Schreibkommune

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Autor: Antares (Seite 1 von 2)

Silvarum Nemora – Im Dunkel der Wälder (1/2)

,,Alter.“, flüsterte Ben leise. ,,Willst du das wirklich durchziehen?“

Matthias nickte entschlossen. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust, er fühlte wie seine Glieder in der Kälte der Furcht erstarrten. Doch er durfte sich auf keinen Fall weigern. Er würde ohne Zweifel sein Gesicht verlieren.

Es war Samstag. Ben und er hockten in seinem Zimmer und warteten auf Mitternacht. Um Punkt zwölf Uhr nachts sollte Matthias allein in ein kleines, verlassenes Dorf gehen, dass sich im Wald hinter der Stadt befand. Anja hatte dies als Mutprobe in der Schule von ihm verlangt.

Matthias konnte sich lebhaft vorstellen, was seine Mutter von dem Vorhaben halten würde: Es ist viel zu gefährlich für einen fünfzehnjährigen Jungen, in der Nacht allein durch den Wald zu gehen! Betrunkene oder Diebe oder anderes Gesindel lauern einem da drin auf…

Matthias schüttelte den Kopf, um sich zu fokussieren. Nur noch zwei Minuten, dann musste er sich auf den Weg machen. Die Uhr an seinem Handgelenk, deren Ziffernblatt hell leuchtete, erschien ihm plötzlich wie ein Sendbote des Gerichts, der ihm ein verhängnisvolles Urteil verkündete…

Todesstrafe, vollzogen in zwei Minuten…

,,Lass mich wenigstens mitkommen, Alter.“, verlangte Ben. Seine Augen suchten den Kontakt, seine Stimme klang eindringlich. ,,Fällt doch nicht auf…“

Matthias schüttelte den Kopf. ,,Irgendwer muss hier die Stellung halten, falls meine Mom aufwacht und sich fragt, was los ist. Das musst du machen, Alter.“

,,Ja, aber Alter…“ Ben schien nach Worten zu suchen, um ein seltsames Gefühl auszudrücken, das wie eine Gewitterwolke zwischen ihnen hing. Es handelte sich um ein psychisches Echo, das Gefahr verkündete. Keine logische Aussage konnte ihre Anwesenheit belegen, doch Matthias fühlte, wie seine Instinkte reagierten. Sie rieten ihm, in Sicherheit zu bleiben, hinter hohen, schützenden Mauern zu verweilen, anstatt sich leichtfertig in Gefahr zu begeben.

Gefahr, was rede ich denn? Reiß dich zusammen, du Baby!, schalt er sich selbst. Da draußen sind nur Bäume und Tiere, aber keine Verbrecher…

,,Es ist soweit.“ Bens Stimme legte sich wie ein dunkles Tuch über ihn. Seine Uhr bestätigte seine Aussage. Die zwei Minuten waren verstrichen, obwohl sie sich eher wie zehn Sekunden angefühlt hatten.

Schweigend erhob sich Matthias und ging zur Tür seines Zimmers. Leise drückte er sie auf und schlich aus dem Raum. Trotz der Dunkelheit fand er die Treppe ohne Probleme. Im Erdgeschoss schlüpfte er in eine dunkle Jacke und in warme Stiefel. Ben, der ihm geräuschlos gefolgt war, drückte ihm eine starke Taschenlampe in die Hand. Matthias bedankte sich mit einem Nicken. Theoretisch könnte er auch die Funktion seines Handys benutzen, um seine Umgebung zu erhellen, jedoch zog er es vor, Akkuladung sparen zu können.

Kurz bevor Matthias die Tür öffnete, nickte er Ben zum Abschied zu. Obwohl es ihnen absurd erschien, erfüllte sie eine seltsame Furcht. Lag es am Schatten der Bäume, die nur wenige Meter hinter Matthias’ Elternhaus das Gras in Dunkelheit tauchten? Oder am Wispern der Blätter im Wind, das trotz geschlossener Fenster auf abstruse Weise seinen Weg zu den Ohren der Jungen gefunden hatte?

Keiner von beiden wusste es.

Matthias’ Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er folgte einem schmalen Weg, der sich, von Blättern und Tannennadeln bedeckt, kaum vom restlichen Waldboden unterschied. Lediglich die starke Lampe in seiner rechten Hand bewahrte ihn davor, den Pfad zu verlieren.

Seine Gedanken wurden vom Gefühl der Gefahr, das sein Herz wie eine eisige Klaue umklammerte, nahezu erstickt. Die Sinne geschärft, die Muskeln angespannt, marschierte er leicht geduckt durch die nächtliche Landschaft. Sein Atem bildete vor ihm in der Luft Rauchwolken.

Matthias konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als er sich seinem Zielort näherte: einer großen Waldlichtung, die von baufälligen alten Häusern ausgefüllt wurde. Anja hatte grinsend von ihm verlangt, dort ein Video mit seinem Handy zu drehen und außerdem ein Holzstück von einem der Gebäude mitzunehmen.

Wieso habe ich Trottel mich darauf eingelassen?

Die Frage fegte wie ein plötzlicher Windstoß durch sein Gehirn. Er blieb stehen. Das Licht der Lampe in seiner Rechten entrang der Finsternis ein vermodertes Holzschild, das umgeworfen im Gras lag.

Ich kann jetzt nicht umkehren. Ich muss weitermachen.

Als er sich langsam wieder in Bewegung setzte, kam ihm ein Horrorfilm in den Sinn, den er erst vor Kurzem gesehen hatte. Die Protagonistin war in einer kalten Nacht wie dieser von einem verrückten Massenmörder überrascht worden. Der Mann lauerte halb verborgen im Gebüsch, versteckt durch die Dunkelheit und seinen Mantel, die Axt ruhig in der Hand. Er beobachtete sein Opfer, leckte sich in stiller Vorfreude über die Lippen, bis er schließlich des Wartens überdrüssig war. Wie ein Raubtier schoss er aus der Barriere aus Finsternis und fiel die Protagonistin an.

Das ist doch nur ein Film, Blödmann!

Trotzdem konnte sich Matthias eines Gefühls durchdringender Furcht nicht erwehren. Während er mit zitternden Knien das verlassene Dorf betrat, erfüllte ihn die nie gekannte Sicherheit, beobachtet zu werden.

Lauf!, rieten ihm seine Instinkte. Wen interessiert diese Mutprobe?

Trotzdem setzte er kontinuierlich einen Fuß vor den anderen, bis er in der Mitte des Kreises aus verfallenen Gebäuden stand. Ängstlich um sich blickend, griff er mit seiner zitternden linken Hand in seine Hosentasche, in der er sein Handy mit sich trug.

Plötzlich erklang ein Geräusch, das ihn sofort erstarren ließ. Direkt hinter ihm war soeben eine Tür mit rostigen Scharnieren geöffnet worden.

O mein Gott.

Matthias vermochte kaum zu atmen, während er wie eine Statue auf dem von Gras überwuchertem Boden stand. Alles in ihm schrie danach, sofort die Flucht zu ergreifen. Doch etwas hielt ihn zurück, eine merkwürdige Kraft. Sie glich einer seltsamen Sperre, ähnlich der, die einen in Rage gebrachten Menschen am Zuschlagen hindern will. Ein letztes Echo der Zivilisation, das sich zwischen Realität und der von Zorn vergifteten Geisteswelt schiebt.

,,Sieh an.“, sprach eine Stimme hinter ihm gut gelaunt. Sie klang überraschend menschlich, jagte Matthias aber dennoch einen Schauer über den Rücken. ,,Ein Junge. Wie nett. Aber um diese Uhrzeit solltest du wirklich nicht mehr alleine herumlaufen. Seltsame Gestalten treiben im Wald ihr Unwesen…“

Wie auf Kommando drehte Matthias sich um. Er konnte die Bewegung nicht aufhalten. Sein Wille war zerschellt wie eine edle Blumenvase, die zu Boden fiel.

Zu seinem Erstaunen stand er einem schlanken jungen Mann gegenüber, der ihn freundlich anlächelte. Er trug löchrige, ausgewaschene Jeans und am Oberkörper eine fleckige Weste über einem schwarzen T-Shirt. Seine schmutzigen, langen blonden Haare fielen ihm ungebunden auf die Schultern. Auf seinem Kopf saß ein großer Hut, die Hände steckten in den Hosentaschen.

Der Fremde wirkte lässig und auf seine Art unantastbar. Es handelte sich bei ihm um einen jener Menschen, die Matthias sich nicht als gedemütigte Opfer vorstellen konnte. Der Gedanke, diese Person könnte irgendwie Schwäche zeigen, erschien ihm völlig absurd.

,,Möchtest du nicht hereinkommen?“, fragte der junge Mann und deutete einladend auf eines der baufälligen Häuser. ,,Hier draußen ist es sehr kalt.“

Obwohl seine Furcht etwas nachließ, verspürte Matthias noch immer das dringende Bedürfnis, zu fliehen. Was, wenn er hier einem Psychopathen begegnet war, der seine Opfer im Wald suchte? Er durfte ihm auf keinen Fall vertrauen.

Doch wieder erschien jene seltsame Sperre. Die Vorstellung, sich zu verweigern, erschien Matthias unsittlich und böse. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, ging er auf den Fremden zu.

Dieser nickte zufrieden und hielt ihm die Tür auf. ,,Nenne mich Enki. Einfach den Gang entlang, Matthias.“

Woher weiß er meinen Namen? Ein Stalker?

Die eisige Klaue der Furcht schloss sich enger um Matthias’ Herz, als er den dunklen Gang durchquerte. Das Mondlicht erhellte durch Löcher in der Decke schwach den Boden. Wie mechanisch durchquerte er den langen Korridor, Enki direkt hinter ihm. Am Ende des Ganges versperrte ihm eine Tür den Weg.

,,Einfach den Knauf drehen.“, riet ihm Enki, als er stehen blieb. Obwohl Matthias am liebsten schreiend in die andere Richtung gelaufen wäre, befolgte er wie selbstverständlich die Anordnung. Die Tür schwang laut quietschend auf und enthüllte einen dunklen Raum. Die einzige helle Stelle bestand aus einem runden Tisch mit einer Kerze und zwei Stühlen, die sich gegenüberstanden.

,,Fühle dich wie zuhause.“ Enki ging lächelnd an ihm vorbei und ließ sich auf einen der beiden Stühle sinken. Ohne darüber nachzudenken, wählte Matthias den anderen. Kaum berührte er die Sitzfläche, erfüllte Taubheit seinen Körper. Er konnte sich nicht mehr bewegen.

O Gott, was passiert hier, was wird dieser Wahnsinnige mit mir anstellen? O Gott, wenn es dich gibt, dann bitte, bitte, bitte, bitte, rette mich, ich will noch nicht sterben, bitte, bitte, bitte, ich werde auch nie wieder mit jemandem streiten, bitte, bitte, bitte.

Enki betrachtete ihn interessiert über den Rand der Kerzenflamme hinweg. Der unregelmäßige Schein warf gespenstische Schatten an die Wand und verwandelte sein Gesicht in ein Schlachtfeld zwischen Licht und Dunkelheit. Erst jetzt fielen Matthias die seltsamen Augen des Fremden auf. Sie strahlten golden, doch erleuchteten sie die Umgebung in keinster Weise.

Schließlich durchbrach Enki die unheimliche Stille: ,,Ich muss schon sagen, Matthias, sehr schöne Sachen hast du da.“ Dabei glitt sein Blick über Matthias’ Kleidung. ,,I-Phone 11, Snipes-Pullover und Jeans von Tommy Hilfiger. Und erst die Schuhe…Desert Boots aus Leder…ebenfalls von Tommy Hilfiger…“ Enkis Augen wanderten zu seinem Kopf. ,,Hochgestellte Haare…Fußballer, nicht wahr?“

Matthias nickte automatisch. Er spielte im Verein und trainierte oftmals wöchentlich.

Enki nickte langsam…fast verträumt. Der seltsame Mann ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken, bis sein Rücken die dünne Holzlehne berührte.

,,Erzähl mir doch mal ein bisschen von dir.“

Matthias wollte schweigen. Er litt immer noch an gewaltigen Ängsten und vollbrachte es kaum, zu atmen. Trotzdem entrangen sich seinem Mund die Worte, intimste Gedanken und Geheimnisse offenbart in der kaum erhellten Dunkelheit dieses Raumes. Enki lauschte dem Redefluss mit ruhiger Miene.

,,Ich bin Matthias, 15, Einzelkind, lebe mit meinen Eltern in Theresienfelden. Ich kicke im Verein, bin aber einer der schlechtesten von uns, obwohl ich immer behaupte, der Beste zu sein, um meine Freunde und die Mädchen zu beeindrucken. Außerdem gehe ich jeden Tag ins Fitnessstudio, damit ich fett Muskeln aufbaue, mein Bizeps ist schon echt groß, ich werde dafür echt beneidet. Meine besten Freunde sind Ben und Mert, ich hab’ auch noch’n paar Kumpels in der Klasse, alle finden mich cool und ich will auch cool sein, deswegen kaufe ich das ganze Zeugs, ich weiß, dass es Blödsinn ist, aber ich will es trotzdem, sieht voll geil aus…außerdem bin ich total in Anja verschossen, sie ist so geil, ich hab mir schon oft vorgestellt, dass wir auf ein Date gehen, aber es geht nich’ wirklich, ich weiß nicht, was ich tun soll und was, wenn sie nein sagt…ich hab’ richtig schlechte Noten, letztes Jahr sogar Nachprüfung, deshalb hasse ich die ganzen Streber in meiner Klasse, die sind so arrogant, wenn sie wieder davon reden wie gut ihre Noten sind, voll abartig, zum Kotzen, deshalb mache ich mich über sie lustig und verarsche sie öfters, eigentlich beneide ich sie ja, die Trottel haben keine Ahnung, wie gut sie es haben…ich habe schon oft Alkohol getrunken und oft gekotzt eigentlich finde ich ja, es schmeckt ziemlich bescheuert, aber naja…ich will, dass die anderen mich cool finden und ich habe sonst nichts, wo ich mein Selbstvertrauen herkriege, ist echt blöd, aber naja…meine Eltern wollen ständig, dass ich lerne, sind echt voll nervig, sie nehmen mir immer wieder mein Handy weg, weil sie denken, dass ich zu viel damit mache und naja…sie wollen mich in den Ferien in so ein Lerncamp schicken, wo man die ganze Zeit Bücher liest und so anderes Scheißzeug ist echt zum Kotzen…außerdem wollen sie mir nichts zum Geburtstag mehr schenken, wenn ich in Englisch nicht mindestens einen Dreier schaffe…echt zum Kotzen, ich will mir einreden, dass ich sie hasse, obwohl ich sie irgendwie verstehen kann, aber trotzdem, ich will nicht lernen, ich kann nicht, ich werde in so was nie gut sein, ist echt zum Kotzen…“

Enki hob ruhig die Hand. Wie durch Zauberhand schloss sich Matthias’ Mund und der Redeschwall endete. Einen Moment lang versank die Angst in einer Flut aus Peinlichkeit, die ihn zu ersticken drohte. Er hatte diesem Fremden soeben alles über sein Leben verraten, sogar Dinge, die er selbst nicht wusste.

Oder die ich mir nicht eingestehen wollte.

Der Gedanke erfüllte mit einem Mal Matthias’ Kopf, wirkte aber nicht, als stamme er von ihm.

Enki räusperte sich. Er sah Matthias ernst an. Seine goldenen Augen schienen dabei bis auf den Grund seiner Seele zu blicken. Schließlich sagte er:

,,Mein lieber Junge, darf ich dir etwas zeigen?“

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Gottes Hammer: Folkvang Ende?

Hallo Schreibkommune!

Seit Beginn der Geschichte sind einige Monate vergangen und es wird Zeit, dass sie nun endet. Es fehlt nur noch ein Teil. Bevor ich dn aber veröffentliche, möchte ich eine kleine Untersuchung vornehmen: Gottes Hammer wurde weitaus länger als beabsichtigt und weil mir durchaus bewusst ist, dass eine solche Seitenzahl den einen oder anderen abschreckt, würde ich gern ein kleines Experiment durchführen. Wer wirklich alle Teile gelesen hat und nun auch das Ende erfahren möchte, der schreibe mir eine kurze Nachricht: antares.hoerl@gmail.com

Das hier soll auch eine kleine Studie meinerseits werden, ob Geschichten solchen Umfangs überhaupt gut ankommen.

Danke für euer Verständnis!

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Gottes Hammer: Folkvang XVIII

Berith wartete.

Er stand in aufrechter Haltung vor dem gewaltigen Doppeltor, das als einziger Zugang zum unterirdischen See Sökkvar diente. Zwei Statuen aus schwarzem Stein, die wie groteske Abgötter dem Besucher eine Peitsche und einen Apfel entgegenhielten, flankierten es. Er selbst hatte sich ihnen nun in ihrer endlosen Wache angeschlossen.

Er wusste, lange würde die seine nicht dauern.

Die Ereignisse überschlugen sich und der Köder, den er für Azrael ausgelegt hatte, würde seine Wirkung nicht verfehlen. Berith wusste, wie der Kampf ausgehen würde. Er konnte gegen Azrael und Halgin nicht bestehen.

Aber jemand anderes konnte es.

Berith lächelte. Er hörte ein Geräusch in der Finsternis. Das Flattern von Flügeln. Sie waren hier.

Er hätte nicht gedacht, dass ein Dämon sich vor dem Tod derartig frei und ungebunden fühlen konnte. Vermutlich fiel die Verantwortung dafür dem jahrhundertelangen Zermürbungsprozess zu, der nur die Machtgierigen verschonte. Azrael würde auch tausend Jahre überdauern, ohne Todessehnsucht zu verspüren. Er hingegen hatte sein Schicksal erfüllt. Der Folkvangstag war gekommen. Gottes Hammer würde endlich fallen.

Es tut mir wirklich leid, dass ich Ashaya nicht einweihen konnte. Die lebhafte Heilige war ihm ans Herz gewachsen. Sie glaubte immer noch, er würde einfach Irodeus wiedererwecken wollen. Dabei ist im Leben nichts einfach. Eine Lektion, die alle hier erst noch lernen müssen.

In der Dunkelheit flammte rotes Licht auf und Berith schloss die Augen. Das Geräusch zweier Stiefel, die sich kräftig vom felsigen Untergrund abstießen, wurde zu seinem Requiem.

Jetzt liegt alles an dir …

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Azrael zog die blutüberströmte Klinge überrascht aus der schlaffen Leiche. Die Präsenz des toten Dämons erlosch. Berith musste sie gehört haben. Warum hatte er keine Gegenwehr geleistet?

Worauf wartest du, Angnaur?“ Halgins ruhige Stimme ertönte aus der gesichtslosen Schwärze.

Auf nichts.“ Azrael nahm Murakama und fokussierte seine Energie. Das Blut auf dem Stahl verdampfte, während Wellen dämonischer Macht hindurchfuhren. „Müsst Ihr mich so nennen?“

Das fragst du? Du hast mir eindrucksvoll demonstriert, was du von Ehre hältst!“ Azrael zuckte zusammen, als sich die Krallen des unscheinbaren Vogels in seine rechte Schulter bohrten. Halgin betrachtete ihn aus klugen Augen, während er sich niederließ. „Diesen Titel hast du dir verdient.“

Azrael verdrehte die Augen. „Lasst es uns hinter uns bringen“, murmelte er und sprach ein Wort der Macht. Die beiden grotesken Statuen rotierten langsam um ihre eigene Achse und zogen die schweren Torflügel dabei mit sich. Wachsam trat Azrael ein. Als er Irodeus’ Geist herausgefordert hatte, war er bestens vorbereitet und in Begleitung von Malfegas und Velis gekommen. Nun wusste er nicht, was ihn erwartete.

Der Untergrundsee lag still und glatt da wie eine Glasfläche. Ein fernes Leuchten vom anderen Ufer empfing die beiden. Azrael schluckte. Halgin flatterte nervös mit den Flügeln.

Am Ufer stand eine kleine Gestalt. Als sie näherkamen, erkannte Azrael überrascht Iliana. Sie trug die neuwertige Kleidung eines Pagen der Tempelsöhne und blätterte in einem verstaubten Folianten. Azrael wusste sofort, um welches Buch es sich handelte.

Iliana!“, krächzte mit einem Mal Halgin. Azrael taumelte, als der König sich kräftig von seiner Schulter abstieß. „Iliana!“, rief er erneut. Er landete direkt vor ihr und blickte das Mädchen unverwandt an. Azrael näherte sich langsamer. Er hob Murakama vors Gesicht. Täuschte er sich oder glühten Ilianas Augen rot?

Iliana?“, fragte er leise.

Ein Knall ertönte, als Iliana das Buch zuschlug und sich ihnen zuwandte. Ein Lächeln breitete sich ungewohnterweise auf ihrem jungen Gesicht aus. Azrael konnte sich nicht erinnern, sie je lächeln gesehen zu haben. Als sie sprach, wusste Azrael, wen er vor sich hatte.

Der See Sökkvar“, murmelte Irodeus. „Seit Äonen ein heiliger Ort für jeden Dämon. Berith ermöglicht er, in fremde Träume einzudringen. Mir, in fremde Körper.“

Azrael hob drohend Murakama. „Du!“, schrie er wütend.

Welch ein Schauspiel!“, sprach Irodeus und seufzte theatralisch. „Endlich sind alle Kinder Arions wieder vereint! Nicht wahr, Majestät?“ Dabei betrachtete er Halgin, der entsetzt zurückwich.

Azrael fühlte sich wie von innen ausgehöhlt. „Was?“, flüsterte er.

Man entsinne sich einer Nacht vor fünfzig Jahren, als ein schrecklicher Krieg seinen Anfang nahm“, begann Irodeus. Ilianas Körper vollführte groteske Tanzbewegungen. „Ich erinnere mich an einen mutigen Bruder, der seine neugeborene Schwester einem Fremden übergab …“

Azrael schnappte nach Luft. Seine menschlichen Erinnerungen kehrten mit voller Wucht zurück und ließen ihn erbeben. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Der alte Fischer auf dem Boot, den er vor all den Jahren nach dem Fall Astavals aufsuchen hatte müssen, war der Dämonenkönig selbst gewesen!

Wie kann das sein?“, flüsterte er. „Ihr? Ihr habt mir meine Schwester … ?“

Ilianas Körper nickte grinsend. „Iliana war mein Preis, meine Sklavin und Vollstreckerin, bis dein närrischer Bruder kam und mich in sein Buch sperrte! Glücklicherweise brachte Berith sie schnell genug in Sicherheit. Sie kam zu Arinhild nach Raureif, wo der gute König der Navali natürlich schnell Gefallen an ihr fand. So ein unschuldiges, kleines Würmchen zu retten ist ein gefundenes Fressen für einen derartig ehrenhaften Vogel.“

Ein animalischer Laut löste sich aus Halgins Kehle. Azraels Gedanken vereinigten sich zu einem gewaltigen Wirbel. Er hatte seine Familie für vernichtet gehalten. Nun erfuhr er, dass sowohl sein Bruder als auch seine Schwester noch auf Erden weilten.

Wenn ich das Saskia erzählen könnte … Er würde nie den Blick aufrichtigen Mitleids vergessen, als er ihr vom Tod seiner Geschwister berichtete.

Irodeus lachte wie ein vergnügtes Mädchen. „Ist es nicht melodramatisch? Mein alter Freund Arion wollte sein Volk beschützen. Und was ist aus seinem Plan erwachsen? Sein ältester Sohn verbrennt wehrlose Frauen, sein Jüngster will die Welt beherrschen und seine Tochter ist die Dienerin des Königs von Hornheim! Und alle drei sind Dämonen!“ Ein weiteres Lachen erschütterte die gewaltige Höhle. Wut durchströmte Azraels Adern wie flüssiges Feuer. Er umklammerte Murakama fester. Nur wie sollte er gegen den Dämonenkönig kämpfen, ohne Iliana zu verletzen? Er sah Halgin nervös an. Der König der Navali wirkte ebenso unschlüssig.

Irodeus schien die Situation durchaus zu behagen. Ilianas Körper legte sich auf einen Felsen und ließ vergnügt die Beine baumeln. „Ich muss zugeben, vor meiner psychischen Gefangenschaft hätte ich nie vermutet, euch beide gemeinsam zu sehen. Teshin aus dem entvölkerten Herzogtum und Halgin, der ehrenhafte Vogelkönig … das grenzt an ein Wunder!“ Er breitete die Arme aus. „Ein Wunder, nur inszeniert für meine glorreiche Rückkehr!“

Halgin riss der Geduldsfaden. „Wie kommt es, dass du noch lebst, Irodeus?“, fragte er ungehalten. „Du bist gestorben!“

Irodeus lachte erneut. „Wenn du die traurigen Mordversuche von Arions Söhnen meinst …“

Das tue ich nicht.“ Halgin rührte keinen Muskel. „Ich spreche von damals, in Hrandamaer.“

Stille kehrte ein und die fröhliche Miene auf Ilianas Gesicht wich einer jähzornigen Maske. Azrael sah den vorangegangenen Dämonenkönig verwirrt an. „Halgin, was meint Ihr?“

Es war einmal ein König, der über ein wundervolles Reich herrschte. Aber weil er dem Schicksal trotzen wollte, wurde er zum Dämon und verfluchte sein Heimatland bis in alle Ewigkeit.“ Halgins Augen blitzten. „Nicht wahr, Androg?“

Kurz herrschte Stille. Als der Dämonenkönig erneut sprach, klang seine Stimme dunkel und bedrohlich. „Ja, Halgin. Ich habe mich damals mit letzter Kraft nach Hornheim geschleppt. Meine Götter haben mich zu Gunsten dieses neuen Gottes der Denomination verlassen und ich brauchte ein neues Reich … ein dämonisches, das meinem Geschmack entsprach.“ Er lachte und diesmal wohnte dem Laut nichts Kindliches mehr inne. „Aber das hielt mich nicht davon ab, meinen Machtbereich asuzuweiten.“ Ilianas rot leuchtende Augen wanderten zu Azrael. „Als mich dein Bruder versiegelte, habe ich mich getarnt in die Denomination geschlichen.“, fauchte der Dämon. „Ich war Erzbischof Drogan von Sankt Emerald.“ Ein breites Grinsen spaltete das kindliche Gesicht. „Menschen sind dermaßen vergesslich. Ich musste nur meinen ursprünglichen Namen verdrehen und schon wurde ich vom geächteten König aus den Legenden zum angesehenen Kleriker.“

Azrael hob Murakama. „Also habt Ihr von Anfang an die Fäden gezogen“, flüsterte er. „Ihr habt meinen Vater erst zur Dämonie gebracht, Ihr habt die Denomination manipuliert und den Krieg verursacht. Aber weshalb?“

Irodeus breitete die Arme aus, so als wollte er die gesamte Welt umfassen. „Die Antwort heißt Leid!“ Er lachte erneut und hob dann in gespieltem Ernst den Finger, wobei Grausamkeit Ilianas Augen verdunkelte. „Was würde einen Gott eher auszeichnen, als die Gabe, Leid nach Lust und Laune zu geben und zu nehmen? Meine Kerker waren stets mit Menschen gefüllt und ich habe es genossen, sie zu brechen. Jeder einzelne von ihnen war mein Jünger und ich ihr Gott. Wir lebten damals in einem Mikrokosmos, einer verkleinerten Version unserer wahren Welt. Was ihnen widerfuhr, lag in meinem Ermessen und in meinem Ermessen allein. Jegliche Hybris, jegliche Sünde wider mich, den Heiligsten aller Heiligen, habe ich mit aller Härte bestraft. Nach einem Tag verzweifelten sie, nach einer Woche verfielen sie dem Wahnsinn, nach einem Monat brüllten sie unter der Folter meinen Namen und nach deren zwei sprachen sie Gebete zu mir. Dasselbe wollte ich im Makrokosmos ebenfalls erreichen. Dein Vater ist der Rolle eines Sklaven nahegekommen. Welcher Mensch weiht seine Kinder denn auch einem unbekannten Dämon für die vage Hoffnung, sein Herzogtum zu retten? Ganz genau. Ein Held. Es gab damals viele Helden und ich habe sie alle für mich gewonnen und sie dazu gebracht, sich gegenseitig zu bekriegen. Ihr Wahnsinn war meine Freude, ihre Verluste waren meine Geschenke. Ich will den Menschen Leid und Krieg bringen, auf dass sie mir hörig werden!“ Ilianas Körper keuchte und Schweiß glitzerte auf ihrer Stirn. Irodeus wischte ihn mit einer energischen Handbewegung fort, bevor er erneut zu sprechen begann. „Wie nennst du dich nun? Azrael? Dann hör mir zu. So hättest du dir die Menschen untertan machen sollen. Unter der Folter glaubt ein Mensch an alles, auch an einen Dämon. Aber du wolltest es anders machen. Es steckt zu viel von deinem Vater in dir, du elender Held!“

Azrael wich angeekelt zurück. Auch wenn seine Menschlichkeit unter der Last seines dämonischen Daseins schwand, erschien ihm Irodeus’ Grausamkeit als unbegreiflich. Er selbst hatte auch Leid unter die Menschen gebracht, aber nie allein um des Leides willen. Mit einem Mal kamen ihm Zweifel. Konnte die Zeit einen Dämon zu einem solchen Ungeheuer reifen lassen?

Genug.“ Halgin klang kühl, als er sich vor Azrael stellte. „Drei Könige sind hier versammelt, wir stehen zwei gegen einen. Ich habe nicht die Äonen überdauert, um häretische Gespräche zu führen. Mein Interesse galt stets Hornheims Zerstörung und ich beabsichtige nicht, mein Vorhaben nun aufzugeben!“

Wie nett.“ Irodeus lächelte schmallippig. „Also gehe ich recht der Annahme, dass ihr zwei gegen mich kämpfen wollt?“

Halgin flatterte mit den Flügeln. „Erraten.“

Ilianas Körper zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, Iliana sei Euch mehr wert … aber wenn Ihr darauf besteht …“

Er hatte noch nicht geendet, als drei Lichtblitze die Luft erfüllten.

Azrael fühlte Halgins machtvollen Zauber, während er selbst mit übernatürlicher Geschwindigkeit auf Irodeus zuschoss. Er musste versuchen, Murakama in Ilianas Fleisch zu treiben und dem alten König so seine Magie zu entziehen.

Irodeus aber blieb nicht untätig. Eine elektrisierende Welle dämonischer Energie erfasste Azrael und warf ihn zurück. Kaum landete er mit erhobenem Schwert, folgte ein Feuerstrom. Azrael fokussierte seine magische Macht und umgab sich mit einem Schutzschild aus reiner Energie. Er fühlte, wie Halgin sich an seinen abgeschirmten Rücken duckte.

Als die Flammen zurückwichen, hielt Irodeus mit einem Mal ein Schwert in der Hand. Azrael erkannte es.

Überrascht?“, fragte Irodeus ironisch. „Das ist Abigors Schwert Velfaunir, das nur die ältesten Söhne von Hrandamaer führen dürfen. Eure heidnische Magie kann es nicht aufhalten!“

Obwohl sein klopfendes Herz ihm aus der Brust zu springen drohte, hob Azrael kühl Murakama. „Ihr seid nicht der einzige, der eine heilige Waffe sein Eigen nennt.“

Arions Megingjormar? Berith erzählte mir, du hast ihm einen neuen Namen gegeben. Wie blasphemisch.“

Anstatt mit einer Erwiderung beantwortete Azrael den Satz mit einem Überkopfhieb. Funken sprühten, als die Klingen aufeinandertrafen. Azrael schluckte. Gegen ein Kind zu fechten war ungewohnt.

Irodeus nutzte seine Position und reagierte mit einem schnellen Streich. Azrael parierte, aber der Hieb kam von zu weit unten und die ungewohnte Stellung brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Iliana stürzte blitzschnell vor und Velfaunirs Stahl fuhr durch die magische Barriere in Azraels Oberarm.

Irodeus stieß einen triumphierenden Schrei aus und Azrael brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit. Eilig befühlte er die blutende Wunde. Sie war nicht groß, aber tief. Der geweihte Stahl schien seine Adern berührt zu haben, denn Azrael taumelte mit einem Mal. Die Heiligkeit der Klinge küsste sein Blut und fuhr durch seinen Körper wie reinigendes Feuer. Es schien alles Dämonische aus ihm zu zwingen wollen.

Halgin deckte seinen Rückzug aus der Luft, aber Ilianas kleiner Körper tauchte unter dem magischen Angriff hinweg und attackierte Azrael erneut. Er parierte und verlor beinahe das Gleichgewicht, als er gegen einen aus dem Boden ragenden Stein stieß. Im Nahkampf konnte er dem alten König nichts entgegensetzen. Er musste den Kampf auf magische Weise entscheiden.

Während er sich gegen eine weitere Angriffsserie stemmte, stieß Azrael ein verbotenes Wort der Macht hervor, das den Eingang zu seiner Hölle öffnete. Mit einem Mal befanden sie sich inmitten von Schwefeldampf und magmatischen Quellen. In der Ferne konnte er die Umrisse der von den Menschen gegründeten Stadt ausmachen. Azrael fühlte, wie seine Kräfte zurückkehrten. Dies war sein Reich. Hier war er der einzige König.

Einen Moment lang wirkte Irodeus tatsächlich verblüfft. Azrael erkannte seine Chance und stieß als unmenschlich schneller Schemen mit Murakama zu. Die schlanke Spitze des Schwerts verfehlte Irodeus’ Schulter nur knapp. Der alte König brachte sich mit einer unmöglich weiten Hechtrolle in Sicherheit und entging mit einem lässigen Ausfallschritt Halgins Angriff. Er nutzte Velis’ Zauber, um als kaum zu fassender Schemen auszuweichen.

Dennoch, er wirkte verunsichert. Azrael sah, wie Ilianas dünne Arme zitterten. Gleichgültig, über welche Kräfte Irodeus gebot, er bewohnte den Körper eines Kindes und führte einen Bidenhänder. Selbst erwachsene Männer würden ein solches Gewicht nicht lange ertragen.

Azrael hob Murakama und fokussierte sich. Velfaunirs Kuss forderte seinen Tribut, aber er hielt der Wirkung der heiligen Klinge stand. In einem Zermürbungskampf würde er die Oberhand gewinnen.

Zu einem ähnlichen Schluss schien auch Irodeus zu kommen. Mit einer verächtlichen Bewegung ließ er Velfaunir verschwinden und hielt plötzlich einen Mauritiusstab in der Hand.

Der Choral der sieben Könige“, flüsterte er. „So hat alles begonnen, nicht wahr?“

Ehe Azrael reagieren konnte, begann Ilianas Körper mit glockenheller Stimme zu singen. Heilige Magie sammelte sich um den zierlichen Körper. Azrael erinnerte sich. Dieselbe Kampftechnik hatte Velis in der Gestalt von Medardus gegen ihn und Saskia angewandt. Irodeus jedoch sammelte weitaus mehr Magie, bis ein Nexus aus Heiligkeit sich um ihn legte.

Azraels Barriere glühte auf, als Halgin auf seiner Schulter landete. „Wir müssen von hier weg!“, krächzte der König panisch. „Wenn dieser Angriff uns trifft, werden wir bei lebendigem Leib verbrannt!“

Azrael dachte an Abigors Ableben und erschauderte. Velis’ Zauber in der verfluchten Kirche konnte kaum mit Irodeus’ Nexus verglichen werden. Azrael ballte wütend die Hände zu Fäusten. Ihnen blieb keine andere Wahl. Sie mussten fliehen.

Hastig hob er Murakama, um ein Portal zu öffnen. Er griff tief hinein in das Gebilde der Realität, doch ehe er es entwirren konnte, verschloss es sich ihm mit einem Mal. Entsetzt hielt Azrael inne und betrachtete seine Umgebung. Die Realität verzerrte sich um ihn herum. Irodeus erschuf eine abgegrenzte Welt innerhalb der Welt.

Er benutzt den selben Zauber wie ich damals!“, krächzte Halgin, während der Gesang anschwoll. „Los, kontere ihn, wie du meinen gekontert hast!“

Ich kann nicht!“, erwiderte Azrael hitzig. „Um ein Portal zu meiner Hölle zu öffnen, muss ich außerhalb dieser Hölle sein!“ Sie waren gefangen. Irodeus hatte sie vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Azrael fühlte, wie seine Kräfte ihn verließen. Dies war Irodeus’ Sphäre. Hier besaß der alte König unbegrenzte Macht.

Azrael hörte, wie Halgin einen letzten Segen murmelte, als Irodeus den Choral beendete und seine Umgebung in heiliges Licht tauchte.

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Gottes Hammer: Folkvang XVII

Ashaya!“, rief Azrael wütend. Sein Arm zitterte, als er herausfordernd Murakama hob. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

Kurz herrschte Stille. Azrael wog seine Chancen ab. Er könnte Ashaya schlicht ignorieren und nach Hornheim zurückkehren. Doch Irodeus hatte ihm nun schon einmal bewiesen, dass er über seine Portale Macht besaß. Wenn er es erneut versuchte, könnte er vielleicht mitten im Meer landen.

Ein Angebot?“, fragte er gereizt.

Ashaya setzte sich lächelnd auf den Dachfirst und ließ ihre Beine baumeln. Die Symbole auf ihren Schultern glühten.

Es ist ganz einfach. Bleibt hier bei mir, während mein Herr und König zurückkehrt. Danach dürft Ihr ihm gern die Treue schwören – Ihr werdet in Ruhe gelassen und dürft tun, was auch immer Ihr wollt. Indem Ihr Euch unterwerft, werdet Ihr wahre Freiheit erlangen – genau wie ich.“

Malfegas schnaubte und sein Schwanz peitschte wild umher. „Du unterstützt diesen Spinner? Weißt du eigentlich, was er getan hat?“

Ashaya zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ich weiß nur, was er nicht getan hat. Zum Beispiel die Menschheit unterwerfen, um sie vor sich selbst zu beschützen.“ Sie kicherte erneut und die Symbole flackerten wie violette Leuchtfeuer. „Kommt schon, so schlimm ist das auch nicht. Azrael, Ihr dürft Euch gerne ein Königreich der Menschen aussuchen und als Usurpator herrschen. Das ist meinem Herrn einerlei. Er will nur den Thron Hornheims.“

Azrael warf Velis einen besorgten Blick zu. Die mädchenhafte Herzogin zitterte am ganzen Leib. Sie wirkte bleich wie ein Gespenst und schlang die Arme um ihren dürren Körper. Seimos legte stellte sich schützend vor sie und sah Azrael entschlossen an. Er verstand.

Auch wenn sie als Brüder gewisse Differenzen hatten, sie beide verfolgten zumindest ein gemeinsames Ziel. Sie wollten Velis vor ihrem Vater beschützen. Azrael wandte sich wieder Ashaya zu. Ihr herausforderndes Lächeln machte ihn rasend.

Was wird mit Velis geschehen?“, fragte Azrael laut.

Ashaya schob die Unterlippe vor. „Och, das ist eine gemeine Frage.“ Im nächsten Moment schlich sich ein breites Lächeln auf ihr Gesicht und kurz funkelte Niedertracht in ihren großen Augen. „Sie ist des Königs Tochter. Also gehört sie dem König. So einfach ist das.“

Velis erbebte und schmiegte sich an Seimos. Dabei sah sie Azrael flehend an. Betroffen wandte er sich ab. Noch nie hatte er solches Entsetzen in den Augen eines Kindes erblickt.

Und was, wenn ich mich weigere? Wenn ich nach Hornheim zurückkehre und den König erneut töte?“, fragte er.

Ashaya kicherte. „Bitte, öffnet ein Portal! Wo werdet Ihr diesmal landen? In Hrandamaer? In den Ruinen von Astaval? Vielleicht in Folkvang?“ Sie lachte, doch nun hatte der Laut nichts Kindliches mehr. „Eure Bemühungen sind vergeblich. Ihr habt die Schlacht verloren, noch ehe sie begonnen hat.“

Azrael ballte die Hand zur Faust. Er kannte keinen Zauber, der Portale umleiten konnte. Berith hätte ihm mit seinem unfangreichen Wissen in dieser Situation gewiss dienlich sein können. Warum musste er ihn bloß zum Feind haben?

Azrael wagte einen letzten Versuch. „Wie wäre es mit einem Tausch?“

Ashaya legte den Kopf schief. „Ein Tausch?“

Azrael umklammerte Murakama fester. Er hasste es, sich erpressen zu lassen. „Was, wenn ich Berith das gäbe, was er sich wünscht? Wäre das genug, um mir seine Treue zu sichern?“

Ashaya lachte erneut. Tränen entflohen ihren Augen, während sie sich herzhaft auf die Schenkel klopfte.

Beriths größter Wunsch ist es, einen weisen und realistisch denkenden König zu haben!“, frohlockte sie. „Beides Eigenschaften, die Ihr offenbar nicht Euer Eigen nennt!“

Das war zuviel. Azrael knurrte und fühlte, wie seine magische Macht wuchs. Noch war er der König von Hornheim. Er würde sich nicht von einer falschen Heiligen Hrandamaers demütigen lassen.

Wie kannst du es wagen?“, brüllte Malfegas erregt, ehe Azrael handeln konnte. „Wenn du glaubst, dass ich mich Irodeus wieder unterwerfe, hast du dich gründlich getäuscht! Das kannst du ihm ausrichten, wenn ich dich in Einzelteile nach Hornheim zurückschicke!“

Der gewaltige Löwe stemmte sich auf seinen Hinterbeinen empor und beantwortete Ashayas Kichern mit einem wahren Inferno aus Feuer. Beriths Dienerin entkam knapp, aber im nächsten Augenblick erstarrte sie mitten in der Luft. Velis wirkte mit zitternden Händen und wütend zusammengekniffenen Augen ihren Gegenzauber.

Während Ashaya gen Erdboden fiel, stieß sich Azrael vom Boden ab. Seltsame Ruhe überkam ihn und er flüsterte ein Wort der Macht. Wie ein Blitz bewegte er sich auf den durch die Luft gleitenden Körper zu, seine Umgebung verschwamm zu einem Wirbel aus Farben und Murakama glich einem rötlichen Kometen. Im nächsten Augenblick stach er zu wie mit einer Turnierlanze und Ashaya schrie auf.

Der Geruch von Blut hing in der Luft und die Dienerin wand sich am Boden. Azrael flüsterte ein weiteres Wort. Während die Klinge in Ashayas Fleisch steckte, entzog sie den Symbolen auf ihren Schultern die Magie. Im nächsten Augenblick lag die Jungfrau von Hrandamaer als gewöhnlicher Mensch vor ihm auf dem Boden, den rechten Arm mit Stahl auf den Boden genagelt.

Malfegas knurrte zufrieden. Azrael musterte sorgenvoll die Blutspur, die sein abgetrenntes Bein hinterließ. Normalerweise konnten Waffen einem Dämon keine ernstzunehmenden Verletzungen zufügen, aber Abigors heiliges Schwert bildete die Ausnahme.

Ergrimmt beugte sich Azrael zu Ashaya hinab. „Berith hat dich verraten. Er hat dich zum Sterben hierhergeschickt. Du und Abigor, ihr hattet von Anfang an keine Chance gegen uns.“

Zu seiner Überraschung lachte Ashaya laut auf.

Wir haben getan, was wir tun mussten. Und mich werdet ihr so schnell nicht fassen.“

Azrael setzte zu einer Erwiderung an, als ihm eine altbekannte Präsenz den Atem raubte. Sie fühlte sich an wie von einer anderen Welt und schien als kosmischer Arm nach Ashaya zu greifen. Ihr grinsendes Gesicht verschwand in einem Lichtblitz. Murakama traf auf Stein. Die fremde Macht hatte sie binnen eines Augenblicks der Realität entrissen.

Azrael erkannte sie. „Irodeus“, flüsterte er entsetzt.

Malfegas brüllte frustriert und spieh Flammen wie ein Berserker. Velis sank zu Boden, die bleichen Arme vors Gesicht geschlagen. Mendatius zog langsam sein Schwert und Seimos umklammerte den Mauritiusstab.

Wie kann er von Hornheim aus … ?“, stieß der falsche Inquisitor ungläubig hervor. Er führte den Satz nicht zu Ende.

Malfegas tobte weiter, bis er, vom Blutverlust geschwächt, vor Velis’ Hrandar erschöpft zusammenbrach. Die Untoten wechselten unsichere Blicke, während ihre Herrin langsam begann, seine Wunden zu heilen. Rötliches Licht erhellte die Nacht.

Das war’s“, stöhnte Malfegas ermattet. „Hornheim ist mehrere Tagesreisen von hier entfernt. Wir können nie und nimmer rechtzeitig zurück sein.“

Mendatius fluchte verhalten. Seimos strich gedankenverloren über seinen hölzernen Stab. „Wir brauchen einen Plan“, murmelte er. „Wir müssen einen Zufluchtsort finden und unsere Kräfte sammeln. Vielleicht kann ich in Sankt Emerald mit dem Erzbischof sprechen. Als Clavis eines Heeres werde ich ihn mit Sicherheit überzeugen …“

Azrael schnitt ihm mit erhobener Hand das Wort ab, während er gedankenverloren Murakama betrachtete. Er fühlte die magische Macht, die er Ashaya entzogen hatte. Es gab eine Verbindung nach Hornheim. Eine Verbindung zu Irodeus. So gelang es ihr also, ohne Portal zu verschwinden.

Azrael seufzte. Es blieb ein Restrisiko, aber er musste es eingehen.

Es gibt eine Möglichkeit“, sagte er schließlich.

Aller Augen richteten sich auf ihn. Azrael strich langsam über sein Schwert. Die Klinge glomm rötlich.

Ashaya konnte einfach verschwinden, weil sie mit Irodeus verbunden ist. Er verleiht ihr die Kraft für diesen Zauber.“ Er hob das Schwert und sammelte seine Kräfte. „Ich habe ihr einen Großteil ihrer Magie entzogen. Somit existiert nun zwischen Murakama und dem alten König ebenfalls eine Verbindung.“ Azrael betrachtete die Klinge einen Moment lang. Er hoffte inständig, dass seine Vermutung zutraf. „Ich glaube, ich kann diesen Zauber kopieren.“

Kurz herrschte Stille. Malfegas meldete sich als Erster zu Wort.

Willst du … ich meine, wollt Ihr etwa alleine zu Irodeus?“, rief er entsetzt und machte Anstalten, sich zu erheben. Dabei stolperte er und fiel erneut hin. Velis unterband weitere Versuche mit einem strengen Blick.

Für mehrere Personen reicht dieser Zauber nicht aus“, entgegnete Azrael. „Abgesehen davon weiß ich, wo ich weitere Verbündete finden kann.“

Seimos trat vor. Seine lodernden Augen glitzerten unheilsschwanger.

Das kann nicht dein Ernst sein. Irodeus ist zu mächtig.“

Ich habe ihn schon einmal besiegt, Bruder. Und mit Berith werde ich auch fertig.“ Azrael grinste ihn an. „Er mag ja in Sachen Magie ein Meister sein, aber das trifft nicht auf Ashaya zu. Wie ironisch, dass ausgerechnet sie von Freiheit spricht, während sie ständig Magie anwendet, die ihr nicht einmal gehört.“

Er wandte sich ab und hob das Schwert. Die Energie des fremden Zaubers durchfloss seine Adern. „Wünscht mir Glück.“

Tut das nicht!“ Überrascht hielt Azrael inne. Malfegas sah ihn flehend an. Bestürzt sah Azrael Tränen in seinen rötlichen Augen.

