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Schlagwort: Science-Fiction (Seite 1 von 2)

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23.Teil – Das Ende des Zeitvektors (2/3)

»Du meinst Radar«, sagte Thomas, »wenn sie uns auf ihren Radarschirmen gesehen haben, kann es hier bald von Flugzeugen wimmeln, die nach dem Rechten sehen wollen.«
»Du kennst dich damit aus?«, fragte Giwoon.
»Nein, aber ich stamme aus einer Zeit – nicht weit von hier. Du erinnerst dich?«
»Jetzt geht nicht gleich aufeinander los!«, mahnte Khendrah.
»Das sagst du so«, meinte Thomas, »er lässt mich dauernd spüren, dass ich in seinen Augen so eine Art Saurier bin.«
Giwoon hatte diesen kleinen Dialog mitbekommen, während er den Antrieb des Sliders aktivierte.
»Tut mir Leid, Thomas«, sagte er, »ich meine das nicht so. Es ist ganz einfach so, dass für mich viele Dinge einfach normal sind, die für dich noch unvorstellbar sind. Denk’ einfach ‘mal darüber nach. Auch ich muss noch eine Menge lernen.«
»Schon in Ordnung«, sagte Thomas, schon wieder etwas versöhnt.
Der Slider setzte sich in Bewegung. Erst ganz langsam erhob er sich zwischen den Baumkronen des Urwaldes, in den sie gestürzt waren. Auf den Monitoren sahen sie, dass dieser Wald so weit reichte, dass sie sein Ende nicht sehen konnten. Giwoon hatte den Kurs eingegeben und sie setzten sich nun auch horizontal in Bewegung. Giwoon hatte einen kontinuierlichen Steigflug programmiert, der Rücksicht auf eventuelle fremde Flugkörper nehmen sollte, von denen es in dieser Zeit bereits eine Menge geben sollte.
Eine ganze Weile lang flogen sie weitgehend unbemerkt, was sich änderte, als sie den indischen Subkontinent überflogen. Der Steuercomputer des Sliders meldete das Auftreffen von Impulsen auf seiner Oberfläche. Nur wenig später empfingen sie Funkimpulse.
»Man versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen«, sagte Giwoon, »ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf eingehen soll. Vielleicht ist es besser, einfach weiter zu fliegen.«
»Wenn sie dann ‘mal nicht auf uns schießen«, sagte Thomas skeptisch, »aber wahrscheinlich wirst du mir gleich von irgendwelchen geheimnisvollen Abwehrfeldern erzählen, die uns schützen, oder?«
Giwoon machte ein fragendes Gesicht.
»Was für Abwehrfelder?«, wollte er wissen, »Wir haben keine Abwehrfelder. Wozu auch? Wieso sollten sie überhaupt auf uns schießen?«
Thomas lachte sarkastisch.
»Du hast von der politischen Landschaft dieses Zeitalters wirklich keine Ahnung, was? Die ganze Erde ist in zahllose Einzelstaaten aufgeteilt, die alle ihre Territorien mit allen Mitteln schützen. Wenn wir einfach weiterfliegen ohne auf ihre Funkanfrage einzugehen, kann es sein, dass sie uns als Feinde einstufen und Raketen auf uns abfeuern oder uns Kampfjets schicken.«
»Kampfjets?«, fragte Giwoon, »Flugmaschinen, wie unsere?«
»Nicht ganz«, erklärte Thomas, »Kampfjets fliegen mit Düsenantrieb – sie komprimieren die Luft in den Triebwerken und stoßen sie nach hinten aus. Sie sind richtig schnell damit. Verdammt schnell sogar. Wichtiger aber ist, dass diese Dinger bis an die Zähne bewaffnet sind. Wenn du keinen geheimnisvollen Schutz bieten kannst, sollten wir machen, dass wir hier wegkommen.«
Giwoon ließ den Slider unbeeindruckt weiterfliegen. Die Fernbeobachtung zeigte, dass sie dicht besiedeltes Gebiet überflogen. Ganz allmählich näherten sie sich der chinesischen Grenze und damit ihrem Zielgebiet. Indien hatte ihnen noch einige Funkbotschaften übermittelt, doch sie ansonsten unbehelligt weiter fliegen lassen. China war da schon etwas anderes. Die Stationen an der Grenze hatten schon seit einiger Zeit den Funkverkehr der indischen Stationen abgehört und sicherheitshalber eine Staffel Kampfjets mit Luft-Luft-Raketen starten lassen.
Kaum, dass sie die Grenze zu China überflogen hatten, hefteten sich die chinesischen Jäger an ihre Fersen und flankierten ihren Flug. Auch sie forderten sie energisch auf, einen nahe liegenden Flughafen anzusteuern, da sie sonst gezwungen seien, auf den Slider zu schießen.
»Giwoon, wach’ auf!«, rief Thomas, »Du kannst diese Flugzeuge dort draußen nicht ignorieren. Wenn es stimmt, dass wir keinen vernünftigen Schutz haben, werden sie uns vom Himmel pusten, wenn wir ihren Forderungen nicht Folge leisten.«
Giwoon machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand.
»Wir haben zwar keine Abwehrmechanismen«, sagte er, »aber der Slider verfügt über hervorragende Flugeigenschaften. Wenn sie auf uns schießen, wird unser Computer den Schüssen ausweichen. Da unser Antrieb auch keine Wärme abstrahlt, sind die Hitzeortungssensoren ihrer Raketen nutzlos. Ich gebe allerdings zu, dass ich nicht wirklich damit gerechnet hatte, mit so schnell fliegenden Gegnern konfrontiert zu werden. Ich werde sie wohl abhängen müssen, bevor wir unser endgültiges Ziel ansteuern.«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Schnallt euch an!«, befahl Giwoon, »Es wird jetzt etwas unruhig.«
Er hatte nicht zu viel versprochen. Giwoon ließ den Slider immer wieder ruckartig die Richtung wechseln und steigerte dabei kontinuierlich die Geschwindigkeit. Ihre Verfolger bemühten sich redlich, ihnen zu folgen und begannen schließlich, sie mit ihren Raketen zu beschießen. Die automatische Steuerung des Sliders griff ein und sorgte dafür, dass sämtliche Raketen ihr Ziel verfehlten. Bereits nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Die Kampfflugzeuge hatten alle Waffen abgefeuert und waren nicht mehr in der Lage, der hohen Geschwindigkeit des Sliders zu folgen.
»Ich würde dir raten, ganz niedrig zu fliegen«, sagte Thomas, »Radar funktioniert nicht in niedriger Höhe. Wir könnten das Radar unterfliegen.«
Fancan deutete auf das Massiv des Himalaja, welches bereits den gesamten Monitor ausfüllte.
»Wie willst du in diesem Gelände niedrig fliegen?«, fragte sie.
»Oh, er hat durchaus recht«, meldete sich Giwoon zu Wort, »die automatische Steuerung könnte damit fertig werden, »Thomas, wie tief müssen wir den hinunter, um vor weiterer Ortung sicher zu sein?«
»Wenn ich mich recht erinnere, dürfen wir nicht höher als dreihundert Meter über dem Boden fliegen«, sagte er, »sonst können sie uns orten.«
»Das dürfte kein Problem für uns werden«, sagte Giwoon, »der einzige Nachteil dürfte sein, dass es dann bis zum Ziel ein unruhiger Flug sein dürfte.«
»Rede nicht lange herum und sorge dafür, dass wir unentdeckt bleiben!«, sagte Khendrah genervt, »Ich will, dass wir diese Sache schnell hinter uns bringen und hier verschwinden.«
»Das werden wir, Khendra«, antwortete Giwoon, »das werden wir.«
Giwoon ließ den Slider nun vollkommen von der Automatik steuern. Kein menschliches Wesen hätte so schnell reagieren können, wie es ein Computer konnte. Der Slider hielt stur eine Höhe von zweihundert Metern und raste durch die Täler des Himalaja auf das Ziel zu, welches ihr kleines Ortungsgerät anzeigte.
Nach einiger Zeit näherten sie sich ihrem Ziel. Von den Verfolgern fehlte inzwischen jede Spur.
»Mein Gott, sieh sich einer dieses Durcheinander von Gebirgen an!«, rief Fancan, »Wie sollen wir denn hier unser Ziel finden? Wir müssen doch möglichst dicht an die Sonnenzapfanlage heran.«
»Eigentlich finde ich diesen Standort hier in dieser Gegend gar nicht schlecht«, meinte Giwoon, »dann können wir mit der Vernichtung der Anlage auch niemandem schaden.«
»Haben wir denn schon eine genaue Position dieser Anlage?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon deutete auf die Steuerkugel, auf der man die ganze Zeit über sehen konnte, wo sie sich befanden. Ein blinkender Punkt kennzeichnete die Stelle, wo sie ihr Gerät deponieren mussten.
»Dort muss es sein«, sagte er und versuchte die Bezeichnung zu lesen, die neben dem Ziel angezeigt wurde, »der Berg heißt Kongur Tagh und das Gebirge Kun Lun. Wir müssen nun nach optischen Hinweisen suchen. So eine Sonnenzapfanlage kann nicht klein sein. Immerhin versorgt sie den Vektor bis viele Jahrtausende in die Zukunft.«
»Sollte man nicht irgendetwas in der Atmosphäre sehen können, wenn solche gewaltigen Energien von der Sonne gezapft werden?«, fragte Thomas uns sah konzentriert auf die Monitore.
»Nein, man kann Quarkströme optisch nicht sehen«, erklärte Giwoon, »was ich meine, ist eine auffällige Erscheinung im massiven Fels. Eine Art Tor oder etwas in der Art. Ich bin sicher, dass sie es direkt in den Berg gebaut haben.«
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Das Ortungsgerät behauptete, dass ihr Ziel direkt vor ihnen wäre, doch sie konnten nichts entdecken. Der Zugang zur gesuchten Anlage war offenbar gut getarnt. Immer wieder flogen sie um den Berg herum und scannten seine Oberfläche. Selbst die empfindlichen Instrumente des Sliders waren nicht in der Lage, unerklärliche Auffälligkeiten festzustellen. Als sie bereits für diesen Tag aufgeben wollten, sprach plötzlich ihr Funkgerät an.
»Die Chinesen!«, entfuhr es Thomas.
»Nein, das können nicht die Chinesen sein«, meinte Giwoon, »das ist eine Nachricht auf einer der Frequenzen des Vektors. Niemand auf der Erde funkt in diesem Band.«
»Hier spricht der oberste Wächter der Energiebasis, Rowan Qorth«, drang es aus dem Lautsprecher. Im nächsten Moment baute sich auch ein Bild des Sprechers auf dem Monitor auf.
»Wir haben festgestellt, dass es sich bei Ihrem Flieger nicht um einen der üblichen Patrouillenflieger des chinesischen Staatsgebietes handelt. Bitte identifizieren Sie sich.«
»Hier spricht Chefinspektor Giwoon. Ich bin von der obersten Behörde ermächtigt, Ihre Station zu inspizieren«, sagte Giwoon, »bitte öffnen Sie einen Zugang, der es unserem Fahrzeug ermöglicht, hineinzufliegen. Wir wurden von Einheiten der Chinesen verfolgt, konnten sie aber abhängen. Mit jeder Minute, die wir verstreichen lassen, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir wieder entdeckt werden.«
Khendrah schlug sich eine Hand vor den Mund. Giwoons Dreistigkeit verschlug ihr die Sprache.
»Negativ«, sagte Rowan Qorth, der oberste Wächter, »es hat in der Geschichte der Energiebasis noch niemals den Fall gegeben, dass die oberste Behörde eine Inspektion durchführen ließ. Ich werde Sie nicht einlassen.«
»Was soll dieser Quatsch!«, fuhr Giwoon ihn an, »Was glauben Sie denn, wer wir sonst wären? Chinesen dieser Zeit? Machen Sie sich nicht lächerlich! Woher sollte ich sonst den Standort Ihrer Station kennen, wenn nicht die oberste Behörde mir den Auftrag persönlich gegeben hätte? Öffnen Sie endlich die Station, damit ich hier aus dem Luftraum verschwinden kann.«
»Ich weiß nicht Recht«, sagte der Wächter, »warum kommen Sie nicht über den Zeitaufzug, an den wir angeschlossen sind?«
»Zeitaufzug?«, fragte Giwoon, »Jetzt sagen Sie nicht, sie hätten einen direkten Anschluss an den Vektor! Ich werde mich nach meiner Rückkehr in den Vektor darüber beschweren, dass man mir diesen beschwerlichen Weg zugemutet hat und wenn Sie nicht langsam ein Schleusenschott öffnen und riskieren, dass wir hier draußen noch entdeckt werden, werde ich auch gleich eine Beschwerde über Sie hinzufügen!«
Die Dreistigkeit Giwoons hatte schließlich Erfolg. Der Wächter hatte kein Verlangen danach, seine Position in dieser Anlage zu verlieren, weil ein Inspektor der obersten Behörde sich über ihn beschwerte. Schweren Herzens betätigte er den Mechanismus, der mitten in der Felswand des Gebirges eine Öffnung entstehen ließ.
»In Ordnung«, sagte er, »ich werde Sie einlassen. Landen Sie Ihr Fahrzeug bitte auf einer der markierten Flächen.«
Er schaltete ab und im gleichen Moment begannen die schweren Flügel des Schleusenschotts, auseinander zu fahren. Es wirkte, als würde der Berg einen Mund öffnen, um sie zu verschlingen.
»Das sieht nicht sehr einladend aus«, meinte Khendrah, »sie haben noch nicht einmal eine Beleuchtung eingeschaltet.«
»Wie auch immer«, meinte Giwoon, »wir müssen dort hinein und unser Paket abliefern.«
»Hoffentlich kommen wir hier auch wieder weg«, sagte Fancan nachdenklich, »wenn dieser Wächter direkt Kontakt zur obersten Behörde aufnimmt, wird er erfahren, dass wir nicht das sind, was wir zu sein vorgeben.«
»Das müssen wir riskieren«, sagte Giwoon, »notfalls werde ich das Gerät gleich hier in der Schleusenkammer verstecken.«
»Ich bin ja nur ein dummer Mensch aus der Frühzeit der Geschichte«, wandte Thomas ein, »aber hieß es nicht, dass wir bis auf mindestens hundert Meter an das Zielobjekt heran müssen? Was, wenn die eigentliche Anlage noch tief im Berg verborgen ist? Dann wäre alles umsonst gewesen.«
»Du hast recht«, stimmte Giwoon zu, »wir müssen Wohl oder Übel erst in die Anlage hinein.«
Er steuerte den Slider in die Schleuse hinein, die sich augenblicklich hinter ihnen wieder schloss. Sie erkannten nun, dass der Hangar nicht vollständig dunkel war, sondern, dass einige trübe Lampen an der Decke etwas Licht abgaben. Giwoon setzte das Fahrzeug sanft auf einer blinkenden Fläche auf dem Boden auf. Das Außenschott des Fahrzeugs öffnete sich und ließ eiskalte Luft ins Innere strömen. Giwoon ärgerte sich, keine wärmende Kleidung mitgenommen zu haben. Er machte eine Geste mit der Hand in Richtung Tür.
»Auch wenn es draußen kalt ist«, sagte er, »wir müssen dort hinaus. Ich hoffe jedoch, dass es innerhalb der Station wieder angenehmer sein wird.«
Sie hatten kaum den Slider verlassen, da erschien bereits der Wächter Rowan Qorth mit einigen weiteren Wachen. Sie waren bewaffnet und hielten ihre Waffen auf sie gerichtet.
»Was soll das?«, herrschte Giwoon Rowan Qorth an. Er fühlte sich zwar nicht danach, doch musste er die einmal angenommene Rolle glaubwürdig weiterspielen.
Rowan Qorth blieb vor ihnen stehen. Dieser Mann war ein wahrer Riese. Er überragte Giwoon fast um Haupteslänge.
»Ich beuge mich dem Urteil der obersten Behörde, wenn sie eine Inspektion anordnet«, sagte er, »doch werde ich Niemanden in die Anlage führen, den ich nicht vorher überprüft habe. Dürfte ich bitte den Inspektionsbefehl sehen?«
Khendrah und Fancan sahen sich kurz an. Beide hatten unwillkürlich den Atem angehalten. Inspektionsbefehl? Einen solchen Befehl hatten sie natürlich nicht.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 19.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 9 – Im Angesicht des Todes

Der Zyklop schob sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Wassermassen, sein Verfolger ließ jedoch nicht locker. Der Gigantyras brüllte vor Zorn und schien Stück für Stück aufzuholen. 
Daisy Lee bemannte das Steuer und lieferte sich einen gnadenlosen Kampf mit ihren eigenen Nerven. 
Nur die Ruhe bewahren, denk nach! 
Die Steuerungselemente in ihren Handflächen vibrierten protestierend, als sie eine scharfe Rechtskurve vollzog.
»Ich brauche hier weitere Leuchtkörper, für die manuelle Steuerung!«, rief sie Clynnt zu. 
»Nun mach schon, Junge!«, beorderte dieser den Copiloten. 
Er tippte Befehle in seine Konsole ein und zischende Raketen erhellten ihnen den Weg. 
»Ich kann mich nicht in Schussreichweite positionieren, wir brauchen etwas, das uns einen Vorsprung verschafft«, schnaufte die Chefmechanikerin. Schweiß tropfte an ihr herunter und man konnte deutlich das pulsierende Wummern ihrer Halsschlagader erkennen. 
Clynnts Miene verzog sich für eine Sekunde zu einer schiefen Grimasse. »Möglicherweise habe ich eine Idee«, sagte er und schritt zum Mikrofon.
»N‘kahlu, seid ihr noch da draußen?«, fragte er mit kratziger Stimme.
»Aye, erwarten Befehle«, der Krieger schien kaum beeindruckt angesichts ihrer Lage, aber unter Wasser war er im Vergleich zu ihnen auch ein erfahrener Veteran. 
»Könnt ihr die Bestie irgendwie ablenken? Wir müssen den Zyklopen in Schussreichweite bringen«, erkundigte sich der Chefnavigator. 
Für eine Sekunde schien der Sergeant zu überlegen. »Ich denke, das kriegen wir hin«, knisterte es durch den Lautsprecher, dann brach die Verbindung ab.
»Das kann nur gut werden«, seufzte Clynnt, raufte sich durch die zerfurchten Haare und ließ sich in seinen Sessel fallen.

***

»Alles klar, wir haben Befehl erhalten, den Gigantyras aufzuhalten, sodass der Zyklop in Schussreichweite gelangen kann. Aber sie haben uns diesbezüglich keine konkreten Vorgaben gemacht, was bedeutet, wir dürfen das auf unsere Art und Weise machen«, bekundete Sergeant N’Kahlu durch den Funk. Seine Männer stimmten ein raues Lachen an. 
Ich hatte schon befürchtet, sie fragen uns gar nicht mehr.
»Phillista, Andrewx und Cossack kommen mit mir, der Rest schwärmt aus, um für die nötige Verwirrung zu sorgen, verstanden?«, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, stieß sich N’kahlu von der Haltestange ab und schoss dem Gigantyras entgegen. 
Er brauchte keine weiteren Anweisungen zu geben. Jeder wusste, was zu tun war. 
Seine Männer folgten ihm den Bruchteil einer Sekunde verzögert. Während die Scherenpanzer, begleitet vom Rattern ihrer Motoren, in alle Richtungen ausschwärmten, näherte sich N’kahlus Trupp dem Gigantyras. 
Das Monster schien sich kaum für sie zu interessieren, was zweifelsohne kein Wunder war, angesichts seiner Größe. Jedoch war es ärgerlich, dass die ausschwärmenden Kämpfer ihn nicht ablenkten.
Der Sergeant biss die Zähne zusammen. »Erste Salve!«, befahl er lautstark. Wie brüllende Tiger preschten die Torpedos durch das Wasser, um dann in beeindruckend hellen Explosionen zu detonieren. 
Der Gigantyras quittierte sie mit einem Brüllen, das ebenso ein Achselzucken hätte gewesen sein können. 
Zu N‘kahlus Bestürzung schoss ihr Gegner mit unverändertem Tempo auf den Zyklopen zu. 
Du bist ein harter Brocken, was? Schauen wir mal, ob du hart genug bist. 
Er betätigte einen Regulator und verlieh seinem Heckantrieb maximale Leistung. Röhrend schwamm er auf seinen Feind zu. 
Die massiven Kiefer des Gigantyrass öffneten sich und ein Schlund messerscharfer Zähne, die größer als er selbst waren, schossen dem Sergeant entgegen. Die spinnenbeinartigen Greifer räkelten sich in freudiger Erregung. 
Mit einer eleganten Rolle wich N‘Kahlu dem eher halbherzigen Angriff aus, der Gigantyras schien ihn immer noch nicht als Bedrohung abzutun. 
Dann warte mal ab. 
Er schoss in Richtung des Kopfes und während seines Ansturms aktivierte er die Klinge, die im Armgelenk des Scherenpanzers verankert lag. Ein Blick auf seine Geräte zeigte ihm, dass seine Kameraden direkt hinter ihm waren. Mit einem Satz landete er auf dem Kopf des Gigantyras und hielt sich an dem beeindruckenden Horn fest. Dann stieß er mit der Klinge zu, um sich zu verankern. 
Sie glitt in den Kopf, schien allerdings nicht ansatzweise durch den Schädel des Ungetüms zu dringen. Der Gigantyras registrierte ihn nicht einmal.
Eine Sekunde später kam Cossack zu ihm geeilt. 
Der Sergeant griff ihn bei der Hand und schleuderte ihn vorwärts, während er sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Strom stemmte. 
Cossack landete im Gesicht des Gigantyrass und trieb ihm seine Klinge wieder und wieder durch die Augen. Eine hellblaue, stark leuchtende Flüssigkeit trat daraus hervor, als das Messer sie zum Platzen brachte. Ein Kreischen drang durch den Ozean, das N‘Kahlu in seinen Grundfesten erschütterte. 
Du hast dich mit uns angelegt, jetzt zahle auch den Preis dafür, dachte er grimmig. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Einer der Greifarme des Gigantyras schoss auf Cossacks Scherenpanzer zu und bevor dieser reagieren konnte, drang die riesige Klaue durch seine Aspexylpanzerung, als wäre sie ein Stück Butter. 
Sie durchbohrte den Piloten und zerfetzte seinen Torso. Cossack starb in einer Fontäne aus Blut und Eingeweiden. Dann verschwand er, samt Anzug, im klaffenden Maul des Ungetüms und ein metallisches Knirschen verriet, dass der Gigantyras ihn gerade mit einer animalischen Wut zerkleinerte. 
»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Sergeant. Wut keimte in ihm auf.
Dann schien das Monster noch einmal an Geschwindigkeit aufzunehmen und N’Kahlu konnte nicht anders, als sich zurücktreiben zu lassen. Dass ihr Feind nicht mit seinen Augen navigierte, war ihm in dieser düsteren Tiefe ohnehin klar gewesen, aber immerhin schienen ihre Klingen dort Schaden und Schmerz anrichten zu können.
Verdammt Cossack, warum hast du nicht aufgepasst? 
Der minimale Abstand, den der Zyklop erlangt hatte, schmolz in wenigen Sekunden. 
Wir haben ihn allerhöchstens wütend gemacht, schoss es durch N‘Kahlus Kopf. 
Mit einem unglaublichen Satz schoss der Gigantyras auf das U-Boot zu und drosch mit seinem Schädel darauf ein. Seine Fangarme schnappten nach dem Zyklopen, konnten aber zunächst keinen Halt finden. Dann ertönte ein unheilverkündendes Grollen, als das Horn des Monsters durch den harten Panzer stieß. 

***

»Er hat uns getroffen!«, fluchte Daisy lautstark, während sie mit dem Gigantyras um die Beherrschung über das Schiff rang.
Im Griff des Feindes schaukelte es bedrohlich auf und ab und ihre Anzeigen leuchteten krebsrot auf. »Sein Horn hat den Panzer beschädigt, ich werde sicherheitshalber die hinteren Schotts schließen müssen.« Ein unglaublicher Ruck ging durch das U-Boot, als der Gigantyras erneut versuchte, seine Fangarme in die Außenbordwand zu rammen. Ein zorniges Brüllen verkündete, dass ihr Feind von seinen Misserfolgen gereizt zu sein schien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es nun umso heftiger zu versuchen. Die elektronischen Monitore flackerten für eine Sekunde auf. 
»Wenn er uns hier unten ein Leck schlägt, sind wir geliefert!«, fluchte der Chefnavigator lautstark. 
»Er umklammert das Steuer, ich kann nichts machen!«, zischte Daisy, Clynnts ständiger Missmut ging ihr allmählich auf die Nerven. Wieder durchzog den Zyklopen ein Beben und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wenn das so weiterging, würde der Gigantyras wichtige Elemente des U-Boots zerstören und sie für ewig in diesem nassen Grab verrotten lassen. 
Daisy steuerte hart nach rechts, aber ein lautes Knacken, das unheilverkündend durch das U-Boot hallte, verdeutlichte ihr, dass sie dadurch allerhöchstens das Steuer verlieren würde. Ein Fluch entwich ihren Lippen.
Clynnt und sein neuer Freund, der Copilot, beäugten sie mit einem eindringlichen Blick. 
Daisy war sich bewusst darüber, dass sie sich ihr Vertrauen erst erarbeiten musste, aber gerade hatte sie schlimmere Sorgen.
Ein Ruck ging durch den Zyklopen, gefolgt von einem schauderhaften Brüllen. Eine Gänsehaut formte sich auf ihrem Nacken. 
»Er musste was wegstecken«, stellte die Chefmechanikerin fest, dann setzte sich das U-Boot wieder in Bewegung. 
Noch waren sie im Spiel. Die Frage war nur, wie lange.

***

Die Idee war fast so wahnwitzig, dass sie nur von ihm kommen konnte.
»Sicher, dass du das durchziehen willst?«, knisterte es durch den Funk und der Sergeant erkannte Phillistas argwöhnische Stimme wieder. »Nicht, dass du Cossack die Ehre erweist, ihm als nächstes zu folgen.« 
»Aber genau das ist der Plan«, feixte N’Kahlu. »Zweite Salve!«, erneut schossen die Sternenfeuertorpedos auf ihr Ziel ein. 
Die Scherenpanzer bedrängten den Gigantyras von allen Seiten, sodass dieser sich vom U-Boot trennen musste. 
Mit einem Kreischen schnappte er nach einem der Männer und erwischte das Fußgelenk. Knirschend brach es ab, doch der Soldat war zunächst unversehrt.
»Dann hoffen wir mal, dass er keinen Mundgeruch hat!«, rief N’Kahlu, dann sprang er dem Monster entgegen und wurde von ihm verschluckt. 
Knirschend schlossen sich die Kiefer um ihn, doch der Sog war auf seiner Seite. 
Mit einer wahnwitzigen Hechtrolle schob er sich an den Zähnen der Bestie vorbei und befand sich nun in ihrem Rachen. 
Wenn ich deinen Panzer nicht durchstoßen kann, werde ich es halt von innen versuchen. 
Allerdings war seine Klinge dafür nicht stark genug. 
Ein schelmisches Lächeln zauberte einen Sonnenaufgang auf N’Kahlus Gesicht, während er Befehle in seine Konsole eingab. Er hatte sehr viel Liebe und Arbeit in seinen Scherenpanzer gesteckt und ihn eigenhändig modifiziert. Eines seiner Lieblingswerkzeuge würde ihm gleich seine freudige Aufwartung machen. Wieder öffnete sich das Maul der Bestie und N‘Kahlu musste mit ansehen, wie einer der Scherenpanzer in einer Wolke aus Blut und Schrott zu einem kleinen Haufen zermalmt wurde. Das einströmende Wasser schoss ihm entgegen und holte ihn fast von den Füßen. Die Überreste eines mechanischen Greifarms krachten gegen seine Scheibe, diese blieb jedoch glücklicherweise unversehrt. Ein Blick auf den blutigen Brei, der sich dazwischen befand, ließ seinen Magen jedoch rebellieren. Wenn es einen Anblick gab, an den man sich nicht gewöhnen konnte, dann war es der von getöteten Kameraden. In Stille ging N’Kahlu ein kurzes Gebet durch, dann riss er seine Brustplatte auf und fingerte geschickt das riesige Kreissägeblatt hervor, welches er an den linken Arm anheftete. 
Mit einem Kreischen aktivierte sich die Rotation auf bis zu 15 Umdrehungen die Sekunde. 
Das ist für die Jungs. 
Mit einem Satz rammte er die Waffe in das Fleisch des Gigantyras. 
Eine Blutfontäne kam ihm entgegengespritzt, während er den Rachen des Feindes von innen heraus verstümmelte. 
Brüllend wandte sich das Tier in Qualen und riss immer wieder das Maul auf und zu. 
Fast wäre der Sergeant in die Fangzähne geraten, was ein tragisches Ende für ihn bedeutet hatte. Knirschend kauten sie auf und ab, während er mit der Beherrschung über seinen Anzug kämpfte. Wasser und Blut schossen ihm gleichermaßen entgegen und färbten alles in ein dunkles Rot. 
Ich muss tiefer hinein. 
N‘Kahlu folgte dem Wasser in die Speiseröhre. 
Was für ein riesiges Ungetüm.
Seine Kreissäge durchtrenne das Fleisch wie Wachs. 
Blut besudelte seinen gesamten Anzug und wohin er auch ging, er wurde stets von einem unappetitlichen Schmatzen begleitet. In der Ferne hörte er das unregelmäßige Dröhnen des Herzschlages. 
Plötzlich traf ihn erneut das Wasser und dieses Mal konnte er nicht standhalten. 
Die Flut zog ihn mit sich, während das Sägeblatt wild umschlug und willkürlich Fleisch durchtrennte. Plötzlich blieb er stecken und das Blatt kam zum Stillstand. 
Verfluchter Mist! 
Immer mehr Wasser drang auf ihn ein, bis der Strom so stark war, dass er die Verbindung zwischen Arm und Säge einfach entzwei riss. 
Er taumelte gegen eine Membran und verfing sich darin, als wäre er in einem Spinnennetz gelandet. Blut und Sekrete liefen an ihm herunter, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Das Mikrofon aktivierte sich knisternd. 
»Wir haben seine Augen zerstört. Und was zur Hölle du da drinnen auch gemacht hast, der Zyklop hat einiges an Vorsprung gewonnen. Komm da raus, wir feuern die Torpedos ab, bevor es zu spät ist.« 
»Ich hänge fest. Schießt, solange ihr noch könnt. Das ist ein Befehl«, erwiderte der Sergeant.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. 
Seinen Leuten war es bestens bewusst, dass er es nicht duldete, wenn sie sich seinetwegen in Gefahr brachten. Nicht wenn der Sieg so nahe war. Entweder er schaffte es heile hier raus, oder er würde mit dem Gigantyras untergehen. 
»Feuert endlich!«, fluchte er lautstark. »Bevor wir alle draufgehen.« 
Er versuchte abermals sich freizukämpfen. Erfolglos. Das klebrige Sekret hielt ihn eisern fest.
Ein letztes Mal räusperte sich der Mann am anderen Ende der Leitung. »Es war mir eine Ehre, Sir.«
N’Kahlu atmete tief durch und schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Dann brach die Hölle über ihn herein. 

***

Auf der Kommandobrücke des Zyklopen herrschte betretenes Schweigen, während der Feuerball der Mittelstrecken-Torpedosalve den Gigantyras in Stücke riss und seinen Leichnam in Richtung Meeresgrund sinken ließ. Drei Männer hatten sie gerade verloren, drei Männer, die niemals zu ihren Familien zurückkehren würden. Falls sie denn welche hatten. Daisy Lee wandte sich als erstes von ihrem zerstörerischen Werk ab. »Sind alle an Bord?«, fragte sie angespannt. »Wir sollten hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Ungeheuern auftauchen.« Sie blickte kurz zu Clynnt, der einen verdrießlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Und schnell die anderen finden«, sagte sie und war sich das erste Mal bewusst, dass sie das Richtige tat.

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22. Teil – Das Ende des Zeitvektors (1/3)

Es war ihnen allen klar, dass sie hier nicht bleiben konnten. Die Sicherheitskräfte würden ihre Anstrengungen, ihre Maschine aufzubrechen, sicherlich bald erhöhen.
»Unser Ziel ist das Jahr 2008«, sagte Giwoon. »Bis dorthin sollte uns der Temporalprozessor noch bringen können.«
»Ins Jahr 2008?«, fragten Khendrah und Thomas. »Woher wisst Ihr …?«
»Später«, sagte Giwoon, der bereits dabei war, ihre Abreise aus dem Jahre 2110 vorzubereiten.
»Bitte setzt euch und schnallt euch an. Ich weiß nicht, ob die Maschine noch eine ruhige und sanfte Reise durch die Zeit gewährleisten kann.«
Er wartete noch, bis alle Sicherheitsgurte eingerastet waren, dann legte er seine Hand auf die Steuerkugel und aktivierte den Slider. Die Geräusche, die dabei entstanden, sprachen Bände. Es war sowohl Giwoon, als auch Fancan klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Trotzdem versank die Realität, die sie vorher noch über die Bildschirme im Innern der Maschine beobachten konnten, im Nebel. Sie waren auf der Reise. Es war ihnen klar, dass es nur eine kurze Reise werden würde, doch bereits wenig später ertönte ein Alarm.
Aufgeregt checkte Giwoon, die Steuerung.
»Festhalten, wir stürzen in die Realität zurück!«, brüllte er noch – dann war es auch schon geschehen. Auf den Bildschirmen tauchte das Bild eines ausgedehnten Waldes auf und im nächsten Moment stürzte der Slider in die Baumkronen hinein. Giwoon versuchte noch, etwas dagegen zu unternehmen, doch die Maschine schlug bereits auf dem Waldboden auf. Sie wurden hart in ihre Gurte gepresst und für einen Moment hatten sie das Gefühl, sie würden keine Luft mehr bekommen. Dann lag der Slider still.
»Was ist geschehen?«, fragte Khendrah, nachdem sie ihren Gurt gelöst hatte und sich vergewissert hatte, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hatte.
»Was soll schon geschehen sein?«, fragte Giwoon. »Es ist genau das passiert, was ich befürchtet habe: Dieser Slider wird uns nicht mehr durch die Zeit transportieren können.«
»Und was tun wir dann jetzt?«, wollte Thomas wissen, »Gibt es eine Möglichkeit, das Ding zu reparieren?«
Giwoon schüttelte den Kopf.
»Dazu fehlen uns Ersatzteile, deren Herstellung in dieser Epoche einfach nicht möglich ist.«
Er wandte sich seinen Instrumenten zu und schaltete daran herum. Nach einer Weile hellte sich seine Miene auf.
»Ganz so schlimm ist es nicht«, stellte er fest. »Der Slider ist noch immer flugtauglich und … wir befinden uns im Jahre 2014. Das reicht noch völlig aus, um unseren Auftrag noch zu erfüllen.«
»Auftrag?«, wunderte sich Khendrah. »Von was für einem Auftrag reden wir denn hier?«
Giwoon und Fancan sahen sie einen Moment schweigend an, dann brach Fancan das Schweigen:
»Wir sind im einhundertzwölften Jahrhundert aufgebrochen, um den Zeitvektor der obersten Behörde zu vernichten.«
»Wie bitte?«, fragte Khendrah entgeistert. »Seid Ihr vollkommen übergeschnappt? Und überhaupt: Wie wollt Ihr das anstellen? Der Vektor erstreckt sich über unzählige Zeitalter. Er ist unzerstörbar.«
»Das, mein Schatz, ist er sicherlich nicht«, entgegnete Fancan. »Das Zeitsystem des Vektors benötigt ungeheure Mengen an Energie, wie du dir sicher vorstellen kannst. Wir haben das immer einfach als naturgegeben hingenommen, weil es eben immer schon so war, aber Giwoon und seine Leute haben ermittelt, dass es eine Vorrichtung am unteren Ende der kontrollierten Zeit gibt, die ihre Energie für den gesamten Vektor direkt aus der Sonne bezieht. Wenn wir diese Vorrichtung zerstören, wird sich der Vektor Stück für Stück auflösen.«
Khendrah stand der Mund vor Staunen weit offen. Sie konnte nicht glauben, was ihre Freundin ihr da erklärte.
»Das kann doch nicht euer Ernst sein!«, protestierte sie. »Es würde alles im Chaos versinken.«
»Das ist nicht richtig«, stellte Giwoon klar. »Anders herum wird ein Schuh daraus. Ihr habt das Chaos erst möglich gemacht. Wir haben nur eine Chance: Die Vernichtung des Vektors, um der Zeit Gelegenheit zu geben, sich zu erholen.«
Khendrah schüttelte immer wieder den Kopf.
»Ihr könnt das System nicht vernichten«, wandte sie wieder ein. »Es arbeiten sicherlich viele Hunderttausend Menschen für die Oberste Behörde. Was würde mit ihnen geschehen, wenn die Energieversorgung gekappt wird. Würden sie nicht sterben?«
»Nein Khendrah, das werden sie nicht«, beruhigte sie Giwoon. »Das war eines unserer Hauptanliegen, dieses Projekt unblutig abwickeln zu können. Die Energie wird von der Sonnenzapfanlage ganz weit unten in der kontrollierten Zeit eingespeist und fließt dann entlang der Zeitlinien in die Zukunft. Jede aktive Abteilung entnimmt nur so viel Energie, wie sie benötigt, um das System zu stabilisieren. Wenn die Quelle versiegt, beginnt der Vektor von unten her, sich aufzulösen. Sobald das geschieht, wird es einen Alarm geben, der bis in die ferne Zukunft reichen wird. Jeder wird noch die Gelegenheit haben, in die Realität zu entkommen, bevor es zu spät ist. Der Prozess wird sich über Wochen hinziehen, besagen unsere Berechnungen.«
»Und wenn Jemand nicht rechtzeitig geht?«, fragte Khendrah.
»Dem ist auch nicht zu helfen«, antwortete Giwoon knapp. »Dafür tragen wir nicht die Verantwortung. Bist du nun dabei, oder nicht?«
Er blickte Khendrah forschend und erwartungsvoll an. Sie wandte sich Hilfe suchend an Thomas.
»Mich darfst du nicht fragen«, sagte dieser. »Ich habe noch nie viel davon gehalten, die Zeit zu manipulieren. Du erinnerst dich? Ursprünglich haben wir uns kennen gelernt, weil du mich töten wolltest.«
»Jetzt reite nicht wieder darauf herum!«, schimpfte Khendrah. »Es ist einfach schwer für mich, dass alles, an das ich bisher geglaubt habe, plötzlich infrage gestellt wird. Angenommen, wir schaffen es und können diese Sonnenzapfanlage wirklich zerstören, was wird dann geschehen? Was wird mit uns geschehen? Könnte nicht einfach ein Reparaturtrupp aus dem Vektor hier auftauchen und den Schaden beheben?«
»Hey!«, rief Fancan und wandte sich an Giwoon. »Khendrah hat nicht ganz Unrecht. Wenn hier ein Reparaturtrupp auftaucht, ist unsere ganze Arbeit vergebens und außerdem hätten wir auch noch den Sicherheitsdienst der Obersten Behörde am Hals.«
Giwoon lachte leise, was Fancan ärgerlich machte.
»Giwoon!«, schimpfte Fancan. »Das ist nicht zum Lachen! Wenn der Sicherheitsdienst hier auftaucht, sind wir geliefert. Sie würden uns ohne Weiteres liquidieren.«
Giwoon wurde wieder ernst.
»Ja, das ist ja auch ihre liebste Lösung«, sagte er bitter. »Wenn es Probleme gibt, muss eben Jemand sterben. Ihr wollt wissen, warum ich so gelacht habe? Das kann ich euch erklären: Ich habe von der Basis im Jahre 6000 aus meine Recherchen betrieben und dabei herausgefunden, dass die Oberste Behörde vor vielen Relativjahren eine Zeitkorrektur beschlossen hatte, die unter anderem dazu geführt hat, dass die Technologie des Sonnenzapfens verloren gegangen ist.«
»Wie bitte?«, fragte Fancan, »Das kann doch nicht sein. Wenn die Technologie nicht mehr verfügbar ist, kann die Anlage auch nicht installiert worden sein. Das wäre ein Paradoxon.«
»Ja, das wäre es, wenn nicht die Technologie vorher von der Obersten Behörde in den Vektor importiert worden wäre«, sagte Khendrah. »Das machen sie immer so. Im Vektor gelten andere Gesetze. Eine einmal importierte Technologie kann von uns Zeitagenten oder den Technikern angewendet werden, ohne, dass es zu einem Paradoxon kommen kann. Insoweit stehen wir noch immer vor dem Problem, dass ein Reparaturtrupp hier erscheinen könnte.«
»Nein«, sagte Giwoon schlicht. »Und zwar, weil ich die Daten in der zentralen Datenbank gelöscht habe. Das gleiche habe ich mit den Backups gemacht. Dann gab es noch die Kristallspeicher im 7500. Dort lagert all das alte Wissen aller Zeitalter. Was soll ich sagen? In meiner Eigenschaft als Techniker hatte ich uneingeschränkten Zugriff auf die Kristallspeicher. Vor längerer Zeit war ich dort und sorgte dafür, dass es einen kleinen Brand in einem der Lager gab. Vielleicht habt Ihr davon gehört. Die Hitze war so groß, dass sämtliche Kristallspeicher in diesem Raum unbrauchbar wurden. Ratet mal, welche Informationen dort gelagert haben.«
»Dann haben sie wirklich keine Möglichkeit, das System wieder in Gang zu bringen, wenn wir es zerstören«, stellte Khendrah fest.
Giwoon hielt ein kleines, handliches Gerät hoch.
»Das hier wird das Schicksal des Zeitvektors besiegeln«, sagte er. »Wir müssen es so nah wie möglich an die Sonnenzapfanlage bringen und dann zünden. Die freigesetzte Energie wird einen Impuls erzeugen, der jedes Gerät in einem bestimmten Umkreis zerbersten lassen wird.«
»Tolle Idee«, meinte Thomas. »Was willst du tun, wenn die Anlage irgendwo inmitten einer Stadt installiert wurde?«
»Das wird nicht der Fall sein«, machte Giwoon klar. »Man hatte kein Verlangen danach, dass diese Anlage gefunden wird. Zugänglich ist sie nur in den wenigen Jahren nach ihrer Installation und das ist in den ersten Jahren des einundwanzigsten Jahrhunderts. Wir können von Glück sagen, dass wir noch innerhalb dieser Zeitspanne gelandet sind, sonst könnten wir unseren Plan abschreiben. Ich vermute, dass wir uns irgendwo im Hochgebirge umsehen müssen.«
Er drückte eine Taste an dem Gerät, worauf es in Abständen zu piepsen begann. Ein kleiner Monitor an seiner Oberseite erhellte sich.
»Hast du dieses Ding jetzt etwa scharf gemacht?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, ich habe nur die Suchfunktion aktiviert. Unsere Techniker haben es so konstruiert, dass es sein Ziel selbst suchen kann. Wir müssen nur dem Signal folgen, wenn die Suche erfolgreich ist.«
Gebannt starrten sie alle auf den kleinen Monitor auf dem Gerät in Giwoons Hand. Ein kleiner, sich drehender Zeiger signalisierte, dass es noch dabei war, seine Umgebung zu scannen.
»Wo befinden wir uns denn eigentlich selbst?«, fragte Thomas. »Ich habe zwar gesehen, dass wir in einen Wald gestürzt sind, aber wo ist dieser Wald?«
»Das haben wir gleich«, sagte Giwoon, »sie hatten damals bereits ein System, das ihnen eine Positionsbestimmung auf dem Planeten ermöglichte. Es war zwar recht primitiv, aber es sollte uns zumindest sagen können, wo wir uns ungefähr befinden.«
Er drehte an der Steuerkugel herum. Für Fancan war nie zu erkennen, was Giwoon da eigentlich genau tat, denn gleich, was er erreichen wollte, er drehte immer an dieser Kugel herum. Für sie machte es keinen Unterschied, ob er den Flug kontrollierte, oder nur die Kabinenbeleuchtung regulierte. Mit einem Mal wechselte die Anzeige auf der Kugel. Ein Abbild der Erde wurde angezeigt. Darauf blinkte ein kleiner roter Punkt.
»Da sind wir«, sagte Giwoon triumphierend und zeigte mit dem Finger auf den Punkt, »zentralafrikanischer Kontinent. Die Gegend hier ist selbst in dieser Zeit noch sehr einsam und verlassen.«
»Und wo müssen wir nun hin?«, wollte Khendrah wissen. »Wenn der Slider noch flugtauglich ist, sollten wir vielleicht bald von hier verschwinden, bevor Neugierige hier auftauchen.«
»Ich glaube zwar nicht, dass wir bei unserer Bruchlandung Zuschauer hatten, aber wir sollten uns wirklich nicht zu lange an einem Fleck aufhalten.«
Giwoon ließ die Aggregate für den atmosphärischen Flug anlaufen. Ein leises Summen erfüllte die Kabine.
»Schaut mal!«, rief Fancan, die das kleine Ortungs- und Zerstörungsgerät in der Hand hielt. »Jetzt zeigt der Monitor etwas an. Ich weiß nur nicht, was es bedeutet.«
Giwoon schaute darauf.
»Das sind Flugvektoren und Distanzdaten. Ich werde sie in die Steuerung eingeben, dann kann die Steuerkugel uns genau zeigen, wo unser Ziel liegt. Diktiere mir bitte mal die Zahlen, ja?«
Fancan gab sie ihm langsam und exakt durch, während Giwoon sie in das Terminal eingab. Anschließend zeigte die Steuerkugel eine gelbe Linie an, die vom roten Punkt ausging, der ihren Standort bezeichnete. Interessiert verfolgten sie diese Linie mit ihren Blicken und endeckten ihr Ende mitten im Himalaja.
»Wie ich es gesagt habe!«, rief Giwoon triumphierend. »Der Himalaja! Ein Zentralmassiv – nur dort können sie die Energieversorgung installiert haben, denn dort schauen nicht oft Menschen vorbei und man kann davon ausgehen, dass der Himalaja auch in vielen Tausend Jahren noch existieren wird.«
»Sag mal Giwoon«, meldete sich Thomas zu Wort, »wie kann ein so kleines Ding über so eine gewaltige Strecke hinweg ein Kraftwerk orten, dass sich inmitten eines Gebirges befindet? Das ist doch nicht möglich.«
Giwoon drehte sich verblüfft zu Thomas um.
»Natürlich kann es das«, sagte er verständnislos, doch dann fiel ihm etwas ein.
»Ach, ich weiß, was du meinst. In den unteren Jahrhunderten – vielleicht sogar in den unteren Jahrtausenden – nutzte man überwiegend elektrische Energiequellen. Wenn es eine Anlage wäre, die mit Elektrizität arbeitet, könnten wir sie in der Tat nicht orten.«
Er deutete auf die Darstellung des Himalaja und tippte mit dem Finger auf die Steuerkugel.
»Mit elektrischer Energie könnte man niemals ein Gebilde wie den Vektor aufrecht erhalten. Dazu braucht es schon eine weitaus effektivere Energiequelle. In diesem Fall nutzte man noch die in meiner Zeit bereits veraltete Quarkstrom-Technologie und die erzeugt ein Feld, das man sogar aus noch viel größerer Entfernung anmessen kann.«
»Quarkstrom-Technologie«, sagte Thomas ungläubig, »wenn du mich verscheißern willst, dann sag es besser gleich.«
»Ich will dich nicht veralbern«, verteidigte sich Giwoon, »nur, weil man sich zu deiner Heimatzeit noch keine praktische Nutzung der Quarks vorstellen konnte, muss es doch nicht heißen, dass spätere Zeitalter keine bahnbrechenden Entdeckungen mehr machen können. In meiner Heimatzeit versorgen wir uns mithilfe der Cherts mit Energie. Das ist sicher und umweltfreundlich.«
»Was sind Cherts?«, fragte Khendrah, »Ich bin zwar keine Physikerin, aber ich habe noch nie von so etwas gehört.«
Giwoon winkte ab.
»Lassen wir das«, sagte er, »ich denke, die Cherts sind bis zum oberen Ende des Vektors noch überhaupt nicht entdeckt worden.«
Er hielt wieder das Gerät hoch, welches das Ende des Vektors bedeuten sollte.
»Das Ding hier arbeitet mit Cherts«, erklärte er, »es wird niemals eine neue Energiequelle bekommen müssen. Es bezieht seine Energie direkt aus dem kosmischen Gravitationsfeld.«
»Mir wird das jetzt zu hoch«, gab Thomas bekannt.
»Meinst du, mir ginge es anders?«, fragte Khendrah und sah zu Fancan hinüber, die ebenfalls nur die Schultern zuckte.
»Vielleicht sollten wir allmählich aufbrechen«, schlug sie vor.
»Genau das werden wir jetzt auch tun«, sagte Giwoon. »Symeen, meine Mutter hatte mich nämlich davor gewarnt, dass es in dieser Zeit bereits eine recht einfache, aber effektive Methode gibt, Flugkörper zu orten. Sie strahlten ein Signal ab und wo es reflektiert wurde, musste zwangsläufig ein Flugkörper sein.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 12.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 8 – Die Gashöhlen

Als der klaffende Schlund ihn verschluckte, war Archweyll noch nicht bewusst gewesen, welchen Gefahren er sich damit ausgesetzt hatte. Die abstrakten Felsformationen glitzerten im Licht seiner Scheinwerfer rostrot und formten grinsende Grimassen, die ihn aufgrund seiner hoffnungslosen Lage zu verspotten schienen. 
Verloren auf dem Grund des Ozeans. 
Er verkniff sich eine Reaktion und schritt weiter in die Tiefe. Surrend befolgten die Gelenke des Scherenpanzers seine Befehle. 
Es ging in einer leichten Senkung bergab und schnell bekam der Kommandant das Gefühl, in einem großen Canyon gelandet zu sein. Fast dreißig Meter ragten die Klippen nun über ihm auf und das matte Leuchten der seltsamen Pflanzen reichte kaum noch, um sich zu orientieren. Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass er sich nicht durch eine enge Höhle oder ähnliches kämpfen musste. Das Gestein wurde von seltsamen grauen Pocken besetzt, die ihm irgendwie ein kränkliches Aussehen verliehen. Winzige silberne Schemen flitzten durch den Schein des Lichtes und waren wieder verschwunden, bevor Archweylls Auge sie genau erfassen konnte. Herkömmliche Pflanzen gab es hier keine. 
Wie denn auch, ohne Sonnenlicht? Instinktiv überkam den Kommandanten ein schauderhaftes Gruseln, als er sich die Frage stellte, was die seltsamen leuchtenden Augen angesichts dieser Tatsache dann für Lebewesen waren. 
Nachdem der Canyon einen steilen Knick vollführte, stand Archweyll plötzlich vor einer Wand. 
Eine Sackgasse. 
Er unterdrückte das drängende Gefühl, verächtlich ausspucken zu müssen. Seinen Schätzungen zufolge, war er kaum eine halbe Meile von der Quelle des metallischen Glitzerns entfernt. Aber jetzt umzukehren und einen neuen Weg zu finden, würde ihm Stunden, wenn nicht gar Tage an Zeit rauben. Und hier unten war nichts gewiss, das war das wohl einzig sichere. 
Plötzlich bemerkte Archweyll einen Spalt, der unter der Felswand durchzuführen schien, kaum groß genug, um sich hineinzuzwängen. Ein klaffendes schwarzes Loch öffnete sich im Boden unter ihm und schien ihn hungrig zu erwarten. Für eine Sekunde wägte der Kommandant seine Möglichkeiten ab. 
Er aktivierte den Scan, um weitere Informationen zu erhalten. 
Seinen Daten zufolge hatte er den Zugang in ein Labyrinth entdeckt, bestehend aus unzählbar vielen Gängen und Kreuzungen, Kavernen und Durchgängen. Wenn er Glück hatte, könnte er dadurch einen Umweg vermeiden. 
Allerdings war sich Archweyll durchaus bewusst, dass es auch mit einem hohen Risiko verbunden war, in ein unbekanntes Höhlensystem hinabzusteigen.  Doch andererseits… was für eine Wahl blieb ihm denn? Er war drauf und dran hinabzusteigen, als der Scan eine Warnung ausspuckte. »Achtung: Gasförmige Lebensform lokalisiert, unbekannte Auswirkungen auf Scherenpanzer. Gefahrenstufe gelb.« 
»Wenn es weiter nichts ist«, feixte der Kommandant, dann sprang er in das Loch.

                                                                          ***

Nichts wollte funktionieren. Die völlige Finsternis hatte ihre Hoffnung genauso verschluckt wie ihren Anzug. Es war Tamara wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis sie endlich auf den Grund gestoßen war. Eine weitere Ewigkeit verharrte sie nun schon hier, in absoluter Stille. 
Die Aussicht, jemand würde kommen, um sie zu holen, schwand mit jeder verstrichenen Sekunde. Ihre Versuche, den Scherenpanzer wieder zum Laufen zu bringen, waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen und spätestens nachdem sie versehentlich die Hauptleitung gekappt hatte, gab sie es auf. Tamara war eine Kriegerin, keine Technikerin. Und selbst wenn es ihr eigener Kodex verlangte, niemals aufzugeben, sah sie doch gerade kein Licht, am Ende des wirklich dunklen Tunnels. Ein einziges Mal hatte sie das Licht ihrer Lampe angemacht, um für eine Sekunde nach draußen zu leuchten, nur um sich von dem Anblick, der sich ihr bot, derart zu erschrecken, dass sie sich seitdem nicht mehr getraut hatte. 
Ein wurmähnliches Etwas hatte sich vor ihr durch den Boden gesaugt und ein weiteres war beim Anblick des Lichtes kreischend von einer Anhöhe auf sie hinabgestürzt, hatte aber ohne Schaden anzurichten wieder das Weite gesucht. 
Seitdem vernahm sie überall das Schmatzen dieser Lebewesen und das Wummern ihres eigenen Herzens. Oder bildete sie sich das nur ein? 
Die Schatten um sie herum formten wurmartige Schlangen, die sich förmlich an sie schmiegten.Ihr Gehirn spuckte allerlei grausame Szenarien aus, doch noch gelang es ihr, die Fassung zu bewahren. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, nur um in sich zu kehren. Was sie brauchte, war ein Plan. Aber so fieberhaft sie auch einen suchte, derzeit kam ihr nichts in den Sinn, außer abwarten. Und das gefiel ihr gar nicht. Das Geräusch der arbeitenden Würmer wurde immer lauter und langsam ließ es Tamara panisch werden.
»Was zur Hölle ist hier nur los?«, brach es wütend und gleichzeitig ängstlich aus ihr heraus. 
Sie unterdrückte nur mit Mühe eine Panikattacke. Noch nie hatte sie sich so ausgeliefert gefühlt. 
Auf einmal ertönte unter ihr ein knackendes Geräusch. 
Bevor sie registrieren konnte, woher es stammte, brach plötzlich der Boden unter ihr zusammen. Tamaras Anzug fiel einige Meter in die Tiefe und tauchte ein in ein Meer aus sich windenden Leibern. Ein panischer Aufschrei entwich ihren Lippen und verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein ängstliches Schluchzen. 
Die Würmer. Sie haben mich untergraben und jetzt kommen sie mich holen. 
Die Lebewesen machten sich daran, den Anzug zu zerlegen. Es würde ihnen zweifelsohne einiges abverlangen, durch das Metall zu kommen, aber Tamara war sich sicher, dass es sich nur um wenige Stunden handeln konnte, bevor sich eines dieser Wesen durch ihren Körper bohrte. 
Ein saugender Rüssel voller spitzer Zacken saugte sich schlürfend an der Frontscheibe fest. 
Schockiert und gleichzeitig angewidert drehte sie sich weg. 
»Arch, wo bist du?«, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum noch mehr als ein Flehen. 

                                                                  ***

Als sein Licht die massiven Höhlenwände überflog, geriet der Kommandant ins Staunen. 
Das Wasser hier unten schillerte wie Öl, in den Farben des Regenbogens. 
Zweifelsohne lag das an dem Gas, das hier unten durch die Kanäle waberte und in konzentrierter Form auftauchte. Allerdings war sein Scherenpanzer so dicht von außen abgeschottet, dass er nicht befürchtete, davon betroffen zu sein. 
Mit einem schnellen Blick versuchte Archweyll sich zu orientieren. Er war in einem Gang gelandet, der in zwei Richtungen führte. Nun würde der Scan ihm den Weg weisen. Schnell eilte er den engen kreisrunden Tunnel entlang, bedacht darauf, seinen Wänden nicht zu nahe zu kommen und stets einen Blick auf die Decke zu behalten. Jede mögliche Öffnung nach oben war ihm willkommen. Doch plötzlich hielt er abrupt inne. 
Dieser Tunnel war viel zu eben und perfekt gerundet, als das die Natur ihn jemals hätte von selbst erschaffen können. Hier hatte sich etwas durch das Gestein gewühlt und es war groß. 
Vorsichtig schlich Archweyll weiter, jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, seine Augen weit aufgerissen. Wenn er genau hinsah, erkannte er viele kleine Löcher, die in den großen Tunnel mündeten. 
Hier unten lebt etwas. 
Mit einem Knopfdrücken fuhr er die Klinge aus, die am rechten Handgelenk seines Anzuges verankert lag, und hielt sie eisern umklammert. 
Sollen sie nur kommen. Ich werde sie wärmlichst empfangen.
Er ging leicht in die Hocke, um sich besser auf einen Angriffssprung vorzubereiten. 
Der Tunnel vollzog eine Wendung und in einiger Entfernung erkannte der Kommandant eine Öffnung, die an die Oberfläche zu führen schien. Plötzlich streifte sein Licht einen saugrüsselähnlichen Kopf. 
Kreischend warf sich der Wurm ihn entgegen, ein Geräusch, als würden zwei Kreissägenblätter im wütenden Kampf aufeinandertreffen. Er fuhr seinen Rüssel zu voller Länge aus und eine spitze, mit Dornen besetzte Zunge stieß daraus hervor, um die Panzerscheibe zu durchstoßen. Krachend prallte das Todeswerkzeug davon ab und ließ Archweyll die Zeit, die er brauchte, um anzugreifen. Er sprang nach vorne und rammte das Messer in das, was man einen Kopf nennen könnte. Blut ergoss sich wie dunkelroter Rauch in das Wasser. Die Kreatur war sofort tot. 
Eine rot leuchtende Anzeige und eindringliche Warnsignale erforderten die sofortige Aufmerksamkeit des Kommandanten. Schwer atmend studierte er die Monitore.
»Verflucht!«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihm bewusst wurde, dass der Angriff des Wurms einen Mikroriss in der Scheibe verursacht hatte. 
»Druckstabilisator aktiviert. Benötigte Energieleistung erreicht kritische Schwelle. Standby«, knisterte es aus dem Lautsprecher.
Archweyll ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte seinen Feind unterschätzt. 
Auf einmal vernahm er einen eindringlichen Moschusduft. Noch bevor der Kommandant realisieren konnte, woher er stammte, nahm er aus dem Augenwinkel eine erneute Bewegung wahr, die ihn abermals ablenkte. Er richtete das Messer in die Richtung und ein Knurren entwich seiner Kehle. Der Geruch wurde intensiver. Archweyll merkte, wie sein Sichtfeld sich erweiterte. 
Er spürte die schwere Last des Wassers auf sich ruhen und der Tunnel verzerrte sich zu aberwitzigen Formen. Sein Herz begann zunehmend zu rasen und eine unsagbare Zufriedenheit hüllte ihn in eine daunengleiche Weichheit. 
Das Gas dringt ein, schoss es ihm durch den Kopf wie eine ordentliche Dosis. Erneut registrierte er eine Bewegung vor sich. Ein Schemen steuerte direkt auf ihn zu. Archweyll wischte sich gründlich die Augen, um sicherzustellen, dass er nicht träumte. 
Tamara kam auf ihn zu geschwommen, ihr flammenrotes Haar wallte in der Strömung und anstelle von Beinen besaß sie eine lange schillernde Schwanzflosse. Ihr Oberkörper war unbedeckt und sie zwinkerte ihm für eine Sekunde ein verruchtes Lächeln zu. 
Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, erstrahlte ihr Körper von innen heraus und das Licht tausender Sterne trat aus ihr heraus, verwandelte die Höhle in ein Explosion aus Farben, deren Spektrum sich wieder und wieder in unzählige Fragmente zerteilte. 
Archweyll spürte, wie ihm schwindelig wurde, der Tunnel erglühte in sämtlichen, ihm bekannten Farbvariationen, die sich einem Strudel gleichend um ihn bewegten. Wackelig machte er einen Schritt, dann noch einen. 
Ich muss es aufhalten, sonst wird es mich vernichten. 
Doch schon waren seine Gedanken wieder woanders. 
Sein Vater schwebte vor ihm, eine Flasche in der Hand. Mutter weinte. Dann ertönte ein undefinierbares Lachen. War doch alles gut? Menschen, deren Gesichter er nicht einordnen konnte, summten eine ihm vertraut vorkommende Melodie. Fassungslos ergab er sich dieser eigenartigen Welt. Unendliches Glück und tiefste Trauer erfüllten ihn gleichermaßen, er wollte lachen vor Freude und doch zerriss es ihm das Herz. Warum sollte er nicht ewig hier bleiben? Hier war alles, wie es sein sollte. Der Tunnel vor seinen Augen veränderte sich zu einem grünen Regenwald, der sich im Bruchteil einer Sekunde in glänzendes Glas verwandelte. Plötzlich erschien die Atharymn und segelte hindurch, verwandelte das ansehnliche Kunstwerk in ein Scherbenmeer, welches das Licht unendlich vieler Sonnen reflektierte. Sein Leben schien im Zeitraffer an ihm vorbeizuziehen. 
Er erlebte alles noch einmal: ihre Ankunft auf Nautilon, die schwere Zeit, während die Atharymn nicht einsatzfähig war, die Raumstation, die Leere, die Angst. Seine Beförderung zum Kommandanten zog an ihm vorüber, wie ein einzelnes Standbild, das an eine gewisse Emotion geknüpft war. Freude. Stolz. Weiter.
Er, als kleiner Junge, sein Vater erhob sich über ihm wie ein riesiges Monster. Angst. Hass. Weiter. Seine Mutter, sie lag im Sterben im hiesigen Apothekarium. Der Verlust. Die Leere. Weiter. Archweyll wurde bewusst, wenn er bei null angekommen sein sollte, war sein Leben verwirkt. Dann war er nie da gewesen, denn schließlich hatte es ihn nie gegeben. Archweyll Dorne hatte das Licht dieser Welt niemals erblickt. Emotionen brachen über ihn ein, die er nicht einordnen konnte. Und dann wurde alles schwarz und weiß. Er hatte das Ende erreicht.

