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Schlagwort: Historisch

Die Wölfe von Asgard – Die Heimkehr

»Verschwunden sagst du? Seid ihr euch da sicher?« Yorrick gelang es nur mit Mühe, einen Fluch zu unterdrücken. 
Die Nachricht über Islavs Verrat hatte sich wie ein Laubfeuer unter den Männern ausgebreitet und sie suchten bereits einen halben Tag nach dem gebrochenen Jarl. 
»Wir haben alle Schiffe auf den Kopf gestellt. Sogar die der Ustenströmer. Nichts«, erwiderte Knutson zähneknirschend. »Und um die ganze Insel abzusuchen, fehlen uns die Männer. Viele sind damit beschäftigt, die Toten auf die verbliebenen Schiffe zu schleppen. Die anderen bewachen die Ustenströmer, die du Narr verschont hast. Nur die Götter wissen, woher du solche schwachsinnigen Einfälle nimmst.«
Für einen kurzen Moment huschte ein Lächeln über die Lippen des Schiffsbaumeisters. »Die Götter, ja. Oder aber eine mutige Stimme, durch die sie gesprochen haben.«
»Manchmal redest du in Rätseln, alter Freund«, grübelte Knutson laut. 
»Mag sein«, erwiderte Yorrick. »Doch wenn ich mir unsere Reise so ansehe, dann scheint es mir fast, als sei dies alles von ihnen geplant gewesen. Es war eine Prüfung.« 
Knutson bellte ein Lachen und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Dass ich diese Worte noch einmal aus deinem Munde hören darf. Von jenem, der den Göttern einst abschwur.«
»Es brauchte ein Zeichen«, schmunzelte Yorrick. 
Für einen Augenblick schien Knutson zu stutzen. Dann weiteten sich seine Augen. »Das Heulen des Wolfes, das wart doch ihr, oder nicht?«
Yorrick blickte ihn überrascht an. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, entgegnete er verwundert. Dann erhob er sich achselzuckend, um die Männer zu versammeln.

***

»Das Schwert und die See. Der Traum von Freiheit. Von Ruhm und Tapferkeit. Von einem glorreichen Tod, den die Skalden besingen und die Götter bedauern. Das ist es, was uns Nordmännern in die Wiege gelegt wurde. Das ist es, wofür wir mit jedem Atemzug leben und kämpfen.« Aegir schritt durch die gelichteten Reihen der Krieger. »So sagt man es uns nach. So sagen wir es uns selbst nach.« Er deutete auf die drei großen Schiffe, die ganz langsam aus der Bucht steuerten, hinein in die dunkle, endlose See. »Doch sind wir nicht viel mehr als nur der Schrecken der Meere? Als ehrenhafte Krieger?« Sein Blick wanderte durch die Reihen und haftete sich an seinem Bruder fest, der ihm gebannt lauschte. »Wenn ich mich so umsehe, sehe ich mehr als nur das. Ich sehe Feinde, die zu Freunden wurden«, er nickte Knutson und Snorri zu, »Ich sehe Männer, die ihren Glauben wiedergefunden haben«, sein Blick steuerte für einen Moment zu Yorrick, »und ich sehe eine große Heldin, die wahrhaft würdig ist, ihren Weg in die heiligen Hallen an die Seite unserer Brüder zu finden.« Aegir zeigte in Richtung der Schiffe, die die Toten ins Jenseits trugen. »Denn in der gestrigen Nacht wurde uns gelehrt, dass auch wir dem Fluch der Sterblichkeit verfallen sind. Dass auch Helden fallen können.« Für einen Moment hielt er inne, verdrängte den Schmerz des Verlustes und sammelte seine Worte. Es war seine Aufgabe, die Männer zusammenzuhalten. Der Erbfolge nach würde er der neue Jarl von Skiringssal werden. Als solcher stellte es seine Pflicht dar, die Gefallenen würdevoll zu verabschieden. Er blickte in traurige, aber gefasste Mienen, die allesamt zu ihm heraufschauten.
»Heute ehren wir jene, die den morgigen Tag nicht erleben dürfen. Heute ehren wir ihren Mut, das eigene Leben für die Kameraden aufs Spiel zu setzen. Sie haben sich als würdig erwiesen, ein bedeutsames Leben nach dem Tod zu erfahren, ganz gleich, ob es sie an die Pforten von Walhall führen mag oder in den Himmel.« Er atmete tief durch, fokussierte seine Gedanken. »Denn wir sind bei ihnen und senden ihre Seelen mit den besten Wünschen ins Jenseits«, rief er so laut, dass es noch bis in den letzten Winkel der Welt hallen musste. 
»Auf dass die Götter sie für würdig halten und als Gäste empfangen«, murmelte die Menge. 
Dann schritten Snorri, Yorrick und Knutson vor, in ihren Händen hielten sie jeweils eine brennende Fackel, welche die schwarze Nacht mit einem matten Flackern erhellten. Wie Sternschnuppen segelten sie durch die Luft und steckten die Schiffe in Brand. Die Flammen leckten am Holz der Geri, auf der Deila ihre letzte Reise antreten würde. Islav hatte das stolze Schiff kein Glück gebracht und da er in Ungnade gefallen war, hatten sie einstimmig beschlossen, die Valkyre von Skiringssal auf ihr zu bestatten. 
Eine letzte Ehre. Die einzige, die wir dir jemals erteilt haben. 
Aegirs Miene verfinsterte sich vor Kummer. Ylvie hatte auf dieser Insel einen wichtigen Teil ihrer Familie verloren. Wie sollte er ihr nur beibringen, dass sie Islav zurückgelassen hatten? Was er dem Dorf angetan hatte? Dass ihre Schwester seinetwegen gestorben war. Er wusste es nicht. Ebenso wenig wie er wusste, ob er das Zeug zum Jarl hatte. Er sehnte sich nach Ruhe. Jetzt mehr denn je. Doch das Schicksal schmiedete offenbar andere Pläne mit ihm. Seufzend ließ er sich in den Sand fallen und dachte nach.

***

Snorri torkelte schlaftrunken über das Deck. Es war noch sehr früh und dichter Nebel hatte sich über die See gelegt. Die meisten Männer schliefen noch. Als er Aegir am Bug lehnen sah, erhellte sich seine Miene schlagartig. Seit den Geschehnissen in jener Nacht, bevor sie das Kloster erreicht hatten, hatten sie nie die Zeit gehabt, um zu reden. Und alles in ihm sehnte sich nach Versöhnung mit seinem Bruder.
»Ein letztes Omen. Der Weg, der nun vor uns liegt, ist so undurchsichtig wie der Morgennebel«, raunte ihm Aegir zur Begrüßung entgegen. 
»Doch wird er sich lichten und einen Blick auf die Heimat gewähren«, erwiderte Snorri und ließ sich neben seinem Bruder nieder. »Das, was ich dir vor ein paar Tagen vor den Kopf geworfen habe«, begann Snorri vorsichtig, doch Aegir winkte ab. 
»Du warst noch nicht soweit, es zu erkennen. Die Wahrheit kostet immer einen Preis. Wähle weise, ob du bereit bist ihn zu bezahlen und ob du mit der Wahrheit leben kannst.«
Snorri atmete auf. Dass sein Bruder ihm vergab, bedeutete ihm viel, angesichts der Torheit, die er ihm entgegengebracht hatte. »Ich möchte mich bei dir bedanken. Du hast versucht mir die Augen zu öffnen, aber ich war wie geblendet von Versprechungen. Scheinbar musste ich erst erleben, was es bedeutet, ein Leben zu fordern, um zu verstehen, dass ich es nicht kann.« Beschämt schaute er zu Boden. 
»Du hast dich verhalten, wie ich es von einem jungen Narren nicht anders erwartet hätte. Es freut mich, dass du wahrhaft schnell begriffen hast«, erwiderte der Riese sanft. »Es gab Momente, da fürchtete ich um dein Leben.«
»Du weißt doch, so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen«, grinste Snorri schelmisch, bevor er beschwichtigend die Hände hob, um Aegirs bohrendem Blick zu entgehen. »Und wie geht es dir? Die Hände wieder in Blut zu tauchen schien dir nicht allzu schwer zu fallen. Du wirktest wie im Rausch.«
»Ich kannte den Preis, der mir abverlangt werden würde und doch habe ich keinen Moment gezögert. Du wirst noch lernen, dass es keinen Unterschied macht, ob man nun Unschuldige oder Verräter abschlachtet. Den Unterschied macht es, wofür du dich entscheidest zu kämpfen. Ich lasse doch nicht meine Familie im Stich.« 
Snorri klopfte ihm auf die Schulter. »Und dafür werde ich dir ewig dankbar sein. Sei dir gewiss, dass ich auf dieser Reise viel gelernt habe.« 
»Nicht nur du«, schmunzelte Aegir. »Wir alle haben etwas gelernt, über den Preis des Lebens. Du hast Yorrick davon abgehalten, noch mehr Gefangene zu opfern. Knutson hat gelernt, mit Demut an andere heranzutreten und ich? Ich habe schmerzhaft gelernt, dass nicht jedes ausgesprochene Wort von endloser Dauer sein kann.«
Snorri gab ihm Recht. Er hielt kurz inne, hielt die Worte, die er nun aussprechen würde, für einen Moment zurück. »Ich werde Skiringssal verlassen, Bruderherz«, flüsterte er dann leise. 
»Du willst was?«, Aegir riss vor Verwunderung die Augen weit auf. 
»Nicht so laut. Die Anderen werden es nicht heute erfahren.« Snorri blickte sich verstohlen um, doch an Bord regte sich nichts. »Das was ich auf dieser Fahrt gelernt habe, möchte ich in der Welt verbreiten. Gottes Wort soll mich führen. Ich hörte von Wanderpredigern, die durch Schweden und Dänemark reisen. Ich werde sie bitten, mir ihre Bräuche zu lehren, um Gottes Willen zu verkünden. Damit wir nicht mehr sinnlos töten müssen.«
»Ein nobles Ziel«, antwortete Aegir, nach reichlicher Bedenkzeit. »Doch versprich mir, dass du nicht blauäugig drauflos stürmst. Bedenke deiner Taten und der Menschen, die dich umgeben. Lass sie deine Gutgläubigkeit nicht ausnutzen und erkenne die Wahrheit, bevor sie es tun.«
Snorri gelobte es feierlich. 
Aegir lehnte sich mit einem steifen Nicken auf die Reling und schien für einen Augenblick in Gedanken zu schweifen, während er versuchte, irgendetwas im Nebel zu identifizieren. »Die Suppe lichtet sich allmählich. Das wurde auch langsam Zeit. Aufstehen, ihr Faulpelze! Na wird’s bald?« Er begann damit, die Männer auf ihre Positionen zu scheuchen. 
Snorri lehnte sich an die Reling und beobachtete das Ganze mit einem Lachen auf den Lippen. Dann richtete sich sein Blick in die Ferne, wo der Nebel sich allmählich lichtete und plötzlich wie aus dem Nichts die skiringssaler Klippen vor ihnen auftauchten.Jubelrufe erklangen, doch Snorri fiel nicht mit ein. Diese Reise hatte ihn verändert. Hatte ihn erwachsen werden lassen. Innerlich dankte er Aegir für alles, was er ihn gelehrt hatte. Morgen würde er sich auf den Weg machen. Kein Abschied, kein Unverständnis, keine große Trauer. Snorri atmete die salzige Seeluft ein und schloss für einen Moment die Augen. Wahrlich, der Geruch der Veränderung lag in der Luft, er konnte ihn förmlich schmecken. Hatte er sich doch gestern noch auf die wohlverdiente Ruhe der Heimat gefreut, so erschien es ihm heute unmöglich zu rasten. Denn eine neue, große Reise lag nun vor ihm.

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Die Wölfe von Asgard – Das Zeichen der Götter (2/2)

Der grausige Schlachtenlärm dröhnte in ihren Ohren, dennoch kam es Deila so vor als sei ihr Leben nie harmonischer gewesen, als in diesem Augenblick. Nichts stellte sich zwischen die Jägerin und ihre Beute. Obwohl es sich in diesem ausgewachsenen Handgemenge als schwierig erwies, die Übersicht zu behalten, konnte sie ihren Vater klar unter sich erkennen. Sie fletschte die Zähne. Ihren Mund erfüllte der bittere Geschmack von Blut. 
Ich bin dein Fluch, Vater. Und dieser Fluch wird heute dein Leben fordern. 
Mit einem Aufschrei stürzte sie sich vom Felsen. 
Im gleichen Moment schwärmten Yorrick und seine Leute aus dem Geäst und verwickelten die Ustenströmer in bittere Zweikämpfe. Der Schiffsbaumeister hatte auf ihr Zeichen gewartet. Trotz ihrer Wunde, hatte sie sich diesen Moment nicht nehmen lassen. 
Einmal groß sein. Wissen wie es sich anfühlt, zu leben.
Der erste Mann, der ihren Weg kreuzte, ging mit einem Röcheln zu Boden, als Deila ihm ohne mit der Wimper zu zucken den Speer durch den Hals rammte. 
Siehst du mich, Vater?
Er sah sie. Durch seine Augen zuckte ein Gefühl, dass in Deila eine freudige Erregung hervorrief. Angst. Nichts weiter als die blanke Angst.
Fürchtest du mich, Vater?
Abermals warf sich ihr ein Feind wie aus dem Nichts entgegen. 
Deila lenkte die Axt mit dem Speer um, vollführte einen Ausfallschritt und schnellte dann so blitzartig hervor, dass ihrem Gegner keine Zeit zum Reagieren blieb. Der Speer bohrte sich durch seine Brust und eine rote Wolke hüllte ihn ein, während er zusammenbrach.
Während sie tötete, ließ sie ihren Vater nicht einen Moment aus den Augen. 
Erkennst du, was du aus mir gemacht hast, Vater?
Islav wandte sich von ihr ab. Er drängte durch das Schlachtgeschehen, nur fort von ihr. Er hatte Mühe, den Angriffen zu seinen beiden Seiten zu entgehen, doch irgendwie gelang es ihm. Ein Speer streifte seine Schulter und er bellte vor Schmerz. Doch nichts schien ihm gewisser, als dass er sein Heil in der Flucht suchen sollte.
Deila genoss es. Trieb ihn wie ein Tier. Jeder, der ihren Weg kreuzte, starb. 
Eine geisterhafte Stimme schnitt durch ihren Kopf, scharf wie die Schwerter der höchsten Richter selbst: »Valkyra.«
Dann erreichten sie das Ende des Schlachtfeldes. Islav rannte davon wie aufgeschrecktes Wild, Deila schoss ihm hinterher.
Plötzlich registrierte sie einen Schemen, der sich aus dem Schatten löste und auf sie zumarschierte.
Hjalmaer verzog seinen Mund zu einem höhnischen Grinsen, während er sich zwischen die beiden stellte. »Keine Sorge, wir werden heute beide einen Vater verlieren«, knurrte er sie an.
Hat er geweint?
Von dem einst so stolzen Sohn des Magnar war kaum noch etwas zu erkennen. Blut befleckte sein Gesicht, seine Augen erschienen Deila trotz der Dunkelheit aufgequollen und rot. Sein Schwertarm zitterte, während er die Klinge in ihre Richtung ausstreckte.
»Du«, presste sie zwischen zusammengekniffenen Zähnen hervor. Der Rausch der Schlacht verabschiedete sich allmählich von ihr und wich einer bleiernen Schwere, die sich mit dem Hauch des herannahenden Todes in ihre Glieder schlich.
»Dir werde ich dein hässliches Grinsen aus dem Gesicht schälen, für das, was du mir und meinem Dorf angetan hast«, zischte sie wutentbrannt. »Außerdem stellst du dich zwischen mich und meine Beute.« Ohne Vorwarnung griff sie an. 
Der Speer zischte auf Hjalmaer zu, doch diesem gelang es, im letzten Moment auszuweichen. Er konterte mit einem Aufwärtshieb, der ihr fast die Waffe aus den Händen riss.
Dieser hier wird schwieriger.
Fast machte sie dieser Umstand glücklich. Wieder stieß sie zu, doch ihre Bewegungen wurden allmählich langsamer. 
Der Ustenströmer lenkte ihre Waffe von sich fort und ließ sein Schwert auf sie niedersausen.
Deila konterte, indem sie den Speer in Windeseile quer an ihre Brust presste, um den Schlag abzufangen. Die Wucht des Angriffs erschütterte sie in ihren Grundfesten.
»Ein Weib wie du es bist, wird einem echten Krieger niemals gewachsen sein«, schrie ihr Hjalmaer entgegen. »Und selbst für einen hässlichen Mann würde es nicht reichen.« Wieder griff er an. Seine Waffe sauste an Deilas rechtem Ohr vorbei, sodass es zischte.
»Vielleicht finden wir im Schweinestall eine Verwendung für dich. Irgendwer muss schließlich die Eber bei Laune halten.« Er lachte hysterisch. 
Deila blieb stumm. Was zählte waren Taten, nicht Worte. Und die Tatsache, dass er trotz dieser Worte Hand an sie gelegt hatte, sagte doch mehr über ihn aus, als über sie. Und dennoch konnte sie nicht umhin, festzustellen, dass sie ungewollt zu Zittern begann. Ihr Körper fühlte sich kalt und leer an. 
Mit einem Schrei zwang sie sich ins Diesseits zurückzufinden. Gerade noch rechtzeitig, um einer ihr geltenden Stichattacke zu entkommen.
Hjalmaer fauchte wütend, als er feststellte, dass sein Angriff fehlgeschlagen war. »Zäh wie ein Ochse, das muss man dir lassen«, knirschte er wütend. 
»Mach dich auf etwas gefasst«, ächzte Deila zurück. 
Er verzog eine Augenbraue. »Ach, wirklich?«, feixte er gespielt gelangweilt.
Sie umkreisten einander wie Raubtiere, bereit zum Sprung.
Deila ließ den Speer vorschnellen, doch Hjalmaer war flink. 
Er wich dem Angriff aus und täuschte einen Ausfallschritt an. Im letzten Moment ließ er von seinem Vorhaben ab und schürfte Deila das Schwert mit voller Wucht gegen den Arm.
Ein greller Schmerzensschrei entwich ihrer Kehle, der Speer flog ihr aus den Händen. 
Triumphierend baute er sich vor ihr auf. »Du bist am Ende«, kicherte er. »Finde dich damit ab.« Doch als er in Deilas Augen blickte, zögerte er.
»Narr!«, fuhr ihn die Nordmaid an. »Der Schmerz ist das, woraus ich meine Kraft schöpfe. Und du hast ihn erneut entfacht.«
Sie griff nach dem Speer und stürzte sich auf ihn. Hieb folgte auf Hieb, bis es schien, dass Hjalmaer einen Tanz vollführte.
Der Ustenströmer verpatzte eine Parade und der Speer bohrte sich in sein Bein. Brüllend vor Pein versuchte er zu kontern, doch Deila ließ ihm nicht die Gelegenheit. Der Schaft der Waffe krachte in sein Gesicht. Dann noch einmal. Und noch einmal, mit einer solchen Wucht, dass es knackte. 
Ächzend ging der Sohn des Magnar zu Boden. Blut strömte aus seiner Nase uns sein Kiefer hatte sich ungesund verdreht. 
Deila bäumte sich über ihm auf, ihr Speer glitzerte im Mondlicht. Dann rammte sie ihn mit voller Wucht in seinen vor Schreck weit geöffneten Mund.
Schon im nächsten Moment suchten ihre Augen das nächste Ziel.
Doch Islav schien wie vom Erdboden verschluckt. 
Mit einem zornigen Aufschrei versenkte sie die Waffe abermals in Hjalmaers Körper, diesmal in seiner Brust. Mit dem Schlag wich die letzte Kraft aus ihren Gliedern. Deila sank in die Knie, Schwindel erfasste sie, vernebelte ihren Verstand. Ihre Wunden pochten als wären sie zwei zusätzliche Herzen, die den Schmerz durch ihren Körper pulsieren ließen. Ein dumpfes Dröhnen erfüllte ihren Kopf, bis es alle anderen Geräusche verschluckt hatte. Unsagbarer Druck zerquetschte ihre Glieder. Eine letzte Träne trat aus ihrem Augenwinkel.
Hättest du mich je lieben können, Vater?
Ein Seufzer entwich ihrer trockenen Kehle, dann verlor sie das Bewusstsein. 


***

Das Blatt hatte sich gewendet. Dank Yorricks Überraschungsangriff war es den Skiringssalern gelungen, den Feind zurückzudrängen. 
Aegir ließ seine Axt auf den Feind niedergehen als würde er versuchen, Bäume mit einem einzigen Hieb zu spalten. 
Snorri beobachtete ihn, wie er zahlreiche Feinde niederstreckte. 
Danke, Bruderherz. Dass du mich vor dem bewahren wolltest.
Es dauerte nicht lange und die verbliebenen Ustenströmer ergaben sich. Sie warfen die Waffen von sich und knieten sich in die Hocke. 
Die Skiringssaler umkreisten sie mit Mienen, die vor Mordlust nur so trieften. 
»Ich sage, wir knüpfen sie auf!«, brüllte Knutson in die angeheizte Menge. Bestätigende Rufe folgten seiner Aufforderung.
»Lasst sie Bluten für das, was sie angestellt haben!«, forderte Yorrick. Er kniete vor dem reglosen Olaf und erwies ihm die letzte Ehre. Seine Hände glänzten feucht und rot vom Blut, ebenso wie sein gesprenkeltes Gesicht, das sich vor Gram verzerrte. 
Egal wohin Snorri blickte, der Tod schien allgegenwärtig. Dort, wo gerade noch die Schreie der Sterbenden in seinen Ohren gedröhnt hatten, befanden sich nun nur noch leblose Körper, die eine stille Klage in den Himmel hinaufächzten. 
Allmählich kroch die Sonne hinter dem Horizont empor und begrüßte die Überlebenden mit einem bitterroten Himmel, als wüsste sie längst, was heute Nacht geschehen war. 
So viel Tod, dachte Snorri und schluckte. Und das völlig umsonst.
Ein wüster Schrei verdrängte seine Gedanken. 
Yorrick hatte ein Messer gezogen und hielt es einem Ustenströmer an die Kehle. 
Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen blickte der Mann auf die blanke Klinge, die nunmehr den seidenen Faden zwischen Leben und Tod für ihn darstellte. 
»Nenne mir einen Grund!«, brüllte der Schiffsbaumeister in das Ohr des Gefangenen. Seine Hände zitterten vor Wut. 
Der Ustenströmer zuckte vor Schreck zusammen.
Snorri fühlte sich für einen Augenblick wie betäubt. Die Leichen, das Blut, die Schreie, die in der vergangenen Nacht durch die Dunkelheit gehallt waren, das alles vermengte sich in seinem Kopf zu einer Sintflut des Grauens. Eine endlose Beklommenheit presste seine Lungen zusammen. Er zwang sich dazu, ruhig zu atmen. Ein und aus. 
Und dann spürte Snorri ein seltsames Gewicht auf seiner rechten Brust haften. Als er danach tastete, stellte er fest, dass das Kreuz, das er aus dem Kloster geraubt hatte, noch in seiner Tasche ruhte. Und da wurde ihm klar, was er zu tun hatte.
»Haltet ein! Ihr alle!«, brüllte er nach Leibeskräften. 
Yorrick blickte ihn entgeistert an. »Ruhe, Knirps. Und dann fort mit dir. Das hier willst du nicht mit ansehen«, knurrte er dann.
»Du hast Recht«, erwiderte Snorri und machte vorsichtig einen Schritt auf ihn zu. »Das will ich nicht. Und dennoch werde ich mich nicht umdrehen, bis ich weiß, dass du diesem Mann kein Haar krümmen wirst.«
Aufgeregte Rufe ertönten. »Was fällt dir ein, Knirps?«, herrschte Yorrick ihn an und verlagerte mehr Druck auf die Klinge.
Das Gesicht des Ustenströmers lief weiß an vor Angst und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. »H-Hört auf den J-Jungen«, stotterte er mühsam hervor.
»Du hältst bloß dein Maul!«, antwortete Snorri harsch. »Du wirst deine Strafe noch kriegen, denn ihr habt euch alle des Verrats schuldig gemacht.«
»Und du weißt, welche Strafe darauf steht!«, brüllte Yorrick ungeduldig. »Und ich werde noch gnädig sein. Ein paar Stiche, was macht das schon, im Vergleich zum Blutaarspektakel? Nichts anderes haben diese Bastarde verdient.« Er spuckte verächtlich aus. 
Snorri breitete die Arme aus. »Siehst du nicht, was hier passiert ist? Mord und Tod umgeben uns und die Geister der Gefallenen werden diesen Ort ewig heimsuchen. Diese Erde wird für immer in Blut getränkt bleiben. Und du willst wirklich noch mehr vergießen? Das ist Wahnsinn.«
»Das«, knurrte Yorrick und sein Blick nahm kurz etwas Grausames an, »ist Gerechtigkeit.« Mit diesen Worten schnitt er dem Mann die Kehle auf.
Gurgelnd fiel er zu Boden und regte sich nicht mehr. 
Johlende Rufe ertönten und feuerten Yorrick an. Dieser schritt auf den nächsten Gefangenen zu. 
»Das ist Wahnsinn, seht ihr es denn nicht?«, keuchte Snorri, doch seine Worte fanden keinen Anklang. Niemand hörte ihm zu.
Snorris Blick suchte seinen Bruder, doch Aegirs steinerne Miene deutete ihm an, jetzt besser ruhig zu bleiben. In den Händen hielt er die reglose Deila, aus der sämtliches Leben gewichen war. 
So viel also zu deiner sogenannten Nächstenliebe.
»Gerechtigkeit? Das was du da tust soll gerecht sein?« In Snorri begann es zu kochen. »Ist Yorrick der Weise schon so groß, dass er im Auftrag der Götter handeln darf? Gefangene, die sich ergeben haben, abzuschlachten, zeugt nicht von Gerechtigkeit. Es ist egoistisch!« Nun kannte er keinen Halt mehr. Dieses sinnlose Töten musste endlich aufhören.
Yorrick blickte ihn entgeistert an.
»Na schön, dann bring sie doch alle um!«, herrschte Snorri. »Und dann komm zuhause an und er zähl deinen Töchtern was passiert ist. Und wenn sie dich fragen, warum du all die Menschen umgebracht hast, sehe ihnen nur für einen Moment in die Augen und sag ihnen ‘weil mir danach war’. Und dann beobachte, was ihre Augen erwidern. Sag mir, willst du das erleben?«
Wütend wandte Snorri sich ab und stürmte davon. Die Bestürzung brach endgültig aus ihm heraus und Tränen drangen aus seinen Augenwinkeln. Erst als er die Klippen erreicht hatte und der Wald sich teilte, um der See Platz zu machen, hörte er auf zu rennen. Seine Lungen brannten, doch es war ihm egal. Tief saugte er die salzige Luft ein. Lauschte dem Gekreische der Möwen und der Brandung, die im Takt der Gezeiten an den Felsen nagte. Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte er das letzte Mal etwas derart vertrautes, beruhigendes gehört. Es hatte fast etwas von Heimat.
Snorri blickte sehnsüchtig in die Ferne. Heimat. Wie sehr er sich nach den vertrauten skiringssaler Buchten sehnte. Er konnte es kaum erwarten, Segel zu setzen und in See zu stechen. Fort von dem Grauen der vergangenen Tage, das seine Seele für ewig beflecken würde. Er griff nach dem Kreuz in seiner Brust und holte es aus der Tasche heraus, betrachtete es für einen Moment. Dann schleuderte er es im hohen Bogen ins Wasser. Mit einem lauten Platsch versank es in den Fluten. 
»Das brauche ich nicht mehr«, sagte er und blickte dabei in den Himmel hinauf. »Es hat mir den Anfang des Weges gezeigt, doch nun werde ich ihn alleine beschreiten müssen.« Er holte tief Luft. »Damit ich am Ende bei dir ankomme und sagen kann, dass ich alles richtig gemacht habe.« Die aufgestaute Wut wich einer gewissen Erleichterung. Er hatte es getan. Das ausgesprochen, was schon seit dem Kloster an ihm nagte. Und es fühlte sich verdammt richtig an. Er blickte ein letztes Mal auf die weite See hinaus. Und da wurde ihm klar, dass er sie nie wieder befahren würde. Zumindest nicht, um zu plündern. Doch irgendwie erleichterte ihn diese Tatsache. Die Reise war zu Ende und er hatte es überlebt. Noch vielmehr als das, hatte ihn eine wichtige Erkenntnis ereilt. Snorri lächelte kurz in sich hinein und wischte die Tränen fort. Dann machte er sich auf den Weg, zurück zu den anderen. 

