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Schlagwort: Mehrteilige Geschichte (Seite 1 von 4)

Gottes Hammer: Folkvang XVII

Ashaya!“, rief Azrael wütend. Sein Arm zitterte, als er herausfordernd Murakama hob. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

Kurz herrschte Stille. Azrael wog seine Chancen ab. Er könnte Ashaya schlicht ignorieren und nach Hornheim zurückkehren. Doch Irodeus hatte ihm nun schon einmal bewiesen, dass er über seine Portale Macht besaß. Wenn er es erneut versuchte, könnte er vielleicht mitten im Meer landen.

Ein Angebot?“, fragte er gereizt.

Ashaya setzte sich lächelnd auf den Dachfirst und ließ ihre Beine baumeln. Die Symbole auf ihren Schultern glühten.

Es ist ganz einfach. Bleibt hier bei mir, während mein Herr und König zurückkehrt. Danach dürft Ihr ihm gern die Treue schwören – Ihr werdet in Ruhe gelassen und dürft tun, was auch immer Ihr wollt. Indem Ihr Euch unterwerft, werdet Ihr wahre Freiheit erlangen – genau wie ich.“

Malfegas schnaubte und sein Schwanz peitschte wild umher. „Du unterstützt diesen Spinner? Weißt du eigentlich, was er getan hat?“

Ashaya zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ich weiß nur, was er nicht getan hat. Zum Beispiel die Menschheit unterwerfen, um sie vor sich selbst zu beschützen.“ Sie kicherte erneut und die Symbole flackerten wie violette Leuchtfeuer. „Kommt schon, so schlimm ist das auch nicht. Azrael, Ihr dürft Euch gerne ein Königreich der Menschen aussuchen und als Usurpator herrschen. Das ist meinem Herrn einerlei. Er will nur den Thron Hornheims.“

Azrael warf Velis einen besorgten Blick zu. Die mädchenhafte Herzogin zitterte am ganzen Leib. Sie wirkte bleich wie ein Gespenst und schlang die Arme um ihren dürren Körper. Seimos legte stellte sich schützend vor sie und sah Azrael entschlossen an. Er verstand.

Auch wenn sie als Brüder gewisse Differenzen hatten, sie beide verfolgten zumindest ein gemeinsames Ziel. Sie wollten Velis vor ihrem Vater beschützen. Azrael wandte sich wieder Ashaya zu. Ihr herausforderndes Lächeln machte ihn rasend.

Was wird mit Velis geschehen?“, fragte Azrael laut.

Ashaya schob die Unterlippe vor. „Och, das ist eine gemeine Frage.“ Im nächsten Moment schlich sich ein breites Lächeln auf ihr Gesicht und kurz funkelte Niedertracht in ihren großen Augen. „Sie ist des Königs Tochter. Also gehört sie dem König. So einfach ist das.“

Velis erbebte und schmiegte sich an Seimos. Dabei sah sie Azrael flehend an. Betroffen wandte er sich ab. Noch nie hatte er solches Entsetzen in den Augen eines Kindes erblickt.

Und was, wenn ich mich weigere? Wenn ich nach Hornheim zurückkehre und den König erneut töte?“, fragte er.

Ashaya kicherte. „Bitte, öffnet ein Portal! Wo werdet Ihr diesmal landen? In Hrandamaer? In den Ruinen von Astaval? Vielleicht in Folkvang?“ Sie lachte, doch nun hatte der Laut nichts Kindliches mehr. „Eure Bemühungen sind vergeblich. Ihr habt die Schlacht verloren, noch ehe sie begonnen hat.“

Azrael ballte die Hand zur Faust. Er kannte keinen Zauber, der Portale umleiten konnte. Berith hätte ihm mit seinem unfangreichen Wissen in dieser Situation gewiss dienlich sein können. Warum musste er ihn bloß zum Feind haben?

Azrael wagte einen letzten Versuch. „Wie wäre es mit einem Tausch?“

Ashaya legte den Kopf schief. „Ein Tausch?“

Azrael umklammerte Murakama fester. Er hasste es, sich erpressen zu lassen. „Was, wenn ich Berith das gäbe, was er sich wünscht? Wäre das genug, um mir seine Treue zu sichern?“

Ashaya lachte erneut. Tränen entflohen ihren Augen, während sie sich herzhaft auf die Schenkel klopfte.

Beriths größter Wunsch ist es, einen weisen und realistisch denkenden König zu haben!“, frohlockte sie. „Beides Eigenschaften, die Ihr offenbar nicht Euer Eigen nennt!“

Das war zuviel. Azrael knurrte und fühlte, wie seine magische Macht wuchs. Noch war er der König von Hornheim. Er würde sich nicht von einer falschen Heiligen Hrandamaers demütigen lassen.

Wie kannst du es wagen?“, brüllte Malfegas erregt, ehe Azrael handeln konnte. „Wenn du glaubst, dass ich mich Irodeus wieder unterwerfe, hast du dich gründlich getäuscht! Das kannst du ihm ausrichten, wenn ich dich in Einzelteile nach Hornheim zurückschicke!“

Der gewaltige Löwe stemmte sich auf seinen Hinterbeinen empor und beantwortete Ashayas Kichern mit einem wahren Inferno aus Feuer. Beriths Dienerin entkam knapp, aber im nächsten Augenblick erstarrte sie mitten in der Luft. Velis wirkte mit zitternden Händen und wütend zusammengekniffenen Augen ihren Gegenzauber.

Während Ashaya gen Erdboden fiel, stieß sich Azrael vom Boden ab. Seltsame Ruhe überkam ihn und er flüsterte ein Wort der Macht. Wie ein Blitz bewegte er sich auf den durch die Luft gleitenden Körper zu, seine Umgebung verschwamm zu einem Wirbel aus Farben und Murakama glich einem rötlichen Kometen. Im nächsten Augenblick stach er zu wie mit einer Turnierlanze und Ashaya schrie auf.

Der Geruch von Blut hing in der Luft und die Dienerin wand sich am Boden. Azrael flüsterte ein weiteres Wort. Während die Klinge in Ashayas Fleisch steckte, entzog sie den Symbolen auf ihren Schultern die Magie. Im nächsten Augenblick lag die Jungfrau von Hrandamaer als gewöhnlicher Mensch vor ihm auf dem Boden, den rechten Arm mit Stahl auf den Boden genagelt.

Malfegas knurrte zufrieden. Azrael musterte sorgenvoll die Blutspur, die sein abgetrenntes Bein hinterließ. Normalerweise konnten Waffen einem Dämon keine ernstzunehmenden Verletzungen zufügen, aber Abigors heiliges Schwert bildete die Ausnahme.

Ergrimmt beugte sich Azrael zu Ashaya hinab. „Berith hat dich verraten. Er hat dich zum Sterben hierhergeschickt. Du und Abigor, ihr hattet von Anfang an keine Chance gegen uns.“

Zu seiner Überraschung lachte Ashaya laut auf.

Wir haben getan, was wir tun mussten. Und mich werdet ihr so schnell nicht fassen.“

Azrael setzte zu einer Erwiderung an, als ihm eine altbekannte Präsenz den Atem raubte. Sie fühlte sich an wie von einer anderen Welt und schien als kosmischer Arm nach Ashaya zu greifen. Ihr grinsendes Gesicht verschwand in einem Lichtblitz. Murakama traf auf Stein. Die fremde Macht hatte sie binnen eines Augenblicks der Realität entrissen.

Azrael erkannte sie. „Irodeus“, flüsterte er entsetzt.

Malfegas brüllte frustriert und spieh Flammen wie ein Berserker. Velis sank zu Boden, die bleichen Arme vors Gesicht geschlagen. Mendatius zog langsam sein Schwert und Seimos umklammerte den Mauritiusstab.

Wie kann er von Hornheim aus … ?“, stieß der falsche Inquisitor ungläubig hervor. Er führte den Satz nicht zu Ende.

Malfegas tobte weiter, bis er, vom Blutverlust geschwächt, vor Velis’ Hrandar erschöpft zusammenbrach. Die Untoten wechselten unsichere Blicke, während ihre Herrin langsam begann, seine Wunden zu heilen. Rötliches Licht erhellte die Nacht.

Das war’s“, stöhnte Malfegas ermattet. „Hornheim ist mehrere Tagesreisen von hier entfernt. Wir können nie und nimmer rechtzeitig zurück sein.“

Mendatius fluchte verhalten. Seimos strich gedankenverloren über seinen hölzernen Stab. „Wir brauchen einen Plan“, murmelte er. „Wir müssen einen Zufluchtsort finden und unsere Kräfte sammeln. Vielleicht kann ich in Sankt Emerald mit dem Erzbischof sprechen. Als Clavis eines Heeres werde ich ihn mit Sicherheit überzeugen …“

Azrael schnitt ihm mit erhobener Hand das Wort ab, während er gedankenverloren Murakama betrachtete. Er fühlte die magische Macht, die er Ashaya entzogen hatte. Es gab eine Verbindung nach Hornheim. Eine Verbindung zu Irodeus. So gelang es ihr also, ohne Portal zu verschwinden.

Azrael seufzte. Es blieb ein Restrisiko, aber er musste es eingehen.

Es gibt eine Möglichkeit“, sagte er schließlich.

Aller Augen richteten sich auf ihn. Azrael strich langsam über sein Schwert. Die Klinge glomm rötlich.

Ashaya konnte einfach verschwinden, weil sie mit Irodeus verbunden ist. Er verleiht ihr die Kraft für diesen Zauber.“ Er hob das Schwert und sammelte seine Kräfte. „Ich habe ihr einen Großteil ihrer Magie entzogen. Somit existiert nun zwischen Murakama und dem alten König ebenfalls eine Verbindung.“ Azrael betrachtete die Klinge einen Moment lang. Er hoffte inständig, dass seine Vermutung zutraf. „Ich glaube, ich kann diesen Zauber kopieren.“

Kurz herrschte Stille. Malfegas meldete sich als Erster zu Wort.

Willst du … ich meine, wollt Ihr etwa alleine zu Irodeus?“, rief er entsetzt und machte Anstalten, sich zu erheben. Dabei stolperte er und fiel erneut hin. Velis unterband weitere Versuche mit einem strengen Blick.

Für mehrere Personen reicht dieser Zauber nicht aus“, entgegnete Azrael. „Abgesehen davon weiß ich, wo ich weitere Verbündete finden kann.“

Seimos trat vor. Seine lodernden Augen glitzerten unheilsschwanger.

Das kann nicht dein Ernst sein. Irodeus ist zu mächtig.“

Ich habe ihn schon einmal besiegt, Bruder. Und mit Berith werde ich auch fertig.“ Azrael grinste ihn an. „Er mag ja in Sachen Magie ein Meister sein, aber das trifft nicht auf Ashaya zu. Wie ironisch, dass ausgerechnet sie von Freiheit spricht, während sie ständig Magie anwendet, die ihr nicht einmal gehört.“

Er wandte sich ab und hob das Schwert. Die Energie des fremden Zaubers durchfloss seine Adern. „Wünscht mir Glück.“

Tut das nicht!“ Überrascht hielt Azrael inne. Malfegas sah ihn flehend an. Bestürzt sah Azrael Tränen in seinen rötlichen Augen.

Ich bitte Euch“, rief Malfegas. „Ohne Euch bin ich nur ein Tier. Bitte … kehrt lebend zurück. Liefert den Sängern keine weitere Tragödie, die sie grölen können!“

Dann doch noch eher eine Komödie“, entgegnete Azrael lächelnd und wirkte die fremdartige Magie.

Sorgenvolle Blicke musterten ihn, als der König von Hornheim verschwand.

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Heiße Luft empfing Azrael, als er dem Nichts entrann und sich materialisierte.

Unglaublich, es hat funktioniert. Und das sogar ohne Wort der Macht. Ich muss nach diesem Kampf unbedingt Nachforschungen anstellen.

Er befand sich in seiner Hölle, in der er Esben getötet hatte.

Er bereute die Tat. Er war nach ihrem Gespräch vollkommen sicher gewesen, dass der ehemalige Priester als Dämon zurückkehren würde. Aber scheinbar übertraf Esbens Frömmigkeit doch seine Verzweiflung.

Azrael ließ den Blick über seine Umgebung schweifen, um sich zu orientieren. Er entdeckte inmitten giftiger Dämpfe die kleine Höllenstadt. Ein Wort der Macht verkrümmte die von ihm geschaffene Realität und beförderte ihn sofort durch das Tor vor seinen Palast.

Die Menschen ließen sich nicht blicken. Der Hinrichtungsplatz lag verwaist inmitten der kleinen Gebäude. Eine neue Leiche lag dort, an ein Rad gefesselt. Ungoros, der Fleischklumpen, schwebte darüber.

Ungoros!“, rief Azrael. Er war erleichtert, den hässlichen Dämon wohlauf zu sehen. Scheinbar hatte Berith ihm nichts getan. „Was ist hier los? Wo sind die Menschen?“

Ungoros wandte sich langsam um. Obwohl er keine Miene besaß, die Azrael hätte deuten können, erkannte er die Trauer und die Verzweiflung des Dämons. Ungoros stieß einen kaum vernehmlichen Laut aus, der an ein Seufzen erinnerte.

Mein König.“ Die Stimme des Dichters klang merkwürdig dumpf. „Ihr seid zurückgekehrt.“

Alarmiert hielt Azrael inne und sammelte Energie. Hatte selbst Ungoros die Seiten gewechselt?

Es tut mir leid“, klagte Ungoros. Diesmal wob er keine poetischen Ergüsse in seine Worte mit ein. „Ich ertrage diese Menschen nicht mehr länger! Ich weiß, ich enttäusche Euch, ich werde Euch nicht gerecht, aber ich kann nicht der Engel der Verdammnis sein. Diese Hölle ist für mich eine größere Strafe als für ihre Insassen.“

Azrael blieb wachsam. „Also bist du nun für Irodeus als König?“

Ich weiß, er ist ein grässlicher Mann!“, rief Ungoros. „Aber unter seiner Herrschaft konnte ich tagein, tagaus dichten und tun, was mir beliebte. Es tut mir leid, Majestät, aber ich bin nicht der Richtige für die Rettung der Welt. Die Menschen sind mir ein Gräuel! Sie haben mich einst verkannt, gemartert und hingerichtet. Als Dämon bin ich glücklicher denn als Mensch.“

Bestürzung überkam Azrael. „Dann ist dir das viele Leid in der Welt gleichgültig? Ich habe das alles getan, um Menschen, die wie du sind, ein ähnliches Schicksal zu ersparen!“

Die Menschheit wird sich nie ändern“, erwiderte Ungoros. „Sie wird immer Brutalität mehr als Kultur schätzen. Wie viele Gelehrte gibt es und wie viele Soldaten? Nein, ich will mich als Dämon zurückziehen und alle empfangen, die ebenfalls von den Menschen verschmäht wurden!“

Azrael hob ruhig sein Schwert. Die Worte schmerzten ihn mehr, als er zuzugeben bereit war. „Ich verstehe. Ungoros, es steht dir frei zu gehen. Aber wenn du mich an meinem Vorhaben hinderst, muss ich dich töten.“

Kurz schien Ungoros tatsächlich einen Kampf in Erwägung zu ziehen. Doch im nächsten Moment wandte er sich mit einem weiteren Seufzen ab.

Ich hoffe, Ihr werdet Euren Frieden finden, Majestät“, sagte er leise, bevor er ein Portal öffnete und die Hölle verließ.

Der Verlust von Ungoros betrübte Azrael, aber zum Trauern blieb ihm keine Zeit. Irodeus musste seine Ankunft bereits gespürt haben. Es gab nur eine Person, die ihn jetzt noch unterstützen konnte.

Ein weiteres Wort der Macht beförderte Azrael in seinen kirchenähnlichen Palast, ein weiteres in dessen Gruft. Er hatte sie nach seinem Sieg über Irodeus anlegen lassen, als Gefängnis für künftige Feinde. Sie bestand aus Nachtkammern, dunkle Gräber, die ihre Insassen in finsteren Schlaf versetzten. In den steinernen Wänden zeigten düstere Portale den Eingang in immerwährende Träume.

Azrael wagte sich tief in die steinernen Räume vor. Allein das rötliche Licht seiner Augen erhellte die Umgebung spärlich.

Die Dunkelheit erinnerte ihn an das furchtbare Ende seiner Kindheit, an die eine Nacht, die ihn für immer veränderte. Er hatte alles verloren. Seine Eltern, seine Geschwister, sein Zuhause. Seimos nach all den Jahren wiederzubegegnen glich einem Spottgesang des Schicksals. Sein älterer Bruder hatte sich ebenfalls verändert. Sie beide verfolgten edle Ziele und sie beide opferten Menschenleben für die Verwirklichung ihrer Träume.

Sie kamen eben nach ihrem Vater.

Hatte Arion von Astaval nicht immer gesagt, der Wert eines Ritters bestünde in seiner Fähigkeit, sein Wohl dem der Gruppe unterzuordnen? Dies war seine Lebenseinstellung und er erwartete sie genauso von jeder anderen Person. Wie sonst konnte Azrael erklären, dass sein Vater ihn, sein eigenes Kind, zum Dämon gemacht hatte, um sein Herzogtum vor der Pest zu bewahren?

Ohne diesen Entschluss wäre er Teshin geblieben und Irodeus nie begegnet. Er wüsste nichts von Dämonen und von Hornheim. Vermutlich hätte er sich als Greis zur Ruhe gesetzt und würde nun seinen Lebensabend friedlich in Astavals Überresten verbringen. Wahrscheinlich wäre er nie zum Söldner geworden.

Der Gedanke rief ihm Saskias Gesicht in Erinnerung. Saskia … wieso nur hatte er sie getötet, in der Hoffnung, dass sie als Dämon zurückkehren würde? Er unterschied sich kaum von seinem Vater. Nein, er war sogar noch schlimmer. Arion handelte, um sein Herzogtum zu beschützen. Azrael handelte, um die Menschheit gegen ihren Willen zu versklaven. Behielt Ungoros nicht recht? War es wirklich klug, die Menschen ihrer Natur zu berauben?

Er war nun vor der tiefsten Nachtkammer angelangt. Mächtige Runen umgaben ihr schwarzes Doppeltor, auf dem eine grauenerregende Fratze Wache hielt. Langsam hob Azrael eine Hand und fokussierte seine magische Macht. Das Siegel zu erschaffen hatte viel Kraft gekostet. Es zu entfernen forderte sogar noch mehr Energie.

Ein Nexus aus Macht legte sich um ihn, Blitze zuckten und er hob Murakama. Die heilige Magie des Schwertes paarte sich mit seiner dämonischen Macht wie mit einem verloren geglaubten Bruder. Azrael vernahm ein Brüllen, das er als sein eigenes identifizierte. Im nächsten Augenblick erklang ein lautes Knacken, so als ob Stein zerbräche, und das Tor schwang auf. Schwarzer Nebel füllte den Gang. Azrael rümpfte die Nase. Als Dämon besaß er eine gewisse Immunität gegen dessen einschläfernde Wirkung, aber er nahm dennoch den stechenden Geruch wahr.

Eine kleine Gestalt regte sich in der Nachtkammer. Azrael räusperte sich. Wie sollte er sich bloß erklären?

Er wollte ihm würdevoll als König gegenübertreten, aber die Ereignisse der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Azrael sank auf die Knie, die Hände in den Staub gepresst.

Ich brauche deine Hilfe“, sagte er schließlich.

Das überrascht mich nicht.“ Zu Azraels Überraschung klang die Stimme eher traurig als wütend. „Aber glaube nicht, dass ich deinen Thron verteidige. Ich habe die Zerstörung Hornheims noch nicht aufgegeben. Mein Feind ist Irodeus.“

Azrael neigte leicht den Kopf, als sein alter Verbündeter mit den Flügeln schlug.

Ich danke dir, Halgin.“

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23.Teil – Das Ende des Zeitvektors (2/3)

»Du meinst Radar«, sagte Thomas, »wenn sie uns auf ihren Radarschirmen gesehen haben, kann es hier bald von Flugzeugen wimmeln, die nach dem Rechten sehen wollen.«
»Du kennst dich damit aus?«, fragte Giwoon.
»Nein, aber ich stamme aus einer Zeit – nicht weit von hier. Du erinnerst dich?«
»Jetzt geht nicht gleich aufeinander los!«, mahnte Khendrah.
»Das sagst du so«, meinte Thomas, »er lässt mich dauernd spüren, dass ich in seinen Augen so eine Art Saurier bin.«
Giwoon hatte diesen kleinen Dialog mitbekommen, während er den Antrieb des Sliders aktivierte.
»Tut mir Leid, Thomas«, sagte er, »ich meine das nicht so. Es ist ganz einfach so, dass für mich viele Dinge einfach normal sind, die für dich noch unvorstellbar sind. Denk’ einfach ‘mal darüber nach. Auch ich muss noch eine Menge lernen.«
»Schon in Ordnung«, sagte Thomas, schon wieder etwas versöhnt.
Der Slider setzte sich in Bewegung. Erst ganz langsam erhob er sich zwischen den Baumkronen des Urwaldes, in den sie gestürzt waren. Auf den Monitoren sahen sie, dass dieser Wald so weit reichte, dass sie sein Ende nicht sehen konnten. Giwoon hatte den Kurs eingegeben und sie setzten sich nun auch horizontal in Bewegung. Giwoon hatte einen kontinuierlichen Steigflug programmiert, der Rücksicht auf eventuelle fremde Flugkörper nehmen sollte, von denen es in dieser Zeit bereits eine Menge geben sollte.
Eine ganze Weile lang flogen sie weitgehend unbemerkt, was sich änderte, als sie den indischen Subkontinent überflogen. Der Steuercomputer des Sliders meldete das Auftreffen von Impulsen auf seiner Oberfläche. Nur wenig später empfingen sie Funkimpulse.
»Man versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen«, sagte Giwoon, »ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf eingehen soll. Vielleicht ist es besser, einfach weiter zu fliegen.«
»Wenn sie dann ‘mal nicht auf uns schießen«, sagte Thomas skeptisch, »aber wahrscheinlich wirst du mir gleich von irgendwelchen geheimnisvollen Abwehrfeldern erzählen, die uns schützen, oder?«
Giwoon machte ein fragendes Gesicht.
»Was für Abwehrfelder?«, wollte er wissen, »Wir haben keine Abwehrfelder. Wozu auch? Wieso sollten sie überhaupt auf uns schießen?«
Thomas lachte sarkastisch.
»Du hast von der politischen Landschaft dieses Zeitalters wirklich keine Ahnung, was? Die ganze Erde ist in zahllose Einzelstaaten aufgeteilt, die alle ihre Territorien mit allen Mitteln schützen. Wenn wir einfach weiterfliegen ohne auf ihre Funkanfrage einzugehen, kann es sein, dass sie uns als Feinde einstufen und Raketen auf uns abfeuern oder uns Kampfjets schicken.«
»Kampfjets?«, fragte Giwoon, »Flugmaschinen, wie unsere?«
»Nicht ganz«, erklärte Thomas, »Kampfjets fliegen mit Düsenantrieb – sie komprimieren die Luft in den Triebwerken und stoßen sie nach hinten aus. Sie sind richtig schnell damit. Verdammt schnell sogar. Wichtiger aber ist, dass diese Dinger bis an die Zähne bewaffnet sind. Wenn du keinen geheimnisvollen Schutz bieten kannst, sollten wir machen, dass wir hier wegkommen.«
Giwoon ließ den Slider unbeeindruckt weiterfliegen. Die Fernbeobachtung zeigte, dass sie dicht besiedeltes Gebiet überflogen. Ganz allmählich näherten sie sich der chinesischen Grenze und damit ihrem Zielgebiet. Indien hatte ihnen noch einige Funkbotschaften übermittelt, doch sie ansonsten unbehelligt weiter fliegen lassen. China war da schon etwas anderes. Die Stationen an der Grenze hatten schon seit einiger Zeit den Funkverkehr der indischen Stationen abgehört und sicherheitshalber eine Staffel Kampfjets mit Luft-Luft-Raketen starten lassen.
Kaum, dass sie die Grenze zu China überflogen hatten, hefteten sich die chinesischen Jäger an ihre Fersen und flankierten ihren Flug. Auch sie forderten sie energisch auf, einen nahe liegenden Flughafen anzusteuern, da sie sonst gezwungen seien, auf den Slider zu schießen.
»Giwoon, wach’ auf!«, rief Thomas, »Du kannst diese Flugzeuge dort draußen nicht ignorieren. Wenn es stimmt, dass wir keinen vernünftigen Schutz haben, werden sie uns vom Himmel pusten, wenn wir ihren Forderungen nicht Folge leisten.«
Giwoon machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand.
»Wir haben zwar keine Abwehrmechanismen«, sagte er, »aber der Slider verfügt über hervorragende Flugeigenschaften. Wenn sie auf uns schießen, wird unser Computer den Schüssen ausweichen. Da unser Antrieb auch keine Wärme abstrahlt, sind die Hitzeortungssensoren ihrer Raketen nutzlos. Ich gebe allerdings zu, dass ich nicht wirklich damit gerechnet hatte, mit so schnell fliegenden Gegnern konfrontiert zu werden. Ich werde sie wohl abhängen müssen, bevor wir unser endgültiges Ziel ansteuern.«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Schnallt euch an!«, befahl Giwoon, »Es wird jetzt etwas unruhig.«
Er hatte nicht zu viel versprochen. Giwoon ließ den Slider immer wieder ruckartig die Richtung wechseln und steigerte dabei kontinuierlich die Geschwindigkeit. Ihre Verfolger bemühten sich redlich, ihnen zu folgen und begannen schließlich, sie mit ihren Raketen zu beschießen. Die automatische Steuerung des Sliders griff ein und sorgte dafür, dass sämtliche Raketen ihr Ziel verfehlten. Bereits nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Die Kampfflugzeuge hatten alle Waffen abgefeuert und waren nicht mehr in der Lage, der hohen Geschwindigkeit des Sliders zu folgen.
»Ich würde dir raten, ganz niedrig zu fliegen«, sagte Thomas, »Radar funktioniert nicht in niedriger Höhe. Wir könnten das Radar unterfliegen.«
Fancan deutete auf das Massiv des Himalaja, welches bereits den gesamten Monitor ausfüllte.
»Wie willst du in diesem Gelände niedrig fliegen?«, fragte sie.
»Oh, er hat durchaus recht«, meldete sich Giwoon zu Wort, »die automatische Steuerung könnte damit fertig werden, »Thomas, wie tief müssen wir den hinunter, um vor weiterer Ortung sicher zu sein?«
»Wenn ich mich recht erinnere, dürfen wir nicht höher als dreihundert Meter über dem Boden fliegen«, sagte er, »sonst können sie uns orten.«
»Das dürfte kein Problem für uns werden«, sagte Giwoon, »der einzige Nachteil dürfte sein, dass es dann bis zum Ziel ein unruhiger Flug sein dürfte.«
»Rede nicht lange herum und sorge dafür, dass wir unentdeckt bleiben!«, sagte Khendrah genervt, »Ich will, dass wir diese Sache schnell hinter uns bringen und hier verschwinden.«
»Das werden wir, Khendra«, antwortete Giwoon, »das werden wir.«
Giwoon ließ den Slider nun vollkommen von der Automatik steuern. Kein menschliches Wesen hätte so schnell reagieren können, wie es ein Computer konnte. Der Slider hielt stur eine Höhe von zweihundert Metern und raste durch die Täler des Himalaja auf das Ziel zu, welches ihr kleines Ortungsgerät anzeigte.
Nach einiger Zeit näherten sie sich ihrem Ziel. Von den Verfolgern fehlte inzwischen jede Spur.
»Mein Gott, sieh sich einer dieses Durcheinander von Gebirgen an!«, rief Fancan, »Wie sollen wir denn hier unser Ziel finden? Wir müssen doch möglichst dicht an die Sonnenzapfanlage heran.«
»Eigentlich finde ich diesen Standort hier in dieser Gegend gar nicht schlecht«, meinte Giwoon, »dann können wir mit der Vernichtung der Anlage auch niemandem schaden.«
»Haben wir denn schon eine genaue Position dieser Anlage?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon deutete auf die Steuerkugel, auf der man die ganze Zeit über sehen konnte, wo sie sich befanden. Ein blinkender Punkt kennzeichnete die Stelle, wo sie ihr Gerät deponieren mussten.
»Dort muss es sein«, sagte er und versuchte die Bezeichnung zu lesen, die neben dem Ziel angezeigt wurde, »der Berg heißt Kongur Tagh und das Gebirge Kun Lun. Wir müssen nun nach optischen Hinweisen suchen. So eine Sonnenzapfanlage kann nicht klein sein. Immerhin versorgt sie den Vektor bis viele Jahrtausende in die Zukunft.«
»Sollte man nicht irgendetwas in der Atmosphäre sehen können, wenn solche gewaltigen Energien von der Sonne gezapft werden?«, fragte Thomas uns sah konzentriert auf die Monitore.
»Nein, man kann Quarkströme optisch nicht sehen«, erklärte Giwoon, »was ich meine, ist eine auffällige Erscheinung im massiven Fels. Eine Art Tor oder etwas in der Art. Ich bin sicher, dass sie es direkt in den Berg gebaut haben.«
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Das Ortungsgerät behauptete, dass ihr Ziel direkt vor ihnen wäre, doch sie konnten nichts entdecken. Der Zugang zur gesuchten Anlage war offenbar gut getarnt. Immer wieder flogen sie um den Berg herum und scannten seine Oberfläche. Selbst die empfindlichen Instrumente des Sliders waren nicht in der Lage, unerklärliche Auffälligkeiten festzustellen. Als sie bereits für diesen Tag aufgeben wollten, sprach plötzlich ihr Funkgerät an.
»Die Chinesen!«, entfuhr es Thomas.
»Nein, das können nicht die Chinesen sein«, meinte Giwoon, »das ist eine Nachricht auf einer der Frequenzen des Vektors. Niemand auf der Erde funkt in diesem Band.«
»Hier spricht der oberste Wächter der Energiebasis, Rowan Qorth«, drang es aus dem Lautsprecher. Im nächsten Moment baute sich auch ein Bild des Sprechers auf dem Monitor auf.
»Wir haben festgestellt, dass es sich bei Ihrem Flieger nicht um einen der üblichen Patrouillenflieger des chinesischen Staatsgebietes handelt. Bitte identifizieren Sie sich.«
»Hier spricht Chefinspektor Giwoon. Ich bin von der obersten Behörde ermächtigt, Ihre Station zu inspizieren«, sagte Giwoon, »bitte öffnen Sie einen Zugang, der es unserem Fahrzeug ermöglicht, hineinzufliegen. Wir wurden von Einheiten der Chinesen verfolgt, konnten sie aber abhängen. Mit jeder Minute, die wir verstreichen lassen, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir wieder entdeckt werden.«
Khendrah schlug sich eine Hand vor den Mund. Giwoons Dreistigkeit verschlug ihr die Sprache.
»Negativ«, sagte Rowan Qorth, der oberste Wächter, »es hat in der Geschichte der Energiebasis noch niemals den Fall gegeben, dass die oberste Behörde eine Inspektion durchführen ließ. Ich werde Sie nicht einlassen.«
»Was soll dieser Quatsch!«, fuhr Giwoon ihn an, »Was glauben Sie denn, wer wir sonst wären? Chinesen dieser Zeit? Machen Sie sich nicht lächerlich! Woher sollte ich sonst den Standort Ihrer Station kennen, wenn nicht die oberste Behörde mir den Auftrag persönlich gegeben hätte? Öffnen Sie endlich die Station, damit ich hier aus dem Luftraum verschwinden kann.«
»Ich weiß nicht Recht«, sagte der Wächter, »warum kommen Sie nicht über den Zeitaufzug, an den wir angeschlossen sind?«
»Zeitaufzug?«, fragte Giwoon, »Jetzt sagen Sie nicht, sie hätten einen direkten Anschluss an den Vektor! Ich werde mich nach meiner Rückkehr in den Vektor darüber beschweren, dass man mir diesen beschwerlichen Weg zugemutet hat und wenn Sie nicht langsam ein Schleusenschott öffnen und riskieren, dass wir hier draußen noch entdeckt werden, werde ich auch gleich eine Beschwerde über Sie hinzufügen!«
Die Dreistigkeit Giwoons hatte schließlich Erfolg. Der Wächter hatte kein Verlangen danach, seine Position in dieser Anlage zu verlieren, weil ein Inspektor der obersten Behörde sich über ihn beschwerte. Schweren Herzens betätigte er den Mechanismus, der mitten in der Felswand des Gebirges eine Öffnung entstehen ließ.
»In Ordnung«, sagte er, »ich werde Sie einlassen. Landen Sie Ihr Fahrzeug bitte auf einer der markierten Flächen.«
Er schaltete ab und im gleichen Moment begannen die schweren Flügel des Schleusenschotts, auseinander zu fahren. Es wirkte, als würde der Berg einen Mund öffnen, um sie zu verschlingen.
»Das sieht nicht sehr einladend aus«, meinte Khendrah, »sie haben noch nicht einmal eine Beleuchtung eingeschaltet.«
»Wie auch immer«, meinte Giwoon, »wir müssen dort hinein und unser Paket abliefern.«
»Hoffentlich kommen wir hier auch wieder weg«, sagte Fancan nachdenklich, »wenn dieser Wächter direkt Kontakt zur obersten Behörde aufnimmt, wird er erfahren, dass wir nicht das sind, was wir zu sein vorgeben.«
»Das müssen wir riskieren«, sagte Giwoon, »notfalls werde ich das Gerät gleich hier in der Schleusenkammer verstecken.«
»Ich bin ja nur ein dummer Mensch aus der Frühzeit der Geschichte«, wandte Thomas ein, »aber hieß es nicht, dass wir bis auf mindestens hundert Meter an das Zielobjekt heran müssen? Was, wenn die eigentliche Anlage noch tief im Berg verborgen ist? Dann wäre alles umsonst gewesen.«
»Du hast recht«, stimmte Giwoon zu, »wir müssen Wohl oder Übel erst in die Anlage hinein.«
Er steuerte den Slider in die Schleuse hinein, die sich augenblicklich hinter ihnen wieder schloss. Sie erkannten nun, dass der Hangar nicht vollständig dunkel war, sondern, dass einige trübe Lampen an der Decke etwas Licht abgaben. Giwoon setzte das Fahrzeug sanft auf einer blinkenden Fläche auf dem Boden auf. Das Außenschott des Fahrzeugs öffnete sich und ließ eiskalte Luft ins Innere strömen. Giwoon ärgerte sich, keine wärmende Kleidung mitgenommen zu haben. Er machte eine Geste mit der Hand in Richtung Tür.
»Auch wenn es draußen kalt ist«, sagte er, »wir müssen dort hinaus. Ich hoffe jedoch, dass es innerhalb der Station wieder angenehmer sein wird.«
Sie hatten kaum den Slider verlassen, da erschien bereits der Wächter Rowan Qorth mit einigen weiteren Wachen. Sie waren bewaffnet und hielten ihre Waffen auf sie gerichtet.
»Was soll das?«, herrschte Giwoon Rowan Qorth an. Er fühlte sich zwar nicht danach, doch musste er die einmal angenommene Rolle glaubwürdig weiterspielen.
Rowan Qorth blieb vor ihnen stehen. Dieser Mann war ein wahrer Riese. Er überragte Giwoon fast um Haupteslänge.
»Ich beuge mich dem Urteil der obersten Behörde, wenn sie eine Inspektion anordnet«, sagte er, »doch werde ich Niemanden in die Anlage führen, den ich nicht vorher überprüft habe. Dürfte ich bitte den Inspektionsbefehl sehen?«
Khendrah und Fancan sahen sich kurz an. Beide hatten unwillkürlich den Atem angehalten. Inspektionsbefehl? Einen solchen Befehl hatten sie natürlich nicht.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 19.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 9 – Im Angesicht des Todes

Der Zyklop schob sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Wassermassen, sein Verfolger ließ jedoch nicht locker. Der Gigantyras brüllte vor Zorn und schien Stück für Stück aufzuholen. 
Daisy Lee bemannte das Steuer und lieferte sich einen gnadenlosen Kampf mit ihren eigenen Nerven. 
Nur die Ruhe bewahren, denk nach! 
Die Steuerungselemente in ihren Handflächen vibrierten protestierend, als sie eine scharfe Rechtskurve vollzog.
»Ich brauche hier weitere Leuchtkörper, für die manuelle Steuerung!«, rief sie Clynnt zu. 
»Nun mach schon, Junge!«, beorderte dieser den Copiloten. 
Er tippte Befehle in seine Konsole ein und zischende Raketen erhellten ihnen den Weg. 
»Ich kann mich nicht in Schussreichweite positionieren, wir brauchen etwas, das uns einen Vorsprung verschafft«, schnaufte die Chefmechanikerin. Schweiß tropfte an ihr herunter und man konnte deutlich das pulsierende Wummern ihrer Halsschlagader erkennen. 
Clynnts Miene verzog sich für eine Sekunde zu einer schiefen Grimasse. »Möglicherweise habe ich eine Idee«, sagte er und schritt zum Mikrofon.
»N‘kahlu, seid ihr noch da draußen?«, fragte er mit kratziger Stimme.
»Aye, erwarten Befehle«, der Krieger schien kaum beeindruckt angesichts ihrer Lage, aber unter Wasser war er im Vergleich zu ihnen auch ein erfahrener Veteran. 
»Könnt ihr die Bestie irgendwie ablenken? Wir müssen den Zyklopen in Schussreichweite bringen«, erkundigte sich der Chefnavigator. 
Für eine Sekunde schien der Sergeant zu überlegen. »Ich denke, das kriegen wir hin«, knisterte es durch den Lautsprecher, dann brach die Verbindung ab.
»Das kann nur gut werden«, seufzte Clynnt, raufte sich durch die zerfurchten Haare und ließ sich in seinen Sessel fallen.

***

»Alles klar, wir haben Befehl erhalten, den Gigantyras aufzuhalten, sodass der Zyklop in Schussreichweite gelangen kann. Aber sie haben uns diesbezüglich keine konkreten Vorgaben gemacht, was bedeutet, wir dürfen das auf unsere Art und Weise machen«, bekundete Sergeant N’Kahlu durch den Funk. Seine Männer stimmten ein raues Lachen an. 
Ich hatte schon befürchtet, sie fragen uns gar nicht mehr.
»Phillista, Andrewx und Cossack kommen mit mir, der Rest schwärmt aus, um für die nötige Verwirrung zu sorgen, verstanden?«, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, stieß sich N’kahlu von der Haltestange ab und schoss dem Gigantyras entgegen. 
Er brauchte keine weiteren Anweisungen zu geben. Jeder wusste, was zu tun war. 
Seine Männer folgten ihm den Bruchteil einer Sekunde verzögert. Während die Scherenpanzer, begleitet vom Rattern ihrer Motoren, in alle Richtungen ausschwärmten, näherte sich N’kahlus Trupp dem Gigantyras. 
Das Monster schien sich kaum für sie zu interessieren, was zweifelsohne kein Wunder war, angesichts seiner Größe. Jedoch war es ärgerlich, dass die ausschwärmenden Kämpfer ihn nicht ablenkten.
Der Sergeant biss die Zähne zusammen. »Erste Salve!«, befahl er lautstark. Wie brüllende Tiger preschten die Torpedos durch das Wasser, um dann in beeindruckend hellen Explosionen zu detonieren. 
Der Gigantyras quittierte sie mit einem Brüllen, das ebenso ein Achselzucken hätte gewesen sein können. 
Zu N‘kahlus Bestürzung schoss ihr Gegner mit unverändertem Tempo auf den Zyklopen zu. 
Du bist ein harter Brocken, was? Schauen wir mal, ob du hart genug bist. 
Er betätigte einen Regulator und verlieh seinem Heckantrieb maximale Leistung. Röhrend schwamm er auf seinen Feind zu. 
Die massiven Kiefer des Gigantyrass öffneten sich und ein Schlund messerscharfer Zähne, die größer als er selbst waren, schossen dem Sergeant entgegen. Die spinnenbeinartigen Greifer räkelten sich in freudiger Erregung. 
Mit einer eleganten Rolle wich N‘Kahlu dem eher halbherzigen Angriff aus, der Gigantyras schien ihn immer noch nicht als Bedrohung abzutun. 
Dann warte mal ab. 
Er schoss in Richtung des Kopfes und während seines Ansturms aktivierte er die Klinge, die im Armgelenk des Scherenpanzers verankert lag. Ein Blick auf seine Geräte zeigte ihm, dass seine Kameraden direkt hinter ihm waren. Mit einem Satz landete er auf dem Kopf des Gigantyras und hielt sich an dem beeindruckenden Horn fest. Dann stieß er mit der Klinge zu, um sich zu verankern. 
Sie glitt in den Kopf, schien allerdings nicht ansatzweise durch den Schädel des Ungetüms zu dringen. Der Gigantyras registrierte ihn nicht einmal.
Eine Sekunde später kam Cossack zu ihm geeilt. 
Der Sergeant griff ihn bei der Hand und schleuderte ihn vorwärts, während er sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Strom stemmte. 
Cossack landete im Gesicht des Gigantyrass und trieb ihm seine Klinge wieder und wieder durch die Augen. Eine hellblaue, stark leuchtende Flüssigkeit trat daraus hervor, als das Messer sie zum Platzen brachte. Ein Kreischen drang durch den Ozean, das N‘Kahlu in seinen Grundfesten erschütterte. 
Du hast dich mit uns angelegt, jetzt zahle auch den Preis dafür, dachte er grimmig. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Einer der Greifarme des Gigantyras schoss auf Cossacks Scherenpanzer zu und bevor dieser reagieren konnte, drang die riesige Klaue durch seine Aspexylpanzerung, als wäre sie ein Stück Butter. 
Sie durchbohrte den Piloten und zerfetzte seinen Torso. Cossack starb in einer Fontäne aus Blut und Eingeweiden. Dann verschwand er, samt Anzug, im klaffenden Maul des Ungetüms und ein metallisches Knirschen verriet, dass der Gigantyras ihn gerade mit einer animalischen Wut zerkleinerte. 
»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Sergeant. Wut keimte in ihm auf.
Dann schien das Monster noch einmal an Geschwindigkeit aufzunehmen und N’Kahlu konnte nicht anders, als sich zurücktreiben zu lassen. Dass ihr Feind nicht mit seinen Augen navigierte, war ihm in dieser düsteren Tiefe ohnehin klar gewesen, aber immerhin schienen ihre Klingen dort Schaden und Schmerz anrichten zu können.
Verdammt Cossack, warum hast du nicht aufgepasst? 
Der minimale Abstand, den der Zyklop erlangt hatte, schmolz in wenigen Sekunden. 
Wir haben ihn allerhöchstens wütend gemacht, schoss es durch N‘Kahlus Kopf. 
Mit einem unglaublichen Satz schoss der Gigantyras auf das U-Boot zu und drosch mit seinem Schädel darauf ein. Seine Fangarme schnappten nach dem Zyklopen, konnten aber zunächst keinen Halt finden. Dann ertönte ein unheilverkündendes Grollen, als das Horn des Monsters durch den harten Panzer stieß. 

***

»Er hat uns getroffen!«, fluchte Daisy lautstark, während sie mit dem Gigantyras um die Beherrschung über das Schiff rang.
Im Griff des Feindes schaukelte es bedrohlich auf und ab und ihre Anzeigen leuchteten krebsrot auf. »Sein Horn hat den Panzer beschädigt, ich werde sicherheitshalber die hinteren Schotts schließen müssen.« Ein unglaublicher Ruck ging durch das U-Boot, als der Gigantyras erneut versuchte, seine Fangarme in die Außenbordwand zu rammen. Ein zorniges Brüllen verkündete, dass ihr Feind von seinen Misserfolgen gereizt zu sein schien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es nun umso heftiger zu versuchen. Die elektronischen Monitore flackerten für eine Sekunde auf. 
»Wenn er uns hier unten ein Leck schlägt, sind wir geliefert!«, fluchte der Chefnavigator lautstark. 
»Er umklammert das Steuer, ich kann nichts machen!«, zischte Daisy, Clynnts ständiger Missmut ging ihr allmählich auf die Nerven. Wieder durchzog den Zyklopen ein Beben und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wenn das so weiterging, würde der Gigantyras wichtige Elemente des U-Boots zerstören und sie für ewig in diesem nassen Grab verrotten lassen. 
Daisy steuerte hart nach rechts, aber ein lautes Knacken, das unheilverkündend durch das U-Boot hallte, verdeutlichte ihr, dass sie dadurch allerhöchstens das Steuer verlieren würde. Ein Fluch entwich ihren Lippen.
Clynnt und sein neuer Freund, der Copilot, beäugten sie mit einem eindringlichen Blick. 
Daisy war sich bewusst darüber, dass sie sich ihr Vertrauen erst erarbeiten musste, aber gerade hatte sie schlimmere Sorgen.
Ein Ruck ging durch den Zyklopen, gefolgt von einem schauderhaften Brüllen. Eine Gänsehaut formte sich auf ihrem Nacken. 
»Er musste was wegstecken«, stellte die Chefmechanikerin fest, dann setzte sich das U-Boot wieder in Bewegung. 
Noch waren sie im Spiel. Die Frage war nur, wie lange.

***

Die Idee war fast so wahnwitzig, dass sie nur von ihm kommen konnte.
»Sicher, dass du das durchziehen willst?«, knisterte es durch den Funk und der Sergeant erkannte Phillistas argwöhnische Stimme wieder. »Nicht, dass du Cossack die Ehre erweist, ihm als nächstes zu folgen.« 
»Aber genau das ist der Plan«, feixte N’Kahlu. »Zweite Salve!«, erneut schossen die Sternenfeuertorpedos auf ihr Ziel ein. 
Die Scherenpanzer bedrängten den Gigantyras von allen Seiten, sodass dieser sich vom U-Boot trennen musste. 
Mit einem Kreischen schnappte er nach einem der Männer und erwischte das Fußgelenk. Knirschend brach es ab, doch der Soldat war zunächst unversehrt.
»Dann hoffen wir mal, dass er keinen Mundgeruch hat!«, rief N’Kahlu, dann sprang er dem Monster entgegen und wurde von ihm verschluckt. 
Knirschend schlossen sich die Kiefer um ihn, doch der Sog war auf seiner Seite. 
Mit einer wahnwitzigen Hechtrolle schob er sich an den Zähnen der Bestie vorbei und befand sich nun in ihrem Rachen. 
Wenn ich deinen Panzer nicht durchstoßen kann, werde ich es halt von innen versuchen. 
Allerdings war seine Klinge dafür nicht stark genug. 
Ein schelmisches Lächeln zauberte einen Sonnenaufgang auf N’Kahlus Gesicht, während er Befehle in seine Konsole eingab. Er hatte sehr viel Liebe und Arbeit in seinen Scherenpanzer gesteckt und ihn eigenhändig modifiziert. Eines seiner Lieblingswerkzeuge würde ihm gleich seine freudige Aufwartung machen. Wieder öffnete sich das Maul der Bestie und N‘Kahlu musste mit ansehen, wie einer der Scherenpanzer in einer Wolke aus Blut und Schrott zu einem kleinen Haufen zermalmt wurde. Das einströmende Wasser schoss ihm entgegen und holte ihn fast von den Füßen. Die Überreste eines mechanischen Greifarms krachten gegen seine Scheibe, diese blieb jedoch glücklicherweise unversehrt. Ein Blick auf den blutigen Brei, der sich dazwischen befand, ließ seinen Magen jedoch rebellieren. Wenn es einen Anblick gab, an den man sich nicht gewöhnen konnte, dann war es der von getöteten Kameraden. In Stille ging N’Kahlu ein kurzes Gebet durch, dann riss er seine Brustplatte auf und fingerte geschickt das riesige Kreissägeblatt hervor, welches er an den linken Arm anheftete. 
Mit einem Kreischen aktivierte sich die Rotation auf bis zu 15 Umdrehungen die Sekunde. 
Das ist für die Jungs. 
Mit einem Satz rammte er die Waffe in das Fleisch des Gigantyras. 
Eine Blutfontäne kam ihm entgegengespritzt, während er den Rachen des Feindes von innen heraus verstümmelte. 
Brüllend wandte sich das Tier in Qualen und riss immer wieder das Maul auf und zu. 
Fast wäre der Sergeant in die Fangzähne geraten, was ein tragisches Ende für ihn bedeutet hatte. Knirschend kauten sie auf und ab, während er mit der Beherrschung über seinen Anzug kämpfte. Wasser und Blut schossen ihm gleichermaßen entgegen und färbten alles in ein dunkles Rot. 
Ich muss tiefer hinein. 
N‘Kahlu folgte dem Wasser in die Speiseröhre. 
Was für ein riesiges Ungetüm.
Seine Kreissäge durchtrenne das Fleisch wie Wachs. 
Blut besudelte seinen gesamten Anzug und wohin er auch ging, er wurde stets von einem unappetitlichen Schmatzen begleitet. In der Ferne hörte er das unregelmäßige Dröhnen des Herzschlages. 
Plötzlich traf ihn erneut das Wasser und dieses Mal konnte er nicht standhalten. 
Die Flut zog ihn mit sich, während das Sägeblatt wild umschlug und willkürlich Fleisch durchtrennte. Plötzlich blieb er stecken und das Blatt kam zum Stillstand. 
Verfluchter Mist! 
Immer mehr Wasser drang auf ihn ein, bis der Strom so stark war, dass er die Verbindung zwischen Arm und Säge einfach entzwei riss. 
Er taumelte gegen eine Membran und verfing sich darin, als wäre er in einem Spinnennetz gelandet. Blut und Sekrete liefen an ihm herunter, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Das Mikrofon aktivierte sich knisternd. 
»Wir haben seine Augen zerstört. Und was zur Hölle du da drinnen auch gemacht hast, der Zyklop hat einiges an Vorsprung gewonnen. Komm da raus, wir feuern die Torpedos ab, bevor es zu spät ist.« 
»Ich hänge fest. Schießt, solange ihr noch könnt. Das ist ein Befehl«, erwiderte der Sergeant.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. 
Seinen Leuten war es bestens bewusst, dass er es nicht duldete, wenn sie sich seinetwegen in Gefahr brachten. Nicht wenn der Sieg so nahe war. Entweder er schaffte es heile hier raus, oder er würde mit dem Gigantyras untergehen. 
»Feuert endlich!«, fluchte er lautstark. »Bevor wir alle draufgehen.« 
Er versuchte abermals sich freizukämpfen. Erfolglos. Das klebrige Sekret hielt ihn eisern fest.
Ein letztes Mal räusperte sich der Mann am anderen Ende der Leitung. »Es war mir eine Ehre, Sir.«
N’Kahlu atmete tief durch und schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Dann brach die Hölle über ihn herein. 

***

Auf der Kommandobrücke des Zyklopen herrschte betretenes Schweigen, während der Feuerball der Mittelstrecken-Torpedosalve den Gigantyras in Stücke riss und seinen Leichnam in Richtung Meeresgrund sinken ließ. Drei Männer hatten sie gerade verloren, drei Männer, die niemals zu ihren Familien zurückkehren würden. Falls sie denn welche hatten. Daisy Lee wandte sich als erstes von ihrem zerstörerischen Werk ab. »Sind alle an Bord?«, fragte sie angespannt. »Wir sollten hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Ungeheuern auftauchen.« Sie blickte kurz zu Clynnt, der einen verdrießlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Und schnell die anderen finden«, sagte sie und war sich das erste Mal bewusst, dass sie das Richtige tat.

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Gottes Hammer: Folkvang XVI

Velis erstarrte. Eine längst vergessene Präsenz erhob sich.

Vater.

Ihre zitternden Finger wanderten zu dem Sklavenmacher um ihren Hals. Nie würde sie den Schmerz vergessen, aus dem ihr Leben in jenen Tagen bestanden hatte.

Die meisten Menschen hinterfragten die Möglichkeit, im strahlenden Sonnenschein einen Spaziergang zu unternehmen, kaum. Doch für Velis würde dies immer eine Besonderheit bleiben. Ihr Blick streifte Seimos, der seinen Bruder ernst musterte. Ihr erster Spaziergang mit ihm hatte sich wie der Beginn eines neuen Lebens voller Schönheit angefühlt.

Doch nun würde er ihr wieder alles nehmen. Sie wusste es. Gegen ihren Vater konnte sie noch nie bestehen. Er würde siegen und sie erneut an seinen Thron ketten, während die Schreie seiner zahlreichen Sklaven ihre Ohren erfüllten. Sie hörte sie in diesem Moment, diese nackten, sich krümmenden Gestalten. Ihre qualvoll zuckenden Glieder suchten sie noch heute in ihren Träumen heim.

Velis sah Azrael an. Zum ersten Mal erblickte sie Angst in seinen rot leuchtenden Augen. Ohne sie zu beachten griff er nach Murakama.

Plötzlich erschütterte ein Beben den Untergrund. Velis taumelte und vergrub ihre Finger in Malfegas’ Fell, der nervös knurrte. Azrael zog blank und Seimos musterte wachsam ihre schattenhafte Umgebung.

Ich würde sagen, die Auferstehung hat begonnen“, sagte der Inquisitor ernst. Seine Finger umklammerten den schlichten Mauritiusstab fester. „Wir haben keine Wahl, Teshin. Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir Irodeus besiegen wollen.“

Das hast du von Beginn an so eingefädelt, nicht wahr?“ Azrael wirkte eher bestürzt als wütend. „Wenn du mich vorgewarnt hättest …“

Du hättest mir nicht geglaubt. Abgesehen davon können wir Irodeus nicht für immer in einem Buch gefangen halten. Jedes Gefängnis wird einmal brüchig, auch ein magisches, Teshin.“

Mein Name ist Azrael“, knurrte der neue König, als ein neuerliches Beben die Erde erschütterte. Dunkle Wolken sammelten sich am Himmel. Velis schluckte. Rote Blitze zuckten am Horizont.

Was schlägst du vor?“, fragte Malfegas den Inquisitor.

Seimos seufzte. „Meine Tempelsöhne werden uns kaum von Nutzen sein. In den engen Räumen Hornheims entscheidet die Qualität des Einzelnen die Schlacht. Mendatius und ich werden euch zum unterirdischen See begleiten. Wir müssen die Schlacht beginnen, ehe er seine Kräfte sammeln kann.“ Er legte eine kurze Pause ein. „Wo ist Esben?“

Velis warf einen Blick auf Azrael. Der König wirkte zerknirscht. „Ich habe ihn getötet. Er wird als Dämon zurückkehren, dessen bin ich mir sicher.“

Seimos nickte langsam. „Falls das zutrifft, wird er uns in den ersten Stunden seines neuen Lebens kaum von Nutzen sein. Wir müssen schnell handeln.“ Er sah seinen Bruder an. Obwohl sich ihre Farbe verändert hatte, erkannte Velis die altbekannte Entschlossenheit in seinen lodernden Augen.

Kannst du uns nach Hornheim bringen?“, fragte Seimos.

Azrael nickte knapp. „Was ist mit deinen Tempelsöhnen? Lässt du sie einfach allein?“

Seimos’ Lippen kräuselten sich. „Was ist mit deinen Dämonen? Nimmst du sie nicht mit?“

Azrael seufzte. Velis erriet seine Gedanken. Wer konnte schon erahnen, wie weit Beriths Einfluss geraten war? Möglicherweise gab es noch weitere Dämonen in Hornheim, die Irodeus als König vorziehen würden.

Vergiss es, Seimos.“ Azrael hob Murakama und ein Blitz zerteilte die Luft. Langsam bildete sich am Rand der Lichtung ein Portal. „Ich vertraue nicht jedem hier. Wir müssen das alleine hinbekommen.“

Seimos nickte lächelnd. „Kaum zu glauben, dass wir noch einmal miteinander kämpfen würden, nicht wahr? Schließlich hast du mich umgebracht.“

Du hast es auch verdient.“

Du ebenfalls.“

Velis folgte den Brüdern unter die Nadelbäume. Wie ein stummer Schatten tauchte Mendatius neben ihr auf. Velis hatte den alten Tempelsohn lange genug gekannt, um seine grimmige Entschlossenheit zu bemerken. Malfegas schnaubte.

Das wird noch einmal wie in alten Zeiten, richtig?“, lachte der gewaltige Löwe.

Mendatius schnaubte, jedoch milderte sein funkelnder Blick die Geste.

Einen besseren Lebensabend kann sich ein alter Ritter nicht wünschen“, brummte er.

Velis teilte ihre Sicherheit nicht, als sie durch das Portal schritten. Hinter ihrer ruhigen Miene verbarg sie aufkeimende Panik.

Was zur Hölle?“

Als sich das Portal schloss, standen sie nicht in Hornheim. Stattdessen erhoben sich große Häuser um sie herum. Sie befanden sich auf einem weitläufigen Marktplatz, in dessen Zentrum sich eine Tribüne erhob. Velis erkannte ein prunkvolles Rathaus und einen unheilsschwangeren Kerker. Sie entdeckte keine Menschenseele. Sie waren allein.

Sind wir hier in Aminas?“, fluchte Malfegas. „Was soll das?“

Seimos schwieg. Seine Finger glitten über den Mauritiusstab. Mendatius zog sein Langschwert. Velis’ Finger wanderten erneut zu dem Sklavenmacher. Sie zuckte zusammen, als die feinen Stacheln die Haut berührten.

Einzig Azrael ergriff das Wort. „Mein Portal wurde umgeleitet“, stieß er hervor. „Aber wie … ?“

König Azrael!“, rief eine laute Stimme.

Sie fuhren herum. Vor einer kleinen Nebenstraße stand, das lange Breitschwert drohend erhoben, Abigor von Hrandamaer. Das fahle Mondlicht tanzte auf seiner reich verzierten Augenklappe.

Abigor.“ Azraels Stimme nahm bestialische Züge an. Velis erinnerte sich, dass Hrandamaer im fünfzigjährigen Krieg Astavals Untergang herbeigeführt hatte. Die Nachkommen der einst so stolzen Herzogtümer standen noch immer in erbitterter Fehde miteinander.

Seimos trat vor und musterte Abigor mit zusammengekniffenen Augen. „Was tut Ihr hier, Abigor? Warum seid Ihr nicht im Lager und unterstützt die unerfahreneren Tempelsöhne?“

Abigor warf den Kopf in den Nacken und stieß ein grässliches Lachen aus, das Velis das Blut in den Adern gefrieren ließ. Genauso hatten die Knechte gelacht, als sie sie vor langen Jahren mit dem Brandeisen marterten.

Lasst uns mit offenen Karten spielen, Seimos.“ Abigor wuchtete das gewaltige Schwert auf seine Schulter. Ein breites Grinsen spaltete sein grobschlächtiges Gesicht. „Ich bin hier, um einen Dämonenkönig zu töten.“

Ich auch.“ Seimos zuckte nicht mit der Wimper.

Zu schade.“ Abigor seufzte. Wahnsinn glitzerte in seinem verbliebenen Auge. „Ich kann euch allen nicht erlauben, meinen Meister zu stören.“ Langsam deutete er eine Duellverbeugung an.

So einfach verratet Ihr Eure Eide?“, rief Seimos überrascht. „Ich hielt Euch immer für einen Narren, aber immerhin für einen frommen. Ihr überrascht mich.“

Abigor lachte erneut, aber diesmal schlich sich Trauer in seinen müden Blick.

Das kann nur ein Sprössling Arions von Astaval sagen. Dieser elende Bastard war so darauf versessen, das Richtige zu tun, dass er sogar seine eigene Familie opferte. Oder etwa nicht, Teshin? Bist du nicht einem Dämon geweiht?“ Azraels Züge verhärteten sich. Velis betrachtete beunruhigt, wie sich eine kaum erkennbare Aura der Macht um den König legte, während seine Lippen wie Lefzen die Zähne entblößten.

Abigor griff mit seiner freien Hand nach der Augenklappe. Als er sie sich vom Gesicht riss, erkannte Velis die grässliche Wunde. Sie wirkte wie ein verkrusteter Krater, der sich unaufhaltsam in das weiche Fleisch gegraben hatte.

Glaubt mir, Seimos, ich habe alles erfahren. Ich weiß Dinge, die meinen Glauben zerstört und mein Leben in ein Spottgebilde verwandelt haben. Soll ich Euch etwas verraten? Ich scheiß auf die Denomination. Ich scheiß auf den Kampfesruhm. Berith allein kann mir Freiheit geben und nur das will ich!“

Noch ehe er geendet hatte, färbte sich sein verbliebenes Auge rot und ein bestialischer Schrei löste sich aus der Kehle des Ritters. Velis erinnerte sich, dass in den Adern der Ritter von Hrandamaer dunkles Blut floss, das ihnen nachts mehr Kraft gewährte.

Abigor erblickte Velis, nahm Anlauf und stieß sich kräftig vom Boden ab. Instinktiv ließ sie ihre dämonische Macht durch ihre Adern jagen und wich wie ein Schemen zur Seite aus. Eine Staubwolke erhob sich, als der kalte Stahl in den steinigen Untergrund fuhr. Velis’ Herz klopfte so stark, als würde es jeden Moment aus der Brust springen wollen.

Das ist lächerlich, Abigor!“, rief Seimos. Sorge spiegelte sich in seinen blutroten Augen und strafte seine Worte Lügen.. „Ihr habt keine Chance!“

Malfegas reagierte wortkarger. Ehe Abigor sein Schwert aus dem Boden befreien konnte, setzte der gewaltige Löwe zum Sprung an. Seine roten Augen glitzerten mordlustig und rotes Licht umhüllte die gekrümmten Pranken.

Plötzlich erschien ein ähnliches Licht vor Abigor. Malfegas prallte überrascht davon ab und landete fauchend auf dem Boden.

Ein Halbblut kann niemals Dämonenmagie einsetzen!“, knurrte er. „Sag, wer hilft dir?“

Abigor beantwortete die Frage mit einem weiten Schwerthieb. Malfegas bildete selbst eine Barriere, als die Klinge ihn zu erreichen drohte. Aber anstatt abzuprallen fuhr der Stahl hindurch wie durch Luft.

Blut spritzte und Malfegas heulte auf. Velis schlug entsetzt die Hände vor den Mund. Das Schwert hatte ihm ein Vorderbein abgetrennt.

Kommt ihm nicht zu nah!“, rief Seimos. „Das scheint die Klinge Velfaunir zu sein! Dämonische Magie wird sie nicht aufhalten!“

Erzähl mir was Neues!“, brüllte Malfegas und spie Feuer. Schnell wich Abigor mit einem Ausfallschritt vor den fauchenden Flammen zurück. Trotz des gewichtigen Schwerts bewegte er sich leichtfüßig über die schmutzigen Pflastersteine.

Schock durchdrang Velis wie ein Blitz. Sie konnte sich nicht erinnern, je in Lebensgefahr geschwebt zu haben. Stets umwölkte das unumstößliche Wissen ihren Verstand, dass ihre Magie jedem menschlichen Versuch, sie zu töten, Einhalt gebieten würde. Dieses Schwert degradierte sie zu einem unscheinbaren Mädchen, das jeder Hieb zu Fall bringen könnte.

Doch ihre Angst verwandelte sich schnell in Wut. Sie fühlte, wie der Sklavenmacher gegen ihre Magie aufbegehrte, aber sie war nicht mehr das hilflose Mädchen in Ketten. Sie war eine Herzogin Hornheims, eine Beraterin Azraels. Sie würde sich vor keinem Tempelsohn Blöße geben.

Zeitgleich mit Mendatius sprach sie ein Wort der Macht.

Der Greis hüllte sein Breitschwert in heiliges Licht und formte vor sich in der Luft eine Rune der Alten Sprache, die verheißungsvoll glomm. Velis’ Macht erschuf einen Abglanz der Finsternis um ihre Füße, einen giftigen Sumpf, geboren aus ihrer ketzerischen Existenz. Zufrieden sah sie, wie bleiche Hände aus dem dunklen Untergrund schossen. Ihre Hrandar versammelten sich.

Abigor machte Anstalten, Malfegas zu enthaupten, aber in einem scharlachroten Blitz drängte sich Azrael zwischen sie. Der Dämonenkönig deckte Abigor mit einer Reihe schneller Hiebe ein, die den Tempelsohn straucheln ließen. Zeitgleich begann Seimos einen Choral. Heilige Magie sammelte sich um den dämonischen Inquisitor und hüllte ihn in einen Kokon aus Licht.