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Korrekturen 21

21.Teil – Das Treffen (3/3)

»Was zum Teufel …«, entfuhr es Gunter, »wie fliegt denn dieser Irre?«
Im nächsten Moment schlug die Maschine in ihrer unmittelbaren Nähe ins Gebäude ein. Es konnte nur wenige Räume von ihnen entfernt sein. Das gesamte Gebäude schien zu vibrieren. Ein Teil der Deckenverkleidung stürzte herab, verletzte jedoch niemanden.
»Kann das ein weiterer Angriff von Thoben sein?«, fragte Thomas.
»Das ist eigentlich nicht möglich«, meinte Khendrah, »ich frage mich auch die ganze Zeit über, was das für eine Flugmaschine war. Ich kann mich nicht erinnern, so einen Flieger in den Aufzeichnungen dieser Zeit gesehen zu haben.«
»Dieser Zeit?«, echote Gunter, »Sie stammen aus einer anderen Zeit?«
Khendrah sah ihn ernst an, sagte jedoch nichts.
»Dann stimmt es also tatsächlich«, stellte Gunter fest.
Er hatte eine ungemein schnelle Auffassungsgabe.
»Jetzt verstehe ich auch, dass Sie mir nichts erzählen dürfen«, sagte er, »Sie kommen aus der Zukunft und sollen mich retten. Ist das richtig?
»Na gut«, gab Khendrah nach, »es wird nicht schaden, wenn ich Ihnen diese Kleinigkeit erzähle. Thoben wird von einem unserer Leute beraten, der abtrünnig geworden ist und nun eigene Ziele verfolgt. Er besitzt gewisse Kenntnisse über die relative Zukunft der nächsten Jahre. Um seine Ziele durchzusetzen, muss er Sie beseitigen lassen. Er hat Thoben davon überzeugt, dass er sie jetzt und hier ausschalten muss. Glücklicherweise erhielten wir Kenntnis davon und konnten seine Pläne durchkreuzen.«
»Aber, wenn er die Zukunft kennt, wird er immer wieder einen Schritt voraus sein und mich erledigen können«, meinte Gunter.
»Nein, denn wir haben seine Pläne durchkreuzt und somit die Zukunft bereits jetzt verändert. Seine Kenntnisse nutzen ihm nichts mehr. Er müsste zurückkehren und die Veränderung studieren, doch dieser Weg ist ihm für alle Zeiten verschlossen, beziehungsweise wir werden ihn verschließen.«
Ein Lärm im hinteren Teil des Raumes ließ sie aufhorchen. Khendrah und Thomas fuhren herum und sahen gerade noch, wie eine breite Tür aufgestoßen wurde. Es war hell im Hintergrund, doch verhinderten dicke Rauchschwaden, die Sicht auf den Raum hinter der Tür. Zwei menschliche Schatten tauchten daraus auf und betraten den Raum.
»Das ist Fancan!«, rief Thomas, »pass’ auf Khendrah!«
Khendrah war bereits in Deckung gegangen und hatte ihre Waffe gezogen.
»Gunter, gehen Sie sofort in Deckung«, sagte sie, »wir kennen diese Leute.«
Khendrah zielte locker in Richtung der beiden Neuankömmlinge und drückte ab. Ein Teil der Wand neben der Tür verschwand. Fancan und Giwoon hatten sich bereits mit einem Hechtsprung in Sicherheit gebracht.
»Khendrah!«, rief Fancan, »Nicht schießen! Wir wollen dich nicht töten!«
»Das soll ich dir glauben?«, fragte Khendrah, »Nach den Ereignissen im Jahre 2008? Wer ist das bei dir? Ein neuer Killer?«
»Khendrah bitte!«, rief Fancan, »Wir müssen reden – und ich meine reden. Ich werde mich jetzt erheben und meine Waffe fortwerfen. Bitte schieß’ nicht mit dem Anihilator auf mich.«
»Ist das ein Trick?«, fragte Khendrah, »Ich weiß genau, dass du den Auftrag hast, mich und Thomas zu liquidieren. Wie hast du mich überhaupt gefunden?«
Fancan erhob sich zögernd mit erhobenen Händen hinter einigen Schranktrümmern. Deutlich sichtbar warf sie ihre Waffe in den Raum.
Khendrah erhob sich nun auch, behielt aber ihre Waffe im Anschlag.
»Wo ist der Andere?«, fragte sie, »Ich will, dass auch er sich erhebt und seine Waffe wegwirft.«
»Giwoon, du kannst ihr trauen«, sagte Fancan, »tue, was sie sagt.«
Plötzlich tauchte ein Mann an einer Stelle auf, an der Khendrah nicht damit gerechnet hatte. Sie schluckte. Er hätte sie durchaus überrumpeln und töten können, hatte es aber nicht getan. Der Mann hielt ihr seine Handflächen entgegen und sagte mit sonorer Stimme:
»Ich bin nicht bewaffnet.«
»Ein Killer, der nicht bewaffnet ist?«, fragte Khendrah, »Für wie dumm hält mich die oberste Behörde eigentlich?«
»Khendrah«, sagte Fancan, »die Dinge haben sich gewaltig verändert. Giwoon ist kein Killer. Er war im Rechenzentrum des 6000. beschäftigt – so dachte ich wenigstens. Er ist mein Freund.«
Khendrah starrte ungläubig zwischen den Beiden hin und her.
»Du willst mir also weismachen, dass du eine Beziehung zu einem Mann innerhalb der Behörde hattest? Unbemerkt von allen?«
Sie machte eine Bewegung mit der Waffe.
»Kommt her!«, befahl sie, »Die Hände bleiben schön oben, damit ich sie sehen kann.«
Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete sie jede Bewegung der Beiden. Im Falle einer falschen Bewegung hätte sie nicht gezögert, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen.
»Auf die Knie!«, befahl sie weiter, »Die Hände hinter den Kopf!«
»Sag’ Khendrah, was hast du vor?«, fragte Thomas, dem die Situation nicht gefiel.
»Das weiß ich auch noch nicht«, antwortete sie, »aber jetzt will ich Antworten.«
»Mein Name ist Giwoon«, sagte der Mann ruhig, »ich arbeitete zum Schein als Techniker in der Jahresstation 6000. Dort lernte ich auch Fancan kennen, die wegen einer Recherche in unsere Station kam. Ich verliebte mich sogleich in sie und ich denke, ihr ging es genauso.«
»Wie romantisch«, sagte Khendrah ironisch, »und jetzt will dieses nette Pärchen und auslöschen, was?«
»Das ist doch Blödsinn!«, ereiferte sich Fancan.
»Lass’ mich weitererzählen, Fancan«, bat Giwoon, »du bist mir zu emotional. Also ich gehöre ursprünglich nicht zur Behörde, denn ich stamme aus einer Zeit weit in der Zukunft, weit jenseits des Jahres 8000. Ich stamme aus dem einhundertzwölften Jahrhundert.«
»Das, …das … das ist nicht möglich«, sagte Khendrah, »es ist nie gelungen, die Grenze um das Jahr 8000 zu überschreiten. Die Zeit verändert dort ihren Charakter und ist für Zeitreisen nicht mehr verwendbar.«
Giwoon grinste.
»Das solltet ihr glauben«, sagte er, »damit wir in Frieden leben können. Wir haben eine Sperre installiert, die euch daran hindert, bis zu unserer Zeit vorzudringen. Doch wir mussten lernen, dass auch das nicht ausreicht, eure dilletantischen Zeitmanipulationen von uns fernzuhalten. Ich habe Fancan mit in meine Zeit genommen, um ihr zu zeigen, wie wichtig es ist, etwas gegen eure oberste Behörde zu unternehmen.«
»Das sind doch Märchen!«, brauste Khendrah auf.
»Nein, es stimmt alles!«, rief Fancan, »Wir sind mit einem Slider in Giwoon Zeit gestartet, um euch hier zu treffen. Im einhundertzwölften Jahrhundert ist man äußerst exakt darüber informiert, was in der Zeit vorgeht. Wir sollen euch hier treffen und mitnehmen.«
»Mitnehmen? Wohin?«
»Könnten wir uns darauf einigen, dass wir nicht beabsichtigen, euch zu schaden?«, fragte Giwoon, »Meine Arme schlafen allmählich ein. Fancan und ich sind unbewaffnet und haben wirklich nicht vor, euch anzugreifen oder gar zu töten.«
Zögernd ließ Khendrah ihre Waffe sinken.
»Gut, steht auf«, sagte sie, »aber ich werde meine Waffe schussbereit halten.«
Fancan lächelte.
»Du warst immer schon die professionellere Agentin von uns beiden, nicht wahr? Wir waren Freundinnen, Khendrah. Wir sollten uns nicht mit der Waffe in der Hand gegenüberstehen.«
»Ach ja?«, fragte Khendrah verächtlich, »Ist mir etwas entgangen, als du uns an der Bushaltestelle aufgelauert hattest? Wer hatte denn dort eine Waffe in der Hand?«
»Es war ein Auftrag, Khendrah«, sagte Fancan, »du kennst doch das Spiel. Du hast es doch lange genug selbst gespielt. Ich hatte doch keine andere Wahl, als zu glauben, du wärst schuldig und müsstest liquidiert werden.«
»Darüber kann man geteilter Meinung sein!«, brauste Khrendrah auf.
»Khendrah!«, fuhr Fancan sie an, »Jetzt mach’ ‘mal einen Punkt! Tue jetzt bitte nicht so, als hätten wir in der Vergangenheit die Befehle und Anweisungen unserer Vorgesetzten hinterfragt! Wir bekamen einen Auftrag und führten ihn aus. Fertig! Genauso war es auch bei meinem Auftrag, dich zu liquidieren.!«
»Und was bringt dich auf einmal zum Nachdenken?«, wollte Khendrah skeptisch wissen.
»Giwoon und seine Mutter haben mir die Augen geöffnet«, sagte Fancan, »sie haben mir gezeigt, was unsere Behörde durch ihre Arbeit angerichtet hat und noch immer anrichtet. Khendrah, ich will dich nicht töten – ich will wieder mit dir zusammenarbeiten.«
Man konnte es Khendrah ansehen, dass sie angestrengt nachdachte.
»Du hast dich doch auch schon von deinen früheren Idealen gelöst«, fuhr Fancan fort, »du solltest deinen Freund hier liquidieren. Statt dessen ziehst du nun mit ihm zusammen los und startest auf eigene Faust Missionen, für die du überhaupt nicht autorisiert bist.«
Khendrah warf Thomas einen Seitenblick zu.
»Das verstehst du nicht, Fancan«, sagte sie, »die Dinge haben sich geändert. Mein Auftrag war ungesetzlich. Er war von einem Vorgesetzten erteilt, der eigene Interessen verfolgte. Das muss ich mit allen Mitteln bekämpfen. Das ist meine Pflicht.«
»Mach’ dir doch nichts vor«, sagte Fancan, »würde dir heute jemand sagen, der Auftrag wäre doch rechtmäßig. Würdest du deine Waffe ziehen und Thomas töten?«
Der entsetzte Ausdruck in Khendrahs Gesicht sprach Bände.
»Nein, das würde ich nicht tun«, sagte sie.
Sie blickte Thomas erneut an.
»Ich könnte es nicht. Ich liebe ihn.«
»Na bitte«, sagte Fancan, »endlich bist du einmal ehrlich.«
Gunter Manning-Rhoda, der die ganze Zeit über versucht hatte, diese verrückte Situation zu verstehen, fragte:
»Dürfte ich vielleicht erfahren, was hier eigentlich gespielt wird?«
»Das dürfen Sie nicht!«, riefen Khendrah und Fancan wie aus einem Mund. Sie blickten sich überrascht an, hielten einen Moment inne und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
Gunter wandte sich verärgert an Giwoon, doch auch dieser war nicht bereit, mehr dazu zu sagen.
»Sie haben bereits mitbekommen, dass wir Zeitreisende sind. Das ist mehr, als sie eigentlich erfahren durften. Sprechen Sie in Ihrem eigenen Interesse bitte niemals darüber. Führen Sie Ihren Wahlkampf weiter, wie bisher und gewinnen Sie die Wahl. Damit wäre allen gedient.«
»Aber Herwarth Thoben und die PEV?«, wandte Gunter ein.
»Das Problem werden Sie als Regierungschef sicher lösen können«, sagte Giwoon mit süffisantem Lächeln.
Sie wurden unterbrochen, als eine Gruppe der örtlichen Polizeikräfte durch die Tür vom Flur hereinstürmte.
»Keine Bewegung!«, brüllte einer der Polizisten und hob seine Waffe, »Legen Sie sofort Ihre Waffen nieder!«
Khendrah, Fancan, Giwoon und Thomas starrten die in den Raum drängenden Polizisten schweigend an. Es war ihnen klar, dass es höchste Zeit war, von hier zu verschwinden. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis nach diesem Kampf und dem dadurch verursachten Lärm Sicherheitskräfte auftauchen würden.
»Wir werden uns jetzt zurückziehen«, flüsterte Giwoon Gunter zu, »bitte lenken Sie die Leute dort etwas ab.«
Gunter sah in fragend an.
»Bitte«, flüsterte Giwoon, »wir müssen verschwinden und wir wollen nicht noch gegen Polizisten dieser Zeit kämpfen müssen.«
Gunter nickte unmerklich.
»Gut, dass Sie kommen, meine Herren!«, rief er den Polizisten zu, »Ich bin Gunter Manning-Rhoda und mir galt der Angriff durch diese Attentäter.«
Er deutete auf die herumliegenden Leichen.
Die Beamten betrachteten die Szenerie. Sie waren eine Menge gewohnt, doch das, was sie sahen, brachte auch sie aus der Fassung.
Fancan hatte bereits unmerklich ihren Nihilator auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet und löste ihn aus. Ohne ein Geräusch löste sich der Boden auf und gab den Blick in das Stockwerk darunter frei. Sie gab ein Zeichen und die Vier sprangen durch das Loch im Boden in die untere Etage.
Die Bewegung blieb den Beamten nicht verborgen und einer der Männer schoss, doch es war zu spät.
Die Vier hatten Glück, dass der Raum unter Gunters Suite leer stand, so wurden sie nicht weiter aufgehalten.
»Los, weiter«, drängte Giwoon, »sie werden sicher nicht lange zögern, uns zu folgen.«
Als er mit Khendrah und Thomas den Ausgang des Raumes erreicht hatte, sah er, dass Fancan ihnen nicht folgte.
»Fancan, was treibst du da?«, fragte er, »Wir müssen hier weg. Wir sind erst sicher, wenn wir den Slider erreicht haben.«
»Ich habe mir den Fuß verstaucht!«, rief Fancan mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht, »Ich kann nicht laufen.«
Giwoon und Thomas sahen sich schweigend an. Ohnen ein Wort machten sie kehrt, griffen Fancan unter die Arme und trugen sie weg. Inzwischen peitschten die ersten Schüsse der Polizisten durch das Loch in der Decke und verfehlten sie nur knapp. Khendrah hielt die Tür offen und ließ die Drei hindurchlaufen. Anschließend verschloss sie von außen die Tür und verstellte ihre Waffe auf Hitzewirkung. Dann verschmolz sie die Tür, die glücklicherweise aus Metall bestand, mit dem Rahmen. Das würde ihre Verfolger eine Weile beschäftigen.
»Wo ist nun euer Slider?«, fragte sie, während sie durch den Gang zum Treppenhaus hasteten.
»Wir müssen wieder nach oben«, sagte Giwoon, »betet, dass sie das Fahrzeug bis dahin noch nicht entdeckt haben.«
»Was machen wir, wenn das der Fall ist?«, wollte Thomas wissen.
»Dann müssen wir uns den Weg freischießen«, erklärte Fancan keuchend, wir können zwar auch im Betäubungsmodus feuern, doch sind wir dadurch nicht immun gegen die Projektilwaffen der Sicherheitskräfte.«
»Hier ist eine Treppe!«, rief Khendrah und deutete nach oben.
»Ab nach oben!«, befahl Giwoon, »Der Slider muss ganz in der Nähe sein.«
Als sie auf der oberen Ebene angekommen waren, sahen sie ihr Fahrzeug, welches von Trümmern der Decke und der Außenwand des Gebäudes bedeckt war. Die Schleuse stand weit offen und ihr Licht schien in den Gang hinein.
»Keine Zeit verlieren!«, rief Giwoon, »Fancan, geht es noch?«
»Es muss gehen!«, antwortete sie und biss ihre Zähne zusammen. Khendrah schaltete ihre Waffe vorsichtshalber auf Betäubung und gab Thomas ein Zeichen, es ebenfalls zu tun.
Die letzten Meter schienen eine Ewigkeit zu dauern. Sie hörten bereits die Schritte der Verfolger, die sich ebenfalls schnell dem Slider näherten. Sie erreichten das Fahrzeug zuerst und retteten sich ins Innere der Maschine. Kurz bevor sich die Schleuse endgültig geschlossen hatte, drangen einige Projektile der automatischen Waffen der Sicherheitskräfte durch den sich schließenden Spalt und schlugen in die Seitenkonsolen des Sliders ein.
»Oh Gott, hoffentlich hat der Temporalprozessor nichts abbekommen!«, rief Giwoon.
»Ich dachte, dieses Ding hier wird über diese Kugel dort gesteuert«, wunderte sich Fancan.
»Das schon, aber die Technik selbst ist in den Seitenkonsolen untergebracht«, erklärte Giwoon, der hektisch dabei war, die Funktionsfähigkeit des Systems zu prüfen.
Von draußen dröhnten heftige Schläge gegen die Hülle des Sliders.
»Sind wir hier drin auch sicher?«, fragte Thomas.
»Wenn du wissen willst, ob sie es schaffen können, hier einzudringen, dann sage ich ja, wir sind sicher. Aber wenn wir einen Defekt haben und nicht mehr starten können, dann müssen wir irgendwann hier heraus. Dann haben wir ein Problem.«
Sie ließen Giwoon in Ruhe arbeiten und nach einer Weile stieß er deutlich hörbar die Luft aus.
»Und?«, fragte Khendrah, »Wie sieht es aus?«
»Es sieht schlimm aus, aber nicht so schlimm, wie ich es befürchtet habe«, meinte Giwoon, »wir werden hier wegkommen. Das ist die gute Nachricht.«
»Und weiter?«, fragte Thomas auffordernd, »Nun mach’ es nicht so spannend.«
»Der Temporalprozessor hängt am seidenen Faden«, sagte er, »wir sollten uns darauf einrichten, dass wir noch eine Zeitreise damit machen können und diese sollte nicht sehr weit in die Zeit hinein reichen.«
»Heißt das, du wirst nicht mehr nach Hause fliegen können?«, fragte Fancan mitfühlend.
»Genau das bedeutet es«, sagte er tonlos, »jetzt weiß ich auch endlich, warum meine Mutter sich so gründlich von mir verabschiedet hat. Ich werde weder Symeen oder Zedroog, noch meine Schwester Yshaa jemals wiedersehen.«
Fancan fasste seine Hand und drückte sie. Giwoon sah sie dankbar an und zog Fancan an sich. Erst jetzt wurde es Khendrah klar, dass es Fancan ebenso erging, wie ihr: Sie hatte sich verliebt, was einer Zeitagentin niemals gestattet war.


Die nächste Folge dieses Romans erscheint an dieser Stelle am 05.10.2019

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Korrekturen 20

20. Teil – Das Treffen (2/3)

Das Bild auf der Kugel änderte sich. Es zeigte nun nicht mehr die Steuerelemente, sondern eine Reihe von Informationen und Koordinaten der Welt des Jahres 2110. Cheom hatte ziemlich exakt ermittelt, wo und wann in diesem Jahr sie in die Realität dieser Zeit eintauchen mussten.
»Dieser Mann ist ein Phänomen«, sagte Giwoon, »Cheom hat sogar die ganze Anflugroutine automatisiert. Wir müssen nur auf den Startknopf drücken und der Slider bringt uns ohne weiteres Zutun ans Ziel.«
»Worauf wartest du dann noch?«, wollte Fancan wissen, »Dann lass’ uns auch starten.«
Nach kurzen Zögern gab Giwoon den Startbefehl.
»Verdammt, es ist alles so endgültig«, entfuhr es ihm, »es ist einfach schwer, zu wissen, dass man sein Zuhause für immer zurücklässt.«
»Wir werden ein neues Zuhause finden«, sagte Fancan tröstend.
Giwoon blickte sie an.
»Ich weiß«, sagte er, »es ist nur gut, dass du mich dorthin begleiten wirst.«
Der Slider war ein elegantes, kleines Fahrzeug, gebaut wie ein flacher Ellipsoid. Da ein Slider sich sowohl durch die Zeit, als auch am Himmel bewegen konnte, war er bestens geeignet, den Sagen um fliegende Untertassen neue Nahrung zu geben. Diesmal jedoch bewegte er sich erst einmal durch die Zeit. Erst am Ziel würde es eventuell nötig werden, einen bestimmten Punkt auf der Welt auch räumlich anzusteuern.
Die Reise dauerte diesmal sehr lange. Es hatte mit der Art zu tun, wie ein Slider sich durch die Zeit bewegte. Er musste erst den richtigen Zeitstrom finden, der ihn zu seinem Ziel bringen würde. Manchmal dauerte es halt länger, bis ein solcher Strom gefunden wurde. So hatten die Beiden sehr viel Zeit, sich mit den Besonderheiten der Vergangenheit vertraut zu machen, die in der internen Datenbank des Sliders gespeichert war.
»Deiner Mutter schien es sehr wichtig gewesen zu sein, dass wir im Jahre 2110 erst nach Kendrah suchen, bevor wir unseren Auftrag erfüllen«, meinte Fancan, »ich frage mich die ganze Zeit über, ob sie dafür einen Grund hat.«
»Natürlich hat sie den«, sagte Giwoon, »sie und wir haben später gemeinsame Nachkommen, wenn die Geschichte stimmt und nicht wieder geändert wird. Symeen traut der Zeit nicht über den Weg, solange noch an ihr herumexperimentiert wird. Sie möchte uns zusammenbringen und dann sicher sein, dass wir gemeinsam dafür sorgen, dass die Zeit verlässlich und unveränderbar wird.«
»Dann wollen wir hoffen, dass es auch so kommt, wie sie es sich erhofft«, sagte Fancan, »obwohl ich mich noch nicht so ganz mit dem Gedanken anfreunden kann, dass mein Schicksal schon bis ins Kleinste vorherbestimmt ist.«
»Das ist es doch überhaupt nicht«, meinte Giwoon, »nur der grobe Rahmen steht fest. Wir wissen noch lange nicht, wie unser künftiges Leben wirklich verlaufen wird. Mag sein, dass Symeen oder Cheom es wissen, aber sie haben es uns nicht verraten.«
Inzwischen hatte der Slider seine Reise durch die Zeit angetreten, nachdem er den passenden Zeitstrom gefunden hatte. Das Gespräch verstummte und sie blickten auf die Steuerkugel, auf der sie verfolgen konnten, wo in der Zeit sie sich augenblicklich befanden. Von Zeit zu Zeit erschienen Momentaufnahmen von vorbeirasenden Zeitaltern auf seiner Oberfläche. Anfangs folgten diese Bilder hektisch und in kurzen Abständen, doch nach einer Weile wurden die Abstände größer.
»Wir nähern uns unserer Zielzeit«, erklärte Giwoon, »bald werden wir in die Realität des Jahres 2110 eintauchen. Wenn wir etwas Glück haben, ist es ein Zeitalter mit fliegenden Maschinen. Dann würden wir mit unserem Slider dort nicht weiter auffallen.«
»Und wie willst du Khendrah finden, wenn wir angekommen sind?«, wollte Fancan wissen, »besitzen wir schon einen vollständigen Scan dieser Zeit?«
»Das brauchen wir gar nicht. Symeen hat mir mitgeteilt, dass sie zu einer bestimmten Zeit im Kongresszentrum von Europ sein werden. Sowie wir in der Zielzeit angekommen sind, werden wir einfach zu unserem Ziel fliegen.«
Fancan war noch nicht restlos überzeugt.
»Du meinst also, wir brauchen nur mit unserer Maschine dort auftauchen und man wird uns ungehindert innerhalb des Gebäudes landen lassen?«, fragte sie skeptisch.
»Ich fürchte, dass es ganz so nicht klappen wird«, räumte Giwoon ein, »das ist der einzige Schwachpunkt unserer Planung. Symeen meinte, wir würden gewaltsam ins Gebäude eindringen müssen. Aber keine Angst, unser Rumpf besteht aus molekular verdichtetem Molybdän-Tantal-Stahl. Wenn wir damit auf eine Außenmauer zuhalten, werden wir dort eindringen, ohne etwas davon zu spüren – außer vielleicht einem kleinen Ruck.«
»Das ist dein Plan?«, fragte Fancan entgeistert, »Das hat doch nichts mehr mit einer unauffälligen Aktion zu tun. Wir können doch nicht einfach hier auftauchen und diese Welt in Unordnung bringen.«
»Und wenn schon«, sagte Giwoon, »ein paar Leute werden sich Fragen stellen, keine plausible Antwort finden und die Angelegenheit wieder zu den Akten legen, weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf. Wir sollten nur darauf achten, dass keine Menschen zu Schaden kommen, wenn wir in das Kongresszentrum eindringen.«
Fancan wollte noch etwas sagen, doch in diesem Augenblick stürzte der Slider in die Realität des Jahres 2110 und erforderte ihre volle Aufmerksamkeit. Sie hatten Glück gehabt, dass sie in einer sehr großen Höhe eingetaucht waren, denn der Flugverkehr im bodennahen Bereich bis hinauf in eine Höhe von etwas 2 Kilometern war chaotisch. Für Fancan grenzte es an ein Wunder, dass diese vielen Maschinen nicht miteinander zusammenstießen.
Giwoon aktivierte das Gleitfeld, welches ein Abstürzen ihres Fahrzeugs verhinderte und welches auch für die Navigation genutzt werden konnte.
»Es nutzt nichts«, sagte er, »wenn wir nicht sofort auffallen wollen, müssen wir uns unter diese Flieger mischen.«
Fancan war nicht begeistert.
»Bist du solchen Verkehr gewohnt?«, wollte sie wissen, »Nicht, dass wir nachher diejenigen sind, die hier stranden, weil unsere Zeitmaschine defekt ist.«
»Beruhige dich, mein Schatz«, sagte Giwoon, »keiner dieser anderen Flieger kann uns gefährlich werden – selbst bei einem Zusammenstoß.«
Er nahm einige Einstellungen vor und überließ der automatischen Steuerung den weiteren Flug.
»Wofür haben wir die Technik?«, fragte er mit einem Lächeln, »Unser Ziel – das Kongresszentrum – ist ja auch schon in der Datenbank gespeichert.«
Auf der schwebenden Kugel wurde ihnen die Umgebung plastisch dargestellt. Das Jahr 2110 war ein sehr hektisches Jahr. Der Slider hatte sich in den Verkehrsstrom eingereiht und folgte ihm in die beabsichtigte Richtung. Sie sahen in der Ferne ein riesiges Hochhaus mit einer umgedrehten Pyramide auf der Spitze.
»Dort ist der Sitz dieser Partei, die Gunter Manning-Rhoda bekämpft«, sagte Giwoon, »dort irgendwo muss auch dieser Ralph Geek-Thoben zu finden sein.«
»Müssen wir den etwa auch finden?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, um den werden wir uns nicht kümmern«, meinte Giwoon, »Cheom war der Ansicht, dass dieser Mann hier in dieser Zeit sein restliches Leben fristen würde, wenn wir unsere Arbeit machen. Dann wird er auch keine Gelegenheit mehr haben, seine Pläne zu verwirklichen.«
In diesem Moment sprach das Funkgerät an, welches die ganze Zeit über bereits nach Sendern gescannt hatte.
»Hier spricht die Luftwacht von Europ«, ertönte es aus dem Funkgerät, »Ihre Flugmaschine verfügt nicht über einen funktionsfähigen Transponder. Das ist ein Verstoß gegen §9 Artikel 2 des europäischen Luftstraßengesetzes. Bitte unterbrechen Sie Ihren Flug für eine Kontrolle und landen dazu auf dem nächsten Luftwachtstützpunkt. Wir werden Ihnen folgen.«
»Das können wir jetzt überhaupt nicht gebrauchen«, meinte Giwoon, »’mal sehen, ob sie sich hinhalten lassen.«
Er drückte auf die Sendetaste.
»Hier spricht Ron Hooker«, sprach er in die Anlage, »wir erhalten von unserem System die Meldung, dass unser Transponder vollkommen einwandfrei arbeitet. Ich schlage vor, dass ich Ihnen unsere Kennung manuell übermittle und mich später bei der Dienststelle melde. Wir haben es eilig und würden einen wichtigen Termin versäumen.«
»Wollen Sie sich unseren Anweisungen etwa widersetzen?«, kam eine etwas ungläubige Stimme aus dem Lautsprecher, »Hören Sie, Herr – Hooker – , wir haben Ihnen gesagt, dass sie landen sollen und sie werden landen. Notfalls werden wir ihnen einen lokalen elektromagnetischen Puls aufbrennen. Dann müssen Sie ‘runter und es wird nicht angenehm sein, das kann ich Ihnen versprechen. Also leiten Sie gefälligst den Landevorgang ein.«
»Negativ!«, sagte Giwoon, »Unser Termin ist wichtiger. Wir melden uns aber gern später.«
Giwoon schaltete den Sender ab und sah Fancan an.
»Noch werden sie nicht schießen«, sagte er, »also werden wir sehen, dass wir etwas mehr Fahrt machen und diese Kerle abhängen. Ich will nicht hoffen, dass sie einem Slider in voller Fahrt folgen können.«
»Kann uns so ein elektromagnetischer Puls gefährlich werden?«, fragte Fancan.
»Ich bin mir nicht sicher. In unserer Außenwandung sind einige spezielle Filter eingebaut, aber ich will es nicht riskieren, einen solchen Puls abzubekommen, um dann festzustellen, dass die Elektronik ausfällt.«
Er legte seine Hand auf die Kugel und drückte an verschiedenen Stellen, worauf der Slider so unvermittelt beschleunigte, dass die Maschine der Luftwacht hinter ihnen zurückfiel. Sie konnten zwar erkennen, dass man ihnen folgen wollte, doch gegen die volle Leistung des Gleitfeldes kamen sie nicht an. Rasend schnell glitten sie an all den anderen Flugmaschinen vorbei, die auf ihrer Ebene flogen. Ohne die intelligente elektronische Steuerung des Sliders wären sie längst mit einer dieser Maschinen zusammengestoßen.
»Halten Sie sofort an!«, drang es aus dem Funkgerät, »Sonst sehen wir uns gezwungen, auf Sie zu schießen.«
Giwoon war klar, dass es sich um eine leere Drohung handelte, denn sie hatten bereits so viel Abstand zu ihren Verfolgern, dass diese einen präzisen Treffer nicht mehr platzieren konnten, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden.
»Jetzt müssen wir nur umdisponieren«, sagte er zu Fancan, die ihn fragend anblickte.
»Was meinst du mit ‘umdisponieren’?«, wollte sie wissen.
»Ich werde jetzt versuchen, die Luftwacht abzuhängen«, sagte er, »wir können niemanden gebrauchen, der uns bis zum Kongresszentrum folgt und uns dort wieder gefährlich werden kann. Ich will, dass sie ein anderes Ziel vermuten. Da wir keinen Transponder besitzen, können sie uns auch nicht orten, wenn sie uns einmal verloren haben.«
Giwoon lächelte Fancan an.
»Schatz, schnall’ dich besser an, denn gleich wird es etwas holprig werden.«
Fancan kannte ihren Freund inzwischen gut genug, um sofort die Sicherheitsgurte an ihrem Sitz einrasten zu lassen.
Im nächsten Moment wechselte Giwoon rasant die Flugebene und kreuzte mehrere Ebenen, wobei er gleichzeitig noch einen horizontalen Richtungswechsel vornahm. Nur um Haaresbreite entgingen sie einer Kollision. Fancan hielt unwillkürlich den Atem an. Giwoon nahm noch mehr als ein Dutzend solcher Manöver vor, bis er sich ganz gesittet in den normalen Verkehr einfädelte und mit der Masse in Richtung Kongresszentrum treiben ließ. Von ihren Verfolgern war weit und breit nichts mehr zu entdecken.
In der Ferne tauchte der flache Komplex des Kongresszentrums auf, dem sie sich allmählich näherten.
Giwoon holte sich Archivbilder des großen Gebäudes auf die Kugeloberfläche und studierte sie.
»Hier muss es sein«, sagte er nach kurzer Betrachtung und deutete auf eine Stelle des Gebäudes.
»Wenn wir kurz daneben in die Wand eindringen, sollte es uns möglich sein, die beiden zu treffen.«
»Mir ist die ganze Aktion immer noch zu spektakulär«, gab Fancan zu, »das hat nichts – aber auch rein gar nichts mehr – mit der Arbeit von Zeitagenten zu tun. Wir arbeiten hier mit der dicken Keule und kümmern uns einen Dreck darum, was es bewirken wird. Das ist nicht richtig.«
»Fancan, das sagst gerade du?«, fragte Giwoon, »Es war eure Institution, die über viele Zeitalter hinweg mit nichts anderem beschäftigt, als auf Zeitabläufe einzuwirken und da machst du dir Gedanken um unseren kleinen Zwischenfall, den man in wenigen Wochen wieder vergessen haben wird?«
»Das mag ja sein, aber wir sind viel subtiler vorgegangen«, meinte Fancan.
»Macht es das etwa besser?«, wollte Giwoon wissen.
Er wandte sich wieder der Steuerung des Sliders zu. Für ihn war die Diskussion erledigt.


Gunter Manning-Rhoda kam erst jetzt wieder dazu, logisch zu denken. Die Ereignisse der letzten Minuten hatten ihm sehr zu schaffen gemacht.
»Wer seid Ihr?«, fragte er Khendrah, »Und jetzt kommt mir nicht damit, dass es sich um eine Aktion eines Sicherheitsdienstes handelt. Erst dieser Projektor, der mich dreidimensional mitten im Raum projiziert hat, dann diese Fremden mit ihren Hitzewaffen und dann zuletzt Ihr mit Waffen, die gleich ganze Teile der Gegner verschwinden lassen. Es gibt auf der ganzen Welt keine Technologie, die so etwas hervorrufen könnte. Also wer seid Ihr? Oder sollte ich besser fragen: Was seid Ihr?«
Khendrah trat auf ihn zu.
»Das ist schwer zu erklären«, sagte sie, »aber nehmen Sie es erst einmal als gegeben hin, dass wir die Guten sind. Wir sind gekommen, um Sie davor zu bewahren, von diesen Leuten getötet zu werden. Es ist wichtig, dass Ihnen nichts geschieht.«
Gunter schüttelte verständnislos den Kopf.
»Aber wie konnten Sie wissen … ?«, fragte er.
»Wir dürfen Ihnen nicht alles sagen, Herr Manning-Rhoda«, sagte Khendrah, »aber wir hatten den Auftrag, zu gewährleisten, dass Sie gegen die PEV antreten und gewinnen können.«
Gunter lachte humorlos auf.
»Gewinnen?«, rief er aus, »Ich habe aus einer Gruppe zerstrittener Aktivisten gerade erst eine Partei geformt. Meine SLB erlebt soeben erst ihre konstituierende Sitzung und da reden Sie von einen Wahlsieg.«
Er blickte Khendrah forschend an.
»Mit Ihnen stimmt doch etwas nicht«, sagte er, »Sie wissen Dinge, die niemand wissen kann. Sie verfügen über Waffen, die es gar nicht geben dürfte. Ich will jetzt endlich wissen, wer Sie sind und wo sie herkommen. Wozu gehören Sie? Polizei? Geheimdienst?«
Khendrah winkte ab.
»Alles falsch«, sagte sie, »wir haben mit keiner Organisation zu tun, die Sie kennen. Das darf ich Ihnen verraten. Und ich darf Sie vor Herwarth Thoben warnen. Wie Sie selbst schon erlebt haben, geht er über Leichen. Sorgen Sie für einen lückenlosen Schutz – und überstehen Sie die Wahl. Danach können Sie Thoben einen Prozess machen. Die Welt wird es Ihnen danken.«
»Bisher hat die PEV immer nur über uns gelacht. Ich verstehe immer noch nicht, wieso man mich – einen Niemand – nun ermorden will.«
»Thoben verfügt über einen Berater, der genau so viel weiß, wie wir«, fügte Thomas hinzu, wofür er einen missbilligenden Blick von Khendrah erntete.
»Wir werden uns nun wieder zurückziehen«, sagte sie, »wir werden uns wohl nicht wiedersehen. Wir wünschen Ihnen viel Glück bei dem, was sie planen.«
»Moment«, rief Gunter, »Sie können doch jetzt nicht einfach hier heraus spazieren und mich hier zurücklassen! Was erzähle ich der Polizei, wenn sie gleich hier erscheint?«
Er deutete auf das Schlachtfeld um sie herum und die herumliegenden Leichen.
»Erzählen Sie, was Sie gesehen haben«, schlug Khendrah vor, »mehr können Sie nicht tun. Für uns ist es ohne Belang. Wir werden dann bereits fort sein.«
Während sie sprachen, erblickten sie eine Art Fluggleiter, der sich in einer weiten Kurve dem Gebäude näherte. Die große Fensterfront ermöglichte eine gute Beobachtung des Luftraums draußen.


Die nächste Fortsetzung des Romans könnt Ihr an dieser Stelle am 21.09.2019 lesen.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 7 – Der Gigantyras

»Verdammt, es ist mitten in der Nacht. Du bist dir schon im Klaren darüber, was hier nach Einbruch der Dämmerung unterwegs ist, oder?«, fluchte Daisy lautstark. 
Für Clynnt Volker war diese Diskussion verschwendete Zeit. Zeit, die sie brauchen würden, um Archweyll, Tamara und die anderen zu finden. 
»Was auch immer hier passiert ist, wir haben weder Funkkontakt, noch sind ihre elektronischen Signale auf unseren Scans. Archweyll hat sich mal wieder bravurösen Ärger eingehandelt und ich will verdammt sein, wenn ich es nicht schaffen sollte, ihn aus der Scheiße zu ziehen«, erwiderte der Chefnavigator mit einem funkelnden Blick aus seinen eisenharten Augen. 
»Alte Männer, die gerne sterben wollen. Macht das, aber haltet mich da raus!«, zischte Daisy wütend. 
Für eine Sekunde überlegte Clynnt ernsthaft, ob er sie einfach erschießen sollte. So ein ausgeprägter Egoismus hatte in seinen Reihen keinen Platz und selbst wenn Daisy den Zyklopen steuerte, hatte Archweyll ihm das Kommando übertragen. Es war eine blamable Schande, dass Daisy austreten wollte, jetzt wo es erst einmal brenzlig wurde. 
»Du bist in der Armee, Mäuschen. Auf Nautilon, einen Kilometer unter der Meeresoberfläche. Und nicht auf Prospecteus, in deinem warmen Bett. Das lernst du besser schnell. Weil du so ein blutiger Anfänger bist, will ich dir deinen Ausrutscher verzeihen, aber wenn du nicht augenblicklich tust, was ich dir sage, werde ich deinen süßen Arsch aus der Kommandobrücke befördern. Und ich warne dich nur einmal vor, meine Füße sind wirklich groß und ich habe eine Vorliebe für feste Stiefel.«
Die Chefmechanikerin schien drauf und dran auf ihn loszugehen. Ihr Kopf lief vor Wut hochrot an und sie machte einen festen Schritt in seine Richtung. »Wie hast du mich genannt? Wenn du gerne selber steuern möchtest, nur zu. Steuer den Kahn und deine Crew in den sicheren Tod. Aber setzt mich vorher da oben ab und verschone mich mit dem geistigen Brei eines dementen Tattergreises.« 
Die Ohrfeige traf sie so unerwartet, dass sie zusammenfuhr. 
Clynnt Volker hatte noch nie eine Frau geschlagen. Gut, er hatte schon ein paar erschossen, aber Piraten und Mutanten zählten normalerweise nicht zu der vornehmen Gesellschaft. 
Daisy scheinbar auch nicht. Der Chefnavigator merkte, wie er vor Wut am ganzen Körper zitterte. So ein unglaubliches Verhalten hatte er noch nie erlebt. Diese Bereitwilligkeit, andere einfach sterben zu lassen, um seinen Arsch ins bequeme Trockene zu hieven, empfand er als verachtenswert. 
Die Chefmechanikerin schaute ihn entgeistert an und rieb sich das rot angelaufene Ohr. Für einen Moment schien es, als wolle sie ein Messer ziehen, um Clynnt die Kehle durchzutrennen, doch dann machte sie Kehrt und verschwand von der Brücke.
In der Kommandozentrale trat ein betretenes Schweigen ein.
»Sie übernehmen«, wies der Navigator den Copiloten an. 
Mit einem zögerlichen Nicken nahm dieser Platz und verlinkte sich mit der Steuerung. 
»Das Radar soll nun manuell arbeiten. Sucht nach Herzfrequenzen. Ich weiß, dass es mühselig ist, aber wir haben keine Wahl. Wir tauchen ab.«

                                                                 ***

N’Kahlu stieß einen energischen Fluch aus. 
Die Energiequelle der Scherenpanzer zu manipulieren war eine fast wahnwitzige Sabotage. 
Zweifelsohne würde der Kommandant den Verantwortlichen in Stücke reißen, wenn sie denn überleben sollten. Glücklicherweise hatte der Sog ihn nicht so stark erwischt und es hatte ihn nicht über den Rand des Abgrunds getrieben. Während er auf dem pechschwarzen Dünensand verharrte, bemerkte er, dass weitere Krebsanzüge neben ihm auf Grund liefen. Hastig zählte er durch.
Zehn Stück, also hatten zwei von uns weniger Glück. 
Ein Knurren entwich seiner Kehle. Hoffentlich wussten seine neuen Vorgesetzten, was zu tun war. In einer solchen Situation war es wichtig, die Fassung zu bewahren. Spätestens, wenn sie in die Tiefen hinabsteigen würden, um die Vermissten zu bergen. Plötzlich bewegte sich einer der Scherenpanzer. 
Hat es ihn nicht erwischt? 
Zielsicher steuerte das Gerät auf ihn zu und N‘kahlu erkannte Phillista, einen seiner besten Männer, hinter dem Steuer.
»Verdammt sollst du sein, du alter Teufelskerl«, feixte der Sergeant. 
Mit Fingersprache stimmten sie sich ab. Worte waren überflüssig, da scheinbar unschwer zu erkennen war, was das Problem darstellte.
Mit einem routinierten Handgriff machte sich der Soldat an N‘kahlus Anzug zu schaffen, während unterschiedliche Werkzeuge durch seine Greifer rotierten. Wenige Minuten später war die Energieversorgung wiederhergestellt. 
Ein Unterbrecher-Chip also? Kein schlechter Schachzug. Aber kein Hindernis, für ein Expertenteam. 
Und Experten waren seine Männer wahrlich. Auf Orian II hatten sie den Tod mit sich gebracht, wohin sie auch kamen. Niemand beherrschte die Scherenpanzer so gut wie seine Truppe. 
Was dem Sergeant allerdings Kopfschmerzen bereitete, war die Tatsache, dass die Dämmerung mittlerweile der pechschwarzen Nacht gewichen war. Die Schatten waren länger geworden, bis sie den Meeresgrund völlig für sich einnahmen. 
Eilig schloss sich N‘Kahlu seinem Kameraden an, um die Scherenpanzer aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Per Funk informierte sich der Sergeant, warum sein Soldat nicht von den Problemen betroffen war. 
»Ich weiß es nicht, Sir«, erwiderte Phillista gelassen. »Möglicherweise hat der Saboteur gepfuscht oder wusste nicht haargenau, was zu tun war. Ich möchte es ihm nicht verübeln.«
Der Soldat wurde mit einem Lachen quittiert. 
Dann tauchte ein Leuchten vor ihnen auf und der Zyklop näherte sich mit eiliger Geschwindigkeit.
»Wir sind in Ordnung«, berichtete N’kahlu angespannt. »Aber zwei von uns sind in die Tiefe gestürzt.« 
Nach einem schnellen Durchzählen stellte sich heraus, dass es sich bei den Vermissten um Archweyll Dorne und Tamara Vex handelte. 
»Verdammt, gerade die Anfänger werden es nicht einfach haben. Ich hoffe, sie finden einen Weg, um dort unten klarzukommen, bis wir eintreffen«, sagte der Sergeant angespannt.
»Wir werden uns sofort auf den Weg machen«, die Stimme des Chefnavigators knisterte durch den Funk. 
N’Kahlu konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, jetzt wo der Nervenkitzel einsetzte. »Aye, fahrt die Halterungen aus. Wir springen auf. Schließlich wissen wir ja nicht, auf was wir alles stoßen könnten.«

                                                                   ***

Clynnts Lippen entwich ein Seufzer der Erleichterung, als die Einheiten sich meldeten. Zumindest mussten sie nicht alle Crewmitglieder in den Tiefen wiederfinden. Doch die Tatsache, dass Tamara und Archweyll noch dort unten waren, bereitete ihm Unbehagen. Nervös ging er auf der Brücke auf und ab. Das lief alles nicht nach Plan.
Die Chefmechanikerin hatte sich als herber Rückschlag erwiesen und der Copilot war fast so angespannt wie er selbst. Und vor ihnen ging es sieben Kilometer in die düstere Tiefe eines ihm unbekannten Planeten. 
Ein Ruck zog sich durch das U-Boot, als die Scherenpanzer auf die ausgefahrenen Schienen sprangen. Dann sanken sie hinab. 
»Scheinwerfer deaktivieren und Radarsysteme hochfahren«, befahl der Chefnavigator lautstark. Auf einen Schlagabtausch mit der hiesigen Tierwelt konnte er getrost verzichten. 
Der Copilot führte seine Befehle aus und zunehmend wurde alles um sie herum von einem  schwarzen Seidentuch verhüllt. Nur das Flimmern der Monitore erhellte die Brücke und tauchte sie in ein trübes Licht.
»Komm schon, Arch, lass dich endlich blicken«, flüsterte Clynnt gedankenversunken. 
Vor seinem inneren Auge sah er den Kommandanten, wie er ihnen mit frivolem Grinsen entgegensprang, den kompletten Scherenpanzer zerlegt, und mit Tamara im Arm. 
»Sir, wir haben ein Problem. Um ehrlich zu sein, es ist ein riesiges Problem!«, krächzte der Copilot plötzlich mit trockener Stimme und vergewisserte sich wieder und wieder, ob die Scans ihn nicht belogen. Sein Gesicht hatte die Farbe geronnener Milch angenommen und seine Hände zitterten spürbar, während er Befehle in die Konsole eintippte. 
»Spukst schon aus. Ich hatte gerade das größte Problem beseitigt, es dürstet mich förmlich nach einem neuen«, knurrte Clynnt. 
Als der Copilot nicht antwortete, fuhr er ihn an. »Na, was ist? Hat es dir die Sprache verschlag…?«, sein Blick wanderte über den Monitor und die tiefen Sorgenfurchen in seinem Gesicht mutierten zu Schluchten der Befürchtungen. »Sofort Alarmstufe rot ausrufen und die Torpedobatterien bereithalten. Ich informiere die Jungs da draußen, wir werden zügig fahren müssen. Außerdem möchte ich im Umkreis von einer Meile Leuchtkörper im Wasser haben, unsere Taktik, nur mit Radar zu manövrieren, ist ab jetzt Geschichte.« Er griff nach dem Funkgerät. »An alle Einheiten, wir kriegen Besuch. Bereitet euch darauf vor dem Tod ins Angesicht zu blicken.«
Er wurde von einem Brüllen unterbrochen, das direkt aus seinem Kopf zu stammen schien. 
»Leuchtkörper online, Feuer frei!«, bestätigte der Copilot. 
Zischend bahnten sich die Geschosse wie Sternschnuppen ihren Weg durch die Dunkelheit. Ihre Explosion war kaum vernehmbar, doch dann breitete sich ein sattes Licht aus, das den Ozean in ein Meer aus Gold verwandelte. 
Gerade noch rechtzeitig, um den Blick auf einen riesigen Schemen freizugeben, der über den Zyklopen hinwegschwamm. 
»Kategorie: Gigantyras. Länge: 357 Meter. Warnung, extrem aggressiv«, spukte die Sprachausgabe der Scanerkennung knisternd aus. 
»Schalt das aus. Wenn es nochmal zu mir spricht, bringe ich es um!«, befahl der Chefnavigator energisch. »Und dann bring uns runter, wir müssen verschwinden!«
Dröhnend entfaltete die Maschine ihre volle Leistung und schob den stählernen Riesen vorwärts. Eingehend studierte der Chefnavigator den Scan. Was er sah, ließ ihn schlucken. 
Der Gigantyras war ein längliches, sehr schlankes Wesen von der Gestalt einer Seeschlange, das sich, von seiner riesigen Schwanzflosse angetrieben, elegant durch das Wasser wandte. Auf seinem Rücken befand sich ein durchgehender, stromlinienförmiger Zackenkamm, der von der Schwanzflosse bis zum Kopf reichte. Weitere Flossen, zu seinen Seiten, verliehen ihm den benötigten Auftrieb. Aber das wirklich furchteinflößende war der Kopf. Fünf Paar kohlrabenschwarzer Augen musterten sie angriffslustig und ein riesiges Maul, voller Reihen spitzer Zähne, öffnete und schloss sich im Gleichtakt. Das Wesen besaß bebende Nüstern, die in einer kaum ausgeprägten Schnauze mündeten. Auf seiner Stirn befand sich ein großes spitzes Horn und um den Schädel herum saßen vier spinnenbeinartige, klauenbesetzte Greifarme im Fleisch verankert, welche die Beute packen und in den Schlund des Monsters befördern konnten. Ihre Klauen wirkten wie die das lange Blatt einer Sense, schreckliche Werkzeuge des Todes. Sie zuckten schon vor Mordlust und blutiger Vorfreude. 
Dann brüllte das Tier dem Zyklopen eine Herausforderung entgegen und setzte ihm nach. 
»Welche Torpedos können wir auf diese Distanz benutzen?«, fragte Clynnt Volker hektisch. 
Die Anspannung nahm ihn gänzlich für sich ein, er spürte merklich seinen Puls rasen und die Innenseiten seiner Handflächen hatten sich in morastige Tümpel verwandelt.
»Die Vendetta-Klasse auf kurze Distanz und Tsunamibringer auf mittlere Distanz. Aber er holt auf, es wird schwierig genug sein, uns überhaupt in Schussposition zu bringen«, erklärte der Copilot mit zitternder Stimme. Es klang fast so, als würde er gerade aus einem Lehrbuch zitieren und nicht aus Erfahrung sprechen. Vielleicht war es doch verkehrt gewesen, Daisy von der Brücke zu jagen? 
Clynnt knirschte mit den Zähnen Er durfte seine Entscheidungen jetzt nicht anzweifeln. »Haben wir also gerade nichts, was wir unserem Freund hier entgegensetzen können?«, fragte er gereizt. Wie konnte es überhaupt sein, dass es am Heck keine Torpedobatterie gab? Hatte niemand aus den schlechten Filmen gelernt?
»Ich … Ich weiß es nicht genau. Das ist mein erster Einsatz, Sir«, stammelte ihm der Copilot entgegen. 
Erst jetzt wurde Clynnt bewusst, dass er nur ein Junge war. »Welcher Idiot schickt mir denn einen Frischling an das Steuer eines riesigen U-Bootes, der sich noch nicht einmal darüber im Klaren ist, über welche Waffensysteme es verfügt?«
»Nunja, ich denke, das waren Sie, Sir«, erwiderte der Junge trocken. 
Clynnt konnte nicht anders, als zu lachen. »Na, wenn du es sagst, werden wir wohl beide als Idioten sterben«, kicherte er, dann sank er auf einem Sessel zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. 
»Heute stirbt mir hier keiner!«, drängte plötzlich eine Stimme zu ihnen durch. »Weder wir, noch die Leute, die wir suchen und finden werden!« Daisy Schritt in die Kommandobrücke, ihre Ausstrahlung hatte sich gänzlich verändert. Von dem trotzigen Mädchen war kaum noch ein Funke übrig. Es war der puren Entschlossenheit gewichen. 
Clynnt wollte etwas erwidern, doch sie winkte ab. 
»Ich weiß, was du sagen willst, und du hast Recht. Eigentlich habe ich hier nichts zu suchen. Ich habe es mir zu leicht gemacht.« Sie schien kurz in sich zu gehen. »Geniale Dinge zu entwerfen ist die eine Sache. Explosionen, riesige Roboter und Induktionsgewehre können einen schon echt glauben lassen, man sei ein taffer Mensch. Das dachte ich zumindest. Angsthasen habe ich schon immer gehasst. Aber gerade, als mir bewusst geworden ist, wie gefährlich es wird, habe ich mir fast in die Hose gemacht.« Sie nickte in Richtung des Hecks, wo ein weiteres Brüllen ertönte. »Und irgendwie schien ich ja auch Recht zu haben. Aber das bedeutet nicht, dass ich einfach davonlaufen darf. Bereit, wenn du es bist.« Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte Clynnt den Copiloten aus der Steuervorrichtung geworfen. Er ergriff ihre Hand. 
»Bereit«, sagte er nüchtern. »Enttäusch mich nicht.« 
Daisy lächelte und der Chefnavigator spürte wieder dieses lodernde Feuer in ihr. 
Wie hat sie sich so schnell umentschieden?
Sie holte einmal tief Luft. »Dann wollen wir dieser Bestie mal zeigen, dass es dumm war, sich mit uns anzulegen.«

 

 

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Korrekturen 19

19.Teil – Das Treffen (1/3)

Sie hatten lange geredet. Fancan war noch immer ganz schwindelig von all den Informationen, die man ihr gegeben hatte. Diese Menschen hier im einhundertzwölften Jahrhundert hatten wirklich Angst vor dem, was die Oberste Behörde tat. Sie wollten einfach nur in Frieden leben, doch das ging nicht, wenn sie immer in der Angst leben mussten, dass es in der alten Zeit irgendwem gelingen mochte, die Zeitsperren zu umgehen, die sie im zweiundachtzigsten Jahrhundert angelegt hatten.
Das endgültige Ziel musste es sein, das gesamte System zu zerstören. Sie war beeindruckt, wie detailliert man in dieser Zeit über sämtliche Vorgänge im Zeitvektor informiert war.
Giwoon sah Fancan erwartungsvoll an.
»Was sagst du?«, fragte er. »Du glaubst uns doch, oder?«
»Wie kann ich mich diesen Beweisen verschließen, die Ihr mir gezeigt habt?«, fragte sie zurück. »Doch wie wollt Ihr das System der Obersten Behörde zerstören?«
»Indem wir Ihnen die Energiequelle nehmen«, sagte Symeen. »Du ahnst nicht, wie viel Energie der Zeitvektor und seine Zeitkabinen verschlingen. Sie haben am unteren Ende der kontrollierten Zeitalter eine Einspeisung installiert, die durch die Sonnenzapfanlage gespeist wird, die man etwa vierhundert Jahre nach der Entdeckung der Zeitreisen erfunden hatte. Die Energie neigt dazu, in der Zeit nach ‘oben’ zu fließen, wenn man überhaupt eine Richtung angeben möchte. Also versorgt sich der gesamte Vektor bis hin zu der von uns angebrachten Sperre quasi von ganz ‘unten’ mit Energie. Beseitigen wir unten die Quelle, wird der Vektor sehr schnell aufhören, zu existieren.«
»Mal angenommen, das würde funktionieren«, sagte Fancan. »Was würde mit meinen sämtlichen Kollegen geschehen, die sich innerhalb des Systems aufhalten?«
»Wenn der Zufluss versiegt, wird das System von unten her absterben. Dieser Prozess kann sich über Wochen hinziehen. Jeder wird die Chance haben, den Vektor zu verlassen und irgendwo in die äußere Zeit einzutreten. Es wäre dann die letzte Zeitmanipulation, da diese vielen Menschen ja bisher keinen Abdruck im äußeren Zeitgefüge hinterlassen haben.«
»Aber wer soll denn diese Energiequelle zerstören?«
Giwoon legte seine rechte Hand auf ihren Arm.
»Wir werden das tun, Fancan«, sagte er sanft. »Es ist unser Schicksal, dem ein Ende zu setzen.«
»Unmöglich!«, rief Fancan aus.
»Es ist nicht nur möglich, sondern es ist unsere Aufgabe«, wiederholte Giwoon. »Wir beide und zwei weitere Menschen werden verantwortlich sein für das Ende der Obersten Behörde und des Zeitvektors.«
»Wer sind die anderen Beiden?«, wunderte sich Fancan.
»Das sind Thomas Rhoda und deine Freundin Khendrah.«
»Wie bitte? Du willst mich veralbern!«
»Das will Giwoon ganz sicher nicht«, mischte sich Symeen ein. »Das Ganze ist einfach nur sehr kompliziert. Ihr habt bei all euren Analysen und Recherchen eines stets vergessen: Ihr habt niemals den Gedanken gehabt, euch selber mit in die Gleichung zu nehmen, denn dann wäre euch aufgefallen, dass es bisweilen Abdrücke in der äußeren Zeit gibt, die nicht von den Menschen dieses Zeitalters verursacht worden sein können, sondern von Menschen, die in dieser Zeit eigentlich nichts verloren haben – von Zeitagenten.«
Symeen sah Khendrah forschend an, doch sie schwieg. Also fuhr Symeen fort:
»Fancan, du kennst den letzten Auftrag deiner Freundin, die du töten solltest?«
»Ja sicher, sie sollte einen Mann töten, dessen Nachfahre ein Verbrecher werden sollte. Sie hat ihn gerettet und dafür sollte ich sie töten. So will es das Gesetz.«
Symeen winkte ab.
»Lassen wir diese Bewertung einmal außer Acht. Es ist jedenfalls Fakt, dass Khendrah diesen Auftrag nur erhalten hat, weil ein verbrecherischer Analyst ihn ihr gegeben hatte. Es ist also nur zu verständlich, dass sie versucht, ihren Fehler wieder auszubügeln. Ich meine jedoch etwas völlig Anderes: Bist du schon einmal auf die Idee gekommen, den Stammbaum von Gunter Manning-Rhoda zurück zu verfolgen? Um diesen Mann ging es ja bei dem Auftrag. Sicher, er geht zurück bis auf Khendrahs Opfer Thomas Rhoda, doch wer war die Mutter seiner Kinder?«
»Keine Ahnung«, gab Fancan zu. »Das ist auch nicht von Belang.«
»Ach nein?«, fragte Symeen spöttisch. »Auch dann nicht, wenn sie in den Archiven mit dem Namen Kendra Rhoda verzeichnet ist?«
Fancan sog heftig die Luft ein und riss die Augen auf. »Khendrah und Thomas Rhoda haben Kinder gehabt?«
»Ganz offensichtlich«, bestätigte Symeen. »Und diese Kendra ist auch definitiv in hohem Alter im einundzwanzigsten Jahrhundert verstorben. Es geht aber noch weiter. Von Thomas Rhoda bis zu Gunter Manning-Rhoda sind es mehrere Generationen. Wir haben uns die Mühe gemacht, alle diese Menschen und ihre Beziehungen zu überprüfen und dabei haben wir eine interessante Entdeckung gemacht, die ich – wie ich gestehen muss – lieber nicht gemacht hätte.«
»Und was ist das?«, fragte Fancan, nun neugierig geworden.
»Kendra und Thomas hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn war zeugungsunfähig. Er heiratete später, blieb aber ohne eigene Nachkommen. Die Tochter hingegen, Lisa, heiratet später einen Mann mit Namen Zed Girault. Er übernahm nach der Heirat den Familiennamen Lisas. Ich habe mir mal die Eltern von diesem Zed angesehen und stellte fest, dass sie irgendwie nicht in die Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts passten. Sie sind zwar dort, doch war es mir nicht möglich, ihre Vergangenheit über einen bestimmten Punkt hinaus zu erfassen und dieser Punkt liegt um das Jahr 2008 herum. Eigenartig, nicht?
Fancan blickte von einem zum anderen. Sie versuchte, in den Augen Giwoons zu lesen, doch sie konnte nicht erraten, was er dachte.
»Weißt du, wovon deine Mutter spricht?«, fragte sie ihn.
Giwoon nickte.
»Ich weiß wovon sie spricht«, bestätigte er. »Doch höre zu, denn, was nun kommt, betrifft uns beide.«
Symeen wartete, bis sie wieder die volle Aufmerksamkeit hatte, dann fuhr sie fort:
»Wir wissen bereits, dass Khendrah und Thomas Rhoda ins Jahr 2008 zurückkehren, weil Thomas sein Leben dort weiterführen muss, um die Geschichte nicht zu sehr zu verzerren. Offenbar ist Khendrah bei ihm geblieben und wurde ebenfalls zu einem Bestandteil dieses Zeitalters. Wer also sind die mysteriösen Eltern des späteren Ehemannes von Lisa Rhoda? Die Antwort ist ebenso einfach, wie erschreckend für mich: Ihr zwei seid es.«
Fancan sprang auf.
»Das ist nicht möglich!«, entfuhr es ihr. »Was soll ich im Jahre 2008?«
»Bitte setz dich wieder«, bat Giwoon sanft. »Wir haben beide dort eigentlich nichts verloren. Trotzdem sind wir in die Geschichte dieser Zeit integriert und mit ihr verwoben. Wie es aussieht, bleiben wir zusammen und bekommen gemeinsame Kinder, die ebenso zu den Vorfahren von Gunter Manning-Rhoda gehören, wie Thomas und Khendrahs Kinder. Wäre dir der Gedanke, mit mir zusammen zu leben, so unerträglich?«
Fancan setzte sich wieder.
»Nein, natürlich nicht«, sagte sie leise. »Ganz und gar nicht. Aber ich verstehe nicht, wieso.«
»Das verstand ich lange Zeit auch nicht«, gab Symeen zu. »Aber Cheom fand vor kurzer Zeit die Lösung. Ihr zwei seid es, die den Zeitvektor zerstört. In euren Händen liegt unser aller Schicksal. Der Preis, den ihr dafür zahlt, ist, dass ihr nicht mehr zurückkehren könnt.«
»Wissen wir eigentlich schon, warum das so ist?«, wollte Giwoon wissen. »Da ich davon ausgehe, dass wir unsere Reise in die Vergangenheit nicht mit einem Aufzug der Behörde machen werden, sondern mit einem unserer Slider, ist es für mich nämlich nicht ganz verständlich, wieso wir unseren Slider nicht mehr benutzen können, nur weil wir das System der Behörde ausschalten.«
»Das konnte auch Cheom bisher nicht herausfinden. Trotzdem bedeutet es, dass Ihr die Reise in die ferne Vergangenheit antreten werdet, um das Zeitreisesystem der Obersten Behörde zu beseitigen. Ich denke, dass es Sinn hat, Khendrah und Thomas zu suchen, um mit ihnen zusammen zu arbeiten.«
»Das geht nicht!«, ereiferte sich Fancan. »Ich wurde ausgesandt, um sie zu töten. Ich hatte sie auch bereits gefunden, doch die beiden konnten mich täuschen und überwältigen. Ich glaube kaum, dass Khendrah es ein weiteres Mal darauf ankommen lassen würde. Ich fürchte, sie würde mich sofort zu erledigen versuchen, wenn ich mich in ihrer Nähe zeigen würde.«
»Das glaube ich kaum«, meinte Symeen. »Außerdem könnte Giwoon den Kontakt herstellen. Ihn kennen sie nicht und er könnte ihnen erklären, dass sich die Lage vollständig geändert hat, oder nicht?«
»Mutter, ich verstehe allerdings auch nicht, warum wir uns damit belasten sollen, sie zu finden«, sagte Giwoon. »Lassen wir sie doch tun, was immer sie tun. Wenn deine und Cheoms Recherchen stimmen, werden wir uns doch sowieso im Jahre 2008 treffen. Spätestens unsere Kinder werden sich irgendwie kennenlernen.«
»Du hast im Grunde recht«, räumte Symeen ein. »Doch gibt es bei den Daten noch eine gewisse Unschärfe. Wir sind eben nicht sicher, ob Khendrah und Thomas nicht doch eine Rolle in diesem Spiel spielen. Es kann nicht schaden, sie zu kontaktieren.«
Giwoon lächelte.
»Mutter, du gibst nicht auf, nicht wahr? Du willst einfach, dass wir schon jetzt auf sie stoßen und eventuell Freundschaft schließen. Das ist es doch, oder?«
Symeen lachte.
»Bin ich so leicht zu durchschauen? Du hast recht. Ich bin einfach überzeugt davon, dass Ihr dort, in der alten Zeit, einfach zusammenhalten solltet. Das Leben dort wird für euch noch schwer genug werden. Viele Dinge, die uns selbstverständlich sind, wurden dort noch nicht erfunden. Die medizinische Versorgung ist zwar nicht schlecht, aber es ist auch so, dass man dort noch an Krankheiten wie Krebs oder AIDS sterben kann – Krankheiten, die es heute bei uns nicht mehr gibt.«
»Dann sollten wir noch einige Impfungen erhalten, bevor wir uns auf den Weg machen«, schlug Giwoon vor.
»Es gibt keine Impfungen«, sagte Symeen. »Diese Krankheiten sind seit Jahrtausenden ausgerottet. Wir haben überhaupt keine Möglichkeiten mehr, Impfstoffe dagegen zu entwickeln.«
»Mutter, wir werden mit diesem Risiko leben müssen«, sagte Giwoon. »Wir werden halt vorsichtig sein müssen.«
Symeen sah erst Fancan, dann Giwoon an.
»Dann steht es hiermit fest. Eine endgültige Trennung und ein Abschied für immer steht kurz bevor. Ich darf gar nicht daran denken.«

Die folgenden Tage standen vollständig im Zeichen der Vorbereitungen auf die Abreise von Giwoon und Fancan. Zedroog hatte den Slider mit einem Transportfahrzeug näher ans Haus herangeholt, um die Vorräte zu laden, die man in der Vergangenheit benötigen würde. Über Lebensmittel bis hin zu Waffen und technischen Gerätschaften wurde in den Slider hineingepackt, was eben noch hineinpasste. Zum Schluss händigte Symeen ihrem Sohn ein spezielles Gerät aus.
»Giwoon, auf dieses Gerät müsst ihr besonders aufpassen! Es ist ein Ortungsgerät für solare Energiequellen. Ich meine damit jetzt nicht die Sonne selbst, sondern natürlich den Zapfmechanismus. Er muss irgendwo auf der Erde versteckt sein. Es kann sein, dass ihr eine Weile damit beschäftigt seid, ihn zu finden. Dieses Gerät wird euch zuverlässig dorthin leiten. Sobald ihr ihn gefunden habt, bringt dieses Gerät so nah wie möglich dort heran. Es sollte nicht weiter als hundert Meter davon entfernt sein.«
»Was geschieht, wenn wir das tun?«, wollte Fancan wissen.
»Das Gerät wurde entwickelt aufgrund der Konstruktionsdaten des Sonnenzapfers, die Giwoon uns aus der Datenbank im Zeitvektor übermittelt hat«, sagte Symeen. »Es wird die Steuerung der Anlage übernehmen und die Stabilisierungsfelder schrittweise deaktivieren, bis die von der Sonne eintreffende Energie das Gerät schließlich ungeschützt trifft und es verschlingt. Der Zapfstrahl wird spontan abreißen.«
»Wird das nicht gefährlich werden?«, fragte Giwoon. »Ich könnte mir vorstellen, dass es ganz schön knallen wird, wenn die ganze Energie sich in der Anlage selbst austobt.«
»Das wird es auch sicherlich. Und Ihr solltet dann nicht mehr in der unmittelbaren Nähe sein. Wir gehen aber davon aus, dass die Anlage irgendwo verborgen ist, wo es unbewohnt ist. Zum einen soll sie ja durch all die Zeitalter nicht gefunden werden und zum anderen wird man auch im Zeitvektor nicht lebensmüde sein.«
Giwoon nahm das Gerät an sich, und betrachtete es. Es war ein elegantes kleines Ding, das man bequem an den Gürtel der Kombination stecken und mitnehmen konnte. Es war kaum vorstellbar, was dieses kleine Ding für Auswirkungen auf das Weltgeschehen haben würde.
»Wie werden wir denn überhaupt zu der Stelle gelangen, an der dieses Gerät zum Einsatz kommen soll?«, fragte Fancan.
»Das ist nicht das Problem«, erklärte Giwoon. »Die Slider sind durchaus auch für den atmospärischen Flug geeignet. Wir sind also mobil.«
Fancan war zufrieden.