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Die Wölfe von Asgard – Das Zeichen der Götter (1/2)

Wir nähern uns dem Ende der Reihe. Nach diesem Kapitel folgt nur noch ein weiteres. Ich hoffe euch hat das Lesen genauso viel Spaß bereitet wie mir das Schreiben 🙂

Snorri spitzte die Ohren. 
Ein Wolf? Hier auf einer winzigen Insel?
Das erschien ihm unwahrscheinlich. Im Wald hatten sie weder Wildwechsel, noch Kotspuren von großen Tieren vorgefunden. Also was ging hier vor sich?
Die Ustenströmer schienen dasselbe zu denken wie er. Nervöse Blicke wanderten durch das Dickicht, suchten es nach potentiellen Gefahren ab. 
Snorri erblickte Aegir, der vor den Männern aus Ustenström in die Knie gegangen war. Sie entledigten ihn seiner Waffe und rissen ihn auf die Beine, wobei sie es sich nicht nehmen ließen, ihm einen Schlag in die Magengrube zu verpassen.
»Schafft sie auf die Schiffe. Entkleidet sie und legt ihnen Ketten an. Nehmt euch von ihnen, was ihr kriegen könnt.« Magnar schritt mit einer feierlichen Geste durch die Reihen seiner Krieger. Von seinen Händen tropfte das Blut.
Als er an Snorri vorbeischritt, musste dieser kurz schlucken. Magnar löste in ihm eine innere Unruhe, eine kindische Angst aus, die ihn mit giftigen Fäden lähmte.
Vor Islav blieb der Jarl von Ustenström stehen. Sein Blick zeugte mehr von Belustigung, als von Abscheu. »Ich habe dich gewarnt. Das Schicksal deines Dorfes lag in deiner Hand. Und du hast sie verraten.«
Er legte Islav fast zärtlich eine Hand an die Wange, musterte ihn abschätzig. Dann schlug er mit der Faust mitten in sein Gesicht. 
Blut tropfte aus der Nase des Jarl. Sein Blick suchte den Boden.
»Ich reichte dir die Hand, unterbreitete dir einen Handel. Und du dachtest wirklich, es sei klug mich zu beleidigen, indem du meinem Hjalmaer -einem stolzen Sohn aus dem Geschlecht der Ustenströmer-, einen klapprigen Gaul vermachst, den er schwängern soll?«
Die Männer des Magnar lachten bitter. Dunkle Stimmen, voller Bosheit und Hohn.
Snorris Puls beschleunigte sich. Was immer gleich geschehen würde, niemand der Anwesenden war wirklich bereit dafür. 
»Doch vielmehr als das, ist sie die jüngere der beiden. Eine Tatsache, die du mir bisher verheimlichen wolltest, nicht wahr? Die Erbfolge ist dadurch ruiniert, unser Handel ungültig«, fuhr Magnar mit ausgebreiteten Armen fort. Er trat Islav mit einer ungeheuren Wucht in die Kniekehle, sodass der Jarl von Skiringssal ächzend zu Boden ging. 
»Ich würde es ja deinen eigenen Männern überlassen, dich zu zerfleischen«, verkündete Magnar und hob das Schwert, setzte es an Islavs Kehle an. »Wenn es mir nicht so einen ungeheuren Spaß machen würde, es selbst zu tun.«
Snorri riss vor Entsetzen die Augen weit auf. Ein Röcheln entfleuchte seiner trockenen Kehle. 
Dann schob sich plötzlich eine Wolke vor den Mond und für einen Augenblick tauchte sich die Welt in ein trostloses Schwarz. Ein schmatzendes Geräusch war zu vernehmen. Dann ein Schrei. Wüste Rufe. Hektische Schritte. 
Panisch versuchte Snorri etwas auszumachen, doch in der Dunkelheit wollte ihm dies nicht auf Anhieb gelingen.
Erst als das Licht des Mondes wieder auf die Lichtung fiel, erkannte Snorri, was passiert war.
Magnar von Ustenström kniete auf dem Boden, der Schaft eines Speeres ragte aus seiner Brust. Ein dünner Faden Blut rann seinen Mundwinkel hinab, dann brach er mit verwundertem Blick zusammen. 
»Nur mir ist es vergönnt, über diesen Mann zu richten«, keuchte eine kratzige Stimme aus einiger Entfernung. 
Hektische drehte sich alles in die Richtung um.
Deila stand auf einem großen Felsvorsprung, in den Händen hielt sie einen weiteren Speer, den sie auf Islav gerichtet hielt. 
Ihr Gewand war von Blut besudelt, ihre Haut hatte sich im Mondlicht schneeweiß gefärbt und dunkle Ränder zierten ihre weit aufgerissenen Augen, sodass es in der Dunkelheit mehr wie der blanke Schädel einer Toten aussah als wie das Gesicht einer Sterblichen. Sie zitterte leicht. Schwankte. Doch noch schien sie sich halten zu können.
»Valkyra«, flüsterte Snorri entsetzt und ballte die Hände zu Fäusten. 
»Wer versucht, sich in den Weg zwischen mich und das Leben dieses Mannes zu stellen, der wird sterben«, ächzte die Nordmaid gequält. »Das verspreche ich euch.« Eine silberne Träne rann ihre Wange hinab. Dann hob sie den Speer in den Himmel. »Für die Wölfe von Skiringssal!« Sie stieß ein markerschütterndes Heulen aus.
Snorris Nacken formte eine Gänsehaut, dann versteinerten sich seine Muskeln vor Anspannung. Für einen Augenblick fühlte er sich wie gelähmt. Dann brach die Welt über ihm zusammen.
Mit einem lauten Schrei warf Deila sich vom Felsen.
Im selben Moment stürmten unzählige Männer brüllend aus dem Dickicht hervor. Ihre Schwerte und Äxte trafen die völlig überraschten Ustenströmer, schon gingen die ersten kreischend unter dem Ansturm zu Fall. 
Snorri rannte wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Er entriss einem reglosen Leichnam zu seiner Rechten sein Schwert, gerade noch rechtzeitig, um den Angriff eines feindlichen Kriegers zu parieren. Die Wucht des Schlages wummerte durch seinen Arm, doch das kümmerte ihn nicht. Die Götter hatten ihnen eine zweite Gelegenheit sich zu beweisen eingeräumt und wenn sie diese nicht nutzten, waren ihre Leben verwirkt.
Snorri legte alle Kraft, die er aufbringen konnte, in seinen Schlag.
Die Parade seines Gegenüber erfolgte nicht schnell genug und das Schwert bohrte sich in seine Schulter. Brüllend ging der Mann zu Boden.
Snorri setzte nach, doch bevor die Klinge den Kopf des Mannes erreichte, schloss er die Augen. 
Ich kann es nicht mit ansehen.
Ein Ruck ging durch seinen Schwertarm und es knackte verheerend, als die Klinge ihr Ziel traf. Schnell wandte er sich ab und suchte sich einen neuen Feind. Sein Blick wanderte über das Schlachtfeld, das nur Verlierer kannte. Leichname und Blut bedeckten den Boden, Schreie und Verwünschungen hallten durch die Nacht, Leiber wuselten hin und wieder zurück und der Mond schaute verächtlich auf das Ganze herab, verhöhnte das Leben aufgrund seiner Kurzweiligkeit. 
Snorri entdeckte Aegir, der damit beschäftigt war, dem Speer eines Gegners auszuweichen, während er sich händeringend nach einer Waffe umsah. 
Wie magisch angezogen, steuerte Snorri auf die beiden zu. Rannte. Überschlug sich fast.
Ein blutbesudelter Ustenströmer kreuzte seinen Weg, hieb mit der Axt nach ihm, doch Snorri tauchte im letzten Moment darunter hinweg. Das Blut rauschte in seinen Ohren, brachte seinen jungen Körper in Wallung. Dann erblickte er einen weiteren Feind, der sich Aegirs Dänenaxt angeeignet hatte. 
Warte nur Bruder, ich komme nicht mit leeren Händen.
Der Ustenströmer hob schnaufend die mächtige Waffe und hielt sowohl Yorrik als auch Knutson damit in Schach, drängte sie sogar zurück. 
Er hat das Boot repariert und uns gefunden. Und das keinen Moment zu früh, schoss es durch Snorris Kopf. 
Der Ustenströmer drehte ihm den Rücken zu.
Jetzt oder nie!
Mit einem Aufschrei bohrte er das Schwert durch den Rücken des Feindes. Er legte so viel Kraft in den Angriff, dass sie vorne aus der Brust wieder austrat. Die Klinge färbte sich in ein dunkles Rot, dann ging der Mann zu Boden.
Seine beiden Kameraden nickten ihm anerkennend zu, dann stürzten sie sich auf den nächstbesten Feind. 
Snorri gönnte sich keine Atempause. Er griff nach dem Stiel der Waffe und schaute sich in Windeseile um. 
Aegir sah sich immer noch seinem Feind gegenüberstehen, doch eine üble Wunde zierte sein Brustbein, wo der Speer ihn getroffen hatte.
Halte durch, Bruderherz.
Mit der Waffe in der Hand stürmte er los, sprang über zwei Leichname hinweg, schlängelte sich zwischen den Reihen der Kämpfer hindurch.
»Fang!« Snorri schleuderte die Axt wie einen Speer, doch sie flog nicht wie geplant, ging drei Schritte neben Aegir zu Boden. 
Schon versuchte der Ustenströmer, ihn mit seiner Waffe zurückzudrängen.
Doch der Riese war schnell wie ein Blitz. Er stürzte sich kopfüber auf die Waffe, ergriff sie und vollführte dann eine Hechtrolle, um dem Speer seines Gegners auszuweichen. Abermals stieß der Mann mit seiner Waffe nach ihm, doch Aegir schlug den Speer mit der Kraft eines Gottes entzwei. Holz splitterte in alle Richtungen, dann ertönte ein erschrockener Aufschrei.
Aegir wirbelte herum und die Axt traf den Mann genau vor die Brust. Knochen knackten, dann brach der Mann, von der Wucht des Schlages getroffen, reglos in sich zusammen. 
Keuchend sahen sich die beiden Brüder für einen Augenblick an. 
»Das war verdammt knapp«, ächzte Snorri erleichtert. »Ich dachte schon, ich verliere dich.«
»Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen.« Aegir eilte mit dem Blick eines Raubtieres zu ihm herüber. »Auf, ihr Männer von Skiringssal!«, schrie er aus voller Kehle, während er die Axt in die Höhe hielt. »Auf und bis ans Ende der Welt!«
Brüllend stürzte er sich in die Schlacht, schlug mit der Axt nach links und rechts. Hackte auf Fleisch und Metall gleichermaßen ein. Feinde fielen vor seinem Angesicht wie die Fliegen. Knochen brachen. Blut sickerte in die feuchte Erde. Schreie ertönten. Der Riese war zurückgekehrt und er kannte keine Gnade.

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Die Wölfe von Asgard – In die Enge getrieben (2/2)

»Vorwärts!«, der Mann stieß Deila mit dem Schaft seines Speeres unsanft in den Rücken. »Der Jarl wird sich schon ergeben, wenn er erst einmal seine in Tränen aufgelöste Tochter vorgeführt bekommt. Welcher Vater würde das nicht tun?« Er stieß ein bellendes Lachen aus. 
Nur einer, dachte Deila grimmig, hütete jedoch ihre Zunge. Sollte der Mann erfahren, dass Islav vermutlich äußerst wenig an ihrem Fortbestehen lag, war ihr Leben ohnehin verwirkt. 
Er führte sie über das Deck und stieß sie dann grob über die Reling.
Ihre Hände hatte er schmerzhaft eng mit einem Seil zusammengebunden, außerdem griff er mit seinen Pranken in ihre Haare, damit sie nicht fortrennen konnte.
Nicht, dass Deila vorgehabt hätte zu fliehen. Wenn sie schon sterben musste, so wollte sie doch zuerst sehen, wie ihr Vater ins Verderben stürzte. Sein Tod sollte das köstlichste werden, dass sie in ihrer kurzen Lebensspanne je erblicken durfte.
Je tiefer sie in den Wald schritten, desto eindringlicher vernahm sie den Schlachtenlärm. 
Sie haben also schon damit begonnen, sich gegenseitig umzubringen.
»Hoffen wir, dass von deinem Vater noch etwas übrig ist«, gluckste der Ustenströmer verzückt. »Ansonsten werde ich mich bei dir dafür bedanken, dass ich den ganzen Spaß verpasst habe.« Er lachte laut.
Deila hörte ihm nicht wirklich zu. Vielmehr versuchte sie fieberhaft, die verschiedenen Eindrücke aus der Schlacht in sich aufzunehmen.
Der Geruch von Feuer biss sich durch ihre Nasenflügel und flackernde Schatten tanzten zwischen den Bäumen hervor. Eindringliche Rufe, Schreie und Verwünschungen hallten durch die Nacht, nur das schrille Aufeinandertreffen der Waffen schaffte es, das Stimmengewirr gelegentlich zu durchdringen.
Das Zeltlager brennt, womöglich dichter Rauch. Außerdem ist die Schlacht noch nicht entschieden. Dafür kämpfen noch zu viele Männer gegeneinander. Wenn ich es schaffe, diesen Hornochsen loszuwerden, finde ich vielleicht eine Möglichkeit, mich in die Schlacht zu stürzen, um wenigstens ein ruhmreiches Ende erwarten zu dürfen.
Doch der Griff des Mannes blieb bis sie die Lichtung erreichten gnadenlos. Er zerrte sie mit sich wie einen räudigen Köter und als sie im Zeltlager ankamen, stieß er ihr abermals den Schaft des Speeres in den Rücken.
Deila taumelte, stürzte jedoch nicht. Ihr Blick wanderte durch das Lager und unwillkürlich formte sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper.
Niedergebrannte Zelte und reglose Leichen bedeckten die Lichtung. Beißender Rauch drang in ihre Nase und ließ sie würgen. 
Der Mann überging sie einfach. »Haltet ein, Jarl Islav! Ich bringe Euch Eure Tochter. Legt die Waffen nieder oder sieht mit an, wie ich sie von oben bis unten aufschlitze!«, er brüllte so laut, dass Deila vor Schreck zusammenfuhr.
Auf der gesamten Lichtung erstarrten die Kämpfer als wären sie plötzlich von Frost durchzogen. Lauernde Blicke richteten sich auf den Neuankömmling. Niemand senkte die Waffen.
»Das ist eine Lüge! Sie wollen uns täuschen!« 
Islavs Stimme drang durch den wabernden Rauch, doch Deila vermochte es nicht, ihn irgendwo dort drin auszumachen.
Eine letzte Demütigung. Deila die Wertlose. Deila das Pferd.
Ungewollt überkam sie bei diesen Gedanken ein Schluchzen. 
»Nun sag schon was«, knurrte der Ustenströmer sie an. »Sag ihm, wie gern du ihn hast.«
»Lügen sind etwas für Feiglinge«, zischte Deila zurück. 
Er griff in ihre Haare und zerrte sie schmerzhaft zurück. 
Die Nordmaid spürte kalten Stahl an ihrer Kehle aufsetzen. 
»Sprich. Oder du wirst es nie wieder können, das versichere ich dir«, raunte er in ihr Ohr. 
Deilas Herz pochte wie wild. Kaum fähig einen klaren Gedanken zu formen, rief sie: »Vater? Ich bin es. Deila. Deine Zweitgeborene.«
Schritte näherten sich. 
Durch den dichten Rauch konnte sie kaum etwas erkennen. Dann jedoch manifestierte sich eine Gestalt vor ihnen. 
Islav war kaum noch mehr als ein Schatten seiner Selbst. Blut sickerte aus einer Wunde an der Schulter und seine Haut hatte einen ungesunden Grauton angenommen. Seine traurigen Augen waren von schwarzen Ringen umrahmt und sein Blick schien leer und trüb. 
»Vater«, wisperte Deila entsetzt. 
Islav sah aus wie ein wandelnder Toter. Sein kranker Blick ruhte für einen Moment abschätzend auf ihr, dann verformte sich sein Gesicht zu einer wahnhaften Grimasse. »Ich habe nur eine Tochter, du Lügnerin«, krähte er mühselig hervor. Mit diesen Worten stieß er sein Schwert in Deilas Unterleib. 
Sie schrie auf vor Schmerz. Es war als würde sie innerlich gezweiteilt. Warmes Blut floss aus der Wunde und besudelte ihre Kleidung. Deila stürzte keuchend zu Boden, die Welt schlug über ihr zusammen. Aus dem Augenwinkel registrierte sie, wie ihr Vater den fassungslosen Ustenströmer mit einem Seitwärtshieb enthauptete.
»Eine List! Tötet sie alle!«, schrie er aus voller Kehle. 
Brüllend stürzten sich die Skiringssaler auf die verdutzten Ustenströmer und es gelang ihnen, einige von ihnen niederzustrecken, bevor der Gegner sich gefangen hatte.
Er hat mich geopfert, nur für einen kleinen Vorteil.
Wogen der Pein brachen über sie hinein. Die Wunde pochte wie Hammerschläge in ihre Seite. Als sie die Hand darauf legte, stellte sie fest, dass sie viel zu viel Blut verlor. 
Ich verfluche dich, Vater. Mögest du den grausamsten aller Tode sterben.
Keuchend rollte sie sich auf den Rücken, jede Bewegung ließ sie schwerfällig ächzen. Dann schloss sie die Augen. Eine bleierne Schwere hüllte sie ein, machte sie taub und entzog ihr sämtliches Empfinden. 
Stimmen geisterten durch ihren Kopf, raunten und flüsterten.
Sterbe ich?
Deila schluckte. Die Angst schmiegte sich an ihre Brust wie ein Kätzchen. Die Stimmen veränderten sich, nun schienen sie zu summen. Selbst der Schlachtenlärm wich ihrem dröhnenden Gesang.
Und er formte Worte. Worte, die Deila zu verstehen glaubte:

Grauer Schorf,
tristes Kleid.
Ich bin fort,
wurd’ entzweit. 

Stummes Wort,
Hela weint.
Dieser Ort
kennt mein Leid.

Ihre Brust fühlte sich eiskalt an. Als sie die Hände darauf legte, stellte sie fest, dass sie zitterte. Deila schaffte es nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Stimmen überwältigten sie:

Nicht vermisst,
nicht beklagt.
Nimm mich mit,
neuer Tag.

Messers Stich.
Zorneswahn.
Erheb dich,
Valkyra.

Deila atmete ruhig. Sämtlicher Schmerz, der in Wogen durch ihren geschändeten Körper pulsierte, manifestierte sich zu einem Gefühl, das sie mit einer ungeahnten Stärke überkam: Wut. Unsagbare Wut. Eine Wut, groß genug, um diese Welt zu vertilgen. Und nun würde sie diese Wut entfesseln. Sie atmete ein letztes Mal tief ein und aus, völlig gefangen in diesem bittersüßen Rausch. Dann öffnete sie langsam die Augen und lächelte.

***

Aegir warf sich mit einem animalischen Aufschrei gegen die Holztür.
Er konnte nicht genau sagen, ob sie unter seinen kärglichen Versuchen auch nur einen Deut nachgegeben hatte. Ebenso wenig, wie er sich darüber im Klaren war, wie lange die Kämpfe bereits andauerten. Gefühlt musste es eine halbe Ewigkeit her sein. Wieder versuchte er, seine Schulter gegen das Holz zu stemmen, doch er besaß so wenig Spielraum, dass es aussichtslos erschien. 
Aber er konnte nicht aufgeben. Nicht jetzt, wo so viel auf dem Spiel stand. Nach einem weiteren erfolglosen Versuch überkam ihn das Gefühl, die Tür lache ihn aus. 
»Halt die Klappe!«, knurrte er sie an. Doch sofort kam er sich komisch dabei vor, mit einem Stück Holz zu sprechen.
Zersetzt sich langsam dein Verstand, altes Haus? Denk lieber nach, wie du hier lebendig raus kommst.
Doch je fieberhafter er nach einem Ausweg suchte, desto trüber wurden seine Gedanken. Irgendwann ließ er seufzend den Kopf gegen die Tür sinken.
Wenn ich doch nur die Fessel lösen könnte.
Genau in diesem Moment vernahm er Schritte. Wie ein abgeschossener Pfeil schnellte er in die Höhe. Dann knarzte auch schon das Schlüsselloch und die Tür wurde aufgerissen. 
»Aegir, zum Donner, du hattest Recht! Du hattest mit allem Recht!« Ein Mann schnellte in die Zelle und zerrte ihn hinaus. Sein Gesicht war blutverschmiert, in der linken Hand hielt er eine Klinge. Der Helm auf seinem Kopf saß schief und er zitterte vor Aufregung.
Der Riese erkannte seinen Waffenbruder aus längst vergangenen Tagen und konnte nicht umhin, ein spöttisches Grinsen aufzulegen.
»Ralof? Welch angenehme Wendung. Darüber unterhalten wir uns später. Jetzt gib mir meine Axt, na wird’s bald?«
Binnen eines Moment wechselte das mächtige dänische Mordinstrument seinen Besitzer.
»Wie du an sie gelangt bist, darfst du mir später erklären. Nun sparen wir uns das auf für den Kampf.«
Der Mann schluckte, dann nickte er. »Wir sollten Walhall nicht warten lassen«, sagte er dann zögerlich.
»Ich pfeife auf Walhall. Heute werden wir Blut vergießen, ein letztes Mal. Und danach stellen wir uns der Gnade unserer Herren.« 
Gemeinsam eilten sie an Deck des Schiffes und mit einem großes Satz ließ Aegir sich in den Sand fallen.
Sein Waffenbruder folgte ihm dichtauf. 
Der Riese rannte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Das Schicksal hatte die Bestie in ihm erweckt und er war bereit sie zu entfesseln.
Er fegte Zweige und Gestrüpp aus seinem Weg, fast schien es so als fege er eine Schneise durch den Wald.
Ralof hatte Mühe mit ihm mitzuhalten. Als Aegir sich an eine große Fichte presste, um aus der Deckung das Schlachtfeld zu überblicken, holte er ihn mit einem Hecheln ein. 
»Du hast wahrlich nicht an Kraft eingebüßt. Man könnte meinen, selbst ein fränkisches Ross sei kein würdiger Kontrahent für dich.«
»Klappe«, knurrte Aegir, während er seine Augen wachsam auf das richtete, was vor ihnen lag. 
Das Zeltlager schien komplett heruntergebrannt, Asche wirbelte wie Schneeflocken durch die Luft, bedeckte den Wald mit einem Leichentuch. Innige Rufe halten durch die Luft, Flüche und Schreie derer, die bis jetzt überlebt hatten. 
Sein Blick fing ein paar Kämpfer ein, die gerade einen Leichnam plünderten. 
Ustenströmer und gleich drei auf einen Schlag.
Er mahnte sich zur Vorsicht, unterdrückte die aufkommende Vorfreude. Dann lauschte er.
»Ein paar scheinen sich in den Wäldern zu verstecken, Feiglinge, allesamt!« Der groß gewachsene Mann stützte sich auf seine Axt, während seine Kameraden die Taschen ihres Opfers leerten. »Doch der Jarl wird Magnar nichts vormachen können. Diese Jagd ist bald vorbei.« Er spuckte abfällig aus. Dann setzte er den Stiefel an das Gesicht des Toten und drehte es dadurch leicht nach rechts. 
»Arme Sau. Kaum mehr als ein Junge. Nur die Stärksten schaffen es, zu Kriegern heranzuwachsen. 
Die Stärksten und jene, die wissen sich bedeckt zu halten.
Aegir wollte sich gerade daran machen, sich näher an die Gruppe heranzuschleichen, als es ihn wie der Blitz durchfuhr.
Snorri!
Sein Gesicht verfinsterte sich mit einem Schlag.
»Was hast du vor?«, wisperte Ralof mit gerunzelter Stirn.
»Etwas Übles. Folge mir und kämpfe oder lauf und kreuze nicht meinen Weg, verstanden?«, grollte der Riese. Dann warf er sich mit einem Schrei auf die drei Männer.
Die Überraschung schien auf seiner Seite. Verdutzt wandten die Männer sich zu ihm um, doch viel zu spät, um seinem Zorn zu entgehen. 
Dem ersten trieb er die Axt ins Hirn, bevor er überhaupt aufschreien konnte. Den zweiten erwischte er mit einem gekonnten Aufwärtshieb, der seinen Gegenüber zu Boden beförderte. 
Der Dritte wich seinem Schlag aus und bugsierte sich mit einem Ausfallschritt in Sicherheit. »Dafür wirst du büßen, Skiringssaller Köter!«, presste er hinter gefletschten Zähnen hervor. 
Unbeeindruckt ging Aegir auf ihn los. 
Dem ersten Hieb entging der Mann, indem er unter der Schneise der Dänenaxt hinwegtauchte. Er versuchte es mit einem ruckartigen Konter, doch Aegir rammte ihm den Stiefel in die Magengrube, wirbelte einmal um die eigene Achse und enthauptete ihn, als bestünde sein Hals aus feinster Butter.
Keuchend wandte er sich dem Leichnam des Jungen zu. Erleichtert stellte er fest, dass es sich dabei um einen Ustenströmer handeln musste, denn das Gesicht wirkte wenig vertraut auf ihn.
»Das ging schnell«, stellte Ralof fest, als er aus dem Schatten der Bäume trat. »Der Skiringssaler Riese weiß immer noch zu töten.«
»Und man tut gut daran, ihm nicht dabei im Wege zu stehen«, beendete Aegir den Satz für ihn. Dann sah er sich um.
Die Wälder des kleinen Eilandes, auf dem sie ankerten, waren plötzlich von einer unheilverkündenden Stille umgeben. Kein Ruf, kein Stöhnen, nicht mal ein Winseln.
Der Boden war von derartig vielen Fußspuren durchzogen, die in alle Richtungen verliefen, sodass es ihm unmöglich schien, etwas zu deuten.
Leichen pflasterten die kleine Lichtung und das Mondlicht spiegelte sich glitzernd in den Helmen und Klingen der Gefallenen. Nur wo waren die Lebenden?
Plötzlich vernahm er Stimmen. Dann Schritte. Eine große Gruppe von Menschen näherte sich seiner Position. Noch bevor er reagieren konnte, eilten eine Handvoll Männer aus dem Dickicht hervor. 
Als Aegir erkannte, was geschehen sein musste, setzte sich ein kreischender Schwindel zwischen seinen Schläfen ab. Die wenigen verbliebenen Skiringssaler, hatten sich der Gnade des Magnar übergeben oder waren überrumpelt und gefangen genommen worden. Er erkannte Islav, Knutson und ein paar andere Männer. Als er Snorri erblickte, der ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, überkam ihn trotz ihrer ausweglosen Lage ein Gefühl der Erleichterung.
Er lebt! Ich habe als Bruder noch nicht versagt.
Die Männer des Magnar bauten sich mit schadenfrohen Gesichtern vor ihm auf. »Der ist ja ein richtiges Prachtexemplar«, feixte einer von ihnen grinsend. »Der wird uns in Konstantinopel eine Menge Geld einbringen.« 
Die Anderen fielen in sein Lachen mit ein.
Sklaven. Das soll unser Schicksal sein?
Die Erkenntnis, dass ihre Höllenfahrt womöglich gerade erst begann, erschütterte Aegir in seinen Grundfesten. Sein Griff um die Waffe versteinerte sich. 
Dann schob sich der Mond für einen kurzen Augenblick hinter den Wolken hervor und ließ die Lichtung in seinem silbernen Glanz erstrahlen. 
Ihr Götter, schickt mir ein Zeichen. Er war bereit, seinen letzten Dienst zu leisten.
Dann horchte er plötzlich auf. Ein schauderhafter Ruf wanderte durch den Wald. 
In der Ferne heulte einsam ein Wolf.

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Die Wölfe von Asgard – In die Enge getrieben (1/2)

Aegir tastete sich vorsichtig durch den engen dunklen Raum, in den man ihn eingesperrt hatte. Er bot kaum Platz, um sich zu bewegen, und kaltes Holz umschloss seine breiten Schultern, wenn er versuchte, sich irgendwie zu rühren. Hätte man ihm die Hände nicht auf den Rücken gefesselt, hätte er vermutlich bessere Aussichten gehabt. Nun jedoch, schien er sich in einer ausweglosen Lage zu befinden. Aegir stieß einen gedämpften Fluch aus. Er hätte nicht so naiv sein dürfen, anzunehmen, dass Islav nichts von dem ganzen Spiel um ihn herum mitbekam.
Nun oblag es seinem Bruder Snorri, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Du wolltest ein Mann werden, Bruderherz. Nun hast du die Gelegenheit dazu. Und sie kommt schneller als du es für möglich gehalten hättest. Jetzt musst du Stärke zeigen oder wir werden heute Nacht zu unseren Vorfahren stoßen.
Langsam aber sicher versteiften sich seine Glieder. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihm sein Kettenhemd abzunehmen und langsam zerrte das Gewicht und seine geduckte Haltung an seinen Kräften.
Wartet nur, bis ich hier raus bin, grollte er innerlich. Seine aufgestaute Wut verdrängte jeden Gedanken an die Nächstenliebe, die ihn der Fremde gelehrt hatte. 
Vergib mir, Vater, denn ich werde eine Sünde begehen.
Plötzlich ertönte ein greller Schrei, so laut, dass Aegir stocksteif zusammenfuhr. Es klang so, als müsse jemand wieder und wieder durch das Feuer der Hölle selbst wandern. Dann war es für einen Augenblick totenstill. 
Jeder Muskel in seinem Körper zuckte vor Erregung. 
Es hat begonnen, wurde ihm klar. 
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. 
Dann ertönten wütende Rufe. Schreie. Kampflärm. Die schrille Melodie von Stahl, der auf Stahl traf, wanderte durch Aegirs Ohren. 
Der Riese schloss die Augen und versuchte sich auf Einzelheiten zu konzentrieren, was ihn bei den Schreien der Männer einfach nicht gelingen wollte.
Ich muss hier raus. Nur wie?
Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Doch selbst wenn es einen gab, so offenbarte er sich nicht. Er war gefangen. Und somit verdammt, das Schicksal seiner Kameraden zu teilen. 
Selbst, wenn es den Untergang bedeutete.

***

Snorri rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Äste peitschten ihm entgegen, verkratzten sein Gesicht, doch es kümmerte ihn nicht. Seine Lungen brannten, verlangten nach Luft. Doch er durfte sie nicht gewähren lassen. 
Hinter ihm befand sich eine tosende Meute, bestehend aus über einem Dutzend Ustenströmern, die ihm hinterherjagten.
Blind vor Aufregung hatte er gehandelt, die Fackeln von sich geschleudert, Männer und Zelte in Flammen gehüllt. Dann hatte er die Beine in die Hand genommen und sich davongemacht, wie sie es geplant hatten. 
Bäume zogen an ihm vorbei, während er die Anhöhe emporhechtete. 
Ein kurzer Blick nach hinten verriet ihm, dass die Männer des Magnar allmählich aufholten. Snorri biss die Zähne zusammen. Er musste durchhalten, fast hatte er die Felsen erreicht. 
Ein Pfeil bohrte sich unweit von ihm in einen Baumstamm. 
»Verdammter Mist!« Die Anspannung ließ ihn Flüche zischen. 
»Komm endlich her, du elender Bastard! Stell dich wie ein Mann!«
Die Stimme kam ihm bekannt vor und dennoch gelang es Snorri gerade nicht, sie einzuordnen. 
Er stolperte über eine Wurzel und geriet ins Straucheln. Fast wäre er gestürzt. Im letzten Moment rappelte der junge Nordmann sich auf und rannte weiter. 
Endlich waren die großen Findlinge in Sicht. Hechelnd steuerte er darauf zu und wie eine Schlange wandte er sich zwischen ihnen hindurch. Dann erreichte er die Barrikade, wo genau ein Pfahl fehlte, damit er die Möglichkeit besaß, hindurchzuschlüpfen. 
Hastig eilte Snorri an den angespitzten Ästen vorbei, griff sich den letzten verbliebenen Pfahl und rammte ihn mit voller Wucht in die Erde. Dann zog er sein Schwert. 
Ihm blieb keine Zeit für eine Atempause.
Der erste Ustenströmer kam zwischen den Felsen hervorgeschnellt. Als er die angespitzten Pfähle bemerkte, blieb er mit weit aufgerissenen Augen ruckartig stehen.
Sein Nachfolger stolperte irritiert in ihn hinein und stieß seinen Vordermann dadurch in die schreckliche Todesfalle. 
Der Speer bohrte sich durch den Leib des Kriegers und brüllend vor Schmerz sackte er darauf zusammen. Ein kleiner Faden aus Blut rann an seinem Mundwinkeln hinab, während das Licht in seinen Augen erlosch.
»Es ist eine Falle!«, schrie einer der Männer des Magnar. 
Dann ertönte Kampflärm. 
Sie haben den anderen Zugang verriegelt. Jetzt oder nie!
»Steine!«, brüllte Snorri nach Leibeskräften. 
Auf seinen Ruf hin, tauchten die Männer auf den Findlingen auf und schleuderten die Felsen in die schäumende Menge. 
Es knackte entsetzlich, als das Genick eines Ustenströmers unter dem Gewicht zerbrach und er leblos zusammensackte. 
»Ihr Scheißkerle!«, zischte plötzlich die Stimme, die Snorri gerade schon erkannt zu haben glaubte. 
Der fettleibige Ustenströmer, der damals schon versucht hatte, ihn umzubringen, erschien hinter einem der Felsen. Sein wutverzerrter Blick traf Snorri mit der Kraft einer alles versengenden Flamme.
»Ich lass dich deine eigenen Gedärme fressen und daran ersticken, du Wurm!«, schrie er voller Hass und rannte auf den jungen Nord zu. 
Snorri machte sich bereit, dem Ansturm seines Gegners standzuhalten. 
Mit einer, für seinen wanstigen Leib ungeahnten Geschicklichkeit, steuerte der Mann an den Pfählen vorbei. Schon hatte er Snorri erreicht und deckte ihn mit einer Welle von Hieben ein, die ihn allmählich zurückdrängten. 
Ein stöhnender Schrei hallte durch die Klamm. Dann ein Aufschrei.
»Da kommen noch mehr! Formiert euch! Formiert euch!« Die Stimme gehörte Knutson. Er schien außer Atem. 
Snorri biss die Zähne zusammen. Er durfte seine Kameraden nicht im Stich lassen. Er duckte sich unter einem Schwerthieb hindurch und versuchte es mit einem Konter.
Sein Gegner parierte den Schlag mühelos. Sein nächster Hieb galt Snorris Kopf und er hätte ihn mit Leichtigkeit gespalten, wäre der junge Nord nicht im letzten Moment nach hinten ausgewichen. 
»Das nächste Mal kriege ich dich«, zischte sein Gegenüber und holte zum nächsten Schlag aus. Wieder und wieder drängte er Snorri zurück, fort von den anderen, hinein in den Wald. 
Der junge Nord suchte fieberhaft nach einer Gelegenheit für einen Gegenangriff, doch seine Schläge verpufften scheinbar wirkungslos.
»Ohne faule Tricks bist du ein Niemand«, höhnte der Dicke, während er Snorri mit einem scharfen Seitenhieb attackierte.
Die Wucht des Aufpralls ließ ihn straucheln. Schmerz pochte durch seinen Schwertarm, bis zur Schulter empor. 
Er hat Recht. Im direkten Kampf bin ich ihm deutlich unterlegen. Ich muss mir etwas einfallen lassen.
Wieder schlug sein Gegner zu und dieses Mal gelang es Snorri nicht, dem Hieb zu entkommen. Die Klinge rutschte an seiner eigenen ab und glitt über seinen linken Arm, wo sie die Haut aufschlitzte und eine blutige Schramme hinterließ. Vor Schmerz stöhnte der junge Nordmann laut auf. Das Blut rauschte in seinen Ohren und übertönte selbst den weit entfernten Schlachtenlärm.
Dann rammte der Ustenströmer ihm den Knauf seiner Waffe ins Gesicht und schickte ihn zu Boden. 
Schwarze Punkte spielten vor seinen Augen Fangen, während der Dicke sich grinsend vor ihm aufbaute. »Ich reiße dir jede Gliedmaße einzeln heraus«, quiekte er vergnügt, während er sein Schwert erhob. 
Snorris Schädel dröhnte von dem Schlag und er kämpfte mit der Ohnmacht. Warmes Blut sickerte aus seiner Nase, die sich schmerzhaft verbogen anfühlte. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. 
Dann erblickte Snorri einen Schemen, der ihn durch ein Gebüsch durchdringend anzuschauen schien. Es war ein Blick voller Wärme und Hoffnung, voller Träume und Sehnsüchte und dennoch ein Blick des qualvollen Todes.
Dyggur!
Als Snorri genauer hinsehen wollte, war der Schemen verschwunden. 
An seiner statt, traf ein Stiefel seine Rippen. 
Qualvoll ächzte der junge Nord auf. Sämtliche Luft wurde aus seinen Lungen gepresst.
»Und wieder kriechst du vor mir im Staub«, höhnte der Große. Er setzte zu noch einem Tritt an.
Staub! Das ist es!
Seine Reaktion folgte so instinktiv, dass es seinem Gegner nicht möglich war zu reagieren. Snorris Hand griff nach der trockenen Erde zu seinen Füßen und er schleuderte sie dem Ustenströmer ins Gesicht. 
Brüllend ließ der Mann sein Schwert auf ihn niedersausen, doch der Schlag blieb unpräzise und verfehlte ihn knapp. »Meine Augen! Du Hundesohn!« Der Mann schien den gesamten Wald niederschreien zu wollen, so laut brüllte er.
Snorri rollte zur Seite und griff seine Waffe. »Du bist auch wirklich zu blöde, zweimal auf denselben Trick reinzufallen«, keuchte er. Dann rammte er seinem orientierungslosen Gegenüber das Schwert in die Brust. Blut tropfte seine Klinge hinab, während der Körper seines Feindes erschlaffte und zu Boden sackte. Er drehte das Heft einmal herum, dann riss er die Waffe aus der Brust heraus. Schwer atmend hielt er inne. 
Ich habe es getan. Ich habe getötet. 
Nichts daran fühlte sich so an, wie er es sich vorgestellt hatte. Kein Glanz, kein Ruhm, nur eine endlose Leere. Er blickte zu dem Gebüsch, wo sich ihm gerade noch sein Bruder offenbart hatte.
Das war ein Zeichen der Götter. Wir können diese Schlacht gewinnen.
Er schüttelte sich einmal, als wolle er alles Schlechte von sich werfen, dann eilte er zurück zu den Findlingen. 
Leichen begrüßten ihn stumm, während die lauten Schreie von den Lebenden zeugten. 
Mittlerweile waren die anderen Krieger ein gutes Stück zurückgedrängt worden. 
Als Knutson ihn sah, eilte er auf ihn zu. Sein Kettenhemd war über und über mit Blut bespritzt und seine Gesichtszüge ähnelten mehr denen eines Raubtieres, als denen eines Menschen. 
»Bei Tyr, wo hast du gesteckt? Sie haben die Barrikade überwunden und uns mit Pfeilbeschuss von den Felsen gedrängt. Nun heißt es Mann gegen Mann, aber unsere Zahl schwindet, während die ihre zunimmt. Wir müssen uns zurückziehen!«
Snorri schluckte. Es war seine Aufgabe gewesen, die Bresche zu halten, doch sein Feind hatte ihn einfach in den Wald gedrängt. Dafür hatten Kameraden mit dem Leben bezahlt. 
»Keine Zeit zum Nachdenken. Wir ziehen uns zurück zur zweiten Barriere!«, schrie Knutson aus vollem Halse. 
Die Männer versuchten, so gut es ging Folge zu leisten.
So wenige nur noch? Es bestürzte Snorri, dass sie es nicht geschafft hatten. Der Feind war zu zahlreich und drohte sie zu überwältigen. 
Die wenigen Verbliebenen scharten sich zusammen und eilten tiefer in den Wald hinein, wo Knutson ein weiteres Hindernis errichtet hatte. 
Sie gelangten zu einer steilen Felswand, die mehrere Manneshöhen vor ihnen emporragte. Davor befanden sich weitere Speere, die der Nordmann zu ihrer Verteidigung in den Boden gerammt hatte. 
Die Aussicht auf etwas Schutz verlieh Snorri ein wenig Zuversicht, die jedoch binnen eines Augenblicks zwischen seinen Fingern zerrann. 
Denn nun befanden sie sich in einer Sackgasse und es gab keinen Ausweg mehr. Wenn sie hier scheiterten, würde das für sie das Ende bedeuten. 
Snorri schluckte einen Kloß, groß wie eine Faust herunter. Er bezog Stellung, hielt seine Waffe in festen Händen. Ein dumpfer Schmerz pochte durch seinen linken Arm, dort, wo die Wunde in seinem Fleisch klaffte. 
Dann stürmten ihnen die Ustenströmer brüllend entgegen und die Welt tauchte ein in Blut und Stahl. 

