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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 13 – Flucht ins Proxydon-System

Archweylls Nervenbahnen mutierten zu einer Achterbahn der Gefühle, Überlegungen und glänzendem Kalkül, während die heulenden Alarmsirenen jeden einzelnen an Bord wachrüttelten und eine automatische Warnung durch die Mikrofone sämtlicher Stationen der Atharymn knisterte. Er hatte vielleicht noch wenige Minuten, sich eine Lösung zu überlegen und dabei Milliarden von Menschenleben mit einzuplanen. 
»Wir müssen es fortlocken!«, überlegte Archweyll laut. 
Aber wie konnte er das anstellen, ohne sich in den direkten Tod zu stürzen oder das Monster auf seine Heimatwelt aufmerksam zu machen? 
»Sollen wir das Risiko eingehen, die Sicherheitsbehörde anzufunken?«, fragte Clynnt mit kritischem Blick. Scheinbar war er sich dessen mehr als unsicher. 
»Die Hellscreamer sind die einzigen Schiffe, die es nicht in der Mitte durchbeißen könnte. Wenn sie schnell genug hier wären, könnten sie uns unterstützen, bevor das Monster Prospecteus erreicht.« 
Diese Möglichkeit hatte Archweyll bereits mit eingeplant, doch es gab viele offene Risikofaktoren. Wenn das Wesen ihren Funk verfolgen könnte, wäre es ein Ding von wenigen Tagen, bis es ihre Heimat in ein elendes Stück Asche verwandeln würde. 
Doch wenn nicht … 
Plötzlich öffnete sich die Tür und Daisy trat ein. 
Auch sie schien angesichts der aktuellen Situation mehr als besorgt, doch erneut erkannte Archweyll diesen faszinierenden Glanz in ihren Augen. 
»Wie ich sehe habt ihr schon einen Plan?«, binnen einer Sekunde schien sie die Lage durchschaut zu haben. 
»Nun, äh …«, erwiderte der Kommandant zögernd. 
»Zum Glück hatte ich während meiner himmelhochjauchzenden Aufzugfahrt hierher, eingequetscht zwischen panischen Hornochsen, die Muße etwas nachzudenken«, begann Daisy ihre Ansprache.
Clynnt und Archweyll wechselten einen flüchtigen Blick. 
»Da wir uns nicht im Klaren darüber sind, welche Fähigkeiten unser Feind besitzt oder was es überhaupt für ein Lebewesen ist, sollten wir keine Funkverbindung mit Prospecteus aufbauen. Aber wir könnten einige Arrows in jede erdenkliche Richtung entsenden. Einer von ihnen wird dann die Basis verständigen und Verstärkung anfordern. Solange versuchen wir hier klarzukommen.«
Archweyll verschlug es die Sprache. Das war fast zu einfach. Doch dann wurde ihm klar, dass das bedeutete, dass sie vermutlich tagelang fliehen mussten, mit einem unbeugsamen Verfolger im Nacken. Aber eine andere Möglichkeit fiel ihm nicht ein. 
»Tut, was sie sagt«, wies er die Navigatoren an, die sich sofort daran machten, seinen Befehlen zu entsprechen. 
»Dieser Kurs ist gefährlich. Verdammt gefährlich. Der proxydonische Orbit ist kein Zuckerschlecken, Arch, und die Hellscreamer werden dort ebenfalls Probleme bekommen«, sagte Clynnt und sein Ausdruck deutete seine argen Befürchtungen an. 
»Aber es ist unsere einzige Möglichkeit, langfristig diesem Todesstrahl ausweichen zu können. Wenn du gut genug manövrierst, können wir das schaffen. Ich zähle auf dich. Wir werden zudem weitere Flieger aussenden, die die Meteoriten zertrümmern können, die dem Flaggschiff zu nahe kommen.« Archweylls Ton duldete keinen Widerspruch. Sie hatten zu wenig Zeit für hitzige Diskussionen. 
»Arrows entsendet, Koordinaten verteilt«, bestätigte Clynnt mit einem Blick auf die Monitore. »Hoffen wir mal, dass es sich nicht für diese lästigen Mücken interessiert.« 
»Dann leiten wir jetzt den Warpsprung ein. Beeil dich!« Der Kommandant ging in der Navigatorenkabine auf und ab. Das Radar zeigte, dass sie kaum noch 20 Kilometer von ihrem Ziel entfernt waren. Das war ein feuchter Witz, wenn man die Unendlichkeit des Warps damit verglich.
Auf einmal erschütterte eine angedeutete Eruption das All, als das Wesen erneut seinen Kristall auflud. Das Knistern der Energie war so machtvoll, dass sämtliche Geräte der Atharymn ausschlugen. Es klang wie in einem Krankensaal, wo verzweifelt um das Überleben des Patienten gekämpft wurde. 
Hier ist es nicht anders, schoss es Archweyll durch den Kopf. Was für eine dämonische Macht ist das?
»Wir müssen hier weg! Clynnt?!« Die Panik ließ ihn aufschreien. Wenn dieser Strahl sie traf, war es vorbei mit ihnen. 
»Bereit!«, erwiderte der Chefnavigator unter zusammengepressten Zähnen. »Setze Kurs auf das Proxydon-System.«
Der Warpeintritt war so sanft wie eh und je. Fast schon trügerisch ruhig glitt die Atharymn durch die Farben der Unendlichkeit. An Bord spiegelte sich jedoch eine andere Stimmung wieder. 
Archweyll war mittlerweile auf die Brücke zurückgekehrt, Daisy war ihm gefolgt. 
»Ich habe dir noch gar nicht gedankt, für deinen Einsatz da unten«, sagte der Kommandant lobend.
»Du solltest das nicht tun. Dein Dank gebührt deinem Chefnavigator. Hätte er mich nicht strammstehen lassen, hätte ich die Biege gemacht. Riesige Monster, die das All bereisen oder in der dunkelsten Tiefe des Ozeans Jagd auf uns machen… ich war noch nicht bereit dafür.« Sie lächelte matt. »Aber das hat sich geändert. Ich will es euch beweisen und noch viel schwieriger: ich will es mir selbst beweisen. Ich kann das. Und ihr könnt jederzeit auf mich zählen.«
Archweyll wollte sie mit einem Schulterklopfen quittieren, doch ein Aufschrei aus der Navigatorenkabine ließ ihn erschaudern.
»Es hat geklappt! Es folgt uns!« Dann ein gezischter Fluch. »Weltraumpisse! Wie kann es sein, dass ein Lebewesen mehr Antriebsenergie besitzt, als ein Patrouillenkreuzer mit Reaktorantrieb?« Stück für Stück näherte sich der rote Punkt auf dem Radar ihrer Position. 
»Wenn das so weitergeht, hat es uns in 3,2 Parsec eingeholt. Das ist ungefähr die Hälfte der zurückzulegenden Strecke«, fluchte Clynnt Volker ausgelassen. 
»Dann werden wir ein Sperrfeuer auslegen. Mal gucken, wie es mit unseren Torpedos klar kommt«, antwortete Archweyll und röhrte den entsprechenden Feuerbefehl in seinen Lautsprecher. Den Bruchteil einer Sekunde später hatte der Kreuzer das Bombardement eröffnet. 
»Er fliegt keine Ausweichmanöver.« Clynnt runzelte sorgenvoll die Stirn. »Ich denke das bedeutet, dass es ihn nicht einmal kitzeln wird.« 
Archweyll studierte eingehend die Monitore.
Wenige Minuten nach Abschuss detonierten die ersten Geschosse, schwere Torpedos der Weltenzerstörer-Klasse, die einen Kreuzer regelrecht zerfetzen konnten. Doch ihr Gegner schien angesichts der nuklearen Detonationen ungerührt und setzte seine Verteidigung weiter fort.
»Er hat einen organischen Deflektorschild«, stellte der Chefnavigator fest.
»Ich hasse Hippies!« Archweyll spukte aus. »Feuert aus allen Rohren!« Seine Augen verschlangen förmlich die unzähligen blauen Dreiecke auf dem Radar, die ihrem Gegner entgegenflogen. 
37 bestätigte Volltreffer. Irgendwann ist sein Schild am Ende.
Der Vorteil, den ihnen der Warpsprung verschaffte, stand außer Frage. Geschosse vorwärts zu feuern, war nahezu unmöglich. Allerdings konnten sie getrost ihren Verfolger bombardieren.
»Er wird langsamer.« Clynnt atmete merklich aus. 
»Das bedeutet, er muss mehr Antriebsenergie in seine Deflektorschilde pumpen«, erklärte Daisy. Für einen Moment hatten sie einen Vorsprung. »Kreuzfeuer beibehalten. Aber gebt auf unsere Vorräte Acht. Wenn wir in Proxydon sind, werden wir alles brauchen, was wir haben.« 



***

 

 

Das Proxydon-System war ein kompliziertes Netzwerk aus Asteroidengürteln und Eisenstaubbänken, die durch Magnetströme zu Strudeln des Todes mutiert waren. Schon von weitem konnte man die spiralenförmige Helixstruktur des Systems bewundern, die sich wie zwei ineinander verkeilte Schlangen durch den Warp windete. Darin waren weitere, kleine Wirbel und Ströme zu erkennen. 
»Da wollen wir wirklich rein?« Clynnt Volker schien diese Aussicht gar nicht zu schmecken.
»Ein bisschen Mut. Es ist unsere einzige Chance«, erwiderte Archweyll und musste grinsen. 
Jetzt würde es ganz darauf ankommen, wie gut er seine Crew im Griff hatte. »Kurzstreckentorpedobatterien aktivieren. Manuelle Geschosslanzen in Bereitschaft. Ich möchte mindestens 30 Arrows in einer Stunde da draußen haben. Jeder Asteroid, der sich der Atharymn nähert, ist ein erklärter Todfeind und wir gehen nicht zimperlich mit solchen um.« Archweyll beendete seine Funkansprache und betrachtete die Monitore. »Da bist du ja, du Kotzbrocken«, fluchte er unflätig. 
Seit sie das Torpedofeuer beenden mussten, um ihre Vorräte zu schonen, hatte ihr Feind unbeugsam aufgeholt. Fast 2 Tage waren sie nun schon auf der Flucht vor ihrem Verfolger und er saß ihnen unnachgiebig im Nacken. Archweyll hatte bisher keinen Schlaf gefunden und würde es auch weiterhin nicht. In Extremsituationen konnte er Wochen ohne Schlaf auskommen, auch wenn er mit dieser Fähigkeit seines Körpers selten liebäugelte. Es würde noch zwei weitere Tage brauchen, bis die Arrows ihr Ziel in Prospecteus erreicht hatten. 

Also noch sechs Tage, bis wir auf Hilfe hoffen können.

Ein Gedanke, der fast an Irrsinn grenzte. Reisen durch den Warp konnten mittlerweile mit rasanten Geschwindigkeiten durchgeführt werden und doch waren sie viel zu langsam. 
»Eintritt in den Asteroidengürtel in 20 Minuten«, knisterte es durch die Lautsprecher. 
Archweyll schritt zur Heckkuppel und starrte hinaus. Das riesige Monster kristallisierte sich durch sein statisches Leuchten klar hinter ihnen ab. Und es wurde größer und größer. 
Mittlerweile waren die pfeilschnellen Jäger in Position um die Atharymn formiert und jeder verbliebene Gefechtskopf einsatzbereit. 
Der Kommandant spürte, wie sich seine Nackenhaare zu Berge stellten. Wieder war da dieses erregende Gefühl kurz vor einer unausweichlichen Schlacht. Er konnte es förmlich auf der Zunge schmecken. Bald würde Blut fließen. Er hoffte nur innig, dass es nicht das ihre sein würde.



***

 


Die ersten Asteroiden waren ein Klacks, doch bald geriet die Atharymn in Schwierigkeiten. Clynnt navigierte das Schiff so gut er konnte durch das dichte Geschwader aus Gestein, doch binnen Minuten mussten die Arrows mit manuellem Torpedobeschuss nachhelfen. Die kleineren Brocken, die mit der Außenbordwand kollidierten, rüttelten den Kreuzer mächtig durch, richteten aber keinen merklichen Schaden an. 
Zumindest noch nicht. 
Mittlerweile waren sie sieben Stunden in den Magnetströmen des Proxydon-Wirbels und es brachte den Chefnavigator an seine Grenzen. Clynnt merkte, wie er gedanklich abdriftete, denn er hatte seit zwei Tagen kein Auge zugemacht. Erst hatten seine Beine begonnen zu krampfen und dann kamen die Kopfschmerzen dazu, schlichen sich immer tiefer in sein Gehirn, um es zu martern. Einmal mehr erwünschte er sich die körperlichen Fähigkeiten seines Vorgesetzten herbei.
Wieder rumpelte Gestein auf die Atharymn, ein Getöse, das anschwoll zu einem Chor des kreischenden Metalls. 
Ihr Gegner legte trotz seiner unglaublichen Größe eine erstaunliche Wendigkeit an den Tag und war mittlerweile dicht an sie herangerückt. 
Zum Glück hat er bisher davon abgesehen uns mit seinen elektrischen Impulsen zu bombardieren.
Die Frage, was ihr Gegner ihnen noch entgegenzuwerfen hatte, wollte der Chefnavigator sich gar nicht erst stellen. 
»Gesteinsbrocken auf sieben Uhr. Vernichten!«, befahl Clynnt. 
Schweiß tropfte seinen Hals herunter und verirrte sich in den Tiefen seines Anzuges. Mit angestrengtem Blick verfolgte er die gezielte Sprengung auf den Monitoren, um dann zufrieden festzustellen, dass der Pilot erfolgreich seine Arbeit tat. Er massierte sich die Schläfen, zwischen denen es rumorte wie im Magen einer Bestie. 
Und sie hat Hunger, stellte der Chefnavigator mit einem müden Blick auf das Radar fest. 
Ihr Feind hatte sie eingeholt. Das unheilverkündende Knistern des Impulses kündigte sich an und für eine Sekunde fühlte sich Clynnt leer, ausgelaugt und erschöpft. 
Dann feuerte das Wesen und verfehlte sie nur um Haaresbreite. 
Explosionen detonierten um die Atharymn herum und zwei Arrows wurden von ihnen verschluckt. In der Ferne hörte er Archweyll Befehle brüllen. 
Ratternd aktivierten sich die Kurzstreckentorpedobatterien und hunderte von Gefechtsköpfen schlugen ihrem Feind entgegen. 
Jetzt konnte man deutlich den Deflektorschild des Monsters erkennen, das die feindlichen Torpedos wie eine glühende Sonne verschluckte, und im Farbenspiel der Explosionen hunderte Farben annahm. Doch an manchen Stellen bröckelte der Schild bereits. 
Auch die Energiereserven des Monsters waren nicht unersättlich, wie es schien. 
Knisternd aktivierte sich der Strahl erneut und eine Welle der Verzweiflung wurde der Atharymn entgegengeschleudert. 
Gleichzeitig musste Clynnt ein Ausweichmanöver gegen zwei Asteroiden auf Kollisionskurs vornehmen. Der erste Komet wurde von dem Induktionsschuss wortwörtlich zerfetzt. 
Der andere schabte am Schiff entlang und rote Alarmleuchten aktivierten sich. 
»Feuer auf den unteren Docks!«, fauchte der Chefnavigator in die Funkanlage. »Sofort die Techniki einsatzbereit machen!« Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er zu kollabieren. Sein Sichtfeld wurde schwarz und alles drehte sich schwindelerregend. Dann fasste er sich und war wieder halbwegs bei Sinnen.
Archweyll kam hereingestürmt, sein Gesicht eine Maske der Befürchtungen. »Das halten wir nicht lange durch!«, rief er. »Wir müssen Plan zwei einläuten.«
Clynnt schluckte. Plan zwei sah alles andere als gut aus. Als sie ihn zurechtgetüftelt hatten, war er fast wahnsinnig vor Zorn geworden. Aber es gab vermutlich keine andere Möglichkeit. Sie waren schwer getroffen worden und wenn die Feuer nicht unter Kontrolle kriegen würden, wäre alles verloren. Sie mussten sich mehr Zeit erkaufen, wo keine war.
Clynnt seufzte.
»Alle bereitmachen!«, rief er durch den Funk. »Wir steuern direkt in den Eisensturm.«

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29.Teil – Die letzte Flucht (5/6)

»Der Vektor reicht überhaupt nicht soweit!«, unterbrach Zeno Khendrah, »Ihr wollt mich doch nur veralbern! Niemand kann aus einem Bereich stammen, der weiter in der Zukunft liegt, als das achtzigste Jahrhundert. Das ist allgemein bekannt.«
»Warum wohl?«, fragte Giwoon barsch, »Weil Euer Vektor in der Zukunft solche Schäden angerichtet hat, dass wir uns gezwungen sahen, Eure Technologie zu blockieren. Leider geht auch Eure Forschung weiter und wir sahen die Gefahr, dass es Euch eines Tages gelingen könnte, unsere Blockade zu umgehen. Uns blieb nur eine Wahl: Die endgültige Zerstörung des Vektors.«
Zeno schüttelte den Kopf.
»Ich kann es nicht fassen«, sagte er. »Was habt Ihr getan, von dem Ihr glaubt, dass es den Vektor auslöschen wird?«
»Wir haben die Sonnenenergiezapfanlage am unteren Ende des Vektors zerstört«, erklärte Fancan. »Es hat bereits begonnen. Für den Vektor gibt es keine Rettung mehr. Allmählich wird, von der Vergangenheit ausgehend, hier alles verschwinden. Du musst aber keine Angst haben. Ihr alle habt noch genügend Zeit, den Vektor zu verlassen. Soweit ich weiß, stammst du aus dem 4300. Jahrhundert. Fahre einfach nach Hause, Zeno. Du bist Techniker. Mit Deinen Fähigkeiten und Deinem Wissen kannst Du dort Fuß fassen und Dir etwas aufbauen. Warte nicht zu lange. In wenigen Wochen wird es hier in der Basis brenzlig werden.«
»Und was wird aus Dir?«, fragte Zeno hoffnungsvoll.
»Zeno, Du bist ein netter Kerl«, sagte Khendrah, »aber schlage Dir bitte aus dem Kopf, dass aus uns etwas werden würde.«
Sie griff nach Thomas’ freier Hand.
»Er ist es, mit dem ich gehen werde«, sagte sie bedauernd.
Zeno nickte.
»Dein Auftrag, nicht wahr? Alles begann damit, dass er dich benutzt hat. Ich hätte niemals erwartet, dass Du so viel Selbstbewusstsein hast, einem Analysten die Stirn zu bieten.«
»Du wusstest davon, dass Ralph mich für seine Zwecke missbraucht hatte?«, fragte Khendrah wütend.
»Nein, nicht so, wie Du denkst«, verteidigte sich Zeno. »Ich habe in meiner Eigenschaft als Techniker irgendwann bemerkt, dass Ralph es mit den Vorschriften nicht so genau nahm, wenn es um seine eigenen Interessen ging. Er zwang mich jedoch, die Augen davor zu verschließen.«
»Was hattest Du denn zu befürchten?«, wollte Khendrah wissen, »Du hättest dieses Schwein vor das Vektorgericht der Obersten Behörde bringen können.«
Zeno druckste herum.
»Ich bin einige Male illegal draußen in der Zeit gewesen. Ich suchte etwas Zerstreuung. Nichts Schlimmes. Aber er erwischte mich eines Tages bei der Rückkehr in den Vektor und von diesem Zeitpunkt an hatte er mich in der Hand. Irgendwie bin ich froh, dass das Alles nun vorbei ist. Was wirst Du tun, Kendrah?«
»Wir werden nur ein paar Sachen holen und dann mit einem der Aufzüge von hier aus ganz nach unten durchstoßen. Thomas muss unbedingt wieder in sein Jahr zurück. Die Geschichte verlangt, dass er sein Leben im einundzwanzigsten Jahrhundert weiterlebt. Ich werde bei ihm bleiben. Ich habe ansonsten keine Heimat in der Zeit.«
Zeno war mit einem Mal wieder der Techniker, der er war.
»Ihr wollt zurück an den Beginn des Vektors, obwohl sich dieser bereits aufzulösen beginnt?«, fragte er.
»Ja, wir werden eine voll aufgeladene Kabine mit aller Gewalt nach unten fahren lassen«, sagte Giwoon. »Es wird das Letzte sein, was wir mit dem Vektor zu tun haben werden.«
»Das glaube ich Dir gerne«, sagte Zeno kopfschüttelnd, »Ihr werdet im Nichts materialisieren, wenn Ihr in die instabile Zone eintaucht. Eine Zeitkabine nimmt permanent Energie auf, während sie durch die Zeit reist. Ihr könnt nicht einfach Anlauf nehmen, wie Ihr es Euch vorstellt. Die instabile Zone würde Euch einfach aufsaugen und vernichten. Ich kann Euch aber eine mobile Energiezelle installieren, die Euch durch den gefährlichen Sektor bringen kann. Es ist aber eine Einbahnstraße. Wenn Ihr es tut, kommt Ihr dort nicht mehr weg.«
»Zeno, wir wollen auch gar nicht mehr dort weg«, sagte Khendrah. »Wir wären Dir wirklich sehr dankbar, wenn Du uns dieses eine Mal helfen würdest. Wir sind wirklich keine Verräter, das musst du uns glauben. Wir sind auf den Dienst an der Menschheit vereidigt worden, Zeno. Wie es sich nun herausgestellt hat, ist es für den Dienst an der Menschheit notwendig, den Vektor selbst zu vernichten. Ich würde Dir liebend gern die Beweise vorlegen, aber das ist jetzt leider nicht mehr möglich.«
Sie sah ihn Hilfe suchend an.
»Wirst Du uns helfen, Zeno?«
Er rang eine Weile mit sich, dann sagte er:
»Gut, ich werde es tun. Ich rüste Euch einen Aufzug aus und schicke Euch nach unten. Danach werde ich selbst den Vektor für immer verlassen. Ist denn überhaupt sicher, dass die Techniker nicht eine Reparatur der Energieversorgung durchführen können?«
»Ich selbst habe das Wissen über die Installation der Sonnenenergiezapfanlage in den Speichern gelöscht und die Back-up-Kristalle unbrauchbar gemacht«, sagte Giwoon. »Es gibt niemanden mehr, der das Wissen besitzt, den Vektor zu retten. Ich bin sehr gründlich gewesen, um meine Leute in der Zukunft zu schützen.«
»Gebt mir eine Stunde, dann könnt Ihr Eure Reise antreten«, meinte Zeno. »Aber dann muss ich jetzt ins Arsenal und einige Dinge besorgen.«
Er nickte ihnen zu und lief den Gang hinunter. Giwoon blickte ihm hinterher und fragte:
»Können wir ihm trauen?«
Fancan schmiegte sich an ihn.
»Wenn nicht ihm, dann können wir niemandem trauen. Zeno meint in der Regel immer genau, was er sagt. Komm’, wir holen unsere Sachen und verschwinden hier.«
Sie verabredeten sich in knapp einer Stunde am Aufzug, in der Hoffnung, dass Zeno mit seiner Installation bis dahin fertig sein würde, dann trennten sie sich und betraten die Appartements von Khendrah und Fancan.
»Es ist ein sehr großes Appartement«, stellte Thomas fest.
Jake stand etwas schüchtern im Hintergrund und schaute sich staunend um. Die Einrichtung ließ deutlich erkennen, dass es hier eine Technologie gab, die weitaus fortschrittlicher war, als alles, was er bisher jemals gesehen hatte.
Khendrah griff eine Art Koffer und klappte ihn auf. Systematisch ging sie durch ihr Appartement und warf alles in den Behälter, was sie für unverzichtbar hielt.
»Ja, es ist sicher recht groß, aber es ist irgendwie auch eine Gefängnis«, sagte sie. »Mir ist es nie so vorgekommen, aber seit wir zusammen sind und ich nun weiß, dass es auch anders sein kann, würde ich hier nicht mehr leben können, ohne das Gefühl zu haben, eingesperrt zu sein. Es gibt keine echten Fenster, die Luft stammt aus dem Aufbereiter, die Nahrung ist synthetisch. Ich werde dieser Umgebung nicht nachtrauern.«
»So ganz verstehe ich Euch ja nicht«, meinte Jake und setzte sich in einen, an der Decke befestigten, Sessel. »Ihr habt hier eine fantastische Technologie und einen Luxus, wie ich ihn bisher noch nie gesehen habe. Ich kann nicht verstehen, dass es wirklich notwendig ist, das zu zerstören.«
»Wir zerstören doch nicht diese Technologie«, erklärte Khendrah. »Wir zerstören nur den Vektor. Der Fortschritt findet doch sowieso seit jeher dort draußen statt. Was glaubst Du denn, woher das alles hier stammt? Die Oberste Behörde hat sich alles, was sie brauchen konnte, überall in den Zeitaltern zusammengestohlen. Glaube mir, es ist nicht schade um dieses Konstrukt. Wir müssen nur sehen, dass wir hier verschwinden.«
»Die Stunde ist bald um«, mahnte Thomas, »wir müssen zum Aufzug.«
Khendrah packte ihren Koffer und machte den Anderen ein Zeichen, dass sie so weit wäre. Gemeinsam traten sie auf den Flur hinaus, wo bereits Fancan und Giwoon auf sie warteten. Ohne ein Wort machten sie sich auf den Weg zu den Aufzügen, wo Zeno geschäftig dabei war, die winzige Kabine mit Energiezellen voll zu stopfen.
»Wie sieht es aus?«, fragte Giwoon, als er Zeno aus der Aufzugkabine treten sah.
»Es wird eng werden«, antwortete er und deutete auf die hell erleuchtete Öffnung des Aufzuges. »Es ist aber notwendig, wenn Ihr sicher sein wollt, dass Euch nicht kurz vor dem Ziel der Saft ausgeht.«
»Oh, Mann, das wird eine unbequeme Reise«, jammerte Fancan und stellte ihren Koffer aufrecht in den kleinen Raum hinein. Nachdem sie wieder in den Gang hinaustrat, tat Khendrah es ihr nach. Sie war gerade dabei, die beiden Gepäckstücke so zu arrangieren, dass noch fünf Personen stehend darin Platz finden konnten, als sie plötzlich Lärm auf dem Gang hörte.
Die Tür der benachbarten Kabine war unerwartet geöffnet worden. Niemand von ihnen hatte die Signale registriert, die eine bevorstehende Ankunft einer Kabine ankündigen. Ralph Geek-Thoben sprang mit, vor Hass verzerrtem Gesicht heraus und feuerte sofort mit seinem Nadelwerfer, den er bereits in der Hand hielt. Jake und Thomas wurden sofort getroffen und sackten in sich zusammen. Giwoon und Fancan griffen zu ihren Waffen, doch Ralph war schneller. Von mehreren Nadeln getroffen brachen auch sie zusammen. Zeno hob beide Hände, zum Zeichen, dass er nicht kämpfen würde, doch Ralph schien ihn nicht als Gefahr einzustufen, denn er senkte seine Waffe.
»Was wollten diese Leute von Dir, Zeno?«, fragte er fordernd. »Los rede, sonst muss ich ungemütlich werden. Ich habe nicht viel Zeit.«
»Sie wollten nur ein paar Sachen holen«, sagte Zeno. »Danach wollten sie wieder verschwinden.«
»Und wozu brauchten sie dann Dich, Zeno?«, wollte er wissen, »Wozu braucht man einen Techniker bei einer einfachen Zeitreise? Wo wollten sie hin?«
Zeno hob hilflos die Hände und schüttelte den Kopf. Ralph wurde wütend und trat auf Zeno zu. Seine Waffe ruckte wieder nach oben und zeigte auf Zeno. Er stieg über die am Boden liegenden Bewusstlosen hinweg und stutzte plötzlich.
»Das sind Fancan und dieser Kerl, den Khendrah töten sollte«, sagte er, »die Identität dieser beiden Kerle ist mir nicht bekannt, aber … Khendrah fehlt. Wo – verdammt noch ‘mal ist Khendrah?«
Sein Gesichtsausdruck wurde wieder misstrauisch.
»Zeno?«, fragte er, »Auf wessen Seite stehst Du? Wo ist Khendrah? Ich muss nicht betonen, dass eine Überdosierung dieser Nadeln hier einen Menschen auch töten kann, oder?«
Zeno stand der Schweiß auf der Stirn und er wich unwillkürlich zurück. Ralph folgte ihm langsam. Bevor er jedoch von seiner Waffe Gebrauch machte, spürte er einen heftigen Stich in seiner Hand und der Nadelwerfer entfiel seiner Hand.
»Hier bin ich, Du Dreckskerl!«, rief Khendrah aus dem zweiten Aufzug, in dessen Kabine sie sich die ganze Zeit über versteckt gehalten hatte. In ihrer Hand hielt sie ebenfalls einen Nadelwerfer. Ralph machte Anstalten, sich nach seiner eigenen Waffe zu bücken.
»Das würde ich an Deiner Stelle nicht tun«, sagte Khendrah, »sonst jage ich dir eine volle Ladung in Deinen Körper. Dann ist mehr gefühllos, als nur Deine Hand.«
»Was willst Du denn jetzt tun?«, fragte Ralph mit einem hämischen Grinsen. »Deine sogenannten Freunde sind ohne Bewusstsein. Ich weiß inzwischen genau, was Ihr getan habt. Die Uhr tickt gegen Euch. Mit jedem Augenblick, den Ihr länger hier bleiben müsst, wird die Chance, dieses Thomas Rhoda wieder in seine angestammte Zeit zu bringen, kleiner. Ihr habt alle meine Pläne durchkreuzt, meine ganze Arbeit als Analyst vernichtet. Dafür werde ich nun Eure Pläne ebenfalls durchkreuzen.«
»Ralph, lass’ doch diesen Blödsinn!«, rief Khendrah, »Der Vektor wird nicht mehr lange existieren, aber Du kannst Dein Leben in der Zeit weiterführen, wo immer Du willst – so wie jeder Andere hier im Vektor ebenfalls. Für niemanden von uns wird es so weitergehen, wie bisher. Lass’ es doch gut sein. Was Du getan hast, war ein schweres Verbrechen, doch Du kannst etwas davon wieder gutmachen, wenn Du uns nun nicht im Weg stehst.«
»Mach’ Dich nicht lächerlich, Du falsche Schlange!«, brüllte Ralph sie an, »Du musstest ja unbedingt dieses Thomas Rhoda retten! Du musstest in meinen Angelegenheiten herumschnüffeln und meine Pläne zerstören! Glaubst Du im Ernst, mich interessiert noch ein Leben dort draußen? Mir geht es nur noch um meine private Rache. Du wirst es nicht schaffen, Deine Freunde von hier zu retten. Dein Thomas wird nicht wieder in seine Zeit zurückkehren und Du wirst eine größere Zeitveränderung schaffen, als Du es dir denken magst. Vielleicht bin ich dann doch noch der Gewinner …«
Sein Gedanke schien ihn sehr zu erheitern, denn er warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals los. Unvermittelt rannte er los und näherte sich rasch der Kabine, in deren Tür Khendrah noch immer mit gezogenem Nadelwerfer stand. Ohne noch weitere Zeit zu verlieren, drückte sie ab und jagte ihm zwei Nadeln in den Körper. Ralphs Gesichtsausdruck wurde starr und seine Bewegungen wurden unkoordiniert. Von seinem eigenen Schwung getragen, prallte er auf Khendrah und ließ sie rückwärts in die Kabine stürzen, wo sie mit ihrem Rücken auf die Kante eines der Koffer prallte. Für einen Moment sah sie nur noch Sterne vor Ihren Augen und ihr Körper fühlte sich an, wie in Feuer getaucht.
»Khendrah!«, hörte sie eine Stimme, »Bist Du verletzt?«
Es war Zeno, der sich über sie beugte und sie besorgt ansah.
»Es geht schon wieder«, sagte sie ächzend. »Es ist schön, wenn der Schmerz nachlässt.«
Ralphs Körper lag bewusstlos halb auf ihr und sie musste sich hin und her winden, um sich darunter zu befreien. Zeno half ihr, indem er Ralphs Körper aus der Kabine zog. Er ging dabei nicht sonderlich vorsichtig mit ihm um. Khendrah atmete einige Male kräfig durch, nachdem sie wieder aufgestanden war. Zeno und Khendrah sahen sich einen Moment schweigend an.
»Danke«, sagte sie dann leise. »Zeno, Du bist ein netter Kerl.«
Er winkte ab.
»Es ist Zeit«, sagte er, »Ihr müsst in die Vergangenheit reisen, sonst könnt Ihr es nicht mehr.«
Er half ihr, die noch immer schlafenden Freunde in die kleine Kabine zu schaffen, was angesichts ihrer schlaffen Körper nicht einfach war. Als sie alle, mehr oder weniger übereinandergestapelt, verstaut waren, kletterte auch Khendrah dort hinein.
»Muss ich etwas beachten, wenn ich jetzt das Jahr 2008 einstelle?«, fragte sie Zeno. »Werde ich überhaupt an der richtigen Stelle in der Zeit erscheinen?«
Zeno lächelte.
»Khendrah, mein Schatz. Ich bin Techniker. Du musst Dich um nichts kümmern. Du wirst dort ankommen, wo du damals bei ersten Einsatz in 2008 auch erschienen bist. Wenn die Energie zu gering wird, werden die Zellen, die ich hier rings herum installiert habe, ihre Energie an die Kabine abgeben. Es wird reichen … noch.«
»Was geschieht mit Ralph?«
Zeno warf einen angewiderten Blick auf den am Boden Liegenden.
»Ralph werde ich mit der anderen Kabine ebenfalls in die Vergangenheit schicken«, sagte er.
»Aber die andere Kabine hat doch keine Energiezellen«, entfuhr es Khendrah.
»Hat sie nicht?«, fragte Zeno mit einem bösen Lächeln auf den Lippen. »Dann kann es wohl zu gewissen Zwischenfällen kommen.«
»Zeno, das kannst Du nicht tun!«, rief Khendrah.
Zeno beugte sich blitzschnell vor und gab Khendrah einen Kuss. Dann trat er zurück und zog die Kabinentür von außen zu. Das Verriegelungssystem ließ die Schlösser einrasten, sodass ein Öffnen nicht mehr möglich war. Khendrah rüttelte an den Griffen der Tür, doch sie rührte sich nicht.
»Zeno!«, brüllte Khendrah und schlug gegen die Tür.
Durch ein kleines Fenster sah sie Zeno draußen stehen und ihr zuwinken.
»Es hat keinen Sinn, Khendrah!«, rief er laut, damit sie ihn verstehen konnte, »Ich habe den Mechanismus manipuliert. Die Reise in die Vergangenheit wird gleich beginnen! Ralphs Reise wird meine private Rache an einem Mann sein, der mich jahrelang erpresst hat und wie einen Fußabtreter behandelt hat. Ich ziehe hiermit einen Schlussstrich. Werde glücklich, Khendrah! Ich habe Dich immer geliebt!«
Sie wollte noch etwas sagen, doch in diesem Moment setzte sich die Kabine in der Zeit in Bewegung und Zeno verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie blickte auf die kleine Anzeige, wo die Jahreszahlen zu laufen begannen. Erst langsam, dann immer schneller ging die Fahrt in die Vergangenheit. Als sie das Jahr 2050 passierten, begann die Zelle der Kabine zu vibrieren und die Erschütterungen wurden immer unangenehmer, je näher sie ihrem Ziel kamen. Die Zahlen auf dem Display wurden immer langsamer. Khendrah klammerte sich nervös an den Griff der Kabinentür. Die Luft im Innern wurde immer stickiger, da die Energiezellen, die von Zeno installiert worden waren, nun Wärme abzugeben begannen. Ein Alarmsignal signalisierte in nervtötender Lautstärke, dass etwas mit der Energieversorgung nicht in Ordnung war.


Der nächste – und letzte Teil – dieser Geschichte erscheint am 14.12.2019

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Ein später Besuch

Am 1. Dezember beginnt die Adventszeit. Schon etliche Tage davor öffnen überall die lang ersehnten Weihnachtsmärkte. Glühwein, Bratwurst, Backfisch, Eierpunsch – das sind heute die Charakteristika der vorweihnachtlichen Zeit. Fragt man probehalber mal bei den vielen Menschen herum, die an den zahlreichen Buden stehen und es sich gut gehen lassen, was überhaupt “Advent” bedeutet, wird man sicher bei den Meisten auf Verständnislosigkeit und Unwissen stoßen. Das lateinische Wort “advenire” gehört sicher nicht zum allgemeinen Wortschatz und seine Bedeutung erst recht nicht.
Doch, was sich vor mehr als 2000 Jahren zugetragen hat, wissen doch noch die Meisten. Lange ist es her. Doch was wäre, wenn …?


Jaycee schreckte hoch, als jemand ihn am Arm berührte. Wie so oft während dieser langweiligen Mission war er einfach weggenickt.
»Was ist?«
Erst jetzt begriff er, wo er sich befand und registrierte Luzi, den Commander seines Schiffes.
»Herr, wir haben eine Subraumdepesche von Ihrem Vater erhalten.«
Jaycee streckte sich und rutschte in seinem Sessel zurecht. »Und? Willst du sie mir nicht geben oder vorlesen?«
»Ja, Herr.«
Jaycee rollte mit den Augen und griff nach dem Holo-Tablet, das Luzi ihm hinhielt.
»Luzi gewöhne dir dieses ‚ja Herr, nein Herr‘ endlich ab. Ich kann es nicht mehr hören und außerdem fliegen wir schon so lange zusammen durchs Universum, das wir solche Förmlichkeiten wirklich nicht mehr brauchen.«
»Ja Herr.«
Jaycee schnaubte entnervt und begann die Nachricht zu lesen. Als er fertig war, deaktivierte er das Holo verärgert.
Er schaute zu Luzi hoch, der erwartungsvoll vor ihm stand. »Hast du das auch gelesen?«
Luzi nickte.
»Weißt du, was das bedeutet? Wir kommen wieder nicht nachhause! Da wir aktuell im Südarm der Milchstraße unterwegs sind, sollen wir uns ein System ansehen, wo wir vor einiger Zeit schon einmal waren. Mein Vater hat dort vor vielen Jahren etwas experimentiert, das Ganze dann aber aus den Augen verloren. Ich selbst war auch schon einmal dort. Ich brauche die Erinnerungen aus dieser Zeit. Sie sollten sich in den Archiven des Schiffes befinden. Wenn nicht, kann Vater mich mal. Dann geht es gleich nachhause.«
Als Luzi gegangen war, rückte er näher mit seinem Sessel an die Steuerkonsole heran. Zwar konnte er nicht die Gedankensteuerung verwenden wie Luzi, aber mit den manuellen Elementen kannte er sich aus.
»Südarm«, überlegte er. »Da klingelt doch was. Wann war ich zuletzt in dieser Gegend? Ich muss wohl doch auf die Memo-Injektion warten.«
Nur wenig später kam Luzi zurück und hielt ein pistolenähnliches Gerät in seinen Händen. »Ich hab es gefunden. Eine gelbe Sonne, neun Planeten und jede Menge anderes Zeug. Bitte einen Moment stillhalten, ich injiziere die alten Datensätze.«
Jaycee hasste diese Upgrades, aber schneller gelangte man einfach nicht an die Erinnerungen. Ein kurzes Zischen, ein kleiner Schmerz und es fühlte sich an, als würde ein Vorhang beiseite gezogen. Die Erde. Ja, jetzt wusste er es wieder. Er selbst war auf ihr herumgelaufen.
Vater hatte diese kahle Welt seinerzeit mit Leben erfüllt und dann sich selbst überlassen. Experiment, nannte er das. Bei seinem letzten Besuch vor … Er überlegte. … dreitausend Jahren hatten diese Wesen dort eine primitive Kultur hervorgebracht. Er wusste wieder, was für ein Theater es gegeben hatte, als man ihn für eine Art Überwesen gehalten hatte. Okay, für diese Wesen, diese Menschen, die sein Vater ihnen so ähnlich gemacht hatte, war er es vermutlich auch. Wie naiv war es gewesen, sie lehren zu wollen! Nichts hatten sie verstanden und ihre Anführer erst recht nicht. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sie ihn damals verurteilt und getötet hatten.
Sie hatten zumindest gedacht, sie hätten es getan. Er hatte ihnen sogar den Gefallen getan und hatte mitgespielt.
Ein sanftes Signal ertönte und Luzi wandte sich an ihn: »Herr, die Cyber-Einheit meldet unsere Ankunft im Zielgebiet. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir das richtige System gefunden haben.«
»Warum?«, fragte Jaycee verblüfft. »Die Cyber-Einheit hat sich noch nie geirrt. Wenn die Koordinaten stimmen und dieses System an der um dreitausend Jahre extrapolierten Position steht, muss es das richtige System sein.«
Er erhob sich und ging zu den Holoschirmen, auf denen nach kurzer Zeit das gesamte Sonnensystem schematisch dargestellt wurde.
»Eine gelbe Sonne, neun Planeten. Der Rest interessiert uns nicht. Setze den Fokus auf den dritten Planeten. Der war es, auf dem ich gewandelt bin.«
Luzi veränderte ein paar Einstellungen und die Schirme zeigten nur noch Daten vom dritten Planeten an.
»Wir müssen näher heran«, entschied Jaycee. »Kurze Ortsversetzung. Bring uns in die Umlaufbahn des Satellitenmondes, aber bitte bei vollem Ortungsschutz. Ich habe ein komisches Gefühl.«
»Ja Herr.«
»Würdest du das bitte endlich lassen, Luzi?«

Ein kurzes Flackern und die Welt erschien riesengroß auf den Holoschirmen. Jaycee schaute ungläubig. »Wie lange ist es her, seit wir hier waren? Dreitausend Jahre? Unfassbar, was diese Wesen in dieser kurzen Zeit angestellt haben. Ein metallener Ring umschließt den kompletten Planeten. An verschiedenen Stellen sind winzige Aufzüge erkennbar. Warum macht man so etwas?«
»Ihr Vater hat uns vielleicht deshalb hergeschickt? Weil wir herausfinden sollen, was hier geschehen ist?«
»Ja, vielleicht. Ich denke, ich muss mir das selbst anschauen – wie damals.«
»Wir gehen auf den Planeten?«
»ICH gehe auf den Planeten! Du weißt, was damals geschehen ist, als du mich begleitet hast. Ich brauche Informationen und keine Massenpanik.«
Luzi machte ein enttäuschtes Gesicht. »Die sind jetzt viel weiter. Vielleicht reagieren sie jetzt anders.«
»Nein, mein letztes Wort! Du bleibst an Bord und überwachst von hier aus. Deine Hörner und die rote Haut … Das Risiko ist mir einfach zu groß.«
»Dann eben nicht! Wann will der Herr reisen, und vor allem: Wie wollen Sie reisen?«
»Ich denke, eine einfache Ortsversetzung … sagen wir mal, in den Ring hinein, sollte reichen. So ein Konstrukt ist mir noch nicht untergekommen. Das will ich mir anschauen.«
»Also wann?«, fragte Luzi betont gelangweilt.
Jaycee hob beide Hände. »Wieso nicht jetzt gleich?«
»Okay.« Er gab dem System ein paar gedankliche Befehle und Jaycee verschwand unvermittelt aus der Zentrale des Schiffes.

Im nächsten Moment stand er auf einem menschenleeren Gang. In regelmäßigen Abständen gab es Türen oder Schotts, die jedoch verschlossen aussahen. Jaycee blickte sich um. Das hatte nichts mehr mit der primitiven Lebensweise der Menschen zu tun, die er lehren wollte und die ihn schließlich getötet hatten. Aber es handelte sich noch immer um die Wesen, die sein Vater einst geschaffen hatte und nach denen er jetzt schauen sollte. Er wanderte eine Weile den Gang entlang, als sich plötzlich eine der Türen öffnete und eine Gruppe Menschen daraus hervorquoll. Verblüfft blieben alle stehen und starrten ihn an. Einer der Menschen straffte sich und trat einen Schritt auf ihn zu.
»Wer sind Sie und was tun Sie hier?«
Durch den Linguistik-Transformator in seiner Hirnrinde konnte er ihn sogar verstehen.
»Ich bin der Sohn des Schöpfers …«
»Was Sie hier suchen, habe ich gefragt!« Der Mann wurde offenbar ungeduldig.
Jaycee machte eine ausholende Geste. »All das wurde als Keimzelle vor vielen Zeitaltern durch meinen Vater geschaffen. Nun hat er mich gebeten, nach euch zu schauen und ihm zu berichten. Bringt mich zu euren Führern, damit sie mir Bericht erstatten können.«
Die Männer der Gruppe sahen sich fragend an. Ihr Sprecher wandte sich ihm wieder zu.
»Was soll dieses Gefasel? Wie ist Ihr Name und aus welchem Sektor stammen Sie? Dies ist ein militärischer Sicherheitsbereich des Halos. Zeigen Sie mir sofort Ihre Personalkennung!«
»Ich besitze nichts dergleichen. Ich bin der Sohn des Schöpfers. Ihr dürft mich Jaycee nennen. Mein Mitarbeiter nennt mich dauernd ‚Herr‘, aber das mag ich nicht.«
»Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen, Mister Jaycee, oder wie sie sich nennen. Wir müssen Sie leider bitten, mit uns zu kommen.«
»Endlich verstehen wir uns«, sagte Jaycee. »Es ist sowieso besser, mit Ihren Führern zu sprechen und nicht mit dem niederen Volk.«
Der Mann wandte sich zu ihm und machte ein verärgertes Gesicht. »Das reicht!«
Er gab seinen Leuten ein Zeichen und ehe Jaycee sich’s versah, hatte man seine Arme auf den Rücken gedreht und ihm eine Fessel angelegt.
»Diesen Brauch kenne ich. Macht man das noch immer? Werden Sie mich auch gleich töten?«
»Der hat sie doch nicht alle«, meinte einer der anderen Männer. »Den sollten wir gleich einem Psychologen vorstellen.«
Sie stießen Jaycee an und forderten ihn auf, zu laufen. Interessiert machte er das Spiel mit. Bei seinem letzten Besuch auf der Erde lief man noch meist barfuß über staubigen Boden und trug sackartige Kleidung. Das hatte sich geändert, aber sonst war keine nennenswerte Änderung festzustellen. Er wusste nicht, wie sie das immer anstellten, aber sie schienen gleich zu wissen, wer er war, denn man nahm ihn stets sofort fest. Er war gespannt, wie Vater das aufnehmen würde. Beim letzten Mal war er deswegen leicht verärgert gewesen.
Nach einiger Zeit führten sie ihn in einen karg eingerichteten Raum. Es standen lediglich ein Tisch und vier Stühle darin. An einem saß ein Mann in einem weißen Gewand und sah auf, als sie eintraten.
»Hallo, Doc Treaver, wir bringen Ihnen den Mann, den wir im Sperrsektor aufgegriffen haben. Er wirkt verwirrt und wir hielten es für besser, Sie schauen ihn sich mal an.«
Der Arzt deutete auf einen der freien Plätze. »Bitte setzen Sie sich. Wie war doch gleich Ihr Name? Würden Sie ihn vielleicht hier auf dem Schreibblock für mich aufschreiben?«
Jaycee setzte sich.
Doc Treaver schob ihm Block und Stift herüber. »Bitte.«
Jaycee griff nach dem Stift und fasste ihn umständlich. »Ich habe so etwas noch nie in der Hand gehalten. Sehen so Ihre Holo-Tablets aus?«
»N-Nein. Das ist ein verdammter Stift und ein Schreibblock …«
»Gut.« Jaycee malte umständlich ein ‚J‘ und ein ‚C‘ und legte den Stift auf den Tisch. »So richtig?«
»Ist es das? Sie heißen JC? Das ist doch kein Name.«
Jaycee nickte. »Richtig. Eigentlich ist es die Abkürzung meines Namens, aber den finde ich einfach zu lang.«
»Und wie lautet nun der vollständige Name?«
»Jesus Christus. Mein Vater hat einen Hang zu exotischen Namen.«
Dem Arzt fiel die Kinnlade förmlich herunter. »Sagen Sie das noch mal!«
»Jesus Christus. War ich nicht verständlich genug?«
»Sie müssen wissen, dass ich ein recht ausgefallenes Hobby habe und deswegen von vielen meiner Kollegen verlacht werde. Ich forsche gern in alten Schriften – soweit sie damals in den Unruhen nicht vernichtet wurden. Vieles war zum Glück bereits gescannt und in den Datenbanken des Halos gesichert. Welcher von meinen gehässigen Kollegen hat Sie auf mich angesetzt?«
Jaycee machte ein fragendes Gesicht. »Ich verstehe nicht. Was habe ich mit Ihren Kollegen zu tun? Ich bin vorhin erst angekommen und jetzt sitze ich hier.«
Doc Treaver öffnete seine Arztkombination am Hals, als würde ihm warm. »Sie sind vorhin erst angekommen und heißen Jesus Christus? So wie der Typ in dem Buch?«
»Buch?«
»Ja. Es heißt Bibel und ein Teil davon handelt vom Leben und den Taten eines Jesus Christus.«
Jaycee schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich kenne das Buch zwar nicht, aber das ist ein Ding! Da bringen mich diese Primitiven um und dann schreiben sie über mein Leben? Was seid Ihr nur für Wesen?«
»Dann behaupten Sie ernsthaft, dieser Jesus Christus zu sein? Mit Verlaub, das war vor rund dreitausend Jahren.«
Jaycee nickte. »Das kann hinkommen. Ich war nicht früher in der Gegend und wenn mein Vater mich nicht gebeten hätte, wäre ich jetzt sicher nicht hier.«
Die Tür wurde geöffnet, ein Mann in einer Uniform kam herein und tuschelte leise mit dem Arzt. Anschließend ging er wieder.
»Man sagte mir soeben, dass die Sensoren hier im Raum Sie gescannt haben. Ihre Signaturen sind in keiner unserer Datenbanken verzeichnet. Jesus Christus, es gibt Sie nicht!«
Jaycee winkte ab. »Sensoren. Dummes Zeug. Ich habe doch gesagt, ich bin eben erst angekommen. Wie soll ich da in Datenbanken gespeichert sein? Könnte ich einen Blick in dieses Buch werfen?«
»Können Sie nicht! Wenn Sie das jetzt durchziehen wollen, geben Sie mir Beweise. Fangen wir an: Wo sind Sie geboren?«
Er überlegte. »Ich denke nicht, dass Sie das kennen. Es ist nicht einmal in dieser Galaxie …«
»Ha! Schon reingefallen! Jesus Christus ist unten auf unserer Erde geboren, in einer kleinen Stadt namens Bethlehem.«
»Ach das. Nein, da verwechseln Sie etwas. Ja, ich war in diesem Bethlehem. Die hatten damals da etwas Stress wegen einer Zählung oder so etwas. Hat mich nicht weiter interessiert. Aber da war ein junges Pärchen von Menschen. Die Frau bekam ein Junges und ich habe bei der Geburt geholfen. Das war damals richtig ärgerlich, weil wir in so einen schmutzigen Stall mussten. Zum Glück ist alles gut gegangen. Diese Menschen waren nett. Zum Dank hatten sie den Jungen nach mir benannt. Ich fand das rührend.«
»Ich glaub es nicht.«
»Doch, das dürfen Sie ruhig glauben. Ich hab mich dann eine Weile in der Gegend umgesehen. Mein Vater hatte mir den Auftrag gegeben, mich unter sie zu mischen und zu beobachten. Nach einigen Jahren wurde mir das zu langweilig und ich begann, zum Volk zu reden. Dabei muss es endgültig zu dieser Verwechslung zwischen mir und dem Jungen gekommen sein, der denselben Namen hatte – dem aus Bethlehem.
Auf jeden Fall rannten die alle hinter mir her und ich wurde sie nicht mehr los. Sie lauschten meinen Worten und irgendwie fand ich das auch gut. Ich dachte, wieso sollen sie nicht etwas von mir lernen?«
»Und wie ging es dann weiter?«
»Steht das nicht in diesem Buch? Die Führer in dieser Gegend fanden es nicht so gut, dass ich eine große Gefolgschaft hatte. Irgendwann nahmen sie mich gefangen und am Ende töteten sie mich. Wie sollten sie auch wissen, dass das nicht so einfach funktionieren würde. Für mich war es aber eine gute Gelegenheit, die Aufgabe abzuschließen und mich auf den Heimweg zu machen.«
Der Arzt blickte sein Gegenüber fassungslos an. »Glauben Sie eigentlich selbst, was Sie mir da alles erzählt haben?«
»Ich muss das nicht glauben. Ich weiß das. Ich war dabei. Glauben Sie mir nicht? Sie haben selbst gesagt, mich gibt es eigentlich nicht. Nun?«
Doc Treaver schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Angenommen, es stimmt, was Sie sagen: Warum sind Sie dann hier?«
»Aus demselben Grund wie vor dreitausend Jahren. Weil mein Vater mich darum gebeten hat. Das alles hier ist im Grunde sein Werk. Er hat den Grundstock gelegt und er will einfach wissen, was daraus geworden ist. Ich gebe zu, einen umfassenden Eindruck habe ich noch nicht gewinnen können.«
»Wussten Sie, dass es eine Zeit gegeben hat, in der man einmal im Jahr Ihre Geburt gefeiert hat?«
»Meine Geburt? Doch wohl eher die von dem Kleinen, dem ich auf die Welt geholfen habe.«
»Na, dann eben seine Geburt. Man nannte das Weihnachten, die Geburt des Erlösers. Man bemühte sich in dieser Zeit, Frieden zu wahren und anderen Menschen eine Freude zu machen. So steht es in den Schriften. Sogar unsere Zeitrechnung geht auf dieses Ereignis zurück, sagt man.«
Jaycee lächelte breit. »Das ist so rührend von euch Menschen, auch wenn Ihr den falschen gefeiert habt. Aber die Geste ist toll. Danke dafür.«
»Wofür bedanken Sie sich?«
»Na hören Sie, fänden Sie es nicht toll, wenn ein ganzes Volk Ihren Geburtstag feiert? Macht man das heute nicht mehr?«
»Die Zeiten waren schlecht. Es gab Kriege, Hungersnöte, Unruhen und am Ende gab es nur noch wenige Gebiete auf der Erde, in denen Menschen leben konnten. Wir bauten mehr als zweihundert Jahre am Halo, dem Ring um den Planeten. Diejenigen von uns, die überlebt hatten, leben heute hier oben. Es gibt Aufzüge für Nahrung und Waren. Vieles wird auch gleich hier oben produziert.«
»Dann lebt dort unten niemand mehr von euch? Die Erde ist tot?«
»Nein, so schlimm ist es zum Glück nicht. Es gibt noch immer Menschen dort unten, aber sie leben recht einfach, betreiben meist Ackerbau und liefern natürliche Nahrung als Ergänzung zu unserem synthetischen Essen. In diesem ganzen Wandel ist auch der Brauch von Weihnachten in Vergessenheit geraten. Wie gesagt: Mein Hobby sind die alten Schriften. Wenn überhaupt, könnten Sie höchstens unten auf der Erde noch etwas über das Weihnachtsfest erfahren. Es gibt Gerüchte über kleine religiöse Sekten, die dazu einen geschmückten Baum anbeten, oder so etwas. Genau konnte ich das noch nicht ermitteln. Aber die Menschen unten auf der Erde sind auch in ihrer Entwicklung etwas zurückgeblieben.«
Jaycee überlegte. »Dann gibt es also zwei verschiedene Menschheiten? Habe ich das richtig verstanden? Oder ist das eher so ein Zwei-Klassen-Ding? Ich hab so was bei anderen Völkern schon mal erlebt. Völlig irre, wenn sie mich fragen.«
Doc Treaver wiegte seinen Kopf. »Nein, ganz so ist es nicht. Als die Menschheit in den Ring – den Halo – umzog, wollte eine kleinere Gruppe das nicht mittragen. Sie wollte versuchen, weiter auf der Erde zu leben. Nennen sie sie einfach Traditionalisten. Sie leben von Ackerbau und Viehzucht in den Bereichen, in denen das möglich ist. Wir profitieren davon, sie dort unten aber auch, da wir sie mit Werkzeugen und technischen Hilfsmitteln beliefern.«
»Und wieso zurückgeblieben?«
»Das war vielleicht falsch ausgedrückt, aber wir halten hier oben nichts von diesen alten Bräuchen und Festen.«
»Also gibt es dieses Weihnachten eigentlich nicht mehr. Das ist sehr schade«, sagte Jaycee nachdenklich. »Wirklich schade. Und ich überlege, ob ich nicht etwas daran ändern sollte, denn der Grundgedanke von diesem Weihnachten ist etwas Gutes. Gutes sollte man bewahren.«
»Ich weiß noch immer nicht, ob sie der sind, der Sie vorgeben zu sein oder welche Macht Sie besitzen, aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.«
Jaycee lächelte milde. »Sie glauben mir noch immer nicht, was? Kann ich etwas tun, um diesen Glauben zu stärken?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Ich wüsste nicht, was.«
Plötzlich hellte sich Jaycees Miene auf. »Vielleicht … Mir fällt gerade eine Kleinigkeit ein, die damals, bei meinem letzten Besuch, viele Menschen glücklich gemacht hat aber auch für viel Wirbel gesorgt hat. Haben Sie hier in diesem … Halo Lagerräume?«
»Lagerräume? Was wird das jetzt?«
»Sie wollten einen Beweis und jetzt sollen Sie ihn auch haben. Ist es möglich, mir zu zeigen, wo sich solche Räume befinden?«
Treaver schüttelte den Kopf. »Wie soll ich Ihnen das erklären? Und ich sehe auch nicht, warum ich das …«
»Nicht mehr nötig!«, rief Jaycee und winkte ab. »Ich habe schon gefunden, was ich gesucht habe.« Er lachte und klatschte in die Hände. »Es wird Ihnen gefallen. Und ich wünsche Ihnen allen viel Spaß damit.«
Doc Treaver sah ihn verständnislos an. »Spaß? Womit? Wovon reden Sie überhaupt?«
»Sie werden es schon herausfinden. Und vielleicht glauben Sie mir ja dann. Aber jetzt werde ich Sie verlassen. Ihre Informationen über diese Weihnachtsfeiern unten auf der Erde interessieren mich wirklich. Ich werde mich damit befassen und diesen schönen Brauch wieder populär machen. Und ja, das Rad der Zeit kann niemand zurückdrehen, aber ich werde mir etwas einfallen lassen.«
Jaycee erhob sich von seinem Stuhl und reichte Doc Treaver die Hand. »Ich habe unser Gespräch sehr genossen. Ihnen verdankt die Erde, dass ich noch etwas länger bleibe als vorgesehen. Leben Sie wohl.«
Er hielt noch einmal inne und sah Doc Treaver fest an. »Sie mögen doch Fisch?«
»Ja, aber …«
»Dann ist es gut.«
Er hob seine Hand an den Mund und rief: »Luzi, hol mich ab.«
Für einen Sekundenbruchteil erschien eine kleine rote Gestalt mit einem gehörnten Kopf, schien zu grüßen und verschwand zusammen mit Jaycee, als wäre er nie da gewesen.
Doc Treaver starrte noch minutenlang auf den leeren Stuhl. Was hatte er da eigentlich erlebt? Konnte er mit irgendjemandem darüber sprechen? Vermutlich nicht. Auf jeden Fall nahm er sich vor, mehr über diesen alten Brauch der Weihnacht in Erfahrung zu bringen. Er war noch in Gedanken versunken, als sein Armband-Kommunikator einen Anruf signalisierte.
»Ja? Treaver hier?«
»Ist dieser merkwürdige Typ noch bei Ihnen? Dieser Mann, der nirgends in unseren Unterlagen verzeichnet ist?«
»Nein, er ist weg.«
»Weg? Was meinen Sie mit ‚weg‘?«
»Er ist verschwunden. Einfach vor meinen Augen verschwunden … Warum fragen Sie?«
»Weil wir wissen wollen, ob er etwas mit den eigenartigen Erscheinungen zu tun hat.«
Doch Treaver wurde ungehalten. »Jetzt spannen Sie mich nicht auf die Folter! Was ist los?«
»Unsere Kühlräume platzen auf einmal fast vor lauter Fischen, die darin aufgetaucht sind. Vor wenigen Minuten waren sie noch nicht da. Es sind riesige Mengen. Es reicht für Tausende von uns.«
Treaver beendete den Anruf und lehnte sich zurück. Fische? Für Tausende? Ihm fiel wieder eine Passage aus dem Buch ein. Sollte es möglich sein?
Ein Lächeln schlich sich allmählich auf seine Lippen. Vielleicht sollte er einmal nach unten auf die Erde reisen und sich nicht nur durch Bücher über die alten Bräuche informieren – dieses Weihnachten. Vielleicht war mehr daran, als sie alle dachten.

