Ingo S. Anders

Ich konnte mich da sitzen sehen bei Kerzenlicht an einem Pult aus Holz mit schräg nach vorne hin abfallender Arbeitsfläche und einer Rinne für die Schreibutensilien. Gerade hielt ich einen Federkiel in der Hand, den ich eben in Tinte getaucht hatte und schickte mich an, meine kostbaren Worte aufs Pergament zu kritzeln.
Natürlich brauchte ich Ruhe zum Schreiben und verbat mir jede Unterbrechung, so dass ich mich monatelang nirgendwo blicken ließ und auch meine Hausangestellten meinen Arbeitsraum während etlicher Stunden am Tage nicht betreten durften – auch nicht, um mich an die Mahlzeiten zu erinnern.
Woran ich wohl schrieb? Es war sicherlich etwas Weltbewegendes, sonst würde ich nicht so besessen daran arbeiten. Keine Minute ließ ich ungenutzt verstreichen. So bewegend es war, es war ebenso geheim. Niemand durfte einen Blick darauf erhaschen. Nicht, bevor mein Werk veröffentlicht werden würde. Und dann, wenn es soweit war, dann würde es einen riesigen Paukenschlag geben, da war ich sicher.

 

Interview

Schreibkommune: Ingo, stell Dich doch bitte kurz und knapp vor.

Ingo S. Anders:  Ich hab da schonmal was vorbereitet… 

Ingo S. Anders ist Blogger und Schriftsteller.

Ingo S. Anders
Ingo S. Anders

Schon früh übte er sich mit der Veröffentlichung einer Geschichte über den Weihnachtsmann auf der Kinderseite einer regionalen Tageszeitung.

2010 erhielt er in Innsbruck den „Wolfgang-Nöckler-Wort- und Sinn-Designpreis“, mit dem eine seiner Kurzgeschichten von Cognac & Biskotten ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr erschien eine weitere Kurzgeschichte im Hamburger Abendblatt.

Gegenwärtig arbeitet Ingo hier im Forum als Teilnehmer der Schreibprojekte an seinem ersten Roman.

Schreibkommune: Oh, gleich eine professionelle Vita. Was machst Du denn, wenn Du nicht schreibst?

Ingo S. Anders: Wenn ich Pausen vom Schreibtisch mache, erledige ich gerne etwas im Haushalt, räume die Spülmaschine aus oder lege die Wäsche zusammen. Wenn ich mal raus muss, ist meistens ohnehin der Einkauf fällig. Ich gehe regelmäßig zum Chanten, das sind Heilgesänge, und übe meine Stimme. Ich tanze auch sehr gerne Tango, finde aber selten die Gelegenheit. Häufig gehe ich spazieren, lese natürlich viel…

Schreibkommune: Hast Du keinen Brotberuf?

Ingo S. Anders: Meinen Lebensunterhalt bestreite ich als Ehemann und Rentner. Ich war Verwaltungsfachangestellter, bin aber zur Zeit erwerbsunfähig. Ich schaffe es auch nur ein bis zwei Stunden am Tag zu schreiben, aber ich bin froh, dass ich das noch bzw. wieder kann. Ich bin auch zertifizierter Genesungsbegleiter, aber für das Arbeiten mit psychisch Kranken bin ich im Augenblick nicht belastbar genug.

Schreibkommune: Ähm… Und wenn Du schreibst, worüber schreibst Du?

Ingo S. Anders: Jede meiner Geschichten hat natürlich mit mir selbst zu tunIch schreibe über das, was mich bewegt. Das ist zum einen das Themenfeld psychischer Erkrankungen, weil mich das immer noch betrifft – mein aktuelles Romanprojekt beschäftigt sich auch damit.

Das andere, was wahrscheinlich mein zweites großes Projekt wird, ist mein Leben als Transmann und die damit verbundene Frage nach dem Geschlecht, mit der ich immer wieder konfrontiert werde. Dadurch und durch die damit einhergehenden Verletzungen sind einige meiner Kurzgeschichten entstanden.

Schreibkommune: Warum schreibst Du, was treibt Dich an?

Ingo S. Anders: Ich schreibe in erster Linie, um meine Erlebnisse zu verarbeiten. Meine ersten Geschichten entstanden, weil ich etwas erlebt hatte, worüber ich sprechen wollte, ohne dass ich mich zu dem Erlebnis bekennen wollte. Als Autor kann ich es offen lassen, ob sich eine Geschichte tatsächlich so zugetragen hat oder nicht.

Ich merke schon beim Bloggen, dass es mir einfach gut tut, mir meine Seele frei zu schreiben. Mein Therapeut hat es mir sogar empfohlen, zur Verarbeitung innere Dialoge zu führen (und daraus dann ein Buch zu machen). Wenn dabei dann wirklich ein verkaufbares Produkt entsteht, dann ist das traumhaft.

Durch das Veröffentlichen meiner Werke möchte ich außerdem meinen Teil zur Öffentlichkeitsarbeit beitragen. Das Stigma psychisch Kranker wiegt so schwer, dass es sich wie eine zweite Krankheit auswirkt und Transsexualität scheint irgendwie etwas Anrüchiges an sich zu haben. Dem möchte ich mit meinen Geschichten entgegenwirken und ich möchte Helden schaffen, die Vorbilder sein können.

Schreibkommune: Was würdest Du Schreibanfängern auf den Weg geben?

Ingo S. Anders: Mach Dein Ding. Jedes Buch findet seinen Leser.

Schreibe nicht, um irgendetwas zu erreichen, sondern schreibe, um zu schreiben.

Schreibkommune: Vielen Dank, Ingo, für dieses interessante Gespräch!

Ingo S. Anders: Aber gerne doch. Ich möchte kurz noch auf meine eigene Homepage hinweisen: ingo-schreibt-anders.blog. Dort sind einige meiner Kurzgeschichten zu finden.