Zu Diensten“, grüßte Berengar, während er sich mit den übrigen wandelnden Toten aus dem Untergrund erhob. Velis atmete tief durch. Seine Anwesenheit beruhigte ihn.

Helft Malfegas!“, befahl sie dreien der Toten. Berengar nickte sie zu. „Triff ihn von hinten.“

Berengar nickte grinsend. „Verstanden.“

Velis vollführte eine kurze Geste und verschleierte Berengars Gestalt. Als Schatten glitt er über den Boden, während Mendatius sich zu Azrael gesellte und Abigor von seiner blinden Seite attackierte.

Der Ritter von Hrandamaer brüllte wütend auf, als die beiden ihn weiter zurückdrängten. Zudem fühlte Velis, wie Azrael Magie für seinen Höllenzauber sammelte.

Dieser Kampf war entschieden.

Kurz erlangte sie ihre einstige Sicherheit wieder, als plötzlich ein Lichtblitz die Welt teilte.

Azrael hielt der Entladung mit erhobenem Schwert stand, aber Mendatius leuchtende Rune zerstob in Funken. Der alte Ritter taumelte und fiel zu Boden. Abigor lachte triumphierend. Stahl traf auf Stahl, als er Azrael attackierte.

Jemand hilft ihm, begriff Velis. Mit geschärften Sinnen untersuchte sie die Umgebung. Sie konnte niemanden spüren.

Vater? Bist du das?

Die Frage blieb unbeantwortet. Ergrimmt sprach Velis ein Wort der Macht und Berengar stürzte sich aus dem Schatten auf Abigor.

Erneut erhellte ein Blitz den Marktplatz und der Hrandar sank besinnungslos zu Boden.

Es kam aus dieser Richtung!“, schrie plötzlich Malfegas. Der verletzte Löwe erhob sich auf seine Hinterbeine und spie ein Wort der Macht aus. Feuer schoss aus seinem Maul und verbrannte einen leeren Pferdestall zu Asche. Velis erkannte einen schwarzen Schemen, der mit unmenschlicher Geschwindigkeit in das nächste Gebäude auswich.

Wer auch immer das ist, er verwendet meinen Ausweichzauber. Es gibt nur eine Person, die ihn lehren kann.

Malfegas erzeugte einen weiteren Feuerstrom, während Azrael und Abigor miteinander fochten. Velis erkannte ihre Chance und lief schnell zu Mendatius, um ihm aufzuhelfen.

Danke“, stöhnte der alte Ritter. Velis erkannte keine Verletzungen. Der Blitz schien ihn jedoch etwas konfus gemacht zu haben, denn er konnte nur beschwerlich ein Bein vor das andere setzen und hielt die Hand vor sich gestreckt wie ein Blinder. Velis sammelte all ihre magische Macht. Sollte Abigors rätselhafter Verbündeter auch sie angreifen, musste sie vorbereitet sein.

Ihre Hrandar standen wachsam um Malfegas, während dieser das Rathaus in Brand steckte. Velis sah geschmolzenes Gold und wertvolle Marmorstatuen, die sich in einer unförmigen Masse schwelender Materialien dem Erdboden zuneigten. Der Hass auf den dekadenten Bürgermeister im Volk verwunderte sie nun nicht mehr.

Wieder entkam der Schemen. Doch diesmal war Velis vorbereitet. Sie hob die Hand und rief ein Wort der Macht. Der Schemen strauchelte und fiel zu Boden. Mit triumphierendem Geheul setzte Malfegas nach, ihre Hrandar folgten ihm dicht.

Im nächsten Moment beendete Seimos seinen Choral. Ein Konglomerat heiliger Magie erfüllte den Marktplatz. Kurz glaubte Velis, himmlischen Gesang zu vernehmen. Eine Aura aus Frieden und Heiligkeit regierte die einstige Versammlungsstätte und fror die Zeit ein. Die Welt und ihre Bewohner schienen stillzustehen, um sich in frommer Eintracht im Gesang zu vereinen.

Im nächsten Augenblick zerstob die Vision und reinigendes Licht schoss aus dem Mauritiusstab wie weißes Feuer. Der Angriff erfasste Azrael und Abigor mitten während ihres Duells. Die Barriere des Dämonenkönigs hielt stand. Abigors Schutz hingegen schmolz wie Butter in der Sonne.

Das Schwert Velfaunir nahm einen großen Teil der heiligen Magie in sich auf, doch der Rest traf Abigor ohne Hindernis. Sein Harnisch schützte den hünenhaften Oberkörper, aber das heilige Feuer stürzte sich hungrig auf Abigors freiliegenden Kopf. Das rötliche Auge zerfloss zu Schlacke, während ihm das Schwert aus der Hand glitt. Einen Augenblick lang stand Abigor wie eine Statue auf den Pflastersteinen, unbändiges Entsetzen im Gesicht. Dann ergriff der Wahnsinn den Ritter und Bischof, als die Macht der Denomination eben jenen verschlang, der sie zu beschützen geschworen hatte.

Unter lautem Geschrei rannte er an Azrael vorbei gegen die Mauer des Kerkers, taumelte blind gegen die Tribüne und sprang in unmöglichen Verrenkungen umher, während sich seine zuckenden Gliedmaßen dem Mond entgegenstreckten. Velis sah fassungslos, wie Abigor von Hrandamaer schließlich zu Boden fiel und sich sein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Gesicht vor der Ewigkeit verneigte.

Mit klopfendem Herzen wandte sich Velis ab. Sie empfand Mitleid mit dem verzweifelten Ritter. Ein solches Schicksal sollte kein Mensch teilen.

Ihr blieb keine Zeit zum Trauern. Malfegas stürzte sich auf die schwarz gekleidete Gestalt, die Velis’ Gegenzauber aus der Luft geholt hatte. Doch bevor das Maul des Löwen sich schloss, wich sie katzengleich nach links aus, erklomm in Windeseile die Mauer des Kerkers und hielt auf dem Dach inne.

Erst jetzt erkannte Velis das grinsende Gesicht.

Ashaya!“, rief Azrael wütend und hob herausfordernd Murakama. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

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Korrekturen 22

22. Teil – Das Ende des Zeitvektors (1/3)

Es war ihnen allen klar, dass sie hier nicht bleiben konnten. Die Sicherheitskräfte würden ihre Anstrengungen, ihre Maschine aufzubrechen, sicherlich bald erhöhen.
»Unser Ziel ist das Jahr 2008«, sagte Giwoon. »Bis dorthin sollte uns der Temporalprozessor noch bringen können.«
»Ins Jahr 2008?«, fragten Khendrah und Thomas. »Woher wisst Ihr …?«
»Später«, sagte Giwoon, der bereits dabei war, ihre Abreise aus dem Jahre 2110 vorzubereiten.
»Bitte setzt euch und schnallt euch an. Ich weiß nicht, ob die Maschine noch eine ruhige und sanfte Reise durch die Zeit gewährleisten kann.«
Er wartete noch, bis alle Sicherheitsgurte eingerastet waren, dann legte er seine Hand auf die Steuerkugel und aktivierte den Slider. Die Geräusche, die dabei entstanden, sprachen Bände. Es war sowohl Giwoon, als auch Fancan klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Trotzdem versank die Realität, die sie vorher noch über die Bildschirme im Innern der Maschine beobachten konnten, im Nebel. Sie waren auf der Reise. Es war ihnen klar, dass es nur eine kurze Reise werden würde, doch bereits wenig später ertönte ein Alarm.
Aufgeregt checkte Giwoon, die Steuerung.
»Festhalten, wir stürzen in die Realität zurück!«, brüllte er noch – dann war es auch schon geschehen. Auf den Bildschirmen tauchte das Bild eines ausgedehnten Waldes auf und im nächsten Moment stürzte der Slider in die Baumkronen hinein. Giwoon versuchte noch, etwas dagegen zu unternehmen, doch die Maschine schlug bereits auf dem Waldboden auf. Sie wurden hart in ihre Gurte gepresst und für einen Moment hatten sie das Gefühl, sie würden keine Luft mehr bekommen. Dann lag der Slider still.
»Was ist geschehen?«, fragte Khendrah, nachdem sie ihren Gurt gelöst hatte und sich vergewissert hatte, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hatte.
»Was soll schon geschehen sein?«, fragte Giwoon. »Es ist genau das passiert, was ich befürchtet habe: Dieser Slider wird uns nicht mehr durch die Zeit transportieren können.«
»Und was tun wir dann jetzt?«, wollte Thomas wissen, »Gibt es eine Möglichkeit, das Ding zu reparieren?«
Giwoon schüttelte den Kopf.
»Dazu fehlen uns Ersatzteile, deren Herstellung in dieser Epoche einfach nicht möglich ist.«
Er wandte sich seinen Instrumenten zu und schaltete daran herum. Nach einer Weile hellte sich seine Miene auf.
»Ganz so schlimm ist es nicht«, stellte er fest. »Der Slider ist noch immer flugtauglich und … wir befinden uns im Jahre 2014. Das reicht noch völlig aus, um unseren Auftrag noch zu erfüllen.«
»Auftrag?«, wunderte sich Khendrah. »Von was für einem Auftrag reden wir denn hier?«
Giwoon und Fancan sahen sie einen Moment schweigend an, dann brach Fancan das Schweigen:
»Wir sind im einhundertzwölften Jahrhundert aufgebrochen, um den Zeitvektor der obersten Behörde zu vernichten.«
»Wie bitte?«, fragte Khendrah entgeistert. »Seid Ihr vollkommen übergeschnappt? Und überhaupt: Wie wollt Ihr das anstellen? Der Vektor erstreckt sich über unzählige Zeitalter. Er ist unzerstörbar.«
»Das, mein Schatz, ist er sicherlich nicht«, entgegnete Fancan. »Das Zeitsystem des Vektors benötigt ungeheure Mengen an Energie, wie du dir sicher vorstellen kannst. Wir haben das immer einfach als naturgegeben hingenommen, weil es eben immer schon so war, aber Giwoon und seine Leute haben ermittelt, dass es eine Vorrichtung am unteren Ende der kontrollierten Zeit gibt, die ihre Energie für den gesamten Vektor direkt aus der Sonne bezieht. Wenn wir diese Vorrichtung zerstören, wird sich der Vektor Stück für Stück auflösen.«
Khendrah stand der Mund vor Staunen weit offen. Sie konnte nicht glauben, was ihre Freundin ihr da erklärte.
»Das kann doch nicht euer Ernst sein!«, protestierte sie. »Es würde alles im Chaos versinken.«
»Das ist nicht richtig«, stellte Giwoon klar. »Anders herum wird ein Schuh daraus. Ihr habt das Chaos erst möglich gemacht. Wir haben nur eine Chance: Die Vernichtung des Vektors, um der Zeit Gelegenheit zu geben, sich zu erholen.«
Khendrah schüttelte immer wieder den Kopf.
»Ihr könnt das System nicht vernichten«, wandte sie wieder ein. »Es arbeiten sicherlich viele Hunderttausend Menschen für die Oberste Behörde. Was würde mit ihnen geschehen, wenn die Energieversorgung gekappt wird. Würden sie nicht sterben?«
»Nein Khendrah, das werden sie nicht«, beruhigte sie Giwoon. »Das war eines unserer Hauptanliegen, dieses Projekt unblutig abwickeln zu können. Die Energie wird von der Sonnenzapfanlage ganz weit unten in der kontrollierten Zeit eingespeist und fließt dann entlang der Zeitlinien in die Zukunft. Jede aktive Abteilung entnimmt nur so viel Energie, wie sie benötigt, um das System zu stabilisieren. Wenn die Quelle versiegt, beginnt der Vektor von unten her, sich aufzulösen. Sobald das geschieht, wird es einen Alarm geben, der bis in die ferne Zukunft reichen wird. Jeder wird noch die Gelegenheit haben, in die Realität zu entkommen, bevor es zu spät ist. Der Prozess wird sich über Wochen hinziehen, besagen unsere Berechnungen.«
»Und wenn Jemand nicht rechtzeitig geht?«, fragte Khendrah.
»Dem ist auch nicht zu helfen«, antwortete Giwoon knapp. »Dafür tragen wir nicht die Verantwortung. Bist du nun dabei, oder nicht?«
Er blickte Khendrah forschend und erwartungsvoll an. Sie wandte sich Hilfe suchend an Thomas.
»Mich darfst du nicht fragen«, sagte dieser. »Ich habe noch nie viel davon gehalten, die Zeit zu manipulieren. Du erinnerst dich? Ursprünglich haben wir uns kennen gelernt, weil du mich töten wolltest.«
»Jetzt reite nicht wieder darauf herum!«, schimpfte Khendrah. »Es ist einfach schwer für mich, dass alles, an das ich bisher geglaubt habe, plötzlich infrage gestellt wird. Angenommen, wir schaffen es und können diese Sonnenzapfanlage wirklich zerstören, was wird dann geschehen? Was wird mit uns geschehen? Könnte nicht einfach ein Reparaturtrupp aus dem Vektor hier auftauchen und den Schaden beheben?«
»Hey!«, rief Fancan und wandte sich an Giwoon. »Khendrah hat nicht ganz Unrecht. Wenn hier ein Reparaturtrupp auftaucht, ist unsere ganze Arbeit vergebens und außerdem hätten wir auch noch den Sicherheitsdienst der Obersten Behörde am Hals.«
Giwoon lachte leise, was Fancan ärgerlich machte.
»Giwoon!«, schimpfte Fancan. »Das ist nicht zum Lachen! Wenn der Sicherheitsdienst hier auftaucht, sind wir geliefert. Sie würden uns ohne Weiteres liquidieren.«
Giwoon wurde wieder ernst.
»Ja, das ist ja auch ihre liebste Lösung«, sagte er bitter. »Wenn es Probleme gibt, muss eben Jemand sterben. Ihr wollt wissen, warum ich so gelacht habe? Das kann ich euch erklären: Ich habe von der Basis im Jahre 6000 aus meine Recherchen betrieben und dabei herausgefunden, dass die Oberste Behörde vor vielen Relativjahren eine Zeitkorrektur beschlossen hatte, die unter anderem dazu geführt hat, dass die Technologie des Sonnenzapfens verloren gegangen ist.«
»Wie bitte?«, fragte Fancan, »Das kann doch nicht sein. Wenn die Technologie nicht mehr verfügbar ist, kann die Anlage auch nicht installiert worden sein. Das wäre ein Paradoxon.«
»Ja, das wäre es, wenn nicht die Technologie vorher von der Obersten Behörde in den Vektor importiert worden wäre«, sagte Khendrah. »Das machen sie immer so. Im Vektor gelten andere Gesetze. Eine einmal importierte Technologie kann von uns Zeitagenten oder den Technikern angewendet werden, ohne, dass es zu einem Paradoxon kommen kann. Insoweit stehen wir noch immer vor dem Problem, dass ein Reparaturtrupp hier erscheinen könnte.«
»Nein«, sagte Giwoon schlicht. »Und zwar, weil ich die Daten in der zentralen Datenbank gelöscht habe. Das gleiche habe ich mit den Backups gemacht. Dann gab es noch die Kristallspeicher im 7500. Dort lagert all das alte Wissen aller Zeitalter. Was soll ich sagen? In meiner Eigenschaft als Techniker hatte ich uneingeschränkten Zugriff auf die Kristallspeicher. Vor längerer Zeit war ich dort und sorgte dafür, dass es einen kleinen Brand in einem der Lager gab. Vielleicht habt Ihr davon gehört. Die Hitze war so groß, dass sämtliche Kristallspeicher in diesem Raum unbrauchbar wurden. Ratet mal, welche Informationen dort gelagert haben.«
»Dann haben sie wirklich keine Möglichkeit, das System wieder in Gang zu bringen, wenn wir es zerstören«, stellte Khendrah fest.
Giwoon hielt ein kleines, handliches Gerät hoch.
»Das hier wird das Schicksal des Zeitvektors besiegeln«, sagte er. »Wir müssen es so nah wie möglich an die Sonnenzapfanlage bringen und dann zünden. Die freigesetzte Energie wird einen Impuls erzeugen, der jedes Gerät in einem bestimmten Umkreis zerbersten lassen wird.«
»Tolle Idee«, meinte Thomas. »Was willst du tun, wenn die Anlage irgendwo inmitten einer Stadt installiert wurde?«
»Das wird nicht der Fall sein«, machte Giwoon klar. »Man hatte kein Verlangen danach, dass diese Anlage gefunden wird. Zugänglich ist sie nur in den wenigen Jahren nach ihrer Installation und das ist in den ersten Jahren des einundwanzigsten Jahrhunderts. Wir können von Glück sagen, dass wir noch innerhalb dieser Zeitspanne gelandet sind, sonst könnten wir unseren Plan abschreiben. Ich vermute, dass wir uns irgendwo im Hochgebirge umsehen müssen.«
Er drückte eine Taste an dem Gerät, worauf es in Abständen zu piepsen begann. Ein kleiner Monitor an seiner Oberseite erhellte sich.
»Hast du dieses Ding jetzt etwa scharf gemacht?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, ich habe nur die Suchfunktion aktiviert. Unsere Techniker haben es so konstruiert, dass es sein Ziel selbst suchen kann. Wir müssen nur dem Signal folgen, wenn die Suche erfolgreich ist.«
Gebannt starrten sie alle auf den kleinen Monitor auf dem Gerät in Giwoons Hand. Ein kleiner, sich drehender Zeiger signalisierte, dass es noch dabei war, seine Umgebung zu scannen.
»Wo befinden wir uns denn eigentlich selbst?«, fragte Thomas. »Ich habe zwar gesehen, dass wir in einen Wald gestürzt sind, aber wo ist dieser Wald?«
»Das haben wir gleich«, sagte Giwoon, »sie hatten damals bereits ein System, das ihnen eine Positionsbestimmung auf dem Planeten ermöglichte. Es war zwar recht primitiv, aber es sollte uns zumindest sagen können, wo wir uns ungefähr befinden.«
Er drehte an der Steuerkugel herum. Für Fancan war nie zu erkennen, was Giwoon da eigentlich genau tat, denn gleich, was er erreichen wollte, er drehte immer an dieser Kugel herum. Für sie machte es keinen Unterschied, ob er den Flug kontrollierte, oder nur die Kabinenbeleuchtung regulierte. Mit einem Mal wechselte die Anzeige auf der Kugel. Ein Abbild der Erde wurde angezeigt. Darauf blinkte ein kleiner roter Punkt.
»Da sind wir«, sagte Giwoon triumphierend und zeigte mit dem Finger auf den Punkt, »zentralafrikanischer Kontinent. Die Gegend hier ist selbst in dieser Zeit noch sehr einsam und verlassen.«
»Und wo müssen wir nun hin?«, wollte Khendrah wissen. »Wenn der Slider noch flugtauglich ist, sollten wir vielleicht bald von hier verschwinden, bevor Neugierige hier auftauchen.«
»Ich glaube zwar nicht, dass wir bei unserer Bruchlandung Zuschauer hatten, aber wir sollten uns wirklich nicht zu lange an einem Fleck aufhalten.«
Giwoon ließ die Aggregate für den atmosphärischen Flug anlaufen. Ein leises Summen erfüllte die Kabine.
»Schaut mal!«, rief Fancan, die das kleine Ortungs- und Zerstörungsgerät in der Hand hielt. »Jetzt zeigt der Monitor etwas an. Ich weiß nur nicht, was es bedeutet.«
Giwoon schaute darauf.
»Das sind Flugvektoren und Distanzdaten. Ich werde sie in die Steuerung eingeben, dann kann die Steuerkugel uns genau zeigen, wo unser Ziel liegt. Diktiere mir bitte mal die Zahlen, ja?«
Fancan gab sie ihm langsam und exakt durch, während Giwoon sie in das Terminal eingab. Anschließend zeigte die Steuerkugel eine gelbe Linie an, die vom roten Punkt ausging, der ihren Standort bezeichnete. Interessiert verfolgten sie diese Linie mit ihren Blicken und endeckten ihr Ende mitten im Himalaja.
»Wie ich es gesagt habe!«, rief Giwoon triumphierend. »Der Himalaja! Ein Zentralmassiv – nur dort können sie die Energieversorgung installiert haben, denn dort schauen nicht oft Menschen vorbei und man kann davon ausgehen, dass der Himalaja auch in vielen Tausend Jahren noch existieren wird.«
»Sag mal Giwoon«, meldete sich Thomas zu Wort, »wie kann ein so kleines Ding über so eine gewaltige Strecke hinweg ein Kraftwerk orten, dass sich inmitten eines Gebirges befindet? Das ist doch nicht möglich.«
Giwoon drehte sich verblüfft zu Thomas um.
»Natürlich kann es das«, sagte er verständnislos, doch dann fiel ihm etwas ein.
»Ach, ich weiß, was du meinst. In den unteren Jahrhunderten – vielleicht sogar in den unteren Jahrtausenden – nutzte man überwiegend elektrische Energiequellen. Wenn es eine Anlage wäre, die mit Elektrizität arbeitet, könnten wir sie in der Tat nicht orten.«
Er deutete auf die Darstellung des Himalaja und tippte mit dem Finger auf die Steuerkugel.
»Mit elektrischer Energie könnte man niemals ein Gebilde wie den Vektor aufrecht erhalten. Dazu braucht es schon eine weitaus effektivere Energiequelle. In diesem Fall nutzte man noch die in meiner Zeit bereits veraltete Quarkstrom-Technologie und die erzeugt ein Feld, das man sogar aus noch viel größerer Entfernung anmessen kann.«
»Quarkstrom-Technologie«, sagte Thomas ungläubig, »wenn du mich verscheißern willst, dann sag es besser gleich.«
»Ich will dich nicht veralbern«, verteidigte sich Giwoon, »nur, weil man sich zu deiner Heimatzeit noch keine praktische Nutzung der Quarks vorstellen konnte, muss es doch nicht heißen, dass spätere Zeitalter keine bahnbrechenden Entdeckungen mehr machen können. In meiner Heimatzeit versorgen wir uns mithilfe der Cherts mit Energie. Das ist sicher und umweltfreundlich.«
»Was sind Cherts?«, fragte Khendrah, »Ich bin zwar keine Physikerin, aber ich habe noch nie von so etwas gehört.«
Giwoon winkte ab.
»Lassen wir das«, sagte er, »ich denke, die Cherts sind bis zum oberen Ende des Vektors noch überhaupt nicht entdeckt worden.«
Er hielt wieder das Gerät hoch, welches das Ende des Vektors bedeuten sollte.
»Das Ding hier arbeitet mit Cherts«, erklärte er, »es wird niemals eine neue Energiequelle bekommen müssen. Es bezieht seine Energie direkt aus dem kosmischen Gravitationsfeld.«
»Mir wird das jetzt zu hoch«, gab Thomas bekannt.
»Meinst du, mir ginge es anders?«, fragte Khendrah und sah zu Fancan hinüber, die ebenfalls nur die Schultern zuckte.
»Vielleicht sollten wir allmählich aufbrechen«, schlug sie vor.
»Genau das werden wir jetzt auch tun«, sagte Giwoon. »Symeen, meine Mutter hatte mich nämlich davor gewarnt, dass es in dieser Zeit bereits eine recht einfache, aber effektive Methode gibt, Flugkörper zu orten. Sie strahlten ein Signal ab und wo es reflektiert wurde, musste zwangsläufig ein Flugkörper sein.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 12.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 8 – Die Gashöhlen

Als der klaffende Schlund ihn verschluckte, war Archweyll noch nicht bewusst gewesen, welchen Gefahren er sich damit ausgesetzt hatte. Die abstrakten Felsformationen glitzerten im Licht seiner Scheinwerfer rostrot und formten grinsende Grimassen, die ihn aufgrund seiner hoffnungslosen Lage zu verspotten schienen. 
Verloren auf dem Grund des Ozeans. 
Er verkniff sich eine Reaktion und schritt weiter in die Tiefe. Surrend befolgten die Gelenke des Scherenpanzers seine Befehle. 
Es ging in einer leichten Senkung bergab und schnell bekam der Kommandant das Gefühl, in einem großen Canyon gelandet zu sein. Fast dreißig Meter ragten die Klippen nun über ihm auf und das matte Leuchten der seltsamen Pflanzen reichte kaum noch, um sich zu orientieren. Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass er sich nicht durch eine enge Höhle oder ähnliches kämpfen musste. Das Gestein wurde von seltsamen grauen Pocken besetzt, die ihm irgendwie ein kränkliches Aussehen verliehen. Winzige silberne Schemen flitzten durch den Schein des Lichtes und waren wieder verschwunden, bevor Archweylls Auge sie genau erfassen konnte. Herkömmliche Pflanzen gab es hier keine. 
Wie denn auch, ohne Sonnenlicht? Instinktiv überkam den Kommandanten ein schauderhaftes Gruseln, als er sich die Frage stellte, was die seltsamen leuchtenden Augen angesichts dieser Tatsache dann für Lebewesen waren. 
Nachdem der Canyon einen steilen Knick vollführte, stand Archweyll plötzlich vor einer Wand. 
Eine Sackgasse. 
Er unterdrückte das drängende Gefühl, verächtlich ausspucken zu müssen. Seinen Schätzungen zufolge, war er kaum eine halbe Meile von der Quelle des metallischen Glitzerns entfernt. Aber jetzt umzukehren und einen neuen Weg zu finden, würde ihm Stunden, wenn nicht gar Tage an Zeit rauben. Und hier unten war nichts gewiss, das war das wohl einzig sichere. 
Plötzlich bemerkte Archweyll einen Spalt, der unter der Felswand durchzuführen schien, kaum groß genug, um sich hineinzuzwängen. Ein klaffendes schwarzes Loch öffnete sich im Boden unter ihm und schien ihn hungrig zu erwarten. Für eine Sekunde wägte der Kommandant seine Möglichkeiten ab. 
Er aktivierte den Scan, um weitere Informationen zu erhalten. 
Seinen Daten zufolge hatte er den Zugang in ein Labyrinth entdeckt, bestehend aus unzählbar vielen Gängen und Kreuzungen, Kavernen und Durchgängen. Wenn er Glück hatte, könnte er dadurch einen Umweg vermeiden. 
Allerdings war sich Archweyll durchaus bewusst, dass es auch mit einem hohen Risiko verbunden war, in ein unbekanntes Höhlensystem hinabzusteigen.  Doch andererseits… was für eine Wahl blieb ihm denn? Er war drauf und dran hinabzusteigen, als der Scan eine Warnung ausspuckte. »Achtung: Gasförmige Lebensform lokalisiert, unbekannte Auswirkungen auf Scherenpanzer. Gefahrenstufe gelb.« 
»Wenn es weiter nichts ist«, feixte der Kommandant, dann sprang er in das Loch.

                                                                          ***

Nichts wollte funktionieren. Die völlige Finsternis hatte ihre Hoffnung genauso verschluckt wie ihren Anzug. Es war Tamara wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis sie endlich auf den Grund gestoßen war. Eine weitere Ewigkeit verharrte sie nun schon hier, in absoluter Stille. 
Die Aussicht, jemand würde kommen, um sie zu holen, schwand mit jeder verstrichenen Sekunde. Ihre Versuche, den Scherenpanzer wieder zum Laufen zu bringen, waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen und spätestens nachdem sie versehentlich die Hauptleitung gekappt hatte, gab sie es auf. Tamara war eine Kriegerin, keine Technikerin. Und selbst wenn es ihr eigener Kodex verlangte, niemals aufzugeben, sah sie doch gerade kein Licht, am Ende des wirklich dunklen Tunnels. Ein einziges Mal hatte sie das Licht ihrer Lampe angemacht, um für eine Sekunde nach draußen zu leuchten, nur um sich von dem Anblick, der sich ihr bot, derart zu erschrecken, dass sie sich seitdem nicht mehr getraut hatte. 
Ein wurmähnliches Etwas hatte sich vor ihr durch den Boden gesaugt und ein weiteres war beim Anblick des Lichtes kreischend von einer Anhöhe auf sie hinabgestürzt, hatte aber ohne Schaden anzurichten wieder das Weite gesucht. 
Seitdem vernahm sie überall das Schmatzen dieser Lebewesen und das Wummern ihres eigenen Herzens. Oder bildete sie sich das nur ein? 
Die Schatten um sie herum formten wurmartige Schlangen, die sich förmlich an sie schmiegten.Ihr Gehirn spuckte allerlei grausame Szenarien aus, doch noch gelang es ihr, die Fassung zu bewahren. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, nur um in sich zu kehren. Was sie brauchte, war ein Plan. Aber so fieberhaft sie auch einen suchte, derzeit kam ihr nichts in den Sinn, außer abwarten. Und das gefiel ihr gar nicht. Das Geräusch der arbeitenden Würmer wurde immer lauter und langsam ließ es Tamara panisch werden.
»Was zur Hölle ist hier nur los?«, brach es wütend und gleichzeitig ängstlich aus ihr heraus. 
Sie unterdrückte nur mit Mühe eine Panikattacke. Noch nie hatte sie sich so ausgeliefert gefühlt. 
Auf einmal ertönte unter ihr ein knackendes Geräusch. 
Bevor sie registrieren konnte, woher es stammte, brach plötzlich der Boden unter ihr zusammen. Tamaras Anzug fiel einige Meter in die Tiefe und tauchte ein in ein Meer aus sich windenden Leibern. Ein panischer Aufschrei entwich ihren Lippen und verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein ängstliches Schluchzen. 
Die Würmer. Sie haben mich untergraben und jetzt kommen sie mich holen. 
Die Lebewesen machten sich daran, den Anzug zu zerlegen. Es würde ihnen zweifelsohne einiges abverlangen, durch das Metall zu kommen, aber Tamara war sich sicher, dass es sich nur um wenige Stunden handeln konnte, bevor sich eines dieser Wesen durch ihren Körper bohrte. 
Ein saugender Rüssel voller spitzer Zacken saugte sich schlürfend an der Frontscheibe fest. 
Schockiert und gleichzeitig angewidert drehte sie sich weg. 
»Arch, wo bist du?«, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum noch mehr als ein Flehen. 

                                                                  ***

Als sein Licht die massiven Höhlenwände überflog, geriet der Kommandant ins Staunen. 
Das Wasser hier unten schillerte wie Öl, in den Farben des Regenbogens. 
Zweifelsohne lag das an dem Gas, das hier unten durch die Kanäle waberte und in konzentrierter Form auftauchte. Allerdings war sein Scherenpanzer so dicht von außen abgeschottet, dass er nicht befürchtete, davon betroffen zu sein. 
Mit einem schnellen Blick versuchte Archweyll sich zu orientieren. Er war in einem Gang gelandet, der in zwei Richtungen führte. Nun würde der Scan ihm den Weg weisen. Schnell eilte er den engen kreisrunden Tunnel entlang, bedacht darauf, seinen Wänden nicht zu nahe zu kommen und stets einen Blick auf die Decke zu behalten. Jede mögliche Öffnung nach oben war ihm willkommen. Doch plötzlich hielt er abrupt inne. 
Dieser Tunnel war viel zu eben und perfekt gerundet, als das die Natur ihn jemals hätte von selbst erschaffen können. Hier hatte sich etwas durch das Gestein gewühlt und es war groß. 
Vorsichtig schlich Archweyll weiter, jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, seine Augen weit aufgerissen. Wenn er genau hinsah, erkannte er viele kleine Löcher, die in den großen Tunnel mündeten. 
Hier unten lebt etwas. 
Mit einem Knopfdrücken fuhr er die Klinge aus, die am rechten Handgelenk seines Anzuges verankert lag, und hielt sie eisern umklammert. 
Sollen sie nur kommen. Ich werde sie wärmlichst empfangen.
Er ging leicht in die Hocke, um sich besser auf einen Angriffssprung vorzubereiten. 
Der Tunnel vollzog eine Wendung und in einiger Entfernung erkannte der Kommandant eine Öffnung, die an die Oberfläche zu führen schien. Plötzlich streifte sein Licht einen saugrüsselähnlichen Kopf. 
Kreischend warf sich der Wurm ihn entgegen, ein Geräusch, als würden zwei Kreissägenblätter im wütenden Kampf aufeinandertreffen. Er fuhr seinen Rüssel zu voller Länge aus und eine spitze, mit Dornen besetzte Zunge stieß daraus hervor, um die Panzerscheibe zu durchstoßen. Krachend prallte das Todeswerkzeug davon ab und ließ Archweyll die Zeit, die er brauchte, um anzugreifen. Er sprang nach vorne und rammte das Messer in das, was man einen Kopf nennen könnte. Blut ergoss sich wie dunkelroter Rauch in das Wasser. Die Kreatur war sofort tot. 
Eine rot leuchtende Anzeige und eindringliche Warnsignale erforderten die sofortige Aufmerksamkeit des Kommandanten. Schwer atmend studierte er die Monitore.
»Verflucht!«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihm bewusst wurde, dass der Angriff des Wurms einen Mikroriss in der Scheibe verursacht hatte. 
»Druckstabilisator aktiviert. Benötigte Energieleistung erreicht kritische Schwelle. Standby«, knisterte es aus dem Lautsprecher.
Archweyll ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte seinen Feind unterschätzt. 
Auf einmal vernahm er einen eindringlichen Moschusduft. Noch bevor der Kommandant realisieren konnte, woher er stammte, nahm er aus dem Augenwinkel eine erneute Bewegung wahr, die ihn abermals ablenkte. Er richtete das Messer in die Richtung und ein Knurren entwich seiner Kehle. Der Geruch wurde intensiver. Archweyll merkte, wie sein Sichtfeld sich erweiterte. 
Er spürte die schwere Last des Wassers auf sich ruhen und der Tunnel verzerrte sich zu aberwitzigen Formen. Sein Herz begann zunehmend zu rasen und eine unsagbare Zufriedenheit hüllte ihn in eine daunengleiche Weichheit. 
Das Gas dringt ein, schoss es ihm durch den Kopf wie eine ordentliche Dosis. Erneut registrierte er eine Bewegung vor sich. Ein Schemen steuerte direkt auf ihn zu. Archweyll wischte sich gründlich die Augen, um sicherzustellen, dass er nicht träumte. 
Tamara kam auf ihn zu geschwommen, ihr flammenrotes Haar wallte in der Strömung und anstelle von Beinen besaß sie eine lange schillernde Schwanzflosse. Ihr Oberkörper war unbedeckt und sie zwinkerte ihm für eine Sekunde ein verruchtes Lächeln zu. 
Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, erstrahlte ihr Körper von innen heraus und das Licht tausender Sterne trat aus ihr heraus, verwandelte die Höhle in ein Explosion aus Farben, deren Spektrum sich wieder und wieder in unzählige Fragmente zerteilte. 
Archweyll spürte, wie ihm schwindelig wurde, der Tunnel erglühte in sämtlichen, ihm bekannten Farbvariationen, die sich einem Strudel gleichend um ihn bewegten. Wackelig machte er einen Schritt, dann noch einen. 
Ich muss es aufhalten, sonst wird es mich vernichten. 
Doch schon waren seine Gedanken wieder woanders. 
Sein Vater schwebte vor ihm, eine Flasche in der Hand. Mutter weinte. Dann ertönte ein undefinierbares Lachen. War doch alles gut? Menschen, deren Gesichter er nicht einordnen konnte, summten eine ihm vertraut vorkommende Melodie. Fassungslos ergab er sich dieser eigenartigen Welt. Unendliches Glück und tiefste Trauer erfüllten ihn gleichermaßen, er wollte lachen vor Freude und doch zerriss es ihm das Herz. Warum sollte er nicht ewig hier bleiben? Hier war alles, wie es sein sollte. Der Tunnel vor seinen Augen veränderte sich zu einem grünen Regenwald, der sich im Bruchteil einer Sekunde in glänzendes Glas verwandelte. Plötzlich erschien die Atharymn und segelte hindurch, verwandelte das ansehnliche Kunstwerk in ein Scherbenmeer, welches das Licht unendlich vieler Sonnen reflektierte. Sein Leben schien im Zeitraffer an ihm vorbeizuziehen. 
Er erlebte alles noch einmal: ihre Ankunft auf Nautilon, die schwere Zeit, während die Atharymn nicht einsatzfähig war, die Raumstation, die Leere, die Angst. Seine Beförderung zum Kommandanten zog an ihm vorüber, wie ein einzelnes Standbild, das an eine gewisse Emotion geknüpft war. Freude. Stolz. Weiter.
Er, als kleiner Junge, sein Vater erhob sich über ihm wie ein riesiges Monster. Angst. Hass. Weiter. Seine Mutter, sie lag im Sterben im hiesigen Apothekarium. Der Verlust. Die Leere. Weiter. Archweyll wurde bewusst, wenn er bei null angekommen sein sollte, war sein Leben verwirkt. Dann war er nie da gewesen, denn schließlich hatte es ihn nie gegeben. Archweyll Dorne hatte das Licht dieser Welt niemals erblickt. Emotionen brachen über ihn ein, die er nicht einordnen konnte. Und dann wurde alles schwarz und weiß. Er hatte das Ende erreicht.

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Gottes Hammer: Folkvang XV

Es waren Jahrzehnte vergangen, seit Azrael dieses Gesicht erblickt hatte. Dennoch erkannte er es sofort wieder. Die unverwechselbaren, fein geschnittenen Züge, die denen seines Vaters glichen, der leicht schmunzelnde Mund, die zusammengekniffenen Augen, in denen sich überwältigende Kühnheit mit lodernder Entschlossenheit paarte … es konnte kein Zweifel bestehen. Auch wenn die Zeit sein Haar gebleicht und seine Züge erweicht hatte, vor ihm stand sein totgeglaubter Bruder Seimos von Astaval.

Azrael taumelte. Er hörte, wie Malfegas aufkeuchte und wandte sich zu Velis um. Die Dämonin wich seinem Blick aus. Hatte sie etwa von Medardus’ wahrer Identität gewusst?

Seimos schien seine Gedanken zu erraten. „Gib nicht ihr die Schuld. Ich habe ihr meine Identität nie enthüllt. Zumindest nicht bewusst.“ Er trat einen Schritt näher und breitete seine Arme aus. „Teshin! Es ist so schön, dich wiederzusehen! Du hast dich kaum verändert!“ Ein Anflug von Spott begleitete die Worte.

Azraels Herz raste. Die Konfrontation verlief entschieden anders, als er geplant hatte. Er räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Er durfte keinesfalls die Fassung verlieren.

Du hast gesagt, du hättest die Denomination betrogen“, hob er an, ohne auf Seimos’ rührselige Worte einzugehen. „Aber allerorts spricht man von deiner Tapferkeit und Tugend. Und davon, dass du der erfolgreichste Hexenjäger seit Erzbischof Drogans Zeiten bist.“ Er konnte die Bitterkeit nicht aus seiner Stimme verbannen. „Weißt du, was Leute wie Esben deinetwegen durchmachen mussten?“

Seimos ließ die Arme sinken und das angedeutete Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Trauer furchte seine Miene. Er musste bereits ein Greis gewesen sein, als sich die Verwandlung zum Dämon vollzog. Azrael konnte kaum glauben, dass ein geachteter alter Mann, noch dazu ein von der Denomination unterstützter Kleriker, willentlich einen solchen Pfad beschritt.

Kurz herrschte Totenstille. Nur das Krächzen einiger ferner Navali erklang auf der Lichtung. Nicht zum ersten Mal fragte sich der Dämonenkönig, ob sie trotz Halgins Abwesenheit ihre besondere Intelligenz beibehalten hatten.

Schließlich seufzte Seimos und schüttelte den Kopf, so als wollte er eine unangenehme Erinnerung verscheuchen. „Glaube mir, ich habe es nicht gern getan. Im Gegenteil. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Das Volk glaubt an Hexen. Es schreit nach deren Blut. Die Menschen wollen Sündenböcke und sie wollen sie leiden sehen. Sie verstehen das Konzept von Magie nicht und erzählen sich stattdessen Geschichten von alten Weibern, die Unzucht treiben und mit ominösen Zaubertränken das Wetter beeinflussen. Wenn wir ihnen die Entscheidung überließen, wer zu verbrennen und wer zu verschonen ist, wie lange würde es dauern, bis allüberall Selbstjustiz herrscht? Es wäre wieder wie zu Beginn des Krieges, als falsche Hexenjäger die Städte terrorisierten und vor nichts Halt machten, um ihr Vermögen zu mehren.“

Dennoch!“ Azrael hob die Stimme. Er fühlte, wie seine Fäuste zu zittern begannen. „Du hast Unschuldige getötet! Du hast sie bei lebendigem Leib den Flammen übergeben!“

Seimos zuckte zusammen, so als hätte ihn jemand geschlagen. Aber im nächsten Moment kehrte die Sicherheit in seinen Blick zurück und er atmete tief durch.

Teshin … oder soll ich dich Azrael nennen? Wie stellst du dir einen Helden vor?“

Azrael bedachte seinen Bruder mit einem wütenden Blick. „Du weißt, was ich vorhabe. Ich betrachte denjenigen als einen Helden, der die Herde behütet und sie zähmt, der sie beherrscht und im Zaum hält. Er soll ihre Aggressionen nicht stützen, sondern ausmerzen!“

Der Anflug eines Lächelns entstand auf Seimos’ Gesicht. Doch diesmal schlich sich Verzweiflung in seine roten Augen. „Du wirst schon bald merken, dass das nicht möglich ist. Wer auch immer den Menschen erschaffen hat, er hatte einen sehr eigenartigen Sinn für Humor. Wir werden stets Hass und Wut empfinden und stets ein Ziel für beides brauchen. Ich gebe den Menschen ein Ziel, aber ich sorge dafür, dass ihre Wut kontrolliert zu Tage tritt und den kleinstmöglichen Schaden anrichtet. Ja, ich bin ein Mörder. Ja, ich bin ein Sünder. Aber letztlich bin ich auch ein Heiland, denn ich nehme die Sünden der Menschen auf mich. Ich werde zur Personifikation der Sünde, ich schlachte für die Menschen, ich bin das grauenerregende Idol des Hasses. Wenn die Leute verstehen, was sie wahrhaftig getan haben, wenn ihnen wirklich klar wird, dass sie eine unschuldige junge Frau dazu verdammt haben, unter grässlichen Qualen auf dem Scheiterhaufen zu sterben, während sie sich die schmelzende Lunge aus dem Leib brüllt, … ja, dann bin ich hier, um zum Sündenbock zu werden. Glaube mir, es gibt nichts, was ich mehr begehre.“

Azrael schwieg, während er die Worte sacken ließ. Er betrachtete Seimos genau. Sein Bruder musterte ihn mit der überwältigenden Sicherheit eines Mannes, der mit seinem Gewissen vollkommen im Reinen war. Seimos schien nicht daran zu zweifeln, das Richtige getan zu haben.

Bist du deshalb ein Dämon geworden?“, fragte Azrael leise.

Seimos neigte zustimmend den Kopf. „Mein Platz ist nicht im Himmel. Ich muss hier sein, auf der Erde. Ich muss den Menschen ein Feind und ein Heiliger sein, um ihre Ausschreitungen zu überwachen. Das ist mein Lebenszweck. Aber ich habe auch noch einen anderen.“ Er atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Teshin, ich bin nicht deinetwegen nach Hornheim aufgebrochen. Ich bin hier, um den Dämonenkönig zu erschlagen.“

Azrael schüttelte verwirrt den Kopf. Scherzte sein Bruder? „Ich bin der Dämonenkönig, Seimos!“

Der Inquisitor schüttelte den Kopf und trat einen Schritt vor. Seine roten Augen loderten wie blutige Flammen.

Ich spreche vom wahren König. Von Irodeus.“

Kurz herrschte Stille. Dann brach Malfegas plötzlich in nervöses Gelächter aus. Rauch stob aus dem Maul des monströsen Löwen.

Du bist zu spät gekommen, Medard – … ich meine, Seimos!“, rief er. „Wir haben ihn längst erledigt!“

Azrael nickte. „Seimos, ich weiß, du hast vor vierzig Jahren gegen Irodeus gekämpft und Velis befreit. Du hast ihn damals nur versiegelt, das ist richtig. Irodeus’ Seele ist danach in den See Sökkvar geflohen, aber ich habe ihn vor einigen Monaten vernichtet. Er ist nicht mehr.“

Nun war es an Seimos zu lachen. „Hat dir Berith das erzählt? Ich fürchte, du wurdest in die Irre geführt.“

Azrael straffte sich. „Wie meinst du das? Ich habe deutlich gespürt, wie Irodeus’ Seele von dieser Welt verschwand!“

Ja, ein Teil von Irodeus’ Seele“, entgegnete Seimos. „Der andere Teil befindet sich in Esbens Buch.“

Azrael starrte Seimos schockiert an. Er fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. „In Androgs Folianten? Aber …“ Seine Gedanken rasten. „Esben war doch in deinem Lager! Wieso hast du nicht … ?“

Seimos schüttelte den Kopf. „Glaubst du, ich wollte Irodeus mitten im Lager bekämpfen? Du wirst es nicht wissen, aber die glorreichen Tage der Tempelsöhne sind vorbei. Könnten sie den Dämonenkönig besiegen? Wahrscheinlich. Würde es viele Opfer geben? Mit Sicherheit. Ich habe zugelassen, dass Esben betäubt und nach Hornheim entführt wird, weil ich wusste, dass Berith sich diese Chance, seinen wahren Meister wiederzubeleben, nicht entgehen lassen würde. In Kürze wird Irodeus wiederauferstehen und dann müssen wir beide, du und ich, zusammenarbeiten, um unser Ziel zu erreichen.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Berith ist absolut loyal! Er würde doch niemals diesen Verrückten …“

Nicht? Vergiss nicht, unter Irodeus genoss jeder Dämon vollkommene Freiheit. Berith konnte forschen und Sitraxa konnte foltern. Aber dann bist du gekommen und hast Ordnung in das Chaos gebracht.“ Seimos seufzte. „Nicht wahr, Malfegas?“

Der Löwe wirkte nun nicht mehr amüsiert. Sein schlangenartiger Schwanz peitschte wild umher.

Es ist wahr“, knurrte Malfegas. „Freiheit ist Berith wichtiger als alles andere.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht. Gerade ein akurater Gelehrter wie er …“

Seimos lächelte. „Wissenschaft und Kunst können mit Einschränkungen nun einmal nicht florieren. In deiner absoluten Gottesmonarchie ist kein Platz für Visionen, Bruder.“

Azrael setzte zu einer wütenden Erwiderung an, als sich plötzlich eine unheilige Präsenz erhob. Er schnappte nach Luft und fasste sich an die Brust. Sein Herz schien von eiskalten Klauen zerrissen zu werden.

Es ist Zeit, hauchte die Stimme in seinem Kopf hämisch.

Mit einem Mal kannte Azrael ihre Herkunft.

Du! Wieso lebst du noch? Ich habe dich vom Antlitz dieser Welt gebrannt!, rief er in Gedanken verzweifelt.

Man kann Feuer nicht mit Feuer bekämpfen. Das ist nur eine der zahlreichen Lektionen, die du noch lernen musst.

Azrael griff mit zitternden Fingern nach Murakama. Ehe er die Klinge aus der Scheide befreien konnte, begann die Erde zu beben.

__________________________________________________________________________

Esben schlief. Friede umhüllte ihn wie ein seidenweiches Leichentuch. Kein Traum suchte ihn heim. Keine Erinnerung knechtete ihn. Er besaß das Privileg, allein und ohne Bürde im Nichts zu existieren.

Mit einem Mal spaltete ein Lichtstrahl sein Bewusstsein. Bilder erfüllten Esbens Verstand. Er sah seine Schwester, die frommen Gesichter seiner Gemeinde in Aminas, Teshin und Saskia auf ihren Eseln, den Inquisitor Medardus und schließlich die unerbittlichen Schreie der wütenden Menge. Er sah den ketzerischen Folianten, Halgin und Iliana, den Eingang Hornheims, Sitraxas Kerker und Velis’ schreckliches Herzogtum. Das Lager der Tempelsöhne und Azraels Hölle folgten. Und am Schluss stand der Schmerz der Erkenntnis, dass es nie Frieden geben konnte. Das Bild, als Azrael ihn mit Murakama durchbohrte, ließ ihn erbeben.

War er tot? Befand er sich auf dem Prüfstand oder wurde er gerade in die Hölle geworfen? Verwandelte er sich in diesem Moment in einen Dämon?

Ehe er den Gedanken zu Ende geführt hatte, fühlte er ein verführerisch glimmendes Licht am Rande seines Bewusstseins. Obwohl er es nicht sah, spürte er die warme rote Farbe und fühlte sich von ihr angezogen. Ohne ein Gefühl für den Raum zu besitzen, kam er dem Licht näher und streckte etwas aus, das einem Arm wohl am nächsten kam. Ungeahnte Macht durchströmte ihn.

Doch plötzlich hauchte ihm eine Stimme ein Wort ins Ohr. „Nicht!“

Esben kannte sie. Er hatte sie vor langer Zeit gehört.

Wie auf Befehl ließ er von dem roten Licht ab. Sein verführerisches Glimmen erschien ihm nun heuchlerisch und voller Niedertracht. Dort wartete nur ein Leben voller Hass und Gewalt auf ihn.

Stattdessen begab er sich zu der Stimme und ehe er sich versah, erwachte er.

Das Gefühl kehrte nur langsam in seine schmerzenden Gliedmaßen zurück. Mühselig setzte sich Esben auf.

Er befand sich in einer kreisrunden Halle ohne Wände. Prächtige Säulen stützten eine vielfach verzierte Decke. Fresken stellten einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen dar. Er glaubte, darin eine Szene aus dem Epilog von Sankt Esbens Bußlehre zu erkennen.

Ein Windstoß fegte durch die Säulen und Esben erschauderte. Nicht wegen der Kälte, sondern aufgrund der überwältigenden Präsenz, die vor ihm stand.

Eine hochgewachsene Frau in einem Harnisch aus Mondlicht mit gespreizten Flügeln war in der Mitte der Säulenhalle aufgetaucht. Sie stand vor einem einsamen Thron, auf dem eine einzelne Feder ruhte, und musterte Esben lächelnd.

Esbens Beine zitterten, als er sich langsam erhob. Er kannte die Frau.

Saskia?“

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Korrekturen 21

21.Teil – Das Treffen (3/3)

»Was zum Teufel …«, entfuhr es Gunter, »wie fliegt denn dieser Irre?«
Im nächsten Moment schlug die Maschine in ihrer unmittelbaren Nähe ins Gebäude ein. Es konnte nur wenige Räume von ihnen entfernt sein. Das gesamte Gebäude schien zu vibrieren. Ein Teil der Deckenverkleidung stürzte herab, verletzte jedoch niemanden.
»Kann das ein weiterer Angriff von Thoben sein?«, fragte Thomas.
»Das ist eigentlich nicht möglich«, meinte Khendrah, »ich frage mich auch die ganze Zeit über, was das für eine Flugmaschine war. Ich kann mich nicht erinnern, so einen Flieger in den Aufzeichnungen dieser Zeit gesehen zu haben.«
»Dieser Zeit?«, echote Gunter, »Sie stammen aus einer anderen Zeit?«
Khendrah sah ihn ernst an, sagte jedoch nichts.
»Dann stimmt es also tatsächlich«, stellte Gunter fest.
Er hatte eine ungemein schnelle Auffassungsgabe.
»Jetzt verstehe ich auch, dass Sie mir nichts erzählen dürfen«, sagte er, »Sie kommen aus der Zukunft und sollen mich retten. Ist das richtig?
»Na gut«, gab Khendrah nach, »es wird nicht schaden, wenn ich Ihnen diese Kleinigkeit erzähle. Thoben wird von einem unserer Leute beraten, der abtrünnig geworden ist und nun eigene Ziele verfolgt. Er besitzt gewisse Kenntnisse über die relative Zukunft der nächsten Jahre. Um seine Ziele durchzusetzen, muss er Sie beseitigen lassen. Er hat Thoben davon überzeugt, dass er sie jetzt und hier ausschalten muss. Glücklicherweise erhielten wir Kenntnis davon und konnten seine Pläne durchkreuzen.«
»Aber, wenn er die Zukunft kennt, wird er immer wieder einen Schritt voraus sein und mich erledigen können«, meinte Gunter.
»Nein, denn wir haben seine Pläne durchkreuzt und somit die Zukunft bereits jetzt verändert. Seine Kenntnisse nutzen ihm nichts mehr. Er müsste zurückkehren und die Veränderung studieren, doch dieser Weg ist ihm für alle Zeiten verschlossen, beziehungsweise wir werden ihn verschließen.«
Ein Lärm im hinteren Teil des Raumes ließ sie aufhorchen. Khendrah und Thomas fuhren herum und sahen gerade noch, wie eine breite Tür aufgestoßen wurde. Es war hell im Hintergrund, doch verhinderten dicke Rauchschwaden, die Sicht auf den Raum hinter der Tür. Zwei menschliche Schatten tauchten daraus auf und betraten den Raum.
»Das ist Fancan!«, rief Thomas, »pass’ auf Khendrah!«
Khendrah war bereits in Deckung gegangen und hatte ihre Waffe gezogen.
»Gunter, gehen Sie sofort in Deckung«, sagte sie, »wir kennen diese Leute.«
Khendrah zielte locker in Richtung der beiden Neuankömmlinge und drückte ab. Ein Teil der Wand neben der Tür verschwand. Fancan und Giwoon hatten sich bereits mit einem Hechtsprung in Sicherheit gebracht.
»Khendrah!«, rief Fancan, »Nicht schießen! Wir wollen dich nicht töten!«
»Das soll ich dir glauben?«, fragte Khendrah, »Nach den Ereignissen im Jahre 2008? Wer ist das bei dir? Ein neuer Killer?«
»Khendrah bitte!«, rief Fancan, »Wir müssen reden – und ich meine reden. Ich werde mich jetzt erheben und meine Waffe fortwerfen. Bitte schieß’ nicht mit dem Anihilator auf mich.«
»Ist das ein Trick?«, fragte Khendrah, »Ich weiß genau, dass du den Auftrag hast, mich und Thomas zu liquidieren. Wie hast du mich überhaupt gefunden?«
Fancan erhob sich zögernd mit erhobenen Händen hinter einigen Schranktrümmern. Deutlich sichtbar warf sie ihre Waffe in den Raum.
Khendrah erhob sich nun auch, behielt aber ihre Waffe im Anschlag.
»Wo ist der Andere?«, fragte sie, »Ich will, dass auch er sich erhebt und seine Waffe wegwirft.«
»Giwoon, du kannst ihr trauen«, sagte Fancan, »tue, was sie sagt.«
Plötzlich tauchte ein Mann an einer Stelle auf, an der Khendrah nicht damit gerechnet hatte. Sie schluckte. Er hätte sie durchaus überrumpeln und töten können, hatte es aber nicht getan. Der Mann hielt ihr seine Handflächen entgegen und sagte mit sonorer Stimme:
»Ich bin nicht bewaffnet.«
»Ein Killer, der nicht bewaffnet ist?«, fragte Khendrah, »Für wie dumm hält mich die oberste Behörde eigentlich?«
»Khendrah«, sagte Fancan, »die Dinge haben sich gewaltig verändert. Giwoon ist kein Killer. Er war im Rechenzentrum des 6000. beschäftigt – so dachte ich wenigstens. Er ist mein Freund.«
Khendrah starrte ungläubig zwischen den Beiden hin und her.
»Du willst mir also weismachen, dass du eine Beziehung zu einem Mann innerhalb der Behörde hattest? Unbemerkt von allen?«
Sie machte eine Bewegung mit der Waffe.
»Kommt her!«, befahl sie, »Die Hände bleiben schön oben, damit ich sie sehen kann.«
Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete sie jede Bewegung der Beiden. Im Falle einer falschen Bewegung hätte sie nicht gezögert, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen.
»Auf die Knie!«, befahl sie weiter, »Die Hände hinter den Kopf!«
»Sag’ Khendrah, was hast du vor?«, fragte Thomas, dem die Situation nicht gefiel.
»Das weiß ich auch noch nicht«, antwortete sie, »aber jetzt will ich Antworten.«
»Mein Name ist Giwoon«, sagte der Mann ruhig, »ich arbeitete zum Schein als Techniker in der Jahresstation 6000. Dort lernte ich auch Fancan kennen, die wegen einer Recherche in unsere Station kam. Ich verliebte mich sogleich in sie und ich denke, ihr ging es genauso.«
»Wie romantisch«, sagte Khendrah ironisch, »und jetzt will dieses nette Pärchen und auslöschen, was?«
»Das ist doch Blödsinn!«, ereiferte sich Fancan.
»Lass’ mich weitererzählen, Fancan«, bat Giwoon, »du bist mir zu emotional. Also ich gehöre ursprünglich nicht zur Behörde, denn ich stamme aus einer Zeit weit in der Zukunft, weit jenseits des Jahres 8000. Ich stamme aus dem einhundertzwölften Jahrhundert.«
»Das, …das … das ist nicht möglich«, sagte Khendrah, »es ist nie gelungen, die Grenze um das Jahr 8000 zu überschreiten. Die Zeit verändert dort ihren Charakter und ist für Zeitreisen nicht mehr verwendbar.«
Giwoon grinste.
»Das solltet ihr glauben«, sagte er, »damit wir in Frieden leben können. Wir haben eine Sperre installiert, die euch daran hindert, bis zu unserer Zeit vorzudringen. Doch wir mussten lernen, dass auch das nicht ausreicht, eure dilletantischen Zeitmanipulationen von uns fernzuhalten. Ich habe Fancan mit in meine Zeit genommen, um ihr zu zeigen, wie wichtig es ist, etwas gegen eure oberste Behörde zu unternehmen.«
»Das sind doch Märchen!«, brauste Khendrah auf.
»Nein, es stimmt alles!«, rief Fancan, »Wir sind mit einem Slider in Giwoon Zeit gestartet, um euch hier zu treffen. Im einhundertzwölften Jahrhundert ist man äußerst exakt darüber informiert, was in der Zeit vorgeht. Wir sollen euch hier treffen und mitnehmen.«
»Mitnehmen? Wohin?«
»Könnten wir uns darauf einigen, dass wir nicht beabsichtigen, euch zu schaden?«, fragte Giwoon, »Meine Arme schlafen allmählich ein. Fancan und ich sind unbewaffnet und haben wirklich nicht vor, euch anzugreifen oder gar zu töten.«
Zögernd ließ Khendrah ihre Waffe sinken.
»Gut, steht auf«, sagte sie, »aber ich werde meine Waffe schussbereit halten.«
Fancan lächelte.
»Du warst immer schon die professionellere Agentin von uns beiden, nicht wahr? Wir waren Freundinnen, Khendrah. Wir sollten uns nicht mit der Waffe in der Hand gegenüberstehen.«
»Ach ja?«, fragte Khendrah verächtlich, »Ist mir etwas entgangen, als du uns an der Bushaltestelle aufgelauert hattest? Wer hatte denn dort eine Waffe in der Hand?«
»Es war ein Auftrag, Khendrah«, sagte Fancan, »du kennst doch das Spiel. Du hast es doch lange genug selbst gespielt. Ich hatte doch keine andere Wahl, als zu glauben, du wärst schuldig und müsstest liquidiert werden.«
»Darüber kann man geteilter Meinung sein!«, brauste Khrendrah auf.
»Khendrah!«, fuhr Fancan sie an, »Jetzt mach’ ‘mal einen Punkt! Tue jetzt bitte nicht so, als hätten wir in der Vergangenheit die Befehle und Anweisungen unserer Vorgesetzten hinterfragt! Wir bekamen einen Auftrag und führten ihn aus. Fertig! Genauso war es auch bei meinem Auftrag, dich zu liquidieren.!«
»Und was bringt dich auf einmal zum Nachdenken?«, wollte Khendrah skeptisch wissen.
»Giwoon und seine Mutter haben mir die Augen geöffnet«, sagte Fancan, »sie haben mir gezeigt, was unsere Behörde durch ihre Arbeit angerichtet hat und noch immer anrichtet. Khendrah, ich will dich nicht töten – ich will wieder mit dir zusammenarbeiten.«
Man konnte es Khendrah ansehen, dass sie angestrengt nachdachte.
»Du hast dich doch auch schon von deinen früheren Idealen gelöst«, fuhr Fancan fort, »du solltest deinen Freund hier liquidieren. Statt dessen ziehst du nun mit ihm zusammen los und startest auf eigene Faust Missionen, für die du überhaupt nicht autorisiert bist.«
Khendrah warf Thomas einen Seitenblick zu.
»Das verstehst du nicht, Fancan«, sagte sie, »die Dinge haben sich geändert. Mein Auftrag war ungesetzlich. Er war von einem Vorgesetzten erteilt, der eigene Interessen verfolgte. Das muss ich mit allen Mitteln bekämpfen. Das ist meine Pflicht.«
»Mach’ dir doch nichts vor«, sagte Fancan, »würde dir heute jemand sagen, der Auftrag wäre doch rechtmäßig. Würdest du deine Waffe ziehen und Thomas töten?«
Der entsetzte Ausdruck in Khendrahs Gesicht sprach Bände.
»Nein, das würde ich nicht tun«, sagte sie.
Sie blickte Thomas erneut an.
»Ich könnte es nicht. Ich liebe ihn.«
»Na bitte«, sagte Fancan, »endlich bist du einmal ehrlich.«
Gunter Manning-Rhoda, der die ganze Zeit über versucht hatte, diese verrückte Situation zu verstehen, fragte:
»Dürfte ich vielleicht erfahren, was hier eigentlich gespielt wird?«
»Das dürfen Sie nicht!«, riefen Khendrah und Fancan wie aus einem Mund. Sie blickten sich überrascht an, hielten einen Moment inne und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
Gunter wandte sich verärgert an Giwoon, doch auch dieser war nicht bereit, mehr dazu zu sagen.
»Sie haben bereits mitbekommen, dass wir Zeitreisende sind. Das ist mehr, als sie eigentlich erfahren durften. Sprechen Sie in Ihrem eigenen Interesse bitte niemals darüber. Führen Sie Ihren Wahlkampf weiter, wie bisher und gewinnen Sie die Wahl. Damit wäre allen gedient.«
»Aber Herwarth Thoben und die PEV?«, wandte Gunter ein.
»Das Problem werden Sie als Regierungschef sicher lösen können«, sagte Giwoon mit süffisantem Lächeln.
Sie wurden unterbrochen, als eine Gruppe der örtlichen Polizeikräfte durch die Tür vom Flur hereinstürmte.
»Keine Bewegung!«, brüllte einer der Polizisten und hob seine Waffe, »Legen Sie sofort Ihre Waffen nieder!«
Khendrah, Fancan, Giwoon und Thomas starrten die in den Raum drängenden Polizisten schweigend an. Es war ihnen klar, dass es höchste Zeit war, von hier zu verschwinden. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis nach diesem Kampf und dem dadurch verursachten Lärm Sicherheitskräfte auftauchen würden.
»Wir werden uns jetzt zurückziehen«, flüsterte Giwoon Gunter zu, »bitte lenken Sie die Leute dort etwas ab.«
Gunter sah in fragend an.
»Bitte«, flüsterte Giwoon, »wir müssen verschwinden und wir wollen nicht noch gegen Polizisten dieser Zeit kämpfen müssen.«
Gunter nickte unmerklich.
»Gut, dass Sie kommen, meine Herren!«, rief er den Polizisten zu, »Ich bin Gunter Manning-Rhoda und mir galt der Angriff durch diese Attentäter.«
Er deutete auf die herumliegenden Leichen.
Die Beamten betrachteten die Szenerie. Sie waren eine Menge gewohnt, doch das, was sie sahen, brachte auch sie aus der Fassung.
Fancan hatte bereits unmerklich ihren Nihilator auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet und löste ihn aus. Ohne ein Geräusch löste sich der Boden auf und gab den Blick in das Stockwerk darunter frei. Sie gab ein Zeichen und die Vier sprangen durch das Loch im Boden in die untere Etage.
Die Bewegung blieb den Beamten nicht verborgen und einer der Männer schoss, doch es war zu spät.
Die Vier hatten Glück, dass der Raum unter Gunters Suite leer stand, so wurden sie nicht weiter aufgehalten.
»Los, weiter«, drängte Giwoon, »sie werden sicher nicht lange zögern, uns zu folgen.«
Als er mit Khendrah und Thomas den Ausgang des Raumes erreicht hatte, sah er, dass Fancan ihnen nicht folgte.
»Fancan, was treibst du da?«, fragte er, »Wir müssen hier weg. Wir sind erst sicher, wenn wir den Slider erreicht haben.«
»Ich habe mir den Fuß verstaucht!«, rief Fancan mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht, »Ich kann nicht laufen.«
Giwoon und Thomas sahen sich schweigend an. Ohnen ein Wort machten sie kehrt, griffen Fancan unter die Arme und trugen sie weg. Inzwischen peitschten die ersten Schüsse der Polizisten durch das Loch in der Decke und verfehlten sie nur knapp. Khendrah hielt die Tür offen und ließ die Drei hindurchlaufen. Anschließend verschloss sie von außen die Tür und verstellte ihre Waffe auf Hitzewirkung. Dann verschmolz sie die Tür, die glücklicherweise aus Metall bestand, mit dem Rahmen. Das würde ihre Verfolger eine Weile beschäftigen.
»Wo ist nun euer Slider?«, fragte sie, während sie durch den Gang zum Treppenhaus hasteten.
»Wir müssen wieder nach oben«, sagte Giwoon, »betet, dass sie das Fahrzeug bis dahin noch nicht entdeckt haben.«
»Was machen wir, wenn das der Fall ist?«, wollte Thomas wissen.
»Dann müssen wir uns den Weg freischießen«, erklärte Fancan keuchend, wir können zwar auch im Betäubungsmodus feuern, doch sind wir dadurch nicht immun gegen die Projektilwaffen der Sicherheitskräfte.«
»Hier ist eine Treppe!«, rief Khendrah und deutete nach oben.
»Ab nach oben!«, befahl Giwoon, »Der Slider muss ganz in der Nähe sein.«
Als sie auf der oberen Ebene angekommen waren, sahen sie ihr Fahrzeug, welches von Trümmern der Decke und der Außenwand des Gebäudes bedeckt war. Die Schleuse stand weit offen und ihr Licht schien in den Gang hinein.
»Keine Zeit verlieren!«, rief Giwoon, »Fancan, geht es noch?«
»Es muss gehen!«, antwortete sie und biss ihre Zähne zusammen. Khendrah schaltete ihre Waffe vorsichtshalber auf Betäubung und gab Thomas ein Zeichen, es ebenfalls zu tun.
Die letzten Meter schienen eine Ewigkeit zu dauern. Sie hörten bereits die Schritte der Verfolger, die sich ebenfalls schnell dem Slider näherten. Sie erreichten das Fahrzeug zuerst und retteten sich ins Innere der Maschine. Kurz bevor sich die Schleuse endgültig geschlossen hatte, drangen einige Projektile der automatischen Waffen der Sicherheitskräfte durch den sich schließenden Spalt und schlugen in die Seitenkonsolen des Sliders ein.
»Oh Gott, hoffentlich hat der Temporalprozessor nichts abbekommen!«, rief Giwoon.
»Ich dachte, dieses Ding hier wird über diese Kugel dort gesteuert«, wunderte sich Fancan.
»Das schon, aber die Technik selbst ist in den Seitenkonsolen untergebracht«, erklärte Giwoon, der hektisch dabei war, die Funktionsfähigkeit des Systems zu prüfen.
Von draußen dröhnten heftige Schläge gegen die Hülle des Sliders.
»Sind wir hier drin auch sicher?«, fragte Thomas.
»Wenn du wissen willst, ob sie es schaffen können, hier einzudringen, dann sage ich ja, wir sind sicher. Aber wenn wir einen Defekt haben und nicht mehr starten können, dann müssen wir irgendwann hier heraus. Dann haben wir ein Problem.«
Sie ließen Giwoon in Ruhe arbeiten und nach einer Weile stieß er deutlich hörbar die Luft aus.
»Und?«, fragte Khendrah, »Wie sieht es aus?«
»Es sieht schlimm aus, aber nicht so schlimm, wie ich es befürchtet habe«, meinte Giwoon, »wir werden hier wegkommen. Das ist die gute Nachricht.«
»Und weiter?«, fragte Thomas auffordernd, »Nun mach’ es nicht so spannend.«
»Der Temporalprozessor hängt am seidenen Faden«, sagte er, »wir sollten uns darauf einrichten, dass wir noch eine Zeitreise damit machen können und diese sollte nicht sehr weit in die Zeit hinein reichen.«
»Heißt das, du wirst nicht mehr nach Hause fliegen können?«, fragte Fancan mitfühlend.
»Genau das bedeutet es«, sagte er tonlos, »jetzt weiß ich auch endlich, warum meine Mutter sich so gründlich von mir verabschiedet hat. Ich werde weder Symeen oder Zedroog, noch meine Schwester Yshaa jemals wiedersehen.«
Fancan fasste seine Hand und drückte sie. Giwoon sah sie dankbar an und zog Fancan an sich. Erst jetzt wurde es Khendrah klar, dass es Fancan ebenso erging, wie ihr: Sie hatte sich verliebt, was einer Zeitagentin niemals gestattet war.