Bevor sie endgültig das einhundertzwölfte Jahrhundert verließen, bereitete Symeen mit Yshaa zusammen noch ein festliches Mahl zu und es gab ein Abschiedsessen, bei dem jedoch keine rechte Stimmung mehr aufkommen wollte. Jeder dachte nur daran, dass es etwas absolut Endgültiges war, das in wenigen Stunden geschehen würde. Giwoon war, ebenso wie Symeen, äußerst schweigsam. Yshaa hatte sich auf Giwoons Schoß gesetzt und weinte leise. Ihr wurde erst jetzt bewusst, dass sie ihren Bruder nie wiedersehen würde.
Auch Fancan fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Zwar besaß sie keine engen familiären Bindungen, doch auch für sie würde sich alles ändern. Die Aussicht, ihr gesamtes restliches Leben in den – aus ihrer Sicht – Anfängen der Zeit zu verbringen, machte ihr Angst.
Ein paar Stunden später bestiegen sie den Slider und verabschiedeten sich von der Familie.
»Vielleicht solltet Ihr einen Abstecher ins Jahr 2110 machen«, schlug Symeen vor. »Dort werdet Ihr Khendrah und Thomas finden, wie sie versuchen, Ralph Geek-Thobens Manipulationen zu bereinigen. Ihr könntet gleich dort Kontakt aufnehmen.«
Fancan schaute etwas gequält. Sie konnte sich noch zu gut an ihr letztes Treffen erinnern.
»Hast du auch die Koordinaten für uns?«, fragte Giwoon.
Symeen lächelte.
»Glaubst du, ich würde dir einen solchen Vorschlag machen, wenn ich nicht von Cheom alles bekommen hätte, was Ihr braucht?«
Symeen überreichte ihm einen kleinen Speicherkristall.
»Hier drauf findest du alles, was du wissen musst. Mach nur nicht so viel kaputt, wenn du dort ankommst.«
»Mutter!«, rief Giwoon protestierend.
Symeen umarmte noch einmal ihren Sohn und dann auch Fancan.
»Mädchen, pass gut auf ihn auf«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Und werdet glücklich, ihr Zwei.«
Fancan war ehrlich gerührt, da sie noch immer das Gefühl gehabt hatte, sie wäre Giwoons Mutter nicht Recht.«
Sie gab sich einen Ruck und umarmte auch Symeen.
»Das werde ich – versprochen.«

Die Zeit für die Abreise war gekommen. Schweren Herzens bestieg Giwoon den Slider und Fancan folgte ihm. Im Fahrzeug sah es aus wie in einem Warenlager. Überall stapelten sich Ausrüstungsgegenstände, die sie möglicherweise in absehbarer Zeit gebrauchen konnten. Sie quetschen sich in die Sitze, die um den zentralen Tisch montiert waren. Wie bei ihrem ersten Flug, schwebte die Steuerkugel schwerelos darüber. Giwoon legte seine Hand darauf und aktivierte die Steuerelemente.
»Dann wollen wir einmal sehen, was Cheom für uns herausgefunden hat«, sagte er, während er den kleinen Kristall, den ihm seine Mutter gegeben hatte, in eine kleine Aussparung des Steuerpults steckte.


Die nächste Fortsetzung könnt Ihr an dieser Stelle am 14.09.2019 lesen.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 6 – Verloren in den Tiefen von Nautilon

Der Scherenpanzer sank unaufhörlich in die Tiefe. Mittlerweile war es so schwarz um ihn herum, dass man nichts mehr von der Außenwelt erkennen konnte. Nur das kleine Licht seiner Taschenlampe erhellte die Fahrerkabine wie ein Funke der Hoffnung. 
Archweyll hatte auf seinen massigen Kampfanzug verzichten müssen, als er in den engen Panzer stieg, aber mit einer Notfallausrüstung war er immer ausgestattet. Er vergeudete keine Zeit und begann direkt damit, einen Plan auszuarbeiten. Denn ohne würde er hier unten sterben. Durch eine elektronische Verbindung hatte er vor ihrer Mission alle Daten des Scherenpanzers auf seine eigene Festplatte gebrannt, nun rief er diese holographisch ab. Er war kein Mechaniker und die Struktur des Anzuges war alles andere als unkompliziert, aber langsam hatte er den Dreh raus. 
Die Hauptstromversorgung saß kurz über dem Heckantrieb, zwischen den Schultern des Scherenpanzers, und war durch zwei Isolationsschichten von seiner Kabine getrennt. Es knisterte leise, während sein kleiner Handbrenner die erste Schicht durchstieß.
Wenn das noch länger dauert, kann ich auch einfach die Frontscheibe öffnen, dachte Archweyll ungeduldig. Aber diesen Gefallen würde er weder Crowler, noch diesem unnachgiebigen Planeten erfüllen. Der Kommandant biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich mit einem eisernen Willen auf sein Ziel. Als der Brenner soweit war, riss Archweyll die Platte einfach heraus. Er konnte von Glück reden, dass die massive Aspexylpanzerung sich an der Außenwand befand und ihn vor Druck und Kälte schützte, während er das Innenleben des Scherenpanzers auseinandernahm.
Die zweite Isolationsschicht bestand aus einer schaumartigen Masse und Archweyll wurde das Gefühl nicht los, in fremden Eingeweiden herumzuwühlen, während seine Hand den Kunststoff beiseitefegte. Mit der Taschenlampe im Mund und dem Brenner in der rechten Hand, lugte er in das klaffende Loch seiner Innenbordwand. Kabel kamen ihm wie Lianen entgegengesprungen, aber dem Kommandanten war klar, dass er sie gefahrlos berühren konnte. Mit einer fast väterlichen Fürsorge tastete er sich voran, bis er die Energieversorgung fand. Die Propeller der Kühlelemente verrieten ihm, dass er hier richtig war. Währenddessen studierten seine Augen die Hologrammaufnahme seiner externen Festplatte, als hinge sein Leben davon ab. 
Moment … das tut es.
Sein Arm verschwand mittlerweile fast gänzlich in der Öffnung und seine Wange lag in einer sonderbaren Haltung gegen die Rückwand gepresst. Keuchend ließ er seine Finger noch tiefer hineinwandern, wohl wissend, was für einen Anblick er gerade abgeben musste. Aber das war jetzt völlig nebensächlich. Dann stießen sein Pranke auf einen breiten Kabelbaum, der sich wie eine kupferne Wirbelsäule durch den Anzug schlängelte.
»Hier muss es doch irgendwo sein«, keuchte Archweyll nervös. Wenn er den Unterbrecher nicht bald fand, konnte er Lebewohl sagen. Plötzlich stießen seine Finger auf eine eigenartige Form. Sofort krallte sich sein Griff daran fest. In seiner Hand lag ein fingernagelgroßer, ovaler Chip, der sachte vibrierte.
»Therodax-3«, schmunzelte der Kommandant. »Einfach, aber effizient.« 
Mit einem Ruck versuchte er den Chip zu entfernen, doch dieser wollte sich scheinbar nicht so einfach ergeben. 
Das Magnetfeld habe ich fast vergessen. Jetzt war Vorsicht geboten. 
Wenn er die Kabelstränge zerriss, war es mehr als ungewiss, ob die Maschine noch funktionieren würde. Fieberhaft suchte Archweyll nach einer Lösung für das Problem. 
Während er innig das Hologramm analysierte, kam ihm eine Idee. Eilig griff er nach seinem Schraubenzieher und schlug ein kleines Loch in die Bordwand, dort, wo der linke Greifarm verankert lag. Die Hologrammanalyse zeigte ihm, dass er dort einen Elektromagneten finden würde, der ihm für seine Zwecke dienlich sein konnte. Wenn er diesen mit genug Spannung auflud, konnte er den Therodax-3-Chip entmagnetisieren, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Aber das würde genügen. 
Ärgerlicherweise hatte er dann womöglich nur noch einen Arm zur Verfügung, aber alles war besser als hier unten zu versauern. Mit dem Schraubenzieher drang er in das Loch ein, wühlte sich durch Kabel und stählerne Vorrichtungen, bis er auf den Magneten stieß. Sofort wurde sein Schraubenzieher davon abgestoßen, doch Archweyll war unnachgiebig. 
Mit einem unglaublichen Ruck und einem mechanischen Kreischen riss der Magnet aus seiner Verankerung, als Archweyll mit aller Kraft, die ihm verliehen wurde, an ihm zerrte. 
»Hab ich dich«, schmunzelte er. 
Jetzt kam der schwierige Teil: er musste den Magneten mit genug elektrischer Energie aufladen, um die beiden Magnetfelder langsam zu neutralisieren. 
Leider würde dafür seine Festplatte mit Hologrammanalysator und dessen kleiner Generator herhalten müssen. Da der linke Arm ohnehin defekt war, zerrte der Kommandant ein Kabel daraus hervor und schnitt es mit dem Messer in zwei gleichlange Hälften. 
Mit dem Schraubenzieher verging er sich an der Kiste, die ihm bis gerade noch treue Dienste geleistet hatte, und legte die äußere Hülle fein säuberlich ab, bis der summende Generator zu sehen war. Archweyll entfernte die Kabel, welche die Energiequelle mit dem Hologrammgenerator verbanden und klemmte die Kupferdrähte daran. Mit einem unflätigen Fluch quittierte er jeden Elektroimpuls, der wie eine zischende Energieschlange durch seinen Körper jagte. Dann verband er den Magneten mit dem Kabel, auch wenn dieser sich zunächst streng weigerte, und lud ihn mit Energie auf. Unter Aufwand all seiner Kräfte hielt er das Stück Metall umklammert, damit es nicht verloren ging. Doch das erforderte eine Menge Kraft. Blaue Adern traten aus Archweylls Schläfen aus und er schwitzte bestialisch, doch dann war es vollbracht. Im Bruchteil einer Sekunde drehte er sich um die eigene Achse und steckte den Magneten in das Loch. Sofort stieß er auf Widerstand, aber jetzt war er so kurz davor. Das entstandene Wechselfeld würde den Unterbrecher kurzzeitig destabilisieren.
Archweyll drückte den Magneten wie ein Besessener immer weiter vorwärts. 
Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit so verharrte, ließ er ihn los, um nach dem Chip zu greifen. Mit seinen letzten Kräften zerrte er daran. Doch der Chip wollte nicht nachgeben. 
Ein zorniger Aufschrei entwich seiner Kehle. 
Nochmal. Es muss funktionieren! 
Abermals zerrte der Kommandant an dem Unterbrecher. 
Mit einem Ruck löste sich der Chip von den Kabeln und lag nun trügerisch in seinen Händen, als könne er kein Wässerchen trüben. Archweyll wischte sich den Schweiß von der Stirn, spukte aus und traf dabei versehentlich die Frontscheibe. 
Blöde Angewohnheit von mir. 
»Du kleiner Bastard«, fluchte er triumphierend. »Das hast du nicht kommen sehen, was?« 
Er legte den Unterbrecherchip auf seinen Schraubenzieher und binnen einer Minute reaktivierte er sich und heftete daran wie ein Parasit an seiner Beute. 
Archweyll setzte sich in den Sitz und drückte die Anwendung für die Energiequellenaktivierung. Es passierte nichts. Mit einem gequälten Aufschrei hämmerte er mit seiner Faust immer wieder auf den Knopf. Wie tief er mittlerweile wohl schon abgetaucht war? Noch hatte er den Grund nicht erreicht, doch die Strömung schien ihn immer weiter nach draußen zu treiben. Als hätte irgendetwas seine Gedanken erraten, ertönte plötzlich in weiter Ferne ein bedrohliches Grollen. Archweyll spitzte die Ohren und eine Gänsehaut bildete sich auf seinem Nacken, als ihm klar wurde, dass es sich um ein Lebewesen handeln musste. Angespannt lauschte der Kommandant dem Schlag seines eigenen Herzens. Er war hier unten nicht alleine und beileibe nicht der Stärkste. 
Also nichts wie weg von hier.
Nach drei weiteren gescheiterten Versuchen aktivierte sich endlich die Energieversorgung. 
Ein Schwall der Erleichterung brach aus Archweyll Kehle und mündete in ein triumphierendes Gelächter. »Bevor ich Crowler nicht den Arsch versohlt habe, holst du mich nicht!«, rief er herausfordernd in die Dunkelheit. Eilig begann er damit, die Anzeigen und Scans zu aktivieren. Fluchend wurde ihm bewusst, dass sich seine Torpedobatterie am linken Arm befand und somit nutzlos war. Aber immerhin funktionierten die Messwerte. 
»Fast sechs Kilometer unter der Oberfläche. Wir tief bin ich nur gesunken?«, seufzte Archweyll, bis ihm sein grottenschlechter Wortwitz den Anflug eines Lächelns auf die Lippen zauberte. 
»Radarzustand kritisch. Frequenz auf Notleistung gedrosselt«, ertönte plötzlich eine kratzende Stimme und der Kommandant zuckte vor Schreck zusammen. Dann räusperte er sich verlegen, als hätte ihn jemand in einer peinlichen Situation erwischt. »Schön, dass mal wieder jemand mit mir redet«, begrüßte er den Bordcomputer, als wäre es ein alter Freund. Dann entwich seinen Lippen ein Fluch. Der Antrieb war aus ihm unersichtlichen Gründen nicht funktionstauglich. 
»Soll das ein schlechter Witz sein? Jetzt ersticke ich nicht, sondern verdurste?«, grunzte er verdrießlich. Doch eine innere Stimme mahnte ihn zum Weitermachen. 
»Dann wollen wir mal« Er verband sich mit dem Scherenpanzer, rechter Arm und Beine gehorchten intuitiv seinem Befehl. 
Vielleicht klappt es ja mit Brustschwimmen? 
Doch dann wurde ihm klar, dass der defekte Arm wohl etwas dagegen hatte. Plötzlich nahm der Kommandant unter sich einen matten Schimmer wahr. Archweyll wendete seinen Anzug in der Strömung, sodass er einen besseren Ausblick hatte. Und er traute seinen Augen nicht. 
Riesige glühende Pflanzen streckten sich vom Grund aus in die Höhe und erleuchteten ihn in den unterschiedlichsten Farben. Ihre Form glich der eines Augapfels, der mit seinem Nerv am Meeresgrund verankert war. Sie waren überzogen von ädrigen Linien, die im Schein des Lichtes pulsierten. Die ballartigen Pflanzen hatten die unterschiedlichsten Größen. 
Manche besaßen nur zwei, andere bestimmt zehn Meter Durchmesser und sie tanzten sachte in der Strömung. Wabernde Schlote öffneten sich aus der Erde, aus ihnen entwich ein grüner Dampf und sie waren übersät mit krebsroten Pocken. Geisterhafte Silhouetten winziger Lebewesen huschten umher und als Archweyll näher herankam, bemerkte er, dass ihre Körper aus einer durchsichtigen, gallertartigen Konsistenz zu bestehen schienen. Das Gestein unter ihm bildete ein undurchschaubares Wirrwarr aus Höhlen und Kavernen, welche die abstraktesten Formationen bildeten und ihn wie ein gähnender Mund empfingen.
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er in weiter Ferne ein metallisches Glitzern wahrnehmen, doch als er näher hinschauen wollte, war es wieder verschwunden.
Ein weiterer Scherenpanzer?
Wenn sie alle hier unten gefangen waren, konnte das nur in einer Katastrophe enden. Die Strömung könnte sie mittlerweile meilenweit auseinandergedriftet haben und es der Truppe in dem Zyklopen dadurch fast unmöglich machen, sie zu finden. Außerdem hatten sie nach wie vor das Problem, dass Frequenzen aus dem sonderbaren Leichnam in den Warp vordrangen. Bei dem Gedanken daran geriet Archweyll ins Grübeln. Wie konnte es sein, dass Knochen eine Art Nachricht ins All versenden konnten? Mit was für einem Lebewesen hatten sie es hier zu tun? Seine Gedanken drifteten zu Tamara. Ob es ihr wohl gut ging? 
Archweyll bemerkte, wie sehr er sich danach sehnte, sie wohlauf zu finden. 
Zwar ebenso wie die anderen vermissten Mitglieder des Trupps, aber doch irgendwie anders. 
Der Kommandant fasste einen Entschluss. Er würde den Ursprung des metallischen Glitzerns ausfindig machen und für das Wohlergehen seiner Kameraden sorgen. Möglicherweise waren die anderen nicht so erfolgreich mit ihren Unterbrecherchips fertiggeworden. Er durchbrach die dichte Decke aus Pflanzen und zu seinem Erstaunen riss eine von ihnen auf, als er sie mit dem Greifarm streifte, und es entwichen Gasblasen, die in Richtung Oberfläche strömten. Archweyll entblößte ein freudiges Grinsen. Er hatte eine Möglichkeit gefunden, auch ohne Antrieb nach oben zu gelangen. Zumal die Pflanzen so grell leuchteten, dass sie wie ein Aushängeschild fungieren würden. Aber nun musste er sich darauf fokussieren, die anderen Mitglieder zu finden. Und Tamara. Er setzte den ersten Schritt und war noch nie so entschlossen etwas zu tun.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 5 – Finsternis

Der Zyklop sank tiefer und tiefer. Auf seinem Weg passierte er abstrakte Felsformationen und bunte Schwärme von winzigen Fischen, mit bis zu 50.000 Exemplaren, die mit flinken Bewegungen durch die Gezeiten pflügten. Unter ihnen befand sich nur die unergründbare Schwärze des Abgrundes. Die Dünen, wie Crowler sie genannt hatte, vollzogen eine große natürliche Kurve, als wären sie der Rand eines riesigen, ehemaligen Kraters, in dem das Leben brodelte. Der abrupte Abfall des Terrains und die plötzliche Dunkelheit, die damit einherging, wirkten im Vergleich fast lebensfeindlich und karg. 
Daisy steuerte das Schiff sorgsam auf der Schwelle ins Nichts, bedacht darauf, den Kraterrand nie gänzlich zu überschreiten. 
Doch der Blick aus der großen Glaskuppel ließ dennoch einen beunruhigenden Blick in die Finsternis zu und Archweyll merkte, wie sein Gehirn damit begann, ihm Streiche zu spielen, indem es riesige Schatten in Bewegung setzte, die gar nicht da waren. Wie sehnlich wünschte er sich gerade an Bord des Patrouillenkreuzers zurück. 
»Noch drei Meilen bis zum Ziel«, riss ihn die Chefmechanikerin aus seinen Gedanken. »Der Scan ist jetzt in Reichweite. Ich starte mal eine Analyse.«
Archweyll grummelte eine Antwort. Wenn alles gut ging, würden sie in weniger als einer Stunde wieder zurück sein. »Maschinen stoppen!«, befahl er mit einer Handbewegung. »Wir wollen uns ja nicht in die Explosionsreichweite begeben.« Eingehend analysierte er die Monitore, die für den Scan zuständig waren. Langsam manifestierte sich ein Bild vor seinen Augen. »Sind das… Berge?«, frage er zögerlich.
Vor ihnen befand sich eine Formation riesiger Nadelspitzen, die unbeugsam in Richtung Oberfläche emporragten und dabei Gefahr liefen, in den Kraterrand zu stürzen. 
»Negativ«, quittierte ihn die Chefmechanikerin lachend. »Das sind seine Rippen.«
Archweyll merkte, wie ihm die Kinnlade herunterfiel. Mit einer fast übertrieben grazilen Handbewegung brachte er seinem Kiefer wieder Haltung bei. »Aber die sind bis zu fünfhundert Meter hoch. Und Mama hat mir schon immer gesagt, ich sein ein wahrer Prachtkerl«, grunze er und fuhr sich mit der Hand bedächtig durch den Schnauzer. »Länge?«, wollte er wissen.
»1.200 Meter. Ich glaube ein bis zwei Torpedos sollten reichen«, erwiderte Daisy gelassen. 
Es erstaunte den Kommandanten, dass sie so ruhig bleiben konnte, angesichts der Tatsache, dass es ihre erste Mission und Kontakt mit fremdem Leben war. Und dann gleich mit so einem ausgewachsenen Ungetüm. Oder verbirgt sie etwas?
Möglicherweise war sie voll fokussiert oder aber sie ließ sich nichts anmerken. 
»Dann wollen wir dieses Riesenbaby mal zerlegen«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. »Feuer frei.«
»Automatische Zielfrequenz initiiert«, bestätigte die Spracherkennung des Zyklopen
Ein Surren ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterie in Anschlag gebracht wurde.
»Können wir überprüfen, ob die Frequenz abbricht, sobald wir es zertrümmert haben?«, fragte der Kommandant. 
»Ich verbinde mich mit Crowler und befrage ihn«, antwortete Clynnt Volker vom Funkgerät aus, von welchem er bis gerade eifrig mit der föderalen Sicherheitsbehörde kommuniziert hatte.
Der Kommandant quittierte ihn mit einem Nicken. »Aber wir brauchen eine andere Möglichkeit, um es herauszufinden. Ich traue ihm mittlerweile durchaus zu, dass er uns zum Narren halten würde.«
»Die haben wir auch«, sagte plötzlich eine vertraute Stimme.
Archweyll drehte sich irritiert um. 
Seit wann war Tamara wieder auf der Brücke? 
»Schön, dass du es zu uns geschafft hast«, lud er sie ein. »Dann schieß mal los.«
»Die Scherenpanzer haben manuelle Messvorrichtungen, die der Zyklop nicht besitzt«, Tamara schritt auf der Brücke auf und ab. Was sie zu sagen hatte, schien sie zu beunruhigen.
»Sie sind eigentlich für den Kampf wie geschaffen, deswegen sind sie auch in der Lage, feindliche Kommunikation abzufangen und zu übersetzen. Zumindest, wenn sie nahe genug am Ursprung der Frequenzen sind, was unser Problem ist, denn da draußen erscheint es mir eher unschön. Ich frage mich allerdings, warum der Zyklop das nicht auch kann?«, ihr Blick wanderte zu Daisy. 
»Er ist zu groß. Jedes feindliche Radar ortet dieses U-Boot schon von weitem. Unser Vorteil in der Schlacht auf Orian II war die Tatsache, dass der Zyklop einfach alles in Schutt und Asche gelegt hat, was sich ihm in den Weg stellte. Es war schlichtweg egal, dass er vom Feind geortet wurde, weil er ihn in der nächsten Sekunde pulverisiert hat. Die Scherenpanzer sind eher dazu gedacht, sich hinter die feindlichen Linien zu schleichen und sind mit dementsprechenden Funktionen ausgestattet. Seit dem Informationskrieg mit den Separatisten auf Khn’el sind langstreckige Kommunikationsabfänger nicht mehr angesagt«, erklärte die Chefmechanikerin bedeutsam. 
»Ich habe Crowler an der Strippe«, schaltete sich Clynnt in das Gespräch ein. »Er flennt wie ein Mädchen, ist aber bereit uns zu helfen. Dennoch würde ich auf Nummer sicher gehen.« 
Archweyll nickte ihm zu. »Dann zeig mir mal, was der Zyklop so drauf hat«, rief er erwartungsvoll. 
»Zielerfassung«, befahl Daisy. Ihre Monitore leuchteten auf, während sie die Koordinaten für den großflächigen Angriff durchgab und zwei Detonationsziele festlegte. Ihr Blick traf auf den von Archweyll und für eine Sekunde konnte er darin ein Feuer brennen sehen, dass alles verschlang. »Vernichten.«
Ein Ruck ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterien eine Salve abfeuerten. 
Daisy drehte in ihrem Stuhl eine Runde. »Und…« Dann noch eine. »Jetzt«, schmunzelte sie.
Bevor Archweyll begriff, was sie meinte, pfiff für den Bruchteil einer Sekunde ein Piepen durch sein Ohr. Dann ertönte ein Knall, so laut, dass er stocksteif zusammenfuhr. Ihm folgten zwei Detonationen noch nie dagewesenen Ausmaßes. Der Horizont explodierte, rote Lichter tauchten das Meer in ihren Schimmer und verliehen ihm die Farbe geronnenen Blutes. 
»Position optimieren, wir driften ab«, Daisy war schon wieder am Steuer und schien angesichts des schrecklichen Werkes der Untergangs-Torpedos kaum mit der Wimper zu zucken. 
Weitere Lichter brachen durch den Ozean und verwandelten ihn in ein Flammenmeer. 
Archweyll pfiff durch die Zähne. »Das ist ja fast schon gruselig, wie gelassen du dabei bleibst«, beurkundete er das zerstörerische Werk der Geschosse. 
»Ich habe sie mitentwickelt. Man sollte sich immer im Klaren darüber sein, was man tut«, erwiderte die Chefmechanikerin. 
»Und niemals den Respekt davor verlieren«, grummelte Tamara finster und deutete Archweyll an, ihr zu den Scherenpanzern zu folgen.
»Laut Crowler ist die Frequenz abgebrochen«, rief ihnen der Chefnavigator hinterher.
»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, murmelte der Kommandant, während er sich auf den Weg zu den Docks machte. 
N’kahlu und seine Mannschaft salutierten ehrfürchtig, als sie eintraten. 
»Anzüge bereit machen, wir gehen runter!«, befahl Archweyll lautstark.
»Ihr habt ihn gehört, Beeilung, Beeilung!«, heizte der Sergeant weiter ein.  Binnen fünf Minuten waren sie startklar. Die Schotts schlossen sich und das Wasser nahm sie ganz für sich ein. Mittlerweile war das scheußliche Licht der Explosion vergangen und es war wieder einheitlich dunkel, wofür der Kommandant irgendwie dankbar war. Minuten vergingen, während sie zu ihrem Ziel navigierten. Archweyll konnte im Licht der Scheinwerfer gerade noch erkennen, dass der Sand der Dünen nun kohlrabenschwarz gefärbt und das Klippenrelief gute zwanzig Meter in die Tiefe gesunken war. Fast lautlos steuerte er auf das Gerippe zu. Sein Scan zeigte ihm, dass es sowohl den Schädel, als auch das Körperskelett größtenteils zerlegt hatte. Die Frage, warum ein Skelett überhaupt dazu in der Lage war, Frequenzen auszustoßen, blendete er völlig aus. »Sind wir in Reichweite?«, fragte er durch das Funkgerät. 
»Noch eine halbe Meile«, erwiderte Tamara. Angespannt setzten sie ihren Weg fort. 
Beständig analysierte Archweyll seine Umgebung, aus den Augenwinkeln nahm er Bewegungen wahr, die nicht existierten. Überall schien die tödliche Bedrohung auf sie zu lauern. 
Und dann ragte eine einzelne Rippe vor ihnen auf, die vom Grund auf sogar die Wasseroberfläche erreichte, und es verschlug Archweyll die Sprache. Was auch immer dieses Etwas einst gewesen war, es musste gigantisch gewesen sein. Vor seinem inneren Auge malte er sich aus, wie das Lebewesen durch den Warp jagte und er musste schlucken. Es gab also vermutlich tatsächlich Monster da draußen, welche die Atharymn an Größe übertrafen. Bei dem Gedanken daran überkam ihn eine Gänsehaut.
Die Ebene um das Skelett war restlos verwüstet, im Lichtstrahl der Scheinwerfer erkannte Archweyll zudem, dass das Relief langsam in sich zusammenbrach. Sie mussten sich beeilen, denn möglicherweise könnten die Überreste des Riesen mit absinken. 
»Dein Gefühl, was Crowler angeht, scheint sich zu bestätigen!«, fluchte Tamara plötzlich durch den Funk. 
Instinktiv steuerte er zu seiner Stoßtruppführerin. »Wir empfangen weiterhin Frequenz?«, erwiderte der Kommandant entgeistert. Das waren schlechte Neuigkeiten. 
»Sogar verstärkt!«, bestätigte sie wütend. »Daisys Torpedos haben uns nicht geholfen.«
»Das ist nicht ihre Schuld. Es war meine Idee«, antwortete Archweyll streng. 
»Ich weiß. Ich suche nur gerade fieberhaft nach einer Lösung. Verzeihe mir, wenn ich eventuell schroff klinge.« 
Der Kommandant musste kichern. »Das tust du eigentlich immer. Dann scheint ja alles beim Alten zu sein«, lachte er. 
Bevor sie etwas erwidern konnte, ging ein spürbares Beben durch den Ozean. Ein Grollen furchtbaren Ausmaßes schüttelte Archweylls Kampfanzug durch, sämtliche seiner Systeme spuckten Warnmeldungen aus. Dann brach die riesige Rippe knirschend in sich zusammen und versank wie ein einstürzendes Hochhaus im Abgrund, gefolgt von etlichen Tonnen Gestein, Trümmern und aufgewirbeltem Sand.
»Das Relief bricht weg!«, schrie N‘Kahlu durch den Funk. »Wir müssen hier weg, bevor der Sog der Wasserverdrängung uns möglicherweise mit in die Tiefe zieht.« 
Ein grauenvolles Knacken, das dem Kommandanten durch Mark und Bein ging, unterbrach den Sergeant für einen Moment. Dann brach der Funkkontakt vollständig ab und die Anzeigen auf Archweylls Glasscheibe versagten flimmernd ihren Dienst. Das Summen des Motors verstummte. 
»Was zur Hölle?!«, fluchte der Kommandant und versuchte erfolglos die Energieversorgung wiederherzustellen. Ein Blick aus der Scheibe zeigte ihm, dass alle anderen Scherenpanzer das gleiche Problem aufwiesen. Ihre Schemen schwebten sinkend im Wasser und begannen im Sog der aufkommenden Strömung zu tanzen. Panisch bemerkte Archweyll, wie sein Anzug langsam aber sicher auf den Abgrund zusteuerte, als würde ihn die Tiefe zu sich rufen. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Die Scheibe manuell zu öffnen kam nicht infrage, sie befanden sich fast einen halben Kilometer unter Wasser und der Zyklop war in unerreichbarer Entfernung. Instinktiv hoffte der Kommandant, dass bald jemand bemerken würde, was geschehen war. Sein Kopf ratterte wie ein Getriebe, als er zu rekonstruieren versuchte, welchem Umstand er seine Situation zu verdanken hatte. 
Das Ergebnis war erschütternd.
»Crowler du Bastard!«, fluchte Archweyll und schlug mit der Faust nach der Scheibe. Ein flüchtiger Schmerz in der Hand war das einzige Resultat seines Wutausbruches. 
Der Doktor war nicht auf den Zyklopen gekommen, um sie zur Umkehr zu überzeugen. Er war sich von Anfang an im Klaren darüber gewesen, dass Archweyll sich nicht überzeugen lassen würde. Er hatte an den Scherenpanzern herumgepfuscht und diese manipuliert. 
»Wenn ich dich in die Finger kriege, reiße ich dir Arme und Beine einzeln heraus und füttere damit die Fische«, knurrte der Kommandant, wohl wissend, dass es ihm in seiner derzeitigen Situation kaum helfen würde. Als er feststellte, dass er den Abgrund nun vollständig überquert hatte, zog sich Archweylls Magen krampfhaft zusammen, denn ihm war bewusst, dass die Schwerkraft ihn nicht hergeben würde, selbst wenn der Sog nun verebbte. 
Eine Schrecksekunde später wurde ihm klar, dass die Sauerstoffversorgung des Anzuges ohne Energie ebenfalls stillstand. Wenn Crowler das geplant hatte, war es ein geradezu teuflisches Werk. Fluchend suchte der Kommandant das Innere des Anzuges nach etwas ab, dass ihm helfen könnte. Möglicherweise etwas mit genug Auftrieb, um es bis zur Oberfläche zu schaffen. 
Auch wenn es seinen modifizierten Körper auf eine ernsthafte Zerreißprobe stellen würde, wäre es doch besser, als der sichere Tod im Vergessen. Die Schatten um ihn herum gerieten abermals in Bewegung und Archweyll unterdrückte einen panischen Aufschrei. Hier war er Mächten ausgesetzt, gegen die er nicht kämpfen konnte und das versetzte ihn in zunehmende Angst. Plötzlich stieß er auf einen handgeschriebenen Zettel. Fluchend zerknüllte er ihn in der Faust, als sein erster Verdacht sich bestätigte:

Lieber Kommandant,


es tut mir Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich Ihr Verhalten weder tolerieren, noch dulden kann. Diese einzigartige Schöpfung des Lebens darf nicht einfach vernichtet werden. 
Da Sie mir nicht zuhören wollten, sah ich mich leider dazu gezwungen, zu anderen Maßnahmen zu greifen. Es tut mir Leid, dass es so kommen musste. Da ich davon ausgehe, dass Ihre Crew sie suchen wird, werde ich sie in die Tiefe locken müssen, wo Lebewesen lauern, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. In meinem Gespräch mit ihrer Chefmechanikerin habe ich einige wertvolle Informationen über ihre Ausstattung gewonnen und dadurch einen Energieblocker in ihrer Hauptversorgung installieren können. 
Sie werden ungefähr eine halbe Stunde haben, bis er die gesamte Energiezufuhr blockiert. Das arme Mädchen, Daisy, sie war so voller Hingabe, so wie ich es bin. Es bekümmert mich zutiefst, dass auch Sie ihr Ende finden wird…
Sie haben ungefähr 24 Stunden, bis der Sauerstoff restlos verbraucht ist. 
Ich hoffe, Sie können in dieser Zeit ihren Frieden finden und verstehen, warum ich das tun musste. Es tut mir Leid.

 Doktor Mantis J. Crowler 

Tosend zerfetzte Archweyll das Papier in tausend Stücke. Das konnte nur ein schlechter Traum sein. Aber er war zu pragmatisch, um es als einen solchen abzutun. »Wir sind am Arsch!«, fluchte er lautstark. Dann gewann wieder die Panik. Erneut bewegten sich die Schatten um ihn herum, formten sich zu gigantischen, boshaften Kreaturen, und er trieb unaufhaltsam in ihr gähnendes Maul.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 3: Faszination

Plötzlich lichtete sich die dichte Wolkendecke um die Manticor herum und gab eine atemberaubende Sicht frei. Unter ihnen erstreckte sich das kristallklare türkise Wasser, soweit das Auge reichte. Darunter ließen sich korallenbewachsene Kalkreliefs erahnen, welche die Wassertiefe auf ungefähr fünf Meter begrenzten. Sie würden etwas außerhalb, im tieferem Wasser landen müssen und dann mit Scootern übersetzen. Saftige Grüntöne und eindringliches Rot schillerten ihnen entgegen. Das Wasser reflektierte den Schein zweier Sonnen, einem blutroter Riesen und seinem strahlenden kleinen Bruder. Nach fünf Minuten Sinkflug bildete sich am Horizont eine gläserne Kuppel. 
»Wir haben das Ziel erreicht, bereitet das Schiff auf die Landung vor!«, kommandierte Archweyll. 
Ein gewaltiger Satz ging durch die Manticor, als die Hecktriebwerke verstummten und die Propellerleistung der über zweihundert Meter langen Flügel binnen Sekunden von null auf hundert heraufgefahren wurde. Kreischend näherte sich das Schiff der Wasseroberfläche, die von dem Fahrtwind gänzlich aufgewirbelt wurde. Die große Kuppel, welche die Forschungseinrichtung darstellte, wirkte neben dem riesigen Frachter plötzlich klein wie eine Murmel.
»Oxygenfelder aktivieren. Haltet den Kahn auf Höhe. Wir haben über 20.000 Tonnen Ladung an Bord. Wenn die flöten geht, werde ich jemanden köpfen!« Tosend trafen sie auf die Wasseroberfläche und ein gewaltiger Ruck schüttelte die gesamte Mannschaft durch. 
Dann war es für einen Moment totenstill.
»Eine Bilderbuchlandung«, lobte Archweyll seinen Piloten.
Dieser nickte ihm unter seinem Helm lächelnd zu.
»Willkommen auf Nautilon. Mein Name ist Doktor Mantis J. Crowler und ich bin der Leiter der hiesigen Forschungseinrichtung. Das hier ist mein Gehilfe, Ronald?«, ein schlaksiger Mann trat hinter dem weißgekittelten Doktor hervor und nickte den Neuankömmlingen kaum merklich zu. Er hatte gestutztes rostrotes Haar, einen Ziegenbart und trug ebenfalls einen Kittel. Seine trüben Augen waren von Ringen umgeben. 
Irgendwie wirkte sein müder Blick auf Archweyll wie eine Schlaftablette.
»Wir haben noch ein Team, bestehend aus zwei Ingenieuren, einer Handvoll Maschinisten und einem ausgewählten Trupp aus Biologen und Forschern, aber ich konnte sie leider nicht entbehren, um euch zu empfangen. Wir arbeiten hier unter Hochdruck, müssen Sie verstehen.«
»Ich werde mich in eure Datenbanken einklinken müssen, um den Zyklopen mit Informationen zu füttern«, Daisy trat aus der Masse hervor und begrüßte den Doktor mit einer flüchtigen Handbewegung. »Außerdem würde ich vorschlagen, dass wir ein Training mit den Unterwasser-Anzügen durchführen.«
Tamara schnaubte. »Wie man einen Kampfanzug steuert, ist uns bestens bewusst«, sagte sie temperamentvoll.
Daisys Augen verengten sich zu Schlitzen. »Eure Aspexylanzüge haben mit den Scherenpanzern nichts gemein. Sie legen sich nicht an die Haut an, wie eure Kampfmonturen das machen. Sie sind weniger gelenkig und müssen aufwändiger gesteuert werden. Wenn du dort unten bist, solltest du wissen, was zu tun ist.« 
Tamara wollte etwas erwidern, doch Archweyll schnitt ihr das Wort ab. »Sie hat Recht«, knurrte er. »Wir werden uns mit diesen Anzügen auseinandersetzen müssen.« 
Zornig und ohne ein weiteres Wort stampfte Tamara davon.
»Was ist denn mit der los?«, fragte Daisy stirnrunzelnd. »Dünne Haut?«
Der Kommandant schüttelte den Kopf. »Wohl kaum. Nur etwas durch den Wind. Du darfst es ihr nicht übel nehmen, sie will nur alles perfekt machen.«
»Dann sollte sie üben. Viel üben. Diese Anzüge sind nicht für Anfänger gemacht«, erwiderte die Chefmechanikerin.
»Das wird sie. Und zwar so lange, bis sie besser ist als wir alle zusammen. Verlass dich drauf«, quittierte Archweyll  seine neue Kollegin und wandte sich an seine Mannschaft.
»Clynnt, ich möchte, dass du bei Daisy bleibst und dich von ihr durch den Zyklopen führen lässt. Sie kann das Ding zwar steuern, aber du bist ein langerfahrener Stratege und ich vertraue auf deine Weitsicht.«
Der Chefnavigator nickte lächelnd. 
Dann schritt der Kommandant durch die Reihen und selektierte weitere zehn Mann, die ihnen in die Scherenpanzer folgen würden und bereits Erfahrung mit der Ausrüstung besaßen. 
Einer der Männer, vermutlich der Sprecher der Gruppe, trat hervor. Seine Haut war tiefschwarz und bot einen interessanten Kontrast zu dem sterilen weißen Aspexylanzug, den er trug. Auch er besaß optimierte Körperkräfte, die ihn wie einen muskelbepackten Gorilla erscheinen ließen. Sein eiserner Blick ließ jedoch vermuten, dass er schon länger dem Militär angehörte. »Sergeant N’kahlu«, stellte er sich vor und salutierte, wie es für untergestellte Soldaten üblich war. »Es wäre mir eine große Freude, Ihnen die Kampfanzüge zu zeigen.«
»Ihre Truppe hat auf Orian II ganz schön aufgeräumt«, Archweyll übersprang die obligatorischen Gepflogenheiten und klopfte dem Mann auf die breiten Schultern. 
Dieser erwiderte die Geste des Respekts mit einem Nicken. »217 Abschüsse in drei Stunden«, sagte N’kahlu, ohne dass Stolz in seiner Stimme mitschwang.
Archweyll pfiff durch die Zähne. Dieser Mann war gefährlich, das war ihm durchaus bewusst. Es war gut, solche Leute als Verbündete an seiner Seite zu wissen.
»Wenn die Herren sofort loslegen wollen, könnte ich ihnen dazu nur raten. Es ist selten, dass wir klares Wetter haben. So lässt sich Nautilon in all seiner Pracht bestaunen«, merkte Doktor Crowler an. 
Archweyll musste grinsen. »Na worauf warten wir dann noch?«, fragte er in die Runde und setzte zum Marsch an.

***

Tamara schritt mit hastigen Schritten durch den stählernen Korridor. Was war nur los mit allen? Seit wann setzte Archweyll mehr Gewicht auf die Aussagen eines Frischlings, als auf ihre? Und seit wann kümmerte sie so etwas? Eilig hatte sie einen der Scooter genommen und war zurück zur Manticor gesegelt. 
Diese Scherenpanzeranzüge würden für sie keine Herausforderung darstellen und das würde sie Daisy schon noch schnell genug spüren lassen. 
»Ich habe es schließlich gebaut«, äffte sie die neue Chefmechanikerin nach. Doch plötzlich hielt die Stoßtruppführerin inne. Benahm sie sich daneben? In all ihrer Wut hatte sie sich nicht die Müsse genommen, darüber nachzudenken. 
Eilig verdrängte sie den Gedanken wieder. Was zählte, war, dass sie ihren Auftrag erfolgreich absolvierten und dafür musste sie alle ihre geistigen Ressourcen verwenden. 
Auf ihren kleinen Streit mit Daisy durfte sie nichts geben. Und seit wann ließ sie sich von Prahlerei beeindrucken? 
Tamara stieg in einen Aufzug, der sie zu den Docks befördern würde. Auf ihrem Weg nach unten grübelte die Stoßtruppführerin darüber nach, warum es ihr so schwer fiel, die neue Kollegin zu akzeptieren, doch selbst als sich die Türen wieder öffneten, konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Was sie zu sehen bekam, ließ all ihre düsteren Gedanken verfliegen. 
Vor ihr ragte der Zyklop auf, ein stählernes Ungetüm von über dreißig Metern Höhe und mindestens zweihundert Metern Länge. Aus seinem geöffneten Bauch drang ein markerschütterndes Rumoren, so als hätte die Bestie Hunger. Vermutlich wurden die Maschinen schon startklar gemacht. 
Aus seinen Flanken ragten Torpedobatterien und beeindruckende Greifarme hielten das Gefährt knapp über dem geöffneten Wasserschott, bereit für den Abwurf. 
Dafür würden sie jedoch noch etwas Spielraum benötigen, denn in den flachen Kalkreliefs war der Zyklop hoffnungslos verloren, selbst wenn sie schon in 50 Metern Tiefe ankerten. 
Tamara schritt einmal um das beeindruckende U-Boot herum, dabei konnte sie auch die imposante Panzerglaskuppel an der Front betrachten, die wie ein durchsichtiges Auge auf alles hinabstarrte, was sich bewegte. Befehle wurden durch das Dock gerufen und immer regelmäßiger erzitterte der gesamte Boden unter dem Dröhnen des Motors. 
Doch was wirklich ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein separates Dock mit einem deutlich kleineren Schott. Darum versammelt war eine stählerne Legion, bestehend aus zwölf Scherenpanzern, die in Reih und Glied um das Becken versammelt standen. 
Mit etwas über vier Metern Größe, wirkten sie im Vergleich zum Zyklopen wie winzige Spielzeuge, aber dennoch besaßen ihre verstärkten Greifarme mit den Klauengreifern und die hydraulischen Sprunggelenke eine funktionale Eleganz. Dabei saß der Pilot in einer gläsernen Vorrichtung, in der die elektronische Steuerung des Anzuges möglich war. 
Darin sollte sie also das Gelingen ihrer Mission bewerkstelligen. 
Fasziniert schritt sie auf einen der Scherenpanzer zu. Sie war bereit, die nächste Herausforderung zu meistern. 
Mit einer sommerlichen Leichtigkeit installierte Tamara die Gebrauchsanweisung auf ihre Laufwerke und analysierte die Datenflut, die ihr elektronisches Visier überflutete. 
Ein leichtes Grinsen entwich ihren Lippen. Vielleicht war es doch nicht so übel, damit tauchen zu gehen.

***

»Alles klar, könnt ihr mich hören?«, knisterte N’kahlus Stimme durch die Sprechanlage.
Archweyll bestätigte. Die zehn Marines, Tamara und er selber hatten ungefähr zwei Stunden die Grundlagen durchgekaut, während sie mit ihren Panzern synchronisierten. 
Das Innenleben der Anzüge erwies sich als eleganter, als er angenommen hatte. Der Sitz hatte sich sofort seiner Wirbelsäulenstruktur angepasst und diese verstärkt. Ein Bildschirm war auf der großen Glasscheibe erschienen, der ihn mit allen Wahrnehmungen des Scherenpanzers versorgte. Und das waren eine Menge. Er war mit Scans, Echolot und Radar ausgestattet, sowie mit einer Handvoll Torpedos der Sternenlicht-Klasse. Nicht unbedingt der stärkste Vetter der bedrohlichen Untergangs-Torpedos, dafür erhellten seine Explosionen für eine gute Minute die tiefe Schwärze, die sie bald betreten würden. Außerdem war der Anzug mit einer eigenen Sauerstoffversorgung ausgestattet, was Archweyll einen Großteil seiner ärgsten Befürchtungen beraubte. Er fühlte sich bereit, diese einzigartige Welt zu betreten.
»Synchronisierung abgeschlossen«, knisterte eine elektronische Frauenstimme, die zweifelsohne die Sprachausgabe des Anzuges war.
»Ich dachte schon, dich gibt es nicht mehr«, schmunzelte der Kommandant gelassen, dann schlüpften seine Arme in die verkabelten Einrichtungen, die mit dem Scherenpanzer verbunden waren, um diesen zu steuern. Das gleiche tat er mit seinen Beinen.
»Testbewegungen durchführen!«, rief N’kahlu laut. Auf seinen Befehl setzten sich die Marines leichtfüßig in Bewegung. 
Im Vergleich waren Archweylls erste Schritte unbeholfen und plump.
Es überraschte ihn keinesfalls, dass Tamara den Dreh viel schneller raus hatte als er.
Dafür war sie wie geschaffen. Das innere Feuer machte sie unbesiegbar und ihr Wille war nicht zu bändigen.
Dann ertönte wieder die Stimme des Sergeants. »Absprung!«
Mit einem Satz warf sich Archweyll in die Fluten.
»Wir haben knappe fünf Stunden bis zur Dämmerung«, erklärte der Sergeant, während sie die Manticor schnell hinter sich ließen. »Dann sollten wir von hier verschwunden sein. Ich werde jetzt Doktor Crowler auf Leitung 2 legen, damit er Sie mit den notwendigen Informationen über das hiesige Biotop versorgen und potentielle Gefahren erläutern kann. Ich wünsche allen Beteiligten viel Vergnügen.« Der Kontakt brach ab und wich der tiefen Stille des Meeres. 
Archweyll aktivierte den Heckantrieb seines Scherenpanzers und segelte elegant durch das satte blau. 
Zu seiner rechten bemerkte er Tamara, die ihm verheißungsvoll zunickte. 
Schnell hatten sie das Landungsschiff hinter sich gelassen und über ihnen brachen die Lichtstrahlen der beiden Sonnen durch die Wasseroberfläche und hinterließen dabei ein spielerisches Glitzern. 
Unter ihnen bot sich ein Schauspiel an, das selbst Archweylls zynische Seele beflügelte.
Abstrakte Kalkformationen formten, knappe zehn Meter unter ihnen, eine Berglandschaft aus Klippen, Bögen und Höhlen, die in Richtung der Forschungseinrichtung beständig an Höhe gewann. Sie waren über und über bewachsen, mit bläulichen und grünen Korallen, die in unterschiedlichsten Formen auftraten. Manche wirkten wie eine Ansammlung riesiger bunter Teller, die man unsortiert übereinander gestellt hatte, andere erstreckten sich wie die Äste eines roten Baumes in Richtung des Sonnenlichts. Dazwischen türmten sich große grüne Korallen, die mit violetten Pocken versehen waren, wie Stalagmiten vom Boden empor. Saftiges rotes Seegras wucherte, teilweise meterhoch, aus sämtlichen Ritzen der Felsen und waberte im Klang der Gezeiten sanft durch das Wasser. Es schien das Gestein wie ein Teppich zu überziehen und verlieh ihm abstrakte Farbmuster.
Unterschiedlichste Fische schwammen in losen Verbänden darum herum. Das Riff war voller Leben. Archweyll steuerte staunend darauf zu und entdeckte orangene Fische, die in etwa die Größe seiner Handflächen aufwiesen, und auf der Suche nach Nahrung zu hunderten um die Korallen wuselten. Einige der Tiere wiesen eine violette Schattierung auf der Rückenflosse auf und seine Datenbank erklärte ihm sofort, dass es sich dabei um das Männchen handelte. 
Andere Fische unterschiedlichster Größe und Form schlossen sich ihnen an.
Der Kommandant bemerkte kleine rote Pfeilspitzen, die durch die winzigen Öffnungen im Kalk flitzten und große grüne Fische, die mit sechs gelben Glubschaugen ausgestattet waren. 
Ein weiteres Tier von fast zwei Metern Größe ließ sich unweit von ihm träge durch das Wasser gleiten und voller Staunen erkannte Archweyll, dass der blaue Fisch von innen heraus erleuchtete wie ein Lampion. Er steuerte seinen Anzug weiter über das Riff und traute sich, etwas tiefer zu gehen. Die Faszination hatte Besitz von ihm ergriffen.
Fast schon mühelos glitt er nach unten. 
Das rote Seegras wurde zunehmend von saftigem grünen Kelp abgelöst, dass sich vom Grund des Meeres ausgehend fast dreißig Meter in die Höhe erstreckte. 
An den großen dunklen Blättern hafteten leuchtend gelbe Früchte, die in etwa die Form eines Pfirsichs aufwiesen. Als er näher heransteuerte, erklärte ihm seine Datenbank, dass es sich dabei um Ayoraneier handelte, eine rochenähnliche Lebensform, die in diesen Breitengraden auftauchte.