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28.Teil – Die letzte Flucht (4/6)

Die Zeit schien sich endlos auszudehnen, bis sie endlich das Hotel erreichten. Immer wieder blickten sie sich verstohlen um, da sie damit rechneten, jeden Augenblick von Ralph und seinen Leuten angegriffen zu werden, doch bisher waren sie nirgends zu entdecken. Was sie allerdings noch mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass auch Jake nirgends zu sehen war.
Die Halle des Hyatts war wirklich beeindruckend. Man hatte nicht den Eindruck, sich in einem Hotel zu befinden. Das Innere des Gebäudes hatte durchaus etwas Kathedralenartiges. Sie legten den Kopf in den Nacken und blickten nach oben. Das Gebäude war im Grunde dreieckig angelegt, wobei jedes Stockwerk eine umlaufende Balustrade mit einem Geländer besaß, von dem grüne Pflanzen herunter hingen und den – sich nach oben verjüngenden Innenraum – wie hängende Gärten erscheinen ließ. Das Zentrum der Halle zierte eine riesige, abstrakte Skulptur, deren Bedeutung sich nicht erahnen ließ. An der einzigen, geraden Wand der Halle fuhren mehrere gläserne Aufzüge lautlos, wie Tränen auf und ab.
»So sehen hier die Hotels aus?«, fragte Fancan beeindruckt.
»Ich habe mal etwas über diese Hotelkette gelesen«, sagte Thomas, »sie haben schon immer eine herausragende Architektur gehabt – auch in 2008, wohin wir ja wollen.«
»Schön und gut«, sagte Giwoon und drehte sich um seine Achse, »aber wo, verdammt noch einmal, finden wir den Aufzug, den wir brauchen? Es wird doch sicher keiner von diesen Glaskabinen sein.«
»Vielleicht gibt es hier noch herkömmliche Aufzüge, die für den Service-Betrieb gedacht sind«, vermutete Thomas, »ich würde auf diese gerade Wand dort tippen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einen Aufzug in eine von diesen schrägen, nach innen verschobenen Wänden eingebaut haben.«
Giwoon tippte sich an die Stirn.
»Natürlich«, sagte er, »Thomas hat recht. Manchmal kommt man nicht auf das Naheliegende.«
Sie gingen langsam auf die Wand mit den gläsernen Aufzügen zu und hielten wachsam Ausschau nach ihren Gegnern.
»Wo stecken diese Kerle nur?«, murmelte Khendrah und griff gedankenverloren nach Thomas’ Hand.
»Wahrscheinlich warten sie direkt vor diesem verdammten Zugang«, sagte Giwoon bitter. »Ich glaube nicht, dass sie noch das Risiko eingehen werden, uns zu verpassen. Habt Ihr Eure Nadelwerfer griffbereit?«
Sie erreichten die gerade Stirnwand der Halle, wo ein relativ dichtes Gedränge von Menschen herrschte, die entweder aus den Aufzügen kamen, oder auf sie warteten. Gespannt suchten sie nach einem Hinweis auf weitere Aufzüge. Thomas entdeckte schließlich ein Symbol, welches in einen Gang wies, der von der Haupthalle abzweigte.
»Dort finden wir hoffentlich unser Ziel«, sagte er und deutete auf den Gang, der von den meisten Menschen nicht beachtet wurde.
»Ja, und Ralph«, entfuhr es Fancan. »Was geschieht, wenn sie uns tatsächlich dort auflauern und wir unter massives Feuer aus diesen Nihilationswaffen geraten? Was tun wir dann?«
»Schießen, was das Zeug hält«, sagte Giwoon. »Dann müssen wir versuchen, sie mit unseren Nadeln auszuschalten, bevor unsere Schutzfelder zusammenbrechen. Scheut Euch nicht, Eure Waffen einzusetzen. Denkt daran, dass die Waffen des Gegners auf unseren Tod abzielen.«
»Ich frage mich, wo Jake steckt«, sagte Fancan.
»Wahrscheinlich ist er einfach nur verschwunden«, meinte Khendrah, »und ich kann es ihm nicht einmal übel nehmen.«
Giwoon machte ihnen noch einmal eindringlich bewusst, worauf es nun ankam. Sie machten alle ihre Nadelwerfer einsatzbereit und prüften abschließend noch einmal, ob die Felder ihrer Schutzscheiben noch intakt waren, dann gingen sie in den Gang hinein. Es war ihnen nicht geheuer, dass es hier so eng war. Wenn sie hier angegriffen würden, hätten sie keine Möglichkeit, Deckung zu finden. Doch ihre Befürchtungen waren unbegründet. Der Gang führte nach zwei Richtungsänderungen in einen größeren Raum, an dessen hinterer Wand sich drei Aufzüge befanden und davor standen – wie nicht anders zu erwarten war – Ralph und seine Leute.
»Was tun wir jetzt?«, fragte Fancan, »Hier laufen ja noch einige andere Leute herum.«
»Erst versuchen wir es mit Reden«, entschied Giwoon.
»Hältst Du das für eine gute Idee?«, wollte Thomas wissen, »Bisher haben sie immer wieder nur auf uns gefeuert.«
»Ja, wenn keine Zeugen anwesend waren«, sagte Giwoon. »Offenbar scheut er doch die hiesigen Polizeikräfte.«
Er lief los und die anderen folgten ihm zögernd. So wie sie aus der Deckung des dunklen Ganges hervortraten, entdeckte sie Ralph und griff nach seiner Waffe. Doch, bevor er sie zog, stellte er fest, dass eine Gruppe von Handwerkern sie beobachteten – also hielt er die Waffe zunächst unter seiner Jacke verborgen.
»Ralph, Du willst es doch hier sicher nicht wirklich zu einem Showdown kommen lassen«, sagte Khendrah, als sie kurz vor der Gruppe standen.
»Hast Du eine Ahnung, mein Engel«, zischte er. »Ihr habt alles zerstört, was ich mir aufgebaut habe. Ich wollte den Vektor verlassen, wollte mit meinem Neffen zusammen endlich etwas von dem haben, was mir all die Jahre verwehrt worden ist. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Du so unprofessionell bist und nicht einmal einen einfachen Auftrag ausführen kannst.«
»Ich unprofessionell?«, ereiferte sich Khendrah, »Dein Auftrag war egoistisch und unmoralisch! Du hast mich und meine Stellung ausgenutzt. Es war meine Pflicht, den Fehler zu korrigieren.«
»Pflicht!«
Ralph spie das Wort förmlich heraus.
»Ich habe über viele Jahre das getan, was Du ‘Pflicht’ nennst. Ich habe nie darum gebeten, in den Vektor geholt zu werden. Verdammt, man hat mich um alles betrogen, was mir wichtig war. Aber jetzt bin ich am Drücker. Jetzt ernte ich die Früchte. Ihr müsst nicht glauben, dass Eure dilletantischen Maßnahmen im Jahre 2110 mich aufhalten können.«
»Du weißt noch gar nicht, dass die Zeit des Vektors vorüber ist, oder?«, fragte Khendrah. »Wir haben die Energiequelle zerstört, die ihn aufrecht erhält. Wenn Du klug bist, suchst Du dir schnell eine Zeit, die Dir gefällt und lässt Dich dort nieder, bevor das ganze System zusammenbricht.«
»Was redest Du da?«, wollte Ralph wissen. »Der Vektor ist ewig und unzerstörbar.«
»Das ist so nicht richtig«, stellte Giwoon klar. »Der Vektor kann nur existieren, solange ihm von seiner Basis her Energie zugefügt wird. Ein Zugang zu dieser Einrichtung befindet sich hier, in diesem Jahr. Die Sonnenenergie-Zapfanlage,  die wir zerstört haben. Gib auf Ralph. Es ist vorbei.«
»Ihr redet irre!«, brüllte Ralph und seine Hand zuckte wieder zur Waffe.
In diesem Moment bog ein Junger Mann in einem Arbeitsoverall und mit einer Base-Cap um die Ecke und hielt auf sie zu. Ralph beherrschte sich und wollte den Mann an sich vorbeilaufen lassen. Auch die übrigen Männer, die schweigsam dabeigestanden hatten, machten keine Bewegung. Der Mann machte Anstalten, an ihnen vorbei zu gehen, hielt dann kurz an und zog eine Zigarette aus seiner Tasche. Hilflos blickte er zwischen Ralph, seinen Männern und Giwoon hin und her, dann fragte er Ralph nach Feuer.
»Feuer?«, fragte Ralph verständnislos, »Was wollen Sie mit Feuer? Machen Sie, dass Sie weiterkommen.«
»Wofür Feuer?«, fragte der Mann, »Für die Zigarette hier natürlich.«
Er wedelte damit vor Ralphs Nase herum und lenkte dadurch die Aufmerksamkeit von seiner anderen Hand ab, die einen kleinen Nadelwerfer hielt. In schneller Folge drückte er auf den Auslöser und jagte jedem der Männer eine Nadel in den Körper. Verfehlen konnte er aus dieser kurzen Entfernung niemanden. Die Wirkung trat augenblicklich ein. Keiner fand noch Gelegenheit, seine Nihilationswaffe zu ziehen. Ralph starrte den jungen Mann ungläubig an, doch er konnte, ebenso wie seine Mitarbeiter, bereits keinen Finger mehr rühren. Langsam kippte er gegen die Wand und rutschte daran herunter, als seine Beine ihren Dienst versagten.
»Jake?«, fragte Fancan, »Wir dachten, Du wärst abgehauen.«
Jake schob seine Base-Cap in den Nacken und grinste sie an.
»Ich habe Euch doch gesagt, dass ich Euch helfen werde«, sagte er, »nur habe ich leider das winzige Sprechgerät verloren und musste improvisieren. Als ich sah, dass hier in erster Linie Arbeiter im Overall herumlaufen, besorgte ich mir ein solches Teil.«
»Wo hast du es denn so schnell herbekommen?«, wollte Giwoon wissen.
Jake grinste und hielt den kleinen Nadelwerfer hoch.
»Tolles Teil, dieses Nadeldings«, sagte er. »Ich hoffe, der Mann kommt nicht so schnell wieder zu sich.«
»Mein Gott, Jake!«, entfuhr es Khendrah, »Du kannst nicht jeden Menschen hier einfach betäuben.«
»Ihr habt mir gesagt, es sei ungefährlich für die Leute, wenn ich es nicht überdosiere – und das habe ich nicht getan. Jetzt seid Ihr wieder am Zug. Wie geht es jetzt weiter?«
»Er hat recht«, sagte Giwoon, »Khendrah, Du hast doch eine Spezialuhr am Handgelenk, die uns zeigt, wie wir in den Aufzug gelangen. Ich will doch hoffen, dass sie noch in Ordnung ist.«
Khendrah berührte ihr Armbandinstrument an verschiedenen Stellen und zeigte dann auf die linke Aufzugstür.
»Das ist sie«, meinte sie. »Die nächste Kongruenzphase ist in einhundertzehn Sekunden. Bleibt dich bei mir, dann kommen wir alle hinein.«
Sie rückten alle zusammen und warteten. Giwoon sah sich um, ob jemand ihr Verhalten verdächtig fand – zumal zu ihren Füßen mehrere bewusstlose Männer an der Wand lehnten. Er hatte kein Verlangen, jetzt noch gegenüber normalen Menschen dieser Zeit die Nadelwerfer sprechen zu lassen. Jake blickte etwas ratlos drein. Ihm war nicht so ganz klar, was hier genau vor sich ging.
Als der Zeitpunkt erreicht war, gab Khendrah das Zeichen und sie riss die Aufzugtür auf, obwohl die Leuchtanzeige erkennen ließ, dass der Aufzug irgendwo in den oberen Etagen stehen sollte. Hinter der Tür befand sich ein relativ kleiner Raum, der tatsächlich wie eine Aufzugkabine wirkte. Schnell betraten sie den Raum und schlossen die Tür wieder von innen. An der hinteren Wand befand sich ein kleines Terminal, an welchem einige Lämpchen hektisch blinkten.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Giwoon. »Es sind Warnlampen, nicht wahr?«
»Einen kleinen Moment«, bat Fancan und tippte an dem Terminal herum. »Wir haben zu wenig Energie.«
»Heißt das etwa, wir kommen nicht mehr ins Jahr 2008?«, wollte Thomas wissen.
»Moment!«, unterbrach Jake lautstark, »Ihr wollt mir doch nicht ernsthaft erzählen wollen, dass man mit diesem Ding hier durch die Zeit reisen kann! Ihr habt mir zwar gesagt, dass Ihr mich mitnehmen wollt, aber es war nie die Rede von einer Zeitreise. Im Übrigen gibt es so etwas überhaupt nicht.«
Er blickte sich suchend in der Kabine um.
»Das ist ein Fake, oder?«, fragte er, »Gleich geht die Tür wieder auf und dann bin ich in einer Fernsehshow. Oder?«
Er blickte von Einem zum Anderen und sah nur ernste Gesichter.
»Oh Scheiße, Ihr meint das ernst!«, entfuhr es ihm.
Giwoon ging nicht weiter darauf ein.
»Können wir nach oben fahren?«, wollte er wissen. »In der Zukunft müsste die Energie noch ausreichen. Wenn wir die Kabine dort aufladen lassen, schaffen wir es vielleicht von dort aus, nach 2008 zu kommen.«
»Hmm, Du meinst quasi mit Anlauf«, meinte Khendrah, »das könnte klappen.«
»Was, verdammt noch mal, wollt Ihr Typen denn im Jahre 2008?«, jammerte Jake, »was soll ich dort?«
»Wir müssen dorthin«, sagte Khendrah, »weil Thomas von dort stammt. Er muss wieder dorthin zurück. Wir haben viel auf uns genommen, um das zu erreichen. Außerdem ist es die letzte Chance zu einer solchen Reise, weil das alles hier bald nicht mehr existieren wird. Aber Jake, was hält dich hier? Du bastelst an Autos herum und du stehst auf diese stinkenden Verbrennungsmotoren. Ich kann mich erinnern, dass ich im Jahre 2008 fast nur solche Fahrzeuge gesehen habe.«
Jakes Augen begannen zu glänzen.
»Verdammt, Du hast recht«, sagte er, »damals wurden zwar die ersten Elektroautos gebaut, aber es war noch eine Hochzeit der Benzinmotoren. Meint Ihr, ich könnte so ohne Weiteres in der Vergangenheit Leben, ohne aufzufallen?«
Giwoon legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Keine Sorge«, sagte er, »wir werden alle Ausweispapiere besitzen, die jeder Überprüfung standhalten.«
»Wollt Ihr denn auch alle dort im Jahre 2008 leben, obwohl Ihr aus der Zukunft stammt?«, wollte Jake wissen.
»Wir müssen«, sagte Fancan. »Es gibt keine Möglichkeit mehr für uns, in die Zukunft zu reisen. Wir werden es dir alles einmal erklären, aber nicht jetzt. Jetzt ist Zeit zum Handeln. Wir haben noch etwas zu erledigen.«
Khendrah nahm einige Einstellungen vor und lehnte sich dann zurück – an Thomas.
»Wir werden jetzt zu unserer Basis im 3500. fahren«, sagte sie. »Dort sollte noch ausreichend Energie vorhanden sein, um diesen Aufzug vollständig aufzuladen. Außerdem will ich noch ein paar private Sachen aus meiner Kabine holen, bevor sich alles auflöst.«
»Die Idee ist nicht schlecht«, meinte Fancan, »ich habe ja auch noch Sachen in meinem Zimmer, die ich gern dabei hätte.«
»Was meint Ihr mit ‘Basis im 3500.’?«, wollte Jake wissen.
»Im Zeitvektor gibt es an strategisch wichtigen Zeitpunkten sogenannte Basen, von wo aus die Agenten zu ihren Aufträgen starten«, erklärte Khendrah. »Unsere Heimatbasis befindet sich im Jahre 3500.«
Jake klappte seinen Mund mehrmals auf und zu, sagte aber nichts mehr. Die Vorstellung, dass sie sich nun eineinhalb Jahrtausende in die Zukunft bewegten, überwältigte ihn einfach.
Ein leises Gong-Signal zeigte an, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Fancan drückte vorsichtig die Tür der Kabine auf und blickte in den Gang hinaus.
»Kommt, es ist niemand zu sehen«, sagte sie und winkte mit der Hand, dass die Anderen ihr folgen sollten.
Jake blickte sich interessiert in alle Richtungen um.
»Und hier befinden wir uns im Jahr 3500?«, fragte er, »Ich habe mir das Ganze aber etwas futuristischer vorgestellt.«
»Die technische und gesellschaftliche Entwicklung hatte auch diverse Rückschläge erlebt«, sagte Giwoon. »Es hat Zeitalter gegeben, die fast mittelalterlich anmuteten, bevor die Menschheit wieder in Tritt kam und echten Fortschritt entwickelte. Die Basen sind in allen Zeitaltern identisch konstruiert und sind in erster Linie funktionell ausgestattet, damit Reisende Agenten verschiedener Zeitalter sich gleich etwas heimisch fühlen. Draußen, in der Zeit selbst, kann es ganz anders aussehen.«
Sich immer wieder umsehend, machten sie sich auf den Weg zu Khendrahs Appartement. Schon früher waren hier nicht all zu viele Mitarbeiter beschäftigt gewesen, doch nun wirkte die Basis fast wie ausgestorben. Als sie fast am Ziel waren, stand plötzlich Zeno Dorga vor ihnen. Erschreckt blieben sie alle stehen.
»Khendrah?«, fragte Zeno, »Fancan? Wo kommt Ihr auf einmal her? Und wer sind diese Leute?«
Giwoon überlegte, ob sie diesen Mann vielleicht betäuben müssten und sah Khendrah fragend an, die jedoch eine beschwichtigende Geste mit der Hand machte, worauf Giwoon seine Hand wieder von seinem Nadelwerfer nahm.
»Von Euch gehen hier wahre Schauermärchen um«, sagte Zeno. »Die oberste Behörde hat sogar einen Preis auf Eure Köpfe ausgesetzt. Könnt Ihr mir erklären, was hier überhaupt los ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es stimmt, dass Ihr zu Verrätern geworden seid.«
Khendrah wusste, dass der Techniker der Basis, Zeno, sie insgeheim immer geliebt hatte und trat auf ihn zu.
»Zeno, ich weiß nicht, was man Dir erzählt hat«, sagte sie, »aber wir haben weit unten in der Vergangenheit etwas getan, das dazu führen wird, dass der gesamte Vektor sich innerhalb der nächsten Wochen und Monate auflösen wird, weil ihm die Energie ausgehen wird.«
Zeno machte ein entsetztes Gesicht und trat ein paar Schritte zurück.
»Ihr habt WAS getan?«, fragte er mit schriller Stimme, »Ihr könnt doch nicht diese Einrichtung hier zerstören wollen! Ihr seid wahnsinnig! Liivo Qum hatte recht! Ihr seid tatsächlich Verräter!«
Wie von Zauberhand hielt er plötzlich einen Nadelwerfer in seiner Hand und richtete ihn auf Khendrah. Giwoon hatte allerdings mit einer solchen Reaktion gerechnet und hielt ebenfalls einen Nadelwerfer in der Hand, die er nun auf Zeno richtete. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Thomas ebenfalls reagiert hatte und Zeno im Visier hatte. Anerkennend nickte er ihm zu.
»Zeno, machen Sie jetzt keinen Fehler«, sagte er, »Sie können unmöglich uns alle unschädlich machen. Wenn auch nur eine Nadel Ihre Waffe verlässt, werden wir ebenfalls schießen.«
Resignierend ließ Zeno seine Waffe sinken.
»Ich verstehe Euch nicht«, sagte er matt. »Es kann doch nicht Euer Ziel sein, diese großartige Einrichtung zu zerstören. Sie ist das Größte, das die Menschheit je geschaffen hat und sie dient dem Wohl der Menschen aller Zeitalter.«
»Eben da besteht ein gewaltiger Irrtum«, sagte Khendrah und legte Zeno eine Hand auf die Schulter, während sie ihm mit der Anderen die Waffe aus den Händen nahm. »Der Vektor wird auf Dauer die Menschheit zerstören. Fancans Freund Giwoon stammt aus dem einhundertzwölften Jahrhundert und kann beweisen, dass der Vektor in der fernen Zukunft …«


Der nächste Teil erscheint am 07.12.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 12 – Die Erdentilger

Die Manticor segelte galant in die Stratosphäre und ließ den Wolkenschleier des Planeten schnell hinter sich. Archweyll machte es sich auf der Brücke bequem, während die Atharymn immer größer wurde. 
Endlich lasse ich dieses verdammte Höllenloch hinter mir. 
Im Warp fühlte er sich wie zuhause, jedes Sternenfunkeln bedeutete ein Stück Heimat zu erblicken. 
Clynnt Volker trat an ihn heran. »Sie ist aufgewacht«, flüsterte er dem Kommandanten ins Ohr. 
»Ich danke dir«, erwiderte Archweyll und ließ sich entschuldigen. Während er nach hinten eilte, merkte er, wie Nervosität in ihm aufkeimte. Wie würde sie reagieren?
Tamara lag in einer offenen Schlafnische, ihr Kopf ruhte auf einem weichen Daunenkissen. 
Um ihre Stirn war eine Bandage gewickelt, die auch die Augen bedeckte und ein Zugang versorgte sie mit den notwendigen Elektrolyten. Die Schwellungen waren zurückgegangen und die Krampfadern verblasst. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem flachen Rhythmus. Als der Kommandant eintrat, sah sie sich irritiert um.
Es zerriss Archweyll das Herz. Er konnte nicht anders, als sich eine Träne zu verdrücken. Dann griff er sich einen fest montierten Rollsessel und setzte sich neben sie. 
»Arch?«, flüsterte die Stoßtruppführerin mit zittriger Stimme. Ihre Hände griffen ziellos durch die Luft, um wenigstens etwas auszumachen. 
»Ich bin hier«, sagte er sanft und ergriff ihre Hand.
Instinktiv schien Tamara sich zu beruhigen. »Kann ich nicht den Verband abnehmen? Ich finde ihn furchtbar«, seufzte die junge Frau und griff mit der freien Hand nach ihren Bandagen, doch Archweyll hielt sie fest. Er holte tief Luft.
Er konnte durch den Warp reisen und Schlachten führen, doch auf diese Prüfung war er nicht vorbereitet. Er fühlte sich hilflos und entwaffnet und seine Brust drohte vor Kummer zu zerreißen. »Tamara…ich…«, begann er zu stottern. 
»Du lebst«, ihre wunderschönen Lippen formten ein bedingungsloses Lächeln. »Wie schön.«
Jetzt kam ihm doch eine Träne. Archweyll war froh, dass ihn so niemand sehen konnte und in der nächsten Sekunde strafte er sich schon dafür, auch nur diesen Gedanken geformt zu haben. »Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal getroffen haben?«, fragte er sie stattdessen, um irgendwie eine Brücke zwischen ihnen zu schaffen. 
»Wie könnte ich das vergessen«, kicherte sie spitzbübisch. »Ich habe dir eine reingehauen.«
»Ich habe eine Affinität mich in Schwierigkeiten zu bringen«, lächelte er matt. 
Und eine Affinität andere mit hineinzuziehen. 
Er ballte die Faust bis es wehtat. 
Das darf nie wieder passieren. Was für ein Kommandant lässt zu, dass seinen besten Leuten so etwas passiert? 
»Das stimmt. Ich fand das immer sehr bemerkenswert«, sagte Tamara und ihr Griff um seine Hand wurde etwas stärker. 
Er betrachtete ihre feuerrote Mähne und wollte sie schon streicheln, als ein innerer Instinkt ihn zurückfahren ließ. 
Du hast noch etwas zu erledigen. 
»Haben wir unsere Mission erfüllt?«, fragte die Stoßtruppführerin kaum vernehmbar.
»Das Skelett ist in die Tiefe gestürzt, aber die Frequenzen wurden trotz der Torpedierung weiterhin versendet. Sogar vermehrt. Ich hoffe, wir handeln uns damit keinen Ärger ein.«
Sie nickte matt. »Verstehe«, gab sie zurück.
Archweyll wusste sofort, dass es sie genauso ärgerte wie ihn. »Ich denke, es waren irgendwelche hochentwickelten Stoffe in den Knochenzellen, die sie in gewisser Weise zum Sprechen gebracht haben«, überlegte der Kommandant laut. »Ein Funksender im Gerippe, eindeutig praktisch.«
Wie lange willst du es noch hinauszögern, du alter Narr? 
»Was haben die Behörden gesagt?«, erkundigte sich Tamara. 
»Sie wollten Clynnt nicht glauben. Herr im Himmel, ich habe noch nie ein Lebewesen so üble Flüche und Verwünschungen per Funk versenden hören. Er hat mir die Aufzeichnungen gezeigt. Allerdings sind sie relativ kleinlaut geworden, als er ihnen die Scans übermittelt hat. 
Prospecteus wurde in Alarmbereitschaft versetzt.« 
Sie quittierte ihn mit einem schwachen Nicken. »Dann haben wir zumindest etwas erreicht«, seufzte sie. 
»Und dafür einen hohen Preis bezahlt.« Es war an der Zeit, sich dem Thema zu stellen. »Was du getan hast …«, begann er, doch sie winkte ab. 
»Was ich getan habe, hast du auch getan. Sonst wäre ich nicht hier, schon lange nicht mehr. Es ist etwas selbstverständliches.« 
Sein Griff wurde fester, bis Archweyll merkte, dass er zitterte. »Ich wusste direkt, dass du besonders bist«, gestand er und plötzlich merkte er, dass seine Kehle trocken wie Wüstenstaub war. 
»Deswegen hast du dir auch eine gefangen«, schmunzelte Tamara liebevoll. 
»Was ich dir sagen werde, wird dich möglicherweise schockieren«, Archweyll holte tief Luft.
»Es ist doch niemand gestorben?«, fragte Tamara erschrocken. 
Selbst jetzt sorgt sie sich noch mehr um ihre Leute, als um sich selbst. Verdammt Archweyll, warum nur kannst du es ihr nicht so vergüten, wie sie es verdient hätte? 
»Nein …«, begann er zögerlich. »Es ist so: du warst dort unten sehr lange dem Wasserdruck ausgesetzt. Ich habe sofort versucht dich da rauszuholen, aber ich war zu spät. Bitte verzeih mir.«
»Wieso warst du zu spät?« 
Sie weiß es noch nicht.
Um Archweyll schien sich alles zu drehen, während er ihr erklärte, was die Folgen ihres Abenteuers sein würden. 
Als Tamara seine Worte vernahm, wurde sie leichenblass. 
Jedes gesprochene Wort trieb einen Keil in Archweylls Brust, der sein Herz durchbohrte. 
Tamara nahm es kommentarlos entgegen, doch er bemerkte, wie ihr ganzer Körper unter einem Zittern erbebte. 
Sie weint, wurde ihm klar.
Sachte strich er über ihre Hand. 
»Ich werde alles erdenkliche geben, damit du wieder gesund wirst. Ich werde dich nicht verlieren, hörst du?« 
Schluchzte ich gerade? 
Vermutlich war es sein Körper nicht mehr gewöhnt, Emotionen dieser Art zu verarbeiten. 
Oder ist es, weil sie mich schwach macht? 
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass dieser Gedanke falsch war. 
Sie macht mich stark, wurde ihm deutlich, bei dem Gedanken an die seltsame Stimme in seinem Kopf, als er fast vor dem Scheitern stand. Das war sie gewesen.
»Was wird jetzt geschehen?«, fragte Tamara und Verzweiflung kam in ihrer Stimme auf. 
Soldaten, die nicht mehr kampffähig waren, wurden gnadenlos ausgemustert. 
»Werde ich dich verlassen müssen? Wir haben doch gerade erst angefangen. Ich kann kämpfen, ich werde es dir beweis…«, überrascht verstummte sie, als Archweyll sie in seine breiten Arme schloss und sie zärtlich an sich drückte.
»Wir finden einen Weg«, sagte er. »Verlass dich auf mich.« 
Nach einer Sekunde der Überraschung erwiderte sie seine Annäherung und versank seufzend in seiner Umarmung. So sollten sie den Rest des Fluges verbringen, bis sie die Atharymn erreichten.

 »Bebsy, ich bin zuhause!«, frohlockte Archweyll mit dröhnender Stimme, als er die Kommandobrücke betrat. 
Die Mannschaft begrüßte ihn mit jubelndem Beifall. 
»Aber, aber, ich werde ja scharlachrot!«, feixte er weiter. Dann wurde sein Blick ernst. »Wir sollten verschwinden«, rief er den Navigatoren zu. »Clynnt, an die Arbeit. Du trödelst mir schon viel zu lange hier herum.« 
Er richtete seinen Blick in den Warp, der mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten vor ihm lag. Und erstarrte.
»Das … Das kann doch nicht sein« Archweylls Stimme war kaum mehr als ein Wispern. 
Auf der Brücke war es plötzlich totenstill. Sämtliche Arbeit wurde zugunsten eines Blickes aus der Frontscheibe eingestellt. 
Der Kommandant bemerkte, wie ein kalter Schauder seinen Rücken herunterlief und, wohin er auch kam, eine Gänsehaut hinterließ. Entsetzt taumelte er ein paar Schritte rückwärts. 
»Das kann doch nicht sein«, wiederholte er sich.
Das Entsetzen wurde allmählich zur Panik, als die Kreatur am Horizont größer und größer wurde. 
Und größer. Und größer. Und GRÖßER! 
»Sofort Scannen, Maschinen auf volle Leistung und Zielkoordinaten festlegen«, befahl der Kommandant. Es hatte einiges an Überwindung gekostet, sich aus der Schockstarre zu lösen.
Er stürzte förmlich in die Navigatorenkabine. 
»Was ist das?!«, brüllte Clynnt ihm entgegen, mit einer Lautstärke, die Archweyll sich nie von ihm erträumt hätte. Der Blick des Chefnavigatoren vergrub sich tief in seinen Monitoren, um dann wieder panisch zu Archweyll zu wechseln, in der Hoffnung, er könne ihm die Frage jetzt beantworten. 
»Keine Ahnung, bring uns hier weg!«, fluchte der Kommandant lautstark zurück. Er betrachte den Scann und das Ergebnis ließ seinen Magen flau werden. 
Das Wesen besaß drei Köpfe, die übereinander angeordnet und an unterschiedlich langen Hälsen befestigt waren. Jeder Kopf besaß den Umfang eines mittelgroßen Meteors und war von riesigen gelben Flecken übersäht, die wohl so etwas wie Augen sein mochten. Der unterste Schädel war mit einem auffällig leuchtenden Edelstein versehen, der elektrische Ladungen von sich gab, die alleine gereicht hätten, um eine Großstadt mit Energie zu versorgen. Im massigen beschuppten Bauch der Kreatur maß der Scan weitere Energieladungen, die zu noch weitaus mehr fähig waren, und nebenbei noch so etwas wie untergeordnete Lebensformen, die es sich darin gemütlich machten. Die Mäuler des Monsters waren gigantisch, groß genug, um die Atharymn mit einem beiläufigen Happs zu verschlingen. Mehrere Fangarme- , oder Beine, glitten, einem Insekt gleichend, aus ihr hinaus. Auf dem Rücken saßen käferähnliche Flügel, die jedoch gerade nicht in Benutzung waren. Das gesamte Wesen schien mit gepanzerten Dornen übersäht zu sein. Energie trat aus Öffnungen am ganzen Körper der Kreatur aus und hüllte sie gänzlich damit ein, tauchte sie in einen matten elektrischen Schimmer, der wie ein eigener Stern erstrahlte und von ungeheurer Macht erfüllt war. Mit einer Länge von fast zweieinhalb Kilometern war dieser Koloss deutlich größer als ihr Fund unter Wasser. Diese Kreatur strotzte jeder Logik.
»Das ist der Papa!«, Archweyll wurde so panisch, dass er die Kontrolle über seinen Humor verlor. 
Mit den Armen rudernd, gab Clynnt Befehle in seine Konsolen ein. 
Plötzlich veränderte sich das Energiegefüge des ganzen Warps um sie herum und für eine Sekunde hatte Archweyll das Gefühl, als würden die Sterne der Galaxie ihren Glanz verlieren. Der funkelnde Edelstein auf der Stirn des Monsterkopfes schien die gesamte Energie der Sterne angezapft zu haben. Für den Bruchteil eines Momentes stand die Zeit vollkommen still. Dann ertönte ein Rauschen das All, als würden sämtliche Realitäten in sich zusammenfallen, während die Energie aus dem Edelstein impulsartig austrat und Nautilon in eine Welt aus Scherben verwandelte. 
Angesichts der Fragmentierung eines gesamten Planeten vor ihren Augen, erstarrte die Mannschaft zu Eis. Niemand wagte es zu sprechen oder gar laut zu atmen. Manche hatten die Hände fassungslos über den Kopf geschlagen, andere schüttelten stumm den Kopf oder wandten sich ab. Das war eine Macht, die ihr Verständnis übertraf. Eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. 
»Ich … wir … sollten verschwinden«, durchbrach Archweyll die Stille. 
Doch dann wurde ihm bewusst, was für ein schwerwiegender Fehler das wäre. 
Wenn sie jetzt fliehen würden, würde ihnen das Monster mühelos nach Prospecteus folgen. 
Und was dann geschehen würde, war kaum auszumahlen. 
Ein eiskaltes Gefühl umklammerte sein Herz, als Archweyll klar wurde, dass er seinen Heimatplaneten nie wiedersehen würde.

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Korrekturen 27

27.Teil – Die letzte Flucht (3/6)

Die Beamten liefen gestikulierend hinter ihnen her, doch sie taten, als würden sie es nicht bemerken. Sie betraten das nächstgelegene Haus durch die offen stehende Tür und verschwanden darin. Die Beamten folgten ihnen schnell dort hinein.
»Halt!«, rief der Vordere der Männer, »Sie sind mit einem nicht zulässigen Fahrzeug hier in die Sperrzone gefahren. Ich will sofort die Fahrzeugpapiere und Ihre ID-Cards sehen!«
»In den Taschen sind Nadelwerfer mit Betäubungsnadeln«, flüsterte Giwoon Fancan ins Ohr, »nimm ihn heraus und schalte gleich die Männer aus, ja?«
Fancan nickte unmerklich.
Giwoon ging auf den Beamten zu.
»Ich habe da ein Problem«, sagte er laut, »wir besitzen leider keine Papiere, die wir Ihnen zeigen könnten.«
Der Polizist fingerte an seinem Gürtel und auch die anderen Beamten wollten ihre Waffen ziehen.
»Jetzt!«, rief Giwoon und Fancan drückte mehrfach auf den Auslöser des kleinen Nadelwerfers, der im Grunde aussah, wie ein Schreibstift.
Die Beamten sackten lautlos zusammen, während Giwoon und Khendrah sie festhielten, damit sie sich nicht verletzten.
»Ihr habt sie getötet?«, fragte Jake entsetzt.
»Quatsch!«, sagte Khendrah, »Das sind nur Betäubungsnadeln. In wenigen Stunden sind sie wieder munter. Wir sollten uns aber trotzdem schnell von hier entfernen, bevor die restlichen Polizisten am Kontrollpunkt neugierig werden.«
»Dann geht es aber hinten heraus«, schlug Thomas vor, »wenn wir vorn allein wieder auftauchen, wissen die Cops sofort, was die Stunde geschlagen hat.«
»Cops?«, fragte Giwoon.
»Meine Güte, Polizisten eben …«, meinte Thomas. »Es gibt sicherlich einen Hinterausgang.«
»Jake, wir danken Dir für die Hilfe, uns bis hierher zu bringen«, sagte Fancan, »aber jetzt trennen sich unsere Wege. Wir haben ein Ziel, dass wir so schnell, wie möglich, erreichen müssen.«
Jake riss verständnislos seine Augen auf.
»Moment, Leute«, rief er aus, »Ihr könnt mich doch jetzt nicht einfach hier zurücklassen. Was glaubt Ihr, was mit mir geschieht, wenn sie mich jetzt schnappen? Ich bin bei der hiesigen Polizei leider recht bekannt.«
Fancan und Khendrah sahen sich an.
»Was meinst du?«, fragte Fancan.
Khendrah nickte.
»Nehmen wir ihn mit«, sagte sie, »bei dem, was wir hier schon angerichtet haben, kann es sicher nicht schaden.«
»Wovon, verdammt noch ‘mal, redet Ihr eigentlich?«, fragte Jake, dem das alles noch nicht geheuer war.
»Wäre es ein Problem für Dich, hier einfach zu verschwinden, Jake?«, fragte Giwoon. »Oder bist du hier gebunden? Würde man Dich vermissen?«
»Das glaube ich kaum«, meinte Jake, »ich bin im Heim aufgewachsen. Meine Eltern habe ich nie kennengelernt und eine Freundin habe ich nicht. Ich glaube nicht, dass mich jemand vermissen würde. Was habt Ihr denn vor?«
Giwoon blickte auf seine Armbanduhr, die noch weitere Funktionen hatte und mahnte:
»Wir sollten zunächst hier verschwinden. Jake, wir werden Dir alles erklären, aber jetzt ist es erst einmal wichtig, dass wir das Hyatts erreichen, bevor es zu spät ist.«
Er ging an Jake vorbei und suchte im hinteren Bereich des Hausflures nach einer Tür zum Hof, die er schnell fand und die auch nicht verschlossen war. Schnell schlüpften sie alle ins Freie und sahen sich um.
Der Hof war nach zwei Seiten hin durch einen hohen Zaun begrenzt, aber im hinteren Bereich war lediglich eine Hecke, die das Grundstück vom dahinter liegenden Grundstück eines Hauses einer Parallelstraße trennte.
»Dort kommen wir weiter!«, rief er, »Los!«
Er rannte voraus, ohne sich nach den Anderen umzusehen und war in wenigen Sekunden an der Hecke. Die Anderen folgten und zusammen fanden sie einen engen Durchgang auf den benachbarten Hof.
Nur wenige Minuten später standen sie wieder auf der Straße und mischten sich unter die zahlreichen Passanten.
Plötzlich begann die Armbanduhr an Giwoons Arm zu blinken und piepste durchdringend.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Jake.
»Der Himalaja«, sagte Giwoon, »die Bombe hat gezündet.«
»Bombe?«, fragte Jake mit schriller Stimme. »Seid Ihr doch Terroristen?«
»Manche würden es sicher so bezeichnen«, gab Khendrah zu. »Jake, Du musst uns vertrauen. Du hast von uns nichts zu befürchten – ebenso wenig, wie alle diese Menschen hier. Wir haben im Himalaja eine Bombe deponiert, die soeben explodiert ist. Die Menschen dort waren jedoch gewarnt. Sie sollten die Anlage evakuieren. Uns ging es um die Vernichtung einer Anlage, die Energie von unserer Sonne abzapft, um sie zur Aufrechterhaltung einer Zeitreisevorrichtung bereitzustellen – vereinfacht ausgedrückt.«
Jake sah Khendrah mit offenem Mund an.
»Ihr wollt mich verscheißern, oder?«, fragte er. »Energie von der Sonne zapfen – Zeitreisevorrichtung. So’n Quatsch gibt es doch überhaupt nicht.«
Er blickte in ihre ernsten Gesichter und ein kalter Schauer lief ihm über den Körper.
»Ihr meint das wirklich ernst, nicht wahr? Ich will jetzt sofort wissen, was Ihr für Typen seid.«
»Wir kommen nicht aus dieser Zeit«, erklärte Giwoon. »Genau genommen stammen wir alle aus unterschiedlichen Zeiten, aber wir alle – bis auf Thomas – kommen aus der Zukunft – und zwar einer sehr fernen Zukunft, in der es Zeitreisen gibt und viele andere Dinge, die Du Dir nicht vorstellen kannst. Ich selbst stamme aus einer extrem weit entfernten Zukunft und wir litten dort unter den Aktivitäten einer Organisation, die sich massiv mit Zeitkorrekturen beschäftigte. Fancan und Khendrah sind Agentinnen dieser Organisation, die ich überzeugen konnte, dass es wichtig ist, diese Zeitkorrekturen ein für alle Mal zu unterbinden.«
»Was für eine Bombe habt Ihr denn dann hier bei uns im Himalaja gezündet, wenn Ihr alle aus der Zukunft stammt?«, wollte Jake wissen. »Das macht doch gar keinen Sinn.«
»Doch, das ergibt einen Sinn, wenn man weiß, dass man sich die Zeitreiseorganisation wie einen Schacht vorstellen muss, der durch alle Zeitalter bis in die fernste Zukunkft reicht. In diesem Schacht fahren Zeitkabinen hinauf und hinunter. So eine Einrichtung benötigt unglaublich große Energieen, die man selbst mit Euren Atomkraftwerken nicht in ausreichender Stärke erzeugen könnte. Also baute man – ganz im Geheimen – hier in dieser Zeit eine Sonnenenergiezapfanlage im Himalaja, die ständig riesige Mengen Energie aus der Sonne gewinnt, um sie in das Zeitreisesystem einzuspeisen. Die Versorgung muss aus technischen Gründen ganz unten erfolgen, also hier bei Euch.«
»Und was ist mit der Vergangenheit?«, fragte Jake, »Dieser merkwürdige Schacht, von dem Ihr gesprochen habt, wird doch sicher auch noch weit in die Vergangenheit reichen. Warum hat man dann diese Anlage ausgerechnet hier bei uns gebaut?«
Giwoon lachte.
»Du hast natürlich recht, Jake«, sagte er. »Das wäre logisch, aber der Schacht reicht eben nicht mehr weit in die Vergangenheit hinein. Er beginnt etwa im Jahre 2000. Ihr lebt hier in einer Zeit, die noch fast überhaupt nicht von den Zeitkorrekturen der Behörde manipuliert wurde. Und jetzt, wo die Zapfanlage nicht mehr existiert, wird sich der Schacht in den nächsten Wochen und Monaten auflösen und die Welt ist wieder frei und kann sich ungehindert entwickeln.«
»So ganz kann ich Euch noch immer nicht glauben«, sagte Jake, »aber eines möche ich noch wissen: Was wollt Ihr beim Hyatt?«
»Dort ist einer der Einstiege zu den Zeitreisekabinen«, sagte Khendrah. »Wir müssen sie erreichen, bevor sie beginnen, sich aufzulösen.«
»Und warum?«, fragte Jake verständnislos.
»Weil ich aus dem Jahre 2008 stamme«, sagte Thomas. »Sie bringen mich nach Hause, damit ich dort weiterlebe, wo ich hingehöre.«
»Nicht nur das«, sagte Khendrah, »ich werde auch dort bleiben oder glaubst du, dass du mich so schnell wieder los wirst?«
Thomas nahm Khendrah in den Arm und küsste sie sanft.
»Das will ich auch gar nicht«, versicherte er, »ich will mit Dir zusammen bleiben.«
»Und wir werden Euch ebenfalls in 2008 Gesellschaft leisten«, sagte Fancan, »nicht wahr, Giwoon?«
Giwoon nickte.
»Ja, auch für uns ist in 2008 Endstation. Wir werden nicht in meine Zeit zuückkehren. Womit auch? Mein Slider ist zerstört und die Aufzüge sind so gut wie vernichtet.«
»Es ist Euch schon klar, dass Ihr vier ganz schön durchgeknallt seid, oder?«, fragte Jake.
Diese Äußerung brachte Giwoon wieder auf ihre reale Situation zurück.
»Wir müssen uns beeilen«, mahnte er, »sonst stecken wir hier fest und das würde noch einmal Komplikationen verursachen, die wir nicht eingeplant haben.«
Sie machten sich auf den Weg. Unterwegs kamen sie an Geschäften vorbei, in denen eine Reihe eingeschalteter Fernsehgeräte standen. Auf ihnen sahen sie einen Bericht über eine verheerende Explosion im Himalaja, deren Ursache jedoch unklar war. Menschenleben seien nach bisherigen Informationen nicht zu beklagen gewesen. Jake starrte ungläubig auf die Bildschirme und musste gestehen, dass er bisher noch nicht wirklich geglaubt hatte, was die Anderen ihm erzählt hatten. Diese Nachrichten jedoch ließen die Erklärungen in einem völlig anderen Licht erscheinen.
Allmählich näherten sie sich dem Bereich des Hafens, wo auch das Hyatts-Hotel zu finden war. Kurz, bevor sie es erreichten, vernahmen sie ein eigenartiges Zischen und hinter ihnen hatte sich ein kleiner Teil der Fassade aufgelöst.
»Auf den Boden!«, brüllte Giwoon und warf sich lang hin. Noch im Fallen ließ er seinen Blick schweifen, um herauszufinden, woher der Schuss gekommen war. Es war definitiv ein Schuss aus einer Nihilationswaffe gewesen. Das konnte nur bedeuten, dass man ihnen auf den Fersen war.
»Hast du ‘was gesehen?«, fragte Fancan, die neben Giwoon gerobbt war.
»Es ist Ralph!«, rief Khendrah, die neben Thomas und Jake lag, »Er steht dort drüben. Es sind noch ein paar Männer dabei.«
Giwoon blickte sich vorsichtig um. Ausgerechnet jetzt waren keinerlei Passanten zu sehen. Ralph hatte sich also nicht endgültig von dem explodierenden Slider täuschen lassen. Vorsichtig öffnete Giwoon seine Gürteltasche, in der er diverse Gegenstände mit sich herumtrug und holte einige kleine Scheiben heraus. Geschickt warf er sie den Anderen zu und sagte:
»Schnell, packt Euch diese Scheiben direkt an den Körper und drückt auf den kleinen Knopf in der Mitte.«
»Was sind das für Dinger?«, wollte Khendrah wissen.
»Spielzeuge aus dem einhundertelften Jahrhundert«, antwortete er, »Sie können eine Weile Schüsse aus der Nihilationswaffe neutralisieren. Sie schaffen ein Feld, das die Energien der Waffe aufnimmt und umwandelt. Wenn das gegnerische Feuer nicht zu stark wird, wird es reichen. Ansonsten kann das Feld überlasten und dann sind wir geliefert. Also einschalten und dann los. Wir haben es nicht mehr weit bis zum Aufzug.«
Wie auf ein geheimes Kommando sprangen sie auf und liefen los. Von der anderen Straßenseite schlug ihnen Feuer entgegen, welches Teile des Gehweges und Mauerteile auflöste, ihnen jedoch keinen Schaden zufügte. Khendrah drehte sich um und brachte ihren kleinen Nadelwerfer in Anschlag. In schneller Folge feuerte sie einige Betäubungsnadeln auf ihre Gegner. Drei der Verfolger brachen zusammen.
Ralph und die restlichen Männer sprangen in ein Elektroauto, welches sie am Straßenrand geparkt hatten. Mit quietschenden Reifen starteten sie den Wagen und fuhren an ihnen vorbei, wobei sie mehrere wirkungslose Schüsse aus dem Seitenfenster auf sie abfeuerten.
»Was machen sie denn jetzt?«, fragte Fancan.
»Ist doch klar«, meinte Khendrah, »sie fahren direkt zum Aufzug und werden uns dort abfangen wollen. Wir können doch gar nicht vor ihnen fliehen – wir müssen und ihnen stellen.«
»Verdammt!«, entfuhr es Fancan, »Du hast recht. Der Dreckskerl kann es einfach aussitzen und auf uns warten.«
»Meint Ihr, dass der Typ gecheckt hat, dass ich zu Euch gehöre?«, fragte Jake plötzlich.
»Wieso?«, fragte Giwoon, »Warum fragst Du das?«
»Also ich bin nicht ganz so dämlich, wie Ihr vielleicht glaubt. Beantwortet mir nur die Fragen, wie viel diese kleinen Scheiben vertragen, bis sie überladen werden und wie man mit diesen winzigen Nadeldingern umgeht. Das Ganze kann natürlich nur klappen, wenn sie mich nicht als Mitglied der Gruppe identifiziert haben.«
»Ich denke, so vierzig bis fünfzig Schuss hält deine Scheibe sicher aus, bevor sie versagt«, sagte Giwoon. »Was hast du genau vor?«
»Ich bin Freund einfacher Lösungen«, sagte Jake, »ihr gebt mir einen dieser Nadeldinger und ich werde spazieren gehen. Zeigt mir vorher genau, wo dieser rätselhafte Aufzug zu finden ist und dann werde ich ganz unbefangen die Straße herunterschlendern, während Ihr den direkten Weg von vorn nehmt. Verwickelt diese Typen in ein Gesprächt. Gewinnt Zeit, bis ich auf Schussweite heran bin. Dann schieße ich jedem schnell eine Nadel in den Körper und das war’s. Was haltet Ihr davon?«
»Klingt einach und verrückt«, sagte Fancan. »Das könnte klappen.«
Khendrah fingerte an ihrem Gürtel und zog schließlich ihre Ersatzwaffe heraus, die sie Jake in die Hand legte.
»Sei vorsichtig damit, Jake«, mahnte sie. »Sie enthält zwar nur Betäubungsnadeln, doch wenn jemand von mehr als zehn Nadeln getroffen wird, bringt es ihn trotzdem um. Die Bedienung ist ganz einfach: Jeder Druck auf diesen kleinen Knopf hier verschießt eine Nadel. Das Magazin enthält etwa fünfhundert davon. Also einfach auf das Ziel richten und drücken – je schneller, desto besser.«
»Danke«, sagte Jake und testete den Bewegungsablauf einige Male, »das bekomme ich hin.«
Bevor Jake sich auf den Weg machte, nahm Fancan ihn einmal in den Arm und küsste ihn auf die Wange.
»Wofür war das jetzt?«, wollte er wissen.
»Einfach nur ein Dank, dass Du das für uns tust«, sagte sie.
»Nicht dafür«, entgegente Jake, »ganz im Gegenteil. Ich freue mich, dass ich einmal etwas wirklich Nützliches tun kann. Ihr seid seit Langem die Ersten, die mich ernst genommen haben. Deshalb möchte ich etwas für Euch tun.«
»Hier«, sagte Giwoon noch und hielt ihm ein winziges Gerät hin, »ein kleiner Kommunikator. Er passt ins Ohr. Einmal mit dem Finger gegen das Ohr klopfen, schaltet ihn ein, zweimal schaltet ihn wieder ab. Wir haben ebenfalls solche Geräte. Damit können wir uns absprechen.«
Jake grinste, steckte sich das Ding ins Ohr und tippte dagegen.
»Sprechprobe!«, rief er, während die Anderen zusammenzuckten.
»Du brauchst nicht so zu schreien«, mahnte Khendrah, »uns fliegt das Trommelfell weg.«
»Entschuldigung«, meinte Jake, »ich hab’s jetzt verstanden.«
Er wandte sich zum Gehen und winkte eines der Taxis heran, die in der Stadt umherfuhren und auf Kunden warteten. Er stieg ein und das Auto fuhr davon.
»Hoffentlich geht es gut«, meinte Giwoon, »meint Ihr, wir können ihm trauen?«
»Ich denke schon«, sagte Fancan, »außerdem wäre es jetzt auch ein Bisschen spät, meint Ihr nicht?«
In der Ferne konnten sie bereits das Hyatts-Hotel sehen. Bisher war noch niemand von ihnen während eines Auftrages hier in die Zeit hinausgetreten, doch waren sich Khendrah und Fancan absolut sicher, dass eine der Türen in der Halle sich für sie in eine Aufzugkabine des Zeitvektors öffnen würde – jedenfalls, solange es diesen Vektor noch gab. Es machte sie nervös, zu wissen, dass mit jeder Stunde, die sie noch hier verweilten, die Gefahr größer wurde, dass sie den Aufzug nicht mehr bis zum gewünschten Jahr hinunterfahren konnten.


Der nächste Teil erscheint am 23.11.2019

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Korrekturen 26

26.Teil – Die letzte Flucht (2/6)

»Wir werden beobachtet«, informierte sie die Anderen.
Giwoon blickte nach oben und entdeckte ebenfalls den Mann, der einen Helm trug und seine Augen hinter dunklen Gläsern verborgen hatte.
»Das ist eine Motorradstreife«, sagte Thomas, »ein Polizist.«
»Muss mir das etwas sagen?«, fragte Khendrah, »Kann der uns gefährlich werden?«
»Die Polizei sorgt für die Einhaltung der Gesetze und die Aufrechterhaltung der Ordnung«, erklärte Thomas, »der Polizist dort oben wird sich sicher fragen, was wir hier verloren haben und wie wir überhaupt hierher gekommen sind. Wenn wir Pech haben, ist er neugierig genug, uns abzufangen, wenn wir drüben angekommen sind. Wir können sicher eine Befragung durch die örtlichen Behörden nicht gebrauchen, oder?«
Fancan schüttelte den Kopf.
»Auf keinen Fall. Wir müssen ihn irgendwie abschütteln, bis wir einen Ort erreicht haben, wo es mehr Menschen gibt.«
»Dort drüben ist tatsächlich ein Loch in dem Erdwall«, rief Giwoon und deutete nach vorn.
»Ein Tunnel!«, rief Thomas aus, »Dann lasst uns machen, dass wir darin verschwinden.«
»Wird dieser Mann dort oben nicht schon am anderen Ende warten?«, wollte Fancan wissen.
»Oh, ganz sicher nicht«, sagte Thomas bestimmt, »das ist ein Autobahnkreuz. Man kann nicht in jede Richtung fahren. Er wird erst einen weiten Bogen fahren müssen, um zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen. Bis er dort eintreffen kann, müssen wir eben von dort verschwunden sein.«
Sie liefen los und sahen, bevor sie den Tunnel betraten, noch, wie der Polizist hektisch wieder auf sein Fahrzeug aufstieg. Im Tunnel war es nicht ganz dunkel. An den Wänden hingen trübe leuchtende Lampen und verhinderten durch ihren schwachen Schein, dass sie auf dem feuchten und schmierigen Boden stürzten. In der Ferne sahen sie den anderen Ausgang des Tunnels. So schnell sie konnten, liefen sie auf das ferne Licht zu, welches rasch näher zu kommen schien.
Endlich erreichten sie wieder das Tageslicht. Sowie sich ihre Augen wieder an das Sonnenlicht gewöhnt hatten, blickten sie sich um. Sie befanden sich auf einem großen, unbefestigten Platz, auf dem zahlreiche Reifenspuren zu sehen waren. Einige junge Leute bastelten an ihren Autos und sahen misstrauisch zu ihnen hinüber.
»Vielleicht können diese Leute uns helfen«, sagte Giwoon, »lasst uns sie fragen, ob sie uns mit in die Stadt nehmen können.«
Als sie sich der Autogruppe näherten, erhoben sich drei stämmige Männer in Lederjacken und kamen ihnen entgegen. Sie trugen schwere Schraubenschlüssel in ihren Händen und machten einen bedrohlichen Eindruck.
»Was wollt Ihr hier?«, fuhr sie der mittlere der drei – offenbar ihr Anführer – an, »Verpisst Euch, wenn Ihr keinen Ärger haben wollt!«
»Wir benötigen Hilfe«, sagte Giwoon freundlich, »wir müssen dringend in die Stadt.«
»Verschwindet dorthin, wo Ihr hergekommen seid!«, rief der Mann wieder und schlug sich mit dem Schraubenschlüssel in die Hand, »Wir können hier keine Schnüffler gebrauchen. Seid Ihr etwa Bullen?«
Sie kamen noch einen Schritt näher.
»Wir sind ganz sicher nicht von der Polizei«, sagte Thomas, dem allmählich dämmerte, dass die Autos, an denen die anderen jungen Leute herumschraubten, möglicherweise gestohlen waren, »wir haben uns einfach nur verlaufen. Es wäre wirklich nett, wenn Ihr uns in die Stadt mitnehmen könnt.«
Die Männer sahen sich einen Moment an, dann prusteten sie los und lachten.
»Sehen wir etwa nett aus?«, fragte der Wortführer der drei wieder, »Ich habe jetzt keine Lust mehr, mich weiter mit Euch zu befassen. Wir haben zu tun.«
Einer der Männer flüsterte dem Wortführer etwas zu, der plötzlich ein breites Grinsen im Gesicht hatte.
»Mein Freund hatte eine bessere Idee«, sagte er, »die Mädchen bleiben hier, aber Ihr verschwindet – und zwar sofort.«
»Das könnt ihr vergessen!«, entgegnete Khendrah abweisend.
»Na, na, nicht so kratzbürstig«, sagte der Mann und zog eine Pistole aus seinem Gürtel. Sein Lächeln war verschwunden.
»Also los. Die Mädchen kommen hierher und ihr verschwindet!«
Zum Beweis, dass er es Ernst meinte, schoss er zweimal vor Giwoons Füßen in den Boden. Khendrah und Fancen sahen sich kurz an und nickten sich unmerklich zu. Scheinbar resignierend kamen sie auf die Seite der drei Männer. Die beiden unbewaffneten Männer schnappten sich je eine von ihnen und begannen, sie mit ihren schmutzigen Fingern zu begrapschen. Die Frauen reagierten angewidert, was die Männer amüsierte.
»Wenn Ihr zu uns allen ein wenig nett gewesen seid, fahren wir Euch vielleicht sogar noch in die Stadt«, sagte einer der drei.
»Ich habe eine bessere Idee«, sagte Fancan und lächelte hintergründig.
Im nächsten Moment mussten die drei feststellen, wie es um die Fähigkeiten von Zeitagenten im Nahkampf bestellt war. Die ganze Angelegenheit hatte nur wenige Sekunden gedauert, dann lagen die beiden Männer, die bei den Frauen gestanden hatten, bewusstlos am Boden. Khendrah hielt dem Wortführer ihre Hand entgegen.
»Du gibst mir besser die Waffe, damit nicht noch etwas geschieht«, sagte sie auffordernd und deutete mit dem Kopf auf die am Boden liegenden Männer, »oder möchtest du dich zu deinen Freunden gesellen?«
Er riss die Waffe herum und richtete sie auf Khendrah, die jedoch damit gerechnet hatte und mit zwei schnellen Schritten bereits bei ihm war. Der Mann wusste nicht, wie ihm geschah, als er innerhalb einer Sekunde entwaffnet war und sich, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend, wiederfand. Khendrah saß auf seinem Rücken und verbog seinen Arm auf eine Weise, die ihm sicher sehr weh tat.
»Ich mache dich fertig«, presste er unter Keuchen mühsam hervor.
»Muss ich mir deshalb Sorgen machen?«, fragte Khendrah, »Bisher hatten deine Drohungen jedenfalls keine Substanz.«
Mit geschickten Bewegungen band sie ihm die Arme mit seinen eigenen Schnürsenkeln auf den Rücken, dann stieg sie von ihm herunter. Inzwischen hatten ein paar der anderen Männer bei den Autos die Szene mitbekommen und sahen interessiert zu ihnen herüber. Khendrah gab Fancan ein Zeichen, ihr zu folgen und die beiden Frauen liefen zu den Autos hinüber.
»Ist sie nicht süß, meine Fancan?«, fragte Giwoon Thomas.
»Im Grunde sind die beiden regelrechte Kampfmaschinen«, antwortete er, »wenn ich nicht genau wüsste, dass sie auch anders sein können …«
»Nun ja, Kampfausbildung gehört schon irgendwie dazu, wenn man sich in der Zeit herumtreibt«, sagte Giwoon, »ich bin da auch nicht ganz ungeschickt, aber das eben konnten unsere Damen ganz allein regeln. Wie steht es mit dir? Verstehst du auch etwas von Nahkampf?«
»Theoretisch ja«, gab Thomas zu, »Khendrah hat mir im Vektor einen Hypnosekurs verpasst und danach mit mir trainiert. Es gab bisher keinen Ernstfall, aber vermutlich wüsste ich mir schon zu helfen, wenn ich angegriffen würde.«
Giwoon nickte.
»Das ist gut, zu wissen«, sagte er, »damit haben wir alle vier eine entsprechende Ausbildung.«
Inzwischen hatten Khendrah und Fancan die Fahrzeuge erreicht. Insgesamt sechs ölverschmierte Männer sahen ihnen entgegen.
»Ich gehe mal davon aus, dass das, was sich hier abspielt, nicht legal ist«, sagte Khendrah, »aber wir sind nicht von der Polizei. Wir brauchen lediglich eure Hilfe.«
Sie blickte von einem zum anderen, doch niemand sagte etwas.
»Was ist los mit euch?«, fragte Fancan, »Könnt Ihr nicht reden? Wer ist euer Anführer? Wir müssen lediglich in die Innenstadt und möchten, dass uns jemand dorthin bringt.«
Ein etwa zwanzigjähriger Mann in einen Overall deutete auf den hinter den Frauen auf dem Boden liegenden Gefesselten.
»Das ist unser Anführer«, sagte er leise, »den Sie da gefesselt haben. Das war eine reife Leistung.«
Die anderen stimmten murmelnd zu.
»Okay«, sagte Khendrah und hob ihre Hände, »ich stelle hiermit klar, dass es uns überhaupt nicht interessiert, was Ihr hier tut. Ich vermute zwar, dass Ihr die Polizei nicht zu euren Freunden zählt, aber das ist bei uns nicht anders. Also, wer kann uns in die Stadt fahren?«
»Ich kann das tun«, sagte der Mann im Overall, »sobald dieser Wagen hier fertig ist. Dauert vielleicht noch eine halbe Stunde. So lange müsst Ihr schon warten.«
»Wenn du das tust, brauchst du nicht zurückkommen!«, rief der Gefesselte ihm zu, »Denn, wenn ich dich in die Finger bekomme, mache ich dich fertig!«
»Ach, leck’ mich!«, rief der Junge zurück, »Ich habe die Schnauze so voll von Dir Dreckskerl! Du kommandierst immer nur herum, lässt uns die Drecksarbeit machen und das Risiko tragen und markierst hier den dicken Max. Ich mach das nicht mehr mit.«
Khendrah schaute von einem zum anderen.
»Also sind wir uns einig?«, fragte sie den jungen Mann, der sich gerade seine Hände an einem Lappen abwischte, »Sie bringen uns in die Nähe des Hafens?«
Er kam um den Wagen herum, an dem er arbeitete und hielt ihr seine Hand hin.
»Abgemacht«, sagte er, »ich bin Jake.«
Khendrah ergriff die Hand und meinte:
»Du wirst es nicht bereuen, Jake. Mein Name ist Khendrah.«
»Was ist denn das für ein Name?«, fragte Jake, »Ihr seid nicht von hier, oder?«
Fancan und Khendrah lächelten.
»Nein«, meinten sie, »das sind wir in der Tat nicht.«
Jake wartete, doch waren die beiden Frauen offenbar nicht bereit, mehr zu erzählen.
»Mach bitte deine Arbeit an diesem Fahrzeug fertig«, bat Khendrah, »wir haben es nämlich recht eilig.«
Jake zuckte mit den Schultern und beugte sich dann wieder über den Motorblock seines Wagens.
Khendrah und Fancan gingen zurück zu Giwoon und Thomas, die bei dem Gefesselten warteten. Die beiden anderen Männer waren inzwischen zu sich gekommen, verspürten aber keine Lust, sich mit den beiden Männern anzulegen. Wie es schien, waren sie alle ohne ihren Anführer relativ handzahm.
»Wenn ich diese Fessel los bin, mache ich euch alle fertig – und jeden, der mit euch gemeinsame Sache gemacht hat«, zischte der am Boden liegende, »niemand legt sich mit Rick Barlowe an.«
Giwoon beugte sich zu ihm hinunter und sagte:
»Wenn Rick nicht allmählich seine Klappe hält, wird er erleben müssen, was Giwoon tut und es wird ihm nicht gefallen. Haben wir uns verstanden?«
»Giwoon?«, fragte er keuchend, »Was seid Ihr eigentlich für Typen?«
»Das geht dich nichts an«, sagte Thomas, »für dich wäre es vielleicht besser, du vergisst, dass du uns jemals gesehen hast.«
Rick schluckte. Er begriff, dass diesen Menschen sein Name nichts sagte und er sie damit nicht beeindrucken konnte.
Wie Jake versprochen hatte, war der Wagen nach gut einer halben Stunde fertig. Er setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an. Aus dem Seitenfenster winkte er ihnen zu und forderte sie auf, in den Wagen einzusteigen.
Khendrah stieg auf der Beifahrerseite ein und fragte die anderen Männer, ob sie ein Problem damit hätten, wenn sie sie mit Rick allein lassen würden. Einer der Männer lächelte böse.
»Wir werden uns um ihn kümmern«, sagte er, »er hat uns seit Monaten behandelt, wie den letzten Dreck, weil er die Kanone hatte und wir nicht. Das ist jetzt anders. Wir werden die Bedingungen jetzt neu aushandeln.«
»Okay«, sagte Khendrah, »ich will die Einzelheiten gar nicht wissen.«
Sie schloss die Beifahrertür und Jake fuhr los, als alle im Wagen saßen.
»Wo genau wollt Ihr eigentlich hin?«, wollte Jake wissen, »Die Stadt ist groß.«
»In der Nähe des Hafens gibt es ein Hotel«, sagte Khendrah, »es hat den Namen Hyatt. Dort müssen wir hin – und zwar so schnell, wie es eben geht.
Jake verzog sein Gesicht.
»Zum Hyatt? Das liegt ausgerechnet in der Umweltzone. Dort darf ich eigentlich mit diesem Wagen nicht hinein.«
»Warum nicht?«, wollte Giwoon wissen.
»Sag’ ich doch: Umweltzone. Dies hier ist ein 2005er Chevy mit Verbrennungsmaschine. Der fährt noch mit Benzin. In der Umweltzone dürfen nur noch Elektro-Autos fahren. Ich kann es versuchen, aber wir riskieren, angehalten zu werden.«
»Bitte versuche es, Jake«, bat Fancan, »wir haben es wirklich sehr eilig. Wir müssen dort sein, bevor es im Himalaja knallt.«
»Fancan!«, rief Giwoon ärgerlich.
»Moment«, fragte Jake, »was genau geht hier eigentlich ab? Ich seid doch keine Terroristen, oder? Was sollte das mit dem Himalaja?«
»Du würdest es wahrscheinlich nicht verstehen«, sagte Khendrah, »ich kann dir nur so viel sagen, dass dir und den Menschen hier keine Gefahr droht. Es wird etwas geschehen im Himalaja, aber das betrifft nur uns. Wir hätten ein Problem, wenn wir nicht rechtzeitig dort sind, wo wir hinwollen.«
Jake steuerte seinen Wagen geschickt durch den Verkehr der Innenstadt von San Diego und sie näherten sich relativ zügig dem Hafengebiet. Einige Warnschilder wiesen darauf hin, dass die Weiterfahrt in die Umweltzone für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren verboten war.
»Willkommen im Jahr 2014«, murmelte Jake, als er den Kontrollpunkt passierte und in die Zone hineinsteuerte, »ab jetzt kann es jederzeit geschehen, dass uns Polizei oder Ordnungskräfte entdecken. Dann werden sie uns anhalten. Ich muss nicht darauf hinweisen, dass eine Überprüfung dieses Fahrzeugs uns in Schwierigkeiten bringt, oder? Habt Ihr eigentlich Papiere dabei?«
»Papiere?«, fragte Giwoon, »Was meinst du damit?«
»Na, eben Papiere. Ausweise, Pässe. Das muss es doch auch dort geben, wo Ihr herkommt.«
»So etwas brauchen wir dort nicht, wo wir herkommen«, sagte Khendrah.
»Ihr wollt mich verscheißern«, schimpfte Jake, »jeder braucht Papiere. Ich sehe schon – ich habe mich hier auf einen Deal eingelassen, bei dem mich die Bullen hochnehmen werden.«
Fancan, Khendrah und Giwoon sahen sich fragend an. Sie verstanden nicht so recht, was Jake meinte.
»Wir können dich beschützen, wenn wir angehalten werden«, sagte Fancan.
Jake lachte humorlos auf.
»Ihr habt vielleicht Vorstellungen, Leute. Glaubt Ihr, Ihr könnt mit der Polizei dasselbe abziehen, wie mit diesem Drecksack Brian? Das könnt Ihr vergessen. Da könnt Ihr Euer Karatezeugs nicht bringen.«
»Brian?«, fragte Fancan.
»Ja, der Typ, den Ihr so nett verschnürt habt – was mir übrigens sehr gut gefallen hat.«
Jake grinste und ließ den Wagen in eine kleine Seitenstraße fahren.
»Ist das der Weg zum Hafen?«, fragte Giwoon.
»Nicht direkt, aber ich habe die Hoffnung, dass die Bullen nicht gerade in solchen Nebenstraßen lauern.«
»Wie weit ist es denn noch bis zum Ziel?«, wollte Thomas wissen.
»Nur noch ein paar Kilometer«, sagte Jake.
Er bog in die nächte Seitenstraße ein und fluchte.
»Scheiße, eine Polizeikontrolle!«, rief er aus und stoppte den Wagen, »Sie haben uns sicherlich schon bemerkt.«
»Dann sollten wir machen, dass wir zu Fuß weiterkommen«, sagte Giwoon, »schnappt Euch Eure Taschen und dann nichts wie ‘raus aus dem Wagen.«
In wenigen Sekunden hatten sie alle den Wagen verlassen und standen auf dem Gehweg. Ein paar der Beamten, die dabei waren, Fahrzeuge und ihre Fahrer zu kontrollieren, schauten interessiert zu ihnen herüber. Sie wandten sich ihnen zu und kamen auf sie zu.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Jake ängstlich, »Wenn sie mich schnappen, gehe ich für die nächsten Monate in den Bau.«
»Ganz ruhig«, sagte Giwoon, »wir gehen jetzt ganz ruhig weiter und gehen in das Haus da drüben.«


Der nächste Teil erscheint am 16.11.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 11 – Häppchenweise

Daisy Lee hatte ihn zuerst entdeckt.
»Verdammte Scheiße, was ist das?«, fragte sie argwöhnisch, als sie die vielen ballongleichen Pflanzen wahrnahm, mit denen Archweylls Scherenpanzer in die Höhe trieb.
»Das ist ein Aushängeschild. Ich wusste doch, dass er es schafft«, atmete Clynnt Volker aus und ballte triumphierend die Fäuste. Eine maßlose Erleichterung überkam ihn bei diesem Anblick.
Ich hoffe nur, er hat Tamara dabei.
Eine Hoffnung, die sich bestätigte, als die beiden geborgen wurden. 
»Ich brauche hier sofort einen Apothekaris!«, schrie Clynnt aus voller Kehle, als er ihren Gesundheitszustand erkannte. Tamaras Körper war von schwarzen Adern durchzogen und lag in einer verkrampften Haltung hinter dem Kommandanten. Blut floss aus ihrer Nase und ihren Ohren und sie war mit einer unbändigen Vielzahl verschiedenfarbiger Hämatome bedeckt, die ihr das Aussehen eines bewusstlosen Regenbogens verliehen. 
Um Archweyll stand es noch schlechter, doch Clynnt war sich bewusst, dass der Kommandant fast alles wegstecken konnte. Man musste ihm schon in den Kopf schießen, um ihn aufzuhalten. Hektische Schritte ließen den Boden erbeben, während Menschen hin- und her hetzten, um den Vermissten zu helfen. Archweyll und Tamara wurden schnellstmöglich im Krankenflügel des Zyklopen untergebracht. Dieser bestand aus einem kleinen, kreisrunden Saal mit zehn sterilen Betten und einer Arztstation, in der silberne Instrumente im trüben Neonlicht funkelten und ratternde Generatoren die Monitore und Gerätschaften mit Energie versorgten. Der Arzt begrüßte sie mit einem steifen Nicken und machte sich unverzüglich an die Arbeit. 
Clynnt merkte gar nicht, wie lange er da stand und ihm dabei zusah. Er wollte einfach nur sicherstellen, dass nicht schon wieder etwas schiefging. Doch irgendwann riss er sich zusammen und ließ den Mann seine Arbeit machen. 
»Wir machen uns auf den Weg zurück«, befahl der Chefnavigator, während er zurück auf die Kommandobrücke eilte.
»Verstehe, ihr habt noch ein Hühnchen zu rupfen«, erwiderte Daisy und machte sich auf den Weg zum Steuer. 
Clynnt klopfte ihr auf die Schulter. 
»WIR haben noch ein Hühnchen zu rupfen. Du bist jetzt Teil der Mannschaft und somit warst auch du hier unten in unnötiger Gefahr.« 
Auch wenn sie es zunächst verbergen wollte, konnte Daisy doch nicht umher, ein strahlendes Lächeln aufzusetzen. »Wir … Das ist ein Wort, an das ich mich gewöhnen könnte«, sagte sie lachend, während sie sich auf den Weg zur Forschungseinrichtung machten.



