf mehrere Gruppen Jugendlicher, die verschwörerisch auf ihn deuteten und dabei ihr Handy präsentierten. Vermutlich zirkulierte seine Stichflamme bereits in einer Compilation in sämtlichen sozialen Medien der Welt. Finn seufzte. In Asien war es zum Trend geworden, sich von einem Halbblut mit Feuer anniesen zu lassen. In Europa existierten nicht genug, um ihn auch hier zu etablieren.

Ich hoffe, es kommt nie soweit.

Sie erreichten den Ausgang und setzten ihre Atemmasken auf. Finn hasste die unbequemen Stoffstücke genauso, wie er sie liebte. Einerseits konnte er unter ihnen kaum atmen, andererseits beschützten sie seine Nase vor dem intensiven Schwefelgeruch am Flugplatz.

Außerhalb des Gebäudes reihten sich die Leibwächter nach Vorschrift auf und salutierten. Finns Herz schlug aufgeregt, als er seinen alten Freund wiedererkannte.

Der Premierminister der Hochrepublik Island räkelte sich müde auf dem warmen Asphalt. Zwischen seinen Schuppen drang Dampf hervor und seine massiven Klauen steckte er in die vorgesehenen Wasserrillen am Boden, um sich abzukühlen. Ein Lastwagen brachte bereits seine Flügelpfeife. Gungnir öffnete sein gewaltiges Maul und nahm einen vollen Zug. Rauch stob aus dem anderen Ende der Pfeife.

Finn stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den so entstehenden Luftzug. Markus und Johannes strauchelten.

„Ahhhhh!“, machte Gungnir und streckte seine Glieder. „Was fürrr ein Flug!“ Er hob seine monumentale Google-Brille an und entblößte zwei blinzelnde, scharlachrot glitzernde Augen. „Wie ich sehe, steht mein menschliches Empfangskomitee schon berrreit.“ Er lächelte, als er Finn erkannte. „Scheinbarrr bist du noch immerrrr nicht gewachsen.“

„Scheinbar hat sich dein Akzent noch immer nicht verflüchtigt“, erwiderte Finn reglos. Einen Moment lang starrten sie sich nur an. Die Luft knisterte vor Spannung. Markus und Johannes tauschten ängstliche Blicke.

Dann brach Gungnir in Gelächter aus. Vorsorglich nahm er einen tiefen Zug an seiner Pfeife. Bei solchen Ausbrüchen konnte ein Drache sonst leicht einen Feuerschwall emittieren.

„Jungchen, du hast dich nicht verändert.“ Gungnir beugte sich ein wenig tiefer herab. Die Dämpfe aus seinem Maul ließen die übrigen Leibwächter einen Schritt zurückweichen. Finn blieb, wo er war. Als Halbblut erschien ihm dieser Geruch vertraut. Er schloss einen Moment lang die Augen. Ihn erinnerte er an Nestwärme, an das knisternde Geräusch eines selbstentfachten Feuers und an gewaltige Städte, deren Gebäude für einen Menschen wie die kolossalen Bauten eines Riesen wirkten.

Ich vermisse Island, dachte er bei sich.

„Erweise mir die Ehre.“ Gungnir hob eine Klaue zu ihm herunter und stellte sich auf die Hinterbeine. Finn spürte Johannes‘ und Markus‘ überraschte Blicke in seinem Rücken, als er ohne zu Zögern hinaufkletterte. Gungnir hob ihn sanft auf den Stuhl auf seiner Schulter. Er war fest gegurtet und für intime Gespräche mit Menschen gedacht.

„Ich habe eine Überraschung für dich“, knurrte der Premierminister, als Finn auf den weichen Stuhl kletterte.

Finn hob den Kopf. Der andere Sitz war nicht unbesetzt. Sein Herz stockte, als sich ein blonder Lockenschopf in sein Sichtfeld schob.

„Mina!“, rief er überrascht. Freude durchzuckte sein Herz, aber gleichzeitig nistete sich auch Furcht darin ein.

„Hallo, Nestbrüderchen!“

Mina schien keine Bedenken zu haben. Sie trug ein schneeweißes Kleid und grinste ihn verschmitzt an. Auch sie trug eine Googlebrille.

Finn starrte sie verwirrt an. „Was machst du denn hier?“

„Ich wollte mir die Schweiz ansehen“, erwiderte sie lächelnd. „Papa meint, dass ich vielleicht hier studieren werde.“

Gungnir brummte etwas Unverständliches, während er sich langsam in Bewegung setzte. Die übrigen Leibwächter mussten sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten.