Als hätte es seine Gedanken gelesen, legte sich plötzlich ein Schatten über den Anzug und eines der Tiere segelte anmutig an ihm vorbei. 
Archweyll schätzte die Spannweite eines der Flügelflossen auf über zehn Meter ein und es war mit unzähligen dornenbesetzten Schwänzen ausgestattet, die es still hinter sich herzog. Glücklicherweise wurde diese Lebensform als friedfertig eingestuft. Sanft glitt der Ayoran an dem Scherenpanzer vorbei, bis er aus Archweylls Sichtfeld verschwand. 
Je tief er in dem Kelpwald versank, desto dunkler wurde es. Als er den Grund erreichte, aktivierte Archweyll die Scheinwerfer. Der Lichtkegel erschien gerade noch rechtzeitig, um den Einblick in eine bizarre Szene zu ermöglichen. 
Ein Raubfisch von der Länge einer Anakonda, nur drei Mal so dick, glitt räuberisch durch das Wasser. An seinem Körper waren Antennen befestigt, die in einem grellen Licht erstrahlten. Hektisch beugte sich der Kommandant über den Bildschirm, um sicherzustellen, dass er in Sicherheit war. Erleichtert stellte er fest, dass der Scherenpanzer für seine Sicherheit garantierte.
Doch einem anderen Bewohner erging es nicht so gut. Der träge Lampionfisch verhedderte sich in den Antennen, als sein Gegner ihn umwickelte, und die elektrischen Stöße machten ihm binnen Sekunden den Garaus. Der Räuber öffnete sein Maul zu einer übernatürlichen Größe und verschlang seine Beute am Stück. Dann verschwand er im dichten Grün des Kelps. 
»Noch eine Stunde«, krächzte es aus dem Mikrofon.
Schnell analysierte der Kommandant, wie lange er zurück brauchen würde und beschloss, seine Erkundungstour noch ein wenig fortzusetzen. Mit den Armen strich er sanft die Pflanzen beiseite, um auf dem Meeresboden zu wandern. 
Kleine silberne Fische flohen panisch vor dem Ungetüm aus Titan.
Plötzlich lichtete sich der Kelpwald. Vor ihm befand sich eine Fläche aus Sand, die sich ungefähr über zweihundert Meter erstreckte. Muscheln von der Größe einer Murmel, bis hin zu der eines einstöckigen Gebäudes, begleiteten ihn auf seinem Weg. Um sie nicht zu zertrampeln, aktivierte Archweyll abermals den Heckantrieb und glitt sachte darüber hinweg. Dann vollzog der Meeresboden einen senkrechten Knick. Dahinter befand sich nur dunkelblaues Wasser, soweit sein Auge reichte.
Mit vorsichtigen Schritten ging Archweyll auf den Rand zu, bedacht darauf, dass er ihm nicht zu nahe kam. Er aktivierte das Echolot und seine Signale erklärten ihm, dass es in der näheren Umgebung bis zu sieben Kilometer in die Tiefe ging. 
Der Kommandant pfiff durch die Zähne. Vor ihm befand sich ein schwarzer Schlund und die Tatsache, dass er nicht erkennen konnte, was sich da unten alles bewegte und möglicherweise auf ihn lauerte, erregte eine Urangst in ihm. Ein unwohles Gefühl stieg in ihm auf. Doch er besann sich schnell eines Besseren. Kurz bevor er sich auf den Rückweg machen wollte, signalisierte sein Radar, dass sich mehrere riesige Lebensformen vor ihm befanden und ein ohrenbetäubendes Grollen drang durch den Ozean. 
Archweyll spürte, wie ihm bei diesen Geräuschen flau im Magen wurde. »Was sagt der Scan?«, fragte er heiser.
Doktor Crowler antwortete ihm lachend. »Ziemlich beeindruckend, was? Sehen Sie genau hin, es ist möglicherweise ein einzigartiger Anblick.« 
Archweyll zwang sich zur Ruhe und kniff die Augen zusammen. Und tatsächlich. Aus der Tiefe stiegen riesige, fast schon plumpe Wesen an die Oberfläche. 
Das waren die größten Tiere, die Archweyll je gesehen hatte. Sie besaßen in etwa die Form eines Wals, hatten aber drei riesige Schwanzflossen, die im Gleichtakt auf und ab schlugen. 
Ihr Körper trug ein einziges großes Korallenriff auf dem Rücken, durch das unzählbar viele unterschiedliche Lebensformen wuselten. 
Der Scan signalisierte Archweyll, dass er es mit einem Kalkrücken zu tun hatte. Lebensformen, die in Verbänden von bis zu zwanzig Tieren unterwegs waren und beträchtliche vierhundert Meter lang werden konnten. Im Laufe ihrer Lebenszeit bildeten sie ein kompliziertes Exoskelett aus Kalkgestein, das sie einerseits bestens gegen Feinde schützte, andererseits anderen Fischarten als Heimstätte diente. 
Abermals drang ein Dröhnen durch den Ozean und Archweyll schlussfolgerte, dass die Kalkrücken miteinander kommunizierten.
»Sie sollten nun zurückkehren. Der Anblick ist gewiss überwältigend, aber wenn es dunkel wird, treten hier fast ebenso große Lebewesen auf, die Jagd auf sie machen könnten. Obwohl Sie wohl nur ein Appetithäppchen darstellen dürften.« 
Archweyll zögerte keine Sekunde und machte sich auf den Rückweg. »Ich habe abgenommen. Schön, dass es jemandem auffällt«, begann er ins Mikrofon zu sprechen, doch irgendwie war ihm gerade nicht nach Sarkasmus.
»Wenn Sie angekommen sind, besprechen wir die Missionsdetails«, erklärte Crowler, dann brach die Verbindung ab. 
Es stimmte den Kommandanten fast schon traurig, dass er diese faszinierende Unterwasserwelt nun zurücklassen musste. Zeitgleich war er gespannt auf ihren Auftrag. 
Wenn sie einem dieser Räuber begegnen sollten, könnte es zweifelsohne gefährlich werden, selbst mit dem Zyklopen. Er steuerte durch das Kelp, zurück zu den Kalkformationen.
Das Zwielicht der Dämmerung trat bereits ein und die Schatten wurden größer. Die Dunkelheit hüllte ihn ein wie ein Anzug. Doch brachte sie ein neues, faszinierendes Bild mit sich. Die Korallen begannen von innen heraus zu leuchten. Ein farbenfrohes Spektakel erwartete ihn. Winzige Fische wurden von dem Licht angelockt und von den Korallen verschluckt. Doch auch die Fische begannen zu erstrahlen. 
Archweyll entdeckte die Schwärme der orangenen Exemplare wieder, die nun in dichten Schulen zu glühenden Kugel heranwuchsen, bereit für den Partnertanz. Leuchtende Seesterne, die er vorher kaum gesehen hatte, bedeckten das Gestein und ließen es nun in einem rosarotem Licht erstrahlen.
Mit offenem Mund bestaunte der Kommandant das Schauspiel, bis ihm wieder einfiel, dass es gefährlich werden konnte. Zielstrebig steuerte er auf die Position der Manticor zu.
Auf einmal stieß ein unsagbares Brüllen durch das Gewässer, weit entfernt, von dort, wo der Abgrund lag, aber dennoch eindringlich und unheilverheißend. 
Aber es machte Archweyll nur umso deutlicher, wie wundervoll tödlich dieser Planet sein konnte. Trotzdem erreichte er das Dock ohne weitere Zwischenfälle und war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. 
Als Tamara aus ihrem Scherenpanzer stieg, schien es ihr nicht anders zu gehen. Doch auch in ihren Augen lag dieses freudige Glitzern, entlockt von dieser faszinierenden Welt. 
Jetzt hoffe Archweyll nur, dass ihre Mission ihm nicht die gute Laune verderben sollte.

 

 

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 2: Auf zu neuen Ufern



»Wir springen in den Warp!«, rief Clynnt Volker lautstark durch das Mikrofon. Seine elektronische Stimme krähte durch den gesamten Patrouillenkreuzer. 
Bei diesen Worten zog sich eine vorfreudige Erregung durch Archweylls Körper, während er von der Kommandobrücke aus in die Weiten des Alls starrte. Endlich. 
Die Atharymn war wieder einsatzbereit und auf dem Weg zu ihrer nächsten Mission. Ihr Verschwinden und Wiederauftauchen vor drei Monaten, als der Warp sie verschluckt und Howard Bering sie an den Dämonen ausliefert hatte, war von der föderalen Obrigkeit nicht einmal mit einem Achselzucken quittiert worden.
Aber auf diesen Ruhm hätte Archweyll auch getrost gepfiffen. Was er brauchte, waren loyale Männer und Frauen, die wussten, was sie taten.
Als hätte jemand seine Gedanken verraten, trat plötzlich die neue Chefmechanikerin an ihn heran. »Nautilon, hm? Nie davon gehört.« Sie extrahierte ein Datenbündel auf ihre Monitore, indem sie mit dem Finger eine Bewegung zwischen den Bildschirmen durchführte. 
»Könnte daran liegen, dass dieser Planet für die Föderation bisher absolut unbedeutend gewesen ist«, erwiderte der Kommandant stirnrunzelnd. »Ich frage mich, was sie gefunden haben, dass sie direkt einen Kreuzer mit Ausrüstung dort hinschicken. Hast du dich da unten mittlerweile gut eingelebt?«
»Es ist etwas finster, aber ich komme zurecht. Nur eure Ausstattung ist mangelhaft, im Vergleich zu meinem früheren Arbeitsplatz«, antwortete Daisy Lee gelassen, bevor ihre großen blauen Augen Archweyll gänzlich zu durchdringen schienen. »Von welcher Ausrüstung reden wir eigentlich?«, erkundigte sie sich neugierig. 
Er winkte sie näher zu sich heran, dann aktivierte er einen Hologrammgenerator. 
Wie aus dem Nichts entstand ein Bild, zunächst verzerrt und undeutlich, doch dann wurde es immer markanter, bis man die Umrisse einer großen Maschine erkennen konnte.
Daisy pfiff durch die Zähne. »Ein Zyklop. Nicht schlecht«, sagte sie gespielt ehrfürchtig, als würde sie etwas für sich behalten. 
»Die haben sie damals gebaut, um den Renegatenfürst Balthasar Coiren auf Orian II den Garaus zu machen. Drei dieser U-Boote haben bis heute überlebt und sind einsatzbereit«, erklärte Archweyll, während er mit dem Finger auf das Hologramm deutete. 
»Ach, echt?«, irgendetwas in Daisys Stimme missfiel dem Kommandanten.
Der Zyklop war ein Berg aus Metall, mit einer riesigen, runden Frontkuppel aus Glas, die das Gefährt wie einen einäugigen Riesen erscheinen ließ und ihm somit zu seinem Namen verholfen hatte. 
»Ausgestattet mit Torpedobatterien der Untergangs-Klasse und einem Dutzend Scherenpanzer-Anzügen, die habe ich damals selbst entwickelt«, zwinkerte ihm die neue Chefmechanikerin zu. 
»Beeindruckend«, lobte Archweyll. Trieb sie ein Spiel mit ihm?
»Die Generäle der Heerführung vergessen schnell, wem sie ihren Erfolg zu verdanken haben«, winkte Daisy ab, doch Archweyll bemerkte sofort, dass sie das heimlich zu ärgern schien. 
Der einsetzende Warpsprung war so samtweich, dass er ihn kaum noch spürte. Diese fließende Bewegung in einen Ort, jenseits von Raum und Zeit, konnte eine beeindruckende Erfahrung sein. Vor der Glaskuppel schien das Schwarz des Alls in seine einzelnen Komponenten zu zerfließen. Farben verschmolzen zu einer Kaskade der Leidenschaft, bildeten im Sekundentakt explodierende Prismen, bis sie schließlich undefinierbare Formen annahmen, die das bloße Auge kaum noch zu erkennen vermochte.
Archweyll erkannte, wie Daisy dieses Spektakel mit offenem Mund bestaunte. »Ein wahres Wunderwerk, nicht wahr?«, fragte er sanft und stellte sich neben sie, um aus dem Fenster zu schauen. Die Blicke seiner Navigatoren ignorierte er gekonnt.
»Es ist wunderschön«, hauchte die junge Frau mit großen Augen. 
»Noch 57 Minuten bis zur Ankunft«, knisterte es durch das Mikrofon. 
Der Kommandant verdrehte die Augen. Clynnt war einfach kein Romantiker. Er aktivierte die Sprachausgabe seines Kampfanzuges und linkte sich in die Mikrofonanlage ein. 
»Lagebesprechung. Tamara, Clynnt, ich möchte euch in zwei Sekunden bei mir haben…«, er zählte kurz laut runter. »Ihr seid zu spät. Beeilt euch gefälligst!«
Einen Moment später lugte Clynnts Kopf aus der Navigatorenkabine heraus. »Ist es wichtig? Das Radar zeigt mir so viele uninteressante Sachen, dass ich es vorziehen würde, weiter daraufzustarren. Man weiß ja nie.« Er lächelte verschmitzt, kam dann aber zu Archweyll herübergelaufen.
Eine Minute später öffnete sich ein Aufzug und Tamara trat auf die Kommandobrücke. Mit einem steifen Nicken begrüßte sie die anderen, bis ihr Blick schließlich auf Daisy traf. »Die Neue?«, fragte sie Archweyll ausdruckslos. 
»Ich kann durchaus für mich selbst sprechen!«, zischte die Chefmechanikerin. Für eine Sekunde schien die Luft zu knistern, als ihre Blicke sich trafen. 
Clynnt warf Archweyll einen flehenden Blick zu. »Mein Radar…«, flüsterte er und deutete mit einer Geste an, dass er plötzlich unglaublich wichtige Dinge in seiner Navigatorenkabine zu erledigen hatte. 
»Meine Damen, ich habe euch nicht hergerufen, um Liebesbekundungen auszutauschen«, grummelte Archweyll. Derlei sinnlose Feindseligkeiten empfand er als ermüdend. Aber er wusste, was an Tamara nagte. Und es war nicht die Tatsache, dass sie die neue, hübsche Kollegin als so etwas wie eine Konkurrentin wahrnahm, denn das lag unter ihrer Würde. 
Es war vielmehr der Umstand, dass sie es damals nicht geschafft hatte Howard Bering aufzuhalten und sie daher jedem Neuankömmling mit äußerster Skepsis gegenübertrat. 
Ein Instinkt, von dem Archweyll hoffte ihn niemals teilen zu müssen. »Wenn ich nun also eure ungeteilte Aufmerksamkeit habe, würde ich gerne die Missionsdetails erläutern«, fuhr er fort, schritt demonstrativ zwischen den Frauen entlang und unterband damit jeglichen Blickkontakt der beiden. Abermals aktivierte er den Hologrammgenerator und eine blaue Kugel wurde sichtbar. »Planet Nautilon, aus dem Neon-System. Seine Oberfläche besteht zu hundert Prozent aus Wasser. Aber lasst euch dadurch nicht beunruhigen, ich habe für alle Schwimmflügel eingepackt.« Sein Blick wanderte mit der Eindringlichkeit einer Nadel durch die Reihen, doch er bekam nur dezentes Kopfschütteln als Antwort. »Um bei der Sache zu bleiben, vor zehn Jahren hat die Föderation diesen Planeten für sich beansprucht und eine Forschungseinrichtung errichtet, die mittlerweile ein Fabrikant von gängigen Stimulanzmitteln für das Militär geworden ist.« 
Er merkte, wie Tamara dem Chefnavigatoren etwas ins Ohr flüsterte und dieser ihr grinsend zunickte.
Archweyll konnte nur spekulieren, worum es ging. »Doch vor ein paar Wochen haben sie dort unten etwas gefunden und es wird unsere Aufgabe sein, es zu bergen. Dafür hat uns der interstellare Rat einen Zyklopen samt Mannschaft zur Verfügung gestellt.«
Die Aussicht, bald den Himmel zu verlassen, um in der erdrückenden Tiefe eines gigantischen Ozeans nach etwas zu suchen, schien den anderen ebenso wenig zu gefallen wie Archweyll. 
»Wissen wir, um welches Objekt es sich handelt?«, fragte die Chefmechanikerin kritisch. 
»Das wird uns der Leiter der Forschungsabteilung mitteilen, es ist bisher streng vertraulich«, erwiderte der Kommandant achselzuckend. 
»Initiiere Schubfrequenz, wir verlassen den Warp«, knisterte es plötzlich aus der Sprechanlage. Sanft wie eine Feder glitt die Atharymn zurück in Raum und Zeit. Die Farben vermengten sich wieder zu einem einheitlichen Schwarz. Vor ihnen lag eine blaue Kugel, von grauen Schlieren durchzogen, die wirkten wie Geisterfäden. 
Auf den ersten Blick sah der Planet ihrer Heimat Prospecteus gar nicht mal unähnlich. Nur bei genauem Hinsehen wurde einem klar, dass die Kontinente fehlten. 
»Kreuzer auf Standby halten und über dem Planeten kreuzen«, befahl Archweyll durch das Mikrofon. »Der Einsatztrupp folgt mir in den Hangar. Wir nehmen den schnellsten Weg.«
Hektische Schritte und das Läuten von Sirenen begleiteten Archweyll, während er, flankiert von seinem neuen Team, durch den geräumigen Hangar schritt. 
Einige Arrows hatten sich bereits Abflugbereit gemacht, die pfeilschnellen Jäger würden als Eskortschiffe dienen. Vor ihnen ragte die Manticor auf, das größte Transportschiff, dass die Atharymn beheimatete. Es war ein wenig anmutiges, aber praktisches Schiff, mit drei Reihen übereinander gekreuzter Flügel und riesigen Propellerantrieben, die eine punktgenaue Landung in der Atmosphäre ermöglichten. Zischend kam ihnen die Rampe entgegen und gewährte der Truppe Einlass. 
Archweyll stieg eine steile Leiter zur Kommandobrücke hinauf, quittierte die engen Raumverhältnisse mit einem unflätigen Fluch und befahl den Startvorgang. 
Die Manticor startete und ein ohrenbetäubendes Brüllen entwich ihren Antrieben. 
»Klingt fast so wie bei mir zuhause«, knurrte der Kommandant bissig, während er sich anschnallte. »Atmosphäreeintritt in Siebzig Sekunden. Alles anschnallen«, frohlockte er. 
Tamara nahm neben ihm Platz. Ihr Blick verriet ihre Befürchtungen. »Dort unten sind wir nicht in unserem Element. Wer wird das U-Boot steuern?«, fragte sie besorgt.
»Ich mache das«, verkündete Daisy mit einem undefinierbaren Ton in der Stimme. »Schließlich habe ich es gebaut.« 
Das war es also gewesen. Archweyll schloss die Augen und entschied sich dafür, für ein paar Sekunden in das Land der Feen und Kobolde abzutauchen, um Tamaras Blick zu entgehen. 
Als er die Augen öffnete, war dieser aber immer noch auf ihn gerichtet, wie eine geladene Waffe die jederzeit feuern konnte. Und würde. 
Clynnt seufzte. »Das wird ein Spaß«, kommentierte er die Szenerie, dann brachen sie unsanft durch die Atmosphäre. 
Dichte Regenwolken schlossen sich um sie und prasselten unnachgiebig auf die Frontscheiben. Unter ihnen tobte das Meer, in einem beständigen auf und ab. 
Gischt spritzte in die Höhe, während die Wellen einen Krieg ausfochten. 
»Eine Stunde noch bis zum Ziel«, plötzlich bemerkte Archweyll trotz der Umstände so etwas wie Vorfreude in sich aufkeimen. Denn noch hatte er keine Ahnung, was ihn erwarten sollte…

 

 

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Korrekturen 18

Teil 18 – High Noon (3/3)

»Erzählen Sie mir doch etwas Neues. Hat Thoben Sie geschickt?«
»Ich hatte Ihnen bereits gesagt, dass wir die Guten sind«, wiederholte Khendrah. »Wir haben ein Interesse daran, dass die Wahlen mit und nicht ohne Sie stattfinden werden. Allerdings liegen uns Informationen vor, wonach es gleich zu einem Attentat kommen wird, mit dem Ziel, Sie zu töten. Wir sind hier, um genau das zu verhindern.«
Diese Eröffnung schockte Gunter. Thomas sah es ihm an.
»Bitte drücken Sie nicht auf ihren Signalgeber«, bat er. »Wir werden uns darum kümmern, dass Ihnen nichts geschieht.«
Khendrah hatte inzwischen ihre Uniformjacke ausgezogen und holte diverse Ausrüstungsgegenstände aus ihrer Kombination. Mit geschickten Händen setzte sie ein kleines, elektronisches Gerät zusammen.
»Reichst du mir bitte einmal den Projektionskristall?«, bat sie Thomas.
Er griff in seine Tasche und reichte ihr das Gewünschte.
»Was tun Sie da?«, wollte Gunter wissen.
»Wir müssen Sie aus der Schusslinie bekommen«, erklärte Khendrah. »Und was ist besser, als Attentäter, die ein Ziel dort sehen, wo eigentlich keines zu finden ist?«
Sie richtete das Gerät auf Gunter und schaltete es ein.
»Was zum Teufel …?«, entfuhr es Gunter.
»Es ist eine Art Kamera«, erklärte sie. »Bitte bewegen Sie sich nur ganz leicht. Es ist wie ein Film. Man wird Sie sehen können. Wenn Sie sich möglichst normal bewegen, wird es um so natürlicher Aussehen.«
Nach kurzer Zeit drückte Khendrah eine Taste am Gerät und kam mit ihm um den Tisch herum auf Gunter zu. Erst jetzt fiel ihr auf, wie ähnlich Gunter Thomas sah. Sie hoffte, dass es nicht auch Gunter auffallen würde, denn sie hatte nicht vor, ihn mehr einzuweihen, als unbedingt nötig war.
Sie legte das Gerät auf den Boden und schaltete es ein. Sofort baute sich ein Feld darüber auf, in dem Gunter so erschien, wie Khendrah ihn kurz zuvor aufgenommen hatte.
»Jetzt hol mich doch …«, entfuhr es Gunter. »Was ist das für ein Gerät? Ich habe so etwas noch niemals gesehen.«
»Ein holografischer Projektor«, erklärte Khendrah. »Kommen Sie jetzt bitte hinter dem Schreibtisch hervor, Herr Manning-Rhoda. Diese Maßnahme dient nur Ihrem Schutz. Wir rechnen jeden Augenblick damit, dass eine Gruppe von PEV-Aktivisten hier erscheint, um Sie zu töten.«
»Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!«, sagte Gunter. »Sicher, die PEV ist unser Wahlgegner, aber das sind doch keine Killer.«
Trotzdem kam er hinter dem Schreibtisch hervor und blickte zu seiner Projektion zurück, die an seiner Stelle hinter dem Schreibtisch stand und sich leicht bewegte.
»Das ist faszinierend«, sagte er. »Es sieht täuschend echt aus.«
»Das ist ja gerade der Sinn der Sache«, betonte Thomas. »Man soll ja glauben das dort wären Sie.«
Gunter stand nun direkt vor Thomas und sah ihn nachdenklich an.
»Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind? Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.«
»Sie müssen sich täuschen«, entgegnete Thomas.
Er deutete auf ein paar Stellwände im Hintergrund des Raumes.
»Ich würde Sie bitten, sich dort hinter zu verstecken und uns zu überlassen, auf unsere Gegner zu warten.«
Gunter zuckte mit den Schultern, wandte sich um und verschwand hinter den Wänden, ohne weitere Fragen zu stellen. Sie würden im Ernstfall zwar keinen echten Schutz bieten, doch war er für eventuelle Angreifer erst einmal nicht zu sehen.
»Wie gehen wir es jetzt an?«, fragte Thomas Khendrah. »Wir wissen ja nicht einmal, wie viele es sein werden und von wo sie kommen.«
»Im Grunde müssen wir auf alles gefasst sein. So wie wir es geschafft haben, bis hierher vorzudringen, kann es auch jede andere Gruppe schaffen. Je größer die Gruppe, um so schwieriger sollte es jedoch sein. Ich rechne daher mit nicht mehr als vier Leuten. Ich glaube, dass sie entweder durch die Tür kommen werden, oder durch eine der Innenwände.«
»Dann sollten wir uns trennen und etwas Raum zwischen uns lassen«, schlug Thomas vor, »Damit wir unsere Waffen effektiv zum Einsatz bringen können.«
»So machen wir es«, akzeptierte Khendrah. »Aber stell deine Waffen auf tödliche Schocks ein. Wir werden uns nicht damit aufhalten, ganz exakt treffen zu müssen, um sie zu betäuben. Diese Leute werden auch keine Rücksicht nehmen und ehrlich: Ich würde es begrüßen, hier unverletzt und aufrecht wieder herauszukommen.«
Sie küssten einander kurz und trennten sich dann, um sich strategisch günstige Plätze zu suchen, von wo man einen möglichst großen Aktionsradius hatte.

Drei Männer und eine Frau gingen ruhig und zielsicher durch die große Haupthalle des Kongresszentrums. Sie trugen die übliche Uniform der Sicherheitsbeamten und besaßen jeder einen auf ihn ausgestellten Unbedenklichkeitsausweis. Sie gehörten auch dem Sicherheitsdienst an. Was niemand ahnte: Es handelte sich um glühende Anhänger der PEV und so war es ihnen eine Ehre, diesen Auftrag anzunehmen, als das Büro von Herwarth Thoben sie darum bat, ein bestimmtes Problem zu lösen.
Niemand sonst hätte sich offensichtlich gut bewaffnet unbehelligt durch das Gebäude bewegen können. Zwischendurch hatte es eine Unregelmäßigkeit gegeben, als offenbar eine männliche und eine weibliche Person sich unrechtmäßig Zugang zum Gebäude verschafft hatten. Sie hatten zunächst geglaubt, ihre Pläne ändern oder aufgeben zu müssen, doch hatte man keinen Verdacht geschöpft. Man konzentrierte sich ganz auf die Suche nach den beiden Personen, die sich noch immer irgendwo im Gebäude befinden mussten. Sie beschlossen, sich nicht darum zu kümmern und stattdessen die Suche nach den Personen für ihre Zwecke auszunutzen.
Wann immer sie gefragt wurden, wo sie hinwollten, reichte der Hinweis auf die Gesuchten, sie passieren zu lassen.
Inzwischen befanden sie sich im Gang, der zu Gunter Manning-Rhoda führte. Sie hassten den Mann nicht, aber es war ein Feind der PEV und Thoben hatte angeordnet, ihn zu liquidieren. Es sollten keinerlei Rücksichten genommen werden.
Sie redeten nicht viel miteinander. Sie mussten es auch nicht, denn jeder kannte seine Aufgabe. Sie waren ein Team – ein tödliches Team.
Vor der Tür zu Gunters Räumlichkeiten angekommen, verteilten sie sich links und rechts neben dem Eingang. Sie fassten in ihre Kragen und zogen spezielle Kapuzen heraus, die sie sich komplett über die Köpfe zogen, sodass ihre Gesichter nicht mehr zu erkennen waren. Gleichsam zogen sie Handschuhe aus dem gleichen Material an. Ihre Auftraggeber hatten keine Kosten und Mühen gescheut und ihnen hochmoderne Kevlar-Schutzanzüge spendiert. Diese hauchdünnen und federleichten Ganzkörperanzüge waren das Modernste, das die Waffenindustrie zum Schutz von Soldaten entwickelt hatte. Sie leiteten einerseits elektrische Spannungen und Schocks über die Oberfläche ab und hielten andererseits sogar Stahlmantelgeschosse auf. Der Getroffene würde mit Prellungen und leichten Verletzungen davon kommen.
Die Frau nickte den anderen zu und klopfte an die Tür. Sie machten sich bereit. Sobald sich die Tür öffnen und sich ein Sicherheitsmann melden würde, würden sie zuschlagen, doch nichts geschah. Sie blickten auf ihre Uhren. Es war Sitzungspause – ihre Zielperson musste jetzt in seinen Räumen sein. Sie klopfte ein weiteres Mal, doch wieder tat sich nichts.
Die Frau sah zu ihren Kollegen und sagte leise: »In Ordnung, wir gehen rein.«
Sie fassten ihre Waffen fester und hielten sie auf die Tür. Sie hatten Schalldämpfer aufgeschraubt, um die Lärmbelästigung auf ein Minimum zu beschränken. Die Frau zielte auf das Schloss der Tür, welches mit einem Knall zerbrach. Sie blickten sich in beide Richtungen des Ganges um, dann trat einer der Männer die Tür auf und sie stürmten hinein. Sie schwärmten sofort aus und bemühten sich um ein umfassendes Gesamtbild des Raumes.
Gunter Manning-Rhoda stand hinter seinem Schreibtisch vor dem Fenster und blickte ihnen sprachlos, jedoch nicht verängstigt entgegen. Gleichzeitig legten sie ihre Waffen auf ihn an und feuerten. Vier Thermo-Geschosse flogen auf ihr Opfer zu und schlugen hinter Manning-Rhoda ins Fenster ein. Die Hitzeentwicklung war unerträglich. Das Glas des Fensters schlug Blasen und zerriss wie Papier. Eine Alarmanlage schrillte, doch die Attentäter ignorierten es. Sie waren entsetzt, sehen zu müssen, dass ihr Opfer noch immer hinter dem nun brennenden Schreibtisch stand und sie ansah. Das war nicht möglich. Ein Thermo-Geschoss hätte seinen Körper entzünden müssen wie eine Fackel. Plötzlich flackerte das Bild von Manning-Rhoda und verlosch schließlich.
»Wir sind reingelegt worden!«, rief einer der Männer. »Das muss eine Projektion gewesen sein!«
»Wir müssen weg!«
Die Feuerlöschanlage nahm ihre Tätigkeit auf und von der Decke regnete es aus feinen Düsen eine chemische Flüssigkeit, die den Brand eindämmen sollte.
Khendrah, die sich beim ersten Anzeichen des Eindringens der Attentäter hinter eine Couch geduckt hatte, erhob sich leicht und feuerte mit ihrer Waffe auf den Mann, der ihr am nächsten stand. Er war sofort mit kleinen Blitzen und Feuerkaskaden überzogen, die über seinen gesamten Körper zu wandern schienen. Er zuckte zwar zusammen, doch er fiel nicht um. Sein Kollege reagierte unglaublich schnell und feuerte in ihre Richtung. Nur ihrer guten sportlichen Konstitution hatte sie es zu verdanken, dass sie dem Inferno entkam, welches das Thermo-Geschoss entfachte, das in der Couch einschlug, hinter der sie sich versteckt hatte. Khendrah hatte sich mit einer Flugrolle in Sicherheit gebracht, doch nun wussten ihre Gegner, wo sie sich befand.
»Thomas, auf Anilihation umschalten!«, schrie sie. »Sie haben Schutzanzüge!«
Sofort feuerte sie auf ihren Gegner, der bereits wieder auf sie angelegt hatte. Diesmal zeigte der Treffer Wirkung. Die Waffe und der halbe Arm des Mannes verschwanden plötzlich. Durch die Maske war das Gesicht des Getroffenen nicht zu erkennen, aber der gellende Schrei war nicht zu überhören. Völlig kopflos rannte er herum. Die Anderen kümmerten sich nicht um den Verletzten Kameraden, sondern nahmen Khendrah unter Feuer. Wieder gelang es ihr, durch einen beherzten Sprung zu entkommen.
Nun griff Thomas ins Geschehen ein und feuerte von seinem Standort aus auf die Angreifer. Die Frau wurde getroffen und verschwand zur Hälfte. Er musste würgen, als er erkannte, was nach seinem Schuss von seinem Ziel übrig geblieben war. Doch ihm blieb keine Zeit, seinem Gefühl nachzugeben, denn die beiden verbliebenen Männer feuerten mit dem Mute der Verzweiflung. Nun zeigte sich, dass Khendrahs hartes Training Früchte trug. Sowohl Khendrah, als auch Thomas waren nun ständig in Bewegung und bildeten somit nur schwer zu treffende Ziele. Gleichzeitig schossen auch sie aus allen Lagen. Die Angreifer hatten dazugelernt und verstanden es nun, sich ebenfalls hinter Teilen der noch verbliebenen Ausstattung zu verstecken. Khendrah und Thomas mussten mit ihren Waffen quasi erst die Deckung ihrer Gegner auflösen, bevor sie einen wirkungsvollen Treffer landen konnten.
Schließlich war es vorbei. Die Attentäter waren tot. Khendrah und Thomas erhoben sich und sahen einander an. Sie hatten beide Einiges abbekommen. Von Khendrahs Uniform war nicht mehr viel übrig geblieben. Sie hatte einige Kratzer im Gesicht und blutete am Arm. Thomas blutete aus einer Wunde an der Stirn und hatte eine Brandwunde am linken Arm.
Gunter kam vorsichtig hinter seiner Stellwand hervor. Keiner der Attentäter war auf die Idee gekommen, dass er sich dort versteckt haben konnte. Er blickte sich vorsichtig um und war entsetzt. Was er hier sah, war ein regelrechtes Gemetzel.
»Mein Gott!«, entfuhr es ihm, »Was haben Sie hier angestellt?«
Khendrah deutete auf die Überreste der Angreifer.
»Wir haben das so nicht gewollt, aber diese Leute wollten Ihren Tod und das durften wir nicht zulassen.«

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In eigener Sache:
Diese Geschichte wird bereits seit vielen Wochen als Fortsetzungsgeschichte gepostet und es könnte noch etliche Wochen so weitergehen, bis sie ihr Ende erreicht. Ursprünglich wurde der Roman natürlich nicht als Fortsetzungsgeschichte konzipiert, sondern als homogener Text. Er muss also stets aufbereitet werden, um hier erscheinen zu können.
Nun musste ich leider feststellen, dass kaum jemand überhaupt Interesse an der Geschichte hat. Das hat mich bewogen, das Posten weiterer Teile auszusetzen. Der Aufwand, weitere Teile bereitzustellen, lohnt nur, wenn die Geschichte auch gelesen wird.
Sofern es Leser gibt, die diese Geschichte bis hierher verfolgt haben und daran interessiert sind, zu erfahren, wie es weitergeht, können mich gern unter der Mailadresse blackhole@moriazwo.eu kontaktieren. Ich bin gern bereit, dann weitere Fortsetzungen zu posten.
Ich hoffe, Ihr habt für mein Verhalten Verständnis.

Ergänzung vom 22.07.2019:

Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, von Lesern kontaktiert zu werden, doch es ist tatsächlich geschehen. Man sagte mir, es wäre außerordentlich schade, dass ich das Posten weiterer Teile aussetze, man es jedoch durchaus verstehen könne, wenn zu wenige Leser die Geschichte verfolgen.
Dadurch wäre es jetzt für diejenigen, die meinen Fortsetzungsroman gelesen haben unfair, die Geschichte nicht zum Ende zu bringen. Ich weiß selbst, wie ich mich ärgere, wenn eine ausnahmsweise mal interessante TV-Serie bereits während der ersten Staffel abgesetzt wird, weil die erwartete Zuschauerzahl ausbleibt. Ähnlich wird es auch jemandem ergehen, der eine Geschichte liest, die plötzlich kein Ende mehr haben wird.
Es wird daher nach den großen Sommerferien in NRW ab dem 7. September 2019 weitere Teile geben. Ich werde dann das Posten im altbekannten Rhythmus wieder aufnehmen.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 1: Willkommen an Bord der Atharymn

Doktor Mantis J. Crowler beugte sich über seine Messungen. Wenn er Recht behalten sollte, war das eine Sensation, die ihn noch in den entlegensten Winkeln der galaktischen Föderation berühmt machen könnte. Der grauhaarige Mann in den besten Fünfzigern betrachtete seine Monitore durch eine Nickelbrille, in deren Glas sich der Schein der Bildschirme spiegelte und kratzte sich nachdenklich durch den samtigen Vollbart. Dann griff er in seinen weißen Kittel und fingerte eine Festplatte hervor, um sie mit seinen Datenquellen zu vernetzen. Wenn es darum ging, Informationen sicherzustellen, kannte Crowler kein Pardon.
Das Prasseln des Regens klopfte beständig an die verstärkten Fensterscheiben seiner Forschungseinrichtung, denn die zwei Sonnen Hercules und Ameus sorgten für ein hitziges und somit feuchtes Klima auf dem Planeten Nautilon, dessen Oberfläche gänzlich aus Wasser bestand und somit durch Verdunstung für permanente Regenströme sorgte. Eigentlich war Crowlers Abteilung dafür zuständig, medizinische Stoffe aus den Biotopen, die sich unter dem Wasser befanden, zu extrahieren und an die Fakultät auf Prospecteus zu liefern.
Eine mühselige und zweifelsohne gefährliche Aufgabe, wenn man bedachte, das die Gigantyras in den abgrundtiefen Schatten der Gewässer lauerten. Raubfische, groß wie ein halbes Hochhaus und mit der tollwütigen Aggression eines geifernden Hundes ausgestattet, der eher sterben würde, als seinen Biss zu lockern. Außerdem drangen gelegentlich hochexplosive Gase ohne Vorwarnung aus ihren Schlothöhlen, was ein wahnwitziges Problem darstellte, wenn man mit bemannten Bohrköpfen durch die Erde dringen wollte. 
Doch wenn man davon absah, war Nautilon eine Perle der Natur. Korallenriffe erstreckten sich kilometerweit durch den Ozean, ihre Farbenpracht und Artenvielfalt war nahezu grenzenlos. Riesige Kelpwälder tanzten im stillen Gleichklang durch die Gezeiten und Fischschwärme unterschiedlichster Größe schossen, auf der Suche nach Nahrung, in bunten Verbänden darum herum. Quallen, groß wie ein Lastwagen, trieben im Spiel des Wassers umher, ihre Fangarme schillerten silbern wie das Mondlicht und ihr Hut war mit ineinander vernetzten, türkisen Mustern ausgestattet, die in der Dunkelheit der Nacht so grell leuchteten wie eine Neonreklame auf Prospecteus. Und wenn seine Berechnungen stimmen sollten, hatten sie gerade einmal 2 Prozent der hiesigen Biotope erkundet und kartographiert. 
Doch das, was Crowlers Faszination erregt hatte, war etwas anderes. Am Rande der großen Sanddünen, die irgendwann einen senkrechten Abstieg in die abyssischen Tiefen des Planeten vollführten, hatten seine Scans eine ungewöhnliche Struktur signalisiert. Wenn diese Entdeckung an die Öffentlichkeit gelangen würde, könnte sich ihr ganzes Verständnis über den Warp verändern.
»Funk die Zentrale an!«, rief er laut durch das großräumige Labor, in der Hoffnung, dass sein Gehilfe Ronald ihn hören würde. »Und mach dich darauf gefasst, dass sich unser Leben bald maßgeblich verändern könnte.« 

                                                                ***

Daisy Lee stampfte kaugummikauend durch den Hangar. Ein neuer Job war ihr durchaus willkommen, nachdem sie ihre Anstellung bei Centaur Industries durch eine klitzekleine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Vorgesetzten verloren hatte. Aber dass sie ab heute an Bord eines Patrouillenkreuzers dienen sollte, hatte ihr den nötigen Nervenkitzel verliehen, der ihren Job als Chefmechanikerin so interessant machte.
Und der Kommandant des Kreuzers. Archweyll Dorne. So wie der Relictor es gesagt hat. Ein weiterer Aspekt ist gefunden.
Dass sie vorher noch nie auf einem so großen Schiff gedient hatte, beeindruckte Daisy nicht im geringsten. Um bei Centaur Industries, dem renommiertestem Waffenhersteller der galaktischen Föderation, eine Anstellung als Putzfrau zu finden, musste man schon eine hohe Qualifikation an den Tag legen. Da blieb die Frage, was es bedeutete, einer der wichtigsten Ingenieure der gesamten Anlage zu sein, einfach ohne einer Antwort zu bedürfen im Raum stehen. 
Laute Rufe und elektronische Sirenen begleiteten ihren Weg, die Luft roch nach Dieselmotoren und Maschinenöl. 
Herrlich. 
Sie rückte ihre dreckige Wollmütze zurecht und atmete einmal tief durch. Hier roch es nach einer Menge Arbeit. Instinktiv hoffte sie, dass ihr neuer Vorgesetzter ein tiefgründigeres Gespür für ihre wertvolles Können an den Tag legen mochte, doch bei der Aussicht einem Befehlshaber des Militärs unterstellt zu sein, lief es ihr kalt den Nacken runter. Es gab kaum langweiligere Bürokraten, die sesselfurzend auf ihre Vorschriften pochten, aber insgeheim hofften, jeder würde in ihnen den harten Kerl erkennen. Solange er seinen Zweck erfüllt. Und wenn er mir Schwierigkeiten macht, lege ich ihn einfach um.
Plötzlich bäumte sich vor ihr ein riesiges Raumschiff auf. Auf der Außenbordwand ließ sich der rötliche Schriftzug, welcher den Namen des Schiffes veranschaulichen sollte, gerade noch erahnen. Atharymn. Ein Licht sprang auf grün, als sie sich näherte, und zischend öffnete sich eine Pforte, hinter der sich ein Aufzug befand. Daisy grub tief in den bodenlosen Taschen ihrer ölbefleckten Sicherheitshose herum, kramte Schraubenschlüssel, Zigaretten und einen Kugelschreiber hervor, bevor sie endlich fand, was sie gesucht hatte. Sie hielt die Karte, die ihr der Beamte ausgeteilt hatte, vor den Scanner und der Aufzug öffnete sich ratternd, beförderte sie in schwindelerregende Höhe. Wenn sie den jemals so etwas wie Schwindel empfinden konnte.
»Du wirst Technikstation B14 bemannen, es könnte sein, dass dein Vorgänger etwas … sagen wir: heikle Umstände herbeigeführt hat. Rechne also nicht unbedingt damit, mit offenen Armen empfangen zu werden«, hatte ihr der Beamte mit auf den Weg gegeben.
Ein Stirnrunzeln war ihre einzige Reaktion gewesen. Wenn der Kommandant sie fertig machen wollte, konnte er sich auf etwas gefasst machen. Ein Grinsen entwich ihren Lippen, bei dem Gedanken daran. 
Wir werden ja noch sehen, wer wen fertig macht.
»Abteilung 1 – Kommandobrücke«, krähte eine mechanische Stimme und die Türen öffneten sich quietschend. Nun sollte sich zeigen, wie sich Daisys mittelfristige Zukunft gestalten würde. 

                                                                    ***

»Bist du dir sicher, dass wir einen neuen Chefmechaniker brauchen? Der letzte hat sich als überaus widerspenstig erwiesen«, fragte Clynnt Volker bedächtig. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn hatten ihn seit den damaligen Ereignissen fast gänzlich für sich eingenommen.
Archweyll quittierte ihn mit einem bellenden Lachen. »Bei all der Liebe, die ich für Bebsy hege, pflegen kann ich die alte Dame nicht. Da braucht es einen Profi und ich vertraue nur den besten.«
»Wie Howard Bering?«, erwiderte der Chefnavigator spitz. 
»Mein Gott, Clynnt, du bist ja heute in Topform«, lobte ihn der Kommandant mit einem Klopfer auf die Schulter, welcher den Navigatoren in seinen Grundfesten erschütterte. Doch als er sah, wer da aus dem Aufzug kam, wurde ihm dennoch mulmig zumute. 
»Das ist ja fast noch ein Kind«, flüsterte Clynnt und knirschte mit den Zähnen.
Die junge Frau, das auf sie zukam, kaute gelassen auf einem Kaugummi herum und schien den riesigen Rucksack auf ihrem Rücken kaum zu bemerken. Sie trug eine schwarze Lederjacke und eine farblose Mütze, ihre schweren Lederstiefel glitten fast geräuschlos über das Deck. Das krause blonde Haar hatte sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden und auf ihren kecken Lippen lag ein breites, aber ehrliches Lächeln, das die Sommersprossen auf ihren zarten Wangen förmlich zum Glühen brachte.
Archweyll studierte sie eingehend und stellte fest, dass er noch nie so lebensfrohe blaue Augen gesehen hatte. Und Leben war etwas, das sie an Bord wahrlich gebrauchen konnten. Seit den Reparaturarbeiten lag der Kreuzer still und eine bedächtige Ruhe hatte seine Korridore erfüllt. Nun wurde es Zeit, wieder in den Warp aufzubrechen. 
»Ganz nett habt ihr es hier«, lachte ihnen die Frau entgegen. »Ich bin Daisy Lee und soll hier als Chefmechaniker antreten. Mache Meldung.« Sie salutierte gespielt ehrfürchtig. 
Clynnt rümpfte die Nase. »Wir werden schneller tot sein, als wir Babypuder rufen können«, flüsterte er forsch in Archweylls Ohr. Der Kommandant grunzte ihm etwas unverständiges entgegen.
»Oh nein«, der Chefnavigator trat einen Schritt zurück. »Diesen Gesichtsausdruck hast du erst einmal an den Tag gelegt, damals, als Tamara hier angeheuert hat. Bitte, nicht schon wieder, Arch.«
»Klappe«, knurrte der Kommandant. »Begrüßt man so einen Frischling?« er breitete feierlich die Arme aus. »Willkommen an Bord der Atharymn!«, rief er Daisy entgegen. »Ich bin Kommandant Archweyll und dieser gutaussehende, überaus sportliche Jungspund zu meiner Rechten, ist Cylnnt Volker, mein Chefnavigator.« 
Der Mann nickte knapp zur Begrüßung. 
»Er mag mich nicht. Das ist in Ordnung, solange er nicht in meiner Arbeit herumpfuscht«, antwortete Daisy gelassen.
Archweyll hörte, wie Clynnt scharf die Luft einsog, sich aber dann doch gegen einen Kommentar entschied. 
»Wie ich sehe, scheust du dich nicht davor, deine Meinung kundzutun«, begann er seine Ansprache, doch er wurde jäh unterbrochen. 
»Ihr werdet mit meiner Meinung leben müssen oder ich bin weg. Denn sonst kann ich meine Arbeit nicht so ausführen, wie es für alle das Beste wäre. Ich brauche niemanden, der mir sagt, woran ich bin. Das sehe ich von alleine.« Sie zwinkerte dem Kommandanten zu. »Und manchmal gefällt mir sogar, was ich sehe.« 
»Ich werde ja ganz verlegen«, räusperte sich Archweyll »Ich zeige dir alles, was du für deine Arbeit wissen musst«, erklärte er dann. Clynnts Kopfschütteln bekam er nur am Rande mit. 
»Wenn Tamara das rausfindet, bist du tot«, kicherte der Chefnavigator nur, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

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17. Teil – High Noon (2/3)

»Dann können wir Sie beruhigen«, sagte Khendrah. »Denn wir stehen auf derselben Seite. Wir müssen die Sicherheit von Manning-Rhoda gewährleisten und müssen wirklich dringend in dieses Kongresszentrum. Ich will offen zu Ihnen sein: Wir haben Informationen, die der Parteichef unbedingt erhalten muss, wenn er die Wahlen noch erleben will.«
Thomas sah Khendrah entgeistert an. Wie konnte sie diesem Mann gegenüber offen solche Aussagen machen? Doch sie hatte ihren Piloten offenbar richtig eingeschätzt.
»Wenn das so ist, werde ich jetzt mal richtig Dampf machen«, teilte er mit und schob den Steuerknüppel nach vorn. Das Taxi machte einen regelrechten Satz und flog mit beachtlicher Geschwindigkeit weiter. In der Ferne tauchten einige Hochhäuser auf. Eines davon überragte alle anderen und an seiner Spitze befand sich eine auf den Kopf gestellte Pyramide.
»Das ist ja eine interessante Konstruktion«, sagte Thomas. »Können Sie mir sagen, was das für ein Gebäude ist?«
Der Pilot schüttelte den Kopf. »Sie können wirklich nicht von hier stammen. Das ist das Gebäude der PEV. Dieser Thoben muss ja unbedingt immer protzen. Man sollte diesem Gebäude nicht zu nahe kommen, ohne eine Einfluggenehmigung. Es sind schon Flugmaschinen abgeschossen worden und es kam nicht einmal zu einer Gerichtsverhandlung.«
Er deutete nach vorn, wo ein flacher, breiter Gebäudekomplex auftauchte.
»Dort ist unser Ziel«, sagte er. »Ich werde Sie so nah ans Gebäude heranbringen, wie man es zulässt. Richten Sie sich darauf ein, schnell aussteigen zu müssen. Ansonsten wünsche ich Ihnen viel Glück beim Schutz unseres Kandidaten für die Wahlen.«
Die letzten Kilometer flogen sie schweigend. Der Pilot war geschickt und passierte alle Sperren, die man errichtet hatte, um unbekannte, anfliegende Objekte aufzuhalten.
Khendrah war nicht eben begeistert darüber, denn, wenn es ihnen gelang, unkontrolliert auf das Gelände zu gelangen, würde es einer gut ausgerüsteten Gruppe von Attentätern erst recht gelingen. Als sie gelandet waren, dankten sie dem Piloten noch einmal, sprangen aus der Maschine und liefen geduckt auf das Gebäude zu.
In einiger Entfernung sahen sie einige uniformierte Sicherheitskräfte, die sich ihnen schnell näherten.
»Bleiben Sie stehen!«, rief einer der Männer ihnen zu. »Sie haben hier nichts verloren!«
»Was jetzt?«, fragte Thomas.
»Was schon? Willst du etwa mit diesen Leuten dort darüber diskutieren, warum wir hier sind? Wir sollten machen, dass wir ins Gebäude kommen, bevor sie uns erreichen.«
Sie beschleunigten ihren Lauf und rannten, so schnell sie konnten, zu einer nahe liegenden Stahltür, durch die sie ins Gebäude zu gelangen hofften. Khendrah zog ihre Waffe aus der Kombination und fingerte daran herum. Sie hatten Glück: Die Tür ließ sich öffnen. Schnell schlüpften sie hinein und warfen sich von innen schwer dagegen, um sie zu schließen, denn ihre Verfolger waren ihnen dicht auf den Fersen.
»Schnell, geh ein Stück beiseite!«, rief Khendrah und feuerte mit ihrer Waffe mehrfach auf Kanten der Metalltür, die an diesen Stellen sofort mit dem Rahmen verschmolz. Es stank stark nach verbrannter Farbe und Ozon.
»So, jetzt haben wir eine kleine Verschnaufpause«, sagte Khendrah. »Durch diese Tür werden sie uns nicht mehr folgen können.«
In diesem Moment schrillte ein Alarm los. Erschreckt blickten sie sich um.
Thomas deutete auf einen kleinen Kasten unter der Decke. »Wenn das dort ein Rauchmelder ist, wie ich ihn kenne, haben wir den Alarm selbst ausgelöst und man weiß genau, wo wir uns befinden.«
»Verdammt, du hast recht!«, fluchte Khendrah. »Also keine Verschnaufpause. Wir müssen im Gebäude untertauchen.«
»Untertauchen allein ist es ja wohl nicht, oder?«, fragte Thomas. »Wir müssen in die unmittelbare Nähe von Gunter, damit wir ihn schützen können.«
Er öffnete eine weitere Tür, die tiefer ins Gebäude hinein führte und sie befanden sich in einem langen Gang, von dem in Abständen weitere Gänge abzweigten. Sie folgten dem Hauptgang, weil sie vermuteten, dass er sie in die Nähe der Kongressräumlichkeiten führen würde. Bisher war ihnen noch niemand begegnet, doch das konnte sich jederzeit ändern, denn der Alarm war noch immer nicht abgestellt worden. Jeden Augenblick rechneten sie damit, dass Jemand erscheinen würde, um nach dem Rechten zu sehen. Endlich erreichten sie ein Treppenhaus, an dessen Wand eine schematische Zeichnung des gesamten Stockwerks zu sehen war. Sie waren auf dem richtigen Weg, doch befanden sie sich offenbar in einem falschen Stockwerk. Der Personenaufzug neben dem Treppenhaus setzte sich in Bewegung.
»Schnell, die Treppe!«, rief Thomas. »ich habe nicht vor, ausgerechnet hier jemandem zu begegnen. Ich würde mich wohler fühlen, wenn wir in Bereichen untertauchen könnten, wo viele Menschen herumlaufen.«
»Gut, dann los!«, sagte Khendrah und sprintete los, dass Thomas Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie erreichten gerade rechtzeitig die nächste Etage, bevor sich die Aufzugtür unter ihnen öffnete und zwei Männer heraustraten. Sie verhielten sich ruhig, bis die Schritte der Männer in der Ferne verschwanden. Ihren Gesprächen zu Folge, sollten sie den Grund des Alarms überprüfen und waren offenbar reichlich genervt, weil sie bereits mehrfach vergebens zu diversen Kontrollen geschickt worden waren.
Khendrah studierte den Grundrissplan im oberen Stockwerk und erkannte, dass sie hier richtig waren.
»Sieh hier«, sagte sie und deutete auf den Plan. »Wenn wir diesen Gang nehmen, gelangen wir zu den Kongressbereichen. Dann gilt es nur noch, die privaten Räumlichkeiten von Gunter zu finden.«
»Wir haben aber auch nur noch knapp eine Stunde Zeit, bis das Attentat verübt werden soll«, wandte Thomas ein. »Es wird allmählich eng für uns.«
»Ab jetzt stellen wir unsere Waffen auf Betäubung«, entschied Khendrah. »Kein Risiko. Wer sich uns ab jetzt in den Weg stellt, wird betäubt.«
Sie kontrollierten die Einstellungen ihrer Waffen und nahmen sie fest in die Hand. Dann machten sie sich auf den Weg. Je näher sie der großen Haupthalle kamen, um so stärker vernahmen sie die Geräusche der vielen geladenen Gäste, die dort redeten, diskutierten und diverse Getränke oder Speisen zu sich nahmen.
»Gleich müssen wir uns unter das Volk mischen«, sagte Thomas. »Ich glaube nicht, dass uns das in diesem Aufzug hier gelingen wird, ohne dass wir auffallen.«
Khendrah sah ihn abschätzend an und nickte. »Du hast recht, wir müssen uns etwas einfallen lassen.«
»Hast du eine Idee?«
»Vielleicht«, meinte Khendrah mit einem schiefen Lächeln. »Warte einen Augenblick hier und halte dich bereit. Ich besorge uns was.«
Bevor Thomas noch fragen konnte, war Khendrah durch die nächste Tür in der Haupthalle verschwunden, doch wenige Augenblicke später kehrte sie bereits zurück und rannte ein paar Meter in den Gang hinein.
»Du musst jetzt gleich schnell schießen«, rief sie, als die Tür zum Gang heftig aufgestoßen wurde und mehrere Sicherheitsbeamte hinter Khendrah durch die Tür stürmten.
»Bleiben Sie sofort stehen!«, rief einer der Beamten. »Ich muss sonst von meiner Waffe Gebrauch machen!«
Khendrah blieb stehen und drehte sich langsam um. Ihre Waffe hielt sie mit spitzen Fingern.
»Nicht schießen!«, sagte sie. »Ich ergebe mich!«
Thomas stand hinter den Sicherheitsbeamten. Sie hatten ihn nicht bemerkt, weil sie auf Khendrah fixiert waren. Er hob seine Betäubungswaffe und drückte ab, bis alle Sicherheitsleute bewusstlos waren. Das Ganze ging so schnell, dass sie nicht mehr in der Lage waren, zu reagieren.
»Eines muss man dir lassen«, sagte Khendrah anerkennend. »Du hast schnell gelernt. Man ist draußen in der Haupthalle recht sensibel. Ich habe mich kaum dort sehen lassen, als sie bereits hinter mit her stürmten.«
Thomas betrachtete die bewusstlosen Leute und fand, dass jemand dabei war, der ungefähr seine Statur besaß.
»Die Sachen von diesem hier sollten mir passen. Dort vorn ist auch eine Frau.«
»Leider ist sie etwas dicker, als ich«, monierte Khendrah. »Die Uniform wird an mir aussehen wie ein Sack.«
»Übertreib nicht! Für das, was wir vorhaben, wird es schon reichen.«
Sie schafften die Bewusstlosen in eine Besenkammer und zogen zwei der Leute ihre Uniform aus, die sie über ihre eigenen Kombinationen zogen. Nach einigem Zupfen sahen sie im Grunde glaubwürdig nach Sicherheitsbeamten aus. Sie hefteten sich die Sicherheitsausweise an die Brust und traten in die Haupthalle hinaus. Nun wurden sie nicht weiter beachtet und konnten sich ungestört durch die Menge bewegen. Ihr Ziel war der große Plan des Gebäudes, der an den Laufbändern angebracht war, über die alle Gäste zu den jeweiligen Kongressbereichen gelangen konnten.
Selbst, als sie vor dem Plan standen und ihn eingehend studierten, achtete niemand auf zwei Sicherheitsbeamte, die sich intensiv um einen Überblick bemühten.
»Ich hab’s«, sagte Thomas und deutete auf eine bestimmte Stelle des Plans. »Dort steht ‘Privatlounge’. Dort muss es sein.«
Khendrah reagierte sofort: »Dann los, wir haben nicht mehr viel Zeit.«
Sie stürmten das Laufband entlang und stießen einige Menschen beiseite, die ihnen ärgerlich hinterher schimpften. Nach kurzer Zeit gelangten sie in einen ruhigeren Teil des Gebäudes. Es gab hier mehr Sicherheitsleute als unten in der Halle, doch niemand behelligte sie. Niemand kam auf die Idee, dass sie keine normalen Sicherheitskräfte waren.
Khendrah fand schließlich die Räumlichkeiten von Gunter.
»Er muss dort drin sein.«
»Worauf warten wir dann noch ?«
Er prüfte noch einmal seine Waffen, dann versuchte er, die Tür zu öffnen, doch sie war verschlossen. Sie klopften. Sie klopften noch ein zweites Mal. Dann wurde die Tür geöffnet und ein Mann blickte unfreundlich zu ihnen nach draußen.
»Ja? Was wollen Sie?«, fragte er. »Der Parteivorsitzende will jetzt nicht gestört werden.«
»Wir müssen ihn aber unbedingt sprechen«, sagte Khendrah. »Es dauert auch nicht lange.«
Der Mann sah sie skeptisch an. Man konnte sehen, dass er nicht bereit war, sie zu Gunter vorzulassen.
»Sie gehören doch zu den Sicherheitsleuten des öffentlichen Bereichs, wie ich Ihren Ausweisen entnehme. Was haben Sie überhaupt hier bei der Privatlounge zu suchen?«
Die Miene des Mannes wurde noch abweisender.
»Das werden wir Herrn Manning-Rhoda gern persönlich erklären«, sagte Thomas.
Der Mann lächelte maskenhaft.
»Ich werde Sie ganz bestimmt nicht zu ihm vorlassen. Ich werde – ganz im Gegenteil – in der Zentrale nachfragen, wer Sie geschickt hat.«
»Oh, das werden Sie nicht tun«, meinte Khendrah und betäubte ihn mit ihrer Waffe. Thomas fing den schlaffen Körper auf und ließ ihn neben der Tür zu Boden gleiten. Khendrah stieß die Tür auf und sicherte Thomas mit ihrer Waffe. Ein weiterer Mann sprang auf, war aber bereits betäubt, bevor er ganz auf den Beinen war und fiel gleich wieder zurück in seinen Sessel.
Thomas drückte die Tür zu und verschloss sie.
Ein Mann stand hinter einem riesigen Schreibtisch und starrte sie an.
»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«, fragte er mit fester Stimme.
Es war ihm nicht anzumerken, ob er durch ihre Anwesenheit und die Art, wie sie erschienen waren, beeindruckt war.
»Sie sind Gunter Manning-Rhoda, der Parteivorsitzende der SLB, nicht wahr?«, fragte Khendrah. »Ach ja, machen Sie sich keine Gedanken um Ihre Mitarbeiter. Ihnen ist nichts geschehen. Wir haben sie nur für einige Zeit betäubt.«
»Ich bin Manning-Rhoda, aber wer sind Sie? Ich halte hier einen kleinen Kommunikator in der Hand. Ein Fingerdruck von mir und es wird hier vor Sicherheitsleuten nur so wimmeln. Also was wollen Sie? Reden Sie schnell – mein Finger ist sehr nervös.«
»Sie müssen sich keine Sorgen machen, Herr Manning-Rhoda«, sagte Khendrah. »wir sind die Guten. Sie haben mächtige Feinde, wissen Sie das?«
Gunter lachte freudlos.