                                                                ***


Schwarze Schleier durchzogen sein Hirn und marterten es. Dinge passierten um ihn herum, am Rande seiner Wahrnehmung. Dem unaushaltbaren Druck der Schmerzen war eine bleierne Schwere gewichen, die alles belanglos erscheinen ließ. So lag er da und ruhte. 
Wenige Stunden fühlten sich wie Äonen an, während die Apothekaris seinen ruinierten Körper begutachteten, scannten und reaktivierten. Das Leben zog an ihm vorbei. Dann wurde wieder alles schwarz.


Archweyll öffnete die Augen. Er musste eingeschlafen sein. 
Die Tatsache, dass er in einem Bett lag und frischen Sauerstoff einatmete, erfüllte ihn zumindest mit etwas Genugtuung. Die trübe Beklommenheit des dunkeln Schlafes im Narkotikum wich Schritt für Schritt, auch wenn seine Glieder nach wie vor kaum zu einer Bewegung fähig waren. 
Immerhin muss ich nicht wieder Jaulen wie ein Seehund, dachte er verdrossen und dankte den Betäubungsmitteln in stiller Heimlichkeit. Sein Blick ging umher. Er befand sich eindeutig wieder in der Forschungsstation, sachter Regen prasselte gegen die große Glaskuppel, welche einen verschwommenen Ausblick auf den dahinterliegenden Ozean preisgab. Erst jetzt registrierte er das Team aus Ärzten, dass ein Bett am anderen Ende des Raumes belagerte. 
Clynnt Volker war unter ihnen und schien eine hitzige Diskussion zu führen. Als er Archweyll erspähte, verfinsterte sich seine Miene dramatisch und er eilte zum Kommandanten herüber.
»Schön, dich wach zu sehen«, sagte der Chefnavigator. Seinem Tonfall ließ sich direkt anmerken, dass ihn etwas zu bekümmern schien.
»Was ist los?«, keuchte Archweyll. Sprechen war noch keine der angenehmen Aufgaben. Aber er kannte seinen Körper, in weniger als ein paar Tagen würde er wieder auf den Beinen sein. 
»Du kannst mich hören? Das ist gut, denn es bedeutet, dass die Geräte funktionieren.« 
Archweyll schaute seinen Chefnavigator mit einer Mischung aus Angst und Belustigung an. »Bitte was?«, fragte er ungläubig. 
»Dein Gehör hat einen irreparablen Schaden erlitten. Wir haben einen Sensor eingebaut, der Schall empfängt und frequentiert. Dadurch bist du in der Lage mich zu verstehen. Außerdem solltest du dein Herz in nächster Zeit schonen. Es hat nach der Behandlung so unrhythmisch geschlagen, das wir es ersetzen mussten, andernfalls wärst du draufgegangen. Vor drei Tagen ist ein föderaler Medikus eingetroffen, er hat dich operiert.«
Erst jetzt fiel Archweyll auf, dass er ein steriles weißes Leinenhemd trug. Darunter befand sich ein Verband, der um die ganze Brust reichte.
»Gegen Infektionen, die Wunde hat sich durch Gerinnungshormone innerhalb von zwei Tagen versiegelt. Du dürftest nur noch wenig spüren«, merkte der Chefnavigator an.
»Wie lange liege ich schon hier?«, keuchte Archweyll unter zusammengepressten Zähnen. Sein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. 
»Fast zwei Wochen«, erwiderte Clynnt kopfschüttelnd.
»Tamara?« Archweyll saß bei dem Gedanken an seine Stoßtruppführerin plötzlich kerzengerade im Bett. 
Abermals schüttelte Clynnt den Kopf. 
»Sag mir was hier los ist!«, fluchte der Kommandant ungehalten. »Sie ist doch nicht etwa …?« Bei dem Gedanken daran, sie verloren zu haben, drehte sich alles um ihn. 
»Sie wird wieder aufwachen«, begann Clynnt.
Der Kommandant bemerkte, dass er bis gerade die Luft angehalten hatte. 
»Aber sie hat ebenfalls irreparable Schäden erlitten.« Man merkte dem Chefnavigator an, dass es ihm schwer fiel, darüber zu sprechen.
»Ihr Gehirn hat Schäden erlitten, ebenso wie ihr Herz, ihr Trommelfell und ihre Muskeln. Sie war einfach zu lange dem Druck ausgesetzt.« 
Archweyll griff mit der Hand nach Clynnts Kragen und schüttelte ihn. Doch nach einem Moment verließ ihn die Kraft dazu. »Was hat das zu bedeuten?!«, fuhr er den Navigator an. 
»Sie wird für immer blind sein, Arch. Außerdem ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt und sie braucht ebenfalls Hörgeräte. Die Hirnstruktur lässt sich leider nicht mehr medizinisch zusammenfügen. Es tut mir Leid.« Man merkte Clynnt an, dass er fest damit rechnete, gleich von Archweyll einen Schlag zu kassieren, denn er zuckte merklich zusammen. 
Doch Archweyll blieb ruhig. Er lehnte sich, ohne etwas zu sagen, in sein Kissen zurück und schloss die Augen. 
»Crowler?«, war das einzige Wort, was seinen Mund noch verlassen sollte.
»In Gewahrsam. Bewacht im Kommunikationsraum«, antwortete Clynnt und sein Gesicht nahm etwas Düsteres an. 



                                                                  ***


Schlechte Kunde ist schlechter Gast. Das war Clynnt so bewusst wie die Tatsache, dass Archweyll ihn vermutlich köpfen würde. 
Wie konnte er nur entkommen? Er war rund um die Uhr bewacht. 
Vor einer halben Stunde hatte die Wache ihn alarmiert, sie hatten den Kommunikationsraum abgesucht, aber keine Spur von Mantis J. Crowler entdecken können. Clynnt betrat den Krankenflügel, doch bis auf einen Arzt, der Tamaras Infusion wechselte, war niemand zu sehen. 
Wo ist Arch? 
Langsam wurde die Sache interessant. Er fand den Kommandanten draußen, es war ausnahmsweise nur bewölkt und regnete nicht in Strömen. Archweyll saß, immer noch nur in ein Nachthemd gekleidet, auf einem Anlegesteg. In einiger Ferne ruhte die Manticor, in deren Bauch der Zyklop einer strengen Reparatur unterzogen wurde. Daisy hatte das ganze veranlasst, nachdem mehrere Scherenpanzer und ihr Steuer arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. 
Neben Archweyll lag ein Eimer voller roter Pampe und deformierten Fleischbrocken. Eine einzelne Rippe ragte daraus hervor. Der Kommandant langte hinein und warf sie ins Wasser.
Direkt kam ein schillernder, türkiser Fisch daraus hervorgeschossen und schnappte sich die wertvolle Beute. 
»Was zur Hölle machst du hier? Solltest du nicht im Bett liegen?«, fragte Clynnt aufgebracht, während er sich neben den Kommandanten setzte.
Archweyll begrüßte ihn mit einem Grunzen.
Erst jetzt fiel dem Chefnavigator auf, dass Archweylls Hemd voller Blut war. »Was hast du angestellt?«, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
»Ich brauchte etwas, um die Fische zu füttern und Möhren kamen nicht infrage. Also habe ich mich etwas in der Speisekammer ausgetobt«, erwiderte der Kommandant gelassen. 
Dann warf er noch ein Häppchen ins Wasser.
Gierig verschlang der große Fisch den Fleischbrocken. 
Clynnt schluckte. Er hoffte nur, Archweyll würde ihn nicht direkt hinterherwerfen. Er räusperte sich verlegen. »Der Doktor ist entkommen. Spurlos verschwunden. Niemand hat ihn gesehen oder gehört.« Er atmete aus. Gleich würde es ein Donnerwetter geben.
Doch wieder einmal überraschte ihn der Kommandant. 
»Ist es nicht schön hier? All die bunten Fische«, antwortete Archweyll und warf abermals ein Häppchen Fleisch in die See. 
Sanft trugen es die Wellen gen Grund und hinterließen dabei rote Schlieren im Wasser. 
Verliert er jetzt völlig den Verstand?
Plötzlich eilte ein Soldat zu ihnen. Völlig außer Puste hielt er vor ihnen an. »Sir, wir haben Überreste einer Leiche gefunden und gehen stark davon aus, dass es Crowler ist. Er scheint sich suizidiert zu haben, indem er sich selbst in seinem eigenen Labor durch den Fleischwolf gejagt hat.«
Erst jetzt fiel Clynnt auf, wie weiß der Mann um die Nase war. 
»Der Anblick muss zum Fürchten gewesen sein«, erwiderte Archweyll mitleidig und erhob sich.
»Sir, es war furchtbar. Ich glaube so etwas habe ich noch nie gesehen.«
Der Kommandant klopfte dem Mann auf die Schulter. »Sorgen Sie dafür, dass die Sauerei beseitigt wird. Und dann ruhen Sie sich aus.«
Der Soldat salutierte und verschwand. 
Archweyll ließ seine Augen schelmisch in Richtung des Eimers wandern, dann trat er ihn um und versank den Inhalt achselzuckend im Meer. 
Clynnt schaute ihn entgeistert an. »Die Speisekammer hat wahrlich noch ergiebige Mengen erübrigt«, seufzte er und kopfschüttelnd folgte er dem Kommandanten hinein.

 

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25.Teil – Die Letzte Flucht (1/6)

Fancan entdeckte einen Ortungsimpuls auf der Navigationskugel.
»Leute, wir müssen nun wirklich hier weg!«, rief sie dazwischen, »Ich glaube, man hat uns entdeckt. Es nähert sich etwas unserem Standort.«
»Qorth, wir müssen los«, sagte Giwoon, »Sie haben es gehört. Wir bekommen Besuch. Wir wünschen Ihnen alles Gute, aber vergeuden Sie keine Zeit. Machen Sie, dass Sie die Station verlassen!«
Giwoon wartete die Antwort nicht mehr ab, sondern unterbrach die Verbindung und aktivierte die Antriebseinheiten.
»Es sind Kampfflugzeuge«, sagte Fancan, »ich habe jetzt noch zwei weitere Ortungen. Sie nähern sich uns sehr schnell.«
»Raketen!«, rief Giwoon, »Verdammt! Sie sind gegenüber unserem Slider zwar primitiv, aber dennoch sehr wirksam.«
Immer wieder hämmerte er auf die Steuerung ein, als würde es dadurch schneller gehen, bis die Zellen für die Horizontalbeschleunigung aufgeladen waren.
»Es reicht nicht!«, schimpfte Giwoon, »Vielleicht können wir ihnen nach oben entkommen, wenn ich unseren Flieger ganz kurz vor dem Aufschlag der Raketen hochziehe.«
Giwoon starrte konzentriert auf die Ortungsanzeige und presste, kurz bevor die Raketen sie erreichten, beide Hände auf die Höhenkontrollen. Der Slider stieg nach oben, als wäre er von einer Kanone abgefeuert worden, während die Raketen unter ihnen hindurch flogen. Eine der Raketen schlug ins Tal ein, wo sie keinen Schaden anrichtete. Die andere hingegen änderte ihren Kurs und wendete.
Giwoon stand der Schweiß auf der Stirn.
»Das Drecksding kommt zurück«, stellte er fest. Die Ladekontrolle der Antriebszellen erlosch und er drückte den Schubhebel voll durch. In diesem Moment erreichte sie die Rakete und streifte sie, als der Slider sich in Bewegung setzte. Die Druckwelle der explodierenden Rakete ließ den Slider wie ein welkes Blatt im Wind umherfliegen. Die Notschaltung aktivierte sich und brachte ihren Flieger schnell wieder in eine stabile Fluglage. Irgendwo ertönte ein Alarm.
»Die Kampfflugzeuge sind uns noch immer auf den Fersen«, meldete Fancan.
»Wir können sie jetzt abhängen«, sagte Giwoon.
Khendrah und Thomas standen etwas abseits und hielten sich krampfhaft an den Händen.
Ganz allmählich vergrößerte sich der Abstand zu ihren Verfolgern.
»Waren wir nicht auf unserem Hinweg schneller?«, wollte Thomas wissen.
»Ja«, sagte Giwoon mit zusammen gebissenen Zähnen, »die Druckwelle hat irgendetwas in der Antriebseinheit zerstört. Wir kommen nicht auf die volle Leistung. Außerdem nimmt die Ladung in den Zellen bereits wieder ab, als wenn der Reaktor sie nicht mehr ausreichend versorgen könnte, was eigentlich nicht sein kann.«
»Wie kommen wir eigentlich hier weg?«, fragte Khendrah, »Dies hier ist doch auch nicht unsere Zielzeit, oder wollen wir hier bleiben?«
»Nein, wir müssen es bis zum Jahr 2008 schaffen«, sagte Giwoon.
»Ich denke, der Slider kann keine Zeitreisen mehr unternehmen«, meinte Thomas.
»Wir müssen irgendwo einen Zeitaufzug erreichen«, sagte Giwoon, »einen Zeitaufzug des Vektors, solange es ihn noch gibt. Khendrah, Fancan – ich brauche Angaben, wo wir einen solchen Aufzug finden können. Ich fürchte, der Slider macht es nicht mehr besonders lange.«
Wie, um diese letzte Äußerung Giwoons zu bestätigen, leuchteten nun an den verschiedensten Stellen der Konsole Warnlampen auf. Aus einer Konsole drang ein wenig Qualm in die Kabine.
Giwoon hatte nicht darauf geachtet, in welche Richtung der Slider flog, als er den Antrieb aktiviert hatte. Für ihn war es in erster Linie darum gegangen, den Slider möglichst unbeschadet aus dem Einflussbereich der Kampfflugzeuge herauszubekommen. Erst jetzt stellte er fest, dass sie sich über dem Pazifischen Ozean befanden und ostwärts flogen. Wenn sie diesen Kurs beibehalten würden, würden sie irgendwann die US-amerikanische Küste erreichen. Dort würden sie ebenfalls zum Ziel von Radaranlagen und Kampfflugzeugen.
Khendrah schaute auf die Navigationskugel und deutete auf den vor ihnen liegenden Kontinent.
»Dort gibt es einen Aufzug«, sagte sie, »da bin ich mir sicher. Dort an der Küste, die Stadt San Diego. Dort müssen wir irgendwo landen und uns zur Station durchschlagen, in der der Aufzug versteckt ist.«
Giwoon bemerkte mehr als einmal das Auftreffen von Radarimpulsen, doch solange sie sich über dem Pazifik befanden, wurden sie nicht behelligt.
»Ich werde den Slider nun fast bis an die Grenze der Stratosphäre steigen lassen«, erklärte Giwoon, »sobald wir einen geeigneten Landeplatz entdeckt haben, werden wir extrem schnell und senkrecht landen. Ich glaube nämlich, dass ihre Radaranlagen mit senkrechten Bewegungen nicht so gut zurechtkommen, wie mit der normalen, horizontalen Fluglage.«
»Wollen wir es hoffen«, meinte Thomas, »was tun wir, wenn sie uns auch von dort Flugzeuge entgegenschicken, die uns angreifen?«
»Es darf eben nicht passieren!«, rief Giwoon aus.
Sie spürten alle, dass Giwoon längst nicht mehr so ruhig war, wie noch zu Beginn ihrer Reise. Der Slider begann zu steigen und zum ersten Mal spürten sie etwas von der Schieflage des Fliegers und auch ein wenig von der Beschleunigung. Die Absorber, die unter normalen Umständen dafür sorgten, dass Beharrungskräfte – gleich welcher Art – spürbar wurden, arbeiteten nicht mehr einwandfrei.
»Ihr solltet euch auf euren Sitzen anschnallen«, schlug Giwoon vor, »wie es aussieht, ist unser Flieger stärker angeschlagen, als ich bisher gedacht habe. Ich kann nicht mehr so hoch steigen, wie ich es gern täte. Hier, wo wir uns jetzt befinden, sind wir für die Abwehr der Menschen dort unten zu erreichen.«
Wenige Augenblicke später ging ein Funkspruch in englischer Sprache ein:
»Achtung, unbekanntes Flugzeug! Hier spricht die Küstenkontrolle der Vereinigten Staaten. Sie sind im Begriff, unseren Luftraum zu betreten. Bitte identifizieren Sie sich umgehend, sonst wären wir gezwungen, Sie zur Landung zu zwingen.«
Sie sahen sich alle erschreckt an.
»Ignorieren!«, entschied Giwoon, »wir müssen nur dort irgendwo landen können und verschwinden. So schnell werden sie uns schon nicht abschießen.«
»Da bin ich mir gar nicht so sicher«, meinte Khendrah und deutete auf einen Bereich der Steuerkugel, auf dem man erkennen konnte, dass sich ihnen mehrere Kampfjets näherten.
»Geht das jetzt schon wieder los?«, fragte Fancan, »Ich hätte nie gedacht, dass sie uns hier in diesen Zeiten überhaupt gefährlich werden könnten.«
Khendrah lachte freudlos auf.
»Was hast denn du geglaubt? Dass sie in diesen frühen Zeitaltern noch mit Pfeil und Bogen schießen? Ich würde mich entschieden wohler fühlen, wenn wir bereits wieder festen Boden unter den Füßen hätten.«
Ein heftiger Schlag traf den Slider und hätte sie alle durcheinandergewirbelt, wenn sie nicht angeschnallt gewesen wären.
»Was war das?«, wollte Thomas wissen, »Das können doch nicht die Amerikaner in den Jets gewesen sein.«
»Das waren sie auch nicht!«, rief Giwoon grimmig, »Wir haben Begleitung und die gefällt mir ganz und gar nicht.«
Auf der Kugel erschien das Gesicht eines alten Bekannten, mit dem sie überhaupt nicht mehr gerechnet hatten: Ralph Geek-Thoben, dem Analysten.
»Sie scheinen sich nicht zu freuen, mich zu sehen«, sagte Ralph, »dabei habe ich mir solche Mühe gegeben, Sie zu finden. Khendrah und Fancan kenne ich ja bereits. Vielleicht stellen sich mir die übrigen Teilnehmer der Attentätergruppe ja noch vor, bevor ich Ihren Flieger endgültig vom Himmel pusten werde.«
Ralph hatte ein boshaftes Lächeln aufgesetzt.
»Was wollen Sie?«, fragte Khendrah aggressiv, »Wie kommen Sie überhaupt hierher?«
Ralph lachte.
»Das würden Sie gern wissen, nicht wahr? Nun, Sie können sich denken, dass ein Analyst immer mehrere Wege errechnet, wie er aus einer ungünstigen Situation wieder herausfindet. Nachdem Sie meine Pläne so dumm durchkreuzt haben, nutzte ich einen der Ersatzwege, um wieder in den Vektor zurückzukehren, wo ich sehr interessante Nachforschungen gemacht habe. Erst habe ich nicht verstanden, was Sie mit Ihren Aktionen bezweckten, bis dann ein Alarm durch den gesamten Vektor hallte. Ich hätte Sie niemals für so dämlich gehalten, es mit dem gesamten Vektor aufzunehmen. Sie haben nun die Wahl: Wollen Sie leben, oder sterben? Geben Sie mir den Code zur Deaktivierung ihrer Bombe und ich nehme den Finger vom Feuerknopf meiner Primärwaffe.«
Giwoon schob sich vor das Aufnahmeobjektiv und sprach:
»Ob Sie auf uns feuern, oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Es gibt keinen Deaktivierungscode. Wenn Sie die Bombe noch entschärfen wollen, müssen Sie sie finden und können es versuchen, doch ich würde davon abraten. Sie ist nun auf molekularer Ebene direkt mit der Sonnenzapfanlage verbunden. Der Versuch der Trennung wird sie auslösen.«
»Sie lügen!«, brüllte Ralph uns schlug auf die Feuertaste.
Giwoon ließ den Slider ausweichen, doch konnte er nicht verhindern, dass sie einen Streifschuss abbekamen. Aus verschiedenen Konsolen schlugen Funken und der Slider schüttelte sich.
Giwoon drehte den Ton der Kommunikationsanlage ab und wandte sich an die anderen:
»Es hat keinen Zweck. Unser Flieger ist nicht zu retten. Es ist Zeit für Notmaßnahmen. Jeder von euch schnappt sich die kleine Tasche, die unter dem Sitz klebt. Dann versammelt euch in dem kleinen, markierten Kreis vor der qualmenden Konsole dort. Beeilt euch!«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Es ist jetzt keine Zeit für Erklärungen! Sofort! Tasche greifen uns los! Wir alle müssen in fünfzehn Sekunden in dem Kreis stehen. Fasst euch am besten an den Händen!«
In fiebernder Eile riss jeder die kleine Tasche unter dem Sitz hervor und löste den Sitzgurt. Der kleine Kreis auf dem Boden begann blinkend zu leuchten und ein Countdown wurde in seinem Innern angezeigt. Sie stürzten zu der Stelle und drängten sich so zusammen, dass sie alle hineinpassten.
»Was tun wir hier eigentlich?«, fragte Thomas, wurde aber von Giwoon unterbrochen:
»Augen schließen!«
Sie hörten einen lauten Knall, es wurde unerträglich hell, dass sie trotz geschlossener Augen für einen Moment geblendet waren. Ein Hitzeschwall schien über sie hinweg zu ziehen, dann war es vorbei. Als sie ihre Augen wieder öffneten, standen sie auf einem Feld inmitten eines Gewirrs von Straßen, auf dem zahllose Fahrzeuge unterwegs waren.
»Wo sind wir hier?«, wollte Fancan wissen, als sie sich einmal um ihre eigene Achse gedreht hatte.
»Notschaltung«, sagte Giwoon knapp, »ein Transportsystem, das uns aus dem Flieger hierher übertragen hat. Es funktioniert nur ein einziges Mal und auch nur auf relativ kurze Distanz. Wenn Ralph den Slider nicht abschießt, wird er sich in Kürze selbst vernichten. Wenn wir Glück haben, können wir ihn täuschen und er glaubt, dass wir tot sind. Wir sollten jedenfalls machen, dass wir hier verschwinden und uns unter die Menschen mischen.«
»Wahrscheinlich hat uns dein Transportsystem mitten in einem Autobahnkreuz abgesetzt«, meinte Thomas, »ich war schon ‘mal in den Vereinigten Staaten und kann mich an solche Straßenzüge erinnern. Wir stehen hier nicht gerade günstig, wenn wir eine Möglichkeit suchen, hier zu verschwinden.«
»Wieso?«, fragte Fancan, »Hier fahren doch so viele Fahrzeuge herum, dass es nicht schwer sein wird, mitgenommen zu werden.«
Thomas lachte.
»Du hast Vorstellungen!«, sagte er, »Hier sind doch nirgends Haltemöglichkeiten. Außerdem sind wir zu viert. Da ist es nicht einfach, jemanden zu finden, der uns alle mitnimmt.«
»Ich würde trotzdem vorschlagen, dass wir dort zur nächstgelegenen Straße gehen und es versuchen«, schlug Giwoon vor, »es kann nämlich nicht gut sein, wenn wir hier wie auf dem Präsentierteller stehen, wenn Ralph nach uns suchen sollte.«
In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubender Knall. Weit über ihren Köpfen war etwas explodiert. Sie legten ihre Köpfe in den Nacken und blinzelten in die hoch stehende Sonne. Dabei konnten sie gerade noch erleben, wie ein ellipsenförmiges Fluggerät durch eine Wolke von expandierenden Partikeln schoss und danach schnell in der Ferne verschwand.
»Das war unser Slider, oder?«, fragte Khendrah.
Giwoon nickte.
»Es war die Selbstvernichtung. Der Trick scheint geklappt zu haben. Ralph macht sich aus dem Staub, um nicht von den Sicherheitskräften dieser Zeit entdeckt zu werden.«
»Dann haben wir es geschafft?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon lachte freudlos.
»Gar nichts haben wir geschafft, Freunde«, sagte er, »in wenigen Stunden wird der Sprengsatz im Himalaja zünden. Danach tickt unsere Uhr, denn der Vektor wird sich dann sehr schnell von unten her aufzulösen beginnen. Wenn wir noch ins Jahr 2008 reisen wollen, bleibt dann nicht mehr viel Zeit.
Etwas desorientiert blickten sie sich in alle Richtungen um. Es war überall das gleiche Bild: Sie waren von Straßen umgeben, auf denen reger Verkehr ein Überqueren fast unmöglich machte.
»Es nutzt nichts«, sagte Giwoon, »wir müssen hier weg. Wenn wir noch lange hier stehen bleiben, wird sich bestimmt bald jemand dafür interessieren, wer wir sind und was wir hier verloren haben.«
»Wenn wir noch diesen Aufzug erreichen wollen, bevor das ganze System zusammenbricht, sollten wir uns auch langsam auf den Weg machen«, schlug Khendrah vor.
»Leute«, sagte Thomas, »jetzt wäre es vielleicht einmal an der Zeit, jemandem zu vertrauen, der aus der Nähe dieser Zeit hier stammt.«
Khendrah sah ihn skeptisch an.
»Aus der ‘Nähe’ dieser Zeit?«, fragte sie, »Das mag zwar ungefähr stimmen, aber warst du schon einmal hier in dieser Stadt? Kannst du uns wirklich führen?«
»Nein, nicht wirklich«, gab Thomas zu, »aber ich weiß zumindest, dass es häufig in solchen Autobahnkreuzen Brücken gibt oder kleine Tunnel, die wir nutzen könnten, um unter solchen Fahrbahnen hindurch zu kommen. Es sollte einen Weg geben, ungefährdet aus diesem Straßengewirr entkommen zu können.«
»Und?«, fragte Fancan, »Was schlägst du vor?«
Er deutete auf eine, in weitem Bogen geführte, Auffahrt und meinte:
»Dort fangen wir mit unserer Suche an. Mir scheint, dass es dort einen Weg geben müsste.«
Die Frauen schauten Giwoon an, der jedoch nur mit den Schultern zuckte.
»Ein Weg ist so gut, wie der Andere«, meinte er dann, »Thomas kann ja recht haben. Immerhin kennt er diese Art, Straßen zu bauen, wie wir sie hier sehen.«
Sie machten sich auf den Weg – vier einsame Wanderer inmitten eines Auobahnkreuzes. Khendrah sah zu der Auffahrt hoch, als sie sich ihr näherten und bemerkte einen Mann auf einem zweirädrigen Fahrzeug, der am Rand der Auffahrt angehalten hatte und interessiert zu ihnen hinabblickte.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 09.11.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 10 – Waghalsiger Einsatz

Ein lautes Knacken ging durch den Scherenpanzer. Bald würden die Würmer die Außenbordwand durchdringen und sie holen kommen. Tamara hoffte, dass sie schon vorher tot sein würde, zerquetscht vom Druck oder durch eintretende Wassermassen. 
Immer mehr dieser abartigen Bestien wuselten sich windend um sie herum, quetschten ihre Rüssel gierig an die Scheibe und gruben ihre Fangzähne in ihren Kampfanzug. Aber sie sah gar nicht mehr hin.
Gut, dass es hier unten fast schwarz wie die Nacht ist. Dann muss ich wenigstens nicht genau mit ansehen, was hier passiert. 
Tamaras anfängliche Panik war einer gewissen Akzeptanz gewichen, darüber, dass sie hier unten sterben würde. Vor ihrem inneren Auge reflektierte sie ihr Leben und kam zu dem Schluss, dass es durchaus gute Seiten gehabt hatte, neben all den Schlachten, die sie ausfechten musste. Sie dachte an all die Schlagabtäusche mit Archweyll, die Momente, in denen sie gemeinsam gelacht oder geweint hatten. An die haarsträubenden Abenteuer im Warp und an die Atharymn, die für sie zur Heimat geworden war. Das alles würde sie nun hinter sich lassen. Doch wer wusste schon, was der Tod brachte? Möglicherweise lag nur ein weiteres Abenteuer vor ihr. Ein Lächeln huschte über Tamaras Lippen, bei dem Gedanken daran. Das Bohren der Würmer rückte in den Hintergrund und sie war ganz bei sich. 
Hoffentlich hat es Archweyll geschafft. Er hat es verdient, weitermachen zu dürfen. Wenn es einer verdient hat, dann er. 
Auch wenn er ihr Boss war, so war der Kommandant doch stets viel mehr als das für sie gewesen. Er war wie ein Vater, bester Freund und… sie weigerte sich, den Gedanken fortzuführen. Doch dann musste sie von ganzem Herzen lachen. 
Knallkopf. Vor allem bist du ein Knallkopf, schmunzelte sie. 
Plötzlich blendete sie ein Licht.
Ist es schon soweit? Bin ich tot? 
Das Schwarz hinter ihren geschlossenen Augenliedern verwandelte sich allmählich in ein glühendes rot. Angestrengt blinzelte sie den Lichtern entgegen. 
»Das kann nicht sein.« Staunend betrachtete sie das Gefährt, dass ihr aus dem Höhleneingang, den die Würmer geschaffen hatten, entgegenstampfte. Seine Scheinwerfer waren ein Hoffnungsfunke, der die Finsternis durchtrennte wie einen seidenen Faden. 
Das war eindeutig ein Scherenpanzer, nur fehlte ihm ein Arm. Darin saß Archweyll, doch er sah irgendwie merkwürdig aus. Seine Pupillen waren riesige schwarze Löcher und aus seinem Mund tropfte Schaum. Außerdem schien er manisch zu lachen und sie gar nicht wirklich wahrzunehmen.
»Hier unten!«, schrie Tamara aus vollem Halse. 
Hat er wieder Drogen genommen? 
Mit wedelnden Armen versuchte sie die Aufmerksamkeit des Kommandanten zu gewinnen. 
Doch jeder Versuch blieb erfolglos. Ein Knacken, lauter als zuvor noch, kündigte an, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. 
Was macht er denn nur? 
Jetzt, wo der Lebenswille sie erneut gepackt hatte, merkte Tamara, dass sie panisch wurde. »ARCH!«, schrie sie aus vollem Halse. »AAARCH!«

 

                                                                     ***


Er schwebte auf einem Regenbogen. 
Das Spektrum sämtlicher Farben breitete sich vor ihm aus und er war ihr Meister. Sie formten sich nach seinem Willen und Archweyll musste pausenlos kichern, während er den nörgelnden Kopf von Clynnt Volker in eine lila Tomate verwandelte oder eine Armada aus Raumschiffen in die Weiten des Warp entsandte. Wolken aus blauem Nebel hüllten ihn ein und von irgendwoher rief etwas nach ihm. Es war mehr ein inneres Ziehen, eine Sehnsucht, die ihn erfüllte. Dann erschien in einiger Höhe eine Lichtkugel vor ihm, die einen trüben Schimmer von sich gab und Archweyll wusste, dass war die Quelle der Macht des Ozeans. Je näher sie ihm kam, desto stärker wurde das Pochen seines Herzens. Mit einem erwartungsvollen Lachen und offenen Armen hieß er sie willkommen. Eine weitere Lichtkugel kam auf ihn zugeschossen. Von ihr ging ein Summen aus, dass ihn zutiefst befriedigte. Bald würde er auch ein Lichtwesen sein. Der Kommandant kicherte, bei dem Gedanken daran. 



                                                               *** 


Mit Entsetzen musste Tamara feststellen, wie die ganze Felsformation um sie herum plötzlich zum Leben erwachte. Schlote öffneten sich pumpend, als würden sie atmen. Aus dem Augenwinkel registrierte sie Bewegungen. Dort, wo einmal nackter Fels zu sein schien, befand sich nun grelles Fleisch und lange Fühler tasteten sich vorwärts. 
Zwei riesige Tentakeln schlichen sich an Archweyll heran, an ihrer Spitze befand sich ein trüber Lichtkörper. 
Vermutlich eine Falle. Die sind bestimmt zweihundert Meter lang. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. 
Die Würmer waren nur ein Vorgeschmack. 
Ein Knurren entwich ihrer Kehle. Dann versuchte sie wieder auf sich aufmerksam zu machen, doch der Kommandant schien in seiner eigenen Welt zu sein. 
»Hast du Lack gesoffen? Du musst verschwinden!«, schrie Tamara so laut, dass es in ihren eigenen Ohren schmerzte. 
Aber Archweyll sah den Lichtern wie ein Kleinkind entgegen, das auf seine Weihnachtsgeschenke wartete. 
Wenn sie nichts unternahm, würde Tamara mit ansehen müssen, wie dieses Wesen ihrem Kommandanten den Kopf abriss. 
Und danach bin ich dran. 
Eine Idee begann sich in ihren Kopf zu schleichen, aber die gefiel ihr ganz und gar nicht. 
Das ist mein Ende. So oder so. Dann kann ich wenigstens verhindern, dass es ihn auch erwischt.
Tamara ballte die Fäuste. Ihre Entscheidung war gefallen. 
Sie griff sich einen Schraubenschlüssel und eilte zur großen Frontscheibe. Selbst ein genetisch optimierter Superkörper wie ihrer, war nicht in der Lage, in solchen Tiefen zu überleben. Der Druck war zu enorm. Vielleicht blieben ihr wenige Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit und dann würde sie sterben. Aber das würde sie ohnehin. Zeit genug, um eine der Leuchtfeuerraketen zu aktivieren. 
Also gut. 
Tamara atmete tief durch. Dann öffnete sie manuell die Frontscheibe.



                                                                 ***



Archweyll lachte wie ein Kind. Maßloses Glück überkam ihn in Wogen der Wollust. »Nehmt mich auf, in eure Arme«, rief er sabbernd. 
Der Boden unter ihm geriet in Bewegung, senkte sich auf und ab, als würde er leben. 
Plötzlich zischte etwas auf ihn zu und explodierte in einem lauten Knall. Helles Licht erhellte den Meeresboden und er wurde rückwärts in seinen Sitz gepresst. 
Es war so, als wäre er damit auch rückwärts aus dem schönsten Traum seines Lebens gedrängt worden. Keuchend kam er zu Besinnung. Der Schreck saß tief in seinen Knochen.
Dem Farbenspektakel war ein dunkles Flimmern am Rande seiner Wahrnehmung gewichen und dröhnender Schmerz fraß sich durch sein Hirn wie Gewürm. 
Binnen einer Sekunde realisierte der Kommandant die Situation. 
Das Licht kam aus einem Sternenfeuertorpedo, den ein Scherenpanzer abgefeuert haben musste. Unter ihm fraß sich Getier durch den Boden, welcher sich auffällig bewegte. 
Die zwei trüben Lichter, die gerade noch auf ihn zugeschossen waren, schreckten zurück, angesichts der Helligkeit der Explosion. Was war hier los? 
Wo bin ich, was verdammt nochmal mache ich hier?
Die Erinnerung traf ihn wie ein Blitz. 
Das Gas! Verdammt! 
Und wer war hierfür verantwortlich? Kamen seine Retter, um ihn mitzunehmen?
Tamara? Nein! 
Maßlose Gräuel überkam den Kommandanten, als ihr lebloser Körper an ihm vorbeitrieb. Das durfte nicht passieren. Es wäre ein Verlust, den er nicht ertragen könnte. Mit einem gewaltigen Satz beförderte er den Scherenpanzer zu ihr.  
Ich bin zu spät. 
Er pustete sämtliche Luft aus den Lungen, damit sie nicht kollabierten. 
Dann öffnete er die Frontscheibe. Die Macht des Wasserdrucks überkam Archweyll wie ein Hammerschlag, sie drängte ihn zurück, trommelte wie Fäuste auf seinen Körper ein. 
Er spürte, wie Adern in ihm platzten und sein Herz aussetzte. 
Mit Anstrengung all seiner Willenskraft gelang es ihm, das Bewusstsein aufrecht zu erhalten. Denn er musste durchhalten. Tamra war alles, was ihm hier unten geblieben war, und seine treuste Gefährtin. Wenn er jetzt versagte, dann war es für immer.
Mit einem Ruck zerrte er sie in seinen Anzug. Schmerz fraß sich durch seinen Körper und machte ihn langsam. Mit aller Mühe, die er aufbringen konnte, verschloss der Kommandant die Scheibe, aktivierte die Pumpe und den Notfall-Dekompressor. 
Die Maschine analysierte den Schaden in seinem Körper und stellte sich auf die richtigen Verhältnisse ein. Binnen Sekunden wurde das Wasser aus dem Anzug befördert. 
Röchelnd griff er nach Tamara, die angesichts der Raumverhältnisse eng an ihn geschmiegt lag. Sie war alles, was zählte. Er prüfte sie auf Herzschlag und Atmung.
Sie lebt. Wenn auch gerade noch. Ich muss vorsichtig sein, sonst platzt sie wie eine reife Frucht. Ich muss hier verschwinden. Irgendwie. 
Sein Sichtfeld verschwamm erneut und Archweyll stöhne auf. Er platzierte seine Freundin so, dass sie an seinen massigen Rücken gelehnt lag, ihr Kopf ruhte regungslos auf seiner Schulter und die Arme legten sich ohne ein Zeichen von Leben um ihn. Archweyll atmete tief ein und aus, der Schmerz erfüllte jede Faser seines Körpers.Er fühlte sich restlos ruiniert an. Seine Lunge rasselte und sein Herz klopfte in unglaublichen Arrhythmien. Blut tropfte aus sämtlichen Öffnungen seines Gesichts und erschrocken stellte Archweyll fest, dass er außer einem strengen Summen nichts mehr hören konnte. Für eine Sekunde setzte er aus, sackte in seinem Sessel zusammen und wollte einfach nur tot sein. Sämtliche Adern in seinem Körper verkrampften sich simultan zu seinen Muskeln und jede Bewegung erfolgte schwerfällig und unter Aufwand all seiner Kräfte. 
Für eine Sekunde schoss ein scharfer Gedanke durch seinen Kopf. 
Ich muss hier weg, bevor es mich holt! 
Er sah die Fühler auf sich zurasen, aber Archweylls Bewegungen waren zu träge. Die Erschütterung des Treffers rumorten durch seinen ganzen Körper und der Kommandant verkrampfte sich vor Schmerz, während sein Scherenpanzer fortgeschleudert wurde. Ein tonloser Schrei entwich seiner Kehle und ein penetrantes Summen nahm alles für sich ein. 
Es weiß nicht, dass ich einen Panzer habe. Es denkt, ich wäre Beute!, schoss es durch seinen Kopf. Dann tauchte sich sein Sichtfeld für einen Moment in ein eindringliches Rot. Kreischend versuchte er, die Konsolen zu betätigen, aber der Schmerz drohte ihn zu überwältigen. Aus dem Augenwinkel registrierte er Bewegungen, die aus dem Fels auf ihn zukamen. 
Das ist kein Fels. Das ist nacktes Fleisch. Verdammt soll dieser Planet sein!
Tausende Fühler, die aussahen wie längliche Würmer mit Saugrüsseln, schossen auf ihn zu. 
Archweyll biss die Zähne zusammen und zwang sich zum Weitermachen. Wieder setzte er für einen Moment aus, sein Bewusstsein verabschiedete sich langsam von ihm. 
Der Dekompressor arbeitet nicht effektiv genug. Nicht in diesen Tiefen. 
Sein Blick wandte sich besorgt zu Tamara, die aussah wie eine Leiche, die von schwarzen Adern durchzogen war. Ihr Blick war starr und Blut floss in Strömen aus ihrer Nase.
Ich werde nicht zulassen, dass es sie holt. Wir sind kein Futter.
Langsam erhob er sich, wobei jeder Zentimeter mit unerträglichen Qualen verbunden war. 
Archweyll heulte auf vor Schmerz, sein Brüllen musste noch den hintersten Winkel des Planeten durchdringen. Doch das Summen unterdrückte alle Geräusche. 
Erneut schossen die Fühler auf ihn zu und im Schimmer seines Lichtstrahles glaubte Archweyll in der Ferne eine Ansammlung riesiger liedloser Augen zu erkennen, die ihn hungrig anstarrten. Er setzte zu einem selbstmörderischen Sprint an, aber seine Bewegungen erschienen ihm bleiern und schwer. Öffnungen vor ihm gaben weitere Fühler frei, die sich auf ihn stürzten. 
Der Kopf eines Wurm-Fühlers krachte gegen seine Fensterscheibe. 
Archweyll biss die Zähne zusammen und vergrub seine Klinge tief im Rachen der Kreatur. 
Blut und Schädelteile bröckelten in Richtung der Wasseroberfläche. 
Was zur Hölle ist das für ein Lebewesen? Gehört das alles zusammen? 
Oder war das Ganze ein riesiges Ökosystem, dass symbiosierte? 
Er konnte die Frage nicht weiter verfolgen, denn weitere Fühler warfen sich auf ihn. 
Einer der Würmer griff nach seinem Bein und wickelte sich darum. 
Fast wäre Archweyll gestolpert. Mit Anstrengung all seiner Kräfte zerrte er sich frei und zerriss das Wesen dabei in seine Einzelteile.
Sein Messer wirbelte herum und spaltete den Kopf eines weiteren Angreifers. 
Weiter. Immer weiter. 
Nur der Schmerz antwortete ihm.
Über sich nahm er nun das vertraute Leuchten der augäpfeligen Pflanzen war. Sein Ziel schien so nah und doch so weit entfernt. Panisch drehte er sich um. 
Die riesigen Fühler waren in der Finsternis nicht auszumachen, doch nach wie vor schienen die Würmer zu versuchen, ihn zu packen. Archweyll unterdrückte einen Aufschrei. 
Sein Körper war eine Ruine und der Schmerz erfüllte jede noch funktionstüchtige Nervenfaser in seinem Körper. Ein Taubheitsgefühl überkam ihn und seine Wahrnehmung schien ihm Streiche zu spielen. Langsam näherte er sich dem Vorsprung.
Auf einmal krachte etwas gegen seine Frontscheibe. Ein Saugrüssel bedeckte das Fenster fast gänzlich. Rote Alarmleuchten signalisierten, dass der Scherenpanzer einen schweren Treffer kassiert hatte. Risse bildeten sich langsam auf der Scheibe. Der Druck hier unten würde sehr bald sein Werk vollrichten. 
Pumpend und schmatzend fuhr die Maulhöhle über die Scheibe, suchte nach einem Weg, um ins Innere zu gelangen. Panisch fuhr Archweyll herum. So einen großen Wurm hatte er noch nie in seinem Leben gesehen. Für eine Sekunde nahm sein Herzschlag alles für sich ein. Blut tropfte aus seiner Nase und klatschte auf die Anzeigen. 
Durchhalten. Durchhalten.
Der Wurm rang ihn nieder.
Archweylls Panzer ging in die Knie und war kurz vor einer gänzlichen Kapitulation. Schwarze Punkte tanzten vor seinem Auge einen Tanz des Todes. 
Plötzlich vernahm er Tamaras Stimme. Irritiert blickte er sich um, doch die Stoßtruppführerin war nach wie vor bewusstlos. Sie schien in seinem Kopf zu sprechen und verdrängte für den Bruchteil einer Sekunde das gequälte Summen, das seinen Schädel fast zum Platzen brachte. 
»Arch…«, flüsterte sie, dann verstummte die Stimme in seinem Kopf. 
Eine Einbildung, wurde ihm klar. Doch irgendwie gab ihm das Kraft. Die Kraft, die er brauchte, um durchzuhalten. Er war nicht alleine hier unten, Tamara hatte alles für ihn gegeben und wer wäre er, wenn er sie jetzt enttäuschen würde? Brüllend steuerte er seinen Greifarm in Richtung des grauseligen Saugnapfes und riss ihn einfach vom Körper. Heulend kam der Kommandant auf die Beine. Alles an ihm war dem Ende nahe. Schweiß und Blut vermengten sich zu einem Rinnsal des Schmerzes. Doch jetzt durfte er nicht aufgeben. Er setzte die letzten Schritte und erreichte den Hang. 
Hoffentlich ist das Gestein.
Stöhnend robbte er sich daran empor. Warum war auch der verdammte Antrieb defekt? 
Unter ihm nahmen die Fühler die Verfolgung auf. Auch jetzt war er nicht in Sicherheit. 
Sie strömten aus fast jeder erdenklichen Öffnung und schienen einfach nicht gewillt ihn aufzugeben. Er war so nahe. 
So nahe.
Mit den letzten verbliebenen Kräften erreichte er das Ende des Hanges. Archweyll zog sich auf die Beine und schleppte seinen Panzer zu den glühenden Leuchtkörpern. Er schwankte mehr, als das er lief und sein Blickfeld wurde in regelmäßigen Abständen gänzlich in Schwarz getaucht. Das Summen wurde schlimmer und schlimmer, wie tausende Hornissen brummte es in seinem Kopf. Er ließ seine Klinge auf den Stängel eine der Pflanzen sausen und trennte ihn durch. Wie er erwartet hatte, tauchte sie in Richtung Wasseroberfläche auf. 
Bingo.
Er sammelte immer mehr Pflanzen ein, bis er einen riesigen Haufen aus leuchtenden Augen um sich versammelt hatte. Langsam driftete sein Körper nach oben. 
Die Würmer, die unter ihm nach ihm geiferten, kassierten einen Mittelfinger und ein schmerzverzerrtes Grinsen. Jetzt musste der Zyklop ihn nur noch finden, dann wäre er in Sicherheit. Der Schmerz und die Überlastung forderte ihren Tribut. 
Archweyll übergab sich heftig und war nicht mehr in der Lage, sich dagegen zu wehren. Seine Augen fielen zu und er geriet in einen Dämmerzustand. Sein Bewusstsein verließ ihn. 
Das letzte, was er wahrnahm, waren zwei glühende Lichter, die sich auf ihn zubewegten. 
Verdammt, ich dachte es hätte aufgegeben?, war der letzte Gedanke, den er fassen konnte, bevor er regungslos zusammenbrach.