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Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (2/2)

Das dämmrige Licht in der Kajüte des Jarls zeugte von einer gewissen Trostlosigkeit. Die dunklen Planken waren mit Teer bestrichen worden und schienen das Licht regelrecht zu verschlucken. Ein großes Bett thronte in einer Ecke des Raums, ebenso wie ein edel geschnitzter Stuhl aus Eichenholz. 
Islav steuerte zu einem auf einer Vorrichtung ruhenden Fass und hielt Aegir einen Becher hin. »Bier?«, fragte er mit trockener Stimme.
Aegir bestätigte. 
Der Jarl öffnete den Verschluss und eine goldgelbe Flüssigkeit tropfte aus dem Fass. Dann hielt er dem Riesen den Becher hin. Tiefe Sorgenfalten zogen sich durch Islavs Gesicht und schwere blaue Tränensäcke zeugten von einer rastlosen Müdigkeit, die ihn befallen zu haben schien. 
Aegir war sich im Klaren darüber, dass er nach wie vor von der Trauer über den Verlust seiner Gattin aufgefressen wurde, jetzt jedoch schien es sich um etwas anderes zu handeln.
Der Jarl musste im Laufe der Fahrt um zehn Jahre gealtert sein. Islavs Bart schickte sich an, sich in filzige Knoten zu verheddern und sein Blick schien sich ins Leere zu verlieren, während er langsam auf dem Stuhl Platz nahm.
»Weshalb habt ihr mich gerufen, mein Herr?«, fragte Aegir mit harter Stimme. Wenn er den Jarl von der Gefahr überzeugen wollte, durfte er weder zögern noch Schwäche zeigen.
»Du wurdest vermisst«, blaffte Islav, während er eine ausladende Handbewegung vollführte. Dann nahm er einen tiefen Schluck aus dem Becher, wobei das Bier in seinen Bart tropfte. Ungeschickt wischte er sich diesen mit dem Handrücken ab.
»Mit Verlaub, aber geht es Euch gut?«, fragte Aegir zögerlich. Niemals zuvor hatte er den Jarl in solch schlechter Verfassung vorgefunden. 
Islav starrte ihn an wie ein Geisteskranker. »Das sollte ich dich fragen. Kommst an Bord, nimmst dir Brot und Trank und als Dank dafür bleibst du auf dem Schiff, sobald es drauf ankommt?« Zorn spiegelte sich in seiner Stimme wieder.
Aegir sammelte seine Worte. Er wollte diesen Teil der Plünderfahrt gerne überspringen und stattdessen lieber über die eigentliche Gefahr sprechen. Er durfte sich jetzt nicht in einen Streit verwickeln lassen. Dann kam ihm eine Idee.
»Und die Götter sollen es preisen, denn ich habe etwas herausgefunden, was uns alle bekümmern sollte. Die Ustenströmer planen Verrat. Noch heute Nacht werden sie uns allen die Kehle aufschlitzen, wenn wir nichts unternehmen.«
Der Riese musterte Islav genaustens, um seine Reaktion einschätzen zu können.
Die Miene des Jarl verzog sich vor Wut. »Unsinn. Das Gebelle eines dummen Köters, der sein Herrchen verloren hat. Weißt du, was du Magnar da vorwirfst?«
Was Aegir weniger Sorge bereitete, als die unnötig harsche Zurechtweisung, war ein Zucken, das kurz durch Islavs Augen wanderte, während sie sprachen.
Weiß er es bereits? Aber warum? Und wieso will er nichts dagegen unternehmen?
Der Jarl erhob sich und langsamen Schrittes steuerte er auf die Tür zu.
Mit einem Knarren fiel sie hinter sich ins Schloss. »Wir sollten reden«, krächzte er mühsam.
Aegir verstand nicht. Es fiel ihm schwer, Islavs Verhalten einzuordnen. Dem Riesen kam es so vor, als könne die Stimmung in jedem Moment in eine beliebige Richtung kippen. 
Hoffentlich in die richtige. Ich muss ihm die Augen öffnen.
»Mit wem hast du bereits darüber gesprochen?«, verlangte Islav zu wissen.
»Mit niemandem. Ich hielt es für ratsam, zunächst Euch nach Eurer Meinung zu befragen«, log Aegir.
»Das ist gut.« Der Jarl drehte eine Runde durch die Kajüte. »Wir wollen ja nicht, dass die Männer durchdrehen. Und du wirst schweigen, hast du verstanden?« Islavs Ton duldete keinen Widerspruch.
Aegir konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Das verlief nicht gerade wunschgemäß. Er musste nun alles auf eine Karte setzen, ansonsten würde er den Jarl nicht überzeugen können. »Mein Herr, sie halten Eure Tochter auf Hjalmaers Schiff gefangen. Ich fand sie, während ihr das Kloster ausgeraubt habt. Nehmt ein paar Männer mit und vergewissert Euch selbst.«
Die Augen des Jarl weiteten sich für einen Moment. »Nein, das kann nicht sein. Meiner kleinen Ylvie würden sie kein Haar krümmen, das wagen sie nicht! Ich habe es ihnen doch gesagt. Nicht meine Tochter!«
Aegir runzelte die Stirn. »Ich rede von Deila«, erwiderte er zähneknirschend. »Und nun heraus damit. Was wird hier gespielt und was hast du ihnen gesagt? Du wusstest es die ganze Zeit, habe ich Recht?«
»Also haben sie die Falsche. Das ist gut.« Islav schien Aegirs Frage einfach übergehen zu wollen. 
Er strahlte eine Gleichgültigkeit aus, die den Riesen vor Wut rasen ließ. Er packte den Jarl auf nichts achtend am Kragen und schmetterte ihn mit einer solchen Wucht gegen die Wand, dass sich die Luft keuchend aus seinen Lungen presste. »Ich habe bei Gott geschworen, niemandem mehr ein Leid zuzufügen, aber du lässt mich über diese Aussage gerade reichlich nachdenklich werden. Wenn du mir nicht schleunigst erzählst, was hier vor sich geht, reiße ich dir den Schädel vom Kopf!« Aegirs Augen versprühten reines Gift. Eine Verschwörung war hier im Gange und wenn Islav nichts unternehmen wollte, hatte er als Jarl versagt. 
Hustend richtete der Häuptling sich auf. »Du Narr hast ja keine Ahnung, was du da tust. Dass du es wagst, deine dreckige Hand an mich zu legen. Du! Ein Fischer! Pah!«, zischte er heiser, dann spuckte er Aegir vor die Füße. 
»Du solltest mir dankbar sein, dass ich dich nicht auf der Stelle vierteilen lasse! Du glaubst also, die Ustenströmer werden über uns herfallen, ja? Das hätten sie schon längst getan, hätte ich nicht mit Magnar eine Vereinbarung getroffen. Ich habe Hjalmaer die Hand meiner Tochter versprochen, sodass er der neue Jarl von Skiringssal wird, sollte ich einmal nicht mehr sein.«
Diese Worte trafen Aegir wie ein Schlag ins Gesicht. Das erklärte alles. Islav hatte Deila achselzuckend als Tribut angeboten, um das Dorf vor dem drohenden Unheil zu bewahren. Doch dann wurde er stutzig. »Aber Deila ist nicht deine älteste Tocher«, grübelte er laut. 
Dann verstand er. Langsam wanderte Aegirs Hand zu seinem Dolch. 
»Du hast es erfasst. Und von daher gibt es ein letztes Problem, dem ich mich entledigen muss«, gestand Islav mit einem üblen Lächeln auf den Lippen. »Zum Wohle des Dorfes wirst du als mein Nachfolger abdanken müssen. Dass ich meinen kostbarsten Schatz, meine wundervolle Tochter Ylvie, in die Hände eines derartigen Tölpels gelegt habe, lässt mich doch stark an meiner Urteilsfähigkeit zweifeln. Es ist an der Zeit, die Fehler der Vergangenheit zu begradigen.«
Die Tür flog auf und eine Handvoll Männer stürmte mit erhobenen Waffen in den Raum.
Aegir erkannte unter ihnen seine Waffenbrüder, mit denen er von Kindesbeinen an aufgewachsen war. Mit denen er etliche Schlachten geschlagen und endlose Meilen auf See hinter sich gelassen hatte. Nun betrachteten sie ihn mit harten Mienen, während sie ihn langsam umkreisten. 
Aegirs Versuch sich zu wehren erschlaffte. Gegen sie konnte er nicht die Hand erheben, ohne sich dabei in schwerer Sünde zu suhlen. Und dann, plötzlich, schoss ein Gedanke durch seinen Kopf. Ein kleiner Funke, der den letzten Rest der Erleuchtung in dieses verwirrende Spiel blies. 
Er hatte sich sofort gefragt, warum Islav ihn zum Schutze des Dorfes nicht direkt enteignet hatte, um Hjalmaer mit Ylvie zu verheiraten. 
Er wollte sie nicht hergeben. Also hat er Deila verkauft, um den Jarl von Ustenström zu täuschen. Ein netter Versuch, doch Magnar hat dich längst durchschaut. Und nun dürfte er tosen vor Wut. Eure Vereinbarung ist dahin und unsere Männer werden dafür mit dem Leben bezahlen. 
Bevor er aussprechen konnte, was er dachte, rammte ihm einer der Männer den Knauf seiner Axt in den ungeschützten Bauch. 
Ächzend ging Aegir auf die Knie. Sein Magen verkrampfte sich und Wellen der Übelkeit schwangen durch seinen Körper. »Du hast dich geirrt. Sie werden uns alle töten«, keuchte er schwer, bevor ein weiterer Schlag ihm das Bewusstsein raubte und sich alles in ein trostloses Schwarz tauchte. 


***


»Sie haben was?!«, kreischte Snorri außer sich. Er packte seinen Kameraden am Kragen. 
»Es ist wahr«, keuchte der zweite der beiden Männer, die Snorri zur Geri geschickt hatte, um mit dem Jarl zu beratschlagen. »Sie haben Aegir in eine Zelle gesperrt. Von den anderen weiß niemand etwas über die drohende Gefahr. Zudem sagten sie uns, dass Islav gerade beschäftigt sei.«
Mit einem entsetzlichen Aufschrei ließ Snorri von seinem Kameraden ab und schlug gegen die nächstgelegene Tanne. 
Schmerz pochte durch seine Hand aber der tat ihm gerade richtig gut.
Sie hatten sich etwas abseits der anderen versammelt, um sich für die bevorstehende Nacht vorzubereiten. Nun ließ die Entfernung zum Lager es zu, dass er seine ganze aufgestaute Wut gewähren ließ. 
»Ich sage dir, da ist was faul«, brummte Knutson nachdenklich. Seit sie an Land gegangen waren, schien er in düstere Gedanken vertieft.
Doch Snorri vermutete, dass sein Kamerad sie nach wie vor nicht mit ihm teilen wollte.
Ein Plan muss her und zwar schnell. Wir sind ihnen drei zu eins unterlegen, wenn es drauf ankommt. 
Die Tatsache, dass sein Bruder zum Schweigen gebracht wurde, bestätigte für Snorri umso mehr, in welcher Gefahr sie gerade schwebten. Seine Augen wanderten durch den dichten Wald. 
Sie hatten eine steile Anhöhe erklommen, unter welcher das heutige Nachtlager lag. Als Snorri genau hinsah, konnte er die Ustenströmer unter sich erkennen, wie sie ihre Zelte aufschlugen und Feuer schürten. Wenn er sich einmal um sich selbst drehte, konnte er auf die offene See blicken, die in trügerisch stillen Wellenbewegungen an ihnen vorbeizog. Doch auch diese malerische Kulisse vermochte es nicht, ihm etwas Ruhe zu verleihen. 
»Wenn wir sie hier hochlocken, könnten wir ihnen eine Falle stellen«, überlegte Knutson laut, während er sich nach einem geeigneten Ort dafür umsah.
Snorri folgte ihm dichtauf. Als sie noch kleine Kinder gewesen waren, hatte Aegir ihm beigebracht, wie man Hasen und andere kleine Tiere mit Fallen erlegte. Jetzt konnte dieses Wissen womöglich von Nutzen sein. 
Sie erreichten eine moosbewachsene Felsgruppe, die in etwa die Höhe von zwei Männern besaß. Ein perfekter Ort für einen Hinterhalt. 
»Wie stellen wir es an?«, murmelte Knutson gedankenversunken, während er um die Findlinge herumschritt.
»Zwei von euch sammeln Steine. Je größer, desto besser. Am Ende des Durchgangs positionieren wir angespitzte Pfähle. Sobald sie hier hineinlaufen«, er vollführte eine Handbewegung, »riegeln wir den schmalen Eingang ab und bewerfen sie mit den Felsen.«
»Und wie sollen wir den Eingang abriegeln?«, warf einer der Männer zögerlich in die Runde.
Snorri vermutete, dass er die Antwort bereits wusste. Dennoch sprach er aus, was alle dachten. »Wir müssen es selber tun. Mit Axt und Schwert. Aber so haben wir immerhin einen erheblichen Vorteil.« Er blickte bedeutungsvoll in die Runde. 
Die Gesichter der Männer spiegelten ihre Furcht wieder. Viele von ihnen waren wie er das erste Mal mit dabei. Mit so etwas hätten sie kaum rechnen können. Er wollte gerade etwas sagen, als Knutson ihm ins Wort fiel.
»Na los, ihr habt ihn gehört. Eine bessere Gelegenheit wird sich uns so schnell nicht bieten. Ich stelle außerdem ein paar Pfähle bei weiteren Hindernissen im Wald auf, sodass wir eine Möglichkeit haben, uns im Notfall zurückzuziehen«, mit einer Handbewegung entließ er die Männer, damit sie ihrer Arbeit nachgehen konnten. Dann wandte er sich Snorri zu. »Hast du auch schon überlegt, wie du sie hierherlocken willst?«, fragte er mit skeptischem Blick.
Der junge Nordmann musste schlucken. Über diesen Teil des Plans hatte er am längsten nachgedacht und er gefiel ihm am wenigsten.
»Aye, das habe ich. Außerdem will ich unsere Männer ebenfalls wecken und aus den Zelten hervorlocken. Ich habe eine Idee und ihr müsst mir vertrauen. Auch, wenn es das gefährlichste wird, was wir jemals getan haben.«


***


Snorri lugte durch den schmalen Schlitz in seinem Zelt, dass er sich eigentlich mit vier anderen Männern teilte. Nun war er alleine. 
Die anderen hatten sich im Wald versteckt und warteten auf ihn.
Snorri war sich im Klaren darüber, dass ihr Überleben an seinem Erfolg hing. Wenn er es nicht schaffen würde, genügend Männer fortzulocken und die übrigen zu wecken, hatten sie so gut wie verloren. Er betrachtete die beiden Fackeln in seiner Hand als wären sie der Hammer Thors persönlich. Dann atmete er tief durch. Sein Herz pochte wie verrückt gegen seine Brust. So stark, dass er befürchtete, jederzeit entdeckt zu werden. 
So harrte er aus und wartete. Durch die Wipfel der Bäume, konnte er den Sternen auf ihrer Reise durch den Himmel zusehen. 
Das Feuer in der Mitte des Lagers war mittlerweile fast herunter gebrannt.
Nun lasst euch nicht so viel Zeit. Ich brauche die restlichen Flammen.
Instinktiv kam die Hoffnung in ihm auf, dass Aegir sich womöglich doch getäuscht hatte. Dass er etwas falsch verstanden hatte.
Doch diese Hoffnung wurde ihm zunichte gemacht, als sich in den Zelten langsam etwas regte.
Und dann erblickte er Magnar, wie er, in im Mondlicht glitzernde Ketten gehüllt, aus seiner Behausung trat. Die Axt, die er in seiner Hand hielt, sprach tausend Worte. Und jedes einzelne davon stand für Unheil. 
Snorri merkte, wie sich sein ganzer Körper unwillkürlich zusammenzog. Seine Kehle trocknete aus und sein Herz verfiel in einen ungesund schnellen Rhythmus. Für einen kurzen Augenblick zog sein bisheriges Leben an seinem inneren Auge vorbei. Er atmete ein letztes Mal tief ein. Dann zog er den Stoff des Zelteingangs beiseite und trat langsam ins Freie.

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Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (1/2)

Deila betrachtete ihre Fingernägel, von denen kaum mehr als blutige Fetzen übrig waren. 
Nachdem Hjalmaer und seine Männer das Schiff zum Plündern verlassen hatten, hatte sie sich so wild gegen die Tür geworfen wie nur irgendwie möglich. Ihre Schultern schmerzten noch von dem unnachgiebigen Holz, das sich unter ihrem Gewicht keinen Deut gerührt hatte. Nachdem Deila festgestellt hatte, dass sie ihr Gefängnis nicht würde verlassen können, hatte sie es mit Rufen versucht, bis ihre Stimme brüchig und heiser geworden war. Am Ende blieb ihr nur noch das verzweifelte Kratzen an den Dielen. Einfach raus hier, irgendwie. Doch auch das hatte nicht funktioniert. 
Deila betrachtete die Planken, dort, wo ihre Tränen noch im Begriff waren zu trocknen. Sie merkte sich am Ende ihrer Kräfte. 
Gerade in dem Moment, wo ihre Gedanken sich darauf zu richten begannen, ihr Leben zu beenden, bevor alles noch schlimmer werden würde, vernahm sie Schritte von draußen. 
Irgendwer schlich über das Deck und kam dabei beständig näher. Dann hörte sie, wie jemand die Treppe herunterhuschte. 
Ruckartig setzte sie sich auf und presste sich dicht neben die Tür. Wenn jemand sich an ihr vergehen wollte, musste er zunächst in die Kajüte gelangen. Vielleicht konnte sie ihn überwältigen. Womöglich ihre einzige und letzte Gelegenheit, hier lebendig herauszukommen. Dann vernahm sie eine bekannte Stimme und eine endlose Erleichterung überkam sie.
»Deila? Deila, bist du hier unten?«, raunte Aegir grimmig.
»Bei den Göttern, ich bin es«, flüsterte sie und lehnte ihren Kopf für einen Moment voller Dankbarkeit gegen die Tür. 
»Ich habe dich rufen hören. Wir haben wenig Zeit, bald sind die Männer zurück. Warum zum Donner bist du hier unten?« In Aegirs Stimme schwangen seine ärgsten Befürchtungen mit.
Es war als hätte man in ihr einen Wasserfall aufgestaut und nun den einen, wichtigen Stein losgetreten, der den Damm entzweibrach. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und überschlugen sich förmlich dabei. Deila merkte, wie sie zu zittern begann, während sie dem Riesen erzählte, was ihr seit dem Aufbruch wiederfahren war.
Aegir unterbrach sie nicht ein einziges Mal. 
Als sie fertig war mit erzählen, legte sich für einen Moment eine unheilverkündende Stille über das Schiff.
Dann krachte Aegirs Faust mit einer solchen Wucht gegen das Holz, dass sie erschrocken zusammenfuhr.
»Hunde, alle miteinander! Ich habe von Anfang an geahnt, dass hier etwas faul ist.« Er brüllte fast, dann mäßigte er seine Stimme wieder. 
»Was machen wir jetzt?«, wisperte Deila besorgt. Wenn die Falle der Ustenströmer zuschlug, würde es kaum eine Möglichkeit mehr geben ihr lebendig zu entkommen. 
Wieder herrschte Stille. 
»Ich werde mir etwas überlegen. Lass mich zunächst schauen, ob ich dich nicht hier herausholen kann«, antwortete der Riese. 
Er schien Anlauf zu nehmen, dann warf er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Das Holz knirschte, doch noch gab sie nicht nach.
»Noch einmal!« Deila merkte, wie ihr Herz zu rasen begann. Er musste es schaffen. Er musste einfach. Sonst würde man sie für immer hier unten einpferchen und sich nach Belieben an ihr vergehen. Der Gedanke daran ließ sie vor Bitterkeit würgen.
Doch auch die weiteren Versuche des Riesen blieben ohne Erfolg.
Dann vernahm sie lautes Gegröle in der Ferne und alles in ihr zog sich unwillkürlich zusammen. »Sie kommen zurück! Du musst verschwinden und die anderen warnen!«, zischte sie hastig.
»Und was ist mit dir?« Er klang verunsichert. 
Als Deila aussprach, was sie dachte, drehte sich ihr Magen um. »Ich bleibe hier unten und spiele ihr Spiel mit.« Dann nahm ihre Stimme etwas an, das im Vergleich selbst die Dunkelheit ihrer Zelle zu einem lichtdurchfluteten Ort werden ließ. »Und wenn sich mir eine Möglichkeit bietet, bringe ich sie alle um.«

***

Yorrick wischte sich die nasse Stirn mit dem Handrücken ab. 
Die beiden Bäume über die steilen und dicht bewucherten Klippen zu befördern, hatte einen immensen Kraftaufwand gefordert und sie um fast einen halben Tag zurückgeworfen. Doch die Planken des Bugs mussten erneuert werden und das Ruder galt es ebenfalls zu reparieren. Aufgaben, die, in Anbetracht der sommerlichen Hitze, nicht ohne Folgen blieben. Die Tatsache, dass ihre Wasserreserven begrenzt waren, verbesserte die Umstände nicht wirklich ungemein. 
Yorrick sog scharf die salzige Seeluft ein, die durch die an Land geschwemmten Algen eine gewisse Strenge angenommen hatte, dann ließ er seine Axt wieder auf den Baum krachen. 
Zwei junge Kiefern hatten sie gefällt, nun mussten sie diese notdürftig in etwas brauchbares formen. Das junge Holz bot die benötigte Dehnbarkeit, um es in Planken zu verarbeiten. Hätte der Schiffsbaumeister sein Werkzeug dabeigehabt, wäre diese Aufgabe sicherlich leichter zu bewältigen gewesen. 
Eine gute Idee für die nächste Fahrt.
Nun erforderte jeder Hieb gewaltige Präzision und nicht jeder der Männer war für diese Art von Arbeit geschaffen. 
Bei dem Gedanken daran, wie der grobschlächtige Olaf es wohl angestellt hätte, musste Yorrick kurz schmunzeln. Gut, dass er an Bord gewesen war. Die Mannschaft hätte kaum genug Bier herankarren können, um Olafs ungeduldigen Zorn zu ertränken.
Mittlerweile bedeckten die ersten Bretter den groben, gelben Sand des Strandes und der Schiffsbaumeister sah sich unter ihnen nach besonders vielversprechenden Exemplaren um. Nachdem er eine sorgfältige Auslese durchgeführt und die Männer damit beauftragt hatte, sie in die entsprechende Form zu biegen, widmete er sich dem zerstörten Ruder. Achselzuckend stellte er fest, dass es völlig hinüber war und sie ein neues anbringen mussten. Angesichts der wenigen Zeit, die sie noch besaßen, bevor die Vorräte ausgingen, würden sie mit einem spärlichen Ersatz vorlieb nehmen müssen. 
»Ich brauche ein Seil, so dünn und fest wie möglich!«, rief er niemand bestimmtem zu. »Und einen Ast, dick wie mein Arm.«
Es dauerte nicht lange, bis Jorleif ihm die geforderten Gegenstände knapp nickend in die Hand drückte. 
Dann machte er sich auf die Suche nach einem, für sein Vorhaben ideal geeignetem Stück Kiefer, das er als Ruderbrett verwenden konnte. 
Yorrick nahm das eine Ende des Astes und bearbeitete ihn solange mit der Axt, bis er eine handgroße Fuge in ihn hineingeschnitzt hatte. Gerade groß genug, dass das Ruder hineinpasste, auch wenn er mit väterlichen Klopfern nachhelfen musste. 
Dass es nicht von alleine herausrutscht, ist von Vorteil. Aber wenn wir es noch einmal mit einem ausgewachsenen Sturm zu tun bekommen, wird das kaum ausreichen.
Bitter lachend spuckte er aus. Dass er noch nicht der Rán in die Hände gefallen war, verdankte er seinem Geschick. Doch irgendwann würde er der alten Mutter einen Besuch abstatten. 
Mit einem enormen Aufwand von Geduld, Fingerfertigkeit und Erfahrung wickelte er fürsorglich das Seil um den Punkt, wo Planke und Ast sich verbanden, wobei er das ein oder andere Mal zusätzlich einen Knoten schlug, um die Last hinterher besser zu verteilen. Dann, zufrieden mit seinem Werk, vertäute er das Ruder an der hinteren Reling und widmete sich der anderen Aufgabe. 
Denn auch der Bug erforderte seine Aufmerksamkeit. 
Unter Yorricks Aufsicht rissen die Männer die ramponierten Planken heraus und ersetzten sie durch neue. Eine Feinarbeit, die nicht ohne gedämpfte Flüche, gedrungenes Gestöhne und genervte Aufschreie vollendet wurde. 
Olaf verlor fast einen Finger, als er mit dem Hammer ungenau zielte und Jorleif verhedderte sich mit dem Bart in einem Nagel, was zur Folge hatte, dass er sich brüllend wie ein gereizter Bär ein ganzes Büschel Haare herausriss. 
Dann endlich, als die Sonne dem Horizont bereits einen roten Kuss schenkte, schien ihre Arbeit vollendet. 
Schwer atmend ließ Yorrick sich in den Sand fallen.
»Du hast es mal wieder geschafft, du alter Sauhund!«, lobte Olaf feierlich, während er sich erschöpft neben ihn pflanzte. 
»Ein Hoch auf den Schiffbaumeister!«
Die Menge johlte ihm zu. 
Yorrick hob beschwichtigend die Hände. »Ich weiß, ich habe mich mal wieder selbst übertroffen«, feixte er grinsend. »Jetzt rastet, in der Früh brechen wir auf. Sollten wir morgen untergehen, ist das natürlich diesem Pfuscher hier zu verdanken.« Er klopfte Olaf freundschaftlich auf die breite Schulter. 
Alle mussten lachen, Olaf am lautesten. 
Yorricks Blick wanderte von den Männern zu dem Schiff, auf die offene See hinaus. Trügerisch ruhig glitzerten die letzten Sonnenstrahlen des Tages in der sanften Brandung. 
Mögen die Götter uns gnädig sein, dachte er wehmütig, während er im Himmel sorgenschwer nach weiteren Anzeichen für einen Sturm suchte. 
Und beten, dass sie uns den morgigen Tag überstehen lassen.

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Die Wölfe von Asgard – Das Koster (2/2)

Snorri spürte, wie sein Herzschlag vor Aufregung gegen die Brust trommelte, als er das Kloster in der Ferne ausmachte, während er sich eifrig in das Ruder stemmte. Die Zeit war gekommen. Nun galt es für ihn, sich vor den Göttern zu beweisen, um ihre Gunst zu erlangen, damit sich eines Tages ihre Tore für ihn öffnen würden. Seine Hand wanderte für einen kurzen Moment zu seinem Schwert, bevor er wieder das Ruder griff, um nicht aus dem Takt zu geraten. Er fühlte sich bereit. Bereit, wie ein tapferer Seemann nur sein konnte. 
Sein Blick steuerte zu Knutson, der ihn bedächtig betrachtete.
»Nun, Snorri Naseweis, wird sich dir offenbaren, für welches Handwerk du bestimmt bist. Ist es das Schlachten? Ist es das Plündern? Oder ist es die Gnade?« 
Snorri runzelte die Stirn. Manchmal konnte sein Steuermann wirklich seltsam sein. »Ich werde tun, was ich tun muss«, erwiderte er achselzuckend. 
Dann bemerkte er, dass einer der Ustenströmer ihn mit einem vor Abscheu triefenden Blick betrachtete. 
Als er jedoch genauer hinsah, wendete der Mann sich ab.
Komische Vögel, alle miteinander. Nicht besonders helle und streitlustig obendrein. 
Er seufzte.
Islav wird schon wissen was er tut. Wenigstens haben sie seit unserem ersten Aufeinandertreffen nicht noch einmal versucht mich totzuprügeln.
Snorri richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den grünen Fleck, der immer näher an sie herankroch und mittlerweile eine graue Spitze in seiner Mitte aufwies. 
Das Kloster. Endlich. 