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16. Teil – High Noon (1/3)

Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, das Khendrah auf sich genommen hatte, Thomas in einen Kämpfer zu verwandeln. Die Hypnoseschulung hatte er gut verkraftet, doch ohne praktische Erfahrung im Nahkampf mit und ohne Waffen war dieses Wissen nichts Wert. Also trainierte Khendrah täglich mehrere Stunden mit ihm im Trainingsraum der Jahresstation. Am schwierigsten war es, Thomas die notwendige Kondition und eine gewisse Beweglichkeit zu verschaffen. Wochenlang brachte sie ihm alles bei, was sie konnte und ganz allmählich wurde Thomas immer besser und es fiel Khendrah von Tag zu Tag schwerer, ihn zu besiegen. Auch der Umgang mit den Waffen der Agenten wurde immer besser.
Schließlich war es so weit.
»Morgen werden wir ins Jahr 2110 reisen und Gunter Manning-Rhoda aufsuchen«, entschied sie, »wir sind nun zwei gute Kämpfer und sind hoch motiviert. Mit der richtigen Ausstattung sollte es möglich sein, Herwarth Thobens Killer zurückzuschlagen und deinem Nachkommen das Leben zu retten.«
»Um wie viel Uhr Ortszeit wurde Gunter getötet?«, wollte Thomas wissen.
»Gegen Mittag«, sagte Khendrah, »wir sollten daher schon am frühen Morgen dort eintreffen und uns bereit halten.«
»Hast du vor, mit Gunter Kontakt aufzunehmen?«, wollte Thomas wissen.
»Das lässt sich wahrscheinlich nicht umgehen«, vermutete Khendra, »aber wir sollten ihm keinesfalls unsere wahren Identitäten verraten. Wir erledigen das Problem mit den Killern, sehen zu, dass die lokalen Sicherheitskräfte es mitbekommen und ziehen uns wieder zurück. Das sollte reichen, um die Polizeikräfte dieser Zeit auf Herwarth Thobens Fährte zu setzen.«
»Wann sollen wir starten?«, fragte Thomas.
»Ich würde vorschlagen, dass wir uns jetzt gleich ausrüsten und uns auf den Weg machen.«
Thomas machte ein skeptisches Gesicht.
»Was ist mit Fancan?«, fragte er, »Besteht nicht die Gefahr, dass man uns in der äußeren Zeit finden kann, wenn wir dort herumlaufen?«
Khendrah winkte ab.
»Wir werden nicht lange genug dort sein, um einen Scan fürchten zu müssen. Ganz so schnell sind die Suchsysteme der Behörde nun auch wieder nicht.«
Sie gingen in die Waffenkammer und schauten sich um. Es war schon faszinierend, dass man alles, was man benötigte, einfach aus einer Waffenkammer einer Station holen konnte, die eigentlich gar nicht in Betrieb sein durfte. Es war alles da, was man sich nur wünschen konnte: Sicherheitskleidung gegen Projektilwaffen und Anilihationswaffen, die Waffen selbst, jede Menge Munition, sowie jegliche Art von Kommunikatoren. Sie entschlossen sich, sogenannte In-Ohr-Geräte zu verwenden, um immer in Verbindung zu bleiben. Die Waffen waren recht klein, sodass sie bis an die Zähne bewaffnet in Richtung Zeitaufzug marschierten. Khendrah beseitigte die Zugangssperre, die bisher verhindert hatte, dass jemand unangemeldet in ihre Station eindringen konnte. Kurz danach öffnete sie die Tür und sie betraten die Kabine.
Thomas fühlte sich eigenartig, als er an sich herunterblickte. Bis vor kurzer Zeit war er ein unwissendes Opfer der Behörde und nun machte er sich bereit, an der Seite einer Zeitagentin selbst in einen verrückten Kampf zu ziehen. Khendrah stellte die Zielzeit ein und drückte auf den Start-Knopf, worauf sich die Kabine in Bewegung setzte.
Khendrah betrachtete Thomas eingehend. Bei ihm hatte sie ganze Arbeit geleistet. So leicht würde es niemand fertig bringen, ihn zu überwältigen. Ihr ganzer Blick drückte Anerkennung aus.
»Was ist?«, fragte Thomas, der ihren Blick bemerkt hatte.
»Ach, es ist nichts«, sagte sie lächelnd, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss. »Es ist nur … du hast dich verändert. Deine ganze Haltung ist härter, selbstbewusster geworden. Ich habe nicht mehr das Gefühl, für deine Sicherheit sorgen zu müssen. Nein im Gegenteil – ich fühle mich sicher, weil ich dich bei mir habe.«
»Es gefällt dir also?«, fragte Thomas, nach Zustimmung heischend.
Khendrah tat ihm den Gefallen und sagte mit einem schweren Seufzer: »Oh ja, das gefällt mir sehr.«
Thomas’ Blick fiel auf die Zeitanzeige der Kabine. Nur noch wenige Jahrhunderte und sie würden ihr Ziel erreicht haben.
»Was meinst du, wird man dort, wo wir gleich ankommen, erkennen, dass wir bewaffnet sind?«, fragte er.
»Wenn wir Pech haben, kann das geschehen«, vermutete Khendrah. »Wir sollten daher versuchen, so schnell wie möglich ans Ziel zu gelangen.«
Ein Signal zeigte an, dass die Kabine das Jahr 2110 erreicht hatte. Entschlossen drückte Khendrah die Tür auf und sofort stürzte die Realität des Jahres 2110 auf sie ein.
Sie standen am Rand einer extrem stark befahrenen Straße und es herrschte ein unglaublicher Lärm. Thomas hielt sich unwillkürlich die Ohren zu. Er stammte selbst aus einer Großstadt und kannte Verkehrslärm, doch dieser hier sprengte jeden Rahmen. Er blickte nach oben und sah, dass sich der Verkehr nicht nur auf die Straße am Boden beschränkte, sondern dass zahllose Flugmaschinen in – nicht enden wollenden – Bändern in unterschiedlichsten Höhen umherflogen. Der Stadtverkehr hatte in dieser Zeit offenbar die dritte Dimension erobert.
Hunderte von Passanten flossen wie ein zäher Brei an ihnen vorbei und stießen zum Teil mit ihnen zusammen. Entschuldigungen oder auch Beschimpfungen schallten von allen Seiten.
»Wir sollten hier nicht stehen bleiben!«, rief Khendrah Thomas ins Ohr. »Es fällt auf, wenn wir die Leute behindern, in dem wir hier einfach nur herumstehen.«
Sie stieß Thomas in eine Richtung und sie passten sich dem Fluss der Passanten an.
»So habe ich es mir nicht vorgestellt!«, rief Thomas. »Wie sollen wir uns hier überhaupt zurechtfinden?«
»Es muss hier irgendwo sogenannte Infoboxen geben«, antwortete Khendrah. »Wir müssen eine finden und können dann herausfinden, wo wir Gunter Manning-Rhoda finden können.«
Sie liefen noch eine Weile weiter und quetschten sich durch die Menschenmenge, ohne eine Infobox zu finden. Thomas begann zu schwitzen, denn es war ein heißer Sommertag und die Sonne brannte erbarmungslos in die Straßenschluchten hinein. Diesen Umstand hatten sie leider bei der Wahl ihrer Ausrüstung nicht bedacht, denn sie waren weit und breit die einzigen Menschen, die mit körperbedeckender Kleidung anzutreffen waren. Viele der Passanten starrten sie ungläubig an, während sie an ihnen vorbei liefen. Thomas ließ sich von der Erscheinung der jungen Mädchen ablenken, die ihnen entgegen kamen. Offenbar war die Mode für junge Mädchen noch freizügiger geworden, als sie schon im Jahre 2008 gewesen war. So trugen Manche lediglich einen extrem kurzen Rock und nicht einmal ein Oberteil. Oft verhinderten lediglich die in dieser Zeit sehr lang getragenen Haare einen Blick auf die blanken Brüste der jungen Frauen. Niemand schien jedoch daran Anstoß zu nehmen, denn niemand nahm davon besonders Notiz – bis auf Thomas, der überhaupt nicht wusste, wo er hinblicken sollte. Als Khendrah bemerkte, wie sehr Thomas abgelenkt war, knuffte sie ihn in die Seite.
»Verdammt Thomas, nimm dich zusammen! Niemand außer dir starrt die Frauen an! Es ist wohl normal, wie sie hier herumlaufen, also benimm dich bitte auch normal!«
Thomas fühlte sich ertappt. »Finde lieber eine Infobox, anstatt mich zu kontrollieren!«
Es dauerte noch einige Minuten, doch dann sahen sie in der Ferne eine Art Telefonzelle mit einem großen weißen Buchstaben »i« auf blauem Grund, welches sich auf ihrem Dach drehte.
»Das muss es sein!«, rief Khendrah und beschleunigte ihre Schritte.
Sie hatte recht, doch standen bereits mehre Leute davor und warteten darauf, die Infobox benutzen zu können.
»Verdammt, das kostet uns eine Menge Zeit!«, schimpfte Khendrah. »Aber ich suche jetzt nicht nach einer weiteren Box, um dann festzustellen, dass sie genau so belagert ist.«
Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis sie endlich in der Zelle standen.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte der Automat mit sonorer Stimme. Ein Eingabeterminal gab es offenbar nicht, also verfügte die Box über eine Spracheingabe.
»Wir suchen den Aufenthaltsort von Gunter Manning-Rhoda«, sagte Khendrah.
»Bitte warten Sie einen Moment. Ihre Anfrage wird bearbeitet.«
Nach kurzer Zeit meldete sich der Automat wieder: »Information verfügbar. Bitte authentifizieren Sie sich, um den Status des Umfangs der Berechtigung prüfen zu können.«
»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Thomas leise, doch Khendrah winkte ab. Sie zog eine Art Ausweis aus ihrer Kombination und drückte ihn mit der Vorderseite vor einen Scanner, der in der Infobox installiert war.
»Danke«, sagte der Automat. »Sie haben Anspruch auf Informationen der Prioritätsstufe eins. Gunter Manning-Rhoda, Anführer der Sozialliberalen Bürger (SLB), wohnhaft Altheman-Allee 1309, hält sich aktuell auf im Kongresszentrum Hohenheide. Ist Ihre Frage damit beantwortet?«
»Ja«, sagte Khendrah.
»Infobox.net dankt für die Benutzung des Services. Die Sitzung ist beendet. Auf Wiedersehen.«
Sie verließen die Box und überlegten, wie sie jetzt vorgehen sollten. Thomas blickte auf seine Uhr, die er sich aus der Ausrüstungskammer der Jahresstation mitgenommen hatte. Sie zeigte 10:35 Uhr an.
»In etwa eineinhalb Stunden wird das Attentat verübt«, sagte er, »wir haben nicht mehr viel Zeit. Gibt es hier vielleicht so etwas wie ein Taxi – ein Mietfahrzeug mit Fahrer, der uns an jedes gewünschte Ziel bringt?«
Khendrah deutete auf eine Reihe von kleinen, Hubschraubern ähnlichen Fahrzeugen, die am Straßenrand standen und in denen jeweils ein Fahrer oder Pilot gelangweilt in einer Zeitung las.
»Wie würdest du das nennen? Ich denke, das ist genau das, was wir brauchen. Die Dinger können fliegen und bleiben nicht im Bodenverkehr stecken.«
»Na dann los!«, rief Thomas und zog Khendrah zu einem der Hubtaxis.
»Sind Sie frei?«, fragte er den Mann hinter dem Steuerknüppel.
»Na, wonach sieht’s denn aus?«, fragte dieser zurück, »Wohin soll’s denn gehen?«
»Kongresszentrum Hohenheide«, sagte Khendrah. »Wir haben es eilig.«
»Ja, ja, eilig haben sie es alle«, murmelte der Pilot. »Steigen Sie ein, wir heben gleich ab. Ach ja, ich muss Ihnen gleich sagen, dass die Verweildauer auf dem Kongressgelände heute wegen des Parteitages der SLB nur begrenzt ist. Sie werden sofort aussteigen müssen, sobald ich dort gelandet bin. Aus diesem Grunde wäre es nett, wenn Sie mir den Flug schon jetzt bezahlen könnten.«
»Das ist kein Problem«, sagte Khendrah und reichte dem Piloten lächelnd eine kleine Plastikkarte, die dieser durch einen kleinen Scanner an seinem Armaturenbrett zog.
»Ich danke Ihnen«, sagte der Mann, als er die Karte wieder nach hinten reichte. »Schnallen Sie sich bitte an. Ich fürchte, ich werde einige harte Manöver fliegen müssen, bis wir auf der richtigen Luftstraße sind.«
Die Rotorblätter des kleinen Fliegers waren bereits angelaufen. Die Türen schlossen sich automatisch und das Lufttaxi hob zügig vom Boden ab. Sofort tauchte der Pilot in das Fahrzeuggewimmel in der Luft ein und flog in scheinbar waghalsigen Manövern immer höher, bis er sich in die Kette einiger, zum Stadtrand strebender, Flieger eingereiht hatte.
»Sind Sie auch von der SLB?«, wollte der Pilot wissen. »Ich habe heute schon einige Fluggäste zum Parteitag geflogen.«
»Im weitesten Sinne ja«, stimmte Thomas zu. »Wir müssen mit Gunter Manning-Rhoda reden.«
Der Pilot lachte laut auf.
»Na, da wünsche ich Ihnen aber viel Glück. Der Parteichef wird sicherlich sehr gut abgeschirmt, nach dem Theater kürzlich mit den Anhängern der PEV.«
»Welches Theater?«, fragte Khendrah. »Was ist passiert?«
»Sagen Sie bloß, Sie haben nicht von den Ausschreitungen während einer Demonstration gegen die PEV gehört! Es ging doch durch alle Medien.«
»Wir sind nicht von hier«, sagte Thomas entschuldigend. »Manning-Rhoda ist doch nichts passiert?«
»Nein, nein, die Sicherheitskräfte waren wachsam. Sie haben ihn wirkungsvoll abgeschirmt.«
»Dann kommen wir vielleicht doch nicht zu spät«, meinte Khendrah. »Ich hatte schon Angst, wir hätten einen Fehler gemacht.«
»Was seid Ihr eigentlich für Leute?«, fragte der Pilot. »Seid Ihr wirklich von der SLB?«
»Sie sind ein Anhänger der SLB?«, wollte Thomas wissen.
»Da können Sie aber Gift darauf nehmen!«, sagte der Mann heftig. »Und ich fliege Sie keinen Meter weiter, wenn Sie dort etwas anstellen wollen! Im Herbst sind die Wahlen und ich bete jeden Tag, dass dieses faschistische Monster Thoben und seine PEV dann in die Schranken gewiesen wird.«

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15.Teil – Die Sucher (2/2)

Cheom wandte sich um und führte die Beiden in einen großen, kuppelförmigen Raum, in dem zahlreiche Sessel und Liegen standen. Der Raum war nur mäßig beleuchtet, sodass seine wahre Größe nur erahnt werden konnte. Das wirklich beherrschende Inventar war eine riesige, gläsern wirkende Kugel, die mitten im Raum zu schweben schien.
»Nehmt Platz, wo Ihr wollt«, bot Cheom an, »macht es euch bequem. Ich werde noch ein paar Getränke holen und dann mit euch eine kleine Reise durch die Zeit machen.«
Minuten später ging es los. Die Kugel erhellte sich und Cheom zeigte Fancan, wie sich der Zeitfluss und die Entwicklung der Menschheit unter der ständigen Manipulation der Behörde allmählich immer weiter von seiner natürlichen Entwicklung wegbewegt hatte. Er zeigte, dass die Menschheit systematisch ihrer Möglichkeiten beraubt wurde, Erfahrungen zu machen und daraus zu lernen. Immer, wenn eine Entwicklung ein eine Richtung zeigte, die der Obersten Behörde suspekt erschien, wurde sie brutal unterbunden und ungeschehen gemacht. Allein durch die Arbeit der Agenten starben viele Tausende Menschen und immer wurde es durch die Behörde abgesegnet und angeordnet, um für Stabilität zu sorgen.
Cheom zeigte vergleichend immer, wie die normale Entwicklung ohne den Eingriff verlaufen wäre.
»Wie können Sie wissen, wie die normale Entwicklung gewesen wäre?«, wollte Fancan wissen, die bereits sehr verunsichert wirkte, »Sie wurde ja schließlich durch eine Manipulation niemals endgültig real.«
»Wir arbeiten mit zwei Methoden«, erklärte Cheom, »einmal haben wir sehr leistungsfähige Rechenanlagen, die uns Interpolationen liefern, die sehr nah an der Realität liegen. Dann greifen wir aber auch auf die zentralen Register der Obersten Behörde zu und vergleichen die dort als geheim gespeicherten Informationen mit unseren errechneten Interpolationen. Stimmen sie im Kern überein, müssen wir sie als realistisch einstufen.«
»Sie haben Zugriff auf die geheimen Register der Behörde?«, wunderte sich Fancan.
Cheom lachte verhalten.
»Selbstverständlich haben wir den – natürlich ohne die Kenntnis und Zustimmung der Behörde. Es dient dem reinen Selbstschutz – und natürlich auch der Planung von Maßnahmen gegen eure Manipulationen.«
»Ich glaube, ich verstehe nicht …«, sagte Fancan.
»Vor etwa tausend Jahren geschah etwas, dass uns überhaupt erst auf euch aufmerksam gemacht hat«, sagte Cheom, »bis zu diesem Zeitpunkt war diese Welt relativ dicht besiedelt. Doch von einem auf den anderen Tag verschwand der größte Teil der Bevölkerung und hinterließ ein totales Chaos. Die hier verbliebenen Menschen hatten zum Teil Erinnerung an das Vorher, zum Teil aber auch nicht. Die Meisten waren der Ansicht, dass es schon immer so wenige Menschen gegeben habe. Unter den Menschen mit der Erinnerung an einen dicht besiedelten Planeten befanden sich einige der besten Wissenschaftler unserer Welt. Sie stellten eine Theorie auf, wonach es sich um eine temporale Verwerfung gehandelt haben muss, die sich nur zum Teil in die Zukunft fortgepflanzt hatte. Sie begannen die Zeit zu erforschen – etwas, das man seit Urzeiten nicht mehr getan hatte. Nach und nach lernten sie, die Natur der Zeit zu verstehen und fanden heraus, wie man die Vergangenheit erforschen konnte. Dabei stießen sie auf einen brutalen Krieg am Rande des zweiundachtzigsten Jahrhunderts, der mit Waffen geführt wurde, die zu massiven Veränderungen des Planeten geführt haben. Erst bei der Erforschung der Ursachen fand man einige Ungereimtheiten heraus. So schienen diverse wissenschaftliche Errungenschaften nicht folgerichtig entwickelt worden zu sein. Wir gingen weiter in die Vergangenheit zurück und trafen auf Ihren Zeitvektor und Ihre Behörde, was uns zunächst sehr verblüffte, da wir davon ausgegangen waren, dass wir die Zeitforschung erst entdeckt hatten. Nun mussten wir feststellen, dass Zeitforschung, Zeitreise und Zeitmanipulation bereits ein sehr alter Hut war. Allerdings erkannten wir sofort, dass es die Manipulationen der Behörde waren, die zur Katastrophe im zweiundachtzigsten Jahrhundert geführt hatten. Eure Analysten hatten schlampig gearbeitet und eine Entwicklung gefördert, die Auswirkungen bis in unsere Zeit hatte.«
Cheom machte eine kurze Pause und sah Fancan an.
»Haben Sie bis hierher alles verstanden?«, wollte er wissen.
Fancan nickte. Sie konnte nicht umhin, aber sie fühlte sich irgendwie schuldig.
Cheom fuhr fort:
»Ursprünglich wollten wir Kontakt aufnehmen und euch helfen, doch wir entschieden uns anders, nachdem wir sahen, mit welcher Ignoranz und welcher Überheblichkeit die Mitglieder der Obersten Behörde über das Schicksal von Milliarden von Menschen entscheiden. Einzelne Individuen werden ohne jegliches Zögern geopfert, wenn die Analysten der Ansicht sind, ihre Existenz sei schädlich. Wir erkannten, dass wir uns auch in der fernen Zukunft vor ihrem Handeln schützen mussten. Wir installierten im zweiundachtzigsten Jahrhundert eine für eure Technologie undurchdringliche Sperre, die verhindern sollte, dass Ihr den überwachten Bereich darüber hinaus ausdehnen könnt. Für die meisten eurer Manipulationen reicht es aus, uns zu schützen, da sich der Zeitfluss über die gesperrten Jahrhunderte hinweg meist bereits wieder normalisiert hat, bevor wir davon betroffen werden.
Seit langer Zeit schon schleusen wir unsere eigenen Agenten bei euch ein, um euer System und seine Funktionalität zu studieren. Einen unserer besten Leute kennen Sie bereits – es ist Giwoon, der schon seit ein paar Jahren dafür sorgt, dass wir alles erfahren, das nötig ist, um den Zeitvektor zu zerstören.«
»Was? Sie wollen den Zeitvektor – die Behörde – einfach zerstören?«, entfuhr es Fancan, »Das dürfen Sie nicht tun! Das ist ein Verbrechen!«
»Fancan, Sie haben unser Material gesehen«, sagte Cheom ruhig, »denken Sie in Ruhe nach und dann sagen Sie mir, was ein Verbrechen ist. Ist es ein Verbrechen, der menschlichen Rasse seine Chance auf eine eigenständige Entwicklung zu verwehren oder ist es ein Verbrechen, dafür Menschen zu töten? Wo hört Verbrechen auf, wo fängt Verstand an? Ist es moralisch vertretbar, etwas zu tun, nur, weil man die Möglichkeit dazu hat? Ich denke nicht. Es wird Zeit, dass die Menschheit wieder die Verantwortung für ihr Handeln selbst übernimmt und nicht nur glaubt, dass sie diese Verantwortung hat. Der Zeitvektor wird fallen, Fancan. Es würde mich freuen, wenn Sie es einsehen könnten und uns vielleicht sogar helfen können, dieses Ziel zu erreichen.«
Giwoon, der die ganze Zeit über still danebengesessen hatte, griff nach Fancans Hand. Eine Träne rann über ihre Wange.
»Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll«, sagte sie, »mein ganzes Weltbild gerät ins Wanken. Ich bin Agentin – ich war immer Agentin. Meine Aufgabe waren immer die Korrekturen. Wenn aber nun alles falsch … was bin ich dann noch? Ich könnte mich doch auch gleich erschießen.«
»Fancan!«, fuhr Giwoon sie an, »Das darfst du nicht einmal denken! Du bist eine tolle Frau und ich liebe dich! Dein Leben hört doch nicht auf, nur, weil wir dieser Behörde ein Ende bereiten werden. Wir bleiben auf jeden Fall zusammen.«
Er blickte zu Cheom und fragte:
»Ist es nicht so?«
Cheom nickte nur und antwortete:
»Ja, so ist es und ich wünsche dir und Fancan dabei viel Glück.«
Fancan blickte von einem zum anderen und ihr Gesicht bekam einen fragenden Ausdruck.
»Wovon sprecht Ihr eigentlich?«
Cheom erhob sich.
»Ihr müsst jetzt wieder gehen«, sagte er, »Symeen kann euch alles Weitere sagen.«
Er nahm erst Giwoon und dann auch Fancan in den Arm, die es vollkommen verwirrt geschehen ließ.
»Mädchen, ich gebe euch alle meine guten Wünsche mit auf euren Weg«, sagte er, »passt aufeinander auf.«
Dann führte er sie wieder zum Transporter, der sie in einem Sekundenbruchteil wieder zurück ins Haus von Giwoons Familie brachte. Als sie die Treppe ins Erdgeschoss hinaufgingen, hörten sie, dass die Familie bereits am Esstisch versammelt war.
»Ihr kommt spät«, sagte Symeen vorwurfsvoll, »setzt euch, sonst ist das Essen ganz kalt.«
Sie aßen schweigend. Fancan war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt und Symeen wollte sie nicht darin stören. Sie war überzeugt, dass Fancan von ganz allein auf sie zugehen würde.
Nach dem Essen erhoben sich Zedroog und Yshaa, während Symeen, Giwoon und Fancan zurückblieben.
»Symeen, ich glaube, ich habe Anspruch darauf, endlich Alles zu erfahren«, sagte Fancan, als sie allein waren, »ich bin es endgültig Leid, dass immer alle nur in Rätseln mit mir sprechen. Cheom hat mir eine Menge Dinge gezeigt und erklärt. Dann jedoch wies er nur noch darauf hin, dass ich den Rest von dir erfahren würde und wünschte mir viel Glück. Was wisst Ihr, was ich noch nicht weiß? Redet endlich!«
Symeen verschränkte ihre Hände und sah Fancan ernst an.
»Als Giwoon uns mitteilte, dass er eine enge Beziehung zu einer Agentin der Behörde eingegangen wäre, waren wir darüber nicht begeistert – wie du dir denken kannst. Er ist mein Sohn und es fällt mir noch immer schwer, zu begreifen, dass er inzwischen erwachsen ist und seine Entscheidungen selber trifft. Ich gestehe, dass ich große Vorbehalte hatte, als Zedroog mir mitteilte, dass du mit Giwoon zu uns reisen würdest. Jetzt, wo ich dich kennen gelernt habe, sehe ich einige Dinge anders. Du bist nicht die kalte Killermaschine, für die ich Agenten immer gehalten habe. Du bist im Grunde das Produkt von Erziehung und Konditionierung durch die Behörde und dafür darf und kann ich dich nicht verurteilen. Was ich aber getan habe – und dafür kann ich mich nur bei dir entschuldigen: Ich habe von Cheom ein Profil von dir fertigen lassen, damit ich ein besseres Gefühl dafür bekomme, mit wem mein Sohn und ich es zu tun haben.«
»Du hast ‘was’ getan?«, ereiferte sich Fancan.
Symeen machte eine beschwichtigende Geste.
»Ich entschuldige mich dafür bei dir in aller Form, Fancan. Ich hätte es dir sofort sagen sollen. Allerdings sind dabei einige Dinge zutage getreten, die ich nicht erwartet hätte und die mich auch äußerst traurig machen. Du und Giwoon werdet uns wieder verlassen und ihr werdet niemals mehr zurückkehren.«
»Das kannst du doch nicht wissen, Symeen«, sagte Fancan, »warum sollten wir nicht zu dir zurückkehren? Oder wird uns etwa etwas geschehen?«
»Nein, das ist es nicht«, sagte Symeen und wischte sich mit dem Handrücken eine Träne fort, »Ihr werdet uns verlassen müssen, weil eine Aufgabe auf euch wartet, die – wenn ihr sie löst – dafür sorgen wird, dass wir uns niemals mehr wiedersehen werden. Es ist sehr kompliziert.«
»Du redest noch immer in Rätseln, Symeen«, sagte Fancan vorwurfsvoll.
»Du hattest in deiner Basis im Zeitvektor eine Freundin, nicht wahr?«, fragte Symeen.
»Khendrah?«, rief Fancan aus, »Die Verräterin? Woher kennst du Khendrah?«
»Du denkst noch immer in den alten Bahnen«, mahnte Symeen, »ich weiß von deinem Auftrag, Khendrah zu töten, Khendrah und dieses Thomas Rhoda. Es ergab sich alles aus den Recherchen zu deinem Profil, Fancan. Ich sage dir jetzt, dass es von großer Bedeutung ist, Khendrah zu finden und sie nicht zu töten. Ich erkläre dir auch, warum.«
In den nächsten Stunden hatten Fancan und Giwoon das Gefühl, die Zeit würde wie im Fluge vergehen. Staunend nahmen sie zur Kenntnis, was Symeen und Cheom über sie herausgefunden hatten. Niemals hätte sie vermutet, dass ihr aller Schicksal so sehr miteinander verflochten war.

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14.Teil – Die Sucher (1/2)

Fancan fühlte sich seit Tagen bereits wie Alice im Wunderland. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie sich im einhundertzwölften Jahrhundert befinden musste, doch ihr Gefühl sagte etwas Anderes. Das Leben hier in dieser Zeit verlief in seiner Gesamtheit sehr einfach und naturbezogen. Man lebte in Familien in einer weitläufigen Waldlandschaft, pflegte freundschaftliche Kontakte zu seinen Nachbarn und legte gesteigerten Wert auf soziale Bindungen. Es erschien ihr alles so unglaublich rückständig. Im krassen Gegensatz dazu stand das unglaublich umfangreiche wissenschaftliche Wissen dieser Menschen hier. Man hatte sich lediglich dazu entschlossen, nur so viel Technologie zu verwenden, wie man unbedingt benötigte. Ihre Fehleinschätzung der Menschen des einhundertzwölften Jahrhunderts wurde ihr bewusst, als Giwoon ihr einen Einblick in die zentralen Datenbanken gewähren wollte.
»Symeen und ich haben den Eindruck, dass du noch immer nicht alles glaubst, was wir dir in den letzten Tagen erzählt haben«, sagte Giwoon, »deshalb haben wir beschlossen, dich mit Cheom bekannt zu machen.«
»Wer ist Cheom?«, fragte Fancan, »Den Namen habt Ihr bisher noch nicht erwähnt.«
»Cheom ist unser Bibliothekar«, erklärte Giwoon, »bei ihm laufen alle Informationen und Nachrichten aus allen Zeiten zusammen. Die Datenbank der Bibliothek ist das Wichtigste und Größte, das die Menschheit je geschaffen hat. Ich denke, wenn du dir dort ein Bild gemacht hast, wirst du nicht mehr an den Dingen zweifeln, die wir dir erzählt haben.«
»Es ist ja nicht, dass ich euch nicht glauben will …«, sagte Fancan.
»Ich verstehe dich gut, Fancan«, sagte Giwoon, »komm’ mit, ich werde dir Cheom und unser Allerheiligstes zeigen.«
Giwoon fasste Fancan an der Hand und zog sie spielerisch hoch, sodass sie gegen ihn prallte. Er gab ihr einen leichten Kuss auf die Lippen und lachte.
Symeen hatte die Szene vom Herd aus mit angesehen und lächelte. Sie hatte ihren Sohn noch nie so locker erlebt. Er gab sich ungeheure Mühe damit, Fancan ihren Standpunkt verständlich zu machen. Sie war ihm offenbar sehr wichtig. Symeen gönnte ihrem Sohn das Glück mit dieser Frau. Wie es schien, erwiderte sie auch seine Gefühle für sie und sie musste sich auch eingestehen, dass sie sehr viel Sympathie für diese junge Frau empfand. Doch dann umwölkte sich ihre Miene. Sie wusste, dass im Leben alles seinen Preis fordern würde und sie wusste ebenso wie Giwoon, was sie die Rettung des Planeten und der Menschheit kosten würde. Giwoon hatte sein Gleichgewicht offenbar bereits gefunden und es für sich persönlich angenommen, doch sie selbst hatte damit noch ihre Probleme.
»Haltet euch nicht zu lang dort auf!«, rief sie ihnen noch hinterher, bevor Giwoon Fancan die Treppe hinunter in den Keller führte, »Abendessen gibt es zu Sonnenuntergang!«
Fancan hatte unwillkürlich erwartet, einen niedrigen Keller mit schmutzigen Gängen und Vorratsräumen zu sehen. Statt dessen betrat sie eine andere Welt. Hier unten fand sie ein hochmodernes Tiefgeschoss vor. Der Gang wirkte fast steril – er wurde durch Leuchtplatten in der Decke matt beleuchtet. Sie war sich sicher, dass das Kellergeschoss weitaus größer war, als die Grundfläche des Wohnhauses darüber.
»Wo sind wir hier?«, wollte Fancan wissen, »Das ist doch kein Keller?«
Giwoon lachte leise.
»Nein, natürlich nicht«, sagte er, »wir können natürlich nicht ohne Technik auskommen. Wir brauchen Energie, Kommunikation und so weiter. Uns zwingt aber niemand, diese Technik immer und jederzeit im Vordergrund zu haben. Energieerzeugern ist es egal, ob sie im Tiefgeschoss montiert sind. Die Computer arbeiten auch im Dunkeln – und wer will schon einen Transporter mitten in seiner Wohnung haben?«
»Transporter?«, fragte Fancan.
»Glaubst du, wir fahren nur mit dem Fahrrad?«, fragte Giwoon leicht spöttisch, »Das würde viel zu lange dauern und man könnte auch keine Waren transportieren. Wir haben hier im Keller ein Gerät, das uns in einem Augenblick an jeden Punkt dieser Welt transportieren kann, quasi ein Funkgerät für Materie.«
»So etwas habt Ihr?«, fragte Fancan ehrfurchtsvoll, »Die Entwicklung einer solchen Technologie ist meines Wissens innerhalb des Zeitvektors niemals gelungen, obwohl man es immer wieder versucht hat.«
Giwoon öffnete eine schwere Tür und schaltete das Licht in dem dahinter liegenden Raum ein. Fancan sah eine große Halle, in deren Mitte eine riesige Maschine stand. Dicke Kabel führten in den dicken Sockel der Anlage und verschwanden in der hinteren Wand der Halle.
»Meine Güte«, entfuhr es Fancan, »ist das dieser Transporter?«
»Das ist er«, bestätigte Giwoon, »ich gebe zu, er ist etwas groß, aber wir verwenden ihn auch für Waren aller Art. Normale Personentransporter sind entsprechend kleiner.«
»Wie versorgt Ihr eine solche Anlage eigentlich mit Energie?«, wollte Fancan wissen, »Ich habe nirgendwo Kraftwerkseinheiten gesehen.«
»Wir erzeugen unsere Energie nicht mehr selbst, seit wir unsere Sonne selbst anzapfen können«, erklärte Giwoon, »das dürfte dir nicht ganz fremd sein, denn euer Zeitvektor wird schließlich auch über eine sogenannte Sonnenleitung versorgt. Wir haben große Zapfstationen an den Polen und verteilen die benötigte Energie dann drahtlos auf die Verbraucher. Dadurch verfügt jedes Haus über die Energie, die es benötigt und die Umwelt wird dadurch nicht belastet.«
Giwoon begann, den Transporter zu aktivieren und gab aus dem Gedächtnis Zielkoordinaten in ein Terminal neben der Anlage ein.
»Jetzt warten wir nur noch auf die Bereitschaftsmeldung des Empfängers, dann kann es losgehen.«
»Ist es weit, bis zu eurer Bibliothek?«, fragte Fancan.
»Sie befindet sich auf der anderen Seite des Planeten – etwa in der Mitte des Kontinents Rika«, sagte Giwoon, »aber das ist für uns nicht wichtig. Für uns dauert es nur einen Wimpernschlag.«
In diesem Moment ertönte ein Glockensignal und eine kleine Lampe am Transporter leuchtete in beruhigendem Grün.
»Unser Signal«, sagte Giwoon und machte eine einladende Geste mit der Hand. Fancan zögerte und Giwoon nahm sie an der Hand und zog sie mit sich auf die Abstrahlplattform des Transporters. Fancan war es deutlich anzusehen, dass ihr mulmig war.
»Was genau geschieht jetzt mit uns?«, fragte sie vorsichtig.
»Der Transporter scannt unsere gesamte Struktur im Bruchteil einer Sekunde und erstellt eine Matrix unserer Körper. Dann wird diese an den Empfänger übermittelt und dort wieder zusammengesetzt. Das Ganze dauert nur einen Augenblick.«
»Was geschieht mit unseren Körpern hier?«
»Na, die werden natürlich vom Transporter zerstört«, sagte Giwoon, »sonst könnte die Matrix ja schließlich nicht erstellt werden. Aber das muss dich nicht beunruhigen, Fancan. Die Technik ist sehr zuverlässig.«
Ein Blick in Fancans Augen zeigte ihm allerdings, dass sie nicht wirklich überzeugt war. Etwas ängstlich drängte sie sich an ihn.
»Halt’ mit bitte, wenn es so weit ist«, bat sie leise.
»Ja sicher, mein Schatz, aber du brauchst wirklich keine Angst haben.«
Giwoon legte seinen Arm um Fancan und drückte den Aktivierungsknopf. An beiden Enden der Transportplattform fuhren Jalousien herunter, dann wurde es unerträglich hell, als ein kompliziertes Netz von Laserabtastern seinen Dienst aufnahm. Fancan hatte das Gefühl von Hitze. Sie schnappte hektisch nach Luft und dann … war es auch schon vorbei. Sie standen noch immer eng umschlungen beieinander, doch befanden sie sich definitiv nicht mehr auf der großen Plattform in Giwoons Haus, sondern in einer relativ kleinen Kabine. Eine Tür wurde geöffnet und helles Licht flutete herein. Fancan musste blinzeln, um etwas erkennen zu können. Der Schatten eines Mannes war zu erkennen.
»Willkommen in der Bibliothek!«, sagte der Mann mit tiefer Stimme, »Giwoon, mein Junge, du warst lange nicht mehr hier bei mir.«
Er half den Beiden aus der engen Kabine heraus und umarmte Giwoon herzlich. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Fancan und meinte:
»Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit, junge Dame«, sagte er und ergriff ihre Hand, »mein Name ist Cheom. Ich bin der Bibliothekar.«
»Darf ich dir Fancan vorstellen, Cheom?«, mischte sich Giwoon ein, »Fancan ist meine Freundin.«
»Die Freundin aus der alten Zeit«, stellte Cheom fest, »Sie sind sehr hübsch.«
»Danke«, entgegnete Fancan lächelnd, »Sie sind hier alle so auffällig höflich zu mir.«
»Das hat nichts mit Ihnen zu tun«, sagte Cheom, »wir legen einfach sehr viel Wert auf gute Umgangsformen und ein harmonisches Zusammenleben.«
Er wandte sich wieder Giwoon zu.
»Was kann ich für euch tun, Kinder?«, fragte er.
»Fancan ist Agentin der Obersten Behörde der alten Zeit«, erklärte Giwoon, »ich möchte, dass du ihr zeigst, welche Auswirkungen die Zeitmanipulationen der Behörde auf die Zukunft hatte. Sie soll mit eigenen Augen sehen und begreifen, dass dagegen etwas unternommen werden muss.«
Cheom sah Fancan nachdenklich an.
»Sie sind selbst Agentin?«, fragte er, »Dann haben Sie selbst auch schon Korrekturen vorgenommen, nicht wahr? Dann haben Sie sicher auch schon Menschen getötet, oder?«
Fancan fühlte sich unbehaglich, als dieser gütig wirkende Mann sie so direkt auf ihre Arbeit als Agentin ansprach.
»Ja, sicher habe ich das getan«, bestätigte sie, »es ist meine Aufgabe, wenn die Lösung eines Zeitproblems es erfordert.«
Ihre Stimme klang nicht so fest, wie sie es gern gehabt hätte.
»Ich will mich jetzt wirklich nicht zum Richter aufschwingen«, sagte Cheom, »machen Sie sich da keine Sorgen. Ich wollte nur wissen, wo Sie stehen und wofür Sie ausgebildet wurden. Es wird sicher für Sie nicht leicht werden, zu sehen, wie unsensibel man in der alten Zeit mit der Zeit umgegangen ist. Kommen Sie, ich werde Ihnen zeigen, was ich meine.«

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Korrekturen 13

13.Teil – Überraschende Wendungen

Schon seit etlichen Tagen saßen Thomas und Khendrah in der Jahresstation des Jahres 3170 und forschten im Zeitstrom nach Machenschaften des Analysten Ralph Geek-Thoben. Anfangs hatten sie angenommen, sie hätten Fehler gemacht, denn, noch während sie dabei waren, ein exaktes Profil zu erstellen, änderten sich plötzlich die Vorgaben.
»Was ist denn hier passiert?«, fragte Khendrah, die ihren Augen nicht zu trauen glaubte, »Du wurdest nicht getötet, Thomas und alles schien wieder in bester Ordnung zu sein und plötzlich ist wieder alles in Unordnung. Bist du auch gerade an dieser Machtübernahme?«
»Ja«, sagte Thomas vom Nachbarterminal aus, »ich bin froh, dass ich vorhin noch den Status gespeichert hatte, sonst hätte ich jetzt keinen Beweis für die Veränderung. Wie kann das überhaupt sein? Wieso können wir diese Veränderungen überhaupt bewusst wahrnehmen? Ich dachte immer, dass eine Veränderung im Zeitstrom sich in die Zukunft hinein fortsetzt und von den zukünftigen Realitäten nicht wahrgenommen werden kann, da sie ja selbst der Veränderung unterworfen sind.«
Khendrah sah zu ihm hinüber. Thomas hatte sich in wenigen Tagen hervorragend eingearbeitet und bediente das Terminal inzwischen eben so gut, wie sie selbst. Sie musste zugeben, dass sie mit ihrer Recherche nicht so schnell vorangekommen wäre, wenn er ihr nicht so gut geholfen hätte. Sie lächelte. Sie waren sich innerhalb von wenigen Tagen so nahe gekommen, wie sie es nie für möglich gehalten hatte. Sie hatte Angst vor dem Tag, an dem das alles vorbei sein würde – wenn er wieder in seine Zeit zurückkehren musste und sie wieder eine Agentin der Behörde für Zeitkorrekturen sein würde. Sie schob diesen Gedanken weg. Sie wollte nicht daran denken.
»Wir sind innerhalb des Zeitvektors«, erklärte sie, »wir stehen quasi außerhalb des externen Zeitablaufs und unterliegen, solange wir uns hier aufhalten, einem eigenen Zeitablauf, der völlig vom äußeren Zeitablauf abgekoppelt ist. Frage mich bitte nicht, warum es so ist. Ich bin Agentin und keine Technikerin.«
»Weißt du, dass ich mir vorkomme, wie in einem schlechten Science-Fiction?«, fragte Thomas.
»Was ist ein Science-Fiction?«, wollte Khendrah wissen.
»Das sind Geschichten, die über Dinge berichten, die es noch nicht gibt, die aber vorstellbar sind, verstehst du?«
»Nein«, meinte Khendrah, »ich weiß nicht, was du meinst.«
Sie machte eine alles umfassende Geste mit der Hand.
»Das alles hier ist real, Thomas. Das ist keine Geschichte.«
»Genau das fällt mir schwer, zu glauben«, sagte Thomas und winkte ab, »erkläre mir aber bitte einmal, warum wir das Ganze hier überhaupt machen. Wenn wir außerhalb der externen Zeit stehen und uns hier nichts geschehen kann – was auch immer draußen geschieht – warum können wir uns dann nicht aus dem Staub machen und uns irgendwo verstecken?«
»Du stellst es dir zu einfach vor«, sagte Khendrah, »wir können nicht bis in alle Zeit hier in dieser Station bleiben. Irgendwann wird jemand dahinter kommen, dass diese Station nicht mehr unbewohnt ist und dann müssen wir fliehen. Sind wir aber draußen, dann unterliegen wir wieder den Maßnahmen der Obersten Behörde. Wir würden auch draußen irgendwann entdeckt werden, zumal du keine andere Wahl hast, als wieder in deine eigene Zeit zurückzukehren. Was mich betrifft … ich weiß nicht.«
Thomas nahm Khendrah in den Arm und hielt sie fest. Solche körperliche Nähe war ihr noch fremd, doch musste sie eingestehen, dass es ihr angenehm war und sie tröstete. Dieser Mann, den sie eigentlich töten sollte, hatte ihr ganzes Weltbild bereits zum Wanken gebracht. Nach einiger Zeit machte sie sich wieder von ihm los und meinte:
»Auf jeden Fall bin ich es mir und der Geschichte schuldig, dass ich es nicht zulasse, dass dieser Geek-Thoben seine eigennützigen Pläne durchsetzen kann. Wenn wir nur das schaffen, bin ich zufrieden – egal, was dann noch kommen wird.«
»Was können wir schon von hier aus tun?«, fragte Thomas, »Soweit ich das verstanden habe, haben wir zwar alle Möglichkeiten, die Wahrheit herauszufinden, doch das war es dann auch schon.«
»Ich einem gebe ich dir Recht, Thomas«, erwiderte Khendrah, »von hier aus werden wir das Problem nicht lösen, aber wir haben sehr wohl die Mittel, einzugreifen. Wir müssen notfalls ebenfalls in die Zeit reisen und Ralphs Korrektur wieder rückgängig machen.«
Thomas schluckte nervös.
»Ich kann doch nicht einfach irgendwo in der Zeit aussteigen und dort irgendwelchen Unfug machen.«
Khendrah lachte leise, während sie die aktuelle Geschichte des Jahres 2110 studierte.
»Wir werden dort auch keinen Unfug machen, sondern eine Korrektur vornehmen«, sagte sie, »Ralph soll sich noch wundern. Ich bin eine Agentin – und ich bin keine Schlechte. Ralph ist Analyst, aber er ist Theoretiker. Wir Agenten müssen vor Ort improvisieren. Ich bin sicher, dass wir ihn schlagen werden.«
Plötzlich hellte sich ihre Miene auf.
»Hier ist es!«, rief sie aus, »Dieser Dreckskerl Herwarth Thoben hat ein Team von Killern auf Gunter Manning-Rhoda angesetzt und ihn regelrecht hinrichten lassen. Das kann nur bedeuten, dass ihm Ralph gesagt hat, dass er die Wahlen verlieren würde.«
Khendrah machte ein entschlossenes Gesicht.
»Diese Suppe werden wir ihnen versalzen!«
»Khendrah, werde wach«, mahnte Thomas, »wir sind nur zu zweit. Wie sollen wir gegen Killer aus dem Jahre 2110 ankommen können?«
Khendrah sah Thomas nachdenklich an.
»Wie steht es eigentlich mit deiner Ausbildung in Disziplinen wie Nahkampf oder Waffen?«
»Bist du verrückt, Khendrah?«, ereiferte sich Thomas, »Davon habe ich doch überhaupt keine Ahnung! Ich werde dir da keine Hilfe sein.«
Khendrah erhob sich ruckartig und griff nach Thomas’ Hand.
»Komm’, wir haben eine Menge zu tun«, sagte sie und zog ihn mit sich fort.
»Was hast du denn nun schon wieder?«, fragte Thomas, »Nun rede schon und lass’ mich nicht dumm sterben.«
Sie wandte sich abrupt um und blieb mit funkelnden Augen vor ihm stehen.
»Ich werde dich ‘überhaupt’ nicht sterben lassen, ist das klar?«
»Nun beruhige dich, Khendrah«, sagte Thomas, »das ist nur so eine Redensart in meiner Zeit, wenn einem die notwendigen Informationen fehlen. Aber du darfst mir gern verraten, was du vorhast – zumindest, wenn es mich betrifft.«
»Entschuldige«, sagte sie, »das war mein Fehler. Aber ich werde dich unbedingt brauchen, bei dem, was ich vorhabe und da musst du fit sein, um diese Killer mit mir zusammen aufzuhalten. Wir haben in jeder Station eine Hypnoseschulungsanlage. Ich will dir die notwendigen Kenntnisse im Schnellverfahren beibringen lassen.«
»Nahkampf in Hypnoseschulung?«, fragte Thomas spöttisch, »Du willst mir jetzt nicht weismachen wollen, dass ich danach ein Nahkampfspezialist bin, oder?«
»Quatsch!«, sagte Khendrah, »Es geht dabei nur um die theoretischen Grundlagen. Das Wissen hast du dann. Wir müssen dann nur noch an der Praxis arbeiten und deinen Körper in Form bringen.«
»Praxis?«, fragte Thomas, »Gegen wen soll ich denn hier kämpfen?«
Khendrah grinste ihn an.
»Ich werde gegen dich kämpfen, mein Lieber«, sagte sie, »wir haben doch alle Zeit der Welt, solange wir hier in der Station bleiben. Ich werde dich fit machen und dann gehen wir ins Jahr 2110 und schützen deinen Nachkommen.«
Thomas zuckte nur noch mit den Schultern, als Khendrah ihn in den Hypnoseraum führte und ihn bat, auf einer der dort bereitstehenden Liegen Platz zu nehmen. Er fühlte sich irgendwie überrumpelt. Er war nie ein Kämpfer gewesen und nun wollte Khendrah ihn in kurzer Zeit dazu machen. Erst wollte er protestieren, doch als er in die erwartungsvollen Augen Khendrahs blickte, gab er seinen Widerstand auf und legte sich flach auf die Liege. Khendrah schob ihm die schwere Hypnosehaube über den Kopf und startete das Programm.
»Du wirst jetzt ein paar Stunden schlafen«, erklärte sie ihm, »ich werde da sein, wenn du wieder wach wirst. Ich wünsche dir schöne Träume.«

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Korrekturen 12

12.Teil – Der Neffe des Analysten (2/2)

»Verdammt, vielleicht habe ich mich mit dem Identitätsnachweis geirrt«, schimpfte Ralph unbeeindruckt, »aber es geht mir sicher nicht darum, meinem Neffen zu schaden – ganz im Gegenteil. Ich habe wichtige Informationen für ihn. Ich kann Ihnen versichern, dass es Ihrer Karriere nutzen wird, wenn Sie jetzt vernünftig handeln.«
Der Anführer der Wachen überlegte einen Moment, dann gab er seinen Leuten ein Zeichen, worauf sie ihre Waffen hoben und Ralph in Schach hielten. Er zog sich ein Stück zurück und holte einen kleinen Kommunikator hervor. Ralph konnte nicht hören, was gesprochen wurde, doch als das Gespräch beendet wurde, wirkte der Mann etwas freundlicher.
»Sie werden mich jetzt begleiten«, sagte er, »der Leiter hat einen sehr eng gefassten Terminplan. Er wird sie in seinem Sicherheitsbüro empfangen und ihnen einige Minuten seiner kostbaren Zeit opfern. Kommen Sie aber nicht auf falsche Gedanken. Auch, wenn Sie mit dem Leiter allein sind, würde es Ihnen niemals gelingen, ihm zu schaden.«
Ralph wurde von der gesamten Truppe durch endlose Gänge geleitet. Ständig hatte er das Gefühl, als wenn sämtliche Waffen auf ihn gerichtet wären. Immer wieder begegneten ihnen Mitarbeiter der Partei in ihren Uniformen, manche bewaffnet, manche nicht. Kurz vor Erreichen des Ziels musste er noch in einen Untersuchungsraum, wo er komplett durchleuchtet wurde.
»Sie scheinen tatsächlich weder über Waffen, noch über nichtmetallische Gerätschaften zu verfügen, die als Waffe dienen könnten«, sagte der Anführer der ihn begleitenden Gruppe, »Sie können jetzt mit dem Leiter zusammentreffen. Es ist die Tür dort.«
Er deutete auf eine gepanzerte Tür direkt vor ihnen.
Ralph drückte die Klinke hinunter und betrat das Büro. Er war überrascht, wie riesig der Raum war. Die Decke befand sich in bestimmt vier Meter Höhe über ihm. Die gesamte, gegenüberliegende Front war ein riesiges Fenster, das einen überwältigenden Blick auf die Stadt ermöglichte. Das Mobiliar war spärlich und äußerst modern wie schlicht. An einer Seite befand sich eine Bar mit Theke und mehreren Hockern davor. Ralph schritt langsam vorwärts in Richtung der Fensterwand und blickte sich immer wieder um. Er schien allein zu sein. Er fragte sich, ob man ihn getäuscht hatte und er in Wirklichkeit nicht mit seinem Neffen zusammentreffen würde. Er trat bis ans Fenster heran und blickte nach unten. Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück, da die oben nach außen strebende Scheibe den Eindruck vermittelte, man würde völlig ungeschützt nach unten sehen.
»Der erste Eindruck ist immer der Gewaltigste, nicht wahr?«, sagte einen Stimme hinter ihm.
Ralph fuhr herum und glaubte in das Gesicht seines Bruders zu blicken. Er hatte keine Ahnung, wo der Mann so schnell hergekommen sein konnte. Er hatte ein verbindliches Lächeln aufgesetzt und reichte ihm seine Hand.
»Ich bin Herwarth Thoben«, sagte er, »meine Leute nennen mich einfach nur den Leiter. Doch Sie hatten meinem Wachdienst gegenüber angedeutet, dass wir uns näher stehen sollen?«
»Ja, das ist korrekt«, antwortete Ralph, »ich bin dein Onkel. Dein Vater war mein Bruder.«
Herwarth deutete auf eine Sitzgruppe.
»Nehmen wir doch Platz. Im Sitzen redet es sich entschieden leichter. Sie behaupten also, mein Onkel zu sein? Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich kann Ihnen gleich sagen, dass ich Ihnen das nicht abnehme. Der Bruder meines Vaters ist vor vielen Jahren verschwunden und niemals wieder aufgetaucht. Also, wer sind Sie wirklich?«
»Mein Name ist Ralph Geek-Thoben«, sagte Ralph, »und ich war in der Tat der Bruder deines Vaters. Am Tag meines Verschwindens habe ich allerdings diese Welt hier auf eine Art verlassen, wie du es dir niemals vorstellen kannst. Eine Organisation, die sich Oberste Korrekturbehörde nennt, hat mich angeworben, in dem sie mich einfach von hier entführt hat.«
»Und jetzt sind Sie einfach wieder da?«, fragte Herwarth spöttisch, »Ein Mann, der eigentlich bereits vor Altersschwäche gestorben sein sollte? Was wollen Sie? Wollen Sie Geld? Dann kann ich Ihnen versichern, dass Sie von mir nicht einen einzigen Credit erhalten werden.«
»Deshalb bin ich nicht hier«, sagte Ralph, »ich habe schon vor vielen Jahren erkannt, dass du ein sehr ehrgeiziger Mensch bist, der das Potenzial zum Herrschen hat. Kannst du dich an einen Brief erinnern, der dir vor vielen Jahren zugegangen ist. Darin empfahl ich dir, in die Politik zu gehen, da dort eine große Zukunft auf dich wartet. Wie ich sehe, bist du auf einen guten Weg. Ich hatte damals angedeutet, dass ich dich eines Tages persönlich aufsuchen würde.«
Herwarth sah ihn mit aufgerissenen Augen an.
»Woher wissen Sie von diesem Brief?«, fragte er heiser, »Er hat mich damals tatsächlich dazu gebracht, Mitglied der Volkspartei zu werden. Ich habe niemals jemandem von diesem rätselhaften Brief erzählt.«
»Ich habe ihn geschrieben«, sagte Ralph, »ich haben ihn geschrieben, um dich an die Macht zu bringen – weil du das Zeug dazu hast.«
»Dann bist du tatsächlich mein Onkel?«, wunderte sich Herwarth, »Das würde aber auch bedeuten, dass du mich die ganze Zeit über beobachtet haben musst.«
»Das habe ich auch immer ‘mal wieder getan«, gab Ralph zu, »ich musste ja sehen, ob du meine Hinweise angenommen hast, oder ob ich intervenieren musste.«
»Intervenieren? Welche Art der Intervention meinst du?«
»Die Oberste Behörde, für die ich nun arbeiten muss, ist eine Behörde, die sich mit der Korrektur von Zeitanomalien beschäftigt. Eigentlich dürfte ich es dir überhaupt nicht erzählen, aber nun macht es keinen Unterschied mehr, weil ich nicht mehr zurückkehren werde.«
Herwarth schüttelte den Kopf.
»Ich glaube, ich verstehe das Ganze noch nicht wirklich«, sagte er, »ich soll wirklich glauben, dass du mit der Zeit herumspielst? So etwas, wie Zeitreisen, sind doch Hirngespinnste.«
»Heute, ja«, sagte Ralph, »aber in ein paar Tausend Jahren sind sie möglich. Man hat dort eine Behörde eingerichtet, die in einer Vielzahl von Zeitaltern prüft, ob Korrekturen notwendig sind. Man hat überall geeignete Menschen rekrutiert, die diese Arbeit leisten. Es gibt Analysten, wie mich, die eine Situation bewerten und das Maß und die Vorgehensweise der Änderung berechnen und es gibt auch die Agenten, die diese Veränderungen initiieren und durchführen – manchmal keine angenehme Aufgabe.«
Herwarth sah ihn noch immer skeptisch an und meinte:
»Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich dir das alles abnehme.«
Er griff zur Seite und holte einen kleinen Metallkoffer hervor. Während er ihn aufklappte, sagte er:
»Wir werden nun einen kleinen Test machen. Ich werde dir eine kleine Probe deines Blutes entnehmen und dann werden wir sehen, ob der genetische Fingerabdruck zu deinen Aussagen passt. Reiche mir bitte einmal deine Hand.«
Ralph hielt ihm zögernd seine Hand hin und sah zu, wie Herwarth einen kleinen, Bleistift großen Gegenstand gegen einen seiner Finger presste. Er fühlte einen kleinen stechenden Schmerz.
»Das war es auch schon«, sagte Herwarth und schüttelte den kleinen Stift, »gleich wird mir dieses Testgerät hier zeigen, ob es eine gewisse Kongruenz unserer Gencodes gibt.«
Wenige Augenblicke später piepste das Testgerät und Herwarth blickte konzentriert auf einen kleinen Monitor auf der Innenseite seines Koffers.
»Dein Gencode stimmt fast mit dem meines Vaters überein«, stellte er fest, »es muss also stimmen – du bist mein Onkel. Deine Geschichte ist zwar in höchstem Maße phantastisch, aber ich gehe einfach einmal davon aus, dass sie stimmt. Was genau bietest du mir eigentlich an?«
»Herwarth, ich bin genau darüber informiert, dass du sehr ambitioniert bist und dein Ziel die Herrschaft über den europäischen Kontinent ist. Deine Partei ist gut aufgestellt, aber deine Gegner sind stark. In zwei Jahren finden die nächsten Wahlen statt, die über das weitere Schicksal Europas entscheiden werden. Die PEV wird diese Wahlen haushoch verlieren.«
»Unmöglich!«, brauste Herwarth auf, »Es wurden bereits so viele Organisationen unterwandert. Wir werden die Regierung stürzen. Da bin ich sicher.«
»Träum’ weiter Herwarth. Ich kenne die Zukunft«, sagte Ralph eindringlich, »du musst in naher Zukunft aktiv werden und Gunter Manning-Rhoda töten.«
»Wen?«, fragte Herwarth entgeistert, »Diesen Niemand? Gunter Manning-Rhoda ist ein Witz. Wir werden ihn und seine linken Aktivisten zermalmen. Dieser Möchtegern-Politiker glaubt, mir ernsthaft entgegen zu treten, indem er aus seinen Aktivisten eine offizielle Partei formt.«
»Dann hat er also bereits die Partei gegründet, mit der er gegen dich bei den Wahlen antreten will?«, fragte Ralph nachdenklich, »Ich hatte geglaubt, wir hätten noch etwas mehr Zeit.«
»Wir brauchen uns um diesen Kerl keine Sorgen machen«, sagte Herwarth selbstgefällig, »er hat nicht den Hauch einer Chance.«
Ralph hob warnend den Zeigefinger und schüttelte den Kopf.
»Ich habe es immer wieder in meinen Datenbanken geprüft. Manning-Rhoda wird aus diesen Aktivisten, wie du sie nennst, eine ernst zu nehmenden Partei formen. Er wird gegen dich antreten – und gewinnen. Deshalb muss er sterben und zwar bald, nämlich noch, bevor er beginnt, in den Wahlkampf einzugreifen.«
Herwarth sah seinen Onkel an.
»Warum erzählst du mir das alles? Was hast du davon, wenn ich das tue?«
Ralph lehnte sich genüsslich zurück und sagte:
»Wenn du an der Macht bist, wirst du einen fähigen Mann an deiner Seite brauchen. Dieser Mann will ich sein. Ich kann dir auch in Zukunft noch mit vielen weiteren Tipps nützlich sein. Überlege es dir.«
»Ich frage mich immer noch, warum du das tust«, sagte Herwarth, »du warst in einer Behörde, die dir ungeheure Macht gab. Warum gibst du das alles einfach auf? Und – wird es nicht Andere geben, die das einfach wieder korrigieren werden?«
»Ich tue es, weil man mich als Jugendlichen einfach rekrutiert hat, ohne mich zu fragen, was ich eigentlich will. Man hat mir damals meinen Lebenstraum einfach zerstört. Jetzt bin ich am Drücker. Ich will wenigstens die Zinsen kassieren, verstehst du? Ich habe die wichtigsten Daten in der Datenbank gelöscht oder zumindest verschlüsselt. Die Zeit ist eine sehr komplexe Sache. Viele Dinge werden nur durch Zufall entdeckt. Wenn nicht einer dieser Zufälle eintritt, wird man meine Manipulation nicht einmal entdecken. Bring’ du diesen Manning-Rhoda um und wir werden herrschen, Herwarth.«
Herwarth spielte die ihm angezeigte Zukunft in Gedanken durch und seine Augen begannen zu glänzen. Dieser Mann war der Schlüssel zur Macht. Herwarth Thoben würde über einen ganzen Kontinent herrschen.
»Das sollten wir mit einem guten Tropfen begießen«, sagte er, »ich denke, wir werden eine lange, produktive Verwandtschaftsbeziehung haben.«
Er griff zu einem Kommunikator und drückte ein paar Tasten.
»Einen Moment noch«, sagte er entschuldigend zu Ralph.
Dann sprach er in das Gerät:
»Ich brauche sofort ein Team. Spezialisten. Sie dürfen noch nicht negativ aufgefallen sein. Es geht um eine Versetzung in den Ruhestand. Machen Sie Gunter Manning-Rhoda ein entsprechendes Angebot. Sie wissen, was ich meine, und verschonen Sie mich mit Einzelheiten. Ich will sie überhaupt nicht wissen.«
Er legte auf und sah Ralph lächelnd an.
»Wo waren wir stehen geblieben?«

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Korrekturen 11

11.Teil – Der Neffe des Analysten (1/2)