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Korrekturen 24

24.Teil – Das Ende des Zeitvektors (3/3)

Um so überraschter waren sie, als Giwoon mit unbewegtem Gesicht eine versiegelte Folie aus seiner Tasche zog und sie Rowan Qorth überreichte.
»Ich hoffe, Sie sind nun zufrieden«, sagte er dabei.
Der Wächter brach das Siegel und studierte die Unterlage gründlich. Schließlich gab er den Weg frei, hielt sie aber dann noch einmal zurück.
»Einen Moment noch«, sagte er, »bitte leeren Sie alle ihre Taschen. Ich will genau wissen, was Sie bei sich haben.«
Er lächelte maskenhaft.
»Wir wollen ja nicht, dass Sie etwas bei sich haben, das die Sicherheit der Anlage beeinträchtigen könnte.«
Sie leerten alles vor seinen Augen aus. Auch das Gerät zur Vernichtung des Sonnenzapfers befand sich darunter. Rowan Qorth wühlte etwas in den Gerätschaften herum, bis er schließlich das kleine Gerät in seinen Händen hielt, welches diese ganze Anlage vernichten sollte.
Fancan hielt ihren Atem an und hoffte, dass Rowan Qorth es nicht bemerken würde.
»Was ist das für ein Gerät?«, fragte er Giwoon, »So etwas habe ich noch nie gesehen.«
Giwoon blieb vollkommen ruhig.
»Das wundert mich nicht«, sagte er, »genau dieses Gerät ist der Grund, warum wir überhaupt hier sind. Die Techniker im fünfundsiebzigsten Jahrhundert haben herausgefunden, dass Energieerzeuger auf Quarks-Basis entgegen gängiger Meinung doch gewisse Emissionen abstrahlen, die für den menschlichen Organismus auf Dauer schädlich sein können. Wir sind hier, um sicher zu stellen, dass ihre Sonnenzapfanlage genügend abgeschirmt ist und nicht die Erdbevölkerung schädigen kann.«
Der Wächter machte ein gequältes Gesicht.
»Sie meinen, der Aufenthalt in der Nähe dieser Anlage könnte für unsere Gesundheit schädlich sein?«, fragte er.
»Nicht nur für Sie oder uns«, erklärte Giwoon, als sei es die natürlichste Sache der Welt, »nein, es könnte sich auf die gesamte Menschheit auswirken, da Quarks-Strahlung durchaus sogar massiven Fels durchdringen kann. Es ist daher wichtig, sofort festzustellen, ob die Energieversorgung des Vektors nicht bereits von Beginn an auf ungefährliche Energien umgestellt werden muss.«
Der Wächter bemühte sich, die Übrigen nicht erkennen zu lassen, dass er ein ungutes Gefühl dabei hatte, sich vorzustellen, dass er bereits seit vielen Jahren einer möglicherweise schädlichen Strahlung ausgesetzt war. Giwoon spürte, dass er gewonnen hatte. Rowan Qorth war nun mehr als nur bereit, ihnen schnell Zugang zur Anlage zu gewähren. Er gab seinen Mitarbeitern ein Zeichen, worauf sie ihre Waffen senkten.
»Wie lange dauert es, bis Sie brauchbare Ergebnisse haben werden?«, fragte er.
»Oh, das wird nicht lange dauern«, sagte Giwoon, »aber wir sollten keine weitere Zeit ungenutzt verstreichen lassen.«
Rowan Qorth deutete auf eine weitere Tür.
»Wenn Sie mich bitte begleiten würden«, sagte er, »hinter dieser Tür befindet sich unser Fuhrpark mit den Fahrzeugen, die wir hier in diesem Komplex benötigen.«
Sie schritten durch die Tür und sahen, dass sich dahinter eine Art Garage befand, in der verschiedene Fahrzeuge standen. Rowan Qorth wählte einen offenen Wagen mit dicken Ballonreifen, auf dem sechs Personen in zwei Reihen bequem Platz fanden.
»Khendrah, Fancan«, flüsterte Giwoon ihnen zu, »ihr müsst gleich diesen Wächter und vielleicht noch einen seiner Mitarbeiter ablenken.«
Fancan sah Giwoon skeptisch an.
»Wie sollen wir das bitte anstellen?«, fragte sie ebenso leise zurück.
»Lasst euch etwas einfallen. Habt ihr nicht bemerkt, wie sie euch hier alle anstarren? Ich bin sicher, dass sich nicht häufig Frauen in dieser Station aufhalten. Wenn sie dann auch noch zwei so hübsche Exemplare geboten bekommen, muss sie das doch fertigmachen. Ich bin sicher, dass ihr es schafft, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.«
Khendrah zuckte mit den Achseln und kletterte neben Rowan Qorth, der das Fahrzeug selbst steuern wollte. Sie richtete es so ein, dass sich ihre Schenkel berührten und der Wächter sich ihrer Nähe ständig bewusst wurde. Sie tat ganz unbefangen und fragte ständig nach irgendwelchen Dingen, an denen sie vorbeifuhren. Den dritten Sitz in der vorderen Sitzreihe hatte Thomas besetzt, der argwöhnisch beobachtete, wie seine Freundin mit dem Wächter flirtete.
In der hinteren Reihe saß Fancan neben Qorths Mitarbeiter, der seinen Blick nicht von Fancan nehmen konnte. So fiel den Männern nicht auf, dass Giwoon sich seine Umgebung sehr genau ansah, um den richtigen Standort für seine Bombe zu ermitteln.
Sie fuhren eine ganze Weile, wodurch klar wurde, dass der eigentliche Sonnenzapfer äußerst tief im Gebirge steckte. Immer wieder passierten sie kleine Stationen, in denen Männer einer rätselhaften Tätigkeit nachgingen. Allmählich wurde die Luft trockener und wärmer.
»Wir nähern uns jetzt dem Kernstück der Anlage«, erklärte Rowan Qorth, »Sie werden beeindruckt sein.«
Es folgten noch einige Gangbiegungen und man konnte schon ahnen, dass es an ihrem Ziel sehr hell sein würde. Trotzdem waren sie nicht auf das gefasst, was sie nun sahen: Sie betraten eine Halle von wahrhaft riesigen Ausmaßen. Die Decke der Höhle, die sich inmitten des Berges befinden musste, war so hoch, dass man sie nur erahnen konnte. Es war jedoch nicht die Deckenhöhe, welche die die Vier beeindruckte, sondern ein gigantisches Konstrukt im Zentrum der Halle. Es wirkte, als habe man eine kleine Sonne darin aufgehängt und ein Ring von Planeten würde sie auf einer Bahn umkreisen. Dabei war jeder dieser ‘Planeten’ durch ein Energieband mit der zentralen Sonne verbunden, welches in ständiger Bewegung war, wie man es von einem elektrischen Lichtbogen her kannte.
Rowan Qorth gönnte seinen Besuchern einen Moment des Staunens, dann erklärte er:
»Was Sie hier sehen, wirkt wie eine Übertragung von elektrischer Energie, aber in Wahrheit ist das nur die optische Wirkung des Quarksflusses aus dem in dieser Höhle stabilisierten Wurmloches, welches direkt ins Zentrum unserer Sonne führt. Diese Satelliten, die sie dort sehen, sind die eigentlichen Kollektoren. Sie fangen die gesamte Energie auf und führen sie den Speichern zu, die unter dieser Halle installiert sind.«
»Wie kann denn von hier aus der Vektor mit dieser Energie versorgt werden?«, wollte Khendrah wissen, »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich innerhalb des Vektors jemals etwas davon mitbekommen habe, dass solche Energiemengen eingespeist werden.«
»Das soll ja auch niemand«, sagte Rowan Qorth, »das System soll einfach nur stabilisiert werden und ansonsten im Hintergrund arbeiten.«
»Was wäre, wenn es hier zu einer Störung käme?«, fragte Thomas.
»Um Gottes Willen!«, entfuhr es dem Wächter, »Das darf niemals geschehen! Es würde das Gefüge unwiederbringlich destabilisieren.«
»Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie hier niemals Reparaturen vornehmen müssen«, sagte Khendrah.
»Natürlich müssen wir Wartungsarbeiten vornehmen und dazu auch schon mal die Zapfanlage herunterfahren. Dafür sind die Speicher schließlich da. Sie können die Stabilität für eine kurze Zeit überbrücken.«
»Gut«, sagte Giwoon, »wäre es Ihnen Recht, wenn ich jetzt mit meiner Arbeit beginne?«
Er griff sein angebliches Prüfgerät und schaltete es ein. Der kleine Monitor erwachte zum Leben und zeigte Daten an, die einem nicht Eingeweihten jedoch nichts sagten.
Qorth deutete mit der Hand auf das Szenario vor ihnen und meinte:
»Tun Sie Ihre Arbeit. Es ist ja auch in unserem Interesse, dass wir keinen Schaden erleiden, dadurch, dass wir jahrelang hier arbeiten.«
Giwoon glitt von seinem Sitz herunter und lief ein paar Schritte auf die Energiekonstruktion zu. Fancan schloss sich ihm an, während Qorth vom Fahrzeug aus beobachtete, was Giwoon tat. Er wusste nicht, warum, aber er hatte bei der ganzen Sache kein gutes Gefühl.
Giwoon hielt das kleine Gerät immer wieder in verschiedene Richtungen und tippte dann auf einer winzigen Tastatur herum.
»Was tust du hier eigentlich?«, fragte Fancan ihn leise.
»Das Gerät benötigt diverse Steuerungsparameter dieser Anlage«, erklärte er, »dadurch, dass wir in der glücklichen Lage sind, bis zur Anlage selbst vordringen zu können, sind wir auch in der Lage, sie vollständig zu übernehmen, wenn das Gerät alle Parameter entschlüsseln kann. In wenigen Augenblicken ist es soweit, dann gilt es nur noch, es hier untrennbar zu installieren.«
»Wie soll das gehen?«, fragte Fancan, »Selbst wenn du es versteckst, werden sie es finden können. Und wir können sicher nicht hier warten, bis es zum Leben erwacht, oder?«
»Oh nein«, sagte Giwoon, »wenn es losgeht, sollten wir einen deutlichen Abstand zu diesem Berg hier haben. Aber warte ab, gleich ist es so weit.«
Das Gerät gab ein schwaches Signal von sich und der Monitor meldete Einsatzbereitschaft. Giwoon überlegte.
»Zwölf Stunden sollten reichen, um hier zu verschwinden«, murmelte er und und tippte ein paar Daten ein. Dann schaltete er das Gerät scharf.
»So, das war es«, sagte er, »mein Schatz, ab jetzt bleiben uns zwölf Stunden, um hier zu verschwinden. Der Vorgang ist nicht umkehrbar.«
Fancan bemerkte, dass ihre Hände schweißig wurden.
»Dann lass’ uns auch hier verschwinden«, sagte sie, »ich muss gestehen, dass ich Angst bekomme, noch länger hier zu bleiben.«
»Bleib’ ganz ruhig, Schatz«, mahnte Giwoon, »wir müssen uns nun ganz ruhig zurückziehen, sonst merken sie noch etwas.«
Giwoon nahm das Gerät in die Hand und legte es auf das Gehäuse einer Steuerkonsole der Sonnenzapfanlage. Fancan glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als das kleine Gerät offenbar ganz langsam durch das dicke Metall der Steuerkonsole glitt und darin verschwand. Sowie es komplett eingedrungen war, schloss sich die Oberfläche wieder, wie eine Wasseroberfläche, nachdem man einen Stein hineingeworfen hat. Das Ganze war so schnell gegangen, dass es außer Fancan niemand bemerkt hatte.
Sie kehrten zum Fahrzeug zurück und stiegen ein.
»Und?«, fragte Rowan Qorth auffordernd, »können Sie mir schon etwas sagen?«
»Es ist wie eigentlich vermutet«,antwortete Giwoon, »es existiert keine Strahlung, die Ihnen hier schaden könnte.«
Der Wächter war erleichtert.
»Darf ich Sie vielleicht jetzt, nach dieser guten Nachricht, noch zu einem Essen in unserer Kantine einladen?«
»Nehmen Sie es uns nicht übel«, sagte Fancan, »aber wir würden es vorziehen, gleich wieder zu starten. Wir haben leider noch weitere Aufgaben zu erledigen und die Arbeit kann leider nicht warten.«
»Das verstehe ich«, sagte Rowan Qorth, »ich werde Sie dann gleich wieder zu ihrem Fahrzeug bringen. Ein bemerkenswertes Fahrzeug, wie ich feststellen muss. Vielleicht können Sie es ja einrichten, dass wir hier auch mit solchen Fliegern ausgestattet werden. Es wäre manchmal schon nett, wenn wir in dieses Zeitalter hier reisen könnten. Leider ist uns dieser Weg versperrt.«
»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, sagte Giwoon.
Er musste sich krampfhaft zwingen, dem Wächter nicht bereits jetzt reinen Wein einzuschenken, doch das durfte er nicht, denn dann wäre der Wächter gezwungen, sie festzuhalten.
Der Rest der Fahrt verlief relativ schweigsam. Wieder am Slider angekommen, bestiegen die Vier gleich wieder das Fahrzeug. Allerdings bestand Rowan Qorth noch darauf, es sich von Giwoon eingehend erklären zu lassen. Thomas und Khendrah wurden allmählich nervös. Giwoon und Fancan hatten bisher keine Gelegenheit gehabt, sie darüber zu informieren, wie viel Zeit ihnen noch bleiben würde.
Endlich war es so weit und man verabschiedete sie. Das große Tor im Berg wurde geöffnet und der Slider glitt sanft aus der Schleuse hinaus in die kalte Bergwelt des Himalaja. Sie beobachteten, wie sich das schwere Tor hinter ihnen wieder schloss und die künstliche Öffnung wieder fast unsichtbar machte.
Ohne, dass es ihnen bewusst war, stießen sie alle erleichtert die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatten. Giwoon ließ den Slider noch vor dem Bergmassiv schweben.
»Jetzt wäre es wohl an der Zeit, der Besatzung der Station die Wahrheit über unseren Besuch mitzuteilen«, sagte er und öffnete einen Funkkanal zur Station.
Wenige Augenblicke später erschien das Gesicht von Rowan Qorth auf dem Monitor. Es zeigte eine sehr verständnislose Miene.
»Hören Sie gefälligst auf, auf diesem Band zu funken!«, herrschte er Giwoon an, »Man ist auch in dieser Zeit nicht dumm. Die Chinesen haben durchaus gute Ortungsanlagen und können ihren Sender anpeilen.«
»Ich fürchte, ich werde Ihnen noch mehr Unannehmlichkeiten bereiten müssen«, sagte Giwoon ruhig, »weil es nämlich keine Rolle mehr spielen wird, ob die Chinesen dieses Zeitalters Ihren Standort erfahren, oder nicht.«
»Ich glaube, ich kann Ihnen nicht folgen«, sagte Qorth, »ich denke, Sie müssen deutlicher werden.«
»Gut«, meinte Giwoon, »Sie müssen alle diese Station innerhalb der nächsten elf Stunden verlassen haben, da es sie danach nicht mehr geben wird.«
»Sie sind wohl komplett verrückt geworden!«, rief Qorth aus, »Was haben Sie getan, als Sie bei uns waren?«
»Ich habe einen speziellen Sprengsatz direkt im Zentrum der Anlage installiert«, erklärte Giwoon, »machen Sie sich nicht die Mühe, danach zu suchen. Es ist ein sehr spezielles Gerät, das zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Anlage verschmolzen ist. Es ist eine untrennbare Verbindung. In ca. elf Stunden wird mein kleines Gerät die Kontrolle über die Sonnenzapfanlage übernehmen und sie so übersteuern, dass es zum vollständigen Kollaps und damit zur Vernichtung der Anlage führen wird.«
»Sie sind wahnsinnig!«, stellte Qorth fest, »Es muss Ihnen doch klar sein, dass das zur Vernichtung des Vektors führen wird!«
»So ist es«, sagte Giwoon lapidar, »wir wollen den Vektor vernichten und die Welt von der Diktatur der Obersten Behörde befreien. Wir brauchen nicht mehr über Sinn oder Unsinn unserer Aktion diskutieren. Der Vorgang ist nicht umkehrbar. Sie sollten alle Ihre Sachen packen und Ihre Zeitaufzüge benutzen, um hier zu verschwinden, wenn Sie leben wollen.«
»Sie Irrer! Sie haben uns doch zum Tode verurteilt! Wenn der Vektor fällt, wird er auch uns verschlingen. Wo sollen wir denn noch hin?«
»Stellen Sie sich doch nicht dümmer, als Sie sind!«, sagte Giwoon genervt, »Sie alle haben doch irgendein Ursprungszeitalter, aus dem sie einmal in den Vektor gekommen sind. Reisen Sie zu diesen Zeiten oder irgendeiner Zeit Ihrer Wahl und treten Sie hinaus ins echte Leben. Sie werden Zeit genug dazu haben, denn der Vektor wird am frühesten Punkt seiner Existenz mit seiner Auflösung beginnen. Je weiter Sie in die Zukunft reisen müssen, umso länger haben Sie Zeit. Doch warten Sie nicht zu lange!«
Qorth schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ihr Verbrechen macht mich sprachlos«, sagte er tonlos, »es wird Ihnen allen den Kopf kosten.«
»Das glaube ich kaum«, sagte Khendrah und mischte sich in das Gespräch ein, »da es keine Instanz mehr geben wird, die uns anklagen könnte.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 02.11.2019

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23.Teil – Das Ende des Zeitvektors (2/3)

»Du meinst Radar«, sagte Thomas, »wenn sie uns auf ihren Radarschirmen gesehen haben, kann es hier bald von Flugzeugen wimmeln, die nach dem Rechten sehen wollen.«
»Du kennst dich damit aus?«, fragte Giwoon.
»Nein, aber ich stamme aus einer Zeit – nicht weit von hier. Du erinnerst dich?«
»Jetzt geht nicht gleich aufeinander los!«, mahnte Khendrah.
»Das sagst du so«, meinte Thomas, »er lässt mich dauernd spüren, dass ich in seinen Augen so eine Art Saurier bin.«
Giwoon hatte diesen kleinen Dialog mitbekommen, während er den Antrieb des Sliders aktivierte.
»Tut mir Leid, Thomas«, sagte er, »ich meine das nicht so. Es ist ganz einfach so, dass für mich viele Dinge einfach normal sind, die für dich noch unvorstellbar sind. Denk’ einfach ‘mal darüber nach. Auch ich muss noch eine Menge lernen.«
»Schon in Ordnung«, sagte Thomas, schon wieder etwas versöhnt.
Der Slider setzte sich in Bewegung. Erst ganz langsam erhob er sich zwischen den Baumkronen des Urwaldes, in den sie gestürzt waren. Auf den Monitoren sahen sie, dass dieser Wald so weit reichte, dass sie sein Ende nicht sehen konnten. Giwoon hatte den Kurs eingegeben und sie setzten sich nun auch horizontal in Bewegung. Giwoon hatte einen kontinuierlichen Steigflug programmiert, der Rücksicht auf eventuelle fremde Flugkörper nehmen sollte, von denen es in dieser Zeit bereits eine Menge geben sollte.
Eine ganze Weile lang flogen sie weitgehend unbemerkt, was sich änderte, als sie den indischen Subkontinent überflogen. Der Steuercomputer des Sliders meldete das Auftreffen von Impulsen auf seiner Oberfläche. Nur wenig später empfingen sie Funkimpulse.
»Man versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen«, sagte Giwoon, »ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf eingehen soll. Vielleicht ist es besser, einfach weiter zu fliegen.«
»Wenn sie dann ‘mal nicht auf uns schießen«, sagte Thomas skeptisch, »aber wahrscheinlich wirst du mir gleich von irgendwelchen geheimnisvollen Abwehrfeldern erzählen, die uns schützen, oder?«
Giwoon machte ein fragendes Gesicht.
»Was für Abwehrfelder?«, wollte er wissen, »Wir haben keine Abwehrfelder. Wozu auch? Wieso sollten sie überhaupt auf uns schießen?«
Thomas lachte sarkastisch.
»Du hast von der politischen Landschaft dieses Zeitalters wirklich keine Ahnung, was? Die ganze Erde ist in zahllose Einzelstaaten aufgeteilt, die alle ihre Territorien mit allen Mitteln schützen. Wenn wir einfach weiterfliegen ohne auf ihre Funkanfrage einzugehen, kann es sein, dass sie uns als Feinde einstufen und Raketen auf uns abfeuern oder uns Kampfjets schicken.«
»Kampfjets?«, fragte Giwoon, »Flugmaschinen, wie unsere?«
»Nicht ganz«, erklärte Thomas, »Kampfjets fliegen mit Düsenantrieb – sie komprimieren die Luft in den Triebwerken und stoßen sie nach hinten aus. Sie sind richtig schnell damit. Verdammt schnell sogar. Wichtiger aber ist, dass diese Dinger bis an die Zähne bewaffnet sind. Wenn du keinen geheimnisvollen Schutz bieten kannst, sollten wir machen, dass wir hier wegkommen.«
Giwoon ließ den Slider unbeeindruckt weiterfliegen. Die Fernbeobachtung zeigte, dass sie dicht besiedeltes Gebiet überflogen. Ganz allmählich näherten sie sich der chinesischen Grenze und damit ihrem Zielgebiet. Indien hatte ihnen noch einige Funkbotschaften übermittelt, doch sie ansonsten unbehelligt weiter fliegen lassen. China war da schon etwas anderes. Die Stationen an der Grenze hatten schon seit einiger Zeit den Funkverkehr der indischen Stationen abgehört und sicherheitshalber eine Staffel Kampfjets mit Luft-Luft-Raketen starten lassen.
Kaum, dass sie die Grenze zu China überflogen hatten, hefteten sich die chinesischen Jäger an ihre Fersen und flankierten ihren Flug. Auch sie forderten sie energisch auf, einen nahe liegenden Flughafen anzusteuern, da sie sonst gezwungen seien, auf den Slider zu schießen.
»Giwoon, wach’ auf!«, rief Thomas, »Du kannst diese Flugzeuge dort draußen nicht ignorieren. Wenn es stimmt, dass wir keinen vernünftigen Schutz haben, werden sie uns vom Himmel pusten, wenn wir ihren Forderungen nicht Folge leisten.«
Giwoon machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand.
»Wir haben zwar keine Abwehrmechanismen«, sagte er, »aber der Slider verfügt über hervorragende Flugeigenschaften. Wenn sie auf uns schießen, wird unser Computer den Schüssen ausweichen. Da unser Antrieb auch keine Wärme abstrahlt, sind die Hitzeortungssensoren ihrer Raketen nutzlos. Ich gebe allerdings zu, dass ich nicht wirklich damit gerechnet hatte, mit so schnell fliegenden Gegnern konfrontiert zu werden. Ich werde sie wohl abhängen müssen, bevor wir unser endgültiges Ziel ansteuern.«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Schnallt euch an!«, befahl Giwoon, »Es wird jetzt etwas unruhig.«
Er hatte nicht zu viel versprochen. Giwoon ließ den Slider immer wieder ruckartig die Richtung wechseln und steigerte dabei kontinuierlich die Geschwindigkeit. Ihre Verfolger bemühten sich redlich, ihnen zu folgen und begannen schließlich, sie mit ihren Raketen zu beschießen. Die automatische Steuerung des Sliders griff ein und sorgte dafür, dass sämtliche Raketen ihr Ziel verfehlten. Bereits nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Die Kampfflugzeuge hatten alle Waffen abgefeuert und waren nicht mehr in der Lage, der hohen Geschwindigkeit des Sliders zu folgen.
»Ich würde dir raten, ganz niedrig zu fliegen«, sagte Thomas, »Radar funktioniert nicht in niedriger Höhe. Wir könnten das Radar unterfliegen.«
Fancan deutete auf das Massiv des Himalaja, welches bereits den gesamten Monitor ausfüllte.
»Wie willst du in diesem Gelände niedrig fliegen?«, fragte sie.
»Oh, er hat durchaus recht«, meldete sich Giwoon zu Wort, »die automatische Steuerung könnte damit fertig werden, »Thomas, wie tief müssen wir den hinunter, um vor weiterer Ortung sicher zu sein?«
»Wenn ich mich recht erinnere, dürfen wir nicht höher als dreihundert Meter über dem Boden fliegen«, sagte er, »sonst können sie uns orten.«
»Das dürfte kein Problem für uns werden«, sagte Giwoon, »der einzige Nachteil dürfte sein, dass es dann bis zum Ziel ein unruhiger Flug sein dürfte.«
»Rede nicht lange herum und sorge dafür, dass wir unentdeckt bleiben!«, sagte Khendrah genervt, »Ich will, dass wir diese Sache schnell hinter uns bringen und hier verschwinden.«
»Das werden wir, Khendra«, antwortete Giwoon, »das werden wir.«
Giwoon ließ den Slider nun vollkommen von der Automatik steuern. Kein menschliches Wesen hätte so schnell reagieren können, wie es ein Computer konnte. Der Slider hielt stur eine Höhe von zweihundert Metern und raste durch die Täler des Himalaja auf das Ziel zu, welches ihr kleines Ortungsgerät anzeigte.
Nach einiger Zeit näherten sie sich ihrem Ziel. Von den Verfolgern fehlte inzwischen jede Spur.
»Mein Gott, sieh sich einer dieses Durcheinander von Gebirgen an!«, rief Fancan, »Wie sollen wir denn hier unser Ziel finden? Wir müssen doch möglichst dicht an die Sonnenzapfanlage heran.«
»Eigentlich finde ich diesen Standort hier in dieser Gegend gar nicht schlecht«, meinte Giwoon, »dann können wir mit der Vernichtung der Anlage auch niemandem schaden.«
»Haben wir denn schon eine genaue Position dieser Anlage?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon deutete auf die Steuerkugel, auf der man die ganze Zeit über sehen konnte, wo sie sich befanden. Ein blinkender Punkt kennzeichnete die Stelle, wo sie ihr Gerät deponieren mussten.
»Dort muss es sein«, sagte er und versuchte die Bezeichnung zu lesen, die neben dem Ziel angezeigt wurde, »der Berg heißt Kongur Tagh und das Gebirge Kun Lun. Wir müssen nun nach optischen Hinweisen suchen. So eine Sonnenzapfanlage kann nicht klein sein. Immerhin versorgt sie den Vektor bis viele Jahrtausende in die Zukunft.«
»Sollte man nicht irgendetwas in der Atmosphäre sehen können, wenn solche gewaltigen Energien von der Sonne gezapft werden?«, fragte Thomas uns sah konzentriert auf die Monitore.
»Nein, man kann Quarkströme optisch nicht sehen«, erklärte Giwoon, »was ich meine, ist eine auffällige Erscheinung im massiven Fels. Eine Art Tor oder etwas in der Art. Ich bin sicher, dass sie es direkt in den Berg gebaut haben.«
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Das Ortungsgerät behauptete, dass ihr Ziel direkt vor ihnen wäre, doch sie konnten nichts entdecken. Der Zugang zur gesuchten Anlage war offenbar gut getarnt. Immer wieder flogen sie um den Berg herum und scannten seine Oberfläche. Selbst die empfindlichen Instrumente des Sliders waren nicht in der Lage, unerklärliche Auffälligkeiten festzustellen. Als sie bereits für diesen Tag aufgeben wollten, sprach plötzlich ihr Funkgerät an.
»Die Chinesen!«, entfuhr es Thomas.
»Nein, das können nicht die Chinesen sein«, meinte Giwoon, »das ist eine Nachricht auf einer der Frequenzen des Vektors. Niemand auf der Erde funkt in diesem Band.«
»Hier spricht der oberste Wächter der Energiebasis, Rowan Qorth«, drang es aus dem Lautsprecher. Im nächsten Moment baute sich auch ein Bild des Sprechers auf dem Monitor auf.
»Wir haben festgestellt, dass es sich bei Ihrem Flieger nicht um einen der üblichen Patrouillenflieger des chinesischen Staatsgebietes handelt. Bitte identifizieren Sie sich.«
»Hier spricht Chefinspektor Giwoon. Ich bin von der obersten Behörde ermächtigt, Ihre Station zu inspizieren«, sagte Giwoon, »bitte öffnen Sie einen Zugang, der es unserem Fahrzeug ermöglicht, hineinzufliegen. Wir wurden von Einheiten der Chinesen verfolgt, konnten sie aber abhängen. Mit jeder Minute, die wir verstreichen lassen, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir wieder entdeckt werden.«
Khendrah schlug sich eine Hand vor den Mund. Giwoons Dreistigkeit verschlug ihr die Sprache.
»Negativ«, sagte Rowan Qorth, der oberste Wächter, »es hat in der Geschichte der Energiebasis noch niemals den Fall gegeben, dass die oberste Behörde eine Inspektion durchführen ließ. Ich werde Sie nicht einlassen.«
»Was soll dieser Quatsch!«, fuhr Giwoon ihn an, »Was glauben Sie denn, wer wir sonst wären? Chinesen dieser Zeit? Machen Sie sich nicht lächerlich! Woher sollte ich sonst den Standort Ihrer Station kennen, wenn nicht die oberste Behörde mir den Auftrag persönlich gegeben hätte? Öffnen Sie endlich die Station, damit ich hier aus dem Luftraum verschwinden kann.«
»Ich weiß nicht Recht«, sagte der Wächter, »warum kommen Sie nicht über den Zeitaufzug, an den wir angeschlossen sind?«
»Zeitaufzug?«, fragte Giwoon, »Jetzt sagen Sie nicht, sie hätten einen direkten Anschluss an den Vektor! Ich werde mich nach meiner Rückkehr in den Vektor darüber beschweren, dass man mir diesen beschwerlichen Weg zugemutet hat und wenn Sie nicht langsam ein Schleusenschott öffnen und riskieren, dass wir hier draußen noch entdeckt werden, werde ich auch gleich eine Beschwerde über Sie hinzufügen!«
Die Dreistigkeit Giwoons hatte schließlich Erfolg. Der Wächter hatte kein Verlangen danach, seine Position in dieser Anlage zu verlieren, weil ein Inspektor der obersten Behörde sich über ihn beschwerte. Schweren Herzens betätigte er den Mechanismus, der mitten in der Felswand des Gebirges eine Öffnung entstehen ließ.
»In Ordnung«, sagte er, »ich werde Sie einlassen. Landen Sie Ihr Fahrzeug bitte auf einer der markierten Flächen.«
Er schaltete ab und im gleichen Moment begannen die schweren Flügel des Schleusenschotts, auseinander zu fahren. Es wirkte, als würde der Berg einen Mund öffnen, um sie zu verschlingen.
»Das sieht nicht sehr einladend aus«, meinte Khendrah, »sie haben noch nicht einmal eine Beleuchtung eingeschaltet.«
»Wie auch immer«, meinte Giwoon, »wir müssen dort hinein und unser Paket abliefern.«
»Hoffentlich kommen wir hier auch wieder weg«, sagte Fancan nachdenklich, »wenn dieser Wächter direkt Kontakt zur obersten Behörde aufnimmt, wird er erfahren, dass wir nicht das sind, was wir zu sein vorgeben.«
»Das müssen wir riskieren«, sagte Giwoon, »notfalls werde ich das Gerät gleich hier in der Schleusenkammer verstecken.«
»Ich bin ja nur ein dummer Mensch aus der Frühzeit der Geschichte«, wandte Thomas ein, »aber hieß es nicht, dass wir bis auf mindestens hundert Meter an das Zielobjekt heran müssen? Was, wenn die eigentliche Anlage noch tief im Berg verborgen ist? Dann wäre alles umsonst gewesen.«
»Du hast recht«, stimmte Giwoon zu, »wir müssen Wohl oder Übel erst in die Anlage hinein.«
Er steuerte den Slider in die Schleuse hinein, die sich augenblicklich hinter ihnen wieder schloss. Sie erkannten nun, dass der Hangar nicht vollständig dunkel war, sondern, dass einige trübe Lampen an der Decke etwas Licht abgaben. Giwoon setzte das Fahrzeug sanft auf einer blinkenden Fläche auf dem Boden auf. Das Außenschott des Fahrzeugs öffnete sich und ließ eiskalte Luft ins Innere strömen. Giwoon ärgerte sich, keine wärmende Kleidung mitgenommen zu haben. Er machte eine Geste mit der Hand in Richtung Tür.
»Auch wenn es draußen kalt ist«, sagte er, »wir müssen dort hinaus. Ich hoffe jedoch, dass es innerhalb der Station wieder angenehmer sein wird.«
Sie hatten kaum den Slider verlassen, da erschien bereits der Wächter Rowan Qorth mit einigen weiteren Wachen. Sie waren bewaffnet und hielten ihre Waffen auf sie gerichtet.
»Was soll das?«, herrschte Giwoon Rowan Qorth an. Er fühlte sich zwar nicht danach, doch musste er die einmal angenommene Rolle glaubwürdig weiterspielen.
Rowan Qorth blieb vor ihnen stehen. Dieser Mann war ein wahrer Riese. Er überragte Giwoon fast um Haupteslänge.
»Ich beuge mich dem Urteil der obersten Behörde, wenn sie eine Inspektion anordnet«, sagte er, »doch werde ich Niemanden in die Anlage führen, den ich nicht vorher überprüft habe. Dürfte ich bitte den Inspektionsbefehl sehen?«
Khendrah und Fancan sahen sich kurz an. Beide hatten unwillkürlich den Atem angehalten. Inspektionsbefehl? Einen solchen Befehl hatten sie natürlich nicht.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 19.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 9 – Im Angesicht des Todes

Der Zyklop schob sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Wassermassen, sein Verfolger ließ jedoch nicht locker. Der Gigantyras brüllte vor Zorn und schien Stück für Stück aufzuholen. 
Daisy Lee bemannte das Steuer und lieferte sich einen gnadenlosen Kampf mit ihren eigenen Nerven. 
Nur die Ruhe bewahren, denk nach! 
Die Steuerungselemente in ihren Handflächen vibrierten protestierend, als sie eine scharfe Rechtskurve vollzog.
»Ich brauche hier weitere Leuchtkörper, für die manuelle Steuerung!«, rief sie Clynnt zu. 
»Nun mach schon, Junge!«, beorderte dieser den Copiloten. 
Er tippte Befehle in seine Konsole ein und zischende Raketen erhellten ihnen den Weg. 
»Ich kann mich nicht in Schussreichweite positionieren, wir brauchen etwas, das uns einen Vorsprung verschafft«, schnaufte die Chefmechanikerin. Schweiß tropfte an ihr herunter und man konnte deutlich das pulsierende Wummern ihrer Halsschlagader erkennen. 
Clynnts Miene verzog sich für eine Sekunde zu einer schiefen Grimasse. »Möglicherweise habe ich eine Idee«, sagte er und schritt zum Mikrofon.
»N‘kahlu, seid ihr noch da draußen?«, fragte er mit kratziger Stimme.
»Aye, erwarten Befehle«, der Krieger schien kaum beeindruckt angesichts ihrer Lage, aber unter Wasser war er im Vergleich zu ihnen auch ein erfahrener Veteran. 
»Könnt ihr die Bestie irgendwie ablenken? Wir müssen den Zyklopen in Schussreichweite bringen«, erkundigte sich der Chefnavigator. 
Für eine Sekunde schien der Sergeant zu überlegen. »Ich denke, das kriegen wir hin«, knisterte es durch den Lautsprecher, dann brach die Verbindung ab.
»Das kann nur gut werden«, seufzte Clynnt, raufte sich durch die zerfurchten Haare und ließ sich in seinen Sessel fallen.

***

»Alles klar, wir haben Befehl erhalten, den Gigantyras aufzuhalten, sodass der Zyklop in Schussreichweite gelangen kann. Aber sie haben uns diesbezüglich keine konkreten Vorgaben gemacht, was bedeutet, wir dürfen das auf unsere Art und Weise machen«, bekundete Sergeant N’Kahlu durch den Funk. Seine Männer stimmten ein raues Lachen an. 
Ich hatte schon befürchtet, sie fragen uns gar nicht mehr.
»Phillista, Andrewx und Cossack kommen mit mir, der Rest schwärmt aus, um für die nötige Verwirrung zu sorgen, verstanden?«, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, stieß sich N’kahlu von der Haltestange ab und schoss dem Gigantyras entgegen. 
Er brauchte keine weiteren Anweisungen zu geben. Jeder wusste, was zu tun war. 
Seine Männer folgten ihm den Bruchteil einer Sekunde verzögert. Während die Scherenpanzer, begleitet vom Rattern ihrer Motoren, in alle Richtungen ausschwärmten, näherte sich N’kahlus Trupp dem Gigantyras. 
Das Monster schien sich kaum für sie zu interessieren, was zweifelsohne kein Wunder war, angesichts seiner Größe. Jedoch war es ärgerlich, dass die ausschwärmenden Kämpfer ihn nicht ablenkten.
Der Sergeant biss die Zähne zusammen. »Erste Salve!«, befahl er lautstark. Wie brüllende Tiger preschten die Torpedos durch das Wasser, um dann in beeindruckend hellen Explosionen zu detonieren. 
Der Gigantyras quittierte sie mit einem Brüllen, das ebenso ein Achselzucken hätte gewesen sein können. 
Zu N‘kahlus Bestürzung schoss ihr Gegner mit unverändertem Tempo auf den Zyklopen zu. 
Du bist ein harter Brocken, was? Schauen wir mal, ob du hart genug bist. 
Er betätigte einen Regulator und verlieh seinem Heckantrieb maximale Leistung. Röhrend schwamm er auf seinen Feind zu. 
Die massiven Kiefer des Gigantyrass öffneten sich und ein Schlund messerscharfer Zähne, die größer als er selbst waren, schossen dem Sergeant entgegen. Die spinnenbeinartigen Greifer räkelten sich in freudiger Erregung. 
Mit einer eleganten Rolle wich N‘Kahlu dem eher halbherzigen Angriff aus, der Gigantyras schien ihn immer noch nicht als Bedrohung abzutun. 
Dann warte mal ab. 
Er schoss in Richtung des Kopfes und während seines Ansturms aktivierte er die Klinge, die im Armgelenk des Scherenpanzers verankert lag. Ein Blick auf seine Geräte zeigte ihm, dass seine Kameraden direkt hinter ihm waren. Mit einem Satz landete er auf dem Kopf des Gigantyras und hielt sich an dem beeindruckenden Horn fest. Dann stieß er mit der Klinge zu, um sich zu verankern. 
Sie glitt in den Kopf, schien allerdings nicht ansatzweise durch den Schädel des Ungetüms zu dringen. Der Gigantyras registrierte ihn nicht einmal.
Eine Sekunde später kam Cossack zu ihm geeilt. 
Der Sergeant griff ihn bei der Hand und schleuderte ihn vorwärts, während er sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Strom stemmte. 
Cossack landete im Gesicht des Gigantyrass und trieb ihm seine Klinge wieder und wieder durch die Augen. Eine hellblaue, stark leuchtende Flüssigkeit trat daraus hervor, als das Messer sie zum Platzen brachte. Ein Kreischen drang durch den Ozean, das N‘Kahlu in seinen Grundfesten erschütterte. 
Du hast dich mit uns angelegt, jetzt zahle auch den Preis dafür, dachte er grimmig. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Einer der Greifarme des Gigantyras schoss auf Cossacks Scherenpanzer zu und bevor dieser reagieren konnte, drang die riesige Klaue durch seine Aspexylpanzerung, als wäre sie ein Stück Butter. 
Sie durchbohrte den Piloten und zerfetzte seinen Torso. Cossack starb in einer Fontäne aus Blut und Eingeweiden. Dann verschwand er, samt Anzug, im klaffenden Maul des Ungetüms und ein metallisches Knirschen verriet, dass der Gigantyras ihn gerade mit einer animalischen Wut zerkleinerte. 
»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Sergeant. Wut keimte in ihm auf.
Dann schien das Monster noch einmal an Geschwindigkeit aufzunehmen und N’Kahlu konnte nicht anders, als sich zurücktreiben zu lassen. Dass ihr Feind nicht mit seinen Augen navigierte, war ihm in dieser düsteren Tiefe ohnehin klar gewesen, aber immerhin schienen ihre Klingen dort Schaden und Schmerz anrichten zu können.
Verdammt Cossack, warum hast du nicht aufgepasst? 
Der minimale Abstand, den der Zyklop erlangt hatte, schmolz in wenigen Sekunden. 
Wir haben ihn allerhöchstens wütend gemacht, schoss es durch N‘Kahlus Kopf. 
Mit einem unglaublichen Satz schoss der Gigantyras auf das U-Boot zu und drosch mit seinem Schädel darauf ein. Seine Fangarme schnappten nach dem Zyklopen, konnten aber zunächst keinen Halt finden. Dann ertönte ein unheilverkündendes Grollen, als das Horn des Monsters durch den harten Panzer stieß. 

***

»Er hat uns getroffen!«, fluchte Daisy lautstark, während sie mit dem Gigantyras um die Beherrschung über das Schiff rang.
Im Griff des Feindes schaukelte es bedrohlich auf und ab und ihre Anzeigen leuchteten krebsrot auf. »Sein Horn hat den Panzer beschädigt, ich werde sicherheitshalber die hinteren Schotts schließen müssen.« Ein unglaublicher Ruck ging durch das U-Boot, als der Gigantyras erneut versuchte, seine Fangarme in die Außenbordwand zu rammen. Ein zorniges Brüllen verkündete, dass ihr Feind von seinen Misserfolgen gereizt zu sein schien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es nun umso heftiger zu versuchen. Die elektronischen Monitore flackerten für eine Sekunde auf. 
»Wenn er uns hier unten ein Leck schlägt, sind wir geliefert!«, fluchte der Chefnavigator lautstark. 
»Er umklammert das Steuer, ich kann nichts machen!«, zischte Daisy, Clynnts ständiger Missmut ging ihr allmählich auf die Nerven. Wieder durchzog den Zyklopen ein Beben und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wenn das so weiterging, würde der Gigantyras wichtige Elemente des U-Boots zerstören und sie für ewig in diesem nassen Grab verrotten lassen. 
Daisy steuerte hart nach rechts, aber ein lautes Knacken, das unheilverkündend durch das U-Boot hallte, verdeutlichte ihr, dass sie dadurch allerhöchstens das Steuer verlieren würde. Ein Fluch entwich ihren Lippen.
Clynnt und sein neuer Freund, der Copilot, beäugten sie mit einem eindringlichen Blick. 
Daisy war sich bewusst darüber, dass sie sich ihr Vertrauen erst erarbeiten musste, aber gerade hatte sie schlimmere Sorgen.
Ein Ruck ging durch den Zyklopen, gefolgt von einem schauderhaften Brüllen. Eine Gänsehaut formte sich auf ihrem Nacken. 
»Er musste was wegstecken«, stellte die Chefmechanikerin fest, dann setzte sich das U-Boot wieder in Bewegung. 
Noch waren sie im Spiel. Die Frage war nur, wie lange.

***

Die Idee war fast so wahnwitzig, dass sie nur von ihm kommen konnte.
»Sicher, dass du das durchziehen willst?«, knisterte es durch den Funk und der Sergeant erkannte Phillistas argwöhnische Stimme wieder. »Nicht, dass du Cossack die Ehre erweist, ihm als nächstes zu folgen.« 
»Aber genau das ist der Plan«, feixte N’Kahlu. »Zweite Salve!«, erneut schossen die Sternenfeuertorpedos auf ihr Ziel ein. 
Die Scherenpanzer bedrängten den Gigantyras von allen Seiten, sodass dieser sich vom U-Boot trennen musste. 
Mit einem Kreischen schnappte er nach einem der Männer und erwischte das Fußgelenk. Knirschend brach es ab, doch der Soldat war zunächst unversehrt.
»Dann hoffen wir mal, dass er keinen Mundgeruch hat!«, rief N’Kahlu, dann sprang er dem Monster entgegen und wurde von ihm verschluckt. 
Knirschend schlossen sich die Kiefer um ihn, doch der Sog war auf seiner Seite. 
Mit einer wahnwitzigen Hechtrolle schob er sich an den Zähnen der Bestie vorbei und befand sich nun in ihrem Rachen. 
Wenn ich deinen Panzer nicht durchstoßen kann, werde ich es halt von innen versuchen. 
Allerdings war seine Klinge dafür nicht stark genug. 
Ein schelmisches Lächeln zauberte einen Sonnenaufgang auf N’Kahlus Gesicht, während er Befehle in seine Konsole eingab. Er hatte sehr viel Liebe und Arbeit in seinen Scherenpanzer gesteckt und ihn eigenhändig modifiziert. Eines seiner Lieblingswerkzeuge würde ihm gleich seine freudige Aufwartung machen. Wieder öffnete sich das Maul der Bestie und N‘Kahlu musste mit ansehen, wie einer der Scherenpanzer in einer Wolke aus Blut und Schrott zu einem kleinen Haufen zermalmt wurde. Das einströmende Wasser schoss ihm entgegen und holte ihn fast von den Füßen. Die Überreste eines mechanischen Greifarms krachten gegen seine Scheibe, diese blieb jedoch glücklicherweise unversehrt. Ein Blick auf den blutigen Brei, der sich dazwischen befand, ließ seinen Magen jedoch rebellieren. Wenn es einen Anblick gab, an den man sich nicht gewöhnen konnte, dann war es der von getöteten Kameraden. In Stille ging N’Kahlu ein kurzes Gebet durch, dann riss er seine Brustplatte auf und fingerte geschickt das riesige Kreissägeblatt hervor, welches er an den linken Arm anheftete. 
Mit einem Kreischen aktivierte sich die Rotation auf bis zu 15 Umdrehungen die Sekunde. 
Das ist für die Jungs. 
Mit einem Satz rammte er die Waffe in das Fleisch des Gigantyras. 
Eine Blutfontäne kam ihm entgegengespritzt, während er den Rachen des Feindes von innen heraus verstümmelte. 
Brüllend wandte sich das Tier in Qualen und riss immer wieder das Maul auf und zu. 
Fast wäre der Sergeant in die Fangzähne geraten, was ein tragisches Ende für ihn bedeutet hatte. Knirschend kauten sie auf und ab, während er mit der Beherrschung über seinen Anzug kämpfte. Wasser und Blut schossen ihm gleichermaßen entgegen und färbten alles in ein dunkles Rot. 
Ich muss tiefer hinein. 
N‘Kahlu folgte dem Wasser in die Speiseröhre. 
Was für ein riesiges Ungetüm.
Seine Kreissäge durchtrenne das Fleisch wie Wachs. 
Blut besudelte seinen gesamten Anzug und wohin er auch ging, er wurde stets von einem unappetitlichen Schmatzen begleitet. In der Ferne hörte er das unregelmäßige Dröhnen des Herzschlages. 
Plötzlich traf ihn erneut das Wasser und dieses Mal konnte er nicht standhalten. 
Die Flut zog ihn mit sich, während das Sägeblatt wild umschlug und willkürlich Fleisch durchtrennte. Plötzlich blieb er stecken und das Blatt kam zum Stillstand. 
Verfluchter Mist! 
Immer mehr Wasser drang auf ihn ein, bis der Strom so stark war, dass er die Verbindung zwischen Arm und Säge einfach entzwei riss. 
Er taumelte gegen eine Membran und verfing sich darin, als wäre er in einem Spinnennetz gelandet. Blut und Sekrete liefen an ihm herunter, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Das Mikrofon aktivierte sich knisternd. 
»Wir haben seine Augen zerstört. Und was zur Hölle du da drinnen auch gemacht hast, der Zyklop hat einiges an Vorsprung gewonnen. Komm da raus, wir feuern die Torpedos ab, bevor es zu spät ist.« 
»Ich hänge fest. Schießt, solange ihr noch könnt. Das ist ein Befehl«, erwiderte der Sergeant.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. 
Seinen Leuten war es bestens bewusst, dass er es nicht duldete, wenn sie sich seinetwegen in Gefahr brachten. Nicht wenn der Sieg so nahe war. Entweder er schaffte es heile hier raus, oder er würde mit dem Gigantyras untergehen. 
»Feuert endlich!«, fluchte er lautstark. »Bevor wir alle draufgehen.« 
Er versuchte abermals sich freizukämpfen. Erfolglos. Das klebrige Sekret hielt ihn eisern fest.
Ein letztes Mal räusperte sich der Mann am anderen Ende der Leitung. »Es war mir eine Ehre, Sir.«
N’Kahlu atmete tief durch und schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Dann brach die Hölle über ihn herein. 

***

Auf der Kommandobrücke des Zyklopen herrschte betretenes Schweigen, während der Feuerball der Mittelstrecken-Torpedosalve den Gigantyras in Stücke riss und seinen Leichnam in Richtung Meeresgrund sinken ließ. Drei Männer hatten sie gerade verloren, drei Männer, die niemals zu ihren Familien zurückkehren würden. Falls sie denn welche hatten. Daisy Lee wandte sich als erstes von ihrem zerstörerischen Werk ab. »Sind alle an Bord?«, fragte sie angespannt. »Wir sollten hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Ungeheuern auftauchen.« Sie blickte kurz zu Clynnt, der einen verdrießlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Und schnell die anderen finden«, sagte sie und war sich das erste Mal bewusst, dass sie das Richtige tat.

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22. Teil – Das Ende des Zeitvektors (1/3)

Es war ihnen allen klar, dass sie hier nicht bleiben konnten. Die Sicherheitskräfte würden ihre Anstrengungen, ihre Maschine aufzubrechen, sicherlich bald erhöhen.
»Unser Ziel ist das Jahr 2008«, sagte Giwoon. »Bis dorthin sollte uns der Temporalprozessor noch bringen können.«
»Ins Jahr 2008?«, fragten Khendrah und Thomas. »Woher wisst Ihr …?«
»Später«, sagte Giwoon, der bereits dabei war, ihre Abreise aus dem Jahre 2110 vorzubereiten.
»Bitte setzt euch und schnallt euch an. Ich weiß nicht, ob die Maschine noch eine ruhige und sanfte Reise durch die Zeit gewährleisten kann.«
Er wartete noch, bis alle Sicherheitsgurte eingerastet waren, dann legte er seine Hand auf die Steuerkugel und aktivierte den Slider. Die Geräusche, die dabei entstanden, sprachen Bände. Es war sowohl Giwoon, als auch Fancan klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Trotzdem versank die Realität, die sie vorher noch über die Bildschirme im Innern der Maschine beobachten konnten, im Nebel. Sie waren auf der Reise. Es war ihnen klar, dass es nur eine kurze Reise werden würde, doch bereits wenig später ertönte ein Alarm.
Aufgeregt checkte Giwoon, die Steuerung.
»Festhalten, wir stürzen in die Realität zurück!«, brüllte er noch – dann war es auch schon geschehen. Auf den Bildschirmen tauchte das Bild eines ausgedehnten Waldes auf und im nächsten Moment stürzte der Slider in die Baumkronen hinein. Giwoon versuchte noch, etwas dagegen zu unternehmen, doch die Maschine schlug bereits auf dem Waldboden auf. Sie wurden hart in ihre Gurte gepresst und für einen Moment hatten sie das Gefühl, sie würden keine Luft mehr bekommen. Dann lag der Slider still.
»Was ist geschehen?«, fragte Khendrah, nachdem sie ihren Gurt gelöst hatte und sich vergewissert hatte, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hatte.
»Was soll schon geschehen sein?«, fragte Giwoon. »Es ist genau das passiert, was ich befürchtet habe: Dieser Slider wird uns nicht mehr durch die Zeit transportieren können.«
»Und was tun wir dann jetzt?«, wollte Thomas wissen, »Gibt es eine Möglichkeit, das Ding zu reparieren?«
Giwoon schüttelte den Kopf.
»Dazu fehlen uns Ersatzteile, deren Herstellung in dieser Epoche einfach nicht möglich ist.«
Er wandte sich seinen Instrumenten zu und schaltete daran herum. Nach einer Weile hellte sich seine Miene auf.
»Ganz so schlimm ist es nicht«, stellte er fest. »Der Slider ist noch immer flugtauglich und … wir befinden uns im Jahre 2014. Das reicht noch völlig aus, um unseren Auftrag noch zu erfüllen.«
»Auftrag?«, wunderte sich Khendrah. »Von was für einem Auftrag reden wir denn hier?«
Giwoon und Fancan sahen sie einen Moment schweigend an, dann brach Fancan das Schweigen:
»Wir sind im einhundertzwölften Jahrhundert aufgebrochen, um den Zeitvektor der obersten Behörde zu vernichten.«
»Wie bitte?«, fragte Khendrah entgeistert. »Seid Ihr vollkommen übergeschnappt? Und überhaupt: Wie wollt Ihr das anstellen? Der Vektor erstreckt sich über unzählige Zeitalter. Er ist unzerstörbar.«
»Das, mein Schatz, ist er sicherlich nicht«, entgegnete Fancan. »Das Zeitsystem des Vektors benötigt ungeheure Mengen an Energie, wie du dir sicher vorstellen kannst. Wir haben das immer einfach als naturgegeben hingenommen, weil es eben immer schon so war, aber Giwoon und seine Leute haben ermittelt, dass es eine Vorrichtung am unteren Ende der kontrollierten Zeit gibt, die ihre Energie für den gesamten Vektor direkt aus der Sonne bezieht. Wenn wir diese Vorrichtung zerstören, wird sich der Vektor Stück für Stück auflösen.«
Khendrah stand der Mund vor Staunen weit offen. Sie konnte nicht glauben, was ihre Freundin ihr da erklärte.
»Das kann doch nicht euer Ernst sein!«, protestierte sie. »Es würde alles im Chaos versinken.«
»Das ist nicht richtig«, stellte Giwoon klar. »Anders herum wird ein Schuh daraus. Ihr habt das Chaos erst möglich gemacht. Wir haben nur eine Chance: Die Vernichtung des Vektors, um der Zeit Gelegenheit zu geben, sich zu erholen.«
Khendrah schüttelte immer wieder den Kopf.
»Ihr könnt das System nicht vernichten«, wandte sie wieder ein. »Es arbeiten sicherlich viele Hunderttausend Menschen für die Oberste Behörde. Was würde mit ihnen geschehen, wenn die Energieversorgung gekappt wird. Würden sie nicht sterben?«
»Nein Khendrah, das werden sie nicht«, beruhigte sie Giwoon. »Das war eines unserer Hauptanliegen, dieses Projekt unblutig abwickeln zu können. Die Energie wird von der Sonnenzapfanlage ganz weit unten in der kontrollierten Zeit eingespeist und fließt dann entlang der Zeitlinien in die Zukunft. Jede aktive Abteilung entnimmt nur so viel Energie, wie sie benötigt, um das System zu stabilisieren. Wenn die Quelle versiegt, beginnt der Vektor von unten her, sich aufzulösen. Sobald das geschieht, wird es einen Alarm geben, der bis in die ferne Zukunft reichen wird. Jeder wird noch die Gelegenheit haben, in die Realität zu entkommen, bevor es zu spät ist. Der Prozess wird sich über Wochen hinziehen, besagen unsere Berechnungen.«
»Und wenn Jemand nicht rechtzeitig geht?«, fragte Khendrah.
»Dem ist auch nicht zu helfen«, antwortete Giwoon knapp. »Dafür tragen wir nicht die Verantwortung. Bist du nun dabei, oder nicht?«
Er blickte Khendrah forschend und erwartungsvoll an. Sie wandte sich Hilfe suchend an Thomas.
»Mich darfst du nicht fragen«, sagte dieser. »Ich habe noch nie viel davon gehalten, die Zeit zu manipulieren. Du erinnerst dich? Ursprünglich haben wir uns kennen gelernt, weil du mich töten wolltest.«
»Jetzt reite nicht wieder darauf herum!«, schimpfte Khendrah. »Es ist einfach schwer für mich, dass alles, an das ich bisher geglaubt habe, plötzlich infrage gestellt wird. Angenommen, wir schaffen es und können diese Sonnenzapfanlage wirklich zerstören, was wird dann geschehen? Was wird mit uns geschehen? Könnte nicht einfach ein Reparaturtrupp aus dem Vektor hier auftauchen und den Schaden beheben?«
»Hey!«, rief Fancan und wandte sich an Giwoon. »Khendrah hat nicht ganz Unrecht. Wenn hier ein Reparaturtrupp auftaucht, ist unsere ganze Arbeit vergebens und außerdem hätten wir auch noch den Sicherheitsdienst der Obersten Behörde am Hals.«
Giwoon lachte leise, was Fancan ärgerlich machte.
»Giwoon!«, schimpfte Fancan. »Das ist nicht zum Lachen! Wenn der Sicherheitsdienst hier auftaucht, sind wir geliefert. Sie würden uns ohne Weiteres liquidieren.«
Giwoon wurde wieder ernst.
»Ja, das ist ja auch ihre liebste Lösung«, sagte er bitter. »Wenn es Probleme gibt, muss eben Jemand sterben. Ihr wollt wissen, warum ich so gelacht habe? Das kann ich euch erklären: Ich habe von der Basis im Jahre 6000 aus meine Recherchen betrieben und dabei herausgefunden, dass die Oberste Behörde vor vielen Relativjahren eine Zeitkorrektur beschlossen hatte, die unter anderem dazu geführt hat, dass die Technologie des Sonnenzapfens verloren gegangen ist.«
»Wie bitte?«, fragte Fancan, »Das kann doch nicht sein. Wenn die Technologie nicht mehr verfügbar ist, kann die Anlage auch nicht installiert worden sein. Das wäre ein Paradoxon.«
»Ja, das wäre es, wenn nicht die Technologie vorher von der Obersten Behörde in den Vektor importiert worden wäre«, sagte Khendrah. »Das machen sie immer so. Im Vektor gelten andere Gesetze. Eine einmal importierte Technologie kann von uns Zeitagenten oder den Technikern angewendet werden, ohne, dass es zu einem Paradoxon kommen kann. Insoweit stehen wir noch immer vor dem Problem, dass ein Reparaturtrupp hier erscheinen könnte.«
»Nein«, sagte Giwoon schlicht. »Und zwar, weil ich die Daten in der zentralen Datenbank gelöscht habe. Das gleiche habe ich mit den Backups gemacht. Dann gab es noch die Kristallspeicher im 7500. Dort lagert all das alte Wissen aller Zeitalter. Was soll ich sagen? In meiner Eigenschaft als Techniker hatte ich uneingeschränkten Zugriff auf die Kristallspeicher. Vor längerer Zeit war ich dort und sorgte dafür, dass es einen kleinen Brand in einem der Lager gab. Vielleicht habt Ihr davon gehört. Die Hitze war so groß, dass sämtliche Kristallspeicher in diesem Raum unbrauchbar wurden. Ratet mal, welche Informationen dort gelagert haben.«
»Dann haben sie wirklich keine Möglichkeit, das System wieder in Gang zu bringen, wenn wir es zerstören«, stellte Khendrah fest.
Giwoon hielt ein kleines, handliches Gerät hoch.
»Das hier wird das Schicksal des Zeitvektors besiegeln«, sagte er. »Wir müssen es so nah wie möglich an die Sonnenzapfanlage bringen und dann zünden. Die freigesetzte Energie wird einen Impuls erzeugen, der jedes Gerät in einem bestimmten Umkreis zerbersten lassen wird.«
»Tolle Idee«, meinte Thomas. »Was willst du tun, wenn die Anlage irgendwo inmitten einer Stadt installiert wurde?«
»Das wird nicht der Fall sein«, machte Giwoon klar. »Man hatte kein Verlangen danach, dass diese Anlage gefunden wird. Zugänglich ist sie nur in den wenigen Jahren nach ihrer Installation und das ist in den ersten Jahren des einundwanzigsten Jahrhunderts. Wir können von Glück sagen, dass wir noch innerhalb dieser Zeitspanne gelandet sind, sonst könnten wir unseren Plan abschreiben. Ich vermute, dass wir uns irgendwo im Hochgebirge umsehen müssen.«
Er drückte eine Taste an dem Gerät, worauf es in Abständen zu piepsen begann. Ein kleiner Monitor an seiner Oberseite erhellte sich.
»Hast du dieses Ding jetzt etwa scharf gemacht?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, ich habe nur die Suchfunktion aktiviert. Unsere Techniker haben es so konstruiert, dass es sein Ziel selbst suchen kann. Wir müssen nur dem Signal folgen, wenn die Suche erfolgreich ist.«
Gebannt starrten sie alle auf den kleinen Monitor auf dem Gerät in Giwoons Hand. Ein kleiner, sich drehender Zeiger signalisierte, dass es noch dabei war, seine Umgebung zu scannen.
»Wo befinden wir uns denn eigentlich selbst?«, fragte Thomas. »Ich habe zwar gesehen, dass wir in einen Wald gestürzt sind, aber wo ist dieser Wald?«
»Das haben wir gleich«, sagte Giwoon, »sie hatten damals bereits ein System, das ihnen eine Positionsbestimmung auf dem Planeten ermöglichte. Es war zwar recht primitiv, aber es sollte uns zumindest sagen können, wo wir uns ungefähr befinden.«
Er drehte an der Steuerkugel herum. Für Fancan war nie zu erkennen, was Giwoon da eigentlich genau tat, denn gleich, was er erreichen wollte, er drehte immer an dieser Kugel herum. Für sie machte es keinen Unterschied, ob er den Flug kontrollierte, oder nur die Kabinenbeleuchtung regulierte. Mit einem Mal wechselte die Anzeige auf der Kugel. Ein Abbild der Erde wurde angezeigt. Darauf blinkte ein kleiner roter Punkt.
»Da sind wir«, sagte Giwoon triumphierend und zeigte mit dem Finger auf den Punkt, »zentralafrikanischer Kontinent. Die Gegend hier ist selbst in dieser Zeit noch sehr einsam und verlassen.«
»Und wo müssen wir nun hin?«, wollte Khendrah wissen. »Wenn der Slider noch flugtauglich ist, sollten wir vielleicht bald von hier verschwinden, bevor Neugierige hier auftauchen.«
»Ich glaube zwar nicht, dass wir bei unserer Bruchlandung Zuschauer hatten, aber wir sollten uns wirklich nicht zu lange an einem Fleck aufhalten.«
Giwoon ließ die Aggregate für den atmosphärischen Flug anlaufen. Ein leises Summen erfüllte die Kabine.
»Schaut mal!«, rief Fancan, die das kleine Ortungs- und Zerstörungsgerät in der Hand hielt. »Jetzt zeigt der Monitor etwas an. Ich weiß nur nicht, was es bedeutet.«
Giwoon schaute darauf.
»Das sind Flugvektoren und Distanzdaten. Ich werde sie in die Steuerung eingeben, dann kann die Steuerkugel uns genau zeigen, wo unser Ziel liegt. Diktiere mir bitte mal die Zahlen, ja?«
Fancan gab sie ihm langsam und exakt durch, während Giwoon sie in das Terminal eingab. Anschließend zeigte die Steuerkugel eine gelbe Linie an, die vom roten Punkt ausging, der ihren Standort bezeichnete. Interessiert verfolgten sie diese Linie mit ihren Blicken und endeckten ihr Ende mitten im Himalaja.
»Wie ich es gesagt habe!«, rief Giwoon triumphierend. »Der Himalaja! Ein Zentralmassiv – nur dort können sie die Energieversorgung installiert haben, denn dort schauen nicht oft Menschen vorbei und man kann davon ausgehen, dass der Himalaja auch in vielen Tausend Jahren noch existieren wird.«
»Sag mal Giwoon«, meldete sich Thomas zu Wort, »wie kann ein so kleines Ding über so eine gewaltige Strecke hinweg ein Kraftwerk orten, dass sich inmitten eines Gebirges befindet? Das ist doch nicht möglich.«
Giwoon drehte sich verblüfft zu Thomas um.
»Natürlich kann es das«, sagte er verständnislos, doch dann fiel ihm etwas ein.
»Ach, ich weiß, was du meinst. In den unteren Jahrhunderten – vielleicht sogar in den unteren Jahrtausenden – nutzte man überwiegend elektrische Energiequellen. Wenn es eine Anlage wäre, die mit Elektrizität arbeitet, könnten wir sie in der Tat nicht orten.«
Er deutete auf die Darstellung des Himalaja und tippte mit dem Finger auf die Steuerkugel.
»Mit elektrischer Energie könnte man niemals ein Gebilde wie den Vektor aufrecht erhalten. Dazu braucht es schon eine weitaus effektivere Energiequelle. In diesem Fall nutzte man noch die in meiner Zeit bereits veraltete Quarkstrom-Technologie und die erzeugt ein Feld, das man sogar aus noch viel größerer Entfernung anmessen kann.«
»Quarkstrom-Technologie«, sagte Thomas ungläubig, »wenn du mich verscheißern willst, dann sag es besser gleich.«
»Ich will dich nicht veralbern«, verteidigte sich Giwoon, »nur, weil man sich zu deiner Heimatzeit noch keine praktische Nutzung der Quarks vorstellen konnte, muss es doch nicht heißen, dass spätere Zeitalter keine bahnbrechenden Entdeckungen mehr machen können. In meiner Heimatzeit versorgen wir uns mithilfe der Cherts mit Energie. Das ist sicher und umweltfreundlich.«
»Was sind Cherts?«, fragte Khendrah, »Ich bin zwar keine Physikerin, aber ich habe noch nie von so etwas gehört.«
Giwoon winkte ab.
»Lassen wir das«, sagte er, »ich denke, die Cherts sind bis zum oberen Ende des Vektors noch überhaupt nicht entdeckt worden.«
Er hielt wieder das Gerät hoch, welches das Ende des Vektors bedeuten sollte.
»Das Ding hier arbeitet mit Cherts«, erklärte er, »es wird niemals eine neue Energiequelle bekommen müssen. Es bezieht seine Energie direkt aus dem kosmischen Gravitationsfeld.«
»Mir wird das jetzt zu hoch«, gab Thomas bekannt.
»Meinst du, mir ginge es anders?«, fragte Khendrah und sah zu Fancan hinüber, die ebenfalls nur die Schultern zuckte.
»Vielleicht sollten wir allmählich aufbrechen«, schlug sie vor.
»Genau das werden wir jetzt auch tun«, sagte Giwoon. »Symeen, meine Mutter hatte mich nämlich davor gewarnt, dass es in dieser Zeit bereits eine recht einfache, aber effektive Methode gibt, Flugkörper zu orten. Sie strahlten ein Signal ab und wo es reflektiert wurde, musste zwangsläufig ein Flugkörper sein.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 12.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 8 – Die Gashöhlen

Als der klaffende Schlund ihn verschluckte, war Archweyll noch nicht bewusst gewesen, welchen Gefahren er sich damit ausgesetzt hatte. Die abstrakten Felsformationen glitzerten im Licht seiner Scheinwerfer rostrot und formten grinsende Grimassen, die ihn aufgrund seiner hoffnungslosen Lage zu verspotten schienen. 
Verloren auf dem Grund des Ozeans. 
Er verkniff sich eine Reaktion und schritt weiter in die Tiefe. Surrend befolgten die Gelenke des Scherenpanzers seine Befehle. 
Es ging in einer leichten Senkung bergab und schnell bekam der Kommandant das Gefühl, in einem großen Canyon gelandet zu sein. Fast dreißig Meter ragten die Klippen nun über ihm auf und das matte Leuchten der seltsamen Pflanzen reichte kaum noch, um sich zu orientieren. Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass er sich nicht durch eine enge Höhle oder ähnliches kämpfen musste. Das Gestein wurde von seltsamen grauen Pocken besetzt, die ihm irgendwie ein kränkliches Aussehen verliehen. Winzige silberne Schemen flitzten durch den Schein des Lichtes und waren wieder verschwunden, bevor Archweylls Auge sie genau erfassen konnte. Herkömmliche Pflanzen gab es hier keine. 
Wie denn auch, ohne Sonnenlicht? Instinktiv überkam den Kommandanten ein schauderhaftes Gruseln, als er sich die Frage stellte, was die seltsamen leuchtenden Augen angesichts dieser Tatsache dann für Lebewesen waren. 
Nachdem der Canyon einen steilen Knick vollführte, stand Archweyll plötzlich vor einer Wand. 
Eine Sackgasse. 
Er unterdrückte das drängende Gefühl, verächtlich ausspucken zu müssen. Seinen Schätzungen zufolge, war er kaum eine halbe Meile von der Quelle des metallischen Glitzerns entfernt. Aber jetzt umzukehren und einen neuen Weg zu finden, würde ihm Stunden, wenn nicht gar Tage an Zeit rauben. Und hier unten war nichts gewiss, das war das wohl einzig sichere. 
Plötzlich bemerkte Archweyll einen Spalt, der unter der Felswand durchzuführen schien, kaum groß genug, um sich hineinzuzwängen. Ein klaffendes schwarzes Loch öffnete sich im Boden unter ihm und schien ihn hungrig zu erwarten. Für eine Sekunde wägte der Kommandant seine Möglichkeiten ab. 
Er aktivierte den Scan, um weitere Informationen zu erhalten. 
Seinen Daten zufolge hatte er den Zugang in ein Labyrinth entdeckt, bestehend aus unzählbar vielen Gängen und Kreuzungen, Kavernen und Durchgängen. Wenn er Glück hatte, könnte er dadurch einen Umweg vermeiden. 
Allerdings war sich Archweyll durchaus bewusst, dass es auch mit einem hohen Risiko verbunden war, in ein unbekanntes Höhlensystem hinabzusteigen.  Doch andererseits… was für eine Wahl blieb ihm denn? Er war drauf und dran hinabzusteigen, als der Scan eine Warnung ausspuckte. »Achtung: Gasförmige Lebensform lokalisiert, unbekannte Auswirkungen auf Scherenpanzer. Gefahrenstufe gelb.« 
»Wenn es weiter nichts ist«, feixte der Kommandant, dann sprang er in das Loch.

                                                                          ***

Nichts wollte funktionieren. Die völlige Finsternis hatte ihre Hoffnung genauso verschluckt wie ihren Anzug. Es war Tamara wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis sie endlich auf den Grund gestoßen war. Eine weitere Ewigkeit verharrte sie nun schon hier, in absoluter Stille. 
Die Aussicht, jemand würde kommen, um sie zu holen, schwand mit jeder verstrichenen Sekunde. Ihre Versuche, den Scherenpanzer wieder zum Laufen zu bringen, waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen und spätestens nachdem sie versehentlich die Hauptleitung gekappt hatte, gab sie es auf. Tamara war eine Kriegerin, keine Technikerin. Und selbst wenn es ihr eigener Kodex verlangte, niemals aufzugeben, sah sie doch gerade kein Licht, am Ende des wirklich dunklen Tunnels. Ein einziges Mal hatte sie das Licht ihrer Lampe angemacht, um für eine Sekunde nach draußen zu leuchten, nur um sich von dem Anblick, der sich ihr bot, derart zu erschrecken, dass sie sich seitdem nicht mehr getraut hatte. 
Ein wurmähnliches Etwas hatte sich vor ihr durch den Boden gesaugt und ein weiteres war beim Anblick des Lichtes kreischend von einer Anhöhe auf sie hinabgestürzt, hatte aber ohne Schaden anzurichten wieder das Weite gesucht. 
Seitdem vernahm sie überall das Schmatzen dieser Lebewesen und das Wummern ihres eigenen Herzens. Oder bildete sie sich das nur ein? 
Die Schatten um sie herum formten wurmartige Schlangen, die sich förmlich an sie schmiegten.Ihr Gehirn spuckte allerlei grausame Szenarien aus, doch noch gelang es ihr, die Fassung zu bewahren. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, nur um in sich zu kehren. Was sie brauchte, war ein Plan. Aber so fieberhaft sie auch einen suchte, derzeit kam ihr nichts in den Sinn, außer abwarten. Und das gefiel ihr gar nicht. Das Geräusch der arbeitenden Würmer wurde immer lauter und langsam ließ es Tamara panisch werden.
»Was zur Hölle ist hier nur los?«, brach es wütend und gleichzeitig ängstlich aus ihr heraus. 
Sie unterdrückte nur mit Mühe eine Panikattacke. Noch nie hatte sie sich so ausgeliefert gefühlt. 
Auf einmal ertönte unter ihr ein knackendes Geräusch. 
Bevor sie registrieren konnte, woher es stammte, brach plötzlich der Boden unter ihr zusammen. Tamaras Anzug fiel einige Meter in die Tiefe und tauchte ein in ein Meer aus sich windenden Leibern. Ein panischer Aufschrei entwich ihren Lippen und verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein ängstliches Schluchzen. 
Die Würmer. Sie haben mich untergraben und jetzt kommen sie mich holen. 
Die Lebewesen machten sich daran, den Anzug zu zerlegen. Es würde ihnen zweifelsohne einiges abverlangen, durch das Metall zu kommen, aber Tamara war sich sicher, dass es sich nur um wenige Stunden handeln konnte, bevor sich eines dieser Wesen durch ihren Körper bohrte. 
Ein saugender Rüssel voller spitzer Zacken saugte sich schlürfend an der Frontscheibe fest. 
Schockiert und gleichzeitig angewidert drehte sie sich weg. 
»Arch, wo bist du?«, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum noch mehr als ein Flehen. 