»Seichtes Gewässer voraus. Mast kippen und bereitmachen zum Anlanden!«, brüllte Knutson aus voller Kehle.
Sofort führten die Männer seine Befehle aus. 
Das Eiland, das sich nun vor ihnen erstreckte, bedeckten saftige grüne Weiden und auf einem Hügel über ihnen thronte das Kloster wie ein trotziger steinerner Wächter, der ihr Kommen bereits erwartete. 
Als Snorri genau hinhörte, vernahm er das Läuten einer Glocke. 
Sie wissen, dass wir kommen. Aber jetzt ist es zu spät für sie.
Das Schiff steuerte in eine Bucht. Von hier aus würden es ein Leichtes werden, den Hügel zu stürmen.
»Ruder einholen!« Knutson gab dem Steuer einen letzten Ruck, dann traf der Bug auch schon auf den weichen Küstensand und pflügte elegant durch ihn hindurch, bis das Boot schließlich zum Stillstand kam. 

Brüllend sprangen die Männer über die Reling, jene von den anderen Schiffen taten es ihnen gleich. Wie eine Flut aus Helmen, Schwertern, Speeren, Äxten und Schildern preschten sie den Hügel empor. 
Snorri stieg ein Gefühl in die Brust, das ihn federleicht machte. Unbesiegbar. Er rannte an die Spitze der Kolonne und war einer der ersten, der die massive Pforte des Klosters erreichte. »Verschlossen! Holt eure Äxte und zeigt diesen Mistkerlen, dass sie uns nicht aufhalten können!« 
Er wurde mit Gejohle quittiert, dann ertönte das erste Krachen, als die Waffen gegen das Holz donnerten. 
»Nehmt euch alles, was ihr greifen könnt! Jeder, der sich uns in den Weg stellt, ist des Todes!«, verkündete Islav lautstark. 
Dann gab die Pforte nach und mit einem Ächzen flog sie aus ihren Angeln.

»Hinein! Schlachte sie alle ab!« Magnars Stimme grollte als wäre er Tyr in Person. Sein eiserner Blick allein hätte gereicht, um ein Dutzend Feinde zu töten.
Plötzlich trat ein Mann in einer braunen Kutte aus der Dunkelheit hervor. Er hob beschwichtigend die Hände, kniete sich vor ihnen nieder und wiederholte Worte in einer fremdartigen Sprache. 
Magnar bäumte sich lachend vor ihm auf. Dann hackte er mit dem Schwert wieder und wieder auf ihn ein, bis von dem Mann nur noch abstrakte Fetzen und eine große rote Lache übrigblieben. 
»Das war der Erste!«, johlte er. Blutspritzer bedeckten sein gesamtes Gesicht und entstellten es auf eine tierische Art und Weise. 
Snorri merkte, wie sich bei diesem Anblick eine Gänsehaut auf seinem Nacken formte, die langsam in Richtung seines Rückens kroch. 
Dieser Mann ist ein Monster. Ich sollte mich hüten, ihm in die Quere zu kommen. 
»Hinein!« 
Die Schar stürmte an Magnars Seite in das Innere des Klosters. 
Snorri folgte ihnen dichtauf. 
Die hohen Decken und kunstvollen Verzierungen des Gebäudes ließen ihn den Atem anhalten. Wer immer hier lebte, er musste reich sein. Prunkvolle Säulen griffen nach dem Himmel und bunte Fenster aus Mosaik ließen ein spielerisches Licht durch die Hallen glitzern. 
Doch dann begannen die ersten Schreie das Kloster mit ihrem Klagelied zu erfüllen, das anschwoll zu einem Chor der Agonie. 
Die Männer fielen über die wehrlosen Mönche her und veranstalteten ein Massaker unter ihnen. Jene, die nicht zu fliehen vermochten, wurden zusammengetrieben und erschlagen. Ihr Blut färbte den Boden rot.
Snorris Ansturm endete so jäh wie er begonnen hatte. Er blickte in furchterfüllte Gesichter unterschiedlichen Alters, voller Verzweiflung und Todesangst. Manche schienen zu beten, andere winselten, andere wiederum wirkten wie in Stein gemeißelt. Ungefähr die Hälfte der Mönche lag regungslos auf dem Boden, ihre Kutten in ein nasses rot gefärbt. Leblose Augen starrten den jungen Nordmann klagend an.
»Was machen wir mit dem hier?«, der fettleibige Ustenströmer, der sich vor ein paar Tagen mit Snorri eingelassen hatte, zerrte eifrig einen weiteren Mann an den Haaren herbei. »Hat sich in einem Schrank versteckt. Soll ich ihm die Zähne aus dem Maul prügeln und ihn daran ersticken lassen? Oder soll er seine Zunge fressen?«, er zückte quiekend vor Begeisterung ein Messer, während er sprach. 
Snorri wandte sich ab. Das wollte er nicht mit ansehen. Seine Kampfeslust gefror wie eine Pfütze, die vom ersten Hauch des Winters geküsst wurde.
Die gurgelnden Schreie, die im Anschluss durch die Halle hallten, waren das schlimmste, was er je gehört hatte. Sie brannten sich wie ein glühendes Eisen durch seinen Kopf und schienen nicht enden zu wollen. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kehrte eine bedächtige Ruhe im Kloster ein. 
Angeekelt drehte Snorri sich um. 
Von dem Gesicht des Mannes war kaum etwas an der richtigen Stelle geblieben. 
Er merkte, wie sein Magen zu rebellieren drohte. Die Worte Islavs, das Kloster auf weitere Schätze zu untersuchen und die restlichen Mönche auf die Schiffe zu treiben, bekam er nur am Rande mit. 
Dann merkte er plötzlich, wie jemand an ihn herantrat. 
»Nicht gerade angenehm, hm?« Knutson spuckte aus. »Brutale Bastarde, allesamt. Wir kamen um zu plündern, nicht um zu morden. Einige scheinen das vergessen zu haben. Tu gut daran, etwas nach Hause mitzubringen. Das ehrt deine Taten und du kannst es womöglich gebrauchen. Lass das hier nicht umsonst gewesen sein. Und …«, er schien kurz zu grübeln, dann lächelte er, »ich werde keinem von deinem Gesichtsausdruck erzählen, versprochen.« Er wandte sich ab.
Snorri schluckte, dann klopfte er Knutson noch einmal auf die Schulter. »Ich danke dir«, presste er leise hervor.
Der alte Nord nickte ihm kurz zu, dann verschwand er durch eine Tür, die in den Keller zu führen schien. 
Snorri fasste sich ein Herz und tat es ihm gleich. 

Er eilte durch einen schmalen Gang, der sich einmal durch das gesamte Kloster winden musste, so lang war er, vorbei an Türen und einer Treppe. Der junge Nordmann beschloss ihr zu folgen und erreichte einen weiteren Korridor, der mit seltsamen Gemälden versehen war. Wieder und wieder erschien darauf ein Mann, der zu Tode geschunden wurde. Zunächst trug er ein Kreuz auf dem Rücken und wurde durch die Stadt gejagt. Später nagelte man ihn an ebendieses Kreuz und ließ ihn qualvoll verenden. Als er zu Grabe getragen wurde, trauerten die seinen um ihn. Doch besonders das letzte Gemälde zog Snorri in seinen Bann. Der Mann musste sein Grab verlassen haben, obwohl ihn der Tod bereits ereilt hatte. 
Sein Gott hat ihn zu sich gerufen. Obwohl er so jämmerlich starb. 
Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, riss ihn ein Winseln, unweit von seiner Position entfernt, zurück in die Gegenwart. 
Das kommt aus einer der Kammern.
Snorri griff nach seinem Schwert und pirschte sich an die Tür heran. Zögerlich öffnete er sie. 
Dahinter befand sich ein karger Raum, kaum mehr als eine Zelle, mit einem winzigen Fenster und einer Matratze aus Stroh, unter der sich ein Mönch verbarg, die Hände zum Gebet gefaltet, während er wieder und wieder dieselben Worte winselte. 
Ein kurzer Blick sagte Snorri, dass es hier nichts zu holen gab. 
Auf einmal ertönten Schritte auf der Treppe. »Vorwärts, Hunde!« Snorri erkannte die Stimme sofort. Die gehörte seinem neuen besten Freund, dem fettleibigen Ustenströmer. Er blickte in die Augen des Mönches, das flehende Flackern von Lebensfreude lag darin. 
Dann bogen die Männer um die Ecke.
Snorri ließ schnaubend die Tür ins Schloss fallen. »Hier oben haben die Mistkerle an Prunk gespart. Die Bilder könnten etwas wert sein, aber in ihren Zellen findet ihr höchstens einen Verrichtungseimer voller Scheiße!«, zeterte er wüst und hoffte die Männer würden ihm nicht ansehen, dass er log. 
»Viel mehr hast du auch nicht verdient, du Zwerg«, höhnte der Dicke und kam dabei gefährlich nahe an ihn heran. 
Doch zu Snorris Erleichterung beließ er es bei dem gehässigen Kommentar und sah davon ab, sich selbst zu überzeugen. 
»Die Gemälde gehören jetzt Magnar. Irgendwelche Einwände?«, kläffte er stattdessen.
Snorri verneinte.
»Braves Hündchen. Vielleicht findest du ja doch einen Platz an unserer Seite.« Die Ustenströmer lachten kurz, dann verschwanden sie so schnell wie sie aufgetaucht waren. 
Erst in diesem Moment merkte der junge Nordmann, dass er die Luft angehalten hatte. Gierig saugte er sie ein. Sein Blick steuerte ein letztes Mal zu der Tür, hinter der sich der Mönch verbarg. Über ihr war ein goldenes Kreuz angebracht worden. Und da überkam ihn schlagartig die Gewissheit, dass es sich hierbei nur um ein Zeichen handeln konnte. 
Du bist wie sie. Du hast deine eigenen Worte verraten. 
»Verdammt sollst du sein, Bruderherz«, grummelte er, während er danach griff. Das Kreuz lag schwer in seiner Hand, es musste also etwas von Wert sein. Heimlich ließ Snorri es in seine Tasche gleiten. Kopfschüttelnd machte er sich daran, wieder zu den anderen zu stoßen. 

Die Männer drängten gerade die verbliebenen Mönche aus dem Kloster, ihre Arme in Ketten gelegt, ihre Mienen versteinert und blutverschmiert. 
Knutson gesellte sich zu ihm, er trug einen Sack über der Schulter und grinste verschmitzt. »Ein Altar«, er nickte in Richtung des Sackes, »im Keller. Gab ordentlich was zu holen. Und bei dir?«
Snorri griff in die Tasche, dort wo das Kreuz lag. »Auch ich habe etwas gefunden«, murmelte er gedankenversunken. 
Verdammt, Aegir, warum nur vermochte ich nicht die Wahrheit zu sehen?
Zu seinem Glück beharrte Knutson nicht weiter auf einer Antwort, wofür er eine gewisse Dankbarkeit verspürte. 
Als sie die Schiffe erreichten, konnte Snorri nicht anders als sich instinktiv nach seinem Bruder umzusehen. Sie mussten reden.
Als hätte er ihn gehört, eilte der Riese auch schon auf ihn zu. 
»Wir müssen reden!«, Aegir zog Snorri hinter einen Baum. 
»Du hast Recht, Bruder, ich … ich …«, plötzlich fielen Snorri keine Worte mehr ein, um zu erklären, was ihm passiert war.
»Keine Zeit. Wir stecken tief in der Scheiße«, erklärte Aegir mit sorgenschwerem Gesicht. Er sah sich nervös um.
Islav kam auf sie zugesteuert. »Aegir! In meine Kajüte! Sofort!«, blaffte er harsch. 
»Was meinst du?«, flüsterte Snorri aufgeregt.
»Hüte dich vor den Ustenströmern, und sag es auch den anderen. Sie werden uns hintergehen, wenn die Zeit gekommen ist. Wir müssen uns vorbereiten. Ich werde versuchen Islav zu überzeugen.« Mit diesen gezischten Worten wandte er sich ab und ließ seinen kleinen Bruder allein.
Snorri schluckte. Ein bitteres Gefühl, schwer von Vorahnung, machte sich auf seiner Zunge breit und hinterließ einen faden Geschmack. 
Als er zu den Schiffen zurückkehrte, empfing ihn Gejohle.
Einige der Ustenströmer hatten sich einen Mönch geschnappt und tauchten ihn wieder und wieder unter Wasser, bis er wie ein Wilder zappelte. Lautstark wurden Wetten abgeschlossen und die ersten erbeuteten Münzen wechselten bereits ihren Besitzer. 
Irgendwann regte er sich nicht mehr. Murrend wandten sich die Männer von ihm ab. 
Snorri spürte einen maßlosen Ekel in sich aufkeimen. Er würde Knutson und den anderen berichten, was Aegir ihm erzählt hatte. Und da wurde ihm bewusst, dass die Schlacht, für die er eigentlich vorhergesehen war, gerade erst begonnen hatte.

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Die Wölfe von Asgard – Das Kloster (1/2)

Das Knarren der Planken weckte sie aus einem düsteren Traum. Als sie Hjalmaers Stimme vernahm, während er gerade dabei war, den Posten vor ihrer Tür zu verscheuchen, breitete sich ein eisiges Gefühl in ihrer Brust aus, das sich langsam bis in ihre Fingerspitzen schlich. Sofort richtete sie sich in eine aufrechte Position auf, wie man es von einer Dame höheren Standes erwartete. 
Wo ist dein Stolz geblieben? Sie biss sich auf die Zähne und schluckte ihn herunter. Den gesamten gestrigen Tag hatte sie hier unten verbracht, einsam und eingesperrt, bis ihre Tränen getrocknet waren. Wartend.
Doch er war den ganzen Tag nicht aufgetaucht, um nach ihr zu sehen. 
Dort, wo Hjalmaer an diesem von den Göttern bezeugten Abend einen Funken der Hoffnung in sie hineingeblasen hatte, war nur ein ausgebranntes Aschekleid geblieben. Erloschen.

Angestrengt blinzelte Deila durch die Dunkelheit. Das ständige Auf und Ab des Schiffes erschien ihr mittlerweile nicht mehr gewöhnungsbedürftig, doch in der Kajüte kam ihr alles so fremdartig vor. Sogar sie selbst. 
Das flackernde Licht einer Laterne begleitete den Sohn von Magnar, als er hastigen Schrittes in die kleine Kajüte trat. »Noch ein paar Stunden, dann haben wir unser Ziel erreicht. Bei Sonnenaufgang wird Blut fließen«, begann er zu sprechen.
Er ist betrunken, wurde Deila klar. Sie antwortete nicht. Der Klang seiner Stimme konnte ferner nicht sein. Sie traute sich nicht einmal, ihm in die Augen zu sehen, wenn sie es genau bedachte. Traute sich nicht die Fragen zu stellen, nach deren Antworten sie dürstete.
Hjalmaer entkleidete sich und legte sich zu ihr. 
Er roch so als hätte er den Vorrat einer Taverne im Alleingang geleert und am liebsten hätte Deila sich einfach von ihm abgewandt. Doch auch das traute sie sich nicht. Sie war wieder einfach nur Deila, das Pferd, auf dem man herumreiten konnte wie es einem beliebte. Islavs missgebildete Tochter. 
Als sie spürte wie seine Hand zwischen ihre Schenkel wanderte, konnte sie nicht anders als erschrocken zusammenzufahren. Sie blickte in seine Augen, hart wie Fels, und er legte ein abstoßendes Lächeln auf.
»Komm, meine kleine Valkyrja, machen wir mir einen kleinen Gott und dich zu einer grunzenden Sau« kicherte er betrunken, drehte sie um und gab ihr einen gönnerhaften Klaps auf den Hintern. 
Deila spürte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte. Wie konnte er nur so sein? Sie den ganzen Tag hier unten einsperren und sich dann mit einer ekelhaften Lüsternheit an ihr vergehen. Sollte das ihr neues Leben sein? Sie konnte ein klagendes Schluchzten nicht unterdrücken.
Er gab ihr noch einen Klaps. »Halt bloß die Klappe!«, knurrte er böse. »Und dreh dich von mir weg. Dann muss ich nicht in deine Fratze gucken, während ich es dir besorge.«
Übelkeit stieg in ihr auf. Fassungslosigkeit. Wut. Ekel. Hass. Angst. 
Sie war auf ihn hereingefallen. Und nun hatte er sie in seiner Gewalt. Auf seinem Schiff. Ohne Hilfe. Und ihr Hoher Vater würde sich sicherlich einen Dreck um sie scheren. Sie spürte, wie seine Hände sie erforschten, sie konnte die Berührung nicht ertragen. Angeekelt versuchte sie von ihm wegzurücken, doch er kam sofort hinterher. 
» Valkyrja«, kicherte er, belustigt von ihrer Gegenwehr. »Du hast das wirklich geglaubt, ja?« Er schlug ihr hart in die Seite, so dass es schmerzte. 
Keuchend presste Deila die Luft zwischen den Zähnen hervor.
»Dann wach mal wieder auf«, Hjalmaers Stimme nahm etwas grausames an und er grinste ihr schadenfroh entgegen. »Denn morgen ist ein großer Tag und du solltest ihn gut in Erinnerung behalten.« Er kam ganz nahe an sie heran.
Deila musste würgen. Ihr Magen drehte sich um und sie bemerkte, dass sie vor Angst zitterte. Ihr Körper versagte ihr den Dienst. 
Ein nasser Fleck breitete sich auf dem Fell unter ihr aus.
»Denn wir werden sie alle umbringen. Die Priester, die Frauen, die Kinder, wenn sie welche haben«, er strich ihr fast zärtlich über die Wange. »Und dann seid ihr dran. Einer nach dem anderen. Deinen Vater nehme ich zuerst. Und ganz am Ende …«, er strich ihr abermals über die Wange und hauchte ihr einen Kuss auf den Hals. 
Seine Lippen waren wie Eis auf ihrer Haut. 
» … kehren wir Heim und ich mache mit deiner Schwester das, wofür du einfach zu hässlich bist. Manchmal lohnt sich das Warten. Sie wird sich später bei mir dafür bedanken«, kicherte er hämisch. Dann schob er sich achselzuckend aus dem Bett, als wäre das alles gerade nicht geschehen, und kleidete sich an. 
Nachdem sich die Tür hinter ihm schloss, brach Deilas Welt in sich zusammen. Röchelnd versuchte sie zu atmen, was ihr einfach nicht gelingen wollte. Ihr Körper zitterte und perlengroße Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie fühlte sich dreckig, unrein und benutzt, obwohl er doch von ihr abgelassen hatte. Und dann wurde ihr schlagartig bewusst, was Hjalmaers Worte bedeuteten und eine Gänsehaut kroch ihr über den Rücken. Wenn sie ihn richtig verstanden hatte, dann würde es morgen ein Massaker geben. Und sie war die Einzige, die es eventuell verhindern konnte.
Du bist zu schwach, schallte sie ihre innere Stimme. Deila das Pferd. Deila die Missgeburt. Deila die Hure.
»Hört auf«, ihre Stimme glich einem gequälten Stöhnen. Hauchzart nur, als würde das Leben mit ihrem Odem entweichen. Nicht stark genug, um das Flüstern in ihrem Kopf zu verdrängen. Deila rollte sich auf den Rücken und die Erkenntnis, dass dies womöglich von nun an ihr Leben sein sollte, ließ sie krampfhaft schluchzend zusammenbrechen. Dann brachen die ersten Lichtstrahlen durch die Planken und mit ihnen drang die Gewissheit durch sie hindurch. Der heutige Tag würde ihr aller Ende besiegeln.

***

Aegir lehnte am Bug der Geri und starrte angestrengt in die Ferne. Der Himmel hatte, von den ersten Zeichen des Sonnenaufgangs erhellt, eine tiefenblaue Färbung angenommen und hier und dort räkelten sich dicke Wolkenberge träge aus ihrem gemütlichen Schlaf. 
Wie trügerisch friedlich das Meer doch heute ist.
Er spuckte über die Reling und suchte nach Anzeichen von Land am Horizont. Noch gab sich nichts zu erkennen, doch nur allzu bald würde das Kloster vor ihnen auftauchen und das Schlachten beginnen. 
Sie sind alle so blind. Was hat die Gier nur aus ihnen gemacht?
Warum Islav so streng darauf beharrt hatte, ihn unbedingt zu diesem Unternehmen zu nötigen, ließ Aegir immer noch rätseln. Es befand sich fernab seiner Vorstellungen von einem genügsamen Leben. Er blickte in seine vom Krieg und der Arbeit gezeichneten Handflächen und seufzte. Musste er sie wieder in Blut tränken? Durch seinen Kopf schossen grausame Bilder von Schmerz, Verlust und Tod. Herbeigeführt durch seine Hand. 
Doch der Gott der Christen kannte, anders als die Götter der Nord, das wohltuende Heil der Vergebung. Warum also sollte er ihm nicht auch vergeben können? 
Der Riese seufzte. Nachdenklich verlor sich sein Blick in den Wolken und für einen Moment schien sein Kopf träge und leer. Dann fasste er einen Entschluss. Bis zu ihrer Heimkehr würde er dieses Schiff nicht verlassen und wenn es seinen Tod bedeutete. Sollte Islav sich doch alleine um diese närrische Unternehmung kümmern. 
Gott sei mein Zeuge, heute werde ich meine Hände nicht mit dem Blut der Unschuldigen beflecken.
Snorri konnte sich seinen Spott schenken. Wenn er ihm noch einmal auf der Nase herumtanzen wollte, würde er die seines Bruders vorzeitig verbiegen. Der Junge war einfach noch zu jung und heißblütig, um etwas derartiges zu verstehen oder überhaupt einen wertvollen Gedanken daran zu verschwenden. 


Plötzlich tauchte eine rote Sonne vor ihnen auf. Langsam aber beständig eroberte der rote Riese den Horizont.
Ein böses Omen. Aegir gelang es nicht, seine finsteren Vorahnungen zu unterdrücken. Ein blutendes Auge, das uns bedauernd bei unseren Taten zusieht. Noch am heutigen Tage wird es zu einem entsetzlichen Gemetzel kommen.
Bevor er den Gedanken beendet hatte, tauchte ein grüner Punkt am Horizont auf und gewann rasch an Größe. 
Aegir ballte die Fäuste zusammen. Die hungrige Bande würde über das Kloster fegen wie ein Sturm und niemanden verschonen. 
Der Tod hatte ihn abermals eingeholt.

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Die Wölfe von Asgard – Der falsche Gott

»Sie sind der Rán in die Hände gefallen! Allesamt vom Meer verschlungen!«, ächzte Snorri, während er sich keuchend die Hände in die Hüften stemmte. Als er die Nachricht erfahren hatte, hatte er sich abseits des kargen Lagers befunden, das für heute ihre Ruhestätte sein sollte, und war sofort losgeeilt, um es den anderen mitzuteilen.
Yorriks Schiff galt seit dem schweren Sturm als verschwunden. 
Nun hatte Islav öffentlich bekanntgegeben, dass sie nicht mehr warten und bei Tagesanbruch Segel setzten würden. 
Die Mienen der Männer wirkten im flackernden Schein des Feuers wie versteinerte Masken, denen sämtliche Gefühle aus dem Gesicht gemeißelt worden waren. 
Für einen Moment kam es Snorri so vor, als würden die dichten Kiefern noch näher an sie heranrücken. Als würden sie atmen. Sie belauern. 
Nur das funkenspuckende Feuer schien ihm eine Antwort geben zu wollen, indem es rote Glühwürmchen in den dunklen Abendhimmel sandte.

»Das will mir ganz und gar nicht gefallen«, durchbrach Holmger endlich die Stille. »Nun sind es noch mehr Ustenströmer als vorher. Und die benehmen sich jetzt schon als wäre das ihr Viking. Wenn ihr mich fragt, ist Islavs Gewicht in dieser Unternehmung höchstens noch in Scheiße aufzuwiegen.« Er spuckte wütend ins Feuer. 
»Yorrik ist ein zäher Hund, niemand von uns hat so viel Erfahrung wie er. Der kommt schon zurecht«, versuchte Völund zu beschwichtigen, doch sein nervöser Blick sprang zwischen den Bäumen umher, als erwarte er jeden Moment einen Überfall. 
Snorri klopfte sich auf die Brust. »Sollen sie kommen, wenn sie wollen. Wir werden kämpfen wie die Wölfe, ohne einen Schritt zu weichen.«
»Mögen die Götter deinen Mut besingen, Snorri Naseweis, doch das Lied des Stahls ist eines, dass dich nur allzu früh in ihre Arme führen kann«, Knutson lehnte sich mit gerunzelter Stirn an einen Baum, während er mit geschickten Schnitzbewegungen einen Knochen zu einer Spitze verarbeitete. 
Für einen Moment überlegte der junge Nord, ob sein Schiffsmeister ihn schon wieder provozieren wollte, verwarf den Gedanken aber. 
Knutson hatte gezeigt, dass in ihm mehr stecken konnte als ein verächtlicher Sklavenschinder. 
»Wir sollten uns überlegen, wie wir weiter vorgehen wollen«, bestätigte Snorri, während er sich nachdenklich über den Bartansatz strich. »Auch wenn wir Kämpfen wie die Götter, noch ist es für uns zu früh, um ihrer Tafel beizuwohnen.«
»Verdammt sollen sie sein! Die Ustenströmer, der Sturm, Yorricks Verschwinden, das sind böse Omen. Sehr ihr das nicht?«, Aegir trat aus dem Schatten der Kiefern. Der Schein des Feuers beleuchtete sein sorgenschweres Gesicht und dennoch fanden sich darin nur die Schatten der vergangenen Ereignisse wieder. 
»Der Schwarzseher ist wieder da«, Knutson verdrehte die Augen. Einige der Männer fielen in sein Gemurre ein.
»Du!«, Snorri sprach dieses Wort aus wie einen Fluch. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er merkte wie es in seinen Adern zu kochen begann. »DU!« Er setzte zum Sprung an und binnen eines Augenblicks hatte er seinen großen Bruder erreicht. »Dass du es wagst über die Götter zu urteilen, denen du doch so fleißig abgeschworen hast. Was ist nur in dich gefahren?«, zischte er Aegir entgegen, während er kurz vor seinem Gesicht Halt machte.
Der Riese wich keinen Schritt zurück, stand nur dort und regte sich nicht. Doch sein Blick bohrte sich förmlich durch Snorri hindurch wie ein abgefeuerter Pfeil auf der Suche nach dem Herzen. »Du hast es ihm also gesagt, ja?« Er wandte sich Knutson nicht zu, während er sprach. »Hast du ihm auch meine Gründe genannt?«
Noch bevor sein Schiffsmeister etwas erwidern konnte, fuhr Snorri ihm über den Mund. »Was für Gründe sollen das schon sein? Haben sie dein Eheweib das Betrügen gelehrt? Oder dich das Fischen? Oder gewährten sie dir Einzug in Walhall, als Held, als Riesen und du lehntest ab vor Undankbarkeit?« Er spuckte die Worte förmlich aus. 
Noch in diesem Moment packte Aegir ihn am Schlafittchen und hob ihn mühelos in die Luft, sodass seine Füße den Boden unter sich verloren. »Du willst wissen, was die Götter mich lehrten?«, knurrte Aegir und seine Stimme glich dabei einem Donnerschlag. 
»Die Wahrheit will ich hören, aus deinem eigenen Munde. Du elender Feigling!«, keuchte Snorri wutentbrannt, während er versuchte sich aus dem Griff seines Bruders zu winden. 
Aegir stieß ihn rückwärts, sodass er hart auf dem Boden aufschlug. Schlagartig presste sich die Luft aus seinen Lungen und er konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.
»Die Wahrheit? Die Wahrheit über die Götter? Bist du wirklich so ein Naseweis wie Knutson dich schimpft? Von meinem Bruder habe ich mir öfter sagen lassen, dass er vorlaut sei und unbedacht. Doch bist du derart blind? Prügelst dich mit Ustenströmern wie ein kleines Kind und doch willst du über die Götter reden. Willst ein Held sein und in ihrem Namen töten?« Der Ton in Aegirs Stimme veränderte sich, während er sprach. Das grollende Gewitter wich der lauernden Ruhe von tiefen Gewässern.
Empört raffte Snorri sich auf. »Ich mag jung sein, doch blind bin ich nicht. Du hast dich den Lämmern verschrieben! Den Feiglingen! Jenen, die zittern, wenn wir über sie hinwegfegen!« Der junge Nord spürte, wie nichts als die pure Verachtung aus ihm heraustropfte. Wann hatte es sein Bruder nur vollbracht, sich in eine kriecherische Made zu verwandeln? 
»Aus dir spricht nichts, außer Unwissenheit, Dummkopf!«, tadelte Aegir ihn mit erhobenem Finger. »Das hier ist kein Spiel, der Krieg ist keine Leidenschaft und das Töten bereichert dich nicht. Woher nur haben sie all die Geschichten, die dir so den Verstand verdrehen?«
»Wessen Verstand ist hier verkehrt?!«, kreischte Snorri außer sich.
Einige der Männer murmelten ihm unterstützende Worte zu, andere enthielten sich bedächtig. 
Waschweiber, alle miteinander!
»Unsere Götter sind Helden und wir tun es ihnen auf Erden nach! Was gibt es schon, was größer ist, als den wohlverdienten Ruhm in der tosenden Schlacht zu gewinnen? Als das Leben des Feindes zu nehmen?« Snorri wusste, dass er Recht behalten würde. Sein ganzes bisheriges Leben lang hatte er diesem Moment entgegengefiebert, sich endlich vor Tyr beweisen zu können und von den Valkyren in die Hallen Odins geführt zu werden.
Aegir zögerte mit seiner Antwort keinen Augenblick. »Was es Größeres gibt, als das Leben eines anderen zu nehmen?« Es ihm zu geben, du Narr!« Der Riese krempelte sein Leinenhemd um, sodass sich seine recht Flanke entblößte. Sie war übersät mit riesigen dunkelfarbenen Narben.
»Können Lämmer solche Wunden reißen? Oder ist dies von der Waffe eines Mannes, der selbst mich an Größe und Wildheit übertroffen hat? Sag du es mir!« Noch bevor Snorri eine Antwort geben konnte, fuhr er fort: »Diese Wunde hätte mich dorthin geschickt, wo die Toten ruhen sollen. Einen derartigen Schmerz habe ich noch nie verspürt. Doch die Pforten nach Walhall, Bruderherz, haben sich nicht gezeigt. Da war nichts, außer dem Schmerz. Ich wurde bewusstlos und nur Gott weiß, warum ich an dem Tag nicht gestorben bin. Als ich erwachte, lag ich im Haus eines Mannes. Meine Wunde war versorgt worden und er hatte mir Brot und Bier bereitgestellt. Einfach so!«
Snorri runzelte die Stirn. »Er hat sich gefürchtet. Wikinger nennen sie uns voller Angst und beugen tun sie sich, wenn wir kommen! Eine andere Erklärung gibt es nicht!« Was Aegir da erzählte, machte keinen Sinn. Verlor sein Bruder langsam den Verstand? 
Der Riese schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Möge Gott dir beistehen, damit du deine erste Fahrt trotz deiner Blauäugigkeit überlebst«, murrte er in keine bestimmte Richtung. »Besitzt du nicht die Fähigkeit deinen Kopf zu benutzen? Wenn du die Gelegenheit hast, einen Feind niederzustrecken, dann tust du es. Das wird uns seit jeher gelehrt. Nimm von den Schwächeren, denn sie haben es verdient, dass der Stärkere an ihrer statt herrscht. An diesem Tag war ich der Schwächere und doch wurde mir etwas gegeben. Der Mann, seinen Namen verstand ich nicht, hätte mich noch an Ort und Stelle ermorden können. Stattdessen brachte er mich in ein Gotteshaus und pflegte meine Wunden. Ich sah ein Emblem an seinem Hals, das er mir wortlos vermachte. Und da wurde es mir zum ersten Mal bewusst«, während er sprach, griff Aegir in seinen Ausschnitt und zog eine kleine Kette hervor, an der ein silbernes Kreuz hing.
Snorri keuchte auf. »Du hast … Das ist …«, stotterte er entsetzt. Er brachte keinen vernünftigen Ton heraus. 
»An jenem Tag war nur ein Gott bei mir und ihm verdanke ich mein Leben! Wer dagegen Einwände erheben möchte, soll nun vortreten und sprechen oder für immer schweigen!«, Aegir blickte mit einem Blick durch die Runde, der selbst das knisternde Feuer versengte. 
Snorri folgte ihren Blicken, die seltsamerweise von Betroffenheit zeugten. Da muss noch etwas anderes passiert sein. Er nahm sich ein Herz und fragte danach. 
»Willst du das wirklich wissen?«, raunte ihm Aegir entgegen und sein Blick nahm etwas grausames an. Etwas wissendes. 
Snorri schluckte einen Klos herunter, der ihm für einen Augenblick die Luft abschnürte. Aber egal was passiert war, sein Bruder ging den falschen Weg. Die Götter gaben das Leben und forderten es wieder für sich ein, doch eine derartige Respektlosigkeit würden sie wohl kaum dulden. So liefen die Dinge nun einmal. »Sag es mir«, forderte er Aegir auf. 
Dieser nickte ihm zu. »Islav hat nach mir gesucht. Drei Tage und drei Nächte lang. Als sie mich fanden, hatte mein Retter gerade das Abendgebet begonnen. Eine Tradition, die er täglich absolvierte. Als die Männer ihn erblickten, hielten sie in für leichte Beute, plünderten sein Heim hingen ihn an ebenjenes Kreuz, das er anbetete, und rammten ihm ein Messer in den Bauch. Das Plätschern seines Blutes, das auf die Holzdielen tropft, seine Schreie, die langsam ersticken, sie haben sich für immer in meinen Geist eingebrannt. Und da ist es mir klar geworden: Er war die Reinkarnation Jesu Christi. Die Geschichte hat sich wiederholt. Ihr Gott, und nicht die unseren, haben mich in der Not erhört. Und ich werde für das Ende meines Lebens dafür Buße zahlen müssen.« Der Riese schaute ernst durch die Runde.
Snorri merkte, dass er unterbewusst die Luft angehalten hatte, während er den Worten seines Bruders gelauscht hatte. Sein Magen verkrampfte sich zu einem flauen Etwas. Dieses Ereignis hatte Aegir verändert, daran bestand kein Zweifel.
»Und deswegen werde ich auf dieser Fahrt keine Hand an jemanden legen. Vergesst es einfach. Hätte Ylvie mich nicht gedrängt, würde ich jetzt auf meinem Boot sitzen und Reusen einholen, so wie ich es geplant hatte!«, schnaubend wandte sich der Riese zum Gehen.
Snorri merkte, wie die Wut ihm zum Schäumen brachte. Er ballte die Fäuste und ließ sie gewähren.
Aegir hatte sich als ein kompletter Verräter entlarvt. Sein eigener Bruder!
»Ja, geh nur! Aber eines versichere ich dir: wenn du versuchst, die Lämmer zu verteidigen, wirst du es noch bitter bereuen!«, rief er ihm hinterher.
Aegir hielt für einen Moment inne, als wolle er noch etwas sagen, dann aber beließ er es dabei und verschwand in der Dunkelheit.
Fluchend stampfte Snorri in die andere Richtung davon.