Ralph Geek-Thoben war schlecht gelaunt. Er hatte alles so gut geplant. Viele Jahre lang hatte er nur auf den Zeitpunkt hingearbeitet, an dem er den Zeitvektor verlassen würde, um seinen Platz in der Herrschaftsfamilie seines Zeitalters anzutreten. Jahr für Jahr hatte er sich bemüht, endlich die Position einzunehmen, die es ihm ermöglichen würde, seine Pläne zu verwirklichen. Er hatte sogar schon einen Plan, wie er es anfangen sollte, seine komplette Identität aus der Datenbank zu entfernen, sobald er in der Zeit verschwunden wäre. Sollten sie doch dann nach ihm suchen. Es würde ihnen nicht gelingen.
Leider hatte sein Plan einen Fehler. Niemals hätte er damit gerechnet, dass ausgerechnet die zuverlässigste Agentin seiner Basis aus der Reihe tanzen würde. Auch hatte er nicht damit gerechnet, dass es ihr gelingen würde, seine Sperren zu umgehen und ihn de facto zu entlarven. Diese verdammte Khendrah! Da fährt sie zurück und macht ihre Manipulation wieder ungeschehen. Wenn es ihm nicht gelang, dies wieder zu kitten, war alles vergebens gewesen. Er hatte Fancan, die zweite Agentin, auf Khendrah angesetzt, doch bisher hatte sie sich noch nicht wieder bei ihm gemeldet.
Immer wieder prüfte er die Datenbanken und achtete insbesondere auf Änderungen im Jahre 2008, doch Fancan schien ihren Auftrag noch nicht erledigt zu haben.
Ralph stützte seinen Kopf auf seine Hände und grübelte. Was sollte er tun, wenn Fancan versagen sollte? Er konnte nicht beliebig viele Agenten auf Khendrahs Fährte setzen. Irgendwann würde jemand unbequeme Fragen stellen. Die Mitglieder der obersten Behörde waren zwar Schlappschwänze, doch dumm waren sie nicht.
»Vielleicht bleibt mir doch nichts anderes übrig, als selbst mit Herwarth Kontakt aufzunehmen«, dachte er, »er führt eine der mächtigsten politischen Parteien seiner Zeit. Es sollte ihm doch auch möglich sein, die Macht ganz einfach mit Waffengewalt an sich zu reißen. Zwar ist in den Archiven nichts über einen Putsch gespeichert, aber bisher habe ich ihm auch noch nicht dazu geraten.«
Ralph lächelte böse. Die Chancen standen vielleicht doch nicht so schlecht, wie er zunächst befürchtet hatte. Er beschloss, selbst einen Exkurs in die Zeit zu unternehmen. Offiziell konnte er seine Reise mit dem Zeitaufzug als Fahrt zu einer Besprechung mit anderen Analysten in der Datenbank eintragen. Tatsächlich jedoch würde er seinem Neffen einen Besuch abstatten und ihn in Dinge einweihen, die im Grunde kein Mensch außerhalb der Behörde wissen durfte.
Er erhob sich und verließ sein Büro, um sich in seiner Wohnung mit allem auszustatten, was er im Jahre 2110 benötigen würde. Der Zeitpunkt lag genau ein Jahr vor dem Termin, der für die Machtübernahmen bereits einmal in der Datenbank gestanden hatte und die möglicherweise auch wieder aktuell sein würde, nachdem Fancan ihren Auftrag erfüllt haben würde. Ein Jahr war willkürlich gewählt. Ralph hatte nur überlegt, dass Herwarth auch einige Zeit benötigen würde, sich auf eine Machtübernahme vorzubereiten. Ein Jahr erschienen ihm da vollkommen ausreichend. Außerdem war 2110 das entscheidende Wahljahr. Er verstaute seine Ausrüstung in den Taschen seines Mantels und betrachtete sich im Spiegel. Der Mantel war nicht eben üblich im Jahre 2110, aber er konnte schlecht Kleidung offiziell aus dem Lager der Agenten anfordern. Es musste das reichen, was er hatte.
Als er seine Wohnung verschloss, blickte er verstohlen den Gang entlang. Er liebte diese Basis und ihre wenigen Mitarbeiter. Man konnte kommen und gehen, ohne, dass es jemandem auffiel. So begegnete ihm auch niemand auf seinem Weg zum Aufzug und er betrat die leere Kabine. Er stellte das Jahr 2110 ein und startete den Zeittransfer. Nach kurzer Zeit war er am Ziel und verließ zügig die Kabine. Nun hatte er sich endgültig strafbar gemacht, denn es stand nur Agenten zu, den Zeitvektor zu verlassen, nicht aber Analysten.
Ralph stand in einer pulsierenden Großstadt direkt im Zentrum des Geschehens. Menschen hasteten vorbei und stießen ihn an. Niemand entschuldigte sich oder machte den Versuch, ihm auszuweichen, sodass er sich dem Strom der Passanten anpassen mussten, um nicht umgerannt zu werden. Es war ein lauer Frühlingstag und er begann in seinem Mantel schnell zu schwitzen.
Ralph war die hier vorherrschende Hektik nicht mehr gewohnt, seit er meist allein in seinem Büro saß und Zeitereignisse analysierte. Aus seiner Jugend kannte er noch Autos, die die Basis des Individualverkehrs darstellten, doch hier im Jahre 2110 hatte der Verkehr auch noch die Luft erobert. Ständig flogen kleine und große Fahrzeuge vorbei, die futuristischen Hubschraubern ähnelten. Er fragte sich, wie man sich in einem solchen, dreidimensionalen Verkehr überhaupt zurechtfinden konnte. Er legte den Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Soweit das Auge reichte, flogen in verschiedenen Ebenen diese Flieger zwischen den Hochhausschluchten kreuz und quer herum. Der Lärm war ohrenbetäubend. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die meisten der Passanten Ohrenschützer trugen. Er nahm sich vor, sich auch so etwas zu besorgen, wenn er länger hier leben musste. Am schlimmsten jedoch waren die Werbetafeln. Jede Wand eines der Hochhäuser war gleichzeitig eine animierte Werbefläche, die alle möglichen Waren marktschreierisch anpries. Überall war Bewegung und überall blitzte es bunt und hektisch. Ralph spürte, dass er aus dieser Reizüberflutung schnellstens heraus musste.
Am Straßenrand erblickte er kleine Hubschrauber mit gelber Lackierung. An der Steuerung dösten die Piloten vor sich hin. Ralph vermutete, dass es in dieser Zeitebene das Gegenstück zu den Taxis war, die er noch aus seiner eigenen Zeit kannte.
»Entschuldigen Sie«, sprach er einen der Piloten an, »sind Sie frei und können mich zu meinem Ziel bringen?«
Der Mann schien aus seiner Lethargie zu erwachen und sah ihn von der Seite an.
»Wenn Sie mir verraten, welches Ihr Ziel ist, kann ich es Ihnen sagen.«
»Ich muss so schnell wie möglich zur Zentrale der pro-europäischen Volkspartei«, sagte Ralph.
Seine Miene verfinsterte sich ein wenig.
»Sind Sie auch einer von denen?«, fragte er unfreundlich.
»Wieso?«, fragte Ralph unbefangen, »Erklären Sie es mir. Ich war lange Zeit nicht im Lande und muss jemanden treffen, der dort arbeiten soll. Was ist mit der pro-europäischen Volkspartei?«
Der Mann wurde etwas zugänglicher.
»Sie müssen aber weit weg gewesen sein, wenn sie noch nichts von der PEV mitbekommen haben. Diese Leute vermehren sich wie die Kakerlaken. Überall tauchen sie auf und verbreiten ihre Propaganda. Ich sag’s Ihnen: Wenn die jemals an die Macht kommen, können wir uns warm anziehen.«
»Würden Sie mich trotzdem dort hinbringen?«, fragte Ralph und winkte mit einem Bündel Geldscheine, »Ich muss unbedingt dort hin und es ist ein gutes Trinkgeld für Sie drin.«
»Na, dann springen Sie ‘mal ‘rein und schnallen Sie sich gut an«, sagte der Pilot und ließ den großen Propeller anlaufen.
Ralph stieg ein und schloss die Tür hinter sich. Er war überrascht, wie leise es innerhalb der Kabine war. Der Verkehrslärm von draußen und das Motorengeräusch des Taxis waren zwar noch zu hören, störten aber nicht mehr.
»Sind Sie angeschnallt?«, fragte der Pilot, »Die Zentrale der PEV ist auf der entgegengesetzten Seite der Stadt. Wir müssen zahllose Richtungs- und Ebenenwechsel durchführen. Es kann etwas holprig werden. Ich hoffe, Sie sind nicht empfindlich. Die Tüten befinden sich in der Tasche vor Ihnen.«
Dann hob das Hubtaxi ab und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein. Ralph hatte seine liebe Mühe, den Magen unter Kontrolle zu halten. Für einen Menschen, der noch im einundzwanzigsten Jahrhundert aufgewachsen war, bedeutete der Verkehr des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts ein absolutes Abenteuer. Der Pilot flog in haarsträubenden Manövern bis in eine Höhe von etwa fünfhundert Metern, wo die Verkehrsdichte etwas nachließ. Erstmals erhielt Ralph etwas Gelegenheit, sich etwas umzusehen.
»Ist der Verkehr hier immer so haarsträubend?«, fragte er den Piloten.
Dieser drehte sich ein wenig zur Seite und meinte:
»Um diese Zeit ist es noch angenehm, aber wenn die großen Bürokomplexe Feierabend machen – dann wird es wirklich unmöglich. Seien Sie froh, dass Sie davon jetzt nichts mitbekommen.«
Ralph blickte auf den Höhenmesser: Sechshundert Meter. Trotzdem wurden sie noch immer von hohen Wolkenkratzern umgeben. Sie flogen noch fast eine halbe Stunde und noch immer befanden sie sich über der dicht besiedelten Stadt. Endlich lichteten sich die Reihen der Hochhäuser etwas und man konnte etwas weiter blicken.
»Sehen Sie dort hinten das Gebäude, das aussieht, als wenn jemand eine umgedrehte Pyramide auf einen Turm gestellt hätte?«, fragte der Pilot und deutete nach vorn, »Das ist das Gebäude der PEV. Ich werde Sie dort absetzen, aber erwarten Sie nicht, dass ich warte. Ich bin immer froh, wenn ich etwas Raum zwischen mir und diesen Leuten habe.«
Ralph antwortete nicht darauf.
»Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn wir das Finanzielle jetzt schon erledigen könnten«, fuhr der Pilot fort, »ich berechne Ihnen für diesen Flug dreiundsiebzig Credite.«
Ralph zog vier Zwanzig-Credit-Chips hervor und überreichte sie ihm.
»Stimmt so«, meinte er, worauf der Pilot wieder etwas zugänglicher wurde.
»Sie nähern sich dem Luftraum der PEV!«, tönte es aus dem Lautsprecher der Funkanlage, »Bitte identifizieren Sie sich, sonst müssen wir Sie abschießen.«
»Hören Sie, was das für Leute sind?«, fragte der Pilot Ralph, »Sie haben es sogar erreicht, dass sie ungestraft Selbstjustiz ausüben können.«
Er drückte ein Taste.
»Hier spricht Lufttaxi 173-42«, sprach er ins Mikrofon, »ich habe einen Fluggast mit Ziel PEV-Zentrale. Erbitte Einfluggenehmigung.«
»Erteilt für Ebene drei«, kam es aus dem Lautsprecher, »laden Sie ihren Fluggast ab und verlassen Sie unseren Luftraum.«
Sie näherten sich dem Tower der PEV und Ralph erkannte erst jetzt, welche gigantischen Ausmaße dieses Gebäude hatte. Der Bau allein musste ein Vermögen gekostet haben. Erst aus der Nähe konnte man erkennen, dass es regelrechte waagerechte Einschnitte in dem pyramidenartigen Teil des Turms gab. An einem dieser Einschnitte prangte eine leuchtende 3 – hier lag ihr Ziel. Das Lufttaxi flog zügig in die zugewiesene Ebene ein. Sie passierten fest montierte Stände mit Luftabwehrwaffen, die von mehreren Männern besetzt waren, die jede ihrer Bewegungen verfolgten. Der Pilot setzte auf dem Boden der Ebene auf, Ralph sprang heraus und das Taxi hob sofort wieder ab und flog hinaus.
Ralph stand einen kurzen Moment allein auf dem Landefeld, dann erschienen einige bewaffnete Männer und nahmen ihn ihn ihre Mitte.
»Wer sind Sie und was wollen Sie?«, wollte der Anführer wissen, »Ihre Ankunft wurde nicht erwartet.«
»Mein Name ist Ralph Geek-Thoben und ich bin ein naher Verwandter Ihres Leiters Herwarth Thoben«, sagte er, »Ich muss ihn unbedingt sofort sprechen.«
Der Anführer wurde etwas vorsichtiger.
»Dann dürfte ich Sie bitten, sich auszuweisen«, sagte er, »wir haben Anweisung, niemanden vorzulassen, dessen Identität nicht zweifelsfrei ermittelt werden kann.«
Ralph zog eine Marke hervor und reichte sie ihm.
»Ich denke, das sollte reichen.«
Der Mann blickte auf die ihm überreichte Marke.
»Was soll das sein?«, wollte er dann wissen, »Sie glauben, dass Sie sich mit diesem lächerlichen Ding ausweisen können? Was wollen Sie wirklich? Sie werden doch nicht angenommen haben, dass wir Ihnen eine Gelegenheit bieten würden, unseren Leiter anzugreifen.«

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10.Teil – Giwoon (2/2)

»Bist du schon einmal mit einem Fahrrad gefahren?«, fragte Giwoon.
»Was ist ein Fahrrad?«, fragte Fancan. »Ich komme mir so dumm vor. Du zeigst mir ein Wunder nach dem anderen und ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich noch glauben soll.«
Er zog sie mit sich in Richtung des Weges und zeigte ihr, was er meinte. Dort standen in einem metallenen Ständer mehrere Fahrräder.
»Das sind Fahrräder«, sagte er und deutete auf die Fahrzeuge. »Man setzt sich darauf und tritt mit den Füßen die Pedale, worauf sich das Rad in Bewegung setzt. Will man bremsen, zieht man an den Hebeln dort oben.«
Fancan betrachte die Fahrräder interessiert.
»So etwas hat man hier bei euch in eurer Zeit?«, fragte sie.
Giwoon lachte.
»Das, mein Schatz, ist eine uralte Erfindung. Sie geriet in Vergessenheit und ein Freund von uns fand in alten Archiven Unterlagen darüber. Er baute einige davon und seit dem nutzen wir sie fast ständig. Sie werden mit Muskelkraft betrieben und verschmutzen unsere Welt nicht. Versuch es mal, es ist gar nicht so schwer.«
Fancan sah, wie Giwoon es anstellte und versuchte, es ihm nachzumachen. Ein paar Mal wäre sie fast gestürzt, doch dann begriff sie das Prinzip und setzte das Rad erst schlingernd und dann immer sicherer in Bewegung. Sie folgten dem Weg und fuhren in den Wald hinein. Hier herrschte ein herrliche Ruhe und ständig huschten irgendwelche Tiere über den Weg.
»Das macht richtig Spaß«, sagte Fancan nach einer Weile und fuhr schneller.
»Werde nicht übermütig, Fancan«, rief Giwoon hinter ihr her. »Du tust es immerhin zum ersten Mal.«
Er beeilte sich, Anschluss an seine Freundin zu bekommen. Fancan genoss die Fahrt sehr. Zum ersten Mal seit vielen Tagen dachte sie nicht an die Behörde, ihren Auftrag und was ihre Pflicht war.
Nach wenigen Kilometern wurde der Baumbestand dünner und schließlich öffnete sich vor ihnen ein grünes Tal mit sanften Hügeln und einem kleinen Bach. Direkt neben dem Bach stand ein Haus, das überwiegend aus Holz erbaut zu sein schien. Fancan bremste das Rad und betrachtete die Szene. Giwoon hielt neben ihr an.
»Warum hältst du an?«, fragte er. »Das dort vorn ist unser Haus.«
»Du sagst, wir befinden uns im einhundertzwölften Jahrhundert? Aber es sieht alles so alt und rückständig aus. Diese viele Natur, das Rad, das man mit Muskelkraft fährt, das Holzhaus dort vorn. Wir können doch nicht in der Zukunft sein.«
»Wir sind bei Weitem nicht so rückständig, wie du vielleicht denkst«, versicherte Giwoon. »Komm ich stelle dir meine Familie vor.«
Aus einer der Türen des Hauses trat eine junge Frau heraus, sah zu ihnen hinüber und winkte mit den Armen. Sie begann zu rennen und lief ihnen entgegen. Giwoon trat in die Pedale und fuhr ein Stück auf sie zu, warf dann sein Rad auf die Wiese und breitete seine Arme aus. Die Frau stürzte förmlich auf Giwoon zu und warf sich an seine Brust. Fancan empfand eine irrationale Eifersucht, als sie diese Szene sah.
Giwoon drehte sich zu ihr um und winkte, dass sie kommen solle. Zögernd fuhr Fancan mit dem Rad zu den Beiden hinunter.
»Fancan, darf ich dir meine Schwester Yshaa vorstellen?«, sagte Giwoon und zeigte auf Fancan, »Yshaa, das ist meine Freundin Fancan.«
Yshaa lächelte freundlich und umarmte auch Fancan.
»Eine Freundin von Giwoon ist auch meine Freundin«, sagte sie einfach.
Fancan hatte erst jetzt Gelegenheit, sich Yshaa näher anzusehen. Sie trug ein einfaches, bis zu den Knien reichendes Kleid und hatte nackte Füße. Ihre dicken, langen, schwarzen Haare trug sie zu einem dicken Zopf geflochten, bis zu den Hüften. Fancan schätzte, dass sie noch nicht ganz erwachsen war, obwohl ihre Figur durchaus bereits weibliche Formen zeigte.
»Kommst du aus der alten Zeit?«, fragte Yshaa neugierig. »Giwoon hatte einmal erzählt, dass er dort eine Freundin hätte.«
»Ja, ich denke, aus eurer Sicht komme ich aus der alten Zeit«, sagte Fancan.
Yshaa griff beide an den Händen und zog sie zum Haus.
»Mutter hat Kuchen gebacken«, sagte sie, »es ist, als hätte sie geahnt, dass Ihr heute ankommt. Kommt, er schmeckt am besten, wenn er noch warm ist.«
Fancan kam sich vor wie in einer Märchenwelt. Es kam ihr noch immer vollkommen unwirklich vor. Im Haus gab es mehrere kleine, gemütliche Zimmer. Aus einem der Räume kam ein Mann heraus, der Giwoon gleich umarmte. Fancan erkannte gleich, dass es sich um Giwoons Bruder handelte, dessen Kopf in der Kugel des Sliders erschienen war. Er wandte sich Fancan zu und betrachtete sie interessiert.
»Giwoon, du alter Schwerenöter!«, rief er. »Du hast uns nie erzählt, dass deine Freundin eine Schönheit ist.«
Dann ergriff er ihre Hand und drückte sie.
»Entschuldige ich bin Zedroog, Giwoons Bruder. Ich bin ganz überwältigt.«
Giwoon versetzte ihm spielerisch einen Faustschlag an die Schulter.
»Du lässt die Finger von ihr, verstanden? Sie gehört mir!«
Die Brüder standen schweigend und mit ernsten Mienen voreinander. Fancan sah von einem zum anderen, unfähig, zu erkennen, was hier eigentlich los war.
Nach einigen Sekunden prusteten die Brüder los und lachten, was das Zeug hielt. Sie nahmen sich gegenseitig in die Arme und klopften sich gegenseitig auf den Rücken.
»Verdammt, bin ich froh, dass du wieder zurück bist!«, rief Zedroog aus.
»So sind die beiden immer«, sagte eine Frau, die plötzlich in der Tür stand.
Es war die ältere Ausgabe von Giwoons Schwester Yshaa. Fancan vermutete, dass es sich um die Mutter der Familie handelte.
»Ich bin Fancan«, stellte sie sich vor und reichte der Frau ihre Hand. Sie drückte ihr überraschend fest die Hand und antwortete:
»Ich weiß. Ich bin die Mutter dieser Bande hier. Mein Name ist Symeen. Bei uns geht es immer so hoch her. Ich hoffe, es erschreckt dich nicht.«
Fancan schüttelte den Kopf.
»Ich habe nur noch nie wirklich mit Familien zu tun gehabt. Ich weiß daher nicht, wie Menschen, die von ein und demselben Elternpaar abstammen, sich untereinander verhalten.«
Symeen lachte, bis ihr die Tränen kamen.
»Entschuldige, aber du drückst dich so unglaublich gestelzt aus. Wir nennen solche Menschen einfach ‘Kinder’. Ich schließe daraus, dass du keine Geschwister besitzt.«
»Ich weiß es nicht«, sagte Fancan wahrheitsgemäß. »Ich kam schon sehr früh zur obersten Korrekturbehörde.«
Symeens Miene umwölkte sich für einen Moment, dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.
»Lasst uns meinen Kuchen essen, solange er noch warm ist«, schlug sie vor. »Wir wollen unseren Gast gebührend willkommen heißen. Es ist im Esszimmer gedeckt.«
Sie gingen ins Esszimmer, wo Symeen eine Kaffeetafel gedeckt hatte. Fancan hatte so etwas noch nie gesehen. Der Kuchen war einfach ein Gedicht und Fancan hatte hinterher das Gefühl, noch nie so viel in ihrem Leben gegessen zu haben. Symeen lächelte, als Fancan ein Stück nach dem anderen griff und es sich einverleibte.
»Symeen, so einen herrlichen Geschmack habe ich noch nie erlebt«, lobte Fancan mit vollem Mund. Die gesamte Atmosphäre wurde insgesamt sehr locker. Später, als Yshaa und Zedroog sich wieder zurückgezogen hatten, wechselte Symeen das Thema.
»Du wirst dich sicher schon gewundert haben, dass wir hier in der Zukunft jenseits eurer überwachten Zeitebenen in dieser Form leben, nicht wahr?«, fragte sie Fancan.
»Das wundert mich allerdings«, gab sie zu.
»Nun, dann nehme bitte zur Kenntnis, dass wir nicht so einfach sind, wie wir scheinen. Wir haben uns dieses Leben gewählt, weil es uns die Möglichkeit gibt, mit der Natur besser in Einklang zu bleiben«, erklärte Symeen. »Ich bin nicht nur die Mutter dieser Kinder hier, ich bin auch die Beauftragte für Zeitvergehen. Ich kontrolliere von hier aus, ob irgendwo in den Weiten der Zeit Manipulationen vorgenommen werden, die Auswirkungen bis in unser Zeitalter hinein haben. Wir haben bereits eine Sperre installiert, die verhindern soll, dass Ihr diesen Zeitvektor – wie Ihr ihn nennt – immer weiter in unsere Richtung ausdehnen könnt. Ständig werden von euch Korrekturen vorgenommen, die zum Teil verheerende Auswirkungen auf die ferne Zukunft hatten. Eure sogenannten Analysten glauben, dass sie beurteilen können, was sie eigentlich tun, aber ich kann dir garantieren, dass sie irren. Unsere Kenntnisse über die Natur der Zeit sind heute viel größer, als in den frühen Jahrhunderten, deshalb wissen wir heute, dass die Zeit nichts vergisst. Glücklicherweise neigt die Zeit – wie auch alles andere – dazu, ein ausgeglichenes Potenzial zu erreichen. Dazu muss man ihr aber auch Gelegenheit geben. Deshalb haben wir die Zeit vom zweiundachtzigsten bis zum einhundertsten Jahrhundert für Manipulationen und Zeitreisen komplett blockiert. Nur dadurch können wir hier annähernd unbeeinflusst leben, ohne fürchten zu müssen, dass eure dauernden Manipulationen auch unsere Welt verändern.«
Fancan hatte gebannt den Worten der Frau gelauscht. Sie wusste nicht warum, aber sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass jedes einzelne Wort der Wahrheit entsprach.
»Warum erzählst du mir das alles, Symeen?«, fragte sie. »Warum habt Ihr mich hier hergeholt?«
»Her geholt hat dich Giwoon ganz allein«, sagte Symeen mit einem milden Lächeln. »Ich fürchte, mein Sohn hat sich wirklich in dich verliebt, mein Kind. Trotzdem ist es wichtig, dass du uns verstehst, damit du auch verstehst, warum wir bestimmte Dinge tun müssen. Auch, wenn man es uns nicht unbedingt ansieht, beschäftigen wir uns sehr intensiv mit der Zeit und ihrem Fluss in den frühen Jahrhunderten. Wir besitzen Datenbanken, die in vielen Bereichen weitaus detaillierter sind, als eure. Dank Giwoon und seiner Arbeit für die Behörde können wir nun auch unsere Daten laufend mit denen der Behörde abgleichen.«
Fancan sah von Symeen zu Giwoon.
»Giwoon, du hast die Daten der Behörde angezapft und einen Zugang bis in diese Zeitebene hier gelegt?«, fragte sie. »Das ist Verrat!«
»Fancan, du nimmst dieses Wort für meinen Geschmack zu oft in den Mund. Ich habe nie für die Behörde gearbeitet. Mir ging es immer nur um Vorbereitungen für eine weitreichende Manipulation, die dazu führen soll, die Arbeit der Behörde ein für alle Mal zu beenden.«
Fancan glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen.
»Du willst die Behörde vernichten?«
»Ja«, sagte Giwoon einfach. »Nur deswegen bin ich in die Vergangenheit gereist. Ursprünglich hatte ich vor, herauszufinden, wie es zur Entdeckung der Zeitreisen im siebenundvierzigsten Jahrhundert gekommen ist und wollte einen Agenten durch gefälschte Analysen veranlassen, eine Zeitkorrektur vorzunehmen, die diese gravierende Entdeckung verhindern sollte. Ich fand jedoch heraus, dass diese Lösung zu einem generellen Chaos führen würde und die Zeit bis weit über meine eigene Zeitebene hinaus verändern würde. Also musste eine andere Lösung her – eine, die die bisherigen Aktionen der Behörde bereits berücksichtigt.«
»Und wie soll das aussehen?«, fragte Fancan heiser. Sie konnte nicht glauben, dass ihr Freund offenbar der gefährlichste Feind dessen war, wofür sie bisher gelebt hatte.
»Die Energieversorgung ist die Lösung. Zeitreisen sind äußerst energieaufwendig. Ich hatte mich immer gefragt, wieso man die Behörde erst vierhundert Jahre nach Entdeckung der Zeitreisen gegründet hatte. Die Antwort ist einfach: Man konnte erst dann den Energiebedarf eines solchen Systems decken, in dem man die Energie der Sonne anzapfte. Ich rede jetzt nicht davon, das Sonnenlicht einzufangen. Man hat eine Möglichkeit gefunden, die Energie der Sonne direkt am Himmelskörper abzugreifen und auf der Erde nutzbar zu machen. Das System der Zeitaufzüge wurde installiert und alle Energie, die diese Aufzüge benötigen, erhalten sie von der Anzapfstelle im einundfünfzigsten Jahrhundert. Wird sie zerstört, bricht das System zusammen, wie ein Kartenhaus.«
»Das ist doch Wahnsinn, Giwoon!«, regte sich Fancan auf.
»Nein, Wahnsinn ist es, diese sogenannten Experten immer weiter machen zu lassen!«, konterte Giwoon.
»Nun streitet nicht, Ihr Zwei!«, mahnte Symeen. »Das hat erst recht keinen Sinn. Wir sollten Fancan nun nicht dumm sterben lassen, sondern sie in alles einweihen, was wir herausgefunden haben.«
Sie wandte sich an Fancan: »Kind, du ahnst nicht, wie wichtig es ist, dass du heute und hier verstehst und akzeptierst, was wir dir zu erzählen haben.«

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Die Geschichte macht jetzt eine Woche Pause. Wie es weitegeht, erfahrt Ihr in der nächsten Fortsetzung am 4. Mai 2019.

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Korrekturen 09

9.Teil – Giwoon (1/2)

Fancan hatte es eigentlich überhaupt nicht vorgehabt, aber schließlich war sie doch bei Giwoon geblieben, bis dieser seine Schicht beendet hatte. Sie hatte ihm zugesehen, wie er mit einer schlafwandlerischen Selbstverständlichkeit seine Arbeit machte. Eigentlich war Giwoon nur Techniker, doch was er hier tat, waren zum Teil Arbeiten, die einem Analysten zustanden. Es wunderte Fancan zwar, doch wollte sie ihn nicht danach fragen, da sie die Zuständigkeiten in Basis 6000 nicht kannte.
Nach der Schicht waren sie zu Giwoon in die Wohnung gegangen und schließlich im Bett gelandet. Sie hatten sich meist geliebt, wenn sie in Giwoons Basis war und es war ihr auch klar, dass es verboten war, doch wusste sie auch , dass es nicht auffallen würde, wenn sie vorsichtig waren und so gönnte sie sich von Zeit zu Zeit ein paar entspannte Stunden mit ihrem heimlichen Freund.
Als sie am Morgen aufwachte, stellte sie fest, dass Giwoon bereits wach war, im Bett saß und sie ansah.
»Was ist?«, fragte sie verschlafen, »Warum siehst du mich so an?«
»Es ist nichts«, sagte Giwoon. »Ich mag es einfach, dir beim Schlafen zuzusehen. Ich will es genießen, solange es dauert.«
»Was meinst du damit?«, wollte Fancan wissen und richtete sich auf.
»Du glaubst doch nicht, dass es nicht irgendwann jemandem auffallen wird, dass du ungewöhnlich oft die Basis 6000 aufsuchst, oder?«
»Ich bin vorsichtig«, behauptete Fancan.
»Willst du noch immer Khendrah töten?«, fragte Giwoon.
»Was hat das jetzt mit uns zu tun?«, fragte Fancan.
»Ich halte es einfach für falsch, dass wir uns nun auch noch gegenseitig töten sollen«, sagte er bestimmt. »Ich halte es ja schon für falsch, überhaupt Korrekturen vorzunehmen … und dabei Menschen zu töten.«
»Sie ist eine Kriminelle«, sagte Fancan. »Und die Behörde sagt, dass es sein muss.«
»Du kommst hier her und schläfst mit mir«, konterte Giwoon. »Es gefällt mir sehr und ich will es nicht mehr missen, dich zu sehen, aber es ist verboten. Keine Beziehungen, keine Fortpflanzung. Das ist die Regel. So gesehen sind wir beide doch auch kriminell. Haben wir nun auch den Tod verdient?«
»Das ist doch ein Unterschied!«, ereiferte sich Fancan. »Ich bin immerhin keine Verräterin!«
»Du weißt doch überhaupt nicht, welche Gründe Khendrah hatte. Vielleicht liebt sie diesen Mann und versucht ihn deshalb zu retten. Wird sie dadurch zum Verräter?«
»Ich weiß überhaupt nicht, was du hast, Giwoon. Warum versuchst du, Khendrahs Verhalten zu rechtfertigen?«
»Ich will es nicht rechtfertigen, mein Schatz. Dazu weiß ich noch zu wenig über die Sachlage, aber es kann nicht richtig sein, dass du dir kein eigenes Urteil bildest und gleich mit der Waffe losstürmst. Wo ziehst du die Grenze? Was würdest du tun, wenn man mich zum Tode verurteilen würde, nur, weil wir uns lieben und uns nicht an das Verbot der Behörde halten?«
»Das ist doch nicht dasselbe!«
»Irgendwie schon.«
»Ich möchte mich nicht mit dir streiten, Giwoon«, sagte Fancan. »Lass uns das Thema wechseln.«
»So einfach kommst du mir nicht davon«, sagte Giwoon lächelnd. »Glaubst du an die Behörde?«
»Was soll die Frage? Ich bin eine Agentin der Behörde.«
»Das ist nicht die Antwort auf meine Frage«, sagte Giwoon. »Ich will wissen, ob du unumwunden an die Sache der Behörde glaubst. Bist du der Meinung, dass die Arbeit der Behörde für das Wohl und den Fortbestand der Menschheit notwendig und wichtig ist?«
»Sicher, ist sie das«, behauptete Fancan. »Wir haben durch unsere Arbeit schon unzählige Menschen gerettet. Willst du das etwa abstreiten?«
»Nein, absolut nicht«, sagte Giwoon. »Ich bin sogar überzeugt, dass es so ist, aber es gibt auch immer eine Kehrseite. Es werden Menschen getötet, um Korrekturen durchzuführen. Und: Wie viele Menschen wurden nur deshalb nicht geboren, weil die Behörde in deren Vergangenheit eine Korrektur vornahm?«
»Jetzt hör aber auf und komme mir nicht damit!«
Giwoon erhob sich vom Bett. »Komm zieh dir etwas an. Ich werde dir etwas zeigen.«
»Was willst du mir zeigen?«
»Das wirst du dann sehen. Ich werde es dir nicht verraten. Diesmal musst du dir selbst ein Urteil bilden und ich will und werde dich nicht beeinflussen.«
»Soll das ein Test sein?«, wollte Fancan wissen. »Bist du vom Kontrollausschuss der Behörde?«
Giwoon lachte leise. »Das bin ich gewiss nicht. Frag nicht weiter und begleite mich einfach.«
Sie zogen sich an und machten sich frisch, dann öffnete Giwoon die Tür und schaute hinaus. Es war noch früh und die Basis noch nicht wieder zum Leben erwacht. Giwoon war es gerade Recht, denn er wollte nicht gesehen werden, bei dem, was er vorhatte.
»Komm», sagte er und winkte Fancan zu, die verwirrt hinter ihm herlief.
Giwoon schlug den Weg zur Zeitkabine ein. Schnell öffnete er die Tür und hielt sie Fancan offen.
»Hinein mit dir, wir werden eine kleine Reise unternehmen.«
Fancan stieg ein und sah Giwoon fragend an.
»Wohin geht es denn?«
»Lass dich überraschen, Fancan«, sagte er lächelnd.
Er tippte das Jahr 7950 in die Tastatur ein und aktivierte die Kabine.
»Das ist aber sehr weit in der Zukunft«, sagte Fancan. »Wir haben nie darüber gesprochen, aus welchem Jahrhundert du ursprünglich stammst. Ich hätte nie gedacht, dass du fast am Ende der überwachten Zeitalter geboren bist.«
»Wer hat gesagt, dass ich von dort stamme?«, fragte Giwoon rätselhaft.
Ein Signal ertönte und sie erreichten ihr Ziel. Fancan wollte die Tür aufstoßen, doch Giwoon verstellte ihr den Weg.
»Wir sind noch nicht da, wo ich hin will«, sagte er und tippte die Zahl 9000 in die Tastatur ein.
»Um Himmels willen, Giwoon, das geht nicht!«, rief Fancan. »Das gibt eine Katastrophe!«
Sie versuchte einzugreifen, doch Giwoon hatte bereits den Startknopf gedrückt. Es dauerte nicht lange und die Kabine bekam einen Schlag, der sie beide fast von den Beinen holte.
»Was tun wir, wenn die Kabine jetzt einen Defekt hat?«, fragte Fancan mit vor Angst geweiteten Augen, »Warum hast du das getan?«
Die Anzeige in der Kabine zeigte das Jahr 8113 an. Es war nicht zu erkennen, ob die Zeitkabine noch intakt war oder nicht.
»Es war notwendig«, sagte Giwoon. »Ich musste ganz dicht an die Grenze heran. Lass uns aussteigen.«
»Hier wolltest du mit mir hin?«, fragte Fancan zweifelnd. »Was sollen wir hier? Ich habe die Berichte über die Grenze gelesen. Hier gibt es nichts …«
Giwoon versuchte die Tür zu öffnen, doch sie ließ sich nicht bewegen. Also nahm er etwas Schwung und warf sich mit aller Kraft dagegen. Mit einem lauten Kreischen sprang die Tür auf und schwang quietschend auf. Der Gang vor ihnen machte einen verwahrlosten Eindruck. Überall blätterte die Farbe ab und es klafften teilweise Risse in den Wänden.
»Das ist eine Jahresstation«, flüsterte Fancan.
»Warum flüsterst du?«, fragte Giwoon, »Hier draußen ist niemand.«
Er machte ein paar Schritte in den Gang hinein und Teile der Deckenbeleuchtung sprangen flackernd an.
»Das ist gespenstisch«, sagte Fancan. »Wir befinden uns am Ende der Zeit.«
»Komm», forderte Giwoon. »Es ist hier nicht so interessant, um Wurzeln zu schlagen.«
Er lief in den trübe und flackernd ausgeleuchteten Gang hinein und Fancan beeilte sich, ihm zu folgen. Es handelte sich ohnen jeden Zeifel um eine Jahresstation, wie sie in jedem Jahr zu finden war – nur, dass sie verfallen und alt wirkte. Nichts wies darauf hin, dass sie jemals in Betrieb gewesen war. Warum also befand sie sich in einem solchen Zustand? Hatte es damit zu tun, dass es das Ende der Zeit war? Fancan fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut und war froh, nicht allein durch diese Gänge laufen zu müssen. Manchmal mussten sie über umgestürzte Schränke steigen oder etwas klettern, als ein Teil der Deckenkonstruktion mitten im Raum lag.
»Was suchen wir hier eigentlich?«, wollte Fancan wissen. »Wenn ich ehrlich bin, würde ich gern wieder zurückfahren.«
»Die Zeitkabine, mit der wir gekommen sind, wird sicher nicht mehr funktionieren«, sagte Giwoon, »aber keine Angst, es geschieht uns nichts. Wir sind gleich da.«
»Du warst schon einmal hier«, stellte Fancan aufgrund seiner Äußerung fest.
»Das ist richtig«, antwortete Giwoon ohne weitere Erklärungen.
Fancan stolperte blind hinter ihrem Freund her und wünschte sich, dass dieser Albtraum ein Ende haben würde. Dann war es so weit. Giwoon öffnete eine Tür und helles Licht flutete auf den verwahrlosten Flur hinaus.
»Wir sind da«, erklärte er, »tritt ein, dann geht es weiter.«
Sie folgte ihm und befand sich plötzlich in einem blitzsauberen Raum mit bequemen Sitzgelegenheiten, die um einen Tisch verteilt waren, über dem eine durchsichtige Kugel schwebte.
»Wo sind wir hier?«, fragte Fancan und schaute sich neugierig um.
»Willkommen in meinem Slider, Fancan.«
»Was, bitte schön, ist ein Slider?«
Giwoon deutete auf die Sessel.
»Nimm Platz, die Reise dauert noch eine Weile«, sagte er. »Ein Slider bringt uns durch die Zeit, wie es auch eine Aufzugkabine tut – nur eben etwas anders.«
Fancan war sprachlos. Stumm beobachtete sie, wie Giwoon seine Hände an die Kugel legte, die daraufhin aufleuchtete. Nach kurzer Zeit erschien ein Kopf darin, der Giwoon etwas ähnlich sah.
»Oh, Giwoon, Gott sei Dank«, sagte eine Stimme, die von überall zu kommen schien, »wir hatten uns bereits Sorgen gemacht. Kommst du zurück?«
»Ja Zedroog, ich bin auf dem Rückweg«, antwortete er, »es wäre nett, wenn du schon die Andockschleuse aktivieren könntest.«
»Schon erledigt!«, antwortete das Bild in der Kugel, »Wie ich sehe, bist du nicht allein. Wen bringst du uns denn da mit?«
»Darf ich dir Fancan vorstellen? Sie ist meine Freundin aus dem Zeitvektor. Ich will hoffen, dass Ihr euch benehmt und sie nicht gleich verschreckt.«
Der Kopf in der Kugel lachte sympathisch und wandte sich an Fancan: »Du bist herzlich willkommen, Fancan. Glaube Giwoon kein Wort, wir sind gar nicht so schlimm, wie mein Bruder immer tut. Ich werde veranlassen, dass Essen bereitsteht, wenn Ihr eintrefft.«
Die Kugel wurde einen Moment dunkel, dann erschienen auf ihrer Oberfläche komplizierte Bedienungselemente und Giwoon nahm einige Einstellungen vor, bevor er sich neben Fancan setzte.
Sie sah ihn noch immer verständnislos an.
»Was hat das alles zu bedeuten? Wieso ist dieser andere Mann dein Bruder?«
»Fancan, ich habe nicht immer für die Behörde gearbeitet«, erklärte er. »Im Grunde habe ich eigentlich nie für die Behörde gearbeitet. Im Moment fahre ich mit dir zu mir nach Hause. Das ist im einhundertzwölften Jahrhundert.«
»Das ist nicht möglich!« rief Fancan aus, »Wir waren doch am Ende der Zeit. Von dort geht es nicht weiter.«
»Weil wir es nicht zulassen«, sagte Giwoon. »Eure sogenannte Behörde, hat über endlos viele Zeitalter ein solches Chaos angerichtet, dass wir als Rasse fast ausgestorben wären, wenn wir euch weiterhin hätten gewähren lassen. Die wenigen Menschen, die die Turbulenzen der dunklen Jahrhunderte – wie wir sie nennen – überstanden haben, fanden schließlich zu ihrer alten Größe und Wissenschaft zurück. Wir entdeckten die Technik des Zeitreisens neu und entschlossen uns dagegen, diese Technologie zur Manipulation einzusetzen. Leider wurde in den früheren Jahrhunderten immer weiter manipuliert und die von euch veränderten Bereiche dehnten sich immer weiter aus. Wir beschlossen, ein letztes Mal eine Manipulation vorzunehmen und installierten eine für euch undurchdringliche Sperre. Diese Sperre sichert unsere Existenz, denn es dauert lange, bis sich der Zeitstrom – wenn er einmal in Unordnung geraten ist – wieder beruhigt.«
»Du … Ihr … ich … ich bin vollkommen sprachlos«, sagte Fancan. »Du hast mich in eine Zeit entführt, die es eigentlich nicht geben dürfte und behauptest sogar noch, dass du aus dieser Zeit stammst. Ich kenne dich doch, Giwoon. Ich habe dich schon so oft besucht – wir haben uns geliebt. Jetzt komme mir bitte nicht mit solchen Ammenmärchen!«
»Fancan, bitte denke nach!«, sagte Giwoon eindringlich. »Ich bin mit dir ans Ende deiner Zeit gefahren. Du hast doch selbst gesehen, dass dort nur noch das Chaos regiert. Ich bin mit dir durch die Trümmer geklettert und jetzt sind wir hier. Was glaubst du denn, was das hier ist?«
In diesem Moment wurden sie durch ein Glockensignal unterbrochen.
»Wir sind da«, sagte Giwoon, »jetzt wirst du meine Welt und meine Zeit kennenlernen.«
Er legte seine Hand auf die schwebende Kugel, die daraufhin verblasste. Gleichzeitig öffnete sich die Tür und helles Licht flutete hinein.
»Bitte Fancan, sieh selbst.«
Sie erhob sich und ging langsam zur Tür. Es war kein Gang dort draußen, wie sie es insgeheim erwartet hatte, sondern das Licht war Sonnenlicht. Sie beschattete ihre Augen mit der Hand und blickte ins Freie. Ihr Fahrzeug stand auf einer saftigen, grünen Wiese und in einiger Entfernung erblickte sie einen Wald mit hohen Bäumen.
»Geh ruhig hinaus«, sagte Giwoon. »Es droht dir keine Gefahr dort draußen. Wir haben noch einen kleinen Weg vor uns, bis wir das Haus meiner Familie erreichen.«
Zögernd trat Fancan hinaus und spürte den federnden Untergrund des Grases unter ihren Füßen. Das Fahrzeug stand mitten auf einer ausgedehnten Lichtung im Wald. Die Sonne schien warm aus einem fast wolkenlosen Himmel. Ein Schwarm geflügelter Tiere zog über ihnen dahin und kleine, bunte Insekten flatterten ziellos über das Gras. Fancan kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie stammte aus einem stark industrialisierten Zeitalter, an das sie sich nur noch schwach erinnerte. Jedenfalls war sie selbst in ihren Einsätzen fast noch nie mit so viel Natur konfrontiert worden. Giwoon ließ ihr Zeit, sich in Ruhe umzusehen. Als sie ihn wieder verstört ansah, deutete er hinter den Slider.
»Dorthin müssen wir«, sagte er.
Erst jetzt bemerkte sie einen kleinen Weg, der sich um ein paar dicke Bäume herumwand und im Wald verschwand. Sie ging auf Giwoon zu und griff nach seiner Hand. Dieser Mann, den sie zu kennen geglaubt hatte und der sich als fremder erwiesen hatte, als sie es sich vorstellen konnte, schien trotzdem noch die einzige Sicherheit zu sein, die sie in dieser Welt hatte.

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Korrekturen 08

8.Teil – Maulwürfe

Khendrah hatte einiges zu tun, Thomas die gesamte Station zu zeigen. Er war beeindruckt über die gewaltige Größe der Anlage. Hier würden sie es eine Weile aushalten können.
»Können wir denn sicher sein, dass wir hier keine unliebsamen Besucher bekommen?«, fragte Thomas, »nicht, dass irgendwann diese Fancan hier auftaucht und uns überrascht.«
»Ich kann den Zugang von hier aus versperren. Dann kann niemand den Aufzug hier verlassen.«
Thomas war etwas beruhigt.
»Sag mal, was machen wir eigentlich jetzt hier?«, wollte er wissen. »Wir können doch nicht auf ewig hier in dieser Station bleiben, oder?«
»Das will ich auch gar nicht«, beruhigte Khendrah ihn. »Ich brauche aber eine sichere Arbeitsplattform für meine Recherchen und dies ist eine sichere Plattform. Sie wird von den Scannern der Behörde nicht erfasst, da sie nur die reale Zeit draußen überprüfen.«
»Welche Recherchen willst du denn anstellen?«, fragte Thomas verständnislos. »Entweder, sie finden uns, oder sie finden uns nicht. In jedem Fall sind wir auf der Flucht.«
»Komm mit, Thomas«, sagte Khendrah. »Wir gehen jetzt in die Datenbankabteilung. Dort werde ich dir zeigen, was wir alles prüfen können.«
Khendrah führte ihn in die Datenbankabteilung, in der sich bei ihrem Betreten ebenfalls sofort das Deckenlicht einschaltete. Thomas sah sich um. Der ganze Raum war mit Monitoren und Konsolen angefüllt und wirkte äußerst verwirrend. Khendrah ging zielsicher auf eine Konsole zu und tippte einen Code in die Tastatur, worauf an der Konsole diverse Lämpchen aufleuchteten. Danach ging sie von einer Ecke in die andere und nahm einige Einstellungen vor. Thomas hatte keine Ahnung, was sie dort tat.
»Du scheinst dich hier aber gut auszukennen«, meinte er.
»Ich sagte doch, dass die Stationen alle identisch sind«, sagte Khendrah.
»Das meine ich nicht. Ich finde, du scheinst sehr genau zu wissen, was du zu tun hast.«
Khendrah lächelte und breitete ihre Arme aus.
»Das ist richtig. Vor dir steht eine der besten Hackerinnen, die innerhalb der Behörde zu finden sind. Ich stamme aus dem zweiunddreißigsten Jahrhundert. Es ist das Jahrhundert, in dem wir schon als kleine Kinder alles Mögliche programmieren. Wenn ich manchmal erlebt habe, was unsere sogenannten Programmierer hier leisten, dann musste ich schon häufiger darüber lachen.«
Sie wies auf eine schwere Tür an der hinteren Wand.
»Komm, dort ist unser Ziel. Das ist der eigentliche Datenraum. Von dort aus kann ich mich überall umsehen.«
Sie betraten einen dämmerig ausgeleuchteten Raum, der nur notdürftig von virtuellen Displays erleuchtet wurde. Sie nahmen an einem der wenigen Arbeitsplätze Platz und Khendrah begann, ihm die Funktionsweise der Anlage zu erklären. Thomas hörte gebannt zu und stellte von Zeit zu Zeit eine Frage, die Khendrah zeigte, dass Thomas das Wichtigste verstanden hatte.
»Wenn ich es richtig sehe, dürfte ich das alles hier überhaupt nicht sehen, oder?«, wollte er wissen.
»Niemals!«, bestätigte Khendrah. »Du bist ein Mann aus der äußeren Zeit. Allein, dass du hier bist, darf nicht sein. Aber was macht es jetzt noch aus? Wir sind dem Tode geweiht, es sei denn, ich finde Beweise für den Verrat meines Analysten und kann diese Beweise auch an die Kontrollorgane der obersten Behörde weiterleiten. Dann haben wir eine Chance.«
»Was für eine Chance, Khendrah? Wir haben in den letzten Tagen so viel zusammen erlebt und durchgemacht. Wir sind uns nahe gekommen. Hätten wir eine Chance, zusammen bleiben zu können?«
Khendrah griff nach Thomas’ Arm und drückte ihn.
»Das wird wohl nicht möglich sein. Du gehörst in deine Welt zurück, Thomas. Du hast eine Zukunft. Deine Nachkommen haben einen deutlichen Abdruck in der Geschichte hinterlassen, während ich hierher gehöre, in die Behörde.«
»Die verdammte Behörde kann mir gestohlen bleiben!«, schimpfte Thomas. »Warum kannst du nicht mit mir zurückgehen in meine Zeit?«
»Weil, weil das eben nicht geht. Du darfst es dir nicht so schwer machen. Wir kennen uns doch auch gar nicht richtig.«
»Aber wir hätten zumindest die Chance, uns besser kennen zu lernen.«
Khendrah schwieg. Thomas hatte ja recht. Auch sie hätte lieber eine Perspektive, entscheiden zu können, ihn näher kennen zu lernen, aber es ging nicht. Sie war eine Agentin und Agenten stand ein solches Privatleben nicht zu.
Sie aktivierte den Datenbankrechner und ließ ihn sich in die Hauptdatenbank der Behörde einklinken. Sie wusste, dass es durch einen Zufall nun durchaus feststellbar war, dass ein bisher nicht aktiver Rechner im Behördennetz arbeitete, aber dieses Risiko nahm Khendrah in Kauf.
»Glücklicherweise hat Ralph Geek-Thoben nicht die nötigen Kenntnisse, um seine Manipulationen in der Datenbank restlos zu tilgen«, sagte sie.
»Wer ist Ralph Geek-Thoben?«, wollte Thomas wissen.
»Das ist der Mann, der mir den Auftrag gab, dich zu töten«, erklärte Khendrah. »Er ist der Analyst unserer Basis. Das bedeutet, dass er Unregelmäßigkeiten im Zeitstrom analysiert, sobald sie entdeckt werden und herauszufinden versucht, wie man diese Unregelmäßigkeit ohne großen Aufwand beseitigen kann. Ralph hat jedoch die Analyse gefälscht und einen Auftrag erteilt, der seinem Neffen zu Macht und Reichtum verholfen hätte, wenn nicht ein Nachkomme von dir ihn daran gehindert hätte.«
Inzwischen hatte sie den Korrekturauftrag geöffnet und betätigte den Ausdruck. Sie wusste, dass die meisten ihrer Kollegen lieber nur am Bildschirm lasen, aber sie liebte es, die Informationen als feste Kopie in Händen zu halten. Sie zog die Ausdrucke aus dem Folienschreiber und reichte sie an Thomas weiter.
»Hier, lies dir das schon einmal durch, damit du begreifst, wie verwerflich Ralph gehandelt hat.«
»Du vergisst, dass ich diese ganzen Manipulationen schon für verwerflich halte«, stellte Thomas klar.
»Ja, ich weiß«, sagte Khendrah. Sie wurde auch allmählich immer schwankender in ihren Ansichten.
»Sie sind aber nun einmal vorgenommen worden und nun müssen wir versuchen, zu verhindern, dass Ralph durch eine erneute Maßnahme doch noch die Oberhand behält. Es kann sein, dass wir auch noch einmal eine Zeitkorrektur vornehmen müssen, um dich zu schützen. Das will ich versuchen, herauszufinden.«
Sie sah ihn eindringlich an. »Du willst doch leben, oder etwa nicht?«
Thomas schluckte hörbar und nickte unmerklich.
»Khendrah, warum tust du das alles eigentlich? Selbst, wenn wir das hier überleben, werde ich wieder zurückgehen müssen in meine eigene Zeitebene – mit dem Wissen über dich und die Korrekturbehörde. Du hingegen wirst hier bleiben und weiterhin das Schicksal der Menschen beeinflussen. Es ist alles so sinnlos.«
Khendrah erhob sich von ihrer Konsole und ging zu Thomas. Ihre Augen waren etwas feucht, als sie sich an ihn schmiegte und seufzte.
»Ich weiß nicht, was ich denken soll«, flüsterte sie. »Ich bin für so eine Situation nicht ausgebildet worden. Es war nie beabsichtigt, dass einer von uns seine sogenannte Zielperson näher kennen lernt, aber ich habe dich kennen gelernt und ich fürchte, ich habe mich in dich verliebt. Ich weiß eigentlich nicht, was Liebe ist, aber das, was sich Verwirrendes in mir abspielt, muss wohl Liebe sein. Ich weiß, dass ich dich wieder dorthin bringen muss, wo du herkommst, aber ich habe Angst davor.«
Thomas nahm sie fest in seine Arme und hielt sie. Er spürte, dass sie zitterte und spürte selbst ein irrationales Gefühl des Glücks, das er noch nie bei einer Frau in dieser Form gespürt hatte. Es war alles vollkommen verrückt. Er wurde sich immer sicherer, dass er nicht bereit war, Khendrah ohne Kampf aufzugeben. Sie genossen noch eine Weile jeweils die Nähe des Anderen und küssten einander mehrfach, bevor Khendrah sich wieder an die Arbeit machte.
»Ich muss weiterarbeiten, Thomas«, sagte sie entschuldigend. »Ich muss mich in Ralphs Leben hineinwühlen und herausfinden, was er bereits alles angestellt hat.«
Thomas versuchte, ihr zu helfen, so gut er konnte. Trotzdem dauerte es Stunden, bis sie ein komplettes Profil ihres Gegenspielers erstellt hatten. Als Khendrah fertig war, kannte sie ihren Analysten fast so gut, wie dieser sich selber. Sie wusste nun, dass er nicht wirklich freiwillig für die Behörde arbeitete, sondern als Jugendlicher gegen seinen Willen aus seiner Zeitebene entführt worden war. Die Behörde hatte seinen Lebenstraum zerstört. Das war bedauerlich und sicher nicht in Ordnung, aber es rechtfertigte nicht die willkürlichen, von ihm angeordneten Einsätze zur Förderung seiner eigenen Angehörigen. Sie fand sogar heraus, dass er von Zeit zu Zeit den Zeitvektor in seinem Ursprungsjahrhundert verlassen hatte. Was er dort getan hatte, konnte sie nicht eindeutig feststellen. Sie vermutete jedoch, dass er Kontakt zu seinen Leuten aufgenommen hatte, um sie mit unerlaubten Informationen zu versorgen.
Der immer gravierendere Personalmangel innerhalb der Behörde ließ Ralph Geek-Thoben immer mehr Macht auch innerhalb der Behörde erringen. Der Kontrollausschuss war seit Langem schon vollkommen überfordert und verließ sich nur zu gern auf die Analysten. Seit vielen Jahren schon funktionierte dieses System hervorragend.
Thomas las die Unterlagen und fühlte sich immer unwohler dabei.
»Kontrolliert Ihr eigentlich die Zeit bis in die entfernteste Zukunft?«, fragte er Khendrah.
»Nein«, sagte sie, »ursprünglich hatte man die Behörde im einundfünfzigsten Jahrhundert errichtet – etwa vier Jahrhunderte nach der Entdeckung der Zeitreisen. Damals reichte der Zeitvektor nur wenige Jahrhunderte weit. Nach und nach wurde der überwachte Bereich immer weiter ausgedehnt, abhängig davon, welche Technologien man sich aus den überwachten Zeitebenen nutzbar machen konnte. Allerdings scheint es Grenzen zu geben. Niemand weiß, wieso, aber es gibt eine Überwachung erst ab dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts und nur bis etwa zum achtzigsten Jahrhundert. Es ist nie gelungen, die Kabinen über diese Grenzen hinaus zu steuern. Es ist oft versucht worden, die Zukunft weiter zu erforschen, aber die Kabinen bleiben einfach stehen, wenn man versucht, diese Grenze zu überschreiten.«
»Und man hat keine Erklärung dafür?«, fragte Thomas.
»Die Spezialisten vermuten, dass die Zeit selbst ihre Struktur verändert und wir mit unserer Technologie einfach nicht in der Lage sind, dieser Struktur zu folgen.«
»Abgesehen davon, dass ich Zeitreisen bis vor wenigen Tagen als Humbug abgetan hätte, erscheint mir diese Erklärung etwas an den Haaren herbeigezogen, oder nicht?«
Khendrah überlegte. »Ich verstehe zu wenig von der Natur der Zeit. Aber es spielt auch keine Rolle. Wir haben uns um etwa sechzig Jahrhunderte zu kümmern und selbst das hält die Behörde ganz schön auf Trab.«
Sie arbeiteten noch weiter bis in die Nachtstunden hinein. Khendrah suchte noch nach Fancan und stellte fest, dass sie sich offenbar nicht mehr im Jahre 2008 aufhielt. Vermutlich war sie bereits in den Zeitvektor zurückgekehrt. Sie versuchte, sie über das Kommunikationsnetz in der Basis im 3500. ausfindig zu machen, doch auch dort schien sie sich nicht aufzuhalten.
»Das beunruhigt mich etwas«, sagte sie. »Fancan ist sicher noch immer hinter uns her. Ich kann nicht einfach diese Station hier verlassen, wenn ich nicht weiß, wo sich unsere Verfolgerin aufhält. Sie könnte uns sonst eine Falle stellen, so wie wir es in dem Kaufhaus getan haben.«
»Kannst du nicht diesen Scan, den du in den Zeitebenen durchführst, auch hier im Zeitvektor durchführen?«
»Leider nein, es wurde hier nie installiert, weil man es für unmoralisch hielt, dass wir uns gegenseitig kontrollieren können.«
»Ihr habt wirklich Moralvorstellungen, die einem die die Tränen in die Augen treiben«, sagte Thomas. »Es verhindert aber sicher auch, dass die Anderen uns finden können.«
»Das ist richtig.«
Sie schaltete das Terminal ab.
»Ich kann nicht mehr«, sagte sie. »Ich muss jetzt etwas essen und dann will ich einfach nur schlafen.«
Sie lehnte sich an Thomas.
»Darf ich mich wieder an dich kuscheln?«, fragte sie.
»Ich glaube, das lässt sich einrichten«, antwortete er lachend und legte einen Arm um ihre Taille, als sie auf den Gang hinaustraten.