                                                                  ***

Als sein Licht die massiven Höhlenwände überflog, geriet der Kommandant ins Staunen. 
Das Wasser hier unten schillerte wie Öl, in den Farben des Regenbogens. 
Zweifelsohne lag das an dem Gas, das hier unten durch die Kanäle waberte und in konzentrierter Form auftauchte. Allerdings war sein Scherenpanzer so dicht von außen abgeschottet, dass er nicht befürchtete, davon betroffen zu sein. 
Mit einem schnellen Blick versuchte Archweyll sich zu orientieren. Er war in einem Gang gelandet, der in zwei Richtungen führte. Nun würde der Scan ihm den Weg weisen. Schnell eilte er den engen kreisrunden Tunnel entlang, bedacht darauf, seinen Wänden nicht zu nahe zu kommen und stets einen Blick auf die Decke zu behalten. Jede mögliche Öffnung nach oben war ihm willkommen. Doch plötzlich hielt er abrupt inne. 
Dieser Tunnel war viel zu eben und perfekt gerundet, als das die Natur ihn jemals hätte von selbst erschaffen können. Hier hatte sich etwas durch das Gestein gewühlt und es war groß. 
Vorsichtig schlich Archweyll weiter, jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, seine Augen weit aufgerissen. Wenn er genau hinsah, erkannte er viele kleine Löcher, die in den großen Tunnel mündeten. 
Hier unten lebt etwas. 
Mit einem Knopfdrücken fuhr er die Klinge aus, die am rechten Handgelenk seines Anzuges verankert lag, und hielt sie eisern umklammert. 
Sollen sie nur kommen. Ich werde sie wärmlichst empfangen.
Er ging leicht in die Hocke, um sich besser auf einen Angriffssprung vorzubereiten. 
Der Tunnel vollzog eine Wendung und in einiger Entfernung erkannte der Kommandant eine Öffnung, die an die Oberfläche zu führen schien. Plötzlich streifte sein Licht einen saugrüsselähnlichen Kopf. 
Kreischend warf sich der Wurm ihn entgegen, ein Geräusch, als würden zwei Kreissägenblätter im wütenden Kampf aufeinandertreffen. Er fuhr seinen Rüssel zu voller Länge aus und eine spitze, mit Dornen besetzte Zunge stieß daraus hervor, um die Panzerscheibe zu durchstoßen. Krachend prallte das Todeswerkzeug davon ab und ließ Archweyll die Zeit, die er brauchte, um anzugreifen. Er sprang nach vorne und rammte das Messer in das, was man einen Kopf nennen könnte. Blut ergoss sich wie dunkelroter Rauch in das Wasser. Die Kreatur war sofort tot. 
Eine rot leuchtende Anzeige und eindringliche Warnsignale erforderten die sofortige Aufmerksamkeit des Kommandanten. Schwer atmend studierte er die Monitore.
»Verflucht!«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihm bewusst wurde, dass der Angriff des Wurms einen Mikroriss in der Scheibe verursacht hatte. 
»Druckstabilisator aktiviert. Benötigte Energieleistung erreicht kritische Schwelle. Standby«, knisterte es aus dem Lautsprecher.
Archweyll ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte seinen Feind unterschätzt. 
Auf einmal vernahm er einen eindringlichen Moschusduft. Noch bevor der Kommandant realisieren konnte, woher er stammte, nahm er aus dem Augenwinkel eine erneute Bewegung wahr, die ihn abermals ablenkte. Er richtete das Messer in die Richtung und ein Knurren entwich seiner Kehle. Der Geruch wurde intensiver. Archweyll merkte, wie sein Sichtfeld sich erweiterte. 
Er spürte die schwere Last des Wassers auf sich ruhen und der Tunnel verzerrte sich zu aberwitzigen Formen. Sein Herz begann zunehmend zu rasen und eine unsagbare Zufriedenheit hüllte ihn in eine daunengleiche Weichheit. 
Das Gas dringt ein, schoss es ihm durch den Kopf wie eine ordentliche Dosis. Erneut registrierte er eine Bewegung vor sich. Ein Schemen steuerte direkt auf ihn zu. Archweyll wischte sich gründlich die Augen, um sicherzustellen, dass er nicht träumte. 
Tamara kam auf ihn zu geschwommen, ihr flammenrotes Haar wallte in der Strömung und anstelle von Beinen besaß sie eine lange schillernde Schwanzflosse. Ihr Oberkörper war unbedeckt und sie zwinkerte ihm für eine Sekunde ein verruchtes Lächeln zu. 
Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, erstrahlte ihr Körper von innen heraus und das Licht tausender Sterne trat aus ihr heraus, verwandelte die Höhle in ein Explosion aus Farben, deren Spektrum sich wieder und wieder in unzählige Fragmente zerteilte. 
Archweyll spürte, wie ihm schwindelig wurde, der Tunnel erglühte in sämtlichen, ihm bekannten Farbvariationen, die sich einem Strudel gleichend um ihn bewegten. Wackelig machte er einen Schritt, dann noch einen. 
Ich muss es aufhalten, sonst wird es mich vernichten. 
Doch schon waren seine Gedanken wieder woanders. 
Sein Vater schwebte vor ihm, eine Flasche in der Hand. Mutter weinte. Dann ertönte ein undefinierbares Lachen. War doch alles gut? Menschen, deren Gesichter er nicht einordnen konnte, summten eine ihm vertraut vorkommende Melodie. Fassungslos ergab er sich dieser eigenartigen Welt. Unendliches Glück und tiefste Trauer erfüllten ihn gleichermaßen, er wollte lachen vor Freude und doch zerriss es ihm das Herz. Warum sollte er nicht ewig hier bleiben? Hier war alles, wie es sein sollte. Der Tunnel vor seinen Augen veränderte sich zu einem grünen Regenwald, der sich im Bruchteil einer Sekunde in glänzendes Glas verwandelte. Plötzlich erschien die Atharymn und segelte hindurch, verwandelte das ansehnliche Kunstwerk in ein Scherbenmeer, welches das Licht unendlich vieler Sonnen reflektierte. Sein Leben schien im Zeitraffer an ihm vorbeizuziehen. 
Er erlebte alles noch einmal: ihre Ankunft auf Nautilon, die schwere Zeit, während die Atharymn nicht einsatzfähig war, die Raumstation, die Leere, die Angst. Seine Beförderung zum Kommandanten zog an ihm vorüber, wie ein einzelnes Standbild, das an eine gewisse Emotion geknüpft war. Freude. Stolz. Weiter.
Er, als kleiner Junge, sein Vater erhob sich über ihm wie ein riesiges Monster. Angst. Hass. Weiter. Seine Mutter, sie lag im Sterben im hiesigen Apothekarium. Der Verlust. Die Leere. Weiter. Archweyll wurde bewusst, wenn er bei null angekommen sein sollte, war sein Leben verwirkt. Dann war er nie da gewesen, denn schließlich hatte es ihn nie gegeben. Archweyll Dorne hatte das Licht dieser Welt niemals erblickt. Emotionen brachen über ihn ein, die er nicht einordnen konnte. Und dann wurde alles schwarz und weiß. Er hatte das Ende erreicht.

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21.Teil – Das Treffen (3/3)

»Was zum Teufel …«, entfuhr es Gunter, »wie fliegt denn dieser Irre?«
Im nächsten Moment schlug die Maschine in ihrer unmittelbaren Nähe ins Gebäude ein. Es konnte nur wenige Räume von ihnen entfernt sein. Das gesamte Gebäude schien zu vibrieren. Ein Teil der Deckenverkleidung stürzte herab, verletzte jedoch niemanden.
»Kann das ein weiterer Angriff von Thoben sein?«, fragte Thomas.
»Das ist eigentlich nicht möglich«, meinte Khendrah, »ich frage mich auch die ganze Zeit über, was das für eine Flugmaschine war. Ich kann mich nicht erinnern, so einen Flieger in den Aufzeichnungen dieser Zeit gesehen zu haben.«
»Dieser Zeit?«, echote Gunter, »Sie stammen aus einer anderen Zeit?«
Khendrah sah ihn ernst an, sagte jedoch nichts.
»Dann stimmt es also tatsächlich«, stellte Gunter fest.
Er hatte eine ungemein schnelle Auffassungsgabe.
»Jetzt verstehe ich auch, dass Sie mir nichts erzählen dürfen«, sagte er, »Sie kommen aus der Zukunft und sollen mich retten. Ist das richtig?
»Na gut«, gab Khendrah nach, »es wird nicht schaden, wenn ich Ihnen diese Kleinigkeit erzähle. Thoben wird von einem unserer Leute beraten, der abtrünnig geworden ist und nun eigene Ziele verfolgt. Er besitzt gewisse Kenntnisse über die relative Zukunft der nächsten Jahre. Um seine Ziele durchzusetzen, muss er Sie beseitigen lassen. Er hat Thoben davon überzeugt, dass er sie jetzt und hier ausschalten muss. Glücklicherweise erhielten wir Kenntnis davon und konnten seine Pläne durchkreuzen.«
»Aber, wenn er die Zukunft kennt, wird er immer wieder einen Schritt voraus sein und mich erledigen können«, meinte Gunter.
»Nein, denn wir haben seine Pläne durchkreuzt und somit die Zukunft bereits jetzt verändert. Seine Kenntnisse nutzen ihm nichts mehr. Er müsste zurückkehren und die Veränderung studieren, doch dieser Weg ist ihm für alle Zeiten verschlossen, beziehungsweise wir werden ihn verschließen.«
Ein Lärm im hinteren Teil des Raumes ließ sie aufhorchen. Khendrah und Thomas fuhren herum und sahen gerade noch, wie eine breite Tür aufgestoßen wurde. Es war hell im Hintergrund, doch verhinderten dicke Rauchschwaden, die Sicht auf den Raum hinter der Tür. Zwei menschliche Schatten tauchten daraus auf und betraten den Raum.
»Das ist Fancan!«, rief Thomas, »pass’ auf Khendrah!«
Khendrah war bereits in Deckung gegangen und hatte ihre Waffe gezogen.
»Gunter, gehen Sie sofort in Deckung«, sagte sie, »wir kennen diese Leute.«
Khendrah zielte locker in Richtung der beiden Neuankömmlinge und drückte ab. Ein Teil der Wand neben der Tür verschwand. Fancan und Giwoon hatten sich bereits mit einem Hechtsprung in Sicherheit gebracht.
»Khendrah!«, rief Fancan, »Nicht schießen! Wir wollen dich nicht töten!«
»Das soll ich dir glauben?«, fragte Khendrah, »Nach den Ereignissen im Jahre 2008? Wer ist das bei dir? Ein neuer Killer?«
»Khendrah bitte!«, rief Fancan, »Wir müssen reden – und ich meine reden. Ich werde mich jetzt erheben und meine Waffe fortwerfen. Bitte schieß’ nicht mit dem Anihilator auf mich.«
»Ist das ein Trick?«, fragte Khendrah, »Ich weiß genau, dass du den Auftrag hast, mich und Thomas zu liquidieren. Wie hast du mich überhaupt gefunden?«
Fancan erhob sich zögernd mit erhobenen Händen hinter einigen Schranktrümmern. Deutlich sichtbar warf sie ihre Waffe in den Raum.
Khendrah erhob sich nun auch, behielt aber ihre Waffe im Anschlag.
»Wo ist der Andere?«, fragte sie, »Ich will, dass auch er sich erhebt und seine Waffe wegwirft.«
»Giwoon, du kannst ihr trauen«, sagte Fancan, »tue, was sie sagt.«
Plötzlich tauchte ein Mann an einer Stelle auf, an der Khendrah nicht damit gerechnet hatte. Sie schluckte. Er hätte sie durchaus überrumpeln und töten können, hatte es aber nicht getan. Der Mann hielt ihr seine Handflächen entgegen und sagte mit sonorer Stimme:
»Ich bin nicht bewaffnet.«
»Ein Killer, der nicht bewaffnet ist?«, fragte Khendrah, »Für wie dumm hält mich die oberste Behörde eigentlich?«
»Khendrah«, sagte Fancan, »die Dinge haben sich gewaltig verändert. Giwoon ist kein Killer. Er war im Rechenzentrum des 6000. beschäftigt – so dachte ich wenigstens. Er ist mein Freund.«
Khendrah starrte ungläubig zwischen den Beiden hin und her.
»Du willst mir also weismachen, dass du eine Beziehung zu einem Mann innerhalb der Behörde hattest? Unbemerkt von allen?«
Sie machte eine Bewegung mit der Waffe.
»Kommt her!«, befahl sie, »Die Hände bleiben schön oben, damit ich sie sehen kann.«
Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete sie jede Bewegung der Beiden. Im Falle einer falschen Bewegung hätte sie nicht gezögert, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen.
»Auf die Knie!«, befahl sie weiter, »Die Hände hinter den Kopf!«
»Sag’ Khendrah, was hast du vor?«, fragte Thomas, dem die Situation nicht gefiel.
»Das weiß ich auch noch nicht«, antwortete sie, »aber jetzt will ich Antworten.«
»Mein Name ist Giwoon«, sagte der Mann ruhig, »ich arbeitete zum Schein als Techniker in der Jahresstation 6000. Dort lernte ich auch Fancan kennen, die wegen einer Recherche in unsere Station kam. Ich verliebte mich sogleich in sie und ich denke, ihr ging es genauso.«
»Wie romantisch«, sagte Khendrah ironisch, »und jetzt will dieses nette Pärchen und auslöschen, was?«
»Das ist doch Blödsinn!«, ereiferte sich Fancan.
»Lass’ mich weitererzählen, Fancan«, bat Giwoon, »du bist mir zu emotional. Also ich gehöre ursprünglich nicht zur Behörde, denn ich stamme aus einer Zeit weit in der Zukunft, weit jenseits des Jahres 8000. Ich stamme aus dem einhundertzwölften Jahrhundert.«
»Das, …das … das ist nicht möglich«, sagte Khendrah, »es ist nie gelungen, die Grenze um das Jahr 8000 zu überschreiten. Die Zeit verändert dort ihren Charakter und ist für Zeitreisen nicht mehr verwendbar.«
Giwoon grinste.
»Das solltet ihr glauben«, sagte er, »damit wir in Frieden leben können. Wir haben eine Sperre installiert, die euch daran hindert, bis zu unserer Zeit vorzudringen. Doch wir mussten lernen, dass auch das nicht ausreicht, eure dilletantischen Zeitmanipulationen von uns fernzuhalten. Ich habe Fancan mit in meine Zeit genommen, um ihr zu zeigen, wie wichtig es ist, etwas gegen eure oberste Behörde zu unternehmen.«
»Das sind doch Märchen!«, brauste Khendrah auf.
»Nein, es stimmt alles!«, rief Fancan, »Wir sind mit einem Slider in Giwoon Zeit gestartet, um euch hier zu treffen. Im einhundertzwölften Jahrhundert ist man äußerst exakt darüber informiert, was in der Zeit vorgeht. Wir sollen euch hier treffen und mitnehmen.«
»Mitnehmen? Wohin?«
»Könnten wir uns darauf einigen, dass wir nicht beabsichtigen, euch zu schaden?«, fragte Giwoon, »Meine Arme schlafen allmählich ein. Fancan und ich sind unbewaffnet und haben wirklich nicht vor, euch anzugreifen oder gar zu töten.«
Zögernd ließ Khendrah ihre Waffe sinken.
»Gut, steht auf«, sagte sie, »aber ich werde meine Waffe schussbereit halten.«
Fancan lächelte.
»Du warst immer schon die professionellere Agentin von uns beiden, nicht wahr? Wir waren Freundinnen, Khendrah. Wir sollten uns nicht mit der Waffe in der Hand gegenüberstehen.«
»Ach ja?«, fragte Khendrah verächtlich, »Ist mir etwas entgangen, als du uns an der Bushaltestelle aufgelauert hattest? Wer hatte denn dort eine Waffe in der Hand?«
»Es war ein Auftrag, Khendrah«, sagte Fancan, »du kennst doch das Spiel. Du hast es doch lange genug selbst gespielt. Ich hatte doch keine andere Wahl, als zu glauben, du wärst schuldig und müsstest liquidiert werden.«
»Darüber kann man geteilter Meinung sein!«, brauste Khrendrah auf.
»Khendrah!«, fuhr Fancan sie an, »Jetzt mach’ ‘mal einen Punkt! Tue jetzt bitte nicht so, als hätten wir in der Vergangenheit die Befehle und Anweisungen unserer Vorgesetzten hinterfragt! Wir bekamen einen Auftrag und führten ihn aus. Fertig! Genauso war es auch bei meinem Auftrag, dich zu liquidieren.!«
»Und was bringt dich auf einmal zum Nachdenken?«, wollte Khendrah skeptisch wissen.
»Giwoon und seine Mutter haben mir die Augen geöffnet«, sagte Fancan, »sie haben mir gezeigt, was unsere Behörde durch ihre Arbeit angerichtet hat und noch immer anrichtet. Khendrah, ich will dich nicht töten – ich will wieder mit dir zusammenarbeiten.«
Man konnte es Khendrah ansehen, dass sie angestrengt nachdachte.
»Du hast dich doch auch schon von deinen früheren Idealen gelöst«, fuhr Fancan fort, »du solltest deinen Freund hier liquidieren. Statt dessen ziehst du nun mit ihm zusammen los und startest auf eigene Faust Missionen, für die du überhaupt nicht autorisiert bist.«
Khendrah warf Thomas einen Seitenblick zu.
»Das verstehst du nicht, Fancan«, sagte sie, »die Dinge haben sich geändert. Mein Auftrag war ungesetzlich. Er war von einem Vorgesetzten erteilt, der eigene Interessen verfolgte. Das muss ich mit allen Mitteln bekämpfen. Das ist meine Pflicht.«
»Mach’ dir doch nichts vor«, sagte Fancan, »würde dir heute jemand sagen, der Auftrag wäre doch rechtmäßig. Würdest du deine Waffe ziehen und Thomas töten?«
Der entsetzte Ausdruck in Khendrahs Gesicht sprach Bände.
»Nein, das würde ich nicht tun«, sagte sie.
Sie blickte Thomas erneut an.
»Ich könnte es nicht. Ich liebe ihn.«
»Na bitte«, sagte Fancan, »endlich bist du einmal ehrlich.«
Gunter Manning-Rhoda, der die ganze Zeit über versucht hatte, diese verrückte Situation zu verstehen, fragte:
»Dürfte ich vielleicht erfahren, was hier eigentlich gespielt wird?«
»Das dürfen Sie nicht!«, riefen Khendrah und Fancan wie aus einem Mund. Sie blickten sich überrascht an, hielten einen Moment inne und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
Gunter wandte sich verärgert an Giwoon, doch auch dieser war nicht bereit, mehr dazu zu sagen.
»Sie haben bereits mitbekommen, dass wir Zeitreisende sind. Das ist mehr, als sie eigentlich erfahren durften. Sprechen Sie in Ihrem eigenen Interesse bitte niemals darüber. Führen Sie Ihren Wahlkampf weiter, wie bisher und gewinnen Sie die Wahl. Damit wäre allen gedient.«
»Aber Herwarth Thoben und die PEV?«, wandte Gunter ein.
»Das Problem werden Sie als Regierungschef sicher lösen können«, sagte Giwoon mit süffisantem Lächeln.
Sie wurden unterbrochen, als eine Gruppe der örtlichen Polizeikräfte durch die Tür vom Flur hereinstürmte.
»Keine Bewegung!«, brüllte einer der Polizisten und hob seine Waffe, »Legen Sie sofort Ihre Waffen nieder!«
Khendrah, Fancan, Giwoon und Thomas starrten die in den Raum drängenden Polizisten schweigend an. Es war ihnen klar, dass es höchste Zeit war, von hier zu verschwinden. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis nach diesem Kampf und dem dadurch verursachten Lärm Sicherheitskräfte auftauchen würden.
»Wir werden uns jetzt zurückziehen«, flüsterte Giwoon Gunter zu, »bitte lenken Sie die Leute dort etwas ab.«
Gunter sah in fragend an.
»Bitte«, flüsterte Giwoon, »wir müssen verschwinden und wir wollen nicht noch gegen Polizisten dieser Zeit kämpfen müssen.«
Gunter nickte unmerklich.
»Gut, dass Sie kommen, meine Herren!«, rief er den Polizisten zu, »Ich bin Gunter Manning-Rhoda und mir galt der Angriff durch diese Attentäter.«
Er deutete auf die herumliegenden Leichen.
Die Beamten betrachteten die Szenerie. Sie waren eine Menge gewohnt, doch das, was sie sahen, brachte auch sie aus der Fassung.
Fancan hatte bereits unmerklich ihren Nihilator auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet und löste ihn aus. Ohne ein Geräusch löste sich der Boden auf und gab den Blick in das Stockwerk darunter frei. Sie gab ein Zeichen und die Vier sprangen durch das Loch im Boden in die untere Etage.
Die Bewegung blieb den Beamten nicht verborgen und einer der Männer schoss, doch es war zu spät.
Die Vier hatten Glück, dass der Raum unter Gunters Suite leer stand, so wurden sie nicht weiter aufgehalten.
»Los, weiter«, drängte Giwoon, »sie werden sicher nicht lange zögern, uns zu folgen.«
Als er mit Khendrah und Thomas den Ausgang des Raumes erreicht hatte, sah er, dass Fancan ihnen nicht folgte.
»Fancan, was treibst du da?«, fragte er, »Wir müssen hier weg. Wir sind erst sicher, wenn wir den Slider erreicht haben.«
»Ich habe mir den Fuß verstaucht!«, rief Fancan mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht, »Ich kann nicht laufen.«
Giwoon und Thomas sahen sich schweigend an. Ohnen ein Wort machten sie kehrt, griffen Fancan unter die Arme und trugen sie weg. Inzwischen peitschten die ersten Schüsse der Polizisten durch das Loch in der Decke und verfehlten sie nur knapp. Khendrah hielt die Tür offen und ließ die Drei hindurchlaufen. Anschließend verschloss sie von außen die Tür und verstellte ihre Waffe auf Hitzewirkung. Dann verschmolz sie die Tür, die glücklicherweise aus Metall bestand, mit dem Rahmen. Das würde ihre Verfolger eine Weile beschäftigen.
»Wo ist nun euer Slider?«, fragte sie, während sie durch den Gang zum Treppenhaus hasteten.
»Wir müssen wieder nach oben«, sagte Giwoon, »betet, dass sie das Fahrzeug bis dahin noch nicht entdeckt haben.«
»Was machen wir, wenn das der Fall ist?«, wollte Thomas wissen.
»Dann müssen wir uns den Weg freischießen«, erklärte Fancan keuchend, wir können zwar auch im Betäubungsmodus feuern, doch sind wir dadurch nicht immun gegen die Projektilwaffen der Sicherheitskräfte.«
»Hier ist eine Treppe!«, rief Khendrah und deutete nach oben.
»Ab nach oben!«, befahl Giwoon, »Der Slider muss ganz in der Nähe sein.«
Als sie auf der oberen Ebene angekommen waren, sahen sie ihr Fahrzeug, welches von Trümmern der Decke und der Außenwand des Gebäudes bedeckt war. Die Schleuse stand weit offen und ihr Licht schien in den Gang hinein.
»Keine Zeit verlieren!«, rief Giwoon, »Fancan, geht es noch?«
»Es muss gehen!«, antwortete sie und biss ihre Zähne zusammen. Khendrah schaltete ihre Waffe vorsichtshalber auf Betäubung und gab Thomas ein Zeichen, es ebenfalls zu tun.
Die letzten Meter schienen eine Ewigkeit zu dauern. Sie hörten bereits die Schritte der Verfolger, die sich ebenfalls schnell dem Slider näherten. Sie erreichten das Fahrzeug zuerst und retteten sich ins Innere der Maschine. Kurz bevor sich die Schleuse endgültig geschlossen hatte, drangen einige Projektile der automatischen Waffen der Sicherheitskräfte durch den sich schließenden Spalt und schlugen in die Seitenkonsolen des Sliders ein.
»Oh Gott, hoffentlich hat der Temporalprozessor nichts abbekommen!«, rief Giwoon.
»Ich dachte, dieses Ding hier wird über diese Kugel dort gesteuert«, wunderte sich Fancan.
»Das schon, aber die Technik selbst ist in den Seitenkonsolen untergebracht«, erklärte Giwoon, der hektisch dabei war, die Funktionsfähigkeit des Systems zu prüfen.
Von draußen dröhnten heftige Schläge gegen die Hülle des Sliders.
»Sind wir hier drin auch sicher?«, fragte Thomas.
»Wenn du wissen willst, ob sie es schaffen können, hier einzudringen, dann sage ich ja, wir sind sicher. Aber wenn wir einen Defekt haben und nicht mehr starten können, dann müssen wir irgendwann hier heraus. Dann haben wir ein Problem.«
Sie ließen Giwoon in Ruhe arbeiten und nach einer Weile stieß er deutlich hörbar die Luft aus.
»Und?«, fragte Khendrah, »Wie sieht es aus?«
»Es sieht schlimm aus, aber nicht so schlimm, wie ich es befürchtet habe«, meinte Giwoon, »wir werden hier wegkommen. Das ist die gute Nachricht.«
»Und weiter?«, fragte Thomas auffordernd, »Nun mach’ es nicht so spannend.«
»Der Temporalprozessor hängt am seidenen Faden«, sagte er, »wir sollten uns darauf einrichten, dass wir noch eine Zeitreise damit machen können und diese sollte nicht sehr weit in die Zeit hinein reichen.«
»Heißt das, du wirst nicht mehr nach Hause fliegen können?«, fragte Fancan mitfühlend.
»Genau das bedeutet es«, sagte er tonlos, »jetzt weiß ich auch endlich, warum meine Mutter sich so gründlich von mir verabschiedet hat. Ich werde weder Symeen oder Zedroog, noch meine Schwester Yshaa jemals wiedersehen.«
Fancan fasste seine Hand und drückte sie. Giwoon sah sie dankbar an und zog Fancan an sich. Erst jetzt wurde es Khendrah klar, dass es Fancan ebenso erging, wie ihr: Sie hatte sich verliebt, was einer Zeitagentin niemals gestattet war.


Die nächste Folge dieses Romans erscheint an dieser Stelle am 05.10.2019

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20. Teil – Das Treffen (2/3)

Das Bild auf der Kugel änderte sich. Es zeigte nun nicht mehr die Steuerelemente, sondern eine Reihe von Informationen und Koordinaten der Welt des Jahres 2110. Cheom hatte ziemlich exakt ermittelt, wo und wann in diesem Jahr sie in die Realität dieser Zeit eintauchen mussten.
»Dieser Mann ist ein Phänomen«, sagte Giwoon, »Cheom hat sogar die ganze Anflugroutine automatisiert. Wir müssen nur auf den Startknopf drücken und der Slider bringt uns ohne weiteres Zutun ans Ziel.«
»Worauf wartest du dann noch?«, wollte Fancan wissen, »Dann lass’ uns auch starten.«
Nach kurzen Zögern gab Giwoon den Startbefehl.
»Verdammt, es ist alles so endgültig«, entfuhr es ihm, »es ist einfach schwer, zu wissen, dass man sein Zuhause für immer zurücklässt.«
»Wir werden ein neues Zuhause finden«, sagte Fancan tröstend.
Giwoon blickte sie an.
»Ich weiß«, sagte er, »es ist nur gut, dass du mich dorthin begleiten wirst.«
Der Slider war ein elegantes, kleines Fahrzeug, gebaut wie ein flacher Ellipsoid. Da ein Slider sich sowohl durch die Zeit, als auch am Himmel bewegen konnte, war er bestens geeignet, den Sagen um fliegende Untertassen neue Nahrung zu geben. Diesmal jedoch bewegte er sich erst einmal durch die Zeit. Erst am Ziel würde es eventuell nötig werden, einen bestimmten Punkt auf der Welt auch räumlich anzusteuern.
Die Reise dauerte diesmal sehr lange. Es hatte mit der Art zu tun, wie ein Slider sich durch die Zeit bewegte. Er musste erst den richtigen Zeitstrom finden, der ihn zu seinem Ziel bringen würde. Manchmal dauerte es halt länger, bis ein solcher Strom gefunden wurde. So hatten die Beiden sehr viel Zeit, sich mit den Besonderheiten der Vergangenheit vertraut zu machen, die in der internen Datenbank des Sliders gespeichert war.
»Deiner Mutter schien es sehr wichtig gewesen zu sein, dass wir im Jahre 2110 erst nach Kendrah suchen, bevor wir unseren Auftrag erfüllen«, meinte Fancan, »ich frage mich die ganze Zeit über, ob sie dafür einen Grund hat.«
»Natürlich hat sie den«, sagte Giwoon, »sie und wir haben später gemeinsame Nachkommen, wenn die Geschichte stimmt und nicht wieder geändert wird. Symeen traut der Zeit nicht über den Weg, solange noch an ihr herumexperimentiert wird. Sie möchte uns zusammenbringen und dann sicher sein, dass wir gemeinsam dafür sorgen, dass die Zeit verlässlich und unveränderbar wird.«
»Dann wollen wir hoffen, dass es auch so kommt, wie sie es sich erhofft«, sagte Fancan, »obwohl ich mich noch nicht so ganz mit dem Gedanken anfreunden kann, dass mein Schicksal schon bis ins Kleinste vorherbestimmt ist.«
»Das ist es doch überhaupt nicht«, meinte Giwoon, »nur der grobe Rahmen steht fest. Wir wissen noch lange nicht, wie unser künftiges Leben wirklich verlaufen wird. Mag sein, dass Symeen oder Cheom es wissen, aber sie haben es uns nicht verraten.«
Inzwischen hatte der Slider seine Reise durch die Zeit angetreten, nachdem er den passenden Zeitstrom gefunden hatte. Das Gespräch verstummte und sie blickten auf die Steuerkugel, auf der sie verfolgen konnten, wo in der Zeit sie sich augenblicklich befanden. Von Zeit zu Zeit erschienen Momentaufnahmen von vorbeirasenden Zeitaltern auf seiner Oberfläche. Anfangs folgten diese Bilder hektisch und in kurzen Abständen, doch nach einer Weile wurden die Abstände größer.
»Wir nähern uns unserer Zielzeit«, erklärte Giwoon, »bald werden wir in die Realität des Jahres 2110 eintauchen. Wenn wir etwas Glück haben, ist es ein Zeitalter mit fliegenden Maschinen. Dann würden wir mit unserem Slider dort nicht weiter auffallen.«
»Und wie willst du Khendrah finden, wenn wir angekommen sind?«, wollte Fancan wissen, »besitzen wir schon einen vollständigen Scan dieser Zeit?«
»Das brauchen wir gar nicht. Symeen hat mir mitgeteilt, dass sie zu einer bestimmten Zeit im Kongresszentrum von Europ sein werden. Sowie wir in der Zielzeit angekommen sind, werden wir einfach zu unserem Ziel fliegen.«
Fancan war noch nicht restlos überzeugt.
»Du meinst also, wir brauchen nur mit unserer Maschine dort auftauchen und man wird uns ungehindert innerhalb des Gebäudes landen lassen?«, fragte sie skeptisch.
»Ich fürchte, dass es ganz so nicht klappen wird«, räumte Giwoon ein, »das ist der einzige Schwachpunkt unserer Planung. Symeen meinte, wir würden gewaltsam ins Gebäude eindringen müssen. Aber keine Angst, unser Rumpf besteht aus molekular verdichtetem Molybdän-Tantal-Stahl. Wenn wir damit auf eine Außenmauer zuhalten, werden wir dort eindringen, ohne etwas davon zu spüren – außer vielleicht einem kleinen Ruck.«
»Das ist dein Plan?«, fragte Fancan entgeistert, »Das hat doch nichts mehr mit einer unauffälligen Aktion zu tun. Wir können doch nicht einfach hier auftauchen und diese Welt in Unordnung bringen.«
»Und wenn schon«, sagte Giwoon, »ein paar Leute werden sich Fragen stellen, keine plausible Antwort finden und die Angelegenheit wieder zu den Akten legen, weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf. Wir sollten nur darauf achten, dass keine Menschen zu Schaden kommen, wenn wir in das Kongresszentrum eindringen.«
Fancan wollte noch etwas sagen, doch in diesem Augenblick stürzte der Slider in die Realität des Jahres 2110 und erforderte ihre volle Aufmerksamkeit. Sie hatten Glück gehabt, dass sie in einer sehr großen Höhe eingetaucht waren, denn der Flugverkehr im bodennahen Bereich bis hinauf in eine Höhe von etwas 2 Kilometern war chaotisch. Für Fancan grenzte es an ein Wunder, dass diese vielen Maschinen nicht miteinander zusammenstießen.
Giwoon aktivierte das Gleitfeld, welches ein Abstürzen ihres Fahrzeugs verhinderte und welches auch für die Navigation genutzt werden konnte.
»Es nutzt nichts«, sagte er, »wenn wir nicht sofort auffallen wollen, müssen wir uns unter diese Flieger mischen.«
Fancan war nicht begeistert.
»Bist du solchen Verkehr gewohnt?«, wollte sie wissen, »Nicht, dass wir nachher diejenigen sind, die hier stranden, weil unsere Zeitmaschine defekt ist.«
»Beruhige dich, mein Schatz«, sagte Giwoon, »keiner dieser anderen Flieger kann uns gefährlich werden – selbst bei einem Zusammenstoß.«
Er nahm einige Einstellungen vor und überließ der automatischen Steuerung den weiteren Flug.
»Wofür haben wir die Technik?«, fragte er mit einem Lächeln, »Unser Ziel – das Kongresszentrum – ist ja auch schon in der Datenbank gespeichert.«
Auf der schwebenden Kugel wurde ihnen die Umgebung plastisch dargestellt. Das Jahr 2110 war ein sehr hektisches Jahr. Der Slider hatte sich in den Verkehrsstrom eingereiht und folgte ihm in die beabsichtigte Richtung. Sie sahen in der Ferne ein riesiges Hochhaus mit einer umgedrehten Pyramide auf der Spitze.
»Dort ist der Sitz dieser Partei, die Gunter Manning-Rhoda bekämpft«, sagte Giwoon, »dort irgendwo muss auch dieser Ralph Geek-Thoben zu finden sein.«
»Müssen wir den etwa auch finden?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, um den werden wir uns nicht kümmern«, meinte Giwoon, »Cheom war der Ansicht, dass dieser Mann hier in dieser Zeit sein restliches Leben fristen würde, wenn wir unsere Arbeit machen. Dann wird er auch keine Gelegenheit mehr haben, seine Pläne zu verwirklichen.«
In diesem Moment sprach das Funkgerät an, welches die ganze Zeit über bereits nach Sendern gescannt hatte.
»Hier spricht die Luftwacht von Europ«, ertönte es aus dem Funkgerät, »Ihre Flugmaschine verfügt nicht über einen funktionsfähigen Transponder. Das ist ein Verstoß gegen §9 Artikel 2 des europäischen Luftstraßengesetzes. Bitte unterbrechen Sie Ihren Flug für eine Kontrolle und landen dazu auf dem nächsten Luftwachtstützpunkt. Wir werden Ihnen folgen.«
»Das können wir jetzt überhaupt nicht gebrauchen«, meinte Giwoon, »’mal sehen, ob sie sich hinhalten lassen.«
Er drückte auf die Sendetaste.
»Hier spricht Ron Hooker«, sprach er in die Anlage, »wir erhalten von unserem System die Meldung, dass unser Transponder vollkommen einwandfrei arbeitet. Ich schlage vor, dass ich Ihnen unsere Kennung manuell übermittle und mich später bei der Dienststelle melde. Wir haben es eilig und würden einen wichtigen Termin versäumen.«
»Wollen Sie sich unseren Anweisungen etwa widersetzen?«, kam eine etwas ungläubige Stimme aus dem Lautsprecher, »Hören Sie, Herr – Hooker – , wir haben Ihnen gesagt, dass sie landen sollen und sie werden landen. Notfalls werden wir ihnen einen lokalen elektromagnetischen Puls aufbrennen. Dann müssen Sie ‘runter und es wird nicht angenehm sein, das kann ich Ihnen versprechen. Also leiten Sie gefälligst den Landevorgang ein.«
»Negativ!«, sagte Giwoon, »Unser Termin ist wichtiger. Wir melden uns aber gern später.«
Giwoon schaltete den Sender ab und sah Fancan an.
»Noch werden sie nicht schießen«, sagte er, »also werden wir sehen, dass wir etwas mehr Fahrt machen und diese Kerle abhängen. Ich will nicht hoffen, dass sie einem Slider in voller Fahrt folgen können.«
»Kann uns so ein elektromagnetischer Puls gefährlich werden?«, fragte Fancan.
»Ich bin mir nicht sicher. In unserer Außenwandung sind einige spezielle Filter eingebaut, aber ich will es nicht riskieren, einen solchen Puls abzubekommen, um dann festzustellen, dass die Elektronik ausfällt.«
Er legte seine Hand auf die Kugel und drückte an verschiedenen Stellen, worauf der Slider so unvermittelt beschleunigte, dass die Maschine der Luftwacht hinter ihnen zurückfiel. Sie konnten zwar erkennen, dass man ihnen folgen wollte, doch gegen die volle Leistung des Gleitfeldes kamen sie nicht an. Rasend schnell glitten sie an all den anderen Flugmaschinen vorbei, die auf ihrer Ebene flogen. Ohne die intelligente elektronische Steuerung des Sliders wären sie längst mit einer dieser Maschinen zusammengestoßen.
»Halten Sie sofort an!«, drang es aus dem Funkgerät, »Sonst sehen wir uns gezwungen, auf Sie zu schießen.«
Giwoon war klar, dass es sich um eine leere Drohung handelte, denn sie hatten bereits so viel Abstand zu ihren Verfolgern, dass diese einen präzisen Treffer nicht mehr platzieren konnten, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden.
»Jetzt müssen wir nur umdisponieren«, sagte er zu Fancan, die ihn fragend anblickte.
»Was meinst du mit ‘umdisponieren’?«, wollte sie wissen.
»Ich werde jetzt versuchen, die Luftwacht abzuhängen«, sagte er, »wir können niemanden gebrauchen, der uns bis zum Kongresszentrum folgt und uns dort wieder gefährlich werden kann. Ich will, dass sie ein anderes Ziel vermuten. Da wir keinen Transponder besitzen, können sie uns auch nicht orten, wenn sie uns einmal verloren haben.«
Giwoon lächelte Fancan an.
»Schatz, schnall’ dich besser an, denn gleich wird es etwas holprig werden.«
Fancan kannte ihren Freund inzwischen gut genug, um sofort die Sicherheitsgurte an ihrem Sitz einrasten zu lassen.
Im nächsten Moment wechselte Giwoon rasant die Flugebene und kreuzte mehrere Ebenen, wobei er gleichzeitig noch einen horizontalen Richtungswechsel vornahm. Nur um Haaresbreite entgingen sie einer Kollision. Fancan hielt unwillkürlich den Atem an. Giwoon nahm noch mehr als ein Dutzend solcher Manöver vor, bis er sich ganz gesittet in den normalen Verkehr einfädelte und mit der Masse in Richtung Kongresszentrum treiben ließ. Von ihren Verfolgern war weit und breit nichts mehr zu entdecken.
In der Ferne tauchte der flache Komplex des Kongresszentrums auf, dem sie sich allmählich näherten.
Giwoon holte sich Archivbilder des großen Gebäudes auf die Kugeloberfläche und studierte sie.
»Hier muss es sein«, sagte er nach kurzer Betrachtung und deutete auf eine Stelle des Gebäudes.
»Wenn wir kurz daneben in die Wand eindringen, sollte es uns möglich sein, die beiden zu treffen.«
»Mir ist die ganze Aktion immer noch zu spektakulär«, gab Fancan zu, »das hat nichts – aber auch rein gar nichts mehr – mit der Arbeit von Zeitagenten zu tun. Wir arbeiten hier mit der dicken Keule und kümmern uns einen Dreck darum, was es bewirken wird. Das ist nicht richtig.«
»Fancan, das sagst gerade du?«, fragte Giwoon, »Es war eure Institution, die über viele Zeitalter hinweg mit nichts anderem beschäftigt, als auf Zeitabläufe einzuwirken und da machst du dir Gedanken um unseren kleinen Zwischenfall, den man in wenigen Wochen wieder vergessen haben wird?«
»Das mag ja sein, aber wir sind viel subtiler vorgegangen«, meinte Fancan.
»Macht es das etwa besser?«, wollte Giwoon wissen.
Er wandte sich wieder der Steuerung des Sliders zu. Für ihn war die Diskussion erledigt.


Gunter Manning-Rhoda kam erst jetzt wieder dazu, logisch zu denken. Die Ereignisse der letzten Minuten hatten ihm sehr zu schaffen gemacht.
»Wer seid Ihr?«, fragte er Khendrah, »Und jetzt kommt mir nicht damit, dass es sich um eine Aktion eines Sicherheitsdienstes handelt. Erst dieser Projektor, der mich dreidimensional mitten im Raum projiziert hat, dann diese Fremden mit ihren Hitzewaffen und dann zuletzt Ihr mit Waffen, die gleich ganze Teile der Gegner verschwinden lassen. Es gibt auf der ganzen Welt keine Technologie, die so etwas hervorrufen könnte. Also wer seid Ihr? Oder sollte ich besser fragen: Was seid Ihr?«
Khendrah trat auf ihn zu.
»Das ist schwer zu erklären«, sagte sie, »aber nehmen Sie es erst einmal als gegeben hin, dass wir die Guten sind. Wir sind gekommen, um Sie davor zu bewahren, von diesen Leuten getötet zu werden. Es ist wichtig, dass Ihnen nichts geschieht.«
Gunter schüttelte verständnislos den Kopf.
»Aber wie konnten Sie wissen … ?«, fragte er.
»Wir dürfen Ihnen nicht alles sagen, Herr Manning-Rhoda«, sagte Khendrah, »aber wir hatten den Auftrag, zu gewährleisten, dass Sie gegen die PEV antreten und gewinnen können.«
Gunter lachte humorlos auf.
»Gewinnen?«, rief er aus, »Ich habe aus einer Gruppe zerstrittener Aktivisten gerade erst eine Partei geformt. Meine SLB erlebt soeben erst ihre konstituierende Sitzung und da reden Sie von einen Wahlsieg.«
Er blickte Khendrah forschend an.
»Mit Ihnen stimmt doch etwas nicht«, sagte er, »Sie wissen Dinge, die niemand wissen kann. Sie verfügen über Waffen, die es gar nicht geben dürfte. Ich will jetzt endlich wissen, wer Sie sind und wo sie herkommen. Wozu gehören Sie? Polizei? Geheimdienst?«
Khendrah winkte ab.
»Alles falsch«, sagte sie, »wir haben mit keiner Organisation zu tun, die Sie kennen. Das darf ich Ihnen verraten. Und ich darf Sie vor Herwarth Thoben warnen. Wie Sie selbst schon erlebt haben, geht er über Leichen. Sorgen Sie für einen lückenlosen Schutz – und überstehen Sie die Wahl. Danach können Sie Thoben einen Prozess machen. Die Welt wird es Ihnen danken.«
»Bisher hat die PEV immer nur über uns gelacht. Ich verstehe immer noch nicht, wieso man mich – einen Niemand – nun ermorden will.«
»Thoben verfügt über einen Berater, der genau so viel weiß, wie wir«, fügte Thomas hinzu, wofür er einen missbilligenden Blick von Khendrah erntete.
»Wir werden uns nun wieder zurückziehen«, sagte sie, »wir werden uns wohl nicht wiedersehen. Wir wünschen Ihnen viel Glück bei dem, was sie planen.«
»Moment«, rief Gunter, »Sie können doch jetzt nicht einfach hier heraus spazieren und mich hier zurücklassen! Was erzähle ich der Polizei, wenn sie gleich hier erscheint?«
Er deutete auf das Schlachtfeld um sie herum und die herumliegenden Leichen.
»Erzählen Sie, was Sie gesehen haben«, schlug Khendrah vor, »mehr können Sie nicht tun. Für uns ist es ohne Belang. Wir werden dann bereits fort sein.«
Während sie sprachen, erblickten sie eine Art Fluggleiter, der sich in einer weiten Kurve dem Gebäude näherte. Die große Fensterfront ermöglichte eine gute Beobachtung des Luftraums draußen.


Die nächste Fortsetzung des Romans könnt Ihr an dieser Stelle am 21.09.2019 lesen.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 7 – Der Gigantyras

»Verdammt, es ist mitten in der Nacht. Du bist dir schon im Klaren darüber, was hier nach Einbruch der Dämmerung unterwegs ist, oder?«, fluchte Daisy lautstark. 
Für Clynnt Volker war diese Diskussion verschwendete Zeit. Zeit, die sie brauchen würden, um Archweyll, Tamara und die anderen zu finden. 
»Was auch immer hier passiert ist, wir haben weder Funkkontakt, noch sind ihre elektronischen Signale auf unseren Scans. Archweyll hat sich mal wieder bravurösen Ärger eingehandelt und ich will verdammt sein, wenn ich es nicht schaffen sollte, ihn aus der Scheiße zu ziehen«, erwiderte der Chefnavigator mit einem funkelnden Blick aus seinen eisenharten Augen. 
»Alte Männer, die gerne sterben wollen. Macht das, aber haltet mich da raus!«, zischte Daisy wütend. 
Für eine Sekunde überlegte Clynnt ernsthaft, ob er sie einfach erschießen sollte. So ein ausgeprägter Egoismus hatte in seinen Reihen keinen Platz und selbst wenn Daisy den Zyklopen steuerte, hatte Archweyll ihm das Kommando übertragen. Es war eine blamable Schande, dass Daisy austreten wollte, jetzt wo es erst einmal brenzlig wurde. 
»Du bist in der Armee, Mäuschen. Auf Nautilon, einen Kilometer unter der Meeresoberfläche. Und nicht auf Prospecteus, in deinem warmen Bett. Das lernst du besser schnell. Weil du so ein blutiger Anfänger bist, will ich dir deinen Ausrutscher verzeihen, aber wenn du nicht augenblicklich tust, was ich dir sage, werde ich deinen süßen Arsch aus der Kommandobrücke befördern. Und ich warne dich nur einmal vor, meine Füße sind wirklich groß und ich habe eine Vorliebe für feste Stiefel.«
Die Chefmechanikerin schien drauf und dran auf ihn loszugehen. Ihr Kopf lief vor Wut hochrot an und sie machte einen festen Schritt in seine Richtung. »Wie hast du mich genannt? Wenn du gerne selber steuern möchtest, nur zu. Steuer den Kahn und deine Crew in den sicheren Tod. Aber setzt mich vorher da oben ab und verschone mich mit dem geistigen Brei eines dementen Tattergreises.« 
Die Ohrfeige traf sie so unerwartet, dass sie zusammenfuhr. 
Clynnt Volker hatte noch nie eine Frau geschlagen. Gut, er hatte schon ein paar erschossen, aber Piraten und Mutanten zählten normalerweise nicht zu der vornehmen Gesellschaft. 
Daisy scheinbar auch nicht. Der Chefnavigator merkte, wie er vor Wut am ganzen Körper zitterte. So ein unglaubliches Verhalten hatte er noch nie erlebt. Diese Bereitwilligkeit, andere einfach sterben zu lassen, um seinen Arsch ins bequeme Trockene zu hieven, empfand er als verachtenswert. 
Die Chefmechanikerin schaute ihn entgeistert an und rieb sich das rot angelaufene Ohr. Für einen Moment schien es, als wolle sie ein Messer ziehen, um Clynnt die Kehle durchzutrennen, doch dann machte sie Kehrt und verschwand von der Brücke.
In der Kommandozentrale trat ein betretenes Schweigen ein.
»Sie übernehmen«, wies der Navigator den Copiloten an. 
Mit einem zögerlichen Nicken nahm dieser Platz und verlinkte sich mit der Steuerung. 
»Das Radar soll nun manuell arbeiten. Sucht nach Herzfrequenzen. Ich weiß, dass es mühselig ist, aber wir haben keine Wahl. Wir tauchen ab.«

                                                                 ***

N’Kahlu stieß einen energischen Fluch aus. 
Die Energiequelle der Scherenpanzer zu manipulieren war eine fast wahnwitzige Sabotage. 
Zweifelsohne würde der Kommandant den Verantwortlichen in Stücke reißen, wenn sie denn überleben sollten. Glücklicherweise hatte der Sog ihn nicht so stark erwischt und es hatte ihn nicht über den Rand des Abgrunds getrieben. Während er auf dem pechschwarzen Dünensand verharrte, bemerkte er, dass weitere Krebsanzüge neben ihm auf Grund liefen. Hastig zählte er durch.
Zehn Stück, also hatten zwei von uns weniger Glück. 
Ein Knurren entwich seiner Kehle. Hoffentlich wussten seine neuen Vorgesetzten, was zu tun war. In einer solchen Situation war es wichtig, die Fassung zu bewahren. Spätestens, wenn sie in die Tiefen hinabsteigen würden, um die Vermissten zu bergen. Plötzlich bewegte sich einer der Scherenpanzer. 
Hat es ihn nicht erwischt? 
Zielsicher steuerte das Gerät auf ihn zu und N‘kahlu erkannte Phillista, einen seiner besten Männer, hinter dem Steuer.
»Verdammt sollst du sein, du alter Teufelskerl«, feixte der Sergeant. 
Mit Fingersprache stimmten sie sich ab. Worte waren überflüssig, da scheinbar unschwer zu erkennen war, was das Problem darstellte.
Mit einem routinierten Handgriff machte sich der Soldat an N‘kahlus Anzug zu schaffen, während unterschiedliche Werkzeuge durch seine Greifer rotierten. Wenige Minuten später war die Energieversorgung wiederhergestellt. 
Ein Unterbrecher-Chip also? Kein schlechter Schachzug. Aber kein Hindernis, für ein Expertenteam. 
Und Experten waren seine Männer wahrlich. Auf Orian II hatten sie den Tod mit sich gebracht, wohin sie auch kamen. Niemand beherrschte die Scherenpanzer so gut wie seine Truppe. 
Was dem Sergeant allerdings Kopfschmerzen bereitete, war die Tatsache, dass die Dämmerung mittlerweile der pechschwarzen Nacht gewichen war. Die Schatten waren länger geworden, bis sie den Meeresgrund völlig für sich einnahmen. 
Eilig schloss sich N‘Kahlu seinem Kameraden an, um die Scherenpanzer aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Per Funk informierte sich der Sergeant, warum sein Soldat nicht von den Problemen betroffen war. 
»Ich weiß es nicht, Sir«, erwiderte Phillista gelassen. »Möglicherweise hat der Saboteur gepfuscht oder wusste nicht haargenau, was zu tun war. Ich möchte es ihm nicht verübeln.«
Der Soldat wurde mit einem Lachen quittiert. 
Dann tauchte ein Leuchten vor ihnen auf und der Zyklop näherte sich mit eiliger Geschwindigkeit.
»Wir sind in Ordnung«, berichtete N’kahlu angespannt. »Aber zwei von uns sind in die Tiefe gestürzt.« 
Nach einem schnellen Durchzählen stellte sich heraus, dass es sich bei den Vermissten um Archweyll Dorne und Tamara Vex handelte. 
»Verdammt, gerade die Anfänger werden es nicht einfach haben. Ich hoffe, sie finden einen Weg, um dort unten klarzukommen, bis wir eintreffen«, sagte der Sergeant angespannt.
»Wir werden uns sofort auf den Weg machen«, die Stimme des Chefnavigators knisterte durch den Funk. 
N’Kahlu konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, jetzt wo der Nervenkitzel einsetzte. »Aye, fahrt die Halterungen aus. Wir springen auf. Schließlich wissen wir ja nicht, auf was wir alles stoßen könnten.«

                                                                   ***

Clynnts Lippen entwich ein Seufzer der Erleichterung, als die Einheiten sich meldeten. Zumindest mussten sie nicht alle Crewmitglieder in den Tiefen wiederfinden. Doch die Tatsache, dass Tamara und Archweyll noch dort unten waren, bereitete ihm Unbehagen. Nervös ging er auf der Brücke auf und ab. Das lief alles nicht nach Plan.
Die Chefmechanikerin hatte sich als herber Rückschlag erwiesen und der Copilot war fast so angespannt wie er selbst. Und vor ihnen ging es sieben Kilometer in die düstere Tiefe eines ihm unbekannten Planeten. 
Ein Ruck zog sich durch das U-Boot, als die Scherenpanzer auf die ausgefahrenen Schienen sprangen. Dann sanken sie hinab. 
»Scheinwerfer deaktivieren und Radarsysteme hochfahren«, befahl der Chefnavigator lautstark. Auf einen Schlagabtausch mit der hiesigen Tierwelt konnte er getrost verzichten. 
Der Copilot führte seine Befehle aus und zunehmend wurde alles um sie herum von einem  schwarzen Seidentuch verhüllt. Nur das Flimmern der Monitore erhellte die Brücke und tauchte sie in ein trübes Licht.
»Komm schon, Arch, lass dich endlich blicken«, flüsterte Clynnt gedankenversunken. 
Vor seinem inneren Auge sah er den Kommandanten, wie er ihnen mit frivolem Grinsen entgegensprang, den kompletten Scherenpanzer zerlegt, und mit Tamara im Arm. 
»Sir, wir haben ein Problem. Um ehrlich zu sein, es ist ein riesiges Problem!«, krächzte der Copilot plötzlich mit trockener Stimme und vergewisserte sich wieder und wieder, ob die Scans ihn nicht belogen. Sein Gesicht hatte die Farbe geronnener Milch angenommen und seine Hände zitterten spürbar, während er Befehle in die Konsole eintippte. 
»Spukst schon aus. Ich hatte gerade das größte Problem beseitigt, es dürstet mich förmlich nach einem neuen«, knurrte Clynnt. 
Als der Copilot nicht antwortete, fuhr er ihn an. »Na, was ist? Hat es dir die Sprache verschlag…?«, sein Blick wanderte über den Monitor und die tiefen Sorgenfurchen in seinem Gesicht mutierten zu Schluchten der Befürchtungen. »Sofort Alarmstufe rot ausrufen und die Torpedobatterien bereithalten. Ich informiere die Jungs da draußen, wir werden zügig fahren müssen. Außerdem möchte ich im Umkreis von einer Meile Leuchtkörper im Wasser haben, unsere Taktik, nur mit Radar zu manövrieren, ist ab jetzt Geschichte.« Er griff nach dem Funkgerät. »An alle Einheiten, wir kriegen Besuch. Bereitet euch darauf vor dem Tod ins Angesicht zu blicken.«
Er wurde von einem Brüllen unterbrochen, das direkt aus seinem Kopf zu stammen schien. 
»Leuchtkörper online, Feuer frei!«, bestätigte der Copilot. 
Zischend bahnten sich die Geschosse wie Sternschnuppen ihren Weg durch die Dunkelheit. Ihre Explosion war kaum vernehmbar, doch dann breitete sich ein sattes Licht aus, das den Ozean in ein Meer aus Gold verwandelte. 
Gerade noch rechtzeitig, um den Blick auf einen riesigen Schemen freizugeben, der über den Zyklopen hinwegschwamm. 
»Kategorie: Gigantyras. Länge: 357 Meter. Warnung, extrem aggressiv«, spukte die Sprachausgabe der Scanerkennung knisternd aus. 
»Schalt das aus. Wenn es nochmal zu mir spricht, bringe ich es um!«, befahl der Chefnavigator energisch. »Und dann bring uns runter, wir müssen verschwinden!«
Dröhnend entfaltete die Maschine ihre volle Leistung und schob den stählernen Riesen vorwärts. Eingehend studierte der Chefnavigator den Scan. Was er sah, ließ ihn schlucken. 
Der Gigantyras war ein längliches, sehr schlankes Wesen von der Gestalt einer Seeschlange, das sich, von seiner riesigen Schwanzflosse angetrieben, elegant durch das Wasser wandte. Auf seinem Rücken befand sich ein durchgehender, stromlinienförmiger Zackenkamm, der von der Schwanzflosse bis zum Kopf reichte. Weitere Flossen, zu seinen Seiten, verliehen ihm den benötigten Auftrieb. Aber das wirklich furchteinflößende war der Kopf. Fünf Paar kohlrabenschwarzer Augen musterten sie angriffslustig und ein riesiges Maul, voller Reihen spitzer Zähne, öffnete und schloss sich im Gleichtakt. Das Wesen besaß bebende Nüstern, die in einer kaum ausgeprägten Schnauze mündeten. Auf seiner Stirn befand sich ein großes spitzes Horn und um den Schädel herum saßen vier spinnenbeinartige, klauenbesetzte Greifarme im Fleisch verankert, welche die Beute packen und in den Schlund des Monsters befördern konnten. Ihre Klauen wirkten wie die das lange Blatt einer Sense, schreckliche Werkzeuge des Todes. Sie zuckten schon vor Mordlust und blutiger Vorfreude. 
Dann brüllte das Tier dem Zyklopen eine Herausforderung entgegen und setzte ihm nach. 
»Welche Torpedos können wir auf diese Distanz benutzen?«, fragte Clynnt Volker hektisch. 
Die Anspannung nahm ihn gänzlich für sich ein, er spürte merklich seinen Puls rasen und die Innenseiten seiner Handflächen hatten sich in morastige Tümpel verwandelt.
»Die Vendetta-Klasse auf kurze Distanz und Tsunamibringer auf mittlere Distanz. Aber er holt auf, es wird schwierig genug sein, uns überhaupt in Schussposition zu bringen«, erklärte der Copilot mit zitternder Stimme. Es klang fast so, als würde er gerade aus einem Lehrbuch zitieren und nicht aus Erfahrung sprechen. Vielleicht war es doch verkehrt gewesen, Daisy von der Brücke zu jagen? 
Clynnt knirschte mit den Zähnen Er durfte seine Entscheidungen jetzt nicht anzweifeln. »Haben wir also gerade nichts, was wir unserem Freund hier entgegensetzen können?«, fragte er gereizt. Wie konnte es überhaupt sein, dass es am Heck keine Torpedobatterie gab? Hatte niemand aus den schlechten Filmen gelernt?
»Ich … Ich weiß es nicht genau. Das ist mein erster Einsatz, Sir«, stammelte ihm der Copilot entgegen. 
Erst jetzt wurde Clynnt bewusst, dass er nur ein Junge war. »Welcher Idiot schickt mir denn einen Frischling an das Steuer eines riesigen U-Bootes, der sich noch nicht einmal darüber im Klaren ist, über welche Waffensysteme es verfügt?«
»Nunja, ich denke, das waren Sie, Sir«, erwiderte der Junge trocken. 
Clynnt konnte nicht anders, als zu lachen. »Na, wenn du es sagst, werden wir wohl beide als Idioten sterben«, kicherte er, dann sank er auf einem Sessel zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. 
»Heute stirbt mir hier keiner!«, drängte plötzlich eine Stimme zu ihnen durch. »Weder wir, noch die Leute, die wir suchen und finden werden!« Daisy Schritt in die Kommandobrücke, ihre Ausstrahlung hatte sich gänzlich verändert. Von dem trotzigen Mädchen war kaum noch ein Funke übrig. Es war der puren Entschlossenheit gewichen. 
Clynnt wollte etwas erwidern, doch sie winkte ab. 
»Ich weiß, was du sagen willst, und du hast Recht. Eigentlich habe ich hier nichts zu suchen. Ich habe es mir zu leicht gemacht.« Sie schien kurz in sich zu gehen. »Geniale Dinge zu entwerfen ist die eine Sache. Explosionen, riesige Roboter und Induktionsgewehre können einen schon echt glauben lassen, man sei ein taffer Mensch. Das dachte ich zumindest. Angsthasen habe ich schon immer gehasst. Aber gerade, als mir bewusst geworden ist, wie gefährlich es wird, habe ich mir fast in die Hose gemacht.« Sie nickte in Richtung des Hecks, wo ein weiteres Brüllen ertönte. »Und irgendwie schien ich ja auch Recht zu haben. Aber das bedeutet nicht, dass ich einfach davonlaufen darf. Bereit, wenn du es bist.« Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte Clynnt den Copiloten aus der Steuervorrichtung geworfen. Er ergriff ihre Hand. 
»Bereit«, sagte er nüchtern. »Enttäusch mich nicht.« 
Daisy lächelte und der Chefnavigator spürte wieder dieses lodernde Feuer in ihr. 
Wie hat sie sich so schnell umentschieden?
Sie holte einmal tief Luft. »Dann wollen wir dieser Bestie mal zeigen, dass es dumm war, sich mit uns anzulegen.«

 

 

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19.Teil – Das Treffen (1/3)