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Die Wölfe von Asgard – Der Sturm

Der Wind frischt auf. Yorrik schauderte. 
Stürme, die vom Meer aus kamen, stellten eine unsagbare Gefahr dar, selbst wenn die Drachenboote dazu ausgelegt waren, ihnen zu trotzen. Da es auf der offenen See nichts gab, was den tosenden Wind brach, konnten heftige Böen sie in außerordentliche Schwierigkeiten bringen. 
Und der alte Seebär spürte es in seinen erfahrenen Knochen. 
Heute Morgen braut sich etwas zusammen.
Ihr heutiges Ziel bestand aus einer winzigen Insel, die ihre letzte Rast vor der großen Überfahrt darstellen würde. 
Er griff das Ruder der Hefring, der aufsteigenden Tochter des Meeresriesen, fester und suchte den Horizont nach Wolken ab. Sollte es soweit sein, war er bereit Islavs drittes Schiff durch den Sturm zu segeln. 
Da der Wind heute direkt von bugseits kam, mussten sie kreuzen, was ihre Fahrt zusätzlich verlangsamte. Und eine Seitenwindböe konnte ein Schiff bei unerfahrener Handhabung kinderleicht zum Kentern bringen. Die nordischen Langschiffe waren jedoch besonders für diese Winde ausgelegt. 
Er orientierte sich am Kurs der Flotte und beschloss dennoch die Segel zu reffen, um die Fahrt zu verlangsamen und nicht zu dicht an die anderen aufzuschließen. Die Nähe zu anderen Booten konnte sich im Sturm als eine tückische Todesfalle erweisen, wenn die Macht der Gezeiten die Schiffe rücksichtslos gegeneinanderwarf und krachend zum Bersten brachte.
Und dann hörte er den Donner. Yorrik zischte einen unflätigen Fluch aus, als er die Wolkenberge am Horizont sah, welche die Farbe eines Blutergusses angenommen hatten. »Ruder einholen! Ladung sichern! Mast kippen!«, brüllte er gegen den Wind an. »Und dann gut festhalten. Das wird der Sturm eures Lebens!«

***

Deila räkelte sich träge unter ihrem Fell als wolle sie gegen das Aufstehen protestieren. Ihre Lenden brannten noch von Hjalmaers Liebe und alles kam ihr so unendlich warm vor. Plötzlich erschien es ihr nicht mehr gerecht. 
Er hat etwas Besseres verdient als mich, eine halbe Jötun bin ich, plump und ohne Zierde. Ein Mann wie er sollte mit einer der tosenden Töchter der Meere vermählt werden.
Sein Begehren nach ihrer Person verstand sie bis heute nicht. Jeder gesunde Mensch, der mindestens ein Auge besaß, konnte über ihre Hässlichkeit Zeuge leisten. Was also empfand er für sie?
Als er sich heute Morgen von ihr heruntergewälzt hatte, schwitzend und nach Mann riechend, hatte sie noch nichts als bedingungslose Leidenschaft empfunden. Nun, seitdem er fort war, blieb ihr nur der nagende Zweifel. 
Er ist der Befehlshaber über das Schiff, natürlich muss er früh raus, schimpfte sie sich. Deila versuchte ihre Gedanken neu zu sortieren, was ihr einfach nicht gelang. Umso mehr erfreute es sie, als sie auf einmal Stimmen vor der Tür vernahm. Auch wenn sie nicht verstand, was sie sagten, boten sie doch willkommene Abwechslung. 
Zwei Männer schienen angeregt miteinander zu plaudern, dann stieß ein dritter dazu. »Haltet gefälligst eure Plappermäuler, die Tochter des Jarls ist hier unten. Wenn sie das erfährt, war alles umsonst!«, war alles, was Deila verstehen konnte, bevor die Stimmen sich wieder entfernten. 
Sofort wanderte ihr bei diesen Worten ein kalter Schauder über den Rücken. Die haben über mich gesprochen.
Ernüchterung überkam sie, als ihr bewusst wurde, dass es sich bei dem Gespräch vermutlich nur um weitere Verschmähungen ihrer Person gehandelt haben konnte. 
Wartet nur, bis Hjalmaer davon erfährt. Ich sorge schon dafür, dass er euch zur Rechenschaft zieht, beschloss sie bebend und vergrub sich mit düsteren Gedanken unter ihrem Fell, wo sie noch eine ganze Zeit lang liegen blieb. 
Deila erwachte davon, dass sich der Boden unter ihr gefährlich auf und ab senkte. Vom Deck ertönten gedämpfte Schreie. Sofort sprang sie auf und schlüpfte in ihre Kleidung. 
Als sie die Tür der Kajüte öffnete, pfiff ihr sofort ein mächtiger Wind um die Ohren. Selbst für einen frühsommerlichen Morgen erschien ihr der Himmel zu dunkel und Blitze teilten den Horizont mit ohrenbetäubendem Getöse in zwei Hälften. Regen peitschte prasselnd auf sie herab, Wellen schlugen gegen die Reling und Wasser tropfte zischend ins Boot. 
Binnen eines Momentes war Deila komplett durchnässt. 
Hjalmaer bemannte das Ruder und versuchte mit gefletschten Zähnen dem Sturm zu trotzen. Seine Hände krallten sich so fest in das Holz, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Doch in seinen Augen lag eine feurige Entschlossenheit. Als er sie erblickte, schien jedoch ein Funke des Zorns durch sein aristokratisches Gesicht zu sprühen. »Ich hatte doch angeordnet, sie soll unter Deck bleiben!«, fauchte er wüst und warf einer Handvoll Männer, die gerade das Wasser aus dem Boot schöpften, einen giftigen Blick zu.
»Aye, wir hatten hier nur eine andere Beschäftigung, die unsere unmittelbare Aufmerksamkeit erforderte. Wie Ihr seht, mein Herr«, antwortete einer der Männer, während er einen Eimer Wasser über der Reling ausschüttete. 
Deila schlug das Gespräch jetzt schon auf den Magen. War sie an Deck nicht erwünscht? Hatte Hjalmaer ihr nicht geschworen, ihr die See zu zeigen? Wann schon konnte man sie mit solch brüllender Kraft erleben, wenn nicht im tosenden Sturm der Götter? Sie warf ihm einen sehnsüchtigen Blick zu, doch ihr zukünftiger Gemahl schien ihre Anwesenheit nicht weiter zu bemerken.
Abermals pflügte sich eine Welle unter dem Schiff hindurch und ließ es bedrohlich steil abfallen.
Deila verlor den Halt auf den nassen Planken und rutschte dem Bug entgegen. 
In letzter Sekunde griff einer der Männer nach ihr und zog sie auf die Füße. 
»Für ein Pferd bist du wenig standfest«, schätzte er sie mit einem gehässigen Blick ab, bevor er sie in Richtung der Kajüte schob. »Unser Herr hat angeordnet, dass du unter Deck bleiben sollst, bis sich der Sturm gelegt hat. So wichtig ist ihm seine Kleine«, höhnte er. Sein Atem stank furchtbar, fast hätte Deila gewürgt. Sie versuchte sich aus seinem Griff zu lösen, doch der Kerl war ein Fleischberg und musste fast das doppelte auf den Rippen haben wie sie. Mit einem flehenden Blick ließ sie sich vor den Augen ihres Gemahls hinabführen. Als Deila bemerkte, wie verschwinden gering Hjalmaers Interesse an ihr plötzlich zu sein schien, musste sie schlucken. Tränen kämpften sich durch ihre Augen und fast wäre sie in die Knie gegangen. Wenigstens regnete es, da war es nicht so offensichtlich. 
Als der Mann sie in ihr Zimmer zurückstieß und die Tür verriegelte, konnte Deila nicht anders, als einen krampfhaften Schrei von sich zu geben. In ihm manifestierten sich Wut und Verzweiflung zu einem entsetzlichen Klagelaut. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein, anzunehmen, dass auf einmal alles anders werden würde? Tränen kullerten ihre Wangen hinab, vermengten sich mit jenen des Himmels.
Er hat mich bedauert. Wenigstens einer.
Wieder senkte sich das Schiff im Spiel der Gezeiten und nun ließ sie es zu, dass sie doch auf die Knie fiel. So schwach, wie in diesem Moment, hatte sie sich noch nie gefühlt. Viel hatte sie gewagt, für einen sehnsüchtigen Traum. Nur um hier aufzuwachen, verraten und verkauft. Noch heute Morgen schien es ihr, als sei sie etwas Besonderes, eine Königin, eine Valkyrja, bereit diese Welt zu entdecken. Nun wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie die Ketten, die sie eisern umklammerten, niemals würde ablegen können. Deila wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. 
Wieder hob sich das Boot, bereit einer neuen Welle zu trotzen.
In diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass der Sturm die gesamte Flotte in den schrecklichsten aller Tode stürzen ließ.

***

»Festhalten!« Mit einem Ächzen kippte der Mast in seine dafür vorgesehene Verankerung. Bei diesen Windböen entpuppte sich diese sonst so kinderleichte Arbeit als eine echte Herausforderung. 
Zumal ihre zusammengewürfelte Truppe keine eingespielte Mannschaft darstellte. 
Snorri spürte, dass er trotz des Wetters und der tosenden Gischt schwitzte wie ein Schwein. Es lief in seine Augen und unter seinen Wams und er fühlte sich von oben bis unten unrein. 
Der zweite Tag und bisher ist das Leben an Bord nicht gerade eine rosige Angelegenheit.
Er biss die Zähne zusammen. 
Sollte die Rán doch kommen und versuchen, was selbst der Hela nicht vergönnt war. Auch ihrem seelenfangenden Netz, mit denen sie die Gefallen aus den tosenden Gezeiten in ihr nasses Grab zog, würde er entrinnen. 
Snorri erwischte sich dabei, wie er sich heimlich erhoffte, Dyggur würde ihm von irgendwo dort unten zusehen und seinen Kampf aufgeregt verfolgen. Sei stolz auf mich, Bruderherz!
Der schallende Klang einer verhassten Stimme riss ihn in die Wirklichkeit zurück. »Vertauen, du Hornochse!«, brüllte Knutson trotz des Sturms viel zu laut und drückte ihm ein wenig Vertrauen erweckendes Seil in die Hand.
»Ich habe dich schon verstanden. Meine Ohren funktionieren noch recht gut«, erwiderte Snorri spitz. 
Knutson trat an ihn heran, seine Augen nicht mehr als ein alles versengendes Lodern. »Eine Welle und du gehst zufällig über Bord. Kannst deinem Bruder folgen. Er wurde doch schließlich nach dem Meeresriesen benannt…« 
Noch bevor Snorri verstand, dass es Knutson eigentlich um Aegir ging, langte er zu. 
Die fliegende Faust traf seinen Gegenüber so unerwartet, dass er zu Boden ging. Doch dieses Mal schien sich Knutson nicht so einfach geschlagen zu geben. »Snorri Naseweiß, du bist der Bruder eines Verräters, eines räudigen Christen! Ein Bruder jener Lämmer, die wir abzuschlachten gedenken! Und du bist auf meinem Schiff ein toter Mann!«, er spuckte verächtlich einen Schwall aus Blut auf das Deck, während er sich langsam erhob. Dann zückte er sein Schwert und vollzog eine grausame Grimasse. 
Snorri schmerzten diese Worte mehr als jede Faust. Es erklärte einfach alles. Aegir hatte sich auf seinem letzten Viking dem Christentum zugewandt. Ein Gott habe ihn berührt, sagte er. Und er wollte nicht mit auf die Fahrt, weil er kein Mörder sein wollte, auch nicht, wenn sie es sein mussten. Doch vor den Männern durfte er sich das nicht anmerken lassen und es als Beleidigung auffassen. Sie würden ihn sonst direkt den Fischen zum Fraß vorwerfen.
Die Ustenströmer haben noch eine Rechnung mit mir offen. Doch auch heute werde ich sie enttäuschen müssen.
Mittlerweile hatte sich eine Traube von Leuten um sie gebildet. Jeder hielt sich irgendwo fest, doch die unbändige Mordlust war seit den gestrigen Ereignissen nicht aus ihren Gesichtern gewichen.
»Und du bist der Bruder einer Wildsau, die von einer Ziege und einem Ochsen gezeugt wurde«, spotte Snorri zurück.
Knutson fletschte die Zähne und rannte ihm mit gezogener Waffe entgegen.
In diesem Moment traf sie eine Welle und dieses Mal wurde das gesamte Boot von ihrer Kraft überschwemmt. 
Im letzten Augenblick gelang es Snorri, sich an einem Seil festzukrallen. Das Schiff schaukelte und kurz konnte er nichts ausmachen, außer einem Brennen, das sich durch seine Augen fraß.
Als Snorri die Augen öffnete, war Knutson spurlos verschwunden. Er eilte zur Reling und stieß ein entsetztes Keuchen aus.
Knutson krallte sich mit aller Macht an einer Planke fest, doch die rutschige Oberfläche bot ihm kaum Halt. »Hilf mir!«, dem Nordmann stand die Angst ins Gesicht geschrieben. 
Geistesgegenwärtig griff Snorri nach seiner Hand, doch sie zu packen erwieß sich als schwierig und der tosende Seegang machte ihm wieder und wieder einen Strich durch die Rechnung. 
Knutson wurde für einen Augenblick vom Meer verschluckt, dann tauchte er prustend und Salzwasser spuckend wieder auf. 
Panisch stellte Snorri fest, dass sein Steuermann bald kaum noch eine Möglichkeit haben würde, um sich an Deck zu hieven, denn das Schiff entfernte sich immer mehr von ihm. Noch ein Blitz fegte über sie hinweg und ein mächtiger Donnerschlag erschütterte Snorri in seinen Grundfesten. Er spürte sein Herz pochen, sein Atem ging unregelmäßig. Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Und dann kam ihm eine Idee. Er riss sich von der Reling los und packte das Tau, das Knutson ihm hingeworfen hatte. Als er zurückkehrte, konnte er seinen Kameraden nicht mehr ausmachen. »Knutson!«, er brüllte gegen die Elemente an. »Knutson!« Fieberhaft blickte Snorri sich um. 
Wellenberge nahmen ihm die Sicht und der Regen tat sein Übriges dazu. Noch mehr Blitze zischten über den Horizont.
»Knutson!« Keine Antwort. 
Die restliche Mannschaft schien sich bereits mit seinem Tod abgefunden zu haben, denn sie wendeten sich ab. 
Dann sah er einen Kopf aus dem Wasser auftauchen, sein verhasster Kamerad war mittlerweile beängstigend weit nach draußen abgetrieben. 
Snorri nahm all seine Kraft und schleuderte das Seil in seine Richtung. Der Wind schien glücklicherweise auf seiner Seite zu sein und zog das Tau mit sich. 
Platschend traf es auf die Wasseroberfläche und straffte sich, als der Nordmann es ergriff. 
Snorri zog mit Leibeskräften, niemand machte Anstalten ihm zu helfen. Hoffentlich hält das Seil. Er versuchte, nicht daran zu denken und zerrte es weiter zu sich.
Einen Moment später hievte sich Knutson keuchend an der Reling empor und rollte sich schwer atmend auf das Deck. »Eines muss ich dir lassen, Snorri Naseweiß«, japste er atemlos, während er Wasser ausspuckte wie ein Springbrunnen. »Du stehst deiner Klappe an Größe in nichts nach.«
Dieser grinste und reichte ihm die Hand. 
Der Nord ergriff sie dankbar und zog sich auf die Beine. 
»Die wirst du ab jetzt wohl auch ertragen müssen, Steuermann. Schließlich hocken wir beide auf demselben Schiff«, lachte Snorri.
Doch dann verfinsterte sich seine Miene, als er in der Ferne Islavs Flaggschiff erkannte. Er ballte die Fäuste bis es wehtat. 
Mit Aegir hatte er noch eine Rechnung offen und er wollte verdammt sein, wenn diese nicht beglichen werden würde. 

*** 

Die Wassermassen donnerten gegen den Bug, der unter ihrem Gewicht bedrohlich Ächzte. Eine Welle hatte sie ungünstig erwischt und das Ruder beschädigt, seitdem spielten die Gezeiten ihr eigenes Spiel mit ihnen. 
Yorrik merkte, wie die Angst an Deck umging wie eine Krankheit. Und jeder gab sie an jeden weiter. 
Es musste mittlerweile später Nachmittag sein und den vorgegeben Kurs hatten sie längst verlassen. Im Spiel der Wellen stellte ihr Schiff nur ein zerbrechliches Spielzeug dar. Auch wenn die Langboote dafür ausgelegt waren, Wind und Wellen zu trotzen, so ein ausgewachsener Sturm brachte für sie dennoch sämtliche Gefahren mit sich, die es auf See zu bewältigen gab. 
Sie tauchten auf und ab, mittlerweile zählte Yorrik die Wellen nicht mehr mit, die sie durchpflügten. Das einzige, was zählte, stellte für ihn das Überleben seiner Mannschaft dar und zwar um jeden Preis. Er kniff die Augen zusammen. In der Ferne manifestierte sich eine graue Masse, die er zunächst als Regenvorhang oder Gewitterwolken abgetan hatte, doch je näher sie darauf zuhielten, desto mehr stachen die Umrisse einer Insel empor. 
Yorrik hielt die Luft an. Aber sie hatten ihren Kurs doch verlassen? Es musste sich um einen Streich der Götter handeln. 
Doch sie kam immer näher. Schroffe Felsklippen und ausladende Sandbänke vollzogen sich in das Landesinnere, wo eine undurchdringliche Vegetation wucherte. Kaum ein Mensch konnte je einen Fuß auf dieses Eiland gesetzt haben. Doch gerade erschien sie dem Schiffsbaumeister wie ein Segen. Wenn sie es an Land schafften, könnten sie die Schäden am Boot reparieren und der Flotte nachsetzen. Ihm war bestens bewusst, dass Islav nicht auf ihn warten würde, denn der Brauch verlangte es von ihm. Zu viel wertvolle Zeit ging verloren, um beschädigte Schiffe zu suchen, die bestenfalls schon auf dem Grund des Meeres ruhten. In der Regel mitsamt ihrer Mannschaft. 
Yorrik biss die Zähne zusammen. Diesen Gefallen würde er der Rán nicht machen. Diese Männer vertrauten ihm und es lag ihm fern, sie enttäuschen zu wollen. »Ich brauche zwei starke Jungs und zwei Ruder von den Bänken!«, befahl er lautstark. Wenn sie in Küstennähe manövrierten, konnten sie ihr Schiff so an das sichere Ufer stemmen oder zumindest etwas gegen die Strömung halten, um die Insel sicher zu erreichen. 
Olaf und Jorleif eilten zu ihm und begannen einen gnadenlosen Kampf mit den Gezeiten. Wieder und wieder bäumte sich das Boot über den Wellen auf und der beschädigte Bug drohte unter ihnen zu brechen, so stark drückten sie dagegen. Dann stießen sie endlich auf festen Grund.
»Anlanden!«, befahl Yorrik und stürzte sich in das kalte Wasser. 
Die Männer zogen das Boot gemeinsam an Land und der Schiffsbaumeister fühlte plötzlich, wie die Anspannung der vergangenen Stunden etwas von ihm wich. Hier befanden sie sich zunächst in Sicherheit und konnten hoffentlich das Schiff reparieren. Denn wenn nicht, waren sie hier unausweichlich gefangen. Und Yorrik bezweifelte stark, dass sie hier jemals jemand finden würde.

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Die Wölfe von Asgard – Vor den Toren der Hela (2/2)

Der dumpfe, monotone Schlag einer mächtigen Trommel riss ihn mit sich ins Jenseits. Rauschende Gefühle, deren Ursprung er nicht einordnen konnte, erfüllten seinen Körper. 
Wonne und Angst vermengten sich zu einem grotesken Klumpen in seiner Brust, er stürzte und doch landete er. Steuerte an einen Ort, der nicht für ihn bestimmt war. 
Er öffnete die Augen, die sich nicht sofort an die vollkommene Finsternis, die diesen Ort erfüllte, gewöhnen wollten. Ein Wort schnitt durch seinen Kopf, scharf wie ein Schwert und doch nur ein Flüstern. Hel.
Das Echo der Stimme hallte in seinem Kopf wie das Aufeinandertreffen zweier rostiger Klingen. Hel. Hel. Hel. 

Snorri blinzelte angestrengt, um in der Dunkelheit etwas auszumachen. Die Finsternis löste in ihm eine ungewöhnliche Angst aus, die er nur unter Aufbringung all seiner Willenskraft verdrängen konnte. 
Erst jetzt fiel ihm auf, dass er keine Trommeln hörte, sondern lediglich seinem eigenen Herzschlag lauschte. 
Der junge Nordmann vernahm Bewegungen am Rande seiner Wahrnehmung, schleichende Schatten, die sich an seine Brust schmiegten wie ein zahmes Kätzchen. 
Dann zog ihn etwas vorwärts und seine Beine bewegten sich wie von Götterhand gelenkt. Er ließ es passieren. Musste es passieren lassen. 

In der Ferne erspähte Snorri einen matten Lichtkegel, der beständig an Größe gewann. Im Schein des Lichtes kristallisierten sich zunehmend Konturen heraus, welche die Form zweier riesiger Monolithen annahmen, die wie ein Bollwerk in die Höhe ragten. Ihre schroffe Oberfläche bedeckten ätzende Runen, die giftgrün leuchteten. Doch bis er sie erreichen würde, lag noch ein weiter Weg vor ihm, der ihn durch morbides Gestein und gähnende Höhlen führte. Schwarzer Fels verschluckte ihn und wieder blieb nur die Finsternis. 
Doch Snorri wusste, dass er einem Pfad folgte. 
Irgendetwas bestimmte seinen Weg und er folgte seinem Ruf. 
Wacker setzte er einen Fuß vor den anderen, gab sich ganz der Dunkelheit hin. Und plötzlich merkte er, dass er nicht mehr alleine war. 
Schwarze Silhouetten tauchten mit steifen Bewegungen vor ihm auf, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Ihre blassen Gesichter hatten etwas ausdruckloses angenommen und sie schienen zunehmend in einen monotonen Singsang zu verfallen, dessen tristes Klagen die gesamte Höhle erfüllte. 
Auf einmal tauchte eine weitere Gestalt unter ihnen auf, deren Gesicht Snorri verdächtig bekannt vorkam. Er musste schlucken. Ist das etwa Dyggur? Was macht er an diesem Ort?
Ohne ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden, glitt der Schemen seines verstorbenen Bruders wieder in die Dunkelheit hinein und verschwand.
»Dyggur, warte auf mich!« Snorri versuchte ihm hinterherzueilen, doch seine Füße klebten förmlich am Boden fest, fast so als wolle man es ihm nicht vergönnen, den Pfad der Toten weiter zu beschreiten.
Eine bleierne Schwere legte sich auf ihm ab und das erste Mal wurde ihm die Last dieses Ortes gänzlich bewusst. Sie saugte die Lebenskraft förmlich aus seinen Knochen heraus. Er wollte einen weiteren Schritt in die Finsternis setzen, als ihn ein unheilverheißender Instinkt innehalten ließ. 

Ein grollendes Knurren ertönte, nicht weit von seiner Position entfernt. »Die Toten heißen es nicht willkommen, wenn die Lebenden hier wandeln!«, donnerte eine wütende Stimme.
Snorri zuckte unwillkürlich zusammen. Dann erspähte er ein blitzendes Augenpaar, das ihm einen feurigen Blick zuwarf. 
Darunter befand sich ein gähnendes Maul, voller spitzer Reißzähne, die wie Nadeln daraus hervorstachen. Der Körper des riesigen schwarzen Hundes, der sich langsam an ihn heranschlich, war in der Dunkelheit kaum auszumachen, so geschmeidig bewegte er sich. 
Der junge Nordmann blieb wie angewurzelt stehen. So eine große Töle hatte er zu Lebzeiten noch nie gesehen. Er merkte, wie sein Herz zu rasen begann. »Wie lautet dein Name?«, brachte er mühsam hervor. Seine Stimme drohte zu versagen und er taumelte entsetzt einen Schritt rückwärts. Ein Klos bildete sich in seinem Hals, groß genug, um ihn in Atemnot zu versetzen. »Und was ist dies für ein Ort?«
»Sie nennen mich Garm und ich wache im Namen der Herrin über diese Gänge. Du befindest dich in Gnipahellir, dem Vorhof von Helheim. Durch diese Höhlen wandern jene, die keinen Herzschlag mehr besitzen, um der Herrin vorgeführt zu werden. Also nenne mir dein Begehr und dann verschwinde von hier!«
»Ich suche meinen Bruder. Er hat es nicht verdient, hier unten zu verrotten«, entgegnete Snorri tapfer. Auch wenn sich der große Hund immer näher an ihn heranschlich, so musste er doch irgendwie an ihm vorbeigelangen. 
Dyggur befand sich irgendwo dort unten und Snorri wollte verdammt sein, wenn er ihn nicht retten konnte. 
»Die Lebenden haben kein Recht, hier zu wandeln«, wiederholte Garm knurrend. Dann machte er plötzlich einen Satz und sprang den jungen Nordmann an. 
Snorri konnte nicht schnell genug reagieren und der Höllenhund begrub ihn unter sich. Geifernde Zähne streckten sich ihm entgegen und nur mit Mühe und Not gelang es ihm, sie von seiner Kehle fernzuhalten. Er trat mit dem Stiefel nach der Schnauze der Bestie und knurrend wich sie einen Schritt zurück. Für einen Augenblick konnte Snorri aufatmen und es gelang ihm, sich aufzurappeln. 
Diesen Moment nutzte Garm aus, um sich abermals auf ihn zu werfen. Er traf den jungen Nord direkt vor der Brust und erneut stürzte Snorri zu Boden. Die Luft wich aus seinen Lungen und vor Schmerz musste er aufschreien. Schwarze Sterne spielten vor seinen Augen fangen. Er bemerkte erst im letzten Moment, wie sich das zähnefletschende Maul um seinen Stiefel schloss. 
Garm vergrub die Zähne in ihm und Snorri jaulte auf vor Pein. 
Er wandte sich in Qualen, warmes Blut lief sein Bein hinab. Dann vollführte er eine unbeholfene Drehung und schaffte es irgendwie, aus seinem Stiefel zu schlüpfen. Snorri rappelte sich auf und rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Vorbei an schwarzen Silhouetten, immer tiefer in die Finsternis hinein. Hinter sich vernahm er das Hecheln des Höllenhundes, er musste ihn jeden Augenblick eingeholt haben. Snorri verdoppelte seine Anstrengungen, auch wenn seine Lungen wie Feuer brannten, und doch gelang es ihm, vorne zu bleiben. Er passierte Kavernen und Tunnel, bis er irgendwann durch einen Spalt in der Wand schlüpfte, der für Garm einfach zu klein war. 
Wütend heulte ihm der Hund hinterher, während er sich schleunigst davonmachte.
Schwer atmend hielt Snorri für einen Moment inne. 
Die Luft hier unten war so kalt, dass sich Dampfwolken vor seinem Mund bildeten. Und dennoch schien er die Höhlen hinter sich gelassen zu haben, denn abermals erspähte er den Schimmer der Monolithen. Er war den großen Steinen ein ganzes Stück nähergekommen und irgendwie wusste Snorri, dass sie sein Ziel darstellten.
In einiger Entfernung begann eine gepflasterte Straße, die sich wie ein niederträchtiges Tier durch das schwarze Gestein schlängelte. Ein Tunnel führte von ihr aus zurück in die Kavernen, aus denen er gerade noch entkommen war. 
Auf der Straße wandelten die dunkeln Schemen, verdammte Seelen, denen der Zutritt zu Walhall endgültig verwehrt bleiben sollte. Selbst aus der Entfernung drang ihr Gesang in sein Ohr. Wieder und wieder formten sie Worte der Verzweiflung. 

Grauer Schorf,
tristes Kleid.
Ich bin fort,
wurd’ entzweit. 

Stummes Wort,
Hela weint.
Dieser Ort
kennt mein Leid.

Irgendwo dort unter ihnen befand sich sein Bruder. Snorri musste ihn finden und zurückbringen, koste es was es wolle. Er konnte einfach nicht zulassen, dass Dyggur hier unten verrotten sollte. 
Langsam machte er sich an den Abstieg, das brüchige Gestein bot ihm keinen festen Tritt. Doch je länger er den Fels herunterkraxelte, desto besser kam er voran. Dann erreichte er endlich die Straße. 
Als er sich genauer umsah, stellte Snorri fest, dass es schwierig werden würde, unter all diesen Schemen seinen Bruder auszumachen. 
»Dyggur!«, er schrie so laut er konnte, doch der Gesang der Silhouetten schien alles zu übertönen. Wer war er schon, sie herauszufordern? Als nach wiederholtem Rufen niemand antwortete, beschloss Snorri, seine Taktik zu ändern. Der Straße bis zu ihrem Ende zu folgen, stellte vermutlich die beste Möglichkeit dar, die er besaß. Er schauderte bei dem Gedanken daran, was ihn dort womöglich erwarten mochte. Er biss die Zähne zusammen. 
Ich tue das für meinen kleinen Bruder, rief er sich immer wieder ins Gedächtnis. Diese Tatsache gab ihm die Kraft, die er brauchte, um weiterzumachen. 