Ich bitte Euch“, rief Malfegas. „Ohne Euch bin ich nur ein Tier. Bitte … kehrt lebend zurück. Liefert den Sängern keine weitere Tragödie, die sie grölen können!“

Dann doch noch eher eine Komödie“, entgegnete Azrael lächelnd und wirkte die fremdartige Magie.

Sorgenvolle Blicke musterten ihn, als der König von Hornheim verschwand.

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Heiße Luft empfing Azrael, als er dem Nichts entrann und sich materialisierte.

Unglaublich, es hat funktioniert. Und das sogar ohne Wort der Macht. Ich muss nach diesem Kampf unbedingt Nachforschungen anstellen.

Er befand sich in seiner Hölle, in der er Esben getötet hatte.

Er bereute die Tat. Er war nach ihrem Gespräch vollkommen sicher gewesen, dass der ehemalige Priester als Dämon zurückkehren würde. Aber scheinbar übertraf Esbens Frömmigkeit doch seine Verzweiflung.

Azrael ließ den Blick über seine Umgebung schweifen, um sich zu orientieren. Er entdeckte inmitten giftiger Dämpfe die kleine Höllenstadt. Ein Wort der Macht verkrümmte die von ihm geschaffene Realität und beförderte ihn sofort durch das Tor vor seinen Palast.

Die Menschen ließen sich nicht blicken. Der Hinrichtungsplatz lag verwaist inmitten der kleinen Gebäude. Eine neue Leiche lag dort, an ein Rad gefesselt. Ungoros, der Fleischklumpen, schwebte darüber.

Ungoros!“, rief Azrael. Er war erleichtert, den hässlichen Dämon wohlauf zu sehen. Scheinbar hatte Berith ihm nichts getan. „Was ist hier los? Wo sind die Menschen?“

Ungoros wandte sich langsam um. Obwohl er keine Miene besaß, die Azrael hätte deuten können, erkannte er die Trauer und die Verzweiflung des Dämons. Ungoros stieß einen kaum vernehmlichen Laut aus, der an ein Seufzen erinnerte.

Mein König.“ Die Stimme des Dichters klang merkwürdig dumpf. „Ihr seid zurückgekehrt.“

Alarmiert hielt Azrael inne und sammelte Energie. Hatte selbst Ungoros die Seiten gewechselt?

Es tut mir leid“, klagte Ungoros. Diesmal wob er keine poetischen Ergüsse in seine Worte mit ein. „Ich ertrage diese Menschen nicht mehr länger! Ich weiß, ich enttäusche Euch, ich werde Euch nicht gerecht, aber ich kann nicht der Engel der Verdammnis sein. Diese Hölle ist für mich eine größere Strafe als für ihre Insassen.“

Azrael blieb wachsam. „Also bist du nun für Irodeus als König?“

Ich weiß, er ist ein grässlicher Mann!“, rief Ungoros. „Aber unter seiner Herrschaft konnte ich tagein, tagaus dichten und tun, was mir beliebte. Es tut mir leid, Majestät, aber ich bin nicht der Richtige für die Rettung der Welt. Die Menschen sind mir ein Gräuel! Sie haben mich einst verkannt, gemartert und hingerichtet. Als Dämon bin ich glücklicher denn als Mensch.“

Bestürzung überkam Azrael. „Dann ist dir das viele Leid in der Welt gleichgültig? Ich habe das alles getan, um Menschen, die wie du sind, ein ähnliches Schicksal zu ersparen!“

Die Menschheit wird sich nie ändern“, erwiderte Ungoros. „Sie wird immer Brutalität mehr als Kultur schätzen. Wie viele Gelehrte gibt es und wie viele Soldaten? Nein, ich will mich als Dämon zurückziehen und alle empfangen, die ebenfalls von den Menschen verschmäht wurden!“

Azrael hob ruhig sein Schwert. Die Worte schmerzten ihn mehr, als er zuzugeben bereit war. „Ich verstehe. Ungoros, es steht dir frei zu gehen. Aber wenn du mich an meinem Vorhaben hinderst, muss ich dich töten.“

Kurz schien Ungoros tatsächlich einen Kampf in Erwägung zu ziehen. Doch im nächsten Moment wandte er sich mit einem weiteren Seufzen ab.

Ich hoffe, Ihr werdet Euren Frieden finden, Majestät“, sagte er leise, bevor er ein Portal öffnete und die Hölle verließ.

Der Verlust von Ungoros betrübte Azrael, aber zum Trauern blieb ihm keine Zeit. Irodeus musste seine Ankunft bereits gespürt haben. Es gab nur eine Person, die ihn jetzt noch unterstützen konnte.

Ein weiteres Wort der Macht beförderte Azrael in seinen kirchenähnlichen Palast, ein weiteres in dessen Gruft. Er hatte sie nach seinem Sieg über Irodeus anlegen lassen, als Gefängnis für künftige Feinde. Sie bestand aus Nachtkammern, dunkle Gräber, die ihre Insassen in finsteren Schlaf versetzten. In den steinernen Wänden zeigten düstere Portale den Eingang in immerwährende Träume.

Azrael wagte sich tief in die steinernen Räume vor. Allein das rötliche Licht seiner Augen erhellte die Umgebung spärlich.

Die Dunkelheit erinnerte ihn an das furchtbare Ende seiner Kindheit, an die eine Nacht, die ihn für immer veränderte. Er hatte alles verloren. Seine Eltern, seine Geschwister, sein Zuhause. Seimos nach all den Jahren wiederzubegegnen glich einem Spottgesang des Schicksals. Sein älterer Bruder hatte sich ebenfalls verändert. Sie beide verfolgten edle Ziele und sie beide opferten Menschenleben für die Verwirklichung ihrer Träume.

Sie kamen eben nach ihrem Vater.

Hatte Arion von Astaval nicht immer gesagt, der Wert eines Ritters bestünde in seiner Fähigkeit, sein Wohl dem der Gruppe unterzuordnen? Dies war seine Lebenseinstellung und er erwartete sie genauso von jeder anderen Person. Wie sonst konnte Azrael erklären, dass sein Vater ihn, sein eigenes Kind, zum Dämon gemacht hatte, um sein Herzogtum vor der Pest zu bewahren?

Ohne diesen Entschluss wäre er Teshin geblieben und Irodeus nie begegnet. Er wüsste nichts von Dämonen und von Hornheim. Vermutlich hätte er sich als Greis zur Ruhe gesetzt und würde nun seinen Lebensabend friedlich in Astavals Überresten verbringen. Wahrscheinlich wäre er nie zum Söldner geworden.

Der Gedanke rief ihm Saskias Gesicht in Erinnerung. Saskia … wieso nur hatte er sie getötet, in der Hoffnung, dass sie als Dämon zurückkehren würde? Er unterschied sich kaum von seinem Vater. Nein, er war sogar noch schlimmer. Arion handelte, um sein Herzogtum zu beschützen. Azrael handelte, um die Menschheit gegen ihren Willen zu versklaven. Behielt Ungoros nicht recht? War es wirklich klug, die Menschen ihrer Natur zu berauben?

Er war nun vor der tiefsten Nachtkammer angelangt. Mächtige Runen umgaben ihr schwarzes Doppeltor, auf dem eine grauenerregende Fratze Wache hielt. Langsam hob Azrael eine Hand und fokussierte seine magische Macht. Das Siegel zu erschaffen hatte viel Kraft gekostet. Es zu entfernen forderte sogar noch mehr Energie.

Ein Nexus aus Macht legte sich um ihn, Blitze zuckten und er hob Murakama. Die heilige Magie des Schwertes paarte sich mit seiner dämonischen Macht wie mit einem verloren geglaubten Bruder. Azrael vernahm ein Brüllen, das er als sein eigenes identifizierte. Im nächsten Augenblick erklang ein lautes Knacken, so als ob Stein zerbräche, und das Tor schwang auf. Schwarzer Nebel füllte den Gang. Azrael rümpfte die Nase. Als Dämon besaß er eine gewisse Immunität gegen dessen einschläfernde Wirkung, aber er nahm dennoch den stechenden Geruch wahr.

Eine kleine Gestalt regte sich in der Nachtkammer. Azrael räusperte sich. Wie sollte er sich bloß erklären?

Er wollte ihm würdevoll als König gegenübertreten, aber die Ereignisse der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Azrael sank auf die Knie, die Hände in den Staub gepresst.

Ich brauche deine Hilfe“, sagte er schließlich.

Das überrascht mich nicht.“ Zu Azraels Überraschung klang die Stimme eher traurig als wütend. „Aber glaube nicht, dass ich deinen Thron verteidige. Ich habe die Zerstörung Hornheims noch nicht aufgegeben. Mein Feind ist Irodeus.“

Azrael neigte leicht den Kopf, als sein alter Verbündeter mit den Flügeln schlug.

Ich danke dir, Halgin.“

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Gottes Hammer: Folkvang XVI

Velis erstarrte. Eine längst vergessene Präsenz erhob sich.

Vater.

Ihre zitternden Finger wanderten zu dem Sklavenmacher um ihren Hals. Nie würde sie den Schmerz vergessen, aus dem ihr Leben in jenen Tagen bestanden hatte.

Die meisten Menschen hinterfragten die Möglichkeit, im strahlenden Sonnenschein einen Spaziergang zu unternehmen, kaum. Doch für Velis würde dies immer eine Besonderheit bleiben. Ihr Blick streifte Seimos, der seinen Bruder ernst musterte. Ihr erster Spaziergang mit ihm hatte sich wie der Beginn eines neuen Lebens voller Schönheit angefühlt.

Doch nun würde er ihr wieder alles nehmen. Sie wusste es. Gegen ihren Vater konnte sie noch nie bestehen. Er würde siegen und sie erneut an seinen Thron ketten, während die Schreie seiner zahlreichen Sklaven ihre Ohren erfüllten. Sie hörte sie in diesem Moment, diese nackten, sich krümmenden Gestalten. Ihre qualvoll zuckenden Glieder suchten sie noch heute in ihren Träumen heim.

Velis sah Azrael an. Zum ersten Mal erblickte sie Angst in seinen rot leuchtenden Augen. Ohne sie zu beachten griff er nach Murakama.

Plötzlich erschütterte ein Beben den Untergrund. Velis taumelte und vergrub ihre Finger in Malfegas’ Fell, der nervös knurrte. Azrael zog blank und Seimos musterte wachsam ihre schattenhafte Umgebung.

Ich würde sagen, die Auferstehung hat begonnen“, sagte der Inquisitor ernst. Seine Finger umklammerten den schlichten Mauritiusstab fester. „Wir haben keine Wahl, Teshin. Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir Irodeus besiegen wollen.“

Das hast du von Beginn an so eingefädelt, nicht wahr?“ Azrael wirkte eher bestürzt als wütend. „Wenn du mich vorgewarnt hättest …“

Du hättest mir nicht geglaubt. Abgesehen davon können wir Irodeus nicht für immer in einem Buch gefangen halten. Jedes Gefängnis wird einmal brüchig, auch ein magisches, Teshin.“

Mein Name ist Azrael“, knurrte der neue König, als ein neuerliches Beben die Erde erschütterte. Dunkle Wolken sammelten sich am Himmel. Velis schluckte. Rote Blitze zuckten am Horizont.

Was schlägst du vor?“, fragte Malfegas den Inquisitor.

Seimos seufzte. „Meine Tempelsöhne werden uns kaum von Nutzen sein. In den engen Räumen Hornheims entscheidet die Qualität des Einzelnen die Schlacht. Mendatius und ich werden euch zum unterirdischen See begleiten. Wir müssen die Schlacht beginnen, ehe er seine Kräfte sammeln kann.“ Er legte eine kurze Pause ein. „Wo ist Esben?“

Velis warf einen Blick auf Azrael. Der König wirkte zerknirscht. „Ich habe ihn getötet. Er wird als Dämon zurückkehren, dessen bin ich mir sicher.“

Seimos nickte langsam. „Falls das zutrifft, wird er uns in den ersten Stunden seines neuen Lebens kaum von Nutzen sein. Wir müssen schnell handeln.“ Er sah seinen Bruder an. Obwohl sich ihre Farbe verändert hatte, erkannte Velis die altbekannte Entschlossenheit in seinen lodernden Augen.

Kannst du uns nach Hornheim bringen?“, fragte Seimos.

Azrael nickte knapp. „Was ist mit deinen Tempelsöhnen? Lässt du sie einfach allein?“

Seimos’ Lippen kräuselten sich. „Was ist mit deinen Dämonen? Nimmst du sie nicht mit?“

Azrael seufzte. Velis erriet seine Gedanken. Wer konnte schon erahnen, wie weit Beriths Einfluss geraten war? Möglicherweise gab es noch weitere Dämonen in Hornheim, die Irodeus als König vorziehen würden.

Vergiss es, Seimos.“ Azrael hob Murakama und ein Blitz zerteilte die Luft. Langsam bildete sich am Rand der Lichtung ein Portal. „Ich vertraue nicht jedem hier. Wir müssen das alleine hinbekommen.“

Seimos nickte lächelnd. „Kaum zu glauben, dass wir noch einmal miteinander kämpfen würden, nicht wahr? Schließlich hast du mich umgebracht.“

Du hast es auch verdient.“

Du ebenfalls.“

Velis folgte den Brüdern unter die Nadelbäume. Wie ein stummer Schatten tauchte Mendatius neben ihr auf. Velis hatte den alten Tempelsohn lange genug gekannt, um seine grimmige Entschlossenheit zu bemerken. Malfegas schnaubte.

Das wird noch einmal wie in alten Zeiten, richtig?“, lachte der gewaltige Löwe.

Mendatius schnaubte, jedoch milderte sein funkelnder Blick die Geste.

Einen besseren Lebensabend kann sich ein alter Ritter nicht wünschen“, brummte er.

Velis teilte ihre Sicherheit nicht, als sie durch das Portal schritten. Hinter ihrer ruhigen Miene verbarg sie aufkeimende Panik.

Was zur Hölle?“

Als sich das Portal schloss, standen sie nicht in Hornheim. Stattdessen erhoben sich große Häuser um sie herum. Sie befanden sich auf einem weitläufigen Marktplatz, in dessen Zentrum sich eine Tribüne erhob. Velis erkannte ein prunkvolles Rathaus und einen unheilsschwangeren Kerker. Sie entdeckte keine Menschenseele. Sie waren allein.

Sind wir hier in Aminas?“, fluchte Malfegas. „Was soll das?“

Seimos schwieg. Seine Finger glitten über den Mauritiusstab. Mendatius zog sein Langschwert. Velis’ Finger wanderten erneut zu dem Sklavenmacher. Sie zuckte zusammen, als die feinen Stacheln die Haut berührten.

Einzig Azrael ergriff das Wort. „Mein Portal wurde umgeleitet“, stieß er hervor. „Aber wie … ?“

König Azrael!“, rief eine laute Stimme.

Sie fuhren herum. Vor einer kleinen Nebenstraße stand, das lange Breitschwert drohend erhoben, Abigor von Hrandamaer. Das fahle Mondlicht tanzte auf seiner reich verzierten Augenklappe.

Abigor.“ Azraels Stimme nahm bestialische Züge an. Velis erinnerte sich, dass Hrandamaer im fünfzigjährigen Krieg Astavals Untergang herbeigeführt hatte. Die Nachkommen der einst so stolzen Herzogtümer standen noch immer in erbitterter Fehde miteinander.

Seimos trat vor und musterte Abigor mit zusammengekniffenen Augen. „Was tut Ihr hier, Abigor? Warum seid Ihr nicht im Lager und unterstützt die unerfahreneren Tempelsöhne?“

Abigor warf den Kopf in den Nacken und stieß ein grässliches Lachen aus, das Velis das Blut in den Adern gefrieren ließ. Genauso hatten die Knechte gelacht, als sie sie vor langen Jahren mit dem Brandeisen marterten.

Lasst uns mit offenen Karten spielen, Seimos.“ Abigor wuchtete das gewaltige Schwert auf seine Schulter. Ein breites Grinsen spaltete sein grobschlächtiges Gesicht. „Ich bin hier, um einen Dämonenkönig zu töten.“

Ich auch.“ Seimos zuckte nicht mit der Wimper.

Zu schade.“ Abigor seufzte. Wahnsinn glitzerte in seinem verbliebenen Auge. „Ich kann euch allen nicht erlauben, meinen Meister zu stören.“ Langsam deutete er eine Duellverbeugung an.

So einfach verratet Ihr Eure Eide?“, rief Seimos überrascht. „Ich hielt Euch immer für einen Narren, aber immerhin für einen frommen. Ihr überrascht mich.“

Abigor lachte erneut, aber diesmal schlich sich Trauer in seinen müden Blick.

Das kann nur ein Sprössling Arions von Astaval sagen. Dieser elende Bastard war so darauf versessen, das Richtige zu tun, dass er sogar seine eigene Familie opferte. Oder etwa nicht, Teshin? Bist du nicht einem Dämon geweiht?“ Azraels Züge verhärteten sich. Velis betrachtete beunruhigt, wie sich eine kaum erkennbare Aura der Macht um den König legte, während seine Lippen wie Lefzen die Zähne entblößten.

Abigor griff mit seiner freien Hand nach der Augenklappe. Als er sie sich vom Gesicht riss, erkannte Velis die grässliche Wunde. Sie wirkte wie ein verkrusteter Krater, der sich unaufhaltsam in das weiche Fleisch gegraben hatte.

Glaubt mir, Seimos, ich habe alles erfahren. Ich weiß Dinge, die meinen Glauben zerstört und mein Leben in ein Spottgebilde verwandelt haben. Soll ich Euch etwas verraten? Ich scheiß auf die Denomination. Ich scheiß auf den Kampfesruhm. Berith allein kann mir Freiheit geben und nur das will ich!“

Noch ehe er geendet hatte, färbte sich sein verbliebenes Auge rot und ein bestialischer Schrei löste sich aus der Kehle des Ritters. Velis erinnerte sich, dass in den Adern der Ritter von Hrandamaer dunkles Blut floss, das ihnen nachts mehr Kraft gewährte.

Abigor erblickte Velis, nahm Anlauf und stieß sich kräftig vom Boden ab. Instinktiv ließ sie ihre dämonische Macht durch ihre Adern jagen und wich wie ein Schemen zur Seite aus. Eine Staubwolke erhob sich, als der kalte Stahl in den steinigen Untergrund fuhr. Velis’ Herz klopfte so stark, als würde es jeden Moment aus der Brust springen wollen.

Das ist lächerlich, Abigor!“, rief Seimos. Sorge spiegelte sich in seinen blutroten Augen und strafte seine Worte Lügen.. „Ihr habt keine Chance!“

Malfegas reagierte wortkarger. Ehe Abigor sein Schwert aus dem Boden befreien konnte, setzte der gewaltige Löwe zum Sprung an. Seine roten Augen glitzerten mordlustig und rotes Licht umhüllte die gekrümmten Pranken.

Plötzlich erschien ein ähnliches Licht vor Abigor. Malfegas prallte überrascht davon ab und landete fauchend auf dem Boden.

Ein Halbblut kann niemals Dämonenmagie einsetzen!“, knurrte er. „Sag, wer hilft dir?“

Abigor beantwortete die Frage mit einem weiten Schwerthieb. Malfegas bildete selbst eine Barriere, als die Klinge ihn zu erreichen drohte. Aber anstatt abzuprallen fuhr der Stahl hindurch wie durch Luft.

Blut spritzte und Malfegas heulte auf. Velis schlug entsetzt die Hände vor den Mund. Das Schwert hatte ihm ein Vorderbein abgetrennt.

Kommt ihm nicht zu nah!“, rief Seimos. „Das scheint die Klinge Velfaunir zu sein! Dämonische Magie wird sie nicht aufhalten!“

Erzähl mir was Neues!“, brüllte Malfegas und spie Feuer. Schnell wich Abigor mit einem Ausfallschritt vor den fauchenden Flammen zurück. Trotz des gewichtigen Schwerts bewegte er sich leichtfüßig über die schmutzigen Pflastersteine.

Schock durchdrang Velis wie ein Blitz. Sie konnte sich nicht erinnern, je in Lebensgefahr geschwebt zu haben. Stets umwölkte das unumstößliche Wissen ihren Verstand, dass ihre Magie jedem menschlichen Versuch, sie zu töten, Einhalt gebieten würde. Dieses Schwert degradierte sie zu einem unscheinbaren Mädchen, das jeder Hieb zu Fall bringen könnte.

Doch ihre Angst verwandelte sich schnell in Wut. Sie fühlte, wie der Sklavenmacher gegen ihre Magie aufbegehrte, aber sie war nicht mehr das hilflose Mädchen in Ketten. Sie war eine Herzogin Hornheims, eine Beraterin Azraels. Sie würde sich vor keinem Tempelsohn Blöße geben.

Zeitgleich mit Mendatius sprach sie ein Wort der Macht.

Der Greis hüllte sein Breitschwert in heiliges Licht und formte vor sich in der Luft eine Rune der Alten Sprache, die verheißungsvoll glomm. Velis’ Macht erschuf einen Abglanz der Finsternis um ihre Füße, einen giftigen Sumpf, geboren aus ihrer ketzerischen Existenz. Zufrieden sah sie, wie bleiche Hände aus dem dunklen Untergrund schossen. Ihre Hrandar versammelten sich.

Abigor machte Anstalten, Malfegas zu enthaupten, aber in einem scharlachroten Blitz drängte sich Azrael zwischen sie. Der Dämonenkönig deckte Abigor mit einer Reihe schneller Hiebe ein, die den Tempelsohn straucheln ließen. Zeitgleich begann Seimos einen Choral. Heilige Magie sammelte sich um den dämonischen Inquisitor und hüllte ihn in einen Kokon aus Licht.

Zu Diensten“, grüßte Berengar, während er sich mit den übrigen wandelnden Toten aus dem Untergrund erhob. Velis atmete tief durch. Seine Anwesenheit beruhigte ihn.

Helft Malfegas!“, befahl sie dreien der Toten. Berengar nickte sie zu. „Triff ihn von hinten.“

Berengar nickte grinsend. „Verstanden.“

Velis vollführte eine kurze Geste und verschleierte Berengars Gestalt. Als Schatten glitt er über den Boden, während Mendatius sich zu Azrael gesellte und Abigor von seiner blinden Seite attackierte.

Der Ritter von Hrandamaer brüllte wütend auf, als die beiden ihn weiter zurückdrängten. Zudem fühlte Velis, wie Azrael Magie für seinen Höllenzauber sammelte.

Dieser Kampf war entschieden.

Kurz erlangte sie ihre einstige Sicherheit wieder, als plötzlich ein Lichtblitz die Welt teilte.

Azrael hielt der Entladung mit erhobenem Schwert stand, aber Mendatius leuchtende Rune zerstob in Funken. Der alte Ritter taumelte und fiel zu Boden. Abigor lachte triumphierend. Stahl traf auf Stahl, als er Azrael attackierte.

Jemand hilft ihm, begriff Velis. Mit geschärften Sinnen untersuchte sie die Umgebung. Sie konnte niemanden spüren.

Vater? Bist du das?

Die Frage blieb unbeantwortet. Ergrimmt sprach Velis ein Wort der Macht und Berengar stürzte sich aus dem Schatten auf Abigor.

Erneut erhellte ein Blitz den Marktplatz und der Hrandar sank besinnungslos zu Boden.

Es kam aus dieser Richtung!“, schrie plötzlich Malfegas. Der verletzte Löwe erhob sich auf seine Hinterbeine und spie ein Wort der Macht aus. Feuer schoss aus seinem Maul und verbrannte einen leeren Pferdestall zu Asche. Velis erkannte einen schwarzen Schemen, der mit unmenschlicher Geschwindigkeit in das nächste Gebäude auswich.

Wer auch immer das ist, er verwendet meinen Ausweichzauber. Es gibt nur eine Person, die ihn lehren kann.

Malfegas erzeugte einen weiteren Feuerstrom, während Azrael und Abigor miteinander fochten. Velis erkannte ihre Chance und lief schnell zu Mendatius, um ihm aufzuhelfen.

Danke“, stöhnte der alte Ritter. Velis erkannte keine Verletzungen. Der Blitz schien ihn jedoch etwas konfus gemacht zu haben, denn er konnte nur beschwerlich ein Bein vor das andere setzen und hielt die Hand vor sich gestreckt wie ein Blinder. Velis sammelte all ihre magische Macht. Sollte Abigors rätselhafter Verbündeter auch sie angreifen, musste sie vorbereitet sein.

Ihre Hrandar standen wachsam um Malfegas, während dieser das Rathaus in Brand steckte. Velis sah geschmolzenes Gold und wertvolle Marmorstatuen, die sich in einer unförmigen Masse schwelender Materialien dem Erdboden zuneigten. Der Hass auf den dekadenten Bürgermeister im Volk verwunderte sie nun nicht mehr.

Wieder entkam der Schemen. Doch diesmal war Velis vorbereitet. Sie hob die Hand und rief ein Wort der Macht. Der Schemen strauchelte und fiel zu Boden. Mit triumphierendem Geheul setzte Malfegas nach, ihre Hrandar folgten ihm dicht.

Im nächsten Moment beendete Seimos seinen Choral. Ein Konglomerat heiliger Magie erfüllte den Marktplatz. Kurz glaubte Velis, himmlischen Gesang zu vernehmen. Eine Aura aus Frieden und Heiligkeit regierte die einstige Versammlungsstätte und fror die Zeit ein. Die Welt und ihre Bewohner schienen stillzustehen, um sich in frommer Eintracht im Gesang zu vereinen.

Im nächsten Augenblick zerstob die Vision und reinigendes Licht schoss aus dem Mauritiusstab wie weißes Feuer. Der Angriff erfasste Azrael und Abigor mitten während ihres Duells. Die Barriere des Dämonenkönigs hielt stand. Abigors Schutz hingegen schmolz wie Butter in der Sonne.

Das Schwert Velfaunir nahm einen großen Teil der heiligen Magie in sich auf, doch der Rest traf Abigor ohne Hindernis. Sein Harnisch schützte den hünenhaften Oberkörper, aber das heilige Feuer stürzte sich hungrig auf Abigors freiliegenden Kopf. Das rötliche Auge zerfloss zu Schlacke, während ihm das Schwert aus der Hand glitt. Einen Augenblick lang stand Abigor wie eine Statue auf den Pflastersteinen, unbändiges Entsetzen im Gesicht. Dann ergriff der Wahnsinn den Ritter und Bischof, als die Macht der Denomination eben jenen verschlang, der sie zu beschützen geschworen hatte.

Unter lautem Geschrei rannte er an Azrael vorbei gegen die Mauer des Kerkers, taumelte blind gegen die Tribüne und sprang in unmöglichen Verrenkungen umher, während sich seine zuckenden Gliedmaßen dem Mond entgegenstreckten. Velis sah fassungslos, wie Abigor von Hrandamaer schließlich zu Boden fiel und sich sein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Gesicht vor der Ewigkeit verneigte.

Mit klopfendem Herzen wandte sich Velis ab. Sie empfand Mitleid mit dem verzweifelten Ritter. Ein solches Schicksal sollte kein Mensch teilen.

Ihr blieb keine Zeit zum Trauern. Malfegas stürzte sich auf die schwarz gekleidete Gestalt, die Velis’ Gegenzauber aus der Luft geholt hatte. Doch bevor das Maul des Löwen sich schloss, wich sie katzengleich nach links aus, erklomm in Windeseile die Mauer des Kerkers und hielt auf dem Dach inne.

Erst jetzt erkannte Velis das grinsende Gesicht.

Ashaya!“, rief Azrael wütend und hob herausfordernd Murakama. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

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Gottes Hammer: Folkvang XV

Es waren Jahrzehnte vergangen, seit Azrael dieses Gesicht erblickt hatte. Dennoch erkannte er es sofort wieder. Die unverwechselbaren, fein geschnittenen Züge, die denen seines Vaters glichen, der leicht schmunzelnde Mund, die zusammengekniffenen Augen, in denen sich überwältigende Kühnheit mit lodernder Entschlossenheit paarte … es konnte kein Zweifel bestehen. Auch wenn die Zeit sein Haar gebleicht und seine Züge erweicht hatte, vor ihm stand sein totgeglaubter Bruder Seimos von Astaval.

Azrael taumelte. Er hörte, wie Malfegas aufkeuchte und wandte sich zu Velis um. Die Dämonin wich seinem Blick aus. Hatte sie etwa von Medardus’ wahrer Identität gewusst?

Seimos schien seine Gedanken zu erraten. „Gib nicht ihr die Schuld. Ich habe ihr meine Identität nie enthüllt. Zumindest nicht bewusst.“ Er trat einen Schritt näher und breitete seine Arme aus. „Teshin! Es ist so schön, dich wiederzusehen! Du hast dich kaum verändert!“ Ein Anflug von Spott begleitete die Worte.

Azraels Herz raste. Die Konfrontation verlief entschieden anders, als er geplant hatte. Er räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Er durfte keinesfalls die Fassung verlieren.

Du hast gesagt, du hättest die Denomination betrogen“, hob er an, ohne auf Seimos’ rührselige Worte einzugehen. „Aber allerorts spricht man von deiner Tapferkeit und Tugend. Und davon, dass du der erfolgreichste Hexenjäger seit Erzbischof Drogans Zeiten bist.“ Er konnte die Bitterkeit nicht aus seiner Stimme verbannen. „Weißt du, was Leute wie Esben deinetwegen durchmachen mussten?“

Seimos ließ die Arme sinken und das angedeutete Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Trauer furchte seine Miene. Er musste bereits ein Greis gewesen sein, als sich die Verwandlung zum Dämon vollzog. Azrael konnte kaum glauben, dass ein geachteter alter Mann, noch dazu ein von der Denomination unterstützter Kleriker, willentlich einen solchen Pfad beschritt.

Kurz herrschte Totenstille. Nur das Krächzen einiger ferner Navali erklang auf der Lichtung. Nicht zum ersten Mal fragte sich der Dämonenkönig, ob sie trotz Halgins Abwesenheit ihre besondere Intelligenz beibehalten hatten.

Schließlich seufzte Seimos und schüttelte den Kopf, so als wollte er eine unangenehme Erinnerung verscheuchen. „Glaube mir, ich habe es nicht gern getan. Im Gegenteil. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Das Volk glaubt an Hexen. Es schreit nach deren Blut. Die Menschen wollen Sündenböcke und sie wollen sie leiden sehen. Sie verstehen das Konzept von Magie nicht und erzählen sich stattdessen Geschichten von alten Weibern, die Unzucht treiben und mit ominösen Zaubertränken das Wetter beeinflussen. Wenn wir ihnen die Entscheidung überließen, wer zu verbrennen und wer zu verschonen ist, wie lange würde es dauern, bis allüberall Selbstjustiz herrscht? Es wäre wieder wie zu Beginn des Krieges, als falsche Hexenjäger die Städte terrorisierten und vor nichts Halt machten, um ihr Vermögen zu mehren.“

Dennoch!“ Azrael hob die Stimme. Er fühlte, wie seine Fäuste zu zittern begannen. „Du hast Unschuldige getötet! Du hast sie bei lebendigem Leib den Flammen übergeben!“

Seimos zuckte zusammen, so als hätte ihn jemand geschlagen. Aber im nächsten Moment kehrte die Sicherheit in seinen Blick zurück und er atmete tief durch.

Teshin … oder soll ich dich Azrael nennen? Wie stellst du dir einen Helden vor?“

Azrael bedachte seinen Bruder mit einem wütenden Blick. „Du weißt, was ich vorhabe. Ich betrachte denjenigen als einen Helden, der die Herde behütet und sie zähmt, der sie beherrscht und im Zaum hält. Er soll ihre Aggressionen nicht stützen, sondern ausmerzen!“

Der Anflug eines Lächelns entstand auf Seimos’ Gesicht. Doch diesmal schlich sich Verzweiflung in seine roten Augen. „Du wirst schon bald merken, dass das nicht möglich ist. Wer auch immer den Menschen erschaffen hat, er hatte einen sehr eigenartigen Sinn für Humor. Wir werden stets Hass und Wut empfinden und stets ein Ziel für beides brauchen. Ich gebe den Menschen ein Ziel, aber ich sorge dafür, dass ihre Wut kontrolliert zu Tage tritt und den kleinstmöglichen Schaden anrichtet. Ja, ich bin ein Mörder. Ja, ich bin ein Sünder. Aber letztlich bin ich auch ein Heiland, denn ich nehme die Sünden der Menschen auf mich. Ich werde zur Personifikation der Sünde, ich schlachte für die Menschen, ich bin das grauenerregende Idol des Hasses. Wenn die Leute verstehen, was sie wahrhaftig getan haben, wenn ihnen wirklich klar wird, dass sie eine unschuldige junge Frau dazu verdammt haben, unter grässlichen Qualen auf dem Scheiterhaufen zu sterben, während sie sich die schmelzende Lunge aus dem Leib brüllt, … ja, dann bin ich hier, um zum Sündenbock zu werden. Glaube mir, es gibt nichts, was ich mehr begehre.“

Azrael schwieg, während er die Worte sacken ließ. Er betrachtete Seimos genau. Sein Bruder musterte ihn mit der überwältigenden Sicherheit eines Mannes, der mit seinem Gewissen vollkommen im Reinen war. Seimos schien nicht daran zu zweifeln, das Richtige getan zu haben.

Bist du deshalb ein Dämon geworden?“, fragte Azrael leise.

Seimos neigte zustimmend den Kopf. „Mein Platz ist nicht im Himmel. Ich muss hier sein, auf der Erde. Ich muss den Menschen ein Feind und ein Heiliger sein, um ihre Ausschreitungen zu überwachen. Das ist mein Lebenszweck. Aber ich habe auch noch einen anderen.“ Er atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Teshin, ich bin nicht deinetwegen nach Hornheim aufgebrochen. Ich bin hier, um den Dämonenkönig zu erschlagen.“

Azrael schüttelte verwirrt den Kopf. Scherzte sein Bruder? „Ich bin der Dämonenkönig, Seimos!“

Der Inquisitor schüttelte den Kopf und trat einen Schritt vor. Seine roten Augen loderten wie blutige Flammen.

Ich spreche vom wahren König. Von Irodeus.“

Kurz herrschte Stille. Dann brach Malfegas plötzlich in nervöses Gelächter aus. Rauch stob aus dem Maul des monströsen Löwen.

Du bist zu spät gekommen, Medard – … ich meine, Seimos!“, rief er. „Wir haben ihn längst erledigt!“

Azrael nickte. „Seimos, ich weiß, du hast vor vierzig Jahren gegen Irodeus gekämpft und Velis befreit. Du hast ihn damals nur versiegelt, das ist richtig. Irodeus’ Seele ist danach in den See Sökkvar geflohen, aber ich habe ihn vor einigen Monaten vernichtet. Er ist nicht mehr.“

Nun war es an Seimos zu lachen. „Hat dir Berith das erzählt? Ich fürchte, du wurdest in die Irre geführt.“

Azrael straffte sich. „Wie meinst du das? Ich habe deutlich gespürt, wie Irodeus’ Seele von dieser Welt verschwand!“

Ja, ein Teil von Irodeus’ Seele“, entgegnete Seimos. „Der andere Teil befindet sich in Esbens Buch.“

Azrael starrte Seimos schockiert an. Er fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. „In Androgs Folianten? Aber …“ Seine Gedanken rasten. „Esben war doch in deinem Lager! Wieso hast du nicht … ?“

Seimos schüttelte den Kopf. „Glaubst du, ich wollte Irodeus mitten im Lager bekämpfen? Du wirst es nicht wissen, aber die glorreichen Tage der Tempelsöhne sind vorbei. Könnten sie den Dämonenkönig besiegen? Wahrscheinlich. Würde es viele Opfer geben? Mit Sicherheit. Ich habe zugelassen, dass Esben betäubt und nach Hornheim entführt wird, weil ich wusste, dass Berith sich diese Chance, seinen wahren Meister wiederzubeleben, nicht entgehen lassen würde. In Kürze wird Irodeus wiederauferstehen und dann müssen wir beide, du und ich, zusammenarbeiten, um unser Ziel zu erreichen.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Berith ist absolut loyal! Er würde doch niemals diesen Verrückten …“

Nicht? Vergiss nicht, unter Irodeus genoss jeder Dämon vollkommene Freiheit. Berith konnte forschen und Sitraxa konnte foltern. Aber dann bist du gekommen und hast Ordnung in das Chaos gebracht.“ Seimos seufzte. „Nicht wahr, Malfegas?“

Der Löwe wirkte nun nicht mehr amüsiert. Sein schlangenartiger Schwanz peitschte wild umher.

Es ist wahr“, knurrte Malfegas. „Freiheit ist Berith wichtiger als alles andere.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht. Gerade ein akurater Gelehrter wie er …“

Seimos lächelte. „Wissenschaft und Kunst können mit Einschränkungen nun einmal nicht florieren. In deiner absoluten Gottesmonarchie ist kein Platz für Visionen, Bruder.“

Azrael setzte zu einer wütenden Erwiderung an, als sich plötzlich eine unheilige Präsenz erhob. Er schnappte nach Luft und fasste sich an die Brust. Sein Herz schien von eiskalten Klauen zerrissen zu werden.

Es ist Zeit, hauchte die Stimme in seinem Kopf hämisch.

Mit einem Mal kannte Azrael ihre Herkunft.

Du! Wieso lebst du noch? Ich habe dich vom Antlitz dieser Welt gebrannt!, rief er in Gedanken verzweifelt.

Man kann Feuer nicht mit Feuer bekämpfen. Das ist nur eine der zahlreichen Lektionen, die du noch lernen musst.

Azrael griff mit zitternden Fingern nach Murakama. Ehe er die Klinge aus der Scheide befreien konnte, begann die Erde zu beben.

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Esben schlief. Friede umhüllte ihn wie ein seidenweiches Leichentuch. Kein Traum suchte ihn heim. Keine Erinnerung knechtete ihn. Er besaß das Privileg, allein und ohne Bürde im Nichts zu existieren.

Mit einem Mal spaltete ein Lichtstrahl sein Bewusstsein. Bilder erfüllten Esbens Verstand. Er sah seine Schwester, die frommen Gesichter seiner Gemeinde in Aminas, Teshin und Saskia auf ihren Eseln, den Inquisitor Medardus und schließlich die unerbittlichen Schreie der wütenden Menge. Er sah den ketzerischen Folianten, Halgin und Iliana, den Eingang Hornheims, Sitraxas Kerker und Velis’ schreckliches Herzogtum. Das Lager der Tempelsöhne und Azraels Hölle folgten. Und am Schluss stand der Schmerz der Erkenntnis, dass es nie Frieden geben konnte. Das Bild, als Azrael ihn mit Murakama durchbohrte, ließ ihn erbeben.

War er tot? Befand er sich auf dem Prüfstand oder wurde er gerade in die Hölle geworfen? Verwandelte er sich in diesem Moment in einen Dämon?

Ehe er den Gedanken zu Ende geführt hatte, fühlte er ein verführerisch glimmendes Licht am Rande seines Bewusstseins. Obwohl er es nicht sah, spürte er die warme rote Farbe und fühlte sich von ihr angezogen. Ohne ein Gefühl für den Raum zu besitzen, kam er dem Licht näher und streckte etwas aus, das einem Arm wohl am nächsten kam. Ungeahnte Macht durchströmte ihn.

Doch plötzlich hauchte ihm eine Stimme ein Wort ins Ohr. „Nicht!“

Esben kannte sie. Er hatte sie vor langer Zeit gehört.

Wie auf Befehl ließ er von dem roten Licht ab. Sein verführerisches Glimmen erschien ihm nun heuchlerisch und voller Niedertracht. Dort wartete nur ein Leben voller Hass und Gewalt auf ihn.

Stattdessen begab er sich zu der Stimme und ehe er sich versah, erwachte er.

Das Gefühl kehrte nur langsam in seine schmerzenden Gliedmaßen zurück. Mühselig setzte sich Esben auf.

Er befand sich in einer kreisrunden Halle ohne Wände. Prächtige Säulen stützten eine vielfach verzierte Decke. Fresken stellten einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen dar. Er glaubte, darin eine Szene aus dem Epilog von Sankt Esbens Bußlehre zu erkennen.

Ein Windstoß fegte durch die Säulen und Esben erschauderte. Nicht wegen der Kälte, sondern aufgrund der überwältigenden Präsenz, die vor ihm stand.

Eine hochgewachsene Frau in einem Harnisch aus Mondlicht mit gespreizten Flügeln war in der Mitte der Säulenhalle aufgetaucht. Sie stand vor einem einsamen Thron, auf dem eine einzelne Feder ruhte, und musterte Esben lächelnd.

Esbens Beine zitterten, als er sich langsam erhob. Er kannte die Frau.

Saskia?“

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Gottes Hammer: Folkvang XIV

Abigor von Hrandamaer zitterte.

Er hatte seit Jahrzehnten nicht mehr gezittert. Seit dem Attentat auf ihn, als er durch die Hölle gehen musste und alles verlor, was er besaß.

Abigor saß in seinem Zelt auf dem fremdartigen Stuhl mit den Schnitzereien, den ihm vor langer Zeit ein mächtiger Fürst vermachen ließ. Es handelte sich um eben jenen Fürsten, von dessen Gunst sein Überleben nun abhing.

Abigor erhob sich und schritt unruhig auf und ab. Das Ultimatum endete heute und Anspannung regierte die Tempelsöhne. Jeden Moment konnten die Dämonen angreifen.

Abigor hustete und rieb sich den Mund. Er schmeckte Blut und fluchte. Mit fahrigen Bewegungen griff er zu einem dunklen Tuch und wischte die rote Flüssigkeit ab.

Seit Esbens Verschwinden war ein weiterer Apostel des Heeres ermordet worden. Weder Medardus noch ein anderer der Tempelsöhne kannte den Täter.

Abigor hingegen wusste genau, wer mit den dunklen Mächten im Bunde stand. Er musste die Person bald zur Rede stellen, aber zunächst galt es, einem anderen Rätsel auf den Grund zu gehen.

Abigor beschleunigte sein unruhiges Auf- und Abgehen, wobei sein Blick zwischen dem Zelteingang und einem kleinen Tisch in der Ecke pendelte. Ein geöffneter Brief lag darauf, Lifas’ säuberliche Handschrift offenbarend.

Endlich bewegte ein Hauch seine ungebändigte Mähne. Abigor erstarrte und wandte sich um. Zwei violette Augen musterten ihn aus der Dunkelheit.

Ashaya!“, rief Abigor. Er ballte seine Hände zu Fäusten, um das Zittern zu unterdrücken. „Was soll das?“

Was soll was?“ In Abigors Gegenwart trat Ashaya nach außen hin stets als Dienerin auf, aber die Realität könnte anders nicht sein. Abigor wusste wohl, dass Ashaya keine Befehle von ihm entgegennahm. Er konnte sie lediglich bitten, ihm einen Wunsch zu erfüllen. Sollten seine Interessen jedoch Beriths Plan gefährden, würde Ashaya kaum zögern, ihn zu beseitigen.

Es gab nicht viele Lebewesen, vor denen ein Tempelsohn Furcht verspürte. Ashaya bildete eine solche Ausnahme. Es lag weniger an ihrer Macht, denn diese kam nur selten zum Einsatz, sondern vielmehr an ihrer Ausstrahlung. Die spöttischen und hell leuchtenden Augen, das ironische Lächeln, das ihre Miene spaltete, ihre kokette Haltung und die provokante, langsame Art zu sprechen ließen sie unantastbar wirken. Allein die Vorstellung, Ashaya könnte um Gnade bitten, erschien ihm absurd.

In dieser Hinsicht erinnerte sie ihn an Medardus.

Abigor räusperte sich. Er fühlte, wie kalter Schweiß seinen Nacken benetzte. Ein einzelner Tropfen glitt an ihm herab.

Du weißt genau, was ich meine!“, herrschte Abigor sie an. Er schrie immer, wenn ihn Furcht peinigte.

Ashaya schob die Unterlippe vor und tat, als müsste sie weinen. „Warum musst du immer schreien? Das ist gemein!“ Der Spott in ihrem Blick strafte sie Lügen.

Hör damit auf!“ Abigor durchmaß den Raum und zog sein Schwert. „Wo ist Iliana?“

Ashaya betrachtete die geschliffene Klinge betont gelangweilt. „Warum fragst du?“

Abigor deutete auf den Brief. „Lifas hat mir eine Nachricht geschickt. Iliana ist zusammen mit dir verschwunden. Was hat das zu bedeuten? Willst du Hrandamaer in den Rücken fallen?“

Ich? Hrandamaer in den Rücken fallen? Wie könnte ich! Ihr habt mich ja nur eingesperrt und von der Außenwelt abgeschottet!“, erwiderte Ashaya sarkastisch. Doch diesmal glühte nicht Spott, sondern Wut in ihren violetten Augen. Der Anblick erschien Abigor dermaßen abstrus, das er zurückwich. Er hatte in diesen unergründlichen Lichtern nie eine menschliche Emotion gesehen.

Ashaya trat aus der Dunkelheit. Abigor erkannte ihren dunklen Ledermantel, der die Schriftzeichen auf ihren Schultern und auf ihrer Brust offenbarte. Er schluckte. Sie entschied sich nur dann für diese Aufmachung, wenn sie ihre dunkle Magie einzusetzen gedachte.

Wir haben dir lange geholfen“, sagte Ashaya. Ihre Stimme klang nun kalt. „Nun ist es an der Zeit, dass du deinen Teil der Abmachung erfüllst.“

Abigor wich zurück. Er sah, wie die Dunkelheit sich um Ashaya ausbreitete.

Ich habe dir bereits Siegbert gegeben!“, rief er panisch. Seine Hände zitterten nun so stark, dass das Schwert ihm aus der Hand glitt. Er hatte den Koch in einer mondlosen Nacht vor Esbens Verschwinden geopfert, um den Zyklus von Neuem zu beginnen. Er benötigte die Kraft, die er von Berith bekam. Ohne sie war er machtlos.

Ashaya schüttelte langsam den Kopf und trat näher. „Er diente nur zu deiner Wiederherstellung. Aber Berith hat dir ein Versprechen abgenommen, als Preis für das Wissen. Sollte je der Zeitpunkt kommen, an dem das Gefüge der Welt in Gefahr ist, musst du seinem Ruf folgen. In dieser Situation befinden wir uns jetzt.“

Abigor schüttelte den Kopf. Er hatte versucht, hinter die Geheimnisse von Azrael und Berith zu kommen, er hatte sogar in der Nacht der Opferung nach der Tat Siegberts Geist beschworen und ein unheiliges Verhör durchgeführt. Aber er kam der Wahrheit nicht näher. Das Geflecht der Verschwörung blieb für ihn undurchdringlich.

Soll ich etwa gegen die Tempelsöhne kämpfen?“, fragte er entrüstet. Mit dieser Tat wäre sein gesellschaftliches Leben zu Ende.

Ashaya trat noch einmal näher. Sie stand nun direkt vor ihm und starrte ihn unverblümt an.