Die nächste Folge dieses Romans erscheint an dieser Stelle am 05.10.2019

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Gottes Hammer: Folkvang XIV

Abigor von Hrandamaer zitterte.

Er hatte seit Jahrzehnten nicht mehr gezittert. Seit dem Attentat auf ihn, als er durch die Hölle gehen musste und alles verlor, was er besaß.

Abigor saß in seinem Zelt auf dem fremdartigen Stuhl mit den Schnitzereien, den ihm vor langer Zeit ein mächtiger Fürst vermachen ließ. Es handelte sich um eben jenen Fürsten, von dessen Gunst sein Überleben nun abhing.

Abigor erhob sich und schritt unruhig auf und ab. Das Ultimatum endete heute und Anspannung regierte die Tempelsöhne. Jeden Moment konnten die Dämonen angreifen.

Abigor hustete und rieb sich den Mund. Er schmeckte Blut und fluchte. Mit fahrigen Bewegungen griff er zu einem dunklen Tuch und wischte die rote Flüssigkeit ab.

Seit Esbens Verschwinden war ein weiterer Apostel des Heeres ermordet worden. Weder Medardus noch ein anderer der Tempelsöhne kannte den Täter.

Abigor hingegen wusste genau, wer mit den dunklen Mächten im Bunde stand. Er musste die Person bald zur Rede stellen, aber zunächst galt es, einem anderen Rätsel auf den Grund zu gehen.

Abigor beschleunigte sein unruhiges Auf- und Abgehen, wobei sein Blick zwischen dem Zelteingang und einem kleinen Tisch in der Ecke pendelte. Ein geöffneter Brief lag darauf, Lifas’ säuberliche Handschrift offenbarend.

Endlich bewegte ein Hauch seine ungebändigte Mähne. Abigor erstarrte und wandte sich um. Zwei violette Augen musterten ihn aus der Dunkelheit.

Ashaya!“, rief Abigor. Er ballte seine Hände zu Fäusten, um das Zittern zu unterdrücken. „Was soll das?“

Was soll was?“ In Abigors Gegenwart trat Ashaya nach außen hin stets als Dienerin auf, aber die Realität könnte anders nicht sein. Abigor wusste wohl, dass Ashaya keine Befehle von ihm entgegennahm. Er konnte sie lediglich bitten, ihm einen Wunsch zu erfüllen. Sollten seine Interessen jedoch Beriths Plan gefährden, würde Ashaya kaum zögern, ihn zu beseitigen.

Es gab nicht viele Lebewesen, vor denen ein Tempelsohn Furcht verspürte. Ashaya bildete eine solche Ausnahme. Es lag weniger an ihrer Macht, denn diese kam nur selten zum Einsatz, sondern vielmehr an ihrer Ausstrahlung. Die spöttischen und hell leuchtenden Augen, das ironische Lächeln, das ihre Miene spaltete, ihre kokette Haltung und die provokante, langsame Art zu sprechen ließen sie unantastbar wirken. Allein die Vorstellung, Ashaya könnte um Gnade bitten, erschien ihm absurd.

In dieser Hinsicht erinnerte sie ihn an Medardus.

Abigor räusperte sich. Er fühlte, wie kalter Schweiß seinen Nacken benetzte. Ein einzelner Tropfen glitt an ihm herab.

Du weißt genau, was ich meine!“, herrschte Abigor sie an. Er schrie immer, wenn ihn Furcht peinigte.

Ashaya schob die Unterlippe vor und tat, als müsste sie weinen. „Warum musst du immer schreien? Das ist gemein!“ Der Spott in ihrem Blick strafte sie Lügen.

Hör damit auf!“ Abigor durchmaß den Raum und zog sein Schwert. „Wo ist Iliana?“

Ashaya betrachtete die geschliffene Klinge betont gelangweilt. „Warum fragst du?“

Abigor deutete auf den Brief. „Lifas hat mir eine Nachricht geschickt. Iliana ist zusammen mit dir verschwunden. Was hat das zu bedeuten? Willst du Hrandamaer in den Rücken fallen?“

Ich? Hrandamaer in den Rücken fallen? Wie könnte ich! Ihr habt mich ja nur eingesperrt und von der Außenwelt abgeschottet!“, erwiderte Ashaya sarkastisch. Doch diesmal glühte nicht Spott, sondern Wut in ihren violetten Augen. Der Anblick erschien Abigor dermaßen abstrus, das er zurückwich. Er hatte in diesen unergründlichen Lichtern nie eine menschliche Emotion gesehen.

Ashaya trat aus der Dunkelheit. Abigor erkannte ihren dunklen Ledermantel, der die Schriftzeichen auf ihren Schultern und auf ihrer Brust offenbarte. Er schluckte. Sie entschied sich nur dann für diese Aufmachung, wenn sie ihre dunkle Magie einzusetzen gedachte.

Wir haben dir lange geholfen“, sagte Ashaya. Ihre Stimme klang nun kalt. „Nun ist es an der Zeit, dass du deinen Teil der Abmachung erfüllst.“

Abigor wich zurück. Er sah, wie die Dunkelheit sich um Ashaya ausbreitete.

Ich habe dir bereits Siegbert gegeben!“, rief er panisch. Seine Hände zitterten nun so stark, dass das Schwert ihm aus der Hand glitt. Er hatte den Koch in einer mondlosen Nacht vor Esbens Verschwinden geopfert, um den Zyklus von Neuem zu beginnen. Er benötigte die Kraft, die er von Berith bekam. Ohne sie war er machtlos.

Ashaya schüttelte langsam den Kopf und trat näher. „Er diente nur zu deiner Wiederherstellung. Aber Berith hat dir ein Versprechen abgenommen, als Preis für das Wissen. Sollte je der Zeitpunkt kommen, an dem das Gefüge der Welt in Gefahr ist, musst du seinem Ruf folgen. In dieser Situation befinden wir uns jetzt.“

Abigor schüttelte den Kopf. Er hatte versucht, hinter die Geheimnisse von Azrael und Berith zu kommen, er hatte sogar in der Nacht der Opferung nach der Tat Siegberts Geist beschworen und ein unheiliges Verhör durchgeführt. Aber er kam der Wahrheit nicht näher. Das Geflecht der Verschwörung blieb für ihn undurchdringlich.

Soll ich etwa gegen die Tempelsöhne kämpfen?“, fragte er entrüstet. Mit dieser Tat wäre sein gesellschaftliches Leben zu Ende.

Ashaya trat noch einmal näher. Sie stand nun direkt vor ihm und starrte ihn unverblümt an.

Nachdem du im Krieg das Attentat in Hrandars Faust überlebt hattest, bist du zu uns gekommen“, rief sie ihm in Erinnerung. „Du begehrtest Wissen und Erleuchtung und gleichzeitig die Befreiung von der Menschlichkeit. Du wolltest die fleischliche Liebe nicht mehr spüren, den Schmerz eines Verlustes und dafür wolltest du alles wissen; ob ein Gott existiert, ob die Welt im Zentrum des Universums steht. Berith hat dir deine Fragen beantwortet und dir deinen Wunsch erfüllt. Deine Emotionen bist du los, dein Wissen hast du. Und sieh dich an.“ Abigor fuhr überrascht zusammen, als Ashaya ihm ins Gesicht spuckte. „Anstatt ein Gelehrter zu sein und den Menschen Wissen zu bringen, führst du dein Schwert in sinnlosen Kriegen im Namen einer Denomination, deren Widersprüche eine Kirchenspaltung nach der anderen hervorrufen. Du tötest und meuchelst, um vor deinem Wissen zu fliehen und musst dennoch immer wieder ein Opfer darbringen, weil du ohne dein Wissen nicht leben kannst. Du demütigst und verscheuchst dein Umfeld. Du brüskierst Lifas und Elinor, deinen Neffen und deine Nichte, denn du kennst kein Mitgefühl mehr. Nun lädt dich mein Herr ein, einmal in deinem verdorbenem Leben eine wahrhaft rechtschaffene Tat auszuführen. Willst du eine solche Gelegenheit wirklich ausschlagen?“

Abigor taumelte, so als hätte sie ihn geschlagen. Ihre Worte gruben sich in sein Herz wie die rostigen Schaufeln der Totengräber.

Ja, er hatte sein Leben vergeudet.

Er war stets einem Traum gefolgt. Zuerst dem Traum der Gelehrtheit, der ruhmreichen Überhöhung des Geistes. Er wollte nach dem Schrecken des Krieges den profanen Widrigkeiten des Lebens entfliehen und sich den Wissenschaften verschreiben. Kaum hatte ihm Berith jedoch deren Geheimnisse offenbart, wählte er verschreckt den Weg des Kampfes. Er war nun ein ruhmreicher Streiter der Denomination und musste die Bürde eigener Gedanken nicht mehr tragen.

Ashayas Augen glitzerten streng, als er ermattet auf seinen Stuhl sank.

Ich kann das nicht!“, rief er. „Ihr habt es mir gezeigt. Ihr habt mir die Wahrheit gezeigt und ich wünschte, ich hätte sie nie erblickt. Gibt es einen Gott? Ja. Und nein.“ Abigor lachte und er fühlte, wie der altbekannte Wahnsinn sich in seiner Brust regte. Nur das Schwert konnte ihn bezähmen. „Wenn Berith mich eines gelehrt hat, dann das hier: Die Wahrheit existiert nicht, nichts existiert und gleichzeitig existiert alles. Es gibt keinen vorgezeichneten Weg und erst recht keinen „Richtigen“, denn jede gute Tat kann einen Mörder retten und jeder Mord ein Leben.“ Er hustete und Blutstropfen benetzten seinen gerüsteten Arm. „Wer sagt mir, dass Beriths Weg der „Richtige“ ist?“

Warum sollte er es nicht sein?“ Ashaya kam näher und ging vor ihm in die Hocke, sodass sie einander auf Augenhöhe begegneten. „Azrael will sich zum Herrscher der Welt krönen. Sein Plan ist edel, aber auch zum Scheitern verdammt. Menschen sind nicht dazu gemacht, sich lange einem Herrscher zu beugen. Dafür sind sie zu starrköpfig – und zu rebellisch.“ Kurz schwieg sie und ihr Blick schweifte ab. Sie schien längst vergangene Erinnerungen durchleben.

Das wichtigste Gut auf dieser Welt ist nicht Sicherheit“, sagte sie schließlich. „Sondern Freiheit. Das war es schon immer.“

Kein Mensch ist wirklich frei“, stieß Abigor hervor.

Ashaya bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick. „Wirklich? Nun, es gibt nicht viele, das stimmt. Aber Freiheit wartet auch nicht auf einen. Man bekommt sie nicht geschenkt, man muss sie sich nehmen. Mit Feuer und Schwert. Nur die Mächtigen können frei sein.“

Abigor schüttelte den Kopf. „Selbst ein König ist nicht frei! Er hat eine Verantwortung! Er hat ein Volk, das er regieren muss!“

Ashaya erhob sich und wandte sich von ihm ab. „Das ist richtig. Könige sind nur eine andere Art von Sklaven.“ Sie drehte den Kopf und der violette Schein ihrer Augen blendete Abigor. „Ich spreche von den wahrhaft Mächtigen, die keiner anderen Person unterstehen außer ihrer eigenen. Azrael will sich selbst zum ersten Sklaven eines großen Volkes machen. Berith hingegen ist wirklich frei. Und so hat er auch als einziger die Lösung gefunden.“

Zeig sie mir“, flüsterte Abigor. „Zeig mir diese Freiheit!“

Ashaya reichte ihm die Hand. Ein derbes Lächeln verunstaltete ihre Züge.

Tu dir keinen Zwang an!“

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Sie kommen!“, kreischte der Junge. „Sie kommen! Sie komm -“

Weiter kam er nicht.

Medardus betrachtete den Narren, wie er in einer Feuersäule verschwand. Ein animalischer Schrei wurde zu seinem abschließenden Segen und die geschwärzte Leiche stürzte zu Boden. Einige neugierige Navali erhoben sich krächzend von den Ästen der Bäume und ergriffen die Flucht. Scheinbar wollten sie die Vorgänge beobachten, um einen Hinweis auf Halgins Aufenthaltsort zu bekommen.

Medardus hatte die Tempelsöhne versammelt und in Formation gebracht. Er fühlte, dass der Angriff kurz bevorstand. Finstere Präsenzen spukten am Rande seines Bewusstseins.

Medardus blickte ein weiteres Mal zu der Leiche des Jungen. Warum hatte er die Formation wohl verlassen und seinen Tod besiegelt? War es Ehrgeiz? Ein Gefühl von Minderwertigkeit? Der Drang, sich zu beweisen? Der Inquisitor würde es niemals erfahren.

Im Schutz der Bäume näherten sich die Schrecken. Die Nacht war hereingebrochen und einzig die gesegneten Waffen der Tempelsöhne spendeten spärliches Licht. Sie vermochten kaum, den Schleier der Dunkelheit zu durchdringen. Medardus konnte im Dickicht nur verschwommene Silhouetten erkennen.

Kurz herrschte vollkommene Stille. Medardus konnte die Anspannung seiner Ritter beinahe mit den Händen umfassen. Er war ihr Clavis. Er musste sie beschützen.

Im nächsten Augenblick peitschte ein Name durch die Nacht.

Medardus!“, rief eine altbekannte Stimme. „Wir stehen für Verhandlungen bereit! Kommt zu uns und wir werden Eure Männer schonen!“

Darauf hatte er gehofft. Medardus atmete tief durch und der Luftzug verursachte durch seine Maske ein schneidendes Geräusch. Ursprünglich wollte er im Fall der Fälle mit Esbens Hilfe die Dämonen versiegeln. Nun war er auf seine eigenen Fähigkeiten angewiesen. Er hoffte inständig, dass der abtrünnige Priester nicht den Dämonen in die Hände gefallen war. Das verbotene Buch würde ihnen in diesem Konflikt gute Dienste leisten, wie Medardus wohl wusste. Er hatte den Folianten bei ihrer ersten Begegnung sogleich wiedererkannt. Ob die Überreste des Dämonenkönigs wohl noch darin weilten?

Er vollführte eine Geste. Mendatius von Astaval, der treue Tempelsohn und Apostel, erschien nebem ihm wie aus dem Nichts. Der Greis konnte sich besser in der Finsternis verbergen als jeder Sprössling von Hrandamaer.

Mendatius nickte ihm langsam zu. „Wir nehmen das Angebot an!“, rief er laut.

Durch die notwendige Stummheit erwuchs jedem Inquisitor die Notwendigkeit eines Adjudanten. Während seiner Zeit als Hexenjäger hatten viele solcher Männer Medardus gedient, doch Mendatius blieb der Beste von ihnen. Es sollte ihn nicht verwundern. Schließlich kannte der alte Ritter ihn schon seit Beginn des Krieges gegen Hrandamaer.

Hoffnung glomm in den Augen der Tempelsöhne, als Medardus und Mendatius durch ihre Reihen ritten. Keiner schien einen Kampf gegen die Schrecken Hornheims bestreiten zu wollen. Ingrimm überkam den Inquisitor. In vergangenen Zeiten hätte dieser Orden ein diplomatisches Vorgehen zwar begrüßt, aber dennoch niemals eine Schlacht gescheut. Dereinst waren die Tempelsöhne zu solcher Macht und Stärke angewachsen, dass sie sogar nach Hornheim selbst gingen und den Dämonenkönig stürzten. Heute erschien ihm jenes Vorhaben mit solchen Hasenfüßen unter den geistlichen Rittern als unmöglich.

Als sie den Lichtkreis der geweihten Waffen verließen, wurden sie bereits erwartet. Ein entstellter Fleischklumpen schwebte aus dem Dickicht, mit von Maden bevölkerter Haut, die nach Verwesung stank. Grotesk kleine Flügel flatterten an seiner Seite.

Medardus’ Hand fuhr erregt zu seinem Mauritiusstab, als er von den Reihen seiner Ritter angewidertes Stöhnen vernahm. Es würde ihn nicht verwundern, wenn der eine oder andere das Bewusstsein verlieren würde.

Ungoros.“ Genau wie Medardus konnte sich auch Mendatius noch an den hässlichen Dämon erinnern. Sie waren ihm in Hornheim begegnet, als sie gegen Irodeus kämpften.

Ungoros erwiderte nichts, sondern führte sie schweigend von dem Lager weg. Erst außer Hörweite begann er zu sprechen.

Mich dünkt, Eure Herzen seien von Furcht befallen.“

Unsere nicht“, erwiderte Mendatius mit fester Stimme, auch wenn eine tiefe Furche seine Stirn spaltete. „Wir kennen euch. Und dich im Besonderen!“

Ungoros kam nicht zu einer Erwiderung. Velis erschien vor ihnen wie ein bleiches Gespenst, den stacheligen Sklavenmacher um den zierlichen Hals geschlungen. Sie musterte Medardus mit ausdrucksloser Miene.

Medardus’ Herz setzte einen Schlag aus.

Es waren beinahe dreißig Jahre seit ihrer letzten Begegnung vergangen. Vierzig seit ihrer ersten. Medardus konnte sich noch bestens an das verlorene Mädchen erinnern, das nur den Schmerz kannte und nie Liebe erfahren hatte. Sie war für ihn einer Tochter am nächsten gekommen.

Ungoros verschwand lautlos in einer Schattenwand. Die beiden gealterten Geistlichen waren nun mit Velis alleine.

Lasst die Pferde hier“, sprach das Mädchen. „Sie scheuen sonst.“

Medardus glitt lautlos vom Rücken seines Rosses und gab ihm einen Klaps. Es handelte sich um kein normales Pferd. Er hielt es mit einem Zauber der Denomination seinem Willen unterworfen. Dennoch grenzte es an ein Wunder, dass es nicht vor Ungoros Reißaus genommen hatte.

Ihre beiden Rettiere trabten zurück zum Lager. Hoffentlich würden die Hasenfüße dies nicht als Zeichen ihres Scheiterns werten und in Panik ausbrechen.

Hast du Angst, wir könnten euch zu Tode trampeln?“, fragte Mendatius unwirsch.

Velis musterte sie kurz, dann senkte sie plötzlich den Blick.

Ich wünschte, wir würden uns unter anderen Umständen wiedersehen“, flüsterte sie zaghaft.

Tja“, sagte Medardus. Mendatius betrachtete ihn überrascht, aber der Inquisitor winkte ab. „Es ist niemand von der Denomination in der Nähe. Es wird nicht auffallen, wenn ich spreche.“ Er sah Velis an, die schuldbewusst zu Boden blickte.

Weshalb bist du so unsicher? Weil du mich umgebracht hast?“, fragte Medardus und trat einen Schritt auf sie zu.

Velis erschrak. „Dann ist es wahr?“, rief sie entsetzt. „Ich hatte gehofft, es wären nur Gerüchte …“

Bei einem Hexenprozess gibt es keine Gerüchte. Jede Grausamkeit, und sei sie noch so unbeschreiblich, ist real.“ Medardus’ Finger glitten über das Holz des Mauritiusstabes. „Es ist wahr. Nachdem Teshin dir in der Kirche begegnet ist, hat er mich tatsächlich getötet. Vor aller Augen. Und ich bin tatsächlich als Dämon zurückgekehrt.“

Schweigen breitete sich aus. Velis schüttelte nur den Kopf. Sie schien seine Worte kaum zu begreifen.

Das ist unmöglich“, murmelte sie. „Einfach unmöglich.“

Medardus seufzte und legte einen Arm um Velis. Kurz erstarrte sie, doch im nächsten Moment erwiderte sie die Geste. Ein längst vergessener Winkel von Medardus’ Seele regte sich erneut wie ein edles Tier, das zum ersten Mal seit Äonen aus einem langen Schlaf erwachte. Er fühlte sich noch immer verantwortlich für sie, auch wenn sie im Moment auf verschiedenen Seiten standen.

He, Velis!“, rief eine rohe Stimme plötzlich. Medardus löste sich von ihr und hob seinen Stab. Ein gewaltiger Löwe mit einem schlangenförmigen Schwanz erschien vor ihnen. Als er Medardus erblickte, hielt er inne.

Ich grüße Euch, Malfegas“, sagte der Inquisitor.

Malfegas lachte dröhnend, als er Medardus trotz seiner Maske erkannte.

Na, wenn das nicht Medardus von Astaval ist!“, rief er. „Oder hast du wieder einen neuen Namen angenommen?“

Medardus entspannte sich ein wenig. Trotz seines temperamentvollen Gemüts zählte Malfegas zu den umgänglicheren Bewohnern Hornheims. „Es ist noch derselbe, ja.“

Wie lange ist das jetzt schon her?“ Malfegas’ Schwanz peitschte erregt von einer Seite zur anderen. „Als wir gemeinsam dem alten König eins auf den Deckel gegeben haben? Ziemlich genau vierzig Jahre, oder?“

Sieht so aus“, erwiderte Medardus. „Und jetzt? Wollt ihr jetzt uns eins auf den Deckel geben?“

Malfegas erfüllte ein Etwas, dem Ernsthaftigkeit wohl am nächsten kam. Er sog die Luft ein und stieß sie mit einem theatralischen Seufzer wieder aus.

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ganz ehrlich? Obwohl ich in Hornheim ständig gegen meine Gäste kämpfe, möchte ich nicht unbedingt meine Krallen gegen dich erheben. Aber wenn mein König es befiehlt, werde ich gehorchen.“

Ist Azrael tatsächlich so beliebt?“, mischte sich nun Mendatius ein. Der alte Ritter wirkte beunruhigt. Medardus erschien das kaum verwunderlich. Er hatte Malfegas nie viel Sympathie entgegengebracht, auch nicht während ihres zeitweiligen Bündnisses in Hornheim, dank dessen sie Berith und König Irodeus bezwingen konnten.

Beliebt ist gar kein Ausdruck.“ Malfegas wandte sich um. „Aber bevor wir hier Maulaffen feilhalten, fragt ihn doch einfach selbst!“

Von Malfegas und Velis begleitet, wurden Medardus und sein greiser Adjudant durch das Gestrüpp geführt. Die roten Augen der Dämonen tauchten die Umgebung in gespenstisches Licht. Medardus erinnerte die Farbe an eine blutige Schlachtbank. Das war nur einer der Gründe, weshalb er seine wahre Augenfarbe vor seiner Umwelt verbarg.

Nach kurzer Zeit erreichten sie eine Lichtung, die Medardus kannte. Es war jener Ort, an dem die Ruinen von Sankt Esbens erster Kirche wie vergessene Gebeine ihren Ruheort gefunden hatten. Ironischerweise konnten nur Dämonen und Navali die Lichtung ausfindig machen. Wie um diese Aussage zu unterstreichen, saßen einige der schwarzen Vögel auf den kahlen Steinmauern und krächzten unheilsverkündend.

Medardus betrachtete Mendatius traurig. Sein Gefährte wusste, dass sie am Zielort waren, obwohl er als Mensch die Lichtung nicht sehen konnte. „Ich fürchte, Ihr müsst hier auf mich warten.“

Der Blick des alten Ritters sprach deutlich aus, was sein Mund nicht wagte. Er presste nur die Lippen aufeinander und nickte langsam. Medardus wandte sich ab und trat vor die alten Steinruinen. Velis und Malfegas folgten ihm.

Inmitten der verwitterten Überreste stand Azrael, in einen schwarzen Mantel gehüllt. Er hielt die Arme hinter dem Rücken verschränkt und nahm die Wände der Kirche in Augenschein. Als er Medardus’ Nahen hörte, begann er zu sprechen.

Ich besuche diesen Ort schon zum dritten Mal“, erzählte er scheinbar gedankenverloren, doch mit einem Charisma in der Stimme, das jeden zum Zuhören bewog. „Einmal nach meinem Tod, als ich Eure Arbeit zu Ende gebracht und Irodeus endgültig besiegt hatte, und einmal, als ich meine Erinnerungen aufgab, um den König der Navali in die Knie zu zwingen. Ich hoffe, Ihr versteht, dass das hier unser Treffpunkt werden sollte.“ Er wandte sich langsam um und ein rotes Augenpaar musterte Medardus. „Vor jedem Kampf gegen einen Rivalen komme ich hierher. Ihr solltet das als Kompliment betrachten.“

Medardus lachte und ließ seine Tarnung fallen. Sein Blickfeld veränderte sich ein wenig, als auch seine eigenen Augen in der Farbe des Blutes glommen.

Ihr solltet nicht so sicher sein, in mir einen leichten Gegner zu finden!“, rief er. „Wie Ihr seht, bin ich seit unserem letzten Aufeinandertreffen besser gewappnet.“

Azraels Augen verengten sich zu hasserfüllten Schlitzen. „Ich hätte damit rechnen müssen, dass Ihr am Leben festhalten würdet.“ Er schüttelte den Kopf, so als wiederte ihn die Vorstellung an. „Als Kleriker habt Ihr auf diese Weise doch das größtmögliche Sakrileg begangen, oder?“

Ich war nie ein Kleriker.“ Medardus grinste hinter der Maske. „Ich war auch nie ein Inquisitor. Ich habe meine Stimme niemals verloren.“

Azrael starrte ihn verwirrt an. „Ihr seid ein Scharlatan?“

Medardus nickte. „Mehr als das. Ich habe die Denomination betrogen. Ich habe ihr etwas Unverzeihliches angetan. Aber das weißt du vermutlich besser als ich.“

Der plötzliche vertraute Ton irritierte Azrael. „Was meint Ihr?“

Medardus hob langsam die Hand und griff nach seiner Maske. Mit einem Ruck zog er sie sich vom Gesicht. „Das meine ich.“

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20. Teil – Das Treffen (2/3)

Das Bild auf der Kugel änderte sich. Es zeigte nun nicht mehr die Steuerelemente, sondern eine Reihe von Informationen und Koordinaten der Welt des Jahres 2110. Cheom hatte ziemlich exakt ermittelt, wo und wann in diesem Jahr sie in die Realität dieser Zeit eintauchen mussten.
»Dieser Mann ist ein Phänomen«, sagte Giwoon, »Cheom hat sogar die ganze Anflugroutine automatisiert. Wir müssen nur auf den Startknopf drücken und der Slider bringt uns ohne weiteres Zutun ans Ziel.«
»Worauf wartest du dann noch?«, wollte Fancan wissen, »Dann lass’ uns auch starten.«
Nach kurzen Zögern gab Giwoon den Startbefehl.
»Verdammt, es ist alles so endgültig«, entfuhr es ihm, »es ist einfach schwer, zu wissen, dass man sein Zuhause für immer zurücklässt.«
»Wir werden ein neues Zuhause finden«, sagte Fancan tröstend.
Giwoon blickte sie an.
»Ich weiß«, sagte er, »es ist nur gut, dass du mich dorthin begleiten wirst.«
Der Slider war ein elegantes, kleines Fahrzeug, gebaut wie ein flacher Ellipsoid. Da ein Slider sich sowohl durch die Zeit, als auch am Himmel bewegen konnte, war er bestens geeignet, den Sagen um fliegende Untertassen neue Nahrung zu geben. Diesmal jedoch bewegte er sich erst einmal durch die Zeit. Erst am Ziel würde es eventuell nötig werden, einen bestimmten Punkt auf der Welt auch räumlich anzusteuern.
Die Reise dauerte diesmal sehr lange. Es hatte mit der Art zu tun, wie ein Slider sich durch die Zeit bewegte. Er musste erst den richtigen Zeitstrom finden, der ihn zu seinem Ziel bringen würde. Manchmal dauerte es halt länger, bis ein solcher Strom gefunden wurde. So hatten die Beiden sehr viel Zeit, sich mit den Besonderheiten der Vergangenheit vertraut zu machen, die in der internen Datenbank des Sliders gespeichert war.
»Deiner Mutter schien es sehr wichtig gewesen zu sein, dass wir im Jahre 2110 erst nach Kendrah suchen, bevor wir unseren Auftrag erfüllen«, meinte Fancan, »ich frage mich die ganze Zeit über, ob sie dafür einen Grund hat.«
»Natürlich hat sie den«, sagte Giwoon, »sie und wir haben später gemeinsame Nachkommen, wenn die Geschichte stimmt und nicht wieder geändert wird. Symeen traut der Zeit nicht über den Weg, solange noch an ihr herumexperimentiert wird. Sie möchte uns zusammenbringen und dann sicher sein, dass wir gemeinsam dafür sorgen, dass die Zeit verlässlich und unveränderbar wird.«
»Dann wollen wir hoffen, dass es auch so kommt, wie sie es sich erhofft«, sagte Fancan, »obwohl ich mich noch nicht so ganz mit dem Gedanken anfreunden kann, dass mein Schicksal schon bis ins Kleinste vorherbestimmt ist.«
»Das ist es doch überhaupt nicht«, meinte Giwoon, »nur der grobe Rahmen steht fest. Wir wissen noch lange nicht, wie unser künftiges Leben wirklich verlaufen wird. Mag sein, dass Symeen oder Cheom es wissen, aber sie haben es uns nicht verraten.«
Inzwischen hatte der Slider seine Reise durch die Zeit angetreten, nachdem er den passenden Zeitstrom gefunden hatte. Das Gespräch verstummte und sie blickten auf die Steuerkugel, auf der sie verfolgen konnten, wo in der Zeit sie sich augenblicklich befanden. Von Zeit zu Zeit erschienen Momentaufnahmen von vorbeirasenden Zeitaltern auf seiner Oberfläche. Anfangs folgten diese Bilder hektisch und in kurzen Abständen, doch nach einer Weile wurden die Abstände größer.
»Wir nähern uns unserer Zielzeit«, erklärte Giwoon, »bald werden wir in die Realität des Jahres 2110 eintauchen. Wenn wir etwas Glück haben, ist es ein Zeitalter mit fliegenden Maschinen. Dann würden wir mit unserem Slider dort nicht weiter auffallen.«
»Und wie willst du Khendrah finden, wenn wir angekommen sind?«, wollte Fancan wissen, »besitzen wir schon einen vollständigen Scan dieser Zeit?«
»Das brauchen wir gar nicht. Symeen hat mir mitgeteilt, dass sie zu einer bestimmten Zeit im Kongresszentrum von Europ sein werden. Sowie wir in der Zielzeit angekommen sind, werden wir einfach zu unserem Ziel fliegen.«
Fancan war noch nicht restlos überzeugt.
»Du meinst also, wir brauchen nur mit unserer Maschine dort auftauchen und man wird uns ungehindert innerhalb des Gebäudes landen lassen?«, fragte sie skeptisch.
»Ich fürchte, dass es ganz so nicht klappen wird«, räumte Giwoon ein, »das ist der einzige Schwachpunkt unserer Planung. Symeen meinte, wir würden gewaltsam ins Gebäude eindringen müssen. Aber keine Angst, unser Rumpf besteht aus molekular verdichtetem Molybdän-Tantal-Stahl. Wenn wir damit auf eine Außenmauer zuhalten, werden wir dort eindringen, ohne etwas davon zu spüren – außer vielleicht einem kleinen Ruck.«
»Das ist dein Plan?«, fragte Fancan entgeistert, »Das hat doch nichts mehr mit einer unauffälligen Aktion zu tun. Wir können doch nicht einfach hier auftauchen und diese Welt in Unordnung bringen.«
»Und wenn schon«, sagte Giwoon, »ein paar Leute werden sich Fragen stellen, keine plausible Antwort finden und die Angelegenheit wieder zu den Akten legen, weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf. Wir sollten nur darauf achten, dass keine Menschen zu Schaden kommen, wenn wir in das Kongresszentrum eindringen.«
Fancan wollte noch etwas sagen, doch in diesem Augenblick stürzte der Slider in die Realität des Jahres 2110 und erforderte ihre volle Aufmerksamkeit. Sie hatten Glück gehabt, dass sie in einer sehr großen Höhe eingetaucht waren, denn der Flugverkehr im bodennahen Bereich bis hinauf in eine Höhe von etwas 2 Kilometern war chaotisch. Für Fancan grenzte es an ein Wunder, dass diese vielen Maschinen nicht miteinander zusammenstießen.
Giwoon aktivierte das Gleitfeld, welches ein Abstürzen ihres Fahrzeugs verhinderte und welches auch für die Navigation genutzt werden konnte.
»Es nutzt nichts«, sagte er, »wenn wir nicht sofort auffallen wollen, müssen wir uns unter diese Flieger mischen.«
Fancan war nicht begeistert.
»Bist du solchen Verkehr gewohnt?«, wollte sie wissen, »Nicht, dass wir nachher diejenigen sind, die hier stranden, weil unsere Zeitmaschine defekt ist.«
»Beruhige dich, mein Schatz«, sagte Giwoon, »keiner dieser anderen Flieger kann uns gefährlich werden – selbst bei einem Zusammenstoß.«
Er nahm einige Einstellungen vor und überließ der automatischen Steuerung den weiteren Flug.
»Wofür haben wir die Technik?«, fragte er mit einem Lächeln, »Unser Ziel – das Kongresszentrum – ist ja auch schon in der Datenbank gespeichert.«
Auf der schwebenden Kugel wurde ihnen die Umgebung plastisch dargestellt. Das Jahr 2110 war ein sehr hektisches Jahr. Der Slider hatte sich in den Verkehrsstrom eingereiht und folgte ihm in die beabsichtigte Richtung. Sie sahen in der Ferne ein riesiges Hochhaus mit einer umgedrehten Pyramide auf der Spitze.
»Dort ist der Sitz dieser Partei, die Gunter Manning-Rhoda bekämpft«, sagte Giwoon, »dort irgendwo muss auch dieser Ralph Geek-Thoben zu finden sein.«
»Müssen wir den etwa auch finden?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, um den werden wir uns nicht kümmern«, meinte Giwoon, »Cheom war der Ansicht, dass dieser Mann hier in dieser Zeit sein restliches Leben fristen würde, wenn wir unsere Arbeit machen. Dann wird er auch keine Gelegenheit mehr haben, seine Pläne zu verwirklichen.«
In diesem Moment sprach das Funkgerät an, welches die ganze Zeit über bereits nach Sendern gescannt hatte.
»Hier spricht die Luftwacht von Europ«, ertönte es aus dem Funkgerät, »Ihre Flugmaschine verfügt nicht über einen funktionsfähigen Transponder. Das ist ein Verstoß gegen §9 Artikel 2 des europäischen Luftstraßengesetzes. Bitte unterbrechen Sie Ihren Flug für eine Kontrolle und landen dazu auf dem nächsten Luftwachtstützpunkt. Wir werden Ihnen folgen.«
»Das können wir jetzt überhaupt nicht gebrauchen«, meinte Giwoon, »’mal sehen, ob sie sich hinhalten lassen.«
Er drückte auf die Sendetaste.
»Hier spricht Ron Hooker«, sprach er in die Anlage, »wir erhalten von unserem System die Meldung, dass unser Transponder vollkommen einwandfrei arbeitet. Ich schlage vor, dass ich Ihnen unsere Kennung manuell übermittle und mich später bei der Dienststelle melde. Wir haben es eilig und würden einen wichtigen Termin versäumen.«
»Wollen Sie sich unseren Anweisungen etwa widersetzen?«, kam eine etwas ungläubige Stimme aus dem Lautsprecher, »Hören Sie, Herr – Hooker – , wir haben Ihnen gesagt, dass sie landen sollen und sie werden landen. Notfalls werden wir ihnen einen lokalen elektromagnetischen Puls aufbrennen. Dann müssen Sie ‘runter und es wird nicht angenehm sein, das kann ich Ihnen versprechen. Also leiten Sie gefälligst den Landevorgang ein.«
»Negativ!«, sagte Giwoon, »Unser Termin ist wichtiger. Wir melden uns aber gern später.«
Giwoon schaltete den Sender ab und sah Fancan an.
»Noch werden sie nicht schießen«, sagte er, »also werden wir sehen, dass wir etwas mehr Fahrt machen und diese Kerle abhängen. Ich will nicht hoffen, dass sie einem Slider in voller Fahrt folgen können.«
»Kann uns so ein elektromagnetischer Puls gefährlich werden?«, fragte Fancan.
»Ich bin mir nicht sicher. In unserer Außenwandung sind einige spezielle Filter eingebaut, aber ich will es nicht riskieren, einen solchen Puls abzubekommen, um dann festzustellen, dass die Elektronik ausfällt.«
Er legte seine Hand auf die Kugel und drückte an verschiedenen Stellen, worauf der Slider so unvermittelt beschleunigte, dass die Maschine der Luftwacht hinter ihnen zurückfiel. Sie konnten zwar erkennen, dass man ihnen folgen wollte, doch gegen die volle Leistung des Gleitfeldes kamen sie nicht an. Rasend schnell glitten sie an all den anderen Flugmaschinen vorbei, die auf ihrer Ebene flogen. Ohne die intelligente elektronische Steuerung des Sliders wären sie längst mit einer dieser Maschinen zusammengestoßen.
»Halten Sie sofort an!«, drang es aus dem Funkgerät, »Sonst sehen wir uns gezwungen, auf Sie zu schießen.«
Giwoon war klar, dass es sich um eine leere Drohung handelte, denn sie hatten bereits so viel Abstand zu ihren Verfolgern, dass diese einen präzisen Treffer nicht mehr platzieren konnten, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden.
»Jetzt müssen wir nur umdisponieren«, sagte er zu Fancan, die ihn fragend anblickte.
»Was meinst du mit ‘umdisponieren’?«, wollte sie wissen.
»Ich werde jetzt versuchen, die Luftwacht abzuhängen«, sagte er, »wir können niemanden gebrauchen, der uns bis zum Kongresszentrum folgt und uns dort wieder gefährlich werden kann. Ich will, dass sie ein anderes Ziel vermuten. Da wir keinen Transponder besitzen, können sie uns auch nicht orten, wenn sie uns einmal verloren haben.«
Giwoon lächelte Fancan an.
»Schatz, schnall’ dich besser an, denn gleich wird es etwas holprig werden.«
Fancan kannte ihren Freund inzwischen gut genug, um sofort die Sicherheitsgurte an ihrem Sitz einrasten zu lassen.
Im nächsten Moment wechselte Giwoon rasant die Flugebene und kreuzte mehrere Ebenen, wobei er gleichzeitig noch einen horizontalen Richtungswechsel vornahm. Nur um Haaresbreite entgingen sie einer Kollision. Fancan hielt unwillkürlich den Atem an. Giwoon nahm noch mehr als ein Dutzend solcher Manöver vor, bis er sich ganz gesittet in den normalen Verkehr einfädelte und mit der Masse in Richtung Kongresszentrum treiben ließ. Von ihren Verfolgern war weit und breit nichts mehr zu entdecken.
In der Ferne tauchte der flache Komplex des Kongresszentrums auf, dem sie sich allmählich näherten.
Giwoon holte sich Archivbilder des großen Gebäudes auf die Kugeloberfläche und studierte sie.
»Hier muss es sein«, sagte er nach kurzer Betrachtung und deutete auf eine Stelle des Gebäudes.
»Wenn wir kurz daneben in die Wand eindringen, sollte es uns möglich sein, die beiden zu treffen.«
»Mir ist die ganze Aktion immer noch zu spektakulär«, gab Fancan zu, »das hat nichts – aber auch rein gar nichts mehr – mit der Arbeit von Zeitagenten zu tun. Wir arbeiten hier mit der dicken Keule und kümmern uns einen Dreck darum, was es bewirken wird. Das ist nicht richtig.«
»Fancan, das sagst gerade du?«, fragte Giwoon, »Es war eure Institution, die über viele Zeitalter hinweg mit nichts anderem beschäftigt, als auf Zeitabläufe einzuwirken und da machst du dir Gedanken um unseren kleinen Zwischenfall, den man in wenigen Wochen wieder vergessen haben wird?«
»Das mag ja sein, aber wir sind viel subtiler vorgegangen«, meinte Fancan.
»Macht es das etwa besser?«, wollte Giwoon wissen.
Er wandte sich wieder der Steuerung des Sliders zu. Für ihn war die Diskussion erledigt.


Gunter Manning-Rhoda kam erst jetzt wieder dazu, logisch zu denken. Die Ereignisse der letzten Minuten hatten ihm sehr zu schaffen gemacht.
»Wer seid Ihr?«, fragte er Khendrah, »Und jetzt kommt mir nicht damit, dass es sich um eine Aktion eines Sicherheitsdienstes handelt. Erst dieser Projektor, der mich dreidimensional mitten im Raum projiziert hat, dann diese Fremden mit ihren Hitzewaffen und dann zuletzt Ihr mit Waffen, die gleich ganze Teile der Gegner verschwinden lassen. Es gibt auf der ganzen Welt keine Technologie, die so etwas hervorrufen könnte. Also wer seid Ihr? Oder sollte ich besser fragen: Was seid Ihr?«
Khendrah trat auf ihn zu.
»Das ist schwer zu erklären«, sagte sie, »aber nehmen Sie es erst einmal als gegeben hin, dass wir die Guten sind. Wir sind gekommen, um Sie davor zu bewahren, von diesen Leuten getötet zu werden. Es ist wichtig, dass Ihnen nichts geschieht.«
Gunter schüttelte verständnislos den Kopf.
»Aber wie konnten Sie wissen … ?«, fragte er.
»Wir dürfen Ihnen nicht alles sagen, Herr Manning-Rhoda«, sagte Khendrah, »aber wir hatten den Auftrag, zu gewährleisten, dass Sie gegen die PEV antreten und gewinnen können.«
Gunter lachte humorlos auf.
»Gewinnen?«, rief er aus, »Ich habe aus einer Gruppe zerstrittener Aktivisten gerade erst eine Partei geformt. Meine SLB erlebt soeben erst ihre konstituierende Sitzung und da reden Sie von einen Wahlsieg.«
Er blickte Khendrah forschend an.
»Mit Ihnen stimmt doch etwas nicht«, sagte er, »Sie wissen Dinge, die niemand wissen kann. Sie verfügen über Waffen, die es gar nicht geben dürfte. Ich will jetzt endlich wissen, wer Sie sind und wo sie herkommen. Wozu gehören Sie? Polizei? Geheimdienst?«
Khendrah winkte ab.
»Alles falsch«, sagte sie, »wir haben mit keiner Organisation zu tun, die Sie kennen. Das darf ich Ihnen verraten. Und ich darf Sie vor Herwarth Thoben warnen. Wie Sie selbst schon erlebt haben, geht er über Leichen. Sorgen Sie für einen lückenlosen Schutz – und überstehen Sie die Wahl. Danach können Sie Thoben einen Prozess machen. Die Welt wird es Ihnen danken.«
»Bisher hat die PEV immer nur über uns gelacht. Ich verstehe immer noch nicht, wieso man mich – einen Niemand – nun ermorden will.«
»Thoben verfügt über einen Berater, der genau so viel weiß, wie wir«, fügte Thomas hinzu, wofür er einen missbilligenden Blick von Khendrah erntete.
»Wir werden uns nun wieder zurückziehen«, sagte sie, »wir werden uns wohl nicht wiedersehen. Wir wünschen Ihnen viel Glück bei dem, was sie planen.«
»Moment«, rief Gunter, »Sie können doch jetzt nicht einfach hier heraus spazieren und mich hier zurücklassen! Was erzähle ich der Polizei, wenn sie gleich hier erscheint?«
Er deutete auf das Schlachtfeld um sie herum und die herumliegenden Leichen.
»Erzählen Sie, was Sie gesehen haben«, schlug Khendrah vor, »mehr können Sie nicht tun. Für uns ist es ohne Belang. Wir werden dann bereits fort sein.«
Während sie sprachen, erblickten sie eine Art Fluggleiter, der sich in einer weiten Kurve dem Gebäude näherte. Die große Fensterfront ermöglichte eine gute Beobachtung des Luftraums draußen.


Die nächste Fortsetzung des Romans könnt Ihr an dieser Stelle am 21.09.2019 lesen.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 7 – Der Gigantyras

»Verdammt, es ist mitten in der Nacht. Du bist dir schon im Klaren darüber, was hier nach Einbruch der Dämmerung unterwegs ist, oder?«, fluchte Daisy lautstark. 
Für Clynnt Volker war diese Diskussion verschwendete Zeit. Zeit, die sie brauchen würden, um Archweyll, Tamara und die anderen zu finden. 
»Was auch immer hier passiert ist, wir haben weder Funkkontakt, noch sind ihre elektronischen Signale auf unseren Scans. Archweyll hat sich mal wieder bravurösen Ärger eingehandelt und ich will verdammt sein, wenn ich es nicht schaffen sollte, ihn aus der Scheiße zu ziehen«, erwiderte der Chefnavigator mit einem funkelnden Blick aus seinen eisenharten Augen. 
»Alte Männer, die gerne sterben wollen. Macht das, aber haltet mich da raus!«, zischte Daisy wütend. 
Für eine Sekunde überlegte Clynnt ernsthaft, ob er sie einfach erschießen sollte. So ein ausgeprägter Egoismus hatte in seinen Reihen keinen Platz und selbst wenn Daisy den Zyklopen steuerte, hatte Archweyll ihm das Kommando übertragen. Es war eine blamable Schande, dass Daisy austreten wollte, jetzt wo es erst einmal brenzlig wurde. 
»Du bist in der Armee, Mäuschen. Auf Nautilon, einen Kilometer unter der Meeresoberfläche. Und nicht auf Prospecteus, in deinem warmen Bett. Das lernst du besser schnell. Weil du so ein blutiger Anfänger bist, will ich dir deinen Ausrutscher verzeihen, aber wenn du nicht augenblicklich tust, was ich dir sage, werde ich deinen süßen Arsch aus der Kommandobrücke befördern. Und ich warne dich nur einmal vor, meine Füße sind wirklich groß und ich habe eine Vorliebe für feste Stiefel.«
Die Chefmechanikerin schien drauf und dran auf ihn loszugehen. Ihr Kopf lief vor Wut hochrot an und sie machte einen festen Schritt in seine Richtung. »Wie hast du mich genannt? Wenn du gerne selber steuern möchtest, nur zu. Steuer den Kahn und deine Crew in den sicheren Tod. Aber setzt mich vorher da oben ab und verschone mich mit dem geistigen Brei eines dementen Tattergreises.« 
Die Ohrfeige traf sie so unerwartet, dass sie zusammenfuhr. 
Clynnt Volker hatte noch nie eine Frau geschlagen. Gut, er hatte schon ein paar erschossen, aber Piraten und Mutanten zählten normalerweise nicht zu der vornehmen Gesellschaft. 
Daisy scheinbar auch nicht. Der Chefnavigator merkte, wie er vor Wut am ganzen Körper zitterte. So ein unglaubliches Verhalten hatte er noch nie erlebt. Diese Bereitwilligkeit, andere einfach sterben zu lassen, um seinen Arsch ins bequeme Trockene zu hieven, empfand er als verachtenswert. 
Die Chefmechanikerin schaute ihn entgeistert an und rieb sich das rot angelaufene Ohr. Für einen Moment schien es, als wolle sie ein Messer ziehen, um Clynnt die Kehle durchzutrennen, doch dann machte sie Kehrt und verschwand von der Brücke.
In der Kommandozentrale trat ein betretenes Schweigen ein.
»Sie übernehmen«, wies der Navigator den Copiloten an. 
Mit einem zögerlichen Nicken nahm dieser Platz und verlinkte sich mit der Steuerung. 
»Das Radar soll nun manuell arbeiten. Sucht nach Herzfrequenzen. Ich weiß, dass es mühselig ist, aber wir haben keine Wahl. Wir tauchen ab.«

                                                                 ***

N’Kahlu stieß einen energischen Fluch aus. 
Die Energiequelle der Scherenpanzer zu manipulieren war eine fast wahnwitzige Sabotage. 
Zweifelsohne würde der Kommandant den Verantwortlichen in Stücke reißen, wenn sie denn überleben sollten. Glücklicherweise hatte der Sog ihn nicht so stark erwischt und es hatte ihn nicht über den Rand des Abgrunds getrieben. Während er auf dem pechschwarzen Dünensand verharrte, bemerkte er, dass weitere Krebsanzüge neben ihm auf Grund liefen. Hastig zählte er durch.
Zehn Stück, also hatten zwei von uns weniger Glück. 
Ein Knurren entwich seiner Kehle. Hoffentlich wussten seine neuen Vorgesetzten, was zu tun war. In einer solchen Situation war es wichtig, die Fassung zu bewahren. Spätestens, wenn sie in die Tiefen hinabsteigen würden, um die Vermissten zu bergen. Plötzlich bewegte sich einer der Scherenpanzer. 
Hat es ihn nicht erwischt? 
Zielsicher steuerte das Gerät auf ihn zu und N‘kahlu erkannte Phillista, einen seiner besten Männer, hinter dem Steuer.
»Verdammt sollst du sein, du alter Teufelskerl«, feixte der Sergeant. 
Mit Fingersprache stimmten sie sich ab. Worte waren überflüssig, da scheinbar unschwer zu erkennen war, was das Problem darstellte.
Mit einem routinierten Handgriff machte sich der Soldat an N‘kahlus Anzug zu schaffen, während unterschiedliche Werkzeuge durch seine Greifer rotierten. Wenige Minuten später war die Energieversorgung wiederhergestellt. 
Ein Unterbrecher-Chip also? Kein schlechter Schachzug. Aber kein Hindernis, für ein Expertenteam. 
Und Experten waren seine Männer wahrlich. Auf Orian II hatten sie den Tod mit sich gebracht, wohin sie auch kamen. Niemand beherrschte die Scherenpanzer so gut wie seine Truppe. 
Was dem Sergeant allerdings Kopfschmerzen bereitete, war die Tatsache, dass die Dämmerung mittlerweile der pechschwarzen Nacht gewichen war. Die Schatten waren länger geworden, bis sie den Meeresgrund völlig für sich einnahmen. 
Eilig schloss sich N‘Kahlu seinem Kameraden an, um die Scherenpanzer aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Per Funk informierte sich der Sergeant, warum sein Soldat nicht von den Problemen betroffen war. 
»Ich weiß es nicht, Sir«, erwiderte Phillista gelassen. »Möglicherweise hat der Saboteur gepfuscht oder wusste nicht haargenau, was zu tun war. Ich möchte es ihm nicht verübeln.«
Der Soldat wurde mit einem Lachen quittiert. 
Dann tauchte ein Leuchten vor ihnen auf und der Zyklop näherte sich mit eiliger Geschwindigkeit.
»Wir sind in Ordnung«, berichtete N’kahlu angespannt. »Aber zwei von uns sind in die Tiefe gestürzt.« 
Nach einem schnellen Durchzählen stellte sich heraus, dass es sich bei den Vermissten um Archweyll Dorne und Tamara Vex handelte. 
»Verdammt, gerade die Anfänger werden es nicht einfach haben. Ich hoffe, sie finden einen Weg, um dort unten klarzukommen, bis wir eintreffen«, sagte der Sergeant angespannt.
»Wir werden uns sofort auf den Weg machen«, die Stimme des Chefnavigators knisterte durch den Funk. 
N’Kahlu konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, jetzt wo der Nervenkitzel einsetzte. »Aye, fahrt die Halterungen aus. Wir springen auf. Schließlich wissen wir ja nicht, auf was wir alles stoßen könnten.«

                                                                   ***

Clynnts Lippen entwich ein Seufzer der Erleichterung, als die Einheiten sich meldeten. Zumindest mussten sie nicht alle Crewmitglieder in den Tiefen wiederfinden. Doch die Tatsache, dass Tamara und Archweyll noch dort unten waren, bereitete ihm Unbehagen. Nervös ging er auf der Brücke auf und ab. Das lief alles nicht nach Plan.
Die Chefmechanikerin hatte sich als herber Rückschlag erwiesen und der Copilot war fast so angespannt wie er selbst. Und vor ihnen ging es sieben Kilometer in die düstere Tiefe eines ihm unbekannten Planeten. 
Ein Ruck zog sich durch das U-Boot, als die Scherenpanzer auf die ausgefahrenen Schienen sprangen. Dann sanken sie hinab. 
»Scheinwerfer deaktivieren und Radarsysteme hochfahren«, befahl der Chefnavigator lautstark. Auf einen Schlagabtausch mit der hiesigen Tierwelt konnte er getrost verzichten. 
Der Copilot führte seine Befehle aus und zunehmend wurde alles um sie herum von einem  schwarzen Seidentuch verhüllt. Nur das Flimmern der Monitore erhellte die Brücke und tauchte sie in ein trübes Licht.
»Komm schon, Arch, lass dich endlich blicken«, flüsterte Clynnt gedankenversunken. 
Vor seinem inneren Auge sah er den Kommandanten, wie er ihnen mit frivolem Grinsen entgegensprang, den kompletten Scherenpanzer zerlegt, und mit Tamara im Arm. 
»Sir, wir haben ein Problem. Um ehrlich zu sein, es ist ein riesiges Problem!«, krächzte der Copilot plötzlich mit trockener Stimme und vergewisserte sich wieder und wieder, ob die Scans ihn nicht belogen. Sein Gesicht hatte die Farbe geronnener Milch angenommen und seine Hände zitterten spürbar, während er Befehle in die Konsole eintippte. 
»Spukst schon aus. Ich hatte gerade das größte Problem beseitigt, es dürstet mich förmlich nach einem neuen«, knurrte Clynnt. 
Als der Copilot nicht antwortete, fuhr er ihn an. »Na, was ist? Hat es dir die Sprache verschlag…?«, sein Blick wanderte über den Monitor und die tiefen Sorgenfurchen in seinem Gesicht mutierten zu Schluchten der Befürchtungen. »Sofort Alarmstufe rot ausrufen und die Torpedobatterien bereithalten. Ich informiere die Jungs da draußen, wir werden zügig fahren müssen. Außerdem möchte ich im Umkreis von einer Meile Leuchtkörper im Wasser haben, unsere Taktik, nur mit Radar zu manövrieren, ist ab jetzt Geschichte.« Er griff nach dem Funkgerät. »An alle Einheiten, wir kriegen Besuch. Bereitet euch darauf vor dem Tod ins Angesicht zu blicken.«
Er wurde von einem Brüllen unterbrochen, das direkt aus seinem Kopf zu stammen schien. 
»Leuchtkörper online, Feuer frei!«, bestätigte der Copilot. 
Zischend bahnten sich die Geschosse wie Sternschnuppen ihren Weg durch die Dunkelheit. Ihre Explosion war kaum vernehmbar, doch dann breitete sich ein sattes Licht aus, das den Ozean in ein Meer aus Gold verwandelte. 
Gerade noch rechtzeitig, um den Blick auf einen riesigen Schemen freizugeben, der über den Zyklopen hinwegschwamm. 
»Kategorie: Gigantyras. Länge: 357 Meter. Warnung, extrem aggressiv«, spukte die Sprachausgabe der Scanerkennung knisternd aus. 
»Schalt das aus. Wenn es nochmal zu mir spricht, bringe ich es um!«, befahl der Chefnavigator energisch. »Und dann bring uns runter, wir müssen verschwinden!«
Dröhnend entfaltete die Maschine ihre volle Leistung und schob den stählernen Riesen vorwärts. Eingehend studierte der Chefnavigator den Scan. Was er sah, ließ ihn schlucken. 
Der Gigantyras war ein längliches, sehr schlankes Wesen von der Gestalt einer Seeschlange, das sich, von seiner riesigen Schwanzflosse angetrieben, elegant durch das Wasser wandte. Auf seinem Rücken befand sich ein durchgehender, stromlinienförmiger Zackenkamm, der von der Schwanzflosse bis zum Kopf reichte. Weitere Flossen, zu seinen Seiten, verliehen ihm den benötigten Auftrieb. Aber das wirklich furchteinflößende war der Kopf. Fünf Paar kohlrabenschwarzer Augen musterten sie angriffslustig und ein riesiges Maul, voller Reihen spitzer Zähne, öffnete und schloss sich im Gleichtakt. Das Wesen besaß bebende Nüstern, die in einer kaum ausgeprägten Schnauze mündeten. Auf seiner Stirn befand sich ein großes spitzes Horn und um den Schädel herum saßen vier spinnenbeinartige, klauenbesetzte Greifarme im Fleisch verankert, welche die Beute packen und in den Schlund des Monsters befördern konnten. Ihre Klauen wirkten wie die das lange Blatt einer Sense, schreckliche Werkzeuge des Todes. Sie zuckten schon vor Mordlust und blutiger Vorfreude. 
Dann brüllte das Tier dem Zyklopen eine Herausforderung entgegen und setzte ihm nach. 
»Welche Torpedos können wir auf diese Distanz benutzen?«, fragte Clynnt Volker hektisch. 
Die Anspannung nahm ihn gänzlich für sich ein, er spürte merklich seinen Puls rasen und die Innenseiten seiner Handflächen hatten sich in morastige Tümpel verwandelt.
»Die Vendetta-Klasse auf kurze Distanz und Tsunamibringer auf mittlere Distanz. Aber er holt auf, es wird schwierig genug sein, uns überhaupt in Schussposition zu bringen«, erklärte der Copilot mit zitternder Stimme. Es klang fast so, als würde er gerade aus einem Lehrbuch zitieren und nicht aus Erfahrung sprechen. Vielleicht war es doch verkehrt gewesen, Daisy von der Brücke zu jagen? 
Clynnt knirschte mit den Zähnen Er durfte seine Entscheidungen jetzt nicht anzweifeln. »Haben wir also gerade nichts, was wir unserem Freund hier entgegensetzen können?«, fragte er gereizt. Wie konnte es überhaupt sein, dass es am Heck keine Torpedobatterie gab? Hatte niemand aus den schlechten Filmen gelernt?
»Ich … Ich weiß es nicht genau. Das ist mein erster Einsatz, Sir«, stammelte ihm der Copilot entgegen. 
Erst jetzt wurde Clynnt bewusst, dass er nur ein Junge war. »Welcher Idiot schickt mir denn einen Frischling an das Steuer eines riesigen U-Bootes, der sich noch nicht einmal darüber im Klaren ist, über welche Waffensysteme es verfügt?«
»Nunja, ich denke, das waren Sie, Sir«, erwiderte der Junge trocken. 
Clynnt konnte nicht anders, als zu lachen. »Na, wenn du es sagst, werden wir wohl beide als Idioten sterben«, kicherte er, dann sank er auf einem Sessel zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. 
»Heute stirbt mir hier keiner!«, drängte plötzlich eine Stimme zu ihnen durch. »Weder wir, noch die Leute, die wir suchen und finden werden!« Daisy Schritt in die Kommandobrücke, ihre Ausstrahlung hatte sich gänzlich verändert. Von dem trotzigen Mädchen war kaum noch ein Funke übrig. Es war der puren Entschlossenheit gewichen. 
Clynnt wollte etwas erwidern, doch sie winkte ab. 
»Ich weiß, was du sagen willst, und du hast Recht. Eigentlich habe ich hier nichts zu suchen. Ich habe es mir zu leicht gemacht.« Sie schien kurz in sich zu gehen. »Geniale Dinge zu entwerfen ist die eine Sache. Explosionen, riesige Roboter und Induktionsgewehre können einen schon echt glauben lassen, man sei ein taffer Mensch. Das dachte ich zumindest. Angsthasen habe ich schon immer gehasst. Aber gerade, als mir bewusst geworden ist, wie gefährlich es wird, habe ich mir fast in die Hose gemacht.« Sie nickte in Richtung des Hecks, wo ein weiteres Brüllen ertönte. »Und irgendwie schien ich ja auch Recht zu haben. Aber das bedeutet nicht, dass ich einfach davonlaufen darf. Bereit, wenn du es bist.« Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte Clynnt den Copiloten aus der Steuervorrichtung geworfen. Er ergriff ihre Hand. 
»Bereit«, sagte er nüchtern. »Enttäusch mich nicht.« 
Daisy lächelte und der Chefnavigator spürte wieder dieses lodernde Feuer in ihr. 
Wie hat sie sich so schnell umentschieden?
Sie holte einmal tief Luft. »Dann wollen wir dieser Bestie mal zeigen, dass es dumm war, sich mit uns anzulegen.«

 

 

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Gottes Hammer: Folkvang XIII

Iliana fühlte sich schwerelos. Sie schwebte als körperloser Schemen inmitten einer dunklen Stadt, die sie nicht wiedererkannte.