Sie hatten lange geredet. Fancan war noch immer ganz schwindelig von all den Informationen, die man ihr gegeben hatte. Diese Menschen hier im einhundertzwölften Jahrhundert hatten wirklich Angst vor dem, was die Oberste Behörde tat. Sie wollten einfach nur in Frieden leben, doch das ging nicht, wenn sie immer in der Angst leben mussten, dass es in der alten Zeit irgendwem gelingen mochte, die Zeitsperren zu umgehen, die sie im zweiundachtzigsten Jahrhundert angelegt hatten.
Das endgültige Ziel musste es sein, das gesamte System zu zerstören. Sie war beeindruckt, wie detailliert man in dieser Zeit über sämtliche Vorgänge im Zeitvektor informiert war.
Giwoon sah Fancan erwartungsvoll an.
»Was sagst du?«, fragte er. »Du glaubst uns doch, oder?«
»Wie kann ich mich diesen Beweisen verschließen, die Ihr mir gezeigt habt?«, fragte sie zurück. »Doch wie wollt Ihr das System der Obersten Behörde zerstören?«
»Indem wir Ihnen die Energiequelle nehmen«, sagte Symeen. »Du ahnst nicht, wie viel Energie der Zeitvektor und seine Zeitkabinen verschlingen. Sie haben am unteren Ende der kontrollierten Zeitalter eine Einspeisung installiert, die durch die Sonnenzapfanlage gespeist wird, die man etwa vierhundert Jahre nach der Entdeckung der Zeitreisen erfunden hatte. Die Energie neigt dazu, in der Zeit nach ‘oben’ zu fließen, wenn man überhaupt eine Richtung angeben möchte. Also versorgt sich der gesamte Vektor bis hin zu der von uns angebrachten Sperre quasi von ganz ‘unten’ mit Energie. Beseitigen wir unten die Quelle, wird der Vektor sehr schnell aufhören, zu existieren.«
»Mal angenommen, das würde funktionieren«, sagte Fancan. »Was würde mit meinen sämtlichen Kollegen geschehen, die sich innerhalb des Systems aufhalten?«
»Wenn der Zufluss versiegt, wird das System von unten her absterben. Dieser Prozess kann sich über Wochen hinziehen. Jeder wird die Chance haben, den Vektor zu verlassen und irgendwo in die äußere Zeit einzutreten. Es wäre dann die letzte Zeitmanipulation, da diese vielen Menschen ja bisher keinen Abdruck im äußeren Zeitgefüge hinterlassen haben.«
»Aber wer soll denn diese Energiequelle zerstören?«
Giwoon legte seine rechte Hand auf ihren Arm.
»Wir werden das tun, Fancan«, sagte er sanft. »Es ist unser Schicksal, dem ein Ende zu setzen.«
»Unmöglich!«, rief Fancan aus.
»Es ist nicht nur möglich, sondern es ist unsere Aufgabe«, wiederholte Giwoon. »Wir beide und zwei weitere Menschen werden verantwortlich sein für das Ende der Obersten Behörde und des Zeitvektors.«
»Wer sind die anderen Beiden?«, wunderte sich Fancan.
»Das sind Thomas Rhoda und deine Freundin Khendrah.«
»Wie bitte? Du willst mich veralbern!«
»Das will Giwoon ganz sicher nicht«, mischte sich Symeen ein. »Das Ganze ist einfach nur sehr kompliziert. Ihr habt bei all euren Analysen und Recherchen eines stets vergessen: Ihr habt niemals den Gedanken gehabt, euch selber mit in die Gleichung zu nehmen, denn dann wäre euch aufgefallen, dass es bisweilen Abdrücke in der äußeren Zeit gibt, die nicht von den Menschen dieses Zeitalters verursacht worden sein können, sondern von Menschen, die in dieser Zeit eigentlich nichts verloren haben – von Zeitagenten.«
Symeen sah Khendrah forschend an, doch sie schwieg. Also fuhr Symeen fort:
»Fancan, du kennst den letzten Auftrag deiner Freundin, die du töten solltest?«
»Ja sicher, sie sollte einen Mann töten, dessen Nachfahre ein Verbrecher werden sollte. Sie hat ihn gerettet und dafür sollte ich sie töten. So will es das Gesetz.«
Symeen winkte ab.
»Lassen wir diese Bewertung einmal außer Acht. Es ist jedenfalls Fakt, dass Khendrah diesen Auftrag nur erhalten hat, weil ein verbrecherischer Analyst ihn ihr gegeben hatte. Es ist also nur zu verständlich, dass sie versucht, ihren Fehler wieder auszubügeln. Ich meine jedoch etwas völlig Anderes: Bist du schon einmal auf die Idee gekommen, den Stammbaum von Gunter Manning-Rhoda zurück zu verfolgen? Um diesen Mann ging es ja bei dem Auftrag. Sicher, er geht zurück bis auf Khendrahs Opfer Thomas Rhoda, doch wer war die Mutter seiner Kinder?«
»Keine Ahnung«, gab Fancan zu. »Das ist auch nicht von Belang.«
»Ach nein?«, fragte Symeen spöttisch. »Auch dann nicht, wenn sie in den Archiven mit dem Namen Kendra Rhoda verzeichnet ist?«
Fancan sog heftig die Luft ein und riss die Augen auf. »Khendrah und Thomas Rhoda haben Kinder gehabt?«
»Ganz offensichtlich«, bestätigte Symeen. »Und diese Kendra ist auch definitiv in hohem Alter im einundzwanzigsten Jahrhundert verstorben. Es geht aber noch weiter. Von Thomas Rhoda bis zu Gunter Manning-Rhoda sind es mehrere Generationen. Wir haben uns die Mühe gemacht, alle diese Menschen und ihre Beziehungen zu überprüfen und dabei haben wir eine interessante Entdeckung gemacht, die ich – wie ich gestehen muss – lieber nicht gemacht hätte.«
»Und was ist das?«, fragte Fancan, nun neugierig geworden.
»Kendra und Thomas hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn war zeugungsunfähig. Er heiratete später, blieb aber ohne eigene Nachkommen. Die Tochter hingegen, Lisa, heiratet später einen Mann mit Namen Zed Girault. Er übernahm nach der Heirat den Familiennamen Lisas. Ich habe mir mal die Eltern von diesem Zed angesehen und stellte fest, dass sie irgendwie nicht in die Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts passten. Sie sind zwar dort, doch war es mir nicht möglich, ihre Vergangenheit über einen bestimmten Punkt hinaus zu erfassen und dieser Punkt liegt um das Jahr 2008 herum. Eigenartig, nicht?
Fancan blickte von einem zum anderen. Sie versuchte, in den Augen Giwoons zu lesen, doch sie konnte nicht erraten, was er dachte.
»Weißt du, wovon deine Mutter spricht?«, fragte sie ihn.
Giwoon nickte.
»Ich weiß wovon sie spricht«, bestätigte er. »Doch höre zu, denn, was nun kommt, betrifft uns beide.«
Symeen wartete, bis sie wieder die volle Aufmerksamkeit hatte, dann fuhr sie fort:
»Wir wissen bereits, dass Khendrah und Thomas Rhoda ins Jahr 2008 zurückkehren, weil Thomas sein Leben dort weiterführen muss, um die Geschichte nicht zu sehr zu verzerren. Offenbar ist Khendrah bei ihm geblieben und wurde ebenfalls zu einem Bestandteil dieses Zeitalters. Wer also sind die mysteriösen Eltern des späteren Ehemannes von Lisa Rhoda? Die Antwort ist ebenso einfach, wie erschreckend für mich: Ihr zwei seid es.«
Fancan sprang auf.
»Das ist nicht möglich!«, entfuhr es ihr. »Was soll ich im Jahre 2008?«
»Bitte setz dich wieder«, bat Giwoon sanft. »Wir haben beide dort eigentlich nichts verloren. Trotzdem sind wir in die Geschichte dieser Zeit integriert und mit ihr verwoben. Wie es aussieht, bleiben wir zusammen und bekommen gemeinsame Kinder, die ebenso zu den Vorfahren von Gunter Manning-Rhoda gehören, wie Thomas und Khendrahs Kinder. Wäre dir der Gedanke, mit mir zusammen zu leben, so unerträglich?«
Fancan setzte sich wieder.
»Nein, natürlich nicht«, sagte sie leise. »Ganz und gar nicht. Aber ich verstehe nicht, wieso.«
»Das verstand ich lange Zeit auch nicht«, gab Symeen zu. »Aber Cheom fand vor kurzer Zeit die Lösung. Ihr zwei seid es, die den Zeitvektor zerstört. In euren Händen liegt unser aller Schicksal. Der Preis, den ihr dafür zahlt, ist, dass ihr nicht mehr zurückkehren könnt.«
»Wissen wir eigentlich schon, warum das so ist?«, wollte Giwoon wissen. »Da ich davon ausgehe, dass wir unsere Reise in die Vergangenheit nicht mit einem Aufzug der Behörde machen werden, sondern mit einem unserer Slider, ist es für mich nämlich nicht ganz verständlich, wieso wir unseren Slider nicht mehr benutzen können, nur weil wir das System der Behörde ausschalten.«
»Das konnte auch Cheom bisher nicht herausfinden. Trotzdem bedeutet es, dass Ihr die Reise in die ferne Vergangenheit antreten werdet, um das Zeitreisesystem der Obersten Behörde zu beseitigen. Ich denke, dass es Sinn hat, Khendrah und Thomas zu suchen, um mit ihnen zusammen zu arbeiten.«
»Das geht nicht!«, ereiferte sich Fancan. »Ich wurde ausgesandt, um sie zu töten. Ich hatte sie auch bereits gefunden, doch die beiden konnten mich täuschen und überwältigen. Ich glaube kaum, dass Khendrah es ein weiteres Mal darauf ankommen lassen würde. Ich fürchte, sie würde mich sofort zu erledigen versuchen, wenn ich mich in ihrer Nähe zeigen würde.«
»Das glaube ich kaum«, meinte Symeen. »Außerdem könnte Giwoon den Kontakt herstellen. Ihn kennen sie nicht und er könnte ihnen erklären, dass sich die Lage vollständig geändert hat, oder nicht?«
»Mutter, ich verstehe allerdings auch nicht, warum wir uns damit belasten sollen, sie zu finden«, sagte Giwoon. »Lassen wir sie doch tun, was immer sie tun. Wenn deine und Cheoms Recherchen stimmen, werden wir uns doch sowieso im Jahre 2008 treffen. Spätestens unsere Kinder werden sich irgendwie kennenlernen.«
»Du hast im Grunde recht«, räumte Symeen ein. »Doch gibt es bei den Daten noch eine gewisse Unschärfe. Wir sind eben nicht sicher, ob Khendrah und Thomas nicht doch eine Rolle in diesem Spiel spielen. Es kann nicht schaden, sie zu kontaktieren.«
Giwoon lächelte.
»Mutter, du gibst nicht auf, nicht wahr? Du willst einfach, dass wir schon jetzt auf sie stoßen und eventuell Freundschaft schließen. Das ist es doch, oder?«
Symeen lachte.
»Bin ich so leicht zu durchschauen? Du hast recht. Ich bin einfach überzeugt davon, dass Ihr dort, in der alten Zeit, einfach zusammenhalten solltet. Das Leben dort wird für euch noch schwer genug werden. Viele Dinge, die uns selbstverständlich sind, wurden dort noch nicht erfunden. Die medizinische Versorgung ist zwar nicht schlecht, aber es ist auch so, dass man dort noch an Krankheiten wie Krebs oder AIDS sterben kann – Krankheiten, die es heute bei uns nicht mehr gibt.«
»Dann sollten wir noch einige Impfungen erhalten, bevor wir uns auf den Weg machen«, schlug Giwoon vor.
»Es gibt keine Impfungen«, sagte Symeen. »Diese Krankheiten sind seit Jahrtausenden ausgerottet. Wir haben überhaupt keine Möglichkeiten mehr, Impfstoffe dagegen zu entwickeln.«
»Mutter, wir werden mit diesem Risiko leben müssen«, sagte Giwoon. »Wir werden halt vorsichtig sein müssen.«
Symeen sah erst Fancan, dann Giwoon an.
»Dann steht es hiermit fest. Eine endgültige Trennung und ein Abschied für immer steht kurz bevor. Ich darf gar nicht daran denken.«

Die folgenden Tage standen vollständig im Zeichen der Vorbereitungen auf die Abreise von Giwoon und Fancan. Zedroog hatte den Slider mit einem Transportfahrzeug näher ans Haus herangeholt, um die Vorräte zu laden, die man in der Vergangenheit benötigen würde. Über Lebensmittel bis hin zu Waffen und technischen Gerätschaften wurde in den Slider hineingepackt, was eben noch hineinpasste. Zum Schluss händigte Symeen ihrem Sohn ein spezielles Gerät aus.
»Giwoon, auf dieses Gerät müsst ihr besonders aufpassen! Es ist ein Ortungsgerät für solare Energiequellen. Ich meine damit jetzt nicht die Sonne selbst, sondern natürlich den Zapfmechanismus. Er muss irgendwo auf der Erde versteckt sein. Es kann sein, dass ihr eine Weile damit beschäftigt seid, ihn zu finden. Dieses Gerät wird euch zuverlässig dorthin leiten. Sobald ihr ihn gefunden habt, bringt dieses Gerät so nah wie möglich dort heran. Es sollte nicht weiter als hundert Meter davon entfernt sein.«
»Was geschieht, wenn wir das tun?«, wollte Fancan wissen.
»Das Gerät wurde entwickelt aufgrund der Konstruktionsdaten des Sonnenzapfers, die Giwoon uns aus der Datenbank im Zeitvektor übermittelt hat«, sagte Symeen. »Es wird die Steuerung der Anlage übernehmen und die Stabilisierungsfelder schrittweise deaktivieren, bis die von der Sonne eintreffende Energie das Gerät schließlich ungeschützt trifft und es verschlingt. Der Zapfstrahl wird spontan abreißen.«
»Wird das nicht gefährlich werden?«, fragte Giwoon. »Ich könnte mir vorstellen, dass es ganz schön knallen wird, wenn die ganze Energie sich in der Anlage selbst austobt.«
»Das wird es auch sicherlich. Und Ihr solltet dann nicht mehr in der unmittelbaren Nähe sein. Wir gehen aber davon aus, dass die Anlage irgendwo verborgen ist, wo es unbewohnt ist. Zum einen soll sie ja durch all die Zeitalter nicht gefunden werden und zum anderen wird man auch im Zeitvektor nicht lebensmüde sein.«
Giwoon nahm das Gerät an sich, und betrachtete es. Es war ein elegantes kleines Ding, das man bequem an den Gürtel der Kombination stecken und mitnehmen konnte. Es war kaum vorstellbar, was dieses kleine Ding für Auswirkungen auf das Weltgeschehen haben würde.
»Wie werden wir denn überhaupt zu der Stelle gelangen, an der dieses Gerät zum Einsatz kommen soll?«, fragte Fancan.
»Das ist nicht das Problem«, erklärte Giwoon. »Die Slider sind durchaus auch für den atmospärischen Flug geeignet. Wir sind also mobil.«
Fancan war zufrieden.

Bevor sie endgültig das einhundertzwölfte Jahrhundert verließen, bereitete Symeen mit Yshaa zusammen noch ein festliches Mahl zu und es gab ein Abschiedsessen, bei dem jedoch keine rechte Stimmung mehr aufkommen wollte. Jeder dachte nur daran, dass es etwas absolut Endgültiges war, das in wenigen Stunden geschehen würde. Giwoon war, ebenso wie Symeen, äußerst schweigsam. Yshaa hatte sich auf Giwoons Schoß gesetzt und weinte leise. Ihr wurde erst jetzt bewusst, dass sie ihren Bruder nie wiedersehen würde.
Auch Fancan fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Zwar besaß sie keine engen familiären Bindungen, doch auch für sie würde sich alles ändern. Die Aussicht, ihr gesamtes restliches Leben in den – aus ihrer Sicht – Anfängen der Zeit zu verbringen, machte ihr Angst.
Ein paar Stunden später bestiegen sie den Slider und verabschiedeten sich von der Familie.
»Vielleicht solltet Ihr einen Abstecher ins Jahr 2110 machen«, schlug Symeen vor. »Dort werdet Ihr Khendrah und Thomas finden, wie sie versuchen, Ralph Geek-Thobens Manipulationen zu bereinigen. Ihr könntet gleich dort Kontakt aufnehmen.«
Fancan schaute etwas gequält. Sie konnte sich noch zu gut an ihr letztes Treffen erinnern.
»Hast du auch die Koordinaten für uns?«, fragte Giwoon.
Symeen lächelte.
»Glaubst du, ich würde dir einen solchen Vorschlag machen, wenn ich nicht von Cheom alles bekommen hätte, was Ihr braucht?«
Symeen überreichte ihm einen kleinen Speicherkristall.
»Hier drauf findest du alles, was du wissen musst. Mach nur nicht so viel kaputt, wenn du dort ankommst.«
»Mutter!«, rief Giwoon protestierend.
Symeen umarmte noch einmal ihren Sohn und dann auch Fancan.
»Mädchen, pass gut auf ihn auf«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Und werdet glücklich, ihr Zwei.«
Fancan war ehrlich gerührt, da sie noch immer das Gefühl gehabt hatte, sie wäre Giwoons Mutter nicht Recht.«
Sie gab sich einen Ruck und umarmte auch Symeen.
»Das werde ich – versprochen.«

Die Zeit für die Abreise war gekommen. Schweren Herzens bestieg Giwoon den Slider und Fancan folgte ihm. Im Fahrzeug sah es aus wie in einem Warenlager. Überall stapelten sich Ausrüstungsgegenstände, die sie möglicherweise in absehbarer Zeit gebrauchen konnten. Sie quetschen sich in die Sitze, die um den zentralen Tisch montiert waren. Wie bei ihrem ersten Flug, schwebte die Steuerkugel schwerelos darüber. Giwoon legte seine Hand darauf und aktivierte die Steuerelemente.
»Dann wollen wir einmal sehen, was Cheom für uns herausgefunden hat«, sagte er, während er den kleinen Kristall, den ihm seine Mutter gegeben hatte, in eine kleine Aussparung des Steuerpults steckte.


Die nächste Fortsetzung könnt Ihr an dieser Stelle am 14.09.2019 lesen.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 6 – Verloren in den Tiefen von Nautilon

Der Scherenpanzer sank unaufhörlich in die Tiefe. Mittlerweile war es so schwarz um ihn herum, dass man nichts mehr von der Außenwelt erkennen konnte. Nur das kleine Licht seiner Taschenlampe erhellte die Fahrerkabine wie ein Funke der Hoffnung. 
Archweyll hatte auf seinen massigen Kampfanzug verzichten müssen, als er in den engen Panzer stieg, aber mit einer Notfallausrüstung war er immer ausgestattet. Er vergeudete keine Zeit und begann direkt damit, einen Plan auszuarbeiten. Denn ohne würde er hier unten sterben. Durch eine elektronische Verbindung hatte er vor ihrer Mission alle Daten des Scherenpanzers auf seine eigene Festplatte gebrannt, nun rief er diese holographisch ab. Er war kein Mechaniker und die Struktur des Anzuges war alles andere als unkompliziert, aber langsam hatte er den Dreh raus. 
Die Hauptstromversorgung saß kurz über dem Heckantrieb, zwischen den Schultern des Scherenpanzers, und war durch zwei Isolationsschichten von seiner Kabine getrennt. Es knisterte leise, während sein kleiner Handbrenner die erste Schicht durchstieß.
Wenn das noch länger dauert, kann ich auch einfach die Frontscheibe öffnen, dachte Archweyll ungeduldig. Aber diesen Gefallen würde er weder Crowler, noch diesem unnachgiebigen Planeten erfüllen. Der Kommandant biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich mit einem eisernen Willen auf sein Ziel. Als der Brenner soweit war, riss Archweyll die Platte einfach heraus. Er konnte von Glück reden, dass die massive Aspexylpanzerung sich an der Außenwand befand und ihn vor Druck und Kälte schützte, während er das Innenleben des Scherenpanzers auseinandernahm.
Die zweite Isolationsschicht bestand aus einer schaumartigen Masse und Archweyll wurde das Gefühl nicht los, in fremden Eingeweiden herumzuwühlen, während seine Hand den Kunststoff beiseitefegte. Mit der Taschenlampe im Mund und dem Brenner in der rechten Hand, lugte er in das klaffende Loch seiner Innenbordwand. Kabel kamen ihm wie Lianen entgegengesprungen, aber dem Kommandanten war klar, dass er sie gefahrlos berühren konnte. Mit einer fast väterlichen Fürsorge tastete er sich voran, bis er die Energieversorgung fand. Die Propeller der Kühlelemente verrieten ihm, dass er hier richtig war. Währenddessen studierten seine Augen die Hologrammaufnahme seiner externen Festplatte, als hinge sein Leben davon ab. 
Moment … das tut es.
Sein Arm verschwand mittlerweile fast gänzlich in der Öffnung und seine Wange lag in einer sonderbaren Haltung gegen die Rückwand gepresst. Keuchend ließ er seine Finger noch tiefer hineinwandern, wohl wissend, was für einen Anblick er gerade abgeben musste. Aber das war jetzt völlig nebensächlich. Dann stießen sein Pranke auf einen breiten Kabelbaum, der sich wie eine kupferne Wirbelsäule durch den Anzug schlängelte.
»Hier muss es doch irgendwo sein«, keuchte Archweyll nervös. Wenn er den Unterbrecher nicht bald fand, konnte er Lebewohl sagen. Plötzlich stießen seine Finger auf eine eigenartige Form. Sofort krallte sich sein Griff daran fest. In seiner Hand lag ein fingernagelgroßer, ovaler Chip, der sachte vibrierte.
»Therodax-3«, schmunzelte der Kommandant. »Einfach, aber effizient.« 
Mit einem Ruck versuchte er den Chip zu entfernen, doch dieser wollte sich scheinbar nicht so einfach ergeben. 
Das Magnetfeld habe ich fast vergessen. Jetzt war Vorsicht geboten. 
Wenn er die Kabelstränge zerriss, war es mehr als ungewiss, ob die Maschine noch funktionieren würde. Fieberhaft suchte Archweyll nach einer Lösung für das Problem. 
Während er innig das Hologramm analysierte, kam ihm eine Idee. Eilig griff er nach seinem Schraubenzieher und schlug ein kleines Loch in die Bordwand, dort, wo der linke Greifarm verankert lag. Die Hologrammanalyse zeigte ihm, dass er dort einen Elektromagneten finden würde, der ihm für seine Zwecke dienlich sein konnte. Wenn er diesen mit genug Spannung auflud, konnte er den Therodax-3-Chip entmagnetisieren, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Aber das würde genügen. 
Ärgerlicherweise hatte er dann womöglich nur noch einen Arm zur Verfügung, aber alles war besser als hier unten zu versauern. Mit dem Schraubenzieher drang er in das Loch ein, wühlte sich durch Kabel und stählerne Vorrichtungen, bis er auf den Magneten stieß. Sofort wurde sein Schraubenzieher davon abgestoßen, doch Archweyll war unnachgiebig. 
Mit einem unglaublichen Ruck und einem mechanischen Kreischen riss der Magnet aus seiner Verankerung, als Archweyll mit aller Kraft, die ihm verliehen wurde, an ihm zerrte. 
»Hab ich dich«, schmunzelte er. 
Jetzt kam der schwierige Teil: er musste den Magneten mit genug elektrischer Energie aufladen, um die beiden Magnetfelder langsam zu neutralisieren. 
Leider würde dafür seine Festplatte mit Hologrammanalysator und dessen kleiner Generator herhalten müssen. Da der linke Arm ohnehin defekt war, zerrte der Kommandant ein Kabel daraus hervor und schnitt es mit dem Messer in zwei gleichlange Hälften. 
Mit dem Schraubenzieher verging er sich an der Kiste, die ihm bis gerade noch treue Dienste geleistet hatte, und legte die äußere Hülle fein säuberlich ab, bis der summende Generator zu sehen war. Archweyll entfernte die Kabel, welche die Energiequelle mit dem Hologrammgenerator verbanden und klemmte die Kupferdrähte daran. Mit einem unflätigen Fluch quittierte er jeden Elektroimpuls, der wie eine zischende Energieschlange durch seinen Körper jagte. Dann verband er den Magneten mit dem Kabel, auch wenn dieser sich zunächst streng weigerte, und lud ihn mit Energie auf. Unter Aufwand all seiner Kräfte hielt er das Stück Metall umklammert, damit es nicht verloren ging. Doch das erforderte eine Menge Kraft. Blaue Adern traten aus Archweylls Schläfen aus und er schwitzte bestialisch, doch dann war es vollbracht. Im Bruchteil einer Sekunde drehte er sich um die eigene Achse und steckte den Magneten in das Loch. Sofort stieß er auf Widerstand, aber jetzt war er so kurz davor. Das entstandene Wechselfeld würde den Unterbrecher kurzzeitig destabilisieren.
Archweyll drückte den Magneten wie ein Besessener immer weiter vorwärts. 
Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit so verharrte, ließ er ihn los, um nach dem Chip zu greifen. Mit seinen letzten Kräften zerrte er daran. Doch der Chip wollte nicht nachgeben. 
Ein zorniger Aufschrei entwich seiner Kehle. 
Nochmal. Es muss funktionieren! 
Abermals zerrte der Kommandant an dem Unterbrecher. 
Mit einem Ruck löste sich der Chip von den Kabeln und lag nun trügerisch in seinen Händen, als könne er kein Wässerchen trüben. Archweyll wischte sich den Schweiß von der Stirn, spukte aus und traf dabei versehentlich die Frontscheibe. 
Blöde Angewohnheit von mir. 
»Du kleiner Bastard«, fluchte er triumphierend. »Das hast du nicht kommen sehen, was?« 
Er legte den Unterbrecherchip auf seinen Schraubenzieher und binnen einer Minute reaktivierte er sich und heftete daran wie ein Parasit an seiner Beute. 
Archweyll setzte sich in den Sitz und drückte die Anwendung für die Energiequellenaktivierung. Es passierte nichts. Mit einem gequälten Aufschrei hämmerte er mit seiner Faust immer wieder auf den Knopf. Wie tief er mittlerweile wohl schon abgetaucht war? Noch hatte er den Grund nicht erreicht, doch die Strömung schien ihn immer weiter nach draußen zu treiben. Als hätte irgendetwas seine Gedanken erraten, ertönte plötzlich in weiter Ferne ein bedrohliches Grollen. Archweyll spitzte die Ohren und eine Gänsehaut bildete sich auf seinem Nacken, als ihm klar wurde, dass es sich um ein Lebewesen handeln musste. Angespannt lauschte der Kommandant dem Schlag seines eigenen Herzens. Er war hier unten nicht alleine und beileibe nicht der Stärkste. 
Also nichts wie weg von hier.
Nach drei weiteren gescheiterten Versuchen aktivierte sich endlich die Energieversorgung. 
Ein Schwall der Erleichterung brach aus Archweyll Kehle und mündete in ein triumphierendes Gelächter. »Bevor ich Crowler nicht den Arsch versohlt habe, holst du mich nicht!«, rief er herausfordernd in die Dunkelheit. Eilig begann er damit, die Anzeigen und Scans zu aktivieren. Fluchend wurde ihm bewusst, dass sich seine Torpedobatterie am linken Arm befand und somit nutzlos war. Aber immerhin funktionierten die Messwerte. 
»Fast sechs Kilometer unter der Oberfläche. Wir tief bin ich nur gesunken?«, seufzte Archweyll, bis ihm sein grottenschlechter Wortwitz den Anflug eines Lächelns auf die Lippen zauberte. 
»Radarzustand kritisch. Frequenz auf Notleistung gedrosselt«, ertönte plötzlich eine kratzende Stimme und der Kommandant zuckte vor Schreck zusammen. Dann räusperte er sich verlegen, als hätte ihn jemand in einer peinlichen Situation erwischt. »Schön, dass mal wieder jemand mit mir redet«, begrüßte er den Bordcomputer, als wäre es ein alter Freund. Dann entwich seinen Lippen ein Fluch. Der Antrieb war aus ihm unersichtlichen Gründen nicht funktionstauglich. 
»Soll das ein schlechter Witz sein? Jetzt ersticke ich nicht, sondern verdurste?«, grunzte er verdrießlich. Doch eine innere Stimme mahnte ihn zum Weitermachen. 
»Dann wollen wir mal« Er verband sich mit dem Scherenpanzer, rechter Arm und Beine gehorchten intuitiv seinem Befehl. 
Vielleicht klappt es ja mit Brustschwimmen? 
Doch dann wurde ihm klar, dass der defekte Arm wohl etwas dagegen hatte. Plötzlich nahm der Kommandant unter sich einen matten Schimmer wahr. Archweyll wendete seinen Anzug in der Strömung, sodass er einen besseren Ausblick hatte. Und er traute seinen Augen nicht. 
Riesige glühende Pflanzen streckten sich vom Grund aus in die Höhe und erleuchteten ihn in den unterschiedlichsten Farben. Ihre Form glich der eines Augapfels, der mit seinem Nerv am Meeresgrund verankert war. Sie waren überzogen von ädrigen Linien, die im Schein des Lichtes pulsierten. Die ballartigen Pflanzen hatten die unterschiedlichsten Größen. 
Manche besaßen nur zwei, andere bestimmt zehn Meter Durchmesser und sie tanzten sachte in der Strömung. Wabernde Schlote öffneten sich aus der Erde, aus ihnen entwich ein grüner Dampf und sie waren übersät mit krebsroten Pocken. Geisterhafte Silhouetten winziger Lebewesen huschten umher und als Archweyll näher herankam, bemerkte er, dass ihre Körper aus einer durchsichtigen, gallertartigen Konsistenz zu bestehen schienen. Das Gestein unter ihm bildete ein undurchschaubares Wirrwarr aus Höhlen und Kavernen, welche die abstraktesten Formationen bildeten und ihn wie ein gähnender Mund empfingen.
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er in weiter Ferne ein metallisches Glitzern wahrnehmen, doch als er näher hinschauen wollte, war es wieder verschwunden.
Ein weiterer Scherenpanzer?
Wenn sie alle hier unten gefangen waren, konnte das nur in einer Katastrophe enden. Die Strömung könnte sie mittlerweile meilenweit auseinandergedriftet haben und es der Truppe in dem Zyklopen dadurch fast unmöglich machen, sie zu finden. Außerdem hatten sie nach wie vor das Problem, dass Frequenzen aus dem sonderbaren Leichnam in den Warp vordrangen. Bei dem Gedanken daran geriet Archweyll ins Grübeln. Wie konnte es sein, dass Knochen eine Art Nachricht ins All versenden konnten? Mit was für einem Lebewesen hatten sie es hier zu tun? Seine Gedanken drifteten zu Tamara. Ob es ihr wohl gut ging? 
Archweyll bemerkte, wie sehr er sich danach sehnte, sie wohlauf zu finden. 
Zwar ebenso wie die anderen vermissten Mitglieder des Trupps, aber doch irgendwie anders. 
Der Kommandant fasste einen Entschluss. Er würde den Ursprung des metallischen Glitzerns ausfindig machen und für das Wohlergehen seiner Kameraden sorgen. Möglicherweise waren die anderen nicht so erfolgreich mit ihren Unterbrecherchips fertiggeworden. Er durchbrach die dichte Decke aus Pflanzen und zu seinem Erstaunen riss eine von ihnen auf, als er sie mit dem Greifarm streifte, und es entwichen Gasblasen, die in Richtung Oberfläche strömten. Archweyll entblößte ein freudiges Grinsen. Er hatte eine Möglichkeit gefunden, auch ohne Antrieb nach oben zu gelangen. Zumal die Pflanzen so grell leuchteten, dass sie wie ein Aushängeschild fungieren würden. Aber nun musste er sich darauf fokussieren, die anderen Mitglieder zu finden. Und Tamara. Er setzte den ersten Schritt und war noch nie so entschlossen etwas zu tun.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 5 – Finsternis

Der Zyklop sank tiefer und tiefer. Auf seinem Weg passierte er abstrakte Felsformationen und bunte Schwärme von winzigen Fischen, mit bis zu 50.000 Exemplaren, die mit flinken Bewegungen durch die Gezeiten pflügten. Unter ihnen befand sich nur die unergründbare Schwärze des Abgrundes. Die Dünen, wie Crowler sie genannt hatte, vollzogen eine große natürliche Kurve, als wären sie der Rand eines riesigen, ehemaligen Kraters, in dem das Leben brodelte. Der abrupte Abfall des Terrains und die plötzliche Dunkelheit, die damit einherging, wirkten im Vergleich fast lebensfeindlich und karg. 
Daisy steuerte das Schiff sorgsam auf der Schwelle ins Nichts, bedacht darauf, den Kraterrand nie gänzlich zu überschreiten. 
Doch der Blick aus der großen Glaskuppel ließ dennoch einen beunruhigenden Blick in die Finsternis zu und Archweyll merkte, wie sein Gehirn damit begann, ihm Streiche zu spielen, indem es riesige Schatten in Bewegung setzte, die gar nicht da waren. Wie sehnlich wünschte er sich gerade an Bord des Patrouillenkreuzers zurück. 
»Noch drei Meilen bis zum Ziel«, riss ihn die Chefmechanikerin aus seinen Gedanken. »Der Scan ist jetzt in Reichweite. Ich starte mal eine Analyse.«
Archweyll grummelte eine Antwort. Wenn alles gut ging, würden sie in weniger als einer Stunde wieder zurück sein. »Maschinen stoppen!«, befahl er mit einer Handbewegung. »Wir wollen uns ja nicht in die Explosionsreichweite begeben.« Eingehend analysierte er die Monitore, die für den Scan zuständig waren. Langsam manifestierte sich ein Bild vor seinen Augen. »Sind das… Berge?«, frage er zögerlich.
Vor ihnen befand sich eine Formation riesiger Nadelspitzen, die unbeugsam in Richtung Oberfläche emporragten und dabei Gefahr liefen, in den Kraterrand zu stürzen. 
»Negativ«, quittierte ihn die Chefmechanikerin lachend. »Das sind seine Rippen.«
Archweyll merkte, wie ihm die Kinnlade herunterfiel. Mit einer fast übertrieben grazilen Handbewegung brachte er seinem Kiefer wieder Haltung bei. »Aber die sind bis zu fünfhundert Meter hoch. Und Mama hat mir schon immer gesagt, ich sein ein wahrer Prachtkerl«, grunze er und fuhr sich mit der Hand bedächtig durch den Schnauzer. »Länge?«, wollte er wissen.
»1.200 Meter. Ich glaube ein bis zwei Torpedos sollten reichen«, erwiderte Daisy gelassen. 
Es erstaunte den Kommandanten, dass sie so ruhig bleiben konnte, angesichts der Tatsache, dass es ihre erste Mission und Kontakt mit fremdem Leben war. Und dann gleich mit so einem ausgewachsenen Ungetüm. Oder verbirgt sie etwas?
Möglicherweise war sie voll fokussiert oder aber sie ließ sich nichts anmerken. 
»Dann wollen wir dieses Riesenbaby mal zerlegen«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. »Feuer frei.«
»Automatische Zielfrequenz initiiert«, bestätigte die Spracherkennung des Zyklopen
Ein Surren ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterie in Anschlag gebracht wurde.
»Können wir überprüfen, ob die Frequenz abbricht, sobald wir es zertrümmert haben?«, fragte der Kommandant. 
»Ich verbinde mich mit Crowler und befrage ihn«, antwortete Clynnt Volker vom Funkgerät aus, von welchem er bis gerade eifrig mit der föderalen Sicherheitsbehörde kommuniziert hatte.
Der Kommandant quittierte ihn mit einem Nicken. »Aber wir brauchen eine andere Möglichkeit, um es herauszufinden. Ich traue ihm mittlerweile durchaus zu, dass er uns zum Narren halten würde.«
»Die haben wir auch«, sagte plötzlich eine vertraute Stimme.
Archweyll drehte sich irritiert um. 
Seit wann war Tamara wieder auf der Brücke? 
»Schön, dass du es zu uns geschafft hast«, lud er sie ein. »Dann schieß mal los.«
»Die Scherenpanzer haben manuelle Messvorrichtungen, die der Zyklop nicht besitzt«, Tamara schritt auf der Brücke auf und ab. Was sie zu sagen hatte, schien sie zu beunruhigen.
»Sie sind eigentlich für den Kampf wie geschaffen, deswegen sind sie auch in der Lage, feindliche Kommunikation abzufangen und zu übersetzen. Zumindest, wenn sie nahe genug am Ursprung der Frequenzen sind, was unser Problem ist, denn da draußen erscheint es mir eher unschön. Ich frage mich allerdings, warum der Zyklop das nicht auch kann?«, ihr Blick wanderte zu Daisy. 
»Er ist zu groß. Jedes feindliche Radar ortet dieses U-Boot schon von weitem. Unser Vorteil in der Schlacht auf Orian II war die Tatsache, dass der Zyklop einfach alles in Schutt und Asche gelegt hat, was sich ihm in den Weg stellte. Es war schlichtweg egal, dass er vom Feind geortet wurde, weil er ihn in der nächsten Sekunde pulverisiert hat. Die Scherenpanzer sind eher dazu gedacht, sich hinter die feindlichen Linien zu schleichen und sind mit dementsprechenden Funktionen ausgestattet. Seit dem Informationskrieg mit den Separatisten auf Khn’el sind langstreckige Kommunikationsabfänger nicht mehr angesagt«, erklärte die Chefmechanikerin bedeutsam. 
»Ich habe Crowler an der Strippe«, schaltete sich Clynnt in das Gespräch ein. »Er flennt wie ein Mädchen, ist aber bereit uns zu helfen. Dennoch würde ich auf Nummer sicher gehen.« 
Archweyll nickte ihm zu. »Dann zeig mir mal, was der Zyklop so drauf hat«, rief er erwartungsvoll. 
»Zielerfassung«, befahl Daisy. Ihre Monitore leuchteten auf, während sie die Koordinaten für den großflächigen Angriff durchgab und zwei Detonationsziele festlegte. Ihr Blick traf auf den von Archweyll und für eine Sekunde konnte er darin ein Feuer brennen sehen, dass alles verschlang. »Vernichten.«
Ein Ruck ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterien eine Salve abfeuerten. 
Daisy drehte in ihrem Stuhl eine Runde. »Und…« Dann noch eine. »Jetzt«, schmunzelte sie.
Bevor Archweyll begriff, was sie meinte, pfiff für den Bruchteil einer Sekunde ein Piepen durch sein Ohr. Dann ertönte ein Knall, so laut, dass er stocksteif zusammenfuhr. Ihm folgten zwei Detonationen noch nie dagewesenen Ausmaßes. Der Horizont explodierte, rote Lichter tauchten das Meer in ihren Schimmer und verliehen ihm die Farbe geronnenen Blutes. 
»Position optimieren, wir driften ab«, Daisy war schon wieder am Steuer und schien angesichts des schrecklichen Werkes der Untergangs-Torpedos kaum mit der Wimper zu zucken. 
Weitere Lichter brachen durch den Ozean und verwandelten ihn in ein Flammenmeer. 
Archweyll pfiff durch die Zähne. »Das ist ja fast schon gruselig, wie gelassen du dabei bleibst«, beurkundete er das zerstörerische Werk der Geschosse. 
»Ich habe sie mitentwickelt. Man sollte sich immer im Klaren darüber sein, was man tut«, erwiderte die Chefmechanikerin. 
»Und niemals den Respekt davor verlieren«, grummelte Tamara finster und deutete Archweyll an, ihr zu den Scherenpanzern zu folgen.
»Laut Crowler ist die Frequenz abgebrochen«, rief ihnen der Chefnavigator hinterher.
»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, murmelte der Kommandant, während er sich auf den Weg zu den Docks machte. 
N’kahlu und seine Mannschaft salutierten ehrfürchtig, als sie eintraten. 
»Anzüge bereit machen, wir gehen runter!«, befahl Archweyll lautstark.
»Ihr habt ihn gehört, Beeilung, Beeilung!«, heizte der Sergeant weiter ein.  Binnen fünf Minuten waren sie startklar. Die Schotts schlossen sich und das Wasser nahm sie ganz für sich ein. Mittlerweile war das scheußliche Licht der Explosion vergangen und es war wieder einheitlich dunkel, wofür der Kommandant irgendwie dankbar war. Minuten vergingen, während sie zu ihrem Ziel navigierten. Archweyll konnte im Licht der Scheinwerfer gerade noch erkennen, dass der Sand der Dünen nun kohlrabenschwarz gefärbt und das Klippenrelief gute zwanzig Meter in die Tiefe gesunken war. Fast lautlos steuerte er auf das Gerippe zu. Sein Scan zeigte ihm, dass es sowohl den Schädel, als auch das Körperskelett größtenteils zerlegt hatte. Die Frage, warum ein Skelett überhaupt dazu in der Lage war, Frequenzen auszustoßen, blendete er völlig aus. »Sind wir in Reichweite?«, fragte er durch das Funkgerät. 
»Noch eine halbe Meile«, erwiderte Tamara. Angespannt setzten sie ihren Weg fort. 
Beständig analysierte Archweyll seine Umgebung, aus den Augenwinkeln nahm er Bewegungen wahr, die nicht existierten. Überall schien die tödliche Bedrohung auf sie zu lauern. 
Und dann ragte eine einzelne Rippe vor ihnen auf, die vom Grund auf sogar die Wasseroberfläche erreichte, und es verschlug Archweyll die Sprache. Was auch immer dieses Etwas einst gewesen war, es musste gigantisch gewesen sein. Vor seinem inneren Auge malte er sich aus, wie das Lebewesen durch den Warp jagte und er musste schlucken. Es gab also vermutlich tatsächlich Monster da draußen, welche die Atharymn an Größe übertrafen. Bei dem Gedanken daran überkam ihn eine Gänsehaut.
Die Ebene um das Skelett war restlos verwüstet, im Lichtstrahl der Scheinwerfer erkannte Archweyll zudem, dass das Relief langsam in sich zusammenbrach. Sie mussten sich beeilen, denn möglicherweise könnten die Überreste des Riesen mit absinken. 
»Dein Gefühl, was Crowler angeht, scheint sich zu bestätigen!«, fluchte Tamara plötzlich durch den Funk. 
Instinktiv steuerte er zu seiner Stoßtruppführerin. »Wir empfangen weiterhin Frequenz?«, erwiderte der Kommandant entgeistert. Das waren schlechte Neuigkeiten. 
»Sogar verstärkt!«, bestätigte sie wütend. »Daisys Torpedos haben uns nicht geholfen.«
»Das ist nicht ihre Schuld. Es war meine Idee«, antwortete Archweyll streng. 
»Ich weiß. Ich suche nur gerade fieberhaft nach einer Lösung. Verzeihe mir, wenn ich eventuell schroff klinge.« 
Der Kommandant musste kichern. »Das tust du eigentlich immer. Dann scheint ja alles beim Alten zu sein«, lachte er. 
Bevor sie etwas erwidern konnte, ging ein spürbares Beben durch den Ozean. Ein Grollen furchtbaren Ausmaßes schüttelte Archweylls Kampfanzug durch, sämtliche seiner Systeme spuckten Warnmeldungen aus. Dann brach die riesige Rippe knirschend in sich zusammen und versank wie ein einstürzendes Hochhaus im Abgrund, gefolgt von etlichen Tonnen Gestein, Trümmern und aufgewirbeltem Sand.
»Das Relief bricht weg!«, schrie N‘Kahlu durch den Funk. »Wir müssen hier weg, bevor der Sog der Wasserverdrängung uns möglicherweise mit in die Tiefe zieht.« 
Ein grauenvolles Knacken, das dem Kommandanten durch Mark und Bein ging, unterbrach den Sergeant für einen Moment. Dann brach der Funkkontakt vollständig ab und die Anzeigen auf Archweylls Glasscheibe versagten flimmernd ihren Dienst. Das Summen des Motors verstummte. 
»Was zur Hölle?!«, fluchte der Kommandant und versuchte erfolglos die Energieversorgung wiederherzustellen. Ein Blick aus der Scheibe zeigte ihm, dass alle anderen Scherenpanzer das gleiche Problem aufwiesen. Ihre Schemen schwebten sinkend im Wasser und begannen im Sog der aufkommenden Strömung zu tanzen. Panisch bemerkte Archweyll, wie sein Anzug langsam aber sicher auf den Abgrund zusteuerte, als würde ihn die Tiefe zu sich rufen. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Die Scheibe manuell zu öffnen kam nicht infrage, sie befanden sich fast einen halben Kilometer unter Wasser und der Zyklop war in unerreichbarer Entfernung. Instinktiv hoffte der Kommandant, dass bald jemand bemerken würde, was geschehen war. Sein Kopf ratterte wie ein Getriebe, als er zu rekonstruieren versuchte, welchem Umstand er seine Situation zu verdanken hatte. 
Das Ergebnis war erschütternd.
»Crowler du Bastard!«, fluchte Archweyll und schlug mit der Faust nach der Scheibe. Ein flüchtiger Schmerz in der Hand war das einzige Resultat seines Wutausbruches. 
Der Doktor war nicht auf den Zyklopen gekommen, um sie zur Umkehr zu überzeugen. Er war sich von Anfang an im Klaren darüber gewesen, dass Archweyll sich nicht überzeugen lassen würde. Er hatte an den Scherenpanzern herumgepfuscht und diese manipuliert. 
»Wenn ich dich in die Finger kriege, reiße ich dir Arme und Beine einzeln heraus und füttere damit die Fische«, knurrte der Kommandant, wohl wissend, dass es ihm in seiner derzeitigen Situation kaum helfen würde. Als er feststellte, dass er den Abgrund nun vollständig überquert hatte, zog sich Archweylls Magen krampfhaft zusammen, denn ihm war bewusst, dass die Schwerkraft ihn nicht hergeben würde, selbst wenn der Sog nun verebbte. 
Eine Schrecksekunde später wurde ihm klar, dass die Sauerstoffversorgung des Anzuges ohne Energie ebenfalls stillstand. Wenn Crowler das geplant hatte, war es ein geradezu teuflisches Werk. Fluchend suchte der Kommandant das Innere des Anzuges nach etwas ab, dass ihm helfen könnte. Möglicherweise etwas mit genug Auftrieb, um es bis zur Oberfläche zu schaffen. 
Auch wenn es seinen modifizierten Körper auf eine ernsthafte Zerreißprobe stellen würde, wäre es doch besser, als der sichere Tod im Vergessen. Die Schatten um ihn herum gerieten abermals in Bewegung und Archweyll unterdrückte einen panischen Aufschrei. Hier war er Mächten ausgesetzt, gegen die er nicht kämpfen konnte und das versetzte ihn in zunehmende Angst. Plötzlich stieß er auf einen handgeschriebenen Zettel. Fluchend zerknüllte er ihn in der Faust, als sein erster Verdacht sich bestätigte:

Lieber Kommandant,


es tut mir Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich Ihr Verhalten weder tolerieren, noch dulden kann. Diese einzigartige Schöpfung des Lebens darf nicht einfach vernichtet werden. 
Da Sie mir nicht zuhören wollten, sah ich mich leider dazu gezwungen, zu anderen Maßnahmen zu greifen. Es tut mir Leid, dass es so kommen musste. Da ich davon ausgehe, dass Ihre Crew sie suchen wird, werde ich sie in die Tiefe locken müssen, wo Lebewesen lauern, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. In meinem Gespräch mit ihrer Chefmechanikerin habe ich einige wertvolle Informationen über ihre Ausstattung gewonnen und dadurch einen Energieblocker in ihrer Hauptversorgung installieren können. 
Sie werden ungefähr eine halbe Stunde haben, bis er die gesamte Energiezufuhr blockiert. Das arme Mädchen, Daisy, sie war so voller Hingabe, so wie ich es bin. Es bekümmert mich zutiefst, dass auch Sie ihr Ende finden wird…
Sie haben ungefähr 24 Stunden, bis der Sauerstoff restlos verbraucht ist. 
Ich hoffe, Sie können in dieser Zeit ihren Frieden finden und verstehen, warum ich das tun musste. Es tut mir Leid.

 Doktor Mantis J. Crowler 

Tosend zerfetzte Archweyll das Papier in tausend Stücke. Das konnte nur ein schlechter Traum sein. Aber er war zu pragmatisch, um es als einen solchen abzutun. »Wir sind am Arsch!«, fluchte er lautstark. Dann gewann wieder die Panik. Erneut bewegten sich die Schatten um ihn herum, formten sich zu gigantischen, boshaften Kreaturen, und er trieb unaufhaltsam in ihr gähnendes Maul.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 3 & 4: Faszination / Es schlummert auf dem Grund des Ozeans

Falls sich nun berechtigterweise jemand fragt, warum ich nun 2 Kapitel in eins stopfe: Das 4. Kapitel habe ich nachgereicht, nachdem mir aufgefallen ist, dass ich es eiskalt übersprungen habe. So bleibt jedoch die chronologische Abfolge bewahrt.

Kapitel 3:

Plötzlich lichtete sich die dichte Wolkendecke um die Manticor herum und gab eine atemberaubende Sicht frei. Unter ihnen erstreckte sich das kristallklare türkise Wasser, soweit das Auge reichte. Darunter ließen sich korallenbewachsene Kalkreliefs erahnen, welche die Wassertiefe auf ungefähr fünf Meter begrenzten. Sie würden etwas außerhalb, im tieferem Wasser landen müssen und dann mit Scootern übersetzen. Saftige Grüntöne und eindringliches Rot schillerten ihnen entgegen. Das Wasser reflektierte den Schein zweier Sonnen, einem blutroter Riesen und seinem strahlenden kleinen Bruder. Nach fünf Minuten Sinkflug bildete sich am Horizont eine gläserne Kuppel. 
»Wir haben das Ziel erreicht, bereitet das Schiff auf die Landung vor!«, kommandierte Archweyll. 
Ein gewaltiger Satz ging durch die Manticor, als die Hecktriebwerke verstummten und die Propellerleistung der über zweihundert Meter langen Flügel binnen Sekunden von null auf hundert heraufgefahren wurde. Kreischend näherte sich das Schiff der Wasseroberfläche, die von dem Fahrtwind gänzlich aufgewirbelt wurde. Die große Kuppel, welche die Forschungseinrichtung darstellte, wirkte neben dem riesigen Frachter plötzlich klein wie eine Murmel.
»Oxygenfelder aktivieren. Haltet den Kahn auf Höhe. Wir haben über 20.000 Tonnen Ladung an Bord. Wenn die flöten geht, werde ich jemanden köpfen!« Tosend trafen sie auf die Wasseroberfläche und ein gewaltiger Ruck schüttelte die gesamte Mannschaft durch. 
Dann war es für einen Moment totenstill.
»Eine Bilderbuchlandung«, lobte Archweyll seinen Piloten.
Dieser nickte ihm unter seinem Helm lächelnd zu.
»Willkommen auf Nautilon. Mein Name ist Doktor Mantis J. Crowler und ich bin der Leiter der hiesigen Forschungseinrichtung. Das hier ist mein Gehilfe, Ronald?«, ein schlaksiger Mann trat hinter dem weißgekittelten Doktor hervor und nickte den Neuankömmlingen kaum merklich zu. Er hatte gestutztes rostrotes Haar, einen Ziegenbart und trug ebenfalls einen Kittel. Seine trüben Augen waren von Ringen umgeben. 
Irgendwie wirkte sein müder Blick auf Archweyll wie eine Schlaftablette.
»Wir haben noch ein Team, bestehend aus zwei Ingenieuren, einer Handvoll Maschinisten und einem ausgewählten Trupp aus Biologen und Forschern, aber ich konnte sie leider nicht entbehren, um euch zu empfangen. Wir arbeiten hier unter Hochdruck, müssen Sie verstehen.«
»Ich werde mich in eure Datenbanken einklinken müssen, um den Zyklopen mit Informationen zu füttern«, Daisy trat aus der Masse hervor und begrüßte den Doktor mit einer flüchtigen Handbewegung. »Außerdem würde ich vorschlagen, dass wir ein Training mit den Unterwasser-Anzügen durchführen.«
Tamara schnaubte. »Wie man einen Kampfanzug steuert, ist uns bestens bewusst«, sagte sie temperamentvoll.
Daisys Augen verengten sich zu Schlitzen. »Eure Aspexylanzüge haben mit den Scherenpanzern nichts gemein. Sie legen sich nicht an die Haut an, wie eure Kampfmonturen das machen. Sie sind weniger gelenkig und müssen aufwändiger gesteuert werden. Wenn du dort unten bist, solltest du wissen, was zu tun ist.« 
Tamara wollte etwas erwidern, doch Archweyll schnitt ihr das Wort ab. »Sie hat Recht«, knurrte er. »Wir werden uns mit diesen Anzügen auseinandersetzen müssen.« 
Zornig und ohne ein weiteres Wort stampfte Tamara davon.
»Was ist denn mit der los?«, fragte Daisy stirnrunzelnd. »Dünne Haut?«
Der Kommandant schüttelte den Kopf. »Wohl kaum. Nur etwas durch den Wind. Du darfst es ihr nicht übel nehmen, sie will nur alles perfekt machen.«
»Dann sollte sie üben. Viel üben. Diese Anzüge sind nicht für Anfänger gemacht«, erwiderte die Chefmechanikerin.
»Das wird sie. Und zwar so lange, bis sie besser ist als wir alle zusammen. Verlass dich drauf«, quittierte Archweyll  seine neue Kollegin und wandte sich an seine Mannschaft.
»Clynnt, ich möchte, dass du bei Daisy bleibst und dich von ihr durch den Zyklopen führen lässt. Sie kann das Ding zwar steuern, aber du bist ein langerfahrener Stratege und ich vertraue auf deine Weitsicht.«
Der Chefnavigator nickte lächelnd. 
Dann schritt der Kommandant durch die Reihen und selektierte weitere zehn Mann, die ihnen in die Scherenpanzer folgen würden und bereits Erfahrung mit der Ausrüstung besaßen. 
Einer der Männer, vermutlich der Sprecher der Gruppe, trat hervor. Seine Haut war tiefschwarz und bot einen interessanten Kontrast zu dem sterilen weißen Aspexylanzug, den er trug. Auch er besaß optimierte Körperkräfte, die ihn wie einen muskelbepackten Gorilla erscheinen ließen. Sein eiserner Blick ließ jedoch vermuten, dass er schon länger dem Militär angehörte. »Sergeant N’kahlu«, stellte er sich vor und salutierte, wie es für untergestellte Soldaten üblich war. »Es wäre mir eine große Freude, Ihnen die Kampfanzüge zu zeigen.«
»Ihre Truppe hat auf Orian II ganz schön aufgeräumt«, Archweyll übersprang die obligatorischen Gepflogenheiten und klopfte dem Mann auf die breiten Schultern. 
Dieser erwiderte die Geste des Respekts mit einem Nicken. »217 Abschüsse in drei Stunden«, sagte N’kahlu, ohne dass Stolz in seiner Stimme mitschwang.
Archweyll pfiff durch die Zähne. Dieser Mann war gefährlich, das war ihm durchaus bewusst. Es war gut, solche Leute als Verbündete an seiner Seite zu wissen.
»Wenn die Herren sofort loslegen wollen, könnte ich ihnen dazu nur raten. Es ist selten, dass wir klares Wetter haben. So lässt sich Nautilon in all seiner Pracht bestaunen«, merkte Doktor Crowler an. 
Archweyll musste grinsen. »Na worauf warten wir dann noch?«, fragte er in die Runde und setzte zum Marsch an.

***

Tamara schritt mit hastigen Schritten durch den stählernen Korridor. Was war nur los mit allen? Seit wann setzte Archweyll mehr Gewicht auf die Aussagen eines Frischlings, als auf ihre? Und seit wann kümmerte sie so etwas? Eilig hatte sie einen der Scooter genommen und war zurück zur Manticor gesegelt. 
Diese Scherenpanzeranzüge würden für sie keine Herausforderung darstellen und das würde sie Daisy schon noch schnell genug spüren lassen. 
»Ich habe es schließlich gebaut«, äffte sie die neue Chefmechanikerin nach. Doch plötzlich hielt die Stoßtruppführerin inne. Benahm sie sich daneben? In all ihrer Wut hatte sie sich nicht die Müsse genommen, darüber nachzudenken. 
Eilig verdrängte sie den Gedanken wieder. Was zählte, war, dass sie ihren Auftrag erfolgreich absolvierten und dafür musste sie alle ihre geistigen Ressourcen verwenden. 
Auf ihren kleinen Streit mit Daisy durfte sie nichts geben. Und seit wann ließ sie sich von Prahlerei beeindrucken? 
Tamara stieg in einen Aufzug, der sie zu den Docks befördern würde. Auf ihrem Weg nach unten grübelte die Stoßtruppführerin darüber nach, warum es ihr so schwer fiel, die neue Kollegin zu akzeptieren, doch selbst als sich die Türen wieder öffneten, konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Was sie zu sehen bekam, ließ all ihre düsteren Gedanken verfliegen. 
Vor ihr ragte der Zyklop auf, ein stählernes Ungetüm von über dreißig Metern Höhe und mindestens zweihundert Metern Länge. Aus seinem geöffneten Bauch drang ein markerschütterndes Rumoren, so als hätte die Bestie Hunger. Vermutlich wurden die Maschinen schon startklar gemacht. 
Aus seinen Flanken ragten Torpedobatterien und beeindruckende Greifarme hielten das Gefährt knapp über dem geöffneten Wasserschott, bereit für den Abwurf. 
Dafür würden sie jedoch noch etwas Spielraum benötigen, denn in den flachen Kalkreliefs war der Zyklop hoffnungslos verloren, selbst wenn sie schon in 50 Metern Tiefe ankerten. 
Tamara schritt einmal um das beeindruckende U-Boot herum, dabei konnte sie auch die imposante Panzerglaskuppel an der Front betrachten, die wie ein durchsichtiges Auge auf alles hinabstarrte, was sich bewegte. Befehle wurden durch das Dock gerufen und immer regelmäßiger erzitterte der gesamte Boden unter dem Dröhnen des Motors. 
Doch was wirklich ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein separates Dock mit einem deutlich kleineren Schott. Darum versammelt war eine stählerne Legion, bestehend aus zwölf Scherenpanzern, die in Reih und Glied um das Becken versammelt standen. 
Mit etwas über vier Metern Größe, wirkten sie im Vergleich zum Zyklopen wie winzige Spielzeuge, aber dennoch besaßen ihre verstärkten Greifarme mit den Klauengreifern und die hydraulischen Sprunggelenke eine funktionale Eleganz. Dabei saß der Pilot in einer gläsernen Vorrichtung, in der die elektronische Steuerung des Anzuges möglich war. 
Darin sollte sie also das Gelingen ihrer Mission bewerkstelligen. 
Fasziniert schritt sie auf einen der Scherenpanzer zu. Sie war bereit, die nächste Herausforderung zu meistern. 
Mit einer sommerlichen Leichtigkeit installierte Tamara die Gebrauchsanweisung auf ihre Laufwerke und analysierte die Datenflut, die ihr elektronisches Visier überflutete. 
Ein leichtes Grinsen entwich ihren Lippen. Vielleicht war es doch nicht so übel, damit tauchen zu gehen.

***

»Alles klar, könnt ihr mich hören?«, knisterte N’kahlus Stimme durch die Sprechanlage.
Archweyll bestätigte. Die zehn Marines, Tamara und er selber hatten ungefähr zwei Stunden die Grundlagen durchgekaut, während sie mit ihren Panzern synchronisierten. 
Das Innenleben der Anzüge erwies sich als eleganter, als er angenommen hatte. Der Sitz hatte sich sofort seiner Wirbelsäulenstruktur angepasst und diese verstärkt. Ein Bildschirm war auf der großen Glasscheibe erschienen, der ihn mit allen Wahrnehmungen des Scherenpanzers versorgte. Und das waren eine Menge. Er war mit Scans, Echolot und Radar ausgestattet, sowie mit einer Handvoll Torpedos der Sternenlicht-Klasse. Nicht unbedingt der stärkste Vetter der bedrohlichen Untergangs-Torpedos, dafür erhellten seine Explosionen für eine gute Minute die tiefe Schwärze, die sie bald betreten würden. Außerdem war der Anzug mit einer eigenen Sauerstoffversorgung ausgestattet, was Archweyll einen Großteil seiner ärgsten Befürchtungen beraubte. Er fühlte sich bereit, diese einzigartige Welt zu betreten.
»Synchronisierung abgeschlossen«, knisterte eine elektronische Frauenstimme, die zweifelsohne die Sprachausgabe des Anzuges war.
»Ich dachte schon, dich gibt es nicht mehr«, schmunzelte der Kommandant gelassen, dann schlüpften seine Arme in die verkabelten Einrichtungen, die mit dem Scherenpanzer verbunden waren, um diesen zu steuern. Das gleiche tat er mit seinen Beinen.
»Testbewegungen durchführen!«, rief N’kahlu laut. Auf seinen Befehl setzten sich die Marines leichtfüßig in Bewegung. 
Im Vergleich waren Archweylls erste Schritte unbeholfen und plump.
Es überraschte ihn keinesfalls, dass Tamara den Dreh viel schneller raus hatte als er.
Dafür war sie wie geschaffen. Das innere Feuer machte sie unbesiegbar und ihr Wille war nicht zu bändigen.
Dann ertönte wieder die Stimme des Sergeants. »Absprung!«
Mit einem Satz warf sich Archweyll in die Fluten.
»Wir haben knappe fünf Stunden bis zur Dämmerung«, erklärte der Sergeant, während sie die Manticor schnell hinter sich ließen. »Dann sollten wir von hier verschwunden sein. Ich werde jetzt Doktor Crowler auf Leitung 2 legen, damit er Sie mit den notwendigen Informationen über das hiesige Biotop versorgen und potentielle Gefahren erläutern kann. Ich wünsche allen Beteiligten viel Vergnügen.« Der Kontakt brach ab und wich der tiefen Stille des Meeres. 
Archweyll aktivierte den Heckantrieb seines Scherenpanzers und segelte elegant durch das satte blau. 
Zu seiner rechten bemerkte er Tamara, die ihm verheißungsvoll zunickte. 
Schnell hatten sie das Landungsschiff hinter sich gelassen und über ihnen brachen die Lichtstrahlen der beiden Sonnen durch die Wasseroberfläche und hinterließen dabei ein spielerisches Glitzern. 
Unter ihnen bot sich ein Schauspiel an, das selbst Archweylls zynische Seele beflügelte.
Abstrakte Kalkformationen formten, knappe zehn Meter unter ihnen, eine Berglandschaft aus Klippen, Bögen und Höhlen, die in Richtung der Forschungseinrichtung beständig an Höhe gewann. Sie waren über und über bewachsen, mit bläulichen und grünen Korallen, die in unterschiedlichsten Formen auftraten. Manche wirkten wie eine Ansammlung riesiger bunter Teller, die man unsortiert übereinander gestellt hatte, andere erstreckten sich wie die Äste eines roten Baumes in Richtung des Sonnenlichts. Dazwischen türmten sich große grüne Korallen, die mit violetten Pocken versehen waren, wie Stalagmiten vom Boden empor. Saftiges rotes Seegras wucherte, teilweise meterhoch, aus sämtlichen Ritzen der Felsen und waberte im Klang der Gezeiten sanft durch das Wasser. Es schien das Gestein wie ein Teppich zu überziehen und verlieh ihm abstrakte Farbmuster.
Unterschiedlichste Fische schwammen in losen Verbänden darum herum. Das Riff war voller Leben. Archweyll steuerte staunend darauf zu und entdeckte orangene Fische, die in etwa die Größe seiner Handflächen aufwiesen, und auf der Suche nach Nahrung zu hunderten um die Korallen wuselten. Einige der Tiere wiesen eine violette Schattierung auf der Rückenflosse auf und seine Datenbank erklärte ihm sofort, dass es sich dabei um das Männchen handelte. 
Andere Fische unterschiedlichster Größe und Form schlossen sich ihnen an.
Der Kommandant bemerkte kleine rote Pfeilspitzen, die durch die winzigen Öffnungen im Kalk flitzten und große grüne Fische, die mit sechs gelben Glubschaugen ausgestattet waren. 
Ein weiteres Tier von fast zwei Metern Größe ließ sich unweit von ihm träge durch das Wasser gleiten und voller Staunen erkannte Archweyll, dass der blaue Fisch von innen heraus erleuchtete wie ein Lampion. Er steuerte seinen Anzug weiter über das Riff und traute sich, etwas tiefer zu gehen. Die Faszination hatte Besitz von ihm ergriffen.
Fast schon mühelos glitt er nach unten. 
Das rote Seegras wurde zunehmend von saftigem grünen Kelp abgelöst, dass sich vom Grund des Meeres ausgehend fast dreißig Meter in die Höhe erstreckte. 
An den großen dunklen Blättern hafteten leuchtend gelbe Früchte, die in etwa die Form eines Pfirsichs aufwiesen. Als er näher heransteuerte, erklärte ihm seine Datenbank, dass es sich dabei um Ayoraneier handelte, eine rochenähnliche Lebensform, die in diesen Breitengraden auftauchte.