Nachdem du im Krieg das Attentat in Hrandars Faust überlebt hattest, bist du zu uns gekommen“, rief sie ihm in Erinnerung. „Du begehrtest Wissen und Erleuchtung und gleichzeitig die Befreiung von der Menschlichkeit. Du wolltest die fleischliche Liebe nicht mehr spüren, den Schmerz eines Verlustes und dafür wolltest du alles wissen; ob ein Gott existiert, ob die Welt im Zentrum des Universums steht. Berith hat dir deine Fragen beantwortet und dir deinen Wunsch erfüllt. Deine Emotionen bist du los, dein Wissen hast du. Und sieh dich an.“ Abigor fuhr überrascht zusammen, als Ashaya ihm ins Gesicht spuckte. „Anstatt ein Gelehrter zu sein und den Menschen Wissen zu bringen, führst du dein Schwert in sinnlosen Kriegen im Namen einer Denomination, deren Widersprüche eine Kirchenspaltung nach der anderen hervorrufen. Du tötest und meuchelst, um vor deinem Wissen zu fliehen und musst dennoch immer wieder ein Opfer darbringen, weil du ohne dein Wissen nicht leben kannst. Du demütigst und verscheuchst dein Umfeld. Du brüskierst Lifas und Elinor, deinen Neffen und deine Nichte, denn du kennst kein Mitgefühl mehr. Nun lädt dich mein Herr ein, einmal in deinem verdorbenem Leben eine wahrhaft rechtschaffene Tat auszuführen. Willst du eine solche Gelegenheit wirklich ausschlagen?“

Abigor taumelte, so als hätte sie ihn geschlagen. Ihre Worte gruben sich in sein Herz wie die rostigen Schaufeln der Totengräber.

Ja, er hatte sein Leben vergeudet.

Er war stets einem Traum gefolgt. Zuerst dem Traum der Gelehrtheit, der ruhmreichen Überhöhung des Geistes. Er wollte nach dem Schrecken des Krieges den profanen Widrigkeiten des Lebens entfliehen und sich den Wissenschaften verschreiben. Kaum hatte ihm Berith jedoch deren Geheimnisse offenbart, wählte er verschreckt den Weg des Kampfes. Er war nun ein ruhmreicher Streiter der Denomination und musste die Bürde eigener Gedanken nicht mehr tragen.

Ashayas Augen glitzerten streng, als er ermattet auf seinen Stuhl sank.

Ich kann das nicht!“, rief er. „Ihr habt es mir gezeigt. Ihr habt mir die Wahrheit gezeigt und ich wünschte, ich hätte sie nie erblickt. Gibt es einen Gott? Ja. Und nein.“ Abigor lachte und er fühlte, wie der altbekannte Wahnsinn sich in seiner Brust regte. Nur das Schwert konnte ihn bezähmen. „Wenn Berith mich eines gelehrt hat, dann das hier: Die Wahrheit existiert nicht, nichts existiert und gleichzeitig existiert alles. Es gibt keinen vorgezeichneten Weg und erst recht keinen „Richtigen“, denn jede gute Tat kann einen Mörder retten und jeder Mord ein Leben.“ Er hustete und Blutstropfen benetzten seinen gerüsteten Arm. „Wer sagt mir, dass Beriths Weg der „Richtige“ ist?“

Warum sollte er es nicht sein?“ Ashaya kam näher und ging vor ihm in die Hocke, sodass sie einander auf Augenhöhe begegneten. „Azrael will sich zum Herrscher der Welt krönen. Sein Plan ist edel, aber auch zum Scheitern verdammt. Menschen sind nicht dazu gemacht, sich lange einem Herrscher zu beugen. Dafür sind sie zu starrköpfig – und zu rebellisch.“ Kurz schwieg sie und ihr Blick schweifte ab. Sie schien längst vergangene Erinnerungen durchleben.

Das wichtigste Gut auf dieser Welt ist nicht Sicherheit“, sagte sie schließlich. „Sondern Freiheit. Das war es schon immer.“

Kein Mensch ist wirklich frei“, stieß Abigor hervor.

Ashaya bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick. „Wirklich? Nun, es gibt nicht viele, das stimmt. Aber Freiheit wartet auch nicht auf einen. Man bekommt sie nicht geschenkt, man muss sie sich nehmen. Mit Feuer und Schwert. Nur die Mächtigen können frei sein.“

Abigor schüttelte den Kopf. „Selbst ein König ist nicht frei! Er hat eine Verantwortung! Er hat ein Volk, das er regieren muss!“

Ashaya erhob sich und wandte sich von ihm ab. „Das ist richtig. Könige sind nur eine andere Art von Sklaven.“ Sie drehte den Kopf und der violette Schein ihrer Augen blendete Abigor. „Ich spreche von den wahrhaft Mächtigen, die keiner anderen Person unterstehen außer ihrer eigenen. Azrael will sich selbst zum ersten Sklaven eines großen Volkes machen. Berith hingegen ist wirklich frei. Und so hat er auch als einziger die Lösung gefunden.“

Zeig sie mir“, flüsterte Abigor. „Zeig mir diese Freiheit!“

Ashaya reichte ihm die Hand. Ein derbes Lächeln verunstaltete ihre Züge.

Tu dir keinen Zwang an!“

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Sie kommen!“, kreischte der Junge. „Sie kommen! Sie komm -“

Weiter kam er nicht.

Medardus betrachtete den Narren, wie er in einer Feuersäule verschwand. Ein animalischer Schrei wurde zu seinem abschließenden Segen und die geschwärzte Leiche stürzte zu Boden. Einige neugierige Navali erhoben sich krächzend von den Ästen der Bäume und ergriffen die Flucht. Scheinbar wollten sie die Vorgänge beobachten, um einen Hinweis auf Halgins Aufenthaltsort zu bekommen.

Medardus hatte die Tempelsöhne versammelt und in Formation gebracht. Er fühlte, dass der Angriff kurz bevorstand. Finstere Präsenzen spukten am Rande seines Bewusstseins.

Medardus blickte ein weiteres Mal zu der Leiche des Jungen. Warum hatte er die Formation wohl verlassen und seinen Tod besiegelt? War es Ehrgeiz? Ein Gefühl von Minderwertigkeit? Der Drang, sich zu beweisen? Der Inquisitor würde es niemals erfahren.

Im Schutz der Bäume näherten sich die Schrecken. Die Nacht war hereingebrochen und einzig die gesegneten Waffen der Tempelsöhne spendeten spärliches Licht. Sie vermochten kaum, den Schleier der Dunkelheit zu durchdringen. Medardus konnte im Dickicht nur verschwommene Silhouetten erkennen.

Kurz herrschte vollkommene Stille. Medardus konnte die Anspannung seiner Ritter beinahe mit den Händen umfassen. Er war ihr Clavis. Er musste sie beschützen.

Im nächsten Augenblick peitschte ein Name durch die Nacht.

Medardus!“, rief eine altbekannte Stimme. „Wir stehen für Verhandlungen bereit! Kommt zu uns und wir werden Eure Männer schonen!“

Darauf hatte er gehofft. Medardus atmete tief durch und der Luftzug verursachte durch seine Maske ein schneidendes Geräusch. Ursprünglich wollte er im Fall der Fälle mit Esbens Hilfe die Dämonen versiegeln. Nun war er auf seine eigenen Fähigkeiten angewiesen. Er hoffte inständig, dass der abtrünnige Priester nicht den Dämonen in die Hände gefallen war. Das verbotene Buch würde ihnen in diesem Konflikt gute Dienste leisten, wie Medardus wohl wusste. Er hatte den Folianten bei ihrer ersten Begegnung sogleich wiedererkannt. Ob die Überreste des Dämonenkönigs wohl noch darin weilten?

Er vollführte eine Geste. Mendatius von Astaval, der treue Tempelsohn und Apostel, erschien nebem ihm wie aus dem Nichts. Der Greis konnte sich besser in der Finsternis verbergen als jeder Sprössling von Hrandamaer.

Mendatius nickte ihm langsam zu. „Wir nehmen das Angebot an!“, rief er laut.

Durch die notwendige Stummheit erwuchs jedem Inquisitor die Notwendigkeit eines Adjudanten. Während seiner Zeit als Hexenjäger hatten viele solcher Männer Medardus gedient, doch Mendatius blieb der Beste von ihnen. Es sollte ihn nicht verwundern. Schließlich kannte der alte Ritter ihn schon seit Beginn des Krieges gegen Hrandamaer.

Hoffnung glomm in den Augen der Tempelsöhne, als Medardus und Mendatius durch ihre Reihen ritten. Keiner schien einen Kampf gegen die Schrecken Hornheims bestreiten zu wollen. Ingrimm überkam den Inquisitor. In vergangenen Zeiten hätte dieser Orden ein diplomatisches Vorgehen zwar begrüßt, aber dennoch niemals eine Schlacht gescheut. Dereinst waren die Tempelsöhne zu solcher Macht und Stärke angewachsen, dass sie sogar nach Hornheim selbst gingen und den Dämonenkönig stürzten. Heute erschien ihm jenes Vorhaben mit solchen Hasenfüßen unter den geistlichen Rittern als unmöglich.

Als sie den Lichtkreis der geweihten Waffen verließen, wurden sie bereits erwartet. Ein entstellter Fleischklumpen schwebte aus dem Dickicht, mit von Maden bevölkerter Haut, die nach Verwesung stank. Grotesk kleine Flügel flatterten an seiner Seite.

Medardus’ Hand fuhr erregt zu seinem Mauritiusstab, als er von den Reihen seiner Ritter angewidertes Stöhnen vernahm. Es würde ihn nicht verwundern, wenn der eine oder andere das Bewusstsein verlieren würde.

Ungoros.“ Genau wie Medardus konnte sich auch Mendatius noch an den hässlichen Dämon erinnern. Sie waren ihm in Hornheim begegnet, als sie gegen Irodeus kämpften.

Ungoros erwiderte nichts, sondern führte sie schweigend von dem Lager weg. Erst außer Hörweite begann er zu sprechen.

Mich dünkt, Eure Herzen seien von Furcht befallen.“

Unsere nicht“, erwiderte Mendatius mit fester Stimme, auch wenn eine tiefe Furche seine Stirn spaltete. „Wir kennen euch. Und dich im Besonderen!“

Ungoros kam nicht zu einer Erwiderung. Velis erschien vor ihnen wie ein bleiches Gespenst, den stacheligen Sklavenmacher um den zierlichen Hals geschlungen. Sie musterte Medardus mit ausdrucksloser Miene.

Medardus’ Herz setzte einen Schlag aus.

Es waren beinahe dreißig Jahre seit ihrer letzten Begegnung vergangen. Vierzig seit ihrer ersten. Medardus konnte sich noch bestens an das verlorene Mädchen erinnern, das nur den Schmerz kannte und nie Liebe erfahren hatte. Sie war für ihn einer Tochter am nächsten gekommen.

Ungoros verschwand lautlos in einer Schattenwand. Die beiden gealterten Geistlichen waren nun mit Velis alleine.

Lasst die Pferde hier“, sprach das Mädchen. „Sie scheuen sonst.“

Medardus glitt lautlos vom Rücken seines Rosses und gab ihm einen Klaps. Es handelte sich um kein normales Pferd. Er hielt es mit einem Zauber der Denomination seinem Willen unterworfen. Dennoch grenzte es an ein Wunder, dass es nicht vor Ungoros Reißaus genommen hatte.

Ihre beiden Rettiere trabten zurück zum Lager. Hoffentlich würden die Hasenfüße dies nicht als Zeichen ihres Scheiterns werten und in Panik ausbrechen.

Hast du Angst, wir könnten euch zu Tode trampeln?“, fragte Mendatius unwirsch.

Velis musterte sie kurz, dann senkte sie plötzlich den Blick.

Ich wünschte, wir würden uns unter anderen Umständen wiedersehen“, flüsterte sie zaghaft.

Tja“, sagte Medardus. Mendatius betrachtete ihn überrascht, aber der Inquisitor winkte ab. „Es ist niemand von der Denomination in der Nähe. Es wird nicht auffallen, wenn ich spreche.“ Er sah Velis an, die schuldbewusst zu Boden blickte.

Weshalb bist du so unsicher? Weil du mich umgebracht hast?“, fragte Medardus und trat einen Schritt auf sie zu.

Velis erschrak. „Dann ist es wahr?“, rief sie entsetzt. „Ich hatte gehofft, es wären nur Gerüchte …“

Bei einem Hexenprozess gibt es keine Gerüchte. Jede Grausamkeit, und sei sie noch so unbeschreiblich, ist real.“ Medardus’ Finger glitten über das Holz des Mauritiusstabes. „Es ist wahr. Nachdem Teshin dir in der Kirche begegnet ist, hat er mich tatsächlich getötet. Vor aller Augen. Und ich bin tatsächlich als Dämon zurückgekehrt.“

Schweigen breitete sich aus. Velis schüttelte nur den Kopf. Sie schien seine Worte kaum zu begreifen.

Das ist unmöglich“, murmelte sie. „Einfach unmöglich.“

Medardus seufzte und legte einen Arm um Velis. Kurz erstarrte sie, doch im nächsten Moment erwiderte sie die Geste. Ein längst vergessener Winkel von Medardus’ Seele regte sich erneut wie ein edles Tier, das zum ersten Mal seit Äonen aus einem langen Schlaf erwachte. Er fühlte sich noch immer verantwortlich für sie, auch wenn sie im Moment auf verschiedenen Seiten standen.

He, Velis!“, rief eine rohe Stimme plötzlich. Medardus löste sich von ihr und hob seinen Stab. Ein gewaltiger Löwe mit einem schlangenförmigen Schwanz erschien vor ihnen. Als er Medardus erblickte, hielt er inne.

Ich grüße Euch, Malfegas“, sagte der Inquisitor.

Malfegas lachte dröhnend, als er Medardus trotz seiner Maske erkannte.

Na, wenn das nicht Medardus von Astaval ist!“, rief er. „Oder hast du wieder einen neuen Namen angenommen?“

Medardus entspannte sich ein wenig. Trotz seines temperamentvollen Gemüts zählte Malfegas zu den umgänglicheren Bewohnern Hornheims. „Es ist noch derselbe, ja.“

Wie lange ist das jetzt schon her?“ Malfegas’ Schwanz peitschte erregt von einer Seite zur anderen. „Als wir gemeinsam dem alten König eins auf den Deckel gegeben haben? Ziemlich genau vierzig Jahre, oder?“

Sieht so aus“, erwiderte Medardus. „Und jetzt? Wollt ihr jetzt uns eins auf den Deckel geben?“

Malfegas erfüllte ein Etwas, dem Ernsthaftigkeit wohl am nächsten kam. Er sog die Luft ein und stieß sie mit einem theatralischen Seufzer wieder aus.

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ganz ehrlich? Obwohl ich in Hornheim ständig gegen meine Gäste kämpfe, möchte ich nicht unbedingt meine Krallen gegen dich erheben. Aber wenn mein König es befiehlt, werde ich gehorchen.“

Ist Azrael tatsächlich so beliebt?“, mischte sich nun Mendatius ein. Der alte Ritter wirkte beunruhigt. Medardus erschien das kaum verwunderlich. Er hatte Malfegas nie viel Sympathie entgegengebracht, auch nicht während ihres zeitweiligen Bündnisses in Hornheim, dank dessen sie Berith und König Irodeus bezwingen konnten.

Beliebt ist gar kein Ausdruck.“ Malfegas wandte sich um. „Aber bevor wir hier Maulaffen feilhalten, fragt ihn doch einfach selbst!“

Von Malfegas und Velis begleitet, wurden Medardus und sein greiser Adjudant durch das Gestrüpp geführt. Die roten Augen der Dämonen tauchten die Umgebung in gespenstisches Licht. Medardus erinnerte die Farbe an eine blutige Schlachtbank. Das war nur einer der Gründe, weshalb er seine wahre Augenfarbe vor seiner Umwelt verbarg.

Nach kurzer Zeit erreichten sie eine Lichtung, die Medardus kannte. Es war jener Ort, an dem die Ruinen von Sankt Esbens erster Kirche wie vergessene Gebeine ihren Ruheort gefunden hatten. Ironischerweise konnten nur Dämonen und Navali die Lichtung ausfindig machen. Wie um diese Aussage zu unterstreichen, saßen einige der schwarzen Vögel auf den kahlen Steinmauern und krächzten unheilsverkündend.

Medardus betrachtete Mendatius traurig. Sein Gefährte wusste, dass sie am Zielort waren, obwohl er als Mensch die Lichtung nicht sehen konnte. „Ich fürchte, Ihr müsst hier auf mich warten.“

Der Blick des alten Ritters sprach deutlich aus, was sein Mund nicht wagte. Er presste nur die Lippen aufeinander und nickte langsam. Medardus wandte sich ab und trat vor die alten Steinruinen. Velis und Malfegas folgten ihm.

Inmitten der verwitterten Überreste stand Azrael, in einen schwarzen Mantel gehüllt. Er hielt die Arme hinter dem Rücken verschränkt und nahm die Wände der Kirche in Augenschein. Als er Medardus’ Nahen hörte, begann er zu sprechen.

Ich besuche diesen Ort schon zum dritten Mal“, erzählte er scheinbar gedankenverloren, doch mit einem Charisma in der Stimme, das jeden zum Zuhören bewog. „Einmal nach meinem Tod, als ich Eure Arbeit zu Ende gebracht und Irodeus endgültig besiegt hatte, und einmal, als ich meine Erinnerungen aufgab, um den König der Navali in die Knie zu zwingen. Ich hoffe, Ihr versteht, dass das hier unser Treffpunkt werden sollte.“ Er wandte sich langsam um und ein rotes Augenpaar musterte Medardus. „Vor jedem Kampf gegen einen Rivalen komme ich hierher. Ihr solltet das als Kompliment betrachten.“

Medardus lachte und ließ seine Tarnung fallen. Sein Blickfeld veränderte sich ein wenig, als auch seine eigenen Augen in der Farbe des Blutes glommen.

Ihr solltet nicht so sicher sein, in mir einen leichten Gegner zu finden!“, rief er. „Wie Ihr seht, bin ich seit unserem letzten Aufeinandertreffen besser gewappnet.“

Azraels Augen verengten sich zu hasserfüllten Schlitzen. „Ich hätte damit rechnen müssen, dass Ihr am Leben festhalten würdet.“ Er schüttelte den Kopf, so als wiederte ihn die Vorstellung an. „Als Kleriker habt Ihr auf diese Weise doch das größtmögliche Sakrileg begangen, oder?“

Ich war nie ein Kleriker.“ Medardus grinste hinter der Maske. „Ich war auch nie ein Inquisitor. Ich habe meine Stimme niemals verloren.“

Azrael starrte ihn verwirrt an. „Ihr seid ein Scharlatan?“

Medardus nickte. „Mehr als das. Ich habe die Denomination betrogen. Ich habe ihr etwas Unverzeihliches angetan. Aber das weißt du vermutlich besser als ich.“

Der plötzliche vertraute Ton irritierte Azrael. „Was meint Ihr?“

Medardus hob langsam die Hand und griff nach seiner Maske. Mit einem Ruck zog er sie sich vom Gesicht. „Das meine ich.“

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Gottes Hammer: Folkvang XIII

Iliana fühlte sich schwerelos. Sie schwebte als körperloser Schemen inmitten einer dunklen Stadt, die sie nicht wiedererkannte.

Langsam bewegte sie probeweise eine Hand. Ein spektrales Etwas, das auf dem schmalen Grat zwischen Existenz und Auslöschung zu wandeln schien, schob sich in ihr Blickfeld. Sich sanft kräuselnde Nebelschwaden umspielten die Konturen des geisterhaften Körperteils.

Vermutlich hätte Iliana erschrocken sein müssen, aber nach den Ereignissen der letzten Tage war ihr Weltbild stets aufs Neue widerlegt und in tausend Stücke gesprengt worden. Diese eine Tatsache wirkte nur wie die filigrane Erweiterung einer für sie nicht mehr erkennbaren Realität.

Pass auf, es geht gleich los!“ Iliana spürte Ashayas Hand am Rücken. Als sie den Kopf wandte, erkannte sie das Gesicht des Orakels, das sie mit einem schelmischen Grinsen empfing. Ashaya wirkte ebenso geisterhaft wie sie selbst.

Ehe Iliana zu einer Erwiderung ansetzen konnte, vernahm sie plötzlich Schritte. Im nächsten Moment sah sie einen Jungen in edlen Gewändern, der aus einer dunklen Gasse auf die menschenleeren Straßen stürmte. Seine vom Entsetzen geweiteten Augen funkelten im fahlen Licht des Mondes. Er trug ein in Tüchern gehülltes Bündel auf dem Arm.

Iliana erkannte ihn sofort wieder. Vor ihr lief Teshin die Straße hinab.

Ehe er aus ihrem Blickfeld verschwinden konnte, murmelte Ashaya ein Wort der Alten Sprache und sie setzten sich in Bewegung. Wie unheilsschwangere Wolken glitten sie lautlos durch die Luft, beständig hinter dem flüchtenden Jungen hinterher, der immer wieder panische Blicke um sich warf.

Iliana vernahm Geschrei in der Ferne und musste an Teshins Geschichte denken. Der Herrschaftssitz seiner Familie in Astaval war überfallen worden und er musste fliehen. Vermutlich zeigte ihr Ashaya die Ereignisse jener Nacht.

Die Straße blieb weiterhin menschenleer. Iliana sah jedoch ängstliche Augenpaare, die hinter Vorhängen hervorblickten oder aus winzigen Dachfenstern das Geschehen erspähen wollten. Die kollektive Furcht, die die Bewohner der Stadt verband, erschien Iliana beinahe greifbar.

Dann endete die Flucht. Teshin gelangte in den Hafen der Stadt und steuerte ein einsames Boot an, vor dem ein Fischer wachte. Er wirkte abgezehrt und erinnerte eher an einen verwesenden Leichnam als an einen lebendigen Menschen.

Teshin übergab ihm schwer atmend das Bündel. In diesem Augenblick öffnete sich die Wolkendecke und ein Mondstrahl fiel auf die Tücher. Iliana lehnte sich vor. Ein Kleinkind lag schlafend inmitten des Stoffes.

Der Fischer nickte langsam. „Du musst gehen, Junge. Dein Vater erwartet dich.“

Aber wohin?“, fragte Teshin verzweifelt. „Wohin muss ich gehen?“

Der Fischer deutete auf eine nahe Taverne, die wie ein Kadaver zwischen den angrenzenden Häusern ruhte.

Frag nach Mendatius. Er wird dir den Weg weisen.“

Daraufhin bestieg der Fischer langsam das Boot, das Bündel im Arm. Kaum entfernte er sich von Teshin, begann das Kleinkind laut zu schreien. Der Fischer wiegte es unbeholfen hin und her.

Moment! Wohin bringt Ihr sie?“, rief Teshin.

An einen sicheren Ort“, entgegnete der Fischer. „Dein Vater wird es dir erklären.“

Im nächsten Moment verschwand er in der Kajüte und das Boot legte plötzlich ab. Teshin betrachtete es verwundert. Die bullige Silhouette setzte sich langsam in Bewegung wie ein majestätisches Tier. Iliana erkannte weder ein Segel noch Anzeichen von Ruder.

Kurz bevor das Boot außer Sichtweite glitt, erhaschte Iliana einen Blick auf den alten Fischer. Mit einem Mal trug er einen langen schwarzen Mantel und seine Augen stachen blutrot durch die Nacht. Iliana erschrak, als sein spöttischer Blick den ihren zu erwidern schien. Ein harter Zug umspielte die Lippen des Mannes und formte ein grausames Lächeln.

Im nächsten Augenblick verschwanden die Bilder und Iliana schwebte mit Ashaya in völliger Dunkelheit.

Ashaya lächelte nicht mehr. Die Präsenz des Mannes schien auch sie nicht ungerührt zu lassen.

Ilianas Gedanken rasten. „War das etwa … ich?“

Ashaya musterte sie. Ihre violetten Augen blitzten. „Ein Bruder, der nach seiner Schwester schreit. War das nicht Teil deiner Vision? Nun, ich bin sicher, du bist Azrael seither nicht aus dem Kopf gegangen.“

Das kann doch nicht sein!“ Jegliche Kraft entwich Ilianas Knie, doch sie sank nicht zu Boden. Eine unsichtbare Macht hielt sie in der Luft. „Das ist doch schon über fünfzig Jahre her! Wie kann das dann ich sein?“

Wie Teshin wurdest auch du als Mensch dem mächtigen König Irodeus geweiht. Du alterst nicht wie andere Menschen.“

Iliana schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. „Wieso kann ich mich nicht daran erinnern?“

Nun schlich sich wieder ein Lächeln auf Ashayas Gesicht. „Lass mich dir ein wenig auf die Sprünge helfen.“

Die Dunkelheit schwand und wich einem prunkvollen Thronsaal. Trotz der Statuen und Ornamente erkannte Iliana auf den ersten Blick, dass sie sich in Hornheim befanden. Wie auch in Velis’ Reich hingen Ketten von der Decke und säumten Zellen die Wände.

Im Gegensatz zu Velis hielt der Hausherr jedoch wenig von der Idee, diese Räume leer zu lassen.

Egal, wohin Iliana blickte, sie sah Menschen. Ausgezehrte Gestalten mit leerem Blick, die hinter den rostigen Eisenstäben auf Pritschen lagen und deren abgründige Augen lethargisch dem Geschehen folgten. Inmitten des Raumes erhob sich ein gewaltiger Thron, auf dem der alte Fischer saß. Seine ruhigen Gesichtszüge wirkten nun zur Unkenntlichkeit entstellt, seine roten Augen schienen nach Grausamkeit zu lechzen und seine runzligen, von geschwollenen Adern durchzogenen Hände klammerten sich erwartungsvoll an die kunstvollen Lehnen.

Neben ihm sah Iliana sich selbst.

Ihr Ebenbild trug eine pechschwarze Uniform und bedachte die Gefangenen mit begehrlichen Blicken aus rot schimmernden Augen. Ein eiskalter Schauer ließ Iliana erzittern. Diese vage Andeutung von seelischer Grausamkeit in ihren kindlichen Zügen ängstigte sie mehr als der monströse Blick des Fischers. Das harte Lächeln, der halb geöffnete Mund und die entsetzliche Wahrheit, die das glatte Gesicht furchte, offenbarten einen vollkommen anderen Charakter, der sich in jeder Hinsicht von Ilianas jetziger Persönlichkeit unterschied. Aber wenn sie tatsächlich einmal die Grenze zum Wahnsinn überschritten hatte, konnte das wieder geschehen.

Iliana ertrug den Anblick ihres grotesken Selbsts nicht länger und wandte den Blick ab, als sie plötzlich Velis erkannte. Sie wachte auf der anderen Seite des Throns, ebenfalls in einer schwarzen Uniform. Jedoch trug sie im Gegensatz zu Ilianas Ebenbild Ketten, die sie an den Thron fesselten. Dieser Umstand schien sie nicht zu bedrücken, im Gegenteil. Sie strich sanft über die Ketten, so als ob sie ein Kind liebkoste.

Ist das Irodeus?“, fragte Iliana Ashaya. Sie erinnerte sich daran, dass Teshin den grimmigen Dämonenkönig besiegt haben sollte.

Ashayas spektrale Gestalt nickte. „Du rätst gut.“

Mit einem Mal öffnete sich die Tür und Berith betrat den Raum. Er wirkte gehetzt und seine Fledermausflügel flatterten unkontrolliert.

Majestät!“

Irodeus antwortete nicht. Allein die Intensität seines Blickes reichte aus, um Berith zum Stehen zu bringen. Der Dämon keuchte, was wenig zu seinem korrekten Erscheinungsbild passen wollte.

Der Inquisitor! Er ist hier!“, stieß er hervor.

Weiter kam er nicht.

Eine Explosion erschütterte das Gewölbe und eine Druckwelle warf Berith weiter in den Raum. Der geflügelte Dämon stieß gegen eine der Statuen und blieb reglos liegen. Ilianas Ebenbild zog einen schwarzen Bogen hervor und Velis wich ängstlich zurück. Irodeus’ Augen verengten sich zu blutigen Schlitzen.

Aus einer Rauchsäule trat der Inquisitor.

Auch wenn sie sein Gesicht nicht kannte, wusste Iliana sofort, wer hier in den Raum trat. Es war Medardus.

Irodeus!“, rief der Inquisitor mit laut hallender Stimme. „Eure Stunde hat geschlagen, Dämonenkönig!“

Kurz herrschte Stille. Dann erhob sich Irodeus langsam. Das Glühen seiner Augen verschwand, der schwarze Mantel färbte sich weiß und ein Lichtstrahl formte eine goldene Kopfbedeckung für den König. Als Irodeus auf den Inquisitor zuging, erschien er Iliana wie ein Bischof.

Willst du mich wirklich erschlagen, mein Sohn?“, fragte er mit angenehmer Stimme. Dabei breitete er die Arme leicht aus, so als wollte er Medardus umarmen.

Lasst die Fisimamenten!“ Iliana musste sich fragen, wie Medardus an diesem Ort sprechen konnte. Inquisitoren erlangten ihre Stimme nur an heiligen Orten wieder. Hornheim erschien ihr diese Voraussetzung nicht zu erfüllen.

Medardus’ lodernde Augen wanderten zu Ilianas Ebenbild und dann wieder zurück zu Irodeus. „Das“, sagte der Inquisitor leise. „werde ich Euch nie verzeihen.“

Irodeus seufzte, er seufzte, so als ob er die Welt und ihre Grausamkeit beweinen wollte. Einen kurzen Moment lang wirkte er tatsächlich wie ein Geistlicher und verdrehte die Augen gen Himmel, so als erwartete er prophetische Visionen, um alles Leid lindern zu können.

Die Visionen jedoch blieben aus. Stattdessen zog der König einen deformierten Stab hervor, an dessen Spitze ein Schlangenkopf thronte.

Dann ist dies wohl die Zeit zu kämpfen“, murmelte er.

Ehe Irodeus jedoch reagieren konnte, zog Medardus plötzlich ein Buch hervor, das Iliana gut kannte. Es handelte sich um Esbens Folianten, der Dämonen bannen konnte.

Sofort erbleichte Irodeus und die weißen Bischofsgewänder fielen von ihm ab. Stattdessen trug er nun wieder den schwarzen Mantel.

Ihr wisst, was dies hier ist“, flüsterte Medardus.

Das kann nicht sein“, entgegnete Irodeus heiser. Der Stab entglitt seiner zitternden Hand und er wich zurück. „Woher … ?“

Medardus ließ ihn nicht weitersprechen. Er hob das Buch über den Kopf und grelles Licht erhellte den grässlichen Thronsaal. Irodeus stieß einen markerschütternden Schrei aus. Seine Gestalt wandelte sich, bis eine auf groteske Weise deformierte Gestalt sich im Licht des Buches wand, die wild mit ledrigen Flügeln schlug und mit schuppigen Händen nach dem Inquisitor griff. Iliana sah, wie ihr Ebenbild ebenfalls schrie und auf Medardus zustürmte. Ehe es jedoch den schwarzen Bogen heben konnte, sprang plötzlich ein Ritter hinter Medardus hervor und schlug es nieder. Iliana erkannte ihn. Sie hatte den Ritter im Lager der Tempelsöhne gesehen. Er stammte aus Astaval.

Gebt mir Deckung, Mendatius!“, rief Medardus überflüssigerweise.

Mendatius quittierte den Befehl mit einem Nicken, aber Velis wirkte nicht, als ob sie zur Gegenwehr bereit wäre. Sie musterte nur mit geweiteten Augen, wie Irodeus in das Buch gesogen wurde.

Im nächsten Moment erstarben die wütenden Schreie des Dämonenkönigs und der Foliant schloss sich. Auf der aufgeschlagenen Seite erschien ein Bild in Form eines Bischofs. Medardus sank entkräftet nieder.

Es ist vollbracht“, flüsterte der Inquisitor.

Mendatius steckte das Schwert in die Scheide und vollführte eine militärische Geste. Weitere Tempelsöhne strömten in die Halle, die Waffen erhoben.

Ist es vorbei?“, fragte einer von ihnen. „Ist der Dämonenkönig besiegt?“

Glaubst du, er versteckt sich hinter seinem Thron?“, fragte Mendatius ironisch. „Jetzt haltet keine Maulaffen feil und befreit diese armen Menschen!“

Die Tempelsöhne salutierten und schwärmten aus. Einer war geistesgegenwärtig genug, einen Schlüsselbund am Thron ausfindig zu machen und ihn an den Schlössern zu erproben. Nach und nach bildete sich ein Zug geistlicher Ritter, die die Geschundenen stützend aus dem Raum brachten.

Was machen wir mit ihr?“, fragte Mendatius und deutete auf Velis. Medardus sah auf und richtete seine lodernden Augen auf die Halbdämonin, in derem blutroten Blick blankes Entsetzen stand.

Wir nehmen sie mit. Als Gefangene“, antwortete Medardus. „Lasst uns sehen, ob wir in ihr einen Freund oder einen Feind finden.“

Mendatius schien der Befehl zu missfallen, doch er erwiderte nichts. Stattdessen entfernte er sich von Medardus, der sich langsam an den Eisenstäben der Gefängniszellen hochzog, und half seinen Männern bei der Befreiung der gefangenen Menschen. Medardus blätterte in seinem Folianten und ging langsam auf Berith zu. Scheinbar wollte er ihn auch versiegeln.

Mit einem Mal regte sich der Dämon. Ehe jemand reagieren konnte, erhob sich Berith in die Lüfte und flog mit atemberaubender Geschwindigkeit zu Iliana. Mit einer einzigen Bewegung schwang er sich ihr Ebenbild über die Schulter und entkam durch den Eingang.

Einen Augenblick lang musterten die versammelten Tempelsöhne das aufgesprengte Tor wie erstarrte Salzsäulen, bis Mendatius sein Schwert zog und lauthals die Verfolgung befahl. Medardus setzte sich mit dem Folianten an die Spitze und die Ritter stürmten aus dem Thronsaal.

Im nächsten Augenblick verschwanden die Bilder und Iliana befand sich wieder in der Dunkelheit. Ashayas Schemen leuchtete ihr violett entgegen.

Ich … bin eine Dämonin?“, fragte Iliana tonlos. Blankes Entsetzen überkam sie. Doch langsam erschloss sich ihr die Wahrheit hinter den Worten. Als sie mit Esben, Halgin und Azrael Hornheim betreten hatte, war ihr der Ort äußerst bekannt erschienen. Nun kannte sie den Grund.

Ashaya nickte und legte Iliana einen spektralen Arm um die Schulter.

Armes Ding“, seufzte sie. „Das muss ein großer Schock für dich sein, aber … ja. Irodeus hat dich getötet und du bist zurückgekehrt. Du hast ihm eifrig gedient. Die Gefangenen kannten dich nur als Folterknecht. Wahrscheinlich wärst du jetzt in diesem kuriosen Buch eingeschlossen, wenn Berith dich nicht in Sicherheit gebracht hätte.“

Iliana begann zu verstehen. „Er hat meine Erinnerungen gelöscht und mich zu Arinhild gebracht. Aber warum?“

Um dich in Sicherheit zu bringen. Er glaubte, dass Raureif vor den sich häufenden Hexenverfolgungen verschont bleiben würde. Er hat sich geirrt.“

Aber das verstehe ich nicht“, stammelte Iliana. „Ich dachte, Teshin hätte den Dämonenkönig besiegt?“

Ein Lächeln schlich sich auf Ashayas Lippen. „Das hat er auch. Aber das ist eine andere Geschichte, Liebes, die ich dir nur erzähle, wenn du mir versprichst, mir zu helfen.“

Iliana schluckte. „Wobei soll ich dir helfen?“

Ashaya lächelte verschmitzt. „Das ist eine Sache, die nur Berith dir erklären kann. Ihr seid ja schon bestens miteinander bekannt.“

Ashaya kicherte und die Dunkelheit verschwand erneut. Diesmal jedoch offenbarte sich keine neue Vision. Iliana fühlte festen Untergrund unter den Füßen. Zu ihrer Erleichterung waren ihre Hände wieder aus Fleisch und Blut. Jedoch stand sie nicht mehr in Ashayas Kammer in Hrandamaer. Stattdessen befand sie sich in einer gewaltigen Grotte, am felsigen Ufer eines schwarzen Sees, dessen Oberfläche sich unheilsverkündend kräuselte. Unweit von ihr stand eine geflügelte Gestalt.

Berith“, sagte Iliana leise. Ein Schauer ließ sie erbeben. Wenn Lifas das erführe! Er würde sie mit Sicherheit sofort erschlagen. Und Medardus? Scheinbar hatte er ihr Gesicht vergessen, ansonsten wäre sie nun wohl nicht mehr am Leben. Iliana betrauerte ihre Verbindung zu Esben. Sie mochte den gefallenen Priester, aber er würde eine Dämonin Hornheims wohl kaum verschonen.

Jedoch war es Halgin, der ihr wahre Übelkeit bereitete. Der mächtige Herrscher der Navali hatte alles riskiert, um Hornheim zu zerstören und dabei eine Dämonin gerettet. Falls er noch lebte, würde auch er kurzen Prozess mit ihr machen.

Iliana war allein. Nur Berith und Ashaya schienen ihr keinen Schaden zufügen zu wollen.

Der Dämon mit den weißen Haaren nickte ihr zu. Seine Flügel flatterten leicht.

Weißt du, wo wir uns hier befinden?“, fragte er.

Iliana schüttelte den Kopf. War dies etwa Azraels Höllendimension? Würde sie hier auf Halgin treffen? Sie würgte. Ihrem besten Freund als Dämonin gegenüberzutreten war unvorstellbar.

Wir sind hier am Ufer des Sees Sökkvar. Dies hier ist der tiefste Punkt und älteste Teil Hornheims.“ Dabei deutete er auf die stillen Gewässer vor ihnen.

Niemand kennt seine Ausdehnung. Niemand weiß, was sich in der Mitte des Sees befindet. Aber angeblich … angeblich soll dort das Grab von König Androg von Hrandamaer sein.“

Iliana sah ihn verständnislos an. „Warum erzählst du mir das?“

Beriths rote Augen glühten. „Ich habe Pläne. Große Pläne, die deiner Hilfe bedürfen. Dein Bruder ist gerade dabei, die Welt in den Abgrund zu treiben. Ich werde das verhindern.“

Iliana starrte ihn überrascht an. „Du bist gegen Azrael? Aber …“

Dafür ist jetzt keine Zeit.“ Berith winkte sie an das Ufer heran. „Nimm ein Bad in dem See. Wenn ich mit meiner Einschätzung richtig liege, wird sich dir dann alles offenbaren.“

Iliana nickte langsam. Sie wollte Berith nicht gehorchen. Sie wollte aber auch nicht unverrichteter Dinge nach Hrandamaer in Ashayas Kammer zurückkehren und sich Lifas’ Gnade ausliefern. Sie wollte nicht Medardus bei seinem Feldzug oder Azrael bei seinem Gottesprojekt unterstützen.

Sie wollte nur die Wahrheit erfahren und dann fern von der Welt an einem ruhigen Ort verbleiben, an dem weder Götter noch Dämonen ihr Unwesen trieben und keine Kriege das Land verheerten.

Wie eine Verdurstende stürzte sich Iliana in die Flüssigkeit und ihr Geist zersplitterte.

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Gottes Hammer: Folkvang XII

Bitte wartet hier.“ Der Diener verneigte sich so tief, dass seine Nase den marmornen Boden zu berühren drohte. Er trug eine schwarze Uniform und hielt einen kunstvoll geschnitzten Stab in seiner rechten Hand. Iliana glaubte, in dem hölzernen Geflecht eine Heiligendarstellung zu erkennen. „Das Orakel wird Euch bald empfangen.“

Er wies mit dem Stab auf zwei harte Bänke. Bequemlichkeit schien hier nicht zu herrschen. Kaum hatten sie sich auf den kalten Sitzflächen niedergelassen, verschwand der Diener durch ein prunkvolles Doppeltor. Lautlos fielen die schweren Flügel hinter ihm ins Schloss.

Sie befanden sich in einer großen Kathedrale inmitten jener Stadt, die Lifas nur Hrandars Faust nannte. Iliana wusste nur, dass von hier aus der Großangriff auf das benachbarte Herzogtum Astaval stattgefunden hatte. Sie würde gerne mehr in Erfahrung bringen, wagte aber nicht, Lifas anzusprechen. Der kühle Ritter wirkte noch abweisender als sonst. Seine Augenbrauen bildeten eine durchgehende Linie über seinem durchbohrenden Blick. Offenbar erschien ihm eine Begegnung mit dem Orakel wenig reizvoll.

Iliana fröstelte. Je mehr sie von Hrandamaer zu sehen bekam, desto mehr erstaunte sie das verheerte Herzogtum. Gleichgültig, wohin sie ging, die Religion beherrschte alle Lebensbereiche. Sie wirkte hier nicht nur als ferner Hoffnungsschimmer für das Leben nach dem Tod, sondern als reale Verteidigungsmaßnahme gegen die Schrecken der Nacht.

Iliana kannte die Geschichten von Klerikern, die trotz ihres Standes rauschende Feste feierten und die Abkehr vom Fleischlichen nicht so genau nahmen. Selbst der Bischof von Aminas genoss einen Ruf, von dem sogar die Menschen in Raureif Kunde hatten. Iliana erinnerte sich an ein Gespräch zwischen einer verzweifelten Frau und dem Dorfpriester. Die Nichte der Frau lebte in Aminas und war in des Bischofs „Jungfernturm“ gesperrt worden. Sie bat den Dorfpriester inständig um Hilfe, dieser jedoch blieb machtlos. Die Trauer in seinem Blick sprach Bände.

In Hrandamaer wirkten die Kleriker vollkommen anders. Jeder von ihnen besaß harte, vom Leben gezeichnete Züge und einen federnden Gang, der überwältigende Selbstsicherheit ausstrahlte. Selbst niedere Mönche trugen Symbole des Glaubens wie Waffen an ihren Gürteln, beteten öffentlich unter großem Zustrom der Leute und sicherten die Stadtgrenzen. Sie wirkten zäh und predigten mit den charismatischen Bewegungen von Propheten. Es handelte sich um Menschen, für die Selbstaufopferung zur Gewohnheit geworden war. Auf Iliana wirkten sie wie Soldaten.

Dass die hrandamaerischen Kleriker wenig Gelegenheit für Ausschweifungen hatten, zeigten auch die Heiligendarstellungen in der Kathedrale des Orakels. Iliana kannte viele überspitzte Motive, in denen die Schrecken der Hölle neben der Herrlichkeit des Himmels gezeigt wurde. Hier hingegen offenbarten die Buntglasfenster dem Betrachter lediglich die Leiden der Heiligen, ohne auf Erlösung oder Verdammnis einzugehen. Iliana erschauderte. Wenn die Priester tatsächlich jede Nacht aufs Neue die Städte gegen die wandelnden Toten verteidigen mussten, führten sie kein besonders angenehmes Leben. Plötzlich wünschte sich Iliana zurück nach Raureif, in die Zeit vor Arinhilds Verbrennung. Halgin wäre noch am Leben … und sie hätte Azrael nie getroffen …

Im nächsten Moment öffnete sich das große Tor wie von Geisterhand und der Diener mit dem Stab trat heraus. Er verneigte sich erneut.

Das Auge der Ewigkeit wird Euch nun empfangen“, verkündete er mit klarer Stimme.

Iliana und Lifas erhoben sich schweigend. Der Ritter hatte ihr erzählt, dass das Orakel bereits seit Äonen lebte. Man verehrte sie in Hrandamaer als Heilige, obwohl der Erzbischof in der kaiserlischen Hauptstadt Sankt Emerald nur bedingt Ambitionen zeigte, sie offiziell anzuerkennen. Der aus Hrandamaer stammende Erzbischof Drogan hatte zuletzt versucht, ihr den Status zu verleihen, war damit jedoch gescheitert. Seither konnte sich kein hrandamaerischer Kleriker mehr an die Spitze der Denomination setzen.

Der Diener führte sie eine breite Treppe hinauf, bog dann jedoch unvermittelt ab und führte sie durch einen engen Gang. Am Ende flankierten zwei schwer gepanzerte Ritter eine unscheinbar wirkende Tür. Sie trugen gleichermaßen profane und geistliche Waffen.

Der Diener pochte mit dem Stab auf den Boden. Kurz geschah nichts, dann öffnete sich die Tür von innen und die beiden konnten passieren.

Iliana hatte einen Thronsaal erwartet, vielleicht mit zahlreichen Buntglasfenstern und gewaltigen Statuen. Stattdessen befanden sie sich in einer dunklen Kammer mit zwei hölzernen Bänken und einer steinernen Pritsche. Das Orakel lag darauf und grinste sie verwegen an.

Iliana blickte das Auge der Ewigkeit wie erstarrt an. Vor ihr thronte keine ehrwürdige Heilige, sondern eine junge Frau mit einem langen schwarzen Mantel und einem unverschämten Ausschnitt. So sah sie zahlreiche unverständliche Schriftzeichen auf ihrer bleichen Haut, die im Dämmerlicht schimmerten. Violette Augen strahlten gespenstisches Licht ab und lange schwarze Haare fielen dem Orakel ungebändigt in die Stirn.

Plötzlich erstaunte es Iliana nicht mehr, dass der Erzbischof die Heilige nicht anerkennen wollte.

Willkommen!“, rief die Frau und erhob sich ungestüm von ihrer Pritsche. Ehe Iliana reagieren konnte, hatte sie sie bereits beide umarmt. „Lasst euch herzen! Ihr seid die ersten Personen seit Monaten, die mich hier aufsuchen! Kommt, setzt euch, setzt euch! Ich kann euch leider nichts anbieten, ich trinke nichts.“

Iliana leistete der Aufforderung Folge, doch Lifas blieb stehen. Abscheu verhärtete seine Miene.

Wortlos wandte er sich um und verließ den Raum. Iliana zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel. Er hatte sie tatsächlich mit der seltsamen Heiligen allein gelassen.

Dein Freund hat keine Manieren!“, stellte das Orakel kopfschüttelnd fest. „Aber egal. Man sagte mir, du hast seltsame Visionen, von denen das Schicksal der Welt abhängen könnte?“ Sie ließ sich auf die Pritsche sinken und sah sie neugierig an. Sie wirkte wie ein Kind, dem jemand eine Geschichte zu erzählen versprach.

Iliana schluckte und nickte langsam. Leise begann sie zu sprechen.

In Hornheim hat mich ein Dämon namens Berith betäubt. Ich war einige Stunden bewusstlos, aber kurz vor dem Aufwachen sah ich mehrere Dinge.“ Sie versuchte, sich die Bilder in Erinnerung zu rufen. Es fiel ihr nicht schwer.

Zuerst war da ein Schlachtfeld“, berichtete sie. „Es war voller gepfählter Leichen. Dann sah ich einen Bruder, der nach seiner Schwester schrie und einen Mann, der jemanden liebte, aber diese Liebe nicht zeigen durfte … dann hörte ich noch eine Stimme.“

Das Orakel zog ein Bein an und stützte das Kinn auf sein Knie.

Was hat sie gesagt?“

Gottes Hammer fällt am Folkvangstag“, erwiderte Iliana leise.

Das Auge der Ewigkeit schwieg einen Moment. „Gibt es sonst irgendwelche Hinweise?“

Iliana wollte bereits den Kopf schütteln, als ihr das Treffen mit Berith in den Sinn kam. „Der Dämon, der mich betäubt hatte, erschien mir später im Traum. Er meinte, ich solle nach Hrandars Faust gehen und dort eine Frau namens Ashaya aufsuchen.“

Das Orakel blinzelte, dann brach es in Gelächter aus.

Wirklich? Das hat er gesagt?“

Iliana nickte unsicher. Was war daran so amüsant?