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Korrekturen 07

7.Teil – Fancan

Das Erste, was Fancan spürte, als sie ihr Bewusstsein wiedererlangte, war Schmerz, der den gesamten Körper erfasste. Die Erinnerungen an die Ereignisse im Kaufhaus waren sofort wieder da. Sie öffnete die Augen und stellte fest, dass sie sich nicht mehr im Kaufhaus aufhielt. Sie blickte umher. Sie lag in einem Bett und hatte nicht mehr ihre Kombination an, sondern trug ein ein eigenartiges weißes Etwas, das man kaum Kleidung nennen konnte.
»Eine Krankenstation?«, schoss es ihr durch den Kopf.
Sie versuchte, sich aufzusetzen, doch die Muskeln ihres Körpers gehorchten ihr noch nicht wieder. Ein Geräusch lenkte sie ab. Die Tür öffnete sich und ein Mann schaute herein. Auch er trug weiße Kleidung.
»Sie sind endlich wach«, stellte der Mann fest. »Das ist gut. Mein Name ist Dr. Laumann und ich bin der diensthabende Stationsarzt. Sie wurden gestern hier eingeliefert und ich muss gestehen, dass Sie uns einige Rätsel aufgegeben haben. Wären Sie bereit, mir einige Fragen zu beantworten?«
»Wo bin ich?«, fragte Fancan matt. Sie war zwar noch erschöpft, aber den Umfang dieser Erschöpfung spielte sie ihm nur vor. Unter der Decke war sie schon dabei, ihre Muskeln nach einem bestimmten Verfahren wieder in Schwung zu bringen. Sie war sicher nicht bereit, einem Arzt in einer fremden Zeitebene viel über sich zu verraten.
»Sie sind im städtischen Krankenhaus«, gab der Arzt Auskunft. »Offenbar hat man Sie in der Möbelabteilung des Kaufhauses überfallen und niedergeschlagen. Man fand Sie dort bewusstlos auf einem Bett der Ausstellung – an Händen und Füßen gefesselt. Ich hätte nun gern einige Informationen über ihre Person, für unsere Unterlagen.«
»Was wollen Sie wissen?«
»Ihr Name, das Geburtsdatum, Ihre Anschrift und eventuelle Angehörige wären schon notwendig.«
»Ich weiß es nicht«, sagte Fancan.
»Sie wissen Ihren Namen nicht?«
»Nein. Ich weiß überhaupt nichts.«
»Das ist ungewöhnlich«, meinte Dr. Laumann. »So stark waren Ihre Verletzungen eigentlich nicht, dass sie eine Amnesie verursachen könnten. Ich werde mal einen Kollegen holen. Der soll Sie sich einmal anschauen.«
Er verließ das Zimmer und schloss die Tür. Fancan prüfte ihre Muskulatur. Es tat noch etwas weh, aber sie hatte bereits wieder die volle Kontrolle. Schnell schlüpfte sie aus dem Bett und riss sich dieses eigenartige Hemdchen vom Körper. Darunter war sie vollständig nackt. Sie durchsuchte schnell die Schränke an der gegenüberliegenden Wand und fand in einem davon ihre Kombination. Schnell schlüpfte sie hinein und verschloss die Nähte. Jetzt fühlte sie sich schon viel besser. Auf dem Tisch neben dem Bett fand sie noch ihre Uhr und unter dem Bett ihre Schuhe. Dr. Laumann war noch nicht zurück, als Fancan vorsichtig die Tür zum Flur öffnete. Sie lief direkt einem Beamten der städtischen Polizei in die Arme, der vor der Tür wartete.
»Wo wollen Sie denn hin?«, fragte er. »Sie können noch nicht gehen. Wir müssen uns erst noch über den Tathergang Ihres Überfalls unterhalten. Sie wollen doch sicherlich eine Anzeige erstatten.«
Fancan wusste zwar nicht, was eine Anzeige war, aber sie entschied, dass sie das nicht wollte.
»Nein, ich will keine Anzeige erstatten. Ich will einfach nur gehen.«
»Moment, junge Dame«, hielt der Beamte sie auf, »ich habe aber noch Fragen.«
»Was für Fragen?«
»Nun, als man sie fand, lagen sie gefesselt auf einem Bett, das zur Hälfte einfach verschwunden war. Sie haben sicher mitbekommen, was geschehen ist. Wir hätten einfach gern Ihre Aussage, was sich dort abgespielt hat. Da Sie offenbar wieder fit sind, könnten Sie mich gleich auf die Wache begleiten.«
»Nein, ich werde einfach gehen«, sagte Fancan bestimmt. »Ich werde Ihre Fragen nicht beantworten und ich werde Sie erst recht nicht begleiten.«
Sie wandte sich zum Gehen, doch der Beamte hielt sie am Arm fest.
»Junge Dame, so läuft das nicht! Sie können gehen, sobald ich Ihre Aussage habe.«
»Lassen Sie mich sofort los«, zischte Fancan. »Sonst muss ich Ihnen wehtun.«
Der Beamte sah sein Gegenüber belustigt an.
»Sie wollen mir wehtun?«
»Ich will nicht, aber ich muss es wohl, damit Sie es verstehen«, sagte sie und wand sich in einer komplizierten Drehung aus seinem Griff, wobei sie ihn gleichzeitig mit ihren Händen attackierte. Stöhnend sackte der große Polizist in sich zusammen. Fancan ließ von ihm ab und lief leichtfüßig zur Treppe.
Sie musste einfach von hier weg, sonst hinterließ sie zu viele Spuren in dieser Zeitebene. Diese verdammte Khendrah und ihre Zielperson! Am meisten jedoch ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hatte sich wie eine Anfängerin überlisten lassen. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass sich Khendrah so weit herablassen würde, sich mit einem Ziel einzulassen. Sie schüttelte sich innerlich. Es schien ihr unvorstellbar, persönliche Beziehungen zu einem Menschen der Zeitebenen aufzunehmen. Diese Wesen waren doch immer nur so real, wie es ihre Aufträge zuließen. Khendrah würde auch noch dahinter kommen.
»Was denke ich da?«, fragte sie sich, während sie die Treppen hinunter lief. »Es spielt keine Rolle mehr, ob Khendrah dahinter kommt, oder nicht. Ich werde sie töten müssen, wenn ich sie gefunden habe und diesmal wird es keine List geben, die sie retten wird.«
Unten angekommen stürmte sie durch die Halle des Krankenhauses auf den Ausgang zu. Sie entdeckte zwei weitere Polizeibeamte. Einer hielt einen Kommunikator an sein Ohr und deutete auf sie, während der Andere an einer Tasche an seinem Gürtel fingerte. Sie verstellten ihr den Weg, doch Fancan war nicht in der Stimmung, sich von diesen beiden Männern aufhalten zu lassen. Mit einem schnellen Sprint rannte sie auf die beiden zu und sprang kurz vor ihnen mit angewinkelten Beinen hoch und stieß beiden Beamten gleichzeitig ihre Füße vor die Brust, sodass diese in entgegengesetzte Richtungen gestoßen wurden und gegen die Türfüllung des Eingangs prallten. Fancan landete weich auf ihren Füßen und nutzte die kurze Benommenheit der Männer, ihnen ihre Ellenbogen auf den Solar Plexus zu schlagen, worauf ihnen die Luft endgültig wegblieb. Das Funkgerät war auf dem Boden gelandet, ebenso wie die Waffe, welche der andere Beamte ziehen wollte. Fancan ergriff die Waffe und floh. Die Aktion hatte nur wenige Sekunden gedauert und als die Beamten wieder klar denken konnten, war Fancan bereits in der Menge der Passanten verschwunden.
Sie lief mehr als einen Kilometer weit, bevor sie sich eine kurze Orientierungspause gönnte. Sie konnte nicht weit vom Einstiegspunkt entfernt sein. Sie sollte nun so schnell wie möglich aus dieser Zeit verschwinden. Sie hatte keine Ausrüstung mehr, die ihr helfen konnte, Khendrah hier zu finden. Außerdem hatte sie so ein Gefühl, dass sich ihre Gegnerin bereits nicht mehr hier aufhielt. Sie musste zur Basis zurück und sich neu ausrüsten. Es konnte nicht schaden, die Basis schon einmal zu informieren, also tippte sie sich ans Jochbein und hätte beinahe aufgeschrien, so weh tat es. Der Kommunikator blieb stumm.
Fancan ging zu einer Schaufensterscheibe und betrachtete ihr Spiegelbild. Ein kleiner, blutunterlaufener Punkt war auf dem Jochbein zu erkennen.
»Khendrah, du altes Biest«, sagte sie anerkennend. »Du bist besser, als ich dachte. Du hast sogar daran gedacht, mir die Kommunikationsmöglichkeit zu nehmen. Es ist so schade, dass du auf der anderen Seite stehst.«
Sie wandte sich ab und machte sich auf den Weg zum Aufzug. Glücklicherweise hatte man ihr die Uhr gelassen. Ohne diese Uhr wäre es ihr schwer gefallen, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, an dem der Eingang in der Fassade tatsächlich in den Zeitaufzug führte. Sie musste lange warten, bis wieder einer dieser Momente eintrat, an denen sie die normale Zeit verlassen konnte, doch schließlich war es so weit. Fast wäre es noch zu einem Zwischenfall gekommen, als genau in dem Augenblick, als sie den Aufzug betreten wollte, ein Mann in den Flur des Hauses wollte, der normalerweise über diesen Eingang erreicht wurde. Fancan knallte ihm die Tür vor der Nase zu, nachdem sie die Kabine betreten hatte. Sie sah noch, wie der Mann sich fürchterlich aufregte, doch dann verließ die Kabine die Zeitebene und Fancan befand sich wieder in der Sicherheit des Systems der obersten Korrekturbehörde.
Fancan fühlte sich erschöpft. Die hatte nicht damit gerechnet, dass es so problematisch werden könnte, die Beiden auszuschalten. Sie musste sich eingestehen, sie unterschätzt zu haben. Nun würde sie sich vor dem Analysten rechtfertigen müssen. Sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken an Geek-Thoben. Er konnte sehr unangenehm werden, wenn er der Meinung war, seine Mitarbeiter hätten einen schweren und vermeidbaren Fehler gemacht. Im 3500. verließ sie die Kabine. Die Station war ruhig, das Licht leicht gedimmt. Vermutlich war hier zurzeit die Schlafphase. Sie ging zu ihrer Wohneinheit und öffnete die Tür. Dabei kam sie an Khendrahs Wohnung vorbei. Einen Moment stockte sie, dann betrat sie ihre eigene Wohnung. Wie oft schon hatte sie, wenn sie von einem Einsatz zurückkam, bei Khendrah geklopft und sie hatten noch lange über den Auftrag gesprochen, etwas getrunken oder sich einen Film angesehen? Das würde es ab jetzt nicht mehr geben. Sie würde ihre Freundin ausschalten müssen.
Fancan zog sich ihre Kombination aus und stellte sich unter die Dusche ihrer Nasszelle. Das heiße Wasser ließ die stumpfe Verletzung, die ihr dieser verdammte Thomas Rhoda zugefügt hatte, brennen. Sie verzog das Gesicht. Sie war eine gut ausgebildete Agentin. Wie konnte es geschehen, dass man sie so hereingelegt hatte? Sie konnte es sich nicht verzeihen. Später klebte sie sich ein kühlendes Heilpflaster auf ihre Wunde. Es würde die Wunde in wenigen Stunden ausheilen lassen. Anschließend legte sie sich auf das Bett und versuchte zu entspannen, aber die Ruhe, die sie brauchte, schien sich nicht einstellen zu wollen. Als die Schlafphase zu Ende ging, erhob sie sich und legte sich ihre neue Ausrüstung zurecht. Diesmal würde man sie nicht mehr so einfach hintergehen können. Diesmal wusste sie, dass Khendrah und Thomas Rhoda offenbar zusammenarbeiteten. Sie konnte es noch immer nicht verstehen. Sie überlegte, ob sie Ralph Geek-Thoben Bericht erstatten sollte – entschied sich aber dagegen. Sie konnte sich gut vorstellen, welche Vorwürfe er ihr machen würde. Das konnte sie nicht auch noch gebrauchen, denn sie machte sich selbst schon genug Vorwürfe.
Die Alternative war, sofort wieder in den Einsatz zu gehen. Doch wo sollte sie beginnen? Sie war sicher, dass Khendrah nicht mehr in der bisherigen Zeitebene zu finden sein würde. Sie selbst jedenfalls hätte versucht, eine andere Ebene zu erreichen. Was würde Khendrah dann mit Thomas Rhoda angestellt haben. Er gehörte in seine Zeit. Sie würde ihn nicht mitnehmen können.
Erst später wurde ihr klar, dass Khendrah schon gegen so viele Regeln verstoßen hatte, dass sie nicht sicher sein konnte, dass sie nicht auch ihre Zielperson in eine andere Zeitebene geschafft hatte. Es würde nicht leicht werden, sie dort zu finden – zumindest nicht, wenn sie auf Dauer dort untertauchen würde. Was sie brauchte, war ein Generalscan über sämtliche Zeitebenen.
Fancan rief Zeno Dorga über die interne Kommunikation an.
Völlig verschlafen meldete er sich: »Fancan? Meine Güte, was wollen Sie so früh von mir?«
»Ich muss unbedingt wissen, wo Khendrah steckt«, sagte sie. »Ihre Kommunikation scheint gestört. Sie steckt in irgendeiner Zeitebene.«
»Verdammt, du willst einen Generalscan?«, schimpfte er. »Das bedeutet wieder Berichte an die oberste Behörde. Ich hasse es. Muss es wirklich sein?«
»Zeno, bitte!«, sagte sie eindringlich. »Ich muss so schnell wie möglich ihren Aufenthaltsort wissen.«
»Ist ja schon gut«, sagte Zeno. »Gib mir dreißig Minuten, dann bin ich in der Datenbank und beantrage den Scan. Rechne aber nicht vor zwölf Stunden mit einem Ergebnis.«
»Ich danke dir, Zeno«, sagte Fancan. »Hauptsache, wir finden sie.«
Irgendwie kam sie sich schäbig vor. Sie war überzeugt, dass sie Khendrah bald aufgespürt haben würde. Ihre frühere Freundin hatte im Grunde keine Chance gegen die Maschinerie der Behörde. Zwölf Stunden hatte Zeno gesagt. Fancan hatte keine Lust, hier so lange zu warten, um dann noch ihrem Analysten über den Weg zu laufen. Sie griff ihre Ausrüstung und machte sich auf den Weg zum Aufzug, immer darauf bedacht, niemandem zu begegnen. In der Kabine drückte sie Tasten für die Basis im Jahre 6000. Dort kannte sie den Techniker sehr gut, seit sie einmal einen Einsatz hatte, bei dem sie fast einem Agenten aus Basis 6000 in die Quere gekommen war. Mit dem Techniker Giwoon verband sie noch immer eine Freundschaft über die Jahrtausende hinweg und er hatte ihr schon häufiger geholfen, wenn sie Recherchen machen wollte, die niemand mitbekommen sollte. Diesmal wollte sie selbst sich ein Bild von der Gesamtsituation machen. Irgendwie ließ es ihr keine Ruhe, dass Khendrah offenbar die Seiten gewechselt hatte. Sie wollte es zumindest verstehen.
Sie öffnete die Tür zur Basis und musste gleich geblendet ihre Augen schließen. In der Basis 6000 liebte man es, viel Licht einzusetzen. Möglicherweise war es auch einfach so, dass die Augen der Mitarbeiter hier oben in der fernen Zukunft nicht mehr so lichtempfindlich waren und aus diesem Grunde mehr Licht benötigten. Für Fancan jedenfalls war es eine Qual und sie griff schnell zu der getönten Brille, die sie eigens eingesteckt hatte. In dieser Station herrschte immer eine furchtbare Hektik. Dauernd rannte jemand an ihr vorbei, ohne sie zu beachten, doch auch sie hatte keine Lust, als Fremde bemerkt zu werden und beeilte sich, die Datenbankabteilung zu erreichen. Als sie dort eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, wurde es ruhiger. Im Gegensatz zu ihrer eigenen Basis verfügte hier jeder über einen eigenen Vollzugang zur Datenbank. Es bestand keine Notwendigkeit, zur Abteilung zu kommen, wenn man es von der eigenen Wohnung aus tun konnte.
Giwoon, der Techniker drehte sich herum, um zu sehen, wer gekommen war und erkannte Fancan. Sein Gesicht begann zu strahlen.
»Fancan, mein Schatz, dich habe ich aber lange nicht mehr gesehen«, sagte er und erhob sich. Giwoon war so gar nicht der Typ des Datenbanktechnikers. Er war fast zwei Meter groß und sportlich durchtrainiert. Spielerisch griff er Fancan und hob sie hoch. Sie lachte und ließ es geschehen. Sie genoss seine starken Hände und legte ihm ihre Arme um den Hals.
»Du bist noch genau so verrückt, wie damals, als ich zum ersten Mal hier war«, sagte sie und küsste ihn leidenschaftlich auf den Mund. Niemand ahnte, dass sie immer mal wieder hierher kam, um sich mit Giwoon zu treffen. Persönliche Kontakte waren den Agenten strengstens verboten. Daher durfte niemand wissen, dass Giwoon und Fancan sich liebten. Deswegen würde man zwar nicht liquidiert, aber eine Strafe würde ihr schon drohen, wenn es entdeckt würde.
»Wie lange kannst du bleiben?«, wollte Giwoon wissen. »Meine Schicht hat eben erst begonnen.«
»Ich bin leider in halb-dienstlicher Angelegenheit hier«, erklärte Fancan. »Ich habe einen sehr unangenehmen Auftrag und muss einfach verschiedene Dinge wissen.«
»Rede schon, worum geht es«, forderte Giwoon.
»Es geht um Khendrah«, sagte sie. »Du erinnerst dich sicher noch an meine Kollegin und Freundin in meiner Basis. Sie hat ihren eigenen Auftrag wieder korrigiert und ist nun mit ihrer Zielperson flüchtig. Ich soll sie aufspüren und liquidieren.«
Giwoon schüttelte seinen Kopf. »Ihr tötet also noch immer Menschen, um eure Korrekturen durchzuführen. Es wird Zeit, dass die oberste Behörde endlich einheitliche Richtlinien einführt. Aber du sollst sogar deine Freundin töten?«
»Sie ist eine Verräterin«, stellte Fancan fest. »Da gibt es keinen Handlungsspielraum.«
»Das ist Unsinn, Fancan«, sagte Giwoon. »Ihr müsst dort unten in der Zeit noch viel lernen. Man kann auch Korrekturen vornehmen, in dem man nach Situationen sucht, die zu vermeiden sind. Sicher, es bedeutet eine noch konsequentere Recherche und Analyse, aber es erfordert keinen so großen Eingriff in die Struktur der Korrekturebene. Und seien wir ehrlich: Es wundert mich, dass es so lange gedauert hat, bis einer eurer Agenten sich gegen dieses Morden stellt.«
»Es ist kein Morden!«, verteidigte sich Fancan. »Es sind notwendige Eingriffe zum Schutz der Menschheitsentwicklung.«
»Möglich!«, sagte Giwoon rätselhaft.
»Was meinst du mit ‘möglich’? Willst du etwa unser ganzes System infrage stellen?«
»Wäre das so schlimm? Wir sind alle nur Menschen.«
Fancan sagte nichts mehr. Giwoon machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Fancan, ich will nicht mit dir streiten. Ich bin viel zu froh, dass du mal wieder bei mir bist. Hier kommt sowieso niemand her. Also: Was möchtest du trinken? Wir sollten unser Wiedersehen auch gebührend feiern.«
Fancan sah ihn einen Moment ernst an, doch dann stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen und sie warf sich ihm in die Arme.
»Verdammt, ich liebe dich«, sagte sie und ihre Hände suchten sich dabei einen Weg unter seine Kombination.

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Wie es weitergeht, erfahrt Ihr in der nächsten Fortsetzung am 6.April 2019.

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Korrekturen 06

6.Teil – Flucht nach vorn (2/2)

Sie arrangierten es so, dass Fancan Khendrah finden sollte und sie dabei scheinbar überraschte. Khendrah war sicher, dass Fancan unter diesen Umständen nicht gleich ihre Waffe abfeuern würde, sondern erst mit ihr reden würde.
Dann war es so weit. Fancan schlich mit schussbereiter Waffe in den Schlafzimmerbereich, den sie dafür vorgesehen hatten. Als sie einen Vorhang beiseite schob, sah sie Khendrah, die angestrengt in die andere Richtung starrte – ebenfalls die Waffe in der Hand. Fancan brachte sich in eine gute Position und hielt die Waffe im Anschlag.
»Hallo Khendrah«, sagte sie. »Lass sofort deine Waffe fallen und schieb sie mit dem Fuß zu mir rüber.«
Khendrah tat überrascht und machte einen resignierenden Eindruck. Sie drehte sich herum und legte ihre Waffe auf den Boden. Dann gab sie ihr einen Stoß, worauf sie vor Fancans Füßen landete. Fancan beachtete sie nicht, sondern ließ Khendrah nicht aus den Augen.
»Du weißt, warum ich hier bin, nicht wahr?«
»Natürlich weiß ich das«, meinte Khendrah sarkastisch.
»Warum?«, fragte Fancan. »Du bist meine Freundin. Ich will dich nicht töten, aber du weißt, welche Strafe auf Verrat steht. Ich muss dich liquidieren. Ich würde nur gern wissen, warum du es getan hast. Ich möchte es einfach nur verstehen.«
»Willst du das wirklich? Ich bin nicht sicher, ob du es verstehen würdest.«
Fancan blickte suchend in verschiedene Richtungen. »Ihr wart vorhin zu zweit. Wo ist der andere?«
»Glaubst du, ich rette einen Menschen vor den Machenschaften der Behörde und gebe ihm dann nicht die Chance, zu überleben? Ich hab ihn fortgeschickt. Es wurde für ihn zu gefährlich, länger mit mir zusammen zu sein. Ich kann ihn nicht mehr beschützen.«
»Verdammt Khendrah! Du hast alles aufs Spiel gesetzt! Für ein Korrekturziel? Jetzt muss ich euch beide erledigen. Du glaubst doch nicht, dass sich ein Korrekturziel lange vor mir verstecken kann.«
In diesem Moment öffnete sich der Vorhang hinter Fancan und Thomas schlug ihr ein Regalbrett über den Kopf. Fancan schrie auf und drückte instinktiv die Waffe ab, aber Khendrah hatte sich schon mit einem Hechtsprung über das Bett in Sicherheit gebracht. Ein großes, rundes Stück des Bettes, wo sie eben noch gestanden hatte, fehlte. Fancan verfolgte sie mit dem Lauf der Waffe, doch ein weiterer Schlag mit dem Brett machte ihren Bemühungen, einen zweiten Schuss abzufeuern, ein Ende.
Khendrah war sofort wieder auf den Beinen und sicherte die beiden Waffen.
»Das Timing war gut«, lobte sie. »Du hast sie vollkommen überrascht. Ich glaube, sie hatte es mir wirklich abgenommen, dass ich dich fortgeschickt habe.«
Thomas stand noch immer mit dem Brett in der Hand und blickte auf die bewusstlose Fancan.
»Sie wird ordentliche Kopfschmerzen haben, wenn sie zu sich kommt«, sagte er. »Was tun wir nun mit ihr?«
»Erst einmal fesseln«, sagte Khendrah grinsend und zog diverse dicke Kordeln aus den Vorhängen der Dekoration. Geschickt fesselte sie Fancan an Händen und Füßen. Kurz darauf kam sie wieder zu sich und sah zu Khendrah empor.
»Du hast mich doch noch täuschen können«, stellte sie nüchtern fest. »Wieso hast du dir noch die Mühe gemacht, mich zu fesseln? Mach schon, jetzt musst du mich erledigen.«
»Wie kommst du darauf? Ich hab nicht vor, dich zu töten, Fancan. Wie du schon sagtest, sind wir Freundinnen. Im Gegensatz zu dir habe ich nicht den Auftrag, dich auszulöschen.«
»Du hast keine andere Wahl, Khendrah. Wenn du mich nicht tötest, werde ich dich jagen, bis ich dich habe. Du hast uns verraten. Du bist verurteilt.«
»Ich möchte dir jemanden vorstellen«, sagte Khendrah. »Das hier ist Thomas Rhoda, der dich überwältigt hat.«
»Überwältigt von der Zielperson«, sagte Fancan bitter. »So weit ist es mit mir schon gekommen. Ich kann dir nur raten, mich jetzt und hier zu liquidieren.«
»Mein Gott, ich kann mir dieses Gefasel nicht länger anhören!«, fuhr Thomas dazwischen. »Was trichtern sie euch eigentlich ein, damit Ihr diesen ganzen pathetischen Unsinn selbst glaubt? Eure ganze Behörde ist eine Realität gewordene Perversion!«
»Allein für diese blasphemischen Äußerungen hast du den Tod verdient, Thomas Rhoda«, sagte Fancan.
»Wir können uns noch lange gegenseitig fertigmachen, Fancan«, sagte Khendrah. »Aber er hat recht. Die Behörde hatte ursprünglich gute Ansätze. Sie wurde von Idealisten gegründet, jedoch von Menschen geführt. Menschen sind gierig und korrupt. Ich hatte herausgefunden, dass Ralph Geek-Thoben es war, der angeblich analysiert hatte, dass Thomas’ Tod erforderlich ist, um eine große Zahl von Menschenleben zu retten. Nach meiner Korrektur stellte ich fest, dass es gerade meine Korrektur war, die erst eine Gewaltdiktatur und die vielen Toten möglich gemacht hat.«
»Wir Agenten sind doch gar nicht in der Lage, alle Komponenten einer Korrektur zu überblicken, Khrendrah«, wandte Fancan ein. »Wie kannst du dir anmaßen, die Ergebnisse eines Analysten anzuzweifeln, der wirklich alle Faktoren kennt? Wir sind nur das Werkzeug, nicht mehr.«
»Fancan, ich kenne mehr Faktoren dieses Falles, als ich kennen dürfte. Ich habe mir die Daten beschafft. Ralph Geek-Thoben ist aus dem späten einundzwanzigsten Jahrhundert und der Diktator, den ich erst möglich gemacht habe, kommt im zweiundzwanzigsten Jahrhundert an die Macht und sein Name lautet Herwarth Thoben. In der ursprünglichen Geschichte konnte Herwarth Thoben nicht an die Macht kommen, weil ihm ein Gunter Manning-Rhoda im Weg war – ein Nachfahre meines Begleiters hier.«
»Du hast allen Ernstes die Akte des Analysten gelesen?«, fragte Fancan entgeistert. »Und da erwartest du Verständnis von mir?«
Khendrah verdrehte ihre Augen. »Fancan, muss ich dir erst Verstand einprügeln? Ja, ich habe Ralphs Akte gelesen. Ja, das ist ein gesetzliches Vergehen. Aber es ist nichts gegen das, was ich dabei herausgefunden habe! Das System ist korrupt. Wo kommen wir hin, wenn Analysten ihre Position ausnutzen können, um ihren Angehörigen, die sie eigentlich niemals mehr wiedersehen dürften, zu Reichtum und Macht zu verhelfen?«
»Khendrah, du bist verblendet«, warf Fancan ihr vor. »Sicher gibt es immer wieder Fehler, aber wir – die Behörde – sind auch diejenigen, die diese Fehler immer wieder beheben können. Ohne uns würde im Zeitfluss die totale Anarchie herrschen. Die Errichtung der obersten Behörde für Korrekturen ist das Größte, das die Menschheit jemals geschaffen hat. Stell diese Leistung bitte nicht infrage. Du kannst mich nicht überzeugen, Khendrah. Dieser Mann dort hat dich verwirrt. Töte ihn und die Zeit ist wieder im richtigen Gleichgewicht.«
Thomas blickte zwischen den beiden Frauen hin und her. Er spürte, dass sich sein Schicksal jetzt und hier entscheiden konnte.
»Fancan, du tust mir wirklich leid«, sagte Khendrah schließlich. »Wir werden dich nun hier zurücklassen müssen. Hoffentlich werden wir uns nicht mehr begegnen, bevor du deine Meinung geändert hast.«
Fancan zerrte an ihren Fesseln und sah Khendrah mit blitzenden Augen an. »Wenn du mich jetzt nicht tötest, werde ich dich jagen, Khendrah. Ich werde nicht diese lächerlichen Hemmungen haben. Ich werde meine Aufträge erfüllen.«
Khendrah griff zu ihrer Waffe und nahm einige Einstellungen daran vor.
»Das fürchte ich auch, Fancan. Ich geb jedoch die Hoffnung nicht auf. Du bist intelligent. Du solltest deinen Verstand irgendwann gebrauchen und nicht nur die eingetrichterten Programme ausführen. Thomas und ich werden einen Vorsprung brauchen, deshalb werde ich dich für etwa vierundzwanzig Stunden ausschalten. Ich wünsche uns allen Glück, Fancan. Du warst und bist meine beste Freundin.«
Fancan starrte Khendrah hasserfüllt an und zerrte immer wieder an ihren Fesseln. Khendrah hob ihre Waffe und schoss. Wie vom Blitz getroffen, kippte Fancan besinnungslos hinten herüber und blieb liegen.
»Du hast sie doch nicht umgebracht?«, fragte Thomas.
»Nein, die Waffe kann auch in den Betäubungsmodus geschaltet werden. In den nächsten vierundzwanzig Stunden wird es niemandem gelingen, sie wach zu bekommen. Lass uns gehen, bevor dieser Mann von vorhin wiederkommt. Es wird genug Aufsehen geben, wenn Fancan gefunden wird.«
Sie durchsuchte noch die Taschen von Fancans Kombination und steckte das Geld ein, das sie bei sich hatte. Ebenso steckte sie die Waffe und die restliche Munition ein. Den Funkscanner zerstörte sie mit ihrem Absatz. Sie wollte sich schon abwenden, als ihr noch etwas einfiel: der Jochbein-Kommunikator. Auch Fancan besaß ein solches Gerät, mit dem sie Verbindung zur Behörde aufnehmen konnte, da jede Verknüpfungsstelle, an der ein Aufzug halten konnte, auch über einen Empfänger verfügte.
»Thomas, du musst noch einmal etwas für mich tun«, sagte sie, »du musst auch Fancans Jochbein-Kommunikator zerstören.«
»Nein, nicht schon wieder!«, wehrte Thomas ab. »Das war grässlich.«
»Es ist notwendig!«, beharrte Khendrah energisch. »Sie kann sonst sofort die Basis alarmieren, sobald sie aufwacht.«
Mit gemischten Gefühlen zog Thomas sein Messer wieder aus der Tasche. Khendrah sah ihn an und entschied, dass er es wohl nicht über sich bringen würde, nochmals einen Dorn in das Gesicht einer Frau zu stoßen und nahm ihm das Messer ab. Sie klappte den Dorn hoch und tastete in Fancans Gesicht nach der richtigen Stelle. Danach überlegte sie nicht lange und stieß zu. Wieder ging ein Zittern durch den ganzen Körper. Thomas konnte es nicht mit ansehen und wandte sich ab. Nachdem es erledigt war, stieß sie Thomas an. »Wir müssen gehen. Es ist alles in Ordnung?«
Thomas nickte.
Ruhig mischten sie sich unter die anderen Kunden und fuhren auf der Rolltreppe nach unten. Auf der Straße angekommen, wollte Thomas wissen, wie es nun weitergehen solle.
»Wir haben also genau einen Tag, dann ist uns diese Killerin wieder auf den Fersen«, meinte er.
»Das ist schon richtig, aber wir werden dann nicht mehr hier sein.«
»Nein?«, fragte Thomas zweifelnd. »Wo willst du dich denn verstecken, wenn deine Leute Möglichkeiten haben, diese ganze Zeitebene nach uns zu scannen?«
Khendrah lächelte ihn an und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Vertrau mir, Thomas. Niemand kennt die Zeit so gut wie ein Zeitagent.«
Sie griff seine Hand und zog ihn mit sich fort.
Thomas verstand diese Frau nicht. Erst wollte sie ihn ermorden, dann wieder rettete sie ihn. Sie war einmal kratzbürstig, dann wieder zeigte sie Ansätze von echter Zuneigung.
Er blieb stehen und hielt sie fest. »Ich gehe keinen Schritt weiter, wenn du mich nicht endlich in deine Pläne einweihst, Khendrah. Ich bin es leid, immer nur der Spielball zu sein. Wenn wir diese Sache hier schon gemeinsam durchziehen müssen, will ich auch zu den Spielern gehören und nicht zu den Spielfiguren.«
»Thomas, das ist von mir nicht so gemeint«, beschwichtigte sie ihn. »Es ist einfach nur, dass ich noch keinen festen Plan habe. Es steht nur fest, dass wir diese Ebene hier schleunigst verlassen müssen.«
»Wie stellst du dir das vor? Wie sollen wir diese Ebene verlassen – überhaupt: Ich kann diese Ebene nicht verlassen.«
»Wieso nicht?«, fragte Khendrah. »Ich habe als Agentin jederzeit Zutritt zum Zeittransportsystem. Wir dürfen uns nur nicht erwischen lassen, in dem wir ausgerechnet eine aktive Basis ansteuern.«
»Aber ich werde hier in dieser Ebene gebraucht, Khendrah. Ich kenne mich nicht mit diesem ganzen Zeug aus, aber ich bin auch nicht dumm. Du hast doch selbst gesagt, dass du mich gerettet hast, damit meine Nachkommen eine Diktatur in mehreren Generationen verhindern sollen. Ich habe aber noch keine Nachkommen. Ich hab nicht mal eine Freundin oder Ehefrau. Wenn ich hier verschwinde, wird es nie Nachkommen geben. Wir machen doch alles nur noch schlimmer.«
Khendrah war verblüfft über die zutreffende Analyse, die Thomas über seine Situation angestellt hatte.
»Daran hab ich noch gar nicht gedacht«, gab sie zu. »Wir können aber trotzdem erst einmal von hier verschwinden. Wir müssen nur im Auge behalten, dass du später wieder zurückkehrst, wenn alles vorbei ist.«
»Wird es vorbei sein – irgendwann?«
»Da bin ich sicher«, versprach Khendrah. »aber jetzt komm, lass uns ein Taxi in die Innenstadt nehmen. Dort ist der Eingang ins System der Korrekturbehörde.«
»Und du bist sicher, dass sie uns dort nicht sofort schnappen werden?«
»Vertrau mir«, sagte Khendrah mit einem verschmitzten Lächeln. »Ich stamme aus dem zweiundreißigsten Jahrhundert. Es war das Jahrhundert der Hacker. Alle guten Computertechniker der Behörde stammen von dort.«
Thomas fand, dass Khendrah einfach umwerfend aussah, wie sie so lächelnd vor ihm stand. Ehe sie sich versah, hatte er sie in seine Arme gezogen und küsste sie leidenschaftlich. Nur einen kurzen Moment lang spürte er einen leichten Widerstand, doch dann erwiderte sie seinen Kuss.
»Ich weiß nicht, was hier geschieht«, gestand Thomas, als sie sich wieder getrennt hatten.
»Meinst du, ich verstehe das?«, fragte Khendrah. »Meinst du, ich verstehe mich? Aber verdammt, es fühlt sich einfach richtig an.«
Er küsste sie noch ein weiteres Mal.
»Ich habe noch nie eine Frau wie dich getroffen.«
Khendrah grinste.
»Dann will ich mal darauf achten, dass das auch so bleibt«, sagte sie kokett.
Sie riefen ein Taxi und machten sich auf den Weg. In der Innenstadt stiegen sie an einer stark befahrenen Straße ganz in der Nähe von Thomas’ Wohnung aus. Khendrah hatte gemeint, dass es nur wenige Meter bis zum Einstieg in das Zeitsystem der Behörde wären. Er spielte mit dem Gedanken, noch kurz in seine Wohnung zu gehen, um sich frische Kleidung anzuziehen, doch verwarf er den Gedanken, ohne ihn Khendrah mitzuteilen. Er folgte ihr zu einem Hauseingang, der sich durch nichts von anderen Eingängen dieser Fassade unterschied.
»Du bist sicher, dass wir hier richtig sind?«
Sie blickte angestrengt auf ihre Uhr, die neben der Uhrzeit noch etliche andere, unverständliche Informationen anzeigte.
»Lass mich bitte einen Moment in Ruhe«, sagte sie. »Ich muss mich konzentrieren.«
Es dauerte recht lange und Khendrah war während dieser Zeit nicht ansprechbar. Thomas blickte die Straße entlang und hatte schon den Eindruck, dass jeder Passant sie anstarren würde, doch er täuschte sich. Niemand nahm von ihnen Notiz. Allmählich machte sich eine große Leere in seinem Magen breit und erinnerte ihn daran, dass er heute noch nichts gegessen hatte. Hoffentlich gab es dort, wo sie hin wollten, etwas zu essen.
Endlich war es so weit. Khendrah griff plötzlich an den Türknauf im Hauseingang und stieß die Tür auf.
»Schnell, komm rein, Thomas!«, rief sie und unterstrich es mit einer drängenden Geste ihrer Hand. »Das Fenster ist nur für wenige Sekunden offen.«
Er beeilte sich, ihr nachzueilen und Khendrah verschloss die Tür sofort, als beide in einer relativ winzigen Kabine standen.
»Ist das einer von diesen Zeitaufzügen?«, fragte er.
»Ja«, antwortete Khendrah knapp. »Sie sind in der Regel recht schlicht. Ich werde uns ins Jahr 3170 bringen.«
Thomas schluckte.
»Mein Gott, das sind mehr als Tausend Jahre in der Zukunft. Werden wir dort aussteigen?«
»Wir werden nicht in die Realität des Jahres 3170 hinaustreten, wenn du das meinst. Wir werden in der Jahresstation bleiben. Es gibt nämlich in jedem Jahr eine Station, die genau so ausgestattet ist, wie die Basen. Sie sind nur nicht aktiv, aber es war damals einfacher, die Layouts der Basen einfach in alle Jahre hinein zu klonen, als für jede Basis eine eigene Station zu bauen.«
»Du bist aber sicher, dass wir dort niemandem begegnen werden?«
»Absolut sicher. Ich war schon einmal dort. Die Anlagen sind zwar vorhanden, sind aber abgeschaltet. Die ganze Station wartet nur darauf, von uns in Besitz genommen zu werden.«
Thomas war noch immer nicht überzeugt. »Und das können sie nicht feststellen, wenn eine der nicht aktivierten Stationen plötzlich zum Leben erwacht?«
»Im Grunde schon, aber sie werden sich nichts dabei denken, wenn sie es zufällig sehen, denn es kommt immer mal vor, dass ein Agent irgendwo in der Zeit übernachtet. Ein Agent ist in der Wahl seiner Mittel frei und muss sich nicht melden, bevor er einen Auftrag erledigt hat. Wir haben sogar die Möglichkeit, den Zugang zu dieser Station zu blockieren. Wir werden also keine unliebsamen Besucher zu fürchten haben.«
Thomas war beruhigt. Inzwischen waren sie am Ziel angelangt. Khendrah machte sich an einer Klappe zu schaffen und öffnete sie. Thomas konnte nicht erkennen, was sie genau tat, aber nach wenigen Minuten schloss sie die Klappe wieder und öffnete die Tür.
»Wir können nun aussteigen«, meinte sie, »der Aufzug wird nun wie verrückt zwischen den Zeiten hin und her fahren. Man wird nicht mehr feststellen können, wer ihn wann zuletzt benutzt hat. Sie werden ihn reparieren müssen. In Kürze werden wir ihn wieder benutzen können, denn wir müssen ja auch wieder zurück.«
Als sie die Kabine verließen, schaltete sich im Gang, den sie betraten, das Licht automatisch ein. Eine angenehm klingende Computerstimme meldete sich: »Sie befinden sich in der Jahresstation 3170. Diese Station ist nicht in Betrieb. Wünschen sie, dass sie in Betrieb genommen wird?«
»Ja«, sagte Khendrah deutlich.
»Wünschen sie einen Anschluss an das Netz der Basisstationen und Vollfunktionsstatus, oder wünschen Sie lediglich einen Beherbergungsstatus?«
»Beherbergungsstatus.«
»Danke. Die Einrichtungen von Jahresstation 3170 stehen ihnen nun zur Verfügung.«
»Fühl dich wie zu Hause«, sagte Khendrah zu Thomas.
»Wo gibt es hier etwas zu essen?«, wollte Thomas wissen. »Ich hab einen Riesenhunger.«
»Das geht mir genauso. Komm mit, ich zeig dir die Kantine.«
Es war schon unheimlich, so völlig allein in dieser großen Station herumzulaufen. In der vollautomatischen Kantine bestellte Khendrah für sie beide ein Frühstück, wie man es auch im Jahre 2008 in einem Lokal hätte bekommen können. Khendrah wies aber darauf hin, dass alle Nahrungsmittel hier synthetisch hergestellt würden. Trotzdem war es recht schmackhaft und machte vor allem satt.
»Thomas, dir ist klar, dass wir uns hier mitten in der Höhle des Löwen befinden, oder?«, fragte Khendrah. »Ich hab nachgedacht. Deine Äußerung, dass die oberste Behörde darüber entscheidet, was im Weltgeschehen passieren darf und was nicht, hat mich verunsichert. Diese Station hier verfügt über alle Funktionen, über die auch eine aktive Basis verfügt. Ich will mich in die Datenbank einklinken und mir ein Bild verschaffen, über das, was die oberste Behörde in den letzten zehn Relativjahren angeordnet hat. Ich möchte, dass du mich dabei begleitest. Wir werden uns ansehen, wie die Geschichte vor und nach den Korrekturen ausgesehen hat. Vielleicht erfahren wir auf diesem Wege, ob die Arbeit der Behörde für die Menschheit gut oder schlecht war.«
»Wenn wir herausfinden sollten, dass es schlecht war, was willst du dann tun?«
Khendrah überlegte.
»Ich glaube, dann würde ich versuchen, dem allen hier ein Ende zu bereiten.«
»Du überraschst mich«, sagte Thomas. »Das ist ein gewaltiger Schritt für jemanden, der noch kurz zuvor zu den glühendsten Verfechtern der Zeitkorrekturen gehörte.«
»Es überrascht mich selbst«, gab Khendrah zu, »aber erst muss ich Beweise sehen.«

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Korrekturen 05

5.Teil – Flucht nach vorn (1/2)

Als Thomas wach wurde, stellte er fest, dass er sich nicht bewegen konnte. Etwas hinderte ihn daran. Schlagartig war er vollständig wach. Er stellte fest, dass ein Arm quer über seiner Brust lag. Khendrah!
Er blickte zur Seite und erblickte eine schlafende Frau, die sich offenbar in der Nacht an ihn gekuschelt hatte. Ihren Kopf hatte sie in seine Halsbeuge gelegt. Beruhigt stellte er fest, dass sie noch immer ihren Overall trug.
»Warum eigentlich?«, fragte er sich, »Ich habe doch immer davon geträumt, mit einer solchen Frau eine Nacht zu verbringen. Was ist es dann? Yvonne? Nein, denn was auch immer mich veranlasst, mit Yvonne auszugehen – Liebe ist es nicht.«
Eine Bewegung an seiner Seite lenkte ihn ab. Khendrahs Kopf hob sich. Sie sah einfach niedlich aus, mit ihren zerzausten Haaren. Aus schmalen Augen blinzelte sie ihn an und ließ ihren Kopf wieder fallen.
»Oh, mein Kopf«, klagte sie. »Was ist passiert?«
»Du warst betrunken. Ich habe dich in eine Pension geschafft, wo wir schlafen konnten.«
Sie fuhr mit einem Ruck hoch.
»Wir haben hier zusammen geschlafen?«, fragte sie. »Was hast du mit mir gemacht?«
Thomas musste lachen.
»Gar nichts!«, sagte er. »Du warst zu nichts mehr in der Lage. Wie geht es dir heute Morgen?«
»Du hast mich mit diesem Wein vergiftet«, warf sie ihm vor.
»Blödsinn! Du bist Alkohol einfach nicht gewohnt und warst betrunken. Ich habe dich hier ins Bett gelegt und habe drüben auf der anderen Seite geschlafen. Mehr war nicht.«
Khendrah sah ihn zweifelnd an. Ein Auge hatte sie inzwischen ganz geöffnet. Thomas konnte einfach nicht anders und strich ihr mit der Hand sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie entspannte sich sofort und legte leise grunzend ihren Kopf auf seine Brust. Thomas kraulte ihr leicht den Kopf und sie schnurrte ein wenig.
»Weißt du, dass ich mich an so etwas gewöhnen könnte?«, fragte sie.
»Woran?«, fragte Thomas abwesend.
»An diese Behandlung. Noch nie hat mich jemand in dieser Art und Weise verwöhnt.«
»Du machst Witze«, sagte Thomas. »Du willst mir doch nicht weismachen wollen, dass du noch keinen Freund hattest, oder noch nie mit einem Mann zusammen warst.«
Sie stützte sich auf ihre Ellenbogen und sah ihn an.
»Wenn ich es dir sage. Das ist der Preis für das Leben das ich führe. Keine persönlichen Beziehungen.«
»Und ein solches Leben gefällt dir? Ich könnte es mir nicht vorstellen.«
Er konnte förmlich sehen, wie es in Khendrah arbeitete.
»Thomas Rhoda, was bist du für ein Mensch?«, fragte sie auf einmal. »Ich kenne dich noch keinen Tag lang, aber ich habe das Gefühl, als hättest du mich bereits verändert. Alle meine Grundsätze geraten ins Wanken. Gestern wollte ich nur meinen Fehler wieder rückgängig machen, aber schon heute stelle ich fest, dass es mir wichtig ist, dass dir nichts geschieht.«
»Das finde ich sehr erfreulich«, sagte Thomas lächelnd. »Damit wären wir bei einem sehr wichtigen Thema. Wie stellen wir es an, dass uns beiden wirklich nichts geschieht? Du hattest angedeutet, dass man jetzt auch dich suchen würde. Sind wir hier sicher? Was meinst du?«
Khendrah setzte sich auf.
»Verdammt!«, rief sie. »Seit wann sind wir schon hier? Wir sind hier natürlich auf Dauer nicht sicher.«
»Wie viel Zeit, meinst du, haben wir denn?«
»So darfst du nicht rechnen! In der Basis ticken die Uhren vollkommen anders als in der realen Zeit. Sie können schon wochenlang gesucht haben und Agenten zu jedem beliebigen Zeitpunkt hier absetzen.«
»Du meinst, es könnten hier jeden Augenblick deine Leute hereinkommen und uns festnehmen?«
»Im Prinzip ja, nur, dass sie uns nicht festnehmen würden. Sie würden uns auf der Stelle liquidieren.«
»Aber wie sollen sie uns denn finden? Ich dachte, wir hätten unsere Spuren gut verwischt.«
»Sie haben Scanner, die eine Zeitenebene durchforsten können, um eine Person zu suchen«, sagte Khendrah. »Unser Hauptproblem bin aber ich selbst. Ich trage einen Kommunikator, den jeder von uns in den Jochbeinknochen eingesetzt bekommt. Diesen Sender können sie orten. Er hat eine große Reichweite.«
»Das sagst du mir erst jetzt? Dann müssen wir uns sofort trennen!«
»Halt, halt, es gibt eine andere Lösung«, wandte Khendrah ein. »Auch wenn diese Lösung für mich sehr schmerzhaft ist.«
»Welche Lösung meinst du?«
Sie deutete auf ihren rechten Jochbeinknochen.
»Ich weiß genau, wo das Gerät sitzt. Es wird von außen über Codes bedient, die mit dem Finger an diese Stelle hier geklopft werden. Du musst mir mit einem spitzen Gegenstand hier hineinstechen und es zerstören.«
Thomas starrte Khendrah entsetzt an. »Das kann nicht dein Ernst sein! Wenn ich einen Fehler mache oder abrutsche, bringe ich dich noch um.«
»Du musst es machen, Thomas!«, bettelte sie. »Wenn du es nicht tust, sind wir beide schon so gut wie tot. Schau nach, ob du etwas Passendes hast, das wir verwenden können.«
Thomas biss sich auf die Unterlippe und durchsuchte seine Taschen, bis er schließlich ein Schweizer Taschenmesser hervorholte. Dieses verfügte über einen spitzen Dorn, der gefährlich blitzte. Er hob das Messer hoch und präsentierte den Dorn.
»Das ist alles, was ich habe. Das soll ich dir in den Kopf stoßen? Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter.«
»Das ist perfekt. Du musst es machen, je eher, desto besser. Am besten jetzt gleich.«
Sie setzte sich auf das Bett und hielt ihm ihre rechte Gesichtshälfte hin. Mit dem Finger deutete sie genau auf die Stelle, wo er den Dorn ansetzen sollte.
»Hier musst du zustechen«, sagte sie mit belegter Stimme, »halte meinen Kopf mit der anderen Hand und stoße mindestens drei Zentimeter tief hinein.«
»Hast du eigentlich keine Angst? Ich bin immerhin kein Arzt und wenn du mich fragst …«
Thomas blickte zwischen dem blitzenden Dorn und ihr hin und her.
»Ich hab eine Scheißangst«, gab Khendrah zu. »Mach endlich, bevor ich es mir anders überlege!«
Thomas atmete noch einmal tief durch, dann packte er Khendrahs Kopf und stieß ihr den Dorn tief ins Jochbein. Sie schrie auf und ihr ganzer Körper begann wild zu zucken. Schnell zog Thomas den Dorn heraus, aber Khendrah beruhigte sich fast eine ganze Minute lang nicht, bevor sich ihr Körper entspannte und sie bewusstlos zusammensank.
Thomas stand ratlos vor ihr und wusste nicht, was er nun tun sollte. Vorsichtshalber tastete er nach ihrem Puls und war beruhigt. Sie lebte noch. Dann sah er nach der Einstichstelle und sah, dass sie leicht verbrannt aussah. Glücklicherweise war die Stelle sehr klein – es würde also nicht entstellend wirken. Ein Gutes hatte es: Die Wunde blutete quasi überhaupt nicht.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Khendrah zu sich kam. Vorsichtig betastete sie die Wunde und zuckte zurück, als sie sie berührte.
»Es fühlt sich alles taub an, bis auf die Wunde«, sagte sie. »Aber es war notwendig. Wir sollten trotzdem machen, dass wir von hier verschwinden.«
“Bist du sicher? Du warst eben noch ohne Bewusstsein. Ich hab mir wirklich Sorgen gemacht.”
Sie lächelte gequält. “Schön, wenn du dir Sorgen um mich machst, aber wir sind beide in Gefahr. Wir müssen los.”
Da sie kein Gepäck besaßen, konnten sie sofort verschwinden. Khendrah zupfte ihren Overall etwas glatt und bürstete sich im Bad ihre Haare, dann verließen sie die Pension. Auf der Straße blickte sich Khendrah in alle Richtungen um, da sie befürchtete, dass ihnen bereits jemand auf den Fersen sein könnte.
»Da kommt ein Bus«, sagte Thomas. »Vielleicht sollten wir den erst einmal nehmen, um uns von hier zu entfernen.«
»Gute Idee!«
Sie stellten sich an die Haltestelle und Thomas löste beim Fahrer zwei Tickets. In dem Moment, als der Bus anfahren wollte, gab es einen Ruck und das Fahrzeug neigte sich leicht zur Seite. Ein Teil der Tür hatte sich in Luft aufgelöst.
Khendrah kannte diese Erscheinungen durch ihre eigene Anihilationswaffe zur Genüge.
»Auf den Boden!«, schrie sie Thomas zu und stieß ihn hinunter.

************

Die erste Verwirrung hatte sich schnell gelegt. Fancan war einfach schon zu lange im Geschäft, um sich nicht schnell in einer Zeit zurechtzufinden. Da ein Ort zunächst so gut war wie jeder andere, mietete sie sich in einem kleinen Hotel an der Hauptstraße ein, an der sie aus dem Zeitaufzug gestiegen war.
Die Einrichtung des Zimmers war denkbar einfach. Ein Fernsehgerät war vorhanden, doch interessierte es Fancan nicht sonderlich. Was hätte diese Zeit ihr schon bedeuten sollen? Ihre Aufgabe war es, Khendrah zu finden und sie und ihren mutmaßlichen Begleiter zu liquidieren. Sie setzte sich aufs Bett und zog ihre Ausrüstung aus den Taschen. Fancan betrachtete die Auswahl, die sie mitgebracht hatte. Da war die Anihilationswaffe, die materielle Körper in einem gewissen Umkreis auflöste. Im Magazin befanden sich noch mindestens hundert Schuss – das sollte reichen. Dann war da noch der Funkorter, ein kleines Gerät, mit dem man äußerst präzise nach Funkquellen suchen konnte. Im Gegensatz zu den primitiven Geräten dieser Zeit benötigte man keine Kreuzpeilung, um einen exakten Standort zu bestimmen. Sie glaubte zwar nicht, dass ihr das Gerät etwas nutzen würde – trotzdem schaltete sie es ein und justierte es auf die Frequenz der bei Agenten gebräuchlichen Kommunikatoren. Sofort erhielt sie eine Messung und zuckte zusammen.
»Du Närrin!«, schalt sie sich selbst. »Du hast deinen eigenen Kommunikator geortet.«
Sie änderte den Fokus und weitete den Messbereich immer weiter aus. Nach zwei Stunden wurde sie fündig.
»Mein Täubchen, du wirst nachlässig«, sagte sie. »Es wird wohl dein letzter Fehler gewesen sein.«
Fancan zog eine Folie aus ihrer Kombination und schaltete sie ein. Sofort erschien eine Karte der Stadt dieser Zeit darauf in leuchtenden Farben. Die überspielte die vom Orter ermittelten Koordinaten auf die Karte und erfuhr so, wo sich das Ziel befand.
»Eigentlich wollte ich ja erst morgen früh mit der Jagd beginnen«, dachte sie. »Doch diese Gelegenheit sollte ich mir nicht entgehen lassen.«
Sie packte ihre Sachen zusammen und verließ das Hotel. Sie überlegte, wie sie es anstellen sollte, ihr Ziel zu erreichen. Sie war nicht bereit, zu viel Aufsehen zu erregen. Es gab ein recht gutes öffentliches Verkehrssystem, in dem man weitgehend anonym reisen konnte, leider kam man nachts nicht besonders weit. Ein sogenanntes Taxi wollte sie nicht verwenden, da sie keine Erinnerung bei einem der Fahrer hinterlassen wollte. Vermutlich war sie zu vorsichtig, aber sie hatte stets Wert auf Anonymität in fremden Zeiten gelegt. Also informierte sie sich über die Route zu ihrem Ziel und ging wieder in ihr Hotelzimmer. Die Folie und das Ortungsgerät ließ sie eingeschaltet.
Fancan schlief nicht in dieser Nacht. Immer wieder dachte sie an Khendrah. Es würde unter Umständen schwierig werden, den Auftrag auszuführen, denn immerhin war Khendrah eine ebenso gute Agentin wie sie selbst. Außerdem war auch sie bewaffnet. Sie würde sich wehren.
Plötzlich erzeugte das Ortungsgerät einen Alarm. Das Signal war verschwunden.
»Verdammt!«, schimpfte Fancan laut. »Ich hätte doch sofort mit einem dieser Taxis fahren sollen. Diese Khendrah ist doch besser, als ich dachte. Sie hat offenbar den Sender außer Betrieb gesetzt. Jetzt kommt es auf jede Minute an.«
Sie griff ihre Waffe und die anderen Sachen und hetzte zur Straße, wo gerade ein Mann in ein Taxi einsteigen wollte.
»Scheiß auf die Anonymität«, sagte sie und stieß den Mann zur Seite, um selbst in das Taxi zu steigen. »Fahren sie!«, befahl sie dem Fahrer.
»Nun hören sie mal«, sagte der Fahrer. »Sie können doch nicht einfach …«
»Wenn sie nicht sofort losfahren, blase ich ihnen den Kopf weg!«, fuhr sie ihn an und hielt ihm ihre Waffe an den Kopf.
Der Fahrer verstummte und gab Gas.
»Wohin soll ich denn fahren?«, fragte er ängstlich.
Sie hielt ihm die Folie unter die Nase und deutete auf einen der leuchtenden Punkte.
»Dort hin, und zwar im Eiltempo. Wenn sie wirklich schnell sind, bezahle ich vielleicht sogar für die Fahrt.«
»Ok, ok, ich mach ja schon«, sagte der Fahrer und tat sein Bestes, um diese eigenartige Frau zufriedenzustellen.
Als sich das Funkgerät meldete, fragte Fancan: »Was war das?«
»Mein Funkgerät«, antwortete der Fahrer. »Was sonst?«
»Ein Kommunikator also«, sagte Fancan und zielte mit der Waffe auf das Gerät. Plötzlich klaffte ein Loch in dem Gerät und es verstummte.
»Ich halte es für besser, wenn sie im Moment keinen Kommunikator besitzen«, sagte sie.
»Sagen sie mal, was sind sie eigentlich für eine Type?«, wollte der Fahrer wissen.
»Das wollen sie nicht wissen!«, sagte Fancan barsch und beendete damit das Gespräch.
Eine Viertelstunde später waren sie am Ziel und Fancan gab ihm ein paar Geldscheine. Am Gesicht des Fahrers erkannte sie, dass es wohl viel zu viel gewesen war. Soviel also zur Anonymität. Fancan schob den Gedanken beiseite. In wenigen Stunden würde sie wieder in der Kabine stehen und zur Basis zurückfahren. Was konnte es da schaden, wenn sich ein Taxifahrer an jemanden erinnerte, der nicht mehr in dieser Zeitebene existierte?
Sie sprang aus dem Wagen und tauchte in der Menge der Passanten unter. Jetzt würde es spannend werden, denn, da das Signal nicht mehr existierte, konnte sie nicht sicher sein, in welchem der Gebäude Khendrah steckte und ob sie überhaupt noch in der Nähe war. Sie war aber irgendwie sicher, dass sie sich hier nur auf die Lauer legen musste. Eine runde Säule mit vielen bunten Bildern darauf gab ihr Deckung, während sie mit wachsamem Blick die Umgebung im Auge behielt.
Einer der Busse des öffentlichen Verkehrssystems näherte sich der Haltestelle in ihrer Nähe. Fancan beobachtete, wie er sich anschickte, anzuhalten, da sah sie Khendrah. Sie stand mit einem Mann an der Haltestelle und wollte in den Bus steigen. Sie zog ihre Waffe, doch waren ständig Menschen im Weg. Erst als sie den Bus wieder anfahren sah, hatte sie freies Schussfeld. Sie hielt auf die Tür, an der die beiden eingestiegen waren, und drückte ab. Ein Teil der Tür und das rechte Vorderrad lösten sich auf und der Bus krachte auf die Achse. Fancan verließ ihre Deckung und rannte auf den Bus zu, ihre Waffe in der Hand. Es wäre ihr lieber gewesen, die beiden an einem verschwiegeneren Ort zu erledigen, aber dafür war es zu spät.

*********************

Khendrah spähte über die Sitze der Fensterreihe nach draußen und sah ihre Kollegin auf den Bus zustürmen.
»Fancan!«, schrie Khendrah. »Diese Schweine haben mir Fancan auf den Hals gehetzt. Wir müssen hier raus. Sofort!«
Sie setzte elegant über den am Boden liegenden Thomas hinweg und zog ihn hinter sich hoch.
»Los, Bewegung! Oder willst du draufgehen?«
Das wirkte, und Thomas kam auf die Beine. Geduckt liefen sie den Mittelgang des Busses entlang, bis sie an eine Stelle gegenüber der hinteren Tür ankamen, wo es keine Sitze gab. Die anderen Fahrgäste starrten die beiden nur entgeistert an.
Khendrah zog ihre eigene Waffe und richtete sie auf die Wand des Busses, die sich in einem Bereich von etwa einem Meter Durchmesser auflöste.
»Schnell!«, trieb Khendrah Thomas an. »Raus, bevor sie uns sieht!«
Sie sprangen durch das Loch ins Freie und Khendrah zog Thomas hinter sich her über die Straße und in den Eingang eines Kaufhauses hinein. Sie sahen noch, wie Fancan ebenfalls durch das Loch im Bus sprang und ihnen nachsetzte, bevor sie im Kaufhaus verschwanden. Khendrah war sicher, dass Fancan genau gesehen hatte, wohin sie verschwunden waren. Sie hetzten durch die Gänge und quetschten sich zum hinteren Ende des Kaufhauses hindurch, wo sie über die nächste Straße zu entwischen hofften. Leider hatten sie nicht gewusst, dass der hintere Eingang verschlossen und von diversen Regalen verstellt war. Khendrah wollte eben wieder für einen Ausgang sorgen, als Thomas rief: »Dort hinten ist sie! Wenn du jetzt schießt, weiß sie sofort, wo wir sind. Lass uns über die Rolltreppe nach oben fahren. Vielleicht können wir ihr dort eine Falle stellen.«
»Gute Idee«, sagte Khendrah und deutete auf die nächste, nach oben führende Rolltreppe. »Diese Treppe dort kann sie im Moment noch nicht einsehen. Also los!«
Sie rannten wie besessen und nahmen drei Stufen auf einmal, um die nächste Ebene zu erreichen. Hier wurde es ruhiger. Sie fuhren noch zwei weitere Ebenen nach oben, bis sie die Möbelabteilung erreichten. Hier waren ganze Zimmerkulissen aufgebaut, durch hohe Stellwände voneinander abgetrennt.
»Hier muss es geschehen«, entschied Khendrah. »Hier werden wir ihr auflauern.«
Sie suchten ein geeignetes Ensemble und bereiteten sich auf eine längere Wartezeit ein.
»Kann ich ihnen helfen?«, fragte ein Verkäufer, der sie für normale Kunden hielt.
Khendrah sah ihn fragend an und Thomas sagte schnell: »Nein danke, wir schauen uns hier nur etwas um. Wenn wir Fragen haben, melden wir uns.«
Zu Khendrah gewandt, sagte er: »Ich hab dir angesehen, dass du ihn dir greifen wolltest. Der Mann arbeitet hier. Man kann diese Sachen hier kaufen. Er hatte es nicht auf uns abgesehen.«
»Verdammt, ich weiß einfach zu wenig über eure Zeit!«, gab sie zu.
Es dauerte noch mehr als eine Stunde, bis sie Fancan erblickten, die sich vorsichtig durch die Auslagen bewegte.
»Ich werde gleich den Lockvogel spielen«, flüsterte Khendrah Thomas ins Ohr. »Bekommst du es hin, ihr von hinten eins überzuziehen? Du darfst dich nicht zurückhalten, Fancan ist Kämpferin. Du musst sie entweder ausschalten, oder soweit beschäftigen, bis ich sie überwältigen kann.«
»Das werd ich schon schaffen«, sagte Thomas leise und wandte sich ihr zu.
Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ohne zu überlegen, gab Thomas Khendrah einen Kuss. Überrascht stieß sie ihn zurück. »Was soll das denn?«
»Ich weiß auch nicht. Mir war einfach danach.«
Ein Lächeln stahl sich auf Khendrahs Lippen. »Ich würde dich nur bitten, demnächst einen passenderen Zeitpunkt auszusuchen, o. k.? Wir brauchen unsere ganze Konzentration für Fancan.«
»Ist schon klar«, flüsterte Thomas und grinste.