„In der Schweiz? Nicht an der himmlischen Universität in Reykjavik?“

Mina verzog das Gesicht. „Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte – ich habe keine Flügel.“

Das war ein triftiger Grund. Die meisten Teile der Hochrepublik Island lagen an für Menschen unerreichbaren Orten, weil ein Großteil ihrer Einwohner aus Drachen bestand.

Finn grinste hämisch. „Du könntest einen Kommilitonen als Reittier anstellen. Das wäre dann quasi Fifty Shades of Mina …“

Mina entblößte scharfe Zähne und Rauch drang zwischen ihren schneeweißen Zähnen hervor. „Wir sehen uns jahrelang nicht und das ist deine beste Antwort?“

Finn lachte. „Ich kenne dich eben. Erinnerst du dich noch an den Vorfall mit Sorsals Höhle? Die Jungdrachen haben deine Lieblingspuppe verbrannt und du hast sie dafür verprügelt …“

„Hör auf! Sie haben mich dafür richtig fies gekratzt!“ Mina entblößte ihren Oberarm. Blutrote Schlieren überzogen die gebräunte Haut.

Finn überging den Kommentar. „Oder als du an Weihnachten dachtest, das böse Christkind kommt dich holen und du dich unter dem Weihnachtsbaum vor den Glocken versteckt hast …“

Finn wich instinktiv aus, als Mina so tat, als ob sie ihre Googlebrille nach ihm werfen würde.

„Nicht!“, mischte sich plötzlich Gungnir ein. „Die war teuer.“

„Ich weiß, ich weiß.“ Mina legte sie behutsam in ihren Schoß, während Gungnir den Flugplatz verließ und auf die Innenstadt zusteuerte. Die Straßen waren für den Staatsbesuch gesperrt. Finn hatte Bern noch nie so leer erlebt. Dafür drängten sich in den freien Straßen die Schaulustigen. Gungnir bedachte sie mit einem breiten Lächeln.

„Und?“, fragte Finn lachend. „Wie viele Folgen hast du während des Fluges geschafft?“

Mina errötete. „Woher weißt du das?“

„Wie gesagt, ich kenne dich.“

Mina verdrehte die Augen und seufzte. „Ich verlange einen Anwalt. Verrate du mir mal lieber, wo du die letzten vier Jahre gesteckt hast!“

Finn wurde ernst. Kurz hatten sie wieder ihre alten Rollen eingenommen – die der zwei Halbblute im Nest Gungnirs des Einzigartigen. Sie hatten sich gegenseitig ihre Sprachen gelehrt und eine wunderbare Zeit fernab anderer Menschen miteinander verbracht, bis … bis …

„Ich war an der drakonischen Militärakademie in New York“, erklärte Finn. „Zwischendurch auch in Peking und Tokio. Das hat dir Gungi doch sicher verraten.“

„Nenn mich nicht so“, fauchte Gungnir, ohne sein Lächeln zu unterbrechen. Finn grinste entschuldigend.

Mina verschränkte die Arme vor der Brust und zog einen Schmollmund. „Du weißt genau, was ich meine. Du bist einfach abgereist, ohne ein Wort zu sagen! Gerade hatten wir noch das Lichtfest für den Allvater gefeiert und am nächsten Tag warst du einfach weg! Ohne mir Bescheid zu geben!“

Finn wollte bereits kontern, aber er räusperte sich nur verlegen, als er ihren verletzten Blick bemerkte. Er hätte ihr zu gern die Gründe verraten, aber das musste bis nach dem Staatsbesuch warten.

„Es tut mir leid“, murmelte er.

Mina erwiderte nichts. Sie ritten eine Zeit lang schweigend, bis sie zwischen mehreren Wolkenkratzern der DracArchiCorp vorbeikamen und den Menschen die Sicht auf den Drachen kurz genommen wurde.

„Rechnest du mit der MJM?“, fragte Gungnir unvermittelt.

Finn sah ihn überrascht an. „Ja“, erwiderte er überrumpelt.

„Das dachte ich mir.“ Gungnir knurrte ein paar Worte in der Sprache seiner Ahnen. „Ich dachte eigentlich, dass mein Besuch im Vatikan ihnen den Wind aus den Flügeln nehmen würde, aber das war wohl ein Irrtum.“

„Religiöser Fanatismus braucht keine offiziell anerkannte Institution“, erwiderte Finn leise. „Nur weil Papst Franziskus dich als intelligentes Lebewesen anerkennt, gilt das nicht für alle Splittergruppen.“

Gungnir nickte. Seine Züge verhärteten sich. „Ich hätte meine Brüder mitnehmen sollen“, sagte er leise. „Aber wir konnten nur die Genehmigung für einen Drachen bekommen.“ Er warf einen Seitenblick auf Finns Truppe, die ihnen keuchend folgte. „Diese Menschen sind ein Witz.“

„Wir sind hier, um dich zu beschützen, Papa.“ Mina streichelte sanft seine Schnauze. „Aber du wirst sehen, es gibt keinen neunten Attentäter.“

Finn sah auf. „Wie meinst du das?“, fragte er.