Das Auge der Ewigkeit lächelte süffisant. „Nun, eine Frage kann ich dir mit absoluter Sicherheit beantworten. Ich bin Ashaya. Du wirst hier keine Zweite finden. Schließlich hat mich der Erzbischof noch immer nicht anerkannt.“

Iliana erstarrte. Plötzlich sehnte sie ihren neuen Bogen herbei. Sie hatte ihn am Eingang der Kathedrale zurücklassen müssen.

Ashaya schien ihre Furcht zu spüren. „Ach, Mädchen, das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Angst zu haben! Wenn Berith dich umbringen wollte, hätte er dich wohl kaum zu mir geschickt.“

Dann ist es wahr?“, stieß Iliana entsetzt hervor. „Ihr paktiert mit Hornheim?“

Ashaya rollte mit den Augen und wies auf das einzige Fenster im Raum. Es war vergittert. „Glaubst du, ich hause in einer Gefängniszelle, weil ich asketisch leben will? Ursprünglich hatte ich ein großes Zimmer und ein weiches Bett im Herzen der Kathedrale. Dann bemerkte einer meiner Leibwächter, dass ich doch nicht so heilig bin, wie sie glauben. Jetzt bin ich hier. Die zwei Ritter vor der Tür sollen nicht mich vor der Welt beschützen, sondern die Welt vor mir.“ Ashaya lachte. Sie klang wie ein Mädchen, das sich diebisch über einen gelungenen Streich freute. Iliana erschauderte. „Es gibt nur einen Grund, weshalb sie mich nicht foltern und verbrennen. Ich bin ihnen nützlich. Ich kann Begebenheiten vorhersagen und Träume deuten. Das sind Eigenschaften, die furchtsame Herrscher immer schätzen, egal ob geistlicher oder weltlicher Art.“

Iliana schüttelte fassungslos den Kopf. „ Was habt Ihr jetzt mit mir vor? Werdet Ihr mich nach Hornheim zurückbringen?“ Sitraxa kam ihr in den Sinn und Übelkeit machte sich in ihrem Inneren breit.

Warum hast du Angst davor?“, fragte Ashaya grinsend. „Du warst doch schon dort, oder nicht?“

Iliana sah sie voller Unverständnis an. „Gerade deshalb habe ich ja so große Angst!“

Du missverstehst mich.“ Ungewohnte Ernsthaftigkeit glomm in Ashayas violetten Augen. Sie erhob sich und kam langsam auf Iliana zu.

Ich meine nicht dein Eindringen mit Halgin und Esben. Ich meine deinen Aufenthalt als Kind, bevor du zu Arinhild kamst.“

Eiskalter Frost befiel Ilianas Brustkorb. „Was?“

Du hast schon richtig gehört.“ Ashaya wandte sich ab und spähte durch das vergitterte Fenster. „Hast du dich nie gefragt, wer deine Eltern sind? Woher du wirklich stammst?“

Ilianas Herz drohte zu bersten. „Ihr wisst, woher ich komme?“

Ashaya nickte. Erneut legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen, doch diesmal schmälerte Trauer die Geste. „Ich kann es dir zeigen. Aber ich warne dich gleich: Wenn du es gesehen hast, wird deine Welt nie wieder so sein wie zuvor.“

Iliana konnte diese Warnung nicht abschrecken. Sie erhob sich und ging auf Ashaya zu, die ihr die Hand anbot.

Zeigt es mir“, flüsterte sie zitternd.

Ashaya antwortete nicht. Ihre violetten Augen flammten auf wie Sterne und hüllten Iliana in unheiliges Licht. Dann erblickte sie die Wahrheit.

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Gottes Hammer: Folkvang XI

Esbens Finger schlossen sich zögernd um den ledernen Einband des altertümlichen Folianten. Die Augen des unheilsschwangeren, kunstvoll gearbeiteten Gesichts erglühten rot. Langsam schlug er das Buch auf.

Jenes Schriftwerk, das Medardus als den verschollenen siebten Band aus König Androgs verbotener Chronik erkannt hatte, war nur auf den ersten dreizehn Seiten beschrieben. Es handelte sich um eine heidnische Anleitung in der Alten Sprache. Der restliche Platz diente als Gefängnis für Dämonen.

Esben blätterte weiter. Zwei der dunklen Wesen waren durch diesen Zauber eingefangen worden. Ein Unbekannter bildete das erste Opfer. Seine letzten Atemzüge waren in Form einer Zeichnung auf das Pergament gebannt worden. Er glich einem erhabenen Bischof. Esben schenkte ihm keine Beachtung und suchte die Seite, die er erst vor wenigen Tagen in Hornheims düsterstem Verlies aufgeschlagen hatte.

Ihn schauderte, als Sitraxas Bildnis ihn angrinste.

Die Urdämonin besaß die Gestalt einer monströsen Spinne, aus der der Oberkörper eines ihrer Opfer wuchs. Teshin hatte den Unterleib mit Murakama vollkommen zerstört, aber scheinbar konnte er Sitraxa nicht töten. Sie schien sich mithilfe des entstellten menschlichen Körpers am Leben festzuklammern wie an einem fetten Beutestück.

Esbens Gedanken rasten. Er hatte bereits im Lager der Tempelsöhne mit dem Gedanken gespielt, Sitraxa freizulassen und sie zu befragen. Der Text zu Beginn des Buches erwähnte den nötigen Zauber, warnte aber auch explizit davor. Sollte ein Dämon befreit werden, würde die betreffende Seite im Buch zu Staub zerfallen und man müsste ihn neu bannen. Esben ging jedoch nicht davon aus, dass ihm dies ein zweites Mal gelingen könnte. In Hornheim hatte er Sitraxa überrascht, aber nun wäre sie vorbereitet.

Dennoch … sie besaß nicht einmal mehr Beine. Sie konnte weder laufen, noch stehen und ihrer dämonischen Magie würde Esben mithilfe des Folianten widerstehen. Er entsann sich Velis’ Worte. Sie wollte, dass er die Wahrheit erfuhr. Worüber? Esben warf prüfende Blicke um sich. Beobachtete ihn die jugendliche Herzogin? Er leckte sich nervös die Lippen. Wenn er ihrem Wunsch nicht entsprach, würde sie ihn möglicherweise bis ans Ende aller Zeiten in dieser Hölle lassen. Wie um ihm die Aussicht auf ein solches Szenario noch mehr zu verleiden, gellte plötzlich ein markerschütternder Schrei und geisterhafte Schemen tanzten durch den stechenden Rauch.

Sein Entschluss stand fest. Er würde Velis’ Wünschen entsprechen. Er wusste zu wenig über diese verzerrte Parallelwelt, die Azrael geschaffen hatte. Esben musste sich unwillkürlich fragen, wie der Dämonenkönig zu einer solchen Großtat imstande gewesen war.

Er las die Anleitung erneut, ohne auf die wilden Schreie zu achten und wob schließlich den Zauber.

Esben war nie ein guter Magier gewesen. Gleichgültig, wie inbrünstig er betete, er konnte keine bösen Geister austreiben, keine Untoten in den heiligen Schlaf zurückführen und die Kranken nicht genesen lassen. Trotz seines entfachten Glaubens blieben ihm die geistlichen Gaben stets verwehrt. Während die Magie Gottes sich widerspenstig und kaum formbar zeigte, empfing ihn der Foliant mit offenen Armen. Innerhalb kürzester Zeit beherrschte der Priester die unheiligen Zauber bestens. Verglichen mit seinen vergeblichen Studien als Novize hatten sich die vergangenen Monate als äußerst produktiv erwiesen.

Esben fühlte sich dennoch wie ein Verräter. Er war ein Priester. Er sollte keine heidnische Magie benutzen. Aber dennoch … anders konnte er nicht gegen Hornheims Mächte bestehen.

Bestehen? Berith hat mich vom Gegenteil überzeugt.

Esben schüttelte den Gedanken ab und kanalisierte die gesammelte Magie.

Unheiliges Licht glomm auf und hüllte die schroffen Felsen um ihn herum in rötlichen Schein. Esben erschien der unebene Boden wie ein blutiges Schlachtfeld, auf dem sich wabernde Schatten wie die zuckenden Leiber sterbender Menschen wanden.

Im nächsten Moment erlosch das Licht. Mit klopfendem Herzen las Esben das Buch auf. Überrascht sah er, dass die Seite nicht zerfallen war. Sitraxas Gesicht grinste ihm unverändert entgegen.

Habe ich einen Fehler gemacht?

Ehe er den Gedanken zu Ende führen konnte, nahm er eine Regung wahr.

Esben fuhr herum, den Folianten zum Zauber erhoben. Vor ihm lag die junge Frau im Staub, deren Antlitz ihn noch immer im Schlaf heimsuchte. Zu seiner Überraschung wirkte sie verändert.

In Hornheim hatten eiternde Narben eine Gesichtshälfte bedeckt und die glühenden Augen jeden Eindringling das Fürchten gelehrt. Nun hingegen straffte sich die Haut glatt und unversehrt über den hohen Wangenknochen und ihr Blick schien in weite Ferne zu schweifen, lediglich von einem Hauch von Melancholie getrübt. Sie trug ein langes weißes Gewand, das Esben an ein Büßerhemd erinnerte.

Hatte Esben Sitraxas Opfer befreit? Er musste einen Moment lang in seinem Gedächtnis nachforschen, bis ihm der Name von Teshins ehemaliger Geliebten einfiel.

Silena?“, fragte er verunsichert.

Langsam drehte die Frau den Kopf und sah ihn an. Ihr Mund weitete sich zu einem scheuen Lächeln. Doch als sie sprach, war ihre Stimme voller Hohn.

Ist tot!“, rief das Wesen zu seinen Füßen und lachte abscheulich.

Esben fuhr zusammen und vollführte einen Satz nach hinten. Das Geräusch ließ ihn erbeben, aber schien nicht recht zu dem zierlichen Körper zu passen, der sich vor ihm im Staub wand.

Einen Augenblick später erzitterte Sitraxa und hustete. Blutstropfen spritzten aus ihrem Mund und sie verkrampfte sich. Wie von Esben vermutet, besaß sie keine Beine.

Er hielt drohend das Buch vor sich. „Ich warne dich!“, rief er. Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte. „Ein falsches Wort und ich nehme dich gefangen!“

Ich bin schon längst gefangen!“ Sitraxas Worte klangen heiter, so als spräche sie über das Wetter. „Ich bin deine Gefangene. Du hast es irgendwie geschafft, meinen Willen an das Buch zu ketten.“ Ihre Augen flammten auf wie zwei Scheiterhaufen.

Ich … äh … genau!“ Esben gab sein Bestes, sich seine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Scheinbar lag ihm die heidnische Magie weitaus mehr, als er gedacht hatte. Er nahm sich vor, die Anleitung im Buch erneut zu studieren und notfalls zu ergänzen. Da kam ihm ein Gedanke. „Kannst du noch Magie einsetzen?“

Nicht gegen dich, falls du mich fürchten solltest.“ Sitraxa kicherte wie ein kleines Mädchen. „Ich kann deine Angst bis hierher riechen. Aber so wie es aussieht, kann ich dir nichts anhaben. Solange du mich unter Kontrolle hast, bist du sicher und ich muss dir auch noch all deine Fragen beantworten.“ Sie setzte sich halb auf und grinste ihn anzüglich an. „Welche Geheimnisse willst du erfahren?

Esben wich zurück. Die Konversation nahm einen entschieden anderen Verlauf, als er erwartet hatte.

Warum bist du so verrucht?“, entfuhr es ihm. „Hast du kein Seelenheil, um das du fürchtest? Warum fügst du anderen gerne Schmerz zu?“

Im nächsten Augenblick biss er sich auf die Zunge. Velis musste ihn für ein Kleinkind halten. Er hoffte inständig, dass Sitraxa seine naiven Fragen nicht verspotten würde.

Zu seiner Überraschung legte sie den Kopf schief und musterte ihn verwirrt.

Warum ich anderen Schmerz zufüge?“ Sie hielt kurz inne. „Genauso könnte ich dich fragen, weshalb du Blumen pflückst.

Esben starrte sie verwirrt an. „Das ist doch etwas vollkommen anderes!“

Sitraxa ließ sich nicht beirren. Der spöttische Unterton war aus ihrer Stimme gewichen.

Warum ist das etwas anderes? Du zerstörst etwas. Grundlos. Du pflückst eine Blume, weil sie dir gefällt. Du pflückst ein Kleeblatt, weil es dir Glück bringen soll. Ich füge Menschen Schmerz zu, weil ich es mag.

Die Worte verhallten und ließen eine verheißungsvolle Stille zurück, die die unverrückbare Wahrheit in Stein zu meißeln schien. Esben schüttelte den Kopf. Er konnte das nicht hinnehmen. „Aber du musst doch wissen, dass das falsch ist! Du bist ein vernunftbegabtes Wesen, du hast einen Verstand! Wie kann solche Bösartigkeit existieren?“

Diese Bösartigkeit existiert überall.“ Sitraxa hob einen Arm und schwenkte ihn herum, um auf ihre nahe Umgebung zu deuten. „Denk nur an die Natur. Sie ist eine Ansammlung von Schmerz und Leid, von einem ständigen Kampf ums Überleben. Aber gerade durch ihre Vergänglichkeit und Fragilität gewinnt sie erst ihre wahre Schönheit. Und dennoch fußt sie auf Blut und Knochen, auf Tod und Korrosion, auf Konflikt und Gewalt.“ Kurz hielt sie inne und betrachtete gedankenverloren das glühende Gesicht auf dem Einband des alten Folianten. „Ihr Menschen versteht das nicht. Ihr könnt Schmerz und Leid nicht akzeptieren. Ihr könnt euch der Schönheit des Schmerzes und des Todes nicht beugen, obwohl ihr ihr stets frönt. Für euch muss es immer einen perfekten Ort geben, an dem keine Konflikte herrschen. Nenn es Himmel, nenn es Folkvang, das ist gleichgültig. Vielleicht ist genau das der göttliche Funke in euch.

Esbens Arm zitterte. „Und was, wenn ich dir Schmerz zufügen würde? Würde dir das etwa gefallen?“

Er bereute die Frage im selben Atemzug. Sitraxas Augen loderten wie abgründige Höllenschlünde. „Ob es mir gefallen würde?“, kreischte sie. Blutstropfen spritzten erneut aus ihrem Mund, während sie erstickt lachte. „Das ist das falsche Wort, Priester! Ich giere danach, ich will ihn haben, der Schmerz ist mein Begleiter und Freund! Er ist die Essenz meines Lebens und ich liebe ihn mehr als alles andere!“

Sitraxa schlang die Arme um ihren schmächtigen Leib und wiegte sich laut lachend vor und zurück, während Tränen aus ihren weit aufgerissenen Augen quollen. Esben entfernte sich angewidert, ohne sie aus den Augen zu lassen. Wie konnte solch ein Wesen existieren? Nur existieren, um sich als wandelnde Abscheulichkeit mit dem Schmerz zu verbünden und ihn unter alles Lebendige zu bringen?

Du willst es doch, Priester?“, rief Sitraxa und robbte langsam auf ihn zu. „Du trägst selbst noch Teile der Natur in dir, die du unter deiner glitzernden Klerikerfassade versteckst! Komm, gib es zu! Du willst diesen jungen Körper, du willst ihn besitzen, du willst ihn haben und …

Schluss!“ Esben presste seine Magie regelrecht in den Folianten. Ein roter Lichtblitz fegte über den schroffen Felsen und wirbelte Staub auf. Sitraxa schrie auf, doch ihr hämisches Gelächter verstummte erst, als das Licht verschwand und sie wieder in ihrem Gefängnis im Folianten ruhte.

Esben sank zitternd zu Boden. Das schwere Buch entglitt seiner Hand. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Jegliche Kraft verließ ihn.

Verstehst du es jetzt?“, fragte ihn schließlich eine Stimme.

Esben hob ermattet den Kopf. Velis lehnte im Schatten einer Felsnadel am schroffen Stein und beobachtete ihn. Ihre roten Augen flackerten wie Funken.

Ihr seid Monster!“, stieß Esben hervor. „Ihr suhlt euch im Schmerz, ganz gleich ob ihr ihn erleidet oder zufügt! Ihr seid …“

Rauch füllte seinen Mund und Esben hustete. Er krümmte sich und fiel auf den schweren Folianten zu seinen Füßen. Er roch Schwefel.

Du liegst falsch“, sagte Velis schließlich, ohne sich zu bewegen. „Sitraxa und mein Vater suhlten sich im Schmerz. Aber das war nicht die Wahrheit, die ich dich lehren wollte.“ Sie hielt kurz inne und trat dann ins schwache Licht der brennenden Feuergruben. Esben rappelte sich mühsam auf und hob das Buch.

Komm nicht näher!“, rief er.

Velis hielt an und musterte ihn ohne Furcht. Kurz standen sie sich kampfbereit gegenüber, Auge in Auge, bis der Anflug eines Lächelns ihre schmalen Lippen umspielte.

Die Wahrheit ist, dass wir Dämonen alle mit einem festen Ziel geboren werden.“

Esben blinzelte und sah sie verwirrt an. Velis’ Lächeln wurde breiter, doch nun spiegelte sich Melancholie in ihren blutroten Augen.

Jeder Dämon verspürt Gier in seinem Innersten. Die Gier nach einer bestimmten Sache, einem bestimmten Gefühl. Es entspricht unserem Wesen, stets nach diesem einen Ziel zu streben. Mein Vater strebte nach Schmerz, Berith nach Wahrheit, Malfegas nach immerwährendem Kampfesruhm und Azrael nach Herrschaft und Dominanz. Wir alle versuchen, ein Ziel zu erreichen, das uns im Leben missgönnt wurde.“

Einen Namen kannte Esben nicht. „Wer ist Malfegas?“

Ein äußerst ruhmreicher, edler und starker Ritter Seiner Majestät“, hauchte eine Stimme in Esbens Ohr.

Esben fuhr so hastig herum, dass er stolperte und beinahe auf Velis fiel. Vor ihm stand ein gewaltiger Löwe, aus dessen Maul sich Rauchschwaden in den Himmel wanden. Sein Schwanz glich einer toten Schlange, die gefährliche Zähne entblößte.

Esben war sicher, ihn bereits einmal gesehen zu haben. Er musste ihm nach dem Kampf gegen Sitraxa in Velis’ Herzogtum begegnet sein.

Malfegas lachte. Esbens Reaktion schien ihm zu gefallen. „Das ist der furchterregende Magier, der uns alle mit einem Zauberwort einkerkern könnte? Ein Abrakadabra Verschwindibus und ich soll in dem Schmöker sein?“ Malfegas deutete mit dem furchterregenden Schwanz auf den verbotenen Folianten. „In meiner Arena würde der keinen Tag überleben.

Esben brachte die Kraft für eine Antwort nicht auf. Die Schrecken dieses Ortes beraubten ihn seiner Macht.

Malfegas!“, rief Velis überrascht. Sie hatte ihn ebenso nicht kommen gehört. „ich dachte, du bist in der Stadt?“

Malfegas grinste. „War ich auch. Hab dem Bischof von Aminas einen Besuch abgestattet. Er betet den ganzen Tag, während die anderen Insassen ihn verprügeln. Hat ihnen wohl früher viel Unbehagen bereitet.

Esben horchte auf. „Gibt es hier etwa eine Stadt?“

Malfegas bleckte seine Fänge. „Ja, Schlaumeier. An der müssen wir sowieso vorbei, wenn wir zum Chef wollen.“ Beiläufig bedeutete er Esben, ihm zu folgen. „Er will dich sehen.

Esben umklammerte den Folianten fester, als er sich in Bewegung setzte. Er hoffte nur, dem Rauch und der unangenehmen Hitze dieses Ortes zu entkommen.

Velis musste laufen, um zu Malfegas aufzuschließen. „Jetzt schon?“, fragte sie überrascht. „Ich dachte, Esben soll hierbleiben, bis die Schlacht vorbei ist?“

Malfegas schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht mehr. Die Dinge haben sich verändert.

Was ist geschehen?“

Malfegas knurrte. „Ein gewisser Engel.

Esben wusste, von wem sie sprachen. „Saskia?“, platzte er heraus. Azrael hatte sie für tot erklärt, aber Esben wusste es besser.

Malfegas schnippte mit dem schlangenköpfigen Schwanz. „Erraten. Sie hat deiner kleinen Bogenschützin im Lager das Leben gerettet, richtig?

Weil ihr sie vergiftet habt!“ Esben sah vor seinem inneren Auge, wie Abigor verzweifelt versucht hatte, Iliana zu heilen.

Haben wir nicht!“, protestierte Malfegas lautstark. „Das war ein gewisser Hanswurst, den ich bei lebendigem Leib fressen werde, das verspreche ich!

Velis verdrehte die Augen. Scheinbar handelte es sich hierbei nicht um die erste leere Drohung des gewaltigen Löwen.

Sie umrundeten einen schroffen Felsen und standen vor einem schmiedeeisernen Tor. Steinerne Totenengel flankierten es mit erhobenen Sensen.

Lasset alle Hoffnung fahren“, las Esben auf dem Torbogen.

Erbaulich, nicht wahr?“ Malfegas lachte dröhnend. „Original Ungoros.

Ungoros?“, fragte Esben verwirrt. „Wer ist das?“

Als sich das Tor öffnete, schwebte ihnen die Antwort entgegen.

Edle Herren, seid nicht verzagt, das jüngste Gericht wurd’ jäh vertagt“, sprach der riesige Fleischklumpen, der sich mit grotesk kleinen Fledermausflügeln in der Luft hielt. Esben bemerkte weißliche Maden, die sich in den speckigen Falten seines Körpers tummelten. Punkte tanzten vor seinen Augen und Übelkeit durchwühlte seinen Mageninhalt. Er würgte.

Na, na.“ Malfegas stupste Esben mit seiner Schnauze an. „Wer wird denn hier schon umfallen? Ist doch nur ganz natürlicher Verwesungsgeruch!

Esben wandte den Blick von Ungoros ab und folgte Malfegas dankbar in die Stadt. Bei dem Gedanken, gegen diese Wesen kämpfen zu müssen, rebellierte sein Magen erneut.

Ich war närrisch. Vollkommen närrisch. Wie könnte ich gegen solche Abscheulichkeiten kämpfen? Nicht ein Zauber würde mir einfallen!

Die Gebäude waren allesamt aus schwarzem Stein gebaut, Fenstergläser gab es nicht. Esben sah eine Menschenmenge sich um ein Podest versammeln, auf dem ein Mann predigte. Neben ihm lag eine wimmernde Frau, hinter ihr ein stand ein maskierter Henker.

Sieh genau hin“, forderte Malfegas. „Wir haben nichts damit zu tun. Wir haben ihnen freie Hand gelassen.

Freunde!“, rief der Mann. „Dieses elende Weib hat wider unsere Gemeinschaft gesündigt, indem es frevelhaft zum Heiligen Esben gebetet hat!“

Blasphemie!“, kreischte die Menge.

Blasphemie!“, bestätigte der Mann. „Im Namen unseres allmächtigen und weisen Herrn Azrael gebe ich sie hiermit zur Schändung frei! Treibt eure Spielchen mit ihr, bis der Blutmond am Himmel erscheint! Dann wird der Henker sie kreuzigen.“

Jubel wurde laut und die Frau schluchzte auf. Einige Männer stürmten sogleich auf das Podest und suhlten sich in ihren Trieben.

Wir müssen ihr helfen!“, sagte Esben mit brüchiger Stimme. „Das darf … das darf doch nicht sein!“

Gründet eine Stadt und büßet für eure Sünden“, murmelte Malfegas. „Das hat Azrael zu ihnen gesagt. Wir haben ihnen das Material gegeben, um sich zu organisieren. Wir haben ihre Häuser gebaut. Aber alles andere haben wir ihnen überlassen.“ Malfegas betrachtete Esben traurig, während die Frau vor Qualen schrie. „Wir mischen uns nicht ein, haben wir gesagt. Und das ist das Ergebnis. Das ist die Hölle, mein Freund. Die wahre Hölle.

Aber … aber wie kann das die Hölle sein, wenn sie sie hinrichten?“, fragte Esben. „Eure Täuschung fliegt dann doch auf, oder etwa nicht?“

Unsere Täuschung hat nie so recht funktioniert“, erwiderte Velis und drängte sie, weiterzugehen. „Der Sprecher vorhin ist Azraels selbsternannter Apostel. Er erklärt seinen Jüngern, dass sie sich nur in einem Zwischenstadium befinden und bald in den Himmel aufsteigen werden.“

Dann hatte Sitraxa recht“, flüsterte Esben, „Wir Menschen greifen immer nach dem Göttlichen, aber kommen nie von der Grausamkeit los.“

Als sie die tobende Menge passierten, bemerkten einige die Botschafter ihres neuen Gottes und warfen sich vor ihnen in den Staub. Esben erkannte den Bischof von Aminas, statt der prachtvollen Gewänder nun nur mit einem Lendenschurz bekleidet und mit geschwollenem Gesicht. Scheinbar regierten Streit und Gewalt den Alltag der Bewohner.

Esben atmete auf, als sie einen gewaltigen Palast inmitten der Häuser erreichten und den Marktplatz hinter sich ließen. Die Schreie verstummten, als die schwere Eisentür ins Schloss fiel.

Esben sah sich überrascht um. Der Regierungssitz glich einer düsteren Kirche. Unheilsschwangere Buntglasfenster kündeten von Krieg und Zerstörung, andere von Gericht und Seligkeit. Statuen säumten den Weg, der mit einem purpurroten Teppich ausgelegt war.

Inmitten des Monuments erhob sich eine gewaltige Thronlehne, die bis zur prunkvollen Decke reichte. Die Darstellung eines Richtschwerts bedeckte den dunklen Stein. Es ähnelte Murakama.

Darunter saß, den Kopf in herrschaftlicher Manier sanft mit zwei Fingern abstützend, Azrael.

Obwohl seit ihrer letzten Begegnung keine drei Tage vergangen waren, wirkte der Dämonenkönig stark verändert. Er schien bleich und ausgezehrt, dunkle Ringe verunzierten seine rötlich schimmernden Augen. Er trug einen schwarzen Mantel mit Stehkragen und eine ebenso dunkle Plattenrüstung. Die Klinge Murakama lehnte neben ihm am Thron.

Willkommen.“ Azrael erhob sich und breitete die Arme aus, so als begrüßte er einen alten Freund. „Wie gefällt es dir? Mein Domizil?“

Esben zögerte. Nach dem Toben der Menge hallte hier jedes Wort unangenehm laut durch den gewaltigen Raum.

Düster“, erwiderte er schließlich.

Besser kann man es vermutlich nicht beschreiben. Ich bin schließlich auch ein düsterer Gott.“ Azrael ließ sich wieder auf den Thron sinken und bedeutete Malfegas zu gehen. Der Löwe neigte das Haupt und verschwand durch eine unscheinbare Tür in einen Nebenraum. Esben zuckte zusammen, als sie ins Schloss fiel. Velis stellte sich neben Azraels Thron und hauchte einen Kuss auf seine Stirn.

Esben sah sie überrascht an. Azrael kommentierte die Geste mit einem ironischen Lächeln. „Ja, auch Dämonen können lieben, mein Freund. Aber das kann ich dir später noch erklären.“ Ernsthaftigkeit verfinsterte seine Miene. „Esben, ich mache es kurz: Schließt du dich uns an?“

Esben umklammerte den Folianten. Er erinnerte sich an den Kampf in Hornheim, als die Dämonen vor der Macht des Buches zurückgeschreckt waren. Nun schien niemand mehr Angst zu verspüren.

Für mich gibt es nur einen Gott“, presste er hervor.

Azrael seufzte. „Wieso fühlst du dich ihm verpflichtet? Was hat er dir je gegeben?“

Esben hielt seinem Blick stand. „Mein Leben.“

Und warum sollst du dafür dankbar sein?“

Esben sah Azrael verblüfft an. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Azrael lehnte sich zurück, bis sein Rücken gegen die hohe Lehne stieß. Seine Augen blitzten.

Wenn Gott der Herr dich tatsächlich liebte, hätte er dich sofort im Himmel erschaffen. An einem Ort ohne Leid, ohne Konflikt. Stattdessen warf er dich auf dieses Schlammloch namens Erde, wo die Dämonen regieren.“ Azrael breitete die Arme aus. „Gier, Neid, Wollust, Völlerei! Das sind die wahren Dämonen und sie hausen in eurem Verstand! Du glaubst mir nicht? Sieh nach draußen! Ich bot ihnen einen Garten Eden und sie bauen ein Inferno! Der Mensch muss ein Knecht sein, um keinen Schaden anzurichten!“

Der Foliant entglitt Esbens erschlaffenden Hand und fiel zu Boden. Die Kraft wich aus seinen Knien und der Priester knickte ein. Er fing seinen Sturz mit den Händen ab. Schmerz durchzuckte die Gelenke und ein Tränenschleier schob sich vor Esbens Augen.

Dann befreie mich!“, schrie er. Die lodernde Wut, die schmerzhaften Zweifel, die schleichende Furcht, alles brach sich nun Bahn. Seit Teshins und Saskias Auftauchen in Aminas war seine Welt immer wieder aufs Neue zerschmettert worden. „Befreie mich von meinem Schmerz! Mach mich endlich wieder ganz!“

Azrael schwieg. Er wirkte erstaunt.

Esben starrte ihn an, während Tränen seine Wangen benetzten.

Überall Monster“, flüsterte er. „Wohin ich auch blicke, alles ist düster und voller Dunkelheit. Jeder Dämon ist gottlos und jeder Mensch schlachtet seinesgleichen. Meine Schwester – tot. Meine Gemeinde – Monster. Meine Freunde – versprengt. Es gibt nichts … nichts … keinen Schutz vor der Dunkelheit. Jeder ist grausam und jeder ist ein Abgrund.“

Die Worte sprudelten aus Esben jervor wie ein Wasserfall der Bekenntnis. Er konnte nicht mehr an sich halten und lautes Lachen entrang sich seiner gepeinigten Kehle. Der Wahnsinn erschien ihm nun als tröstlicher Freund.

Alles ist dunkel und kalt!“, schrie Esben, bevor er entkräftet niedersank.

Kurz herrschte Stille, als Azrael sich plötzlich erhob und über den roten Teppich schritt. Der Stoff dämpfte seine schweren Schritte kaum.

Ich verstehe dich“, murmelte der Dämonenkönig. „Unsere Welt ist von Krieg geplagt und wir alle haben diese Momente, wenn wir die Wahrheit begreifen, in denen unser Leben wie grausamer Spott erscheint. Liebe deinen Nächsten, sagen sie und am nächsten Tag verbrennen sie eine Hexe. Gott bequemt sich nicht herab, um zu herrschen. Ich muss es für ihn tun.“

Esben hob verunsichert den Kopf, als Azrael ihm die Hand anbot. Zögernd ergriff er sie.

Kann es wirklich gelingen?“, fragte er leise.

Ja“, erwiderte Azrael und stieß ihm Murakama ins Herz.

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Gottes Hammer: Folkvang X

Esben trieb in völliger Finsternis. Er fühlte sich wie in einem warmen Meer, das ihn von allen Gedanken und Widrigkeiten der Realität befreite. Farblose Wellen umspülten seinen reglosen Körper.

Dann geschah es.

Mit einem Mal wurde die Schwärze zerrissen und er schlug die Augen auf. Verwirrt blickte Esben um sich. Die Orientierungslosigkeit umnebelte seinen Verstand wie wohlriechender Dampf. Aber schnell verdrängte der Geruch nach Schwefel seine Verwirrung.

Esben lag auf schwarzer Erde, der alte Foliant und sein Gerüst waren verschwunden. Rauchschwaden blockierten die Sicht auf seine Umwelt, aber Esben hörte Geschrei und Stöhnen. Er sah, wie schemenhafte Gestalten in wirren Bewegungen am Rand seines Sichtfelds vorbeirannten. Flüssiges Feuer brodelte in Gräben neben ihm.

Esben sank entkräftet zu Boden. Seine letzte Erinnerung war Elinors erschrockenes Gesicht, als er sie im Lager der Tempelsöhne verhörte. Jemand musste ihn hinterrücks angegriffen haben!

Es konnte nur Abigor gewesen sein. Esben wusste nicht, welches prekäres Geheimnis der Tempelsohn hütete, aber es musste Ashaya und Berith betreffen.

Esben atmete tief durch und ließ seinen Blick über die nahe Umgebung schweifen. Sein Hinterkopf schmerzte, als ob tausend Nadeln sich gleichzeitig in ihn bohrten. Seine Nemesis war nicht zimperlich gewesen.

Plötzlich erklang hinter ihm eine Stimme. „Gut geschlafen?“

Esben wirbelte herum und erblickte Velis’ ausdrucksloses Gesicht. Die mädchenhafte Dämonin musterte ihn aus flackernden Augen, während sie ihre Hände vor der Brust verschränkt hielt. Esben entging nicht, dass sie noch immer das stachelige Halsband trug, das sie während ihres Aufeinandertreffens in Hornheim als Sklavenmacher bezeichnet hatte. Scheinbar war es Azrael nicht gelungen, sie von dem Fluch zu befreien.

Wo bin ich hier?“, fragte Esben leise. Die Antwort lauerte in seinem Innersten hinter einer Fassade aus Selbstschutz.

In der Hölle“, entgegnete Velis schlicht.

Esbens Hand fuhr zu seinem Hinterkopf. Ein entsetzlicher Verdacht nahm in seinem Kopf Gestalt an. „Bin ich etwa … gestorben?“

Kurz herrschte Schweigen und nur das Stöhnen der Schemen umschmeichelte die Stille. Dann brach Velis plötzlich in lautes Gelächter aus. Auf seltsame Weise beruhigte das Geräusch Esben. Es wirkte kindlich, nahezu unschuldig.

Ich dachte, du glaubst nicht an uns?“, fragte sie neckisch.

Ich glaube nicht an Azraels Göttlichkeit“, korrigierte Esben. „Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Hölle existiert.“

Velis neigte den Kopf. Nun wirkte sie wieder ernst. „Damit liegst du gar nicht so falsch. Azrael hat diesen Ort schließlich selbst erschaffen.“ Sie breitete die Arme aus, so als ob sie die gesamte Welt umfassen wollte. „Eine eigene Welt in einer Welt.“

Esben starrte sie erstaunt an. „Was? Azrael hat …“

Velis streckte ihm eine Hand entgegen. „Komm mit, dann verstehst du es vermutlich besser.“

Zögerlich ergriff Esben ihre wartenden Finger. Welche Möglichkeiten boten sich ihm schon? Er wusste nicht, wo er sich befand oder wie er diese furchteinflößende Welt verlassen konnte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als nach dem Szenario der Dämonen zu handeln.

Velis führte ihn zielsicher durch den Rauch. Esben hustete und schirmte Mund und Nase mit seinem Unterarm ab. Schmerzhaft wurde ihm das Fehlen des Folianten ins Bewusstsein gerufen. Die Magie des Buches hätte die dämonischen Blendwerke vernichten können. Ein Schauer der Angst ließ Esben erzittern. Er war nun kaum mehr als ein normaler Mensch. Seine mäßige magische Kraft konnte ihn hier nicht schützen.

Plötzlich tauchte aus den schwarzen Schwaden ein Mensch auf, am ganzen Körper geschunden und blutig, der mit lauten Schreien und wie ein Irrer gestikulierend über den felsigen Untergrund lief. Erstarrt folgten Esbens Blicke der grässlichen Gestalt, die wild zuckend an ihnen vorbeiraste und wieder im Schutz des dichten Rauchs verschwand. Die Schreie wurden immer leiser, bis sie schließlich erstarben.

Was … was war das?“, fragte Esben heiser.

Velis seufzte. Melancholie lag in ihrer Stimme, als sie antwortete. „Ein Schemen, nichts weiter.“

Das war doch … ein Mensch!“, stieß Esben zitternd hervor. „Was ist ihm zugestoßen?“

Velis ergriff seine Hand fester, während sie an einem besonders tiefen Graben vorbeigingen. „Was bringt dich zu der Annahme, diese Gestalt sei ein Mensch gewesen?“

Esben sah Velis an. Wollte sie ihn verhöhnen? Er räusperte sich. „Das war ja wohl kaum zu übersehen. Er hatte Arme und Beine, also muss er ein Mensch gewesen sein.“

Velis hielt an und erwiderte seinen Blick. Das blutrote Leuchten ihrer Augen wurde intensiver. „Was ist mit mir? Ich habe auch den Körper eines Menschen.“

Esben fluchte innerlich. Er wollte sich auf keine Diskussion einlassen!

Das ist eine Frage der Gesinnung“, erwiderte er knapp und wollte weitergehen.

Velis hielt ihn zurück. „Ich habe es versucht.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich habe wirklich versucht, ein Mensch zu sein.“ Ihre großen Augen funkelten und die dünnen Finger ihrer verbliebenen Hand strichen über das dunkle Halsband.

Esben entwand sich ihr. „Jetzt tu nicht so scheinheilig!“, brüllte er. Die Panik schürte seine Wut. „Ihr seid Dämonen! Ihr holt Menschen hierher und FOLTERT sie!“

Velis’ Augen blitzten erbost. „Warum denkst du das? Weil Sitraxa es so gemacht hat?“

Willst du mich verarschen?“ Die Unsicherheit und die vielen Gefahren der letzten Tage machten sich bemerkbar. Ein Held wie Halgin hätte vermutlich selbst in dieser Situation Haltung bewahrt und Velis majestätisch Paroli geboten, aber der Strudel der Ereignisse hatte jegliche Heldenhaftigkeit aus Esben herausgezwungen. „Sieh dich doch um! Das hier ist doch Beweis genug!“ Der Priester vollführte wilde Gesten. „Und hast du vergessen, dass ich in Hornheim war? Dort ist alles voller Verliese und Kerker! Ein gottloser Ort!“

Velis erwiderte nichts. Stattdessen ergriff sie wortlos den Rand ihres Hemdes und zog es hoch, bis Esben ihren Bauch sehen konnte.

Der Priester erstarrte.

Brandnarben überzogen die ehemals weiche Haut, sodass sie wie ein zerklüftetes Felsenmeer wirkte. Esben erkannte einen eingeritzten Schriftzug in dem Zeugnis von Schmerz und Leid. Unhold, stand dort geschrieben.

Esben sank entkräftet zu Boden und mit einem Seufzen bedeckte Velis ihre Blöße erneut. Als sie zu sprechen begann, wirkte sie wesentlich älter.

Mein Vater war ein grausamer Dämon“, erzählte sie und strich dabei über ihr Halsband. „Er hat Mägde aus Raureif geraubt und meine Mutter gezwungen, ihm … Vergnügen zu bereiten. So … bin ich entstanden. Unbeabsichtigt.“

Velis’ Augen füllten sich mit den Erinnerungen vergangener Zeiten. Sie blickte in den Rauch, so als ob sich die Bilder dort neu bildeten. „Aber dennoch hat mein Vater niemandem je zum Spaß Schmerz zugefügt, auch wenn viele das behaupten. Er hat es getan, weil er es zum Leben brauchte. Seine Magie als Dämon hatte ihm ewiges Leben geschenkt, aber eben zu diesem Preis. Er verachtete sich selbst und in grausigen Anfällen von Hass geißelte er sich oft bis zur Bewusstlosigkeit. Seine gesamte Welt bestand nur aus Schmerz. Wie auch meine.“

Velis erschauderte. „Als ein mächtiger Inquisitor von Astaval in Hornheim eindrang und meinen Vater trotz seiner Unsterblichkeit tötete, wurde ich befreit. Aber ich kannte das Leben jenseits der vertrauten Mauern des Verlieses nicht. Ich kannte kein Leben, in dem man stundenlang keinen Schmerz verspürt. Also flehte ich die Knechte des Inquisitors an, mir Schmerz zuzufügen.“

Velis strich über ihren Bauch. Übelkeit überkam Esben, als er verstand, worauf sie hinauswollte.

Ich trug davor schon einen Sklavenmacher, aber ich hatte nie Narben“, flüsterte Velis. „Dafür hat mein Vater gesorgt. Aber an jenem Tag bekam ich mehr als genug Narben und dazu noch einen Schmerz, der jenseits aller Vorstellungskraft stand.“ Velis stöhnte. „Glühendes Eisen. Die Knechte haben pausenlos gelacht und sich betrunken. Für sie war es ein Spiel. Sie betrachteten mich nicht als Lebewesen, sondern als … Ding, mit dem der Besitzer tun und lassen kann, was auch immer er will.“ Velis’ lodernder Blick ruhte auf Esben. „Hast du schon einmal so etwas erlebt, Priester? Wenn Menschen außer Kontrolle sind?“

Esben dachte an den Lynchmord an seiner Schwester und nickte traurig. „Warum?“, flüsterte er. „Warum erzählst du mir das?“

Velis ging auf ihn zu und ließ sich vor ihm nieder. „Du liegst richtig“, sagte sie leise. „Wir Dämonen sind keine Menschen mehr. Sowohl im schlechten, als auch im guten Sinne.“ Sie erhob sich und deutete auf die Stelle, an der die geschundene Gestalt im Rauch verschwunden war. „Das war übrigens ein Hrandar von Berengar. Wir lassen sie einmal pro Tag durch die Gegend rennen, um den Verdammten Angst einzuflößen.“

In einem letzten verzweifelten Versuch begehrte Esben auf. „Was ist mit Sitraxa? Sie genoss es, Menschen Leid zuzufügen!“, rief er.

Velis erwiderte nichts. Stattdessen zog sie den gewaltigen Folianten hervor, so als ob sie ihn aus Luft bildete. „Beschwöre sie“, flüsterte sie. „Dann wirst du die Wahrheit erkennen.“

Ehe Esben eine Antwort finden konnte, war Velis verschwunden und das dicke Buch lag vor ihm im Staub der Hölle.

König Azrael.“ Berith sank vor dem Dämon auf ein Knie.

Azrael nickte und bedeutete ihm, sich zu erheben. Eine Sorgenfalte spaltete seine Stirn. Scheinbar quälte ihn wieder die Stimme, deren Herkunft niemand kannte.

Berith.“ In einen prächtigen schwarzen Mantel gehüllt, wirkte Azrael wie ein Edelmann. Das prächtige Schwert Murakama lehnte an seinem Thron.

Berith räusperte sich. „Soll ich mich nun um Esben kümmern?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Er ist fürs Erste aus dem Verkehr gezogen, aber er wird uns später noch gute Dienste leisten. Mehr Sorgen bereiten mir Abigor und unsere Kontaktperson im Heerlager der Tempelsöhne.“

Berith schluckte. Diese Antwort missfiel ihm. „Ashaya kümmert sich bereits um sie.“

Genau das macht mir Sorgen.“ Azraels Augen funkelten. „Sie war gerade erst hier und wollte Esben abholen.“

Berith nickte. Er hatte ihr diesen Auftrag gegeben.

Azrael knurrte. Er wirkte wie ein Raubtier. „Eine Sterbliche. Hier, in Hornheim? Berith, sie weiß bereits jetzt zuviel. Du verlässt dich zu sehr auf sie.“

Fürchtet Ihr, sie könnte uns verraten?“, fragte Berith, ohne Emotionen zuzulassen.

Azrael blickte in die Ferne. Er schien der Frage ausweichen zu wollen. „Die Sache mit Iliana und Lifas lassen wir sie noch erledigen, aber um Medardus und Abigor wird sich unsere Kontaktperson kümmern. Aminas indes werde ich jemand anderem überlassen.“

Beriths Herz setzte einen Schlag aus. „Habe ich … habe ich gefehlt, Herr?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich brauche dich hier. Das Ultimatum ist bald vorbei. Der Kampf steht kurz bevor und diesmal wird es kaum so einfach werden wie in Aminas.“ Seine Augen funkelten. „Aber wenn wir es schaffen, Medardus auf unsere Seite zu bringen, haben wir gewonnen.“

Berith sah ihn erstaunt an. „Was macht Euch so sicher?“

Ein leises Lächeln umspielte Azraels Lippen. „Er stammt aus Astaval. Ich kenne ihn noch aus Kindestagen. Seither hat er sich einen großen Namen gemacht. Wenn wir ihn haben, wird uns niemand mehr ernsthaften Widerstand leisten können.“ Sein Blick fiel auf Beriths Rüstung. „Halte dich bereit. Bald ist es soweit.“

Berith nickte und erhob sich. Eine Schlacht stand bevor.

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Gottes Hammer: Folkvang IX

Iliana entsann sich der Worte des Dorfpriesters in Raureif, der die Hölle als heißen, trostlosen Ort beschrieben hatte, in dem man in vollkommener Einsamkeit umherirrte. Jedoch nur dann, wenn man zu den Glücklichen zählte. Die schlimmeren Sünder, die Ketzer, Mörder und Hexen wurden von den Dämonen gequält. Dennoch war Ilianas Vorstellung von der Hölle immer einem weitläufigen, verbrannten Feld gleichgekommen, auf dem sie vollkommen allein und verlassen war.

In Hrandamaer schien es, als bewahrheitete sich ihre kindliche Fantasie.

Keine Pflanze, kein Lebewesen. Nur die bräunliche, nach Schwefel riechende Erde. Hin und wieder passierten sie verkohlte Ruinen, die wohl vor Jahrhunderten einmal Dörfer gewesen sein mochten. Öfter sahen sie Bäume, deren Äste in grotesken Winkeln abstanden, sich immer weiter verjüngten und schließlich zu weißen Knochen zu werden schienen. Es herrschte völlige Stille.

Als einziger Lichtblick in diesem verheerten Land betrachtete Iliana die Umrisse einer Kathedrale am Horizont. Sie glich entfernt dem großen Tempel, den Lifas ihr vor ihrer Begegnung mit den beiden Flüchtlingen aus Aminas gezeigt hatte, wenngleich sie dessen gewaltige Höhen in geringerem Maße teilte.

Die Stille war zermürbend. Anfangs hatten sie noch versucht, ihr Gespräch aufrechtzuerhalten, aber diese unnatürliche Abwesenheit von Tönen erstickte ihre Bemühungen wie unter einem Leichentuch. Selbst die beiden Zugpferde wirkten ermattet.

Iliana wollte Lifas nach dem Fluch fragen, vermochte jedoch kein Wort von sich zu geben. Stattdessen ließ sie ihren Blick über die endlosen Weiten von Hrandamaer schweifen. Was mochte hier nur geschehen sein?

Mit einem Mal beschleunigte ihr Herzschlag und die Pferde scheuten. Mehrere Leichen säumten die staubige Straße.

Es handelte sich um groteske Gestalten, die kaum noch als Menschen zu identifizieren waren. Das Fleisch hing ihnen in Fetzen vom Körper, der nur durch eine Kruste aus Schmutz und Staub zusammengehalten werden schien. Die Körper lagen um den frischeren Kadaver einer Kuh herum, manche sogar auf ihm. Er wirkte, als hätten hungrige Mäuler sich in sein Fleisch gegraben.

Iliana erschauderte. In ihr formte sich ein Verdacht, wie der Fluch von Hrandamaer aussah. Ihr Magen rebellierte und sie wandte sich ab. Nicht einmal Fliegen wagten sich an das verstorbene Tier heran.

Ergrimmt griff Lifas zur Peitsche. Er schien seine Nervosität unter einer Fassade aus Wut zu verbergen.

Los!“, rief er laut. „Hü!“

Widerstrebend trabten die Pferde weiter. Nun durchbrach Iliana die Stille.