Nachdem er eine Weile dem Verlauf der Straße gefolgt war, vollzog diese plötzlich eine steile Kurve. Als Snorri sie passierte, fand er sich unweit von den großen Monolithen wieder, die er schon zuvor gesehen hatte. Er erkannte die Runen auf dem Stein nicht, doch von ihnen ging eine unheimliche Aura aus. Es kam ihm so vor als würde sie das lebendige Fleisch von seinem Körper schälen und er verkniff sich nur mit Mühe einen gequälten Aufschrei. Der junge Nordmann zwang sich dazu, seinen Marsch zu beschleunigen, und kurz darauf stellte er fest, dass zwischen den beiden Monolithen eine Brücke aus reinem Gold verlief, die über einen reißenden Fluss pechschwarzen Wassers führte. Als er genauer hinsah, bemerkte er auf dieser Brücke eine riesige Frau, welche die Schemen etwas zu fragen schien, bevor sie ihnen gewährte zu passieren. Das muss eine Jötun sein.
Ihr Haar war so weiß wie ein Leichentuch und ihr Gesicht bedeckte eine seltsam deformierte Maske aus reinem Silber, die ihr ein tierisches Aussehen verlieh. Schwarze, kreisrunde Löcher stellten Augen und Mund dar und ihren sehnigen Körper bedeckten unzählige Narben. Sie lehnte auf einer Axt, die Snorri an Größe übertraf. Diese Magd lebte für den Kampf. 
»Welchen Namen trägst du, dass du erbittest die goldene Brücke Gjallarbrú zu überqueren?«, fragte sie wieder und wieder, wenn eines der Schemen sie passieren wollte. 
Diese antworteten aufrichtig und die Riesin ließ sie passieren. 
In Snorri jedoch keimten Zweifel auf. Je näher er der Jötun kam, desto ärger befürchtete er, sie würde ihn womöglich nicht passieren lassen oder sogar schlimmeres mit ihm anstellen. Seine Beine zitterten wie Espenlaub, während er immer näher an sie herantrat. Dann vernahm er jedoch etwas, das sein Feuer wieder entfachte.
»Dyggur aus Skiringssal erbittet Einlass«, krächzte eine Stimme mühsam hervor. 
Er war schon immer so labil, so nahe am Reich der Toten gebettet. Doch keiner vermochte es, mit Wort und Tat so viel Freude auszustrahlen wie er. Dann kam die Lepra und nahm ihm sein Leben.
Snorri schluckte, als ihn die Bilder der Vergangenheit einholten. 
Bilder, die allesamt damit endeten, dass der Körper seines Bruders langsam verfiel, bis er sämtliches Leben ausgehaucht hatte. Seine Gefühle bahnten sich einen Weg durch seinen Körper, bis sie sich in seiner Kehle zu einem entsetzlichen Schrei manifestierten. 
»Dyggur! Bleib stehen! Warte auf mich! Ich hole dich hier raus!« Snorri brüllte wie er noch nie in seinem Leben gebrüllt hatte. Er setzte sich in Bewegung und schoss auf die Riesin zu. Wenn es eine Gelegenheit gab, um seinen Bruder vor Hela zu bewahren, dann war sie nun gekommen. 
»Du wagst es, der Modgudr entgegenzutreten? Ich wache über die goldene Brücke und niemand, der lebt, darf sie passieren!« 
Das Hallen ihrer mächtigen Stimme fegte wie ein Sturm über Snorri hinweg. Ächzend ging er in die Knie. Die riesige Axt zischte ihm entgegen und für einen Augenblick sah er sein Leben an sich vorbeiziehen. Geistesgegenwärtig rollte er sich zur Seite. 
Mit einem entsetzlichen Kreischen traf die Schneide auf die Brücke und knackend brach diese entzwei. Risse bildeten sich im Gestein, bis es gänzlich zerbarst. 
Snorri versuchte panisch, sich in Sicherheit zu bringen, doch die Trümmer zogen ihn mit sich, in die alles ertränkende Tiefe. 
Er erhaschte einen letzten flüchtigen Blick auf Ghyddur, der an Modgudrs Hand in die Finsternis schritt. 
Ein alles erstickender Schrei entwich Snorris Kehle, als er ins Bodenlose stürzte. Dann drückte eine gewaltige Kraft sämtliche Luft aus seinen Lungen, bis er nicht mehr atmen konnte. Röchelnd und keuchend tauchte Snorri in ein alles verhüllendes Schwarz. 

Als er die Augen aufriss, dämmerte bereits der Morgen. 
Ein Traum, wurde ihm schnell klar. Mit pochendem Herzen versuchte er seine Erlebnisse wieder vor sein geistiges Auge zu rufen, während er sich den Schlaf aus dem Gesicht wischte. 
Ghyddur. Ich war zu schwach, um ihn zu retten.
Er ballte die Fäuste. Sollte die Hela ihn jemals wieder zu sich rufen, würde sie dafür bitter bezahlen. Mühsam schälte er sich aus seinem Schlafsack. Die aufregende Nacht hatte ihm kaum Erholung beschert.
Draußen bellte jemand Befehle. 
Knutson. Bei dem Gedanken an seinen heuchlerischen Schiffsmeister überkam ihn der Groll. Und eines war Snorri vollauf bewusst: Sollte es so weitergehen wie bisher, steuerten sie geradewegs in ihr Unheil hinein. 
Und böse Omen waren wahrhaft nichts, was er an Bord gebrauchen konnte.

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Die Wölfe von Asgard – Vor den Toren der Hela (1/2)

Das ganze Kapitel zu schreiben habe ich diese Woche einfach nicht geschafft, aber ich möchte euch das bisherige Geschehen nicht vorenthalten. Also habe ich mich doch dazu entschieden, das Kapitel zu splitten. Der Rest folgt dann nächsten Donnerstag. 🙂






Die erste Nacht brach über sie herein. Der volle Mond spiegelte sich spielerisch auf der Wasseroberfläche des Meeres und verwandelte sie in glänzendes Glas. 
Das Rauschen der See wurde in regelmäßigen Abständen lediglich durch das eindringliche Knarren der Ruder unterbrochen, die das Schiff vorwärts zogen. 
Solange sie noch in Küstennähe blieben, konnten sie auch nachts noch etwas Strecke machen, bevor sie die Schiffe an Land zogen, um zu rasten. 
Snorri ließ es zu, dass ein inniges Gähnen über seine Lippen wich. Den ganzen Tag hatte er die Ruderbank bemannt und hinaus auf das Meer gestarrt. 
Jedes Mal, wenn er glaubte eine Insel auszumachen, stellte sich dieser Gedanke als trügerische Fehleinschätzung heraus. Nun schmerzten seine Knochen von der harten Arbeit an Deck. 
Wer nicht ruderte, musste sich um andere Dinge kümmern.
Knutson schien jede noch so nichtige Aufgabe einzufallen, um ihn zu beschäftigen. Deck schrubben. Vorräte inspizieren. Waffen putzen.
Snorri spuckte aus. Wäre dieser Mistkerl nicht unser Steuermann, würde ich ihn eigenhändig von Bord schmeißen. Soll Njörðr sich seiner erbarmen.
Seit Beginn ihrer Fahrt wirkte der erfahrene Nordmann so, als nagte der Zorn an ihm. 
Harsche Befehle schienen alles zu sein, was Knutson durch den Kopf ging, und einige der Männer begannen schon damit, hinter vorgehaltener Hand über seine Führung zu murren. 
Eine Tatsache, die Snorri in Alarmbereitschaft versetzte, denn schließlich waren die Männer aus Ustenström ihnen an Zahl dreifach überlegen. 
Dann endlich drehten sie bei und hielten auf einen seichten Strand zu, der ein einfaches Lager versprach. 

Als Snorri das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder festen Boden unter den Füßen fand, konnte er nicht umhin, etwas Erleichterung zu empfinden. 
Seine Stiefel versanken im weichen Sand und er begann damit, den Männern beim Entladen des Schiffes zu helfen. 
»He Bengel, das ist für uns, also pass besser drauf auf!«, bellte ihm ein wuchtiger Kerl aus Ustenström entgegen, bevor er ihm einen Beutel voll Stoff zwischen die Füße warf. Zelte für die Nacht. 
»Danach kannst du Holz hacken und, wenn du kannst, auch ein Feuer entzünden. Meine Männer wollen Fleisch, verstanden?« Der Krieger baute sich mit einem triumphierenden Grinsen vor Snorri auf, wobei er ihn bestimmt um einen Kopf überragte. 
Ein übler Gestank drang aus seinem Mund und seine fleischigen Wangen wackelten auf und ab, während er sprach, was Snorri instinktiv an ein Wildschwein auf Futtersuche erinnerte. 
»Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder mir lieber ernsthafte Sorgen über deinen Frauengeschmack machen sollte, wenn du mich wirklich für dein Weib hältst«, entgegnete er frech. 
Eine Handvoll Männer neigte bei diesen Worten den Kopf in seine Richtung. 
In einigen Gesichtern fand Snorri einen undefinierbaren Ausdruck. Er roch förmlich nach Gefahr. 
Noch bevor er reagieren konnte, packte ihn der Mann am Kragen. »Sag das nochmal und ich mache dich wirklich zu einer Frau«, grunzte er. In seinem Blick schwang eine unbändige Mordlust mit. 
»Loslassen!«, knurrte Snorri wutentbrannt. Was fiel diesem Kerl ein?
»Wie du meinst«, lachte der Mann und stieß ihm hart in die Rippen, sodass er keuchend in den Sand stürzte. 
Ein paar der Männer lachten derbe. »Einen Krug auf mich, wenn er das überlebt«, feixte einer von ihnen. 
Snorri spürte, wie die Wut in ihm aufkochte. »Na warte!« Er griff sich eine Handvoll Sand und schleuderte sie dem Ustenströmer ins Gesicht.
Fluchend bedeckte der Mann seine Augen.
Diesen Moment nutzte Snorri, um ihm die Faust ins Gesicht zu rammen. Schmerz pochte durch seine Hand, doch er verdrängte ihn. 
Aber der Nord ging nicht zu Boden. Er wischte sich den Sand aus den Augen und es gelang ihm Snorri zu packen. »Du bist ein toter Mann«, versicherte er und griff nach seinem Messer.
Panisch versuchte Snorri sich aus dem festen Griff zu lösen, doch es gelang ihm nicht. Dieses Mal schien das Glück nicht auf seiner Seite zu sein. »Du Bastard! Willst du mich etwas umbringen?!«, fluchte er lautstark, in der Hoffnung ihm würde jemand zur Hilfe eilen. Sein Blick traf auf Knutson, der dem ganzen Treiben mit gebleckten Zähnen zusah. Ist er wirklich so ein Hund? Liefert mich an die Ustenströmer aus? Ein grollendes Knurren entwich seiner Kehle. 

»Aufhören, alle beide! Sofort!«, schnitt plötzlich eine Stimme durch die Luft, scharf wie ein Schwert. Islav schritt an die Gruppe heran, Aegir und ein paar weitere bekannte Gesichter folgten ihm dichtauf. 
Snorri atmete erleichtert aus. Heute würde er noch nicht sterben. 
Der Griff seines Gegenüber erschlaffte. »Ein vorlauter Bengel wie er hier sollte sich lieber zweimal überlegen, ob er einen Mann aus Ustenström verärgert!«, rief er der Menge schäumend entgegen. 
Die anderen Männer, die sich noch an Bord der Donnermaid befunden hatten, stellten sich mit verschränkten Armen hinter ihm auf.
Die sind viel mehr als wir. Ich hoffe das geht gut aus. Snorri merkte, wie sich sein Körper verkrampfte. Das Pochen in seiner Hand nahm an Intensität zu, bis er letztendlich sogar ein eindringliches Rauschen in den Ohren wahrnahm.
Er biss sich ungewollt auf die Lippe. Ein bitterer Geschmack erfüllte seinen Mund. 
»Du bist nicht mein Jarl. Ich pfeife drauf was du sagst!«, fauchte der Mann in Islavs Richtung und sein Griff um das Messer versteinerte sich. 
Aufgeregte Schrei ertönten und plötzlich warfen sich beide Seiten wüste Beschimpfungen an die Köpfe. Einige der Männer griffen nach ihren Waffen. 
Islav rief seine Männer zur Ordnung auf, doch die Situation drohte zu eskalieren. 
Snorri fletschte die Zähne. Wenn sie sich dazu entscheiden würden, anzugreifen, war er bereit. 
»Kommt doch!«, bellte Yorrik, während er seine Axt durch die Handfläche kreisen ließ. 
Ein Mann aus Ustenström quittierte seine Herausforderung mit einem unflätigen Fluch.

Dann schritt Magnar in die Menge und hob beschwichtigend die Hände. »Knarr, du hältst jetzt dein dreckiges Maul und steckst sofort das Messer weg, haben wir uns verstanden?«
Snorri bemerkte sofort, dass dieser Mann es gewohnt war Befehle zu erteilen. 
Ohne ein Widerwort gehorchte Knarr. Für einen Moment herrschte eine bedrückte Stille. 
»Ich denke, das sollte reichen«, der Jarl aus Ustenström nickte Islav kurz zu, dann winkte er seine Männer fort und befahl ihnen ein Lager zu errichten. 
Auf Snorris Nacken formte sich eine Gänsehaut. Magnar war ihm unheimlich. Dieser Blick. Darin lag eine eisenharte Grausamkeit.
Er versuchte den Gedanken auszublenden, was ihm nicht sofort gelang. 

Dann packte ihn jemand bei der Schulter. »Willst du dich unbedingt umbringen lassen?«, zischte ihm Aegir ins Ohr. 
»Was soll ich denn sonst tun? Mich wie ein Mädchen behandeln lassen? Er hat mich herausgefordert und bekommen, was er verdient hat.« Auf den Tadel seines Bruders konnte Snorri jetzt getrost verzichten.
»Er hätte dich fast ausgeweidet. Ich will nicht mit ansehen müssen, wie jemand meinen kleinen Bruder ermordet, bevor er überhaupt das erste Mal wirklich zur See gefahren ist. Du reißt dich jetzt besser zusammen«, forderte der Riese eindringlich. »Auch Islavs Geduld kann ihr Ende finden und dann wehe dir Gott.« Er wandte sich ab und stampfte davon. 

Snorri blickte ihm ungläubig hinterher. Was hat er da gerade gesagt? Wehe mir Gott? Diese Floskel war ihm bisher noch nie untergekommen. Kann es sein, dass…? 
Finstere Gedanken voller übler Vorahnung legten sich um ihn und drückten schwer auf sein Gemüt. Selbst als das Zelt stand und ein fetttriefender Keiler über dem Feuer brutzelte, verbesserte sich seine Stimmung nicht. 
Die Gespräche der anderen, über den heutigen Vorfall mit den Ustenströmern, bekam er nur am Rande mit. Alle seine Gedanken drehten sich um seinen großen Bruder Aegir und das flaue Gefühl in seinem Magen. 
Irgendwann beschloss Snorri, dass es vermutlich besser war den heutigen Tag einfach zu vergessen. Er verabschiedete sich von den anderen und legte sich schlafen. Unruhig wälzte er sich auf und ab, bis er in einen dunklen Traum stürzte.

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Die Wölfe von Asgard – Wo die Riesen wohnen

Das große Langschiff, das Yorrik pünktlich zum anstehenden Viking fertiggestellt hatte, konnte sich in seiner Größe und Pracht wahrhaft sehen lassen und hob sich deutlich von den anderen im Hafen liegenden Drachenbooten hervor. Das nach Odins Wolf benannte Schiff Gerri, der Gierige, würde ihnen auf See gute Dienste leisten. Auf jeder seiner Seiten gab es Platz für dreißig Ruder und es lag so flach im Wasser, dass es auch seichte Strände und Flüsse befahren können würde. Der Mast ließ sich umstürzen, um selbst Hindernisse wie Brücken zu passieren, und laut des Schiffsbaumeisters war das blutrote Rahsegel in der Lage, den harschesten Seewinden standzuhalten. Am Bug thronte der Drachenkopf, seine grimmigen Augen blickten hinaus in die Bucht. Er schien bereit, alles und jeden darin mit einem hungrigen Bissen zu verschlingen. 

Knutson folgte dem Blick des Drachen hinaus in die Weite, während er sein Schwert an einem Schleifstein wetzte. Das übliche Ritual, das er abhielt, bevor er zur See fuhr. 
Die Skiringssaler Klippen glühten rot im Abendlicht einer untergehenden Sonne, die ihnen den baldigen Sommer verkündete. Bald würde es selbst in der Nacht nicht mehr vollends dunkel werden. 
Ein warmer Wind strich sachte, fast zärtlich durch sein Haar und für einen Moment schien es Knutson so, als seien es die liebevollen Berührungen seiner einst geliebten Stjarna. Als wäre sie noch bei ihm. 
Verstohlen sah er sich um, hoffte nur für einen vergänglichen Moment einen Blick auf sie erhaschen zu können, doch niemand offenbarte sich ihm, bis ihm schließlich wieder einmal bewusst wurde, dass sie fortgegangen war. 
Die Geburt ihres ersten gemeinsamen Kindes hatte sie nicht überlebt.
Hela hatte sie mit sich genommen und dazu verdammt, bis an das Ende ihrer Tage in der Unterwelt zu verrotten. 
Leif, der Junge, den sie ihm einst schenkte, war mittlerweile acht Jahre alt. 
So lange ist es schon her? Knutson hielt für einen Moment inne und betrachtete das Schwert in seinen Händen. Noch ein bisschen. 
Schwarze Wolken hatte sie in seinem Kopf hinterlassen, undurchdringbar und schwer vor Bitterkeit. Und nicht einmal der flüchtige Kuss einer hübschen Frau wie Ylvie konnte diese lindern. Knutson spuckt aus. 
Ylvie. Dieser Name klang wie Gift in seinen Ohren. 
Alles in diesem Dorf drehte sich um die hübsche Tochter des Jarls und sie wiederum drehte sich um das gesamte Dorf. Das spürte Knutson in seinen kampferprobten Knochen. 
Aegir hat sich eine kleine Göttin ins Haus geholt. Und wie eine kleine Göttin hat sie ihn fallen lassen. Sie sind ja so wählerisch mit ihrer Gunst und wem sie diese zuteilwerden lassen.
Für einen Moment musste er schmunzeln, über seinen doch so törichten, ehemals besten Freund. 
Du kamst mit deinen Geheimnissen immer zu mir, eines dämlicher als das andere. Doch dieses Mal hast du dich selbst übertroffen, du elender Dummkopf!
Es musste ein ironischer Wink der Götter sein, dass sich Islavs bester Krieger, der einst noch der mächtige Riese genannt worden war, letztendlich als verkappter Denker und Schwarzmaler erwies.
Knutson wendete die Klinge und für einen Augenblick betrachtete er sein eigenes Abbild darin. Nun, da Aegir nicht mehr zur See fahren würde, stellte er den erfahrensten Kämpfer in Islavs Mannschaft dar. 
Endlich war seine Zeit gekommen. Zufrieden schob er das Schwert in die Scheide und erhob sich. Leif wartete vermutlich schon auf ihn.
Der Nordmann lächelte matt. 
Der Junge steckte voller Neugierde und Tatendrang. Er würde bald schon einen vortrefflichen Seefahrer abgeben. Besonders interessierten den Kleinen jedoch die Geschichten, die Knutson ihm mitbrachte, wenn er nach einem langen Tag heimkehrte. Geschichten über tapfere Helden, grimmige Riesen und furchteinflößende Seeschlangen. 
Knutson betrachtete sich selbst nicht als Geschichtenerzähler, wie es die Skalden waren. Jedoch erinnerte er sich gerne daran zurück, wie er noch in der Kinderstube gelegen hatte, mit dicken Fellen eingepackt, damit die Kälte nicht in seine Knochen dringen konnte, und den abenteuerlichen Geschichten seiner Mutter gelauscht hatte. Da der Junge seine eigene nie kennenlernen durfte, wollte Knutson ihm dennoch etwas von ihr mitgeben. Auch wenn es nur einen bescheidenen Ersatz darstellte. 

Er machte sich auf und stiefelte durch das Dorf. Auf seinem Weg begegneten ihm Yorrick und Snorri, die sich angeregt unterhielten. 
Der Nordmann grinste. Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie aufregend der Abend vor seinem ersten Viking gewesen war. 
»Werden wir wirklich bis in die Flüsse vorstoßen?«, fragte Snorri mit einem begeisterten Funkeln in den Augen.
»Dafür sind die Schiffe zumindest ausgelegt«, begann Yorrick zu erzählen. »Ihr Tiefgang ist so gering, dass du selbst seichte Gewässer befahren kannst. Und Brücken sind auch kein Problem für die Boote. Aber möglicherweise brauchen wir gar nicht erst so weit zu segeln, um Beute zu machen. Es gibt viele kleine Inseln vor der Küste, die nur darauf warten von echten Nord geplündert zu werden. Stell du nur sicher, dass deine Axt schön scharf ist und diese Welt gehört dir.«
Snorri nickte eifrig. »Das werde ich«, gelobte er feierlich, dann bemerkte er Knutson und wandte sich zu ihm. »Ah, der Inseltöter. Mit der Zunge so schnell wie mit dem Schwert«, frotzelte er mit verschlagenem Grinsen. 
Eine Anspielung auf die Geschehnisse bei Islavs Bankett. 
Knutson knurrte wie ein Wachhund. »Dein Bruder hat sich mit diesem Weib wahrlich ins eigene Fleisch geschnitten. Sollen die Wölfe über seinen Entschluss heulen oder Freya, wenn sie merkt, dass er ihr vermutlich nie wieder ein Kind in den Bauch setzen wird. Was für ein Verlust für das Dorf.«
»Meine Herren, bitte. Es gibt keinen Grund für Streitigkeiten«, versuchte Yorrik zu beschwichtigen. Seine eisenharten Augen musterten sie streng. 
Prügeleien wurden vom Jarl stark geahndet, das wusste Knutson und genau da lag das Problem. Als Aegir ihn damals auf dem Bankett eine Abreibung verpasst hatte, schien es Islav nicht besonders zu interessieren. Wer mit der Tochter des Jarl vögelte, konnte sich also neuerdings alles erlauben. 
Knutson spuckte aus. »Wir werden noch sehen, was hinter deinem losen Mundwerk steckt, Snorri Naseweis. Axt und Schwert zählen auf der Fahrt mehr als freche Worte und von denen kennst du wahrlich zu viele. Irgendwann wird dir jemand dafür die Zunge herausschneiden, das solltest du besser beherzigen.«
Der junge Nord rollte mit den Augen. »Aber selbstverständlich, mein Hoher Vater«, witzelte er, doch dabei schien er es zu lassen. 
Knutson war sich im Klaren darüber, dass Snorri bestens wusste, wann er lieber seine vorlaute Klappe halten sollte. Er nickte Yorrik noch im Vorbeigehen zu, denn schließlich hatten sie lange auf demselben Schiff gedient, dann schritt er ungehindert zu seiner Hütte herüber. 

»Vater, bist du das?«, begrüßte ihn eine fröhliche Stimme. Und schon kam Leif um die Ecke geschossen, mit einem unbändigen Eifer in den blauen Augen. Der Knabe war kaum Drei-Käse-Hoch und doch hatte er etwas an sich, das Knutson tief in seinem Innersten berührte. 
Das hat er von seiner Mutter, diese entwaffnende Fröhlichkeit. Die Lebensfreude. Unwillkürlich musste er an seine verstorbene Frau denken, an ihre unverhofft kurze gemeinsame Zeit. 
Einen Sommer hielt ihre Liebe und es war der schönste Abschnitt in Knutsons bisherigem Leben gewesen. Er erinnerte sich daran, wie sie im eiskalten Wasser planschten, Beeren pflückten oder sich auf einer Lichtung liebten, die nur ihr gemeinsamer, geheimer Ort gewesen war. Fast kam ihm eine Träne. Aber vor seinem Sohn wollte er keinen Schwermut äußern, also zwang er sich zu einem Lächeln. »Willst du eine Geschichte hören, bevor wir schlafen gehen?« 
Die Aussicht darauf verlieh ihm etwas Zuversicht.
»Ja!«, rief der Knirps begeistert. »Erzähl mir wo die Riesen wohnen.«
»Na schön, dann ab ins Bett mit dir«, schmunzelte Knutson. Die Geschichte von den Riesen war auch seine liebste und im Laufe der Jahre konnte er sie immer aufregender erzählen.
Leif gehorchte so augenblicklich wie immer, wenn er eine Geschichte hören wollte, und kuschelte sich mit einem erwartungsvollen Blick in seine Felle.
Knutson setzte sich an das andere Ende des Bettes und überlegte für einen Moment, wo er anfangen sollte. »Am Anfang war das alles um uns herum nicht, es gab kein Leben in dieser Welt, nur Feuer und Eis. Ein uraltes Gleichgewicht, zwischen dem eine riesige Schlucht klaffte, die wir Ginnungagap nennen«, begann er mit ruhiger Stimme zu erzählen. 
»War das eine große Schlucht?«, erkundigte sich Leif neugierig.
»Sie war so tief, dass man von oben nicht den Boden gesehen hätte. Auf der einen Seite grollten die Gletscher aus Niflheim ihr uraltes Lied, die andere Seite stellte das tosende Feuer von Muspellr dar. Dort, wo sie sich küssten, tropfte das erste Wasser in die Klamm. Eiszapfen, groß wie ein Drachenboot, ragten in die Tiefe.«
»Aber wo kommt das ganze Eis her?«
»Du bist ein aufgeweckter Junge. Stjarna hätte das gefallen. Also gut, ich werde es dir erzählen, wie meine Mutter es mir erzählte. Tief im Lande Niflheim gibt es eine uralte Quelle von unheimlicher Macht. Wir Nordmänner nennen sie Hvergelmir. Sie speist alle Gewässer dieser Welt. Elf Flüsse strömen durch das eiskalte Land und gefrieren im Laufe der Zeitalter im Ginnungagap. Doch das Feuer brachte das Eis zum Schmelzen. Tropfen für Tropfen plätscherte es in die Tiefe und formte ein Wesen von entsetzlicher Größe. Den ersten Riesen, der den Namen Ymir trug.« Knutson schaute seinen Sohn eindringlich an, um ihm zu verdeutlichen, dass die eigentliche Geschichte nun erst begann. 
»Und er war ganz alleine?«, Leif verzog traurig das Gesicht. »Er tut mir Leid.«
Der Nordmann lächelte verschmitzt. »Wer sagt denn, dass er das war? Denn auch ein Riese braucht etwas, um in dieser Schlucht bestehen zu können. Er nährte sich am Euter Audhumlas, um zu überleben. Die Mutter allen Lebens gab ihm die Kraft, die er brauchte. Ymir ging es so gut, dass er unwillentlich Leben hervorbrachte, wenn er schlief. Er schwitzte so stark, dass aus seinen Achseln ein Mann und eine Frau hervorgingen, die irgendwann mal das sein sollten, was wir jetzt sind.«
»Heißt das, ich komme auch aus dem Körper eines Riesen?«, Leif zuckte entsetzt zusammen. 
Knutson tätschelte ihm lachend den Kopf. »Keine Sorge, mein Sohn, du kommst aus deiner Mutter. Sie schenkte dir das Leben. Und so wie sie dir das Leben schenkte, schenkte Audhumla unseren ersten Göttern das Leben, indem sie Búri aus dem Eis befreite. Drei Tage lang leckte sie am Eis und befreite dadurch seinen gigantischen Körper. Er war ein Mann von solcher Pracht und Schönheit, dass er nur etwas göttliches erschaffen konnte. Sein Sohn nahm eine Riesin zur Frau und zeugte mit ihr drei Kinder. Einer davon war Odin, der Vater unserer Götter.«
»Aber wieso steckte er im Eis fest? Ist das nicht viel zu kalt?«, fragte Leif aufgeregt. Seine strahlenden Augen musterten seinen Vater voller Neugierde. 
»Nun, auch er war ein Riese. Also konnte er es vermutlich überleben«, erklärte Knutson nachdenklich. Sein Sohn stellte Fragen, über deren Antwort er noch nie nachgedacht hatte.
»Also gab es schon Riesen, bevor es überhaupt Götter gab? Was haben die Götter mit den Riesen gemacht? Waren sie Freunde?«, es sprudelte nur so aus Leif heraus. 
»Mitnichten«, Knutson hob tadelnd den Finger. »Obwohl sie als erste Lebewesen die Welt erblickten, galten die Riesen seit jeher als böse und gefürchtet. Ihr Eis brachte den Tod, genauso wie ihr Feuer. Traue nie einem Riesen, wenn du einem begegnest. Es ist dein sicherer Untergang.«
Leif versprach es. »Was haben die Götter denn mit ihnen gemacht?«, wollte er wissen. 
»Odin und seine Brüder, Vili und Ve erschlugen Ymir, formten aus seinem Blut das Meer und aus seinem Leib die Welt. Die Flut ertränkte alle Eisriesen, bis auf Bergelmir, der nach Jötunheimr floh, ein Land der ewigen Schneestürme, um dort der neue Stammvater der Reifriesen zu werden. Und so gab Ymir sein Leben, um etwas Neues beginnen zu lassen.«
»Das ist interessant«, grübelte Leif gedankenversunken. »Also verdanken wir nicht nur den Göttern, sondern auch den Riesen unser Leben. Aber alle finden, dass sie böse sind. Sind wir dann auch böse?«
Dieser Gedanke machte Knutson stutzig. Er wusste nicht genau, was er darauf erwidern sollte. »Möglicherweise haben die Riesen uns etwas gegeben, das uns in etwas Böses verwandelt. Surt, der Herrscher des Feuers, wird am Ende aller Tage die Götter herausfordern und über sie richten. Aber die Götter bekämpfen die Bosheit, wohin sie nur kommen.« Er tippte Leif auf die Brust. »Da drin kämpfen sie für dich, damit du etwas Gutes sein kannst. Also ehre sie dafür.«
»Mache ich gewiss, Vater. Versprochen«, der Junge gähnte ausgiebig. 
»Und jetzt wird geschlafen, keine Widerrede«, Knutson strich Leif durch das weiche Haar und pustete die Kerze aus, die den Raum bisher in ein flackerndes Licht getaucht hatte.
»Vater?«, drang es ein letztes Mal aus der Dunkelheit.
»Ja, mein Sohn?«
»Komm bald wieder nach Hause.«
»Ich verspreche es dir, Leif.« Dann schloss er die Tür hinter sich. 

Die ganze Nacht wälzte sich Knutson im Bett hin und her. Ein großer Riese stampfte um das Haus herum und brachte es dadurch allein beinahe zum Einsturz. Ihrer grollenden Stimme nach zu urteilen, musste es sich um eine Frau handeln, die ihn zu rufen schien. Ihre Macht war grenzenlos und sie herrschte über den Tod. 
Er wusste dies mit ebenjener Gewissheit, die ihm verdeutlichte, dass er in einem Albtraum gefangen war. Eine unsagbare Bosheit kroch in sein Herz und lähmte es mit schwarzem Gift. 
Dann vernahm Knutson noch eine weitere Stimme, brüchig und schwach, kaum mehr als ein kratzender Klagelaut. Stjarna!
Plötzlich riss die Riesin mit einem unsagbaren Beben das Dach vom Haus. 
Knutson spürte sein Herz rasen, es pochte so stark, dass es aus seiner Brust zu brechen drohte. Ein panischer Angstschrei erstickte in seiner Kehle. Wo ist Leif? Ich muss ihn beschützen! 
Er konnte sich nicht rühren. Er war nicht in der Lage jemanden vor Unheil zu bewahren. 
Dachbalken stürzten ihm entgegen und krachten zu Boden. Dann bäumte sich die Riesin über dem Haus auf, die eine Hälfte ihres Gesicht bestand nur aus fauligem Fleisch, das ihr allmählich vom Körper fiel. Ein totes und ein lebendiges Auge durchbohrten Knutson mit einem anklagenden Blick. In der anderen Hälfte des Gesichts erkannte er Ylvie, die hübsche Tochter des Jarls. 
Hunderte schwarze Krähen bedeckten den Himmel und sangen ein schrilles Lied der Verdammnis. Blitze zuckten über das Firmament. 
Knutson konnte die Seelen der Toten seinen Namen rufen hören. Endlich wich der Schrei aus seiner Kehle, der ihm bisher verwehrt geblieben war. Das Leben wich mit seinem Odem aus seinem Körper, hinterließ nur eine leere Hülle. 
Dann tauchte sich alles in Schwarz. 

Knutson fuhr jäh aus dem Schlaf. Kalter Schweiß rann an seinem Rücken hinab wie Gletscherwasser. Er tastete nach seinem Schwert und horchte. Draußen blieb es totenstill. Er vernahm nur das eindringliche Pochen seines Herzens, das seine Brust durchfuhr wie ein Schmiedehammer. Keuchend ließ er sich wieder ins Bett fallen. Durch die winzige Luke, die im Sommer etwas frische Luft in das Haus transportierte, konnte er erkennen, dass bald die Sonne aufgehen würde. 
Vorsichtig schlüpfte er in seine Stiefel und schlich sich in das Zimmer seines Sohnes.
Leif schlummerte den friedlichen Traum eines Kindes. Er schmunzelte leicht im Schlaf. 
Immerhin er kann diese Nacht genießen. 
Während Knutson zur See fuhr, würde der Junge bei Yilma bleiben. Die Kammerdienerin besaß ein geschicktes Händchen für den Jungen.
Im Stillen verabschiedete er sich von seinem Sohn und schwor ihm, bald nach Hause zurückzukehren. Durch unsere Adern fließt das gleiche Blut. Du wirst deine Eltern ehren und sie stolz machen. So wie ich versuche, meinen Sohn stolz zu machen. 
Er schloss leise die Tür und trat an die Truhe, wo er seine Ausrüstung bereithielt. Einen Rundschild, in dessen Rückseite ein Dolch verborgen lag, ein Helm mit Schutz für Nase und Augen und einen Lederharnisch, der schon etliche Male geflickt worden war. Schwere Rüstung behinderte einen Nord ohnehin viel zu sehr, denn sie mussten schnell zuschlagen und dann wieder verschwinden. Weite Strecken in Metall gehüllt zu rennen, war für die wenigsten Krieger wirklich zu schaffen. 
Nachdem er sich seine Ausrüstung angelegt hatte, schritt er hinaus. Nebel lag über den Dächern und die frische Luft war angenehm kühl. 
Noch herrschte eine trügerische Ruhe im Dorf, das sollte sich aber mit dem Voranschreiten der Sonne ändern.