Gungnir schnaubte. „Acht Menschen wollten mich bereits ermorden. Es ist überall dasselbe. In Israel, in den USA, sogar im Vatikan … der achte hat sich selbst in die Luft gesprengt und dabei drei Kardinäle getötet. Wie kann man als gläubiger Mensch nur so etwas Schreckliches tun?“

Finn erschauderte, als er die Verzweiflung in Gungnirs Augen sah. Einen Moment später hatten sie die Hochhäuser umrundet und der Premierminister zeigte wieder ein strahlendes Lächeln.

„Ich habe nachgelesen“, murmelte Mina verbittert. „Sie berufen sich auf eine Bulle von Papst Innozenz VIII.“

Summis desiderantes affectibus“, erwiderte Finn grimmig. „Aus dem Jahre 1484.“

Minas Augenbrauen hoben sich überrascht, doch sie ging nicht näher darauf ein. Die Stimmung war auf den Nullpunkt gesunken, als das Rathaus von Bern langsam in Sicht kam.

Finn seufzte. Es würde ihm so leichter fallen.

„Mina“, murmelte er. „Ich habe dir dein Medaillon nie zurückgegeben.“

Mina sah ihn überrascht an. Kurz glitzerten ihre Augen schelmisch. „Du hast es noch?“

„Natürlich.“ Finn holte es aus seiner Tasche hervor und lächelte. „Man weiß nie, wozu es gut ist.“

Dabei öffnete er das Medaillon und entließ das rot-orangene Licht in die Welt.

Minas Gesicht verklärte sich einen Moment lang. Sie sah wieder aus wie ein Kind. Zum ersten Mal hatte sie ihm das Medaillon bei seinem ersten Lichtfest für den Allvater gezeigt. Die Drachen erzeugten solche Lichtsäulen normalerweise mit ihrem Atem, aber Halbblute bekamen wegen ihrer geringeren Flammenkraft auf diese Weise einen Teil ihres drakonischen Elternteils.

Finn schloss die Augen. Ein Halbblut verschenkte dieses Medaillon nur aus einem einzigen Grund – genauso wie es auch nur aus einem einzigen Grund zurückgegeben wurde.

Minas hoffnungsvolle Augen vergossen eine einzige Freudenträne, als der erste Schuss gellte.

Es ging alles blitzschnell. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde setzte Finn über Gungnirs gewaltigen Kopf und stieß Mina von seiner Schulter. Sie realisierte erst im Fallen, was geschah. Unglauben und Verwirrung spiegelten sich in ihrem Gesicht, als sie unzählige Meter in die Tiefe stürzte und in einem Kugelhagel verschwand.

Gungnir war nicht schnell genug. Er wollte seine Tochter beschützen, aber Finn saß bereits auf seiner Schnauze und zog die Magnum aus seinem Stiefel. Er zielte genau zwischen die Augen.

Egal, ob Mensch oder Drache – so ein Schuss war tödlich.

Gungnir heulte auf, als er seine Tochter am Boden sah. Vermummte Gestalten in goldenen Uniformen stürmten die Straße. Finn sah, dass Markus und Johannes verzweifelt Widerstand leisteten, aber schon nach kurzer Zeit waren sie umzingelt und ließen die Waffen fallen.

„Warum?“, rief Gungnir mit donnernder Stimme. Trauer und Schmerz wogten darin wie Wellen giftigen Wassers. „Ich habe dich nach dem Massaker aufgezogen wie meinen Sohn. Warum hast du das getan?“

„Erinnerst du dich noch an unser letztes gemeinsames Lichtfest?“, fragte Finn mit kalter Stimme. „Du hast mir endlich erzählt, was meine Eltern getötet hat. Nicht die MJM, sondern die Drachen, die ihre Eier beschützen wollten. Als die MJM ihre Nachkommenschaft stahl, liefen sie Amok.“

Gungnirs leuchtende Augen verengten sich zu Schlitzen. Doch er schien nicht mehr die Kraft für Widerstand aufzubringen.

„Warum Mina?“, fragte er leise.

„Kollateralschaden“, erwiderte Finn drohend. „Wie meine Eltern.“

Dann drückte er ab.