Sollten wir sie nicht bestatten?“, fragte sie zaghaft. Sie erinnerte sich an eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie handelte von einem edlen Helden, der jeden besiegten Feind mit eigenen Händen zu Grabe trug und für sein Seelenheil betete.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie wurden bereits einmal bestattet“, entgegnete er mit einem Knurren.

Eine kalte Klaue umfasste Ilianas Herz. Ihr Verdacht entsprach wohl der Wahrheit. Nachts, wenn die Lebenden ruhten, erhoben sich in Hrandamaer die Toten.

Kurze Zeit später erreichten sie die Kathedrale. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei vielmehr um eine Stadt, die in das geistliche Gebäude gebaut wurde. Zwischen Heiligenstatuen und prunkvollen Altarbildern reihten sich Zelte aneinander, deren Bewohnern mehrere fahrende Händler ihre Waren präsentierten. Es herrschte geschäftiges Treiben, ein heftiger Gegensatz zur Stille der weiten Ebenen.

Lifas bedeutete ihr, abzusteigen und Iliana ließ sich in den braunen Staub gleiten. Der Boden knirschte unter ihren Stiefeln und sie schluckte. Sie fühlte sich, als würde sie auf Knochen wandeln.

Sie passierten mehrere Frauen, die an einem verschlossenen Brunnen hantierten. Iliana fragte sich, weshalb diese Vorsichtsmaßnahme wohl nötig war. Da kam ihr der Gedanke an die Leichen und sie beschloss, es lieber nicht wissen zu wollen.

Als Lifas durch das weit geöffnete Doppeltor schritt, erregte er sofort Aufmerksamkeit. Scheinbar war er als Sohn des Herzogs nicht unbekannt. Sofort verstummten die Gespräche und wer dennoch redete, wurde von seinem Nachbarn auf die Neuankömmlinge hingewiesen.

Bruder!“, rief ein Mann sofort. „Wir haben hohe Gäste!“

Aus der neugierigen Menge löste sich ein gealterter Mann in der Robe eines Mönchs, auf dessen Glatze sich das durch die Buntglasfenster fallende Sonnenlicht spiegelte. Iliana entging das kantige Glaubenssymbol nicht, das er wie eine Waffe an seinem Gürtel trug.

Herr Lifas!“, rief der Mann überrascht. „Welch eine Ehre! Wie geht es Eurem Onkel und Eurer Schwester? Ich hoffe doch, es gab im Heidenwald keine Komplikationen?“

Lifas begrüßte den Neuankömmling mit einem Nicken. Der Anflug eines Lächelns schlich sich auf sein Gesicht. Dennoch erreichte die Wärme seine Augen nicht.

Ich grüße Euch, Bruder Thomasius. Meine Verwandten sind wohlauf. Wir erwarten bald ein Gefecht, bisher noch kein Feindkontakt.“ Iliana erschien die Erzählung wie ein militärischer Bericht.

Thomasius’ Mundwinkel zuckten. Scheinbar hatte er nichts anderes erwartet.

Folgt mir ins Sakrosanktum! Dort können wir genauer über die Geschehnisse sprechen!“ An die Gemeinde gewandt fügte er hinzu: „Und Ihr bereitet für den Abend ein Mahl vor! Wir haben einen Fürstensohn als Gast!“

Jubel erhob sich und Iliana warf unbehagliche Blicke in die Runde. Sie war dieses Maß an Aufmerksamkeit nicht gewohnt.

Bruder Thomasius bewegte sich mit äußerster Geschicklichkeit durch die Menschenmenge, wohingegen sich Iliana mit gemurmelten Entschuldigungen an den Leuten vorbei drängte. Jedoch erwarteten sie keine wüsten Reaktionen. Die meisten der Bewohner quittierten ihre Unbeholfenheit lediglich mit einem amüsierten Lächeln. Offenbar war dies keine Seltenheit.

Als sie in den hinteren Teil der Kathedrale gelangten, betätigte Thomasius einen verborgenen Schalter, der einen wohl ehemals geheimen Gang öffnete. Sie erklommen eine Wendeltreppe und fanden sich kurz darauf vor einer reich verzierten Tür wieder.

Bitte, tretet ein.“ Thomasius öffnete die Tür und wies auf den kleinen Raum dahinter.

Es handelte sich um ein kleines Arbeitszimmer, in dem sich neben einem Schreibtisch außerdem ein Bücherregal und eine unbequem wirkende Koje befanden. Kaum fiel die Tür ins Schloss, fiel Thomasius Lifas in die Arme.

O Junge!“, rief er leise. „Ich war schon in Sorge! Das Orakel …“

Lifas räusperte sich vielsagend und deutete auf Iliana. Thomasius brach sofort ab und musterte sie, als sähe er sie zum ersten Mal.

Ist diese junge Maid nicht eingeweiht?“, fragte er ehrlich überrascht.

Iliana errötete. Man hatte sie noch nie zuvor als Maid bezeichnet.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie erfährt es noch bald genug. Wir sind auf dem Weg nach Hrandars Faust.“

Was erfahre ich früh genug?“ Iliana runzelte die Stirn. „Dass in der Nacht die Toten umgehen?“

Die beiden Männer sahen sie überrascht an.

Das ist doch der Fluch, oder?“, fügte sie hinzu. „Esben hat etwas in der Art erwähnt und wir haben auf dem Weg hierher ein halb aufgefressenes Tier gesehen.“ Ihr fragender Blick galt vor allem Lifas.

Der Ritter räusperte sich. „Zugegeben, ich wollte dich schonen und dir das verheimlichen. Aber wir sprechen von etwas anderem.“ Seine Augen glitzerten. „Medardus meinte, du hattest Visionen. Das Orakel kann dir alles besser erklären als wir.“

Iliana verdrehte die Augen. „Hältst du mich für zartbesaitet?“, fragte sie schmollend. Wenn er sie duzte, konnte sie das auch. „Vergiss nicht, ich war in Hornheim und habe gegen Sitraxa gekämpft!“

Lifas’ rechte Augenbraue wanderte nach oben, obgleich widerwilliger Respekt in seinem Blick glitzerte. Thomasius erbleichte.

Das hast du bisher noch nicht erwähnt.“

Ich ging davon aus, Medardus erzählt seinen Tempelsöhnen sowieso alles“, konterte Iliana.

Gegen diese Bestie?“, klagte der Bruder. „Gott helfe uns allen! Die Gerüchte stimmen! Die Dämonen toben auf der Welt!“

Sind die Gerüchte bereits bis hierher gelangt?“, fragte Lifas den Mann irritiert.

Thomasius nickte zerknirscht. „Ein fahrender Händler war vor kurzer Zeit hier. Er berichtete, dass angeblich ein Dämon den Bischof von Aminas geholt hätte.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Nicht, dass dieser wollüstige Bock es nicht verdient hätte, aber es gibt einem doch sehr zu denken!“

Es ist weit schlimmer“, flüsterte Iliana. „Die Dämonen haben die Stadt übernommen.“

Thomasius flüsterte einige Worte in der Alten Sprache, ehe er entkräftet in seinen Stuhl sank. Ein unheilsschwangeres Knarren hallte durch den Raum.

Gott steh uns bei!“, flüsterte er und fächelte sich mit seiner Hand Luft zu. „Was, wenn sie auch nach Hrandamaer kommen?“

Keine Sorge.“ Lifas’ Stimme klang hart. „Medardus befehligt unser Heer. Wenn jemand diese Bedrohung aufhalten kann, dann er.“

Medardus? Der Inquisitor?“ Als Lifas nickte, stöhnte Thomasius auf. „An ihn habe ich keine guten Erinnerungen. Man erzählt sich viel über seine Vergangenheit … angeblich soll er aus Astaval stammen und mit dem Tempelsohn Mendatius einen Dämon besiegt haben, bevor er seine Stimme opferte …“

Wir alle kennen die Geschichten“, erwiderte Lifas.

Ich nicht!“, entgegnete Iliana beleidigt. Lifas ignorierte sie.

Falls die Dämonen den Händlern die Reise nach Hrandamaer verbieten, könnt ihr euch dann versorgen?“, fragte er besorgt.

Thomasius holte ein fleckiges Tuch hervor und fuhr sich damit über seine mit Schweißperlen bedeckte Stirn. „Ich weiß es nicht“, bekannte er. „Die Lieferungen aus Astaval gehen zum größten Teil nach Hrandars Faust, aber wenn ich mit Ashaya spreche …“

Der Name durchzuckte Iliana wie ein Blitz. Berith hatte ihr geraten, diese Person aufzusuchen! War sie etwa eine Fürstin?

Lifas nickte bedächtig. „Sie ist zwar eine Freundin meines Onkels, aber dennoch für Argumente zugänglich.“

Thomasius neigte den Kopf. Schalk blitzte in seinen Augen auf. „Hat sich Abigors Gebahren noch nicht zum besseren gewandt?“

Lifas seufzte resigniert. Kurz verschwand der Ingrimm aus seiner Miene.

Sagt, Bruder Thomasius, ist er wirklich ein Gelehrter? Mit jedem neuen Tag zweifele ich mehr daran.“

Thomasius lachte auf. Das herzhafte Geräusch besaß solche Lautstärke, dass Iliana erschrocken zusammenzuckte.

Ich denke nicht, dass dies die Zeit ist, um einen alten Freund zu diskreditieren“ erwiderte er mit einem Augenzwinkern und wandte sich dann plötzlich Iliana zu. „Aber nun zu Euch, junge Maid. Ihr habt sicher viele Fragen. Genauso wie ich. Wie kommt es, dass Ihr Euch derart … kämpferisch kleidet?“

Iliana sah an ihrem Körper hinab und errötete erneut. Sie hielt noch immer den Bogen in der Hand. Zusammen mit ihrer praktischen Kleidung wirkte sie wie eine Waldläuferin.

Wie gesagt, ich habe gekämpft!“, antwortete sie etwas lauter als gedacht. „Versucht das einmal in einem Kleid!“

Die Vorstellung schien den Mönch zu erheitern. „Ich kämpfe auch, meine Liebe. Dennoch trage ich immer meine Kutte.“

Iliana verdrehte die Augen. „Ich dachte, ich dürfte die Fragen stellen?“

Thomasius erteilte ihr mit einer einfachen Geste die Erlaubnis. Iliana holte tief Luft. „Was hat es mit dem Fluch genau auf sich? Erheben sich die Toten wirklich aus den Gräbern?“ Sie hoffte inbrünstig, dass sie falsch lag.

Der Mönch seufzte. „Ich teile dies einer Maid nur äußerst ungern mit … aber ja. Das tun sie.“ Er räusperte sich. „Vor mehr als siebenhundert Jahren waren diese Lande noch fruchtbar und wunderschön. Zu dieser Zeit entstand das Kaiserreich mit seiner Hauptstadt Sankt Emerald. Es verleibte sich Astaval und Aminas in Windeseile ein, über unsere Grenzen kam es jedoch zunächst nicht hinaus. Unsere Vorfahren waren stark und wohlhabend. Sie hielten wenig davon, ihre Unabhängigkeit aufzugeben. So existierte unser Königreich jahrelang neben dem Kaiserreich in Frieden.“

Er machte eine theatralische Pause. Lifas schien sich zu verspannen. Nun kam wohl der unangenehme Teil der Geschichte.

Jedoch waren unsere Vorfahren heidnisch. Sie verspotteten den Glauben an den einen Gott im Süden. Aus dieser Zeit stammt die Geschichte vom Heiligen Lifas.“ Thomasius räusperte sich erneut. „Er kam in unsere Lande, um die Botschaft des Herrn zu verkünden. Nach einigen Predigten ließ König Androg ihn jedoch festnehmen und verhören. Was er hörte, gefiel ihm nicht.“

Bei diesen Worten glitzerten Thomasius’ Augen mit einem Mal wie abgründige Sterne. Iliana schluckte. Sie konnte seine Miene nicht deuten, aber sie vermutete, dass seine leidenschaftliche Frömmigkeit nun zutage trat.

Androg war ein verabscheuungswürdiges Wesen, alt und verbittert. Er stützte seine Macht auf den heidnischen Glauben und paktierte heimlich mit Dämonen. Er sah Lifas als Gefahr für seine Herrschaft an und ließ ihn daher öffentlich martern, um ihn zum Abschwören zu bringen. Aber der Heilige ertrug alle Qualen und immer wenn die Wachen ihn fragten: „Bekennst du dich zu Fimbultyr, unserem obersten Gott?“, antwortete er: „Ich bekenne mich zu dem einen Gott, der uns geschaffen und geformt hat und in dessen Auftrag ich hierher kam“ und zeigte keine Schwäche. Schließlich ließ Androg den Heiligen von Hunden zerfleischen, aber Lifas hatte das Volk bereits so beeindruckt, dass viele zum wahren Glauben übertraten. Sie wurden alle von der Katastrophe verschont, die da kommen sollte.

Denn Gott der Herr schickte seinen Todesengel, um Androgs Grausamkeit zu bestrafen. Eine Seuche kam über das Land und raubte die Leben all derer, die Lifas verspottet hatten. Androg verlor seine Frau und sein einziges Kind. Doch anstatt Buße zu tun und die Größe des einen Gottes anzuerkennen, beging er noch einen Fehler.“

Ilianas Hände krallten sich in die Lehne ihres Stuhls. Die Stimmung im Raum war gekippt. Merkwürdige Anspannung ging von Lifas und Thomasius aus. Sie wirkten mit einem Mal ernst und erhaben, so als ob eine himmlische Eingebung sie von einem Moment auf den anderen über das Profane gestellt und ihnen die göttliche Wahrheit offenbart hätte. Iliana fühlte sich unwohl. Sie hatte ihren Glauben vor Arinhilds Scheiterhaufen und in den Verliesen Hornheims zurückgelassen und machte auch kein Hehl daraus. Sie fühlte sich fehl am Platz, wie ein Eindringling.

Thomasius’ Augen schienen sich in ihre Seele zu brennen, als er fortfuhr.

Der Teufel erschien Androg und bot ihm einen unverschämten Handel an: Er würde seine Familie wiedererwecken, wenn er dafür ein bestimmtes Ritual ausführte. Worin diese unheilige Zeremonie genau bestand, ist heute unbekannt. Zum Glück. Aber viele berichten, dass Androg die Häupter von siebenhundert frommen Männern zusammentrug, im Blut von neunhundert Kindern badete und dreizehn schwarze Messen las. Diese schreckliche Hybris brachte den Fluch über dieses Reich. Androgs Frau und Kind kehrten tatsächlich zurück, aber sie waren nur tote Hüllen ohne Seele. Aus Gram nahm sich Androg das Leben und stürzte in die Hölle, während sich die Toten in ganz Hrandamaer aus ihren Gräbern erhoben.“

Iliana dachte an Berengar zurück, an Herzogin Velis’ untoten Diener in Hornheim. Er hatte behauptet, als Hrandar noch immer über seine volle Geisteskraft zu verfügen. Scheinbar verhielt es sich mit diesen Geschöpfen anders.

Thomasius’ Stimme wurde lauter. „In dieser Nacht fanden tausende Menschen den Tod. Die Erde brannte, die Pflanzen vertrockneten und das Vieh starb in Raserei. Die wenigen Überlebenden errichteten Kathedralen im ganzen Land und nutzten die heilige Magie, um sich vor den Schrecken der Nacht zu schützen. Denn bis heute suchen uns in der Dunkelheit die Leichname Verstorbener heim. Aufgrund unserer Schwäche konnte uns das Kaiserreich leicht beanspruchen, obwohl wir nie erobert worden sind. Wegen des Fluchs nennen die Menschen dieses Herzogtum bis heute „Hrandae Maer“ … „die Kunde von Untoten“. So werden wir immer an die Dunkelheit erinnert, die uns stets bedroht.

Unsere Aufgabe ist daher, Buße zu tun für die Verbrechen unserer Ahnen. Wir sind Menschen des Glaubens, denn wir leben mit dem Glauben und der Glaube beschützt uns“, verkündete der Mönch inbrünstig. „Daher hat Lifas auch bei seiner Weihe zum Tempelsohn den Namen unseres großen Heiligen angenommen.“

Iliana warf dem Ritter einen verstohlenen Blick zu. Langsam verstand sie, weshalb er stets solch üble Laune hatte. Scheinbar wollte er ständig für die Vergehen seiner Ahnen büßen. Iliana hielt diese Einstellung für geistig minderbemittelt, schließlich hatte er ja nichts verbrochen, aber sie behielt ihre Gedanken lieber für sich. Lifas und Thomasius wirkten, als ob ihnen diese Ideologie viel bedeutete.

Danke“, sagte sie stattdessen nur. Als sie sah, dass Thomasius scheinbar mehr von ihr erwartete, räusperte sie sich verlegen. „Ich denke, ich verstehe jetzt vieles besser“, fügte sie vage hinzu.

Thomasius nickte zufrieden. Die himmlische Erhabenheit schien von ihm abzufallen wie ein abgestreifter Mantel. „Habt Ihr sonst noch Fragen?“

Iliana schüttelte den Kopf. Sie musste erst die vielen Informationen verarbeiten, die der Mönch ihr soeben gegeben hatte.

Dann lasst uns nach unten gehen!“, schlug Thomasius vor und wies durch ein Fenster nach draußen. „Die Sonne geht bald unter und bis Hrandars Faust ist es ein weiter Weg. Ihr werdet hier nächtigen müssen, wenn ihr euch nicht durch Horden von toten Leibern kämpfen wollt.“

Iliana glaubte zwar nicht, dass irgendetwas sie nach ihrer Begegnung mit Sitraxa noch schockieren konnte, aber sie wollte lieber kein Risiko eingehen.

Als sie sich erhoben, entging Iliana jedoch nicht der Verdruss in Lifas’ Augen. Scheinbar hätte er die Geschichte seiner Heimat lieber vor ihr geheim gehalten.

Iliana schluckte. Sie wurde das Gefühl nicht los, an etwas sehr Dunklem zu rühren.

__

Berith stand in voller Rüstung im Rathaus von Aminas. Azrael hatte die Verwaltung der Stadt einstweilen ihm überlassen. Der Dämon spähte durch die Fenster nach draußen und entdeckte mit zusammengekniffenen Augen den Schemen einer geflügelten Person am Horizont. Die Augen gewöhnlicher Menschen würden nicht ausreichen, um ihn zu bemerken, seine hingegen schon. Er konnte nur von Glück sprechen, dass die Privatgemächer des Bürgermeisters so hoch lagen. Von hier aus konnte er selbst die verlassene Kirche mit den Zwillingstürmen entdecken, in der Herzogin Velis Azrael zum ersten Mal begegnet war. Berith fluchte.

Der Schemen kreiste unaufhörlich weiter.

Er wusste, dass es sich hierbei um den Engel, um die Elphahir, handeln musste. Folkvang war früher aktiv geworden, als sie alle gedacht hatten.

Gibt es Unannehmlichkeiten, Herr?“

Berith wandte sich um und entdeckte Ashaya. Ihr Gesicht lag im Schatten und ihre unvergleichlichen, violetten Augen stachen durch die Dunkelheit wie glühende Dolche.

Du bist früher hier, als ich dachte.“ Berith warf einen letzten prüfenden Blick durch das Fenster. Der Schemen kreiste immer noch. „Kommt Abigor uns auf die Schliche?“

Er kennt nur einen Teil der Wahrheit und verzweifelt bereits daran“, antwortete Ashaya. „Esben hingegen ist ein Problem. Er wurde von unserer Kontaktperson außer Gefecht gesetzt.“

Berith nickte langsam. „Lass ihn zu mir bringen. Wir können ihn nicht eliminieren. Azrael scheint Pläne mit ihm zu haben. Er hat mir bereits einen speziellen Auftrag erteilt.“

Ashaya nickte langsam. Das lange schwarze Haar fiel ihr offen auf die nackten Schultern. Ihr schwarzer Mantel besaß einen tiefen Ausschnitt, der die Brandzeichen offenbarte. Es handelte sich um alte und mächtige Worte, die selbst Azrael nicht kannte. Durch diese Magie war Ashaya eine wertvolle Waffe in Beriths Händen.

Seine Blicke glitten über ihr unschickliches Gewand. „Planst du, dich Lifas und Iliana in diesem Aufzug zu zeigen?“

Ashaya lachte. Dieser Laut ließ Berith wohlig erschaudern. Er beinhaltete etwas Reines, Unschuldiges, das nicht zum provokanten Auftreten der Frau passen wollte. Berith konnte die Regung in seinem Inneren nicht beschreiben, aber ihr Lachen erinnerte ihn daran, dass die Welt nicht nur ein Konglomerat aus Schmutz und Blut war.

Fürchtet Ihr um Hornheims untadeligen Ruf?“

Berith wandte sich kopfschüttelnd ab. „Hin und wieder denke ich, du solltest eher die Untergebene von Malfegas oder Ungoros sein. Du würdest besser zu ihnen passen.“

Ashaya rümpfte die Nase. „Malfegas? Dieser riesige Löwe? Und Ungoros, der wandelnde Fleischklumpen? Nein, da bleibe ich lieber bei Euch.“

Sie erschien ihm tatsächlich wie ein Kind. Sie wirkte fröhlich, verspielt und beurteilte jede Person nach ihrem Äußeren. Kein Wunder, dass sie Azrael gegenüber Irodeus bevorzugte. Der alte Dämonenkönig hatte sich vieler Eigenschaften rühmen können. Schönheit gehörte nicht zu ihnen.

Dann verfahren wir ab jetzt streng nach Plan“, sagte er. „Aminas gehört quasi uns und wenn wir Hrandamaer haben, ist auch Astaval gefügig. Das heißt, was davon noch übrig ist.“ Berith wusste nicht, was Azrael mit dem nahezu entvölkerten Herzogtum zu tun gedachte. Er hoffte inständig, dass der König sich nicht dazu verleiten lassen würde, seinen menschlichen Gefühlen nachzugeben und Rache an Hrandamaer zu nehmen. Emotionen standen einem Gott schlecht zu Gesicht.

Ebenso wie einem Wissenschaftler, wie er es war.

Er würde Esben ein Angebot unterbreiten, dass er nicht abschlagen konnte.

Werden sie rechtzeitig in Hrandars Faust sein?“, fragte Berith Ashaya.

Die Frau nickte. „Morgen rechne ich mit ihrer Ankunft.“

Er lächelte. Eine rare Geste, die sich jedoch in den letzten Tagen häufte.

Ihr Plan ging auf.

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Gottes Hammer: Folkvang VIII

Esben kehrte gemessenen Schrittes in das Zelt von Hrandamaer zurück. Die unheilsschwangere Atmosphäre, die wie undurchdringlicher Nebel das Lager umschloss, war beinahe greifbar. Wen auch immer Esbens Blick streifte, er sah ungläubige Gesichter mit schreckgeweiteten Augen.

Sollte es ihn verwundern? Die Tempelsöhne galten weithin als unbesiegbar. Ihre Macht wurde in zahllosen Liedern besungen und auf etlichen Schlachtfeldern immer wieder demonstriert. Esben entsann sich seiner eigenen, naiven Gedanken, als er von der berühmten Geschichte der vier Tempelsöhne hörte, die zur Verteidigung einer Kirche ein ganzes Heer des Fürsten von Aminas auslöschten. Dass einer dieser Helden nachts gemeuchelt werden konnte, erschien ihm schlichtweg absurd.

Dabei hatte Teshins Vater Arion dasselbe Schicksal erlitten. Als gröter Recke der Menschheit gefeiert, wurde er nach dem Angriff auf sein Herzogtum hinterrücks von einem Unbekannten ermordet, dessen Gesicht er vermutlich nie erblickt hatte. Esben verstand Teshins Groll nun weitaus besser. Das Leben war kein Lied und sein Zynismus konnte einen Menschen an den Rand des Wahnsinns treiben.

Esbens Gedanken endeten, als er das Zelt betrat. Er hielt überrascht auf der Schwelle des Eingangs inne, als er eine ihm unbekannte Frau sah. Sie stand schweigend in der Ecke, ihr schwarzes Haar zu einem straffen Knoten gebunden, und blickte auf einige Zutaten auf einem Holztisch. Sie schien in diesem Moment das Mittagsmahl zu bereiten. Esben fragte sich unwillkürlich, wo Siegbert der Koch sich wohl aufhielt.

Abigor saß mit grimmiger Miene auf einem dunklen Ebenholzstuhl, den Esben erst jetzt bemerkte. Kryptische Zeichen bedeckten die Lehne und der stilisierte Kopf eines Lindwurms erhob sich drohend über Abigors mächtiger Haarmähne. Der Tempelsohn begrüßte ihn mit einem angedeuteten Nicken und nippte an dem mit einer übelriechenden Flüssigkeit gefüllten Trinkhorn in seiner Hand.

Esben erwiderte die Geste, nicht zum ersten Mal leicht angewidert von der ungehemmten Zurschaustellung von Kulturlosigkeit. Es fiel ihm immer schwerer, Abigors Status als großer Gelehrter nicht anzuzweifeln.

Wo ist Siegbert?“, fragte Esben.

Abigor blickte ihn nicht an, sondern nahm einen weiteren Schluck. „Ich habe ihn meinem Neffen hinterhergeschickt. Lifas hat mein Lieblingsmesser mitgenommen, ohne das ich nie in den Kampf ziehe. Versehentlich, hoffe ich. Sonst muss ich Konsequenzen ziehen.“ Seine rissigen Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Nehmt mich nicht zu ernst, Esben.“

Euer Humor hat schon prächtigere Früchte getragen“, erwiderte der Priester unbeeindruckt und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Nun erst fiel ihm auf, wie müde der Ritter wirkte. Hatte er sich die Nacht um die Ohren geschlagen?

Esbens Misstrauen wuchs. Laut Medardus konnte jeder im Lager der geheimnisvolle Mörder des unglücklichen Apostels Palayon sein. Selbst ein angesehener Ritter wie Abigor …

Und wer ist das?“, versuchte Esben, das Gespräch am Laufen zu halten.

Abigor folgte träge seiner ausgestreckten Hand und wirkte regelrecht überrascht, als er die dunkelhaarige Frau in der Ecke des Zeltes sah. Er räusperte sich verlegen.

Esben, darf ich Euch mit Ashaya bekannt machen? Sie dient mir als Köchin.“

Im Gegensatz zu Siegbert scheute sich Ashaya nicht, das Wort an ihn zu richten. Sie hob den Kopf, strich sich eine gelöste Strähne aus der Stirn und lächelte breit.

Sehr erfreut. Ich habe schon viel von Euch gehört. Ihr seid doch der Priester, der nach Hornheim ging und lebendig wieder zurückkehrte?“

Esben konnte nur nicken, während ihn der Schock zu einer hilflosen Statue degradierte. Laut Iliana war ihr Berith im Traum erschienen und hatte ihr Ashayas Namen als Ansprechspartnerin in Hrandamaer genannt. Was ging hier vor?

Esben fühlte sich immer unwohler. Er warf unruhige Blicke auf den ermatteten Ritter und die lächelnde Dienerin und seine Finger fanden den magischen Folianten auf seinem Feldbett hinter ihm. Sollten sie ihn angreifen, würde er zumindest nicht kampflos untergehen.

Aber keiner von beiden machte Anstalten, ihm schaden zu wollen. Abigor wandte sich wieder seinem Trinkhorn zu und Ashaya schnitt eine Karotte. Esben schluckte und seine Anspannung ließ ein wenig nach. Dennoch schlang er vorsichtshalber die Kette mit dem eisernen Gerüst um seinen Oberkörper und platzierte das schwere Buch darin. Er fühlte sich so weitaus sicherer.

Esben ließ seinen Blick über das Zeltinnere schweifen. Er musste sofort Medardus davon berichten. Mit einem gequält freundlichen Nicken erhob er sich, murmelte etwas von wegen „Elinor befragen“ und stolperte aus dem Zelt. Er warf immer wieder Blicke über die Schulter, doch niemand verfolgte ihn. Dennoch ließ die Erleichterung auf sich warten.

Kurz vor Medardus’ Zelt hielt Esben inne. Er hatte keinen Beweis für seine Behauptungen … was sollte er dem gestrengen Inquisitor sagen und wie würde dieser reagieren?

Bevor er handeln konnte, nahm das Schicksal ihm die Entscheidung ab. Der gealterte Tempelsohn Mendatius von Astaval verließ das Zelt mit zusammengekniffenen Augen. Er wirkte erzürnt und murmelte unverständliche Worte, deren tieferer Sinn jedoch kaum missdeutet werden konnte.

Falls Ihr den Clavis sucht, verschwendet Ihr hier Eure Zeit!“, rief er, als er Esben sah. „Er ist gerade abwesend und inspiziert den Rand des Lagers für den nahenden Angriff der Dämonen.“ Esben schluckte. Seit Ilianas Traum und Vergiftung war etwas mehr als ein Tag vergangen. Ihnen blieben nur noch zwei, bis das von Berith angekündigte Ultimatum auslief.

Bevor er sich entfernte, legte Mendatius plötzlich den Kopf schief und musterte Esben. „Ihr wart doch Priester, nicht wahr? Dann habt Ihr doch gewiss eine Ausbildung in Seelsorge!“

Esben nickte langsam. Was wollte der Veteran von ihm?

Mendatius legte ihm eine gepanzerte Hand auf die Schulter. „Könnt Ihr mir helfen? Ich wollte gerade Schwester Elinor verhören, aber sie ist zutiefst … betrübt über die Vorkommnisse und kaum ansprechbar.“ Der Ritter räusperte sich verlegen. „Ich vermag mein Schwert noch immer behende zu schwingen, aber hierfür sind subtilere Fähigkeiten gefragt.“

Esben nickte, obwohl sich Unruhe in seinem Innersten ausbreitete. Er musste mit dem Inquisitor persönlich sprechen. Aber das Lager war groß und ihn zu suchen konnte schnell zu einer aussichtslosen Aktion werden. Zudem wollte er keinen Verdacht erregen, falls Abigor sich nach ihm erkundigte. Er folgte Mendatius mit dem gequälten Gedanken, dass es sich wohl um eine gewisse Ironie handelte, wie seine Ausrede nun zur Realität wurde.

Während er neben Mendatius herging, kam ihm mit einem Mal eine Idee.

Ihr stammt aus Astaval, richtig?“, fragte er ihn. Kaum hatte er das gefallene Herzogtum erwähnt, straffte sich der Ritter und ein dunkler Zug verunstaltete seine Miene.

Wollt Ihr mich deshalb verhöhnen oder mir Euer Beileid aussprechen? In beiden Fällen rate ich Euch gut, wenn ich sage: Lasst es. Über fünfzig Jahre sind seit der Ermordung von Herzog Arion und seiner Familie vergangen und keine Macht der Welt kann sie zurückbringen, erst recht nicht die der menschlichen Stimme.“

Esben räusperte sich. Er bereute, das Thema angesprochen zu haben, wollte nun aber auch nicht den Rückzug antreten. „Tatsächlich wollte ich Euch weder verhöhnen, noch bemitleiden“, stellte er klar. „Ich wollte Euch nur sagen, dass Teshin von Astaval noch lebt.“

Esben war unsicher, wie Mendatius reagieren würde und warf dem Veteran einen vorsichtigen Blick zu. Der gealterte Ritter schüttelte nur den Kopf.

Ihr lügt.“

Esben sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Weshalb sollte ich?“

Mendatius schnaubte. „Selbst wenn jemand unwissentlich eine Unwahrheit von sich gibt, bleibt die Unwahrheit unwahr. Teshin kann nicht am Leben sein, denn ich habe ihn selbst getötet.“

Esben stolperte beinahe. „Ihr habt was?“

Mendatius’ kalter Blick schien die Bilder längst vergangener Erinnerungen zu betrachten. „Ich habe ihn vor zwanzig Jahren getroffen. Obwohl er schon ein vierzigjähriger Mann hätte sein müssen, hatte er immer noch die Gestalt eines Jugendlichen. Er war verbittert und voller Hass, paktierte mit dunklen Mächten und wollte meinen Treueeid einlösen, um mit meiner Hilfe den Dämonenkönig Irodeus zu erschlagen. Der Narr hatte einen Vertrag mit ihm geschlossen und fürchtete nun die Konsequenzen.“ Ein seltsames Funkeln trat in Mendatius’ Augen. Esben erschauderte. Was mochte nur vorgefallen sein?

Was geschah dann?“, fragte er leise.

Ich habe ihn erschlagen. Schließlich und endlich war er ein Ketzer und sündigte wider den Herrn.“

Esben schüttelte den Kopf. „Und doch habe ich ihn gesehen. Ich habe mit ihm gesprochen, habe zunächst an seiner Seite und schließlich gegen ihn gekämpft. Es ist wahr, dass er sich mittlerweile in einen Dämonen verwandelt hat, aber vor einigen Monaten begegegnete ich ihm zum ersten Mal in Aminas und da war er noch ein Mensch!“

Mendatius schüttelte bestimmt den Kopf. „Ich bezweifle es. Aber wer kann sich schon sicher sein? Vielleicht hat er mich damals durch eine dunkle Kunst getäuscht und ist meinem rächenden Schwert entkommen? Wer kann sich schon anmaßen, die Blendwerke der Dämonen zu verstehen!“

Esben nickte langsam, war aber nicht überzeugt. Ihm erschien wahrscheinlicher, dass Mendatius etwas vor ihm verbarg. Aber das Gespräch endete, als sie ein kleines, weißes Zelt erreichten, vor dem zwei jüngere Tempelsöhne Wache hielten. Mendatius verabschiedete sich wortlos und Esben betrat die provisorische Verhörzelle mit einem leisen Seufzer.

Er musste gewiss einen erheiternden Anblick für Elinor abgeben, als er halb im Nachthemd und mit dem im Kettengerüst steckenden Folianten am Leibe vor sie trat. Dennoch verzog sie keine Miene, sondern starrte mit leerem Blick vor sich hin. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden schienen sie sehr in Mitleidenschaft gezogen zu haben.

Ich grüße Euch!“, rief Esben ein wenig zu laut und nahm ihr gegenüber an einem kleinen Tisch Platz. Kam es nur ihm so vor oder erschien sein Stuhl ihm weitaus bequemer als die harte Holzbank, auf der die Schwester saß?

Elinor nickte ihm langsam zu. „Ich dachte, der grausame Alte wollte den Inquisitor holen?“, fragte sie tonlos.

Esben sah sie überrascht an. Auch wenn ihre Konversation Mendatius in seinen Augen zu keinem Sympathieträger machte, würde er seinen Ruf nicht mit solch respektlosen Titeln antasten. Dann erinnerte er sich an die Feindschaft zwischen Astaval und Hrandamaer und begrub seine Bedenken.

Wie Ihr seht, müsst Ihr mit mir vorliebnehmen“, antwortete Esben betont freundlich. Er war unsicher, wie er vorgehen sollte. In Aminas waren oftmals Leute zu ihm gekommen, um Rat oder Trost zu suchen. Ihm erschien es jedoch ungewohnt, von selbst auf Menschen zugehen zu müssen.

Esben räusperte sich verlegen. Elinor schwieg und hielt den Kopf gesenkt. Sie wirkte nicht, als ob sie reden wollte.

Seid Ihr um Euren Bruder besorgt?“, fragte er schließlich.

Elinor hob argwöhnisch den Kopf. „Weshalb sollte ich mich um Lifas sorgen? Er kehrt zurück nach Hrandamaer, in die Heimat.“ Sie klang beinahe wehmütig.

Neugier erfasste Esben. „Ich hatte nie den Eindruck, dass er sehr beglückt von seinem Zuhause wäre.“

Elinor schnaubte. „Beglückt ist sicher niemand von uns. Hrandamaer ist ein karges, dunkles Land, das nur durch den Glauben erhellt wird. Zudem ist es verflucht, wie Ihr sicher wisst.“

Esben erschauderte. Ja, er wusste Bescheid. Er hoffte nur, dass Lifas es Iliana so schonend wie möglich beibringen würde.

Elinor entging seine Reaktion nicht. „Alle Menschen müssen sich irgendwie vom Leid in der Welt ablenken“, flüsterte sie. „Viele nutzen dafür Feiertage, um bis spät in die Nacht mit Freunden zusammenzusein und einmal über die Stränge zu schlagen. In Hrandamaer ist nicht einmal das möglich. Uns bleibt allein der Glaube. Sonst wären wir allesamt schon längst der Finsternis anheimgefallen.“

Esben nickte. Elinor meinte dies nicht metaphorisch. Die Finsternis genoss widerwilligen Respekt in Hrandamaer. Schließlich brachte sie die Erzeugnisse von König Androgs Fluch mit sich.

Esben räusperte sich erneut. „Was ist mit Eurem Onkel? Er wirkte recht müde bei der Versammlung heute. Macht Ihr Euch um ihn … Sorgen?“

Elinor spitzte sichtlich die Ohren. „Fragt Ihr mich gerade, ob ich ihn verdächtige, den Apostel getötet und Iliana vergiftet zu haben?“

Esben hob unschuldig die Hände. „Ich will Euch nur besser verstehen lernen. Schließlich will ich Euch und den Menschen im Lager helfen.“

Eine Augenbraue wanderte nach oben und verschwand unter Elinors Haaren. Aber als sie sprach, wirkte sie ein wenig selbstsicherer. Scheinbar hatte sie erkannt, dass von Esben keine Gefahr ausging.

Meine Beziehung zu Abigor ist angespannt. Er war einmal ein großer Gelehrter und eindrucksvoller Kämpfer, aber mittlerweile verhält er sich wie ein barbarischer Heide. Er säuft, missachtet das Keuschheitsgelübde, fastet kaum und verhöhnt alles Fromme und Gute. Außer, wenn es um meine Minderwertigkeit geht!“, fügte sie erregt hinzu. „In diesem Punkt ist er mit den übrigen Rittern einer Meinung!“

Esben legte fragend den Kopf schief. „Eure … Minderwertigkeit?“

Elinor schnaubte nur.

Esben erkannte, dass er in eine Sackgasse geraten war und versuchte es von einer anderen Seite. Er fühlte sich, als würde er ein Labyrinth durchqueren und müsste unterschiedliche Eingänge ausprobieren.

Kennt Ihr eine Frau namens Ashaya?“

Elinor zuckte deutlich zusammen und ballte ihre Hände zu Fäusten. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht.

Ist sie hier?“, fragte sie nahezu lautlos.

Esben nickte. Erregung loderte in seiner Brust. „Kennt Ihr sie? Was hat es mit Ihr auf sich?“ Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Hat sie Iliana vergiftet?“

Elinor setzte zu einer Antwort an, als ihre Augen sich plötzlich vor Schreck weiteten und einen Punkt hinter Esben fixierten. Die Finger des Priesters fuhren zu dem magischen Folianten, aber es war bereits zu spät. Er fühlte eine eiskalte Berührung im Nacken, ein Zittern schüttelte seinen Körper und ein Schleier aus Finsternis legte sich über seine Augen. Jegliche Kraft entwich seinen Gliedern und er stürzte zu Boden.

Dann wusste Esben nichts mehr.

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Gottes Hammer: Folkvang VII

Langsam lichteten sich die hohen Tannenbäume und gaben die Sicht auf das weite Grasland vor ihnen frei. Ilianas Herz klopfte wild. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie die Welt jenseits des Heidenwaldes.

Lifas wies nach Süden, wo gewaltige Türme neben einer Bergkette in die Luft stachen. „Das ist der Tempel“, verkündete er. „Mein jetziges Zuhause.“

Iliana folgte seinem Blick beeindruckt. „Wie weit sind wir von ihm entfernt?“

Etliche Meilen“, erwiderte Lifas förmlich. „Aber die großen Leuchttürme sind selbst in Aminas noch sichtbar.“

Iliana musterte den Ritter verwirrt. Von einer anderen Person hätte sie vermutet, auf den Arm genommen zu werden. „Leuchttürme?“, fragte sie schließlich. „Stehen die nicht normalerweise am Meer?“ Ihre Ziehmutter Arinhild hatte ihr vor Jahren Geschichten vom Hafen Sankt Emeralds erzählt. Die kaiserliche Hauptstadt verfügte über mehrere solcher Türme.

Lifas’ Züge verhärteten sich, so als peinigte ihn eine grässliche Erinnerung. „Hier werden sie ebenfalls gebraucht“, antwortete er knapp und ließ die Peitsche knallen. Sogleich bewegte sich der Wagen schneller.

Iliana umfasste ihren neuen Bogen fester. Lifas wollte eigentlich nach Hrandamaer reiten, um schneller voranzukommen. Als er jedoch im Lager Ilianas zaghafte Versuche auf einem Pferd mitansah, traf er eine andere Entscheidung. Bei der Erinnerung rötete sich ihr Gesicht. Sie war außerordentlich dankbar, dass Esben die Szene nicht beobachtet hatte.

Beim Gedanken an den Priester trübte sich ihr Gemüt. Was er wohl gerade tat? Ein Tag war seit ihrem Aufbruch vergangen. Ob Berith sein Wort wohl hielt? Oder würden die Dämonen schon vor dem dritten Tag das Lager der Tempelsöhne angreifen?

Bevor ihre Zweifel wachsen konnten, lenkte ein anderer Wagen Iliana ab. Lifas zügelte die Pferde und wich auf das Gras aus. Die Straße war zu schmal für sie beide.

Ein Ehepaar mittleren Alters neigte dankbar seine Köpfe vor dem Ritter. Anstatt zweier Pferde zogen Ochsen ihren voll beladenen Karren. Sie wirkten, als ob sie ihre sämtlichen Habseligkeiten mit sich führten. Iliana musste an die Geschichten der Dorfbewohner über fahrendes Volk nachdenken. In Raureif hieß es, solche Menschen brächten Unheil über jeden Ort, durch den sie kamen. Trotzig entschloss sich Iliana, dem Ehepaar ihre Sympathie entgegenzubringen. Schließlich hätten die Dorfbewohner das Mädchen verbrannt.

Iliana warf Lifas einen neugierigen Blick zu. Teilte er ihre Vorurteile? Was würde er wohl tun, wenn er von Ilianas Anklage als Hexe erführe?

Der Tempelsohn ließ sich jedoch nichts anmerken. „Wohin des Weges?“, rief Lifas. „Seid Ihr Händler? Oder fahrendes Volk?“

Schön wär’s, edler Ritter!“, erwiderte der Mann. „In Aminas wüten die Dämonen!“

Ilianas Herz gefror. Selbst Lifas’ ausdruckslose Miene durchfuhr ein erregter Blitz.

Was sagt Ihr da?“

Es ist wahr!“, rief die Frau und rang die Hände. „Die Feierlichkeiten für die Hinrichtung des Bürgermeisters waren in vollem Gange! Die ganze Stadt versammelte sich zu Speis und Trank, um ihn mit seinen sieben Töchtern sterben zu sehen!“

Ich hab’ schon immer gewusst, dass mit denen was nicht stimmt!“, fügte der Mann grimmig hinzu.

Aber dann sind Dämonen erschienen und haben den armen Henker in die Hölle gezerrt! Einer von ihnen sagte, er sei der Erzengel der Strafe. Gottes Hammer nannte er sich …“

Lifas erstarrte bei der Erwähnung des Begriffs. Iliana schluckte. Wie war Azrael so schnell nach Aminas gelangt?

Was ist mit den Verurteilten geschehen?“, fragte Iliana heiser.

Der Mann sah sie an, so als bemerke er sie zum ersten Mal. „Er hat sie alle mit sich genommen!“, rief er.

In die Hölle?“

Nein!“, ereiferte sich der Mann. „Dem Gericht Gottes will er sie übergeben, oder so etwas in der Art. Jedenfalls herrscht jetzt ein löwenköpfiges Monster über Aminas, als Strafe für die Sünden der Bewohner!“

Die Frau nickte heftig. „So musste es ja kommen! Die Stadt ist ein einziger Sündenpfuhl!“

Der Mann lachte schauerlich. „Jedenfalls erwarten den Bürgermeister und seine Töchter jetzt eine höhere Gerechtigkeit und danach das Höllenfeuer! Geschieht ihnen ganz recht!“

Lifas schien halb in Gedanken versunken, als er erneut das Wort ergriff. „Wie ist die Stimmung in der Stadt?“

Der Mann seufzte. „Reumütig. Niemand zweifelt daran, dass der Erzengel ein Gesandter Gottes ist, seit die Priester ihm zugestimmt haben. S’ ist besser so! Die Dämonen werden die Hexen direkt in die Hölle werfen, bevor sie uns schaden können!“

Nur schade, dass wir das nicht mitbekommen!“, sagte die Frau betrübt. „Die Verbrennungen waren immer ein sehr besonderes Erlebnis! Immer eine Feier für die ganze Stadt, wenn der Inquisitor kam! Erinnerst du dich noch an die Hinrichtung unserer Nachbarin?“

Hab immer gewusst, dass mit der was nicht stimmt!“, knurrte der Mann.

Ilianas Inneres fühlte sich merkwürdig ausgehöhlt an, als die beiden sich von ihnen verabschiedeten. War dies die Normalität? Die Schadenfreude über das Leid der anderen?

Sie setzten ihre Reise schweigend fort, bis Iliana ihre Ungewissheit nicht mehr länger ertrug. Sie wollte endlich in Erfahrung bringen, wie Lifas dazu stand.

Lifas“, setzte sie vorsichtig an.

Der Tempelsohn neigte den Kopf, wandte den Blick aber nicht von der staubigen Straße ab.

Was … ich meine, wie steht Ihr eigentlich zu diesen Dingen?“

Zur Grausamkeit des einfachen Volkes?“ Er brachte das Thema auf den Punkt.

Iliana nickte. „Genau.“

Lifas schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Das beweist nur die Sündhaftigkeit des Menschen … und die Dummheit des Pöbels. Diese Leute sind tumbe Toren, die mit den Fäusten denken und ihre Seele in den Lenden tragen. Ungebildet und unzivilisiert. Sie sind die Herde, wir sind die Hirten.“

Iliana blinzelte, nicht sicher, was sie von diesen harten Worten halten sollte. „Seid Ihr da nicht etwas zu streng? Schließlich macht die Denomination die brutalen Vorschriften, oder nicht?“

Lifas schüttelte den Kopf. „Das Strafrecht ist Sache des weltlichen Arms. Schließlich sind die Richter, Kerkerknechte und Henker keine Geistlichen.“

Iliana ließ nicht locker. „Und was ist mit den Inquisitoren?“

Lifas schwieg kurz, so als sammelte er Argumente. Dann legte sich plötzlich der Anflug eines Lächelns auf seine Lippen. „Ihr scheint mir minder tumb, junge Maid. Ihr stellt die richtigen Fragen.“ Er räusperte sich wie vor einem Vortrag. „Bis vor vierzig Jahren lag die Ausführung der Hexenprozesse ebenfalls in den Händen des weltlichen Arms. Die Geschichten von grässlicher Folter und grausamen Hinrichtungen stammen aus dieser Zeit. Scharlatane gaben sich als Hexenjäger aus, marterten unschuldige Personen, bis sie alles gestanden und legten ihre Aussagen als Beweismittel vor. Als Gegenleistung wurden sie vom Wehrdienst befreit und erhielten für jedes Opfer ihrer Umtriebe stattliche Summen.“ Ein Schatten umwölkte bei diesen Worten Lifas’ Augen.