Als hätte es seine Gedanken gelesen, legte sich plötzlich ein Schatten über den Anzug und eines der Tiere segelte anmutig an ihm vorbei. 
Archweyll schätzte die Spannweite eines der Flügelflossen auf über zehn Meter ein und es war mit unzähligen dornenbesetzten Schwänzen ausgestattet, die es still hinter sich herzog. Glücklicherweise wurde diese Lebensform als friedfertig eingestuft. Sanft glitt der Ayoran an dem Scherenpanzer vorbei, bis er aus Archweylls Sichtfeld verschwand. 
Je tief er in dem Kelpwald versank, desto dunkler wurde es. Als er den Grund erreichte, aktivierte Archweyll die Scheinwerfer. Der Lichtkegel erschien gerade noch rechtzeitig, um den Einblick in eine bizarre Szene zu ermöglichen. 
Ein Raubfisch von der Länge einer Anakonda, nur drei Mal so dick, glitt räuberisch durch das Wasser. An seinem Körper waren Antennen befestigt, die in einem grellen Licht erstrahlten. Hektisch beugte sich der Kommandant über den Bildschirm, um sicherzustellen, dass er in Sicherheit war. Erleichtert stellte er fest, dass der Scherenpanzer für seine Sicherheit garantierte.
Doch einem anderen Bewohner erging es nicht so gut. Der träge Lampionfisch verhedderte sich in den Antennen, als sein Gegner ihn umwickelte, und die elektrischen Stöße machten ihm binnen Sekunden den Garaus. Der Räuber öffnete sein Maul zu einer übernatürlichen Größe und verschlang seine Beute am Stück. Dann verschwand er im dichten Grün des Kelps. 
»Noch eine Stunde«, krächzte es aus dem Mikrofon.
Schnell analysierte der Kommandant, wie lange er zurück brauchen würde und beschloss, seine Erkundungstour noch ein wenig fortzusetzen. Mit den Armen strich er sanft die Pflanzen beiseite, um auf dem Meeresboden zu wandern. 
Kleine silberne Fische flohen panisch vor dem Ungetüm aus Titan.
Plötzlich lichtete sich der Kelpwald. Vor ihm befand sich eine Fläche aus Sand, die sich ungefähr über zweihundert Meter erstreckte. Muscheln von der Größe einer Murmel, bis hin zu der eines einstöckigen Gebäudes, begleiteten ihn auf seinem Weg. Um sie nicht zu zertrampeln, aktivierte Archweyll abermals den Heckantrieb und glitt sachte darüber hinweg. Dann vollzog der Meeresboden einen senkrechten Knick. Dahinter befand sich nur dunkelblaues Wasser, soweit sein Auge reichte.
Mit vorsichtigen Schritten ging Archweyll auf den Rand zu, bedacht darauf, dass er ihm nicht zu nahe kam. Er aktivierte das Echolot und seine Signale erklärten ihm, dass es in der näheren Umgebung bis zu sieben Kilometer in die Tiefe ging. 
Der Kommandant pfiff durch die Zähne. Vor ihm befand sich ein schwarzer Schlund und die Tatsache, dass er nicht erkennen konnte, was sich da unten alles bewegte und möglicherweise auf ihn lauerte, erregte eine Urangst in ihm. Ein unwohles Gefühl stieg in ihm auf. Doch er besann sich schnell eines Besseren. Kurz bevor er sich auf den Rückweg machen wollte, signalisierte sein Radar, dass sich mehrere riesige Lebensformen vor ihm befanden und ein ohrenbetäubendes Grollen drang durch den Ozean. 
Archweyll spürte, wie ihm bei diesen Geräuschen flau im Magen wurde. »Was sagt der Scan?«, fragte er heiser.
Doktor Crowler antwortete ihm lachend. »Ziemlich beeindruckend, was? Sehen Sie genau hin, es ist möglicherweise ein einzigartiger Anblick.« 
Archweyll zwang sich zur Ruhe und kniff die Augen zusammen. Und tatsächlich. Aus der Tiefe stiegen riesige, fast schon plumpe Wesen an die Oberfläche. 
Das waren die größten Tiere, die Archweyll je gesehen hatte. Sie besaßen in etwa die Form eines Wals, hatten aber drei riesige Schwanzflossen, die im Gleichtakt auf und ab schlugen. 
Ihr Körper trug ein einziges großes Korallenriff auf dem Rücken, durch das unzählbar viele unterschiedliche Lebensformen wuselten. 
Der Scan signalisierte Archweyll, dass er es mit einem Kalkrücken zu tun hatte. Lebensformen, die in Verbänden von bis zu zwanzig Tieren unterwegs waren und beträchtliche vierhundert Meter lang werden konnten. Im Laufe ihrer Lebenszeit bildeten sie ein kompliziertes Exoskelett aus Kalkgestein, das sie einerseits bestens gegen Feinde schützte, andererseits anderen Fischarten als Heimstätte diente. 
Abermals drang ein Dröhnen durch den Ozean und Archweyll schlussfolgerte, dass die Kalkrücken miteinander kommunizierten.
»Sie sollten nun zurückkehren. Der Anblick ist gewiss überwältigend, aber wenn es dunkel wird, treten hier fast ebenso große Lebewesen auf, die Jagd auf sie machen könnten. Obwohl Sie wohl nur ein Appetithäppchen darstellen dürften.« 
Archweyll zögerte keine Sekunde und machte sich auf den Rückweg. »Ich habe abgenommen. Schön, dass es jemandem auffällt«, begann er ins Mikrofon zu sprechen, doch irgendwie war ihm gerade nicht nach Sarkasmus.
»Wenn Sie angekommen sind, besprechen wir die Missionsdetails«, erklärte Crowler, dann brach die Verbindung ab. 
Es stimmte den Kommandanten fast schon traurig, dass er diese faszinierende Unterwasserwelt nun zurücklassen musste. Zeitgleich war er gespannt auf ihren Auftrag. 
Wenn sie einem dieser Räuber begegnen sollten, könnte es zweifelsohne gefährlich werden, selbst mit dem Zyklopen. Er steuerte durch das Kelp, zurück zu den Kalkformationen.
Das Zwielicht der Dämmerung trat bereits ein und die Schatten wurden größer. Die Dunkelheit hüllte ihn ein wie ein Anzug. Doch brachte sie ein neues, faszinierendes Bild mit sich. Die Korallen begannen von innen heraus zu leuchten. Ein farbenfrohes Spektakel erwartete ihn. Winzige Fische wurden von dem Licht angelockt und von den Korallen verschluckt. Doch auch die Fische begannen zu erstrahlen. 
Archweyll entdeckte die Schwärme der orangenen Exemplare wieder, die nun in dichten Schulen zu glühenden Kugel heranwuchsen, bereit für den Partnertanz. Leuchtende Seesterne, die er vorher kaum gesehen hatte, bedeckten das Gestein und ließen es nun in einem rosarotem Licht erstrahlen.
Mit offenem Mund bestaunte der Kommandant das Schauspiel, bis ihm wieder einfiel, dass es gefährlich werden konnte. Zielstrebig steuerte er auf die Position der Manticor zu.
Auf einmal stieß ein unsagbares Brüllen durch das Gewässer, weit entfernt, von dort, wo der Abgrund lag, aber dennoch eindringlich und unheilverheißend. 
Aber es machte Archweyll nur umso deutlicher, wie wundervoll tödlich dieser Planet sein konnte. Trotzdem erreichte er das Dock ohne weitere Zwischenfälle und war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. 
Als Tamara aus ihrem Scherenpanzer stieg, schien es ihr nicht anders zu gehen. Doch auch in ihren Augen lag dieses freudige Glitzern, entlockt von dieser faszinierenden Welt. 
Jetzt hoffe Archweyll nur, dass ihre Mission ihm nicht die gute Laune verderben sollte.

Kapitel 4:

Archweylls Truppe hatte sich, gemeinsam mit Doktor Crowler und seinem Gehilfen, in einem Besprechungsraum zusammengefunden. Aus der riesigen Glaskuppel heraus, konnte man das erstaunliche Lichtspektakel der beiden untergehenden Sonnen auf der Wasseroberfläche beobachten. Doch auf der entgegengesetzten Seite des Horizonts zogen graue Wolken auf und Blitze zuckten vorfreudig über den Himmel.
»Ich starte die Hologrammanalyse«, brummte Ronald und wirkte dabei so, als wolle er einfach nur seiner lästigen Pflicht entkommen. 
Archweyll, Tamara, Clynnt, Daisy und N’kahlu saßen an einem großen gläsernen Rundtisch und betrachteten eingehend die Karte, die sich vor ihnen öffnete. 
»Etwas Motivation, Ronald«, tadelte ihn Crowler. »Schließlich haben wir hier einen spektakulären Fund gemacht.« Er deutete auf die Hologrammkarte, wo sich ein haargenaues Abbild der näheren Umgebung herauskristallisiert hatte. »Sieben Meilen nordwestlich von hier, befindet sich ein Biom, das uns als Die Dünen bekannt ist«, er deutete mit dem Finger auf einen roten Punkt auf der Karte und zoomte näher heran. »Die ersten Ausläufer davon haben Sie bereits entdeckt«, der Doktor nickte Archweyll zu. 
»Ein angenehmer Ort zum planschen«, bestätigte der Kommandant zustimmend, »wären da nicht diese riesigen Raubfische, die einem Anlass geben sich einzunässen.«
Tamara knuffte ihm gegen den Oberarm. »Konzentrier dich endlich«, forderte sie knurrend. Ohne sie zu beachten, fuhr Crowler fort. »Dieses Biom erstreckt sich meilenweit wie ein Streifen aus Sand und ist davon gekennzeichnet, dass es irgendwann steil abfällt, in unerkennbare Tiefe. Wir vermuten, dass die Erosion dafür verantwortlich ist und jedes Jahr mehrere Tonnen Sand und Gestein über den Rand ins schwarze Nichts hinabsinken.«
»Mit dem schwarzen Nichts kennen wir uns bestens aus«, sagte Clynnt Volker zynisch. »Aber was ist denn nun die Mission?« 
Crowler schüttelte den Kopf. »Soldaten. Nicht in der Lage zu begreifen, wie einzigartig schön die Welt ist, die sie umgibt. Nunja, ich schweife ab.« Er streifte langsam mit dem Zeigefinger über die Scans des Meeresbodens, die wie eine Dünenlandschaft aussahen. Nur mit dem seltsamen Umstand, dass sie sich fast einen Kilometer unter Wasser befanden, um dann einen senkrechten Knick nach unten zu vollführen. »Ihr Ziel befindet sich hier, dort haben wir etwas gescannt, dass sich deutlich vom Meeresboden abgrenzt«, fuhr Mantis J. Crowler fort. 
»Komm mal auf den Punkt!«, langsam wurde Archweyll ungeduldig. 
»Um es kurz zu halten, es ist der Leichnam eines riesigen Lebewesens, aber es kommt nicht von diesem Planeten«, Crowler blickte begeistert in die Menge. 
»Aber woher können Sie das wissen? Sie haben den Planeten doch noch nicht gänzlich erkundet?«, fragte Daisy argwöhnisch.
»Eine schlaue Frage. Und durchaus berechtigt. Denn daraus würde sich die Frage ergeben, wie es denn hergekommen ist. Lassen Sie mich diese Frage mit einer einfachen Antwort beantworten. Das Immaterium. Ich denke das ist jedem von Ihnen ein Begriff?«
»Aber selbstverständlich. Es definiert eine strukturelle Beschaffenheit, die dem Warp sehr ähnlich ist. Wie eine Art Dimension, die sich hinter einem schwarzen Vorhang befindet«, fiel Clynnt Volker interessiert in die Diskussion ein. »Es ist ungewiss, was sich in dieser Welt befindet, doch man erzählt sich von grauseligen Gestalten, die voller Niedertracht sind. Wie eine verdrehte Spiegelung der Realität.«
»Was würden Sie sagen, wenn ich behaupte, dass dieses Wesen zu fast 50 Prozent aus einer Materie besteht, die nicht aus diesem Universum stammt? Ein Wesen aus dem Immaterium, was doch bisher eher eine vage Theorie darstellt«, Crowlers Augen weiteten sich verheißungsvoll. 
»Aber das würde bedeuten…«, langsam begann Archweyll zu dämmern, was hier vor sich ging.
»Dass dieses Lebewesen dazu in der Lage ist, durch den Warp zu reisen. Ganz ohne Antrieb, wie wir ihn kennen. Wir haben es hier mit einer Art lebendigem Raumschiff zu tun, dass über Nautilon abgestürzt ist. Der Grund ist uns unbekannt, aber seine Frequenzen sprudeln unaufhörlich in den Warp.«
Bei diesen Worten klingelten bei Archweyll sämtliche Alarmglocken. Er sprang über den Tisch, packte den Forscher am Kragen und hörte erst auf zu schütteln, als Tamara ihn losriss.
»Arch, was ist in dich gefahren?«, zischte sie sauer.
»Sind Sie denn völlig plemplem?!«, schrie der Kommandant und sein Brüllen musste die gesamte Glaskuppel zum Zittern bringen. »Ein riesiges, unbekanntes Wesen, das eine fast gruselige Macht innehat, stößt Frequenzen in den Warp aus und Sie dachten sich, das könnte sich mal ein Forschungsteam ansehen, anstatt einen Alarmcode zu aktivieren? Was ist, wenn es seine Kollegen zu uns ruft und die ganz schön sauer sind? Dann sind wir in ungefähr ein paar Wochen alle tot. Haben Sie die Geschwindigkeit der Frequenz gemessen? Wie lange könnte es dauern, bis sie auf Resonanz stößt?« Dem verlegenen Blick des Forschers nach zu urteilen, kannte Archweyll die Antwort bereits. »Weltraumpisse«, fluchte er lautstark. Dann wurde sein Blick eindringlich. »Unsere Mission hat sich gerade verändert. Wir werden diese Leiche finden und unschädlich machen, währenddessen treten wir mit Prospecteus in Kontakt und informieren die planetare Sicherheitsbehörde.«
Crowler musste schlucken. »Unschädlich machen?«, piepste er wie eine Maus in der Klemme, »Heißt das, Sie…?«
Archweyll formte mit seinen Händen eine große Explosion und ließ seinem Mund ein wortloses »Bumm!« entweichen, während er den Doktor mit einer fast unaushaltbaren Eindringlichkeit anstarrte.
Crowler ließ den Kopf hängen wie eine Blume, der man das Wasser entzogen hatte, während er begriff, dass seine große Entdeckung und der damit erhoffte große Traum vom Ruhm gerade in Scherben zerbrach. Doch er schien zu begreifen, dass der Kommandant keinen Widerspruch duldete oder war zumindest klug genug, ihm nicht offen zu widersprechen. 
»Ich möchte alle in einer Stunde bereit sehen«, ergriff Achweyll das Wort. »Wir werden aufbrechen, unsere Mission erledigen und dann schleunigst von hier verschwinden.«
Der Wetterwechsel war so abrupt über sie gekommen wie auf ihrer Anreise. Donnernde graue Riesen hatten den Horizont für sich eingenommen und einen Regenguss mit sich gebracht, der die Crew bis auf die Knochen durchnässte, während sie mit dem Scooter zur Manticor aufbrachen. Die Stimmung war angespannt. 
»Ich kann es immer noch nicht glauben, dass dieser Trottel keinen Alarm ausgelöst hat«, wetterte Archweyll zornig. 
»Das liegt in der Natur der Wissenschaft«, erklärte Daisy gelassen. »Sie ist süß in ihrer Errungenschaft und trägt einen bitteren Nachgeschmack des Risikos.«
»Erklär das Howard Bering«, zischte Tamara, wurde jedoch nur mit einem irritierten Blick seitens der neuen Chefmechanikerin quittiert. »Ach, vergiss es«, winkte die Stoßtruppführerin ab und drehte ihrer Kollegin den Rücken zu. 
»Nein, ich möchte es hören. Ich möchte verstehen, warum du so einen Groll gegen mich hegst«, erwiderte Daisy. 
Archweyll saugte die Luft ein.
Daisy war gerade mit manischem Lachen und brennender Fackel in ein riesiges Pulverfass gerannt. Doch zu seiner Verwunderung fiel Tamaras Reaktion ganz anders aus.
Mit einer Eiseskälte in den Augen musterte sie ihre neue Kollegin. Dann blickte sie Archweyll an und für eine Sekunde erkannte er ein dringendes Flehen in ihrem Blick, dass tausende Entschuldigungen und eine unglaubliche Wut auf sich selbst verdeutlichte. 
Dann wurde ihre Miene wieder fahl, sie drehte sich um und sprach die weitere Fahrt kein Wort mehr.Trotz der Anspannung konnte Archweyll seine Bewunderung für Daisys Arbeit nicht gänzlich verbergen, als sie an dem stählernen Gerüst des Zyklopen vorbeischritten. »Das ist wirklich solide Arbeit«, merkte er an und Daisy nickte ihm lächelnd zu. 
»Danke. Es tut gut zu wissen, dass Leute meine Arbeit schätzen«, sie rückte verlegen ihre schmutzige Mütze zurecht und der Kommandant bemerkte, dass sie nicht darum herum kam, leicht zu erröten, was irgendwie nicht zu ihr passte. Zumindest nicht zu dem, was sie bisher von sich gezeigt hatte. 
Sie betraten eine Landungsbrücke und der Zyklop verschluckte sie förmlich. Mit einem Zischen öffnete sich die Pforte und wurde hinter ihnen mehrfach versiegelt. Der Magen des Zyklopen war ein unüberschaubarer Komplex aus Leitungen, Monitoren und Anzeigen, welche die stählernen Korridore fast gänzlich für sich einnahmen. Dann ertönte der Motor und verschluckte alle anderen Geräusche um sie herum ganzheitlich. Ein Vibrieren ging durch das U-Boot und schüttelte sie durch. Dann erreichten sie das Cockpit und ihnen wurde ein allumfassender Blick durch den Hangar gewährt. Unter ihnen wuselten die Menschen wie Ameisen umher. 
Der Copilot startete gerade die Maschinen, doch Daisy beanspruchte diese Aufgabe sofort für sich. Sie betätigte tasten und Schalter und schien genau zu wissen, was sie tat. Sie verlinkte sich mit einer Konstruktion, die ihr sicheren Stand gewährte und gab der Konsole kryptische Anweisungen.
Archweyll fiel auf, dass es kein Steuer im eigentlichen Sinne gab, sondern stattdessen zwei ungefähr hüfthohe Säulen, auf denen eine Art formbare Masse auflag, die sich den Händen des Steuernden anpassen konnte. Dadurch ließ sich dieser wuchtige Riese also bewegen. Archweyll merkte, wie diese fremdartige Technologie eine gewisse Faszination in ihm auslöste. Plötzlich hörte er laute Rufe und eilige Schritte hinter sich.
Doktor Crowler stampfte mit fest entschlossenem Blick auf die Brücke. »Sie dürfen das nicht tun!«, rief er lautstark. 
Wie ist der hier reingekommen? War er schon vor uns da?
»Sie haben ja Recht, erwiderte der Kommandant mit einladender Geste. »Wir wollten uns gerade auf den Weg machen und es uns anders überlegen.« Im Bruchteil einer Sekunde griff er nach dem Doktor und hielt ihn eisern umklammert, sodass ihm sämtliche Luft aus den Lungen entwich. 
»Sie hören mir jetzt genau zu«, flüsterte er in sein Ohr und drückte dabei noch etwas fester zu. Ächzend blickte Crowler zu ihm auf. 
»Wenn Sie sich noch einmal in Militärgebiet einschleichen oder versuchen den Anweisungen des föderalen Militärs zu trotzen, werde ich Ihnen eine besonders ekelhafte Zelle auf Prospecteus zukommen lassen. Da gibt es Mutanten und Aliens und Menschen, die andere Menschen auf unglaublich kreative Weise auseinandergenommen haben. Kein Ort für eine labile Seele wie die Ihre, das kann ich versichern.« Sein Griff lockerte sich kaum merklich. «Haben wir uns verstanden?«, zischte der Kommandant.
Crowler schluckte, dann nickte er matt. 
»Die Soldaten werden Sie hinausgeleiten und Sie tun gut daran, mir nicht noch einmal unter die Augen zu treten«, Archweylls Blick ließ keine Widerworte zu.
Schweigend ließ der Doktor sich abführen. 
Irgendwie tat er dem Kommandanten Leid, aber er war hier die Autoritätsperson und in der Galaxis starb man schnell genug, wenn man das nicht verdeutlichen konnte.
»Die Maschinen sind einsatzbereit. Wollen wir aufbrechen?«, fragte Daisy mit einem kecken Tonfall. Sie schien darauf zu brennen endlich loszulegen.
»Abwurf initiieren«, erwiderte Archweyll ihre Anfrage.
Die Chefmechanikerin trat an die Vorrichtung und legte ihre Hände auf die Säulen. 
Sofort zeigte eine Anzeige ihre Vitalität an, Herzschlag, Stoffwechsel und Hirnfrequenz wurden sichtbar gemonitort. 
Die Anzeigen auf der Glaskuppel erwachten zum Leben und sofort erwachte eine Hologrammkarte der näheren Umgebung, zuzüglich diverser Scans aller möglichen Lebensformen im näheren Umkreis. Dann ging ein Ruck durch das Boot, als die Manticor ihre Fahrt in tiefere Gewässer aufnahm, dem Sturm zum Trotz.
»Alle bereit?«, fragte Daisy gelassen. Die Crew bestätigte.
Clynnt trat begeistert an sie heran. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber es wird mir eine Freude sein, mit dir dieses Ding zu steuern«, gestand er lächelnd, während er Platz in einem Sessel nahm und sich anschnallte.
Archweylls Lippen zeichneten ein Grinsen ab. Langsam wuchsen sie zusammen. Sein Blick suchte Tamara, aber sie war schon im hinteren Bereich des U-Bootes verschwunden, wo sich die Scherenpanzer befanden. 
»Alles gut festhalten. Und Abwurf!«, befahl die Chefmechanikerin lautstark.
Für eine Sekunde waren sie im freien Fall. 
Adrenalin schoss durch Archweyll Körper und verlieh ihm ein Gefühl der Unbesiegbarkeit. 
Dann krachten sie auf die Wasseroberfläche und der Aufprall holte ihn von den Beinen. Keuchend erhob er sich. »Sagte ich gut festhalten? Warum hast du dich nicht angeschnallt?«, lachte Daisy schallend, als sie seine erschrockene Miene sah. 
Für eine Antwort war es zu früh, also brummte Archweyll nur irgendetwas unverständliches, während er sich über den Hinterkopf rieb, wo sich eine pochende Beule gebildet hatte.
»Alle Schotts schließen, wir gehen runter auf hundert Meter«, sagte die Chefmechanikerin mit einem zufriedenen Blick auf ihre Anzeigen. Es rumpelte kurz und dann versank der stählerne Riese im satten Blau des Meeres.

 

 

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 2: Auf zu neuen Ufern



»Wir springen in den Warp!«, rief Clynnt Volker lautstark durch das Mikrofon. Seine elektronische Stimme krähte durch den gesamten Patrouillenkreuzer. 
Bei diesen Worten zog sich eine vorfreudige Erregung durch Archweylls Körper, während er von der Kommandobrücke aus in die Weiten des Alls starrte. Endlich. 
Die Atharymn war wieder einsatzbereit und auf dem Weg zu ihrer nächsten Mission. Ihr Verschwinden und Wiederauftauchen vor drei Monaten, als der Warp sie verschluckt und Howard Bering sie an den Dämonen ausliefert hatte, war von der föderalen Obrigkeit nicht einmal mit einem Achselzucken quittiert worden.
Aber auf diesen Ruhm hätte Archweyll auch getrost gepfiffen. Was er brauchte, waren loyale Männer und Frauen, die wussten, was sie taten.
Als hätte jemand seine Gedanken verraten, trat plötzlich die neue Chefmechanikerin an ihn heran. »Nautilon, hm? Nie davon gehört.« Sie extrahierte ein Datenbündel auf ihre Monitore, indem sie mit dem Finger eine Bewegung zwischen den Bildschirmen durchführte. 
»Könnte daran liegen, dass dieser Planet für die Föderation bisher absolut unbedeutend gewesen ist«, erwiderte der Kommandant stirnrunzelnd. »Ich frage mich, was sie gefunden haben, dass sie direkt einen Kreuzer mit Ausrüstung dort hinschicken. Hast du dich da unten mittlerweile gut eingelebt?«
»Es ist etwas finster, aber ich komme zurecht. Nur eure Ausstattung ist mangelhaft, im Vergleich zu meinem früheren Arbeitsplatz«, antwortete Daisy Lee gelassen, bevor ihre großen blauen Augen Archweyll gänzlich zu durchdringen schienen. »Von welcher Ausrüstung reden wir eigentlich?«, erkundigte sie sich neugierig. 
Er winkte sie näher zu sich heran, dann aktivierte er einen Hologrammgenerator. 
Wie aus dem Nichts entstand ein Bild, zunächst verzerrt und undeutlich, doch dann wurde es immer markanter, bis man die Umrisse einer großen Maschine erkennen konnte.
Daisy pfiff durch die Zähne. »Ein Zyklop. Nicht schlecht«, sagte sie gespielt ehrfürchtig, als würde sie etwas für sich behalten. 
»Die haben sie damals gebaut, um den Renegatenfürst Balthasar Coiren auf Orian II den Garaus zu machen. Drei dieser U-Boote haben bis heute überlebt und sind einsatzbereit«, erklärte Archweyll, während er mit dem Finger auf das Hologramm deutete. 
»Ach, echt?«, irgendetwas in Daisys Stimme missfiel dem Kommandanten.
Der Zyklop war ein Berg aus Metall, mit einer riesigen, runden Frontkuppel aus Glas, die das Gefährt wie einen einäugigen Riesen erscheinen ließ und ihm somit zu seinem Namen verholfen hatte. 
»Ausgestattet mit Torpedobatterien der Untergangs-Klasse und einem Dutzend Scherenpanzer-Anzügen, die habe ich damals selbst entwickelt«, zwinkerte ihm die neue Chefmechanikerin zu. 
»Beeindruckend«, lobte Archweyll. Trieb sie ein Spiel mit ihm?
»Die Generäle der Heerführung vergessen schnell, wem sie ihren Erfolg zu verdanken haben«, winkte Daisy ab, doch Archweyll bemerkte sofort, dass sie das heimlich zu ärgern schien. 
Der einsetzende Warpsprung war so samtweich, dass er ihn kaum noch spürte. Diese fließende Bewegung in einen Ort, jenseits von Raum und Zeit, konnte eine beeindruckende Erfahrung sein. Vor der Glaskuppel schien das Schwarz des Alls in seine einzelnen Komponenten zu zerfließen. Farben verschmolzen zu einer Kaskade der Leidenschaft, bildeten im Sekundentakt explodierende Prismen, bis sie schließlich undefinierbare Formen annahmen, die das bloße Auge kaum noch zu erkennen vermochte.
Archweyll erkannte, wie Daisy dieses Spektakel mit offenem Mund bestaunte. »Ein wahres Wunderwerk, nicht wahr?«, fragte er sanft und stellte sich neben sie, um aus dem Fenster zu schauen. Die Blicke seiner Navigatoren ignorierte er gekonnt.
»Es ist wunderschön«, hauchte die junge Frau mit großen Augen. 
»Noch 57 Minuten bis zur Ankunft«, knisterte es durch das Mikrofon. 
Der Kommandant verdrehte die Augen. Clynnt war einfach kein Romantiker. Er aktivierte die Sprachausgabe seines Kampfanzuges und linkte sich in die Mikrofonanlage ein. 
»Lagebesprechung. Tamara, Clynnt, ich möchte euch in zwei Sekunden bei mir haben…«, er zählte kurz laut runter. »Ihr seid zu spät. Beeilt euch gefälligst!«
Einen Moment später lugte Clynnts Kopf aus der Navigatorenkabine heraus. »Ist es wichtig? Das Radar zeigt mir so viele uninteressante Sachen, dass ich es vorziehen würde, weiter daraufzustarren. Man weiß ja nie.« Er lächelte verschmitzt, kam dann aber zu Archweyll herübergelaufen.
Eine Minute später öffnete sich ein Aufzug und Tamara trat auf die Kommandobrücke. Mit einem steifen Nicken begrüßte sie die anderen, bis ihr Blick schließlich auf Daisy traf. »Die Neue?«, fragte sie Archweyll ausdruckslos. 
»Ich kann durchaus für mich selbst sprechen!«, zischte die Chefmechanikerin. Für eine Sekunde schien die Luft zu knistern, als ihre Blicke sich trafen. 
Clynnt warf Archweyll einen flehenden Blick zu. »Mein Radar…«, flüsterte er und deutete mit einer Geste an, dass er plötzlich unglaublich wichtige Dinge in seiner Navigatorenkabine zu erledigen hatte. 
»Meine Damen, ich habe euch nicht hergerufen, um Liebesbekundungen auszutauschen«, grummelte Archweyll. Derlei sinnlose Feindseligkeiten empfand er als ermüdend. Aber er wusste, was an Tamara nagte. Und es war nicht die Tatsache, dass sie die neue, hübsche Kollegin als so etwas wie eine Konkurrentin wahrnahm, denn das lag unter ihrer Würde. 
Es war vielmehr der Umstand, dass sie es damals nicht geschafft hatte Howard Bering aufzuhalten und sie daher jedem Neuankömmling mit äußerster Skepsis gegenübertrat. 
Ein Instinkt, von dem Archweyll hoffte ihn niemals teilen zu müssen. »Wenn ich nun also eure ungeteilte Aufmerksamkeit habe, würde ich gerne die Missionsdetails erläutern«, fuhr er fort, schritt demonstrativ zwischen den Frauen entlang und unterband damit jeglichen Blickkontakt der beiden. Abermals aktivierte er den Hologrammgenerator und eine blaue Kugel wurde sichtbar. »Planet Nautilon, aus dem Neon-System. Seine Oberfläche besteht zu hundert Prozent aus Wasser. Aber lasst euch dadurch nicht beunruhigen, ich habe für alle Schwimmflügel eingepackt.« Sein Blick wanderte mit der Eindringlichkeit einer Nadel durch die Reihen, doch er bekam nur dezentes Kopfschütteln als Antwort. »Um bei der Sache zu bleiben, vor zehn Jahren hat die Föderation diesen Planeten für sich beansprucht und eine Forschungseinrichtung errichtet, die mittlerweile ein Fabrikant von gängigen Stimulanzmitteln für das Militär geworden ist.« 
Er merkte, wie Tamara dem Chefnavigatoren etwas ins Ohr flüsterte und dieser ihr grinsend zunickte.
Archweyll konnte nur spekulieren, worum es ging. »Doch vor ein paar Wochen haben sie dort unten etwas gefunden und es wird unsere Aufgabe sein, es zu bergen. Dafür hat uns der interstellare Rat einen Zyklopen samt Mannschaft zur Verfügung gestellt.«
Die Aussicht, bald den Himmel zu verlassen, um in der erdrückenden Tiefe eines gigantischen Ozeans nach etwas zu suchen, schien den anderen ebenso wenig zu gefallen wie Archweyll. 
»Wissen wir, um welches Objekt es sich handelt?«, fragte die Chefmechanikerin kritisch. 
»Das wird uns der Leiter der Forschungsabteilung mitteilen, es ist bisher streng vertraulich«, erwiderte der Kommandant achselzuckend. 
»Initiiere Schubfrequenz, wir verlassen den Warp«, knisterte es plötzlich aus der Sprechanlage. Sanft wie eine Feder glitt die Atharymn zurück in Raum und Zeit. Die Farben vermengten sich wieder zu einem einheitlichen Schwarz. Vor ihnen lag eine blaue Kugel, von grauen Schlieren durchzogen, die wirkten wie Geisterfäden. 
Auf den ersten Blick sah der Planet ihrer Heimat Prospecteus gar nicht mal unähnlich. Nur bei genauem Hinsehen wurde einem klar, dass die Kontinente fehlten. 
»Kreuzer auf Standby halten und über dem Planeten kreuzen«, befahl Archweyll durch das Mikrofon. »Der Einsatztrupp folgt mir in den Hangar. Wir nehmen den schnellsten Weg.«
Hektische Schritte und das Läuten von Sirenen begleiteten Archweyll, während er, flankiert von seinem neuen Team, durch den geräumigen Hangar schritt. 
Einige Arrows hatten sich bereits Abflugbereit gemacht, die pfeilschnellen Jäger würden als Eskortschiffe dienen. Vor ihnen ragte die Manticor auf, das größte Transportschiff, dass die Atharymn beheimatete. Es war ein wenig anmutiges, aber praktisches Schiff, mit drei Reihen übereinander gekreuzter Flügel und riesigen Propellerantrieben, die eine punktgenaue Landung in der Atmosphäre ermöglichten. Zischend kam ihnen die Rampe entgegen und gewährte der Truppe Einlass. 
Archweyll stieg eine steile Leiter zur Kommandobrücke hinauf, quittierte die engen Raumverhältnisse mit einem unflätigen Fluch und befahl den Startvorgang. 
Die Manticor startete und ein ohrenbetäubendes Brüllen entwich ihren Antrieben. 
»Klingt fast so wie bei mir zuhause«, knurrte der Kommandant bissig, während er sich anschnallte. »Atmosphäreeintritt in Siebzig Sekunden. Alles anschnallen«, frohlockte er. 
Tamara nahm neben ihm Platz. Ihr Blick verriet ihre Befürchtungen. »Dort unten sind wir nicht in unserem Element. Wer wird das U-Boot steuern?«, fragte sie besorgt.
»Ich mache das«, verkündete Daisy mit einem undefinierbaren Ton in der Stimme. »Schließlich habe ich es gebaut.« 
Das war es also gewesen. Archweyll schloss die Augen und entschied sich dafür, für ein paar Sekunden in das Land der Feen und Kobolde abzutauchen, um Tamaras Blick zu entgehen. 
Als er die Augen öffnete, war dieser aber immer noch auf ihn gerichtet, wie eine geladene Waffe die jederzeit feuern konnte. Und würde. 
Clynnt seufzte. »Das wird ein Spaß«, kommentierte er die Szenerie, dann brachen sie unsanft durch die Atmosphäre. 
Dichte Regenwolken schlossen sich um sie und prasselten unnachgiebig auf die Frontscheiben. Unter ihnen tobte das Meer, in einem beständigen auf und ab. 
Gischt spritzte in die Höhe, während die Wellen einen Krieg ausfochten. 
»Eine Stunde noch bis zum Ziel«, plötzlich bemerkte Archweyll trotz der Umstände so etwas wie Vorfreude in sich aufkeimen. Denn noch hatte er keine Ahnung, was ihn erwarten sollte…

 

 

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Teil 18 – High Noon (3/3)

»Erzählen Sie mir doch etwas Neues. Hat Thoben Sie geschickt?«
»Ich hatte Ihnen bereits gesagt, dass wir die Guten sind«, wiederholte Khendrah. »Wir haben ein Interesse daran, dass die Wahlen mit und nicht ohne Sie stattfinden werden. Allerdings liegen uns Informationen vor, wonach es gleich zu einem Attentat kommen wird, mit dem Ziel, Sie zu töten. Wir sind hier, um genau das zu verhindern.«
Diese Eröffnung schockte Gunter. Thomas sah es ihm an.
»Bitte drücken Sie nicht auf ihren Signalgeber«, bat er. »Wir werden uns darum kümmern, dass Ihnen nichts geschieht.«
Khendrah hatte inzwischen ihre Uniformjacke ausgezogen und holte diverse Ausrüstungsgegenstände aus ihrer Kombination. Mit geschickten Händen setzte sie ein kleines, elektronisches Gerät zusammen.
»Reichst du mir bitte einmal den Projektionskristall?«, bat sie Thomas.
Er griff in seine Tasche und reichte ihr das Gewünschte.
»Was tun Sie da?«, wollte Gunter wissen.
»Wir müssen Sie aus der Schusslinie bekommen«, erklärte Khendrah. »Und was ist besser, als Attentäter, die ein Ziel dort sehen, wo eigentlich keines zu finden ist?«
Sie richtete das Gerät auf Gunter und schaltete es ein.
»Was zum Teufel …?«, entfuhr es Gunter.
»Es ist eine Art Kamera«, erklärte sie. »Bitte bewegen Sie sich nur ganz leicht. Es ist wie ein Film. Man wird Sie sehen können. Wenn Sie sich möglichst normal bewegen, wird es um so natürlicher Aussehen.«
Nach kurzer Zeit drückte Khendrah eine Taste am Gerät und kam mit ihm um den Tisch herum auf Gunter zu. Erst jetzt fiel ihr auf, wie ähnlich Gunter Thomas sah. Sie hoffte, dass es nicht auch Gunter auffallen würde, denn sie hatte nicht vor, ihn mehr einzuweihen, als unbedingt nötig war.
Sie legte das Gerät auf den Boden und schaltete es ein. Sofort baute sich ein Feld darüber auf, in dem Gunter so erschien, wie Khendrah ihn kurz zuvor aufgenommen hatte.
»Jetzt hol mich doch …«, entfuhr es Gunter. »Was ist das für ein Gerät? Ich habe so etwas noch niemals gesehen.«
»Ein holografischer Projektor«, erklärte Khendrah. »Kommen Sie jetzt bitte hinter dem Schreibtisch hervor, Herr Manning-Rhoda. Diese Maßnahme dient nur Ihrem Schutz. Wir rechnen jeden Augenblick damit, dass eine Gruppe von PEV-Aktivisten hier erscheint, um Sie zu töten.«
»Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!«, sagte Gunter. »Sicher, die PEV ist unser Wahlgegner, aber das sind doch keine Killer.«
Trotzdem kam er hinter dem Schreibtisch hervor und blickte zu seiner Projektion zurück, die an seiner Stelle hinter dem Schreibtisch stand und sich leicht bewegte.
»Das ist faszinierend«, sagte er. »Es sieht täuschend echt aus.«
»Das ist ja gerade der Sinn der Sache«, betonte Thomas. »Man soll ja glauben das dort wären Sie.«
Gunter stand nun direkt vor Thomas und sah ihn nachdenklich an.
»Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind? Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.«
»Sie müssen sich täuschen«, entgegnete Thomas.
Er deutete auf ein paar Stellwände im Hintergrund des Raumes.
»Ich würde Sie bitten, sich dort hinter zu verstecken und uns zu überlassen, auf unsere Gegner zu warten.«
Gunter zuckte mit den Schultern, wandte sich um und verschwand hinter den Wänden, ohne weitere Fragen zu stellen. Sie würden im Ernstfall zwar keinen echten Schutz bieten, doch war er für eventuelle Angreifer erst einmal nicht zu sehen.
»Wie gehen wir es jetzt an?«, fragte Thomas Khendrah. »Wir wissen ja nicht einmal, wie viele es sein werden und von wo sie kommen.«
»Im Grunde müssen wir auf alles gefasst sein. So wie wir es geschafft haben, bis hierher vorzudringen, kann es auch jede andere Gruppe schaffen. Je größer die Gruppe, um so schwieriger sollte es jedoch sein. Ich rechne daher mit nicht mehr als vier Leuten. Ich glaube, dass sie entweder durch die Tür kommen werden, oder durch eine der Innenwände.«
»Dann sollten wir uns trennen und etwas Raum zwischen uns lassen«, schlug Thomas vor, »Damit wir unsere Waffen effektiv zum Einsatz bringen können.«
»So machen wir es«, akzeptierte Khendrah. »Aber stell deine Waffen auf tödliche Schocks ein. Wir werden uns nicht damit aufhalten, ganz exakt treffen zu müssen, um sie zu betäuben. Diese Leute werden auch keine Rücksicht nehmen und ehrlich: Ich würde es begrüßen, hier unverletzt und aufrecht wieder herauszukommen.«
Sie küssten einander kurz und trennten sich dann, um sich strategisch günstige Plätze zu suchen, von wo man einen möglichst großen Aktionsradius hatte.

Drei Männer und eine Frau gingen ruhig und zielsicher durch die große Haupthalle des Kongresszentrums. Sie trugen die übliche Uniform der Sicherheitsbeamten und besaßen jeder einen auf ihn ausgestellten Unbedenklichkeitsausweis. Sie gehörten auch dem Sicherheitsdienst an. Was niemand ahnte: Es handelte sich um glühende Anhänger der PEV und so war es ihnen eine Ehre, diesen Auftrag anzunehmen, als das Büro von Herwarth Thoben sie darum bat, ein bestimmtes Problem zu lösen.
Niemand sonst hätte sich offensichtlich gut bewaffnet unbehelligt durch das Gebäude bewegen können. Zwischendurch hatte es eine Unregelmäßigkeit gegeben, als offenbar eine männliche und eine weibliche Person sich unrechtmäßig Zugang zum Gebäude verschafft hatten. Sie hatten zunächst geglaubt, ihre Pläne ändern oder aufgeben zu müssen, doch hatte man keinen Verdacht geschöpft. Man konzentrierte sich ganz auf die Suche nach den beiden Personen, die sich noch immer irgendwo im Gebäude befinden mussten. Sie beschlossen, sich nicht darum zu kümmern und stattdessen die Suche nach den Personen für ihre Zwecke auszunutzen.
Wann immer sie gefragt wurden, wo sie hinwollten, reichte der Hinweis auf die Gesuchten, sie passieren zu lassen.
Inzwischen befanden sie sich im Gang, der zu Gunter Manning-Rhoda führte. Sie hassten den Mann nicht, aber es war ein Feind der PEV und Thoben hatte angeordnet, ihn zu liquidieren. Es sollten keinerlei Rücksichten genommen werden.
Sie redeten nicht viel miteinander. Sie mussten es auch nicht, denn jeder kannte seine Aufgabe. Sie waren ein Team – ein tödliches Team.
Vor der Tür zu Gunters Räumlichkeiten angekommen, verteilten sie sich links und rechts neben dem Eingang. Sie fassten in ihre Kragen und zogen spezielle Kapuzen heraus, die sie sich komplett über die Köpfe zogen, sodass ihre Gesichter nicht mehr zu erkennen waren. Gleichsam zogen sie Handschuhe aus dem gleichen Material an. Ihre Auftraggeber hatten keine Kosten und Mühen gescheut und ihnen hochmoderne Kevlar-Schutzanzüge spendiert. Diese hauchdünnen und federleichten Ganzkörperanzüge waren das Modernste, das die Waffenindustrie zum Schutz von Soldaten entwickelt hatte. Sie leiteten einerseits elektrische Spannungen und Schocks über die Oberfläche ab und hielten andererseits sogar Stahlmantelgeschosse auf. Der Getroffene würde mit Prellungen und leichten Verletzungen davon kommen.
Die Frau nickte den anderen zu und klopfte an die Tür. Sie machten sich bereit. Sobald sich die Tür öffnen und sich ein Sicherheitsmann melden würde, würden sie zuschlagen, doch nichts geschah. Sie blickten auf ihre Uhren. Es war Sitzungspause – ihre Zielperson musste jetzt in seinen Räumen sein. Sie klopfte ein weiteres Mal, doch wieder tat sich nichts.
Die Frau sah zu ihren Kollegen und sagte leise: »In Ordnung, wir gehen rein.«
Sie fassten ihre Waffen fester und hielten sie auf die Tür. Sie hatten Schalldämpfer aufgeschraubt, um die Lärmbelästigung auf ein Minimum zu beschränken. Die Frau zielte auf das Schloss der Tür, welches mit einem Knall zerbrach. Sie blickten sich in beide Richtungen des Ganges um, dann trat einer der Männer die Tür auf und sie stürmten hinein. Sie schwärmten sofort aus und bemühten sich um ein umfassendes Gesamtbild des Raumes.
Gunter Manning-Rhoda stand hinter seinem Schreibtisch vor dem Fenster und blickte ihnen sprachlos, jedoch nicht verängstigt entgegen. Gleichzeitig legten sie ihre Waffen auf ihn an und feuerten. Vier Thermo-Geschosse flogen auf ihr Opfer zu und schlugen hinter Manning-Rhoda ins Fenster ein. Die Hitzeentwicklung war unerträglich. Das Glas des Fensters schlug Blasen und zerriss wie Papier. Eine Alarmanlage schrillte, doch die Attentäter ignorierten es. Sie waren entsetzt, sehen zu müssen, dass ihr Opfer noch immer hinter dem nun brennenden Schreibtisch stand und sie ansah. Das war nicht möglich. Ein Thermo-Geschoss hätte seinen Körper entzünden müssen wie eine Fackel. Plötzlich flackerte das Bild von Manning-Rhoda und verlosch schließlich.
»Wir sind reingelegt worden!«, rief einer der Männer. »Das muss eine Projektion gewesen sein!«
»Wir müssen weg!«
Die Feuerlöschanlage nahm ihre Tätigkeit auf und von der Decke regnete es aus feinen Düsen eine chemische Flüssigkeit, die den Brand eindämmen sollte.
Khendrah, die sich beim ersten Anzeichen des Eindringens der Attentäter hinter eine Couch geduckt hatte, erhob sich leicht und feuerte mit ihrer Waffe auf den Mann, der ihr am nächsten stand. Er war sofort mit kleinen Blitzen und Feuerkaskaden überzogen, die über seinen gesamten Körper zu wandern schienen. Er zuckte zwar zusammen, doch er fiel nicht um. Sein Kollege reagierte unglaublich schnell und feuerte in ihre Richtung. Nur ihrer guten sportlichen Konstitution hatte sie es zu verdanken, dass sie dem Inferno entkam, welches das Thermo-Geschoss entfachte, das in der Couch einschlug, hinter der sie sich versteckt hatte. Khendrah hatte sich mit einer Flugrolle in Sicherheit gebracht, doch nun wussten ihre Gegner, wo sie sich befand.
»Thomas, auf Anilihation umschalten!«, schrie sie. »Sie haben Schutzanzüge!«
Sofort feuerte sie auf ihren Gegner, der bereits wieder auf sie angelegt hatte. Diesmal zeigte der Treffer Wirkung. Die Waffe und der halbe Arm des Mannes verschwanden plötzlich. Durch die Maske war das Gesicht des Getroffenen nicht zu erkennen, aber der gellende Schrei war nicht zu überhören. Völlig kopflos rannte er herum. Die Anderen kümmerten sich nicht um den Verletzten Kameraden, sondern nahmen Khendrah unter Feuer. Wieder gelang es ihr, durch einen beherzten Sprung zu entkommen.
Nun griff Thomas ins Geschehen ein und feuerte von seinem Standort aus auf die Angreifer. Die Frau wurde getroffen und verschwand zur Hälfte. Er musste würgen, als er erkannte, was nach seinem Schuss von seinem Ziel übrig geblieben war. Doch ihm blieb keine Zeit, seinem Gefühl nachzugeben, denn die beiden verbliebenen Männer feuerten mit dem Mute der Verzweiflung. Nun zeigte sich, dass Khendrahs hartes Training Früchte trug. Sowohl Khendrah, als auch Thomas waren nun ständig in Bewegung und bildeten somit nur schwer zu treffende Ziele. Gleichzeitig schossen auch sie aus allen Lagen. Die Angreifer hatten dazugelernt und verstanden es nun, sich ebenfalls hinter Teilen der noch verbliebenen Ausstattung zu verstecken. Khendrah und Thomas mussten mit ihren Waffen quasi erst die Deckung ihrer Gegner auflösen, bevor sie einen wirkungsvollen Treffer landen konnten.
Schließlich war es vorbei. Die Attentäter waren tot. Khendrah und Thomas erhoben sich und sahen einander an. Sie hatten beide Einiges abbekommen. Von Khendrahs Uniform war nicht mehr viel übrig geblieben. Sie hatte einige Kratzer im Gesicht und blutete am Arm. Thomas blutete aus einer Wunde an der Stirn und hatte eine Brandwunde am linken Arm.
Gunter kam vorsichtig hinter seiner Stellwand hervor. Keiner der Attentäter war auf die Idee gekommen, dass er sich dort versteckt haben konnte. Er blickte sich vorsichtig um und war entsetzt. Was er hier sah, war ein regelrechtes Gemetzel.
»Mein Gott!«, entfuhr es ihm, »Was haben Sie hier angestellt?«
Khendrah deutete auf die Überreste der Angreifer.
»Wir haben das so nicht gewollt, aber diese Leute wollten Ihren Tod und das durften wir nicht zulassen.«

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In eigener Sache:
Diese Geschichte wird bereits seit vielen Wochen als Fortsetzungsgeschichte gepostet und es könnte noch etliche Wochen so weitergehen, bis sie ihr Ende erreicht. Ursprünglich wurde der Roman natürlich nicht als Fortsetzungsgeschichte konzipiert, sondern als homogener Text. Er muss also stets aufbereitet werden, um hier erscheinen zu können.
Nun musste ich leider feststellen, dass kaum jemand überhaupt Interesse an der Geschichte hat. Das hat mich bewogen, das Posten weiterer Teile auszusetzen. Der Aufwand, weitere Teile bereitzustellen, lohnt nur, wenn die Geschichte auch gelesen wird.
Sofern es Leser gibt, die diese Geschichte bis hierher verfolgt haben und daran interessiert sind, zu erfahren, wie es weitergeht, können mich gern unter der Mailadresse blackhole@moriazwo.eu kontaktieren. Ich bin gern bereit, dann weitere Fortsetzungen zu posten.
Ich hoffe, Ihr habt für mein Verhalten Verständnis.

Ergänzung vom 22.07.2019:

Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, von Lesern kontaktiert zu werden, doch es ist tatsächlich geschehen. Man sagte mir, es wäre außerordentlich schade, dass ich das Posten weiterer Teile aussetze, man es jedoch durchaus verstehen könne, wenn zu wenige Leser die Geschichte verfolgen.
Dadurch wäre es jetzt für diejenigen, die meinen Fortsetzungsroman gelesen haben unfair, die Geschichte nicht zum Ende zu bringen. Ich weiß selbst, wie ich mich ärgere, wenn eine ausnahmsweise mal interessante TV-Serie bereits während der ersten Staffel abgesetzt wird, weil die erwartete Zuschauerzahl ausbleibt. Ähnlich wird es auch jemandem ergehen, der eine Geschichte liest, die plötzlich kein Ende mehr haben wird.
Es wird daher nach den großen Sommerferien in NRW ab dem 7. September 2019 weitere Teile geben. Ich werde dann das Posten im altbekannten Rhythmus wieder aufnehmen.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 1: Willkommen an Bord der Atharymn

Doktor Mantis J. Crowler beugte sich über seine Messungen. Wenn er Recht behalten sollte, war das eine Sensation, die ihn noch in den entlegensten Winkeln der galaktischen Föderation berühmt machen könnte. Der grauhaarige Mann in den besten Fünfzigern betrachtete seine Monitore durch eine Nickelbrille, in deren Glas sich der Schein der Bildschirme spiegelte und kratzte sich nachdenklich durch den samtigen Vollbart. Dann griff er in seinen weißen Kittel und fingerte eine Festplatte hervor, um sie mit seinen Datenquellen zu vernetzen. Wenn es darum ging, Informationen sicherzustellen, kannte Crowler kein Pardon.
Das Prasseln des Regens klopfte beständig an die verstärkten Fensterscheiben seiner Forschungseinrichtung, denn die zwei Sonnen Hercules und Ameus sorgten für ein hitziges und somit feuchtes Klima auf dem Planeten Nautilon, dessen Oberfläche gänzlich aus Wasser bestand und somit durch Verdunstung für permanente Regenströme sorgte. Eigentlich war Crowlers Abteilung dafür zuständig, medizinische Stoffe aus den Biotopen, die sich unter dem Wasser befanden, zu extrahieren und an die Fakultät auf Prospecteus zu liefern.
Eine mühselige und zweifelsohne gefährliche Aufgabe, wenn man bedachte, das die Gigantyras in den abgrundtiefen Schatten der Gewässer lauerten. Raubfische, groß wie ein halbes Hochhaus und mit der tollwütigen Aggression eines geifernden Hundes ausgestattet, der eher sterben würde, als seinen Biss zu lockern. Außerdem drangen gelegentlich hochexplosive Gase ohne Vorwarnung aus ihren Schlothöhlen, was ein wahnwitziges Problem darstellte, wenn man mit bemannten Bohrköpfen durch die Erde dringen wollte. 
Doch wenn man davon absah, war Nautilon eine Perle der Natur. Korallenriffe erstreckten sich kilometerweit durch den Ozean, ihre Farbenpracht und Artenvielfalt war nahezu grenzenlos. Riesige Kelpwälder tanzten im stillen Gleichklang durch die Gezeiten und Fischschwärme unterschiedlichster Größe schossen, auf der Suche nach Nahrung, in bunten Verbänden darum herum. Quallen, groß wie ein Lastwagen, trieben im Spiel des Wassers umher, ihre Fangarme schillerten silbern wie das Mondlicht und ihr Hut war mit ineinander vernetzten, türkisen Mustern ausgestattet, die in der Dunkelheit der Nacht so grell leuchteten wie eine Neonreklame auf Prospecteus. Und wenn seine Berechnungen stimmen sollten, hatten sie gerade einmal 2 Prozent der hiesigen Biotope erkundet und kartographiert. 
Doch das, was Crowlers Faszination erregt hatte, war etwas anderes. Am Rande der großen Sanddünen, die irgendwann einen senkrechten Abstieg in die abyssischen Tiefen des Planeten vollführten, hatten seine Scans eine ungewöhnliche Struktur signalisiert. Wenn diese Entdeckung an die Öffentlichkeit gelangen würde, könnte sich ihr ganzes Verständnis über den Warp verändern.
»Funk die Zentrale an!«, rief er laut durch das großräumige Labor, in der Hoffnung, dass sein Gehilfe Ronald ihn hören würde. »Und mach dich darauf gefasst, dass sich unser Leben bald maßgeblich verändern könnte.« 

                                                                ***

Daisy Lee stampfte kaugummikauend durch den Hangar. Ein neuer Job war ihr durchaus willkommen, nachdem sie ihre Anstellung bei Centaur Industries durch eine klitzekleine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Vorgesetzten verloren hatte. Aber dass sie ab heute an Bord eines Patrouillenkreuzers dienen sollte, hatte ihr den nötigen Nervenkitzel verliehen, der ihren Job als Chefmechanikerin so interessant machte.
Und der Kommandant des Kreuzers. Archweyll Dorne. So wie der Relictor es gesagt hat. Ein weiterer Aspekt ist gefunden.
Dass sie vorher noch nie auf einem so großen Schiff gedient hatte, beeindruckte Daisy nicht im geringsten. Um bei Centaur Industries, dem renommiertestem Waffenhersteller der galaktischen Föderation, eine Anstellung als Putzfrau zu finden, musste man schon eine hohe Qualifikation an den Tag legen. Da blieb die Frage, was es bedeutete, einer der wichtigsten Ingenieure der gesamten Anlage zu sein, einfach ohne einer Antwort zu bedürfen im Raum stehen. 
Laute Rufe und elektronische Sirenen begleiteten ihren Weg, die Luft roch nach Dieselmotoren und Maschinenöl. 
Herrlich. 
Sie rückte ihre dreckige Wollmütze zurecht und atmete einmal tief durch. Hier roch es nach einer Menge Arbeit. Instinktiv hoffte sie, dass ihr neuer Vorgesetzter ein tiefgründigeres Gespür für ihre wertvolles Können an den Tag legen mochte, doch bei der Aussicht einem Befehlshaber des Militärs unterstellt zu sein, lief es ihr kalt den Nacken runter. Es gab kaum langweiligere Bürokraten, die sesselfurzend auf ihre Vorschriften pochten, aber insgeheim hofften, jeder würde in ihnen den harten Kerl erkennen. Solange er seinen Zweck erfüllt. Und wenn er mir Schwierigkeiten macht, lege ich ihn einfach um.
Plötzlich bäumte sich vor ihr ein riesiges Raumschiff auf. Auf der Außenbordwand ließ sich der rötliche Schriftzug, welcher den Namen des Schiffes veranschaulichen sollte, gerade noch erahnen. Atharymn. Ein Licht sprang auf grün, als sie sich näherte, und zischend öffnete sich eine Pforte, hinter der sich ein Aufzug befand. Daisy grub tief in den bodenlosen Taschen ihrer ölbefleckten Sicherheitshose herum, kramte Schraubenschlüssel, Zigaretten und einen Kugelschreiber hervor, bevor sie endlich fand, was sie gesucht hatte. Sie hielt die Karte, die ihr der Beamte ausgeteilt hatte, vor den Scanner und der Aufzug öffnete sich ratternd, beförderte sie in schwindelerregende Höhe. Wenn sie den jemals so etwas wie Schwindel empfinden konnte.
»Du wirst Technikstation B14 bemannen, es könnte sein, dass dein Vorgänger etwas … sagen wir: heikle Umstände herbeigeführt hat. Rechne also nicht unbedingt damit, mit offenen Armen empfangen zu werden«, hatte ihr der Beamte mit auf den Weg gegeben.
Ein Stirnrunzeln war ihre einzige Reaktion gewesen. Wenn der Kommandant sie fertig machen wollte, konnte er sich auf etwas gefasst machen. Ein Grinsen entwich ihren Lippen, bei dem Gedanken daran. 
Wir werden ja noch sehen, wer wen fertig macht.
»Abteilung 1 – Kommandobrücke«, krähte eine mechanische Stimme und die Türen öffneten sich quietschend. Nun sollte sich zeigen, wie sich Daisys mittelfristige Zukunft gestalten würde. 