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Korrekturen 04

4.Teil – Die Verfolgerin

Ralph Geek-Thoben erwachte und war bester Laune. Er hatte viel Zeit investiert, um sich innerhalb der Behörde in eine Position zu manövrieren, die ihm ein großes Maß an eigenständiger Entscheidungsfreiheit ermöglichte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er von den Beobachtern der obersten Korrekturbehörde in seiner angestammten Zeit entdeckt worden war. Er war bereits siebzehn Jahre alt gewesen und hatte überhaupt nicht gewusst, dass es so etwas wie die Behörde überhaupt gab. Er wollte eigentlich Künstler werden und hatte sich bei einem Internat für Kunstförderung beworben. Sein glücklichster Tag war, als seine Eltern ihm die Zulassungsmail gezeigt hatten. Ralph war noch nie lange von zu Hause weg gewesen, doch fiel es ihm nicht schwer, seine geliebte Familie zu verlassen, um seinen Traum leben zu können.
Nach einem Jahr in der neuen Schule tauchten die rätselhaften Beobachter auf und entschieden, dass er die richtigen Anlagen für die Korrekturbehörde besaß. Ohne auf seine Proteste einzugehen, oder seine Eltern zu fragen, nahmen sie ihn mit. Sein Entsetzen war maßlos, als er begriff, dass er niemals mehr nach Hause zurückkehren würde. Es hatte lange gedauert, bis er sich in sein Schicksal gefügt und akzeptiert hatte, dass es für ihn nun nur noch die Arbeit innerhalb des Zeitvektors gab. Es zeigte sich, dass die Beobachter richtig geurteilt hatten, denn Ralph besaß tatsächlich genau die richtigen Anlagen für diese Arbeit. Während der Ausbildung war er immer einer der Besten und so stieg er später schnell vom Hilfstechniker zum Techniker und anschließend zum Agenten auf. Er leistete wirklich gute Arbeit für die oberste Behörde, doch niemand ahnte, dass er im Grunde seines Herzens einen tiefen Hass gegen diese Behörde entwickelt hatte. Man hatte ihm seinen Lebenswunsch zerstört und ihm sein Zuhause genommen. Im Gegensatz zu vielen Anderen im Dienst der Behörde hatte er eine Familie. Er hatte Eltern und drei Geschwister, die er vermisste.
Ralph begann sich dafür zu interessieren, wie die Behörde überhaupt strukturiert war. Im siebenundvierzigsten Jahrhundert hatte man die Zeitreisen entdeckt und fast vierhundert Jahre später fasste man den Entschluss, eine Behörde zu errichten, die darüber wachen sollte, dass es niemals zu Katastrophen, Epidemien oder Kriegen kommen sollte. Dieses Ziel war im Grunde nicht zu erreichen, doch bemühte man sich redlich, den gesamten Zeitstrom zu kontrollieren. Sobald man auf ein Problem stieß, wurde es überprüft und man suchte nach Lösungen, die ein solches Problem bereits im Vorfeld ungeschehen machen würden. Man entwickelte das System der Zeitaufzüge, die sich entlang der Zeitachse bewegen konnten, um den Agenten die Möglichkeit zu geben, jeden Zeitpunkt im Weltgeschehen erreichen zu können. Ralph musste zugeben, dass dies ein äußerst geniales System war. Er bewarb sich um einen Ausbildungsplatz zum Analysten, da er erkannt hatte, dass die Analysten die wahren Herrscher des Systems waren. Die Techniker und Beobachter entdeckten die Probleme, aber die Analysten prüften die Lösungsansätze, die notwendig waren, um sie zu beseitigen. Wenn ein Analyst die optimale Lösung gefunden hatte, legte er seinen Bericht der obersten Behörde vor, die im Grunde überhaupt nicht die Mittel hatte, diesen anzuzweifeln. Sicher, in den Anfängen der Behörde hatte man jeden Bericht durch mehrere Analysten gegenprüfen lassen, doch mit der immer weiter fortschreitenden Ausdehnung der überwachten Zeitebenen fehlte einfach das Personal, um diese erweiterten Prüfungen aufrechtzuerhalten. Jetzt waren es die einzelnen Analysten selbst, welche die Entscheidungen trafen. Die oberste Behörde gab den Aktionen nur noch den offiziellen Anstrich.
Ralph grinste. Niemand ahnte, dass er ein Analyst war, der gegen das System arbeitete. Doch er arbeitete nicht nur gegen das System, sondern er verfolgte auch eigene Ziele. In seiner Eigenschaft als Analyst hatte er das Recht, Daten aller Zeitebenen abzurufen. So erforschte er auch die Zeitebene, aus der er ursprünglich entführt worden war. Er verfolgte, wie seine Eltern verzweifelten, als er plötzlich verschwunden war. Seine Mutter hatte es nie verwunden und war früh gestorben, sein Vater wiederum hatte sich die Schuld an ihrem Tod gegeben und sich ein paar Jahre später das Leben genommen. Sein Bruder, der schon früher häufig Probleme mit seiner ungezügelten Aggressivität hatte, heiratete und bekam einen Sohn, der die gleichen Probleme hatte. Allerdings war er hochintelligent und wurde schon früh politisch aktiv.
Ralph beschloss, diesen Jungen zu fördern und ihn zu Macht zu verhelfen. Er spielte ihm eine Nachricht zu, in der er ihm mitteilte, wie er ihm helfen würde. Der Junge, Herwarth Thoben, antwortete ihm, dass er, wenn er ihm zur Macht verhelfen würde, ihm einen Platz an seiner Seite einräumen würde. Ralph würde niemals mehr Befehle entgegen nehmen müssen – nein, er würde herrschen. Das würde seine Rache an der Behörde sein.
Ralph lief pfeifend den Gang zur Datenbankabteilung hinunter. Inzwischen mussten die Scans der veränderten Realität vollständig sein und er war gespannt, ob seine Arbeit die erwarteten Früchte getragen hatte.
»Hallo Zeno!«, rief er, als er die Abteilung betrat.
Zeno, der – wie so oft – vor dem Terminal eingeschlafen war, schreckte hoch.
»Was?!«, rief er, »Meine Güte, dass Sie mich immer so erschrecken müssen!«
»Gab es irgendwelche Besonderheiten, seit ich gestern hier war?«, wollte Ralph wissen.
»Nein, keine«, meinte Zeno, »nur Khendrah war noch eine Weile hier gestern Abend. Sie wollte noch den Abschlussbericht schreiben.«
»Oh«, sagte Ralph, »das ist aber schnell. Sonst muss ich ihr immer erst auf die Füße treten. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ich bin dann mal für eine Weile in der Hauptdatenbank, oder haben Sie wieder einmal eine Wartung?«
Zeno winkte ab.
»Nein, Sie können loslegen. Sicherung und Wartung liefen schon während der Nacht.« Ralph betrat den dunklen Raum, der nur spärlich durch die virtuellen Displays der Terminals beleuchtet war. Er setzte sich an sein übliches Terminal und meldete sich an. Zunächst interessierte ihn, wie sich nach der Korrektur die Machtverhältnisse in seinem Heimatzeitalter darstellten. Je mehr er jedoch von der Zusammenfassung der Geschichte las, umso verwirrter wurde er. Sein Neffe war noch immer nicht an der Macht, dabei hatte er alles genau analysiert. Nur dieser Gunter Manning-Rhoda hatte im Weg gestanden und dessen Vorfahren hatte Khendrah beseitigt. Was also war schief gegangen? Er begann zu recherchieren. Erst jetzt fiel ihm ein kleines, blinkendes Symbol auf, das er noch nie gesehen hatte. Er klickte darauf und erfuhr, dass es einen unerlaubten Zugriff auf seine Personalakte gegeben hatte. Er stutzte. Seine Akte war gesperrt – er selbst hatte sie verschlüsselt. Wer konnte sich Zugriff verschafft haben? Überrascht las er den Namen Khendrah.
»Khendrah?«, fragte er laut, »Was zum Teufel ist denn in das Mädchen gefahren, dass sie mich auszuspionieren versucht?
Erst dann wurde ihm klar, dass es nicht nur der Versuch gewesen war, sondern, dass sich Khendrah seine Daten wirklich beschafft hatte. Nun wurde Ralph hektisch. Schnell wühlte er sich durch alle Register, bis er wusste, dass Khendrah offenbar nach ihrem kurzen Gespräch Dinge getan hatte, die unvorstellbar waren. Seine ganze Arbeit war zerstört worden und nicht nur das. Khendrah wusste nun offenbar über ihn und seine Pläne Bescheid. Es gab nur eines zu tun: Khendrah musste ebenso beseitigt werden, wie dieser Thomas Rhoda. Er blickte kurz auf den elektronischen Terminkalender und lächelte. Der Basis-Leiter Liivo Qum befand sich zurzeit zur Berichterstattung in der obersten Behörde. Damit war er zur Zeit dessen Vertreter und konnte selbst Agenten Aufträge erteilen. Schnell meldete er sich vom Terminal ab und verließ die Abteilung.
Zeno blickte ihm verwundert hinterher, da er noch nie erlebt hatte, dass Ralph Geek- Thoben es wirklich eilig hatte.
Ralph stürzte in sein Büro und rief nach Agentin Fancan, die kurz darauf erschien.
»Was gibt es denn so Eiliges?«, wollte sie wissen.
»Haben Sie im Moment freie Kapazitäten, Agentin Fancan?«, fragte er.
»Sicher, warum fragen Sie? Haben Sie einen Auftrag? Ich habe im Plan nichts gesehen.«
»Wie gut kennen Sie Khendrah?«, fragte Ralph.
»Khendrah? Wir sind befreundet. Wieso?«
»Hätten Sie moralische Bedenken, Khendrah zu liquidieren, wenn sie eine Verräterin wäre?«
Fancan war verblüfft.
»Diese Frage ist doch hoffentlich rhetorisch, oder?«
»Ich wünschte, es wäre so«, sagte Ralph, »Khendrah hat ihren letzten Auftrag nachträglich erneut korrigiert und ist vermutlich mit der Zielperson flüchtig.«
»Das ist doch ausgemachter Unsinn!«, schimpfte Fancan, »Khendrah würde so etwas niemals tun!«
»Vorsichtig«, sagte Ralph. »Ich habe unwiderrufliche Beweise, dass sie gestern noch einmal den Aufzug benutzt hat und zu ihrer Einsatzzeit zurückgereist ist. Gleichzeitig ist ihre Korrektur in den Datenbanken nicht mehr existent. Das ist Verrat! Sie wissen, was wir mit Verrätern tun müssen?«
Fancan ließ sich auf einen Stuhl fallen.
»Das kann ich nicht glauben«, sagte sie. »Nicht Khendrah. Sie ist bisher immer absolut korrekt gewesen.«
»Soll ich einen Agenten von einer anderen Basis anfordern?«, fragte Ralph. Fancan schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht nötig«, flüsterte sie. »Ich mache das. Vielleicht kann ich sie noch zur Vernunft bringen. Mir vertraut sie.«
Ralph schüttelte den Kopf.
»Nein, Fancan. Keine Verhandlungen. Sie finden sie und schalten sie aus. Dann kümmern Sie sich um Khendrahs Zielperson, haben Sie das verstanden?«
»Aber Khrendra ist eine von uns! Sollten wir nicht erst mal hinterfragen, warum sie das getan hat? Ich kenne sie seit Jahren. Sie ist mit Leib und Seele Agentin.«
»Die Regeln sind klar. Unsere Verantwortung gehört allen Zeitaltern, die von uns überwacht werden. Wenn aus unseren eigenen Reihen jemand aus der Reihe tanzt, steht zu viel auf dem Spiel. Es geht hier nicht um eine kleine Ordnungswidrigkeit. Khendrah ist zu liquidieren, und das, bevor ihre Anwesenheit in einer Zeitzone Einfluss auf die dortige Geschichte hat.«
»Ja«, sagte Fancan heiser. »Ich mache mich gleich auf den Weg.«
Nachdem Fancan gegangen war, atmete Ralph auf. Das war noch einmal gut gegangen. Er zweifelte nicht daran, dass Fancan diesen Job erledigen würde. Er war selbst einmal Agent und wusste daher, wie gradlinig und konsequent sie ihre Arbeit machten.

Fancan fühlte sich wie im Nebel, als sie zu ihrer Wohnung zurückkehrte. Khendrah eine Verräterin? Es erschien ihr wie ein schlechter Scherz. Sie hatten schon so viele Einsätze hinter sich, einige davon sogar gemeinsam. Khendrah war ihre Freundin, aber trotzdem war es jetzt ihr Job, sie zu töten, wenn sie Khendrah finden konnte. In ihrer Wohnung zog sie eine Einsatzkombination an und nahm alles an Waffen mit, was man unauffällig darin verstauen konnte. Wohin musste sie reisen? 17. November 2008? Was gab es für Besonderheiten in dieser Zeit. Sie befragte ihren Computer, der mit der Datenbank verbunden war. Es gab eine Vielzahl von Einzelstaaten und man benötigte Geld. Was war Geld? Sie suchte weiter. Geld war ein symbolischer Tauschartikel, für den man Waren und Dienstleistungen bekommen konnte. Fancan lächelte. Es war eine rückständige Welt dort am unteren Ende der überwachten Zeitalter, aber sie war froh, sich noch rechtzeitig informiert zu haben, so konnte sie sich noch einiges an Geld dieser Zeit und dieses Staates aus dem Archiv liefern lassen.
Als sie alles beisammenhatte, machte sie sich auf den Weg zum Aufzug. Während der Fahrt zum Zielzeitpunkt wünschte sie sich insgeheim, ihre Freundin nicht zu finden. Sie konnte nicht abstreiten, dass es ihr nicht leicht fallen würde, sie zu töten. Doch wenn sie ihr gegenüberstand …
Die Kabine kam zum Stillstand. Fancan sog zischend die Luft ein und drückte die Tür auf, im nächsten Moment stand sie auf einer belebten Straße. Passanten hasteten vorbei, unerhört viele Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren verstopften die Fahrbahn. Die Luft stank vor Abgasen der Fahrzeuge. Fancan blickte desorientiert umher und spürte die schneidende Kälte des Novembertages. Der Gehweg war feucht und ein unangenehmer Nieselregen schlug ihr ins Gesicht.
»Verdammt, ist das kalt«, sagte sie.
»Da wunderst du dich, wenn du in solchen Klamotten herumläufst, Kindchen«, mischte sich eine alte Frau ein, die gerade mit vollen Kunststofftaschen an ihr vorbei kam.
Fancan ignorierte sie, nahm sich aber vor, sich wärmere Kleidung zu besorgen.
»Wo steckst du, Khendrah?«, sagte sie leise zu sich selbst und mischte sich unter die unzähligen Passanten. Erst einmal brauchte sie irgendwo eine Bleibe. Morgen würde die Jagd beginnen.

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Korrekturen 03

3.Teil – 17. November 2008, zweiter Versuch

Claus hatte nur gegrinst, als er ihm davon erzählt hatte, dass er neben der nackten Yvonne in seinem Bett wach geworden war.
»Das wird auch Zeit, dass du ‘mal an eine Frau kommst«, hatte er gesagt, »halte sie dir warm. Ich hatte den Eindruck, dass die Chemie zwischen euch stimmt, als ihr gestern eng umschlungen aus der Disco verschwunden wart.«
Thomas war es unangenehm gewesen, zumal er sich noch nicht einmal daran erinnern konnte.
Es hatte Wochen gedauert, bis Yvonne sich wieder gemeldet hatte. In unregelmäßigen Abständen verabredete sie sich mit ihm und meist landeten sie später gemeinsam im Bett. In einer Art fühlte sich Thomas wie ein Lückenbüßer, andererseits hatte er sonst niemanden. Es war eine beschissene Situation.
Thomas blickte in den Spiegel seines Spindes und fragte sich:
»Brauche ich das eigentlich wirklich?«
Er schlug seinen Spind lautstark zu und drückte das Vorhängeschloss zu. Er löschte das Licht und machte sich auf den Weg.
Draußen war es bereits dämmerig – es war immerhin bereits November. Thomas blickte sich in beide Richtungen der Straße um. Sie war, wie immer um diese Zeit, vollkommen verstopft. Es hatte also keinen Zweck, auf den Bus zu warten. Er war besser bedient, wenn er von vornherein zu Fuß nach Hause ging. Thomas schlug seinen Kragen hoch, um die Kälte abzuwehren. Es fing leicht an zu nieseln. Die Stadt wirkte dadurch noch trostloser, als sonst. Er seufzte und machte sich auf den Weg.

An der nächsten Kreuzung stellte er sich unter einem schmalen Vordach unter und zog sein Handy hervor. Thomas musste noch mit Yvonne Kontakt aufnehmen, wenn er sie heute noch treffen wollte. Er ließ es endlos lange durchläuten, bis eine freundliche Stimme ihm erklärte, dass der Teilnehmer nicht antwortet. Er wiederholte es mehrere Male – jedes Mal mit dem gleichen Erfolg. Yvonne meldete sich nicht. Vermutlich hatte sie wieder einmal etwas Besseres vor. Thomas wusste ja, dass er nur der Notstopfen war, aber es versetzte ihm doch jedes Mal wieder einen Stich.
Er wollte gerade sein Telefon wieder wegstecken, als er den Blick hob und eine Frau bemerkte, die in einem beleuchteten Hauseingang auf der anderen Straßenseite stand und zu ihm hinübersah. Thomas kannte sie nicht. Sie fiel ihm nur deswegen auf, weil sie für die Jahreszeit völlig unpassend gekleidet war, mit sehr kurzem Rock und kurzer Jacke, dazu noch in schreienden Farben. Die Haare waren lang, auf der einen Seite blond, auf der anderen Seite schwarz. Sie war alles in allem eine sehr skurrile Erscheinung. Immer noch schien sie ihn anzublicken, ohne eine Miene zu verziehen. Thomas betrachtete sie etwas genauer. Er hatte noch nie eine Frau gesehen, die sich so zurechtgemacht hatte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ihre Augenpartie in Form eines schwarzen Streifens geschminkt hatte, dabei wirkte sie eigentlich sogar sehr hübsch – wenn dieses verrückte Outfit nicht gewesen wäre. Er fragte sich, was wohl der Grund für ihre Erscheinung wäre. Vielleicht war es eine Prostituierte, die auf Kundschaft wartete. Thomas schüttelte den Kopf, zog seinen Kopf wieder tief in seinen Kragen und machte sich wieder auf den Weg durch das Nieselwetter.
Seine Wohnung befand sich in einer Seitenstraße und lag etwa eine gute halbe Stunde Fußweg von seiner Arbeitsstätte entfernt. Thomas lief relativ schnell, da er keine Lust hatte, sich von dem ungemütlichen Nieselregen vollständig nass regnen zu lassen. Die ganze Zeit über lief er an stehendem und hupendem Verkehr vorbei. Es wurde in der letzten Zeit immer schlimmer. Es lohnte sich im Grunde überhaupt nicht, um diese Zeit mit dem Auto durch die Stadt zu fahren, doch die meisten der Autofahrer schienen das nicht zu begreifen. Ruhiger wurde es erst, nachdem er in seine Straße eingebogen war. Hier war es entschieden dunkler, als auf der Hauptstraße, da hier noch zum Teil alte Gaslaternen standen und den Gehweg nur trübe ausleuchteten. Obwohl man hier nicht schnell fahren durfte, hörte er von hinten ein Auto, welches sich schnell näherte. Thomas blickte sich um und bemerkte dabei, dass es genau in Höhe einer großen Pfütze an ihm vorbeifahren würde. Schnell sprang er in eine dunkle Einfahrt hinein, als eine Fontäne schmutzigen Wassers gegen die Hausfassade klatschte. Er selbst hatte Glück und bekam nichts davon ab.
Er wollte gerade wieder auf den Gehweg zurück, als jemand ihn von hinten ergriff und entschlossen festhielt. Etwas Hartes bohrte sich in seine Seite.
»Was soll das?«, rief Thomas erschreckt. »Wenn Sie Geld wollen – ich habe nicht viel bei mir!«
»Seien Sie still!«, zischte eine Stimme an seinem Ohr. »Ich will keinen Laut hören.«
Unterstützt wurde die Forderung, in dem der harte Gegenstand sich noch stärker in seine Seite bohrte. Thomas hatte keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um eine Waffe handelte.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte Thomas etwas leiser.
»Keinen Laut, habe ich gesagt«, zischte die Stimme wieder. »Wenn Sie leben wollen, seien Sie jetzt ruhig.«
Thomas fühlte einen dicken Kloß in seinem Hals, rührte sich aber nicht mehr. Nach kurzer Zeit sah er eine Frauengestalt an der Einfahrt auftauchen. Es handelte sich ohne Zweifel um die Frau, die ihm bereits auf der Hauptstraße aufgefallen war. Sie blieb kurz stehen uns versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Nach kurzer Zeit ging sie weiter. Die Waffe war noch immer in seiner Seite, also wagte sich Thomas nicht, sich zu rühren. Nach einigen Minuten ließ der Druck nach.
»Ich werde Sie jetzt loslassen«, flüsterte die Stimme an seinem Ohr. »Machen Sie nicht den Fehler, um Hilfe zu rufen, oder mich anzugreifen. Ich habe noch immer eine Waffe. Es wäre Ihr Tod. Haben Sie das verstanden?«
Thomas nickte vorsichtig. Er war unfähig, klar zu denken.
Der Griff lockerte sich und Thomas fuhr herum. Überrascht stellte er fest, dass er von einer jungen Frau überfallen worden war. Wegen der Dunkelheit konnte er sie noch immer nicht genau erkennen, doch hatte sich seine Augen inzwischen schon etwas an die Dunkelheit gewöhnt. Er war sich nicht sicher, aber die Frau hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit der Frau, die ihn verfolgt hatte.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte Thomas. »Wenn Sie kein Geld wollen, was wollen Sie dann
»Ob Sie es nun glauben oder nicht, aber ich bin gerade dabei, Ihren Arsch zu retten. Wir müssen sofort von hier weg. Sie kennen sich sicher gut aus. Sie werden mich führen. Aber denken Sie daran, dass ich Ihre Lebensversicherung bin – versuchen Sie mich also nicht zu täuschen.«
»Wieso muss ich von hier weg?«, wollte Thomas wissen. »Wer sind Sie überhaupt?«
»Mein Name ist Khendrah. Aber das ist im Moment nicht wichtig. Ich werde es später erklären, aber jetzt ist es Zeit, schnell weit von hier weg zu kommen. Also los.«
Khendrah stieß Thomas an, um ihn zu motivieren. Langsam begann er zu begreifen, dass es aus irgendwelchen Gründen um ihn ging und dass es um Leben und Tod ging. Es kam Bewegung in ihn und er deutete auf die Straße.
»Wir müssen bis zur U-Bahn rennen, dann kommen wir weg. Mit dem Bus kommen wir bei diesem Verkehr nicht weit.«
»Was immer eine U-Bahn ist, sehen wir zu, dass wir dort hinkommen.«
Khendrah blickte vorsichtig die Straße in beide Richtungen hinunter, dann fasste sie Thomas an der Hand.
Als sie seinen Blick bemerkte, grinste sie und meinte: »Nur zur Sicherheit. Wir wollen uns ja nicht verlieren, oder?«
Thomas begann zu rennen. Es war ein guter Kilometer bis zur U-Bahn-Station. Khendrah hielt seine Hand mit eisernem Griff und lief leichtfüßig neben ihm her. Als sie die helle Hauptstraße erreichten, sah Thomas, dass Khendrah genau so aussah, wie die Frau, die er im Hauseingang auf der anderen Straßenseite gesehen hatte, nur, dass sie nun nicht mehr diese aufreizende Kleidung trug, sondern eine Art Overall mit vielen Taschen. Der Overall war sehr eng und betonte ihre tolle Figur. Khendrah war eine Schönheit. Was wollte diese Frau nur von ihm?
Völlig außer Atem hielt Thomas an.
»Wir müssen weiter«, drängte Khendrah. »Wie weit ist es noch?«
Keuchend sagte Thomas: »Wir sind bald da. Ich muss nur etwas verschnaufen. Wer verfolgt mich eigentlich? Wenn ich ehrlich bin, habe ich das Gefühl, dass Sie dieser Frau sehr ähnlich sehen.«
»Das wundert mich nicht«, sagte Khendrah., »Denn ich bin es, die Sie verfolgt!«
Thomas zog ihr die Hand weg und starrte sie an.
»Ich verstehe nichts mehr«, sagte er. »Sie verfolgen mich und wollen mich töten. Gleichzeitig wollen Sie mich retten. Überhaupt, was soll der Blödsinn? Da sind doch zwei Personen hinter mir her.«
»Die Khendrah, die Sie töten will, ist eine frühere Version von mir«, sagte sie. »Ich erkläre es Ihnen später – jetzt müssen Sie erst einmal in Sicherheit gebracht werden. »
In einiger Entfernung war die U-Bahn-Station bereits zu sehen. Khendrah konnte sich zwar unter einer U-Bahn nichts vorstellen, aber sie sah das leuchtende ‘U’ und kombinierte, dass dies ihr Ziel sein musste. Entschlossen griff sie wieder nach Thomas’ Hand und zog ihn mit sich. Vollkommen verwirrt ließ er es geschehen und stolperte mehr, als er ging, hinter ihr her.
Als sie die Treppe zur U-Bahn hinunter hetzten, sagte Thomas: »Wir brauchen noch Fahrkarten.«
»Was soll das sein?«
»Meine Güte, wo leben Sie denn?«, fragte Thomas. »Ohne Fahrkarte kommen wir nicht durch die Absperrung und können nicht mit der U-Bahn fahren.«
»Dann beschaffen Sie uns solche … Fahrkarten«, forderte Khendrah. »Ich kenne mich und fürchte, dass die frühere Khendrah uns sehr schnell auf den Fersen sein wird, wenn wie unsere Möglichkeiten, unterzutauchen, nicht schleunigst vervielfältigen.«
»Sie haben nicht zufällig Geld bei sich?«, fragte Thomas.
»Was soll ich haben?«
Thomas winkte ab und ging an den nächsten Automaten, wo er zwei Tickets zog. Eines gab er Khendrah, die es interessiert betrachtete. Nun war es Thomas, der Khendrah durch die Sperren manövrierte und dafür sorgte, dass sie Plätze in einem Wagen bekamen. Sie wechselten mehrfach die Bahnen und nahmen dann noch einen Bus, bis Khendrah zufrieden war und meinte, dass sie ihre Spuren nun gut genug verwischt hätten.
»Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht«, sagte Thomas. »Aber ich für meinen Teil habe einen ungeheuren Hunger. Da ich davon ausgehe, dass Sie wirklich kein Geld haben, werde ich Sie wohl einladen müssen, wenn ich erfahren möchte, was hier überhaupt gespielt wird.«
»Hunger habe ich allerdings auch«, gab Khendrah zu. »Wo finden wir denn ein – wie sagt man hier?«
»Restaurant?«
»Ja, ich glaube, so hieß es«, sagte Khendrah.
Thomas wies auf ein Lokal.
»Dort werden wir etwas Anständiges bekommen. Für uns beide wird mein Geld noch reichen.«
Er führte sie hinein und sie nahmen an einem der freien Tische Platz. Es kam ihnen entgegen, dass das Lokal noch nicht gut besucht war. Sie konnten sich also ungestört unterhalten. Thomas bestellte Wein und ein Hauptgericht, dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück.
»So Khendrah, jetzt sind wir ungestört. Jetzt will ich ein paar Erklärungen hören.«
Er blickte sie an und konnte noch immer nicht begreifen, wie ein so hübsches Mädchen ihn so leicht überwältigen konnte. In diesem Moment klingelte Thomas’ Handy.
»Ich weiß schon – Handy«, sagte Khendrah. »Kommunikator.«
Thomas sah fragend zu ihr hinüber, als er sein Telefon aufklappte und den Ruf annahm.
»Nein, ich kann jetzt nicht«, sagte er, »ich rufe dich später wieder an.«
Er klappte das Telefon zu und steckte es wieder weg.
»Iwonn?«, fragte Khendrah.
»Woher wissen Sie das?«, wunderte sich Thomas, der sich sicher war, dass Khendrah das Display nicht gesehen hatte.
»Ich weiß einiges. Sie haben Sex mit ihr, aber sie ist nicht schwanger.«
Thomas verschluckte sich fast.
»Jetzt reicht es! Ich will Antworten. Also erst einmal: Was ist Khendrah für ein komischer Name? Ist es Ihr Vor- oder Nachname?«
»Was soll diese Frage? Khendrah ist mein Name. So heiße ich. Einen anderen Namen habe ich nicht. Ist es bei Ihnen anders, Thomas Rhoda?«
»Man hat einen Vor- oder Rufnamen. Bei mir ist das Thomas. Dann gibt es noch den Familiennamen, so wie auch andere Mitglieder derselben Familie heißen. Das ist bei mir der Name Rhoda. Sie heißen nur Khendrah?«
Sie nickte und griff nach seinen Händen.
»Wenn wir nun anfangen, persönliche Details auszutauschen, sollten wir vom formellen Sie zum Du übergehen, meinst du nicht?«, schlug Khendrah vor. »Dann fällt es mir leichter.«
»Ich hatte bisher nicht den Eindruck, als wärst du sehr empfindlich«, meinte Thomas.
»Du bist unfair«, warf sie ihm vor, »immerhin habe ich dein Leben gerettet. Du kennst mich nicht.«
»Dann lass’ mich dich kennenlernen«, sagte Thomas.
Der Wein wurde serviert und Thomas schenkte sich und Khendrah einen Schluck ein. Sie sah interessiert zu.
»Was ist das?«
»Rotwein. Du magst doch einen trockenen Roten?«
»Hm«, machte sie und hob das Glas an ihre Nase. »Ist da etwa Alkohol drin?«
»Natürlich ist in Wein Alkohol. Du kennst keinen Wein?«
»So etwas gibt es bei uns nicht«, sagte Khendrah. »Es ist Gift.«
»Es ist immer eine Frage der Dosierung«, erklärte Thomas. Er fragte sich allmählich, wo diese Frau bisher gelebt hatte, dass sie so weltfremd war. Sie wirkte überhaupt nicht mehr so bedrohlich wie zu Beginn.
Khendrah nippte an dem Wein und machte ein überraschtes Gesicht.
»Wein schmeckt wirklich gut.«
»Zurück zum Thema«, sagte Thomas, »Wer bist du? Wo kommst du her? Was hat das alles mit mir zu tun?«
Khendrah stellte das Glas ab.
»Ich will versuchen, es verständlich auszudrücken. Einiges wird dir unglaubwürdig vorkommen, aber ich kann dir versichern – es ist alles wahr. Ich stamme nicht aus dieser Zeit, in der du lebst. Ich stamme eigentlich aus dem Jahre 3162 – das ist mein Geburtsjahr. Zurzeit bin ich vierundzwanzig Realjahre alt. Es gibt eine Behörde, eine Organisation, die über die Verhältnisse im Zeitfluss wacht. Bemerkt sie eine Unregelmäßigkeit, dann errechnet sie, welche Maßnahme ergriffen werden muss, damit die Unregelmäßigkeit ungeschehen gemacht wird. In der Regel wird versucht, in der Vergangenheit des unerwünschten Ereignisses etwas auszulösen, damit es erst gar nicht geschieht. Es wird dann ein Agent ausgeschickt, die Korrektur durchzuführen. Ein solcher Agent bin ich. Du warst mein Auftrag.«
»Stop!«, rief Thomas dazwischen. »Das ist jetzt etwas starker Tobak. Ich soll dir also glauben, dass du eine Zeitreise unternommen hast aus einer Zeit über tausend Jahre in der Zukunft, um mich hier und heute vor dem Tod zu retten?«
Khendrah druckste herum.
»Ganz so ist es nicht. Richtig ist, dass ich von meiner Basis im Jahre 3500 gestartet bin, um heute einen Auftrag zu erfüllen. Die oberste Behörde ist nicht nur für die ferne Zukunft zuständig, sondern prüft ständig den gesamten Zeitablauf, um Fehler und Unregelmäßigkeiten zu finden. Den Unterlagen zufolge, die ich bekommen habe, sollte ein Nachkomme von dir nach fünf Generationen ein machthungriger Diktator sein, der eine Vielzahl von Menschen tötet.«
»Und deswegen bist du hier, um mich zu retten? Ich glaube, ich verstehe das noch immer nicht.«
»Mein Auftrag war nicht, dich zu retten, Thomas. Mein Auftrag lautete, dich zu töten, um zu verhindern, dass es diesen Diktator gibt. Genau genommen habe ich dich sogar getötet.«
Thomas prustete den Wein, den er gerade getrunken hatte, über den Tisch.
»Bist du nun mein Feind, oder mein Freund?«
»So einfach ist es nicht. Ich war dein Feind, wenn man so will, aber jetzt nicht mehr. Ich habe herausgefunden, dass man mich betrogen hat und es durch deinen Tod erst zu dieser Gewaltdiktatur kommt, die ich verhindern sollte. Ich bin hier, um meinen Fehler wieder zu korrigieren. Du musst leben, Thomas.«
»Also noch einmal zum Mitschreiben: Du hast mich ermordet, aber jetzt findest du das nicht mehr gut und jetzt willst du, dass ich lebe. Was seid Ihr eigentlich für ein perverser Haufen? Ihr maßt euch wirklich an, zu entscheiden, ob jemand leben darf, oder nicht?«
»Was ist daran so unverständlich?«, fragte Khendrah, »Es muss dir doch auch logisch erscheinen, dass es besser ist, einen Menschen zu töten und dadurch Millionen zu retten.«
»Nein!«, ereiferte sich Thomas, »Absolut nicht! Ihr könnt doch nicht in der Zeit zurückwandern, euch einen völlig unschuldigen Menschen wie mich schnappen und ihn für eine Tat zum Tode verurteilen, die irgendein ferner Nachkomme begeht. Das ist krank!«
Thomas sah Khendrah mit blitzenden Augen an. Sie verstand nicht so recht, was daran Unrecht sein sollte und warum es Thomas so sehr aufregte.
»Thomas, aber das Gleichgewicht ist doch trotzdem wieder hergestellt.«
Es verschlug Thomas den Atem. Da saß er mit einer bildschönen Frau beim Essen und sie eröffnete ihm, dass es in Ordnung war, wahllos in der Vergangenheit eines Menschen jemanden umzubringen, um irgendwo in der Zukunft eine positive Reaktion zu erzielen. Er sah das Unverständnis in ihren Augen. Sie war nicht wirklich böse, sie war wohl einfach ein Opfer ihrer Kultur oder Ausbildung. Jedenfalls war er bereit, das zu glauben.
»Sieh, ich habe meinen Fehler doch wieder korrigiert, sonst würden wir jetzt nicht hier sitzen«, sagte sie, um ihn zu beschwichtigen.
»Dafür bin ich dir auch verdammt dankbar«, sagte er sarkastisch. »Aber es geht doch um die Idee an sich. Nur, weil es möglich ist, darf man doch nicht an der Zeit herumpfuschen. Für mich ist diese oberste Behörde, von der du berichtet hast, die wahre Diktatur. Diese Leute bilden sich ein, entscheiden zu dürfen, was im Zeitablauf geschehen darf und was nicht, oder sehe ich jetzt etwas falsch? Dann sag’ es mir.«
Thomas sah, wie es hinter Khendrahs Stirn arbeitete. Vermutlich hatte sie ihre Arbeit nie wirklich infrage gestellt. Er ließ ihr einen Moment Zeit. Dann fragte er: »Habe ich nicht Recht, Khendrah? Im Grunde muss jeder von uns befürchten, durch eine Korrektur dieser Behörde einfach ausgelöscht zu werden.«
»So habe ich es noch nie gesehen«, gab sie kleinlaut zu. »Aber sie prüfen sehr gewissenhaft, bevor sie korrigieren.«
Mit einer Handbewegung wischte er ihren schwachen Versuch weg, die Arbeit der Behörde doch noch zu rechtfertigen.
»Quatsch! Es sind Menschen, wie du und ich, die dort über das Schicksal aller Zeiten entscheiden. Diese Leute haben einen Gottkomplex. Wie sieht es überhaupt aus? Hast du durch meine Rettung nicht jetzt gegen eure Gesetze verstoßen? Wie soll es jetzt weiter gehen?«
»Ich … ich weiß es nicht«, sagte Khendrah. »Aber du hast recht. Wenn sie mich jetzt erwischen, werde ich verurteilt. Verdammt, ich kann nie wieder zurück zu meiner Basis.«
Khendrah tat Thomas leid, wie sie so vor ihm saß. Ihr wurde erst jetzt klar, dass sie sich genau wie er vor dieser rätselhaften Behörde verstecken musste.
»Ist dir diese verdammte Basis denn so wichtig?«, fragte Thomas. »Es ist doch nur ein Job, oder etwa nicht?«
»Es ist nicht ganz so einfach, wie du es betrachtest«, sagte Khendrah. »Wir Agenten werden häufig als Kinder oder Jugendliche von Beobachtern der obersten Behörde rekrutiert und müssen unsere Zeit verlassen. Wir werden ausgebildet und dürfen niemals mehr in unsere eigene Zeit zurückkehren. Der Job – wie du es nennst – ist alles, was ich überhaupt habe. Er ist alles, wofür ich jemals gelebt habe.«
Thomas sah sie mitfühlend an. »Mein Gott, was seid ihr nur für arme Menschen!«
»Ich habe es bisher nie so gesehen«, gab Khendrah zu. »Ich war immer stolz auf das, was ich getan habe.«
»Stolz darauf, Menschen zu töten?«, fragte er spöttisch.
»Wir wurden ausgebildet, immer nur das Wohl der Gesamtheit zu sehen«, verteidigte sich Khendrah.
»Siehst du es denn noch immer nicht?«, fragte Thomas. »Ihr legt Richtlinien fest, die besagen, dass einer oder wenige Menschen keine Rechte besitzen, eine große Zahl Menschen jedoch alle Rechte haben. Das ist nach meinem Verständnis einfach unmoralisch.«
Ihr Essen wurde gebracht und unterbrach ihre Diskussion.
Khendrah betrachtete interessiert den Teller, der dampfend vor ihr abgestellt wurde.
»Und was esse ich jetzt hier?«, wollte sie wissen.
»Was soll das schon sein? Ein kleines Rindersteak und eine Folienkartoffel mit Kräuterquark. Ich wünsche einen guten Appetit.«
»Rindersteak?«, fragte Khendrah entsetzt. »Das stammt von einem Tier? Ihr tötet Tiere, um sie zu essen?«
»Das findest du schlimm?«, wunderte sich Thomas amüsiert. »Entschuldige, dass ich lache, aber das ist zu komisch. Du tötest Menschen und das ist in Ordnung, aber ein Tier zu töten, das ist verwerflich?«
»Man kann tierische Eiweiße synthetisch erzeugen«, belehrte ihn Khendrah. »Es besteht keine Veranlassung, aus diesem Grunde Leben auszulöschen.«
Thomas schnitt sich ein Stück Fleisch ab und steckte es sich genussvoll in den Mund, dann sagte er:
»Eine solche Technologie gibt es bei uns noch nicht, und solange es sie nicht gibt, werde ich mir mein Steak nicht nehmen lassen. Du solltest es wenigstens kosten.«
Khendrah aß erst etwas widerwillig, doch musste sie zugeben, dass es entschieden besser schmeckte, als das Essen, das sie in der Basis gewohnt war. Sogar dem Wein sprach sie nach einiger Zeit gut zu, sodass Thomas ihr nachher das Glas wegnehmen musste, weil sie schon einen leichten Schwips hatte. Sie war Alkohol überhaupt nicht gewohnt.
Nach dem Essen überlegte Thomas, was er tun sollte. Khendrah war leicht betrunken und ihm in dieser Frage keine große Hilfe. Nach Hause zurückkehren konnte er sicherlich nicht. Wenn Khendrah ihn dort gefunden hatte, würden es auch andere tun. Und wenn es stimmte, dass man sie getäuscht hatte, dann gab es in dieser Basis, von der sie erzählt hatte, zumindest einen Menschen, der ein Interesse daran haben musste, sie beide zu beseitigen. Er entschied, dass es am besten sein war, für diese Nacht in einer Pension abzusteigen. Am Morgen würde man weitersehen.
Er nahm Khendrah fest in den Arm und überquerte mit ihr die Straße, da er auf der anderen Seite das Schild einer Pension erblickt hatte. Der Zustand seiner Begleiterin hatte sich noch weiter verschlechtert und der Pensionswirt betrachtete sie beide mit missbilligendem Blick, gab ihnen jedoch das Zimmer für diese Nacht.
Thomas bugsierte Khendrah die Treppe hinauf, während sie nur noch dümmlich vor sich ihn kicherte. Im Zimmer legte er sie auf das Bett, wo sie sich gleich zusammenrollte und mit entspanntem Gesicht einschlief. Er überlegte, ob er ihr den Overall ausziehen sollte, doch entschied sich dagegen, weil es ihm nicht richtig vorkam, sie zu entkleiden, während sie hilflos vor ihm lag. Er setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett und betrachtete sie. Khendrah war eine Schönheit. Er musste zugeben, dass er sich irgendwie zu dieser Frau hingezogen fühlte.
»Vergiss es!«, mahnte er sich selbst. »Sie ist eine Killerin. Wer weiß, ob ich nicht noch immer, oder gerade, weil sie bei mit ist, in Gefahr bin. Ich sollte mich aus dem Staub machen, solange es noch geht.«
Er sah sie wieder an. Sie sah aus wie ein Engel, wie sie da lag – die blonde Haarmähne um ein weiches, entspanntes Gesicht. Sie begann am Körper zu zittern – fror offensichtlich. Thomas griff nach der Decke und legte sie ihr über, worauf sie wohlig seufzte.
»Verdammt, ich kann sie nicht so einfach allein lassen. Egal, was sie ist, ich verdanke ihr trotzdem auch, dass ich jetzt noch lebe.«
Er legte sich auf die noch freie Seite des Bettes, blickte noch einmal zur Seite und löschte dann das Licht.

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Die Geschichte macht jetzt eine Woche Pause. Den nächsten Teil gibt es am 2. März 2019

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Korrekturen 02

  1. Teil – 17.November 2008 (2/2)

Khendrah starrte noch einen Moment auf die Stelle, an der Thomas gesessen hatte. Zischend stieß sie ihren Atem aus. Es war ihr diesmal nicht so leicht gefallen wie sonst. Thomas Rhoda war ein recht sympathischer Mann gewesen. Es war nur schwer vorstellbar, dass aus seiner Blutlinie ein faschistischer Massenmörder hervorgehen sollte, doch die Behörde hatte alles genau geprüft, bevor sie die Beweise dem Ausschuss vorgelegt hatte. Ein Agent wurde immer erst entsandt, wenn ein unwiderrufliches Urteil gefällt worden war. Sie tippte einen Code an ihr rechtes Jochbein, worauf sie eine Stimme in ihrem Ohr vernahm:
»Agentin Khendrah, haben Sie Ihren Auftrag ausgeführt?«
»Es ist alles erledigt«, antwortete sie. »Thomas Rhoda ist liquidiert. Bitte prüfen Sie den Erfolg der Korrektur.«
»Wird erledigt. Bitte kehren Sie nun zurück in den Zeitvektor. Es ist besser, dass Sie nicht noch irgendwelchen Menschen auffallen.«
»In Ordnung, ich kehre zurück«, entgegnete Khendrah und unterbrach das Gespräch.
Es war auch in ihrem eigenen Sinne, schnell wieder von hier zu verschwinden. Dieser Sektor lag ihr nicht besonders, was auch nicht schwer zu begreifen war, wenn man wusste, dass Khendrah ursprünglich aus dem Jahre 3162 stammte, in dem sie geboren war.
Nachdem sie Thomas’ Wohnung wieder verschlossen hatte, lief sie die Treppe hinunter zur Straße. Im Eingang kam ihr eine ältere Frau entgegen, die sie anstarrte wie ein Gespenst. Khendrah nickte ihr kurz zu und ging an ihr vorbei. Die Frau starrte ihr noch hinterher, doch Khendrah war sicher, dass sie ihre Erscheinung bald wieder vergessen haben würde. Auf dem dunklen Gehweg fühlte sie sich wohler.
Auf dem Weg zur Hauptstraße ging ihr durch den Kopf, wie sie zur Korrekturbehörde gekommen war. Khendrah war – wie viele andere Kinder ihrer Zeit – ein Waisenkind. Frauen ihrer Zeit fanden es nicht in Ordnung, ihre Kinder selbst auszutragen, also nutzten sie die überall eingerichteten Brutanstalten. Die meisten Eltern holten ihre Babys ab, wenn die Zeit der Geburt gekommen war, doch es gab auch andere, die einfach die weitere Pflege und Erziehung dem Staat überließen. Khendrah war eines dieser Kinder. Eigentlich hatte es ihr an nichts gefehlt, nur, dass sie niemals erfahren hatte, wer eigentlich ihre Eltern gewesen waren. Schon früh war ihren Erziehern aufgefallen, wie begabt sie in sportlichen Dingen und vor allem in Kampfsportdisziplinen war. Eines Tages dann erschien ein eigenartig gekleideter Mann in ihrem Heim und ließ sich einige der Jungen und Mädchen zeigen. Nach einigen Tests, deren Sinn sie damals nicht begriffen hatte, nahm er sie und zwei der Anderen mit. Sie wurden getrennt und hatten sich bis heute nie mehr wieder gesehen. In der Folgezeit wurde sie systematisch zu einer Kämpferin und Killerin ausgebildet. Nach einigen Aufträgen, die sie in Begleitung eines Beobachters ausgeführt hatte, ließ man ihr bei der Erledigung ihrer Jobs freie Hand.
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als sie einen Schatten taumelnd vor sich auf dem Gehweg entdeckte. Das war einer der Gründe, warum sie diese Zeitebene hasste: Es gab einfach zu viel Alkohol und andere Drogen. Der Schatten vor ihr war ein offenbar betrunkener Mann. Als sie an ihm vorbeiging, griff er plötzlich nach ihr.
»Hallo Kleine, so allein unterwegs?«, fragte er mit schwerer Zunge. »Was hältst du davon, wenn wir ein bisschen Spaß haben?«
Khendrah überlegte einen Moment. Sie hatte zwar gute Grundkenntnisse in der Ausdrucksweise dieser Zeit, aber es fehlten halt einige Kraftausdrücke und Beleidigungen, die sie diesem aufdringlichen Kerl gern an den Kopf geworfen hätte. So sagte sie nur: »Lassen Sie mich sofort los, sonst werden Sie es bereuen.«
Der Mann lachte und fand wohl, dass Khendrah ihn noch ermuntern wollte. Er begann, an ihrem kurzen Rock herumzufummeln und darunter zu greifen.
Khendrahs Reflexe waren gut trainiert. Ein paar kurze Tritte und Schläge, die er kaum kommen sah, beförderten ihn in tiefe Bewusstlosigkeit. Sie ließ ihn zu Boden gleiten und blickte sich in alle Richtungen um. Offenbar hatte niemand diese kleine Auseinandersetzung mitbekommen. Angewidert ließ sie ihn liegen und ging weiter.
Auf der Hauptstraße angekommen, suchte sie nach einem ganz bestimmten Hauseingang, der in einem ganz bestimmten Augenblick nicht das sein würde, als das er erschien. Khendrah wartete vor dem Eingang und blickte auf ihre Uhr. Als es so weit war, stieß sie die Tür auf und betrat einen kleinen Raum, der nicht viel größer war als eine Aufzugkabine. Es war im Grunde auch eine Art von Aufzugkabine, nur, dass sie sich nicht nach oben und unten bewegte, sondern der Zeitachse folgte.
Khendrah hatte keine Ahnung, wie so etwas funktionierte – es war ihr auch egal. Im zweiundreißigsten Jahrhundert, aus dem sie stammte, gab es keine Zeitreisen. Sie waren erst sehr viel später möglich geworden. Wenn sie sich recht erinnerte, muss es ungefähr im siebenundvierzigsten Jahrhundert gewesen sein. Eine Zeit, die auch für Khendrah unvorstellbar war, obwohl sie schon seit einigen Realjahren als Agentin für die Korrekturbehörde arbeitete. Die Behörde wurde irgendwann nach der Entdeckung der Zeitreisen etabliert und hatte sich zum Ziel gesetzt, die Zeit zu beobachten. Sollte es irgendwann zu Unregelmäßigkeiten kommen, wollte man versuchen, herauszufinden, wie man sie abstellen konnte. Meist lag die Lösung in der relativen Vergangenheit. Oft reichte eine kleine Veränderung in der Vergangenheit eines Ereignisses aus, dieses Ereignis zu verhindern oder erst möglich zu machen, je nachdem, was gewünscht war. Die Agenten, die solche Korrekturen vornahmen, entstammten den unterschiedlichsten Epochen. Es handelte sich dabei aber immer um Menschen, die in ihrer Ursprungsepoche keine großen Spuren hinterlassen hatten. Für die oberste Behörde war es ein Leichtes, herauszufinden, wer dafür infrage kam.
Khendrah blickte gelangweilt auf die Anzeige an der Wand des Aufzuges. Soeben passierte sie ihr Geburtsjahr. Schon oft hatte sie mit dem Gedanken gespielt, den Aufzug einmal dort anzuhalten und sich ein wenig umzusehen, aber sie wusste, dass das strengstens verboten war, also unterließ sie es.
Thomas Rhoda, ihr letzter Auftrag, kam ihr wieder in den Sinn. Noch nie hatte sie so wenig Informationen im Vorfeld besessen, wenn sie einen Auftrag übernahm. Sie hatte zwar die Zielperson bekommen, ihren Aufenthalt und den Grund der notwendigen Korrektur, aber mehr auch nicht. Sie nahm sich vor, die Unterlagen des Ausschusses noch einmal genau zu lesen, wenn sie ihren Bericht schrieb.
Ein Signal ertönte und zeigte an, dass sie ihre Basis im Jahre 3500 erreicht hatte. Es gab noch weitere Basen, aber sie war bisher immer nur in dieser gewesen. Khendrah öffnete die Tür und trat auf einen hell erleuchteten Gang hinaus. Fancan, ihre einzige Freundin hier, wartete vor der Kabine.
»Ich dachte mir, dass du es bist, als ich gesehen hatte, dass sich der Aufzug in Bewegung setzt«, sagte sie. »Wie war es? Hast du den Job erledigt?«
»Ja, wie immer«, sagte Khendrah müde.
»Was ist mit dir?«, fragte Fancan besorgt. »So kenne ich dich ja gar nicht.«
»Ich weiß auch nicht. Ich habe irgendwie ein komisches Gefühl bei meinem letzten Auftrag. Sonst kann ich es immer fühlen, dass es richtig und notwendig ist, was ich tue, aber diesmal ist es anders.«
Fancan winkte ab.
»Du machst dir zu viele Gedanken. Was war denn anders als sonst?«
»Du kennst meinen Auftrag?«, fragte Khendrah.
»Nur ganz grob«, gab Fancan zu. »Ich weiß eigentlich nur, dass es um einen Mann ging, dessen Nachkommen Massenmörder sind.«
»So ist es, aber der Mann, den ich liquidiert habe, war harmlos – sogar irgendwie niedlich. Es passt einfach nicht zusammen.«
»Vorsicht, meine Liebe«, mahnte Fancan. »Du begehst einen Fehler, wenn du dir nur die Zielperson ansiehst. Über die Generationen kann sich der Grundcharakter gewaltig verändern. Du hast dich doch nicht zu viel mit der Zielperson unterhalten? Du weißt, dass das sehr schnell das Urteilsvermögen beeinflussen kann.«
»Fancan, ich bin keine Anfängerin!«, ereiferte sich Khendrah. »Ich bin Profi, wie du! Ich habe nur das Nötigste mit ihm geredet und ich habe den Auftrag ja schließlich auch erledigt. Es ist nur …«
»Das kann doch nicht wahr sein«, meinte Fancan. »Du bist emotional beteiligt.«
»Dummes Zeug!«, schimpfte Khendrah. »Erzähle bloß nicht solchen Quatsch hier herum! Was ich meinte, ist, dass man mir vorher fast keine Informationen gegeben hatte. Normalerweise bekomme ich eine ausführliche Mappe mit allem, was der Analyst herausgefunden hat. Doch diesmal war das nicht der Fall.«
»Keine Mappe?«, wunderte sich Fancan. »Das habe ich auch noch nie erlebt. Aber ist ja letztlich auch nicht schlimm. Es muss ja alles in der Datenbank stehen. Dann erfährst du es eben jetzt im Nachhinein. Lies es, dann bist du beruhigt. Was machst du nachher, weißt du das schon? Liivo Qum hat uns Berechtigungsscheine für das 3500. gegeben. Wir dürfen uns ein wenig amüsieren gehen.«
»Fancan, sei mir nicht böse, aber ich bin müde. Beim nächsten Mal bin ich wieder dabei, aber jetzt muss ich einfach schlafen.«
Fancan zuckte mit den Schultern.
»Schade, ich hätte gern mit dir einen drauf gemacht.«
Khendrah folgte dem Gang zu ihrer Wohneinheit. Kurz davor traf sie auf den Analysten der Basis, Ralph Geek-Thoben.
»Hallo mein Täubchen, wieder zurück?«, fragte er.
Khendrah konnte ihn nicht leiden. Er hatte eine irgendwie schmierige Art. Sie vermutete, dass es mit seinem Job zu tun hatte. Die meisten Aufträge resultierten aus seinen Analysen. Er berechnete, was zu geschehen hatte und welcher der minimale Aufwand zur Erreichung des maximalen Zieles war. Das machte einen Menschen sicher einsam. Doch das Verständnis für Ralph machte ihn für Khendrah nicht sympathischer.
»Ich bin nicht Ihr Täubchen«, wies sie ihn zurecht.
»Kamen sie mit dem Auftrag klar? Ist die Korrektur ausgeführt?«
»Als wenn Sie das nicht bereits wüssten«, sagte Khendrah. »Ich schreibe nachher noch meinen Bericht, dann haben Sie alles in Wort und Schrift, aber nun lassen Sie mich bitte in Frieden. Ich bin müde und will mich frisch machen.«
Sie ließ ihn stehen und betrat ihre Wohnung. Das Licht schaltete sich automatisch ein und eine Stimme teilte ihr mit, dass keine Nachrichten für sie hinterlassen worden waren. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen.
Hatte Fancan recht? Hatte sie nicht mehr den nötigen Abstand zu ihren Aufträgen? Sie hoffte, dass es nicht so war, denn eigentlich liebte sie diesen verantwortungsvollen Job. Sie fand, dass es wichtig war, Fehler in der Zeit zu korrigieren. Sie hatte dadurch schon Millionen von Menschen gerettet, auch wenn sie die Früchte ihrer Arbeit nicht selbst ernten konnte, sondern nur in der Datenbank sehen konnte, wie sich ihre Arbeit auf den Zeitstrom ausgewirkt hatte.
Khendrah stand auf und ging zu ihrer Nasszelle. Sie klatschte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und blickte in den Spiegel darüber. Ihre schwarz geschminkte Augenpartie war vollkommen verlaufen. Sie sah schrecklich aus. Fancan hatte ihr schon oft ihre Permanentfarben angeboten, aber sie konnte sich damit einfach nicht anfreunden. Sie entschloss sich, zu duschen und ließ sich das warme Wasser über den Körper laufen. Danach fühlte sie sich besser und beschloss, ihren Bericht vielleicht noch am selben Tag zu schreiben. Sie griff nach einem dünnen Overall in ihrem Schrank und zog ihn über. Sie blickte wieder in den Spiegel und zeigte sich die Zunge. Ihre Haare waren nun einfach nur blond und der Augenstreifen fehlte. Sie hatte aber einfach keine Lust, sich jetzt darum zu kümmern. Sie verließ ihre Wohnung und lief zur Datenzentrale.
»Welch Glanz in meiner Hütte«, empfing sie Techniker Zeno Dorgan, der für fast alles in dieser Basis verantwortlich war. »Du siehst gut aus, Khendrah. Endlich mal nicht diese dumme Farbe im Gesicht.«
Khendrah verzog leicht das Gesicht. »Du weißt, dass ich diesen Augenstreifen mag, Zeno.«
»Ja, leider«, meinte Zeno seufzend. »Ich finde nur, dass du ohne diese Farbe einfach netter aussiehst.«
Khendrah wusste, dass Zeno sie mochte, doch Khendrah empfand nicht dasselbe für ihn und sie wollte ihm keine Hoffnungen machen, deshalb wurde sie schnell wieder dienstlich:
»Kann ich in den Datenraum, oder ist jemand drin?«
»Um diese Zeit ist niemand mehr dort, Khendrah. Du kannst rein und alle Systeme nutzen, die du brauchst. Wenn du Hilfe benötigst – ich bin hier.«
Zeno lächelte sie breit an.
Khendrah lächelte zurück. »Danke Zeno, aber ich komme schon zurecht.«
Sie öffnete die schwere Sicherheitstür zum Datenraum und ließ sie hinter sich zufallen. Irgendwie tat ihr Zeno leid. Sie mochte ihn, als Kollegen und Freund, nicht jedoch als Liebhaber.
Sie nahm an einem der Terminals Platz und gab ihren Berechtigungscode ein. Sofort erwachte das Terminal zum Leben und sie gab die Aktennummer ihres letzten Auftrages ein, die man ihr mitgeteilt hatte. Der Auftrag erschien auf dem virtuellen Bildschirm und sie begann, ihren Bericht zu tippen. Als sie fertig war, wollte sie sich schon abmelden, als ihr einfiel, dass sie ja nun auch durchaus die Einzelheiten nachlesen könnte, die man ihr nicht ´mitgeteilt hatte. Nacheinander rief sie die entsprechenden Module auf.
Der Text des Auftrages war identisch mit dem Ausdruck, den sie erhalten hatte. Er war genauso dürftig, wie ihr Einsatzbefehl. Also schaute sie nach, ob bereits die Ergebnisse ihrer Korrektur gespeichert waren. Tatsächlich war Ralph bereits tätig geworden und hatte den Fall abgeschlossen. Das war eigenartig. Wie konnte er ihn abschließen, ohne, dass ihr Bericht im System gespeichert und von der obersten Behörde bestätigt worden war?
Sie begann zu lesen. Ihr Auftrag war notwendig geworden, weil man bei Beobachtungen im Jahre 2117 festgestellt hatte, dass ein faschistischer Machthaber mit Namen Gunter Manning-Rhoda den gesamten europäischen Kontinent in seine Gewalt gebracht und ein absolutes Schreckensregime errichtet hatte. Zum Schutz der Menschen dieser Epoche wurde eine Korrektur angeregt, die sich gegen die Vorfahren dieses Diktators richten sollte. Dabei hatte Ralph Geek-Thoben sich rückwärts durch die Zeit gearbeitet, um herauszufinden, welcher der Vorfahren sich mit dem geringsten Aufwand für dessen eigene Epoche beseitigen ließe. Durch die Beseitigung des Thomas Rhoda im Jahre 2008 existierte im Jahre 2117 kein Gunter Manning-Rhoda und die Diktatur wurde vermieden.
Khendrah atmete auf. Es war doch nicht falsch gewesen, was sie getan hatte. Ihre Gefühle hatten ihr einen Streich gespielt. Trotzdem fand sie die Verfahrensweise nicht in Ordnung, wie Ralph sie angewandt hatte. Sie würde sich jedoch hüten, die Arbeit eines Analysten infrage zu stellen. Das bedeutete immer nur Ärger.
Sie rief nur kurz die Darstellung der geänderten Geschichte auf, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Sie stellte das Jahr 2117 ein und aktivierte die geschichtliche Zusammenfassung, wie sie sich nach ihrer Korrektur ergab. Was sie sah, verschlug ihr den Atem.
Auch nach ihrer Korrektur sollte es dort eine Diktatur geben. Tausende von Regimegegnern hatten den Tod gefunden. Was hatte denn dann ihre Korrektur überhaupt bewirkt? Sie tippte den Namen Gunter Manning-Rhoda ein und wartete. Die Suche verlief ohne Erfolg, also hatte ihre Korrektur funktioniert, aber warum war die Diktatur nicht beseitigt? Khendrah forschte weiter. Ralphs Abschlussbericht stand sogar im krassen Gegensatz zu den Ergebnissen der Korrektur, die er selbst abgespeichert hatte. Da stimmte doch etwas nicht.
Sie begann im Jahre 2117 mit ihrer Recherche und glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als sie den Namen des Diktators las: Herwarth Thoben. Der Name ihres Analysten war Ralph Geek-Thoben. Das konnte kein Zufall sein.
Khendrah versuchte, Ralphs Personalakte aufzurufen, doch war diese mit einem Sperrvermerk versehen.
»Verdammt!«, entfuhr es ihr.
Es war ihr klar, dass ihr Zugriffsversuch registriert worden war. Spätestens, wenn Ralph sich beim nächsten Mal im System anmelden würde, würde er eine entsprechende Warnung erhalten. Jetzt kam es für sie darauf an, dass sie wirklich etwas fand, was eine Dienstpflichtverletzung Ralphs war, sonst könnte sie ihren Job vergessen. Sie verschränkte ihre Finger und ließ sie knacken. Jetzt waren ihre Fähigkeiten aus dem zweiundreißigsten Jahrhundert gefragt. Nur die Wenigsten wussten, dass in dieser Zeit die besten Hacker gelebt hatten, die es in der Zeit jemals gegeben hatte. Schon Kinder waren fähiger, als viele erfahrene Informatiker in anderen Zeitaltern.
Ihre Finger flogen nur so über die Tastatur und nach und nach schaltete sie alle Sicherungen aus, die ihr einen Zugriff auf Ralphs Akte verwehrten. Es war ihr vollkommen klar, dass sie sich soeben strafbar gemacht hatte, aber sie musste die Wahrheit erfahren. Schließlich erfuhr sie, was sie wissen wollte: Ralph stammte ursprünglich aus dem Jahre 2082. Also hatte Ralph seine Stellung als Analyst ausgenutzt, um einen Verwandten an die Macht zu bringen. Um sicher zu gehen, rief sie auch noch die vergangene Version der Realität vor der Korrektur auf und schaute nach, wie die Geschichte vorher ausgesehen hatte.
Auch hier gab es einen Herwarth Thoben, der als Politiker eine Linie der Gewalt verfolgte. Allerdings gab es auch eine sehr starke Opposition, angeführt von dem charismatischen Gunter Manning-Rhoda, der sich gegen die radikale Partei gestellt hatte. Schließlich unterlag Thoben gegen Manning-Rhoda, wodurch dem Volk eine Gewaltdiktatur erspart blieb.
Khendrah war fassungslos. Sie war gnadenlos ausgenutzt worden, um einem Verwandten Ralphs in den Sattel zu helfen. Sie hatte einen vollkommen unschuldigen Menschen getötet, ja, sie war sogar schuld am Tode vieler unschuldiger Menschen.
Minutenlang starrte sie auf die Anzeige, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollte sie nun tun? In wenigen Stunden würde Ralph erfahren, welche Informationen sie abgerufen hatte. Offenbar ging er über Leichen. Es war zu vermuten, dass er Vorsorge getroffen hatte, dass sein Tun vertuscht werden konnte. Sie dachte an die oberste Behörde, doch verwarf sie den Gedanken wieder. Immerhin hatte sie ihren Auftrag genau von dort bekommen. Entweder hatte Ralph sogar in diesem Gremium seine Gönner oder die oberste Behörde war nicht so souverän, wie sie es immer geglaubt hatte.
Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr wurde ihr bewusst, dass es für sie gefährlich werden konnte, wenn sie noch länger in der Basis blieb. Sie meldete sich vom Terminal der Datenbank ab und ging.
»Na, alles erledigt?«, fragte Zeno, der noch immer vor seinen Rechnern ausharrte.
»Ja? Warum?«, fragte Khendrah vorsichtig. Hatte Zeno etwa etwas bemerkt? Doch ihre Angst war unbegründet. Zeno wollte nur etwas Small Talk machen.
»Nichts«, sagte er. »Ich wollte nur fragen, ob wir vielleicht noch etwas trinken.«
»Zeno«, sagte Khendrah vorwurfsvoll. »Ich mag dich, aber gib auf. Lass uns einfach Kollegen und Freunde sein, ja?«
»Solltest du deine Meinung doch einmal ändern – ich bin hier.«
Khendrah lächelte ihm zu und verließ den Raum. Sie beeilte sich, ihre Wohnung zu erreichen. Dort zog sie sich um und legte eine komplette Einsatzkombination an. Sie hatte sich entschlossen, die Basis zu verlassen. Nur wenig später schlich sie zur Kabine und hoffte, dass der Zeitaufzug nicht schon wieder in Benutzung war. Sie wollte sich nicht vor irgendwem dafür verantworten müssen, warum sie in voller Ausrüstung vor dem Aufzug wartete. Sie hatte Glück – die Kabine öffnete sich. Leise schloss sie die Tür hinter sich.
Erst jetzt fragte sie sich, was sie eigentlich wollte. Sie musste schon ein Ziel eingeben, denn sonst würde sich der Aufzug nicht in Bewegung setzen. Sie dachte nach. Ihr letzter Auftrag führte sie zum 17. November 2008, 18:45 Uhr. Vielleicht fand sie ja eine Möglichkeit, ihre Korrektur rückgängig zu machen. Entschlossen stellte sie den 17. November 2008, 17:00 Uhr ein und drückte die Starttaste.

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