Iliana, Ihr könnt Euch vorstellen, dass viele Hochstapler zu jener Zeit ihr Unwesen trieben. Man sagt, der Fürst von Aminas habe nur deshalb so wenig gegen Astaval ausrichten können, weil ihn die zahlreichen Hexenjäger in seinem Reich nahezu in den Ruin trieben. Daher erließ er auch ein Gesetz, wodurch die Summe nicht mehr vom Fürstentum selbst, sondern von den Angehörigen der Opfer zu entrichten war.“

Moment!“, warf Iliana ein. „Heißt das, man musste einen Hexenjäger auch noch dafür bezahlen, dass dieser seine Verwandten umbrachte?“

Lifas nickte düster. „In Aminas tobte die Hölle. Die Menschen bezichtigten sich gegenseitig, denn in einer so großen Stadt finden sich immer Neid und Missgunst. Die ersten zehn Kriegsjahre forderten über siebenhundert Opfer. Der Barde Arminius dichtete sogar ein Lied mit dem Namen „Die siebenhundert Feuer“. Habt Ihr es je gehört? In Hrandamaer hat es große Berühmtheit erlangt.“

Iliana schüttelte den Kopf. Ein Schauer lief über ihren Körper.

Lifas räusperte sich erneut, bevor er fortfuhr. „Ebenfalls populär wurde die Geschichte der kleinen Anna. Ihre gesamte Familie starb auf dem Scheiterhaufen und das Mädchen landete im Schuldturm, weil seine Mittel verständlicherweise nicht ausreichten, um den Hexenjäger zu bezahlen. Man sagt, diese Kunde habe Erzbischof Drogan von Sankt Emerald dazu bewogen, die heilige Inquisition hinzuzuziehen.“ Lifas seufzte. „Versteht Ihr, worauf ich hinauswill?“

Iliana legte den Kopf schief. „Er konnte diese Hexenjagden nicht verhindern, also hat er sie legalisiert und damit der Inquisition unterstellt.“

Lifas nickte langsam. „Leute wie Medardus genießen eine umfangreiche theologische Ausbildung und opfern ihre Stimme und ihr Gesicht, um Gott allein zu dienen. In früheren Zeiten bestand ihre Aufgabe aus dem Kampf gegen Dämonen, doch nun kümmern sie sich auch um die Hexenprozesse. Sie tun das im Wissen, dass es keine Hexen gibt und sie lediglich die selbstsüchtigen Wünsche ihrer Schützlinge erfüllen.“ Trauer glitzerte in seinem Blick. „Ich wollte lange nicht hinnehmen, dass es sich dabei nur um eine Farce handelt“, flüsterte er. „Aber mir ist klar geworden, dass die Herde nach dem Blut ihrer Artgenossen schreit, nicht der Hirte. Dennoch muss der Hirte in einer solchen Situation eingreifen, sonst übt die Herde Selbstjustiz.“

Iliana nickte. Langsam erschien ihr Medardus weitaus weniger böse. Er hatte niemanden um einen Prozess gebeten. Die Dorfbewohner selbst hatten sie angeklagt.

Aber warum?“, fragte sie mit erstickter Stimme. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten. „Warum können Menschen so böse sein?“

Das ist der Einfluss der Dämonen und der Hölle“, erwiderte Lifas. Täuschte sie sich oder schwang tatsächlich Mitleid in seiner Stimme mit? „Fürchte dich nicht“, murmelte er und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Die unerwartete Berührung ließ Iliana überrascht aufblicken. „Gott erlöst die Frommen, auch wenn seine Prüfungen auf Erden schwer zu meistern sind.“

Sie fühlte sich tatsächlich getröstet, als sie plötzlich die Grenze von Hrandamaer passierten.

Mit großen Augen sah Iliana sich um. Es wuchs kein Gras und die wenigen Bäume wirkten verkrüppelt und missgestaltet. Bräunlicher Dampf stieg von der verbrannten Erde auf und kräuselte sich in der Luft. Iliana erblickte nirgendwo Leben.

Willkommen in meiner Heimat“, sagte Lifas verbittert.

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Gottes Hammer: Folkvang VI

An diesem Tag weckte nicht die Sonne Esben. Stattdessen riss ihn ein langgezogener Schrei aus dem Schlaf. Desorientiert warf er wilde Blicke um sich, bis er das Zelt von Hrandamaer wiedererkannte. Verwirrt erhob er sich von seinem Feldbett und stolperte durch den Eingang. Der Schrei war von außerhalb an sein Ohr gedrungen.

Elinor stand zwischen den Zelten, ein Korb Heilkräuter lag zu ihren Füßen. Sie hielt die Hände vor den Mund geschlagen und starrte aus schreckgeweiteten Augen auf ein unförmiges etwas, das sich in wirren Winkeln vor ihren Füßen befand . Esben trat verwirrt näher, bis er den Körper erkannte.

Er wusste seinen Namen nicht, doch handelte es sich um einen Apostel des Heeres, wie er an der reich verzierten Rüstung unschwer sah. Auf den ersten Blick wirkte er unverletzt, aber eine Lache aus Blut bewies das Gegenteil. Jemand hatte ihn scheinbar getötet und ihm dann, wie zum Hohn, die Rüstung über den Kopf gestülpt. Am schrecklichsten erschienen Esben jedoch die Gesichtszüge des Toten. Grausige Todesangst stand in ihnen und die verdrehten Augen wirkten wie dunkle Splitter unermesslicher Qual.

Andere hatten Elinors Schrei ebenfalls vernommen. Tempelsöhne aller Ränge und Altersstufen versammelten sich vor dem Leichnam. Rufe erschollen. Ein anderer Apostel mit grauem Haar trat vor, kniete nieder und legte seinem gefallenen Kameraden eine Hand auf die Stirn. Einen Augenblick verharrte er und Esben konnte spüren, wie Wellen heiliger Magie durch seine Hände flossen wie rasende Wogen eines Ozeans. Kurz darauf erhob sich der Apostel betrübt und seufzte.

Er ist tot!“, verkündete er.

Betretenes Schweigen legte sich auf die Versammlung. Die Wahrheit hinter dieser Erkenntnis musste erst in den Herzen der Menschen Fuß fassen. Jemand hatte in ihrer Mitte einen Apostel besiegt!

Rufe erhoben sich und Gespräche wurden laut, doch sie verstummten sofort, als Medardus erschien. Der Inquisitor wirkte noch grimmiger als sonst und seine Augen glichen vernichtenden Sonnen, die jeden in ihrem Weg verbrannten.

Da er nicht auf seinem Stuhl saß, musste der ehrwürdige Clavis sich über Gesten verständigen. Dennoch hatten sie eine ähnliche Wirkung wie seine Stimme. Medardus verfügte über eine charismatische Ausstrahlung, die es jedem unmöglich machte, den Blick von ihm abzuwenden.

Kurz darauf wurde der Tote von einigen Novizen weggetragen. Medardus bedeutete den Aposteln, ihm zu folgen. Überraschenderweise wies er auch auf Esben. Der Priester schluckte. In diesem Moment wünschte er sich unwillkürlich Androgs heidnisches Buch herbei.

Sein Herz hämmerte, als er mit den Aposteln das Zelt betrat. Medardus ließ sich auf seinem Stuhl nieder und sein lodernder Blick flog von Gesicht zu Gesicht. Jeder vermied, ihn direkt anzusehen.

Schließlich räusperte sich Medardus. „Wo ist Apostel Abigor von Hrandamaer?“

Überraschte Blicke glitten über die Versammlung. Esben zuckte peinlich berührt zusammen. Er hatte sein Fehlen nicht einmal bemerkt.

Als handelte es sich hierbei um ein Stichwort, erhellte kurz das Licht der aufgehenden Sonne den spartanisch eingerichteten Raum, als Abigor das Zelt betrat.

Ich bin hier“, grummelte er. Seine Augen wirkten beinahe ebenso grimmig wie Medardus’ lodernder Blick. „Was, bei allen Heiligen, ist mit Palayon von Aminas geschehen?“

Das versuchten wir gerade zu erörtern.“ Medardus deutete mit seinem Mauritiusstab auf den Stuhl neben Esben und Abigor ließ sich wortlos auf die harte Sitzfläche fallen. Er wirkte kalt wie ein Eisblock und Esben musste sich unbewusst fragen, wieso er nicht im Zelt gewesen war. Nun erst fiel ihm auch Siegberts Abwesenheit auf. Begann er nicht normalerweise um diese Zeit schon mit den Vorbereitungen für das Mittagsmahl?

Doch dies war nicht die Zeit für solche Überlegungen, wie Esben Medardus’ Räuspern entnahm.

Heute ist ein Apostel von uns gegangen“, begann der Clavis. „Selbstmord können wir, denke ich, ausschließen. Die Wunde befindet sich ganz eindeutig unter dem Harnisch, den anzulegen er in diesem Fall wohl kaum noch die nötige Kraft aufgebracht hätte. Wir müssen von Meuchelmord ausgehen. Die Geräuschkulisse eines fairen Kampfes hätte uns schließlich alle geweckt.“ Er legte die Fingerspitzen aneinander, so als würde er beten. Nach kurzem Schweigen fuhr sein Blick zu dem Apostel, der den Toten begutachtet hatte. „Mendatius von Astaval, ich möchte Euch bitten, hier und jetzt den Leichnam zu untersuchen. Auf etwaige magische Rückstände, versteht sich.“ Trotz seiner Wortwahl machte der Tonfall des Clavis deutlich, dass auch diese Bitte nur als Befehl aufzufassen war.

Esben warf dem gealterten Ritter einen überraschten Blick zu, als er sich erhob und das Zelt verließ. Astaval galt heute als nahezu menschenleer. Dieser Mann musste bereits vor dem Krieg geboren worden sein. Ob er sich vielleicht sogar an Teshin erinnerte?

Tempelwächter Esben.“ Er zuckte zusammen, als Medardus’ lodernder Blick auf ihm ruhte. „Ihr habt gewisse Erfahrung mit Dämonen. Gibt es in Hornheim eine Person, die ihre Gestalt verändern kann?

Esben benötigte eine volle Sekunde, um den Worten des Inquisitors einen Sinn abzugewinnen. Er räusperte sich verlegen. „Ich denke nicht. Allerdings weiß ich von jemandem, der einen Menschen durch seine Magie auf jede beliebige Distanz betäuben und ihm unsanfte Träume bereiten kann …“ Die Erinnerung an Berith ließ Esben auch nun noch erschaudern. Ihn hatten während seiner Bewusstlosigkeit keine Visionen gepeinigt, aber Iliana waren solche Träume zuteilgeworden. Esben biss sich auf die Lippe. Er hätte sie genauer danach fragen sollen.

Wie heißt dieser Dämon?“, fragte Medardus.

Esben räusperte sich erneut. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an. „Berith.“

Der Clavis nickte und ein Raunen ging durch die Runde. Offenbar war er den gelehrten Aposteln nicht unbekannt.

Etwa jener Berith, der auch im ketzerischen Daymonikon erwähnt wird?“, fragte ein jüngerer Ritter erstaunt.

Esben kannte die Schrift, hatte sie jedoch nie zu Gesicht bekommen. Verbotene Bücher durften nur von Bischöfen eingesehen werden. Er setzte gerade zu einer Antwort an, als Medardus eine Hand hob.

Für Abgleiche wird später noch Zeit genug sein“, rief er. „Tempelwächter Esben, haltet Ihr es für wahrscheinlich, dass besagter Dämon in dieses Lager eingedrungen ist?“

Esben legte den Kopf schief. „Ich denke, es würde zu ihm passen“, erwiderte er schließlich. „Als ich gegen ihn gekämpft habe, erschien er mir als sehr hinterhältig.“ Ein weiteres Raunen brachte Esben in Verlegenheit. Er verkniff es sich, seine unrühmliche Niederlage zu erwähnen. „Ich denke, er würde sicherlich so vorgehen, um uns zu verwirren und unsere Moral zu zerrütten, vielleicht sogar um uns gegeneinander aufzubringen. Er hat schließlich auch Iliana im Traum heimgesucht.“

Medardus nickte. „Dennoch … es könnte sich auch um einen Trick handeln“, entgegnete er. „Möglicherweise befindet sich in diesem Lager tatsächlich eine Person, die mit den Dämonen zusammenarbeitet.“ Wieder ruhte sein Blick auf Esben. „Eure junge Gefährtin wurde beinahe getötet. Das war kein Fluch von diesem Dämonen, es war reines, profanes Gift. Jemand musste bei ihr sein, um es ihr zu verabreichen.“ Seine Augen wanderten weiter zu Abigor. „Eure Nichte hat sich doch um sie gekümmert, nicht wahr? Wir sollten sie befragen. Schließlich hat sie auch den Apostel Palayon gefunden. Sollte es sich bei dem Täter jedoch tatsächlich um einen Dämonen handeln, werden wir dies durch Euren Bericht herausfinden, Esben.“

Esben nickte. Er hatte die Zeit nach Ilianas Abreise mit der Niederschrift all seiner Informationen über die Dämonen Hornheims verbracht. Er musste nur noch Azraels Fähigkeiten erläutern.

In diesem Moment kehrte Mendatius in das Zelt zurück. Seine Augen glichen kaum sichtbaren Schlitzen. „Getötet wurde er durch eine Stichwunde, aber ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass Magie im Spiel war.“ Er räusperte sich, so als genierte er sich für seine folgende Vermutung. „Palaymon trägt eine schwarze Rune auf der Brust, die exakt jener gleicht, die der Choral des langen Schlafes verursacht.“

Schockiertes Schweigen machte sich breit. Entsetzen ergriff Esben. Berith beherrschte gewiss keinen Choral und auch die übrigen Dämonen konnten sich einer solchen Fähigkeit wahrscheinlich nicht rühmen. Was mochte das bedeuten?

Medardus nickte. Seine behandschuhte Faust umklammerte den Mauritiusstab wie eine tödliche Lanze. „Jemand hat den Choral des langen Schlafes angewandt, ihn aber ins Gegenteil verkehrt. Die Rune müsste weiß sein. Dass sie schwarz ist, kann nur bedeuten, dass sie mit gottloser Magie gezeichnet wurde.“ Medardus machte eine unheilsschwangere Pause. „Das ist Ketzerei. Was sage ich, es ist Dämonie! Jemand verhöhnt uns, indem er unsere eigenen Waffen zu profanen Tötungsmitteln umfunktioniert!“ Diese Nachricht schien Medardus mehr zu erregen als der Mord selbst.

Im nächsten Augenblick räusperte er sich jedoch und fing sich wieder.

Diese Versammlung hätte auch ohne diesen Mord stattgefunden“, erklärte er schließlich. Seine Augen glühten. „Mich hat heute, kurz vor Sonnenaufgang, ein Bote erreicht. Ein Dämon mit Löwenkopf ist in Aminas aufgetaucht und hat den Bischof entführt. Angeblich meinte er, er würde ihn für sein sündiges Leben in die Hölle hinabziehen.“

Erschrockene Blicke machten die Runde. Esbens Herz setzte einen Schlag aus. Er hatte angenommen, dass die Dämonen in Hornheim festsaßen, solange das Heer der Tempelsöhne den Weg durch den Heidenwald blockierte. Er erinnerte sich an den Dämonen mit dem Löwenkörper. Er hatte ihn vor zwei Tagen in Hornheim gesehen! Selbst wenn er sich sofort nach ihrer Niederlage auf den Weg gemacht haben sollte … die Zeit des Boten musste auch miteinberechnet werden … war dies schlichtweg unmöglich. Esben erschauderte. Konnten die Dämonen etwa an jedem beliebigen Ort erscheinen?

Die Apostel teilten seine Gedanken offenbar. Medardus nickte langsam.

Wir befinden uns hier in einem Krieg. In einem heiligen Krieg.“ Der Clavis erhob sich. „Diese Dämonen wollen ganz offenbar zur maßgeblichen geistlichen Instanz im Reich werden. Sie wollen sich selbst zu Göttern krönen und die Menschheit mit der Drohung der Hölle versklaven. Dies hier ist kein Kampf um Ehre oder Land … es ist ein Kampf um das Schicksal … um die Freiheit der Menschen.“

Mit diesen Worten entließ Medardus sie und Esben hatte das Gefühl, als bräche seine Welt nun endgültig zusammen.

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Azrael saß auf seinem steinernen Thron am Ufer und blickte hinaus auf die schwarzen Fluten des Sees Sökkvar. Er musste sich unwillkürlich fragen, wer Hornheim wohl geschaffen hatte. Ihm erschien es weitaus kunstvoller als seine Höllendimension.

Eine Hölle muss nicht kunstvoll sein, sie muss nur viel Feuer haben und wehtun, kicherte die Stimme in seinem Kopf.

Azrael ließ sie gewähren. Die Müdigkeit beraubte ihn seines Widerstands. Er hatte das Geheimnis dieser seltsamen Stimme noch nicht entschlüsselt und bezweifelte, ihr je auf die Spur zu kommen. Er hoffte nur, dass sie ihn im Kampf nicht behindern würde. Sie standen kurz vor dem Angriff auf das Lager der Tempelsöhne.

Herr!“, erklang plötzlich eine Stimme hinter ihm.

Azrael wandte sich um und erblickte Ungoros. Der Dämon besaß die wohl hässlichste Gestalt in ganz Hornheim. Er glich einem großen, runden Fleischklumpen voller Falten, aus dem zwei kaum erkennbare Augen seine Umgebung anfunkelten. Ein dünner Strich bildete seinen Mund. Missgebildete Beine entwuchsen ihm und zwei winzige Fledermausflügel flatterten an seiner Seite. Azrael wusste, dass er sich mittels Magie in der Luft hielt. Anderenfalls könnten weder seine Flügel, noch seine Beine das Gewicht des klobigen Körpers tragen.

Kurz erlaubte Azrael sich einen Moment der Verwunderung. Als Mensch hätte er sich gewiss vor den weißen Maden geekelt, die Ungoros’ Falten durchstreiften und eitrige Flüssigkeit verspritzten. Doch nun … weder konnte er sich am Schönen erfreuen, noch konnte er das Hässliche verachten. Möglicherweise lautete der Grund dafür, dass Dämonen sich im Normalfall nicht fortpflanzen konnten und daher auch keinen Sinn für die Schönheit ihres Partners benötigten.

Azrael räusperte sich. „Was ist dein Begehr?“, fragte er förmlich. Er wusste, dass Ungoros lieber kunstvoll mit ihm sprach.

Der Fleischklumpen offenbarte nun seine poetischen Fähigkeiten. „Es wär nun gar soweit, dünkt es mich wilde, mich hinabzubegeben in düstere Gefilde. Denn ziemt es wohl kaum einem solchen Gott, sich zu genieren auf seines Kinders Schafott.“

Azrael nickte dankbar. Ungoros schlug ihm vor, an seiner statt die von ihm geschaffene Hölle zu überwachen. „Geh nur“, sagte er. „ich werde dich bald dort brauchen. Wie wir es abgesprochen haben.“

‘s deucht mich wohl, dass sie ruft, die Pflicht. So hinab, hinab, wo es rußt die Sicht.“ Azrael verdrehte die Augen, als Ungoros sich umwandte und auf das Portal dahinter zusteuerte. Seine Hölle beherbergte bereits einige Gäste. Erst tags zuvor hatte Malfegas den Bischof von Aminas entführt. Es war ein offenes Geheimnis, dass der Geistliche in seinem „Jungfernturm“ schreckliche Dinge tat.

Tja, schlechte Menschen gibt es überall.

Diesmal konnte Azrael der Stimme beim besten Willen nicht widersprechen. Sie klang sogar traurig.

Plötzlich drang eine andere Stimme an sein Ohr, die ihn ganz und gar nicht mit Trauer erfüllte.

Azrael!“

Er wandte sich um und erblickte Velis, die ungestüm auf ihn zurannte. Der Anblick des Sklavenmachers um ihren Hals versetzte ihm einen Stich. Er hatte es noch immer nicht geschafft, sie vom Fluch ihres grausamen Vaters zu befreien.

Er erhob sich und sie fiel ihm in die Arme. Wilde Wärme durchdrang Azrael, als ihre Lippen sich zum Kuss trafen.

Als Mensch hätte er sicherlich Gewissensbisse verspürt. Schließlich glich Velis’ äußerliche Gestalt einem Kind. Aber als Dämon beeinflussten ihn solche Emotionen nicht.

Velis lächelte spitzbübisch und ihre Augen funkelten, als sie sich an ihn schmiegte. Von Zeit zu Zeit kam es Azrael so vor, als sehnte sie sich regelrecht nach Berührung, wie als Beweis für ihre Existenz. Er schluckte. Sicherlich trugen die Taten ihres Vaters die Verantwortung dafür.

Velis war kein gewöhnlicher Dämon. Wie er Halgin und Esben gegenüber richtig vermutet hatte, handelte es sich bei ihr vielmehr um einen Halbmenschen. Anders als er war sie nicht gestorben. Als Tochter eines Dämons von Hornheim und einer seiner Untergebenen bildete sie im Gesetz der Fortpflanzung eine absolute Ausnahme.

Und?“, fragte sie nach kurzem Schweigen. „Werden wir es jetzt tun?“

Azrael nickte. „Die Gelegenheit ist günstig. Der Fürst von Aminas ist ein junger, unsicherer Mann und die Erinnerungen an die Taten dieses furchtbaren Bischofs haben die Herzen der Einwohner gegenüber der Denomination verhärtet. Aber das Wichtigste ist, dass uns kein Inquisitor in die Quere kommen kann.“

Ist es nicht irgendwie grotesk, dass die Menschen von Inquisioren mehr fasziniert sind als von Tugend und Reinheit?“, fragte Velis leise.

Vielleicht sind sie es deshalb, weil beides nicht existiert“, erwiderte Azrael verbittert. „Ich meine, sieh uns an. Jedes Gericht der Welt würde uns wegen Unzucht am Galgen baumeln lassen.“

Velis kicherte. Dabei klang sie immer wie ein normales Mädchen, das nicht bereits seit Jahrzehnten versuchte, die Welt zu retten. Azrael strich über ihr langes Haar. Ohne ihre Intervention wäre Irodeus noch König von Hornheim und er selbst würde nicht einmal existieren. Er verdankte ihr sowohl als Teshin, als auch als Azrael sein Leben.

Velis deutete auf den See Sökkvar. „Glaubst du wirklich, dass Androg dort begraben liegt?“

Azrael schnaubte. „Das fragst du mich? Ich existiere erst seit wenigen Monaten! Aber wenn du mich fragst, ist das eine Legende wie jede andere.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber dass man dort angeblich den Verstand verliert … das ist schon interessanter. Wir beide wissen, in welchem Zustand Sitraxa vor ihrem Tod war.“

Velis sah ihn überrascht an. „Sie ist tot? Ich dachte, Esben hätte sie in seinem Buch versiegelt!“

Azrael schüttelte den Kopf. „Er hat das Wesen versiegelt, das einmal eine gute Freundin von mir war, bevor Irodeus sie raubte und sie Sitraxa schenkte.“ Obwohl er diese Frau eigentlich nie getroffen hatte, schmerzte sein Herz beim Gedanken daran. Offenbar nahmen Teshins Erinnerungen mehr Einfluss auf seine Gefühlswelt, als er ursprünglich vermutet hatte. Ein ähnlicher Schmerz war ihm während des Kampfes gegen Halgin zuteilgeworden.

Bevor Velis zu einer Antwort ansetzen konnte, erscholl hinter ihnen lautes Gelächter.

Sieh sie dir an!“, rief Malfegas und schüttelte seinen gewaltigen Löwenkopf. „Da sitzen sie, Arm in Arm, und genieren sich nicht! Und das in so einer sittsamen Einrichtung wie der unseren!“

Beriths Miene blieb beherrscht, obwohl eine seiner Augenbrauen nach oben wanderte. Die beiden Dämonen standen erwartungsvoll vor ihnen.

Azrael atmete tief durch und erhob sich dann. Ernst umwölkte Velis’ Blick.

Nun würden sie die Initiative ergreifen.

Alles läuft nach Plan“, sagte er. „Iliana ist auf dem Weg nach Hrandamaer, Ashaya bereitet sich dort vor, Medardus lagert im Heidenwald und der Engel bleibt vorerst zurückgezogen. Aminas liegt ungeschützt da. Wir müssen es uns nur holen.“ Er warf einen Blick auf Malfegas. „Du bist dir sicher, dass die Hinrichtung heute stattfindet?“

Der große Löwe lachte unbeherrscht, wobei kleine Funken aus seinem Maul stoben.

Natürlich! Die eine Hälfte der Stadt freut sich auf das Bier, die andere auf die Schreie. Schließlich stehen der Bürgermeister und seine sieben Töchter auf dem Spielplan, das will niemand verpassen.“

Teshins Erinnerungen an den ersten Bürger der Stadt kamen ihm in den Sinn. Ein vollkommen unsympathischer Mensch, aber einen solchen Tod hatte er nicht verdient.

Azrael atmete tief durch. Dann wandte er sich um und watete in die schwarzen Fluten des Sees Sökkvar. Das dunkle Wasser ermächtigte Berith, in die Träume anderer einzudringen. Ihn hingegen ließ es Portale öffnen.

Jeder von ihnen musste nur einen Schritt tun, um mit der Läuterung der Welt zu beginnen.

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Gottes Hammer: Folkvang V

Ich seufze befreit und schlage wie wild mit meinen Flügeln, als die Winde mich umarmen. Mein Körper scheint mit jedem Tag leichter zu werden und es kostet mich immer weniger Anstrengung, mich zu bewegen.

Wie sollte es auch anders sein? Schließlich entstamme ich Folkvangs heiligen Hallen.

Ich spähe hinab auf das weite Land und lasse vor meinem geistigen Auge die Jahrhunderte vorüberziehen. So ungemein viele Menschen … alle emsig im Streben vereint. Wenn sie nur wüssten, was ich jetzt weiß. Wäre ihnen das Leben auf ewig vergällt oder könnten sie sich erst richtig daran erfreuen?

Trauer überkommt mich, als ich einen Blick auf Aminas werfe. Eine große Stadt voller Groll und Missgunst, voller Ungerechtigkeit und Leid. Kurz erlaube ich mir, in der Geschichte eines jungen Mädchens zu versinken, dass der Hexerei angeklagt und vor genau fünfzig Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Der Inquisitor hielt es zudem für angemessen, zwei kleine Kinder mit Peitschen über den Hauptplatz treiben zu lassen, bis ihre geschundenen Leiber zitternd in die Hände ihrer bleichen Eltern fielen.

Fürwahr, je stärker man auf Menschen einprügelt, desto stärker prügeln sie zurück.

Die beiden Kinder zogen zehn Jahre später in den Krieg und sahen lachend zu, wie eine Frau vor den Augen ihres fünfjährigen Sohnes von anderen Soldaten zu Tode gequält wurde. Der Sohn zog seinerseits zehn Jahre später in den Krieg und verübte einen Anschlag auf einen Sprössling von Hrandamaer. Er überlebte, aber der Sohn hatte den Groll in ihm entzündet. Und jetzt steht dieser Nachkomme Hrandamaers in einem Zelt im Heidenwald und ringt mit dunklen Mächten.

Es ist ein ewiges Rad.

Ich sehe eine Zeit lang zu. Ich weiß nicht, ob ich eingreifen soll. Ist es Trägheit, die mich auf diese Weise ummantelt? Ich schlage energisch mit den Flügeln, wie um diesen Verdacht zu entkräften.

Vor langer, langer Zeit habe ich Gott immer vorgeworfen, meine Stimme geraubt und dennoch niemandem geholfen zu haben. Ich habe ihn der Trägheit bezichtigt.

Jetzt bin ich wieder in dieser Situation, aber in einer anderen Rolle.

Ich spähe auf die Person hinab, die der Sohn Hrandamaers behandelt und erstarre. Ja, ich, eine Elphahir Folkvangs, erstarre.

Im nächsten Moment verlasse ich im Sturzflug die friedlichen Gefilde des Himmels und begebe mich hinab ins unheilsschwangere Reich meiner Herde.

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Abigor atmete schwer.

Er wusste nicht, welcher Trottel den Menschen von einem Exorzismus berichtet hatte. Er versuchte hier nur, das verdammte Gift im Körper dieses verdammten Mädchens zu neutralisieren. Seine Nichte stand zitternd neben ihm und hielt die Hände vors Gesicht geschlagen, während sie zusammenhangslose Worte hervorstieß, die wohl als Gebet gedacht waren.

Verdammt.

Iliana lag schweißgebadet auf dem Feldbett. Jegliche Farbe war aus ihrem schmerzverzerrten Gesicht gewichen. Eben hatte sie noch von einem seltsamen Traum berichtet, nun lag sie schon wie eine Leiche vor ihm.

Abigor schnaubte wutentbrannt, während er seine Kräfte sammelte und die heilige Magie förmlich durch ihre Venen jagte. Gottes Humor nahm sich recht eigentümlich aus, wenn er ein unschuldiges Mädchen zu sich rufen und ihn alten Sünder verschonen wollte.

Verdammt.

Er kannte das Gift. Ja, er kannte es sogar sehr gut. Sein Körper hatte bereits davon gekostet, in jener Nacht vor dreißig Jahren, als ein Knabe ein Attentat auf ihn verüben wollte. Diese verdammte Substanz lähmte ihr Opfer, sodass jede Bewegung unmöglich schien. Jedoch hieß dies nicht, dass der Tod schmerzlos vonstattenging. Im Gegenteil.

Abigor fluchte, als der helle Schein seines Zaubers verflog und seine Bemühungen wirkungslos blieben. Welcher verdammte Schleicher hatte ihr nur das Gift verabreicht? Oder stammte es noch aus Hornheim?

Abigor sah nur noch eine letzte Möglichkeit. Er hatte seine Stimme nicht geopfert, weshalb ihm der Zugriff auf die meisten Choräle verwehrt blieb. Aber einen kannte er, mit dessen Macht er in Hrandamaer ein Totenfeld auf einmal geläutert hatte.

Abigor sank nieder auf ein Knie und begann zu singen. Es handelte sich um die herzzerreißende Geschichte eines Bruders und seiner Schwester, die sich aus den Augen verloren und nach langen Irrwegen wieder zueinander fanden.

Er kam nicht weit.

Mit einem Mal erfüllte solche Heiligkeit das Zelt, dass dem Bischof sein eigener Choral plump und profan erschien. Abigor schirmte mit der Hand sein verbliebenes Auge ab, nur um sie überrascht wieder sinken zu lassen. Fassungslosigkeit meuchelte seine Gedanken.

Ein Engel stand vor ihnen.

Es handelte sich um eine Frau mit strahlend weißen Flügeln und gütigen Gesichtszügen, die in einer wallenden Robe, halb Stoff, halb Stahl, an das provisorische Krankenbett trat und Iliana eine Hand auf die Stirn legte. Der folgende Zauber ließ Abigor nach Luft schnappen und ihn geblendet sein verbliebenes Auge schließen. Als das Licht erlosch, regte sich das Mädchen schwach. Der Engel lächelte aufmunternd.

Dann stieß Iliana mit einem Mal einen langgezogenen Schrei aus.

Elinor stolperte vor Schreck und Abigors Hand fuhr zu seinem Schwert. Dünne Fäden aus Schatten schraubten sich aus Ilianas weit geöffnetem Mund. Der Engel schien das Gift förmlich aus ihrem Körper zu zwingen.

Abigor zuckte zusammen, als ein Handgemenge am Zelteingang den Vorgang störte. Lifas und Esben, der Priester, stolperten mit verwirrten Mienen in das Lazarett, die weit geöffneten Augen auf die eindrucksvolle Gestalt vor ihnen gerichtet.

In diesem Augenblick begann die Frau zu singen.

Abigor verstand die Sprache nicht, aber sie erschien ihm nichtsdestominder göttlicher als alles, was er zuvor gehört hatte. Die Töne griffen melodisch ineinander, wie die Hände feiernder Menschen, die in einem Tanzkreis ihrer Freude frönten. Alles hatte seine feste Ordnung und kein Wort blieb sich selbst überlassen in diesem kunstvollen Satzgeflecht.

Im nächsten Moment erhellte ein Lichtblitz den Raum, der Gesang endete und der Engel war verschwunden. Iliana saß aufrecht und gesund auf dem Bett, verwirrt blinzelnd, so als wäre sie gerade erst erwacht. Sie alle tauschten verwunderte Blicke. Niemandem erschienen einfache Worte der sakrosankten Stille des Moments angemessen.

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Ich muss nach Hrandamaer“, murmelte Iliana. Sie fühlte sich seltsamerweise beschwingt und voller Energie. Von den Auswirkungen des Giftes spürte sie nichts mehr.

Sie lehnte an einem dicken Baum, den wohl selbst zehn Tempelsöhne nicht umfassen könnten, und wartete auf Esbens Reaktion. Er wirkte fahrig und abgelenkt, so als erholte er sich immer noch von der Begegnung mit dem Engel. Als sie ihr Anliegen wiederholte, erschrak der gefallene Priester sichtlich, räusperte sich dann jedoch verlegen.

Hrandamaer ist kein Ort für eine junge Maid“, antwortete er vorsichtig.

Hornheim auch nicht!“, erwiderte Iliana bissig. „Und hier bin ich offenbar auch nicht sicher! Abigor meinte, dass ich vergiftet wurde. Hier muss es jemanden geben, der es auf uns abgesehen hat.“ Eine brennende Frage schlich sich auf Ilianas Zunge. „Abgesehen davon … was ist so schlimm an Hrandamaer? Lifas und Abigor müssen ja schließlich auch dort aufgewachsen sein!“

Esben rang sichtlich mit sich. Schließlich seufzte er ermattet und nickte langsam. „Erinnerst du dich an das Wort Hrandar?“

Iliana erschauderte. Velis’ untoter Diener Berengar kam ihr in den Sinn. „Ich werde es nie vergessen.“

Esben räusperte sich. Offenbar bereitete ihm dieses Thema Unbehagen. „Hrandamaer bedeutet übersetzt soviel wie Kunde von Untoten. Diesen Namen haben die Bewohner ihrer Heimat nicht selbst gegeben, er wurde in den übrigen Regionen nach der … Katastrophe gebräuchlich.“

Ihr Unwissen peinigte Iliana. „Welche Katastrophe?“

Esbens Blick schweifte ab. „Erinnerst du dich an Androgs Halle? In Hornheim?“

Iliana nickte. Sie entsann sich, dass Esben dort für eine Weile gelebt hatte.

Esben räusperte sich erneut. „Sie ist nach dem letzten König von Hrandamaer benannt. Sein Reich wurde nach seinem Tod in ein Herzogtum umgewandelt. Angeblich brachte er den Fluch über seine Heimat …“

Ganz genau.“

Iliana fuhr erschrocken zusammen und Esben vollführte einen Satz nach hinten. Lifas stand kerzengerade vor ihnen, seine Miene blieb bar jeder Emotion.

Kurz kehrte Stille ein. Lifas’ kühle Augen schienen bis auf den Grund von Ilianas Seele zu starren. Dann umspielte der Anflug eines Lächelns seine schmalen Lippen.

Ich habe vom Inquisitor und heiligen Clavis Medardus den Befehl erhalten, umgehend in meine Heimat zurückzukehren. Ihr sollt mich begleiten, Fräulein Iliana.“ Dabei verneigte er sich galant. „In Hrandars Faust residiert das Orakel, das Euch vom Einfluss der Dämonen befreien wird.“

Ilianas Herz schlug schneller. Ihr Verdacht, dass jemand im Lager der Tempelsöhne mit Hornheim in Verbindung stand, erhärtete sich. Konnten solche Zufälle existieren? Oder hatte Berith dies alles geplant?

Was ist mit mir?“, fragte Esben prompt.

Lifas schüttelte den Kopf und deutete mit dem Kinn auf das Buch, das Esben nun in einem Gerüst um den Oberkörper geschlungen trug. „Eure Fähigkeiten werden gebraucht.“ Damit wandte er sich wieder an Iliana. „Ich lasse Euch noch Zeit für den Abschied, dann brechen wir umgehend auf.“

Ich würde Elinor auch noch gern Lebewohl sagen“, rief Iliana, als Lifas sich umdrehte.

Kurz schien es, als bohrte sich eine Art Stachel von Menschlichkeit in die undurchdringliche Fassade des jungen Ritters. Aber der Moment endete sofort und er nickte nur. „Ich warte vor dem Lazarett auf Euch!“, rief er.

Er ließ unangenehmes Schweigen zurück.

Iliana kannte Esben seit kaum zwei Tagen und dennoch schien er schon ein fester Teil ihres Lebens geworden zu sein. Bei dem Gedanken, auch noch ihn verlassen zu müssen, schmerzte Ilianas Herz. Vielleicht geriet sie auf diesem Wege sogar in die Falle der Dämonen. Dennoch, sie musste etwas tun. Sie benötigte ein Ziel, ein etwas, auf das sie hinarbeiten konnte. Möglicherweise handelte es sich dabei auch nur um eine Ausrede ihrer selbst, um der Verantwortung des Denkens so elegant wie möglich zu entkommen, aber sie besaß keine Perspektive, keine Überzeugung. Esben hatte eine Kirche, für die er kämpfen wollte, sie hatte nur ihr Leben.

Er schien all dies zu verstehen.

Ich brauche wohl Zeit, um das alles zu verarbeiten“, murmelte sie, während ihr Blick auf den grünen Boden fiel. Die Grashalme wiegten sich sacht im sanften Wind.

Esben nickte langsam. „Du bist vielleicht noch ein Kind, aber du sprichst schon wie eine Erwachsene“, erwiderte er leise. „Aber das ist wohl das Schicksal jener, die wie du so früh solches Leid mitansehen müssen.“

Zu Ilianas Überraschung kniete er vor ihr nieder und nahm sie in den Arm. Etwas zögerlich erwiderte sie die Geste.

Sie schwor sich, diese Erinnerung immer in ihrem Herzen zu bewahren.

 

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Ein Engel? Also eine Elphahir Folkvangs?“, fragte Medardus langsam. Abigor schluckte. Dank der Maske konnte er die Gefühle des Inquisitors unmöglich erraten.

Falls er überhaupt welche hegte.

Es scheint so“, erwiderte er. „Mehr noch, der neu eingesetzte Tempeldiener Esben wirkte, als ob er die Person kannte. Er bleibt jedoch verschlossen.“

Kurz kehrte Stille ein. Medardus machte keine Anstalten, weiterzusprechen. Abigor räusperte sich und fuhr fort. Die respektvolle Anrede fiel ihm mit zunehmendem Alter immer schwerer. „Ehrwürdiger Clavis, wenn die Anmerkung erlaubt ist, viele Legenden bewahrheiten sich in dieser unruhigen Zeit. Hornheim, Sankt Esbens erste Kirche, Androgs Chronik und nun auch noch Folkvang? Was geschieht hier?“

Einen Moment lang schien es, als bliebe ihm der Inquisitor die Antwort schuldig. Schließlich erhob er sich jedoch und griff nach seinem Mauritiusstab.

Gottes Hammer regt sich. Das geschieht.“

Aber was ist Gottes Hammer?“, rief Abigor verzweifelt. „Ist das ein Dämon? Oder ein Engel?“

Medardus trennte die Verbindung zu dem heiligen Nexus um seinen Stuhl. Er war wieder stumm.

Abigor verstand, murmelte einen Salut und zog sich zurück. Außerhalb des Zeltes machte er seinem Ärger Luft, indem er ein lautes Knurren losließ. Zwei Novizen, die das Zelt des Clavis bewachten, fuhren erschrocken zusammen. Ja, es gab einen Grund, warum manche ihn nur unter dem Namen „der Bär“ kannten.

Er musste endlich herausfinden, worum es sich bei Gottes Hammer wirklich handelte. Medardus verbarg weitaus mehr vor ihm, als nur sein Gesicht.

Er wusste auch, wie er dies schaffen konnte.

Abigor wandte den Blick gen Westen. Die Sonne ging langsam unter. Er fühlte, wie die Kraft in seine Glieder zurückkehrte. Ja, nachts war er wirklich er. Nachts konnte er seine wahre Macht nutzen.

Ohne Umschweife betrat er das Zelt von Hrandamaer. Esben schlief bereits. Er war ein wahrhaft frommer Priester, auch wenn er ein heidnisches Buch benutzte. Wenn er nur wüsste …

Abigor fand, wen er gesucht hatte. Siegbert kauerte zitternd in einer Ecke und musterte ihn ängstlich. Er fühlte, dass seine Zeit gekommen war.

Niemand hielt ihn auf, als er zusammen mit seinem Bediensteten das Lager verließ.

In dieser Nacht fand Abigor keinen Schlaf mehr.

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Gottes Hammer: Folkvang IV

Die hellen Sonnenstrahlen flimmerten im Zelteingang. Esben blinzelte müde und setzte sich langsam auf. Kurz bereitete es ihm Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Er warf verwirrte Blicke um sich, erzeugt von einem ermatteten Geist, bis seine Gedanken wieder aus dem Meer des Schlafes auftauchten.

Lifas hatte ihn als Gast in das Zelt der Ritter von Hrandamaer eingeladen. Es handelte sich um eine gewaltige Unterkunft, die selbst Medardus’ taktischen Stützpunkt inmitten des Lagers übertraf. Esben erschien dies befremdlich. Außer ihm und Lifas nächtigten nur Abigor und ein Mann namens Siegbert hier. Esben sah auch in der äußerst bescheidenen Inneneinrichtung keinen Grund, solche Dimensionen anzustreben.

Habt Ihr wohl geruht?“

Esben bedeckte die Augen mit einer Hand. Im Zelteingang erblickte er Lifas’ Silhouette. Er trug bereits seine Rüstung und den gewaltigen Streithammer. Erneut bewunderte Esben die Körperkraft des jungen Mannes. Seine Statur ließ nicht auf solche Macht schließen.

Durchaus. Was ich nur Eurer Gastfreundschaft zu verdanken habe“, erwiderte Esben höflich, während er sich erhob und ankleidete.

Und der Gnade des Herrn.“ Lifas’ Augen funkelten, als er vom Schöpfer sprach.

Esben entdeckte Siegbert in einer Ecke des Zeltes. Es handelte sich um einen kleinen, gedrungenen Mann, dessen Leibesumfang das Beeindruckendste an ihm darstellte. Sein Gesicht wirkte wie ein Flickwerk aus rohen Fleischklumpen. Aufgedunsen und gerötet hing die Haut von seinem Schädel. Esben fühlte sich an die Pest erinnert, die Aminas vor vielen Jahren heimsuchte. Flüchtlinge aus Astaval hatten die schreckliche Seuche in die große Handelsstadt gebracht. Möglicherweise zählte Siegbert zu den glücklichen Seelen, die dem Tod trotz einer Infizierung von der Schippe gesprungen waren.

Esben grüßte ihn mit einer Geste. Siegbert warf ihm einen überraschten Blick zu, so als hätte er ungeheuerliche Anschuldigungen von sich gegeben. Nach einem kurzen Moment erwiderte er jedoch stumm den Gruß und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Wie Esben nun erst bemerkte, schnitt er Karotten.

Lifas beachtete den Diener nicht, obwohl seine Mundwinkel zuckten. Offenbar schätzte er Siegbert gering. „Kommt!“, sagte er nur. „Mein Onkel meinte, ich soll Euch das Lager zeigen!“

Esben folgte dem jungen Ritter nach draußen. Sein Herz klopfte. Er hatte bereits viele Geschichten über das sündige Leben der Soldaten gehört. In Lagern wie diesen ertränkten angeblich Söldner ihre Sorgen in Wein und boten Konkubinen ihre Körper an. Zwar hätte er vor einigen Monaten den Tempelsöhnen solche Verfehlungen niemals zugetraut, aber mittlerweile erschien ihm auch dies nicht mehr abwegig. Die Welt war fürwahr ein wüster Ort und die Sünde führte ein unvergleichbares Regiment.

Folglich überkam ihn große Überraschung, als der morgendliche Anblick ihm das Gegenteil demonstrierte.

Überall sah er gerüstete Gestalten, die sich vor ihren Zelten zum Morgengebet niederließen. Manche murmelten mit geschlossenen Augen Worte, andere sangen in Gruppen heilige Choräle. Das Bild der Frömmigkeit linderte Esbens Schmerz einen himmlischen Moment lang, in dem er beinahe den Glauben an die Vorsehung und die Schöpfung zurückgewann.

Lifas sah ihn ausdruckslos an. „Habt Ihr heute schon gebetet?“

Esben schüttelte den Kopf. „Nein.“

Dann tut es jetzt.“ Lifas ließ sich ebenso nieder wie die übrigen Ritter und faltete die Hände. Er betete stumm.

Esben tat es ihm nach. Doch im nächsten Moment hielt er inne. Was sollte er beten?

Als Priester waren ihm die meisten Texte bekannt und er hatte die Worte öfter gesprochen als er zählen konnte. Aber die meisten trugen den Geschmack von Aminas in sich. Sie blieben ihm im Halse stecken, während die bewundernden, Trost suchenden Gesichter der Gläubigen vor seinem inneren Auge schwebten. Er hatte sie begleitet und beschützt, sie getröstet und geeint. Wie konnten sie alle zu Bestien werden und seine Schwester angreifen?

Esben verschloss sich diesem Gedanken. Auf seiner Reise nach Hornheim hatte er ihn oft genug gequält. Stattdessen begann er zu sprechen. Es handelte sich um ein Gebet aus Kindertagen, das ihm auch jetzt noch ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermittelte.

Kurze Zeit später ließen die beiden das Zelt von Hrandamaer hinter sich und Lifas begann mit der Führung.

Dort seht Ihr das Speisezelt“, erklärte Lifas. „Euch wird es nicht betreffen, da Ihr als unser Gast mit uns im Zelt die Mahlzeiten einnehmen werdet. Mein Onkel ist ein Apostel des Heeres, weshalb wir einen eigenen Koch anstellen durften.“

Soweit Esben wusste, spielte das gemeinsame Mahl für die Tempelsöhne eine große Rolle. Die Apostel hingegen mussten alleine speisen, um ungehindert die Taktiken für die Schlacht erarbeiten zu können. Esben entsann sich der Worte seines Namensgebers, dem Erbauer der ersten Kirche. Sankt Esben hatte einst über Ähnliches sinniert.

Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen. Als solches versteht er die Gefahr der Sünde und sieht von ihr weitgehend ab. Die Menschen hingegen sind ein närrisches Konglomerat von animalischen Trieben. Die Menschen verlieren ihr Bewusstsein und lassen sich als Teil einer großen Masse auf die Sünde ein wie kein anderes Geschöpf Gottes es vermag.

Gesellschaft fördert Sünde“, zitierte Esben.

Lifas nickte. „Und dennoch können wir nur in Gesellschaft das Böse bekämpfen.“

Esben betrachtete den jungen Ritter genauer. Sein Gesicht verriet keine Regung.

Lifas war ihm ein Rätsel. Er wirkte stets zurückhaltend und distanziert, so als wollte er mit niemandem eine Bindung eingehen. Esben erschien es vollkommen unrealistisch, dass Lifas weinen oder lachen konnte. Er wirkte vielmehr wie in Stein gemeißelt, kalt und unzerstörbar.

Sie durchstreiften weiter das Lager, bis Esben mit einem Mal ein Gedanke kam. Er wollte bereits seit dem gestrigen Abend danach fragen.

Gibt es hier einen Schmied?“, fragte er.

Lifas musterte ihn überrascht. Zum ersten Mal schien Esben ihn aus der Fassung gebracht zu haben. „Benötigt Ihr etwa einen Harnisch?“, fragte Lifas. „Den müsst Ihr nicht erst schmieden lassen. Unser Rüstmeister verfügt über einen großen Vorrat an offensiver und defensiver Kampfausstattung.“

Bei dem Gedanken, sich erneut mit den Mächten Hornheims messen zu müssen, erbebte Esben. Er räusperte sich verlegen. „Nein, es geht um etwas anderes.“

Lifas fragte nicht nach. Er führte ihn in die Rüstkammer, die in Form mehrerer schwer beladener Wagen neben Medardus’ Zelt lag.