Langsam bewegte sie probeweise eine Hand. Ein spektrales Etwas, das auf dem schmalen Grat zwischen Existenz und Auslöschung zu wandeln schien, schob sich in ihr Blickfeld. Sich sanft kräuselnde Nebelschwaden umspielten die Konturen des geisterhaften Körperteils.

Vermutlich hätte Iliana erschrocken sein müssen, aber nach den Ereignissen der letzten Tage war ihr Weltbild stets aufs Neue widerlegt und in tausend Stücke gesprengt worden. Diese eine Tatsache wirkte nur wie die filigrane Erweiterung einer für sie nicht mehr erkennbaren Realität.

Pass auf, es geht gleich los!“ Iliana spürte Ashayas Hand am Rücken. Als sie den Kopf wandte, erkannte sie das Gesicht des Orakels, das sie mit einem schelmischen Grinsen empfing. Ashaya wirkte ebenso geisterhaft wie sie selbst.

Ehe Iliana zu einer Erwiderung ansetzen konnte, vernahm sie plötzlich Schritte. Im nächsten Moment sah sie einen Jungen in edlen Gewändern, der aus einer dunklen Gasse auf die menschenleeren Straßen stürmte. Seine vom Entsetzen geweiteten Augen funkelten im fahlen Licht des Mondes. Er trug ein in Tüchern gehülltes Bündel auf dem Arm.

Iliana erkannte ihn sofort wieder. Vor ihr lief Teshin die Straße hinab.

Ehe er aus ihrem Blickfeld verschwinden konnte, murmelte Ashaya ein Wort der Alten Sprache und sie setzten sich in Bewegung. Wie unheilsschwangere Wolken glitten sie lautlos durch die Luft, beständig hinter dem flüchtenden Jungen hinterher, der immer wieder panische Blicke um sich warf.

Iliana vernahm Geschrei in der Ferne und musste an Teshins Geschichte denken. Der Herrschaftssitz seiner Familie in Astaval war überfallen worden und er musste fliehen. Vermutlich zeigte ihr Ashaya die Ereignisse jener Nacht.

Die Straße blieb weiterhin menschenleer. Iliana sah jedoch ängstliche Augenpaare, die hinter Vorhängen hervorblickten oder aus winzigen Dachfenstern das Geschehen erspähen wollten. Die kollektive Furcht, die die Bewohner der Stadt verband, erschien Iliana beinahe greifbar.

Dann endete die Flucht. Teshin gelangte in den Hafen der Stadt und steuerte ein einsames Boot an, vor dem ein Fischer wachte. Er wirkte abgezehrt und erinnerte eher an einen verwesenden Leichnam als an einen lebendigen Menschen.

Teshin übergab ihm schwer atmend das Bündel. In diesem Augenblick öffnete sich die Wolkendecke und ein Mondstrahl fiel auf die Tücher. Iliana lehnte sich vor. Ein Kleinkind lag schlafend inmitten des Stoffes.

Der Fischer nickte langsam. „Du musst gehen, Junge. Dein Vater erwartet dich.“

Aber wohin?“, fragte Teshin verzweifelt. „Wohin muss ich gehen?“

Der Fischer deutete auf eine nahe Taverne, die wie ein Kadaver zwischen den angrenzenden Häusern ruhte.

Frag nach Mendatius. Er wird dir den Weg weisen.“

Daraufhin bestieg der Fischer langsam das Boot, das Bündel im Arm. Kaum entfernte er sich von Teshin, begann das Kleinkind laut zu schreien. Der Fischer wiegte es unbeholfen hin und her.

Moment! Wohin bringt Ihr sie?“, rief Teshin.

An einen sicheren Ort“, entgegnete der Fischer. „Dein Vater wird es dir erklären.“

Im nächsten Moment verschwand er in der Kajüte und das Boot legte plötzlich ab. Teshin betrachtete es verwundert. Die bullige Silhouette setzte sich langsam in Bewegung wie ein majestätisches Tier. Iliana erkannte weder ein Segel noch Anzeichen von Ruder.

Kurz bevor das Boot außer Sichtweite glitt, erhaschte Iliana einen Blick auf den alten Fischer. Mit einem Mal trug er einen langen schwarzen Mantel und seine Augen stachen blutrot durch die Nacht. Iliana erschrak, als sein spöttischer Blick den ihren zu erwidern schien. Ein harter Zug umspielte die Lippen des Mannes und formte ein grausames Lächeln.

Im nächsten Augenblick verschwanden die Bilder und Iliana schwebte mit Ashaya in völliger Dunkelheit.

Ashaya lächelte nicht mehr. Die Präsenz des Mannes schien auch sie nicht ungerührt zu lassen.

Ilianas Gedanken rasten. „War das etwa … ich?“

Ashaya musterte sie. Ihre violetten Augen blitzten. „Ein Bruder, der nach seiner Schwester schreit. War das nicht Teil deiner Vision? Nun, ich bin sicher, du bist Azrael seither nicht aus dem Kopf gegangen.“

Das kann doch nicht sein!“ Jegliche Kraft entwich Ilianas Knie, doch sie sank nicht zu Boden. Eine unsichtbare Macht hielt sie in der Luft. „Das ist doch schon über fünfzig Jahre her! Wie kann das dann ich sein?“

Wie Teshin wurdest auch du als Mensch dem mächtigen König Irodeus geweiht. Du alterst nicht wie andere Menschen.“

Iliana schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. „Wieso kann ich mich nicht daran erinnern?“

Nun schlich sich wieder ein Lächeln auf Ashayas Gesicht. „Lass mich dir ein wenig auf die Sprünge helfen.“

Die Dunkelheit schwand und wich einem prunkvollen Thronsaal. Trotz der Statuen und Ornamente erkannte Iliana auf den ersten Blick, dass sie sich in Hornheim befanden. Wie auch in Velis’ Reich hingen Ketten von der Decke und säumten Zellen die Wände.

Im Gegensatz zu Velis hielt der Hausherr jedoch wenig von der Idee, diese Räume leer zu lassen.

Egal, wohin Iliana blickte, sie sah Menschen. Ausgezehrte Gestalten mit leerem Blick, die hinter den rostigen Eisenstäben auf Pritschen lagen und deren abgründige Augen lethargisch dem Geschehen folgten. Inmitten des Raumes erhob sich ein gewaltiger Thron, auf dem der alte Fischer saß. Seine ruhigen Gesichtszüge wirkten nun zur Unkenntlichkeit entstellt, seine roten Augen schienen nach Grausamkeit zu lechzen und seine runzligen, von geschwollenen Adern durchzogenen Hände klammerten sich erwartungsvoll an die kunstvollen Lehnen.

Neben ihm sah Iliana sich selbst.

Ihr Ebenbild trug eine pechschwarze Uniform und bedachte die Gefangenen mit begehrlichen Blicken aus rot schimmernden Augen. Ein eiskalter Schauer ließ Iliana erzittern. Diese vage Andeutung von seelischer Grausamkeit in ihren kindlichen Zügen ängstigte sie mehr als der monströse Blick des Fischers. Das harte Lächeln, der halb geöffnete Mund und die entsetzliche Wahrheit, die das glatte Gesicht furchte, offenbarten einen vollkommen anderen Charakter, der sich in jeder Hinsicht von Ilianas jetziger Persönlichkeit unterschied. Aber wenn sie tatsächlich einmal die Grenze zum Wahnsinn überschritten hatte, konnte das wieder geschehen.

Iliana ertrug den Anblick ihres grotesken Selbsts nicht länger und wandte den Blick ab, als sie plötzlich Velis erkannte. Sie wachte auf der anderen Seite des Throns, ebenfalls in einer schwarzen Uniform. Jedoch trug sie im Gegensatz zu Ilianas Ebenbild Ketten, die sie an den Thron fesselten. Dieser Umstand schien sie nicht zu bedrücken, im Gegenteil. Sie strich sanft über die Ketten, so als ob sie ein Kind liebkoste.

Ist das Irodeus?“, fragte Iliana Ashaya. Sie erinnerte sich daran, dass Teshin den grimmigen Dämonenkönig besiegt haben sollte.

Ashayas spektrale Gestalt nickte. „Du rätst gut.“

Mit einem Mal öffnete sich die Tür und Berith betrat den Raum. Er wirkte gehetzt und seine Fledermausflügel flatterten unkontrolliert.

Majestät!“

Irodeus antwortete nicht. Allein die Intensität seines Blickes reichte aus, um Berith zum Stehen zu bringen. Der Dämon keuchte, was wenig zu seinem korrekten Erscheinungsbild passen wollte.

Der Inquisitor! Er ist hier!“, stieß er hervor.

Weiter kam er nicht.

Eine Explosion erschütterte das Gewölbe und eine Druckwelle warf Berith weiter in den Raum. Der geflügelte Dämon stieß gegen eine der Statuen und blieb reglos liegen. Ilianas Ebenbild zog einen schwarzen Bogen hervor und Velis wich ängstlich zurück. Irodeus’ Augen verengten sich zu blutigen Schlitzen.

Aus einer Rauchsäule trat der Inquisitor.

Auch wenn sie sein Gesicht nicht kannte, wusste Iliana sofort, wer hier in den Raum trat. Es war Medardus.

Irodeus!“, rief der Inquisitor mit laut hallender Stimme. „Eure Stunde hat geschlagen, Dämonenkönig!“

Kurz herrschte Stille. Dann erhob sich Irodeus langsam. Das Glühen seiner Augen verschwand, der schwarze Mantel färbte sich weiß und ein Lichtstrahl formte eine goldene Kopfbedeckung für den König. Als Irodeus auf den Inquisitor zuging, erschien er Iliana wie ein Bischof.

Willst du mich wirklich erschlagen, mein Sohn?“, fragte er mit angenehmer Stimme. Dabei breitete er die Arme leicht aus, so als wollte er Medardus umarmen.

Lasst die Fisimamenten!“ Iliana musste sich fragen, wie Medardus an diesem Ort sprechen konnte. Inquisitoren erlangten ihre Stimme nur an heiligen Orten wieder. Hornheim erschien ihr diese Voraussetzung nicht zu erfüllen.

Medardus’ lodernde Augen wanderten zu Ilianas Ebenbild und dann wieder zurück zu Irodeus. „Das“, sagte der Inquisitor leise. „werde ich Euch nie verzeihen.“

Irodeus seufzte, er seufzte, so als ob er die Welt und ihre Grausamkeit beweinen wollte. Einen kurzen Moment lang wirkte er tatsächlich wie ein Geistlicher und verdrehte die Augen gen Himmel, so als erwartete er prophetische Visionen, um alles Leid lindern zu können.

Die Visionen jedoch blieben aus. Stattdessen zog der König einen deformierten Stab hervor, an dessen Spitze ein Schlangenkopf thronte.

Dann ist dies wohl die Zeit zu kämpfen“, murmelte er.

Ehe Irodeus jedoch reagieren konnte, zog Medardus plötzlich ein Buch hervor, das Iliana gut kannte. Es handelte sich um Esbens Folianten, der Dämonen bannen konnte.

Sofort erbleichte Irodeus und die weißen Bischofsgewänder fielen von ihm ab. Stattdessen trug er nun wieder den schwarzen Mantel.

Ihr wisst, was dies hier ist“, flüsterte Medardus.

Das kann nicht sein“, entgegnete Irodeus heiser. Der Stab entglitt seiner zitternden Hand und er wich zurück. „Woher … ?“

Medardus ließ ihn nicht weitersprechen. Er hob das Buch über den Kopf und grelles Licht erhellte den grässlichen Thronsaal. Irodeus stieß einen markerschütternden Schrei aus. Seine Gestalt wandelte sich, bis eine auf groteske Weise deformierte Gestalt sich im Licht des Buches wand, die wild mit ledrigen Flügeln schlug und mit schuppigen Händen nach dem Inquisitor griff. Iliana sah, wie ihr Ebenbild ebenfalls schrie und auf Medardus zustürmte. Ehe es jedoch den schwarzen Bogen heben konnte, sprang plötzlich ein Ritter hinter Medardus hervor und schlug es nieder. Iliana erkannte ihn. Sie hatte den Ritter im Lager der Tempelsöhne gesehen. Er stammte aus Astaval.

Gebt mir Deckung, Mendatius!“, rief Medardus überflüssigerweise.

Mendatius quittierte den Befehl mit einem Nicken, aber Velis wirkte nicht, als ob sie zur Gegenwehr bereit wäre. Sie musterte nur mit geweiteten Augen, wie Irodeus in das Buch gesogen wurde.

Im nächsten Moment erstarben die wütenden Schreie des Dämonenkönigs und der Foliant schloss sich. Auf der aufgeschlagenen Seite erschien ein Bild in Form eines Bischofs. Medardus sank entkräftet nieder.

Es ist vollbracht“, flüsterte der Inquisitor.

Mendatius steckte das Schwert in die Scheide und vollführte eine militärische Geste. Weitere Tempelsöhne strömten in die Halle, die Waffen erhoben.

Ist es vorbei?“, fragte einer von ihnen. „Ist der Dämonenkönig besiegt?“

Glaubst du, er versteckt sich hinter seinem Thron?“, fragte Mendatius ironisch. „Jetzt haltet keine Maulaffen feil und befreit diese armen Menschen!“

Die Tempelsöhne salutierten und schwärmten aus. Einer war geistesgegenwärtig genug, einen Schlüsselbund am Thron ausfindig zu machen und ihn an den Schlössern zu erproben. Nach und nach bildete sich ein Zug geistlicher Ritter, die die Geschundenen stützend aus dem Raum brachten.

Was machen wir mit ihr?“, fragte Mendatius und deutete auf Velis. Medardus sah auf und richtete seine lodernden Augen auf die Halbdämonin, in derem blutroten Blick blankes Entsetzen stand.

Wir nehmen sie mit. Als Gefangene“, antwortete Medardus. „Lasst uns sehen, ob wir in ihr einen Freund oder einen Feind finden.“

Mendatius schien der Befehl zu missfallen, doch er erwiderte nichts. Stattdessen entfernte er sich von Medardus, der sich langsam an den Eisenstäben der Gefängniszellen hochzog, und half seinen Männern bei der Befreiung der gefangenen Menschen. Medardus blätterte in seinem Folianten und ging langsam auf Berith zu. Scheinbar wollte er ihn auch versiegeln.

Mit einem Mal regte sich der Dämon. Ehe jemand reagieren konnte, erhob sich Berith in die Lüfte und flog mit atemberaubender Geschwindigkeit zu Iliana. Mit einer einzigen Bewegung schwang er sich ihr Ebenbild über die Schulter und entkam durch den Eingang.

Einen Augenblick lang musterten die versammelten Tempelsöhne das aufgesprengte Tor wie erstarrte Salzsäulen, bis Mendatius sein Schwert zog und lauthals die Verfolgung befahl. Medardus setzte sich mit dem Folianten an die Spitze und die Ritter stürmten aus dem Thronsaal.

Im nächsten Augenblick verschwanden die Bilder und Iliana befand sich wieder in der Dunkelheit. Ashayas Schemen leuchtete ihr violett entgegen.

Ich … bin eine Dämonin?“, fragte Iliana tonlos. Blankes Entsetzen überkam sie. Doch langsam erschloss sich ihr die Wahrheit hinter den Worten. Als sie mit Esben, Halgin und Azrael Hornheim betreten hatte, war ihr der Ort äußerst bekannt erschienen. Nun kannte sie den Grund.

Ashaya nickte und legte Iliana einen spektralen Arm um die Schulter.

Armes Ding“, seufzte sie. „Das muss ein großer Schock für dich sein, aber … ja. Irodeus hat dich getötet und du bist zurückgekehrt. Du hast ihm eifrig gedient. Die Gefangenen kannten dich nur als Folterknecht. Wahrscheinlich wärst du jetzt in diesem kuriosen Buch eingeschlossen, wenn Berith dich nicht in Sicherheit gebracht hätte.“

Iliana begann zu verstehen. „Er hat meine Erinnerungen gelöscht und mich zu Arinhild gebracht. Aber warum?“

Um dich in Sicherheit zu bringen. Er glaubte, dass Raureif vor den sich häufenden Hexenverfolgungen verschont bleiben würde. Er hat sich geirrt.“

Aber das verstehe ich nicht“, stammelte Iliana. „Ich dachte, Teshin hätte den Dämonenkönig besiegt?“

Ein Lächeln schlich sich auf Ashayas Lippen. „Das hat er auch. Aber das ist eine andere Geschichte, Liebes, die ich dir nur erzähle, wenn du mir versprichst, mir zu helfen.“

Iliana schluckte. „Wobei soll ich dir helfen?“

Ashaya lächelte verschmitzt. „Das ist eine Sache, die nur Berith dir erklären kann. Ihr seid ja schon bestens miteinander bekannt.“

Ashaya kicherte und die Dunkelheit verschwand erneut. Diesmal jedoch offenbarte sich keine neue Vision. Iliana fühlte festen Untergrund unter den Füßen. Zu ihrer Erleichterung waren ihre Hände wieder aus Fleisch und Blut. Jedoch stand sie nicht mehr in Ashayas Kammer in Hrandamaer. Stattdessen befand sie sich in einer gewaltigen Grotte, am felsigen Ufer eines schwarzen Sees, dessen Oberfläche sich unheilsverkündend kräuselte. Unweit von ihr stand eine geflügelte Gestalt.

Berith“, sagte Iliana leise. Ein Schauer ließ sie erbeben. Wenn Lifas das erführe! Er würde sie mit Sicherheit sofort erschlagen. Und Medardus? Scheinbar hatte er ihr Gesicht vergessen, ansonsten wäre sie nun wohl nicht mehr am Leben. Iliana betrauerte ihre Verbindung zu Esben. Sie mochte den gefallenen Priester, aber er würde eine Dämonin Hornheims wohl kaum verschonen.

Jedoch war es Halgin, der ihr wahre Übelkeit bereitete. Der mächtige Herrscher der Navali hatte alles riskiert, um Hornheim zu zerstören und dabei eine Dämonin gerettet. Falls er noch lebte, würde auch er kurzen Prozess mit ihr machen.

Iliana war allein. Nur Berith und Ashaya schienen ihr keinen Schaden zufügen zu wollen.

Der Dämon mit den weißen Haaren nickte ihr zu. Seine Flügel flatterten leicht.

Weißt du, wo wir uns hier befinden?“, fragte er.

Iliana schüttelte den Kopf. War dies etwa Azraels Höllendimension? Würde sie hier auf Halgin treffen? Sie würgte. Ihrem besten Freund als Dämonin gegenüberzutreten war unvorstellbar.

Wir sind hier am Ufer des Sees Sökkvar. Dies hier ist der tiefste Punkt und älteste Teil Hornheims.“ Dabei deutete er auf die stillen Gewässer vor ihnen.

Niemand kennt seine Ausdehnung. Niemand weiß, was sich in der Mitte des Sees befindet. Aber angeblich … angeblich soll dort das Grab von König Androg von Hrandamaer sein.“

Iliana sah ihn verständnislos an. „Warum erzählst du mir das?“

Beriths rote Augen glühten. „Ich habe Pläne. Große Pläne, die deiner Hilfe bedürfen. Dein Bruder ist gerade dabei, die Welt in den Abgrund zu treiben. Ich werde das verhindern.“

Iliana starrte ihn überrascht an. „Du bist gegen Azrael? Aber …“

Dafür ist jetzt keine Zeit.“ Berith winkte sie an das Ufer heran. „Nimm ein Bad in dem See. Wenn ich mit meiner Einschätzung richtig liege, wird sich dir dann alles offenbaren.“

Iliana nickte langsam. Sie wollte Berith nicht gehorchen. Sie wollte aber auch nicht unverrichteter Dinge nach Hrandamaer in Ashayas Kammer zurückkehren und sich Lifas’ Gnade ausliefern. Sie wollte nicht Medardus bei seinem Feldzug oder Azrael bei seinem Gottesprojekt unterstützen.

Sie wollte nur die Wahrheit erfahren und dann fern von der Welt an einem ruhigen Ort verbleiben, an dem weder Götter noch Dämonen ihr Unwesen trieben und keine Kriege das Land verheerten.

Wie eine Verdurstende stürzte sich Iliana in die Flüssigkeit und ihr Geist zersplitterte.

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Korrekturen 19

19.Teil – Das Treffen (1/3)

Sie hatten lange geredet. Fancan war noch immer ganz schwindelig von all den Informationen, die man ihr gegeben hatte. Diese Menschen hier im einhundertzwölften Jahrhundert hatten wirklich Angst vor dem, was die Oberste Behörde tat. Sie wollten einfach nur in Frieden leben, doch das ging nicht, wenn sie immer in der Angst leben mussten, dass es in der alten Zeit irgendwem gelingen mochte, die Zeitsperren zu umgehen, die sie im zweiundachtzigsten Jahrhundert angelegt hatten.
Das endgültige Ziel musste es sein, das gesamte System zu zerstören. Sie war beeindruckt, wie detailliert man in dieser Zeit über sämtliche Vorgänge im Zeitvektor informiert war.
Giwoon sah Fancan erwartungsvoll an.
»Was sagst du?«, fragte er. »Du glaubst uns doch, oder?«
»Wie kann ich mich diesen Beweisen verschließen, die Ihr mir gezeigt habt?«, fragte sie zurück. »Doch wie wollt Ihr das System der Obersten Behörde zerstören?«
»Indem wir Ihnen die Energiequelle nehmen«, sagte Symeen. »Du ahnst nicht, wie viel Energie der Zeitvektor und seine Zeitkabinen verschlingen. Sie haben am unteren Ende der kontrollierten Zeitalter eine Einspeisung installiert, die durch die Sonnenzapfanlage gespeist wird, die man etwa vierhundert Jahre nach der Entdeckung der Zeitreisen erfunden hatte. Die Energie neigt dazu, in der Zeit nach ‘oben’ zu fließen, wenn man überhaupt eine Richtung angeben möchte. Also versorgt sich der gesamte Vektor bis hin zu der von uns angebrachten Sperre quasi von ganz ‘unten’ mit Energie. Beseitigen wir unten die Quelle, wird der Vektor sehr schnell aufhören, zu existieren.«
»Mal angenommen, das würde funktionieren«, sagte Fancan. »Was würde mit meinen sämtlichen Kollegen geschehen, die sich innerhalb des Systems aufhalten?«
»Wenn der Zufluss versiegt, wird das System von unten her absterben. Dieser Prozess kann sich über Wochen hinziehen. Jeder wird die Chance haben, den Vektor zu verlassen und irgendwo in die äußere Zeit einzutreten. Es wäre dann die letzte Zeitmanipulation, da diese vielen Menschen ja bisher keinen Abdruck im äußeren Zeitgefüge hinterlassen haben.«
»Aber wer soll denn diese Energiequelle zerstören?«
Giwoon legte seine rechte Hand auf ihren Arm.
»Wir werden das tun, Fancan«, sagte er sanft. »Es ist unser Schicksal, dem ein Ende zu setzen.«
»Unmöglich!«, rief Fancan aus.
»Es ist nicht nur möglich, sondern es ist unsere Aufgabe«, wiederholte Giwoon. »Wir beide und zwei weitere Menschen werden verantwortlich sein für das Ende der Obersten Behörde und des Zeitvektors.«
»Wer sind die anderen Beiden?«, wunderte sich Fancan.
»Das sind Thomas Rhoda und deine Freundin Khendrah.«
»Wie bitte? Du willst mich veralbern!«
»Das will Giwoon ganz sicher nicht«, mischte sich Symeen ein. »Das Ganze ist einfach nur sehr kompliziert. Ihr habt bei all euren Analysen und Recherchen eines stets vergessen: Ihr habt niemals den Gedanken gehabt, euch selber mit in die Gleichung zu nehmen, denn dann wäre euch aufgefallen, dass es bisweilen Abdrücke in der äußeren Zeit gibt, die nicht von den Menschen dieses Zeitalters verursacht worden sein können, sondern von Menschen, die in dieser Zeit eigentlich nichts verloren haben – von Zeitagenten.«
Symeen sah Khendrah forschend an, doch sie schwieg. Also fuhr Symeen fort:
»Fancan, du kennst den letzten Auftrag deiner Freundin, die du töten solltest?«
»Ja sicher, sie sollte einen Mann töten, dessen Nachfahre ein Verbrecher werden sollte. Sie hat ihn gerettet und dafür sollte ich sie töten. So will es das Gesetz.«
Symeen winkte ab.
»Lassen wir diese Bewertung einmal außer Acht. Es ist jedenfalls Fakt, dass Khendrah diesen Auftrag nur erhalten hat, weil ein verbrecherischer Analyst ihn ihr gegeben hatte. Es ist also nur zu verständlich, dass sie versucht, ihren Fehler wieder auszubügeln. Ich meine jedoch etwas völlig Anderes: Bist du schon einmal auf die Idee gekommen, den Stammbaum von Gunter Manning-Rhoda zurück zu verfolgen? Um diesen Mann ging es ja bei dem Auftrag. Sicher, er geht zurück bis auf Khendrahs Opfer Thomas Rhoda, doch wer war die Mutter seiner Kinder?«
»Keine Ahnung«, gab Fancan zu. »Das ist auch nicht von Belang.«
»Ach nein?«, fragte Symeen spöttisch. »Auch dann nicht, wenn sie in den Archiven mit dem Namen Kendra Rhoda verzeichnet ist?«
Fancan sog heftig die Luft ein und riss die Augen auf. »Khendrah und Thomas Rhoda haben Kinder gehabt?«
»Ganz offensichtlich«, bestätigte Symeen. »Und diese Kendra ist auch definitiv in hohem Alter im einundzwanzigsten Jahrhundert verstorben. Es geht aber noch weiter. Von Thomas Rhoda bis zu Gunter Manning-Rhoda sind es mehrere Generationen. Wir haben uns die Mühe gemacht, alle diese Menschen und ihre Beziehungen zu überprüfen und dabei haben wir eine interessante Entdeckung gemacht, die ich – wie ich gestehen muss – lieber nicht gemacht hätte.«
»Und was ist das?«, fragte Fancan, nun neugierig geworden.
»Kendra und Thomas hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn war zeugungsunfähig. Er heiratete später, blieb aber ohne eigene Nachkommen. Die Tochter hingegen, Lisa, heiratet später einen Mann mit Namen Zed Girault. Er übernahm nach der Heirat den Familiennamen Lisas. Ich habe mir mal die Eltern von diesem Zed angesehen und stellte fest, dass sie irgendwie nicht in die Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts passten. Sie sind zwar dort, doch war es mir nicht möglich, ihre Vergangenheit über einen bestimmten Punkt hinaus zu erfassen und dieser Punkt liegt um das Jahr 2008 herum. Eigenartig, nicht?
Fancan blickte von einem zum anderen. Sie versuchte, in den Augen Giwoons zu lesen, doch sie konnte nicht erraten, was er dachte.
»Weißt du, wovon deine Mutter spricht?«, fragte sie ihn.
Giwoon nickte.
»Ich weiß wovon sie spricht«, bestätigte er. »Doch höre zu, denn, was nun kommt, betrifft uns beide.«
Symeen wartete, bis sie wieder die volle Aufmerksamkeit hatte, dann fuhr sie fort:
»Wir wissen bereits, dass Khendrah und Thomas Rhoda ins Jahr 2008 zurückkehren, weil Thomas sein Leben dort weiterführen muss, um die Geschichte nicht zu sehr zu verzerren. Offenbar ist Khendrah bei ihm geblieben und wurde ebenfalls zu einem Bestandteil dieses Zeitalters. Wer also sind die mysteriösen Eltern des späteren Ehemannes von Lisa Rhoda? Die Antwort ist ebenso einfach, wie erschreckend für mich: Ihr zwei seid es.«
Fancan sprang auf.
»Das ist nicht möglich!«, entfuhr es ihr. »Was soll ich im Jahre 2008?«
»Bitte setz dich wieder«, bat Giwoon sanft. »Wir haben beide dort eigentlich nichts verloren. Trotzdem sind wir in die Geschichte dieser Zeit integriert und mit ihr verwoben. Wie es aussieht, bleiben wir zusammen und bekommen gemeinsame Kinder, die ebenso zu den Vorfahren von Gunter Manning-Rhoda gehören, wie Thomas und Khendrahs Kinder. Wäre dir der Gedanke, mit mir zusammen zu leben, so unerträglich?«
Fancan setzte sich wieder.
»Nein, natürlich nicht«, sagte sie leise. »Ganz und gar nicht. Aber ich verstehe nicht, wieso.«
»Das verstand ich lange Zeit auch nicht«, gab Symeen zu. »Aber Cheom fand vor kurzer Zeit die Lösung. Ihr zwei seid es, die den Zeitvektor zerstört. In euren Händen liegt unser aller Schicksal. Der Preis, den ihr dafür zahlt, ist, dass ihr nicht mehr zurückkehren könnt.«
»Wissen wir eigentlich schon, warum das so ist?«, wollte Giwoon wissen. »Da ich davon ausgehe, dass wir unsere Reise in die Vergangenheit nicht mit einem Aufzug der Behörde machen werden, sondern mit einem unserer Slider, ist es für mich nämlich nicht ganz verständlich, wieso wir unseren Slider nicht mehr benutzen können, nur weil wir das System der Behörde ausschalten.«
»Das konnte auch Cheom bisher nicht herausfinden. Trotzdem bedeutet es, dass Ihr die Reise in die ferne Vergangenheit antreten werdet, um das Zeitreisesystem der Obersten Behörde zu beseitigen. Ich denke, dass es Sinn hat, Khendrah und Thomas zu suchen, um mit ihnen zusammen zu arbeiten.«
»Das geht nicht!«, ereiferte sich Fancan. »Ich wurde ausgesandt, um sie zu töten. Ich hatte sie auch bereits gefunden, doch die beiden konnten mich täuschen und überwältigen. Ich glaube kaum, dass Khendrah es ein weiteres Mal darauf ankommen lassen würde. Ich fürchte, sie würde mich sofort zu erledigen versuchen, wenn ich mich in ihrer Nähe zeigen würde.«
»Das glaube ich kaum«, meinte Symeen. »Außerdem könnte Giwoon den Kontakt herstellen. Ihn kennen sie nicht und er könnte ihnen erklären, dass sich die Lage vollständig geändert hat, oder nicht?«
»Mutter, ich verstehe allerdings auch nicht, warum wir uns damit belasten sollen, sie zu finden«, sagte Giwoon. »Lassen wir sie doch tun, was immer sie tun. Wenn deine und Cheoms Recherchen stimmen, werden wir uns doch sowieso im Jahre 2008 treffen. Spätestens unsere Kinder werden sich irgendwie kennenlernen.«
»Du hast im Grunde recht«, räumte Symeen ein. »Doch gibt es bei den Daten noch eine gewisse Unschärfe. Wir sind eben nicht sicher, ob Khendrah und Thomas nicht doch eine Rolle in diesem Spiel spielen. Es kann nicht schaden, sie zu kontaktieren.«
Giwoon lächelte.
»Mutter, du gibst nicht auf, nicht wahr? Du willst einfach, dass wir schon jetzt auf sie stoßen und eventuell Freundschaft schließen. Das ist es doch, oder?«
Symeen lachte.
»Bin ich so leicht zu durchschauen? Du hast recht. Ich bin einfach überzeugt davon, dass Ihr dort, in der alten Zeit, einfach zusammenhalten solltet. Das Leben dort wird für euch noch schwer genug werden. Viele Dinge, die uns selbstverständlich sind, wurden dort noch nicht erfunden. Die medizinische Versorgung ist zwar nicht schlecht, aber es ist auch so, dass man dort noch an Krankheiten wie Krebs oder AIDS sterben kann – Krankheiten, die es heute bei uns nicht mehr gibt.«
»Dann sollten wir noch einige Impfungen erhalten, bevor wir uns auf den Weg machen«, schlug Giwoon vor.
»Es gibt keine Impfungen«, sagte Symeen. »Diese Krankheiten sind seit Jahrtausenden ausgerottet. Wir haben überhaupt keine Möglichkeiten mehr, Impfstoffe dagegen zu entwickeln.«
»Mutter, wir werden mit diesem Risiko leben müssen«, sagte Giwoon. »Wir werden halt vorsichtig sein müssen.«
Symeen sah erst Fancan, dann Giwoon an.
»Dann steht es hiermit fest. Eine endgültige Trennung und ein Abschied für immer steht kurz bevor. Ich darf gar nicht daran denken.«

Die folgenden Tage standen vollständig im Zeichen der Vorbereitungen auf die Abreise von Giwoon und Fancan. Zedroog hatte den Slider mit einem Transportfahrzeug näher ans Haus herangeholt, um die Vorräte zu laden, die man in der Vergangenheit benötigen würde. Über Lebensmittel bis hin zu Waffen und technischen Gerätschaften wurde in den Slider hineingepackt, was eben noch hineinpasste. Zum Schluss händigte Symeen ihrem Sohn ein spezielles Gerät aus.
»Giwoon, auf dieses Gerät müsst ihr besonders aufpassen! Es ist ein Ortungsgerät für solare Energiequellen. Ich meine damit jetzt nicht die Sonne selbst, sondern natürlich den Zapfmechanismus. Er muss irgendwo auf der Erde versteckt sein. Es kann sein, dass ihr eine Weile damit beschäftigt seid, ihn zu finden. Dieses Gerät wird euch zuverlässig dorthin leiten. Sobald ihr ihn gefunden habt, bringt dieses Gerät so nah wie möglich dort heran. Es sollte nicht weiter als hundert Meter davon entfernt sein.«
»Was geschieht, wenn wir das tun?«, wollte Fancan wissen.
»Das Gerät wurde entwickelt aufgrund der Konstruktionsdaten des Sonnenzapfers, die Giwoon uns aus der Datenbank im Zeitvektor übermittelt hat«, sagte Symeen. »Es wird die Steuerung der Anlage übernehmen und die Stabilisierungsfelder schrittweise deaktivieren, bis die von der Sonne eintreffende Energie das Gerät schließlich ungeschützt trifft und es verschlingt. Der Zapfstrahl wird spontan abreißen.«
»Wird das nicht gefährlich werden?«, fragte Giwoon. »Ich könnte mir vorstellen, dass es ganz schön knallen wird, wenn die ganze Energie sich in der Anlage selbst austobt.«
»Das wird es auch sicherlich. Und Ihr solltet dann nicht mehr in der unmittelbaren Nähe sein. Wir gehen aber davon aus, dass die Anlage irgendwo verborgen ist, wo es unbewohnt ist. Zum einen soll sie ja durch all die Zeitalter nicht gefunden werden und zum anderen wird man auch im Zeitvektor nicht lebensmüde sein.«
Giwoon nahm das Gerät an sich, und betrachtete es. Es war ein elegantes kleines Ding, das man bequem an den Gürtel der Kombination stecken und mitnehmen konnte. Es war kaum vorstellbar, was dieses kleine Ding für Auswirkungen auf das Weltgeschehen haben würde.
»Wie werden wir denn überhaupt zu der Stelle gelangen, an der dieses Gerät zum Einsatz kommen soll?«, fragte Fancan.
»Das ist nicht das Problem«, erklärte Giwoon. »Die Slider sind durchaus auch für den atmospärischen Flug geeignet. Wir sind also mobil.«
Fancan war zufrieden.

Bevor sie endgültig das einhundertzwölfte Jahrhundert verließen, bereitete Symeen mit Yshaa zusammen noch ein festliches Mahl zu und es gab ein Abschiedsessen, bei dem jedoch keine rechte Stimmung mehr aufkommen wollte. Jeder dachte nur daran, dass es etwas absolut Endgültiges war, das in wenigen Stunden geschehen würde. Giwoon war, ebenso wie Symeen, äußerst schweigsam. Yshaa hatte sich auf Giwoons Schoß gesetzt und weinte leise. Ihr wurde erst jetzt bewusst, dass sie ihren Bruder nie wiedersehen würde.
Auch Fancan fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Zwar besaß sie keine engen familiären Bindungen, doch auch für sie würde sich alles ändern. Die Aussicht, ihr gesamtes restliches Leben in den – aus ihrer Sicht – Anfängen der Zeit zu verbringen, machte ihr Angst.
Ein paar Stunden später bestiegen sie den Slider und verabschiedeten sich von der Familie.
»Vielleicht solltet Ihr einen Abstecher ins Jahr 2110 machen«, schlug Symeen vor. »Dort werdet Ihr Khendrah und Thomas finden, wie sie versuchen, Ralph Geek-Thobens Manipulationen zu bereinigen. Ihr könntet gleich dort Kontakt aufnehmen.«
Fancan schaute etwas gequält. Sie konnte sich noch zu gut an ihr letztes Treffen erinnern.
»Hast du auch die Koordinaten für uns?«, fragte Giwoon.
Symeen lächelte.
»Glaubst du, ich würde dir einen solchen Vorschlag machen, wenn ich nicht von Cheom alles bekommen hätte, was Ihr braucht?«
Symeen überreichte ihm einen kleinen Speicherkristall.
»Hier drauf findest du alles, was du wissen musst. Mach nur nicht so viel kaputt, wenn du dort ankommst.«
»Mutter!«, rief Giwoon protestierend.
Symeen umarmte noch einmal ihren Sohn und dann auch Fancan.
»Mädchen, pass gut auf ihn auf«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Und werdet glücklich, ihr Zwei.«
Fancan war ehrlich gerührt, da sie noch immer das Gefühl gehabt hatte, sie wäre Giwoons Mutter nicht Recht.«
Sie gab sich einen Ruck und umarmte auch Symeen.
»Das werde ich – versprochen.«

Die Zeit für die Abreise war gekommen. Schweren Herzens bestieg Giwoon den Slider und Fancan folgte ihm. Im Fahrzeug sah es aus wie in einem Warenlager. Überall stapelten sich Ausrüstungsgegenstände, die sie möglicherweise in absehbarer Zeit gebrauchen konnten. Sie quetschen sich in die Sitze, die um den zentralen Tisch montiert waren. Wie bei ihrem ersten Flug, schwebte die Steuerkugel schwerelos darüber. Giwoon legte seine Hand darauf und aktivierte die Steuerelemente.
»Dann wollen wir einmal sehen, was Cheom für uns herausgefunden hat«, sagte er, während er den kleinen Kristall, den ihm seine Mutter gegeben hatte, in eine kleine Aussparung des Steuerpults steckte.


Die nächste Fortsetzung könnt Ihr an dieser Stelle am 14.09.2019 lesen.

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Gottes Hammer: Folkvang XII

Bitte wartet hier.“ Der Diener verneigte sich so tief, dass seine Nase den marmornen Boden zu berühren drohte. Er trug eine schwarze Uniform und hielt einen kunstvoll geschnitzten Stab in seiner rechten Hand. Iliana glaubte, in dem hölzernen Geflecht eine Heiligendarstellung zu erkennen. „Das Orakel wird Euch bald empfangen.“

Er wies mit dem Stab auf zwei harte Bänke. Bequemlichkeit schien hier nicht zu herrschen. Kaum hatten sie sich auf den kalten Sitzflächen niedergelassen, verschwand der Diener durch ein prunkvolles Doppeltor. Lautlos fielen die schweren Flügel hinter ihm ins Schloss.

Sie befanden sich in einer großen Kathedrale inmitten jener Stadt, die Lifas nur Hrandars Faust nannte. Iliana wusste nur, dass von hier aus der Großangriff auf das benachbarte Herzogtum Astaval stattgefunden hatte. Sie würde gerne mehr in Erfahrung bringen, wagte aber nicht, Lifas anzusprechen. Der kühle Ritter wirkte noch abweisender als sonst. Seine Augenbrauen bildeten eine durchgehende Linie über seinem durchbohrenden Blick. Offenbar erschien ihm eine Begegnung mit dem Orakel wenig reizvoll.

Iliana fröstelte. Je mehr sie von Hrandamaer zu sehen bekam, desto mehr erstaunte sie das verheerte Herzogtum. Gleichgültig, wohin sie ging, die Religion beherrschte alle Lebensbereiche. Sie wirkte hier nicht nur als ferner Hoffnungsschimmer für das Leben nach dem Tod, sondern als reale Verteidigungsmaßnahme gegen die Schrecken der Nacht.

Iliana kannte die Geschichten von Klerikern, die trotz ihres Standes rauschende Feste feierten und die Abkehr vom Fleischlichen nicht so genau nahmen. Selbst der Bischof von Aminas genoss einen Ruf, von dem sogar die Menschen in Raureif Kunde hatten. Iliana erinnerte sich an ein Gespräch zwischen einer verzweifelten Frau und dem Dorfpriester. Die Nichte der Frau lebte in Aminas und war in des Bischofs „Jungfernturm“ gesperrt worden. Sie bat den Dorfpriester inständig um Hilfe, dieser jedoch blieb machtlos. Die Trauer in seinem Blick sprach Bände.

In Hrandamaer wirkten die Kleriker vollkommen anders. Jeder von ihnen besaß harte, vom Leben gezeichnete Züge und einen federnden Gang, der überwältigende Selbstsicherheit ausstrahlte. Selbst niedere Mönche trugen Symbole des Glaubens wie Waffen an ihren Gürteln, beteten öffentlich unter großem Zustrom der Leute und sicherten die Stadtgrenzen. Sie wirkten zäh und predigten mit den charismatischen Bewegungen von Propheten. Es handelte sich um Menschen, für die Selbstaufopferung zur Gewohnheit geworden war. Auf Iliana wirkten sie wie Soldaten.

Dass die hrandamaerischen Kleriker wenig Gelegenheit für Ausschweifungen hatten, zeigten auch die Heiligendarstellungen in der Kathedrale des Orakels. Iliana kannte viele überspitzte Motive, in denen die Schrecken der Hölle neben der Herrlichkeit des Himmels gezeigt wurde. Hier hingegen offenbarten die Buntglasfenster dem Betrachter lediglich die Leiden der Heiligen, ohne auf Erlösung oder Verdammnis einzugehen. Iliana erschauderte. Wenn die Priester tatsächlich jede Nacht aufs Neue die Städte gegen die wandelnden Toten verteidigen mussten, führten sie kein besonders angenehmes Leben. Plötzlich wünschte sich Iliana zurück nach Raureif, in die Zeit vor Arinhilds Verbrennung. Halgin wäre noch am Leben … und sie hätte Azrael nie getroffen …

Im nächsten Moment öffnete sich das große Tor wie von Geisterhand und der Diener mit dem Stab trat heraus. Er verneigte sich erneut.

Das Auge der Ewigkeit wird Euch nun empfangen“, verkündete er mit klarer Stimme.

Iliana und Lifas erhoben sich schweigend. Der Ritter hatte ihr erzählt, dass das Orakel bereits seit Äonen lebte. Man verehrte sie in Hrandamaer als Heilige, obwohl der Erzbischof in der kaiserlischen Hauptstadt Sankt Emerald nur bedingt Ambitionen zeigte, sie offiziell anzuerkennen. Der aus Hrandamaer stammende Erzbischof Drogan hatte zuletzt versucht, ihr den Status zu verleihen, war damit jedoch gescheitert. Seither konnte sich kein hrandamaerischer Kleriker mehr an die Spitze der Denomination setzen.

Der Diener führte sie eine breite Treppe hinauf, bog dann jedoch unvermittelt ab und führte sie durch einen engen Gang. Am Ende flankierten zwei schwer gepanzerte Ritter eine unscheinbar wirkende Tür. Sie trugen gleichermaßen profane und geistliche Waffen.

Der Diener pochte mit dem Stab auf den Boden. Kurz geschah nichts, dann öffnete sich die Tür von innen und die beiden konnten passieren.

Iliana hatte einen Thronsaal erwartet, vielleicht mit zahlreichen Buntglasfenstern und gewaltigen Statuen. Stattdessen befanden sie sich in einer dunklen Kammer mit zwei hölzernen Bänken und einer steinernen Pritsche. Das Orakel lag darauf und grinste sie verwegen an.

Iliana blickte das Auge der Ewigkeit wie erstarrt an. Vor ihr thronte keine ehrwürdige Heilige, sondern eine junge Frau mit einem langen schwarzen Mantel und einem unverschämten Ausschnitt. So sah sie zahlreiche unverständliche Schriftzeichen auf ihrer bleichen Haut, die im Dämmerlicht schimmerten. Violette Augen strahlten gespenstisches Licht ab und lange schwarze Haare fielen dem Orakel ungebändigt in die Stirn.

Plötzlich erstaunte es Iliana nicht mehr, dass der Erzbischof die Heilige nicht anerkennen wollte.

Willkommen!“, rief die Frau und erhob sich ungestüm von ihrer Pritsche. Ehe Iliana reagieren konnte, hatte sie sie bereits beide umarmt. „Lasst euch herzen! Ihr seid die ersten Personen seit Monaten, die mich hier aufsuchen! Kommt, setzt euch, setzt euch! Ich kann euch leider nichts anbieten, ich trinke nichts.“

Iliana leistete der Aufforderung Folge, doch Lifas blieb stehen. Abscheu verhärtete seine Miene.

Wortlos wandte er sich um und verließ den Raum. Iliana zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel. Er hatte sie tatsächlich mit der seltsamen Heiligen allein gelassen.

Dein Freund hat keine Manieren!“, stellte das Orakel kopfschüttelnd fest. „Aber egal. Man sagte mir, du hast seltsame Visionen, von denen das Schicksal der Welt abhängen könnte?“ Sie ließ sich auf die Pritsche sinken und sah sie neugierig an. Sie wirkte wie ein Kind, dem jemand eine Geschichte zu erzählen versprach.

Iliana schluckte und nickte langsam. Leise begann sie zu sprechen.

In Hornheim hat mich ein Dämon namens Berith betäubt. Ich war einige Stunden bewusstlos, aber kurz vor dem Aufwachen sah ich mehrere Dinge.“ Sie versuchte, sich die Bilder in Erinnerung zu rufen. Es fiel ihr nicht schwer.

Zuerst war da ein Schlachtfeld“, berichtete sie. „Es war voller gepfählter Leichen. Dann sah ich einen Bruder, der nach seiner Schwester schrie und einen Mann, der jemanden liebte, aber diese Liebe nicht zeigen durfte … dann hörte ich noch eine Stimme.“

Das Orakel zog ein Bein an und stützte das Kinn auf sein Knie.

Was hat sie gesagt?“

Gottes Hammer fällt am Folkvangstag“, erwiderte Iliana leise.

Das Auge der Ewigkeit schwieg einen Moment. „Gibt es sonst irgendwelche Hinweise?“

Iliana wollte bereits den Kopf schütteln, als ihr das Treffen mit Berith in den Sinn kam. „Der Dämon, der mich betäubt hatte, erschien mir später im Traum. Er meinte, ich solle nach Hrandars Faust gehen und dort eine Frau namens Ashaya aufsuchen.“

Das Orakel blinzelte, dann brach es in Gelächter aus.

Wirklich? Das hat er gesagt?“

Iliana nickte unsicher. Was war daran so amüsant?

Das Auge der Ewigkeit lächelte süffisant. „Nun, eine Frage kann ich dir mit absoluter Sicherheit beantworten. Ich bin Ashaya. Du wirst hier keine Zweite finden. Schließlich hat mich der Erzbischof noch immer nicht anerkannt.“

Iliana erstarrte. Plötzlich sehnte sie ihren neuen Bogen herbei. Sie hatte ihn am Eingang der Kathedrale zurücklassen müssen.

Ashaya schien ihre Furcht zu spüren. „Ach, Mädchen, das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Angst zu haben! Wenn Berith dich umbringen wollte, hätte er dich wohl kaum zu mir geschickt.“

Dann ist es wahr?“, stieß Iliana entsetzt hervor. „Ihr paktiert mit Hornheim?“

Ashaya rollte mit den Augen und wies auf das einzige Fenster im Raum. Es war vergittert. „Glaubst du, ich hause in einer Gefängniszelle, weil ich asketisch leben will? Ursprünglich hatte ich ein großes Zimmer und ein weiches Bett im Herzen der Kathedrale. Dann bemerkte einer meiner Leibwächter, dass ich doch nicht so heilig bin, wie sie glauben. Jetzt bin ich hier. Die zwei Ritter vor der Tür sollen nicht mich vor der Welt beschützen, sondern die Welt vor mir.“ Ashaya lachte. Sie klang wie ein Mädchen, das sich diebisch über einen gelungenen Streich freute. Iliana erschauderte. „Es gibt nur einen Grund, weshalb sie mich nicht foltern und verbrennen. Ich bin ihnen nützlich. Ich kann Begebenheiten vorhersagen und Träume deuten. Das sind Eigenschaften, die furchtsame Herrscher immer schätzen, egal ob geistlicher oder weltlicher Art.“

Iliana schüttelte fassungslos den Kopf. „ Was habt Ihr jetzt mit mir vor? Werdet Ihr mich nach Hornheim zurückbringen?“ Sitraxa kam ihr in den Sinn und Übelkeit machte sich in ihrem Inneren breit.

Warum hast du Angst davor?“, fragte Ashaya grinsend. „Du warst doch schon dort, oder nicht?“

Iliana sah sie voller Unverständnis an. „Gerade deshalb habe ich ja so große Angst!“

Du missverstehst mich.“ Ungewohnte Ernsthaftigkeit glomm in Ashayas violetten Augen. Sie erhob sich und kam langsam auf Iliana zu.

Ich meine nicht dein Eindringen mit Halgin und Esben. Ich meine deinen Aufenthalt als Kind, bevor du zu Arinhild kamst.“

Eiskalter Frost befiel Ilianas Brustkorb. „Was?“

Du hast schon richtig gehört.“ Ashaya wandte sich ab und spähte durch das vergitterte Fenster. „Hast du dich nie gefragt, wer deine Eltern sind? Woher du wirklich stammst?“

Ilianas Herz drohte zu bersten. „Ihr wisst, woher ich komme?“

Ashaya nickte. Erneut legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen, doch diesmal schmälerte Trauer die Geste. „Ich kann es dir zeigen. Aber ich warne dich gleich: Wenn du es gesehen hast, wird deine Welt nie wieder so sein wie zuvor.“

Iliana konnte diese Warnung nicht abschrecken. Sie erhob sich und ging auf Ashaya zu, die ihr die Hand anbot.

Zeigt es mir“, flüsterte sie zitternd.

Ashaya antwortete nicht. Ihre violetten Augen flammten auf wie Sterne und hüllten Iliana in unheiliges Licht. Dann erblickte sie die Wahrheit.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 6 – Verloren in den Tiefen von Nautilon

Der Scherenpanzer sank unaufhörlich in die Tiefe. Mittlerweile war es so schwarz um ihn herum, dass man nichts mehr von der Außenwelt erkennen konnte. Nur das kleine Licht seiner Taschenlampe erhellte die Fahrerkabine wie ein Funke der Hoffnung. 
Archweyll hatte auf seinen massigen Kampfanzug verzichten müssen, als er in den engen Panzer stieg, aber mit einer Notfallausrüstung war er immer ausgestattet. Er vergeudete keine Zeit und begann direkt damit, einen Plan auszuarbeiten. Denn ohne würde er hier unten sterben. Durch eine elektronische Verbindung hatte er vor ihrer Mission alle Daten des Scherenpanzers auf seine eigene Festplatte gebrannt, nun rief er diese holographisch ab. Er war kein Mechaniker und die Struktur des Anzuges war alles andere als unkompliziert, aber langsam hatte er den Dreh raus. 
Die Hauptstromversorgung saß kurz über dem Heckantrieb, zwischen den Schultern des Scherenpanzers, und war durch zwei Isolationsschichten von seiner Kabine getrennt. Es knisterte leise, während sein kleiner Handbrenner die erste Schicht durchstieß.
Wenn das noch länger dauert, kann ich auch einfach die Frontscheibe öffnen, dachte Archweyll ungeduldig. Aber diesen Gefallen würde er weder Crowler, noch diesem unnachgiebigen Planeten erfüllen. Der Kommandant biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich mit einem eisernen Willen auf sein Ziel. Als der Brenner soweit war, riss Archweyll die Platte einfach heraus. Er konnte von Glück reden, dass die massive Aspexylpanzerung sich an der Außenwand befand und ihn vor Druck und Kälte schützte, während er das Innenleben des Scherenpanzers auseinandernahm.
Die zweite Isolationsschicht bestand aus einer schaumartigen Masse und Archweyll wurde das Gefühl nicht los, in fremden Eingeweiden herumzuwühlen, während seine Hand den Kunststoff beiseitefegte. Mit der Taschenlampe im Mund und dem Brenner in der rechten Hand, lugte er in das klaffende Loch seiner Innenbordwand. Kabel kamen ihm wie Lianen entgegengesprungen, aber dem Kommandanten war klar, dass er sie gefahrlos berühren konnte. Mit einer fast väterlichen Fürsorge tastete er sich voran, bis er die Energieversorgung fand. Die Propeller der Kühlelemente verrieten ihm, dass er hier richtig war. Währenddessen studierten seine Augen die Hologrammaufnahme seiner externen Festplatte, als hinge sein Leben davon ab. 
Moment … das tut es.
Sein Arm verschwand mittlerweile fast gänzlich in der Öffnung und seine Wange lag in einer sonderbaren Haltung gegen die Rückwand gepresst. Keuchend ließ er seine Finger noch tiefer hineinwandern, wohl wissend, was für einen Anblick er gerade abgeben musste. Aber das war jetzt völlig nebensächlich. Dann stießen sein Pranke auf einen breiten Kabelbaum, der sich wie eine kupferne Wirbelsäule durch den Anzug schlängelte.
»Hier muss es doch irgendwo sein«, keuchte Archweyll nervös. Wenn er den Unterbrecher nicht bald fand, konnte er Lebewohl sagen. Plötzlich stießen seine Finger auf eine eigenartige Form. Sofort krallte sich sein Griff daran fest. In seiner Hand lag ein fingernagelgroßer, ovaler Chip, der sachte vibrierte.
»Therodax-3«, schmunzelte der Kommandant. »Einfach, aber effizient.« 
Mit einem Ruck versuchte er den Chip zu entfernen, doch dieser wollte sich scheinbar nicht so einfach ergeben. 
Das Magnetfeld habe ich fast vergessen. Jetzt war Vorsicht geboten. 
Wenn er die Kabelstränge zerriss, war es mehr als ungewiss, ob die Maschine noch funktionieren würde. Fieberhaft suchte Archweyll nach einer Lösung für das Problem. 
Während er innig das Hologramm analysierte, kam ihm eine Idee. Eilig griff er nach seinem Schraubenzieher und schlug ein kleines Loch in die Bordwand, dort, wo der linke Greifarm verankert lag. Die Hologrammanalyse zeigte ihm, dass er dort einen Elektromagneten finden würde, der ihm für seine Zwecke dienlich sein konnte. Wenn er diesen mit genug Spannung auflud, konnte er den Therodax-3-Chip entmagnetisieren, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Aber das würde genügen. 
Ärgerlicherweise hatte er dann womöglich nur noch einen Arm zur Verfügung, aber alles war besser als hier unten zu versauern. Mit dem Schraubenzieher drang er in das Loch ein, wühlte sich durch Kabel und stählerne Vorrichtungen, bis er auf den Magneten stieß. Sofort wurde sein Schraubenzieher davon abgestoßen, doch Archweyll war unnachgiebig. 
Mit einem unglaublichen Ruck und einem mechanischen Kreischen riss der Magnet aus seiner Verankerung, als Archweyll mit aller Kraft, die ihm verliehen wurde, an ihm zerrte. 
»Hab ich dich«, schmunzelte er. 
Jetzt kam der schwierige Teil: er musste den Magneten mit genug elektrischer Energie aufladen, um die beiden Magnetfelder langsam zu neutralisieren. 
Leider würde dafür seine Festplatte mit Hologrammanalysator und dessen kleiner Generator herhalten müssen. Da der linke Arm ohnehin defekt war, zerrte der Kommandant ein Kabel daraus hervor und schnitt es mit dem Messer in zwei gleichlange Hälften. 
Mit dem Schraubenzieher verging er sich an der Kiste, die ihm bis gerade noch treue Dienste geleistet hatte, und legte die äußere Hülle fein säuberlich ab, bis der summende Generator zu sehen war. Archweyll entfernte die Kabel, welche die Energiequelle mit dem Hologrammgenerator verbanden und klemmte die Kupferdrähte daran. Mit einem unflätigen Fluch quittierte er jeden Elektroimpuls, der wie eine zischende Energieschlange durch seinen Körper jagte. Dann verband er den Magneten mit dem Kabel, auch wenn dieser sich zunächst streng weigerte, und lud ihn mit Energie auf. Unter Aufwand all seiner Kräfte hielt er das Stück Metall umklammert, damit es nicht verloren ging. Doch das erforderte eine Menge Kraft. Blaue Adern traten aus Archweylls Schläfen aus und er schwitzte bestialisch, doch dann war es vollbracht. Im Bruchteil einer Sekunde drehte er sich um die eigene Achse und steckte den Magneten in das Loch. Sofort stieß er auf Widerstand, aber jetzt war er so kurz davor. Das entstandene Wechselfeld würde den Unterbrecher kurzzeitig destabilisieren.
Archweyll drückte den Magneten wie ein Besessener immer weiter vorwärts. 
Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit so verharrte, ließ er ihn los, um nach dem Chip zu greifen. Mit seinen letzten Kräften zerrte er daran. Doch der Chip wollte nicht nachgeben. 
Ein zorniger Aufschrei entwich seiner Kehle. 
Nochmal. Es muss funktionieren! 
Abermals zerrte der Kommandant an dem Unterbrecher. 
Mit einem Ruck löste sich der Chip von den Kabeln und lag nun trügerisch in seinen Händen, als könne er kein Wässerchen trüben. Archweyll wischte sich den Schweiß von der Stirn, spukte aus und traf dabei versehentlich die Frontscheibe. 
Blöde Angewohnheit von mir. 
»Du kleiner Bastard«, fluchte er triumphierend. »Das hast du nicht kommen sehen, was?« 
Er legte den Unterbrecherchip auf seinen Schraubenzieher und binnen einer Minute reaktivierte er sich und heftete daran wie ein Parasit an seiner Beute. 
Archweyll setzte sich in den Sitz und drückte die Anwendung für die Energiequellenaktivierung. Es passierte nichts. Mit einem gequälten Aufschrei hämmerte er mit seiner Faust immer wieder auf den Knopf. Wie tief er mittlerweile wohl schon abgetaucht war? Noch hatte er den Grund nicht erreicht, doch die Strömung schien ihn immer weiter nach draußen zu treiben. Als hätte irgendetwas seine Gedanken erraten, ertönte plötzlich in weiter Ferne ein bedrohliches Grollen. Archweyll spitzte die Ohren und eine Gänsehaut bildete sich auf seinem Nacken, als ihm klar wurde, dass es sich um ein Lebewesen handeln musste. Angespannt lauschte der Kommandant dem Schlag seines eigenen Herzens. Er war hier unten nicht alleine und beileibe nicht der Stärkste. 
Also nichts wie weg von hier.
Nach drei weiteren gescheiterten Versuchen aktivierte sich endlich die Energieversorgung. 
Ein Schwall der Erleichterung brach aus Archweyll Kehle und mündete in ein triumphierendes Gelächter. »Bevor ich Crowler nicht den Arsch versohlt habe, holst du mich nicht!«, rief er herausfordernd in die Dunkelheit. Eilig begann er damit, die Anzeigen und Scans zu aktivieren. Fluchend wurde ihm bewusst, dass sich seine Torpedobatterie am linken Arm befand und somit nutzlos war. Aber immerhin funktionierten die Messwerte. 
»Fast sechs Kilometer unter der Oberfläche. Wir tief bin ich nur gesunken?«, seufzte Archweyll, bis ihm sein grottenschlechter Wortwitz den Anflug eines Lächelns auf die Lippen zauberte. 
»Radarzustand kritisch. Frequenz auf Notleistung gedrosselt«, ertönte plötzlich eine kratzende Stimme und der Kommandant zuckte vor Schreck zusammen. Dann räusperte er sich verlegen, als hätte ihn jemand in einer peinlichen Situation erwischt. »Schön, dass mal wieder jemand mit mir redet«, begrüßte er den Bordcomputer, als wäre es ein alter Freund. Dann entwich seinen Lippen ein Fluch. Der Antrieb war aus ihm unersichtlichen Gründen nicht funktionstauglich. 
»Soll das ein schlechter Witz sein? Jetzt ersticke ich nicht, sondern verdurste?«, grunzte er verdrießlich. Doch eine innere Stimme mahnte ihn zum Weitermachen. 
»Dann wollen wir mal« Er verband sich mit dem Scherenpanzer, rechter Arm und Beine gehorchten intuitiv seinem Befehl. 
Vielleicht klappt es ja mit Brustschwimmen? 
Doch dann wurde ihm klar, dass der defekte Arm wohl etwas dagegen hatte. Plötzlich nahm der Kommandant unter sich einen matten Schimmer wahr. Archweyll wendete seinen Anzug in der Strömung, sodass er einen besseren Ausblick hatte. Und er traute seinen Augen nicht. 
Riesige glühende Pflanzen streckten sich vom Grund aus in die Höhe und erleuchteten ihn in den unterschiedlichsten Farben. Ihre Form glich der eines Augapfels, der mit seinem Nerv am Meeresgrund verankert war. Sie waren überzogen von ädrigen Linien, die im Schein des Lichtes pulsierten. Die ballartigen Pflanzen hatten die unterschiedlichsten Größen. 
Manche besaßen nur zwei, andere bestimmt zehn Meter Durchmesser und sie tanzten sachte in der Strömung. Wabernde Schlote öffneten sich aus der Erde, aus ihnen entwich ein grüner Dampf und sie waren übersät mit krebsroten Pocken. Geisterhafte Silhouetten winziger Lebewesen huschten umher und als Archweyll näher herankam, bemerkte er, dass ihre Körper aus einer durchsichtigen, gallertartigen Konsistenz zu bestehen schienen. Das Gestein unter ihm bildete ein undurchschaubares Wirrwarr aus Höhlen und Kavernen, welche die abstraktesten Formationen bildeten und ihn wie ein gähnender Mund empfingen.
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er in weiter Ferne ein metallisches Glitzern wahrnehmen, doch als er näher hinschauen wollte, war es wieder verschwunden.
Ein weiterer Scherenpanzer?
Wenn sie alle hier unten gefangen waren, konnte das nur in einer Katastrophe enden. Die Strömung könnte sie mittlerweile meilenweit auseinandergedriftet haben und es der Truppe in dem Zyklopen dadurch fast unmöglich machen, sie zu finden. Außerdem hatten sie nach wie vor das Problem, dass Frequenzen aus dem sonderbaren Leichnam in den Warp vordrangen. Bei dem Gedanken daran geriet Archweyll ins Grübeln. Wie konnte es sein, dass Knochen eine Art Nachricht ins All versenden konnten? Mit was für einem Lebewesen hatten sie es hier zu tun? Seine Gedanken drifteten zu Tamara. Ob es ihr wohl gut ging? 
Archweyll bemerkte, wie sehr er sich danach sehnte, sie wohlauf zu finden. 
Zwar ebenso wie die anderen vermissten Mitglieder des Trupps, aber doch irgendwie anders. 
Der Kommandant fasste einen Entschluss. Er würde den Ursprung des metallischen Glitzerns ausfindig machen und für das Wohlergehen seiner Kameraden sorgen. Möglicherweise waren die anderen nicht so erfolgreich mit ihren Unterbrecherchips fertiggeworden. Er durchbrach die dichte Decke aus Pflanzen und zu seinem Erstaunen riss eine von ihnen auf, als er sie mit dem Greifarm streifte, und es entwichen Gasblasen, die in Richtung Oberfläche strömten. Archweyll entblößte ein freudiges Grinsen. Er hatte eine Möglichkeit gefunden, auch ohne Antrieb nach oben zu gelangen. Zumal die Pflanzen so grell leuchteten, dass sie wie ein Aushängeschild fungieren würden. Aber nun musste er sich darauf fokussieren, die anderen Mitglieder zu finden. Und Tamara. Er setzte den ersten Schritt und war noch nie so entschlossen etwas zu tun.