Knutson schritt zu den Anlegestellen, wo die Drachenboote ruhten. Als er feststellte, dass über Nacht drei weitere Boote dazugestoßen waren, mutmaßte er, dass es sich dabei nur um die Schiffe des Magnar handeln konnte, die mit ihnen segeln würden. 
Er erspähte Hjalmaer auf einem von ihnen, neben ihm stand ein deutlich kleinerer Soldat, dessen Gesicht durch einen Helm verdeckt wurde. Für einen Augenblick gedachte Knutson, etwas bekanntes darin erkannt zu haben, doch er wollte nicht starren. 
Er hob die Hand zum Gruße und der Sohn des Magnar erwiderte ihn kurz, bevor er mit seinem Kameraden unter Deck verschwand. 
»Ob wir ihre Hilfe wirklich brauchen? Ich hoffe Islav weiß, was er tut«, drang plötzlich eine nur zu vertraute Stimme an Knutsons Ohr. 
Dieser drehte sich ruckartig um. Das konnte doch nicht sein? »Was machst du hier? Ich dachte du hütest die Fische, bis wir wieder zurück sind?«, zischte er seinem ehemals besten Freund entgegen.
Aegir hatte sich ebenfalls in seine Rüstung gehüllt, die aus vernieteten Ketten bestand, welche an Armen und Beinen mit Lederbändern umwickelt waren. Seinen Kopf schützte ein eindrucksvoller Helm und auf seinem Rücken heftete die todbringende Dänenaxt, die er schon in etlichen Schlachten geschwungen hatte. Aegir war einer dieser Männer, die es fertigbrachten, auch gepanzert zu marschieren. 
»Es freut mich zu wissen, dass du meinen Beistand schätzt. Doch ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu streiten«, erwiderte der Riese.
»Ach nein? Deine bloße Anwesenheit ist Grund genug für Streit. Hast du nicht in jener metschweren Nacht gestanden, dass du nie wieder Hand an einen Christen legen würdest? Hast du deine Meinung wieder geändert oder bist du ein Heuchler?«
Bevor Aegir etwas erwidern konnte, schritt Islav mit ausgebreiteten Händen auf den Platz. »Da ist er ja, mein Sohn der in der Schlacht geboren wurde. Es freut mich, den tödlichen Riesen wieder an meiner Seite zu wissen.« Er marschierte geradewegs zwischen die beiden. »Warst du schon an Deck der Gerri? Ein prächtiges Schiff, das muss man Yorrick lassen. Selbst Magnar scheint beeindruckt. Mit ihr zu segeln ist ein Privileg. Eines, das ich dir gerne erteilen möchte. Kraft meines Amtes wirst du Knutsons Platz als meine Rechte Hand einnehmen. Knutson, du wirst die Donnermaid befehligen. Das Schiff wird mit den jüngeren Kriegern besetzt, sowie einer Handvoll Männer aus Ustenström.«
Der Nordmann merkte, wie in diesem Moment etwas in ihm zerbrach. 
»Aber Herr, ich kenne diese Leute nicht einmal«, versuchte er etwas zu erwidern. Das war das kleinste Schiff der Flotte. Wollte Islav ihn demütigen? Oder hatte Aegir seine Finger im Spiel? 
Knutson begann zu zittern vor Wut und er merkte, wie an seiner Schläfe eine Ader zu pochen begann. Nur mit Mühe schluckte er Worte herunter, die ihm nur zu leicht über die Lippen gekommen wären. 
Für einen Augenblick wanderte seine Hand gedanklich zu seinem Schwert.
»Du wirst sie kennenlernen. Magnars Männer sind mutig und kampferprobt und ich brauche jemanden, der sie zu nehmen weiß.« Islavs Ton duldete keinen Widerspruch und immer mehr Männer fanden sich mittlerweile im Hafen ein. 
Ein Wutausbruch brächte wohl nur ungemütliche Konsequenzen mit sich. 
Knutson starrte Aegir mit einer blinden Bosheit an, dieser hatte einen undefinierbaren Gesichtsausdruck aufgesetzt. Fast so als quäle ihn etwas. 
Ich hoffe es frisst dich von innen auf, Freund.
Er verneigte sich steif vor dem Jarl und ließ sich entschuldigen. 

Die Donnermaid stellte das kleinste Schiff der Flotte dar, jede Seite bot Platz für fünfzehn Männer. Eine Kajüte gab es nicht. 
Als Knutson die Mannschaft in Empfang nahm, stellte er fest, dass er niemanden an Deck wirklich kannte, außer Snorri und fünf weiteren Jünglingen, die das erste Mal segelten. 
Der freche Bursche begrüßte ihn mit einem kecken Grinsen uns einem »Bereit wenn Ihr es seid, Kapitän.«
Und dann auch noch der. Thor vergelte es mir mit einem Blitz, wenn ich ihm nicht den Hals umdrehe!
Die restlichen Männer, die die Ruderbänke bemannen würden, stammten aus Ustenström. Derbe Kerle von harter Art und bis an die Zähne bewaffnet. Ob das gutgeht? Irgendwie bezweifelte Knutson das.
»Taue lösen, Segel bereitmachen, Ruderbänke bemannen!«, schrie er in alter Manier, während er zum Steuer trat, und seine Worte hallten wie ein Kriegsruf durch den Hafen. Zu seiner Überraschung gehorchten die Männer sofort. 
Dann löste sich die Donnermaid vom Steg und segelte, gemeinsam mit dem Rest der Flotte, aus der Skiringssaler Bucht heraus. Der Viking hatte begonnen!

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Die Wölfe von Asgard – Der Wald der Geister

Das blinzelnde Morgenlicht des aufkommenden Frühlings streckte seine wärmenden Fühler nach ihm aus und weckte ihn aus den Träumen der vergangenen Nacht. 
Gähnend wandte sich Yorrik unter den Fellen hervor und rieb sich den Schlaf aus den Augen. 
Der heutige Tag würde ihm eine Menge Arbeit bescheren, denn als Schiffsbaumeister oblag ihm die Verantwortung über Jarl Islavs Flotte. 
Dieser hatte ein weiteres Drachenboot in Auftrag gegeben, um den anstehenden Viking mit noch mehr Männern auszustatten. 
Doch Arbeit war Yorrik wahrlich willkommen, sicherte sie ihm und seiner Familie doch den Lebensunterhalt. Er schlüpfte aus dem Bett und hinein in seine Kleidung, ein dickes Wollhemd und ein Mantel darüber, dazu feste Stiefel aus Wildschweinleder. 
Astrithr und seine beiden Töchter, Svea und Maer begrüßten ihn am Esstisch, welcher mit Brot, Käse, Gemüse aus dem Garten und Aegirs gutem Fisch gedeckt war. Mehrere Kerzen und ein kleines Feuerchen in der eingelassenen Kochnische erfüllten den fensterlosen Raum mit ihrem flackernden Schein. 
»Vater, ich habe heute Nacht ein Alb getroffen!«, krähte die fünfjährige Svea, während sie mit ihrem dicken braunen Zopf herumspielte und ihn mit eisblauen Augen musterte.
»Dass das Kind immer solche Flausen im Kopf haben muss«, seufzte der Schiffsbaumeister, tätschelte seiner Tochter den Kopf und reichte ihr eine Schale mit Milch, die kurzerhand von der Kleinen verputzt wurde. 
Dann setzte er sich auf seinen Schemel.
»Ich will auch!«, meldete sich ihre große Schwester zu Wort und wedelte mit der leeren Schale herum. Mit ihrem blonden Haar und den braunen Knopfaugen bot Maer einen auffälligen Gegensatz zu ihrer Schwester, der Yorrik stets verblüffte, wenn er die beiden mit liebevollem Blick betrachtete. Sie sind beide so wunderschön, auf ihre ganz eigene Art.
»Nur die Ruhe, Kind. Wer Unrast säht, wird Eile ernten. Und mir schwebt da schon etwas vor«, kicherte er mit einem diebischen Blick auf die Tür, die in den kleinen Vorgarten führte. 
Das Unkraut dort galt es noch zu beseitigen. 
»Und du sagst, du hast wieder von ihr geträumt?«, erkundigte er sich dann interessiert. »Wenn das kein Zeichen der Götter ist!«, Yorrik lachte bellend und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann griff er nach Brot und Käse und beförderte beides mit geräuschvollem Schmatzen in sich hinein. 
»Erschreck doch die Kinder nicht so. Nur weil sie noch an etwas glauben«, meckerte seine Frau mit tadelndem Finger. Astrithr nahm der Kleinen die Schale ab, bevor sie lautstark nach einem weiteren Nachschlag verlangen konnte, und brachte sie in den Zuber. 
»Sie waren da. Wie immer«, protestierte Svea und verschränkte trotzig die Arme. 
»Wer? Die Wassermänner? Die Waldgeister? Odin persönlich? Oder hat er dir nur seine Wölfe geschickt?«, witzelte Yorrik, nur um von einem liebevollen Klaps seiner Frau zum Schweigen angehalten zu werden. 
Den Kochlöffel in den Händen haltend, wuselte Astrithr um ihn herum, um den gedeckten Tisch abzuräumen. »Wenn du weiter so schlechte Witze von dir gibst, wird Thor dir noch einen Blitz schicken«, ermahnte sie ihn, nur um dann ihrer jüngsten Tochter einen Kuss auf die Stirn zu geben. »Hör nicht auf deinen Vater, Liebes. Du weißt, er mag es dir Unsinn zu erzählen. Er könnte glatt ein Skalde werden.«
Yorrik lachte schallend. »Davon haben wir einen zu viel. Du weißt, ich halte nichts von diesen Märchenerzählern. Und er windet sich förmlich um des Jarls Stiefel. Seit Islav seine geliebte Hagebutte verloren hat, ist er nicht mehr derselbe. Dasselbe könnte man vom Fischer meinen. Heh, ein Dorf voller Trauerschnepfen, die gemeinsam zur See fahren. Man soll ihr Geheule schon von weitem vernehmen können, klagen die Inselmänner mit schmerzenden Ohren. Das wäre doch mal eine gelungene Geschichte, über die es sich zu singen lohnt.«
»Und du baust diesen Schnepfen ein weiteres prachtvolles Drachenboot«, schmunzelte seine Frau und gab ihm einen Kuss. »Wenn das mal kein Zufall ist.«
Wieder musste Yorrik lachen. Er hatte seine Frau schon geliebt, bevor er überhaupt das erste Mal zur See gefahren war. Und seitdem waren schon einige Jahre ins Land gegangen, ohne dass sich etwas daran geändert hatte. Wer konnte ihn an düsteren Tagen zum Lachen bringen, wenn nicht sie? Wer konnte tiefer in seine Seele schauen als sie? 
Astrithr war das Beste, was ihm je widerfahren war und er würde sie bis in die Ewigkeit als seine Frau ehren.

Als es an der Zeit war, erhob er sich aus seinem Schemel und griff nach der großen Axt, die ihn seit jeher in den düsteren Wald begleitete. 
Yorrik befand es immer schon als die oberste Pflicht eines jeden Bootsbauers, die Stämme, die später das Boot bilden sollten, selber auszuwählen und zu fällen. Nur in harter Arbeit fand sich ein so schnelles und wendiges Schiff wieder und er würde den Jarl auch dieses Mal nicht enttäuschen. Er verabschiedete sich von seiner Familie und setze einen ersten Schritt nach draußen.

Auch wenn der Frühling vor der Tür stand und der Schnee schon geschmolzen war, so blieb es dennoch zunächst angenehm frisch draußen und feuchte Atemwolken waberten aus seinem Mund. 
Der blaue Himmel schien heute unbedeckt zu sein, ein klarer und doch kalter Tag kündigte sich an. 
Die Axt in festen Händen, stampfte Yorrik durch das Dorf. Der winzige Markt in dessen Mitte, mit einer Handvoll verwaisten Ständen, schien zu dieser Tageszeit noch wie leergefegt und so behinderte niemand den Schiffsbaumeister auf seinem Weg in den nahgelegenen Wald. 

Doch als er Aegirs Haus passierte, das etwas abgelegen lag, vernahm er plötzlich Stimmen, die wüst miteinander zu schimpfen schienen
»Du kannst ja wieder zu Knutson gehen und ihm die Zunge in den Hals stecken!«, fluchte eine Männerstimme, die nur dem betagten Fischer gehören konnte.
»Und vielleicht mache ich das auch, wenn du nicht endlich aufhörst zu heulen wie ein Kleinkind. Was ist mit meinem Mann geschehen, den ich liebte, dem Reisen, dem Felsen in der tosenden Brandung, dem selbst die Götter ihren Respekt zollten?«, zeterte eine Frauenstimme, die demnach Ylvie gehören musste.
Yorrik horchte gespannt. Er wusste, dass ihn derlei Scherereien nichts angingen, aber auch er hatte mitbekommen, was während des Banketts vorgefallen war und so war seine Neugier geweckt. 
»Er fischt und sorgt sich um seine Familie«, knurrte Aegir wütend. 
»Mit einer Handvoll Krebsen am Tag? Und etwas Dorsch für die Nachbarn? Sieh dir meinen Mantel an, er fällt bereits in sich zusammen. Soll ich frieren, wenn der nächste Winter kommt?«
Yorrik presste sich dicht an die Hauswand, damit die beiden Streithähne ihn nicht bemerkten, dann spitzte er wieder die Ohren.
»Nein…«, begann Aegir zu erklären, doch seine Frau schnitt ihm das Wort ab.
»Du hast die Wahl. Knutson wird sehr wohl für mich sorgen und du weißt, wenn ich meinen Vater nur genug anflehe, wird er unser Bündnis auflösen. Islav ist vielleicht ein alter Mann, aber seiner Tochter wird er nichts abschlagen.«
»Ylvie, tu das nicht. Ich kann das einfach nicht…«, in Aegirs Stimme schwang nun die Verzweiflung mit.
Irgendwie tat er Yorrik Leid. Was nur mit ihm los ist? 
»Du hast die Wahl. Es liegt allein an dir und bleibt deine Entscheidung. Nur triff sie endlich!«, die Tür wurde aufgerissen und jemand trat heraus. 
Schnell machte sich Yorrik daran, unbemerkt zu verschwinden. 

Erst als der Wald vor ihm auftauchte, hörte er auf zu rennen. Schwer atmend hielt er inne, lauschte für eine Sekunde dem pochenden Schlagen seines eigenen Herzens. Du wirst zu alt für sowas.
Er richtete sich auf. Der Weg, der in den Wald führte, war von seinen Lehrlingen bereits mit kleineren Stämmen ausgelegt worden, damit ein größerer Baum schnellstmöglich durch den Wald transportiert werden konnte. 
Yorrik blickte für einen kurzen Moment in die aufgehende Sonne. Ihrem Stand nach zu urteilen, würden seine Jungs bald hier auftauchen. 
Aber bis dahin konnte er sich schon mal ein vielversprechendes Exemplar aussuchen und damit beginnen es zu fällen. 

Die kahlen Äste der Eichen räkelten sich ihm in ihrem uralten Schlaf entgegen, als er die ersten Schritte in den Wald trat, und bald hatten ihn die Stämme umzingelt, rückten immer dichter an ihn heran als würden sie seine Ankunft mit flüsternder Neugierde betrachten. 
Die Luft roch nach feuchter Erde und Laub und war erfüllt von dem morgendlichen Gezwitscher der Vögel. 
Noch hing der Morgentau auf den Gräsern und Farnen, die den Winter überdauert hatten, und spiegelte das frühe Sonnenlicht in tausenden leuchtenden Tränen aus durchsichtigem Kristall wieder. 
Das sanfte Plätschern eines Baches drang in Yorriks Ohr, während er einen schlanken Pfad einschlug, der ihn in den abgelegenen Fichtenhain führen würde. 
Das Holz dieser Bäume eignete sich hervorragend für den Schiffsbau, denn es war robust, aber auch formbar und dadurch wie geschaffen für die Planken, die längsschiff am großen Kiel angebracht wurden. 
Diesen hatten sie schon aus einer riesigen Eiche herausgeschlagen und er wartete im Dorf bereits sehnsüchtig auf seine Fertigstellung.

Das nunmehr eindringliche Rauschen des Baches holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Das kristallklare Wasser schlängelte sich vorbei an großen, moosbedeckten Felsen und ächzenden Baumstämmen, bis es sich schließlich, in einiger Entfernung, tosend ins Meer ergoss. 
Yorrik passierte eine kleine hölzerne Brücke, die über das plätschernde Nass führte, und bereits grün vom Moos war. 
Doch die Vertäuung war erst letzten Sommer ausgetauscht worden und somit stellte sie einen robusten Pfad über den Bach dar.

Nachdem er die Brücke überquert hatte, musste er nur noch die große Felswand hinter sich lassen, die urplötzlich auftauchte und den Wald teilte wie ein grauer Vorhang. 
Selbst bis in diesen tiefen Abschnitt des Forstes hatten seine Lehrlinge die dicken Äste gelegt, denn Yorrik wusste genau, wo es die besten Bäume gab und wie man sie bis zum Schiff transportierte. 
Und nur die besten Bäume wurden für seine Schiffe verwendet, so viel stand fest. 
Der massive Fels verschluckte urplötzlich das Sonnenlicht und der Pfad wurde zunehmend steiler und enger. Zu seiner Linken befand sich die Anhöhe, zu seiner Rechten fiel das Gelände steil ab. 
Dichter Farn wucherte aus dem Boden wie ein Teppich aus wallender grüner Seide, die sich im Spiel des Windes räkelte. Immer wieder ragten große Findlinge der aufgehenden Morgensonne entgegen, nur ihre Spitzen jedoch fingen etwas von dem warmen Licht ein. 
Und schlagartig wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, warum seine Arbeit ihn so sehr beflügelte. Es war dieser Ort, an den er immer wieder zurückkehren durfte, um etwas großartiges aus ihm zu erschaffen. 
Im Stillen dankte er dem Wald für seine großzügige Gabe, denn von den Asen hielt Yorrik nicht sonderlich viel. Kein Platz hatten sie in ihren Hallen, für diejenigen, die keine besungenen Heldentaten vollbrachten und ihre Willkür kannte keinerlei Grenzen. 
Es fiel ihm schwer, den Glauben seiner Frau zu tolerieren, doch er wusste genau, dass ihm ein zu großer Unmut über die Götter vermutlich Pech bescheren würde. 
Die Felswand fiel so urplötzlich wieder ab wie sie vor ihm aufgeragt war und nun war Yorrik fast an seinem Ziel angelangt. Vor ihm erstreckten sich die Wipfel der dicht an dicht stehenden Kiefern. 
Wenn er genau hinsah, konnte er erkennen, wie sie, in einiger Entfernung, die Sonne in zwielichtigen Strahlen hindurchließen, denn dort fiel das Gelände zu einer steilen Klippe ab, von wo aus man eine vorzügliche Aussicht über die Skiringssaler Bucht genießen konnte. 
Ein dumpfes Grollen riss ihn aus seiner Faszination. Entsetzt taumelte Yorrik einen Schritt rückwärts, erst dann bemerkte er die Felsbrocken, die sich aus ihrer Verankerung gelöst hatten und auf ihn zugeschossen kamen. 
Er spürte nur noch einen kreischenden Schmerz, als ein faustgroßer Stein seine Schläfe traf und er ohne eine weitere Regung zu Boden ging. 
Dann wurde alles schwarz.

Yorrik wusste nicht, wie lange er so dalag, regungslos schlief, nicht lebendig und doch nicht tot. Er öffnete blinzelnd die Augen, denn das Licht schien ihn förmlich zu durchdringen, so hell strahlte es durch die grünen Wipfel der riesigen Bäume, die sich raunend bewegten. 
Er erkannte die Adern der einzelnen Blätter, durch die das Leben pulsierte, sie spielten ihm ein gemeinsames Lied, das von Glückseligkeit zeugte. Und dann wurde er stutzig. 
Es war doch erst Frühling? Es müsste eigentlich bitterkalt sein und die Bäume karg! Er war in einem Teil des Waldes, den er nicht kannte. Wo waren die Fichten oder die Felswand, unter der er zu Boden gegangen war? Yorrik bemerkte nichts dergleichen. Nur die riesigen Bäume, deren dichtes grünes Blätterdach ihn bei weitem überragte.
Und die Wärme. Es war wohlig warm. Viel zu warm für diese Jahreszeit. 
Die Sonne schien problemlos zu ihm durchzudringen, ihre strahlende Berührung prickelte angenehm auf seiner Haut. 
Verdutzt rappelte sich der Schiffsbaumeister auf. 
Saftiger Farn spross aus dem Boden, verwandelte sich vor seinen Augen, und aus kleinen Winzlingen wuchs schlagartig ein dichtes Gebüsch, das die Bäume erklomm, sie umschlängelte wie ein riesiges Tier. 
Immer mehr Farne drangen aus dem Boden und schossen in die Höhe. 
Eine sanfte Stimme drang durch den Wald, formte eine Melodie, die Yorrik das Herz zerriss und es gleichzeitig in Wallung brachte. 
Er setzte vorsichtig den ersten Schritt, ungläubig darüber, was ihm gerade widerfuhr. Er traute seinen Augen nicht, dies musste ein Streich der Götter sein, die er doch stets geleugnet hatte. 
Bedacht darauf, keine der Pflanzen zu berühren, trat er vorwärts, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Die Melodie führte ihn ganz von alleine, immer tiefer in den Wald hinein. 
Die wuchernden Blätter streckten sich ihm entgegen, strichen über seine Haut als wollen sie ihn umarmen, ihn willkommen heißen. 
Mit offenem Mund wandelte Yorrik durch das dichte Gebüsch, dies musste wahrlich ein Zauber sein. Wo bin ich hier? Schlafe ich oder weile ich unter den Geistern meiner toten Ahnen?

Bevor er weiter darüber sinnieren konnte, vernahm Yorrik das Rauschen eines Wasserfalls. Bin ich wieder bei dem Bach angelangt?
Schnell wurde ihm klar, dass dem nicht so war. 
Vor ihm erstreckte sich eine Lichtung, in der sich ein kleiner Wasserfall durch schneeweißes Gestein arbeitete, um sich dann in einen kleinen Weiher zu ergießen. 
Unter dem rauschenden Wasser stand eine gedrungene Gestalt, die eine goldene Fiedel spielte. Der herzzerreißende Klang musste von dort stammen. 
Vorsichtig schlich sich der Schiffsbaumeister näher heran, bis er eine Stimme vernahm, die zu singen schien.

Durch Dunkelheit gebunden, von Götterhand erwählt,
Die großen Augen funkeln, verschleppt in ihre Welt.
Doch oh weh, auch dieses Mal die Kette bricht erneut.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, und fressen wird er euch!

Die Götter, sie verzweifeln und leisten einen Schwur.
Den Fenriswolf zu geißeln, und das mit einer Schnur.

Doch oh weh, auch dieses Mal, der Fen wittert Betrug.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da und fordert ein Tribut.

Die Götter sind verwegen, nur trauen tut sich Tyr.
Die Hand ins Maul zu legen, zu binden das Getier. 
Doch oh weh, auch dieses Mal, der Arm er reißt entzwei.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, bis Ragnar ist er frei.

Als das Männchen erkannte, dass sich jemand an seinem Weiher befand, verstummte es und beäugte den Neuankömmling mit neugierigen Augen, so klar wie die See an einem windstillen Tag, wobei es den Kopf leicht schief legte und seltsam lächelte. Ein Bart aus Algen wucherte in seinem grünlichen Gesicht und es konnte die Fiedel, trotz seiner Schwimmhäute an den Fingern, gar zu vortrefflich spielen. »Was haben wir denn da?«, fragte es mit froschigem Quaken. »Einen Zweifler?« Es schien den Kopf noch ein kleines Stückchen schiefer zu legen, wobei das Grinsen in seinem Gesicht sich im gleichen Maße ausbreitete. 
»Bist du… ein Wassermann?«, keuchte Yorrik atemlos. Das konnte doch nicht möglich sein. Solche Wesen gab es doch nur in Erzählungen. Oder etwa nicht?
Das Männchen watschelte mit seinen kleinen Beinen aus dem Wasserfall heraus und setzte sich auf einen nahgelegenen Fels. 
»Das bin ich. Und ich bin schrecklich hungrig«, erklärte es mit einem Seufzer. »Hast du nicht Lust mir ein Tischlein zu decken, mit Hammelfleisch, dass du einen Mond lang jeden siebten Tag aus dem Hause des Nachbarn stielst? Dafür zeige ich dir, wie man die Fiedel spielt, bis die Hände bluten und selbst Großmütterchens lahme Beine einen wilden Tanz anstimmen.« 
Yorrik wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte und stammelte eine Antwort.
»Dir das Singen beizubringen, wird eine harte Arbeit«, seufzte das Männchen kopfschüttelnd. »Aber sie wird getan. Hammelfleisch ist, was ich dafür brauche.«
Endlich erlangte Yorrik seine Sprache wieder. »Ich bin aber Schiffsbaumeister. Ich brauche das Singen nicht zu lernen. Dafür haben wir einen Skalden. Ich würde lieber erfahren, wo ich hier bin und was das Ganze soll. Ich muss ein Drachenboot fertigstellen und dafür muss ich Heim. Ich befürchte, ich habe mich verirrt.«
»Nicht mal eine einzige saftige Keule willst du mir bringen?«, der Wassermann schien ehrlich enttäuscht. 
Yorrik erwiderte nur mit einem fassungslosen Kopfschütteln. »Nun, nein, befürchte ich. Es sei denn, du kannst mich hier herausgeleiten.«
»Nein, nein, nein! Das kann ich nicht!«, zeterte das Männchen vehement. »Ich bin ein Mann der Kunst, ein Meister der Verse. Wenn du Hilfe brauchst, musst du schon zur Mutter des Waldes gehen.«
»Und wo finde ich die?«, allmählich tanzte ihm der Kleine auf der Nase herum.
»Na im Wald«, das Männchen kicherte spitzbübisch, dann zeigte es auf einen Baum. »Da biegst du rechts ab. Dann immer geradeaus, dann wieder rechts. Dann linksherum und wieder geradeaus, bis du angekommen bist. Verstanden?«
»Nicht im geringsten. Aber ich werde sie schon finden«, gestand der Schiffsbaumeister seufzend. Dann machte er sich auf den Weg.
»Warum habe ich dafür keine Keule verlangt?«, vernahm er noch das Grübeln des Wassermannes, während er sich wieder durch das Gebüsch arbeitete. 

Der Wald nahm ihn wieder vollständig für sich ein und es kam Yorrik wie eine Ewigkeit vor, während er ziellos durch ihn hindurchstreifte. 
Dunkelgrünes Moos bedeckte den Boden und jeder seiner Schritte erschien ihm plötzlich federleicht. Wenn es die Mutter des Waldes wirklich gab, so musste sie doch irgendwo hier zu finden sein? 
Er traute sich nicht zu rufen. Wer wusste schon, was dieser Wald noch alles beheimatete?

Dann erinnerte er sich wieder an die ersten Worte, die ihm der Wassermann zugerufen hatte. 
Ich… ein Zweifler? Vielleicht hätte ich Svea öfter zuhören sollen. Yorrik verfluchte seine Blindheit. 
Seine Frau trug eben mehr Weisheit in sich, als er es je gekonnt hätte. Und nun wurde er dank seiner Narretei von den Göttern verhöhnt, gefangen an diesem Ort, wo jeder seinen Schabernack mit ihm trieb, wie es ihm beliebte. 
Er trat, in düsteren Gedanken versunken und ohne es zu merken, auf einen Ast, der knackend entzweibrach. Yorrik fuhr stocksteif zusammen und blickte sich um. Sein Herz pochte eine wilde Melodie. 
Und dann wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, dass er nicht mehr alleine war.

Er befand sich abermals auf einer Lichtung, vor ihm ragte eine einzige riesige Eiche in den Himmel, ihr Stamm musste dicker sein als sein Haus in Skiringssal und das dichte Blätterdach erstreckte sich so hoch, dass es den Himmel zweifelsohne berühren musste. 
Der uralte Baum war durchzogen von Moos und dicken Efeuranken, auch hier wucherte der mystische Farn am Stamm entlang, welcher zudem mit Pilzen besetzt war, die in einem hellen orangen Licht erstrahlten. 
Dicke Wurzeln, breit wie sein ganzer Körper, stießen durch die Erde und traten an den unterschiedlichsten Stellen wieder aus ihr heraus. 
Leuchtende Käfer summten geschäftig über die Lichtung und fast urplötzlich verschwand die Sonne am Horizont und wich der beginnenden Abenddämmerung. 
Was Yorriks Aufmerksamkeit jedoch besonders auf sich zog, war eine Bewegung zu Füßen des Baumes. 
Eine Frau stand dort. Ihr Körper, aus Wurzeln, Farn und Moos gemacht, räkelte sich ihm entgegen. Grüne Augen, in denen eine unendliche Weisheit lag, durchdrangen ihn förmlich, tauchten ein, in die tiefsten Abgründe seiner Seele. Auf ihren roten Lippen lag ein wissendes Lächeln. Sie wusste, wer er war.
Der Schiffsbaumeister ging auf die Knie. »Die Mutter des Waldes«, keuchte er und verbeugte sich tief. Diese Erscheinung musste eine Gottheit sein und sie hatte sich ihm offenbart. »Es gibt sie wirklich«, eine Demut erfasste Yorrik, wie er sie noch nie verspürt hatte. »Meine Kleine hatte Recht.«
»Sei willkommen auf meiner Lichtung. Dies ist ein Ast des großen Yggdrasil, der unser aller Welten trägt«, sprach die Frau und deutete auf den riesigen Baum. Ihre Stimme war das Knacken der Äste, das Rascheln der Blätter, die Tiefe der Wurzeln, die das Erdreich durchdrangen. »Dies sind meine Kinder«, sie weitete die moosbedeckten Arme aus und es schien Yorrik so, als würde der Wald plötzlich näher an sie heranrücken. 
»Verzeiht, ich wollte euch nicht stören«, stotterte der Schiffsbaumeister. Seine Handflächen verwandelten sich in morastige Tümpel und er zitterte am ganzen Körper. Diese Erscheinung war von einer Macht, die sein Verstand nicht begriff. 
»Dieser Ort obliegt meiner wachsamen Hand. Zeige deine Demut, wenn du ihn betrittst, dich von ihm labst. Nehme von ihm, wie es dir beliebt, doch lasse immer ein Zeichen deiner Dankbarkeit zurück. So verlangt es der Kreislauf des Lebens.«
»Ich verstehe, Herrin. Verzeiht mir, dass ich an euch gezweifelt habe«, wisperte Yorrik unterwürfig, während er seine Stirn in der feuchten Erde versenkte. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Erst der Wassermann, nun die Herrin des Waldes. Ich bin ein blinder Narr.
Nun musste die Dame lachen, ein Laut, so klar wie ein Bergkristall. Sie schritt anmutig auf ihn zu, machte dicht vor ihm Halt und legte ihm eine moosdurchwucherte Hand an die Wange. 
Ihre Berührung fühlte sich angenehm kühl auf der Haut an, gar nicht so wie er sich das vorgestellt hätte.
»Sieh mich an«, hauchte die Moosfrau.
Er gehorchte ohne zu zögern. Für einen Moment blickte der Schiffsbaumeister in ihre Augen und ergab sich dem Gefühl, das ihn durchströmte. 
»Sag mir wer du bist«, forderte sie ihn auf. 
»Ich bin niemand, Herrin«, wieder senkte er sein Haupt, den es war nicht würdevoll genug, um ihrer göttlichen Schönheit entgegengestreckt zu werden.
Wieder lenkte sie seinen Blick auf sich, diesmal energischer. »Sag mir wer du bist!«, forderte sie erneut.
»Yo… Yorrik.«
»Wer?«, wiederholte sie ein letztes Mal.
»Yorrick. Yorrick!«, und dann war ihm klar, was sie wollte. Er schloss die Augen und lächelte. 