Unser Rüstmeister Hartfried ist auch ein Schmied“, erklärte er. „Seine Ausrüstung liegt natürlich noch im Tempel des Vaters, da man einen Amboss schlecht transportieren kann.“ Esben war unschlüssig, ob er Sarkasmus in Lifas’ Stimme vernahm. „Sprecht am besten mit ihm.“

Esben war in Aminas mehreren Schmieden begegnet, doch Hartfried stellte sie alle in den Schatten. Er war ein Hüne, sicherlich mehr als vier Ellen groß, und schritt hastig mit geballten Fäusten und leicht vornübergebeugt auf Esben zu, so als ob er sich stets um ein Maximum an Geschwindigkeit bemühte. Er trug einen Lendenschurz und einen langen Mantel, der ihn wie eine Gewitterwolke umgab.

Ihr seid neu? Gut. Braucht Ihr Waffen? Helme? Stulpen? Den Sax kann ich durchaus empfehlen!“

Was ist denn ein Sax?“, fragte Esben mit zitternder Stimme, während Hartfried ihm die Hand schüttelte. Der Rüstmeister schien ihm den Arm ausrenken zu wollen.

Kaum waren die Worte verklungen, entschwand Hartfried und kehrte mit einer kleinen Hiebwaffe zurück. Bis Esben ihm verständlich machte, dass er keine Waffen brauchte, türmte sich bereits ein Arsenal stählerner Tötungsinstrumente vor seinen Augen.

Was ist dann Euer Begehr?“, fragte Hartfried verblüfft.

Ich brauche eine Kette“, erklärte Esben und zog den Folianten hervor. „Eine Verbindungskette zwischen meinem Arm und diesem Buch. Handschellen, sozusagen. Könnt Ihr eine solche Vorrichtung herstellen?“

Zum ersten Mal fehlten Hartfried die Worte. Aber scheinbar nur, weil seine Gedanken wie ein Sturm durch seinen Kopf fegten. Schließlich leckte der Hüne sich nervös die Lippen und schüttelte den Kopf.

Herstellen kann ich diese Kette nicht, dafür müsste ich in meiner Schmiede sein. Aber ich glaube, ich habe dennoch etwas, was Euch helfen könnte.“

Sprach’s und war verschwunden. Esben sog erschöpft die Luft ein. Das Gespräch mit dem dynamischen Schmied ermüdete ihn zunehmend. Ob Hartfried sich wohl je Ruhe gönnte?

Einen Moment später kehrte der Hüne mit einer seltsamen Vorrichtung zurück. Esben erinnerte sie an ein Folterinstrument.

Sie bestand aus einem quaderförmigen metallenen Gerüst, von dem mehrere Ketten ausgingen. Hartfried trug es mit spitzen Fingern, so als missfiele ihm allein dessen Existenz.

Das könntet Ihr Euch um den Oberkörper schlingen“, erklärte er. „Wenn das Buch in das Gerüst passt, könnt Ihr es stets bei Euch tragen und habt dennoch beide Hände frei.“

Esben nahm die seltsame Vorrichtung entgegen. Der Foliant passte tatsächlich. So dürfte es selbst Berith schwerfallen, ihm das Buch zu entreißen. Bei der Erinnerung an ihren Kampf in Velis’ Halle liefen eiskalte Schauer über Esbens Rücken.

Damit habt Ihr mir einen großen Gefallen getan! Möge der Herr es Euch vergelten!“, sagte Esben und neigte den Kopf.

Hartfried wirkte dennoch unglücklich. „Ihr solltet nur gut auf Euch achtgeben!“, erwiderte er in einem deutlich langsameren Ton. „Man erzählt sich, dieses Konstrukt sei verflucht. Der ehrwürdige Inquisitor und Clavis Medardus hat es mir nach mannigfaltigem Gebrauch überlassen.“

Esbens Inneres gefror. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen.

Lifas stellte keine Fragen, als er Esben mit dem Gerät sah. Falls er dessen Zweck kannte, ließ er es sich nicht anmerken.

Sie setzten den Rundgang fort, bis sie zum Lazarett gelangten. Esben sah bereits von Weitem, das etwas nicht stimmte. Eine Ansammlung von Menschen blockierte den Eingang.

Lifas runzelte die Stirn. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er beschleunigte seinen Schritt.

Esben folgte ihm. Furcht umklammerte sein Herz wie eine eiskalte Klaue. War Iliana etwas zugestoßen?

Verzeiht!“, rief Lifas und wandte sich einem älteren Tempelsohn zu. „Was geht hier vor sich?“

Der Mann wirkte beunruhigt. „Das junge Mädchen, das gestern angekommen ist, scheint von dämonischen Mächten heimgesucht zu werden. Bischof Abigor führt in diesem Moment einen Exorzismus durch.“

Bei diesen Worten zerriss ein markerschütternder Schrei die Luft.

Panik ergriff Esben. Iliana war die letzte Person aus seinem Leben, der letzte Anker, an dem er sich festhalten konnte. Er hatte bereits seine Schwester verloren, dann Teshin und auch seinen Lehensherr Halgin … Iliana durfte nicht die nächste Person sein.

Von grimmiger Entschlossenheit erfüllt schob Esben das Buch in das Gerüst und schlang die Kette um seine Brust. Das kühle Metall presste die dünnen Gewänder schmerzvoll gegen seine Haut.

Unsanft bahnte Esben sich einen Weg durch die Menge und betrat das Zelt.

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Gottes Hammer: Folkvang III

Iliana sah sich überrascht um.

Sie stand in einem vollkommen weißen Raum, in dem sich ein edler Ebenholztisch und zwei Stühle befanden. Verwirrt trat sie näher. Sie erkannte auf der polierten Fläche die taktische Karte aus Medardus’ Zelt. Wo war sie hier?

Iliana hielt nach einer Tür Ausschau, doch sie fand keine. Panik beschleunigte ihren Herzschlag. Es musste doch einen Ausgang geben! Wie wäre sie sonst hereingekommen?

Just in diesem Moment bemerkte sie plötzlich eine Gestalt in einem der Stühle.

Hätte es sich um eine unbekannte Person gehandelt, wäre Iliana wahrscheinlich die Frage durch den Kopf gegangen, wie sie den Neuankömmling hatte übersehen können. Doch sie erkannte den Besucher sofort wieder.

Ich grüße dich“, sagte Berith emotionslos. Seine roten Augen funkelten wie lodernde Sterne in der Nacht. Er schlug die Beine übereinander und spreizte seine gewaltigen Fledermausflügel.

Wo bin ich hier?“, fragte Iliana schrill. Sie wich zurück und warf wilde Blicke in alle Richtungen. Sie brauchte eine Waffe! Zähneknirschend fiel ihr ein, dass sie den Bogen in Hornheim zurückgelassen hatte.

Weißt du das nicht?“ Berith klang ehrlich erstaunt. „Du träumst. Ich spreche hier direkt in deinem Kopf zu dir.“

Iliana erinnerte sich. Elinor hatte ihr erlaubt, die Nacht im Lazarett zu verbringen. Die Erschöpfung wiegte sie bald in den Schlaf.

Iliana atmete tief durch. Ein Traum fühlte sich anders an, er waberte gleich dunklem Nebel am Rande des Bewusstseins. Sie konnte jedoch alles spüren und ertasten. Als sie sich an die Wand presste, schrie sie vor Schmerz auf. Unsägliche Hitze erfüllte die weiß gestrichene Mauer.

Berith betrachtete sie genau. Sein Gesicht glich einer starren Maske. „Ein interssanter Raum“, merkte er an. „Ich habe schon viele solcher Zimmer gesehen, aber deines unterscheidet sich doch merklich von anderen.“ Dabei fuhr er mit einer seiner bleichen Hände über die Stuhllehne. „In diesem Holz steckt förmlich der Geist des Heidenwaldes. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, du hättest dein ganzes Leben dort verbracht. Scheinbar gehörte dein Herz nie dem Dorf Raureif.“ Iliana musterte ihn ängstlich. Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Erinnerungen umwölkten ihre Seele und ließen sie schlucken. Kaum hatte Elinor sie getröstet, erhob sich der Albtraum von neuem. Frustriert ballte sie die Fäuste. Der Zynismus des Schicksals verschonte auch sie nicht.

Berith fuhr indes mit seinen Auspizien fort. „Heiße Mauern, die alles verbrennen, was den Raum betreten will. Aber sie sind nicht nur ein Schutzmechanismus, sondern auch ein Gefängnis.“ Berith erhob sich und drückte seine Hand gegen die Wand, so als ob er die Hitze nicht wahrnehmen würde. „Auf der anderen Seite wartet all deine Wut auf dich. Du tätest gut daran, sie nicht passieren zu lassen.“ Er ließ sich wieder auf den Stuhl sinken und deutete auf den Ebenholztisch. „Und dann noch das Bild.“

Iliana trat unwillkürlich näher. Der Tisch glich dem in Medardus’ Zelt, aber statt der Karte erspähte sie das Porträt zweier rot glühender Augen, die sie bedrohlich musterten. Eine einzige schwarze Feder bedeckte sie.

Iliana wich zurück und sank auf die Knie. Ihre Hände zitterten und sie schluckte. Sie kannte diesen Blick. Diese Augen hatten den Bürgermeister von Raureif durchbohrt, bevor Murakama es tat.

Hör auf!“, flehte Iliana und schlug die Hände vors Gesicht. Ihr ganzer Körper bebte. „Geh! Hör auf!“

Berith sah sie ohne jede Regung in seiner Miene an. „Wenn es dein Wunsch ist, werde ich meine Analysen selbstredend abbrechen. Wissen ist Macht, doch Macht ist eine Bürde. Den meisten Menschen ergeht es besser, wenn sie nichts wissen.

Iliana hob überrascht den Kopf. Berith sah über die Tischkante auf sie hinab. Mit einem Mal kam ihr ein Gedanke.

Ist Halgin tot?“, fragte sie und ihre Stimme brach.

Eine von Beriths schneeweißen Augenbrauen wanderte nach oben. „Was hättest du davon, wenn ich jene Frage beantwortete?

Weshalb bist du sonst hier?“, fragte Iliana. „Wenn du mich quälen willst, nur zu, aber sag mir vorher, ob Halgin noch lebt!“

Der Anflug eines Lächelns umspielte Beriths schmale Lippen. Seine Augen aber blieben ausdruckslos.

Nehmen wir einmal an, ich beantworte deine Frage mit Ja“, begann er. „Du würdest mich drängen, dir seinen Aufenthaltsort zu verraten. Wenn ich das tue, wirst du sofort zu Lifas oder Abigor gehen und um eine Rettungsaktion bitten. Sie werden dem nicht zustimmen, da es sich um eine Falle handeln könnte. Schließlich bin ich der Feind. Somit würde dich diese Information nur martern, während du zur Untätigkeit verdammt bist.“ Berith machte eine Pause. „Wenn ich dir nun sage, dass Halgin tot sei, könnte das immer noch eine Lüge sein. Ich bin ein Dämon. Du misstraust Dämonen. Somit misstraust du mir. Dein Ansinnen ist daher an sich absurd.

Iliana erhob sich voller Gram. „Wie könnte ich euch nicht misstrauen! Ihr foltert Menschen in Hornheim zum Vergnügen!“

Berith legte den Kopf schief. „Was bringt dich auf den Gedanken?

Iliana lachte laut auf. Das Geräusch war selbst ihr unheimlich. Alle Hoffnungslosigkeit der Welt schien darin mitzuschwingen. „Soll das ein Witz sein? Ich habe gegen Sitraxa gekämpft!“

Nun gut. Lass uns deine Vorgehensweise analysieren.“ Nun klang Berith wie der Pfarrer, der von Zeit zu Zeit Kinder in Raureifs Dorfschule unterrichtete. „Deine Stichprobe umfasst eine Person. Du schließt von dieser Person auf alle Dämonen. Da Sitraxa sehr … besonders war, bedeutet dies deiner Vorgehensweise nach zu urteilen, dass alle Dämonen ihr gleichen, richtig? Dann werde ich diese Methode auf die Menschheit anwenden. Medardus foltert und verbrennt junge und alte Frauen, richtig? Dies müsste bedeuten, alle Menschen foltern und verbrennen einander. Richtig?

Iliana starrte ihn mit offenem Mund an. Glücklicherweise fielen ihr rechtzeitig Azraels Worte ein.

Euer König sprach doch davon, dass ihr Menschen in Hornheim bestraft, oder nicht?“

Tut ihr das etwa nicht?

Gereizt schnaubte Iliana. „Ja, aber nicht … so.“

Berith lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wenn mein König dich nicht gerettet hätte, wärst du nach Aminas gebracht worden. Die Tempelsöhne hätten dich durch die schmutzigen Straßen gezerrt, die Bewohner dich beschimpft und mit Unrat beworfen. Dann wärst du in den Kerker geworfen und entkleidet worden. Der Kerkermeister von Aminas ist ein berüchtigter Mann, der angeblich Kinder als … Gefährten gegenüber älteren Gefangenen bevorzugt. Er hätte dich sicherlich…

Hör auf!“, rief Iliana verzweifelt. „Das sind doch nur die Kerker! Im normalen Leben geschieht so etwas nicht! Außerdem hat Sitraxa auch Kinder gefoltert!“

Berith nickte wie ein Weiser, der einen geistig Umnachteten bemitleidete. „Das war zu Irodeus’ Zeiten. Weshalb, glaubst du, war Sitraxa so erpicht auf Beute, als ihr ihre Höhle betratet? Azrael hat jedem verboten, ohne Befehl zu handeln. Unsere Willkür wurde dadurch mehr oder minder in Fesseln geschlagen.

Trotzdem!“, rief Iliana unbeugsam. „Wer gibt euch das Recht dazu, eine solche Hölle zu erschaffen?“

Wer gibt Gott das Recht dazu?

Berith ließ die Worte wie beiläufig erklingen, so als spräche er über das Wetter.

Iliana schluckte. „Er … er hat uns erschaffen.“

Dürfen Eltern ihre Kinder foltern, nur weil sie durch ihre Liebe ins Leben traten?“ Beriths Stimme wurde schärfer.

Was weiß denn ich!“, rief Iliana und vergrub ihr Gesicht in Händen. „Lass mich doch einfach in Ruhe! Ich will nicht mehr an euch denken, ihr seid böse!“

Glaubst du, wir sind gerne, wie wir sind?“, fragte Berith. Nun klang er beinahe menschlich. „Vor meinem Tod war ich der glückliche Vater von sieben Kindern und der Ehemann einer wunderbaren Frau. Meine einzige Sünde war die Neugier, die mich zur Alchemie brachte. Ich wollte den Stein der Weisen finden und alle Nöte beenden. Ungerechtigkeit, Krieg und Hass sollten durch meine Forschung für immer aus der Welt verschwinden! Aber was geschah?“ Trauer zerschmetterte die kühle Maske des Dämons. „Eine Seuche suchte meine Heimat heim und die Menschen brauchten einen Sündenbock. Also suchten sie verzweifelt nach Leuten, die anders als sie selbst waren. Sie töteten Heiden, Einsiedler und fahrendes Volk und als die Seuche immer schlimmer wurde, töteten sie sogar deren Kinder. Doch als schließlich niemand von diesen mehr übrig war, kamen sie auf mich. Meine Familie fiel vor meinen Augen wütenden Fäusten zum Opfer und ich fand mich mit einem Mal an einem entlegenen Ort wieder, geflügelt und entstellt, als Dämon gebrandmarkt.

Iliana sah ihn aus traurigen Augen an. Sie konnte nicht sprechen.

Euer Gott hat euch die Freiheit geschenkt“, fuhr Berith fort. Seine Miene fand langsam wieder zu ihrer kühlen Form zurück. „Aber er hat nicht bedacht, dass der Mensch schlichtweg für die Freiheit ungeeignet ist. Die Denomination kann mit der Hölle drohen, soviel sie will. Jeder Mensch macht aus der Religion etwas anderes, wenn ihn niemand genügend anleitet. Predige Frieden und sie kämpfen gegen andere Völker, predige Nächstenliebe und sie zerfleischen sich gegenseitig, predige Mitgefühl und sie hetzen die Armen.“ Iliana fühlte sich an ihre unbedeutende Randexistenz nach Arinhilds Hinrichtung erinnert. Ein ungeschriebenes Gesetz erklärte sie für vogelfrei. Jugendliche und andere Kinder rotteten sich zusammen und spielten ihr schreckliche Streiche oder bedrohten sie. Ihre Eltern und Großeltern saßen daneben, unterbrachen ihre Arbeit und betrachteten die Szenerie lachend. Immer endete es gleich. Iliana lief weinend davon, oftmals am ganzen Körper schmutzig und geschunden. Allein Halgin und der Heidenwald boten ihr Schutz vor ihren Peinigern.

Berith schien ihre Gedanken zu lesen, denn kurz funkelte Mitleid in seinen roten Augen.

Wir bieten Stabilität. Azrael ist unsterblich, also wird er seine Fehler nicht wiederholen. Er wird zu einem neuen Gott werden, zu einem immer präsenten Wächter von Recht und Ordnung. Keine Kriege, keine unrechtmäßigen Verfolgungen. Verbrecher werden in eine reale, wirkliche Hölle geworfen, die niemand verleugnen kann. So, und nur so, kann diese Welt zu einem friedvollen Ort werden. Wir müssen den Menschen ihre Freiheit nehmen.

Iliana nickte langsam. Dann schluckte sie. „Wieso musstet ihr Halgin bekämpfen?“

Beriths Augen verengten sich zu Schlitzen. „Dein König hätte uns im Weg gestanden. In seinem Alter wird man oft zu starrsinnig, um Veränderungen hinzunehmen. In seinem Weltbild konnten wir nur als die Bösen existieren. Aber in Wirklichkeit lassen sich Gut und Böse nicht voneinander trennen. Sie sind miteinander verwoben.

Berith erhob sich und spreizte die Flügel. „Wir werden das Lager der Tempelsöhne in drei Tagen zerstören. Du musst eine Entscheidung treffen. Gehe nach Hrandamaer und suche in Hrandars Faust nach einer Frau namens Ashaya. Sie wird dir alle Informationen geben, die du brauchst.

Ehe Iliana reagieren konnte, verschwand Berith in einem Wirbel schwarzen Rauchs. Im nächsten Moment erwachte sie schweißgebadet im Lazarett.

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Hat es funktioniert?“, fragte Malfegas. Flammen stoben aus dem Maul des gewaltigen Löwen.

Berith nickte, während er sich langsam aus dem schwarzen Wasser erhob. Der große See Sökkvar bildete den tiefsten Punkt Hornheims. Wenn man in den dunklen Fluten badete, manifestierte sich die uralte Macht dieses Ortes in jedem unterschiedlich. Berith erhielt so die Fähigkeit, in fremde Gedanken einzudringen.

Er ließ den Blick über die glatte Fläche schweifen. Selbst ein Dämon sollte davon absehen, die Mitte des Sees erreichen zu wollen. Man erzählte sich, Sitraxa habe es versucht und dort ihren Verstand verloren.

Malfegas folgte seinem Blick und schnaubte.

Da soll er begraben sein, nicht wahr?“, fragte er, wobei Schwefelgestank sein hartes Fell einhüllte. „Der alte Androg?“

Beriths Flügel zuckten. Er war dankbar, ihre Bewegungen immerhin im Traum unter Kontrolle zu haben. „Das ist nur eine Legende. Androg war lediglich ein närrischer König, der seine Heimat verdammte. Es erscheint mir wahrscheinlicher, dass seine Gebeine an einem gottlosen Ort im Norden der Ewigkeit entgegenstreben.“ Er räusperte sich. „Die Kleine wird sich sicher bald nach Hrandamaer aufmachen. Unser Kontaktmann im Lager wird dafür Sorge tragen.“

Was tun wir, wenn sie sich gegen uns entscheidet?“, fragte Malfegas misstrauisch. „Können wir uns darauf verlassen, dass Ashaya sie in die richtige Richtung lenken wird?“

Berith lächelte. Er tat dies nur selten, aber beim Gedanken an diese Frau konnte er nicht anders. „Ich kenne sie. Es ist schwer vorstellbar, dass sie die Menschheit sympathischer wirken lässt. Aber dies ist jetzt gleichgültig.“ Berith sah zwei Hrandar, die eine Rüstung aus schwarzem Stahl zu ihm trugen. „Ist sie das?“

Malfegas’ Schwanz peitschte stolz hin und her. Er glich einer Schlange, die jedoch kein Eigenleben besaß. Jedenfalls nicht mehr.

Blutstahl“, verkündete Malfegas. „Er ist in meiner Schmiede entstanden. Eine bessere Rüstung hat auch unser König nicht.“

Berith nickte und atmete tief durch. Er unterbrach seine Forschung nicht gerne, aber Folkvang war erwacht und auch er musste zu den Waffen greifen.

Die beiden Dämonen erklommen gerüstet die Stufen zum Thronsaal, um eine wüste Welt zu korrigieren.

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Gottes Hammer: Folkvang II

Iliana war einem Albtraum entkommen, nur um in einem anderen zu landen.

Erschöpft und kraftlos brachte sie nicht mehr die nötige Kraft zur Gegenwehr auf. Der Bogen, den sie dem toten Novizen in der Kutsche aus den klammen Fingern gerissen hatte, blieb ebenfalls verschwunden.

Ebenso wie Halgin.

Iliana und Esben saßen in einem großen Zelt der Tempelsöhne an einem Tisch, der die nahe Umgebung darstellte. Üblicherweise versammelten sich hier wohl die Hauptleute des Heeres, in diesem Moment waren jedoch nur sie und Medardus anwesend. Vor dem Eingang warteten die beiden Ritter, die sie gefunden hatten.

Der Inquisitor musterte sie mit seinen lodernden Augen, bis sein Blick auf Esbens Buch verharrte. Der ehemalige Priester klammerte es an sich wie einen Schatz.

Iliana Hände schlossen sich verkrampft um die Armlehnen ihres harten Stuhls. Sie mussten einen jämmerlichen Anblick bieten. Sie schluckte. Würde Medardus sie wiedererkennen?

Nach einer Zeit, die ihnen wohl die unerträgliche Ewigkeit demonstrieren sollte, ergriff Medardus wieder das Wort.

Ihr behauptet also, mit dem heidnischen König und dem Söldner Teshin in Hornheim gewesen zu sein?“ Er flüsterte beinahe und dennoch durchdrangen die Worte Ilianas Körper wie schmerzende Druckwellen. Diesem Mann kein Gehör zu schenken, wirkte unmöglich.

Esben beeilte sich zu nicken. Er hatte die Geschichte wahrheitsgetreu wiedergegeben. Lediglich den Tod der Tempelsöhne in der Kutsche und ihre eigentlichen Gründe für die Expedition ließ er aus.

Und Ihr wolltet diese Dämonen … vernichten, liege ich richtig?“, fragte der Inquisitor weiter.

In der Tat“, erwiderte Esben hastig. „Wir konnten nicht ahnen, dass Ihr mit einem derartig großen Heer naht. Sonst hätten wir sicherlich auf Euch gewartet.“

Medardus nickte langsam. Dann deutete er unvermittelt auf den großen Folianten. „Der siebte Band aus König Androgs großer Chronik. Ich bin ehrlich beeindruckt. Ich hielt ihn immer für verschollen.“

Esben starrte ihn überrascht an. „Ihr kennt dieses Buch?“

Natürlich. Jeder Bischof muss Kenntnis von verbotenen Büchern haben, die den Glauben der Menschen ins Wanken bringen könnten.“

Ilianas Herz gefror. Der Inquisitor hatte ihnen eine Falle gestellt und Esben war blind hineingetappt. Panik verdunkelte Esbens Blick.

Medardus räusperte sich. Ein Blitz schien seine Augen zu teilen. „Genug von diesem Geplänkel“, sagte er noch leiser. Ein drohender Unterton schlich sich in seine Stimme. „Ich weiß sehr genau, wer Ihr seid. Esben, ein Priester von Aminas, dessen Schwester ich der Gerechtigkeit hätte zuführen sollen. Ihr werdet mittlerweile in vier Herzogtümern amtlich gesucht. Nicht nur aufgrund Eurer Dienstverweigerung, sondern auch wegen gewisser alchemistischer Experimente.“ Esben senkte den Blick, als Iliana ihn überrascht ansah.

Und Iliana von Raureif“, fuhr Medardus fort. Iliana erstarrte zur Salzsäule. Er erkannte sie tatsächlich! „Du standest schon während des Falls deiner Ziehmutter unter dem Verdacht der Hexerei.“ Er räusperte sich. „Teshin ist ebenfalls kein Unbekannter. Er hat einen Mordanschlag auf mich verübt und damit die Verbrennung einer gewissen Hexe verhindert …“ Dabei fiel sein Blick auf Esben, der das Buch noch stärker an sich drückte. „Ihr seid euch hoffentlich bewusst, dass ich euch hier an Ort und Stelle hinrichten lassen könnte, ohne dass mir jemand Vorwürfe machen würde?“

Esben erwiderte nichts. Als das Schweigen unerträglich wurde, zerbrach etwas in Iliana und sie erhob sich. Ihre zu Fäusten geballten Hände bebten.

Dann tut es doch! Verbrennt uns wie all die anderen! Richtet uns hin! Euer Gott wird sich freuen über so einen frommen, tüchtigen Mann …“

Iliana!“, rief Esben schockiert. Aber Iliana beachtete ihn nicht. Die Wut loderte hoch in ihr wie ein Leuchtfeuer. Sie kam gerade aus der Hölle, sie hatte gegen Sitraxa gekämpft, sie war von Dämonen angegriffen und von einem Verbündeten verraten worden. Dazu blieb ihre einzige Vertrauensperson verschwunden! Das Leben hatte gewaltsam auf sie eingeprügelt, nun musste sie zurückschlagen, ehe der Zorn sie von innen heraus auffraß.

Einen Augenblick lang geschah nichts. Dann erhob sich auch Medardus. Langsam, beinahe quälend langsam richtete er sich auf und griff zu seinem Mauritiusstab. Angst löschte die Flammen des Zorns in Iliana. Nun war ihr Leben wohl tatsächlich verwirkt.

Dann geschah das Unerwartete: Medardus lachte.

Es handelte sich um einen widernatürlichen, schrecklichen Laut, der Iliana durch Mark und Bein fuhr. Sie taumelte und wich zurück, bis sie gegen den Stuhl stieß und ungelenk auf die harte Sitzfläche fiel.

Ich wäre ein Narr, euch beide zu töten!“, knurrte Medardus schließlich. „Ein tüchtiger, frommer Mann? Mädchen, werde erwachsen. Oder glaubst du wirklich, ich verbrenne Frauen, weil ich an Hexen glaube?“ Damit wandte er sich ab. „Ich erwarte von euch einen genauen Bericht über Hornheim und seine Bewohner. Esben, fühlt Euch in Euer Amt als Priester wieder eingesetzt. Zudem ernenne ich Euch zu einer Schutzwache des Tempels, was Euch die Befugnis gibt, an diesem Feldzug teilzunehmen.“ Einen Augenblick lang herrschte Stille. „Ihr werdet den Rittern von Hrandamaer zugeteilt. Wagt es nicht zu desertieren.“ Damit scheuchte er sie hinaus.

Iliana wurde die Welt fremd, als sie aus dem Zelt stolperte. Bis zu diesem Augenblick hatte sie Medardus für einen religiösen Eiferer gehalten und nun nahm er zwei offenbare Ketzer in sein Heer auf?

Vor ihnen standen die beiden Tempelsöhne, die sie gefunden hatten. Der jüngere von beiden hieß Lifas und wirkte viel zu schmächtig für den gewaltigen Streithammer auf seinem Rücken. Weißblonde Haare umrahmten sein Gesicht. Abigor hingegen ähnelte eher einem Bären.

Esben setzte gerade zu einer Erklärung an, doch Abigor schnitt ihm brummend das Wort ab. „Kommt mit.“

Iliana folgte ihnen überrascht. Hatten die beiden etwa alles gehört?

Lifas negierte diese Theorie. „Onkel? Wie lauten unsere Befehle?“

Abigor gab einen unverständlichen Laut von sich, bevor er zu einer Erwiderung ansetzte. „Die beiden sind ab jetzt Soldaten und kommen bei uns unter.“

Lifas blinzelte überrascht. „Soldaten?“ Er musterte sie. „Sicher?“

Frag mich nicht.“

Abigor und Lifas brachten sie zu einem weiteren Zelt, das ebenfalls auf der großen Lichtung stand. Iliana sah im Dunkel der Nacht die hellen Flecken zweier Navali. Der Anblick gab ihr Halt in einer Situation, die sie vollkommen überforderte.

Zu ihrer Überraschung betraten sie nicht die Unterkunft der Ritter aus Hrandamaer, sondern ein Lazarett. Eine einzige, junge Nonne stand darin an einem Tisch und bereitete offenbar eine Kräuterpaste zu.

Abigor nickte Lifas zu. „Pass auf die beiden auf. Nicht, dass deine Schwester ihnen noch mehr Schaden zufügt.“

Die Nonne sah auf und ein beleidigtes Funkeln trat in ihren Blick. Dennoch schwieg sie.

Lifas legte den Kopf schief. „Und was macht Ihr, Onkel?“

Schlafen“, brummte Abigor. „Das machen Menschen normalerweise in der Nacht, weißt du?“

Mit einem Lachen, das Iliana das Blut in den Adern gefrieren ließ, wandte er sich ab. Lifas seufzte. Dann fiel sein Blick auf die Nonne.

Elinor“, sagte er müde. „Kannst du dich bitte kurz um die beiden kümmern? Sei so nett. Vielleicht sind sie verletzt, sie kommen gerade aus Hornheim.“

Elinor schürzte die Lippen. „Immerhin bittest du mich.“

Habt Dank.“ Esben verneigte sich. „Aber bitte untersucht zuerst Iliana.“

Unter normalen Umständen hätte Iliana vielleicht protestiert, doch die Ereignisse degradierten sie zu einer schwachen Marionette in den Händen des Puppenspielers namens Leben. Das Schicksal der Welt wirkte mit einem Mal fern, so als ob Iliana immer noch ein unwissendes Mädchen in Raureif wäre, das nie mit Königen, Dämonen oder Magie in Berührung gekommen war.

Elinor winkte Iliana und bedeutete ihr, sich auf ein schmales Feldbett zu legen, wobei sie Esben und Lifas aus dem Zelt scheuchte. „Zieh dich bitte aus.“

Iliana leistete dem Befehl Folge. Elinor musterte sie mit einer Art von grimmiger Besorgnis. „Gott Vater, ein Kind“, murmelte sie. „Haben die Dämonen dich entführt, Mädchen?“

Iliana schüttelte den Kopf, während sie sich entkleidete. „Ich bin ihnen freiwillig entgegengetreten. Wir haben gegen sie gekämpft …“

Du hast gegen sie gekämpft?“ Elinor klang ungläubig. „Leg dich hin. Nein, auf den Bauch. Keine Angst, was du jetzt spüren wirst, sind die heilenden Hände unseres Herrn.“ Sie murmelte ein Gebet in der Alten Sprache, dann legte sie Iliana die Hände auf den Rücken.

Iliana fühlte angenehme Wärme. „Seid Ihr eine mächtige Magierin?“, fragte sie leise, während die heilenden Hände scheinbar ihre Rippen abtasteten.

Blaue Flecken, eine Prellung … Wie? Nein.“ Elinor klang verbittert. „Frauen dürfen die heilige Magie nicht einsetzen.“

Was tut Ihr dann im Moment?“, fragte Iliana verwundert.

Ein Bluterguss … Mädchen, das ist doch keine heilige Magie, das ist nur ein kleiner Zaubertrick, den sogar schon die Heiden beherrschten. Medardus könnte dich mit einem Fingerschnippen vollständig läutern!“

Läutern?“

Alle schwarze Magie von dir nehmen und dich von ihren Auswirkungen heilen …“

Kann er auch Blutergüsse heilen?“

Das ist unter seiner Würde“, erwiderte Elinor. „Du hast einige mindere Wunden. Bist du in letzter Zeit oft gestürzt?“

Nun ja …“ Iliana dachte an die Druckwellen, die der Kampf zwischen Halgin und Azrael hervorgerufen hatte. Ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken mehr als ihr Körper. „Sozusagen.“

Armes Kind“, seufzte Elinor. „Nichts Ernstes, aber es wird noch eine Weile schmerzen. Versuche, dir ein wenig Ruhe zu gönnen.“

Muss ich keine Salbe auftragen?“

Elinor schüttelte den Kopf. „Die heilenden Hände des Herrn haben das Ihre bereits getan. Alles, was die Wunden jetzt noch brauchen, ist Zeit.“ Sie schwieg kurz, dann fragte sie: „Ich arme Sünderin mache mich wohl der Neugier schuldig, wenn ich frage … aber weshalb seid ihr hier? Werdet ihr etwa bei uns bleiben, wenn die Schlacht kommt?“

Iliana nickte langsam. „Esben muss kämpfen. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird.“ Dabei drehte sich ihr Magen um. „Ich weiß überhaupt … nichts.“

Dabei musste sie schlucken. In diesem Moment der Ruhe, in dem alle unmittelbaren Gefahren für ihr Leben überstanden schienen, überkam die Erinnerung sie wie ein hungriges Ungeheuer. Was sollte nun aus ihr werden? Halgin war vielleicht tot, Teshin ein Verräter, Medardus wollte sie offenbar nur benutzen und nach Raureif konnte sie auch nicht zurück. Ihr Leben schien in Scherben vor ihr den Fußboden zu zieren.

Ehe Iliana reagieren konnte, füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie begann zu schluchzen. Nach Arinhilds Hinrichtung hatte sie sich eigentlich geschworen, nie wieder zu weinen, aber nun brachen alle Dämme.

Iliana erduldete die Qualen der Trauer allein auf dem Feldbett, bis sich Arme voller Mitgefühl um sie schlossen.

Alles wird gut“, murmelte Elinor.

Ein lange verloren geglaubter Teil kehrte in Ilianas Herz zurück.

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Rotes Licht spiegelte sich in den metallenen Ketten, als sie die schmächtige Gestalt heraustrugen.

Beriths Flügel zuckten. Selbst nach beinahe zweihundert Jahren in dieser Gestalt hatte er sie noch nicht vollkommen unter Kontrolle. Er erlaubte sich diese Unachtsamkeit dennoch angesichts der Situation.

Drei Schattendiener oder Hrandar, wie man sie in der Alten Sprache nannte, trugen Velis langsam durch die Tür. Berengar folgte ihnen mit sorgenvoller Miene. Die Herzogin lag zitternd auf der Bahre, mit dem Gesicht nach unten, um ihre Tränen zu verbergen.

Niemand musste Berith erklären, was vorgefallen war. König Azrael hatte versprochen, sie von ihrem Sklavenmacher zu befreien. Keine Tortur vermochte einen Dämon zu brechen, aber dieses schlichte Schmuckstück konnte sich dieser Fähigkeit durchaus rühmen. Ein Blick auf Velis’ Nacken verriet Berith, dass auch dieser Versuch gescheitert war.

Als er den kleinen Raum betrat, fand er Azrael in gedrückter Stimmung vor.

Sie befanden sich in einem Verlies, das zu Irodeus’ Zeiten zur persönlichen Erheiterung des Königs gedient hatte. Drei Wörter in der Alten Sprache schmückten die Wände: Sünde, Verfall und Marter. Dabei handelte es sich um einen Auszug aus Sankt Esbens Bußlehre, der jedoch nicht vollständig war. Dass der Tod fehlte, verriet bereits Irodeus’ Grausamkeit.

Azrael saß auf einem einfachen Schemel, neben ihm verkündete eine Streckbank stumm finstere Botschaften.

Beriths Blick fiel auf das hölzerne Folterinstrument. „Verzeiht, wenn ich frage, Herr, aber ich dachte, Ihr wolltet diesen Raum nicht mehr für die Marter benutzen?“

Azrael hob den Kopf. Sein ermatteter Blick schien Berith kaum zu streifen. „An diesem Beschluss hat sich auch nichts geändert“, flüsterte er. „Aber ich musste Velis fixieren.“ Dabei deutete er auf die vier durchgerissenen Eisenketten, die halb gelöst aus dem Holz hingen. „Sie hat sich dennoch losgerissen.“

Ich habe die Kettenringe an ihren Handgelenken bemerkt“, erwiderte Berith emotionslos. Dennoch ließ ihn ein Schauer erzittern. Velis mochte wie ein Kind wirken, doch ihre Schmerzgrenze lag ungemein hoch. Er konnte ihre Qualen nicht einmal ansatzweise ermessen.

Als Azrael weiterhin schwieg, räusperte sich Berith vernehmlich. „Funktioniert meine Methode nicht?“

Azrael schnaubte. „Berith, deine Fähigkeiten in Ehren, aber diesmal bist du einem Narren aufgesessen. Auf diese Weise würde ich sie höchstens töten!“

Berith seufzte. Diese Aussage entsprach nicht der Wahrheit, aber dies schien ihm nicht die rechte Zeit für einen intellektuellen Disput zu sein. Dennoch. Ein anderes Anliegen musste er vorbringen …

Majestät“, begann Berith langsam. „König Halgins Begleiter sind sicher im Lager der Tempelsöhne angekommen. Wie erwartet, will der Inquisitor sie im Kampf einsetzen. Beginnen wir mit der Offensive?“

Azrael sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Willst du mich zum Narren halten? Du weißt, es ist noch nicht alles bereit. Velis sollte zuerst ihren Sklavenmacher loswerden und ich … ich muss mich erst um die Stimme kümmern.“ Dabei legte er einen Finger an den Mund, so als wollte er jemanden zum Schweigen bringen.

Berith legte den Kopf schief. „Sie ist noch da, Herr? In Eurem Kopf?“

Azrael nickte langsam. „Wer mag das nur sein … ?“, murmelte er. „Selbst während meiner Zeit ohne Erinnerungen war sie noch präsent.“ Er räusperte sich. „Wie dem auch sei. Wie gesagt, wir müssen zunächst die Vorbereitungen abschließen …“

Folkvang ist erwacht.“ Berith ließ nur selten Gefühle zu, doch diesmal konnte er das Zittern aus seiner Stimme nicht verbannen.

Kurz breitete sich Schweigen aus. Rote Blitze schienen Azraels Augen zu spalten. Dann seufzte er und nickte langsam.

Sammle alle Herzöge. Wir greifen an.“

Erstaunen überkam Berith. „Seid Ihr sicher? Wir sollten wenigstens unserem Kontaktmann im Heerlager Bescheid geben …“

Er hört zu, während wir sprechen. Seine Gedanken sind mit den meinen verbunden.“ Azraels Augen funkelten. „Aber du hast recht. Eines müssen wir vor dem Kampf tatsächlich noch erledigen. Initiiere das erste Treffen.“

Berith nickte und verneigte sich. Er gestattete sich keine wertenden Gefühle in Bezug auf diese Anweisung. Er war ein Verfechter von Wissenschaft und Logik. Niedere Emotionen standen ihm dabei nur im Weg.

Berith wandte sich ab. Nun würde er die Rettung der Welt vorantreiben.

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Gottes Hammer: Folkvang I

Die hohen Bäume des Heidenwaldes schienen sie zu bedrängen, als sie in ihre Schatten ritten. Eine nahezu unnatürliche Stille beherrschte das gottlose Gebiet. Dennoch vermittelten die umherhuschenden Schatten im Dickicht Lifas das Gefühl, von Dämonen umkreist zu werden.

Aufregung beschleunigte seinen Puls. Seine Hand zuckte zu dem Streithammer an seiner Seite. Er brannte regelrecht darauf, seine Kampfkraft unter Beweis zu stellen.

Abigor entging die Geste nicht. Obwohl sein Onkel nur noch ein Auge besaß, verfügte er über das unfehlbare Talent, jede Bewegung wahrzunehmen.

„Du bist nervös.“ Das war keine Frage.

Lifas seufzte. Vor seinem Onkel konnte er nichts verbergen. „Das ist das erste Mal, dass ich gegen Dämonen kämpfen werde.“

Abigor schnaubte und zügelte sein Pferd, sodass sie nebeneinander über den Waldboden trabten. „Wenn ich für jeden meiner Kämpfe gegen einen falschen Dämon einen Heller bekommen hätte, wäre der Tempel längst reicher als alle anderen Abteien der Denomination zusammen. Glaub nicht alles, Neffe.“

Lifas nickte langsam, war aber nicht überzeugt. „Aber, Onkel“, begann er zaghaft und deutete auf die zahlreichen gepanzerten Gestalten, in deren Mitte sie den düsteren Wald durchquerten. „Wir reiten nach Hornheim! Und außerdem habt Ihr doch selbst gesagt, dass dies das erste Heer in der Geschichte des Reiches ist, das nur aus Tempelsöhnen besteht.“

„Aus alten Knackern und kleinen Hüpfern“, korrigierte Abigor und deutete mit dem Kinn auf Lifas. Dabei blitzte das goldene Siegel über seiner rechten Augenhöhle. Es wies kunstvolle Lettern in der Alten Sprache auf und verbarg eine grässliche Wunde.

Altbekannter Trotz überkam Lifas. Er zählte bereits siebzehn Jahre, war aber seit seiner Einweisung in den Novizenstand der Tempelsöhne nicht wesentlich gewachsen. Viele ergriff großes Erstaunen, wenn sie seine schmächtige Gestalt mit dem gewaltigen Streithammer sahen. Lifas lächelte grimmig. Er trug große Kraft in sich.

Abigor grinste breit. „Kräm dich nicht, Junge. Immerhin bist du sonst sehr ansehnlich. Sieh dir dagegen mich an …“ Er seufzte resigniert.

Man erzählte sich viele Geschichten über Abigor von Hrandamaer, jedoch nicht seiner Schönheit wegen. Lifas’ Onkel war ein kräftiger, hochgewachsener Mann mit einem vernarbten Gesicht und zottigen Haaren, die mehr an ein Bärenfell erinnerten. Das fehlende Auge trug ebenfalls nicht zur Ästhetik bei.

Lifas hingegen hatte das Aussehen seines Vaters geerbt. Die edlen Gesichtszüge und das weißblonde Haar erinnerten ihn stets an den gealterten Fürsten.

Dennoch, Attraktivität war lediglich eine Versuchung des Widersachers. Lifas hatte seinen Lockrufen bereits vor Jahren entsagt.

„Ihr wisst, dass mir Schönheit nichts nützt“, erinnerte er Abigor. „Als Tempelsohn muss man keusch bleiben.“

Abigor schnaubte lediglich. Ein anderer Ritter, der direkt vor ihnen durch den Nadelwald trabte, wandte sich mit einem traurigen Lächeln zu ihm um.

„Schön, dass es noch solche Unschuld in unseren Reihen gibt“, murmelte er, während ein trüber Schleier seinen Blick verhüllte.

Lifas errötete. Er war doch nicht naiv, er hielt sich lediglich an die von Gott festgesetzten Regeln!

Plötzlich durchtsieß ein Horn die kühle Abendluft. Es handelte sich um einen Sammelruf für die wichtigsten Apostel des Ordens. Abigor gab seinem Ross die Sporen und folgte dem Signal. Lifas jagte ihm hinterher. Sein Onkel hatte ihm erlaubt, ihn zu den Versammlungen zu begleiten.

Die Rangordnung der Tempelsöhne unterschied sich auf mannigfaltige Weise von der eines normalen Heeres. An der Spitze stand der Clavis, der mindestens den Rang eines Bischofs bekleiden musste. Ihn berieten die sogenannten Apostel, deren Zahl je nach Größe des Heers variierte. Auch sie waren Bischöfe.

Als Kind hatte Lifas nur alte Bischöfe gekannt, die in prächtigen Gewändern Zeremonien abhielten. Sein Onkel unterschied sich dermaßen stark von ihnen, dass Lifas seinen Rang nur schwer mit seinem Äußeren in Einklang bringen konnte. Dennoch, Abigor war ein Gelehrter der Denomination und ein Krieger. Er hatte sich nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in gelehrten Disputen einen Namen gemacht.

Eben aus diesem Grund brüskierte Lifas die vulgäre Ausdrucksweise seines Onkels immer wieder aufs Neue. Dass dieser Mann der Bruder seines ruhigen und stets majestätischen Vaters war, erschien ihm noch immer befremdlich.

Endlich erreichten sie die Mitte des Heeres. Die Apostel versammelten sich auf einer großen Lichtung, während mehrere Novizen das Zelt des Clavis errichteten. Kein Tier ließ sich blicken, nur mehrere schwarze Vögel mit hellen Punkten auf den Köpfen betrachteten sie neugierig.

Lifas erbebte vor Ehrfurcht, als er von seinem Pferd stieg. Er erkannte einige mächtige Helden des Ordens der Tempelsöhne wieder. Sein Onkel empfand jedoch weniger Respekt. Er trat in ihre Mitte, sah sich gelangweilt um und fragte dann ungeniert nach dem Clavis.

Der edle Ritter Mendatius aus dem gefallenen Herzogtum Astaval verwies auf den Rand der Lichtung.

Schlagartig befiel Lifas Kälte. Auf einem kunstvoll geschnitzten Stuhl mit prächtigen Darstellungen der Heiligen saß der Inquisitor Medardus. Er war nicht viel größer als Lifas, aber seine lodernden Augen erstickten jeden Gedanken an Widerspruch im Keim. Als er leicht den Kopf hob, glitzterte die reich verzierte Maske im Licht der untergehenden Sonne. Die bischöflichen Inquisitoren gaben ihre eigene Identität und ihre Stimme auf, um mit aller Kraft Gott dienen zu können.

In diesem Moment umklammerte Medardus seinen Mauritiusstab und klopfte leicht gegen die hölzerne Armlehne des Stuhls. Sofort herrschte auf der Lichtung Stille und die Apostel setzten sich in Bewegung. Selbst Abigor wirkte unterwürfig.

Als Lifas nähertrat, nahm er mächtige Energien wahr, die gleich einer strahlenden Wolke den kunstvollen Stuhl umhüllten. Die Ströme glichen denen im Heiligtum einer Kirche. Wie Lifas wohl wusste, konnten die Inquisitoren nur an einem solchen Ort ihre Stimme benutzen.

Medardus sprach leise und dennoch trugen seine Worte bis an den Rand der Lichtung. Die Geräusche des Waldes verstummten und selbst die Tiere schienen ihm zu lauschen.

„Hornheim liegt kaum eine Tagesreise entfernt“, teilte Medardus ihnen mit. „Feindkontakt wird bald erfolgen. Die Dämonen sind jedoch nicht unsere einzigen Feinde,“ Seine Augen loderten auf wie eine mächtige Flamme. „Die geplagten Bürger des nahen Dorfes, das ich schon einmal von einem großen Übel befreit habe, berichten von einem sagenumwobenen König. Dieser Mann soll hier im Heidenwald in einem verborgenen Palast herrschen und heidnische Götter anbeten. Angeblich begleiten ihn schwarze Raben auf Schritt und Tritt.“

Lifas warf den dunklen Vögeln mit den hellen Punkten einen nervösen Blick zu. Täuschte er sich oder wirkte es tatsächlich so, als würden sie die Versammlung beobachten?