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Gottes Hammer: Folkvang XI

Esbens Finger schlossen sich zögernd um den ledernen Einband des altertümlichen Folianten. Die Augen des unheilsschwangeren, kunstvoll gearbeiteten Gesichts erglühten rot. Langsam schlug er das Buch auf.

Jenes Schriftwerk, das Medardus als den verschollenen siebten Band aus König Androgs verbotener Chronik erkannt hatte, war nur auf den ersten dreizehn Seiten beschrieben. Es handelte sich um eine heidnische Anleitung in der Alten Sprache. Der restliche Platz diente als Gefängnis für Dämonen.

Esben blätterte weiter. Zwei der dunklen Wesen waren durch diesen Zauber eingefangen worden. Ein Unbekannter bildete das erste Opfer. Seine letzten Atemzüge waren in Form einer Zeichnung auf das Pergament gebannt worden. Er glich einem erhabenen Bischof. Esben schenkte ihm keine Beachtung und suchte die Seite, die er erst vor wenigen Tagen in Hornheims düsterstem Verlies aufgeschlagen hatte.

Ihn schauderte, als Sitraxas Bildnis ihn angrinste.

Die Urdämonin besaß die Gestalt einer monströsen Spinne, aus der der Oberkörper eines ihrer Opfer wuchs. Teshin hatte den Unterleib mit Murakama vollkommen zerstört, aber scheinbar konnte er Sitraxa nicht töten. Sie schien sich mithilfe des entstellten menschlichen Körpers am Leben festzuklammern wie an einem fetten Beutestück.

Esbens Gedanken rasten. Er hatte bereits im Lager der Tempelsöhne mit dem Gedanken gespielt, Sitraxa freizulassen und sie zu befragen. Der Text zu Beginn des Buches erwähnte den nötigen Zauber, warnte aber auch explizit davor. Sollte ein Dämon befreit werden, würde die betreffende Seite im Buch zu Staub zerfallen und man müsste ihn neu bannen. Esben ging jedoch nicht davon aus, dass ihm dies ein zweites Mal gelingen könnte. In Hornheim hatte er Sitraxa überrascht, aber nun wäre sie vorbereitet.

Dennoch … sie besaß nicht einmal mehr Beine. Sie konnte weder laufen, noch stehen und ihrer dämonischen Magie würde Esben mithilfe des Folianten widerstehen. Er entsann sich Velis’ Worte. Sie wollte, dass er die Wahrheit erfuhr. Worüber? Esben warf prüfende Blicke um sich. Beobachtete ihn die jugendliche Herzogin? Er leckte sich nervös die Lippen. Wenn er ihrem Wunsch nicht entsprach, würde sie ihn möglicherweise bis ans Ende aller Zeiten in dieser Hölle lassen. Wie um ihm die Aussicht auf ein solches Szenario noch mehr zu verleiden, gellte plötzlich ein markerschütternder Schrei und geisterhafte Schemen tanzten durch den stechenden Rauch.

Sein Entschluss stand fest. Er würde Velis’ Wünschen entsprechen. Er wusste zu wenig über diese verzerrte Parallelwelt, die Azrael geschaffen hatte. Esben musste sich unwillkürlich fragen, wie der Dämonenkönig zu einer solchen Großtat imstande gewesen war.

Er las die Anleitung erneut, ohne auf die wilden Schreie zu achten und wob schließlich den Zauber.

Esben war nie ein guter Magier gewesen. Gleichgültig, wie inbrünstig er betete, er konnte keine bösen Geister austreiben, keine Untoten in den heiligen Schlaf zurückführen und die Kranken nicht genesen lassen. Trotz seines entfachten Glaubens blieben ihm die geistlichen Gaben stets verwehrt. Während die Magie Gottes sich widerspenstig und kaum formbar zeigte, empfing ihn der Foliant mit offenen Armen. Innerhalb kürzester Zeit beherrschte der Priester die unheiligen Zauber bestens. Verglichen mit seinen vergeblichen Studien als Novize hatten sich die vergangenen Monate als äußerst produktiv erwiesen.

Esben fühlte sich dennoch wie ein Verräter. Er war ein Priester. Er sollte keine heidnische Magie benutzen. Aber dennoch … anders konnte er nicht gegen Hornheims Mächte bestehen.

Bestehen? Berith hat mich vom Gegenteil überzeugt.

Esben schüttelte den Gedanken ab und kanalisierte die gesammelte Magie.

Unheiliges Licht glomm auf und hüllte die schroffen Felsen um ihn herum in rötlichen Schein. Esben erschien der unebene Boden wie ein blutiges Schlachtfeld, auf dem sich wabernde Schatten wie die zuckenden Leiber sterbender Menschen wanden.

Im nächsten Moment erlosch das Licht. Mit klopfendem Herzen las Esben das Buch auf. Überrascht sah er, dass die Seite nicht zerfallen war. Sitraxas Gesicht grinste ihm unverändert entgegen.

Habe ich einen Fehler gemacht?

Ehe er den Gedanken zu Ende führen konnte, nahm er eine Regung wahr.

Esben fuhr herum, den Folianten zum Zauber erhoben. Vor ihm lag die junge Frau im Staub, deren Antlitz ihn noch immer im Schlaf heimsuchte. Zu seiner Überraschung wirkte sie verändert.

In Hornheim hatten eiternde Narben eine Gesichtshälfte bedeckt und die glühenden Augen jeden Eindringling das Fürchten gelehrt. Nun hingegen straffte sich die Haut glatt und unversehrt über den hohen Wangenknochen und ihr Blick schien in weite Ferne zu schweifen, lediglich von einem Hauch von Melancholie getrübt. Sie trug ein langes weißes Gewand, das Esben an ein Büßerhemd erinnerte.

Hatte Esben Sitraxas Opfer befreit? Er musste einen Moment lang in seinem Gedächtnis nachforschen, bis ihm der Name von Teshins ehemaliger Geliebten einfiel.

Silena?“, fragte er verunsichert.

Langsam drehte die Frau den Kopf und sah ihn an. Ihr Mund weitete sich zu einem scheuen Lächeln. Doch als sie sprach, war ihre Stimme voller Hohn.

Ist tot!“, rief das Wesen zu seinen Füßen und lachte abscheulich.

Esben fuhr zusammen und vollführte einen Satz nach hinten. Das Geräusch ließ ihn erbeben, aber schien nicht recht zu dem zierlichen Körper zu passen, der sich vor ihm im Staub wand.

Einen Augenblick später erzitterte Sitraxa und hustete. Blutstropfen spritzten aus ihrem Mund und sie verkrampfte sich. Wie von Esben vermutet, besaß sie keine Beine.

Er hielt drohend das Buch vor sich. „Ich warne dich!“, rief er. Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte. „Ein falsches Wort und ich nehme dich gefangen!“

Ich bin schon längst gefangen!“ Sitraxas Worte klangen heiter, so als spräche sie über das Wetter. „Ich bin deine Gefangene. Du hast es irgendwie geschafft, meinen Willen an das Buch zu ketten.“ Ihre Augen flammten auf wie zwei Scheiterhaufen.

Ich … äh … genau!“ Esben gab sein Bestes, sich seine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Scheinbar lag ihm die heidnische Magie weitaus mehr, als er gedacht hatte. Er nahm sich vor, die Anleitung im Buch erneut zu studieren und notfalls zu ergänzen. Da kam ihm ein Gedanke. „Kannst du noch Magie einsetzen?“

Nicht gegen dich, falls du mich fürchten solltest.“ Sitraxa kicherte wie ein kleines Mädchen. „Ich kann deine Angst bis hierher riechen. Aber so wie es aussieht, kann ich dir nichts anhaben. Solange du mich unter Kontrolle hast, bist du sicher und ich muss dir auch noch all deine Fragen beantworten.“ Sie setzte sich halb auf und grinste ihn anzüglich an. „Welche Geheimnisse willst du erfahren?

Esben wich zurück. Die Konversation nahm einen entschieden anderen Verlauf, als er erwartet hatte.

Warum bist du so verrucht?“, entfuhr es ihm. „Hast du kein Seelenheil, um das du fürchtest? Warum fügst du anderen gerne Schmerz zu?“

Im nächsten Augenblick biss er sich auf die Zunge. Velis musste ihn für ein Kleinkind halten. Er hoffte inständig, dass Sitraxa seine naiven Fragen nicht verspotten würde.

Zu seiner Überraschung legte sie den Kopf schief und musterte ihn verwirrt.

Warum ich anderen Schmerz zufüge?“ Sie hielt kurz inne. „Genauso könnte ich dich fragen, weshalb du Blumen pflückst.

Esben starrte sie verwirrt an. „Das ist doch etwas vollkommen anderes!“

Sitraxa ließ sich nicht beirren. Der spöttische Unterton war aus ihrer Stimme gewichen.

Warum ist das etwas anderes? Du zerstörst etwas. Grundlos. Du pflückst eine Blume, weil sie dir gefällt. Du pflückst ein Kleeblatt, weil es dir Glück bringen soll. Ich füge Menschen Schmerz zu, weil ich es mag.

Die Worte verhallten und ließen eine verheißungsvolle Stille zurück, die die unverrückbare Wahrheit in Stein zu meißeln schien. Esben schüttelte den Kopf. Er konnte das nicht hinnehmen. „Aber du musst doch wissen, dass das falsch ist! Du bist ein vernunftbegabtes Wesen, du hast einen Verstand! Wie kann solche Bösartigkeit existieren?“

Diese Bösartigkeit existiert überall.“ Sitraxa hob einen Arm und schwenkte ihn herum, um auf ihre nahe Umgebung zu deuten. „Denk nur an die Natur. Sie ist eine Ansammlung von Schmerz und Leid, von einem ständigen Kampf ums Überleben. Aber gerade durch ihre Vergänglichkeit und Fragilität gewinnt sie erst ihre wahre Schönheit. Und dennoch fußt sie auf Blut und Knochen, auf Tod und Korrosion, auf Konflikt und Gewalt.“ Kurz hielt sie inne und betrachtete gedankenverloren das glühende Gesicht auf dem Einband des alten Folianten. „Ihr Menschen versteht das nicht. Ihr könnt Schmerz und Leid nicht akzeptieren. Ihr könnt euch der Schönheit des Schmerzes und des Todes nicht beugen, obwohl ihr ihr stets frönt. Für euch muss es immer einen perfekten Ort geben, an dem keine Konflikte herrschen. Nenn es Himmel, nenn es Folkvang, das ist gleichgültig. Vielleicht ist genau das der göttliche Funke in euch.

Esbens Arm zitterte. „Und was, wenn ich dir Schmerz zufügen würde? Würde dir das etwa gefallen?“

Er bereute die Frage im selben Atemzug. Sitraxas Augen loderten wie abgründige Höllenschlünde. „Ob es mir gefallen würde?“, kreischte sie. Blutstropfen spritzten erneut aus ihrem Mund, während sie erstickt lachte. „Das ist das falsche Wort, Priester! Ich giere danach, ich will ihn haben, der Schmerz ist mein Begleiter und Freund! Er ist die Essenz meines Lebens und ich liebe ihn mehr als alles andere!“

Sitraxa schlang die Arme um ihren schmächtigen Leib und wiegte sich laut lachend vor und zurück, während Tränen aus ihren weit aufgerissenen Augen quollen. Esben entfernte sich angewidert, ohne sie aus den Augen zu lassen. Wie konnte solch ein Wesen existieren? Nur existieren, um sich als wandelnde Abscheulichkeit mit dem Schmerz zu verbünden und ihn unter alles Lebendige zu bringen?

Du willst es doch, Priester?“, rief Sitraxa und robbte langsam auf ihn zu. „Du trägst selbst noch Teile der Natur in dir, die du unter deiner glitzernden Klerikerfassade versteckst! Komm, gib es zu! Du willst diesen jungen Körper, du willst ihn besitzen, du willst ihn haben und …

Schluss!“ Esben presste seine Magie regelrecht in den Folianten. Ein roter Lichtblitz fegte über den schroffen Felsen und wirbelte Staub auf. Sitraxa schrie auf, doch ihr hämisches Gelächter verstummte erst, als das Licht verschwand und sie wieder in ihrem Gefängnis im Folianten ruhte.

Esben sank zitternd zu Boden. Das schwere Buch entglitt seiner Hand. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Jegliche Kraft verließ ihn.

Verstehst du es jetzt?“, fragte ihn schließlich eine Stimme.

Esben hob ermattet den Kopf. Velis lehnte im Schatten einer Felsnadel am schroffen Stein und beobachtete ihn. Ihre roten Augen flackerten wie Funken.

Ihr seid Monster!“, stieß Esben hervor. „Ihr suhlt euch im Schmerz, ganz gleich ob ihr ihn erleidet oder zufügt! Ihr seid …“

Rauch füllte seinen Mund und Esben hustete. Er krümmte sich und fiel auf den schweren Folianten zu seinen Füßen. Er roch Schwefel.

Du liegst falsch“, sagte Velis schließlich, ohne sich zu bewegen. „Sitraxa und mein Vater suhlten sich im Schmerz. Aber das war nicht die Wahrheit, die ich dich lehren wollte.“ Sie hielt kurz inne und trat dann ins schwache Licht der brennenden Feuergruben. Esben rappelte sich mühsam auf und hob das Buch.

Komm nicht näher!“, rief er.

Velis hielt an und musterte ihn ohne Furcht. Kurz standen sie sich kampfbereit gegenüber, Auge in Auge, bis der Anflug eines Lächelns ihre schmalen Lippen umspielte.

Die Wahrheit ist, dass wir Dämonen alle mit einem festen Ziel geboren werden.“

Esben blinzelte und sah sie verwirrt an. Velis’ Lächeln wurde breiter, doch nun spiegelte sich Melancholie in ihren blutroten Augen.

Jeder Dämon verspürt Gier in seinem Innersten. Die Gier nach einer bestimmten Sache, einem bestimmten Gefühl. Es entspricht unserem Wesen, stets nach diesem einen Ziel zu streben. Mein Vater strebte nach Schmerz, Berith nach Wahrheit, Malfegas nach immerwährendem Kampfesruhm und Azrael nach Herrschaft und Dominanz. Wir alle versuchen, ein Ziel zu erreichen, das uns im Leben missgönnt wurde.“

Einen Namen kannte Esben nicht. „Wer ist Malfegas?“

Ein äußerst ruhmreicher, edler und starker Ritter Seiner Majestät“, hauchte eine Stimme in Esbens Ohr.

Esben fuhr so hastig herum, dass er stolperte und beinahe auf Velis fiel. Vor ihm stand ein gewaltiger Löwe, aus dessen Maul sich Rauchschwaden in den Himmel wanden. Sein Schwanz glich einer toten Schlange, die gefährliche Zähne entblößte.

Esben war sicher, ihn bereits einmal gesehen zu haben. Er musste ihm nach dem Kampf gegen Sitraxa in Velis’ Herzogtum begegnet sein.

Malfegas lachte. Esbens Reaktion schien ihm zu gefallen. „Das ist der furchterregende Magier, der uns alle mit einem Zauberwort einkerkern könnte? Ein Abrakadabra Verschwindibus und ich soll in dem Schmöker sein?“ Malfegas deutete mit dem furchterregenden Schwanz auf den verbotenen Folianten. „In meiner Arena würde der keinen Tag überleben.

Esben brachte die Kraft für eine Antwort nicht auf. Die Schrecken dieses Ortes beraubten ihn seiner Macht.

Malfegas!“, rief Velis überrascht. Sie hatte ihn ebenso nicht kommen gehört. „ich dachte, du bist in der Stadt?“

Malfegas grinste. „War ich auch. Hab dem Bischof von Aminas einen Besuch abgestattet. Er betet den ganzen Tag, während die anderen Insassen ihn verprügeln. Hat ihnen wohl früher viel Unbehagen bereitet.

Esben horchte auf. „Gibt es hier etwa eine Stadt?“

Malfegas bleckte seine Fänge. „Ja, Schlaumeier. An der müssen wir sowieso vorbei, wenn wir zum Chef wollen.“ Beiläufig bedeutete er Esben, ihm zu folgen. „Er will dich sehen.

Esben umklammerte den Folianten fester, als er sich in Bewegung setzte. Er hoffte nur, dem Rauch und der unangenehmen Hitze dieses Ortes zu entkommen.

Velis musste laufen, um zu Malfegas aufzuschließen. „Jetzt schon?“, fragte sie überrascht. „Ich dachte, Esben soll hierbleiben, bis die Schlacht vorbei ist?“

Malfegas schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht mehr. Die Dinge haben sich verändert.

Was ist geschehen?“

Malfegas knurrte. „Ein gewisser Engel.

Esben wusste, von wem sie sprachen. „Saskia?“, platzte er heraus. Azrael hatte sie für tot erklärt, aber Esben wusste es besser.

Malfegas schnippte mit dem schlangenköpfigen Schwanz. „Erraten. Sie hat deiner kleinen Bogenschützin im Lager das Leben gerettet, richtig?

Weil ihr sie vergiftet habt!“ Esben sah vor seinem inneren Auge, wie Abigor verzweifelt versucht hatte, Iliana zu heilen.

Haben wir nicht!“, protestierte Malfegas lautstark. „Das war ein gewisser Hanswurst, den ich bei lebendigem Leib fressen werde, das verspreche ich!

Velis verdrehte die Augen. Scheinbar handelte es sich hierbei nicht um die erste leere Drohung des gewaltigen Löwen.

Sie umrundeten einen schroffen Felsen und standen vor einem schmiedeeisernen Tor. Steinerne Totenengel flankierten es mit erhobenen Sensen.

Lasset alle Hoffnung fahren“, las Esben auf dem Torbogen.

Erbaulich, nicht wahr?“ Malfegas lachte dröhnend. „Original Ungoros.

Ungoros?“, fragte Esben verwirrt. „Wer ist das?“

Als sich das Tor öffnete, schwebte ihnen die Antwort entgegen.

Edle Herren, seid nicht verzagt, das jüngste Gericht wurd’ jäh vertagt“, sprach der riesige Fleischklumpen, der sich mit grotesk kleinen Fledermausflügeln in der Luft hielt. Esben bemerkte weißliche Maden, die sich in den speckigen Falten seines Körpers tummelten. Punkte tanzten vor seinen Augen und Übelkeit durchwühlte seinen Mageninhalt. Er würgte.

Na, na.“ Malfegas stupste Esben mit seiner Schnauze an. „Wer wird denn hier schon umfallen? Ist doch nur ganz natürlicher Verwesungsgeruch!

Esben wandte den Blick von Ungoros ab und folgte Malfegas dankbar in die Stadt. Bei dem Gedanken, gegen diese Wesen kämpfen zu müssen, rebellierte sein Magen erneut.

Ich war närrisch. Vollkommen närrisch. Wie könnte ich gegen solche Abscheulichkeiten kämpfen? Nicht ein Zauber würde mir einfallen!

Die Gebäude waren allesamt aus schwarzem Stein gebaut, Fenstergläser gab es nicht. Esben sah eine Menschenmenge sich um ein Podest versammeln, auf dem ein Mann predigte. Neben ihm lag eine wimmernde Frau, hinter ihr ein stand ein maskierter Henker.

Sieh genau hin“, forderte Malfegas. „Wir haben nichts damit zu tun. Wir haben ihnen freie Hand gelassen.

Freunde!“, rief der Mann. „Dieses elende Weib hat wider unsere Gemeinschaft gesündigt, indem es frevelhaft zum Heiligen Esben gebetet hat!“

Blasphemie!“, kreischte die Menge.

Blasphemie!“, bestätigte der Mann. „Im Namen unseres allmächtigen und weisen Herrn Azrael gebe ich sie hiermit zur Schändung frei! Treibt eure Spielchen mit ihr, bis der Blutmond am Himmel erscheint! Dann wird der Henker sie kreuzigen.“

Jubel wurde laut und die Frau schluchzte auf. Einige Männer stürmten sogleich auf das Podest und suhlten sich in ihren Trieben.

Wir müssen ihr helfen!“, sagte Esben mit brüchiger Stimme. „Das darf … das darf doch nicht sein!“

Gründet eine Stadt und büßet für eure Sünden“, murmelte Malfegas. „Das hat Azrael zu ihnen gesagt. Wir haben ihnen das Material gegeben, um sich zu organisieren. Wir haben ihre Häuser gebaut. Aber alles andere haben wir ihnen überlassen.“ Malfegas betrachtete Esben traurig, während die Frau vor Qualen schrie. „Wir mischen uns nicht ein, haben wir gesagt. Und das ist das Ergebnis. Das ist die Hölle, mein Freund. Die wahre Hölle.

Aber … aber wie kann das die Hölle sein, wenn sie sie hinrichten?“, fragte Esben. „Eure Täuschung fliegt dann doch auf, oder etwa nicht?“

Unsere Täuschung hat nie so recht funktioniert“, erwiderte Velis und drängte sie, weiterzugehen. „Der Sprecher vorhin ist Azraels selbsternannter Apostel. Er erklärt seinen Jüngern, dass sie sich nur in einem Zwischenstadium befinden und bald in den Himmel aufsteigen werden.“

Dann hatte Sitraxa recht“, flüsterte Esben, „Wir Menschen greifen immer nach dem Göttlichen, aber kommen nie von der Grausamkeit los.“

Als sie die tobende Menge passierten, bemerkten einige die Botschafter ihres neuen Gottes und warfen sich vor ihnen in den Staub. Esben erkannte den Bischof von Aminas, statt der prachtvollen Gewänder nun nur mit einem Lendenschurz bekleidet und mit geschwollenem Gesicht. Scheinbar regierten Streit und Gewalt den Alltag der Bewohner.

Esben atmete auf, als sie einen gewaltigen Palast inmitten der Häuser erreichten und den Marktplatz hinter sich ließen. Die Schreie verstummten, als die schwere Eisentür ins Schloss fiel.

Esben sah sich überrascht um. Der Regierungssitz glich einer düsteren Kirche. Unheilsschwangere Buntglasfenster kündeten von Krieg und Zerstörung, andere von Gericht und Seligkeit. Statuen säumten den Weg, der mit einem purpurroten Teppich ausgelegt war.

Inmitten des Monuments erhob sich eine gewaltige Thronlehne, die bis zur prunkvollen Decke reichte. Die Darstellung eines Richtschwerts bedeckte den dunklen Stein. Es ähnelte Murakama.

Darunter saß, den Kopf in herrschaftlicher Manier sanft mit zwei Fingern abstützend, Azrael.

Obwohl seit ihrer letzten Begegnung keine drei Tage vergangen waren, wirkte der Dämonenkönig stark verändert. Er schien bleich und ausgezehrt, dunkle Ringe verunzierten seine rötlich schimmernden Augen. Er trug einen schwarzen Mantel mit Stehkragen und eine ebenso dunkle Plattenrüstung. Die Klinge Murakama lehnte neben ihm am Thron.

Willkommen.“ Azrael erhob sich und breitete die Arme aus, so als begrüßte er einen alten Freund. „Wie gefällt es dir? Mein Domizil?“

Esben zögerte. Nach dem Toben der Menge hallte hier jedes Wort unangenehm laut durch den gewaltigen Raum.

Düster“, erwiderte er schließlich.

Besser kann man es vermutlich nicht beschreiben. Ich bin schließlich auch ein düsterer Gott.“ Azrael ließ sich wieder auf den Thron sinken und bedeutete Malfegas zu gehen. Der Löwe neigte das Haupt und verschwand durch eine unscheinbare Tür in einen Nebenraum. Esben zuckte zusammen, als sie ins Schloss fiel. Velis stellte sich neben Azraels Thron und hauchte einen Kuss auf seine Stirn.

Esben sah sie überrascht an. Azrael kommentierte die Geste mit einem ironischen Lächeln. „Ja, auch Dämonen können lieben, mein Freund. Aber das kann ich dir später noch erklären.“ Ernsthaftigkeit verfinsterte seine Miene. „Esben, ich mache es kurz: Schließt du dich uns an?“

Esben umklammerte den Folianten. Er erinnerte sich an den Kampf in Hornheim, als die Dämonen vor der Macht des Buches zurückgeschreckt waren. Nun schien niemand mehr Angst zu verspüren.

Für mich gibt es nur einen Gott“, presste er hervor.

Azrael seufzte. „Wieso fühlst du dich ihm verpflichtet? Was hat er dir je gegeben?“

Esben hielt seinem Blick stand. „Mein Leben.“

Und warum sollst du dafür dankbar sein?“

Esben sah Azrael verblüfft an. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Azrael lehnte sich zurück, bis sein Rücken gegen die hohe Lehne stieß. Seine Augen blitzten.

Wenn Gott der Herr dich tatsächlich liebte, hätte er dich sofort im Himmel erschaffen. An einem Ort ohne Leid, ohne Konflikt. Stattdessen warf er dich auf dieses Schlammloch namens Erde, wo die Dämonen regieren.“ Azrael breitete die Arme aus. „Gier, Neid, Wollust, Völlerei! Das sind die wahren Dämonen und sie hausen in eurem Verstand! Du glaubst mir nicht? Sieh nach draußen! Ich bot ihnen einen Garten Eden und sie bauen ein Inferno! Der Mensch muss ein Knecht sein, um keinen Schaden anzurichten!“

Der Foliant entglitt Esbens erschlaffenden Hand und fiel zu Boden. Die Kraft wich aus seinen Knien und der Priester knickte ein. Er fing seinen Sturz mit den Händen ab. Schmerz durchzuckte die Gelenke und ein Tränenschleier schob sich vor Esbens Augen.

Dann befreie mich!“, schrie er. Die lodernde Wut, die schmerzhaften Zweifel, die schleichende Furcht, alles brach sich nun Bahn. Seit Teshins und Saskias Auftauchen in Aminas war seine Welt immer wieder aufs Neue zerschmettert worden. „Befreie mich von meinem Schmerz! Mach mich endlich wieder ganz!“

Azrael schwieg. Er wirkte erstaunt.

Esben starrte ihn an, während Tränen seine Wangen benetzten.

Überall Monster“, flüsterte er. „Wohin ich auch blicke, alles ist düster und voller Dunkelheit. Jeder Dämon ist gottlos und jeder Mensch schlachtet seinesgleichen. Meine Schwester – tot. Meine Gemeinde – Monster. Meine Freunde – versprengt. Es gibt nichts … nichts … keinen Schutz vor der Dunkelheit. Jeder ist grausam und jeder ist ein Abgrund.“

Die Worte sprudelten aus Esben jervor wie ein Wasserfall der Bekenntnis. Er konnte nicht mehr an sich halten und lautes Lachen entrang sich seiner gepeinigten Kehle. Der Wahnsinn erschien ihm nun als tröstlicher Freund.

Alles ist dunkel und kalt!“, schrie Esben, bevor er entkräftet niedersank.

Kurz herrschte Stille, als Azrael sich plötzlich erhob und über den roten Teppich schritt. Der Stoff dämpfte seine schweren Schritte kaum.

Ich verstehe dich“, murmelte der Dämonenkönig. „Unsere Welt ist von Krieg geplagt und wir alle haben diese Momente, wenn wir die Wahrheit begreifen, in denen unser Leben wie grausamer Spott erscheint. Liebe deinen Nächsten, sagen sie und am nächsten Tag verbrennen sie eine Hexe. Gott bequemt sich nicht herab, um zu herrschen. Ich muss es für ihn tun.“

Esben hob verunsichert den Kopf, als Azrael ihm die Hand anbot. Zögernd ergriff er sie.

Kann es wirklich gelingen?“, fragte er leise.

Ja“, erwiderte Azrael und stieß ihm Murakama ins Herz.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 5 – Finsternis

Der Zyklop sank tiefer und tiefer. Auf seinem Weg passierte er abstrakte Felsformationen und bunte Schwärme von winzigen Fischen, mit bis zu 50.000 Exemplaren, die mit flinken Bewegungen durch die Gezeiten pflügten. Unter ihnen befand sich nur die unergründbare Schwärze des Abgrundes. Die Dünen, wie Crowler sie genannt hatte, vollzogen eine große natürliche Kurve, als wären sie der Rand eines riesigen, ehemaligen Kraters, in dem das Leben brodelte. Der abrupte Abfall des Terrains und die plötzliche Dunkelheit, die damit einherging, wirkten im Vergleich fast lebensfeindlich und karg. 
Daisy steuerte das Schiff sorgsam auf der Schwelle ins Nichts, bedacht darauf, den Kraterrand nie gänzlich zu überschreiten. 
Doch der Blick aus der großen Glaskuppel ließ dennoch einen beunruhigenden Blick in die Finsternis zu und Archweyll merkte, wie sein Gehirn damit begann, ihm Streiche zu spielen, indem es riesige Schatten in Bewegung setzte, die gar nicht da waren. Wie sehnlich wünschte er sich gerade an Bord des Patrouillenkreuzers zurück. 
»Noch drei Meilen bis zum Ziel«, riss ihn die Chefmechanikerin aus seinen Gedanken. »Der Scan ist jetzt in Reichweite. Ich starte mal eine Analyse.«
Archweyll grummelte eine Antwort. Wenn alles gut ging, würden sie in weniger als einer Stunde wieder zurück sein. »Maschinen stoppen!«, befahl er mit einer Handbewegung. »Wir wollen uns ja nicht in die Explosionsreichweite begeben.« Eingehend analysierte er die Monitore, die für den Scan zuständig waren. Langsam manifestierte sich ein Bild vor seinen Augen. »Sind das… Berge?«, frage er zögerlich.
Vor ihnen befand sich eine Formation riesiger Nadelspitzen, die unbeugsam in Richtung Oberfläche emporragten und dabei Gefahr liefen, in den Kraterrand zu stürzen. 
»Negativ«, quittierte ihn die Chefmechanikerin lachend. »Das sind seine Rippen.«
Archweyll merkte, wie ihm die Kinnlade herunterfiel. Mit einer fast übertrieben grazilen Handbewegung brachte er seinem Kiefer wieder Haltung bei. »Aber die sind bis zu fünfhundert Meter hoch. Und Mama hat mir schon immer gesagt, ich sein ein wahrer Prachtkerl«, grunze er und fuhr sich mit der Hand bedächtig durch den Schnauzer. »Länge?«, wollte er wissen.
»1.200 Meter. Ich glaube ein bis zwei Torpedos sollten reichen«, erwiderte Daisy gelassen. 
Es erstaunte den Kommandanten, dass sie so ruhig bleiben konnte, angesichts der Tatsache, dass es ihre erste Mission und Kontakt mit fremdem Leben war. Und dann gleich mit so einem ausgewachsenen Ungetüm. Oder verbirgt sie etwas?
Möglicherweise war sie voll fokussiert oder aber sie ließ sich nichts anmerken. 
»Dann wollen wir dieses Riesenbaby mal zerlegen«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. »Feuer frei.«
»Automatische Zielfrequenz initiiert«, bestätigte die Spracherkennung des Zyklopen
Ein Surren ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterie in Anschlag gebracht wurde.
»Können wir überprüfen, ob die Frequenz abbricht, sobald wir es zertrümmert haben?«, fragte der Kommandant. 
»Ich verbinde mich mit Crowler und befrage ihn«, antwortete Clynnt Volker vom Funkgerät aus, von welchem er bis gerade eifrig mit der föderalen Sicherheitsbehörde kommuniziert hatte.
Der Kommandant quittierte ihn mit einem Nicken. »Aber wir brauchen eine andere Möglichkeit, um es herauszufinden. Ich traue ihm mittlerweile durchaus zu, dass er uns zum Narren halten würde.«
»Die haben wir auch«, sagte plötzlich eine vertraute Stimme.
Archweyll drehte sich irritiert um. 
Seit wann war Tamara wieder auf der Brücke? 
»Schön, dass du es zu uns geschafft hast«, lud er sie ein. »Dann schieß mal los.«
»Die Scherenpanzer haben manuelle Messvorrichtungen, die der Zyklop nicht besitzt«, Tamara schritt auf der Brücke auf und ab. Was sie zu sagen hatte, schien sie zu beunruhigen.
»Sie sind eigentlich für den Kampf wie geschaffen, deswegen sind sie auch in der Lage, feindliche Kommunikation abzufangen und zu übersetzen. Zumindest, wenn sie nahe genug am Ursprung der Frequenzen sind, was unser Problem ist, denn da draußen erscheint es mir eher unschön. Ich frage mich allerdings, warum der Zyklop das nicht auch kann?«, ihr Blick wanderte zu Daisy. 
»Er ist zu groß. Jedes feindliche Radar ortet dieses U-Boot schon von weitem. Unser Vorteil in der Schlacht auf Orian II war die Tatsache, dass der Zyklop einfach alles in Schutt und Asche gelegt hat, was sich ihm in den Weg stellte. Es war schlichtweg egal, dass er vom Feind geortet wurde, weil er ihn in der nächsten Sekunde pulverisiert hat. Die Scherenpanzer sind eher dazu gedacht, sich hinter die feindlichen Linien zu schleichen und sind mit dementsprechenden Funktionen ausgestattet. Seit dem Informationskrieg mit den Separatisten auf Khn’el sind langstreckige Kommunikationsabfänger nicht mehr angesagt«, erklärte die Chefmechanikerin bedeutsam. 
»Ich habe Crowler an der Strippe«, schaltete sich Clynnt in das Gespräch ein. »Er flennt wie ein Mädchen, ist aber bereit uns zu helfen. Dennoch würde ich auf Nummer sicher gehen.« 
Archweyll nickte ihm zu. »Dann zeig mir mal, was der Zyklop so drauf hat«, rief er erwartungsvoll. 
»Zielerfassung«, befahl Daisy. Ihre Monitore leuchteten auf, während sie die Koordinaten für den großflächigen Angriff durchgab und zwei Detonationsziele festlegte. Ihr Blick traf auf den von Archweyll und für eine Sekunde konnte er darin ein Feuer brennen sehen, dass alles verschlang. »Vernichten.«
Ein Ruck ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterien eine Salve abfeuerten. 
Daisy drehte in ihrem Stuhl eine Runde. »Und…« Dann noch eine. »Jetzt«, schmunzelte sie.
Bevor Archweyll begriff, was sie meinte, pfiff für den Bruchteil einer Sekunde ein Piepen durch sein Ohr. Dann ertönte ein Knall, so laut, dass er stocksteif zusammenfuhr. Ihm folgten zwei Detonationen noch nie dagewesenen Ausmaßes. Der Horizont explodierte, rote Lichter tauchten das Meer in ihren Schimmer und verliehen ihm die Farbe geronnenen Blutes. 
»Position optimieren, wir driften ab«, Daisy war schon wieder am Steuer und schien angesichts des schrecklichen Werkes der Untergangs-Torpedos kaum mit der Wimper zu zucken. 
Weitere Lichter brachen durch den Ozean und verwandelten ihn in ein Flammenmeer. 
Archweyll pfiff durch die Zähne. »Das ist ja fast schon gruselig, wie gelassen du dabei bleibst«, beurkundete er das zerstörerische Werk der Geschosse. 
»Ich habe sie mitentwickelt. Man sollte sich immer im Klaren darüber sein, was man tut«, erwiderte die Chefmechanikerin. 
»Und niemals den Respekt davor verlieren«, grummelte Tamara finster und deutete Archweyll an, ihr zu den Scherenpanzern zu folgen.
»Laut Crowler ist die Frequenz abgebrochen«, rief ihnen der Chefnavigator hinterher.
»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, murmelte der Kommandant, während er sich auf den Weg zu den Docks machte. 
N’kahlu und seine Mannschaft salutierten ehrfürchtig, als sie eintraten. 
»Anzüge bereit machen, wir gehen runter!«, befahl Archweyll lautstark.
»Ihr habt ihn gehört, Beeilung, Beeilung!«, heizte der Sergeant weiter ein.  Binnen fünf Minuten waren sie startklar. Die Schotts schlossen sich und das Wasser nahm sie ganz für sich ein. Mittlerweile war das scheußliche Licht der Explosion vergangen und es war wieder einheitlich dunkel, wofür der Kommandant irgendwie dankbar war. Minuten vergingen, während sie zu ihrem Ziel navigierten. Archweyll konnte im Licht der Scheinwerfer gerade noch erkennen, dass der Sand der Dünen nun kohlrabenschwarz gefärbt und das Klippenrelief gute zwanzig Meter in die Tiefe gesunken war. Fast lautlos steuerte er auf das Gerippe zu. Sein Scan zeigte ihm, dass es sowohl den Schädel, als auch das Körperskelett größtenteils zerlegt hatte. Die Frage, warum ein Skelett überhaupt dazu in der Lage war, Frequenzen auszustoßen, blendete er völlig aus. »Sind wir in Reichweite?«, fragte er durch das Funkgerät. 
»Noch eine halbe Meile«, erwiderte Tamara. Angespannt setzten sie ihren Weg fort. 
Beständig analysierte Archweyll seine Umgebung, aus den Augenwinkeln nahm er Bewegungen wahr, die nicht existierten. Überall schien die tödliche Bedrohung auf sie zu lauern. 
Und dann ragte eine einzelne Rippe vor ihnen auf, die vom Grund auf sogar die Wasseroberfläche erreichte, und es verschlug Archweyll die Sprache. Was auch immer dieses Etwas einst gewesen war, es musste gigantisch gewesen sein. Vor seinem inneren Auge malte er sich aus, wie das Lebewesen durch den Warp jagte und er musste schlucken. Es gab also vermutlich tatsächlich Monster da draußen, welche die Atharymn an Größe übertrafen. Bei dem Gedanken daran überkam ihn eine Gänsehaut.
Die Ebene um das Skelett war restlos verwüstet, im Lichtstrahl der Scheinwerfer erkannte Archweyll zudem, dass das Relief langsam in sich zusammenbrach. Sie mussten sich beeilen, denn möglicherweise könnten die Überreste des Riesen mit absinken. 
»Dein Gefühl, was Crowler angeht, scheint sich zu bestätigen!«, fluchte Tamara plötzlich durch den Funk. 
Instinktiv steuerte er zu seiner Stoßtruppführerin. »Wir empfangen weiterhin Frequenz?«, erwiderte der Kommandant entgeistert. Das waren schlechte Neuigkeiten. 
»Sogar verstärkt!«, bestätigte sie wütend. »Daisys Torpedos haben uns nicht geholfen.«
»Das ist nicht ihre Schuld. Es war meine Idee«, antwortete Archweyll streng. 
»Ich weiß. Ich suche nur gerade fieberhaft nach einer Lösung. Verzeihe mir, wenn ich eventuell schroff klinge.« 
Der Kommandant musste kichern. »Das tust du eigentlich immer. Dann scheint ja alles beim Alten zu sein«, lachte er. 
Bevor sie etwas erwidern konnte, ging ein spürbares Beben durch den Ozean. Ein Grollen furchtbaren Ausmaßes schüttelte Archweylls Kampfanzug durch, sämtliche seiner Systeme spuckten Warnmeldungen aus. Dann brach die riesige Rippe knirschend in sich zusammen und versank wie ein einstürzendes Hochhaus im Abgrund, gefolgt von etlichen Tonnen Gestein, Trümmern und aufgewirbeltem Sand.
»Das Relief bricht weg!«, schrie N‘Kahlu durch den Funk. »Wir müssen hier weg, bevor der Sog der Wasserverdrängung uns möglicherweise mit in die Tiefe zieht.« 
Ein grauenvolles Knacken, das dem Kommandanten durch Mark und Bein ging, unterbrach den Sergeant für einen Moment. Dann brach der Funkkontakt vollständig ab und die Anzeigen auf Archweylls Glasscheibe versagten flimmernd ihren Dienst. Das Summen des Motors verstummte. 
»Was zur Hölle?!«, fluchte der Kommandant und versuchte erfolglos die Energieversorgung wiederherzustellen. Ein Blick aus der Scheibe zeigte ihm, dass alle anderen Scherenpanzer das gleiche Problem aufwiesen. Ihre Schemen schwebten sinkend im Wasser und begannen im Sog der aufkommenden Strömung zu tanzen. Panisch bemerkte Archweyll, wie sein Anzug langsam aber sicher auf den Abgrund zusteuerte, als würde ihn die Tiefe zu sich rufen. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Die Scheibe manuell zu öffnen kam nicht infrage, sie befanden sich fast einen halben Kilometer unter Wasser und der Zyklop war in unerreichbarer Entfernung. Instinktiv hoffte der Kommandant, dass bald jemand bemerken würde, was geschehen war. Sein Kopf ratterte wie ein Getriebe, als er zu rekonstruieren versuchte, welchem Umstand er seine Situation zu verdanken hatte. 
Das Ergebnis war erschütternd.
»Crowler du Bastard!«, fluchte Archweyll und schlug mit der Faust nach der Scheibe. Ein flüchtiger Schmerz in der Hand war das einzige Resultat seines Wutausbruches. 
Der Doktor war nicht auf den Zyklopen gekommen, um sie zur Umkehr zu überzeugen. Er war sich von Anfang an im Klaren darüber gewesen, dass Archweyll sich nicht überzeugen lassen würde. Er hatte an den Scherenpanzern herumgepfuscht und diese manipuliert. 
»Wenn ich dich in die Finger kriege, reiße ich dir Arme und Beine einzeln heraus und füttere damit die Fische«, knurrte der Kommandant, wohl wissend, dass es ihm in seiner derzeitigen Situation kaum helfen würde. Als er feststellte, dass er den Abgrund nun vollständig überquert hatte, zog sich Archweylls Magen krampfhaft zusammen, denn ihm war bewusst, dass die Schwerkraft ihn nicht hergeben würde, selbst wenn der Sog nun verebbte. 
Eine Schrecksekunde später wurde ihm klar, dass die Sauerstoffversorgung des Anzuges ohne Energie ebenfalls stillstand. Wenn Crowler das geplant hatte, war es ein geradezu teuflisches Werk. Fluchend suchte der Kommandant das Innere des Anzuges nach etwas ab, dass ihm helfen könnte. Möglicherweise etwas mit genug Auftrieb, um es bis zur Oberfläche zu schaffen. 
Auch wenn es seinen modifizierten Körper auf eine ernsthafte Zerreißprobe stellen würde, wäre es doch besser, als der sichere Tod im Vergessen. Die Schatten um ihn herum gerieten abermals in Bewegung und Archweyll unterdrückte einen panischen Aufschrei. Hier war er Mächten ausgesetzt, gegen die er nicht kämpfen konnte und das versetzte ihn in zunehmende Angst. Plötzlich stieß er auf einen handgeschriebenen Zettel. Fluchend zerknüllte er ihn in der Faust, als sein erster Verdacht sich bestätigte:

Lieber Kommandant,


es tut mir Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich Ihr Verhalten weder tolerieren, noch dulden kann. Diese einzigartige Schöpfung des Lebens darf nicht einfach vernichtet werden. 
Da Sie mir nicht zuhören wollten, sah ich mich leider dazu gezwungen, zu anderen Maßnahmen zu greifen. Es tut mir Leid, dass es so kommen musste. Da ich davon ausgehe, dass Ihre Crew sie suchen wird, werde ich sie in die Tiefe locken müssen, wo Lebewesen lauern, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. In meinem Gespräch mit ihrer Chefmechanikerin habe ich einige wertvolle Informationen über ihre Ausstattung gewonnen und dadurch einen Energieblocker in ihrer Hauptversorgung installieren können. 
Sie werden ungefähr eine halbe Stunde haben, bis er die gesamte Energiezufuhr blockiert. Das arme Mädchen, Daisy, sie war so voller Hingabe, so wie ich es bin. Es bekümmert mich zutiefst, dass auch Sie ihr Ende finden wird…
Sie haben ungefähr 24 Stunden, bis der Sauerstoff restlos verbraucht ist. 
Ich hoffe, Sie können in dieser Zeit ihren Frieden finden und verstehen, warum ich das tun musste. Es tut mir Leid.

 Doktor Mantis J. Crowler 

Tosend zerfetzte Archweyll das Papier in tausend Stücke. Das konnte nur ein schlechter Traum sein. Aber er war zu pragmatisch, um es als einen solchen abzutun. »Wir sind am Arsch!«, fluchte er lautstark. Dann gewann wieder die Panik. Erneut bewegten sich die Schatten um ihn herum, formten sich zu gigantischen, boshaften Kreaturen, und er trieb unaufhaltsam in ihr gähnendes Maul.

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Gottes Hammer: Folkvang X

Esben trieb in völliger Finsternis. Er fühlte sich wie in einem warmen Meer, das ihn von allen Gedanken und Widrigkeiten der Realität befreite. Farblose Wellen umspülten seinen reglosen Körper.

Dann geschah es.

Mit einem Mal wurde die Schwärze zerrissen und er schlug die Augen auf. Verwirrt blickte Esben um sich. Die Orientierungslosigkeit umnebelte seinen Verstand wie wohlriechender Dampf. Aber schnell verdrängte der Geruch nach Schwefel seine Verwirrung.

Esben lag auf schwarzer Erde, der alte Foliant und sein Gerüst waren verschwunden. Rauchschwaden blockierten die Sicht auf seine Umwelt, aber Esben hörte Geschrei und Stöhnen. Er sah, wie schemenhafte Gestalten in wirren Bewegungen am Rand seines Sichtfelds vorbeirannten. Flüssiges Feuer brodelte in Gräben neben ihm.

Esben sank entkräftet zu Boden. Seine letzte Erinnerung war Elinors erschrockenes Gesicht, als er sie im Lager der Tempelsöhne verhörte. Jemand musste ihn hinterrücks angegriffen haben!

Es konnte nur Abigor gewesen sein. Esben wusste nicht, welches prekäres Geheimnis der Tempelsohn hütete, aber es musste Ashaya und Berith betreffen.

Esben atmete tief durch und ließ seinen Blick über die nahe Umgebung schweifen. Sein Hinterkopf schmerzte, als ob tausend Nadeln sich gleichzeitig in ihn bohrten. Seine Nemesis war nicht zimperlich gewesen.

Plötzlich erklang hinter ihm eine Stimme. „Gut geschlafen?“

Esben wirbelte herum und erblickte Velis’ ausdrucksloses Gesicht. Die mädchenhafte Dämonin musterte ihn aus flackernden Augen, während sie ihre Hände vor der Brust verschränkt hielt. Esben entging nicht, dass sie noch immer das stachelige Halsband trug, das sie während ihres Aufeinandertreffens in Hornheim als Sklavenmacher bezeichnet hatte. Scheinbar war es Azrael nicht gelungen, sie von dem Fluch zu befreien.

Wo bin ich hier?“, fragte Esben leise. Die Antwort lauerte in seinem Innersten hinter einer Fassade aus Selbstschutz.

In der Hölle“, entgegnete Velis schlicht.

Esbens Hand fuhr zu seinem Hinterkopf. Ein entsetzlicher Verdacht nahm in seinem Kopf Gestalt an. „Bin ich etwa … gestorben?“

Kurz herrschte Schweigen und nur das Stöhnen der Schemen umschmeichelte die Stille. Dann brach Velis plötzlich in lautes Gelächter aus. Auf seltsame Weise beruhigte das Geräusch Esben. Es wirkte kindlich, nahezu unschuldig.

Ich dachte, du glaubst nicht an uns?“, fragte sie neckisch.

Ich glaube nicht an Azraels Göttlichkeit“, korrigierte Esben. „Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Hölle existiert.“

Velis neigte den Kopf. Nun wirkte sie wieder ernst. „Damit liegst du gar nicht so falsch. Azrael hat diesen Ort schließlich selbst erschaffen.“ Sie breitete die Arme aus, so als ob sie die gesamte Welt umfassen wollte. „Eine eigene Welt in einer Welt.“

Esben starrte sie erstaunt an. „Was? Azrael hat …“

Velis streckte ihm eine Hand entgegen. „Komm mit, dann verstehst du es vermutlich besser.“

Zögerlich ergriff Esben ihre wartenden Finger. Welche Möglichkeiten boten sich ihm schon? Er wusste nicht, wo er sich befand oder wie er diese furchteinflößende Welt verlassen konnte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als nach dem Szenario der Dämonen zu handeln.

Velis führte ihn zielsicher durch den Rauch. Esben hustete und schirmte Mund und Nase mit seinem Unterarm ab. Schmerzhaft wurde ihm das Fehlen des Folianten ins Bewusstsein gerufen. Die Magie des Buches hätte die dämonischen Blendwerke vernichten können. Ein Schauer der Angst ließ Esben erzittern. Er war nun kaum mehr als ein normaler Mensch. Seine mäßige magische Kraft konnte ihn hier nicht schützen.

Plötzlich tauchte aus den schwarzen Schwaden ein Mensch auf, am ganzen Körper geschunden und blutig, der mit lauten Schreien und wie ein Irrer gestikulierend über den felsigen Untergrund lief. Erstarrt folgten Esbens Blicke der grässlichen Gestalt, die wild zuckend an ihnen vorbeiraste und wieder im Schutz des dichten Rauchs verschwand. Die Schreie wurden immer leiser, bis sie schließlich erstarben.

Was … was war das?“, fragte Esben heiser.

Velis seufzte. Melancholie lag in ihrer Stimme, als sie antwortete. „Ein Schemen, nichts weiter.“

Das war doch … ein Mensch!“, stieß Esben zitternd hervor. „Was ist ihm zugestoßen?“

Velis ergriff seine Hand fester, während sie an einem besonders tiefen Graben vorbeigingen. „Was bringt dich zu der Annahme, diese Gestalt sei ein Mensch gewesen?“

Esben sah Velis an. Wollte sie ihn verhöhnen? Er räusperte sich. „Das war ja wohl kaum zu übersehen. Er hatte Arme und Beine, also muss er ein Mensch gewesen sein.“

Velis hielt an und erwiderte seinen Blick. Das blutrote Leuchten ihrer Augen wurde intensiver. „Was ist mit mir? Ich habe auch den Körper eines Menschen.“

Esben fluchte innerlich. Er wollte sich auf keine Diskussion einlassen!

Das ist eine Frage der Gesinnung“, erwiderte er knapp und wollte weitergehen.

Velis hielt ihn zurück. „Ich habe es versucht.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich habe wirklich versucht, ein Mensch zu sein.“ Ihre großen Augen funkelten und die dünnen Finger ihrer verbliebenen Hand strichen über das dunkle Halsband.

Esben entwand sich ihr. „Jetzt tu nicht so scheinheilig!“, brüllte er. Die Panik schürte seine Wut. „Ihr seid Dämonen! Ihr holt Menschen hierher und FOLTERT sie!“

Velis’ Augen blitzten erbost. „Warum denkst du das? Weil Sitraxa es so gemacht hat?“

Willst du mich verarschen?“ Die Unsicherheit und die vielen Gefahren der letzten Tage machten sich bemerkbar. Ein Held wie Halgin hätte vermutlich selbst in dieser Situation Haltung bewahrt und Velis majestätisch Paroli geboten, aber der Strudel der Ereignisse hatte jegliche Heldenhaftigkeit aus Esben herausgezwungen. „Sieh dich doch um! Das hier ist doch Beweis genug!“ Der Priester vollführte wilde Gesten. „Und hast du vergessen, dass ich in Hornheim war? Dort ist alles voller Verliese und Kerker! Ein gottloser Ort!“

Velis erwiderte nichts. Stattdessen ergriff sie wortlos den Rand ihres Hemdes und zog es hoch, bis Esben ihren Bauch sehen konnte.

Der Priester erstarrte.

Brandnarben überzogen die ehemals weiche Haut, sodass sie wie ein zerklüftetes Felsenmeer wirkte. Esben erkannte einen eingeritzten Schriftzug in dem Zeugnis von Schmerz und Leid. Unhold, stand dort geschrieben.

Esben sank entkräftet zu Boden und mit einem Seufzen bedeckte Velis ihre Blöße erneut. Als sie zu sprechen begann, wirkte sie wesentlich älter.

Mein Vater war ein grausamer Dämon“, erzählte sie und strich dabei über ihr Halsband. „Er hat Mägde aus Raureif geraubt und meine Mutter gezwungen, ihm … Vergnügen zu bereiten. So … bin ich entstanden. Unbeabsichtigt.“

Velis’ Augen füllten sich mit den Erinnerungen vergangener Zeiten. Sie blickte in den Rauch, so als ob sich die Bilder dort neu bildeten. „Aber dennoch hat mein Vater niemandem je zum Spaß Schmerz zugefügt, auch wenn viele das behaupten. Er hat es getan, weil er es zum Leben brauchte. Seine Magie als Dämon hatte ihm ewiges Leben geschenkt, aber eben zu diesem Preis. Er verachtete sich selbst und in grausigen Anfällen von Hass geißelte er sich oft bis zur Bewusstlosigkeit. Seine gesamte Welt bestand nur aus Schmerz. Wie auch meine.“

Velis erschauderte. „Als ein mächtiger Inquisitor von Astaval in Hornheim eindrang und meinen Vater trotz seiner Unsterblichkeit tötete, wurde ich befreit. Aber ich kannte das Leben jenseits der vertrauten Mauern des Verlieses nicht. Ich kannte kein Leben, in dem man stundenlang keinen Schmerz verspürt. Also flehte ich die Knechte des Inquisitors an, mir Schmerz zuzufügen.“

Velis strich über ihren Bauch. Übelkeit überkam Esben, als er verstand, worauf sie hinauswollte.

Ich trug davor schon einen Sklavenmacher, aber ich hatte nie Narben“, flüsterte Velis. „Dafür hat mein Vater gesorgt. Aber an jenem Tag bekam ich mehr als genug Narben und dazu noch einen Schmerz, der jenseits aller Vorstellungskraft stand.“ Velis stöhnte. „Glühendes Eisen. Die Knechte haben pausenlos gelacht und sich betrunken. Für sie war es ein Spiel. Sie betrachteten mich nicht als Lebewesen, sondern als … Ding, mit dem der Besitzer tun und lassen kann, was auch immer er will.“ Velis’ lodernder Blick ruhte auf Esben. „Hast du schon einmal so etwas erlebt, Priester? Wenn Menschen außer Kontrolle sind?“

Esben dachte an den Lynchmord an seiner Schwester und nickte traurig. „Warum?“, flüsterte er. „Warum erzählst du mir das?“

Velis ging auf ihn zu und ließ sich vor ihm nieder. „Du liegst richtig“, sagte sie leise. „Wir Dämonen sind keine Menschen mehr. Sowohl im schlechten, als auch im guten Sinne.“ Sie erhob sich und deutete auf die Stelle, an der die geschundene Gestalt im Rauch verschwunden war. „Das war übrigens ein Hrandar von Berengar. Wir lassen sie einmal pro Tag durch die Gegend rennen, um den Verdammten Angst einzuflößen.“

In einem letzten verzweifelten Versuch begehrte Esben auf. „Was ist mit Sitraxa? Sie genoss es, Menschen Leid zuzufügen!“, rief er.

Velis erwiderte nichts. Stattdessen zog sie den gewaltigen Folianten hervor, so als ob sie ihn aus Luft bildete. „Beschwöre sie“, flüsterte sie. „Dann wirst du die Wahrheit erkennen.“

Ehe Esben eine Antwort finden konnte, war Velis verschwunden und das dicke Buch lag vor ihm im Staub der Hölle.

König Azrael.“ Berith sank vor dem Dämon auf ein Knie.

Azrael nickte und bedeutete ihm, sich zu erheben. Eine Sorgenfalte spaltete seine Stirn. Scheinbar quälte ihn wieder die Stimme, deren Herkunft niemand kannte.

Berith.“ In einen prächtigen schwarzen Mantel gehüllt, wirkte Azrael wie ein Edelmann. Das prächtige Schwert Murakama lehnte an seinem Thron.

Berith räusperte sich. „Soll ich mich nun um Esben kümmern?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Er ist fürs Erste aus dem Verkehr gezogen, aber er wird uns später noch gute Dienste leisten. Mehr Sorgen bereiten mir Abigor und unsere Kontaktperson im Heerlager der Tempelsöhne.“

Berith schluckte. Diese Antwort missfiel ihm. „Ashaya kümmert sich bereits um sie.“

Genau das macht mir Sorgen.“ Azraels Augen funkelten. „Sie war gerade erst hier und wollte Esben abholen.“

Berith nickte. Er hatte ihr diesen Auftrag gegeben.

Azrael knurrte. Er wirkte wie ein Raubtier. „Eine Sterbliche. Hier, in Hornheim? Berith, sie weiß bereits jetzt zuviel. Du verlässt dich zu sehr auf sie.“

Fürchtet Ihr, sie könnte uns verraten?“, fragte Berith, ohne Emotionen zuzulassen.

Azrael blickte in die Ferne. Er schien der Frage ausweichen zu wollen. „Die Sache mit Iliana und Lifas lassen wir sie noch erledigen, aber um Medardus und Abigor wird sich unsere Kontaktperson kümmern. Aminas indes werde ich jemand anderem überlassen.“

Beriths Herz setzte einen Schlag aus. „Habe ich … habe ich gefehlt, Herr?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich brauche dich hier. Das Ultimatum ist bald vorbei. Der Kampf steht kurz bevor und diesmal wird es kaum so einfach werden wie in Aminas.“ Seine Augen funkelten. „Aber wenn wir es schaffen, Medardus auf unsere Seite zu bringen, haben wir gewonnen.“

Berith sah ihn erstaunt an. „Was macht Euch so sicher?“

Ein leises Lächeln umspielte Azraels Lippen. „Er stammt aus Astaval. Ich kenne ihn noch aus Kindestagen. Seither hat er sich einen großen Namen gemacht. Wenn wir ihn haben, wird uns niemand mehr ernsthaften Widerstand leisten können.“ Sein Blick fiel auf Beriths Rüstung. „Halte dich bereit. Bald ist es soweit.“

Berith nickte und erhob sich. Eine Schlacht stand bevor.

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Gottes Hammer: Folkvang IX

Iliana entsann sich der Worte des Dorfpriesters in Raureif, der die Hölle als heißen, trostlosen Ort beschrieben hatte, in dem man in vollkommener Einsamkeit umherirrte. Jedoch nur dann, wenn man zu den Glücklichen zählte. Die schlimmeren Sünder, die Ketzer, Mörder und Hexen wurden von den Dämonen gequält. Dennoch war Ilianas Vorstellung von der Hölle immer einem weitläufigen, verbrannten Feld gleichgekommen, auf dem sie vollkommen allein und verlassen war.

In Hrandamaer schien es, als bewahrheitete sich ihre kindliche Fantasie.

Keine Pflanze, kein Lebewesen. Nur die bräunliche, nach Schwefel riechende Erde. Hin und wieder passierten sie verkohlte Ruinen, die wohl vor Jahrhunderten einmal Dörfer gewesen sein mochten. Öfter sahen sie Bäume, deren Äste in grotesken Winkeln abstanden, sich immer weiter verjüngten und schließlich zu weißen Knochen zu werden schienen. Es herrschte völlige Stille.

Als einziger Lichtblick in diesem verheerten Land betrachtete Iliana die Umrisse einer Kathedrale am Horizont. Sie glich entfernt dem großen Tempel, den Lifas ihr vor ihrer Begegnung mit den beiden Flüchtlingen aus Aminas gezeigt hatte, wenngleich sie dessen gewaltige Höhen in geringerem Maße teilte.

Die Stille war zermürbend. Anfangs hatten sie noch versucht, ihr Gespräch aufrechtzuerhalten, aber diese unnatürliche Abwesenheit von Tönen erstickte ihre Bemühungen wie unter einem Leichentuch. Selbst die beiden Zugpferde wirkten ermattet.

Iliana wollte Lifas nach dem Fluch fragen, vermochte jedoch kein Wort von sich zu geben. Stattdessen ließ sie ihren Blick über die endlosen Weiten von Hrandamaer schweifen. Was mochte hier nur geschehen sein?

Mit einem Mal beschleunigte ihr Herzschlag und die Pferde scheuten. Mehrere Leichen säumten die staubige Straße.

Es handelte sich um groteske Gestalten, die kaum noch als Menschen zu identifizieren waren. Das Fleisch hing ihnen in Fetzen vom Körper, der nur durch eine Kruste aus Schmutz und Staub zusammengehalten werden schien. Die Körper lagen um den frischeren Kadaver einer Kuh herum, manche sogar auf ihm. Er wirkte, als hätten hungrige Mäuler sich in sein Fleisch gegraben.

Iliana erschauderte. In ihr formte sich ein Verdacht, wie der Fluch von Hrandamaer aussah. Ihr Magen rebellierte und sie wandte sich ab. Nicht einmal Fliegen wagten sich an das verstorbene Tier heran.

Ergrimmt griff Lifas zur Peitsche. Er schien seine Nervosität unter einer Fassade aus Wut zu verbergen.

Los!“, rief er laut. „Hü!“

Widerstrebend trabten die Pferde weiter. Nun durchbrach Iliana die Stille.

Sollten wir sie nicht bestatten?“, fragte sie zaghaft. Sie erinnerte sich an eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie handelte von einem edlen Helden, der jeden besiegten Feind mit eigenen Händen zu Grabe trug und für sein Seelenheil betete.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie wurden bereits einmal bestattet“, entgegnete er mit einem Knurren.

Eine kalte Klaue umfasste Ilianas Herz. Ihr Verdacht entsprach wohl der Wahrheit. Nachts, wenn die Lebenden ruhten, erhoben sich in Hrandamaer die Toten.

Kurze Zeit später erreichten sie die Kathedrale. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei vielmehr um eine Stadt, die in das geistliche Gebäude gebaut wurde. Zwischen Heiligenstatuen und prunkvollen Altarbildern reihten sich Zelte aneinander, deren Bewohnern mehrere fahrende Händler ihre Waren präsentierten. Es herrschte geschäftiges Treiben, ein heftiger Gegensatz zur Stille der weiten Ebenen.

Lifas bedeutete ihr, abzusteigen und Iliana ließ sich in den braunen Staub gleiten. Der Boden knirschte unter ihren Stiefeln und sie schluckte. Sie fühlte sich, als würde sie auf Knochen wandeln.

Sie passierten mehrere Frauen, die an einem verschlossenen Brunnen hantierten. Iliana fragte sich, weshalb diese Vorsichtsmaßnahme wohl nötig war. Da kam ihr der Gedanke an die Leichen und sie beschloss, es lieber nicht wissen zu wollen.

Als Lifas durch das weit geöffnete Doppeltor schritt, erregte er sofort Aufmerksamkeit. Scheinbar war er als Sohn des Herzogs nicht unbekannt. Sofort verstummten die Gespräche und wer dennoch redete, wurde von seinem Nachbarn auf die Neuankömmlinge hingewiesen.

Bruder!“, rief ein Mann sofort. „Wir haben hohe Gäste!“

Aus der neugierigen Menge löste sich ein gealterter Mann in der Robe eines Mönchs, auf dessen Glatze sich das durch die Buntglasfenster fallende Sonnenlicht spiegelte. Iliana entging das kantige Glaubenssymbol nicht, das er wie eine Waffe an seinem Gürtel trug.

Herr Lifas!“, rief der Mann überrascht. „Welch eine Ehre! Wie geht es Eurem Onkel und Eurer Schwester? Ich hoffe doch, es gab im Heidenwald keine Komplikationen?“

Lifas begrüßte den Neuankömmling mit einem Nicken. Der Anflug eines Lächelns schlich sich auf sein Gesicht. Dennoch erreichte die Wärme seine Augen nicht.

Ich grüße Euch, Bruder Thomasius. Meine Verwandten sind wohlauf. Wir erwarten bald ein Gefecht, bisher noch kein Feindkontakt.“ Iliana erschien die Erzählung wie ein militärischer Bericht.

Thomasius’ Mundwinkel zuckten. Scheinbar hatte er nichts anderes erwartet.

Folgt mir ins Sakrosanktum! Dort können wir genauer über die Geschehnisse sprechen!“ An die Gemeinde gewandt fügte er hinzu: „Und Ihr bereitet für den Abend ein Mahl vor! Wir haben einen Fürstensohn als Gast!“

Jubel erhob sich und Iliana warf unbehagliche Blicke in die Runde. Sie war dieses Maß an Aufmerksamkeit nicht gewohnt.

Bruder Thomasius bewegte sich mit äußerster Geschicklichkeit durch die Menschenmenge, wohingegen sich Iliana mit gemurmelten Entschuldigungen an den Leuten vorbei drängte. Jedoch erwarteten sie keine wüsten Reaktionen. Die meisten der Bewohner quittierten ihre Unbeholfenheit lediglich mit einem amüsierten Lächeln. Offenbar war dies keine Seltenheit.