                                                                    ***

»Bist du dir sicher, dass wir einen neuen Chefmechaniker brauchen? Der letzte hat sich als überaus widerspenstig erwiesen«, fragte Clynnt Volker bedächtig. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn hatten ihn seit den damaligen Ereignissen fast gänzlich für sich eingenommen.
Archweyll quittierte ihn mit einem bellenden Lachen. »Bei all der Liebe, die ich für Bebsy hege, pflegen kann ich die alte Dame nicht. Da braucht es einen Profi und ich vertraue nur den besten.«
»Wie Howard Bering?«, erwiderte der Chefnavigator spitz. 
»Mein Gott, Clynnt, du bist ja heute in Topform«, lobte ihn der Kommandant mit einem Klopfer auf die Schulter, welcher den Navigatoren in seinen Grundfesten erschütterte. Doch als er sah, wer da aus dem Aufzug kam, wurde ihm dennoch mulmig zumute. 
»Das ist ja fast noch ein Kind«, flüsterte Clynnt und knirschte mit den Zähnen.
Die junge Frau, das auf sie zukam, kaute gelassen auf einem Kaugummi herum und schien den riesigen Rucksack auf ihrem Rücken kaum zu bemerken. Sie trug eine schwarze Lederjacke und eine farblose Mütze, ihre schweren Lederstiefel glitten fast geräuschlos über das Deck. Das krause blonde Haar hatte sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden und auf ihren kecken Lippen lag ein breites, aber ehrliches Lächeln, das die Sommersprossen auf ihren zarten Wangen förmlich zum Glühen brachte.
Archweyll studierte sie eingehend und stellte fest, dass er noch nie so lebensfrohe blaue Augen gesehen hatte. Und Leben war etwas, das sie an Bord wahrlich gebrauchen konnten. Seit den Reparaturarbeiten lag der Kreuzer still und eine bedächtige Ruhe hatte seine Korridore erfüllt. Nun wurde es Zeit, wieder in den Warp aufzubrechen. 
»Ganz nett habt ihr es hier«, lachte ihnen die Frau entgegen. »Ich bin Daisy Lee und soll hier als Chefmechaniker antreten. Mache Meldung.« Sie salutierte gespielt ehrfürchtig. 
Clynnt rümpfte die Nase. »Wir werden schneller tot sein, als wir Babypuder rufen können«, flüsterte er forsch in Archweylls Ohr. Der Kommandant grunzte ihm etwas unverständiges entgegen.
»Oh nein«, der Chefnavigator trat einen Schritt zurück. »Diesen Gesichtsausdruck hast du erst einmal an den Tag gelegt, damals, als Tamara hier angeheuert hat. Bitte, nicht schon wieder, Arch.«
»Klappe«, knurrte der Kommandant. »Begrüßt man so einen Frischling?« er breitete feierlich die Arme aus. »Willkommen an Bord der Atharymn!«, rief er Daisy entgegen. »Ich bin Kommandant Archweyll und dieser gutaussehende, überaus sportliche Jungspund zu meiner Rechten, ist Cylnnt Volker, mein Chefnavigator.« 
Der Mann nickte knapp zur Begrüßung. 
»Er mag mich nicht. Das ist in Ordnung, solange er nicht in meiner Arbeit herumpfuscht«, antwortete Daisy gelassen.
Archweyll hörte, wie Clynnt scharf die Luft einsog, sich aber dann doch gegen einen Kommentar entschied. 
»Wie ich sehe, scheust du dich nicht davor, deine Meinung kundzutun«, begann er seine Ansprache, doch er wurde jäh unterbrochen. 
»Ihr werdet mit meiner Meinung leben müssen oder ich bin weg. Denn sonst kann ich meine Arbeit nicht so ausführen, wie es für alle das Beste wäre. Ich brauche niemanden, der mir sagt, woran ich bin. Das sehe ich von alleine.« Sie zwinkerte dem Kommandanten zu. »Und manchmal gefällt mir sogar, was ich sehe.« 
»Ich werde ja ganz verlegen«, räusperte sich Archweyll »Ich zeige dir alles, was du für deine Arbeit wissen musst«, erklärte er dann. Clynnts Kopfschütteln bekam er nur am Rande mit. 
»Wenn Tamara das rausfindet, bist du tot«, kicherte der Chefnavigator nur, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

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17. Teil – High Noon (2/3)

»Dann können wir Sie beruhigen«, sagte Khendrah. »Denn wir stehen auf derselben Seite. Wir müssen die Sicherheit von Manning-Rhoda gewährleisten und müssen wirklich dringend in dieses Kongresszentrum. Ich will offen zu Ihnen sein: Wir haben Informationen, die der Parteichef unbedingt erhalten muss, wenn er die Wahlen noch erleben will.«
Thomas sah Khendrah entgeistert an. Wie konnte sie diesem Mann gegenüber offen solche Aussagen machen? Doch sie hatte ihren Piloten offenbar richtig eingeschätzt.
»Wenn das so ist, werde ich jetzt mal richtig Dampf machen«, teilte er mit und schob den Steuerknüppel nach vorn. Das Taxi machte einen regelrechten Satz und flog mit beachtlicher Geschwindigkeit weiter. In der Ferne tauchten einige Hochhäuser auf. Eines davon überragte alle anderen und an seiner Spitze befand sich eine auf den Kopf gestellte Pyramide.
»Das ist ja eine interessante Konstruktion«, sagte Thomas. »Können Sie mir sagen, was das für ein Gebäude ist?«
Der Pilot schüttelte den Kopf. »Sie können wirklich nicht von hier stammen. Das ist das Gebäude der PEV. Dieser Thoben muss ja unbedingt immer protzen. Man sollte diesem Gebäude nicht zu nahe kommen, ohne eine Einfluggenehmigung. Es sind schon Flugmaschinen abgeschossen worden und es kam nicht einmal zu einer Gerichtsverhandlung.«
Er deutete nach vorn, wo ein flacher, breiter Gebäudekomplex auftauchte.
»Dort ist unser Ziel«, sagte er. »Ich werde Sie so nah ans Gebäude heranbringen, wie man es zulässt. Richten Sie sich darauf ein, schnell aussteigen zu müssen. Ansonsten wünsche ich Ihnen viel Glück beim Schutz unseres Kandidaten für die Wahlen.«
Die letzten Kilometer flogen sie schweigend. Der Pilot war geschickt und passierte alle Sperren, die man errichtet hatte, um unbekannte, anfliegende Objekte aufzuhalten.
Khendrah war nicht eben begeistert darüber, denn, wenn es ihnen gelang, unkontrolliert auf das Gelände zu gelangen, würde es einer gut ausgerüsteten Gruppe von Attentätern erst recht gelingen. Als sie gelandet waren, dankten sie dem Piloten noch einmal, sprangen aus der Maschine und liefen geduckt auf das Gebäude zu.
In einiger Entfernung sahen sie einige uniformierte Sicherheitskräfte, die sich ihnen schnell näherten.
»Bleiben Sie stehen!«, rief einer der Männer ihnen zu. »Sie haben hier nichts verloren!«
»Was jetzt?«, fragte Thomas.
»Was schon? Willst du etwa mit diesen Leuten dort darüber diskutieren, warum wir hier sind? Wir sollten machen, dass wir ins Gebäude kommen, bevor sie uns erreichen.«
Sie beschleunigten ihren Lauf und rannten, so schnell sie konnten, zu einer nahe liegenden Stahltür, durch die sie ins Gebäude zu gelangen hofften. Khendrah zog ihre Waffe aus der Kombination und fingerte daran herum. Sie hatten Glück: Die Tür ließ sich öffnen. Schnell schlüpften sie hinein und warfen sich von innen schwer dagegen, um sie zu schließen, denn ihre Verfolger waren ihnen dicht auf den Fersen.
»Schnell, geh ein Stück beiseite!«, rief Khendrah und feuerte mit ihrer Waffe mehrfach auf Kanten der Metalltür, die an diesen Stellen sofort mit dem Rahmen verschmolz. Es stank stark nach verbrannter Farbe und Ozon.
»So, jetzt haben wir eine kleine Verschnaufpause«, sagte Khendrah. »Durch diese Tür werden sie uns nicht mehr folgen können.«
In diesem Moment schrillte ein Alarm los. Erschreckt blickten sie sich um.
Thomas deutete auf einen kleinen Kasten unter der Decke. »Wenn das dort ein Rauchmelder ist, wie ich ihn kenne, haben wir den Alarm selbst ausgelöst und man weiß genau, wo wir uns befinden.«
»Verdammt, du hast recht!«, fluchte Khendrah. »Also keine Verschnaufpause. Wir müssen im Gebäude untertauchen.«
»Untertauchen allein ist es ja wohl nicht, oder?«, fragte Thomas. »Wir müssen in die unmittelbare Nähe von Gunter, damit wir ihn schützen können.«
Er öffnete eine weitere Tür, die tiefer ins Gebäude hinein führte und sie befanden sich in einem langen Gang, von dem in Abständen weitere Gänge abzweigten. Sie folgten dem Hauptgang, weil sie vermuteten, dass er sie in die Nähe der Kongressräumlichkeiten führen würde. Bisher war ihnen noch niemand begegnet, doch das konnte sich jederzeit ändern, denn der Alarm war noch immer nicht abgestellt worden. Jeden Augenblick rechneten sie damit, dass Jemand erscheinen würde, um nach dem Rechten zu sehen. Endlich erreichten sie ein Treppenhaus, an dessen Wand eine schematische Zeichnung des gesamten Stockwerks zu sehen war. Sie waren auf dem richtigen Weg, doch befanden sie sich offenbar in einem falschen Stockwerk. Der Personenaufzug neben dem Treppenhaus setzte sich in Bewegung.
»Schnell, die Treppe!«, rief Thomas. »ich habe nicht vor, ausgerechnet hier jemandem zu begegnen. Ich würde mich wohler fühlen, wenn wir in Bereichen untertauchen könnten, wo viele Menschen herumlaufen.«
»Gut, dann los!«, sagte Khendrah und sprintete los, dass Thomas Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie erreichten gerade rechtzeitig die nächste Etage, bevor sich die Aufzugtür unter ihnen öffnete und zwei Männer heraustraten. Sie verhielten sich ruhig, bis die Schritte der Männer in der Ferne verschwanden. Ihren Gesprächen zu Folge, sollten sie den Grund des Alarms überprüfen und waren offenbar reichlich genervt, weil sie bereits mehrfach vergebens zu diversen Kontrollen geschickt worden waren.
Khendrah studierte den Grundrissplan im oberen Stockwerk und erkannte, dass sie hier richtig waren.
»Sieh hier«, sagte sie und deutete auf den Plan. »Wenn wir diesen Gang nehmen, gelangen wir zu den Kongressbereichen. Dann gilt es nur noch, die privaten Räumlichkeiten von Gunter zu finden.«
»Wir haben aber auch nur noch knapp eine Stunde Zeit, bis das Attentat verübt werden soll«, wandte Thomas ein. »Es wird allmählich eng für uns.«
»Ab jetzt stellen wir unsere Waffen auf Betäubung«, entschied Khendrah. »Kein Risiko. Wer sich uns ab jetzt in den Weg stellt, wird betäubt.«
Sie kontrollierten die Einstellungen ihrer Waffen und nahmen sie fest in die Hand. Dann machten sie sich auf den Weg. Je näher sie der großen Haupthalle kamen, um so stärker vernahmen sie die Geräusche der vielen geladenen Gäste, die dort redeten, diskutierten und diverse Getränke oder Speisen zu sich nahmen.
»Gleich müssen wir uns unter das Volk mischen«, sagte Thomas. »Ich glaube nicht, dass uns das in diesem Aufzug hier gelingen wird, ohne dass wir auffallen.«
Khendrah sah ihn abschätzend an und nickte. »Du hast recht, wir müssen uns etwas einfallen lassen.«
»Hast du eine Idee?«
»Vielleicht«, meinte Khendrah mit einem schiefen Lächeln. »Warte einen Augenblick hier und halte dich bereit. Ich besorge uns was.«
Bevor Thomas noch fragen konnte, war Khendrah durch die nächste Tür in der Haupthalle verschwunden, doch wenige Augenblicke später kehrte sie bereits zurück und rannte ein paar Meter in den Gang hinein.
»Du musst jetzt gleich schnell schießen«, rief sie, als die Tür zum Gang heftig aufgestoßen wurde und mehrere Sicherheitsbeamte hinter Khendrah durch die Tür stürmten.
»Bleiben Sie sofort stehen!«, rief einer der Beamten. »Ich muss sonst von meiner Waffe Gebrauch machen!«
Khendrah blieb stehen und drehte sich langsam um. Ihre Waffe hielt sie mit spitzen Fingern.
»Nicht schießen!«, sagte sie. »Ich ergebe mich!«
Thomas stand hinter den Sicherheitsbeamten. Sie hatten ihn nicht bemerkt, weil sie auf Khendrah fixiert waren. Er hob seine Betäubungswaffe und drückte ab, bis alle Sicherheitsleute bewusstlos waren. Das Ganze ging so schnell, dass sie nicht mehr in der Lage waren, zu reagieren.
»Eines muss man dir lassen«, sagte Khendrah anerkennend. »Du hast schnell gelernt. Man ist draußen in der Haupthalle recht sensibel. Ich habe mich kaum dort sehen lassen, als sie bereits hinter mit her stürmten.«
Thomas betrachtete die bewusstlosen Leute und fand, dass jemand dabei war, der ungefähr seine Statur besaß.
»Die Sachen von diesem hier sollten mir passen. Dort vorn ist auch eine Frau.«
»Leider ist sie etwas dicker, als ich«, monierte Khendrah. »Die Uniform wird an mir aussehen wie ein Sack.«
»Übertreib nicht! Für das, was wir vorhaben, wird es schon reichen.«
Sie schafften die Bewusstlosen in eine Besenkammer und zogen zwei der Leute ihre Uniform aus, die sie über ihre eigenen Kombinationen zogen. Nach einigem Zupfen sahen sie im Grunde glaubwürdig nach Sicherheitsbeamten aus. Sie hefteten sich die Sicherheitsausweise an die Brust und traten in die Haupthalle hinaus. Nun wurden sie nicht weiter beachtet und konnten sich ungestört durch die Menge bewegen. Ihr Ziel war der große Plan des Gebäudes, der an den Laufbändern angebracht war, über die alle Gäste zu den jeweiligen Kongressbereichen gelangen konnten.
Selbst, als sie vor dem Plan standen und ihn eingehend studierten, achtete niemand auf zwei Sicherheitsbeamte, die sich intensiv um einen Überblick bemühten.
»Ich hab’s«, sagte Thomas und deutete auf eine bestimmte Stelle des Plans. »Dort steht ‘Privatlounge’. Dort muss es sein.«
Khendrah reagierte sofort: »Dann los, wir haben nicht mehr viel Zeit.«
Sie stürmten das Laufband entlang und stießen einige Menschen beiseite, die ihnen ärgerlich hinterher schimpften. Nach kurzer Zeit gelangten sie in einen ruhigeren Teil des Gebäudes. Es gab hier mehr Sicherheitsleute als unten in der Halle, doch niemand behelligte sie. Niemand kam auf die Idee, dass sie keine normalen Sicherheitskräfte waren.
Khendrah fand schließlich die Räumlichkeiten von Gunter.
»Er muss dort drin sein.«
»Worauf warten wir dann noch ?«
Er prüfte noch einmal seine Waffen, dann versuchte er, die Tür zu öffnen, doch sie war verschlossen. Sie klopften. Sie klopften noch ein zweites Mal. Dann wurde die Tür geöffnet und ein Mann blickte unfreundlich zu ihnen nach draußen.
»Ja? Was wollen Sie?«, fragte er. »Der Parteivorsitzende will jetzt nicht gestört werden.«
»Wir müssen ihn aber unbedingt sprechen«, sagte Khendrah. »Es dauert auch nicht lange.«
Der Mann sah sie skeptisch an. Man konnte sehen, dass er nicht bereit war, sie zu Gunter vorzulassen.
»Sie gehören doch zu den Sicherheitsleuten des öffentlichen Bereichs, wie ich Ihren Ausweisen entnehme. Was haben Sie überhaupt hier bei der Privatlounge zu suchen?«
Die Miene des Mannes wurde noch abweisender.
»Das werden wir Herrn Manning-Rhoda gern persönlich erklären«, sagte Thomas.
Der Mann lächelte maskenhaft.
»Ich werde Sie ganz bestimmt nicht zu ihm vorlassen. Ich werde – ganz im Gegenteil – in der Zentrale nachfragen, wer Sie geschickt hat.«
»Oh, das werden Sie nicht tun«, meinte Khendrah und betäubte ihn mit ihrer Waffe. Thomas fing den schlaffen Körper auf und ließ ihn neben der Tür zu Boden gleiten. Khendrah stieß die Tür auf und sicherte Thomas mit ihrer Waffe. Ein weiterer Mann sprang auf, war aber bereits betäubt, bevor er ganz auf den Beinen war und fiel gleich wieder zurück in seinen Sessel.
Thomas drückte die Tür zu und verschloss sie.
Ein Mann stand hinter einem riesigen Schreibtisch und starrte sie an.
»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«, fragte er mit fester Stimme.
Es war ihm nicht anzumerken, ob er durch ihre Anwesenheit und die Art, wie sie erschienen waren, beeindruckt war.
»Sie sind Gunter Manning-Rhoda, der Parteivorsitzende der SLB, nicht wahr?«, fragte Khendrah. »Ach ja, machen Sie sich keine Gedanken um Ihre Mitarbeiter. Ihnen ist nichts geschehen. Wir haben sie nur für einige Zeit betäubt.«
»Ich bin Manning-Rhoda, aber wer sind Sie? Ich halte hier einen kleinen Kommunikator in der Hand. Ein Fingerdruck von mir und es wird hier vor Sicherheitsleuten nur so wimmeln. Also was wollen Sie? Reden Sie schnell – mein Finger ist sehr nervös.«
»Sie müssen sich keine Sorgen machen, Herr Manning-Rhoda«, sagte Khendrah. »wir sind die Guten. Sie haben mächtige Feinde, wissen Sie das?«
Gunter lachte freudlos.

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16. Teil – High Noon (1/3)

Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, das Khendrah auf sich genommen hatte, Thomas in einen Kämpfer zu verwandeln. Die Hypnoseschulung hatte er gut verkraftet, doch ohne praktische Erfahrung im Nahkampf mit und ohne Waffen war dieses Wissen nichts Wert. Also trainierte Khendrah täglich mehrere Stunden mit ihm im Trainingsraum der Jahresstation. Am schwierigsten war es, Thomas die notwendige Kondition und eine gewisse Beweglichkeit zu verschaffen. Wochenlang brachte sie ihm alles bei, was sie konnte und ganz allmählich wurde Thomas immer besser und es fiel Khendrah von Tag zu Tag schwerer, ihn zu besiegen. Auch der Umgang mit den Waffen der Agenten wurde immer besser.
Schließlich war es so weit.
»Morgen werden wir ins Jahr 2110 reisen und Gunter Manning-Rhoda aufsuchen«, entschied sie, »wir sind nun zwei gute Kämpfer und sind hoch motiviert. Mit der richtigen Ausstattung sollte es möglich sein, Herwarth Thobens Killer zurückzuschlagen und deinem Nachkommen das Leben zu retten.«
»Um wie viel Uhr Ortszeit wurde Gunter getötet?«, wollte Thomas wissen.
»Gegen Mittag«, sagte Khendrah, »wir sollten daher schon am frühen Morgen dort eintreffen und uns bereit halten.«
»Hast du vor, mit Gunter Kontakt aufzunehmen?«, wollte Thomas wissen.
»Das lässt sich wahrscheinlich nicht umgehen«, vermutete Khendra, »aber wir sollten ihm keinesfalls unsere wahren Identitäten verraten. Wir erledigen das Problem mit den Killern, sehen zu, dass die lokalen Sicherheitskräfte es mitbekommen und ziehen uns wieder zurück. Das sollte reichen, um die Polizeikräfte dieser Zeit auf Herwarth Thobens Fährte zu setzen.«
»Wann sollen wir starten?«, fragte Thomas.
»Ich würde vorschlagen, dass wir uns jetzt gleich ausrüsten und uns auf den Weg machen.«
Thomas machte ein skeptisches Gesicht.
»Was ist mit Fancan?«, fragte er, »Besteht nicht die Gefahr, dass man uns in der äußeren Zeit finden kann, wenn wir dort herumlaufen?«
Khendrah winkte ab.
»Wir werden nicht lange genug dort sein, um einen Scan fürchten zu müssen. Ganz so schnell sind die Suchsysteme der Behörde nun auch wieder nicht.«
Sie gingen in die Waffenkammer und schauten sich um. Es war schon faszinierend, dass man alles, was man benötigte, einfach aus einer Waffenkammer einer Station holen konnte, die eigentlich gar nicht in Betrieb sein durfte. Es war alles da, was man sich nur wünschen konnte: Sicherheitskleidung gegen Projektilwaffen und Anilihationswaffen, die Waffen selbst, jede Menge Munition, sowie jegliche Art von Kommunikatoren. Sie entschlossen sich, sogenannte In-Ohr-Geräte zu verwenden, um immer in Verbindung zu bleiben. Die Waffen waren recht klein, sodass sie bis an die Zähne bewaffnet in Richtung Zeitaufzug marschierten. Khendrah beseitigte die Zugangssperre, die bisher verhindert hatte, dass jemand unangemeldet in ihre Station eindringen konnte. Kurz danach öffnete sie die Tür und sie betraten die Kabine.
Thomas fühlte sich eigenartig, als er an sich herunterblickte. Bis vor kurzer Zeit war er ein unwissendes Opfer der Behörde und nun machte er sich bereit, an der Seite einer Zeitagentin selbst in einen verrückten Kampf zu ziehen. Khendrah stellte die Zielzeit ein und drückte auf den Start-Knopf, worauf sich die Kabine in Bewegung setzte.
Khendrah betrachtete Thomas eingehend. Bei ihm hatte sie ganze Arbeit geleistet. So leicht würde es niemand fertig bringen, ihn zu überwältigen. Ihr ganzer Blick drückte Anerkennung aus.
»Was ist?«, fragte Thomas, der ihren Blick bemerkt hatte.
»Ach, es ist nichts«, sagte sie lächelnd, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss. »Es ist nur … du hast dich verändert. Deine ganze Haltung ist härter, selbstbewusster geworden. Ich habe nicht mehr das Gefühl, für deine Sicherheit sorgen zu müssen. Nein im Gegenteil – ich fühle mich sicher, weil ich dich bei mir habe.«
»Es gefällt dir also?«, fragte Thomas, nach Zustimmung heischend.
Khendrah tat ihm den Gefallen und sagte mit einem schweren Seufzer: »Oh ja, das gefällt mir sehr.«
Thomas’ Blick fiel auf die Zeitanzeige der Kabine. Nur noch wenige Jahrhunderte und sie würden ihr Ziel erreicht haben.
»Was meinst du, wird man dort, wo wir gleich ankommen, erkennen, dass wir bewaffnet sind?«, fragte er.
»Wenn wir Pech haben, kann das geschehen«, vermutete Khendrah. »Wir sollten daher versuchen, so schnell wie möglich ans Ziel zu gelangen.«
Ein Signal zeigte an, dass die Kabine das Jahr 2110 erreicht hatte. Entschlossen drückte Khendrah die Tür auf und sofort stürzte die Realität des Jahres 2110 auf sie ein.
Sie standen am Rand einer extrem stark befahrenen Straße und es herrschte ein unglaublicher Lärm. Thomas hielt sich unwillkürlich die Ohren zu. Er stammte selbst aus einer Großstadt und kannte Verkehrslärm, doch dieser hier sprengte jeden Rahmen. Er blickte nach oben und sah, dass sich der Verkehr nicht nur auf die Straße am Boden beschränkte, sondern dass zahllose Flugmaschinen in – nicht enden wollenden – Bändern in unterschiedlichsten Höhen umherflogen. Der Stadtverkehr hatte in dieser Zeit offenbar die dritte Dimension erobert.
Hunderte von Passanten flossen wie ein zäher Brei an ihnen vorbei und stießen zum Teil mit ihnen zusammen. Entschuldigungen oder auch Beschimpfungen schallten von allen Seiten.
»Wir sollten hier nicht stehen bleiben!«, rief Khendrah Thomas ins Ohr. »Es fällt auf, wenn wir die Leute behindern, in dem wir hier einfach nur herumstehen.«
Sie stieß Thomas in eine Richtung und sie passten sich dem Fluss der Passanten an.
»So habe ich es mir nicht vorgestellt!«, rief Thomas. »Wie sollen wir uns hier überhaupt zurechtfinden?«
»Es muss hier irgendwo sogenannte Infoboxen geben«, antwortete Khendrah. »Wir müssen eine finden und können dann herausfinden, wo wir Gunter Manning-Rhoda finden können.«
Sie liefen noch eine Weile weiter und quetschten sich durch die Menschenmenge, ohne eine Infobox zu finden. Thomas begann zu schwitzen, denn es war ein heißer Sommertag und die Sonne brannte erbarmungslos in die Straßenschluchten hinein. Diesen Umstand hatten sie leider bei der Wahl ihrer Ausrüstung nicht bedacht, denn sie waren weit und breit die einzigen Menschen, die mit körperbedeckender Kleidung anzutreffen waren. Viele der Passanten starrten sie ungläubig an, während sie an ihnen vorbei liefen. Thomas ließ sich von der Erscheinung der jungen Mädchen ablenken, die ihnen entgegen kamen. Offenbar war die Mode für junge Mädchen noch freizügiger geworden, als sie schon im Jahre 2008 gewesen war. So trugen Manche lediglich einen extrem kurzen Rock und nicht einmal ein Oberteil. Oft verhinderten lediglich die in dieser Zeit sehr lang getragenen Haare einen Blick auf die blanken Brüste der jungen Frauen. Niemand schien jedoch daran Anstoß zu nehmen, denn niemand nahm davon besonders Notiz – bis auf Thomas, der überhaupt nicht wusste, wo er hinblicken sollte. Als Khendrah bemerkte, wie sehr Thomas abgelenkt war, knuffte sie ihn in die Seite.
»Verdammt Thomas, nimm dich zusammen! Niemand außer dir starrt die Frauen an! Es ist wohl normal, wie sie hier herumlaufen, also benimm dich bitte auch normal!«
Thomas fühlte sich ertappt. »Finde lieber eine Infobox, anstatt mich zu kontrollieren!«
Es dauerte noch einige Minuten, doch dann sahen sie in der Ferne eine Art Telefonzelle mit einem großen weißen Buchstaben »i« auf blauem Grund, welches sich auf ihrem Dach drehte.
»Das muss es sein!«, rief Khendrah und beschleunigte ihre Schritte.
Sie hatte recht, doch standen bereits mehre Leute davor und warteten darauf, die Infobox benutzen zu können.
»Verdammt, das kostet uns eine Menge Zeit!«, schimpfte Khendrah. »Aber ich suche jetzt nicht nach einer weiteren Box, um dann festzustellen, dass sie genau so belagert ist.«
Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis sie endlich in der Zelle standen.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte der Automat mit sonorer Stimme. Ein Eingabeterminal gab es offenbar nicht, also verfügte die Box über eine Spracheingabe.
»Wir suchen den Aufenthaltsort von Gunter Manning-Rhoda«, sagte Khendrah.
»Bitte warten Sie einen Moment. Ihre Anfrage wird bearbeitet.«
Nach kurzer Zeit meldete sich der Automat wieder: »Information verfügbar. Bitte authentifizieren Sie sich, um den Status des Umfangs der Berechtigung prüfen zu können.«
»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Thomas leise, doch Khendrah winkte ab. Sie zog eine Art Ausweis aus ihrer Kombination und drückte ihn mit der Vorderseite vor einen Scanner, der in der Infobox installiert war.
»Danke«, sagte der Automat. »Sie haben Anspruch auf Informationen der Prioritätsstufe eins. Gunter Manning-Rhoda, Anführer der Sozialliberalen Bürger (SLB), wohnhaft Altheman-Allee 1309, hält sich aktuell auf im Kongresszentrum Hohenheide. Ist Ihre Frage damit beantwortet?«
»Ja«, sagte Khendrah.
»Infobox.net dankt für die Benutzung des Services. Die Sitzung ist beendet. Auf Wiedersehen.«
Sie verließen die Box und überlegten, wie sie jetzt vorgehen sollten. Thomas blickte auf seine Uhr, die er sich aus der Ausrüstungskammer der Jahresstation mitgenommen hatte. Sie zeigte 10:35 Uhr an.
»In etwa eineinhalb Stunden wird das Attentat verübt«, sagte er, »wir haben nicht mehr viel Zeit. Gibt es hier vielleicht so etwas wie ein Taxi – ein Mietfahrzeug mit Fahrer, der uns an jedes gewünschte Ziel bringt?«
Khendrah deutete auf eine Reihe von kleinen, Hubschraubern ähnlichen Fahrzeugen, die am Straßenrand standen und in denen jeweils ein Fahrer oder Pilot gelangweilt in einer Zeitung las.
»Wie würdest du das nennen? Ich denke, das ist genau das, was wir brauchen. Die Dinger können fliegen und bleiben nicht im Bodenverkehr stecken.«
»Na dann los!«, rief Thomas und zog Khendrah zu einem der Hubtaxis.
»Sind Sie frei?«, fragte er den Mann hinter dem Steuerknüppel.
»Na, wonach sieht’s denn aus?«, fragte dieser zurück, »Wohin soll’s denn gehen?«
»Kongresszentrum Hohenheide«, sagte Khendrah. »Wir haben es eilig.«
»Ja, ja, eilig haben sie es alle«, murmelte der Pilot. »Steigen Sie ein, wir heben gleich ab. Ach ja, ich muss Ihnen gleich sagen, dass die Verweildauer auf dem Kongressgelände heute wegen des Parteitages der SLB nur begrenzt ist. Sie werden sofort aussteigen müssen, sobald ich dort gelandet bin. Aus diesem Grunde wäre es nett, wenn Sie mir den Flug schon jetzt bezahlen könnten.«
»Das ist kein Problem«, sagte Khendrah und reichte dem Piloten lächelnd eine kleine Plastikkarte, die dieser durch einen kleinen Scanner an seinem Armaturenbrett zog.
»Ich danke Ihnen«, sagte der Mann, als er die Karte wieder nach hinten reichte. »Schnallen Sie sich bitte an. Ich fürchte, ich werde einige harte Manöver fliegen müssen, bis wir auf der richtigen Luftstraße sind.«
Die Rotorblätter des kleinen Fliegers waren bereits angelaufen. Die Türen schlossen sich automatisch und das Lufttaxi hob zügig vom Boden ab. Sofort tauchte der Pilot in das Fahrzeuggewimmel in der Luft ein und flog in scheinbar waghalsigen Manövern immer höher, bis er sich in die Kette einiger, zum Stadtrand strebender, Flieger eingereiht hatte.
»Sind Sie auch von der SLB?«, wollte der Pilot wissen. »Ich habe heute schon einige Fluggäste zum Parteitag geflogen.«
»Im weitesten Sinne ja«, stimmte Thomas zu. »Wir müssen mit Gunter Manning-Rhoda reden.«
Der Pilot lachte laut auf.
»Na, da wünsche ich Ihnen aber viel Glück. Der Parteichef wird sicherlich sehr gut abgeschirmt, nach dem Theater kürzlich mit den Anhängern der PEV.«
»Welches Theater?«, fragte Khendrah. »Was ist passiert?«
»Sagen Sie bloß, Sie haben nicht von den Ausschreitungen während einer Demonstration gegen die PEV gehört! Es ging doch durch alle Medien.«
»Wir sind nicht von hier«, sagte Thomas entschuldigend. »Manning-Rhoda ist doch nichts passiert?«
»Nein, nein, die Sicherheitskräfte waren wachsam. Sie haben ihn wirkungsvoll abgeschirmt.«
»Dann kommen wir vielleicht doch nicht zu spät«, meinte Khendrah. »Ich hatte schon Angst, wir hätten einen Fehler gemacht.«
»Was seid Ihr eigentlich für Leute?«, fragte der Pilot. »Seid Ihr wirklich von der SLB?«
»Sie sind ein Anhänger der SLB?«, wollte Thomas wissen.
»Da können Sie aber Gift darauf nehmen!«, sagte der Mann heftig. »Und ich fliege Sie keinen Meter weiter, wenn Sie dort etwas anstellen wollen! Im Herbst sind die Wahlen und ich bete jeden Tag, dass dieses faschistische Monster Thoben und seine PEV dann in die Schranken gewiesen wird.«

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15.Teil – Die Sucher (2/2)

Cheom wandte sich um und führte die Beiden in einen großen, kuppelförmigen Raum, in dem zahlreiche Sessel und Liegen standen. Der Raum war nur mäßig beleuchtet, sodass seine wahre Größe nur erahnt werden konnte. Das wirklich beherrschende Inventar war eine riesige, gläsern wirkende Kugel, die mitten im Raum zu schweben schien.
»Nehmt Platz, wo Ihr wollt«, bot Cheom an, »macht es euch bequem. Ich werde noch ein paar Getränke holen und dann mit euch eine kleine Reise durch die Zeit machen.«
Minuten später ging es los. Die Kugel erhellte sich und Cheom zeigte Fancan, wie sich der Zeitfluss und die Entwicklung der Menschheit unter der ständigen Manipulation der Behörde allmählich immer weiter von seiner natürlichen Entwicklung wegbewegt hatte. Er zeigte, dass die Menschheit systematisch ihrer Möglichkeiten beraubt wurde, Erfahrungen zu machen und daraus zu lernen. Immer, wenn eine Entwicklung ein eine Richtung zeigte, die der Obersten Behörde suspekt erschien, wurde sie brutal unterbunden und ungeschehen gemacht. Allein durch die Arbeit der Agenten starben viele Tausende Menschen und immer wurde es durch die Behörde abgesegnet und angeordnet, um für Stabilität zu sorgen.
Cheom zeigte vergleichend immer, wie die normale Entwicklung ohne den Eingriff verlaufen wäre.
»Wie können Sie wissen, wie die normale Entwicklung gewesen wäre?«, wollte Fancan wissen, die bereits sehr verunsichert wirkte, »Sie wurde ja schließlich durch eine Manipulation niemals endgültig real.«
»Wir arbeiten mit zwei Methoden«, erklärte Cheom, »einmal haben wir sehr leistungsfähige Rechenanlagen, die uns Interpolationen liefern, die sehr nah an der Realität liegen. Dann greifen wir aber auch auf die zentralen Register der Obersten Behörde zu und vergleichen die dort als geheim gespeicherten Informationen mit unseren errechneten Interpolationen. Stimmen sie im Kern überein, müssen wir sie als realistisch einstufen.«
»Sie haben Zugriff auf die geheimen Register der Behörde?«, wunderte sich Fancan.
Cheom lachte verhalten.
»Selbstverständlich haben wir den – natürlich ohne die Kenntnis und Zustimmung der Behörde. Es dient dem reinen Selbstschutz – und natürlich auch der Planung von Maßnahmen gegen eure Manipulationen.«
»Ich glaube, ich verstehe nicht …«, sagte Fancan.
»Vor etwa tausend Jahren geschah etwas, dass uns überhaupt erst auf euch aufmerksam gemacht hat«, sagte Cheom, »bis zu diesem Zeitpunkt war diese Welt relativ dicht besiedelt. Doch von einem auf den anderen Tag verschwand der größte Teil der Bevölkerung und hinterließ ein totales Chaos. Die hier verbliebenen Menschen hatten zum Teil Erinnerung an das Vorher, zum Teil aber auch nicht. Die Meisten waren der Ansicht, dass es schon immer so wenige Menschen gegeben habe. Unter den Menschen mit der Erinnerung an einen dicht besiedelten Planeten befanden sich einige der besten Wissenschaftler unserer Welt. Sie stellten eine Theorie auf, wonach es sich um eine temporale Verwerfung gehandelt haben muss, die sich nur zum Teil in die Zukunft fortgepflanzt hatte. Sie begannen die Zeit zu erforschen – etwas, das man seit Urzeiten nicht mehr getan hatte. Nach und nach lernten sie, die Natur der Zeit zu verstehen und fanden heraus, wie man die Vergangenheit erforschen konnte. Dabei stießen sie auf einen brutalen Krieg am Rande des zweiundachtzigsten Jahrhunderts, der mit Waffen geführt wurde, die zu massiven Veränderungen des Planeten geführt haben. Erst bei der Erforschung der Ursachen fand man einige Ungereimtheiten heraus. So schienen diverse wissenschaftliche Errungenschaften nicht folgerichtig entwickelt worden zu sein. Wir gingen weiter in die Vergangenheit zurück und trafen auf Ihren Zeitvektor und Ihre Behörde, was uns zunächst sehr verblüffte, da wir davon ausgegangen waren, dass wir die Zeitforschung erst entdeckt hatten. Nun mussten wir feststellen, dass Zeitforschung, Zeitreise und Zeitmanipulation bereits ein sehr alter Hut war. Allerdings erkannten wir sofort, dass es die Manipulationen der Behörde waren, die zur Katastrophe im zweiundachtzigsten Jahrhundert geführt hatten. Eure Analysten hatten schlampig gearbeitet und eine Entwicklung gefördert, die Auswirkungen bis in unsere Zeit hatte.«
Cheom machte eine kurze Pause und sah Fancan an.
»Haben Sie bis hierher alles verstanden?«, wollte er wissen.
Fancan nickte. Sie konnte nicht umhin, aber sie fühlte sich irgendwie schuldig.
Cheom fuhr fort:
»Ursprünglich wollten wir Kontakt aufnehmen und euch helfen, doch wir entschieden uns anders, nachdem wir sahen, mit welcher Ignoranz und welcher Überheblichkeit die Mitglieder der Obersten Behörde über das Schicksal von Milliarden von Menschen entscheiden. Einzelne Individuen werden ohne jegliches Zögern geopfert, wenn die Analysten der Ansicht sind, ihre Existenz sei schädlich. Wir erkannten, dass wir uns auch in der fernen Zukunft vor ihrem Handeln schützen mussten. Wir installierten im zweiundachtzigsten Jahrhundert eine für eure Technologie undurchdringliche Sperre, die verhindern sollte, dass Ihr den überwachten Bereich darüber hinaus ausdehnen könnt. Für die meisten eurer Manipulationen reicht es aus, uns zu schützen, da sich der Zeitfluss über die gesperrten Jahrhunderte hinweg meist bereits wieder normalisiert hat, bevor wir davon betroffen werden.
Seit langer Zeit schon schleusen wir unsere eigenen Agenten bei euch ein, um euer System und seine Funktionalität zu studieren. Einen unserer besten Leute kennen Sie bereits – es ist Giwoon, der schon seit ein paar Jahren dafür sorgt, dass wir alles erfahren, das nötig ist, um den Zeitvektor zu zerstören.«
»Was? Sie wollen den Zeitvektor – die Behörde – einfach zerstören?«, entfuhr es Fancan, »Das dürfen Sie nicht tun! Das ist ein Verbrechen!«
»Fancan, Sie haben unser Material gesehen«, sagte Cheom ruhig, »denken Sie in Ruhe nach und dann sagen Sie mir, was ein Verbrechen ist. Ist es ein Verbrechen, der menschlichen Rasse seine Chance auf eine eigenständige Entwicklung zu verwehren oder ist es ein Verbrechen, dafür Menschen zu töten? Wo hört Verbrechen auf, wo fängt Verstand an? Ist es moralisch vertretbar, etwas zu tun, nur, weil man die Möglichkeit dazu hat? Ich denke nicht. Es wird Zeit, dass die Menschheit wieder die Verantwortung für ihr Handeln selbst übernimmt und nicht nur glaubt, dass sie diese Verantwortung hat. Der Zeitvektor wird fallen, Fancan. Es würde mich freuen, wenn Sie es einsehen könnten und uns vielleicht sogar helfen können, dieses Ziel zu erreichen.«
Giwoon, der die ganze Zeit über still danebengesessen hatte, griff nach Fancans Hand. Eine Träne rann über ihre Wange.
»Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll«, sagte sie, »mein ganzes Weltbild gerät ins Wanken. Ich bin Agentin – ich war immer Agentin. Meine Aufgabe waren immer die Korrekturen. Wenn aber nun alles falsch … was bin ich dann noch? Ich könnte mich doch auch gleich erschießen.«
»Fancan!«, fuhr Giwoon sie an, »Das darfst du nicht einmal denken! Du bist eine tolle Frau und ich liebe dich! Dein Leben hört doch nicht auf, nur, weil wir dieser Behörde ein Ende bereiten werden. Wir bleiben auf jeden Fall zusammen.«
Er blickte zu Cheom und fragte:
»Ist es nicht so?«
Cheom nickte nur und antwortete:
»Ja, so ist es und ich wünsche dir und Fancan dabei viel Glück.«
Fancan blickte von einem zum anderen und ihr Gesicht bekam einen fragenden Ausdruck.
»Wovon sprecht Ihr eigentlich?«
Cheom erhob sich.
»Ihr müsst jetzt wieder gehen«, sagte er, »Symeen kann euch alles Weitere sagen.«
Er nahm erst Giwoon und dann auch Fancan in den Arm, die es vollkommen verwirrt geschehen ließ.
»Mädchen, ich gebe euch alle meine guten Wünsche mit auf euren Weg«, sagte er, »passt aufeinander auf.«
Dann führte er sie wieder zum Transporter, der sie in einem Sekundenbruchteil wieder zurück ins Haus von Giwoons Familie brachte. Als sie die Treppe ins Erdgeschoss hinaufgingen, hörten sie, dass die Familie bereits am Esstisch versammelt war.
»Ihr kommt spät«, sagte Symeen vorwurfsvoll, »setzt euch, sonst ist das Essen ganz kalt.«
Sie aßen schweigend. Fancan war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt und Symeen wollte sie nicht darin stören. Sie war überzeugt, dass Fancan von ganz allein auf sie zugehen würde.
Nach dem Essen erhoben sich Zedroog und Yshaa, während Symeen, Giwoon und Fancan zurückblieben.
»Symeen, ich glaube, ich habe Anspruch darauf, endlich Alles zu erfahren«, sagte Fancan, als sie allein waren, »ich bin es endgültig Leid, dass immer alle nur in Rätseln mit mir sprechen. Cheom hat mir eine Menge Dinge gezeigt und erklärt. Dann jedoch wies er nur noch darauf hin, dass ich den Rest von dir erfahren würde und wünschte mir viel Glück. Was wisst Ihr, was ich noch nicht weiß? Redet endlich!«
Symeen verschränkte ihre Hände und sah Fancan ernst an.
»Als Giwoon uns mitteilte, dass er eine enge Beziehung zu einer Agentin der Behörde eingegangen wäre, waren wir darüber nicht begeistert – wie du dir denken kannst. Er ist mein Sohn und es fällt mir noch immer schwer, zu begreifen, dass er inzwischen erwachsen ist und seine Entscheidungen selber trifft. Ich gestehe, dass ich große Vorbehalte hatte, als Zedroog mir mitteilte, dass du mit Giwoon zu uns reisen würdest. Jetzt, wo ich dich kennen gelernt habe, sehe ich einige Dinge anders. Du bist nicht die kalte Killermaschine, für die ich Agenten immer gehalten habe. Du bist im Grunde das Produkt von Erziehung und Konditionierung durch die Behörde und dafür darf und kann ich dich nicht verurteilen. Was ich aber getan habe – und dafür kann ich mich nur bei dir entschuldigen: Ich habe von Cheom ein Profil von dir fertigen lassen, damit ich ein besseres Gefühl dafür bekomme, mit wem mein Sohn und ich es zu tun haben.«
»Du hast ‘was’ getan?«, ereiferte sich Fancan.
Symeen machte eine beschwichtigende Geste.
»Ich entschuldige mich dafür bei dir in aller Form, Fancan. Ich hätte es dir sofort sagen sollen. Allerdings sind dabei einige Dinge zutage getreten, die ich nicht erwartet hätte und die mich auch äußerst traurig machen. Du und Giwoon werdet uns wieder verlassen und ihr werdet niemals mehr zurückkehren.«
»Das kannst du doch nicht wissen, Symeen«, sagte Fancan, »warum sollten wir nicht zu dir zurückkehren? Oder wird uns etwa etwas geschehen?«
»Nein, das ist es nicht«, sagte Symeen und wischte sich mit dem Handrücken eine Träne fort, »Ihr werdet uns verlassen müssen, weil eine Aufgabe auf euch wartet, die – wenn ihr sie löst – dafür sorgen wird, dass wir uns niemals mehr wiedersehen werden. Es ist sehr kompliziert.«
»Du redest noch immer in Rätseln, Symeen«, sagte Fancan vorwurfsvoll.
»Du hattest in deiner Basis im Zeitvektor eine Freundin, nicht wahr?«, fragte Symeen.
»Khendrah?«, rief Fancan aus, »Die Verräterin? Woher kennst du Khendrah?«
»Du denkst noch immer in den alten Bahnen«, mahnte Symeen, »ich weiß von deinem Auftrag, Khendrah zu töten, Khendrah und dieses Thomas Rhoda. Es ergab sich alles aus den Recherchen zu deinem Profil, Fancan. Ich sage dir jetzt, dass es von großer Bedeutung ist, Khendrah zu finden und sie nicht zu töten. Ich erkläre dir auch, warum.«
In den nächsten Stunden hatten Fancan und Giwoon das Gefühl, die Zeit würde wie im Fluge vergehen. Staunend nahmen sie zur Kenntnis, was Symeen und Cheom über sie herausgefunden hatten. Niemals hätte sie vermutet, dass ihr aller Schicksal so sehr miteinander verflochten war.

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14.Teil – Die Sucher (1/2)

Fancan fühlte sich seit Tagen bereits wie Alice im Wunderland. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie sich im einhundertzwölften Jahrhundert befinden musste, doch ihr Gefühl sagte etwas Anderes. Das Leben hier in dieser Zeit verlief in seiner Gesamtheit sehr einfach und naturbezogen. Man lebte in Familien in einer weitläufigen Waldlandschaft, pflegte freundschaftliche Kontakte zu seinen Nachbarn und legte gesteigerten Wert auf soziale Bindungen. Es erschien ihr alles so unglaublich rückständig. Im krassen Gegensatz dazu stand das unglaublich umfangreiche wissenschaftliche Wissen dieser Menschen hier. Man hatte sich lediglich dazu entschlossen, nur so viel Technologie zu verwenden, wie man unbedingt benötigte. Ihre Fehleinschätzung der Menschen des einhundertzwölften Jahrhunderts wurde ihr bewusst, als Giwoon ihr einen Einblick in die zentralen Datenbanken gewähren wollte.
»Symeen und ich haben den Eindruck, dass du noch immer nicht alles glaubst, was wir dir in den letzten Tagen erzählt haben«, sagte Giwoon, »deshalb haben wir beschlossen, dich mit Cheom bekannt zu machen.«
»Wer ist Cheom?«, fragte Fancan, »Den Namen habt Ihr bisher noch nicht erwähnt.«
»Cheom ist unser Bibliothekar«, erklärte Giwoon, »bei ihm laufen alle Informationen und Nachrichten aus allen Zeiten zusammen. Die Datenbank der Bibliothek ist das Wichtigste und Größte, das die Menschheit je geschaffen hat. Ich denke, wenn du dir dort ein Bild gemacht hast, wirst du nicht mehr an den Dingen zweifeln, die wir dir erzählt haben.«
»Es ist ja nicht, dass ich euch nicht glauben will …«, sagte Fancan.
»Ich verstehe dich gut, Fancan«, sagte Giwoon, »komm’ mit, ich werde dir Cheom und unser Allerheiligstes zeigen.«
Giwoon fasste Fancan an der Hand und zog sie spielerisch hoch, sodass sie gegen ihn prallte. Er gab ihr einen leichten Kuss auf die Lippen und lachte.
Symeen hatte die Szene vom Herd aus mit angesehen und lächelte. Sie hatte ihren Sohn noch nie so locker erlebt. Er gab sich ungeheure Mühe damit, Fancan ihren Standpunkt verständlich zu machen. Sie war ihm offenbar sehr wichtig. Symeen gönnte ihrem Sohn das Glück mit dieser Frau. Wie es schien, erwiderte sie auch seine Gefühle für sie und sie musste sich auch eingestehen, dass sie sehr viel Sympathie für diese junge Frau empfand. Doch dann umwölkte sich ihre Miene. Sie wusste, dass im Leben alles seinen Preis fordern würde und sie wusste ebenso wie Giwoon, was sie die Rettung des Planeten und der Menschheit kosten würde. Giwoon hatte sein Gleichgewicht offenbar bereits gefunden und es für sich persönlich angenommen, doch sie selbst hatte damit noch ihre Probleme.
»Haltet euch nicht zu lang dort auf!«, rief sie ihnen noch hinterher, bevor Giwoon Fancan die Treppe hinunter in den Keller führte, »Abendessen gibt es zu Sonnenuntergang!«
Fancan hatte unwillkürlich erwartet, einen niedrigen Keller mit schmutzigen Gängen und Vorratsräumen zu sehen. Statt dessen betrat sie eine andere Welt. Hier unten fand sie ein hochmodernes Tiefgeschoss vor. Der Gang wirkte fast steril – er wurde durch Leuchtplatten in der Decke matt beleuchtet. Sie war sich sicher, dass das Kellergeschoss weitaus größer war, als die Grundfläche des Wohnhauses darüber.
»Wo sind wir hier?«, wollte Fancan wissen, »Das ist doch kein Keller?«
Giwoon lachte leise.
»Nein, natürlich nicht«, sagte er, »wir können natürlich nicht ohne Technik auskommen. Wir brauchen Energie, Kommunikation und so weiter. Uns zwingt aber niemand, diese Technik immer und jederzeit im Vordergrund zu haben. Energieerzeugern ist es egal, ob sie im Tiefgeschoss montiert sind. Die Computer arbeiten auch im Dunkeln – und wer will schon einen Transporter mitten in seiner Wohnung haben?«
»Transporter?«, fragte Fancan.
»Glaubst du, wir fahren nur mit dem Fahrrad?«, fragte Giwoon leicht spöttisch, »Das würde viel zu lange dauern und man könnte auch keine Waren transportieren. Wir haben hier im Keller ein Gerät, das uns in einem Augenblick an jeden Punkt dieser Welt transportieren kann, quasi ein Funkgerät für Materie.«
»So etwas habt Ihr?«, fragte Fancan ehrfurchtsvoll, »Die Entwicklung einer solchen Technologie ist meines Wissens innerhalb des Zeitvektors niemals gelungen, obwohl man es immer wieder versucht hat.«
Giwoon öffnete eine schwere Tür und schaltete das Licht in dem dahinter liegenden Raum ein. Fancan sah eine große Halle, in deren Mitte eine riesige Maschine stand. Dicke Kabel führten in den dicken Sockel der Anlage und verschwanden in der hinteren Wand der Halle.
»Meine Güte«, entfuhr es Fancan, »ist das dieser Transporter?«
»Das ist er«, bestätigte Giwoon, »ich gebe zu, er ist etwas groß, aber wir verwenden ihn auch für Waren aller Art. Normale Personentransporter sind entsprechend kleiner.«
»Wie versorgt Ihr eine solche Anlage eigentlich mit Energie?«, wollte Fancan wissen, »Ich habe nirgendwo Kraftwerkseinheiten gesehen.«
»Wir erzeugen unsere Energie nicht mehr selbst, seit wir unsere Sonne selbst anzapfen können«, erklärte Giwoon, »das dürfte dir nicht ganz fremd sein, denn euer Zeitvektor wird schließlich auch über eine sogenannte Sonnenleitung versorgt. Wir haben große Zapfstationen an den Polen und verteilen die benötigte Energie dann drahtlos auf die Verbraucher. Dadurch verfügt jedes Haus über die Energie, die es benötigt und die Umwelt wird dadurch nicht belastet.«
Giwoon begann, den Transporter zu aktivieren und gab aus dem Gedächtnis Zielkoordinaten in ein Terminal neben der Anlage ein.
»Jetzt warten wir nur noch auf die Bereitschaftsmeldung des Empfängers, dann kann es losgehen.«
»Ist es weit, bis zu eurer Bibliothek?«, fragte Fancan.
»Sie befindet sich auf der anderen Seite des Planeten – etwa in der Mitte des Kontinents Rika«, sagte Giwoon, »aber das ist für uns nicht wichtig. Für uns dauert es nur einen Wimpernschlag.«
In diesem Moment ertönte ein Glockensignal und eine kleine Lampe am Transporter leuchtete in beruhigendem Grün.
»Unser Signal«, sagte Giwoon und machte eine einladende Geste mit der Hand. Fancan zögerte und Giwoon nahm sie an der Hand und zog sie mit sich auf die Abstrahlplattform des Transporters. Fancan war es deutlich anzusehen, dass ihr mulmig war.
»Was genau geschieht jetzt mit uns?«, fragte sie vorsichtig.
»Der Transporter scannt unsere gesamte Struktur im Bruchteil einer Sekunde und erstellt eine Matrix unserer Körper. Dann wird diese an den Empfänger übermittelt und dort wieder zusammengesetzt. Das Ganze dauert nur einen Augenblick.«
»Was geschieht mit unseren Körpern hier?«
»Na, die werden natürlich vom Transporter zerstört«, sagte Giwoon, »sonst könnte die Matrix ja schließlich nicht erstellt werden. Aber das muss dich nicht beunruhigen, Fancan. Die Technik ist sehr zuverlässig.«
Ein Blick in Fancans Augen zeigte ihm allerdings, dass sie nicht wirklich überzeugt war. Etwas ängstlich drängte sie sich an ihn.
»Halt’ mit bitte, wenn es so weit ist«, bat sie leise.
»Ja sicher, mein Schatz, aber du brauchst wirklich keine Angst haben.«
Giwoon legte seinen Arm um Fancan und drückte den Aktivierungsknopf. An beiden Enden der Transportplattform fuhren Jalousien herunter, dann wurde es unerträglich hell, als ein kompliziertes Netz von Laserabtastern seinen Dienst aufnahm. Fancan hatte das Gefühl von Hitze. Sie schnappte hektisch nach Luft und dann … war es auch schon vorbei. Sie standen noch immer eng umschlungen beieinander, doch befanden sie sich definitiv nicht mehr auf der großen Plattform in Giwoons Haus, sondern in einer relativ kleinen Kabine. Eine Tür wurde geöffnet und helles Licht flutete herein. Fancan musste blinzeln, um etwas erkennen zu können. Der Schatten eines Mannes war zu erkennen.
»Willkommen in der Bibliothek!«, sagte der Mann mit tiefer Stimme, »Giwoon, mein Junge, du warst lange nicht mehr hier bei mir.«
Er half den Beiden aus der engen Kabine heraus und umarmte Giwoon herzlich. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Fancan und meinte:
»Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit, junge Dame«, sagte er und ergriff ihre Hand, »mein Name ist Cheom. Ich bin der Bibliothekar.«
»Darf ich dir Fancan vorstellen, Cheom?«, mischte sich Giwoon ein, »Fancan ist meine Freundin.«
»Die Freundin aus der alten Zeit«, stellte Cheom fest, »Sie sind sehr hübsch.«
»Danke«, entgegnete Fancan lächelnd, »Sie sind hier alle so auffällig höflich zu mir.«
»Das hat nichts mit Ihnen zu tun«, sagte Cheom, »wir legen einfach sehr viel Wert auf gute Umgangsformen und ein harmonisches Zusammenleben.«
Er wandte sich wieder Giwoon zu.
»Was kann ich für euch tun, Kinder?«, fragte er.
»Fancan ist Agentin der Obersten Behörde der alten Zeit«, erklärte Giwoon, »ich möchte, dass du ihr zeigst, welche Auswirkungen die Zeitmanipulationen der Behörde auf die Zukunft hatte. Sie soll mit eigenen Augen sehen und begreifen, dass dagegen etwas unternommen werden muss.«
Cheom sah Fancan nachdenklich an.
»Sie sind selbst Agentin?«, fragte er, »Dann haben Sie selbst auch schon Korrekturen vorgenommen, nicht wahr? Dann haben Sie sicher auch schon Menschen getötet, oder?«
Fancan fühlte sich unbehaglich, als dieser gütig wirkende Mann sie so direkt auf ihre Arbeit als Agentin ansprach.
»Ja, sicher habe ich das getan«, bestätigte sie, »es ist meine Aufgabe, wenn die Lösung eines Zeitproblems es erfordert.«
Ihre Stimme klang nicht so fest, wie sie es gern gehabt hätte.
»Ich will mich jetzt wirklich nicht zum Richter aufschwingen«, sagte Cheom, »machen Sie sich da keine Sorgen. Ich wollte nur wissen, wo Sie stehen und wofür Sie ausgebildet wurden. Es wird sicher für Sie nicht leicht werden, zu sehen, wie unsensibel man in der alten Zeit mit der Zeit umgegangen ist. Kommen Sie, ich werde Ihnen zeigen, was ich meine.«

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Korrekturen 13

13.Teil – Überraschende Wendungen

Schon seit etlichen Tagen saßen Thomas und Khendrah in der Jahresstation des Jahres 3170 und forschten im Zeitstrom nach Machenschaften des Analysten Ralph Geek-Thoben. Anfangs hatten sie angenommen, sie hätten Fehler gemacht, denn, noch während sie dabei waren, ein exaktes Profil zu erstellen, änderten sich plötzlich die Vorgaben.
»Was ist denn hier passiert?«, fragte Khendrah, die ihren Augen nicht zu trauen glaubte, »Du wurdest nicht getötet, Thomas und alles schien wieder in bester Ordnung zu sein und plötzlich ist wieder alles in Unordnung. Bist du auch gerade an dieser Machtübernahme?«
»Ja«, sagte Thomas vom Nachbarterminal aus, »ich bin froh, dass ich vorhin noch den Status gespeichert hatte, sonst hätte ich jetzt keinen Beweis für die Veränderung. Wie kann das überhaupt sein? Wieso können wir diese Veränderungen überhaupt bewusst wahrnehmen? Ich dachte immer, dass eine Veränderung im Zeitstrom sich in die Zukunft hinein fortsetzt und von den zukünftigen Realitäten nicht wahrgenommen werden kann, da sie ja selbst der Veränderung unterworfen sind.«
Khendrah sah zu ihm hinüber. Thomas hatte sich in wenigen Tagen hervorragend eingearbeitet und bediente das Terminal inzwischen eben so gut, wie sie selbst. Sie musste zugeben, dass sie mit ihrer Recherche nicht so schnell vorangekommen wäre, wenn er ihr nicht so gut geholfen hätte. Sie lächelte. Sie waren sich innerhalb von wenigen Tagen so nahe gekommen, wie sie es nie für möglich gehalten hatte. Sie hatte Angst vor dem Tag, an dem das alles vorbei sein würde – wenn er wieder in seine Zeit zurückkehren musste und sie wieder eine Agentin der Behörde für Zeitkorrekturen sein würde. Sie schob diesen Gedanken weg. Sie wollte nicht daran denken.
»Wir sind innerhalb des Zeitvektors«, erklärte sie, »wir stehen quasi außerhalb des externen Zeitablaufs und unterliegen, solange wir uns hier aufhalten, einem eigenen Zeitablauf, der völlig vom äußeren Zeitablauf abgekoppelt ist. Frage mich bitte nicht, warum es so ist. Ich bin Agentin und keine Technikerin.«
»Weißt du, dass ich mir vorkomme, wie in einem schlechten Science-Fiction?«, fragte Thomas.
»Was ist ein Science-Fiction?«, wollte Khendrah wissen.
»Das sind Geschichten, die über Dinge berichten, die es noch nicht gibt, die aber vorstellbar sind, verstehst du?«
»Nein«, meinte Khendrah, »ich weiß nicht, was du meinst.«
Sie machte eine alles umfassende Geste mit der Hand.
»Das alles hier ist real, Thomas. Das ist keine Geschichte.«
»Genau das fällt mir schwer, zu glauben«, sagte Thomas und winkte ab, »erkläre mir aber bitte einmal, warum wir das Ganze hier überhaupt machen. Wenn wir außerhalb der externen Zeit stehen und uns hier nichts geschehen kann – was auch immer draußen geschieht – warum können wir uns dann nicht aus dem Staub machen und uns irgendwo verstecken?«
»Du stellst es dir zu einfach vor«, sagte Khendrah, »wir können nicht bis in alle Zeit hier in dieser Station bleiben. Irgendwann wird jemand dahinter kommen, dass diese Station nicht mehr unbewohnt ist und dann müssen wir fliehen. Sind wir aber draußen, dann unterliegen wir wieder den Maßnahmen der Obersten Behörde. Wir würden auch draußen irgendwann entdeckt werden, zumal du keine andere Wahl hast, als wieder in deine eigene Zeit zurückzukehren. Was mich betrifft … ich weiß nicht.«
Thomas nahm Khendrah in den Arm und hielt sie fest. Solche körperliche Nähe war ihr noch fremd, doch musste sie eingestehen, dass es ihr angenehm war und sie tröstete. Dieser Mann, den sie eigentlich töten sollte, hatte ihr ganzes Weltbild bereits zum Wanken gebracht. Nach einiger Zeit machte sie sich wieder von ihm los und meinte:
»Auf jeden Fall bin ich es mir und der Geschichte schuldig, dass ich es nicht zulasse, dass dieser Geek-Thoben seine eigennützigen Pläne durchsetzen kann. Wenn wir nur das schaffen, bin ich zufrieden – egal, was dann noch kommen wird.«
»Was können wir schon von hier aus tun?«, fragte Thomas, »Soweit ich das verstanden habe, haben wir zwar alle Möglichkeiten, die Wahrheit herauszufinden, doch das war es dann auch schon.«
»Ich einem gebe ich dir Recht, Thomas«, erwiderte Khendrah, »von hier aus werden wir das Problem nicht lösen, aber wir haben sehr wohl die Mittel, einzugreifen. Wir müssen notfalls ebenfalls in die Zeit reisen und Ralphs Korrektur wieder rückgängig machen.«
Thomas schluckte nervös.
»Ich kann doch nicht einfach irgendwo in der Zeit aussteigen und dort irgendwelchen Unfug machen.«
Khendrah lachte leise, während sie die aktuelle Geschichte des Jahres 2110 studierte.
»Wir werden dort auch keinen Unfug machen, sondern eine Korrektur vornehmen«, sagte sie, »Ralph soll sich noch wundern. Ich bin eine Agentin – und ich bin keine Schlechte. Ralph ist Analyst, aber er ist Theoretiker. Wir Agenten müssen vor Ort improvisieren. Ich bin sicher, dass wir ihn schlagen werden.«
Plötzlich hellte sich ihre Miene auf.
»Hier ist es!«, rief sie aus, »Dieser Dreckskerl Herwarth Thoben hat ein Team von Killern auf Gunter Manning-Rhoda angesetzt und ihn regelrecht hinrichten lassen. Das kann nur bedeuten, dass ihm Ralph gesagt hat, dass er die Wahlen verlieren würde.«
Khendrah machte ein entschlossenes Gesicht.
»Diese Suppe werden wir ihnen versalzen!«
»Khendrah, werde wach«, mahnte Thomas, »wir sind nur zu zweit. Wie sollen wir gegen Killer aus dem Jahre 2110 ankommen können?«
Khendrah sah Thomas nachdenklich an.
»Wie steht es eigentlich mit deiner Ausbildung in Disziplinen wie Nahkampf oder Waffen?«
»Bist du verrückt, Khendrah?«, ereiferte sich Thomas, »Davon habe ich doch überhaupt keine Ahnung! Ich werde dir da keine Hilfe sein.«
Khendrah erhob sich ruckartig und griff nach Thomas’ Hand.
»Komm’, wir haben eine Menge zu tun«, sagte sie und zog ihn mit sich fort.
»Was hast du denn nun schon wieder?«, fragte Thomas, »Nun rede schon und lass’ mich nicht dumm sterben.«
Sie wandte sich abrupt um und blieb mit funkelnden Augen vor ihm stehen.
»Ich werde dich ‘überhaupt’ nicht sterben lassen, ist das klar?«
»Nun beruhige dich, Khendrah«, sagte Thomas, »das ist nur so eine Redensart in meiner Zeit, wenn einem die notwendigen Informationen fehlen. Aber du darfst mir gern verraten, was du vorhast – zumindest, wenn es mich betrifft.«
»Entschuldige«, sagte sie, »das war mein Fehler. Aber ich werde dich unbedingt brauchen, bei dem, was ich vorhabe und da musst du fit sein, um diese Killer mit mir zusammen aufzuhalten. Wir haben in jeder Station eine Hypnoseschulungsanlage. Ich will dir die notwendigen Kenntnisse im Schnellverfahren beibringen lassen.«
»Nahkampf in Hypnoseschulung?«, fragte Thomas spöttisch, »Du willst mir jetzt nicht weismachen wollen, dass ich danach ein Nahkampfspezialist bin, oder?«
»Quatsch!«, sagte Khendrah, »Es geht dabei nur um die theoretischen Grundlagen. Das Wissen hast du dann. Wir müssen dann nur noch an der Praxis arbeiten und deinen Körper in Form bringen.«
»Praxis?«, fragte Thomas, »Gegen wen soll ich denn hier kämpfen?«
Khendrah grinste ihn an.
»Ich werde gegen dich kämpfen, mein Lieber«, sagte sie, »wir haben doch alle Zeit der Welt, solange wir hier in der Station bleiben. Ich werde dich fit machen und dann gehen wir ins Jahr 2110 und schützen deinen Nachkommen.«
Thomas zuckte nur noch mit den Schultern, als Khendrah ihn in den Hypnoseraum führte und ihn bat, auf einer der dort bereitstehenden Liegen Platz zu nehmen. Er fühlte sich irgendwie überrumpelt. Er war nie ein Kämpfer gewesen und nun wollte Khendrah ihn in kurzer Zeit dazu machen. Erst wollte er protestieren, doch als er in die erwartungsvollen Augen Khendrahs blickte, gab er seinen Widerstand auf und legte sich flach auf die Liege. Khendrah schob ihm die schwere Hypnosehaube über den Kopf und startete das Programm.
»Du wirst jetzt ein paar Stunden schlafen«, erklärte sie ihm, »ich werde da sein, wenn du wieder wach wirst. Ich wünsche dir schöne Träume.«

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