»Yorrick! Yorrick!«, klang es da wieder. Die Stimme war vertraut. »Meister Yorrick! Steht doch auf, Ihr blutet! So helft mir doch, faules Pack!«
Das ist Grundolf. Einer meiner Lehrlinge.
Blinzelnd öffnete er ein Auge. Das Licht überwältige ihn für einen Moment und ein kreischender Schmerz breitete sich zwischen seinen Schläfen aus. 
Um ihn herum standen fünf Männer versammelt, seine Lehrlinge, und blickten ihn mit sorgenschweren Gesichtern an. Als er sich an den Kopf fasste, spürte er Blut. Ein Stöhnen entwich seinen Lippen und er fühlte Schwindel aufkommen.
»Meister, Ihr lagt ohnmächtig auf dem Boden. Sagt, was ist geschehen? Ihr seht aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen.« 
Grummelnd ließ Yorrik sich auf die Beine helfen. »Das habe ich vermutlich auch«, murmelte er in sich hinein. 
Eines stand fest: Er würde seiner kleinen Svea jetzt einen Besuch abstatten und ihr etwas wichtiges erzählen.
»Ruht euch für heute aus, wir machen später weiter«, verkündete der Schiffsbaumeister. »Und bringt Feuerholz und Wein mit euch, wenn ihr morgen kommt, wir opfern Herdflamme und Gastfreundschaft an diesen Ort, der uns so fürsorglich ernährt, verstanden?« 
Er sah seinen Lehrlingen die Verwunderung an, niemand jedoch wagte es, dem Schiffsbaumeister zu widersprechen. Dann trat er lächelnd den Weg nach Hause an.

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Die Wölfe von Asgard – Sie ging fort mit dem Nebel

Byarne zog mit seinen zierlichen Fingern an den Saiten der Leier und räusperte sich kaum vernehmlich. Dass ihm zunächst niemand im Raum seine Aufmerksamkeit schenkte, kümmerte den jungen Skalden wenig. 
Seine Kunst war etwas, das den Intellekt der durchschnittlichen Männer, die bei diesen Gelagen reihenweise die Bänke besetzten, bei weitem überstieg. 
Sie erfreuten sich an Fraß und Bier, den Schenkeln der Frau, die sie bediente, und grölenden Versen über die tosende Schlacht. 

Gut für Byarne, dass Jarl Islav nicht zu diesen Leuten zählte und ihn in seiner Mitte willkommen geheißen hatte. 
Der Jarl saß auf einem Thron aus geschnitzter Eiche, der eine Verkörperung der Seeschlange Jörmungandr selbst darstellte, die sich einmal um den gesamten Sitz wandte. 
Rote Seide polsterte den Stuhl aus, ein Mitbringsel aus Konstantinopel, das sich für einen hochrangigen Adeligen geziemte. 
Der Thron befand sich auf einem erhöhten Podest, auf dem sich ein großer Tisch befand, der mit allerlei Köstlichkeiten gedeckt war.
Byarne erkannte Körbe voll dampfendem Brot, silberne Platten, auf denen Dorsch und Hering gereicht wurden, Schalen voller gekochter Wachteleier und in der Mitte des Raumes hing ein saftiges Ferkel in einer offenen Feuerstelle, von dem das Fett zischend in die Flammen tropfte. Das Knacken des Kiefernfeuers wurde nur von einem munteren Stimmengewirr und dem berauschenden Aufeinandertreffen von Trinkhörnern übertönt.

Islav war von den ranghöchsten Kapitänen, sowie den Kriegern umgeben, die auf der letzten Fahrt besonders ehrenhaft gekämpft hatten. Eine Garde, wie sie Walhall würdig war. 
Byarne saß am äußersten Ende der Runde und würde gleich für sie musizieren und ein paar Verse vortragen. 
Doch bis es soweit war, nutzte er die Gelegenheit um sich etwas umzusehen.

Unter dem Podest erstreckten sich zwei lange Tafeln, auf denen die restlichen freien Männer saßen und tranken. 
Regelmäßig erhob sich einer von ihnen, prostete dem Jarl zu und wünschte ihm Gesundheit, Schlachtenglück oder ein sich nie leeren wollendes Fass Met. 
Letzterer Wunsch wurde mit heiterem Gelächter quittiert, zeugte er doch von der fortgeschrittenen Trunkenheit des Fürbitters. 
Islavs begegnete diesen Wünschen stets höflich, aber nie überschwänglich. Er war ein nachdenklicher Mann, auch wenn man es seiner rauen Erscheinung, mit dem imposant geflochtenen, rabenschwarzen Bart und dem vernarbten Gesicht, kaum anzusehen vermochte. 
Mittlerweile kannte Byarne die meisten Gesichter in Skiringssal, auch wenn er für viele noch als fremder Sonderling mit einem gewissen Händchen für die Poesie galt. 
So erkannte er den Ältesten, Reighyr, der, von einer Menge erfahrener Krieger umgeben, eine Geschichte über die Tücken der Skagerrakwinde zum Besten gab. 
Die jüngeren Männer, die bald auf ihren ersten Viking fahren würden, hatten sich neben ihnen niedergelassen und schwelgten in Träumen von ruhmreichen Siegen, wofür sie von den alten Hasen stumm belächelt wurden. 
Denn insgeheim gedachten sie doch, von den erfahrenen Seeleuten etwas abschauen zu können oder einen geheimen Trick mitzubekommen, mit dem sich die Meere angenehmer befahren ließen.
Die zweite Tafel, die sich vor dem Podest befand, beherbergte eine bunt durchwürfelte Menge, die sich einen erbitterten Wettstreit um den Posten des Trunkenboldes lieferte. 
Grölendes Gejohle hallte durch das Langhaus, als Olaf der Gehörnte gleich zwei der Trinkgefäße gleichzeitig an seine Lippen setzte und trank, was unter seinen zunehmenden Gleichgewichtsstörungen eine beachtliche Leistung darstellen musste, denn jedermann klopfte ihm auf die Schultern oder feuerte ihn weiter an. Woher Olafs Spitzname herrührte, war somit also kein offenes Geheimnis. 

Byarnes neugieriger Blick jedoch konzentrierte sich zunehmend auf einen großgewachsenen Mann, der am Ende der Tafel saß und mit einem griesgrämigen Gesicht in seinen halbvollen Becher starrte. 
Das Essen auf seinem Teller hatte er kaum angerührt und auch nach Gesprächen schien ihm nicht zu sein. 
Von dem habe ich schon gehört. Er wird Aegir der Sauertopf genannt. 
Kein schöner Name für einen Krieger solch mächtiger Statur. Auch wenn seine riesigen Pranken die harte Arbeit auf dem Boot abzeichneten, so war sein Blick doch ein flackerndes Tor nach Hel.
Einst hatte er den Namen Riese getragen, abgeleitet von den großen Monster, aus dem Himmel und Erde und Meer geschaffen worden waren, doch seit seinem letzten Viking hatte sich das schlagartig geändert. 
Was wohl mit ihm passiert ist? Welche Geschichte erzählt von deinem vereisten Herzen? 
Eindringliches Kichern, das vom Frauentisch herrührte, der sich hinter dem Podest befand, und somit einen abgespaltenen Bereich darstellte, lenkte Byarne für einen Moment ab. 
Ein warmes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er Ylvie erblickte, eine Frau wie es unter tausenden keine zweite gab. 
Sie bemerkte seine Geste allerdings nicht und schnatterte angeregt weiter mit ihrer Tischnachbarin.
Achselzuckend widmete sich der Skalde wieder seiner Leier. Er erhob sich und stimmte einen leichten Singsang, gefolgt von ein paar Akkorden an. 
Schlagartig wurde es ruhiger im Raum, auf das auch den hinteren Reihen es vergönnt war, dem Klang der Melodie zu lauschen. 
»Ruhe, der Skalde singt jetzt!«, bekräftigte jemand Byarnes Voranschreiten.
»Das sehe ich selbst. Die Frage ist, ob man ihn hören will«, kicherte ein anderer. 
Der erste knuffte ihm mit dem Ellbogen in die Rippen, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Byarne ignorierte den Affront und ließ seine herzzerreißende Stimme wie ein Licht, wie ein Zeichen der Götter durch den Raum wandern. Gold und Silber flossen ineinander, während seine Stimme einen jeden für sich einnahm. 

Durch Torf und Gras und hohen Schlamm,
kämpft sich ein einsamer Nordemann.
Die Kälte berührt ihn mit silbernen Schleiern.
Die Bäume des Moores stöhnen bedauernd.

Und so ging er fort, mit dem Herzen voll Gram.
Die Liebe verlorn, was blieb war die Qual.
Das Lied seiner Seele verstummte so jäh.
Er nahm sich ein Seil, machte sich auf den Weg.

Im Moor sucht ihn das Ende.

Totenstille herrschte. Jeder lauschte, hing an seinen Lippen. Alle gemeinsam. Jeder für sich allein. Gefangen im Klang.
Und so sang er weiter, während seine Leier eine tieftraurige Melodie anstimmte.

Zu richten sich selbst, aufgrund des Verlusts,
nimmt Hela ihn mit, an ihre trauernde Brust.
Doch kurz bevor der letzte Schritt ist getan,
sieh, der Nebel, er regt sich, oh Nordemann!

Mit kräuselnden Schritten, die zierlich Gestalt,
kommt auf ihn zu, macht dicht vor ihm Halt. 
Ihr graues Lachen, nicht mehr als ein Schemen,
durchsichtige Lippen lächeln verlegen.

Im Moor hat ihn der Zauber gefunden.

Byarne bemerkte, wie Islav ihn mit steinerner Miene anstarrte. 
Eine unendliche Bewegtheit lag tief verborgen hinter seinen Augen, auch wenn der Rest seines Körpers ihm zu verbieten schien, eine Regung zu zeigen. 

Er streichelt ein letztes Mal ihr wallendes Haar,
blickt in zwei Augen, so blau wie das Mar.
Sie formt mit den Lippen einen endlosen Kuss
und sagt ihm dann, dass er Abschied nehmen muss. 

Sie gleitet aus seinen Händen, hinein in den Nebel,
dem Nordemann kommt eine einzige Träne.
Er fasst sich ein Herz und macht sich von ihr frei.
Auf der feuchten Erde verrottet einsam ein Seil.

Im Moor dämmert ein neuer Tag. 

Byarne verneigte sich tief. 
Nach einem kurzen Moment der Besinnung erhoben sich die Männer und applaudierten lautstark. 
Der Blick des Skalden richtet sich jedoch nur auf einen.
Islav hatte sich erhoben und neigte ihm den Kopf zu. Eine Geste des Respekts für seine Darstellung und ein Dank für diesen besonderen Moment und die Ehrung seiner verstorbenen Frau.
»Ich danke dir für deine Darbietung, Skalde. Iss und trink von meiner Tafel, wie es dir beliebt. Und nun spiele uns etwas fröhliches.«
Wieder verfiel die Menge in ausgewachsenen Jubel, während Byarne einen schnelleres Stück anstimmte und das Lied vom schlafenden Bären und der Fischerstochter spielte. 
Einige der Damen ließen sogar mit sich tanzen und so bewegte sich ein freudiger Tumult zwischen den Bänken umher. 
Aus dem Augenwinkel registrierte der Skalde, wie Ylvie zu ihrem Mann stieß und ihn mit freudigem Lachen zum Tanzen bewegen wollte.
Doch Aegir wies sie mit einer schroffen Handbewegung ab. 
Sie schien verärgert ein paar deutliche Worte zu fällen, dann ließ sie sich von einem der Männer zum Tanz auffordern und verschwand in der bunten Menge. 

Der Abend wurde immer ausgelassener, mittlerweile waren die meisten so betrunken, dass sich der Tanz in ein wildes Getorkel verwandelt hatte. 
Byarne spielte Alle Segel hoch, gefolgt von einem humorvollen Festlied über Geri und Freki, die Wölfe Asgards und seines großen Herrschers, dem machtvollen Odin. 
Der Blick des Skalden wanderte durch die Reihen und plötzlich stieß er auf etwas, das ihn erschaudern ließ. 
In einer abgelegenen Ecke hatte Ylvie es sich mit jemandem gemütlich gemacht, sie hatte die Arme um ihn geschlungen, er seine auf ihrer Hüfte ruhen. 
Nach leidenschaftlichem Partnertanz sah das ganz und gar nicht aus.
Sie steckten ihre Köpfe zusammen und schienen nur Augen füreinander zu haben. 
Vermutlich eine Folge des Alkohols und der Verschmähung durch ihren Mann.
Byarne schaute verstohlen zu Aegir, der nach wie vor an der Tafel saß und der Schmollerei verfallen war. 
Was für ein Mann lässt so etwas zu?

Plötzlich tauchte Aegirs jüngerer Bruder an seiner Seite auf und sie schienen ein ernstes Gespräch zu beginnen. Snorri gestikulierte wild mit den Händen und deutete auf die abgelegene Ecke.
Der Blick des großen Mannes verfinsterte sich, das Flackern, das Byarne schon zuvor bei ihm gesehen hatte, verwandelte sich in Surts tosendes Untergangsinferno.
Das gibt gleich furchtbaren Ärger.
Mit einem eindrucksvollen Ruck sprang Aegir auf, wobei er sich den Stuhl griff, auf dem er bis gerade noch gesessen hatte. In Windeseile hatte er die abgelegene Ecke erreicht. 
Byarne hörte nur noch einen wütenden Aufschrei und ein lautes Krachen, als der Stuhl sein Ziel fand und daran zerbarst. 
»Du Hundesohn!«, fluchte Aegir brüllend. »Hast dich wie eine Schlange an meine Frau herangeschlichen?«
Die Musik brach ab und alles wendete sich den beiden Streithähnen zu.
Der andere Mann kam keuchend auf die Beine, wischte sich das Blut von seiner Nase. »Sie wählte mich aus, weil du sie verschmähtest. Siehst vielleicht wie einer aus, aber ein echter Mann benimmt sich nicht so wie du, Sauertopf! Und jeder hier weiß das!«
Die Menge stimmte mit Gejohle ein. 
Der Faustschlag traf den Mann so unerwartet, dass er ächzend zu Boden ging. 
Aegir griff nach seinem Bart, zog ihn wieder zu sich empor, nur um ihn mit einer Kopfnuss abermals zu Boden zu schicken. »Kein Mann, eh? Spricht dieser Tölpel die Wahrheit?«, blaffte er seine Frau an. 
Ylvies Augen weiteten sich vor Furcht und sie versuchte eine Antwort zu zittern, was ihr jedoch nicht direkt gelang.
Mittlerweile hatte auch Islav das geschehen bemerkt. Noch schien er sich ruhig zu verhalten, doch seine Männer bahnten sich bereits einen Weg durch die Menge, die ihnen nur widerwillig Platz machte. Alle wollten hören, was Sauertopf zu sagen hatte.
»Denkt ihr das alle? Seid ihr so blind und taub? Könnt ihr die Zeichen nicht lesen? Ein Gott hat mich berührt und ich weiß, dass ich auf ihn hören muss. Jeder, der diese Entscheidung anfechten möchte, darf gerne vortreten und sprechen.« 
Der große Mann verschränkte die mächtigen Arme. 
Mit versöhnlicher Geste trat Snorri hervor und stellte sich zwischen die beiden. »Du bringst ihn ja gleich um«, sagte er milde, dann schaute er seinen Bruder eindringlich an. »Du scheinst mir von deinem Pfad abgekommen. Auch als wir heute miteinander sprachen, wirktest du so verändert. Sag mir, seit wann ist Fischen die Lieblingsbeschäftigung vom axtschwingenden Riesen? Komm mit auf unsere nächste große Fahrt und werde wieder du selbst. Ein Krieger Tyrs, dem großen Helden. Werde dem Sehnen deiner Frau gerecht und auch dem deines Bruders. Ich bitte dich.«
Einige der Männer verfielen in unterstützendes Gemurmel. Viele von ihnen konnten sich wahrlich bestens daran erinnern, wie es war, mit Aegir auf Beutefahrt zu segeln.
Dieser jedoch funkelte Snorri nur an. »Du kennst die Antwort«, sagte er und griff nach seiner Frau. Er zog sie mit sich auf den Ausgang zu. 

Vor Islavs Podest machte er kurz Halt. »Verzeiht mir, dass ich die gute Stimmung derart tosend unterbrochen habe, mein Herr. Es lag nicht in meiner Absicht«, dabei blickte er seine Frau scharf an, die mittlerweile blass wie Pergament geworden war.
»Versprich mir, dass du sie auf dem Heimweg nicht schlecht behandeln wirst und ich werde dir verzeihen. Und versprich mir auch, dass du die Worte deines Bruders bedenken wirst«, sprach der Jarl von Skiringssal mit ernstem Tonfall.
»Was mein törichtes Weib angeht, so möchte ich euch versichern, dass ich ihr kein Haar krümmen werde«, sprach Aegir mit einer leichten Verbeugung. 
»Doch mein Entschluss für die Plünderfahrten steht fest. Ich habe Frau und Kinder und gedenke nicht, sie wieder zu verlassen. Es tut mir Leid, mein Herr.« 
Mit diesen Worten schritt er, in Begleitung seiner Frau, aus der Halle. 
Für einen Moment war es totenstill. 
Byarne befürchtete, dass der heutige Abend womöglich gerade sein jähes Ende gefunden hatte. 
Der Jarl entließ ihn für heute aus seinen Pflichten und so widmete er sich dem Bier. 
Was ist nur mit diesem Aegir los? Ein Gott hat ihn also berührt?
Noch lange grübelte der Skalde über das Geschehene nach, doch die heutige Nacht würde ihm keine Antwort mehr liefern können.

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Die Wölfe von Asgard – Die Rückkehr

Und am Ende wurde es etwas ganz anderes. 🙂

Die Wölfe von Asgard beinhaltet 8 Kurzgeschichten, die miteinander verknüpft sind. Und es geht um ein Volk, das nicht nur mehrere Jahrhunderte lang Europa in Angst und Schrecken versetzt hat, sondern auch zu den bedeutsamsten Entwicklungen seiner Zeit beigetragen hat. Willkommen, in der Welt der Nordmänner.


Die Rückkehr

Mit all seiner Kraft zog Aegir an dem salzverkrusteten Seil, das ihm heute sein Abendessen garantieren sollte. Platschend durchbrach der Reusenkorb die schäumende Wasseroberfläche und offenbarte sein dürftiges Inneres. Fluchend hob Aegir seinen mageren Fang aus dem eiskalten Wasser. Die abgelegene Bucht, an der er sich am gestrigen Abend dazu entschieden hatte, seine Fallen auszuwerfen, hatte ihm kein Glück eingebracht.
Njörðr war ihm heute nicht gewogen.
Vielleicht lässt er ja auch noch mein Boot kentern. Der muskulöse Mann spuckte aus. Die paar Krebse, die er bis jetzt in sein kleines Ruderboot gehievt hatte, reichten kaum für ihn selbst. Ganz zu schweigen von seiner Frau und den zwei Kindern, die ihm sämtliche Haare vom Kopf fraßen. Aegir ließ es zu, das ein Seufzer seinen Lippen entwich. Die Fischerei war ein ehrbarer Lebensunterhalt, wenn auch nicht zu vergleichen mit dem Ruhm und dem Reichtum einer siegreichen Schlacht und der Aussicht auf die prasselnden Feuer in den Hallen der Götter. Vielleicht sollte ich… ein letztes Mal?, schoss es ihm durch den Kopf. Er verwarf diesen flüchtigen Gedanken und zog den letzten Korb nach oben.
Wieder nichts.
Aegir vergrub für einen Moment das Gesicht in den Händen. Dann verwünschte er sich für seine Schwäche. »Wenn dein Weib dich jetzt sehen könnte«, mahnte er sich grollend. Dann setzte er sich an die Ruder und pflügte mit kräftigen Zügen durch das Wasser. Heimwärts.

Die Skiringssaler Buchten boten nicht nur einen idealen Rückzugsort, sie waren auch von den Göttern mit besonderer Schönheit und Fruchtbarkeit gesegnet worden. Kleine Inseln, kaum länger als zwei Drachenboote, trotzten mutig der rauschenden See und den meist rauen Winden, welche die Felsformationen im Laufe der Jahrhunderte gemeinsam geschliffen hatten. Die große Bucht, die er jetzt aus einem Seitenarm ansteuerte, vollzog sich noch eine lange Strecke in das Landesinnere hinein. Ihre Seiten waren gesäumt von großen Klippen, auf denen die Kiefern sich aufreihten wie die Soldaten zweier Schlachtreihen, die sich zu den sanften Klängen des Windes sachte räkelten. Der morgendliche Nebel, der auf der Wasseroberfläche lag, verlieh der Bucht fast etwas gespenstisches. Doch Aegir segelte und fischte hier schon, seit er als kleiner Junge das erste Mal in ein Boot steigen durfte. Er passierte den großen Raeg, einen massiven Findling auf jener Insel,auf der das regelmäßige Thing abgehalten wurde, und ruderte dann tiefer in den tristen Nebel hinein.
Als würden die Alben heute Fangen spielen. Aegir spürte es in den Knochen,  roch es in der salzigen Luft, das rauschende Wasser flüsterte es ihm zu. Der heutige Tag war von einer vorbestimmten Bedeutung. Der große Mann runzelte die Stirn und wanderte für einen Moment nachdenklich mit der Hand durch den Bart, spähte in die Ferne als wäre dort etwas fremdartiges auszumachen. Überlegte. Dann setzte er sich achselzuckend zurück an die Ruder.

Es dauerte nicht mehr lange und die Dächer von Skiringssal tauchten vor ihm auf. Schornsteine, aus denen dichter Rauch waberte, und einladendes Licht, aus offenen Kiefernfeuern, empfingen Aegir und hießen ihn willkommen. Das Dorf selbst zählte kaum mehr als ein paar Dutzend fensterloser Hütten, über denen sich das imposante Langhaus des Jarls aufbäumte. Gezimmerte Stege reichten vom Ufer bis in das tiefere Wasser, hier ankerten in der Regel die Knorrs, die Drachenboote, der ganze Stolz ihres Dorfes. Jetzt jedoch waren sie verlassen. Mit den Männern war das  Leben aus dem Dorf verschwunden. Warum nur bin ich nicht mit ihnen gesegelt? Aegir zog das Boot ans Ufer und watete durch den feuchten Sand, der an seinen Stiefeln zerrte und seinen Marsch verlangsamte. Der Geruch des Meeres vermischte sich mit dem des Rauches aus den zahlreichen Feuerstellen. Der Frühling hatte sich noch kaum aus seinem Nest geschält und so bildeten sich feuchte Dampfschwaden vor seinem Gesicht, während Aegir durch das Dorf ging. Er schnürte seinen Mantel enger, rückte die gepolsterte Mütze aus Eichhörnchenfell zurecht und beschleunigte seinen Gang. Die Arbeit würde seinen Knochen schon noch etwas Wärme spenden. Er erreichte seine Hütte und begann sofort damit, seinen Fang zu schälen. Krebse konnten einem wirklich lästige Arbeit bescheren, aber immerhin hatte er etwas gefangen. Er betäubte seine Beute durch einen Schlag auf den Kopf und puhlte dann das Fleisch aus ihrem Panzer. So verbrachte er in der Regel die meisten Morgen. Er richtete sich erst auf, als die Sonne schon hoch stand und plötzlich ein eindringlicher Ruf aus dem Hafen ertönte. Ein Horn verkündete die Ankunft Islavs und seiner Männer.
Die Drachenboote waren zurückgekehrt.


***

Snorri fegte wie der Wind durch den Hafen.
Der Nebel hatte sich mittlerweile gelichtet und gab den Blick auf drei schlanke Boote frei, die elegant durch die Wellen manövrierten. An ihrem Bug thronte der furchteinflößende Drachenkopf der Nordmänner. Rufe wurden laut, während die Segel eingeholt und die Masten umgelegt wurden. Den Rest der Strecke legten die Männer mit Rudern zurück. 
Mit schlagendem Herzen verfolgte Snorri jede ihrer Bewegungen. Dann rief er sich allerdings ins Gewissen, dass er jetzt ein Mann war und kein aufgeregtes Kleinkind mehr. Dennoch konnte ernicht umhin, ein strahlendes Lächeln an den Tag zu legen, als die Schiffe beidrehten und endlich in den Hafen steuerten.
Mittlerweile hatte sich eine dichte Traube von Menschen gebildet, die den Männern ein warmes Willkommen entgegenrief. Alle hatten sich versammelt.
Snorri blickte durch die Reihen.
Alle, außer seinem großen Bruder Aegir.
Du elender Feigling. Snorri ballte die Fäuste bis es wehtat. Dann verdrängte er den Gedanken und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen.
Die Männer hatten mittlerweile angelegt und damit begonnen, die wertvolle Fracht aus den Bäuchen der Drachenboote zu entladen.
Snorri erkannte Säcke voller Schmuck, Kelchen und Münzen, Fässer von fränkischem Wein und Kisten voller duftender Gewürze aus Konstantinopel. Der appetitliche Duft der mitgebrachten Speisen wurde nur von dem des ruhmreichen Sieges der Wiederkehrenden überdeckt und für einen Moment verweilte Snorri mit geschlossenen Augen in heldenhaften Tagträumen.
Dann stieg Islav von Bord und die Menge verfiel in tosenden Beifall. Der Jarl von Skiringssal war zurückgekehrt, von Thyr als Günstling in der Schlacht auserlesen. Sein Pelzmantel wehte spielerisch im Wind und er streckte seine blutverschmierte Axt gen Himmel, eine Posse des Siegreichen. Am heutigen Tage hatte er sich einen Platz an der Seite der Götter verdient.
»Wo ist denn dein Bruder?«, riss jemand den jungen Snorri aus seiner Faszination.
Er drehte sich irritiert um und erkannte Ylvie, das Weib, das sich Aegir zur Frau genommen hatte. Sie trug ihr langes rostrotes Haar zurückgekämmt und war in einen wärmenden Pelz gehüllt, den ihr Aegir irgendwann mal von einer Raubfahrt mitgebracht hatte. Mittlerweile war er jedoch alt und die ersten geflickten Stellen offenbarten sich bereits. Ihr hübsches Gesicht hatte in den verstrichenen Jahren etwas jugendliches beibehalten und niemand im Dorf kannte so derbe Scherze wie sie.
»Das solltest du doch besser wissen als ich, schließlich teilt ihr euch ein Bett«, frotzelte Snorri mit keckem Grinsen. Wäre sie damals nicht zu alt gewesen, hätte er sie sich vermutlich zu Eigen gemacht. Er hatte es aber dabei belassen, dem Älteren den Vortritt beider Brautschau zu lassen, so wie es sich für echte Männer geziemte. Und sie war mit ihren dreißig Jahren immerhin acht Jahre älter als er.
Ylvie legte ein mattes Lächeln auf. »Vielleicht solltest du mal mit ihm reden, damit er seinen Allerwertesten aus diesem alten Kahn hievt und ihn wieder dorthin schleppt, wo er hingehört. Ein Mann mit einer Axt in der Hand ist so viel aufregender als einer mit dem Fischmesser.«
Lachend versprach Snorri es ihr. Doch erst würde er mit den Männern reden und herausfinden, welche Abenteuer sie auf der Fahrt erlebt hatten.


***

Fertig. Das war der letzte Krebs. Selbst wenn es ein magerer Fang gewesen war, so hatte er ihn doch bis in die Mittagsstunden beschäftigt. Aegir legte das Messer zurück auf den mit Krebsresten verunreinigten Tisch und lehnte sich mit seinem Schemel an die Hauswand. In Gedanken fragte er sich, warum Snorri nicht längst aufgekreuzt war, um ihm mit belanglosem Gefasel ein Ohr abzukauen. Vielleicht verschont er mich ja heute?
Sein Blick wanderte zu der Schale mit dem Krebsfleisch, das er gleich braten und in Salz einlegen musste, damit es nicht schlecht wurde. Dann seufzte er und schloss für einen Moment die Augen.
Das Geräusch von Stiefeln, die durch die matschige Straße pflügten, weckte Aegir aus seinem halbschlafähnlichen Zustand. Irritiert setzte er sich auf, dann kam sein jüngerer Bruder auch schon um die Ecke gebogen.
»Dein Weib hat dich vermisst«, grüßte Snorri und klopfte ihm verheißungsvoll auf die Schulter. »Und Islav hat nach dir gefragt. Ich habe ihm gesagt, du seist noch in dringender Angelegenheit mit dem Tagesfang beschäftigt«, er lehnte sich grinsend an die Wand und blickte Aegir eindringlich an. Dann wich sein Lächeln einem gewissen Maß an Besorgtheit. »Was ist los mit dir? Verkriechst dich hier oben, während die Männer ruhmreich nach Hause zurückkehren? Sind es nicht auch deine Waffenbrüder?«
Aegir erwiderte mit einem unverständlichen Brummeln. »Unsere Waffenbrüder, ja? Sag, bist du schon einmal auf einen Viking gefahren, du vorlauter Rotzlöffel? Hast das Blut der Feinde vergossen? Brüder sterben sehen? Wind und Wellen getrotzt? Du bist ein Narr,der seinen Kopf in den Wolken stecken hat! Wenn Islav dich wirklich mitnehmen will, bringe ich ihn eigenhändig um.«
Für einen Moment blitzte der Zorn durch Snorris Augen, dann jedoch schien er sich eines Besseren zu besinnen. »Ich werde mitfahren, ob du willst oder nicht. Sie haben die Inselmänner angegriffen, wehrlose Feiglinge allesamt, aber reich sollen sie sein. Und du wirst es nicht glauben…«
Aegir verzog eine seiner buschigen Augenbrauen. »Was werde ich nicht glauben?«, fragte er forsch. Die Wahrscheinlichkeit, dass Snorri etwas wusste, das ihm nicht bekannt war, hielt er für relativ gering.
»Sie beten zu einem Toten. Ihr Gott ist am Kreuz gestorben und hat sie zurückgelassen. Wie die Lämmer auf der Schlachtbank. Was für blamable Schwächlinge«, Snorri reckte die Faust in die Luft als würde er ihr eine Abreibung verpassen.
Aegir schüttelte mit dem Kopf. »Die Inselmänner sind nicht so wehrlos, wie du vielleicht glauben magst. Man muss rasch zuschlagen, sich krallen was man kriegt und verschwinden, bevor sie einen aufknüpfen. Und auch wenn wir ihren Glauben nicht verstehen, er verleiht ihnen dieselbe Kraft, wie es die unseren Götter tun.«
»Du sprichst wie ein Ungläubiger!«,wütete Snorri und schlug mit der Faust laut krachend auf den Tisch. »Ich habe schon einen Bruder, der in Hel verrottet, ich will dich nicht auch noch an die Dunkelheit verlieren. Aber die Tore von Walhall verschließen sich vor dir. Sag,mit wem soll ich anstoßen, wenn ihr nicht mehr seid?«
»Lass Dyggur aus dem Spiel, bevor Mutter dich mit dem Besen verprügelt. Die Namen der Toten zu nennen, schickt sich nicht. Die Lepra ist ein Feind, gegen den wir nicht ankämpfen können, nicht mit Axt und nicht mit Schild. Das weißt du ganz genau.« Aegir spürte, wie die Wut in ihm aufkochte und er schob sich mit einem kräftigen Ruck aus seinem Schemel.
Jeder andere hätte das aufgrund seiner Körpergröße vermutlich als Drohung verstanden, nicht jedoch Snorri, der ihn seltsam ruhig beäugte. »Wir reisen zu einem Kloster der Inselmänner. In ein paar Monden geht es los. Ich werde dabei sein, denn sie sind keine Gegner für uns. Wir sind die Gefahr, die aus dem Norden zuschlägt. Wikinger nennen sie uns und ich will verflucht sein, wenn sie diesen Namen nicht mit Furcht aussprechen. Ich werde nicht in Hel versauern und mich von meinen Ahnen bedauern lassen!« Er legte Aegir fast zutraulich eine Hand auf die Schulter. »Lass uns Wölfe sein, Bruderherz. Wölfe aus Asgard, die den Tod und den Schrecken bringen, wohin sie auch segeln. Und dann stoßen wir in Walhall auf unseren Bruder an.«   
Für einen Moment sagte Aegir nichts, stand nur da und war ganz bei sich. Dann knurrte er: »Nein!«, griff sich die Krebse, schritt ohne ein weiteres Wort zu verschwenden an Snorri vorbei und ließ die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen.

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