Als sie in den hinteren Teil der Kathedrale gelangten, betätigte Thomasius einen verborgenen Schalter, der einen wohl ehemals geheimen Gang öffnete. Sie erklommen eine Wendeltreppe und fanden sich kurz darauf vor einer reich verzierten Tür wieder.

Bitte, tretet ein.“ Thomasius öffnete die Tür und wies auf den kleinen Raum dahinter.

Es handelte sich um ein kleines Arbeitszimmer, in dem sich neben einem Schreibtisch außerdem ein Bücherregal und eine unbequem wirkende Koje befanden. Kaum fiel die Tür ins Schloss, fiel Thomasius Lifas in die Arme.

O Junge!“, rief er leise. „Ich war schon in Sorge! Das Orakel …“

Lifas räusperte sich vielsagend und deutete auf Iliana. Thomasius brach sofort ab und musterte sie, als sähe er sie zum ersten Mal.

Ist diese junge Maid nicht eingeweiht?“, fragte er ehrlich überrascht.

Iliana errötete. Man hatte sie noch nie zuvor als Maid bezeichnet.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie erfährt es noch bald genug. Wir sind auf dem Weg nach Hrandars Faust.“

Was erfahre ich früh genug?“ Iliana runzelte die Stirn. „Dass in der Nacht die Toten umgehen?“

Die beiden Männer sahen sie überrascht an.

Das ist doch der Fluch, oder?“, fügte sie hinzu. „Esben hat etwas in der Art erwähnt und wir haben auf dem Weg hierher ein halb aufgefressenes Tier gesehen.“ Ihr fragender Blick galt vor allem Lifas.

Der Ritter räusperte sich. „Zugegeben, ich wollte dich schonen und dir das verheimlichen. Aber wir sprechen von etwas anderem.“ Seine Augen glitzerten. „Medardus meinte, du hattest Visionen. Das Orakel kann dir alles besser erklären als wir.“

Iliana verdrehte die Augen. „Hältst du mich für zartbesaitet?“, fragte sie schmollend. Wenn er sie duzte, konnte sie das auch. „Vergiss nicht, ich war in Hornheim und habe gegen Sitraxa gekämpft!“

Lifas’ rechte Augenbraue wanderte nach oben, obgleich widerwilliger Respekt in seinem Blick glitzerte. Thomasius erbleichte.

Das hast du bisher noch nicht erwähnt.“

Ich ging davon aus, Medardus erzählt seinen Tempelsöhnen sowieso alles“, konterte Iliana.

Gegen diese Bestie?“, klagte der Bruder. „Gott helfe uns allen! Die Gerüchte stimmen! Die Dämonen toben auf der Welt!“

Sind die Gerüchte bereits bis hierher gelangt?“, fragte Lifas den Mann irritiert.

Thomasius nickte zerknirscht. „Ein fahrender Händler war vor kurzer Zeit hier. Er berichtete, dass angeblich ein Dämon den Bischof von Aminas geholt hätte.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Nicht, dass dieser wollüstige Bock es nicht verdient hätte, aber es gibt einem doch sehr zu denken!“

Es ist weit schlimmer“, flüsterte Iliana. „Die Dämonen haben die Stadt übernommen.“

Thomasius flüsterte einige Worte in der Alten Sprache, ehe er entkräftet in seinen Stuhl sank. Ein unheilsschwangeres Knarren hallte durch den Raum.

Gott steh uns bei!“, flüsterte er und fächelte sich mit seiner Hand Luft zu. „Was, wenn sie auch nach Hrandamaer kommen?“

Keine Sorge.“ Lifas’ Stimme klang hart. „Medardus befehligt unser Heer. Wenn jemand diese Bedrohung aufhalten kann, dann er.“

Medardus? Der Inquisitor?“ Als Lifas nickte, stöhnte Thomasius auf. „An ihn habe ich keine guten Erinnerungen. Man erzählt sich viel über seine Vergangenheit … angeblich soll er aus Astaval stammen und mit dem Tempelsohn Mendatius einen Dämon besiegt haben, bevor er seine Stimme opferte …“

Wir alle kennen die Geschichten“, erwiderte Lifas.

Ich nicht!“, entgegnete Iliana beleidigt. Lifas ignorierte sie.

Falls die Dämonen den Händlern die Reise nach Hrandamaer verbieten, könnt ihr euch dann versorgen?“, fragte er besorgt.

Thomasius holte ein fleckiges Tuch hervor und fuhr sich damit über seine mit Schweißperlen bedeckte Stirn. „Ich weiß es nicht“, bekannte er. „Die Lieferungen aus Astaval gehen zum größten Teil nach Hrandars Faust, aber wenn ich mit Ashaya spreche …“

Der Name durchzuckte Iliana wie ein Blitz. Berith hatte ihr geraten, diese Person aufzusuchen! War sie etwa eine Fürstin?

Lifas nickte bedächtig. „Sie ist zwar eine Freundin meines Onkels, aber dennoch für Argumente zugänglich.“

Thomasius neigte den Kopf. Schalk blitzte in seinen Augen auf. „Hat sich Abigors Gebahren noch nicht zum besseren gewandt?“

Lifas seufzte resigniert. Kurz verschwand der Ingrimm aus seiner Miene.

Sagt, Bruder Thomasius, ist er wirklich ein Gelehrter? Mit jedem neuen Tag zweifele ich mehr daran.“

Thomasius lachte auf. Das herzhafte Geräusch besaß solche Lautstärke, dass Iliana erschrocken zusammenzuckte.

Ich denke nicht, dass dies die Zeit ist, um einen alten Freund zu diskreditieren“ erwiderte er mit einem Augenzwinkern und wandte sich dann plötzlich Iliana zu. „Aber nun zu Euch, junge Maid. Ihr habt sicher viele Fragen. Genauso wie ich. Wie kommt es, dass Ihr Euch derart … kämpferisch kleidet?“

Iliana sah an ihrem Körper hinab und errötete erneut. Sie hielt noch immer den Bogen in der Hand. Zusammen mit ihrer praktischen Kleidung wirkte sie wie eine Waldläuferin.

Wie gesagt, ich habe gekämpft!“, antwortete sie etwas lauter als gedacht. „Versucht das einmal in einem Kleid!“

Die Vorstellung schien den Mönch zu erheitern. „Ich kämpfe auch, meine Liebe. Dennoch trage ich immer meine Kutte.“

Iliana verdrehte die Augen. „Ich dachte, ich dürfte die Fragen stellen?“

Thomasius erteilte ihr mit einer einfachen Geste die Erlaubnis. Iliana holte tief Luft. „Was hat es mit dem Fluch genau auf sich? Erheben sich die Toten wirklich aus den Gräbern?“ Sie hoffte inbrünstig, dass sie falsch lag.

Der Mönch seufzte. „Ich teile dies einer Maid nur äußerst ungern mit … aber ja. Das tun sie.“ Er räusperte sich. „Vor mehr als siebenhundert Jahren waren diese Lande noch fruchtbar und wunderschön. Zu dieser Zeit entstand das Kaiserreich mit seiner Hauptstadt Sankt Emerald. Es verleibte sich Astaval und Aminas in Windeseile ein, über unsere Grenzen kam es jedoch zunächst nicht hinaus. Unsere Vorfahren waren stark und wohlhabend. Sie hielten wenig davon, ihre Unabhängigkeit aufzugeben. So existierte unser Königreich jahrelang neben dem Kaiserreich in Frieden.“

Er machte eine theatralische Pause. Lifas schien sich zu verspannen. Nun kam wohl der unangenehme Teil der Geschichte.

Jedoch waren unsere Vorfahren heidnisch. Sie verspotteten den Glauben an den einen Gott im Süden. Aus dieser Zeit stammt die Geschichte vom Heiligen Lifas.“ Thomasius räusperte sich erneut. „Er kam in unsere Lande, um die Botschaft des Herrn zu verkünden. Nach einigen Predigten ließ König Androg ihn jedoch festnehmen und verhören. Was er hörte, gefiel ihm nicht.“

Bei diesen Worten glitzerten Thomasius’ Augen mit einem Mal wie abgründige Sterne. Iliana schluckte. Sie konnte seine Miene nicht deuten, aber sie vermutete, dass seine leidenschaftliche Frömmigkeit nun zutage trat.

Androg war ein verabscheuungswürdiges Wesen, alt und verbittert. Er stützte seine Macht auf den heidnischen Glauben und paktierte heimlich mit Dämonen. Er sah Lifas als Gefahr für seine Herrschaft an und ließ ihn daher öffentlich martern, um ihn zum Abschwören zu bringen. Aber der Heilige ertrug alle Qualen und immer wenn die Wachen ihn fragten: „Bekennst du dich zu Fimbultyr, unserem obersten Gott?“, antwortete er: „Ich bekenne mich zu dem einen Gott, der uns geschaffen und geformt hat und in dessen Auftrag ich hierher kam“ und zeigte keine Schwäche. Schließlich ließ Androg den Heiligen von Hunden zerfleischen, aber Lifas hatte das Volk bereits so beeindruckt, dass viele zum wahren Glauben übertraten. Sie wurden alle von der Katastrophe verschont, die da kommen sollte.

Denn Gott der Herr schickte seinen Todesengel, um Androgs Grausamkeit zu bestrafen. Eine Seuche kam über das Land und raubte die Leben all derer, die Lifas verspottet hatten. Androg verlor seine Frau und sein einziges Kind. Doch anstatt Buße zu tun und die Größe des einen Gottes anzuerkennen, beging er noch einen Fehler.“

Ilianas Hände krallten sich in die Lehne ihres Stuhls. Die Stimmung im Raum war gekippt. Merkwürdige Anspannung ging von Lifas und Thomasius aus. Sie wirkten mit einem Mal ernst und erhaben, so als ob eine himmlische Eingebung sie von einem Moment auf den anderen über das Profane gestellt und ihnen die göttliche Wahrheit offenbart hätte. Iliana fühlte sich unwohl. Sie hatte ihren Glauben vor Arinhilds Scheiterhaufen und in den Verliesen Hornheims zurückgelassen und machte auch kein Hehl daraus. Sie fühlte sich fehl am Platz, wie ein Eindringling.

Thomasius’ Augen schienen sich in ihre Seele zu brennen, als er fortfuhr.

Der Teufel erschien Androg und bot ihm einen unverschämten Handel an: Er würde seine Familie wiedererwecken, wenn er dafür ein bestimmtes Ritual ausführte. Worin diese unheilige Zeremonie genau bestand, ist heute unbekannt. Zum Glück. Aber viele berichten, dass Androg die Häupter von siebenhundert frommen Männern zusammentrug, im Blut von neunhundert Kindern badete und dreizehn schwarze Messen las. Diese schreckliche Hybris brachte den Fluch über dieses Reich. Androgs Frau und Kind kehrten tatsächlich zurück, aber sie waren nur tote Hüllen ohne Seele. Aus Gram nahm sich Androg das Leben und stürzte in die Hölle, während sich die Toten in ganz Hrandamaer aus ihren Gräbern erhoben.“

Iliana dachte an Berengar zurück, an Herzogin Velis’ untoten Diener in Hornheim. Er hatte behauptet, als Hrandar noch immer über seine volle Geisteskraft zu verfügen. Scheinbar verhielt es sich mit diesen Geschöpfen anders.

Thomasius’ Stimme wurde lauter. „In dieser Nacht fanden tausende Menschen den Tod. Die Erde brannte, die Pflanzen vertrockneten und das Vieh starb in Raserei. Die wenigen Überlebenden errichteten Kathedralen im ganzen Land und nutzten die heilige Magie, um sich vor den Schrecken der Nacht zu schützen. Denn bis heute suchen uns in der Dunkelheit die Leichname Verstorbener heim. Aufgrund unserer Schwäche konnte uns das Kaiserreich leicht beanspruchen, obwohl wir nie erobert worden sind. Wegen des Fluchs nennen die Menschen dieses Herzogtum bis heute „Hrandae Maer“ … „die Kunde von Untoten“. So werden wir immer an die Dunkelheit erinnert, die uns stets bedroht.

Unsere Aufgabe ist daher, Buße zu tun für die Verbrechen unserer Ahnen. Wir sind Menschen des Glaubens, denn wir leben mit dem Glauben und der Glaube beschützt uns“, verkündete der Mönch inbrünstig. „Daher hat Lifas auch bei seiner Weihe zum Tempelsohn den Namen unseres großen Heiligen angenommen.“

Iliana warf dem Ritter einen verstohlenen Blick zu. Langsam verstand sie, weshalb er stets solch üble Laune hatte. Scheinbar wollte er ständig für die Vergehen seiner Ahnen büßen. Iliana hielt diese Einstellung für geistig minderbemittelt, schließlich hatte er ja nichts verbrochen, aber sie behielt ihre Gedanken lieber für sich. Lifas und Thomasius wirkten, als ob ihnen diese Ideologie viel bedeutete.

Danke“, sagte sie stattdessen nur. Als sie sah, dass Thomasius scheinbar mehr von ihr erwartete, räusperte sie sich verlegen. „Ich denke, ich verstehe jetzt vieles besser“, fügte sie vage hinzu.

Thomasius nickte zufrieden. Die himmlische Erhabenheit schien von ihm abzufallen wie ein abgestreifter Mantel. „Habt Ihr sonst noch Fragen?“

Iliana schüttelte den Kopf. Sie musste erst die vielen Informationen verarbeiten, die der Mönch ihr soeben gegeben hatte.

Dann lasst uns nach unten gehen!“, schlug Thomasius vor und wies durch ein Fenster nach draußen. „Die Sonne geht bald unter und bis Hrandars Faust ist es ein weiter Weg. Ihr werdet hier nächtigen müssen, wenn ihr euch nicht durch Horden von toten Leibern kämpfen wollt.“

Iliana glaubte zwar nicht, dass irgendetwas sie nach ihrer Begegnung mit Sitraxa noch schockieren konnte, aber sie wollte lieber kein Risiko eingehen.

Als sie sich erhoben, entging Iliana jedoch nicht der Verdruss in Lifas’ Augen. Scheinbar hätte er die Geschichte seiner Heimat lieber vor ihr geheim gehalten.

Iliana schluckte. Sie wurde das Gefühl nicht los, an etwas sehr Dunklem zu rühren.

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Berith stand in voller Rüstung im Rathaus von Aminas. Azrael hatte die Verwaltung der Stadt einstweilen ihm überlassen. Der Dämon spähte durch die Fenster nach draußen und entdeckte mit zusammengekniffenen Augen den Schemen einer geflügelten Person am Horizont. Die Augen gewöhnlicher Menschen würden nicht ausreichen, um ihn zu bemerken, seine hingegen schon. Er konnte nur von Glück sprechen, dass die Privatgemächer des Bürgermeisters so hoch lagen. Von hier aus konnte er selbst die verlassene Kirche mit den Zwillingstürmen entdecken, in der Herzogin Velis Azrael zum ersten Mal begegnet war. Berith fluchte.

Der Schemen kreiste unaufhörlich weiter.

Er wusste, dass es sich hierbei um den Engel, um die Elphahir, handeln musste. Folkvang war früher aktiv geworden, als sie alle gedacht hatten.

Gibt es Unannehmlichkeiten, Herr?“

Berith wandte sich um und entdeckte Ashaya. Ihr Gesicht lag im Schatten und ihre unvergleichlichen, violetten Augen stachen durch die Dunkelheit wie glühende Dolche.

Du bist früher hier, als ich dachte.“ Berith warf einen letzten prüfenden Blick durch das Fenster. Der Schemen kreiste immer noch. „Kommt Abigor uns auf die Schliche?“

Er kennt nur einen Teil der Wahrheit und verzweifelt bereits daran“, antwortete Ashaya. „Esben hingegen ist ein Problem. Er wurde von unserer Kontaktperson außer Gefecht gesetzt.“

Berith nickte langsam. „Lass ihn zu mir bringen. Wir können ihn nicht eliminieren. Azrael scheint Pläne mit ihm zu haben. Er hat mir bereits einen speziellen Auftrag erteilt.“

Ashaya nickte langsam. Das lange schwarze Haar fiel ihr offen auf die nackten Schultern. Ihr schwarzer Mantel besaß einen tiefen Ausschnitt, der die Brandzeichen offenbarte. Es handelte sich um alte und mächtige Worte, die selbst Azrael nicht kannte. Durch diese Magie war Ashaya eine wertvolle Waffe in Beriths Händen.

Seine Blicke glitten über ihr unschickliches Gewand. „Planst du, dich Lifas und Iliana in diesem Aufzug zu zeigen?“

Ashaya lachte. Dieser Laut ließ Berith wohlig erschaudern. Er beinhaltete etwas Reines, Unschuldiges, das nicht zum provokanten Auftreten der Frau passen wollte. Berith konnte die Regung in seinem Inneren nicht beschreiben, aber ihr Lachen erinnerte ihn daran, dass die Welt nicht nur ein Konglomerat aus Schmutz und Blut war.

Fürchtet Ihr um Hornheims untadeligen Ruf?“

Berith wandte sich kopfschüttelnd ab. „Hin und wieder denke ich, du solltest eher die Untergebene von Malfegas oder Ungoros sein. Du würdest besser zu ihnen passen.“

Ashaya rümpfte die Nase. „Malfegas? Dieser riesige Löwe? Und Ungoros, der wandelnde Fleischklumpen? Nein, da bleibe ich lieber bei Euch.“

Sie erschien ihm tatsächlich wie ein Kind. Sie wirkte fröhlich, verspielt und beurteilte jede Person nach ihrem Äußeren. Kein Wunder, dass sie Azrael gegenüber Irodeus bevorzugte. Der alte Dämonenkönig hatte sich vieler Eigenschaften rühmen können. Schönheit gehörte nicht zu ihnen.

Dann verfahren wir ab jetzt streng nach Plan“, sagte er. „Aminas gehört quasi uns und wenn wir Hrandamaer haben, ist auch Astaval gefügig. Das heißt, was davon noch übrig ist.“ Berith wusste nicht, was Azrael mit dem nahezu entvölkerten Herzogtum zu tun gedachte. Er hoffte inständig, dass der König sich nicht dazu verleiten lassen würde, seinen menschlichen Gefühlen nachzugeben und Rache an Hrandamaer zu nehmen. Emotionen standen einem Gott schlecht zu Gesicht.

Ebenso wie einem Wissenschaftler, wie er es war.

Er würde Esben ein Angebot unterbreiten, dass er nicht abschlagen konnte.

Werden sie rechtzeitig in Hrandars Faust sein?“, fragte Berith Ashaya.

Die Frau nickte. „Morgen rechne ich mit ihrer Ankunft.“

Er lächelte. Eine rare Geste, die sich jedoch in den letzten Tagen häufte.

Ihr Plan ging auf.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 3: Faszination

Plötzlich lichtete sich die dichte Wolkendecke um die Manticor herum und gab eine atemberaubende Sicht frei. Unter ihnen erstreckte sich das kristallklare türkise Wasser, soweit das Auge reichte. Darunter ließen sich korallenbewachsene Kalkreliefs erahnen, welche die Wassertiefe auf ungefähr fünf Meter begrenzten. Sie würden etwas außerhalb, im tieferem Wasser landen müssen und dann mit Scootern übersetzen. Saftige Grüntöne und eindringliches Rot schillerten ihnen entgegen. Das Wasser reflektierte den Schein zweier Sonnen, einem blutroter Riesen und seinem strahlenden kleinen Bruder. Nach fünf Minuten Sinkflug bildete sich am Horizont eine gläserne Kuppel. 
»Wir haben das Ziel erreicht, bereitet das Schiff auf die Landung vor!«, kommandierte Archweyll. 
Ein gewaltiger Satz ging durch die Manticor, als die Hecktriebwerke verstummten und die Propellerleistung der über zweihundert Meter langen Flügel binnen Sekunden von null auf hundert heraufgefahren wurde. Kreischend näherte sich das Schiff der Wasseroberfläche, die von dem Fahrtwind gänzlich aufgewirbelt wurde. Die große Kuppel, welche die Forschungseinrichtung darstellte, wirkte neben dem riesigen Frachter plötzlich klein wie eine Murmel.
»Oxygenfelder aktivieren. Haltet den Kahn auf Höhe. Wir haben über 20.000 Tonnen Ladung an Bord. Wenn die flöten geht, werde ich jemanden köpfen!« Tosend trafen sie auf die Wasseroberfläche und ein gewaltiger Ruck schüttelte die gesamte Mannschaft durch. 
Dann war es für einen Moment totenstill.
»Eine Bilderbuchlandung«, lobte Archweyll seinen Piloten.
Dieser nickte ihm unter seinem Helm lächelnd zu.
»Willkommen auf Nautilon. Mein Name ist Doktor Mantis J. Crowler und ich bin der Leiter der hiesigen Forschungseinrichtung. Das hier ist mein Gehilfe, Ronald?«, ein schlaksiger Mann trat hinter dem weißgekittelten Doktor hervor und nickte den Neuankömmlingen kaum merklich zu. Er hatte gestutztes rostrotes Haar, einen Ziegenbart und trug ebenfalls einen Kittel. Seine trüben Augen waren von Ringen umgeben. 
Irgendwie wirkte sein müder Blick auf Archweyll wie eine Schlaftablette.
»Wir haben noch ein Team, bestehend aus zwei Ingenieuren, einer Handvoll Maschinisten und einem ausgewählten Trupp aus Biologen und Forschern, aber ich konnte sie leider nicht entbehren, um euch zu empfangen. Wir arbeiten hier unter Hochdruck, müssen Sie verstehen.«
»Ich werde mich in eure Datenbanken einklinken müssen, um den Zyklopen mit Informationen zu füttern«, Daisy trat aus der Masse hervor und begrüßte den Doktor mit einer flüchtigen Handbewegung. »Außerdem würde ich vorschlagen, dass wir ein Training mit den Unterwasser-Anzügen durchführen.«
Tamara schnaubte. »Wie man einen Kampfanzug steuert, ist uns bestens bewusst«, sagte sie temperamentvoll.
Daisys Augen verengten sich zu Schlitzen. »Eure Aspexylanzüge haben mit den Scherenpanzern nichts gemein. Sie legen sich nicht an die Haut an, wie eure Kampfmonturen das machen. Sie sind weniger gelenkig und müssen aufwändiger gesteuert werden. Wenn du dort unten bist, solltest du wissen, was zu tun ist.« 
Tamara wollte etwas erwidern, doch Archweyll schnitt ihr das Wort ab. »Sie hat Recht«, knurrte er. »Wir werden uns mit diesen Anzügen auseinandersetzen müssen.« 
Zornig und ohne ein weiteres Wort stampfte Tamara davon.
»Was ist denn mit der los?«, fragte Daisy stirnrunzelnd. »Dünne Haut?«
Der Kommandant schüttelte den Kopf. »Wohl kaum. Nur etwas durch den Wind. Du darfst es ihr nicht übel nehmen, sie will nur alles perfekt machen.«
»Dann sollte sie üben. Viel üben. Diese Anzüge sind nicht für Anfänger gemacht«, erwiderte die Chefmechanikerin.
»Das wird sie. Und zwar so lange, bis sie besser ist als wir alle zusammen. Verlass dich drauf«, quittierte Archweyll  seine neue Kollegin und wandte sich an seine Mannschaft.
»Clynnt, ich möchte, dass du bei Daisy bleibst und dich von ihr durch den Zyklopen führen lässt. Sie kann das Ding zwar steuern, aber du bist ein langerfahrener Stratege und ich vertraue auf deine Weitsicht.«
Der Chefnavigator nickte lächelnd. 
Dann schritt der Kommandant durch die Reihen und selektierte weitere zehn Mann, die ihnen in die Scherenpanzer folgen würden und bereits Erfahrung mit der Ausrüstung besaßen. 
Einer der Männer, vermutlich der Sprecher der Gruppe, trat hervor. Seine Haut war tiefschwarz und bot einen interessanten Kontrast zu dem sterilen weißen Aspexylanzug, den er trug. Auch er besaß optimierte Körperkräfte, die ihn wie einen muskelbepackten Gorilla erscheinen ließen. Sein eiserner Blick ließ jedoch vermuten, dass er schon länger dem Militär angehörte. »Sergeant N’kahlu«, stellte er sich vor und salutierte, wie es für untergestellte Soldaten üblich war. »Es wäre mir eine große Freude, Ihnen die Kampfanzüge zu zeigen.«
»Ihre Truppe hat auf Orian II ganz schön aufgeräumt«, Archweyll übersprang die obligatorischen Gepflogenheiten und klopfte dem Mann auf die breiten Schultern. 
Dieser erwiderte die Geste des Respekts mit einem Nicken. »217 Abschüsse in drei Stunden«, sagte N’kahlu, ohne dass Stolz in seiner Stimme mitschwang.
Archweyll pfiff durch die Zähne. Dieser Mann war gefährlich, das war ihm durchaus bewusst. Es war gut, solche Leute als Verbündete an seiner Seite zu wissen.
»Wenn die Herren sofort loslegen wollen, könnte ich ihnen dazu nur raten. Es ist selten, dass wir klares Wetter haben. So lässt sich Nautilon in all seiner Pracht bestaunen«, merkte Doktor Crowler an. 
Archweyll musste grinsen. »Na worauf warten wir dann noch?«, fragte er in die Runde und setzte zum Marsch an.

***

Tamara schritt mit hastigen Schritten durch den stählernen Korridor. Was war nur los mit allen? Seit wann setzte Archweyll mehr Gewicht auf die Aussagen eines Frischlings, als auf ihre? Und seit wann kümmerte sie so etwas? Eilig hatte sie einen der Scooter genommen und war zurück zur Manticor gesegelt. 
Diese Scherenpanzeranzüge würden für sie keine Herausforderung darstellen und das würde sie Daisy schon noch schnell genug spüren lassen. 
»Ich habe es schließlich gebaut«, äffte sie die neue Chefmechanikerin nach. Doch plötzlich hielt die Stoßtruppführerin inne. Benahm sie sich daneben? In all ihrer Wut hatte sie sich nicht die Müsse genommen, darüber nachzudenken. 
Eilig verdrängte sie den Gedanken wieder. Was zählte, war, dass sie ihren Auftrag erfolgreich absolvierten und dafür musste sie alle ihre geistigen Ressourcen verwenden. 
Auf ihren kleinen Streit mit Daisy durfte sie nichts geben. Und seit wann ließ sie sich von Prahlerei beeindrucken? 
Tamara stieg in einen Aufzug, der sie zu den Docks befördern würde. Auf ihrem Weg nach unten grübelte die Stoßtruppführerin darüber nach, warum es ihr so schwer fiel, die neue Kollegin zu akzeptieren, doch selbst als sich die Türen wieder öffneten, konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Was sie zu sehen bekam, ließ all ihre düsteren Gedanken verfliegen. 
Vor ihr ragte der Zyklop auf, ein stählernes Ungetüm von über dreißig Metern Höhe und mindestens zweihundert Metern Länge. Aus seinem geöffneten Bauch drang ein markerschütterndes Rumoren, so als hätte die Bestie Hunger. Vermutlich wurden die Maschinen schon startklar gemacht. 
Aus seinen Flanken ragten Torpedobatterien und beeindruckende Greifarme hielten das Gefährt knapp über dem geöffneten Wasserschott, bereit für den Abwurf. 
Dafür würden sie jedoch noch etwas Spielraum benötigen, denn in den flachen Kalkreliefs war der Zyklop hoffnungslos verloren, selbst wenn sie schon in 50 Metern Tiefe ankerten. 
Tamara schritt einmal um das beeindruckende U-Boot herum, dabei konnte sie auch die imposante Panzerglaskuppel an der Front betrachten, die wie ein durchsichtiges Auge auf alles hinabstarrte, was sich bewegte. Befehle wurden durch das Dock gerufen und immer regelmäßiger erzitterte der gesamte Boden unter dem Dröhnen des Motors. 
Doch was wirklich ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein separates Dock mit einem deutlich kleineren Schott. Darum versammelt war eine stählerne Legion, bestehend aus zwölf Scherenpanzern, die in Reih und Glied um das Becken versammelt standen. 
Mit etwas über vier Metern Größe, wirkten sie im Vergleich zum Zyklopen wie winzige Spielzeuge, aber dennoch besaßen ihre verstärkten Greifarme mit den Klauengreifern und die hydraulischen Sprunggelenke eine funktionale Eleganz. Dabei saß der Pilot in einer gläsernen Vorrichtung, in der die elektronische Steuerung des Anzuges möglich war. 
Darin sollte sie also das Gelingen ihrer Mission bewerkstelligen. 
Fasziniert schritt sie auf einen der Scherenpanzer zu. Sie war bereit, die nächste Herausforderung zu meistern. 
Mit einer sommerlichen Leichtigkeit installierte Tamara die Gebrauchsanweisung auf ihre Laufwerke und analysierte die Datenflut, die ihr elektronisches Visier überflutete. 
Ein leichtes Grinsen entwich ihren Lippen. Vielleicht war es doch nicht so übel, damit tauchen zu gehen.

***

»Alles klar, könnt ihr mich hören?«, knisterte N’kahlus Stimme durch die Sprechanlage.
Archweyll bestätigte. Die zehn Marines, Tamara und er selber hatten ungefähr zwei Stunden die Grundlagen durchgekaut, während sie mit ihren Panzern synchronisierten. 
Das Innenleben der Anzüge erwies sich als eleganter, als er angenommen hatte. Der Sitz hatte sich sofort seiner Wirbelsäulenstruktur angepasst und diese verstärkt. Ein Bildschirm war auf der großen Glasscheibe erschienen, der ihn mit allen Wahrnehmungen des Scherenpanzers versorgte. Und das waren eine Menge. Er war mit Scans, Echolot und Radar ausgestattet, sowie mit einer Handvoll Torpedos der Sternenlicht-Klasse. Nicht unbedingt der stärkste Vetter der bedrohlichen Untergangs-Torpedos, dafür erhellten seine Explosionen für eine gute Minute die tiefe Schwärze, die sie bald betreten würden. Außerdem war der Anzug mit einer eigenen Sauerstoffversorgung ausgestattet, was Archweyll einen Großteil seiner ärgsten Befürchtungen beraubte. Er fühlte sich bereit, diese einzigartige Welt zu betreten.
»Synchronisierung abgeschlossen«, knisterte eine elektronische Frauenstimme, die zweifelsohne die Sprachausgabe des Anzuges war.
»Ich dachte schon, dich gibt es nicht mehr«, schmunzelte der Kommandant gelassen, dann schlüpften seine Arme in die verkabelten Einrichtungen, die mit dem Scherenpanzer verbunden waren, um diesen zu steuern. Das gleiche tat er mit seinen Beinen.
»Testbewegungen durchführen!«, rief N’kahlu laut. Auf seinen Befehl setzten sich die Marines leichtfüßig in Bewegung. 
Im Vergleich waren Archweylls erste Schritte unbeholfen und plump.
Es überraschte ihn keinesfalls, dass Tamara den Dreh viel schneller raus hatte als er.
Dafür war sie wie geschaffen. Das innere Feuer machte sie unbesiegbar und ihr Wille war nicht zu bändigen.
Dann ertönte wieder die Stimme des Sergeants. »Absprung!«
Mit einem Satz warf sich Archweyll in die Fluten.
»Wir haben knappe fünf Stunden bis zur Dämmerung«, erklärte der Sergeant, während sie die Manticor schnell hinter sich ließen. »Dann sollten wir von hier verschwunden sein. Ich werde jetzt Doktor Crowler auf Leitung 2 legen, damit er Sie mit den notwendigen Informationen über das hiesige Biotop versorgen und potentielle Gefahren erläutern kann. Ich wünsche allen Beteiligten viel Vergnügen.« Der Kontakt brach ab und wich der tiefen Stille des Meeres. 
Archweyll aktivierte den Heckantrieb seines Scherenpanzers und segelte elegant durch das satte blau. 
Zu seiner rechten bemerkte er Tamara, die ihm verheißungsvoll zunickte. 
Schnell hatten sie das Landungsschiff hinter sich gelassen und über ihnen brachen die Lichtstrahlen der beiden Sonnen durch die Wasseroberfläche und hinterließen dabei ein spielerisches Glitzern. 
Unter ihnen bot sich ein Schauspiel an, das selbst Archweylls zynische Seele beflügelte.
Abstrakte Kalkformationen formten, knappe zehn Meter unter ihnen, eine Berglandschaft aus Klippen, Bögen und Höhlen, die in Richtung der Forschungseinrichtung beständig an Höhe gewann. Sie waren über und über bewachsen, mit bläulichen und grünen Korallen, die in unterschiedlichsten Formen auftraten. Manche wirkten wie eine Ansammlung riesiger bunter Teller, die man unsortiert übereinander gestellt hatte, andere erstreckten sich wie die Äste eines roten Baumes in Richtung des Sonnenlichts. Dazwischen türmten sich große grüne Korallen, die mit violetten Pocken versehen waren, wie Stalagmiten vom Boden empor. Saftiges rotes Seegras wucherte, teilweise meterhoch, aus sämtlichen Ritzen der Felsen und waberte im Klang der Gezeiten sanft durch das Wasser. Es schien das Gestein wie ein Teppich zu überziehen und verlieh ihm abstrakte Farbmuster.
Unterschiedlichste Fische schwammen in losen Verbänden darum herum. Das Riff war voller Leben. Archweyll steuerte staunend darauf zu und entdeckte orangene Fische, die in etwa die Größe seiner Handflächen aufwiesen, und auf der Suche nach Nahrung zu hunderten um die Korallen wuselten. Einige der Tiere wiesen eine violette Schattierung auf der Rückenflosse auf und seine Datenbank erklärte ihm sofort, dass es sich dabei um das Männchen handelte. 
Andere Fische unterschiedlichster Größe und Form schlossen sich ihnen an.
Der Kommandant bemerkte kleine rote Pfeilspitzen, die durch die winzigen Öffnungen im Kalk flitzten und große grüne Fische, die mit sechs gelben Glubschaugen ausgestattet waren. 
Ein weiteres Tier von fast zwei Metern Größe ließ sich unweit von ihm träge durch das Wasser gleiten und voller Staunen erkannte Archweyll, dass der blaue Fisch von innen heraus erleuchtete wie ein Lampion. Er steuerte seinen Anzug weiter über das Riff und traute sich, etwas tiefer zu gehen. Die Faszination hatte Besitz von ihm ergriffen.
Fast schon mühelos glitt er nach unten. 
Das rote Seegras wurde zunehmend von saftigem grünen Kelp abgelöst, dass sich vom Grund des Meeres ausgehend fast dreißig Meter in die Höhe erstreckte. 
An den großen dunklen Blättern hafteten leuchtend gelbe Früchte, die in etwa die Form eines Pfirsichs aufwiesen. Als er näher heransteuerte, erklärte ihm seine Datenbank, dass es sich dabei um Ayoraneier handelte, eine rochenähnliche Lebensform, die in diesen Breitengraden auftauchte.

Als hätte es seine Gedanken gelesen, legte sich plötzlich ein Schatten über den Anzug und eines der Tiere segelte anmutig an ihm vorbei. 
Archweyll schätzte die Spannweite eines der Flügelflossen auf über zehn Meter ein und es war mit unzähligen dornenbesetzten Schwänzen ausgestattet, die es still hinter sich herzog. Glücklicherweise wurde diese Lebensform als friedfertig eingestuft. Sanft glitt der Ayoran an dem Scherenpanzer vorbei, bis er aus Archweylls Sichtfeld verschwand. 
Je tief er in dem Kelpwald versank, desto dunkler wurde es. Als er den Grund erreichte, aktivierte Archweyll die Scheinwerfer. Der Lichtkegel erschien gerade noch rechtzeitig, um den Einblick in eine bizarre Szene zu ermöglichen. 
Ein Raubfisch von der Länge einer Anakonda, nur drei Mal so dick, glitt räuberisch durch das Wasser. An seinem Körper waren Antennen befestigt, die in einem grellen Licht erstrahlten. Hektisch beugte sich der Kommandant über den Bildschirm, um sicherzustellen, dass er in Sicherheit war. Erleichtert stellte er fest, dass der Scherenpanzer für seine Sicherheit garantierte.
Doch einem anderen Bewohner erging es nicht so gut. Der träge Lampionfisch verhedderte sich in den Antennen, als sein Gegner ihn umwickelte, und die elektrischen Stöße machten ihm binnen Sekunden den Garaus. Der Räuber öffnete sein Maul zu einer übernatürlichen Größe und verschlang seine Beute am Stück. Dann verschwand er im dichten Grün des Kelps. 
»Noch eine Stunde«, krächzte es aus dem Mikrofon.
Schnell analysierte der Kommandant, wie lange er zurück brauchen würde und beschloss, seine Erkundungstour noch ein wenig fortzusetzen. Mit den Armen strich er sanft die Pflanzen beiseite, um auf dem Meeresboden zu wandern. 
Kleine silberne Fische flohen panisch vor dem Ungetüm aus Titan.
Plötzlich lichtete sich der Kelpwald. Vor ihm befand sich eine Fläche aus Sand, die sich ungefähr über zweihundert Meter erstreckte. Muscheln von der Größe einer Murmel, bis hin zu der eines einstöckigen Gebäudes, begleiteten ihn auf seinem Weg. Um sie nicht zu zertrampeln, aktivierte Archweyll abermals den Heckantrieb und glitt sachte darüber hinweg. Dann vollzog der Meeresboden einen senkrechten Knick. Dahinter befand sich nur dunkelblaues Wasser, soweit sein Auge reichte.
Mit vorsichtigen Schritten ging Archweyll auf den Rand zu, bedacht darauf, dass er ihm nicht zu nahe kam. Er aktivierte das Echolot und seine Signale erklärten ihm, dass es in der näheren Umgebung bis zu sieben Kilometer in die Tiefe ging. 
Der Kommandant pfiff durch die Zähne. Vor ihm befand sich ein schwarzer Schlund und die Tatsache, dass er nicht erkennen konnte, was sich da unten alles bewegte und möglicherweise auf ihn lauerte, erregte eine Urangst in ihm. Ein unwohles Gefühl stieg in ihm auf. Doch er besann sich schnell eines Besseren. Kurz bevor er sich auf den Rückweg machen wollte, signalisierte sein Radar, dass sich mehrere riesige Lebensformen vor ihm befanden und ein ohrenbetäubendes Grollen drang durch den Ozean. 
Archweyll spürte, wie ihm bei diesen Geräuschen flau im Magen wurde. »Was sagt der Scan?«, fragte er heiser.
Doktor Crowler antwortete ihm lachend. »Ziemlich beeindruckend, was? Sehen Sie genau hin, es ist möglicherweise ein einzigartiger Anblick.« 
Archweyll zwang sich zur Ruhe und kniff die Augen zusammen. Und tatsächlich. Aus der Tiefe stiegen riesige, fast schon plumpe Wesen an die Oberfläche. 
Das waren die größten Tiere, die Archweyll je gesehen hatte. Sie besaßen in etwa die Form eines Wals, hatten aber drei riesige Schwanzflossen, die im Gleichtakt auf und ab schlugen. 
Ihr Körper trug ein einziges großes Korallenriff auf dem Rücken, durch das unzählbar viele unterschiedliche Lebensformen wuselten. 
Der Scan signalisierte Archweyll, dass er es mit einem Kalkrücken zu tun hatte. Lebensformen, die in Verbänden von bis zu zwanzig Tieren unterwegs waren und beträchtliche vierhundert Meter lang werden konnten. Im Laufe ihrer Lebenszeit bildeten sie ein kompliziertes Exoskelett aus Kalkgestein, das sie einerseits bestens gegen Feinde schützte, andererseits anderen Fischarten als Heimstätte diente. 
Abermals drang ein Dröhnen durch den Ozean und Archweyll schlussfolgerte, dass die Kalkrücken miteinander kommunizierten.
»Sie sollten nun zurückkehren. Der Anblick ist gewiss überwältigend, aber wenn es dunkel wird, treten hier fast ebenso große Lebewesen auf, die Jagd auf sie machen könnten. Obwohl Sie wohl nur ein Appetithäppchen darstellen dürften.« 
Archweyll zögerte keine Sekunde und machte sich auf den Rückweg. »Ich habe abgenommen. Schön, dass es jemandem auffällt«, begann er ins Mikrofon zu sprechen, doch irgendwie war ihm gerade nicht nach Sarkasmus.
»Wenn Sie angekommen sind, besprechen wir die Missionsdetails«, erklärte Crowler, dann brach die Verbindung ab. 
Es stimmte den Kommandanten fast schon traurig, dass er diese faszinierende Unterwasserwelt nun zurücklassen musste. Zeitgleich war er gespannt auf ihren Auftrag. 
Wenn sie einem dieser Räuber begegnen sollten, könnte es zweifelsohne gefährlich werden, selbst mit dem Zyklopen. Er steuerte durch das Kelp, zurück zu den Kalkformationen.
Das Zwielicht der Dämmerung trat bereits ein und die Schatten wurden größer. Die Dunkelheit hüllte ihn ein wie ein Anzug. Doch brachte sie ein neues, faszinierendes Bild mit sich. Die Korallen begannen von innen heraus zu leuchten. Ein farbenfrohes Spektakel erwartete ihn. Winzige Fische wurden von dem Licht angelockt und von den Korallen verschluckt. Doch auch die Fische begannen zu erstrahlen. 
Archweyll entdeckte die Schwärme der orangenen Exemplare wieder, die nun in dichten Schulen zu glühenden Kugel heranwuchsen, bereit für den Partnertanz. Leuchtende Seesterne, die er vorher kaum gesehen hatte, bedeckten das Gestein und ließen es nun in einem rosarotem Licht erstrahlen.
Mit offenem Mund bestaunte der Kommandant das Schauspiel, bis ihm wieder einfiel, dass es gefährlich werden konnte. Zielstrebig steuerte er auf die Position der Manticor zu.
Auf einmal stieß ein unsagbares Brüllen durch das Gewässer, weit entfernt, von dort, wo der Abgrund lag, aber dennoch eindringlich und unheilverheißend. 
Aber es machte Archweyll nur umso deutlicher, wie wundervoll tödlich dieser Planet sein konnte. Trotzdem erreichte er das Dock ohne weitere Zwischenfälle und war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. 
Als Tamara aus ihrem Scherenpanzer stieg, schien es ihr nicht anders zu gehen. Doch auch in ihren Augen lag dieses freudige Glitzern, entlockt von dieser faszinierenden Welt. 
Jetzt hoffe Archweyll nur, dass ihre Mission ihm nicht die gute Laune verderben sollte.

 

 

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Gottes Hammer: Folkvang VIII

Esben kehrte gemessenen Schrittes in das Zelt von Hrandamaer zurück. Die unheilsschwangere Atmosphäre, die wie undurchdringlicher Nebel das Lager umschloss, war beinahe greifbar. Wen auch immer Esbens Blick streifte, er sah ungläubige Gesichter mit schreckgeweiteten Augen.

Sollte es ihn verwundern? Die Tempelsöhne galten weithin als unbesiegbar. Ihre Macht wurde in zahllosen Liedern besungen und auf etlichen Schlachtfeldern immer wieder demonstriert. Esben entsann sich seiner eigenen, naiven Gedanken, als er von der berühmten Geschichte der vier Tempelsöhne hörte, die zur Verteidigung einer Kirche ein ganzes Heer des Fürsten von Aminas auslöschten. Dass einer dieser Helden nachts gemeuchelt werden konnte, erschien ihm schlichtweg absurd.

Dabei hatte Teshins Vater Arion dasselbe Schicksal erlitten. Als gröter Recke der Menschheit gefeiert, wurde er nach dem Angriff auf sein Herzogtum hinterrücks von einem Unbekannten ermordet, dessen Gesicht er vermutlich nie erblickt hatte. Esben verstand Teshins Groll nun weitaus besser. Das Leben war kein Lied und sein Zynismus konnte einen Menschen an den Rand des Wahnsinns treiben.

Esbens Gedanken endeten, als er das Zelt betrat. Er hielt überrascht auf der Schwelle des Eingangs inne, als er eine ihm unbekannte Frau sah. Sie stand schweigend in der Ecke, ihr schwarzes Haar zu einem straffen Knoten gebunden, und blickte auf einige Zutaten auf einem Holztisch. Sie schien in diesem Moment das Mittagsmahl zu bereiten. Esben fragte sich unwillkürlich, wo Siegbert der Koch sich wohl aufhielt.

Abigor saß mit grimmiger Miene auf einem dunklen Ebenholzstuhl, den Esben erst jetzt bemerkte. Kryptische Zeichen bedeckten die Lehne und der stilisierte Kopf eines Lindwurms erhob sich drohend über Abigors mächtiger Haarmähne. Der Tempelsohn begrüßte ihn mit einem angedeuteten Nicken und nippte an dem mit einer übelriechenden Flüssigkeit gefüllten Trinkhorn in seiner Hand.

Esben erwiderte die Geste, nicht zum ersten Mal leicht angewidert von der ungehemmten Zurschaustellung von Kulturlosigkeit. Es fiel ihm immer schwerer, Abigors Status als großer Gelehrter nicht anzuzweifeln.

Wo ist Siegbert?“, fragte Esben.

Abigor blickte ihn nicht an, sondern nahm einen weiteren Schluck. „Ich habe ihn meinem Neffen hinterhergeschickt. Lifas hat mein Lieblingsmesser mitgenommen, ohne das ich nie in den Kampf ziehe. Versehentlich, hoffe ich. Sonst muss ich Konsequenzen ziehen.“ Seine rissigen Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Nehmt mich nicht zu ernst, Esben.“

Euer Humor hat schon prächtigere Früchte getragen“, erwiderte der Priester unbeeindruckt und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Nun erst fiel ihm auf, wie müde der Ritter wirkte. Hatte er sich die Nacht um die Ohren geschlagen?

Esbens Misstrauen wuchs. Laut Medardus konnte jeder im Lager der geheimnisvolle Mörder des unglücklichen Apostels Palayon sein. Selbst ein angesehener Ritter wie Abigor …

Und wer ist das?“, versuchte Esben, das Gespräch am Laufen zu halten.

Abigor folgte träge seiner ausgestreckten Hand und wirkte regelrecht überrascht, als er die dunkelhaarige Frau in der Ecke des Zeltes sah. Er räusperte sich verlegen.

Esben, darf ich Euch mit Ashaya bekannt machen? Sie dient mir als Köchin.“

Im Gegensatz zu Siegbert scheute sich Ashaya nicht, das Wort an ihn zu richten. Sie hob den Kopf, strich sich eine gelöste Strähne aus der Stirn und lächelte breit.

Sehr erfreut. Ich habe schon viel von Euch gehört. Ihr seid doch der Priester, der nach Hornheim ging und lebendig wieder zurückkehrte?“

Esben konnte nur nicken, während ihn der Schock zu einer hilflosen Statue degradierte. Laut Iliana war ihr Berith im Traum erschienen und hatte ihr Ashayas Namen als Ansprechspartnerin in Hrandamaer genannt. Was ging hier vor?

Esben fühlte sich immer unwohler. Er warf unruhige Blicke auf den ermatteten Ritter und die lächelnde Dienerin und seine Finger fanden den magischen Folianten auf seinem Feldbett hinter ihm. Sollten sie ihn angreifen, würde er zumindest nicht kampflos untergehen.

Aber keiner von beiden machte Anstalten, ihm schaden zu wollen. Abigor wandte sich wieder seinem Trinkhorn zu und Ashaya schnitt eine Karotte. Esben schluckte und seine Anspannung ließ ein wenig nach. Dennoch schlang er vorsichtshalber die Kette mit dem eisernen Gerüst um seinen Oberkörper und platzierte das schwere Buch darin. Er fühlte sich so weitaus sicherer.

Esben ließ seinen Blick über das Zeltinnere schweifen. Er musste sofort Medardus davon berichten. Mit einem gequält freundlichen Nicken erhob er sich, murmelte etwas von wegen „Elinor befragen“ und stolperte aus dem Zelt. Er warf immer wieder Blicke über die Schulter, doch niemand verfolgte ihn. Dennoch ließ die Erleichterung auf sich warten.

Kurz vor Medardus’ Zelt hielt Esben inne. Er hatte keinen Beweis für seine Behauptungen … was sollte er dem gestrengen Inquisitor sagen und wie würde dieser reagieren?

Bevor er handeln konnte, nahm das Schicksal ihm die Entscheidung ab. Der gealterte Tempelsohn Mendatius von Astaval verließ das Zelt mit zusammengekniffenen Augen. Er wirkte erzürnt und murmelte unverständliche Worte, deren tieferer Sinn jedoch kaum missdeutet werden konnte.

Falls Ihr den Clavis sucht, verschwendet Ihr hier Eure Zeit!“, rief er, als er Esben sah. „Er ist gerade abwesend und inspiziert den Rand des Lagers für den nahenden Angriff der Dämonen.“ Esben schluckte. Seit Ilianas Traum und Vergiftung war etwas mehr als ein Tag vergangen. Ihnen blieben nur noch zwei, bis das von Berith angekündigte Ultimatum auslief.

Bevor er sich entfernte, legte Mendatius plötzlich den Kopf schief und musterte Esben. „Ihr wart doch Priester, nicht wahr? Dann habt Ihr doch gewiss eine Ausbildung in Seelsorge!“

Esben nickte langsam. Was wollte der Veteran von ihm?

Mendatius legte ihm eine gepanzerte Hand auf die Schulter. „Könnt Ihr mir helfen? Ich wollte gerade Schwester Elinor verhören, aber sie ist zutiefst … betrübt über die Vorkommnisse und kaum ansprechbar.“ Der Ritter räusperte sich verlegen. „Ich vermag mein Schwert noch immer behende zu schwingen, aber hierfür sind subtilere Fähigkeiten gefragt.“

Esben nickte, obwohl sich Unruhe in seinem Innersten ausbreitete. Er musste mit dem Inquisitor persönlich sprechen. Aber das Lager war groß und ihn zu suchen konnte schnell zu einer aussichtslosen Aktion werden. Zudem wollte er keinen Verdacht erregen, falls Abigor sich nach ihm erkundigte. Er folgte Mendatius mit dem gequälten Gedanken, dass es sich wohl um eine gewisse Ironie handelte, wie seine Ausrede nun zur Realität wurde.

Während er neben Mendatius herging, kam ihm mit einem Mal eine Idee.

Ihr stammt aus Astaval, richtig?“, fragte er ihn. Kaum hatte er das gefallene Herzogtum erwähnt, straffte sich der Ritter und ein dunkler Zug verunstaltete seine Miene.

Wollt Ihr mich deshalb verhöhnen oder mir Euer Beileid aussprechen? In beiden Fällen rate ich Euch gut, wenn ich sage: Lasst es. Über fünfzig Jahre sind seit der Ermordung von Herzog Arion und seiner Familie vergangen und keine Macht der Welt kann sie zurückbringen, erst recht nicht die der menschlichen Stimme.“

Esben räusperte sich. Er bereute, das Thema angesprochen zu haben, wollte nun aber auch nicht den Rückzug antreten. „Tatsächlich wollte ich Euch weder verhöhnen, noch bemitleiden“, stellte er klar. „Ich wollte Euch nur sagen, dass Teshin von Astaval noch lebt.“

Esben war unsicher, wie Mendatius reagieren würde und warf dem Veteran einen vorsichtigen Blick zu. Der gealterte Ritter schüttelte nur den Kopf.

Ihr lügt.“

Esben sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Weshalb sollte ich?“

Mendatius schnaubte. „Selbst wenn jemand unwissentlich eine Unwahrheit von sich gibt, bleibt die Unwahrheit unwahr. Teshin kann nicht am Leben sein, denn ich habe ihn selbst getötet.“

Esben stolperte beinahe. „Ihr habt was?“

Mendatius’ kalter Blick schien die Bilder längst vergangener Erinnerungen zu betrachten. „Ich habe ihn vor zwanzig Jahren getroffen. Obwohl er schon ein vierzigjähriger Mann hätte sein müssen, hatte er immer noch die Gestalt eines Jugendlichen. Er war verbittert und voller Hass, paktierte mit dunklen Mächten und wollte meinen Treueeid einlösen, um mit meiner Hilfe den Dämonenkönig Irodeus zu erschlagen. Der Narr hatte einen Vertrag mit ihm geschlossen und fürchtete nun die Konsequenzen.“ Ein seltsames Funkeln trat in Mendatius’ Augen. Esben erschauderte. Was mochte nur vorgefallen sein?

Was geschah dann?“, fragte er leise.

Ich habe ihn erschlagen. Schließlich und endlich war er ein Ketzer und sündigte wider den Herrn.“

Esben schüttelte den Kopf. „Und doch habe ich ihn gesehen. Ich habe mit ihm gesprochen, habe zunächst an seiner Seite und schließlich gegen ihn gekämpft. Es ist wahr, dass er sich mittlerweile in einen Dämonen verwandelt hat, aber vor einigen Monaten begegegnete ich ihm zum ersten Mal in Aminas und da war er noch ein Mensch!“

Mendatius schüttelte bestimmt den Kopf. „Ich bezweifle es. Aber wer kann sich schon sicher sein? Vielleicht hat er mich damals durch eine dunkle Kunst getäuscht und ist meinem rächenden Schwert entkommen? Wer kann sich schon anmaßen, die Blendwerke der Dämonen zu verstehen!“

Esben nickte langsam, war aber nicht überzeugt. Ihm erschien wahrscheinlicher, dass Mendatius etwas vor ihm verbarg. Aber das Gespräch endete, als sie ein kleines, weißes Zelt erreichten, vor dem zwei jüngere Tempelsöhne Wache hielten. Mendatius verabschiedete sich wortlos und Esben betrat die provisorische Verhörzelle mit einem leisen Seufzer.

Er musste gewiss einen erheiternden Anblick für Elinor abgeben, als er halb im Nachthemd und mit dem im Kettengerüst steckenden Folianten am Leibe vor sie trat. Dennoch verzog sie keine Miene, sondern starrte mit leerem Blick vor sich hin. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden schienen sie sehr in Mitleidenschaft gezogen zu haben.

Ich grüße Euch!“, rief Esben ein wenig zu laut und nahm ihr gegenüber an einem kleinen Tisch Platz. Kam es nur ihm so vor oder erschien sein Stuhl ihm weitaus bequemer als die harte Holzbank, auf der die Schwester saß?

Elinor nickte ihm langsam zu. „Ich dachte, der grausame Alte wollte den Inquisitor holen?“, fragte sie tonlos.

Esben sah sie überrascht an. Auch wenn ihre Konversation Mendatius in seinen Augen zu keinem Sympathieträger machte, würde er seinen Ruf nicht mit solch respektlosen Titeln antasten. Dann erinnerte er sich an die Feindschaft zwischen Astaval und Hrandamaer und begrub seine Bedenken.

Wie Ihr seht, müsst Ihr mit mir vorliebnehmen“, antwortete Esben betont freundlich. Er war unsicher, wie er vorgehen sollte. In Aminas waren oftmals Leute zu ihm gekommen, um Rat oder Trost zu suchen. Ihm erschien es jedoch ungewohnt, von selbst auf Menschen zugehen zu müssen.

Esben räusperte sich verlegen. Elinor schwieg und hielt den Kopf gesenkt. Sie wirkte nicht, als ob sie reden wollte.

Seid Ihr um Euren Bruder besorgt?“, fragte er schließlich.

Elinor hob argwöhnisch den Kopf. „Weshalb sollte ich mich um Lifas sorgen? Er kehrt zurück nach Hrandamaer, in die Heimat.“ Sie klang beinahe wehmütig.

Neugier erfasste Esben. „Ich hatte nie den Eindruck, dass er sehr beglückt von seinem Zuhause wäre.“

Elinor schnaubte. „Beglückt ist sicher niemand von uns. Hrandamaer ist ein karges, dunkles Land, das nur durch den Glauben erhellt wird. Zudem ist es verflucht, wie Ihr sicher wisst.“

Esben erschauderte. Ja, er wusste Bescheid. Er hoffte nur, dass Lifas es Iliana so schonend wie möglich beibringen würde.

Elinor entging seine Reaktion nicht. „Alle Menschen müssen sich irgendwie vom Leid in der Welt ablenken“, flüsterte sie. „Viele nutzen dafür Feiertage, um bis spät in die Nacht mit Freunden zusammenzusein und einmal über die Stränge zu schlagen. In Hrandamaer ist nicht einmal das möglich. Uns bleibt allein der Glaube. Sonst wären wir allesamt schon längst der Finsternis anheimgefallen.“

Esben nickte. Elinor meinte dies nicht metaphorisch. Die Finsternis genoss widerwilligen Respekt in Hrandamaer. Schließlich brachte sie die Erzeugnisse von König Androgs Fluch mit sich.

Esben räusperte sich erneut. „Was ist mit Eurem Onkel? Er wirkte recht müde bei der Versammlung heute. Macht Ihr Euch um ihn … Sorgen?“

Elinor spitzte sichtlich die Ohren. „Fragt Ihr mich gerade, ob ich ihn verdächtige, den Apostel getötet und Iliana vergiftet zu haben?“

Esben hob unschuldig die Hände. „Ich will Euch nur besser verstehen lernen. Schließlich will ich Euch und den Menschen im Lager helfen.“

Eine Augenbraue wanderte nach oben und verschwand unter Elinors Haaren. Aber als sie sprach, wirkte sie ein wenig selbstsicherer. Scheinbar hatte sie erkannt, dass von Esben keine Gefahr ausging.

Meine Beziehung zu Abigor ist angespannt. Er war einmal ein großer Gelehrter und eindrucksvoller Kämpfer, aber mittlerweile verhält er sich wie ein barbarischer Heide. Er säuft, missachtet das Keuschheitsgelübde, fastet kaum und verhöhnt alles Fromme und Gute. Außer, wenn es um meine Minderwertigkeit geht!“, fügte sie erregt hinzu. „In diesem Punkt ist er mit den übrigen Rittern einer Meinung!“

Esben legte fragend den Kopf schief. „Eure … Minderwertigkeit?“

Elinor schnaubte nur.

Esben erkannte, dass er in eine Sackgasse geraten war und versuchte es von einer anderen Seite. Er fühlte sich, als würde er ein Labyrinth durchqueren und müsste unterschiedliche Eingänge ausprobieren.

Kennt Ihr eine Frau namens Ashaya?“

Elinor zuckte deutlich zusammen und ballte ihre Hände zu Fäusten. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht.

Ist sie hier?“, fragte sie nahezu lautlos.

Esben nickte. Erregung loderte in seiner Brust. „Kennt Ihr sie? Was hat es mit Ihr auf sich?“ Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Hat sie Iliana vergiftet?“

Elinor setzte zu einer Antwort an, als ihre Augen sich plötzlich vor Schreck weiteten und einen Punkt hinter Esben fixierten. Die Finger des Priesters fuhren zu dem magischen Folianten, aber es war bereits zu spät. Er fühlte eine eiskalte Berührung im Nacken, ein Zittern schüttelte seinen Körper und ein Schleier aus Finsternis legte sich über seine Augen. Jegliche Kraft entwich seinen Gliedern und er stürzte zu Boden.

Dann wusste Esben nichts mehr.

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Gottes Hammer: Folkvang VII

Langsam lichteten sich die hohen Tannenbäume und gaben die Sicht auf das weite Grasland vor ihnen frei. Ilianas Herz klopfte wild. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie die Welt jenseits des Heidenwaldes.

Lifas wies nach Süden, wo gewaltige Türme neben einer Bergkette in die Luft stachen. „Das ist der Tempel“, verkündete er. „Mein jetziges Zuhause.“

Iliana folgte seinem Blick beeindruckt. „Wie weit sind wir von ihm entfernt?“

Etliche Meilen“, erwiderte Lifas förmlich. „Aber die großen Leuchttürme sind selbst in Aminas noch sichtbar.“

Iliana musterte den Ritter verwirrt. Von einer anderen Person hätte sie vermutet, auf den Arm genommen zu werden. „Leuchttürme?“, fragte sie schließlich. „Stehen die nicht normalerweise am Meer?“ Ihre Ziehmutter Arinhild hatte ihr vor Jahren Geschichten vom Hafen Sankt Emeralds erzählt. Die kaiserliche Hauptstadt verfügte über mehrere solcher Türme.

Lifas’ Züge verhärteten sich, so als peinigte ihn eine grässliche Erinnerung. „Hier werden sie ebenfalls gebraucht“, antwortete er knapp und ließ die Peitsche knallen. Sogleich bewegte sich der Wagen schneller.

Iliana umfasste ihren neuen Bogen fester. Lifas wollte eigentlich nach Hrandamaer reiten, um schneller voranzukommen. Als er jedoch im Lager Ilianas zaghafte Versuche auf einem Pferd mitansah, traf er eine andere Entscheidung. Bei der Erinnerung rötete sich ihr Gesicht. Sie war außerordentlich dankbar, dass Esben die Szene nicht beobachtet hatte.

Beim Gedanken an den Priester trübte sich ihr Gemüt. Was er wohl gerade tat? Ein Tag war seit ihrem Aufbruch vergangen. Ob Berith sein Wort wohl hielt? Oder würden die Dämonen schon vor dem dritten Tag das Lager der Tempelsöhne angreifen?

Bevor ihre Zweifel wachsen konnten, lenkte ein anderer Wagen Iliana ab. Lifas zügelte die Pferde und wich auf das Gras aus. Die Straße war zu schmal für sie beide.

Ein Ehepaar mittleren Alters neigte dankbar seine Köpfe vor dem Ritter. Anstatt zweier Pferde zogen Ochsen ihren voll beladenen Karren. Sie wirkten, als ob sie ihre sämtlichen Habseligkeiten mit sich führten. Iliana musste an die Geschichten der Dorfbewohner über fahrendes Volk nachdenken. In Raureif hieß es, solche Menschen brächten Unheil über jeden Ort, durch den sie kamen. Trotzig entschloss sich Iliana, dem Ehepaar ihre Sympathie entgegenzubringen. Schließlich hätten die Dorfbewohner das Mädchen verbrannt.

Iliana warf Lifas einen neugierigen Blick zu. Teilte er ihre Vorurteile? Was würde er wohl tun, wenn er von Ilianas Anklage als Hexe erführe?

Der Tempelsohn ließ sich jedoch nichts anmerken. „Wohin des Weges?“, rief Lifas. „Seid Ihr Händler? Oder fahrendes Volk?“

Schön wär’s, edler Ritter!“, erwiderte der Mann. „In Aminas wüten die Dämonen!“

Ilianas Herz gefror. Selbst Lifas’ ausdruckslose Miene durchfuhr ein erregter Blitz.

Was sagt Ihr da?“

Es ist wahr!“, rief die Frau und rang die Hände. „Die Feierlichkeiten für die Hinrichtung des Bürgermeisters waren in vollem Gange! Die ganze Stadt versammelte sich zu Speis und Trank, um ihn mit seinen sieben Töchtern sterben zu sehen!“

Ich hab’ schon immer gewusst, dass mit denen was nicht stimmt!“, fügte der Mann grimmig hinzu.

Aber dann sind Dämonen erschienen und haben den armen Henker in die Hölle gezerrt! Einer von ihnen sagte, er sei der Erzengel der Strafe. Gottes Hammer nannte er sich …“

Lifas erstarrte bei der Erwähnung des Begriffs. Iliana schluckte. Wie war Azrael so schnell nach Aminas gelangt?

Was ist mit den Verurteilten geschehen?“, fragte Iliana heiser.

Der Mann sah sie an, so als bemerke er sie zum ersten Mal. „Er hat sie alle mit sich genommen!“, rief er.

In die Hölle?“

Nein!“, ereiferte sich der Mann. „Dem Gericht Gottes will er sie übergeben, oder so etwas in der Art. Jedenfalls herrscht jetzt ein löwenköpfiges Monster über Aminas, als Strafe für die Sünden der Bewohner!“

Die Frau nickte heftig. „So musste es ja kommen! Die Stadt ist ein einziger Sündenpfuhl!“

Der Mann lachte schauerlich. „Jedenfalls erwarten den Bürgermeister und seine Töchter jetzt eine höhere Gerechtigkeit und danach das Höllenfeuer! Geschieht ihnen ganz recht!“

Lifas schien halb in Gedanken versunken, als er erneut das Wort ergriff. „Wie ist die Stimmung in der Stadt?“

Der Mann seufzte. „Reumütig. Niemand zweifelt daran, dass der Erzengel ein Gesandter Gottes ist, seit die Priester ihm zugestimmt haben. S’ ist besser so! Die Dämonen werden die Hexen direkt in die Hölle werfen, bevor sie uns schaden können!“

Nur schade, dass wir das nicht mitbekommen!“, sagte die Frau betrübt. „Die Verbrennungen waren immer ein sehr besonderes Erlebnis! Immer eine Feier für die ganze Stadt, wenn der Inquisitor kam! Erinnerst du dich noch an die Hinrichtung unserer Nachbarin?“

Hab immer gewusst, dass mit der was nicht stimmt!“, knurrte der Mann.

Ilianas Inneres fühlte sich merkwürdig ausgehöhlt an, als die beiden sich von ihnen verabschiedeten. War dies die Normalität? Die Schadenfreude über das Leid der anderen?

Sie setzten ihre Reise schweigend fort, bis Iliana ihre Ungewissheit nicht mehr länger ertrug. Sie wollte endlich in Erfahrung bringen, wie Lifas dazu stand.

Lifas“, setzte sie vorsichtig an.

Der Tempelsohn neigte den Kopf, wandte den Blick aber nicht von der staubigen Straße ab.

Was … ich meine, wie steht Ihr eigentlich zu diesen Dingen?“

Zur Grausamkeit des einfachen Volkes?“ Er brachte das Thema auf den Punkt.

Iliana nickte. „Genau.“

Lifas schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Das beweist nur die Sündhaftigkeit des Menschen … und die Dummheit des Pöbels. Diese Leute sind tumbe Toren, die mit den Fäusten denken und ihre Seele in den Lenden tragen. Ungebildet und unzivilisiert. Sie sind die Herde, wir sind die Hirten.“

Iliana blinzelte, nicht sicher, was sie von diesen harten Worten halten sollte. „Seid Ihr da nicht etwas zu streng? Schließlich macht die Denomination die brutalen Vorschriften, oder nicht?“

Lifas schüttelte den Kopf. „Das Strafrecht ist Sache des weltlichen Arms. Schließlich sind die Richter, Kerkerknechte und Henker keine Geistlichen.“

Iliana ließ nicht locker. „Und was ist mit den Inquisitoren?“

Lifas schwieg kurz, so als sammelte er Argumente. Dann legte sich plötzlich der Anflug eines Lächelns auf seine Lippen. „Ihr scheint mir minder tumb, junge Maid. Ihr stellt die richtigen Fragen.“ Er räusperte sich wie vor einem Vortrag. „Bis vor vierzig Jahren lag die Ausführung der Hexenprozesse ebenfalls in den Händen des weltlichen Arms. Die Geschichten von grässlicher Folter und grausamen Hinrichtungen stammen aus dieser Zeit. Scharlatane gaben sich als Hexenjäger aus, marterten unschuldige Personen, bis sie alles gestanden und legten ihre Aussagen als Beweismittel vor. Als Gegenleistung wurden sie vom Wehrdienst befreit und erhielten für jedes Opfer ihrer Umtriebe stattliche Summen.“ Ein Schatten umwölkte bei diesen Worten Lifas’ Augen.

Iliana, Ihr könnt Euch vorstellen, dass viele Hochstapler zu jener Zeit ihr Unwesen trieben. Man sagt, der Fürst von Aminas habe nur deshalb so wenig gegen Astaval ausrichten können, weil ihn die zahlreichen Hexenjäger in seinem Reich nahezu in den Ruin trieben. Daher erließ er auch ein Gesetz, wodurch die Summe nicht mehr vom Fürstentum selbst, sondern von den Angehörigen der Opfer zu entrichten war.“

Moment!“, warf Iliana ein. „Heißt das, man musste einen Hexenjäger auch noch dafür bezahlen, dass dieser seine Verwandten umbrachte?“

Lifas nickte düster. „In Aminas tobte die Hölle. Die Menschen bezichtigten sich gegenseitig, denn in einer so großen Stadt finden sich immer Neid und Missgunst. Die ersten zehn Kriegsjahre forderten über siebenhundert Opfer. Der Barde Arminius dichtete sogar ein Lied mit dem Namen „Die siebenhundert Feuer“. Habt Ihr es je gehört? In Hrandamaer hat es große Berühmtheit erlangt.“

Iliana schüttelte den Kopf. Ein Schauer lief über ihren Körper.

Lifas räusperte sich erneut, bevor er fortfuhr. „Ebenfalls populär wurde die Geschichte der kleinen Anna. Ihre gesamte Familie starb auf dem Scheiterhaufen und das Mädchen landete im Schuldturm, weil seine Mittel verständlicherweise nicht ausreichten, um den Hexenjäger zu bezahlen. Man sagt, diese Kunde habe Erzbischof Drogan von Sankt Emerald dazu bewogen, die heilige Inquisition hinzuzuziehen.“ Lifas seufzte. „Versteht Ihr, worauf ich hinauswill?“

Iliana legte den Kopf schief. „Er konnte diese Hexenjagden nicht verhindern, also hat er sie legalisiert und damit der Inquisition unterstellt.“

Lifas nickte langsam. „Leute wie Medardus genießen eine umfangreiche theologische Ausbildung und opfern ihre Stimme und ihr Gesicht, um Gott allein zu dienen. In früheren Zeiten bestand ihre Aufgabe aus dem Kampf gegen Dämonen, doch nun kümmern sie sich auch um die Hexenprozesse. Sie tun das im Wissen, dass es keine Hexen gibt und sie lediglich die selbstsüchtigen Wünsche ihrer Schützlinge erfüllen.“ Trauer glitzerte in seinem Blick. „Ich wollte lange nicht hinnehmen, dass es sich dabei nur um eine Farce handelt“, flüsterte er. „Aber mir ist klar geworden, dass die Herde nach dem Blut ihrer Artgenossen schreit, nicht der Hirte. Dennoch muss der Hirte in einer solchen Situation eingreifen, sonst übt die Herde Selbstjustiz.“

Iliana nickte. Langsam erschien ihr Medardus weitaus weniger böse. Er hatte niemanden um einen Prozess gebeten. Die Dorfbewohner selbst hatten sie angeklagt.

Aber warum?“, fragte sie mit erstickter Stimme. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten. „Warum können Menschen so böse sein?“

Das ist der Einfluss der Dämonen und der Hölle“, erwiderte Lifas. Täuschte sie sich oder schwang tatsächlich Mitleid in seiner Stimme mit? „Fürchte dich nicht“, murmelte er und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Die unerwartete Berührung ließ Iliana überrascht aufblicken. „Gott erlöst die Frommen, auch wenn seine Prüfungen auf Erden schwer zu meistern sind.“

Sie fühlte sich tatsächlich getröstet, als sie plötzlich die Grenze von Hrandamaer passierten.

Mit großen Augen sah Iliana sich um. Es wuchs kein Gras und die wenigen Bäume wirkten verkrüppelt und missgestaltet. Bräunlicher Dampf stieg von der verbrannten Erde auf und kräuselte sich in der Luft. Iliana erblickte nirgendwo Leben.

Willkommen in meiner Heimat“, sagte Lifas verbittert.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 2: Auf zu neuen Ufern



»Wir springen in den Warp!«, rief Clynnt Volker lautstark durch das Mikrofon. Seine elektronische Stimme krähte durch den gesamten Patrouillenkreuzer. 
Bei diesen Worten zog sich eine vorfreudige Erregung durch Archweylls Körper, während er von der Kommandobrücke aus in die Weiten des Alls starrte. Endlich. 
Die Atharymn war wieder einsatzbereit und auf dem Weg zu ihrer nächsten Mission. Ihr Verschwinden und Wiederauftauchen vor drei Monaten, als der Warp sie verschluckt und Howard Bering sie an den Dämonen ausliefert hatte, war von der föderalen Obrigkeit nicht einmal mit einem Achselzucken quittiert worden.
Aber auf diesen Ruhm hätte Archweyll auch getrost gepfiffen. Was er brauchte, waren loyale Männer und Frauen, die wussten, was sie taten.
Als hätte jemand seine Gedanken verraten, trat plötzlich die neue Chefmechanikerin an ihn heran. »Nautilon, hm? Nie davon gehört.« Sie extrahierte ein Datenbündel auf ihre Monitore, indem sie mit dem Finger eine Bewegung zwischen den Bildschirmen durchführte. 
»Könnte daran liegen, dass dieser Planet für die Föderation bisher absolut unbedeutend gewesen ist«, erwiderte der Kommandant stirnrunzelnd. »Ich frage mich, was sie gefunden haben, dass sie direkt einen Kreuzer mit Ausrüstung dort hinschicken. Hast du dich da unten mittlerweile gut eingelebt?«
»Es ist etwas finster, aber ich komme zurecht. Nur eure Ausstattung ist mangelhaft, im Vergleich zu meinem früheren Arbeitsplatz«, antwortete Daisy Lee gelassen, bevor ihre großen blauen Augen Archweyll gänzlich zu durchdringen schienen. »Von welcher Ausrüstung reden wir eigentlich?«, erkundigte sie sich neugierig. 
Er winkte sie näher zu sich heran, dann aktivierte er einen Hologrammgenerator. 
Wie aus dem Nichts entstand ein Bild, zunächst verzerrt und undeutlich, doch dann wurde es immer markanter, bis man die Umrisse einer großen Maschine erkennen konnte.
Daisy pfiff durch die Zähne. »Ein Zyklop. Nicht schlecht«, sagte sie gespielt ehrfürchtig, als würde sie etwas für sich behalten. 
»Die haben sie damals gebaut, um den Renegatenfürst Balthasar Coiren auf Orian II den Garaus zu machen. Drei dieser U-Boote haben bis heute überlebt und sind einsatzbereit«, erklärte Archweyll, während er mit dem Finger auf das Hologramm deutete. 
»Ach, echt?«, irgendetwas in Daisys Stimme missfiel dem Kommandanten.
Der Zyklop war ein Berg aus Metall, mit einer riesigen, runden Frontkuppel aus Glas, die das Gefährt wie einen einäugigen Riesen erscheinen ließ und ihm somit zu seinem Namen verholfen hatte. 
»Ausgestattet mit Torpedobatterien der Untergangs-Klasse und einem Dutzend Scherenpanzer-Anzügen, die habe ich damals selbst entwickelt«, zwinkerte ihm die neue Chefmechanikerin zu. 
»Beeindruckend«, lobte Archweyll. Trieb sie ein Spiel mit ihm?
»Die Generäle der Heerführung vergessen schnell, wem sie ihren Erfolg zu verdanken haben«, winkte Daisy ab, doch Archweyll bemerkte sofort, dass sie das heimlich zu ärgern schien. 
Der einsetzende Warpsprung war so samtweich, dass er ihn kaum noch spürte. Diese fließende Bewegung in einen Ort, jenseits von Raum und Zeit, konnte eine beeindruckende Erfahrung sein. Vor der Glaskuppel schien das Schwarz des Alls in seine einzelnen Komponenten zu zerfließen. Farben verschmolzen zu einer Kaskade der Leidenschaft, bildeten im Sekundentakt explodierende Prismen, bis sie schließlich undefinierbare Formen annahmen, die das bloße Auge kaum noch zu erkennen vermochte.
Archweyll erkannte, wie Daisy dieses Spektakel mit offenem Mund bestaunte. »Ein wahres Wunderwerk, nicht wahr?«, fragte er sanft und stellte sich neben sie, um aus dem Fenster zu schauen. Die Blicke seiner Navigatoren ignorierte er gekonnt.
»Es ist wunderschön«, hauchte die junge Frau mit großen Augen. 
»Noch 57 Minuten bis zur Ankunft«, knisterte es durch das Mikrofon. 
Der Kommandant verdrehte die Augen. Clynnt war einfach kein Romantiker. Er aktivierte die Sprachausgabe seines Kampfanzuges und linkte sich in die Mikrofonanlage ein. 
»Lagebesprechung. Tamara, Clynnt, ich möchte euch in zwei Sekunden bei mir haben…«, er zählte kurz laut runter. »Ihr seid zu spät. Beeilt euch gefälligst!«
Einen Moment später lugte Clynnts Kopf aus der Navigatorenkabine heraus. »Ist es wichtig? Das Radar zeigt mir so viele uninteressante Sachen, dass ich es vorziehen würde, weiter daraufzustarren. Man weiß ja nie.« Er lächelte verschmitzt, kam dann aber zu Archweyll herübergelaufen.
Eine Minute später öffnete sich ein Aufzug und Tamara trat auf die Kommandobrücke. Mit einem steifen Nicken begrüßte sie die anderen, bis ihr Blick schließlich auf Daisy traf. »Die Neue?«, fragte sie Archweyll ausdruckslos. 
»Ich kann durchaus für mich selbst sprechen!«, zischte die Chefmechanikerin. Für eine Sekunde schien die Luft zu knistern, als ihre Blicke sich trafen. 
Clynnt warf Archweyll einen flehenden Blick zu. »Mein Radar…«, flüsterte er und deutete mit einer Geste an, dass er plötzlich unglaublich wichtige Dinge in seiner Navigatorenkabine zu erledigen hatte. 
»Meine Damen, ich habe euch nicht hergerufen, um Liebesbekundungen auszutauschen«, grummelte Archweyll. Derlei sinnlose Feindseligkeiten empfand er als ermüdend. Aber er wusste, was an Tamara nagte. Und es war nicht die Tatsache, dass sie die neue, hübsche Kollegin als so etwas wie eine Konkurrentin wahrnahm, denn das lag unter ihrer Würde. 
Es war vielmehr der Umstand, dass sie es damals nicht geschafft hatte Howard Bering aufzuhalten und sie daher jedem Neuankömmling mit äußerster Skepsis gegenübertrat. 
Ein Instinkt, von dem Archweyll hoffte ihn niemals teilen zu müssen. »Wenn ich nun also eure ungeteilte Aufmerksamkeit habe, würde ich gerne die Missionsdetails erläutern«, fuhr er fort, schritt demonstrativ zwischen den Frauen entlang und unterband damit jeglichen Blickkontakt der beiden. Abermals aktivierte er den Hologrammgenerator und eine blaue Kugel wurde sichtbar. »Planet Nautilon, aus dem Neon-System. Seine Oberfläche besteht zu hundert Prozent aus Wasser. Aber lasst euch dadurch nicht beunruhigen, ich habe für alle Schwimmflügel eingepackt.« Sein Blick wanderte mit der Eindringlichkeit einer Nadel durch die Reihen, doch er bekam nur dezentes Kopfschütteln als Antwort. »Um bei der Sache zu bleiben, vor zehn Jahren hat die Föderation diesen Planeten für sich beansprucht und eine Forschungseinrichtung errichtet, die mittlerweile ein Fabrikant von gängigen Stimulanzmitteln für das Militär geworden ist.« 
Er merkte, wie Tamara dem Chefnavigatoren etwas ins Ohr flüsterte und dieser ihr grinsend zunickte.
Archweyll konnte nur spekulieren, worum es ging. »Doch vor ein paar Wochen haben sie dort unten etwas gefunden und es wird unsere Aufgabe sein, es zu bergen. Dafür hat uns der interstellare Rat einen Zyklopen samt Mannschaft zur Verfügung gestellt.«
Die Aussicht, bald den Himmel zu verlassen, um in der erdrückenden Tiefe eines gigantischen Ozeans nach etwas zu suchen, schien den anderen ebenso wenig zu gefallen wie Archweyll. 
»Wissen wir, um welches Objekt es sich handelt?«, fragte die Chefmechanikerin kritisch. 
»Das wird uns der Leiter der Forschungsabteilung mitteilen, es ist bisher streng vertraulich«, erwiderte der Kommandant achselzuckend. 
»Initiiere Schubfrequenz, wir verlassen den Warp«, knisterte es plötzlich aus der Sprechanlage. Sanft wie eine Feder glitt die Atharymn zurück in Raum und Zeit. Die Farben vermengten sich wieder zu einem einheitlichen Schwarz. Vor ihnen lag eine blaue Kugel, von grauen Schlieren durchzogen, die wirkten wie Geisterfäden. 
Auf den ersten Blick sah der Planet ihrer Heimat Prospecteus gar nicht mal unähnlich. Nur bei genauem Hinsehen wurde einem klar, dass die Kontinente fehlten. 
»Kreuzer auf Standby halten und über dem Planeten kreuzen«, befahl Archweyll durch das Mikrofon. »Der Einsatztrupp folgt mir in den Hangar. Wir nehmen den schnellsten Weg.«
Hektische Schritte und das Läuten von Sirenen begleiteten Archweyll, während er, flankiert von seinem neuen Team, durch den geräumigen Hangar schritt. 
Einige Arrows hatten sich bereits Abflugbereit gemacht, die pfeilschnellen Jäger würden als Eskortschiffe dienen. Vor ihnen ragte die Manticor auf, das größte Transportschiff, dass die Atharymn beheimatete. Es war ein wenig anmutiges, aber praktisches Schiff, mit drei Reihen übereinander gekreuzter Flügel und riesigen Propellerantrieben, die eine punktgenaue Landung in der Atmosphäre ermöglichten. Zischend kam ihnen die Rampe entgegen und gewährte der Truppe Einlass. 
Archweyll stieg eine steile Leiter zur Kommandobrücke hinauf, quittierte die engen Raumverhältnisse mit einem unflätigen Fluch und befahl den Startvorgang. 
Die Manticor startete und ein ohrenbetäubendes Brüllen entwich ihren Antrieben. 
»Klingt fast so wie bei mir zuhause«, knurrte der Kommandant bissig, während er sich anschnallte. »Atmosphäreeintritt in Siebzig Sekunden. Alles anschnallen«, frohlockte er. 
Tamara nahm neben ihm Platz. Ihr Blick verriet ihre Befürchtungen. »Dort unten sind wir nicht in unserem Element. Wer wird das U-Boot steuern?«, fragte sie besorgt.
»Ich mache das«, verkündete Daisy mit einem undefinierbaren Ton in der Stimme. »Schließlich habe ich es gebaut.« 
Das war es also gewesen. Archweyll schloss die Augen und entschied sich dafür, für ein paar Sekunden in das Land der Feen und Kobolde abzutauchen, um Tamaras Blick zu entgehen. 
Als er die Augen öffnete, war dieser aber immer noch auf ihn gerichtet, wie eine geladene Waffe die jederzeit feuern konnte. Und würde. 
Clynnt seufzte. »Das wird ein Spaß«, kommentierte er die Szenerie, dann brachen sie unsanft durch die Atmosphäre. 
Dichte Regenwolken schlossen sich um sie und prasselten unnachgiebig auf die Frontscheiben. Unter ihnen tobte das Meer, in einem beständigen auf und ab. 
Gischt spritzte in die Höhe, während die Wellen einen Krieg ausfochten. 
»Eine Stunde noch bis zum Ziel«, plötzlich bemerkte Archweyll trotz der Umstände so etwas wie Vorfreude in sich aufkeimen. Denn noch hatte er keine Ahnung, was ihn erwarten sollte…

 

 

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Gottes Hammer: Folkvang VI

An diesem Tag weckte nicht die Sonne Esben. Stattdessen riss ihn ein langgezogener Schrei aus dem Schlaf. Desorientiert warf er wilde Blicke um sich, bis er das Zelt von Hrandamaer wiedererkannte. Verwirrt erhob er sich von seinem Feldbett und stolperte durch den Eingang. Der Schrei war von außerhalb an sein Ohr gedrungen.

Elinor stand zwischen den Zelten, ein Korb Heilkräuter lag zu ihren Füßen. Sie hielt die Hände vor den Mund geschlagen und starrte aus schreckgeweiteten Augen auf ein unförmiges etwas, das sich in wirren Winkeln vor ihren Füßen befand . Esben trat verwirrt näher, bis er den Körper erkannte.

Er wusste seinen Namen nicht, doch handelte es sich um einen Apostel des Heeres, wie er an der reich verzierten Rüstung unschwer sah. Auf den ersten Blick wirkte er unverletzt, aber eine Lache aus Blut bewies das Gegenteil. Jemand hatte ihn scheinbar getötet und ihm dann, wie zum Hohn, die Rüstung über den Kopf gestülpt. Am schrecklichsten erschienen Esben jedoch die Gesichtszüge des Toten. Grausige Todesangst stand in ihnen und die verdrehten Augen wirkten wie dunkle Splitter unermesslicher Qual.

Andere hatten Elinors Schrei ebenfalls vernommen. Tempelsöhne aller Ränge und Altersstufen versammelten sich vor dem Leichnam. Rufe erschollen. Ein anderer Apostel mit grauem Haar trat vor, kniete nieder und legte seinem gefallenen Kameraden eine Hand auf die Stirn. Einen Augenblick verharrte er und Esben konnte spüren, wie Wellen heiliger Magie durch seine Hände flossen wie rasende Wogen eines Ozeans. Kurz darauf erhob sich der Apostel betrübt und seufzte.

Er ist tot!“, verkündete er.

Betretenes Schweigen legte sich auf die Versammlung. Die Wahrheit hinter dieser Erkenntnis musste erst in den Herzen der Menschen Fuß fassen. Jemand hatte in ihrer Mitte einen Apostel besiegt!

Rufe erhoben sich und Gespräche wurden laut, doch sie verstummten sofort, als Medardus erschien. Der Inquisitor wirkte noch grimmiger als sonst und seine Augen glichen vernichtenden Sonnen, die jeden in ihrem Weg verbrannten.

Da er nicht auf seinem Stuhl saß, musste der ehrwürdige Clavis sich über Gesten verständigen. Dennoch hatten sie eine ähnliche Wirkung wie seine Stimme. Medardus verfügte über eine charismatische Ausstrahlung, die es jedem unmöglich machte, den Blick von ihm abzuwenden.

Kurz darauf wurde der Tote von einigen Novizen weggetragen. Medardus bedeutete den Aposteln, ihm zu folgen. Überraschenderweise wies er auch auf Esben. Der Priester schluckte. In diesem Moment wünschte er sich unwillkürlich Androgs heidnisches Buch herbei.

Sein Herz hämmerte, als er mit den Aposteln das Zelt betrat. Medardus ließ sich auf seinem Stuhl nieder und sein lodernder Blick flog von Gesicht zu Gesicht. Jeder vermied, ihn direkt anzusehen.

Schließlich räusperte sich Medardus. „Wo ist Apostel Abigor von Hrandamaer?“

Überraschte Blicke glitten über die Versammlung. Esben zuckte peinlich berührt zusammen. Er hatte sein Fehlen nicht einmal bemerkt.

Als handelte es sich hierbei um ein Stichwort, erhellte kurz das Licht der aufgehenden Sonne den spartanisch eingerichteten Raum, als Abigor das Zelt betrat.

Ich bin hier“, grummelte er. Seine Augen wirkten beinahe ebenso grimmig wie Medardus’ lodernder Blick. „Was, bei allen Heiligen, ist mit Palayon von Aminas geschehen?“

Das versuchten wir gerade zu erörtern.“ Medardus deutete mit seinem Mauritiusstab auf den Stuhl neben Esben und Abigor ließ sich wortlos auf die harte Sitzfläche fallen. Er wirkte kalt wie ein Eisblock und Esben musste sich unbewusst fragen, wieso er nicht im Zelt gewesen war. Nun erst fiel ihm auch Siegberts Abwesenheit auf. Begann er nicht normalerweise um diese Zeit schon mit den Vorbereitungen für das Mittagsmahl?

Doch dies war nicht die Zeit für solche Überlegungen, wie Esben Medardus’ Räuspern entnahm.

Heute ist ein Apostel von uns gegangen“, begann der Clavis. „Selbstmord können wir, denke ich, ausschließen. Die Wunde befindet sich ganz eindeutig unter dem Harnisch, den anzulegen er in diesem Fall wohl kaum noch die nötige Kraft aufgebracht hätte. Wir müssen von Meuchelmord ausgehen. Die Geräuschkulisse eines fairen Kampfes hätte uns schließlich alle geweckt.“ Er legte die Fingerspitzen aneinander, so als würde er beten. Nach kurzem Schweigen fuhr sein Blick zu dem Apostel, der den Toten begutachtet hatte. „Mendatius von Astaval, ich möchte Euch bitten, hier und jetzt den Leichnam zu untersuchen. Auf etwaige magische Rückstände, versteht sich.“ Trotz seiner Wortwahl machte der Tonfall des Clavis deutlich, dass auch diese Bitte nur als Befehl aufzufassen war.

Esben warf dem gealterten Ritter einen überraschten Blick zu, als er sich erhob und das Zelt verließ. Astaval galt heute als nahezu menschenleer. Dieser Mann musste bereits vor dem Krieg geboren worden sein. Ob er sich vielleicht sogar an Teshin erinnerte?

Tempelwächter Esben.“ Er zuckte zusammen, als Medardus’ lodernder Blick auf ihm ruhte. „Ihr habt gewisse Erfahrung mit Dämonen. Gibt es in Hornheim eine Person, die ihre Gestalt verändern kann?

Esben benötigte eine volle Sekunde, um den Worten des Inquisitors einen Sinn abzugewinnen. Er räusperte sich verlegen. „Ich denke nicht. Allerdings weiß ich von jemandem, der einen Menschen durch seine Magie auf jede beliebige Distanz betäuben und ihm unsanfte Träume bereiten kann …“ Die Erinnerung an Berith ließ Esben auch nun noch erschaudern. Ihn hatten während seiner Bewusstlosigkeit keine Visionen gepeinigt, aber Iliana waren solche Träume zuteilgeworden. Esben biss sich auf die Lippe. Er hätte sie genauer danach fragen sollen.

Wie heißt dieser Dämon?“, fragte Medardus.

Esben räusperte sich erneut. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an. „Berith.“

Der Clavis nickte und ein Raunen ging durch die Runde. Offenbar war er den gelehrten Aposteln nicht unbekannt.

Etwa jener Berith, der auch im ketzerischen Daymonikon erwähnt wird?“, fragte ein jüngerer Ritter erstaunt.

Esben kannte die Schrift, hatte sie jedoch nie zu Gesicht bekommen. Verbotene Bücher durften nur von Bischöfen eingesehen werden. Er setzte gerade zu einer Antwort an, als Medardus eine Hand hob.

Für Abgleiche wird später noch Zeit genug sein“, rief er. „Tempelwächter Esben, haltet Ihr es für wahrscheinlich, dass besagter Dämon in dieses Lager eingedrungen ist?“

Esben legte den Kopf schief. „Ich denke, es würde zu ihm passen“, erwiderte er schließlich. „Als ich gegen ihn gekämpft habe, erschien er mir als sehr hinterhältig.“ Ein weiteres Raunen brachte Esben in Verlegenheit. Er verkniff es sich, seine unrühmliche Niederlage zu erwähnen. „Ich denke, er würde sicherlich so vorgehen, um uns zu verwirren und unsere Moral zu zerrütten, vielleicht sogar um uns gegeneinander aufzubringen. Er hat schließlich auch Iliana im Traum heimgesucht.“

Medardus nickte. „Dennoch … es könnte sich auch um einen Trick handeln“, entgegnete er. „Möglicherweise befindet sich in diesem Lager tatsächlich eine Person, die mit den Dämonen zusammenarbeitet.“ Wieder ruhte sein Blick auf Esben. „Eure junge Gefährtin wurde beinahe getötet. Das war kein Fluch von diesem Dämonen, es war reines, profanes Gift. Jemand musste bei ihr sein, um es ihr zu verabreichen.“ Seine Augen wanderten weiter zu Abigor. „Eure Nichte hat sich doch um sie gekümmert, nicht wahr? Wir sollten sie befragen. Schließlich hat sie auch den Apostel Palayon gefunden. Sollte es sich bei dem Täter jedoch tatsächlich um einen Dämonen handeln, werden wir dies durch Euren Bericht herausfinden, Esben.“

Esben nickte. Er hatte die Zeit nach Ilianas Abreise mit der Niederschrift all seiner Informationen über die Dämonen Hornheims verbracht. Er musste nur noch Azraels Fähigkeiten erläutern.

In diesem Moment kehrte Mendatius in das Zelt zurück. Seine Augen glichen kaum sichtbaren Schlitzen. „Getötet wurde er durch eine Stichwunde, aber ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass Magie im Spiel war.“ Er räusperte sich, so als genierte er sich für seine folgende Vermutung. „Palaymon trägt eine schwarze Rune auf der Brust, die exakt jener gleicht, die der Choral des langen Schlafes verursacht.“

Schockiertes Schweigen machte sich breit. Entsetzen ergriff Esben. Berith beherrschte gewiss keinen Choral und auch die übrigen Dämonen konnten sich einer solchen Fähigkeit wahrscheinlich nicht rühmen. Was mochte das bedeuten?

Medardus nickte. Seine behandschuhte Faust umklammerte den Mauritiusstab wie eine tödliche Lanze. „Jemand hat den Choral des langen Schlafes angewandt, ihn aber ins Gegenteil verkehrt. Die Rune müsste weiß sein. Dass sie schwarz ist, kann nur bedeuten, dass sie mit gottloser Magie gezeichnet wurde.“ Medardus machte eine unheilsschwangere Pause. „Das ist Ketzerei. Was sage ich, es ist Dämonie! Jemand verhöhnt uns, indem er unsere eigenen Waffen zu profanen Tötungsmitteln umfunktioniert!“ Diese Nachricht schien Medardus mehr zu erregen als der Mord selbst.

Im nächsten Augenblick räusperte er sich jedoch und fing sich wieder.

Diese Versammlung hätte auch ohne diesen Mord stattgefunden“, erklärte er schließlich. Seine Augen glühten. „Mich hat heute, kurz vor Sonnenaufgang, ein Bote erreicht. Ein Dämon mit Löwenkopf ist in Aminas aufgetaucht und hat den Bischof entführt. Angeblich meinte er, er würde ihn für sein sündiges Leben in die Hölle hinabziehen.“

Erschrockene Blicke machten die Runde. Esbens Herz setzte einen Schlag aus. Er hatte angenommen, dass die Dämonen in Hornheim festsaßen, solange das Heer der Tempelsöhne den Weg durch den Heidenwald blockierte. Er erinnerte sich an den Dämonen mit dem Löwenkörper. Er hatte ihn vor zwei Tagen in Hornheim gesehen! Selbst wenn er sich sofort nach ihrer Niederlage auf den Weg gemacht haben sollte … die Zeit des Boten musste auch miteinberechnet werden … war dies schlichtweg unmöglich. Esben erschauderte. Konnten die Dämonen etwa an jedem beliebigen Ort erscheinen?

Die Apostel teilten seine Gedanken offenbar. Medardus nickte langsam.

Wir befinden uns hier in einem Krieg. In einem heiligen Krieg.“ Der Clavis erhob sich. „Diese Dämonen wollen ganz offenbar zur maßgeblichen geistlichen Instanz im Reich werden. Sie wollen sich selbst zu Göttern krönen und die Menschheit mit der Drohung der Hölle versklaven. Dies hier ist kein Kampf um Ehre oder Land … es ist ein Kampf um das Schicksal … um die Freiheit der Menschen.“

Mit diesen Worten entließ Medardus sie und Esben hatte das Gefühl, als bräche seine Welt nun endgültig zusammen.

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Azrael saß auf seinem steinernen Thron am Ufer und blickte hinaus auf die schwarzen Fluten des Sees Sökkvar. Er musste sich unwillkürlich fragen, wer Hornheim wohl geschaffen hatte. Ihm erschien es weitaus kunstvoller als seine Höllendimension.

Eine Hölle muss nicht kunstvoll sein, sie muss nur viel Feuer haben und wehtun, kicherte die Stimme in seinem Kopf.

Azrael ließ sie gewähren. Die Müdigkeit beraubte ihn seines Widerstands. Er hatte das Geheimnis dieser seltsamen Stimme noch nicht entschlüsselt und bezweifelte, ihr je auf die Spur zu kommen. Er hoffte nur, dass sie ihn im Kampf nicht behindern würde. Sie standen kurz vor dem Angriff auf das Lager der Tempelsöhne.

Herr!“, erklang plötzlich eine Stimme hinter ihm.

Azrael wandte sich um und erblickte Ungoros. Der Dämon besaß die wohl hässlichste Gestalt in ganz Hornheim. Er glich einem großen, runden Fleischklumpen voller Falten, aus dem zwei kaum erkennbare Augen seine Umgebung anfunkelten. Ein dünner Strich bildete seinen Mund. Missgebildete Beine entwuchsen ihm und zwei winzige Fledermausflügel flatterten an seiner Seite. Azrael wusste, dass er sich mittels Magie in der Luft hielt. Anderenfalls könnten weder seine Flügel, noch seine Beine das Gewicht des klobigen Körpers tragen.

Kurz erlaubte Azrael sich einen Moment der Verwunderung. Als Mensch hätte er sich gewiss vor den weißen Maden geekelt, die Ungoros’ Falten durchstreiften und eitrige Flüssigkeit verspritzten. Doch nun … weder konnte er sich am Schönen erfreuen, noch konnte er das Hässliche verachten. Möglicherweise lautete der Grund dafür, dass Dämonen sich im Normalfall nicht fortpflanzen konnten und daher auch keinen Sinn für die Schönheit ihres Partners benötigten.

Azrael räusperte sich. „Was ist dein Begehr?“, fragte er förmlich. Er wusste, dass Ungoros lieber kunstvoll mit ihm sprach.

Der Fleischklumpen offenbarte nun seine poetischen Fähigkeiten. „Es wär nun gar soweit, dünkt es mich wilde, mich hinabzubegeben in düstere Gefilde. Denn ziemt es wohl kaum einem solchen Gott, sich zu genieren auf seines Kinders Schafott.“

Azrael nickte dankbar. Ungoros schlug ihm vor, an seiner statt die von ihm geschaffene Hölle zu überwachen. „Geh nur“, sagte er. „ich werde dich bald dort brauchen. Wie wir es abgesprochen haben.“

‘s deucht mich wohl, dass sie ruft, die Pflicht. So hinab, hinab, wo es rußt die Sicht.“ Azrael verdrehte die Augen, als Ungoros sich umwandte und auf das Portal dahinter zusteuerte. Seine Hölle beherbergte bereits einige Gäste. Erst tags zuvor hatte Malfegas den Bischof von Aminas entführt. Es war ein offenes Geheimnis, dass der Geistliche in seinem „Jungfernturm“ schreckliche Dinge tat.

Tja, schlechte Menschen gibt es überall.

Diesmal konnte Azrael der Stimme beim besten Willen nicht widersprechen. Sie klang sogar traurig.

Plötzlich drang eine andere Stimme an sein Ohr, die ihn ganz und gar nicht mit Trauer erfüllte.

Azrael!“

Er wandte sich um und erblickte Velis, die ungestüm auf ihn zurannte. Der Anblick des Sklavenmachers um ihren Hals versetzte ihm einen Stich. Er hatte es noch immer nicht geschafft, sie vom Fluch ihres grausamen Vaters zu befreien.

Er erhob sich und sie fiel ihm in die Arme. Wilde Wärme durchdrang Azrael, als ihre Lippen sich zum Kuss trafen.

Als Mensch hätte er sicherlich Gewissensbisse verspürt. Schließlich glich Velis’ äußerliche Gestalt einem Kind. Aber als Dämon beeinflussten ihn solche Emotionen nicht.

Velis lächelte spitzbübisch und ihre Augen funkelten, als sie sich an ihn schmiegte. Von Zeit zu Zeit kam es Azrael so vor, als sehnte sie sich regelrecht nach Berührung, wie als Beweis für ihre Existenz. Er schluckte. Sicherlich trugen die Taten ihres Vaters die Verantwortung dafür.

Velis war kein gewöhnlicher Dämon. Wie er Halgin und Esben gegenüber richtig vermutet hatte, handelte es sich bei ihr vielmehr um einen Halbmenschen. Anders als er war sie nicht gestorben. Als Tochter eines Dämons von Hornheim und einer seiner Untergebenen bildete sie im Gesetz der Fortpflanzung eine absolute Ausnahme.

Und?“, fragte sie nach kurzem Schweigen. „Werden wir es jetzt tun?“

Azrael nickte. „Die Gelegenheit ist günstig. Der Fürst von Aminas ist ein junger, unsicherer Mann und die Erinnerungen an die Taten dieses furchtbaren Bischofs haben die Herzen der Einwohner gegenüber der Denomination verhärtet. Aber das Wichtigste ist, dass uns kein Inquisitor in die Quere kommen kann.“

Ist es nicht irgendwie grotesk, dass die Menschen von Inquisioren mehr fasziniert sind als von Tugend und Reinheit?“, fragte Velis leise.

Vielleicht sind sie es deshalb, weil beides nicht existiert“, erwiderte Azrael verbittert. „Ich meine, sieh uns an. Jedes Gericht der Welt würde uns wegen Unzucht am Galgen baumeln lassen.“

Velis kicherte. Dabei klang sie immer wie ein normales Mädchen, das nicht bereits seit Jahrzehnten versuchte, die Welt zu retten. Azrael strich über ihr langes Haar. Ohne ihre Intervention wäre Irodeus noch König von Hornheim und er selbst würde nicht einmal existieren. Er verdankte ihr sowohl als Teshin, als auch als Azrael sein Leben.

Velis deutete auf den See Sökkvar. „Glaubst du wirklich, dass Androg dort begraben liegt?“

Azrael schnaubte. „Das fragst du mich? Ich existiere erst seit wenigen Monaten! Aber wenn du mich fragst, ist das eine Legende wie jede andere.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber dass man dort angeblich den Verstand verliert … das ist schon interessanter. Wir beide wissen, in welchem Zustand Sitraxa vor ihrem Tod war.“

Velis sah ihn überrascht an. „Sie ist tot? Ich dachte, Esben hätte sie in seinem Buch versiegelt!“

Azrael schüttelte den Kopf. „Er hat das Wesen versiegelt, das einmal eine gute Freundin von mir war, bevor Irodeus sie raubte und sie Sitraxa schenkte.“ Obwohl er diese Frau eigentlich nie getroffen hatte, schmerzte sein Herz beim Gedanken daran. Offenbar nahmen Teshins Erinnerungen mehr Einfluss auf seine Gefühlswelt, als er ursprünglich vermutet hatte. Ein ähnlicher Schmerz war ihm während des Kampfes gegen Halgin zuteilgeworden.

Bevor Velis zu einer Antwort ansetzen konnte, erscholl hinter ihnen lautes Gelächter.

Sieh sie dir an!“, rief Malfegas und schüttelte seinen gewaltigen Löwenkopf. „Da sitzen sie, Arm in Arm, und genieren sich nicht! Und das in so einer sittsamen Einrichtung wie der unseren!“

Beriths Miene blieb beherrscht, obwohl eine seiner Augenbrauen nach oben wanderte. Die beiden Dämonen standen erwartungsvoll vor ihnen.

Azrael atmete tief durch und erhob sich dann. Ernst umwölkte Velis’ Blick.

Nun würden sie die Initiative ergreifen.

Alles läuft nach Plan“, sagte er. „Iliana ist auf dem Weg nach Hrandamaer, Ashaya bereitet sich dort vor, Medardus lagert im Heidenwald und der Engel bleibt vorerst zurückgezogen. Aminas liegt ungeschützt da. Wir müssen es uns nur holen.“ Er warf einen Blick auf Malfegas. „Du bist dir sicher, dass die Hinrichtung heute stattfindet?“

Der große Löwe lachte unbeherrscht, wobei kleine Funken aus seinem Maul stoben.

Natürlich! Die eine Hälfte der Stadt freut sich auf das Bier, die andere auf die Schreie. Schließlich stehen der Bürgermeister und seine sieben Töchter auf dem Spielplan, das will niemand verpassen.“

Teshins Erinnerungen an den ersten Bürger der Stadt kamen ihm in den Sinn. Ein vollkommen unsympathischer Mensch, aber einen solchen Tod hatte er nicht verdient.

Azrael atmete tief durch. Dann wandte er sich um und watete in die schwarzen Fluten des Sees Sökkvar. Das dunkle Wasser ermächtigte Berith, in die Träume anderer einzudringen. Ihn hingegen ließ es Portale öffnen.

Jeder von ihnen musste nur einen Schritt tun, um mit der Läuterung der Welt zu beginnen.

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Gottes Hammer: Folkvang V

Ich seufze befreit und schlage wie wild mit meinen Flügeln, als die Winde mich umarmen. Mein Körper scheint mit jedem Tag leichter zu werden und es kostet mich immer weniger Anstrengung, mich zu bewegen.

Wie sollte es auch anders sein? Schließlich entstamme ich Folkvangs heiligen Hallen.

Ich spähe hinab auf das weite Land und lasse vor meinem geistigen Auge die Jahrhunderte vorüberziehen. So ungemein viele Menschen … alle emsig im Streben vereint. Wenn sie nur wüssten, was ich jetzt weiß. Wäre ihnen das Leben auf ewig vergällt oder könnten sie sich erst richtig daran erfreuen?

Trauer überkommt mich, als ich einen Blick auf Aminas werfe. Eine große Stadt voller Groll und Missgunst, voller Ungerechtigkeit und Leid. Kurz erlaube ich mir, in der Geschichte eines jungen Mädchens zu versinken, dass der Hexerei angeklagt und vor genau fünfzig Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Der Inquisitor hielt es zudem für angemessen, zwei kleine Kinder mit Peitschen über den Hauptplatz treiben zu lassen, bis ihre geschundenen Leiber zitternd in die Hände ihrer bleichen Eltern fielen.

Fürwahr, je stärker man auf Menschen einprügelt, desto stärker prügeln sie zurück.

Die beiden Kinder zogen zehn Jahre später in den Krieg und sahen lachend zu, wie eine Frau vor den Augen ihres fünfjährigen Sohnes von anderen Soldaten zu Tode gequält wurde. Der Sohn zog seinerseits zehn Jahre später in den Krieg und verübte einen Anschlag auf einen Sprössling von Hrandamaer. Er überlebte, aber der Sohn hatte den Groll in ihm entzündet. Und jetzt steht dieser Nachkomme Hrandamaers in einem Zelt im Heidenwald und ringt mit dunklen Mächten.

Es ist ein ewiges Rad.

Ich sehe eine Zeit lang zu. Ich weiß nicht, ob ich eingreifen soll. Ist es Trägheit, die mich auf diese Weise ummantelt? Ich schlage energisch mit den Flügeln, wie um diesen Verdacht zu entkräften.

Vor langer, langer Zeit habe ich Gott immer vorgeworfen, meine Stimme geraubt und dennoch niemandem geholfen zu haben. Ich habe ihn der Trägheit bezichtigt.

Jetzt bin ich wieder in dieser Situation, aber in einer anderen Rolle.

Ich spähe auf die Person hinab, die der Sohn Hrandamaers behandelt und erstarre. Ja, ich, eine Elphahir Folkvangs, erstarre.

Im nächsten Moment verlasse ich im Sturzflug die friedlichen Gefilde des Himmels und begebe mich hinab ins unheilsschwangere Reich meiner Herde.

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Abigor atmete schwer.

Er wusste nicht, welcher Trottel den Menschen von einem Exorzismus berichtet hatte. Er versuchte hier nur, das verdammte Gift im Körper dieses verdammten Mädchens zu neutralisieren. Seine Nichte stand zitternd neben ihm und hielt die Hände vors Gesicht geschlagen, während sie zusammenhangslose Worte hervorstieß, die wohl als Gebet gedacht waren.

Verdammt.

Iliana lag schweißgebadet auf dem Feldbett. Jegliche Farbe war aus ihrem schmerzverzerrten Gesicht gewichen. Eben hatte sie noch von einem seltsamen Traum berichtet, nun lag sie schon wie eine Leiche vor ihm.

Abigor schnaubte wutentbrannt, während er seine Kräfte sammelte und die heilige Magie förmlich durch ihre Venen jagte. Gottes Humor nahm sich recht eigentümlich aus, wenn er ein unschuldiges Mädchen zu sich rufen und ihn alten Sünder verschonen wollte.

Verdammt.

Er kannte das Gift. Ja, er kannte es sogar sehr gut. Sein Körper hatte bereits davon gekostet, in jener Nacht vor dreißig Jahren, als ein Knabe ein Attentat auf ihn verüben wollte. Diese verdammte Substanz lähmte ihr Opfer, sodass jede Bewegung unmöglich schien. Jedoch hieß dies nicht, dass der Tod schmerzlos vonstattenging. Im Gegenteil.

Abigor fluchte, als der helle Schein seines Zaubers verflog und seine Bemühungen wirkungslos blieben. Welcher verdammte Schleicher hatte ihr nur das Gift verabreicht? Oder stammte es noch aus Hornheim?

Abigor sah nur noch eine letzte Möglichkeit. Er hatte seine Stimme nicht geopfert, weshalb ihm der Zugriff auf die meisten Choräle verwehrt blieb. Aber einen kannte er, mit dessen Macht er in Hrandamaer ein Totenfeld auf einmal geläutert hatte.

Abigor sank nieder auf ein Knie und begann zu singen. Es handelte sich um die herzzerreißende Geschichte eines Bruders und seiner Schwester, die sich aus den Augen verloren und nach langen Irrwegen wieder zueinander fanden.

Er kam nicht weit.

Mit einem Mal erfüllte solche Heiligkeit das Zelt, dass dem Bischof sein eigener Choral plump und profan erschien. Abigor schirmte mit der Hand sein verbliebenes Auge ab, nur um sie überrascht wieder sinken zu lassen. Fassungslosigkeit meuchelte seine Gedanken.

Ein Engel stand vor ihnen.

Es handelte sich um eine Frau mit strahlend weißen Flügeln und gütigen Gesichtszügen, die in einer wallenden Robe, halb Stoff, halb Stahl, an das provisorische Krankenbett trat und Iliana eine Hand auf die Stirn legte. Der folgende Zauber ließ Abigor nach Luft schnappen und ihn geblendet sein verbliebenes Auge schließen. Als das Licht erlosch, regte sich das Mädchen schwach. Der Engel lächelte aufmunternd.

Dann stieß Iliana mit einem Mal einen langgezogenen Schrei aus.

Elinor stolperte vor Schreck und Abigors Hand fuhr zu seinem Schwert. Dünne Fäden aus Schatten schraubten sich aus Ilianas weit geöffnetem Mund. Der Engel schien das Gift förmlich aus ihrem Körper zu zwingen.

Abigor zuckte zusammen, als ein Handgemenge am Zelteingang den Vorgang störte. Lifas und Esben, der Priester, stolperten mit verwirrten Mienen in das Lazarett, die weit geöffneten Augen auf die eindrucksvolle Gestalt vor ihnen gerichtet.

In diesem Augenblick begann die Frau zu singen.

Abigor verstand die Sprache nicht, aber sie erschien ihm nichtsdestominder göttlicher als alles, was er zuvor gehört hatte. Die Töne griffen melodisch ineinander, wie die Hände feiernder Menschen, die in einem Tanzkreis ihrer Freude frönten. Alles hatte seine feste Ordnung und kein Wort blieb sich selbst überlassen in diesem kunstvollen Satzgeflecht.

Im nächsten Moment erhellte ein Lichtblitz den Raum, der Gesang endete und der Engel war verschwunden. Iliana saß aufrecht und gesund auf dem Bett, verwirrt blinzelnd, so als wäre sie gerade erst erwacht. Sie alle tauschten verwunderte Blicke. Niemandem erschienen einfache Worte der sakrosankten Stille des Moments angemessen.

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Ich muss nach Hrandamaer“, murmelte Iliana. Sie fühlte sich seltsamerweise beschwingt und voller Energie. Von den Auswirkungen des Giftes spürte sie nichts mehr.

Sie lehnte an einem dicken Baum, den wohl selbst zehn Tempelsöhne nicht umfassen könnten, und wartete auf Esbens Reaktion. Er wirkte fahrig und abgelenkt, so als erholte er sich immer noch von der Begegnung mit dem Engel. Als sie ihr Anliegen wiederholte, erschrak der gefallene Priester sichtlich, räusperte sich dann jedoch verlegen.

Hrandamaer ist kein Ort für eine junge Maid“, antwortete er vorsichtig.

Hornheim auch nicht!“, erwiderte Iliana bissig. „Und hier bin ich offenbar auch nicht sicher! Abigor meinte, dass ich vergiftet wurde. Hier muss es jemanden geben, der es auf uns abgesehen hat.“ Eine brennende Frage schlich sich auf Ilianas Zunge. „Abgesehen davon … was ist so schlimm an Hrandamaer? Lifas und Abigor müssen ja schließlich auch dort aufgewachsen sein!“

Esben rang sichtlich mit sich. Schließlich seufzte er ermattet und nickte langsam. „Erinnerst du dich an das Wort Hrandar?“

Iliana erschauderte. Velis’ untoter Diener Berengar kam ihr in den Sinn. „Ich werde es nie vergessen.“

Esben räusperte sich. Offenbar bereitete ihm dieses Thema Unbehagen. „Hrandamaer bedeutet übersetzt soviel wie Kunde von Untoten. Diesen Namen haben die Bewohner ihrer Heimat nicht selbst gegeben, er wurde in den übrigen Regionen nach der … Katastrophe gebräuchlich.“

Ihr Unwissen peinigte Iliana. „Welche Katastrophe?“

Esbens Blick schweifte ab. „Erinnerst du dich an Androgs Halle? In Hornheim?“

Iliana nickte. Sie entsann sich, dass Esben dort für eine Weile gelebt hatte.

Esben räusperte sich erneut. „Sie ist nach dem letzten König von Hrandamaer benannt. Sein Reich wurde nach seinem Tod in ein Herzogtum umgewandelt. Angeblich brachte er den Fluch über seine Heimat …“

Ganz genau.“

Iliana fuhr erschrocken zusammen und Esben vollführte einen Satz nach hinten. Lifas stand kerzengerade vor ihnen, seine Miene blieb bar jeder Emotion.

Kurz kehrte Stille ein. Lifas’ kühle Augen schienen bis auf den Grund von Ilianas Seele zu starren. Dann umspielte der Anflug eines Lächelns seine schmalen Lippen.

Ich habe vom Inquisitor und heiligen Clavis Medardus den Befehl erhalten, umgehend in meine Heimat zurückzukehren. Ihr sollt mich begleiten, Fräulein Iliana.“ Dabei verneigte er sich galant. „In Hrandars Faust residiert das Orakel, das Euch vom Einfluss der Dämonen befreien wird.“

Ilianas Herz schlug schneller. Ihr Verdacht, dass jemand im Lager der Tempelsöhne mit Hornheim in Verbindung stand, erhärtete sich. Konnten solche Zufälle existieren? Oder hatte Berith dies alles geplant?

Was ist mit mir?“, fragte Esben prompt.

Lifas schüttelte den Kopf und deutete mit dem Kinn auf das Buch, das Esben nun in einem Gerüst um den Oberkörper geschlungen trug. „Eure Fähigkeiten werden gebraucht.“ Damit wandte er sich wieder an Iliana. „Ich lasse Euch noch Zeit für den Abschied, dann brechen wir umgehend auf.“

Ich würde Elinor auch noch gern Lebewohl sagen“, rief Iliana, als Lifas sich umdrehte.

Kurz schien es, als bohrte sich eine Art Stachel von Menschlichkeit in die undurchdringliche Fassade des jungen Ritters. Aber der Moment endete sofort und er nickte nur. „Ich warte vor dem Lazarett auf Euch!“, rief er.

Er ließ unangenehmes Schweigen zurück.

Iliana kannte Esben seit kaum zwei Tagen und dennoch schien er schon ein fester Teil ihres Lebens geworden zu sein. Bei dem Gedanken, auch noch ihn verlassen zu müssen, schmerzte Ilianas Herz. Vielleicht geriet sie auf diesem Wege sogar in die Falle der Dämonen. Dennoch, sie musste etwas tun. Sie benötigte ein Ziel, ein etwas, auf das sie hinarbeiten konnte. Möglicherweise handelte es sich dabei auch nur um eine Ausrede ihrer selbst, um der Verantwortung des Denkens so elegant wie möglich zu entkommen, aber sie besaß keine Perspektive, keine Überzeugung. Esben hatte eine Kirche, für die er kämpfen wollte, sie hatte nur ihr Leben.

Er schien all dies zu verstehen.

Ich brauche wohl Zeit, um das alles zu verarbeiten“, murmelte sie, während ihr Blick auf den grünen Boden fiel. Die Grashalme wiegten sich sacht im sanften Wind.

Esben nickte langsam. „Du bist vielleicht noch ein Kind, aber du sprichst schon wie eine Erwachsene“, erwiderte er leise. „Aber das ist wohl das Schicksal jener, die wie du so früh solches Leid mitansehen müssen.“

Zu Ilianas Überraschung kniete er vor ihr nieder und nahm sie in den Arm. Etwas zögerlich erwiderte sie die Geste.

Sie schwor sich, diese Erinnerung immer in ihrem Herzen zu bewahren.

 

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Ein Engel? Also eine Elphahir Folkvangs?“, fragte Medardus langsam. Abigor schluckte. Dank der Maske konnte er die Gefühle des Inquisitors unmöglich erraten.

Falls er überhaupt welche hegte.

Es scheint so“, erwiderte er. „Mehr noch, der neu eingesetzte Tempeldiener Esben wirkte, als ob er die Person kannte. Er bleibt jedoch verschlossen.“

Kurz kehrte Stille ein. Medardus machte keine Anstalten, weiterzusprechen. Abigor räusperte sich und fuhr fort. Die respektvolle Anrede fiel ihm mit zunehmendem Alter immer schwerer. „Ehrwürdiger Clavis, wenn die Anmerkung erlaubt ist, viele Legenden bewahrheiten sich in dieser unruhigen Zeit. Hornheim, Sankt Esbens erste Kirche, Androgs Chronik und nun auch noch Folkvang? Was geschieht hier?“

Einen Moment lang schien es, als bliebe ihm der Inquisitor die Antwort schuldig. Schließlich erhob er sich jedoch und griff nach seinem Mauritiusstab.

Gottes Hammer regt sich. Das geschieht.“

Aber was ist Gottes Hammer?“, rief Abigor verzweifelt. „Ist das ein Dämon? Oder ein Engel?“

Medardus trennte die Verbindung zu dem heiligen Nexus um seinen Stuhl. Er war wieder stumm.

Abigor verstand, murmelte einen Salut und zog sich zurück. Außerhalb des Zeltes machte er seinem Ärger Luft, indem er ein lautes Knurren losließ. Zwei Novizen, die das Zelt des Clavis bewachten, fuhren erschrocken zusammen. Ja, es gab einen Grund, warum manche ihn nur unter dem Namen „der Bär“ kannten.

Er musste endlich herausfinden, worum es sich bei Gottes Hammer wirklich handelte. Medardus verbarg weitaus mehr vor ihm, als nur sein Gesicht.

Er wusste auch, wie er dies schaffen konnte.

Abigor wandte den Blick gen Westen. Die Sonne ging langsam unter. Er fühlte, wie die Kraft in seine Glieder zurückkehrte. Ja, nachts war er wirklich er. Nachts konnte er seine wahre Macht nutzen.

Ohne Umschweife betrat er das Zelt von Hrandamaer. Esben schlief bereits. Er war ein wahrhaft frommer Priester, auch wenn er ein heidnisches Buch benutzte. Wenn er nur wüsste …

Abigor fand, wen er gesucht hatte. Siegbert kauerte zitternd in einer Ecke und musterte ihn ängstlich. Er fühlte, dass seine Zeit gekommen war.

Niemand hielt ihn auf, als er zusammen mit seinem Bediensteten das Lager verließ.

In dieser Nacht fand Abigor keinen Schlaf mehr.

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Gottes Hammer: Folkvang IV

Die hellen Sonnenstrahlen flimmerten im Zelteingang. Esben blinzelte müde und setzte sich langsam auf. Kurz bereitete es ihm Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Er warf verwirrte Blicke um sich, erzeugt von einem ermatteten Geist, bis seine Gedanken wieder aus dem Meer des Schlafes auftauchten.

Lifas hatte ihn als Gast in das Zelt der Ritter von Hrandamaer eingeladen. Es handelte sich um eine gewaltige Unterkunft, die selbst Medardus’ taktischen Stützpunkt inmitten des Lagers übertraf. Esben erschien dies befremdlich. Außer ihm und Lifas nächtigten nur Abigor und ein Mann namens Siegbert hier. Esben sah auch in der äußerst bescheidenen Inneneinrichtung keinen Grund, solche Dimensionen anzustreben.

Habt Ihr wohl geruht?“

Esben bedeckte die Augen mit einer Hand. Im Zelteingang erblickte er Lifas’ Silhouette. Er trug bereits seine Rüstung und den gewaltigen Streithammer. Erneut bewunderte Esben die Körperkraft des jungen Mannes. Seine Statur ließ nicht auf solche Macht schließen.

Durchaus. Was ich nur Eurer Gastfreundschaft zu verdanken habe“, erwiderte Esben höflich, während er sich erhob und ankleidete.

Und der Gnade des Herrn.“ Lifas’ Augen funkelten, als er vom Schöpfer sprach.

Esben entdeckte Siegbert in einer Ecke des Zeltes. Es handelte sich um einen kleinen, gedrungenen Mann, dessen Leibesumfang das Beeindruckendste an ihm darstellte. Sein Gesicht wirkte wie ein Flickwerk aus rohen Fleischklumpen. Aufgedunsen und gerötet hing die Haut von seinem Schädel. Esben fühlte sich an die Pest erinnert, die Aminas vor vielen Jahren heimsuchte. Flüchtlinge aus Astaval hatten die schreckliche Seuche in die große Handelsstadt gebracht. Möglicherweise zählte Siegbert zu den glücklichen Seelen, die dem Tod trotz einer Infizierung von der Schippe gesprungen waren.

Esben grüßte ihn mit einer Geste. Siegbert warf ihm einen überraschten Blick zu, so als hätte er ungeheuerliche Anschuldigungen von sich gegeben. Nach einem kurzen Moment erwiderte er jedoch stumm den Gruß und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Wie Esben nun erst bemerkte, schnitt er Karotten.

Lifas beachtete den Diener nicht, obwohl seine Mundwinkel zuckten. Offenbar schätzte er Siegbert gering. „Kommt!“, sagte er nur. „Mein Onkel meinte, ich soll Euch das Lager zeigen!“

Esben folgte dem jungen Ritter nach draußen. Sein Herz klopfte. Er hatte bereits viele Geschichten über das sündige Leben der Soldaten gehört. In Lagern wie diesen ertränkten angeblich Söldner ihre Sorgen in Wein und boten Konkubinen ihre Körper an. Zwar hätte er vor einigen Monaten den Tempelsöhnen solche Verfehlungen niemals zugetraut, aber mittlerweile erschien ihm auch dies nicht mehr abwegig. Die Welt war fürwahr ein wüster Ort und die Sünde führte ein unvergleichbares Regiment.

Folglich überkam ihn große Überraschung, als der morgendliche Anblick ihm das Gegenteil demonstrierte.

Überall sah er gerüstete Gestalten, die sich vor ihren Zelten zum Morgengebet niederließen. Manche murmelten mit geschlossenen Augen Worte, andere sangen in Gruppen heilige Choräle. Das Bild der Frömmigkeit linderte Esbens Schmerz einen himmlischen Moment lang, in dem er beinahe den Glauben an die Vorsehung und die Schöpfung zurückgewann.

Lifas sah ihn ausdruckslos an. „Habt Ihr heute schon gebetet?“

Esben schüttelte den Kopf. „Nein.“

Dann tut es jetzt.“ Lifas ließ sich ebenso nieder wie die übrigen Ritter und faltete die Hände. Er betete stumm.

Esben tat es ihm nach. Doch im nächsten Moment hielt er inne. Was sollte er beten?

Als Priester waren ihm die meisten Texte bekannt und er hatte die Worte öfter gesprochen als er zählen konnte. Aber die meisten trugen den Geschmack von Aminas in sich. Sie blieben ihm im Halse stecken, während die bewundernden, Trost suchenden Gesichter der Gläubigen vor seinem inneren Auge schwebten. Er hatte sie begleitet und beschützt, sie getröstet und geeint. Wie konnten sie alle zu Bestien werden und seine Schwester angreifen?

Esben verschloss sich diesem Gedanken. Auf seiner Reise nach Hornheim hatte er ihn oft genug gequält. Stattdessen begann er zu sprechen. Es handelte sich um ein Gebet aus Kindertagen, das ihm auch jetzt noch ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermittelte.

Kurze Zeit später ließen die beiden das Zelt von Hrandamaer hinter sich und Lifas begann mit der Führung.

Dort seht Ihr das Speisezelt“, erklärte Lifas. „Euch wird es nicht betreffen, da Ihr als unser Gast mit uns im Zelt die Mahlzeiten einnehmen werdet. Mein Onkel ist ein Apostel des Heeres, weshalb wir einen eigenen Koch anstellen durften.“

Soweit Esben wusste, spielte das gemeinsame Mahl für die Tempelsöhne eine große Rolle. Die Apostel hingegen mussten alleine speisen, um ungehindert die Taktiken für die Schlacht erarbeiten zu können. Esben entsann sich der Worte seines Namensgebers, dem Erbauer der ersten Kirche. Sankt Esben hatte einst über Ähnliches sinniert.

Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen. Als solches versteht er die Gefahr der Sünde und sieht von ihr weitgehend ab. Die Menschen hingegen sind ein närrisches Konglomerat von animalischen Trieben. Die Menschen verlieren ihr Bewusstsein und lassen sich als Teil einer großen Masse auf die Sünde ein wie kein anderes Geschöpf Gottes es vermag.

Gesellschaft fördert Sünde“, zitierte Esben.

Lifas nickte. „Und dennoch können wir nur in Gesellschaft das Böse bekämpfen.“

Esben betrachtete den jungen Ritter genauer. Sein Gesicht verriet keine Regung.

Lifas war ihm ein Rätsel. Er wirkte stets zurückhaltend und distanziert, so als wollte er mit niemandem eine Bindung eingehen. Esben erschien es vollkommen unrealistisch, dass Lifas weinen oder lachen konnte. Er wirkte vielmehr wie in Stein gemeißelt, kalt und unzerstörbar.

Sie durchstreiften weiter das Lager, bis Esben mit einem Mal ein Gedanke kam. Er wollte bereits seit dem gestrigen Abend danach fragen.

Gibt es hier einen Schmied?“, fragte er.

Lifas musterte ihn überrascht. Zum ersten Mal schien Esben ihn aus der Fassung gebracht zu haben. „Benötigt Ihr etwa einen Harnisch?“, fragte Lifas. „Den müsst Ihr nicht erst schmieden lassen. Unser Rüstmeister verfügt über einen großen Vorrat an offensiver und defensiver Kampfausstattung.“

Bei dem Gedanken, sich erneut mit den Mächten Hornheims messen zu müssen, erbebte Esben. Er räusperte sich verlegen. „Nein, es geht um etwas anderes.“

Lifas fragte nicht nach. Er führte ihn in die Rüstkammer, die in Form mehrerer schwer beladener Wagen neben Medardus’ Zelt lag.

Unser Rüstmeister Hartfried ist auch ein Schmied“, erklärte er. „Seine Ausrüstung liegt natürlich noch im Tempel des Vaters, da man einen Amboss schlecht transportieren kann.“ Esben war unschlüssig, ob er Sarkasmus in Lifas’ Stimme vernahm. „Sprecht am besten mit ihm.“

Esben war in Aminas mehreren Schmieden begegnet, doch Hartfried stellte sie alle in den Schatten. Er war ein Hüne, sicherlich mehr als vier Ellen groß, und schritt hastig mit geballten Fäusten und leicht vornübergebeugt auf Esben zu, so als ob er sich stets um ein Maximum an Geschwindigkeit bemühte. Er trug einen Lendenschurz und einen langen Mantel, der ihn wie eine Gewitterwolke umgab.

Ihr seid neu? Gut. Braucht Ihr Waffen? Helme? Stulpen? Den Sax kann ich durchaus empfehlen!“

Was ist denn ein Sax?“, fragte Esben mit zitternder Stimme, während Hartfried ihm die Hand schüttelte. Der Rüstmeister schien ihm den Arm ausrenken zu wollen.

Kaum waren die Worte verklungen, entschwand Hartfried und kehrte mit einer kleinen Hiebwaffe zurück. Bis Esben ihm verständlich machte, dass er keine Waffen brauchte, türmte sich bereits ein Arsenal stählerner Tötungsinstrumente vor seinen Augen.

Was ist dann Euer Begehr?“, fragte Hartfried verblüfft.

Ich brauche eine Kette“, erklärte Esben und zog den Folianten hervor. „Eine Verbindungskette zwischen meinem Arm und diesem Buch. Handschellen, sozusagen. Könnt Ihr eine solche Vorrichtung herstellen?“

Zum ersten Mal fehlten Hartfried die Worte. Aber scheinbar nur, weil seine Gedanken wie ein Sturm durch seinen Kopf fegten. Schließlich leckte der Hüne sich nervös die Lippen und schüttelte den Kopf.

Herstellen kann ich diese Kette nicht, dafür müsste ich in meiner Schmiede sein. Aber ich glaube, ich habe dennoch etwas, was Euch helfen könnte.“

Sprach’s und war verschwunden. Esben sog erschöpft die Luft ein. Das Gespräch mit dem dynamischen Schmied ermüdete ihn zunehmend. Ob Hartfried sich wohl je Ruhe gönnte?

Einen Moment später kehrte der Hüne mit einer seltsamen Vorrichtung zurück. Esben erinnerte sie an ein Folterinstrument.

Sie bestand aus einem quaderförmigen metallenen Gerüst, von dem mehrere Ketten ausgingen. Hartfried trug es mit spitzen Fingern, so als missfiele ihm allein dessen Existenz.

Das könntet Ihr Euch um den Oberkörper schlingen“, erklärte er. „Wenn das Buch in das Gerüst passt, könnt Ihr es stets bei Euch tragen und habt dennoch beide Hände frei.“

Esben nahm die seltsame Vorrichtung entgegen. Der Foliant passte tatsächlich. So dürfte es selbst Berith schwerfallen, ihm das Buch zu entreißen. Bei der Erinnerung an ihren Kampf in Velis’ Halle liefen eiskalte Schauer über Esbens Rücken.

Damit habt Ihr mir einen großen Gefallen getan! Möge der Herr es Euch vergelten!“, sagte Esben und neigte den Kopf.

Hartfried wirkte dennoch unglücklich. „Ihr solltet nur gut auf Euch achtgeben!“, erwiderte er in einem deutlich langsameren Ton. „Man erzählt sich, dieses Konstrukt sei verflucht. Der ehrwürdige Inquisitor und Clavis Medardus hat es mir nach mannigfaltigem Gebrauch überlassen.“

Esbens Inneres gefror. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen.

Lifas stellte keine Fragen, als er Esben mit dem Gerät sah. Falls er dessen Zweck kannte, ließ er es sich nicht anmerken.

Sie setzten den Rundgang fort, bis sie zum Lazarett gelangten. Esben sah bereits von Weitem, das etwas nicht stimmte. Eine Ansammlung von Menschen blockierte den Eingang.

Lifas runzelte die Stirn. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er beschleunigte seinen Schritt.

Esben folgte ihm. Furcht umklammerte sein Herz wie eine eiskalte Klaue. War Iliana etwas zugestoßen?

Verzeiht!“, rief Lifas und wandte sich einem älteren Tempelsohn zu. „Was geht hier vor sich?“

Der Mann wirkte beunruhigt. „Das junge Mädchen, das gestern angekommen ist, scheint von dämonischen Mächten heimgesucht zu werden. Bischof Abigor führt in diesem Moment einen Exorzismus durch.“

Bei diesen Worten zerriss ein markerschütternder Schrei die Luft.

Panik ergriff Esben. Iliana war die letzte Person aus seinem Leben, der letzte Anker, an dem er sich festhalten konnte. Er hatte bereits seine Schwester verloren, dann Teshin und auch seinen Lehensherr Halgin … Iliana durfte nicht die nächste Person sein.

Von grimmiger Entschlossenheit erfüllt schob Esben das Buch in das Gerüst und schlang die Kette um seine Brust. Das kühle Metall presste die dünnen Gewänder schmerzvoll gegen seine Haut.

Unsanft bahnte Esben sich einen Weg durch die Menge und betrat das Zelt.

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Korrekturen 18

Teil 18 – High Noon (3/3)

»Erzählen Sie mir doch etwas Neues. Hat Thoben Sie geschickt?«
»Ich hatte Ihnen bereits gesagt, dass wir die Guten sind«, wiederholte Khendrah. »Wir haben ein Interesse daran, dass die Wahlen mit und nicht ohne Sie stattfinden werden. Allerdings liegen uns Informationen vor, wonach es gleich zu einem Attentat kommen wird, mit dem Ziel, Sie zu töten. Wir sind hier, um genau das zu verhindern.«
Diese Eröffnung schockte Gunter. Thomas sah es ihm an.
»Bitte drücken Sie nicht auf ihren Signalgeber«, bat er. »Wir werden uns darum kümmern, dass Ihnen nichts geschieht.«
Khendrah hatte inzwischen ihre Uniformjacke ausgezogen und holte diverse Ausrüstungsgegenstände aus ihrer Kombination. Mit geschickten Händen setzte sie ein kleines, elektronisches Gerät zusammen.
»Reichst du mir bitte einmal den Projektionskristall?«, bat sie Thomas.
Er griff in seine Tasche und reichte ihr das Gewünschte.
»Was tun Sie da?«, wollte Gunter wissen.
»Wir müssen Sie aus der Schusslinie bekommen«, erklärte Khendrah. »Und was ist besser, als Attentäter, die ein Ziel dort sehen, wo eigentlich keines zu finden ist?«
Sie richtete das Gerät auf Gunter und schaltete es ein.
»Was zum Teufel …?«, entfuhr es Gunter.
»Es ist eine Art Kamera«, erklärte sie. »Bitte bewegen Sie sich nur ganz leicht. Es ist wie ein Film. Man wird Sie sehen können. Wenn Sie sich möglichst normal bewegen, wird es um so natürlicher Aussehen.«
Nach kurzer Zeit drückte Khendrah eine Taste am Gerät und kam mit ihm um den Tisch herum auf Gunter zu. Erst jetzt fiel ihr auf, wie ähnlich Gunter Thomas sah. Sie hoffte, dass es nicht auch Gunter auffallen würde, denn sie hatte nicht vor, ihn mehr einzuweihen, als unbedingt nötig war.
Sie legte das Gerät auf den Boden und schaltete es ein. Sofort baute sich ein Feld darüber auf, in dem Gunter so erschien, wie Khendrah ihn kurz zuvor aufgenommen hatte.
»Jetzt hol mich doch …«, entfuhr es Gunter. »Was ist das für ein Gerät? Ich habe so etwas noch niemals gesehen.«
»Ein holografischer Projektor«, erklärte Khendrah. »Kommen Sie jetzt bitte hinter dem Schreibtisch hervor, Herr Manning-Rhoda. Diese Maßnahme dient nur Ihrem Schutz. Wir rechnen jeden Augenblick damit, dass eine Gruppe von PEV-Aktivisten hier erscheint, um Sie zu töten.«
»Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!«, sagte Gunter. »Sicher, die PEV ist unser Wahlgegner, aber das sind doch keine Killer.«
Trotzdem kam er hinter dem Schreibtisch hervor und blickte zu seiner Projektion zurück, die an seiner Stelle hinter dem Schreibtisch stand und sich leicht bewegte.
»Das ist faszinierend«, sagte er. »Es sieht täuschend echt aus.«
»Das ist ja gerade der Sinn der Sache«, betonte Thomas. »Man soll ja glauben das dort wären Sie.«
Gunter stand nun direkt vor Thomas und sah ihn nachdenklich an.
»Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind? Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.«
»Sie müssen sich täuschen«, entgegnete Thomas.
Er deutete auf ein paar Stellwände im Hintergrund des Raumes.
»Ich würde Sie bitten, sich dort hinter zu verstecken und uns zu überlassen, auf unsere Gegner zu warten.«
Gunter zuckte mit den Schultern, wandte sich um und verschwand hinter den Wänden, ohne weitere Fragen zu stellen. Sie würden im Ernstfall zwar keinen echten Schutz bieten, doch war er für eventuelle Angreifer erst einmal nicht zu sehen.
»Wie gehen wir es jetzt an?«, fragte Thomas Khendrah. »Wir wissen ja nicht einmal, wie viele es sein werden und von wo sie kommen.«
»Im Grunde müssen wir auf alles gefasst sein. So wie wir es geschafft haben, bis hierher vorzudringen, kann es auch jede andere Gruppe schaffen. Je größer die Gruppe, um so schwieriger sollte es jedoch sein. Ich rechne daher mit nicht mehr als vier Leuten. Ich glaube, dass sie entweder durch die Tür kommen werden, oder durch eine der Innenwände.«
»Dann sollten wir uns trennen und etwas Raum zwischen uns lassen«, schlug Thomas vor, »Damit wir unsere Waffen effektiv zum Einsatz bringen können.«
»So machen wir es«, akzeptierte Khendrah. »Aber stell deine Waffen auf tödliche Schocks ein. Wir werden uns nicht damit aufhalten, ganz exakt treffen zu müssen, um sie zu betäuben. Diese Leute werden auch keine Rücksicht nehmen und ehrlich: Ich würde es begrüßen, hier unverletzt und aufrecht wieder herauszukommen.«
Sie küssten einander kurz und trennten sich dann, um sich strategisch günstige Plätze zu suchen, von wo man einen möglichst großen Aktionsradius hatte.

Drei Männer und eine Frau gingen ruhig und zielsicher durch die große Haupthalle des Kongresszentrums. Sie trugen die übliche Uniform der Sicherheitsbeamten und besaßen jeder einen auf ihn ausgestellten Unbedenklichkeitsausweis. Sie gehörten auch dem Sicherheitsdienst an. Was niemand ahnte: Es handelte sich um glühende Anhänger der PEV und so war es ihnen eine Ehre, diesen Auftrag anzunehmen, als das Büro von Herwarth Thoben sie darum bat, ein bestimmtes Problem zu lösen.
Niemand sonst hätte sich offensichtlich gut bewaffnet unbehelligt durch das Gebäude bewegen können. Zwischendurch hatte es eine Unregelmäßigkeit gegeben, als offenbar eine männliche und eine weibliche Person sich unrechtmäßig Zugang zum Gebäude verschafft hatten. Sie hatten zunächst geglaubt, ihre Pläne ändern oder aufgeben zu müssen, doch hatte man keinen Verdacht geschöpft. Man konzentrierte sich ganz auf die Suche nach den beiden Personen, die sich noch immer irgendwo im Gebäude befinden mussten. Sie beschlossen, sich nicht darum zu kümmern und stattdessen die Suche nach den Personen für ihre Zwecke auszunutzen.
Wann immer sie gefragt wurden, wo sie hinwollten, reichte der Hinweis auf die Gesuchten, sie passieren zu lassen.
Inzwischen befanden sie sich im Gang, der zu Gunter Manning-Rhoda führte. Sie hassten den Mann nicht, aber es war ein Feind der PEV und Thoben hatte angeordnet, ihn zu liquidieren. Es sollten keinerlei Rücksichten genommen werden.
Sie redeten nicht viel miteinander. Sie mussten es auch nicht, denn jeder kannte seine Aufgabe. Sie waren ein Team – ein tödliches Team.
Vor der Tür zu Gunters Räumlichkeiten angekommen, verteilten sie sich links und rechts neben dem Eingang. Sie fassten in ihre Kragen und zogen spezielle Kapuzen heraus, die sie sich komplett über die Köpfe zogen, sodass ihre Gesichter nicht mehr zu erkennen waren. Gleichsam zogen sie Handschuhe aus dem gleichen Material an. Ihre Auftraggeber hatten keine Kosten und Mühen gescheut und ihnen hochmoderne Kevlar-Schutzanzüge spendiert. Diese hauchdünnen und federleichten Ganzkörperanzüge waren das Modernste, das die Waffenindustrie zum Schutz von Soldaten entwickelt hatte. Sie leiteten einerseits elektrische Spannungen und Schocks über die Oberfläche ab und hielten andererseits sogar Stahlmantelgeschosse auf. Der Getroffene würde mit Prellungen und leichten Verletzungen davon kommen.
Die Frau nickte den anderen zu und klopfte an die Tür. Sie machten sich bereit. Sobald sich die Tür öffnen und sich ein Sicherheitsmann melden würde, würden sie zuschlagen, doch nichts geschah. Sie blickten auf ihre Uhren. Es war Sitzungspause – ihre Zielperson musste jetzt in seinen Räumen sein. Sie klopfte ein weiteres Mal, doch wieder tat sich nichts.
Die Frau sah zu ihren Kollegen und sagte leise: »In Ordnung, wir gehen rein.«
Sie fassten ihre Waffen fester und hielten sie auf die Tür. Sie hatten Schalldämpfer aufgeschraubt, um die Lärmbelästigung auf ein Minimum zu beschränken. Die Frau zielte auf das Schloss der Tür, welches mit einem Knall zerbrach. Sie blickten sich in beide Richtungen des Ganges um, dann trat einer der Männer die Tür auf und sie stürmten hinein. Sie schwärmten sofort aus und bemühten sich um ein umfassendes Gesamtbild des Raumes.
Gunter Manning-Rhoda stand hinter seinem Schreibtisch vor dem Fenster und blickte ihnen sprachlos, jedoch nicht verängstigt entgegen. Gleichzeitig legten sie ihre Waffen auf ihn an und feuerten. Vier Thermo-Geschosse flogen auf ihr Opfer zu und schlugen hinter Manning-Rhoda ins Fenster ein. Die Hitzeentwicklung war unerträglich. Das Glas des Fensters schlug Blasen und zerriss wie Papier. Eine Alarmanlage schrillte, doch die Attentäter ignorierten es. Sie waren entsetzt, sehen zu müssen, dass ihr Opfer noch immer hinter dem nun brennenden Schreibtisch stand und sie ansah. Das war nicht möglich. Ein Thermo-Geschoss hätte seinen Körper entzünden müssen wie eine Fackel. Plötzlich flackerte das Bild von Manning-Rhoda und verlosch schließlich.
»Wir sind reingelegt worden!«, rief einer der Männer. »Das muss eine Projektion gewesen sein!«
»Wir müssen weg!«
Die Feuerlöschanlage nahm ihre Tätigkeit auf und von der Decke regnete es aus feinen Düsen eine chemische Flüssigkeit, die den Brand eindämmen sollte.
Khendrah, die sich beim ersten Anzeichen des Eindringens der Attentäter hinter eine Couch geduckt hatte, erhob sich leicht und feuerte mit ihrer Waffe auf den Mann, der ihr am nächsten stand. Er war sofort mit kleinen Blitzen und Feuerkaskaden überzogen, die über seinen gesamten Körper zu wandern schienen. Er zuckte zwar zusammen, doch er fiel nicht um. Sein Kollege reagierte unglaublich schnell und feuerte in ihre Richtung. Nur ihrer guten sportlichen Konstitution hatte sie es zu verdanken, dass sie dem Inferno entkam, welches das Thermo-Geschoss entfachte, das in der Couch einschlug, hinter der sie sich versteckt hatte. Khendrah hatte sich mit einer Flugrolle in Sicherheit gebracht, doch nun wussten ihre Gegner, wo sie sich befand.
»Thomas, auf Anilihation umschalten!«, schrie sie. »Sie haben Schutzanzüge!«
Sofort feuerte sie auf ihren Gegner, der bereits wieder auf sie angelegt hatte. Diesmal zeigte der Treffer Wirkung. Die Waffe und der halbe Arm des Mannes verschwanden plötzlich. Durch die Maske war das Gesicht des Getroffenen nicht zu erkennen, aber der gellende Schrei war nicht zu überhören. Völlig kopflos rannte er herum. Die Anderen kümmerten sich nicht um den Verletzten Kameraden, sondern nahmen Khendrah unter Feuer. Wieder gelang es ihr, durch einen beherzten Sprung zu entkommen.
Nun griff Thomas ins Geschehen ein und feuerte von seinem Standort aus auf die Angreifer. Die Frau wurde getroffen und verschwand zur Hälfte. Er musste würgen, als er erkannte, was nach seinem Schuss von seinem Ziel übrig geblieben war. Doch ihm blieb keine Zeit, seinem Gefühl nachzugeben, denn die beiden verbliebenen Männer feuerten mit dem Mute der Verzweiflung. Nun zeigte sich, dass Khendrahs hartes Training Früchte trug. Sowohl Khendrah, als auch Thomas waren nun ständig in Bewegung und bildeten somit nur schwer zu treffende Ziele. Gleichzeitig schossen auch sie aus allen Lagen. Die Angreifer hatten dazugelernt und verstanden es nun, sich ebenfalls hinter Teilen der noch verbliebenen Ausstattung zu verstecken. Khendrah und Thomas mussten mit ihren Waffen quasi erst die Deckung ihrer Gegner auflösen, bevor sie einen wirkungsvollen Treffer landen konnten.
Schließlich war es vorbei. Die Attentäter waren tot. Khendrah und Thomas erhoben sich und sahen einander an. Sie hatten beide Einiges abbekommen. Von Khendrahs Uniform war nicht mehr viel übrig geblieben. Sie hatte einige Kratzer im Gesicht und blutete am Arm. Thomas blutete aus einer Wunde an der Stirn und hatte eine Brandwunde am linken Arm.
Gunter kam vorsichtig hinter seiner Stellwand hervor. Keiner der Attentäter war auf die Idee gekommen, dass er sich dort versteckt haben konnte. Er blickte sich vorsichtig um und war entsetzt. Was er hier sah, war ein regelrechtes Gemetzel.
»Mein Gott!«, entfuhr es ihm, »Was haben Sie hier angestellt?«
Khendrah deutete auf die Überreste der Angreifer.
»Wir haben das so nicht gewollt, aber diese Leute wollten Ihren Tod und das durften wir nicht zulassen.«

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In eigener Sache:
Diese Geschichte wird bereits seit vielen Wochen als Fortsetzungsgeschichte gepostet und es könnte noch etliche Wochen so weitergehen, bis sie ihr Ende erreicht. Ursprünglich wurde der Roman natürlich nicht als Fortsetzungsgeschichte konzipiert, sondern als homogener Text. Er muss also stets aufbereitet werden, um hier erscheinen zu können.
Nun musste ich leider feststellen, dass kaum jemand überhaupt Interesse an der Geschichte hat. Das hat mich bewogen, das Posten weiterer Teile auszusetzen. Der Aufwand, weitere Teile bereitzustellen, lohnt nur, wenn die Geschichte auch gelesen wird.
Sofern es Leser gibt, die diese Geschichte bis hierher verfolgt haben und daran interessiert sind, zu erfahren, wie es weitergeht, können mich gern unter der Mailadresse blackhole@moriazwo.eu kontaktieren. Ich bin gern bereit, dann weitere Fortsetzungen zu posten.
Ich hoffe, Ihr habt für mein Verhalten Verständnis.

Ergänzung vom 22.07.2019:

Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, von Lesern kontaktiert zu werden, doch es ist tatsächlich geschehen. Man sagte mir, es wäre außerordentlich schade, dass ich das Posten weiterer Teile aussetze, man es jedoch durchaus verstehen könne, wenn zu wenige Leser die Geschichte verfolgen.
Dadurch wäre es jetzt für diejenigen, die meinen Fortsetzungsroman gelesen haben unfair, die Geschichte nicht zum Ende zu bringen. Ich weiß selbst, wie ich mich ärgere, wenn eine ausnahmsweise mal interessante TV-Serie bereits während der ersten Staffel abgesetzt wird, weil die erwartete Zuschauerzahl ausbleibt. Ähnlich wird es auch jemandem ergehen, der eine Geschichte liest, die plötzlich kein Ende mehr haben wird.
Es wird daher nach den großen Sommerferien in NRW ab dem 7. September 2019 weitere Teile geben. Ich werde dann das Posten im altbekannten Rhythmus wieder aufnehmen.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 1: Willkommen an Bord der Atharymn

Doktor Mantis J. Crowler beugte sich über seine Messungen. Wenn er Recht behalten sollte, war das eine Sensation, die ihn noch in den entlegensten Winkeln der galaktischen Föderation berühmt machen könnte. Der grauhaarige Mann in den besten Fünfzigern betrachtete seine Monitore durch eine Nickelbrille, in deren Glas sich der Schein der Bildschirme spiegelte und kratzte sich nachdenklich durch den samtigen Vollbart. Dann griff er in seinen weißen Kittel und fingerte eine Festplatte hervor, um sie mit seinen Datenquellen zu vernetzen. Wenn es darum ging, Informationen sicherzustellen, kannte Crowler kein Pardon.
Das Prasseln des Regens klopfte beständig an die verstärkten Fensterscheiben seiner Forschungseinrichtung, denn die zwei Sonnen Hercules und Ameus sorgten für ein hitziges und somit feuchtes Klima auf dem Planeten Nautilon, dessen Oberfläche gänzlich aus Wasser bestand und somit durch Verdunstung für permanente Regenströme sorgte. Eigentlich war Crowlers Abteilung dafür zuständig, medizinische Stoffe aus den Biotopen, die sich unter dem Wasser befanden, zu extrahieren und an die Fakultät auf Prospecteus zu liefern.
Eine mühselige und zweifelsohne gefährliche Aufgabe, wenn man bedachte, das die Gigantyras in den abgrundtiefen Schatten der Gewässer lauerten. Raubfische, groß wie ein halbes Hochhaus und mit der tollwütigen Aggression eines geifernden Hundes ausgestattet, der eher sterben würde, als seinen Biss zu lockern. Außerdem drangen gelegentlich hochexplosive Gase ohne Vorwarnung aus ihren Schlothöhlen, was ein wahnwitziges Problem darstellte, wenn man mit bemannten Bohrköpfen durch die Erde dringen wollte. 
Doch wenn man davon absah, war Nautilon eine Perle der Natur. Korallenriffe erstreckten sich kilometerweit durch den Ozean, ihre Farbenpracht und Artenvielfalt war nahezu grenzenlos. Riesige Kelpwälder tanzten im stillen Gleichklang durch die Gezeiten und Fischschwärme unterschiedlichster Größe schossen, auf der Suche nach Nahrung, in bunten Verbänden darum herum. Quallen, groß wie ein Lastwagen, trieben im Spiel des Wassers umher, ihre Fangarme schillerten silbern wie das Mondlicht und ihr Hut war mit ineinander vernetzten, türkisen Mustern ausgestattet, die in der Dunkelheit der Nacht so grell leuchteten wie eine Neonreklame auf Prospecteus. Und wenn seine Berechnungen stimmen sollten, hatten sie gerade einmal 2 Prozent der hiesigen Biotope erkundet und kartographiert. 
Doch das, was Crowlers Faszination erregt hatte, war etwas anderes. Am Rande der großen Sanddünen, die irgendwann einen senkrechten Abstieg in die abyssischen Tiefen des Planeten vollführten, hatten seine Scans eine ungewöhnliche Struktur signalisiert. Wenn diese Entdeckung an die Öffentlichkeit gelangen würde, könnte sich ihr ganzes Verständnis über den Warp verändern.
»Funk die Zentrale an!«, rief er laut durch das großräumige Labor, in der Hoffnung, dass sein Gehilfe Ronald ihn hören würde. »Und mach dich darauf gefasst, dass sich unser Leben bald maßgeblich verändern könnte.« 

                                                                ***

Daisy Lee stampfte kaugummikauend durch den Hangar. Ein neuer Job war ihr durchaus willkommen, nachdem sie ihre Anstellung bei Centaur Industries durch eine klitzekleine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Vorgesetzten verloren hatte. Aber dass sie ab heute an Bord eines Patrouillenkreuzers dienen sollte, hatte ihr den nötigen Nervenkitzel verliehen, der ihren Job als Chefmechanikerin so interessant machte.
Und der Kommandant des Kreuzers. Archweyll Dorne. So wie der Relictor es gesagt hat. Ein weiterer Aspekt ist gefunden.
Dass sie vorher noch nie auf einem so großen Schiff gedient hatte, beeindruckte Daisy nicht im geringsten. Um bei Centaur Industries, dem renommiertestem Waffenhersteller der galaktischen Föderation, eine Anstellung als Putzfrau zu finden, musste man schon eine hohe Qualifikation an den Tag legen. Da blieb die Frage, was es bedeutete, einer der wichtigsten Ingenieure der gesamten Anlage zu sein, einfach ohne einer Antwort zu bedürfen im Raum stehen. 
Laute Rufe und elektronische Sirenen begleiteten ihren Weg, die Luft roch nach Dieselmotoren und Maschinenöl. 
Herrlich. 
Sie rückte ihre dreckige Wollmütze zurecht und atmete einmal tief durch. Hier roch es nach einer Menge Arbeit. Instinktiv hoffte sie, dass ihr neuer Vorgesetzter ein tiefgründigeres Gespür für ihre wertvolles Können an den Tag legen mochte, doch bei der Aussicht einem Befehlshaber des Militärs unterstellt zu sein, lief es ihr kalt den Nacken runter. Es gab kaum langweiligere Bürokraten, die sesselfurzend auf ihre Vorschriften pochten, aber insgeheim hofften, jeder würde in ihnen den harten Kerl erkennen. Solange er seinen Zweck erfüllt. Und wenn er mir Schwierigkeiten macht, lege ich ihn einfach um.
Plötzlich bäumte sich vor ihr ein riesiges Raumschiff auf. Auf der Außenbordwand ließ sich der rötliche Schriftzug, welcher den Namen des Schiffes veranschaulichen sollte, gerade noch erahnen. Atharymn. Ein Licht sprang auf grün, als sie sich näherte, und zischend öffnete sich eine Pforte, hinter der sich ein Aufzug befand. Daisy grub tief in den bodenlosen Taschen ihrer ölbefleckten Sicherheitshose herum, kramte Schraubenschlüssel, Zigaretten und einen Kugelschreiber hervor, bevor sie endlich fand, was sie gesucht hatte. Sie hielt die Karte, die ihr der Beamte ausgeteilt hatte, vor den Scanner und der Aufzug öffnete sich ratternd, beförderte sie in schwindelerregende Höhe. Wenn sie den jemals so etwas wie Schwindel empfinden konnte.
»Du wirst Technikstation B14 bemannen, es könnte sein, dass dein Vorgänger etwas … sagen wir: heikle Umstände herbeigeführt hat. Rechne also nicht unbedingt damit, mit offenen Armen empfangen zu werden«, hatte ihr der Beamte mit auf den Weg gegeben.
Ein Stirnrunzeln war ihre einzige Reaktion gewesen. Wenn der Kommandant sie fertig machen wollte, konnte er sich auf etwas gefasst machen. Ein Grinsen entwich ihren Lippen, bei dem Gedanken daran. 
Wir werden ja noch sehen, wer wen fertig macht.
»Abteilung 1 – Kommandobrücke«, krähte eine mechanische Stimme und die Türen öffneten sich quietschend. Nun sollte sich zeigen, wie sich Daisys mittelfristige Zukunft gestalten würde. 

                                                                    ***

»Bist du dir sicher, dass wir einen neuen Chefmechaniker brauchen? Der letzte hat sich als überaus widerspenstig erwiesen«, fragte Clynnt Volker bedächtig. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn hatten ihn seit den damaligen Ereignissen fast gänzlich für sich eingenommen.
Archweyll quittierte ihn mit einem bellenden Lachen. »Bei all der Liebe, die ich für Bebsy hege, pflegen kann ich die alte Dame nicht. Da braucht es einen Profi und ich vertraue nur den besten.«
»Wie Howard Bering?«, erwiderte der Chefnavigator spitz. 
»Mein Gott, Clynnt, du bist ja heute in Topform«, lobte ihn der Kommandant mit einem Klopfer auf die Schulter, welcher den Navigatoren in seinen Grundfesten erschütterte. Doch als er sah, wer da aus dem Aufzug kam, wurde ihm dennoch mulmig zumute. 
»Das ist ja fast noch ein Kind«, flüsterte Clynnt und knirschte mit den Zähnen.
Die junge Frau, das auf sie zukam, kaute gelassen auf einem Kaugummi herum und schien den riesigen Rucksack auf ihrem Rücken kaum zu bemerken. Sie trug eine schwarze Lederjacke und eine farblose Mütze, ihre schweren Lederstiefel glitten fast geräuschlos über das Deck. Das krause blonde Haar hatte sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden und auf ihren kecken Lippen lag ein breites, aber ehrliches Lächeln, das die Sommersprossen auf ihren zarten Wangen förmlich zum Glühen brachte.
Archweyll studierte sie eingehend und stellte fest, dass er noch nie so lebensfrohe blaue Augen gesehen hatte. Und Leben war etwas, das sie an Bord wahrlich gebrauchen konnten. Seit den Reparaturarbeiten lag der Kreuzer still und eine bedächtige Ruhe hatte seine Korridore erfüllt. Nun wurde es Zeit, wieder in den Warp aufzubrechen. 
»Ganz nett habt ihr es hier«, lachte ihnen die Frau entgegen. »Ich bin Daisy Lee und soll hier als Chefmechaniker antreten. Mache Meldung.« Sie salutierte gespielt ehrfürchtig. 
Clynnt rümpfte die Nase. »Wir werden schneller tot sein, als wir Babypuder rufen können«, flüsterte er forsch in Archweylls Ohr. Der Kommandant grunzte ihm etwas unverständiges entgegen.
»Oh nein«, der Chefnavigator trat einen Schritt zurück. »Diesen Gesichtsausdruck hast du erst einmal an den Tag gelegt, damals, als Tamara hier angeheuert hat. Bitte, nicht schon wieder, Arch.«
»Klappe«, knurrte der Kommandant. »Begrüßt man so einen Frischling?« er breitete feierlich die Arme aus. »Willkommen an Bord der Atharymn!«, rief er Daisy entgegen. »Ich bin Kommandant Archweyll und dieser gutaussehende, überaus sportliche Jungspund zu meiner Rechten, ist Cylnnt Volker, mein Chefnavigator.« 
Der Mann nickte knapp zur Begrüßung. 
»Er mag mich nicht. Das ist in Ordnung, solange er nicht in meiner Arbeit herumpfuscht«, antwortete Daisy gelassen.
Archweyll hörte, wie Clynnt scharf die Luft einsog, sich aber dann doch gegen einen Kommentar entschied. 
»Wie ich sehe, scheust du dich nicht davor, deine Meinung kundzutun«, begann er seine Ansprache, doch er wurde jäh unterbrochen. 
»Ihr werdet mit meiner Meinung leben müssen oder ich bin weg. Denn sonst kann ich meine Arbeit nicht so ausführen, wie es für alle das Beste wäre. Ich brauche niemanden, der mir sagt, woran ich bin. Das sehe ich von alleine.« Sie zwinkerte dem Kommandanten zu. »Und manchmal gefällt mir sogar, was ich sehe.« 
»Ich werde ja ganz verlegen«, räusperte sich Archweyll »Ich zeige dir alles, was du für deine Arbeit wissen musst«, erklärte er dann. Clynnts Kopfschütteln bekam er nur am Rande mit. 
»Wenn Tamara das rausfindet, bist du tot«, kicherte der Chefnavigator nur, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

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Gottes Hammer: Folkvang III

Iliana sah sich überrascht um.

Sie stand in einem vollkommen weißen Raum, in dem sich ein edler Ebenholztisch und zwei Stühle befanden. Verwirrt trat sie näher. Sie erkannte auf der polierten Fläche die taktische Karte aus Medardus’ Zelt. Wo war sie hier?

Iliana hielt nach einer Tür Ausschau, doch sie fand keine. Panik beschleunigte ihren Herzschlag. Es musste doch einen Ausgang geben! Wie wäre sie sonst hereingekommen?

Just in diesem Moment bemerkte sie plötzlich eine Gestalt in einem der Stühle.

Hätte es sich um eine unbekannte Person gehandelt, wäre Iliana wahrscheinlich die Frage durch den Kopf gegangen, wie sie den Neuankömmling hatte übersehen können. Doch sie erkannte den Besucher sofort wieder.

Ich grüße dich“, sagte Berith emotionslos. Seine roten Augen funkelten wie lodernde Sterne in der Nacht. Er schlug die Beine übereinander und spreizte seine gewaltigen Fledermausflügel.

Wo bin ich hier?“, fragte Iliana schrill. Sie wich zurück und warf wilde Blicke in alle Richtungen. Sie brauchte eine Waffe! Zähneknirschend fiel ihr ein, dass sie den Bogen in Hornheim zurückgelassen hatte.

Weißt du das nicht?“ Berith klang ehrlich erstaunt. „Du träumst. Ich spreche hier direkt in deinem Kopf zu dir.“

Iliana erinnerte sich. Elinor hatte ihr erlaubt, die Nacht im Lazarett zu verbringen. Die Erschöpfung wiegte sie bald in den Schlaf.

Iliana atmete tief durch. Ein Traum fühlte sich anders an, er waberte gleich dunklem Nebel am Rande des Bewusstseins. Sie konnte jedoch alles spüren und ertasten. Als sie sich an die Wand presste, schrie sie vor Schmerz auf. Unsägliche Hitze erfüllte die weiß gestrichene Mauer.

Berith betrachtete sie genau. Sein Gesicht glich einer starren Maske. „Ein interssanter Raum“, merkte er an. „Ich habe schon viele solcher Zimmer gesehen, aber deines unterscheidet sich doch merklich von anderen.“ Dabei fuhr er mit einer seiner bleichen Hände über die Stuhllehne. „In diesem Holz steckt förmlich der Geist des Heidenwaldes. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, du hättest dein ganzes Leben dort verbracht. Scheinbar gehörte dein Herz nie dem Dorf Raureif.“ Iliana musterte ihn ängstlich. Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Erinnerungen umwölkten ihre Seele und ließen sie schlucken. Kaum hatte Elinor sie getröstet, erhob sich der Albtraum von neuem. Frustriert ballte sie die Fäuste. Der Zynismus des Schicksals verschonte auch sie nicht.

Berith fuhr indes mit seinen Auspizien fort. „Heiße Mauern, die alles verbrennen, was den Raum betreten will. Aber sie sind nicht nur ein Schutzmechanismus, sondern auch ein Gefängnis.“ Berith erhob sich und drückte seine Hand gegen die Wand, so als ob er die Hitze nicht wahrnehmen würde. „Auf der anderen Seite wartet all deine Wut auf dich. Du tätest gut daran, sie nicht passieren zu lassen.“ Er ließ sich wieder auf den Stuhl sinken und deutete auf den Ebenholztisch. „Und dann noch das Bild.“

Iliana trat unwillkürlich näher. Der Tisch glich dem in Medardus’ Zelt, aber statt der Karte erspähte sie das Porträt zweier rot glühender Augen, die sie bedrohlich musterten. Eine einzige schwarze Feder bedeckte sie.

Iliana wich zurück und sank auf die Knie. Ihre Hände zitterten und sie schluckte. Sie kannte diesen Blick. Diese Augen hatten den Bürgermeister von Raureif durchbohrt, bevor Murakama es tat.

Hör auf!“, flehte Iliana und schlug die Hände vors Gesicht. Ihr ganzer Körper bebte. „Geh! Hör auf!“

Berith sah sie ohne jede Regung in seiner Miene an. „Wenn es dein Wunsch ist, werde ich meine Analysen selbstredend abbrechen. Wissen ist Macht, doch Macht ist eine Bürde. Den meisten Menschen ergeht es besser, wenn sie nichts wissen.

Iliana hob überrascht den Kopf. Berith sah über die Tischkante auf sie hinab. Mit einem Mal kam ihr ein Gedanke.

Ist Halgin tot?“, fragte sie und ihre Stimme brach.

Eine von Beriths schneeweißen Augenbrauen wanderte nach oben. „Was hättest du davon, wenn ich jene Frage beantwortete?

Weshalb bist du sonst hier?“, fragte Iliana. „Wenn du mich quälen willst, nur zu, aber sag mir vorher, ob Halgin noch lebt!“

Der Anflug eines Lächelns umspielte Beriths schmale Lippen. Seine Augen aber blieben ausdruckslos.

Nehmen wir einmal an, ich beantworte deine Frage mit Ja“, begann er. „Du würdest mich drängen, dir seinen Aufenthaltsort zu verraten. Wenn ich das tue, wirst du sofort zu Lifas oder Abigor gehen und um eine Rettungsaktion bitten. Sie werden dem nicht zustimmen, da es sich um eine Falle handeln könnte. Schließlich bin ich der Feind. Somit würde dich diese Information nur martern, während du zur Untätigkeit verdammt bist.“ Berith machte eine Pause. „Wenn ich dir nun sage, dass Halgin tot sei, könnte das immer noch eine Lüge sein. Ich bin ein Dämon. Du misstraust Dämonen. Somit misstraust du mir. Dein Ansinnen ist daher an sich absurd.

Iliana erhob sich voller Gram. „Wie könnte ich euch nicht misstrauen! Ihr foltert Menschen in Hornheim zum Vergnügen!“

Berith legte den Kopf schief. „Was bringt dich auf den Gedanken?

Iliana lachte laut auf. Das Geräusch war selbst ihr unheimlich. Alle Hoffnungslosigkeit der Welt schien darin mitzuschwingen. „Soll das ein Witz sein? Ich habe gegen Sitraxa gekämpft!“

Nun gut. Lass uns deine Vorgehensweise analysieren.“ Nun klang Berith wie der Pfarrer, der von Zeit zu Zeit Kinder in Raureifs Dorfschule unterrichtete. „Deine Stichprobe umfasst eine Person. Du schließt von dieser Person auf alle Dämonen. Da Sitraxa sehr … besonders war, bedeutet dies deiner Vorgehensweise nach zu urteilen, dass alle Dämonen ihr gleichen, richtig? Dann werde ich diese Methode auf die Menschheit anwenden. Medardus foltert und verbrennt junge und alte Frauen, richtig? Dies müsste bedeuten, alle Menschen foltern und verbrennen einander. Richtig?

Iliana starrte ihn mit offenem Mund an. Glücklicherweise fielen ihr rechtzeitig Azraels Worte ein.

Euer König sprach doch davon, dass ihr Menschen in Hornheim bestraft, oder nicht?“

Tut ihr das etwa nicht?

Gereizt schnaubte Iliana. „Ja, aber nicht … so.“

Berith lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wenn mein König dich nicht gerettet hätte, wärst du nach Aminas gebracht worden. Die Tempelsöhne hätten dich durch die schmutzigen Straßen gezerrt, die Bewohner dich beschimpft und mit Unrat beworfen. Dann wärst du in den Kerker geworfen und entkleidet worden. Der Kerkermeister von Aminas ist ein berüchtigter Mann, der angeblich Kinder als … Gefährten gegenüber älteren Gefangenen bevorzugt. Er hätte dich sicherlich…

Hör auf!“, rief Iliana verzweifelt. „Das sind doch nur die Kerker! Im normalen Leben geschieht so etwas nicht! Außerdem hat Sitraxa auch Kinder gefoltert!“

Berith nickte wie ein Weiser, der einen geistig Umnachteten bemitleidete. „Das war zu Irodeus’ Zeiten. Weshalb, glaubst du, war Sitraxa so erpicht auf Beute, als ihr ihre Höhle betratet? Azrael hat jedem verboten, ohne Befehl zu handeln. Unsere Willkür wurde dadurch mehr oder minder in Fesseln geschlagen.

Trotzdem!“, rief Iliana unbeugsam. „Wer gibt euch das Recht dazu, eine solche Hölle zu erschaffen?“

Wer gibt Gott das Recht dazu?

Berith ließ die Worte wie beiläufig erklingen, so als spräche er über das Wetter.

Iliana schluckte. „Er … er hat uns erschaffen.“

Dürfen Eltern ihre Kinder foltern, nur weil sie durch ihre Liebe ins Leben traten?“ Beriths Stimme wurde schärfer.

Was weiß denn ich!“, rief Iliana und vergrub ihr Gesicht in Händen. „Lass mich doch einfach in Ruhe! Ich will nicht mehr an euch denken, ihr seid böse!“

Glaubst du, wir sind gerne, wie wir sind?“, fragte Berith. Nun klang er beinahe menschlich. „Vor meinem Tod war ich der glückliche Vater von sieben Kindern und der Ehemann einer wunderbaren Frau. Meine einzige Sünde war die Neugier, die mich zur Alchemie brachte. Ich wollte den Stein der Weisen finden und alle Nöte beenden. Ungerechtigkeit, Krieg und Hass sollten durch meine Forschung für immer aus der Welt verschwinden! Aber was geschah?“ Trauer zerschmetterte die kühle Maske des Dämons. „Eine Seuche suchte meine Heimat heim und die Menschen brauchten einen Sündenbock. Also suchten sie verzweifelt nach Leuten, die anders als sie selbst waren. Sie töteten Heiden, Einsiedler und fahrendes Volk und als die Seuche immer schlimmer wurde, töteten sie sogar deren Kinder. Doch als schließlich niemand von diesen mehr übrig war, kamen sie auf mich. Meine Familie fiel vor meinen Augen wütenden Fäusten zum Opfer und ich fand mich mit einem Mal an einem entlegenen Ort wieder, geflügelt und entstellt, als Dämon gebrandmarkt.

Iliana sah ihn aus traurigen Augen an. Sie konnte nicht sprechen.

Euer Gott hat euch die Freiheit geschenkt“, fuhr Berith fort. Seine Miene fand langsam wieder zu ihrer kühlen Form zurück. „Aber er hat nicht bedacht, dass der Mensch schlichtweg für die Freiheit ungeeignet ist. Die Denomination kann mit der Hölle drohen, soviel sie will. Jeder Mensch macht aus der Religion etwas anderes, wenn ihn niemand genügend anleitet. Predige Frieden und sie kämpfen gegen andere Völker, predige Nächstenliebe und sie zerfleischen sich gegenseitig, predige Mitgefühl und sie hetzen die Armen.“ Iliana fühlte sich an ihre unbedeutende Randexistenz nach Arinhilds Hinrichtung erinnert. Ein ungeschriebenes Gesetz erklärte sie für vogelfrei. Jugendliche und andere Kinder rotteten sich zusammen und spielten ihr schreckliche Streiche oder bedrohten sie. Ihre Eltern und Großeltern saßen daneben, unterbrachen ihre Arbeit und betrachteten die Szenerie lachend. Immer endete es gleich. Iliana lief weinend davon, oftmals am ganzen Körper schmutzig und geschunden. Allein Halgin und der Heidenwald boten ihr Schutz vor ihren Peinigern.

Berith schien ihre Gedanken zu lesen, denn kurz funkelte Mitleid in seinen roten Augen.

Wir bieten Stabilität. Azrael ist unsterblich, also wird er seine Fehler nicht wiederholen. Er wird zu einem neuen Gott werden, zu einem immer präsenten Wächter von Recht und Ordnung. Keine Kriege, keine unrechtmäßigen Verfolgungen. Verbrecher werden in eine reale, wirkliche Hölle geworfen, die niemand verleugnen kann. So, und nur so, kann diese Welt zu einem friedvollen Ort werden. Wir müssen den Menschen ihre Freiheit nehmen.

Iliana nickte langsam. Dann schluckte sie. „Wieso musstet ihr Halgin bekämpfen?“

Beriths Augen verengten sich zu Schlitzen. „Dein König hätte uns im Weg gestanden. In seinem Alter wird man oft zu starrsinnig, um Veränderungen hinzunehmen. In seinem Weltbild konnten wir nur als die Bösen existieren. Aber in Wirklichkeit lassen sich Gut und Böse nicht voneinander trennen. Sie sind miteinander verwoben.

Berith erhob sich und spreizte die Flügel. „Wir werden das Lager der Tempelsöhne in drei Tagen zerstören. Du musst eine Entscheidung treffen. Gehe nach Hrandamaer und suche in Hrandars Faust nach einer Frau namens Ashaya. Sie wird dir alle Informationen geben, die du brauchst.

Ehe Iliana reagieren konnte, verschwand Berith in einem Wirbel schwarzen Rauchs. Im nächsten Moment erwachte sie schweißgebadet im Lazarett.

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Hat es funktioniert?“, fragte Malfegas. Flammen stoben aus dem Maul des gewaltigen Löwen.

Berith nickte, während er sich langsam aus dem schwarzen Wasser erhob. Der große See Sökkvar bildete den tiefsten Punkt Hornheims. Wenn man in den dunklen Fluten badete, manifestierte sich die uralte Macht dieses Ortes in jedem unterschiedlich. Berith erhielt so die Fähigkeit, in fremde Gedanken einzudringen.

Er ließ den Blick über die glatte Fläche schweifen. Selbst ein Dämon sollte davon absehen, die Mitte des Sees erreichen zu wollen. Man erzählte sich, Sitraxa habe es versucht und dort ihren Verstand verloren.

Malfegas folgte seinem Blick und schnaubte.

Da soll er begraben sein, nicht wahr?“, fragte er, wobei Schwefelgestank sein hartes Fell einhüllte. „Der alte Androg?“

Beriths Flügel zuckten. Er war dankbar, ihre Bewegungen immerhin im Traum unter Kontrolle zu haben. „Das ist nur eine Legende. Androg war lediglich ein närrischer König, der seine Heimat verdammte. Es erscheint mir wahrscheinlicher, dass seine Gebeine an einem gottlosen Ort im Norden der Ewigkeit entgegenstreben.“ Er räusperte sich. „Die Kleine wird sich sicher bald nach Hrandamaer aufmachen. Unser Kontaktmann im Lager wird dafür Sorge tragen.“

Was tun wir, wenn sie sich gegen uns entscheidet?“, fragte Malfegas misstrauisch. „Können wir uns darauf verlassen, dass Ashaya sie in die richtige Richtung lenken wird?“

Berith lächelte. Er tat dies nur selten, aber beim Gedanken an diese Frau konnte er nicht anders. „Ich kenne sie. Es ist schwer vorstellbar, dass sie die Menschheit sympathischer wirken lässt. Aber dies ist jetzt gleichgültig.“ Berith sah zwei Hrandar, die eine Rüstung aus schwarzem Stahl zu ihm trugen. „Ist sie das?“

Malfegas’ Schwanz peitschte stolz hin und her. Er glich einer Schlange, die jedoch kein Eigenleben besaß. Jedenfalls nicht mehr.

Blutstahl“, verkündete Malfegas. „Er ist in meiner Schmiede entstanden. Eine bessere Rüstung hat auch unser König nicht.“

Berith nickte und atmete tief durch. Er unterbrach seine Forschung nicht gerne, aber Folkvang war erwacht und auch er musste zu den Waffen greifen.

Die beiden Dämonen erklommen gerüstet die Stufen zum Thronsaal, um eine wüste Welt zu korrigieren.

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Gottes Hammer: Folkvang II

Iliana war einem Albtraum entkommen, nur um in einem anderen zu landen.

Erschöpft und kraftlos brachte sie nicht mehr die nötige Kraft zur Gegenwehr auf. Der Bogen, den sie dem toten Novizen in der Kutsche aus den klammen Fingern gerissen hatte, blieb ebenfalls verschwunden.

Ebenso wie Halgin.

Iliana und Esben saßen in einem großen Zelt der Tempelsöhne an einem Tisch, der die nahe Umgebung darstellte. Üblicherweise versammelten sich hier wohl die Hauptleute des Heeres, in diesem Moment waren jedoch nur sie und Medardus anwesend. Vor dem Eingang warteten die beiden Ritter, die sie gefunden hatten.

Der Inquisitor musterte sie mit seinen lodernden Augen, bis sein Blick auf Esbens Buch verharrte. Der ehemalige Priester klammerte es an sich wie einen Schatz.

Iliana Hände schlossen sich verkrampft um die Armlehnen ihres harten Stuhls. Sie mussten einen jämmerlichen Anblick bieten. Sie schluckte. Würde Medardus sie wiedererkennen?

Nach einer Zeit, die ihnen wohl die unerträgliche Ewigkeit demonstrieren sollte, ergriff Medardus wieder das Wort.

Ihr behauptet also, mit dem heidnischen König und dem Söldner Teshin in Hornheim gewesen zu sein?“ Er flüsterte beinahe und dennoch durchdrangen die Worte Ilianas Körper wie schmerzende Druckwellen. Diesem Mann kein Gehör zu schenken, wirkte unmöglich.

Esben beeilte sich zu nicken. Er hatte die Geschichte wahrheitsgetreu wiedergegeben. Lediglich den Tod der Tempelsöhne in der Kutsche und ihre eigentlichen Gründe für die Expedition ließ er aus.

Und Ihr wolltet diese Dämonen … vernichten, liege ich richtig?“, fragte der Inquisitor weiter.

In der Tat“, erwiderte Esben hastig. „Wir konnten nicht ahnen, dass Ihr mit einem derartig großen Heer naht. Sonst hätten wir sicherlich auf Euch gewartet.“

Medardus nickte langsam. Dann deutete er unvermittelt auf den großen Folianten. „Der siebte Band aus König Androgs großer Chronik. Ich bin ehrlich beeindruckt. Ich hielt ihn immer für verschollen.“

Esben starrte ihn überrascht an. „Ihr kennt dieses Buch?“

Natürlich. Jeder Bischof muss Kenntnis von verbotenen Büchern haben, die den Glauben der Menschen ins Wanken bringen könnten.“

Ilianas Herz gefror. Der Inquisitor hatte ihnen eine Falle gestellt und Esben war blind hineingetappt. Panik verdunkelte Esbens Blick.

Medardus räusperte sich. Ein Blitz schien seine Augen zu teilen. „Genug von diesem Geplänkel“, sagte er noch leiser. Ein drohender Unterton schlich sich in seine Stimme. „Ich weiß sehr genau, wer Ihr seid. Esben, ein Priester von Aminas, dessen Schwester ich der Gerechtigkeit hätte zuführen sollen. Ihr werdet mittlerweile in vier Herzogtümern amtlich gesucht. Nicht nur aufgrund Eurer Dienstverweigerung, sondern auch wegen gewisser alchemistischer Experimente.“ Esben senkte den Blick, als Iliana ihn überrascht ansah.

Und Iliana von Raureif“, fuhr Medardus fort. Iliana erstarrte zur Salzsäule. Er erkannte sie tatsächlich! „Du standest schon während des Falls deiner Ziehmutter unter dem Verdacht der Hexerei.“ Er räusperte sich. „Teshin ist ebenfalls kein Unbekannter. Er hat einen Mordanschlag auf mich verübt und damit die Verbrennung einer gewissen Hexe verhindert …“ Dabei fiel sein Blick auf Esben, der das Buch noch stärker an sich drückte. „Ihr seid euch hoffentlich bewusst, dass ich euch hier an Ort und Stelle hinrichten lassen könnte, ohne dass mir jemand Vorwürfe machen würde?“

Esben erwiderte nichts. Als das Schweigen unerträglich wurde, zerbrach etwas in Iliana und sie erhob sich. Ihre zu Fäusten geballten Hände bebten.

Dann tut es doch! Verbrennt uns wie all die anderen! Richtet uns hin! Euer Gott wird sich freuen über so einen frommen, tüchtigen Mann …“

Iliana!“, rief Esben schockiert. Aber Iliana beachtete ihn nicht. Die Wut loderte hoch in ihr wie ein Leuchtfeuer. Sie kam gerade aus der Hölle, sie hatte gegen Sitraxa gekämpft, sie war von Dämonen angegriffen und von einem Verbündeten verraten worden. Dazu blieb ihre einzige Vertrauensperson verschwunden! Das Leben hatte gewaltsam auf sie eingeprügelt, nun musste sie zurückschlagen, ehe der Zorn sie von innen heraus auffraß.

Einen Augenblick lang geschah nichts. Dann erhob sich auch Medardus. Langsam, beinahe quälend langsam richtete er sich auf und griff zu seinem Mauritiusstab. Angst löschte die Flammen des Zorns in Iliana. Nun war ihr Leben wohl tatsächlich verwirkt.

Dann geschah das Unerwartete: Medardus lachte.

Es handelte sich um einen widernatürlichen, schrecklichen Laut, der Iliana durch Mark und Bein fuhr. Sie taumelte und wich zurück, bis sie gegen den Stuhl stieß und ungelenk auf die harte Sitzfläche fiel.

Ich wäre ein Narr, euch beide zu töten!“, knurrte Medardus schließlich. „Ein tüchtiger, frommer Mann? Mädchen, werde erwachsen. Oder glaubst du wirklich, ich verbrenne Frauen, weil ich an Hexen glaube?“ Damit wandte er sich ab. „Ich erwarte von euch einen genauen Bericht über Hornheim und seine Bewohner. Esben, fühlt Euch in Euer Amt als Priester wieder eingesetzt. Zudem ernenne ich Euch zu einer Schutzwache des Tempels, was Euch die Befugnis gibt, an diesem Feldzug teilzunehmen.“ Einen Augenblick lang herrschte Stille. „Ihr werdet den Rittern von Hrandamaer zugeteilt. Wagt es nicht zu desertieren.“ Damit scheuchte er sie hinaus.

Iliana wurde die Welt fremd, als sie aus dem Zelt stolperte. Bis zu diesem Augenblick hatte sie Medardus für einen religiösen Eiferer gehalten und nun nahm er zwei offenbare Ketzer in sein Heer auf?

Vor ihnen standen die beiden Tempelsöhne, die sie gefunden hatten. Der jüngere von beiden hieß Lifas und wirkte viel zu schmächtig für den gewaltigen Streithammer auf seinem Rücken. Weißblonde Haare umrahmten sein Gesicht. Abigor hingegen ähnelte eher einem Bären.

Esben setzte gerade zu einer Erklärung an, doch Abigor schnitt ihm brummend das Wort ab. „Kommt mit.“

Iliana folgte ihnen überrascht. Hatten die beiden etwa alles gehört?

Lifas negierte diese Theorie. „Onkel? Wie lauten unsere Befehle?“

Abigor gab einen unverständlichen Laut von sich, bevor er zu einer Erwiderung ansetzte. „Die beiden sind ab jetzt Soldaten und kommen bei uns unter.“

Lifas blinzelte überrascht. „Soldaten?“ Er musterte sie. „Sicher?“

Frag mich nicht.“

Abigor und Lifas brachten sie zu einem weiteren Zelt, das ebenfalls auf der großen Lichtung stand. Iliana sah im Dunkel der Nacht die hellen Flecken zweier Navali. Der Anblick gab ihr Halt in einer Situation, die sie vollkommen überforderte.

Zu ihrer Überraschung betraten sie nicht die Unterkunft der Ritter aus Hrandamaer, sondern ein Lazarett. Eine einzige, junge Nonne stand darin an einem Tisch und bereitete offenbar eine Kräuterpaste zu.

Abigor nickte Lifas zu. „Pass auf die beiden auf. Nicht, dass deine Schwester ihnen noch mehr Schaden zufügt.“

Die Nonne sah auf und ein beleidigtes Funkeln trat in ihren Blick. Dennoch schwieg sie.

Lifas legte den Kopf schief. „Und was macht Ihr, Onkel?“

Schlafen“, brummte Abigor. „Das machen Menschen normalerweise in der Nacht, weißt du?“

Mit einem Lachen, das Iliana das Blut in den Adern gefrieren ließ, wandte er sich ab. Lifas seufzte. Dann fiel sein Blick auf die Nonne.

Elinor“, sagte er müde. „Kannst du dich bitte kurz um die beiden kümmern? Sei so nett. Vielleicht sind sie verletzt, sie kommen gerade aus Hornheim.“

Elinor schürzte die Lippen. „Immerhin bittest du mich.“

Habt Dank.“ Esben verneigte sich. „Aber bitte untersucht zuerst Iliana.“

Unter normalen Umständen hätte Iliana vielleicht protestiert, doch die Ereignisse degradierten sie zu einer schwachen Marionette in den Händen des Puppenspielers namens Leben. Das Schicksal der Welt wirkte mit einem Mal fern, so als ob Iliana immer noch ein unwissendes Mädchen in Raureif wäre, das nie mit Königen, Dämonen oder Magie in Berührung gekommen war.

Elinor winkte Iliana und bedeutete ihr, sich auf ein schmales Feldbett zu legen, wobei sie Esben und Lifas aus dem Zelt scheuchte. „Zieh dich bitte aus.“

Iliana leistete dem Befehl Folge. Elinor musterte sie mit einer Art von grimmiger Besorgnis. „Gott Vater, ein Kind“, murmelte sie. „Haben die Dämonen dich entführt, Mädchen?“

Iliana schüttelte den Kopf, während sie sich entkleidete. „Ich bin ihnen freiwillig entgegengetreten. Wir haben gegen sie gekämpft …“

Du hast gegen sie gekämpft?“ Elinor klang ungläubig. „Leg dich hin. Nein, auf den Bauch. Keine Angst, was du jetzt spüren wirst, sind die heilenden Hände unseres Herrn.“ Sie murmelte ein Gebet in der Alten Sprache, dann legte sie Iliana die Hände auf den Rücken.

Iliana fühlte angenehme Wärme. „Seid Ihr eine mächtige Magierin?“, fragte sie leise, während die heilenden Hände scheinbar ihre Rippen abtasteten.

Blaue Flecken, eine Prellung … Wie? Nein.“ Elinor klang verbittert. „Frauen dürfen die heilige Magie nicht einsetzen.“

Was tut Ihr dann im Moment?“, fragte Iliana verwundert.

Ein Bluterguss … Mädchen, das ist doch keine heilige Magie, das ist nur ein kleiner Zaubertrick, den sogar schon die Heiden beherrschten. Medardus könnte dich mit einem Fingerschnippen vollständig läutern!“

Läutern?“

Alle schwarze Magie von dir nehmen und dich von ihren Auswirkungen heilen …“

Kann er auch Blutergüsse heilen?“

Das ist unter seiner Würde“, erwiderte Elinor. „Du hast einige mindere Wunden. Bist du in letzter Zeit oft gestürzt?“

Nun ja …“ Iliana dachte an die Druckwellen, die der Kampf zwischen Halgin und Azrael hervorgerufen hatte. Ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken mehr als ihr Körper. „Sozusagen.“

Armes Kind“, seufzte Elinor. „Nichts Ernstes, aber es wird noch eine Weile schmerzen. Versuche, dir ein wenig Ruhe zu gönnen.“

Muss ich keine Salbe auftragen?“

Elinor schüttelte den Kopf. „Die heilenden Hände des Herrn haben das Ihre bereits getan. Alles, was die Wunden jetzt noch brauchen, ist Zeit.“ Sie schwieg kurz, dann fragte sie: „Ich arme Sünderin mache mich wohl der Neugier schuldig, wenn ich frage … aber weshalb seid ihr hier? Werdet ihr etwa bei uns bleiben, wenn die Schlacht kommt?“

Iliana nickte langsam. „Esben muss kämpfen. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird.“ Dabei drehte sich ihr Magen um. „Ich weiß überhaupt … nichts.“

Dabei musste sie schlucken. In diesem Moment der Ruhe, in dem alle unmittelbaren Gefahren für ihr Leben überstanden schienen, überkam die Erinnerung sie wie ein hungriges Ungeheuer. Was sollte nun aus ihr werden? Halgin war vielleicht tot, Teshin ein Verräter, Medardus wollte sie offenbar nur benutzen und nach Raureif konnte sie auch nicht zurück. Ihr Leben schien in Scherben vor ihr den Fußboden zu zieren.

Ehe Iliana reagieren konnte, füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie begann zu schluchzen. Nach Arinhilds Hinrichtung hatte sie sich eigentlich geschworen, nie wieder zu weinen, aber nun brachen alle Dämme.

Iliana erduldete die Qualen der Trauer allein auf dem Feldbett, bis sich Arme voller Mitgefühl um sie schlossen.

Alles wird gut“, murmelte Elinor.

Ein lange verloren geglaubter Teil kehrte in Ilianas Herz zurück.

________________________________________________________________

Rotes Licht spiegelte sich in den metallenen Ketten, als sie die schmächtige Gestalt heraustrugen.

Beriths Flügel zuckten. Selbst nach beinahe zweihundert Jahren in dieser Gestalt hatte er sie noch nicht vollkommen unter Kontrolle. Er erlaubte sich diese Unachtsamkeit dennoch angesichts der Situation.

Drei Schattendiener oder Hrandar, wie man sie in der Alten Sprache nannte, trugen Velis langsam durch die Tür. Berengar folgte ihnen mit sorgenvoller Miene. Die Herzogin lag zitternd auf der Bahre, mit dem Gesicht nach unten, um ihre Tränen zu verbergen.

Niemand musste Berith erklären, was vorgefallen war. König Azrael hatte versprochen, sie von ihrem Sklavenmacher zu befreien. Keine Tortur vermochte einen Dämon zu brechen, aber dieses schlichte Schmuckstück konnte sich dieser Fähigkeit durchaus rühmen. Ein Blick auf Velis’ Nacken verriet Berith, dass auch dieser Versuch gescheitert war.

Als er den kleinen Raum betrat, fand er Azrael in gedrückter Stimmung vor.

Sie befanden sich in einem Verlies, das zu Irodeus’ Zeiten zur persönlichen Erheiterung des Königs gedient hatte. Drei Wörter in der Alten Sprache schmückten die Wände: Sünde, Verfall und Marter. Dabei handelte es sich um einen Auszug aus Sankt Esbens Bußlehre, der jedoch nicht vollständig war. Dass der Tod fehlte, verriet bereits Irodeus’ Grausamkeit.

Azrael saß auf einem einfachen Schemel, neben ihm verkündete eine Streckbank stumm finstere Botschaften.

Beriths Blick fiel auf das hölzerne Folterinstrument. „Verzeiht, wenn ich frage, Herr, aber ich dachte, Ihr wolltet diesen Raum nicht mehr für die Marter benutzen?“

Azrael hob den Kopf. Sein ermatteter Blick schien Berith kaum zu streifen. „An diesem Beschluss hat sich auch nichts geändert“, flüsterte er. „Aber ich musste Velis fixieren.“ Dabei deutete er auf die vier durchgerissenen Eisenketten, die halb gelöst aus dem Holz hingen. „Sie hat sich dennoch losgerissen.“

Ich habe die Kettenringe an ihren Handgelenken bemerkt“, erwiderte Berith emotionslos. Dennoch ließ ihn ein Schauer erzittern. Velis mochte wie ein Kind wirken, doch ihre Schmerzgrenze lag ungemein hoch. Er konnte ihre Qualen nicht einmal ansatzweise ermessen.

Als Azrael weiterhin schwieg, räusperte sich Berith vernehmlich. „Funktioniert meine Methode nicht?“

Azrael schnaubte. „Berith, deine Fähigkeiten in Ehren, aber diesmal bist du einem Narren aufgesessen. Auf diese Weise würde ich sie höchstens töten!“

Berith seufzte. Diese Aussage entsprach nicht der Wahrheit, aber dies schien ihm nicht die rechte Zeit für einen intellektuellen Disput zu sein. Dennoch. Ein anderes Anliegen musste er vorbringen …

Majestät“, begann Berith langsam. „König Halgins Begleiter sind sicher im Lager der Tempelsöhne angekommen. Wie erwartet, will der Inquisitor sie im Kampf einsetzen. Beginnen wir mit der Offensive?“

Azrael sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Willst du mich zum Narren halten? Du weißt, es ist noch nicht alles bereit. Velis sollte zuerst ihren Sklavenmacher loswerden und ich … ich muss mich erst um die Stimme kümmern.“ Dabei legte er einen Finger an den Mund, so als wollte er jemanden zum Schweigen bringen.

Berith legte den Kopf schief. „Sie ist noch da, Herr? In Eurem Kopf?“

Azrael nickte langsam. „Wer mag das nur sein … ?“, murmelte er. „Selbst während meiner Zeit ohne Erinnerungen war sie noch präsent.“ Er räusperte sich. „Wie dem auch sei. Wie gesagt, wir müssen zunächst die Vorbereitungen abschließen …“

Folkvang ist erwacht.“ Berith ließ nur selten Gefühle zu, doch diesmal konnte er das Zittern aus seiner Stimme nicht verbannen.

Kurz breitete sich Schweigen aus. Rote Blitze schienen Azraels Augen zu spalten. Dann seufzte er und nickte langsam.

Sammle alle Herzöge. Wir greifen an.“

Erstaunen überkam Berith. „Seid Ihr sicher? Wir sollten wenigstens unserem Kontaktmann im Heerlager Bescheid geben …“

Er hört zu, während wir sprechen. Seine Gedanken sind mit den meinen verbunden.“ Azraels Augen funkelten. „Aber du hast recht. Eines müssen wir vor dem Kampf tatsächlich noch erledigen. Initiiere das erste Treffen.“

Berith nickte und verneigte sich. Er gestattete sich keine wertenden Gefühle in Bezug auf diese Anweisung. Er war ein Verfechter von Wissenschaft und Logik. Niedere Emotionen standen ihm dabei nur im Weg.

Berith wandte sich ab. Nun würde er die Rettung der Welt vorantreiben.

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