„Bis heute ist der Heidenwald ein gottloses Land“, fuhr Medardus fort. „Wir werden kein Risiko eingehen.“ Dabei wandte er sich an Abigor. „Abigor von Hrandamaer, Ihr kundschaftet auf gewohnte Weise den Weg aus. Lasst Euch auf keinen Kampf ein. Weder wissen wir viel über die Dämonen, noch über diesen König. Vielleicht steht er sogar auf unserer Seite, vielleicht ist er auch nur eine Legende.“

Abigor nickte ergeben. „Ja, Eure Eminenz. Nur …“ Er zögerte sichtlich. „Bitte gestattet mir eine Frage.“

Medardus’ Augen blitzten, doch er nickte.

Abigor räusperte sich. „Ist es sicher, dass sich Gottes Hammer in Hornheim befindet?“

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann erhob sich Medardus und verschwand wortlos im von den Novizen errichteten Zelt.

Der Mond tauchte den Wald bereits in silbriges Licht, als sie aufbrachen.

Normalerweise glich es einer Torheit, ein Land bei Nacht zu erkunden, besonders wenn der Feind mit der Hölle im Bunde war und – wie jeder wusste – daher die Dunkelheit schätzte. Doch Abigor und Lifas waren keine normalen Soldaten, sie waren nicht einmal normale Ordensritter. Als Söhne des nördlichen Herzogtums Hrandamaer fanden sie sich in der Finsternis beinahe besser zurecht als im Licht.

Lifas schluckte. Er wurde nicht gern an seine Herkunft erinnert. Wie zur Bestätigung fuhr jäher Schmerz durch die gewisse Stelle auf seinem Rücken.

In der heidnischen Zeit waren sie wie Tiere gewesen. Erst die Religion hatte sie zu Menschen gemacht.

Die beiden bewegten sich ohne ihre Pferde. Sollte es tatsächlich zum Kampf kommen, wären sie ihnen ohnehin nicht von Nutzen. Im engen Dickicht erfüllten Schlachtrösser ihre Rolle nur sehr begrenzt.

Keine Menschenseele begegnete ihnen. Auch die dunklen Vögel mit den hellen Flecken auf dem Kopf ließen sich nicht blicken. Dennoch blieb Lifas wachsam. Dämonen waren Meister der Täuschung, hieß es. Hornheim lag zwar noch einige Meilen entfernt, aber wer konnte schon ermessen, wie stark der Einfluss der Hölle in diesen gottlosen Landen wirklich war?

Mit einem Mal erreichten sie eine Lichtung.

Lifas blickte erstaunt auf die Ruine einer alten Kirche. Im Heidenwald gab es doch keine Kirchen!

Abigor dachte ähnlich, denn er zog sein Schwert und näherte sich vorsichtig dem verfallenen Gebäude. Das Gotteshaus musste bereits seit etlichen Jahrhunderten verlassen worden sein, denn Pflanzen überwucherten die steinernen Mauern. Lifas betrachtete neugierig den Innenraum. Das Dach war zu kleinen Teilen noch vorhanden.

„Sieh dir das an, Neffe.“ Lifas wandte sich überrascht um. Abigor klang beinahe ehrfurchtsvoll.

Der Veteran zeigte auf eine Inschrift in der Alten Sprache. Lifas kniff die Augen zusammen und trat näher. Erregung überkam ihn, als er den Namen Sant Esben entzifferte!

„Ist das die erste Kirche?“, hauchte er ergriffen. „Die, die Sankt Esben nach seiner Vision erbaute?“

Abigor nickte nur. Er murmelte ein kurzes Gebet, in dem er dem Herrn für ihre Entdeckung dankte. Ergriffen wich Lifas zurück. Die erste Kirche war legendär! Sicher handelte es sich hier um ein Omen. Ihre Mission würde den Heidenwald von allem Bösen läutern und das Wort Gottes auch hier zum Gesetz machen!

Plötzlich unterbrach ein Stöhnen seine Gedanken.

Es klang leise und schwach, wie von einer verletzten Person. Lifas und Abigor tauschten einen entschlossenen Blick, dann umrundeten sie mit gezogenen Waffen die Kirche. Stellten ihnen die Dämonen eine Falle?

Hinter dem Mauerwerk herrschte Dunkelheit. Lifas ließ seinen Blick über die Grasfläche schweifen, konnte jedoch nichts entdecken. Dann hörte er auf einmal, wie jemand scharf einatmete.

Da entdeckte er eine reglose Gestalt hinter einem Felsen.

Es handelte sich um ein Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen. Es trug schmutzige Kleidung und eine mehrfach geflickte Hose.

„Onkel!“, rief er. „Seht doch!“

„Da ist noch einer“, brummte Abigor. Er deutete auf einen jungen Mann in einer schwarzen Kutte, neben dem ein großer Foliant lag. Abigor beugte sich über ihn und fühlte seinen Puls.

Lifas’ Herz klopfte, als er den Atem des Mädchens kontrollierte. Eigentlich hatte er geschworen, einer Frau niemals so nahe zu kommen. Dennoch, auch dieses Mädchen war ein Geschöpf Gottes und der sündigen Flamme neue Nahrung zu geben nur ein geringer Preis für ein Leben, wenn man den Einflüsterungen des Widersachers widerstehen konnte.

Er warf Abigor einen fragenden Blick zu. Sein Onkel besaß einen untrüglichen sechsten Sinn für die Blendwerke von Dämonen. Doch Abigor schüttelte leicht den Kopf. Es handelte sich um Menschen.

Behutsam schob Lifas die Arme unter den dünnen Körper und hob ihn mit Leichtigkeit hoch. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Abigor sich den jungen Mann über die Schulter legte.

„Keine Sorge!“, sagte er zu dem Mädchen. „Wir bringen euch in Sicherheit!“

Ein Zittern durchfuhr den kleinen Körper und das Mädchen hustete. Dann schlug es die Augen auf.

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Die Frau ohne Namen existierte.

Es reichte der Frau, zu existieren. Sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte, außer zu atmen und das Leben durch ihren Körper strömen zu lassen.

Die Frau dachte nicht darüber nach, was außer dem Schlaf in der Welt auf sie warten könnte.

Sie kannte nicht einmal ihren Namen und dennoch war sie zufrieden.

Sie existierte.

Mit einem Mal störte sie etwas.

Die Frau sog scharf die Luft ein. Zum ersten Mal seit langer Zeit atmete sie unregelmäßig. Dieses … etwas … behinderte ihren Schlaf. Dieses etwas wollte sie zurück ins Leben zwingen und ihr Wissen aufdrängen, dass sie nicht haben wollte.

Die Frau wehrte sich dagegen. Sie wollte nichts wissen. Sie wollte schlafen. Schlafen und existieren.

Doch das etwas war unerbittlich. Die Frau ohne Namen konnte ihm nicht mehr widerstehen. Im nächsten Moment und ohne es zu wollen, setzte sie sich auf.

Sie wusste nicht, wie sie hieß.

Sie wusste nicht, wo sie war.

Sie saß in einer kreisrunden Halle ohne Wände. Prächtige Säulen stützten eine vielfach verzierte Decke. Fresken stellten einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen dar.

Die Frau erhob sich auf unsicheren Beinen. Als ihre nackten Füße über den steinernen Boden wandelten, verwunderte der entfernte Gedanke die Frau, dass ihr eigentlich kalt sein müsste. Doch ihr war nicht kalt.

Sie hielt an, als sie vor einem weißen Thron im Zentrum der Halle stand. Eine Feder ruhte auf dem prächtigen Sitz.

Die Frau nahm die Feder und betrachtete den Thron.

Auf der Lehne entzifferte sie ein altes Wort in einer Sprache, von der sie nicht wusste, weshalb sie sie verstand.

Folkvang.

Die Frau legte den Kopf schief und sah sich um. Zwischen den Säulen blinzelte ihr der Mond entgegen.

Sie sprach das alte Wort aus. Ihre eigene Stimme war ihr fremd.

Da erhob sich plötzlich ein Sturm. Die Frau hob eine Hand vors Gesicht, um ihre Augen zu schützen. Der Wind erschien ihr schön und schrecklich zugleich, er brannte auf ihrer Haut und umschmeichelte sie, er war trocken und feucht, er brachte Glück und Verderben.

Mit einem Mal schwebte die Feder langsam in die Luft. Die Frau betrachtete überrascht, wie sie zu leuchten begann, wie sie sich immer schneller drehte. Das Leuchten gefiel ihr und sie trat auf die Feder zu und berührte sie.

Im nächsten Moment endete der Sturm und die Frau hielt keine Feder mehr in der Hand. Stattdessen umhüllte ein Panzer aus Mondlicht ihren Körper und schwere Flügel schmiegten sich an ihren Rücken.

Mit einem Mal hatte die Frau einen Namen.

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Gottes Hammer XVII

Iliana konnte es nicht fassen.

Jahrelang bestand ihre Welt nur aus Arinhilds Hütte, aus dem kleinen Dorf Raureif und dem angrenzenden Heidenwald. Wenn Reisende von der weiten Welt sprachen, erschien sie ihr wie ein unwirkliches, fernes Gespenst. Wenn die Menschen Geschichten von Hornheim erzählten, erschien es ihr fern und unnahbar, wie ein spektrales Königreich, das kein Mensch je betreten konnte. Raureif war ihre Heimat und nur dort lebte sie. Selbst als Arinhilds Schreie sich wie Dolche in ihre junge Seele bohrten, wirkte der Gedanke an Veränderung lächerlich. Die Hütte ihrer Ziehmutter blieb ihr Heim. Halgin blieb ihr Beschützer.

Nun drohte alles unterzugehen.

Teshins rote Augen musterten sie höhnisch, seine rechte Hand ruhte auf Murakamas Griff. Dieses Wesen war ihr erst vor kurzer Zeit in Raureif erschienen und hatte blutige Ernte unter den Dorfbewohnern gehalten.

Nach ihrem gemeinsamen Kampf gegen Sitraxa wollte Iliana ihm vertrauen. Dieses Privileg gestand sie nur den wenigsten Menschen zu. Doch er, Teshin, hatte sie gerettet, als sie hilflos und von Schmerzen erfüllt im Zauber der Dämonin gefangen gehalten wurde.

Nun drohte all dies unterzugehen.

Schatten schienen aus den Wänden zu wachsen, dunkle, schwere Formen, die das rötliche Licht regelrecht verschlangen. Iliana entdeckte eine Frau mit einem Schlangenleib, einen bleichen Mann mit ledrigen Flügeln, einen Löwen mit sieben Augen und ein fürchterliches Wesen mit drei Köpfen und zahlreichen Mäulern, aus denen Rauch stob. Weitere Dämonen bargen sich in den Schatten und nur ihre Silhouetten schimmerten ihnen entgegen.

Teshins wahrer Name musste sie veranlasst haben, die Halle aufzusuchen. Jeder Dämon konnte ein derart starkes Wort der Macht spüren.

Esben wirkte ebenso fassungslos wie sie. Seine zitternden Hände umklammerten den Folianten halb aufgeschlagen, so als hielte er die Gefahr für surreal und zögerte. Selbst Halgin schien Teshins Verwandlung aus dem Konzept zu bringen. Als der König der Navali das Wort ergriff, klang seine Stimme höher als sonst.

„Genau wie Ihr bin auch ich ein König“, sprach er betont höflich. „Was gedenkt Ihr nun zu tun?“

Teshin – nein, Azrael leckte sich die Lippen und zog blank. „Nun, Ihr seid Halgin der Schwarze, der letzte der verwunschenen Prinzen. Ihr habt zahlreiche Dämonen aus meinem Reich getötet.“ Er lächelte. „Somit seid Ihr ein Feind.“

Iliana sah Halgin überrascht an. Der letzte der Prinzen? Wer waren dann die übrigen Navali?

Halgin flatterte aufgebracht mit den Flügeln. Ein bedrohliches Funkeln trat in seine Augen. „Wenn Ihr wisst, was mit meinen einstigen Leidensgenossen geschehen ist, wisst Ihr auch, dass Ihr in mir keinen einfachen Feind sehen solltet. Zudem entsinne ich mich, dass Irodeus König von Hornheim war, als ich gegen den letzten Feind focht.“ Halgin machte eine kurze Pause, in der sich eine Aura aus Magie um ihn herum aufbaute. „Was ist geschehen?“

Azrael kicherte. Das Gespräch bereitete ihm offenbar großes Vergnügen. „In Aminas gewährte mir die Herzogin Velis einen großen Wunsch, den Irodeus mir niemals erfüllte. Sie gab mir Kraft. Kraft, diese missgestaltete Welt zu verändern.“ Azrael hob die Hand, so als ob er die gesamte Welt umfassen wollte.

„Euer närrischer Gott hat diese Welt geschaffen und er hat die Menschen geschaffen. Letzteres war sein großer, großer Fehler. Er schuf sie nach seinem Abbild, nicht wahr, Esben?“

Azrael kicherte. Esben brachte nur ein kraftloses Nicken zustande.

„Er hat euch alle geschaffen, ohne zu bedenken, dass zwei oder mehr Götter eine Welt zugrunde richten würden. Der Mensch ist ein Gott, er erhebt sich über die Tiere, ohne wirklich je von ihnen frei zu sein, er kann wachsen, er kann lernen, er kann unglaubliche Macht erlangen. Er kann Städte wie Aminas bauen, er kann Magie verwenden. Aber eines konnte der Mensch nie: Frieden finden. So sind die Dämonen entstanden.“

Azrael breitete die Arme aus. „Wir sind all diejenigen, die von diesem Gott namens Mensch zu Leid und Tod verurteilt wurden. Wir sind die gefallenen Seelen, wir sind die Gefolterten und Geknechteten. Nach unserem Tod wurde uns kein ewiger Schlaf gestattet, sondern wir mussten zurückkehren, missgestaltet und mit dunkelsten Kräften verflucht.“ Er grinste. „Ihr erahnt es, Halgin. Ich bin gestorben.“

Iliana starrte die beiden Könige fassungslos an. Nun schien selbst Halgin Unsicherheit zu befallen. „Unmöglich. Man kann einem Menschen zur Unsterblichkeit verhelfen, aber man kann ihn nicht wieder zum Leben erwecken. Der Tod ist absolut.“

Azrael nickte. „In der Tat. Die Dämonie hat Teshin nicht zum Leben erweckt, sondern Azrael als Abdruck seiner Seele hinterlassen.“ Er deutete auf seine Brust. „Ich bin nur ein Echo des Herzogs von Astaval. Ein Echo seines Leids, das die Machtkämpfe der Menschen ihm zugefügt haben. Ein rachsüchtiges Echo, wohlgemerkt.“ Er hob die Stimme und die Worte hallten wie Donnergrollen durch die Halle. „Ich habe Irodeus erschlagen und die Krone Hornheims für mich beansprucht. Ich habe die Bewohner Raureifs gerichtet für ihre zahlreichen Sünden. Hornheim wird sich erheben und die Menschen strafen und sie beherrschen. Wenn kein Gott herabsteigt, um euch Ordnung zu bringen, tun wir es!“ Dabei streckte er die Hand aus. „König Halgin, Ihr seid ein weiser Magier. Ihr habt die Dunkelheit ebenfalls erfahren und schwere Schuld auf Euch geladen. Ihr wisst, wozu Menschen fähig sind. Helft uns! Steht uns bei! Wir werden diesen zerrütteten Reichen Ordnung bringen!“

Bei diesen Worten wirkte Azraels Stimme beinahe wieder menschlich, doch Halgin ließ sich nicht beirren.

„Was ist mit Saskia geschehen?“, fragte er.

Ein roter Blitz zerteilte Azraels Miene. „Sie wollte mein Vorhaben behindern.“

Kurz herrschte Stille. Iliana taumelte. Sie fühlte, wie sie langsam alle Kraft verließ.

Plötzlich trat Esben vor. Er klang beinahe flehentlich.

„Teshin, ich verstehe das alles nicht!“, rief er verzweifelt. „Du bist kein Dämon! Gerade eben warst du doch noch ein guter, frommer Mann …“

„Esben.“ Azraels Stimme glich einem Peitschenhieb. „Wie kannst du nur so närrisch sein? Uns beiden wurde unsere Familie genommen. Wir beide verließen unsere Heimat und begaben uns auf lange Irrfahrten. Du trägst ein heidnisches Buch bei dir, das Dämonen bannen kann. Sag mir, wie kannst du da noch an einen gerechten Gott glauben, der über die Menschen wacht?“

Bei seinen Worten überkam Unruhe die Gestalten in den Schatten. Täuschte sich Iliana oder beäugten sie Esbens Folianten nervös?

Esben indes hatte Tränen in den Augen. „Er wacht über uns!“, rief er. „Man muss an ihn glauben, es ist rechtens …“

„Ich habe gesehen, wie kleine Mädchen von Hunden zerfleischt wurden!“, erwiderte Azrael wutentbrannt. „Und sieh dich hier um! Hornheim ist ein einziger großer Folterkeller, ein Reich des Leides, in dem wir Menschen auf jede nur erdenkliche Art bestrafen! Wenn Gott wirklich über sie alle wacht, warum eilt er ihnen nicht zu Hilfe? Warum lässt er sie solche Qualen erleiden? Es ist einfach: Er hilft uns nicht. Er lässt sich nicht blicken. Erst, wenn wir tot sind, dürfen wir vielleicht – vielleicht! – in den versprochenen Himmel. Und ich durfte nicht einmal das.“ Azrael hob Murakama und deutete auf Halgin. „Ihr fragtet doch, was es mit Gottes Hammer auf sich hat? Ganz einfach. Ich bin Gottes Hammer. Ich bin der strafende Gott, der über die Menschheit herrschen und sie binden wird!“

„Genug.“

Stille kehrte ein, als Halgin vortrat und Azrael aus hell leuchtenden Augen ansah. „Ich habe genug gehört. Es reicht. Die Navali werden Eurem Reich jegliche Hilfe versagen. Mehr noch, wir werden Euch an Eurem Vorhaben hindern.“

Azrael seufzte. Kurz wirkte er tatsächlich betrübt. „Seid Ihr sicher?“

Als Halgin nickte, trat der bleiche Mann mit den großen Flügeln vor und verneigte sich vor seinem König.

„Herr“, setzte er an. „Diese niederen Wesen stellen sich Euch entgegen. Wie sollen wir mit ihnen verfahren?“

Azrael schloss kurz die Augen, dann spaltete ein bestialisches Grinsen sein Gesicht.

„Nun, Berith“, sagte er langsam. „Wie wir es immer tun.“

Im nächsten Moment war er verschwunden.

Iliana sah sich verwirrt um, bis sie den Dämonenkönig mehrere Meter über ihrem Kopf erspähte. Innerhalb eines Augenblicks war Azrael in die Luft gesprungen und hatte Halgin mit einem Überkopfhieb attackiert. Der König der Navali wich jedoch nahezu lässig aus. Ein Wort der Macht entwich seinem Schnabel und erzeugte einen hellen Lichtblitz.

Im selben Moment knurrte auch Azrael ein Wort der Macht. Als er am Boden landete, trafen die beiden Zaubersprüche mit gewaltiger Wucht aufeinander und die Halle erbebte. Iliana hob zitternd den Bogen und zielte auf Azrael.

Plötzlich umwehte Verwesungsgeruch ihren Nacken.

Vor Schreck gaben Ilianas Knie nach und Beriths Hand griff ins Leere. Er war plötzlich hinter ihr aufgetaucht. Der Dämon betrachtete sie aus zusammengekniffenen schwarzen Augen. Schneeweiße Haare umrahmten sein gefurchtes Gesicht.

Iliana beantwortete den Angriff mit einem Pfeil, doch Berith verschwamm zu einem unförmigen Schatten und im nächsten Moment stand er direkt über ihr. Iliana sah ein Messer mit schwarzer Klinge in seiner Hand aufblitzen. Sie erstarrte. Der Tod blickte sie an.

Bevor er zustechen konnte, hielt Berith jedoch entsetzt inne und verschwand erneut. Rotes Licht aus Esbens Folianten umhüllte Iliana.

„Ich warne euch“, rief Esben mit zitternder Stimme, während er das Buch den sich langsam nähernden Gestalten entgegenstreckte. „Ich kann jeden Dämon an mich binden!“

Die schrecklichen Gestalten zischten und fluchten, sie zeigten Esben Klauen und Zähne. Aber sie blieben zurück. Nur Velis schien diese Furcht wenig zu betreffen. Zusammen mit Berengar trat sie vor.

„Ich bin nur ein halber Dämon“, sagte sie ruhig. „Und Berengar ist ein Hrandar. Uns kannst du nicht binden. Sicher, dass du uns bekämpfen willst?“

Wie um ihre Worte zu unterstreichen, kicherte Berengar und zog einen blutigen Dolch unter seinem Mantel hervor.

Iliana sah, wie Esbens Füße zitterten, doch er stellte sich ihnen mutig entgegen. Im selben Moment erschütterte ein Wort der Macht von Halgin die gesamte Halle und eine Druckwelle schleuderte Iliana zu Boden. Der Angriff entriss ihr den Bogen. Ihr kleiner Köcher löste sich von ihrem Rücken und die Pfeile verteilten sich auf dem schmutzigen Stein. Esben entglitt beinahe das Buch, doch er konnte es sichtlich mit letzter Kraft festhalten. Velis taumelte.

Hinter ihnen tobte ein Kampf der Giganten. Halgin und Azrael prallten wie brennende Kometen aufeinander. Iliana bemerkte, wie Velis das Duell sorgenvoll betrachtete. Schließlich sprach sie, an Esben gewandt: „Unser Herr hat nur Halgin verurteilt. Wir hegen keinen Groll gegen Euch. Geht und wir werden Euch schonen.“

Esben schien dem Angebot nicht abgeneigt, doch der Dämon in Löwengestalt schien anderer Meinung zu sein.

Sprich für dich selbst, Velis!“, knurrte er und seine sieben Augen loderten auf wie Flammen. Als sein Schwanz umherpeitschte, sah Iliana, dass es sich um eine Schlange handelte. „Das sind Menschen! Wenn sie mir entkommen wollen, müssen sie einen Vertrag mit mir schließen!“ Dabei lachte er laut auf.

Velis setzte zu einer Antwort an, wurde aber von einem weiteren Wort der Macht unterbrochen, diesmal war Azrael der Urheber.

Genug von diesem Mummenschanz“, meldete sich nun Berith zu Wort. Seine Stimme klang kühl und berechnend. „Beenden wir es.

Berith spreizte seine Flügel und Esben hob den Folianten. Ein Lichtblitz zerteilte die Luft und Berith hielt plötzlich das Buch in der Hand. Esben starrte ihn fassungslos an. Der Dämon erhob sich in die Lüfte und sprach ein Wort der Macht, das die Realität wie eine filigrane Skulptur aus Glas erscheinen ließ.

Iliana bemerkte nur noch, wie Esben zu Boden fiel, dann wurde alles schwarz.

Halgin wusste, dass er verlieren würde.

Vielleicht nicht diesen Kampf, denn er war Azrael mindestens ebenbürtig. Jedoch rief dieses Duell unerwünschte Erinnerungen und Seiten hervor, die Halgin längst besiegt glaubte. Das dunkle, lüsterne Etwas, das der Fluch vor Äonen in sein Herz gedrängt hatte, drängte wieder nach außen.

Er hatte Iliana die Wahrheit über die Navali immer verschwiegen. Ihre Strafe bestand nicht nur aus der Verwandlung in Vögel, sondern auch aus einer immerwährenden Feindschaft. Sie waren wie hungrige Tiere übereinander hergefallen, hatten sich mit ihren Schnäbeln gegenseitig zerhackt und keinen Gedanken mehr an Magie verschwendet.

Halgin krächzte ein Wort der Macht, das genug Kraft freisetzte, um einem normalen Menschen die Rippen zu zerfetzen. Doch Azrael war längst kein normaler Mensch mehr. Murakama leuchtete auf und der Angriff löste sich wirkungslos auf.

Dieser Kampf erinnerte ihn zu sehr an Beldur.

Sie hatten sich ebenso bekämpft wie nun, mit all ihren magischen Fähigkeiten, als der animalische Fluch nachließ und sie allmählich zur Besinnung kamen. Als Menschen waren sie Freunde gewesen, als Tiere erbitterte Feinde und Rivalen.

Azrael erlangte erneut übermenschliche Geschwindigkeit. Diesmal reagierte Halgin beinahe zu spät. Er vollführte eine Rolle in der Luft und wich aus.

Beldur war nicht ausgewichen.

Nach dem Kampf hatte Halgin Beldurs Küken an sich gebunden. Die Küken lebten ein glückliches Leben unter seinem Schutz und vermehrten sich. Nach Äonen war ein gewaltiger Schwarm entstanden, der nun unterschiedlichste Gebiete der Welt bevölkerte. Ein letztes Zeugnis vom Ruhm des Verlorenen Reiches.

Azrael landete leichtfüßig auf dem Boden und hob herausfordernd sein Schwert. Er wollte einen Angriff provozieren. Halgin würde ihn nicht enttäuschen. Er sammelte seine Kräfte und entrang seiner Kehle das älteste Wort, das er kannte, das Raum und Zeit verbog und wie die Spielzeuge eines Kindes durcheinanderwirbeln ließ.

Azraels Augen weiteten sich, als die Luft um sie herum sich krümmte. Eine Anstrengung von Halgins Geist entriss ihm das Schwert, das in einen Wirbel aus Farben glitt, der sie vom Rest der Halle trennte. Halgin hatte eine abgeschlossene Sphäre, eine Welt in einer Welt erzeugt.

Halgin wusste, dass er hier den Tod finden würde. Zu viele Dämonen bevölkerten Hornheim. Er verwehrte sich seinem Schicksal nicht. Trotz seiner Sünden war ihm ein langes Leben geschenkt worden. Dennoch wollte er nicht abtreten, ohne ein letztes Übel zu tilgen.

„Hier bin ich allmächtig“, sagte Halgin und deutete mit dem Kopf auf den Wirbel aus Farben, der sie umschloss. „Das hier ist eine Realität in der Realität. Hast du letzte Worte, Teshin?“

„Teshin ist tot!“, knurrte Azrael. Ehe Halgin reagieren konnte, erglühte der König plötzlich rötlich und der Boden schien sich aufzutun. Entsetzen ergriff Halgin.

„Ist das … ?“, setzte er an.

Azrael grinste ihn an. Er schwebte über einem gewaltigen Maul, das lange Reihen scharfer Zähne zierten. Schreie und Rauch drangen aus dem Schlund an die Oberfläche. Flammen tanzten im Abgrund und warfen unnatürlich verrenkte Schatten missgestalteter Wesen an die Wände.

„Wir beide wissen, dass es keine Hölle gibt“, rief Azrael. „Also musste ich eine erschaffen.“

Halgin löste sofort seinen Zauber, der Wirbel verschwand und der Rest der Welt schien sich mit einem Mal um sie zusammenzuziehen, nachdem sie ihr in eine andere Sphäre entkommen waren. Der plötzliche Wechsel brachte Azrael aus dem Gleichgewicht und der Schlund verschwand in einer schwarzen Rauchsäule.

Nun standen sie wieder in der großen Halle.

„Wie konntest du nur!“, rief Halgin fassungslos. „Dieser Zauber …“

„Er unterscheidet sich nicht wesentlich von deinem!“, hielt Azrael dagegen. „Wir erschaffen Welten in Welten. Nur mit dem Unterschied, dass du lediglich den Raum verkrümmst, um deine Gegner festzusetzen, und ich Raum erschaffe.“ Er grinste. „Du weißt ja, jeder Gott braucht eine Hölle, sonst fürchten die Menschen ihn nicht.“

Ehe Halgin etwas erwidern konnte, stand plötzlich der Dämon Berith hinter Azrael. Seine kalten Augen funkelten. Er hielt Esbens Buch in der Hand.

„Ich habe die beiden ins Dunkel geworfen“, sagte er leise.

Entsetzen überkam Halgin. Er warf hastig Blicke in alle Richtungen, bis er Esben und Iliana entdeckte, die leblos am Boden lagen. Zu seiner Erleichterung konnte er sie noch spüren. Sie lebten.

Halgin erkannte, dass er Azrael nicht mit in den Tod reißen konnte. Zu viele Dämonen versammelten sich um ihn. Dieser Kampf war verloren. Aber vielleicht …

Halgin schloss die Augen. Jemand musste den Menschen von der Gefahr berichten. Medardus’ Heer stand vor Hornheims Türen. Die Tempelsöhne könnten die Dämonen besiegen.

Er selbst war zu wertvoll, Azrael würde ihn bei einem Fluchtversuch verfolgen. Es gab nur eine Möglichkeit.

Er musste sie ablenken.

Die Dämonen waren unvorsichtig, sie sammelten sich allesamt um ihren Herrscher und ließen Esben und Iliana unbeachtet liegen. Das war seine Chance.

Ehe einer der Dämonen reagieren konnte, spieh Halgin ihnen ein bestialisches Wort der Macht entgegen, das eine gewaltige Druckwelle erzeugte. Azrael setzte mit einem arroganten Lächeln dazu an, den Angriff zu blocken, doch im nächsten Augenblick folgte ein zweites Wort, das die Erde beben ließ. Panik brach aus, als die Dämonen das Gleichgewicht verloren und zu Boden fielen. Berith entglitt der Foliant.

Pfeilschnell flog Halgin durch die Luft, schloss seine Klauen um den Ledereinband und brachte den Folianten zu Esben zurück. Er ließ das Buch unsanft auf den reglosen Körper des ehemaligen Priesters fallen und sprach die Formel des Eids.

Halgins Haus besaß einen Zauber, den nur seine Angehörigen meistern konnten. Eine letzte Maßnahme, nicht um sich selbst zu retten, sondern um seiner Untertanen willen.

Halgin sank enkräftet zu Boden, als Esben und Iliana samt dem Buch in einem Lichtblitz verschwanden. Er konnte nur hoffen, dass jemand sie im Heidenwald fand.

Schwer atmend blickte Halgin den Dämonen entgegen, die wütend aufheulten. Er bereute nichts. Sein Eid war erfüllt. Er hatte Iliana beschützt und ihr die Wahrheit über ihren Vater gemäß seinem Versprechen nicht verraten.

Als Azrael den rauchenden Schlund öffnete, wusste Halgin, dass er dem Schöpfer bald selbst begegnen würde.

Ilianas Körper fühlte sich wie Eis an.

Sie konnte sich nicht bewegen. Stattdessen schien sie auf warmem Wasser zu treiben wie ein verlorener Gegenstand. Ruhe umhüllte sie wie ein gnädiges Wort der Macht. Sie besaß kein Wissen, keine Erinnerungen, sie begnügte sich lediglich mit einer simplen Existenz.

In dem Moment rammte ein Licht Ilianas Bewusstsein wie ein Felsbrocken.

Bilder füllten ihre Gedanken. Sie sah ein blutiges Schlachtfeld mit gepfählten Leichen, einen Bruder, der laut nach seiner Schwester schrie, einen verhüllten Mann, der sich in Liebe verzehrte. Dazu erklangen Worte, denen Iliana keinen Sinn abgewinnen konnte.

Am Folkvangstag …

Am Folkvangstag …

Gottes Hammer fällt am Folkvangstag …

Dann endete die Vision so schnell, wie sie begonnen hatte. Ilianas Bewusstsein kehrte langsam zurück und sie sog scharf die Luft ein. Sie spürte Gras unter ihren Fingern.

Zwei männliche Stimmen drangen an ihr Ohr.

„Onkel!“, rief jemand. „Seht doch!“

Eine junge Stimme. Iliana erschien sie angenehm.

„Da ist noch einer.“ Der zweite Mann brummte wie ein Bär.

Im nächsten Moment spürte Iliana kräftige Arme, die sie hochhoben. Sie hörte das Klappern von Stahl. Trugen die beiden Rüstungen?

„Keine Sorge!“, sagte die erste Stimme zu ihr. „Wir bringen euch in Sicherheit!“

Ein Zittern durchfuhr Ilianas Körper und sie hustete. Dann schlug sie die Augen auf.

Nun, eigentlich sollte das nur eine kurze Geschichte werden – so maximal zehn Teile – doch irgendwie kam eines zum anderen und hier sitze ich und schreibe immer noch. Gottes Hammer ist noch nicht zu Ende – denn es gibt noch einige Fragen zu klären. Welche Rolle spielt Medardus in Azraels Plan? Was hat es mit Saskias Tod auf sich? Und was haben Ilianas Visionen zu bedeuten? Nächsten Sonntag beginnt Teil II: “Gottes Hammer: Folkvang”, in dem all diese Fragen noch beantwortet werden ….

Danke fürs Lesen!

LG Antares

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Gottes Hammer XVI

Stille breitete sich aus, als der schwarze Nebel verschwand.

Iliana sah, wie Teshin sacht seine Stirn berührte. Die Platzwunde war verschwunden. Halgins Schnabel stand weit offen vor Erstaunen und Esben räusperte sich betont.

Kurz tauschten sie untereinander Blicke aus. In stillem Einverständnis wandten sie sich der Tür zu.

„Ich schätze, wir haben keine andere Wahl“, murmelte Teshin.

Esben nickte. Er umklammerte den Folianten so stark, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Erregung überkam Iliana. Obwohl sie Teshin seit kaum einem Tag kannte, wollte nun auch sie das Geheimnis aufdecken. Das untrügliche Gefühl, selbst davon betroffen zu sein, machte sich in ihr breit.

Kaum öffneten sie die Tür und verließen Sitraxas Höhle, entzündeten sich an der Wand des Korridors mit einem Mal Fackeln. Rotes Feuer durchstieß das Halbdunkel wie blutige Laternen. Iliana schluckte. Ihre Hände schlossen sich fester um den Bogen.

Halgin krächzte misstrauisch. „Können wir ihr vertrauen?“ Dabei sah er Teshin an.

Teshin zuckte ratlos mit den Schultern. „Wenn sie uns schaden wollte, hätte sie uns nur aus dem Hinterhalt heraus angreifen müssen. Stattdesen hat sie mich geheilt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie uns töten will.“ Er atmete tief durch und rieb sich die Schläfen. „Andererseits habe ich in der Kirche gegen sie gekämpft und sie ist mir deshalb sicher nicht wohlgesonnen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung.“

Halgin nickte. „Wir sollten einen Kampf in Erwägung ziehen.“ Dabei sah er Esben an. „Vermagst du diese Dämonin ebenso niederzustrecken wie Sitraxa?“

Esben zögerte. „Ich weiß es nicht“, gab er schließlich zu. „Sie war nicht lange genug anwesend, als dass ich sie hätte spüren können. Auch jetzt nehme ich keine dämonische Präsenz im näheren Umkreis wahr. Vielleicht … vielleicht ist sie wirklich eine Art Halbdämon, wie Teshin meinte.“

Teshin hob ausweichend die Hände. „Das war nur ein Erklärungsversuch.“

„Aber ein guter“, ertönte es hinter ihnen.

Sie fuhren erschrocken herum. Iliana hob den Bogen. Vor ihnen stand eine gedrungene Gestalt in einem schäbigen schwarzen Umhang, die die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Ein metallener Geruch umwölkte das vernarbte Gesicht und ein Grinsen weitete die fahlen Mundwinkel. Zwei rötliche Augen schimmerten, als sie eine reich verzierte Laterne hob. Auch sie glomm im Farbton des Blutes.

„Berengar der Name“, stellte sich der kleine Mann vor. Ein Kichern folgte. „Ich werde Euch in die Halle meiner Herrin geleiten.“

Iliana sah ihre Gefährten unsicher an. Teshin hatte bereits Murakama gezogen, Halgin flatterte energisch mit den Flügeln und Esben präsentierte dem Neuankömmling eine leere Seite des Buches.

Einen Moment lang verharrten sie in dieser Stellung, bis Teshin sich räusperte und Murakama in die Scheide steckte. „Wieso kann ich dich nicht spüren, Berengar?“

Berengar kicherte. „Folgt mir. Ich werde Euch unterwegs Eure Fragen beantworten.“ Mit diesen Worten wandte er sich um und ging zu den Fackeln.

Teshin folgte ihm. Iliana tat es ihm mit klopfendem Herzen nach. Beruhigt fühlte sie, wie Halgin sich auf ihrer Schulter niederließ.

Der Gang führte steil abwärts. Iliana zuckte zusammen, als ein kalter Luftzug sie erschaudern ließ.

Eigentlich sollte sie Furcht erfüllen. Schließlich näherte sie sich einer weiteren Dämonenhöhle, in der ähnliche Wesen wie Sitraxa sie erwarteten. Obwohl sie bei der Erinnerung an die schreckliche Spinne kaum noch Luft bekam, erfüllte sie nun eine nie gekannte Sicherheit. Das Mädchen aus der Kirche war kein Monster. Sie hatte Menschlichkeit in seinem Blick entdeckt, Verletzlichkeit und Gewissensbisse. Oder projizierte sie nur ihre eigenen Gefühle auf eine andere Person?

Vielleicht sehnte sie sich unterbewusst einfach nach einem Menschen, der wie sie war, der keine magischen Bücher oder Schwerter besaß und keinen Vertrag mit Dämonen geschlossen hatte.

Berengar unterbrach ihre Überlegungen. „Meinem erlauchten Herrn gefiel es, mir als Lohn für meine Dienste die Unsterblichkeit zu schenken. Ich bin eine rastlose Seele, auf ewig dazu ermächtigt, den Erdkreis zu durchstreifen.“ Er kicherte.

Halgin streckte sich auf Ilianas Schulter. „Ihr seid ein Untoter!“

Ilianas Eingeweide gefroren. Sie hatte bereits Legenden in Raureif gehört, düstere Geschichten über rastlose Seelen, die in den Bergen ihr Schicksal beklagten. Jedoch hatte sie nie an solche Geschichten geglaubt.

Teshin ging es ähnlich. „Ich hielt Ghule immer für Sagengestalten“, sagte er kühl.

Empörung schlich sich in Berengars Stimme. „Ghule sind wilde Wesen ohne Sinn und Verstand. Sie haben nichts mit der Realität zu tun. Ich bin ein Hrandar, ein Ewiger, wie es in der Alten Sprache heißt.“ Bei diesen Worten berührte Berengar plötzlich die Wand. Ein Durchgang bildete sich mit lautem Knirschen, das Iliana erschaudern ließ. Offenbar gab es in Hornheim auch Geheimgänge.

Hier brannten keine Fackeln. Stattdessen verunzierten Spinnweben die niedrige Decke und stinkendes Wasser strebte in kleinen Tropfen dem gepflasterten Erdboden entgegen. Iliana musste an Sitraxa denken und ihre Hände schlossen sich fester um den Bogen.

„Wie wird man zum Hrandar?“, fragte Teshin interessiert.

Berengar kicherte, doch diesmal beantwortete Halgin die Frage. Seine Stimme klang bitter.

„Durch ein höheres Wesen“, erwiderte der König. „So gesehen bin auch ich ein Untoter. Ich wurde von den Elphahim verflucht, Berengar hat wohl ein Dämon verwandelt.“

Esben hielt inne, sodass Iliana gegen ihn stieß. „Elphahim? Ihr meint einen Engel? Das habt Ihr noch gar nicht erwähnt!“

Halgin schnaubte. „Nenne diese Geschöpfe Engel, wenn du willst, ich tue es nicht. Genau wie die Dämonen Hornheims keine Boten des Teufels sind, sind auch die Elphahim Folkvangs keine Diener eures Gottes. Aber genug davon. Sie waren schon zu meiner Zeit ungemein rar und heute gibt es kaum noch welche.“

Berengar kicherte. „Das ist richtig. Die Elphahim sind beinahe alle verschwunden, aber die Dämonen sind da. Bitte, tretet ein.“ Damit verneigte er sich höflich vor ihnen und wies auf ein prunkvolles Doppelportal.

Ilianas Herz drohte zu zerspringen, als die beiden Torflügel wie von Geisterhand bewegt aufschwangen.

Gemeinsam traten sie über die Schwelle.

Iliana erstarrte.

Sie standen in einer gewaltigen kreisrunden Halle, deren Wände sieben Statuen zierten. Sie schienen Könige zu zeigen, denn alle trugen sie Insignien der Macht. Ansonsten verspottete die Einrichtung jegliches Bedürfnis nach Ästhetik. Kerkerzellen waren in die Mauern geschlagen, Ketten hingen von der schmutzigen Decke. Inmitten eines verstörenden Konglomerats aus Folterinstrumenten und rostigen Waffen stand ein gewaltiger Thron, dessen Lehne dieselbe Fratze aufwies, die sie über dem Eingangsportal in Androgs Halle empfangen hatte. Darunter saß das Mädchen.

Iliana kam der Ort vage bekannt vor. Während sie die Halle durchquerten, verstärkte sich das Gefühl erheblich. Die Anordnung der Statuen, die Anzahl der Ketten … war sie schon einmal hier gewesen?

„Meine Herrin, die Herzogin Velis des Dritten Pfades von Hornheim!“, erklang Berengars Stimme aus dem Hintergrund.

Velis nickte, doch Iliana konnte keine Würde in ihren Zügen entdecken. Vielmehr furchte Trauer das junge Gesicht der Herrscherin.

„Herzogin?“ Halgin schnaubte. „Existiert in Hornheim etwa eine Hierarchie?“

Velis nickte. Ihr metallenes Halsband funkelte im rötlichen Licht. Erst jetzt bemerkte Iliana, dass kleine Stachel es bedeckten.

„Natürlich. Es handelt sich um eine genaue Kopie des Systems im Heiligen Königreich.“ Velis’ Stimme klang überraschenderweise gewöhnlich. Nach Sitraxas zischenden Lauten hatte Iliana etwas anderes erwartet. „Ich bekleide denselben Rang wie der Herzog von Astaval.“ Dabei nickte sie Teshin zu. „Astavals Thron stünde eigentlich Euch zu. Wieso betätigt Ihr Euch als Söldner?“

Teshin schnaubte wütend. „Diese Frage werde ich einem Dämon gewiss nicht beantworten! Eher solltet Ihr uns einige Dinge erklären!“

Velis ließ sich scheinbar erschöpft zurücksinken, doch ein Lächeln zierte ihre Lippen. „Als wir uns zum ersten Mal trafen, erhielt ich exakt dieselbe Antwort. Du hast dich trotz allem nicht verändert, mein Freund.“

Iliana sah Teshin überrascht an. Er wirkte nicht minder verwirrt. Aber die Entschlossenheit fand schnell den Weg zurück in seinen Blick. „Bitte“, sagte er leise, aber bestimmt. „Was ist in den letzten Monaten geschehen? Wo ist Saskia?“

Velis erhob sich. Als sie die steinernen Stufen herabstieg, schien das Licht schwächer zu werden. „Ich darf diese Fragen nicht beantworten“, erwiderte sie. „Ich habe dir einen Eid geschworen, es nicht zu tun.“ Ihre roten Augen funkelten. „Du musst deine Erinnerungen durch einen Vertrag zurückerlangen. Das war dein ausdrücklicher Wunsch vor der Löschung.“

„Vor der … ich habe meine Erinnerungen freiwillig aufgegeben?“, fragte Teshin verwirrt.

Velis nickte.

Iliana sah zwischen Velis und Teshin mit geweiteten Augen hin und her. Dabei schlich sich ein wachsendes Gefühl der Unruhe in ihr Bewusstsein. Sie wusste, dass sie diesen Ort vor jenem Tag schon einmal betreten hatte. Doch wann? Androgs Halle und Sitraxas Refugium erschienen ihr beide nicht im mindesten vertraut!

„Ich muss also einen Vertrag mit dir schließen?“, fragte Teshin.

Velis streckte eine Hand aus. „So ist es.“

Teshin sah sie unsicher an. „Aber ich bin Irodeus verpflichtet.“

Velis schüttelte den Kopf. „Nicht mehr. Aber das wirst du bald erfahren.“

Halgin stieß sich von Ilianas Schulter ab und krächzte laut. „Nicht! Das ist eine Falle!“

Auch Esben hatte Bedenken. „Mach nicht noch einmal diesen Fehler, Teshin!“

Ilianas Herz schien zu platzen. Sie warf einen Blick auf Berengar. Der Untote lehnte lässig an der Wand und verfolgte interessiert das Geschehen. Besaß er magische Fähigkeiten? Konnten sie sich im Zweifelsfall den Weg freikämpfen?

Teshin zögerte. „Welche Bedingungen wird der Vertrag umfassen?“

Velis lächelte. „Du bekommst deine Erinnerungen zurück und dafür befreist du mich von meinem Sklavenmacher.“ Dabei deutete sie auf das metallene Halsband.

Teshin sah sie verwirrt an. „Sklavenmacher?“

Velis lächelte weiterhin, doch Dunkelheit umwölkte ihren Blick. „Ein Geschenk meines Vaters.“

Teshins rechte Hand ruhte auf Murakamas Griff. „Wie mach ich das?“

Velis zuckte mit den Schultern. „Mit einem schlichten Segen. Mehr ist nicht nötig, aber er setzt voraus, dass wir beide einen Vertrag schließen.“

Teshin warf Halgin einen unsicheren Blick zu. Der König schüttelte den Kopf. Teshin biss die Zähne zusammen.

„Das ist meine einzige Chance“, stieß er schließlich hervor. „Wenn ich jetzt ablehne, werde ich nie erfahren, was geschehen ist!“

„Wir finden einen Weg“, entgegnete Halgin.

Velis schüttelte den Kopf. „Es gibt keine andere Möglichkeit.“

Einem Impuls folgend, hob Iliana den Bogen und zielte auf Velis. „Was, wenn wir Euch einfach zwingen, ihm die Erinnerungen zurückzugeben?“

Velis’ Lächeln erstarb.

„Das kann ich nicht“, erwiderte sie schließlich. „Mein Eid ist bindend.“

„Ich verstehe.“ Teshin trat vor. Langsam löste sich seine zitternde Hand von Murakama. „Mir bleibt wohl keine Wahl.“

Velis nahm seine Hand in die ihre. Iliana sah hilfesuchend zu Halgin, doch der König betrachtete das Geschehen nur fassungslos. Er schien nicht eingreifen zu wollen.

Plötzlich blitzte ein schmales Messer in Velis freier Hand auf. Lautlos trat Berengar mit einer reich verzierten Schlüssel zwischen die beiden.

Teshin schien nicht überrascht. Hatte er einen solchen Vorgang bereits beobachtet?

„Fürchte dich nicht“, murmelte Velis beinahe lautlos, als sie das Messer über ihre verschränkten Hände hob. „Bald werden wir Eidgenossen sein. Der Schmerz des einen möge der Schmerz des anderen sein.“

Mit diesen Worten trieb sie das Messer tief in ihr Fleisch, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen. Die dünne schwarze Klinge durchstieß Velis’ Hand und erreichte Teshins. Der Söldner zuckte zusammen, erduldete den Schmerz jedoch lautlos. Einen Moment später tropfte Blut in Berengars Schale. Der Hrandar kicherte, als rote Rauchschwaden aufstiegen.

„Ich, Velis, Herzogin des Dritten Pfades von Hornheim, mache hiermit diesen Mann zu meinem Eidgenossen und Mitstreiter und gelobe hiermit, ihm wiederzugeben, was er verloren!“ Ihre Stimme erfüllte die Halle wie Donnergrollen. Sie nickte ermutigend.

Iliana sog scharf die Luft ein, als Teshins Augen zu funkeln begannen. Kurz schien es, als weigerte er sich, doch im nächsten Moment nickte er.

„Ich, der Herzog von Astaval, gelobe hiermit, meine Mitstreiterin von ihrem Sklavenmacher zu befreien.“ Er holte tief Luft. Nichts geschah. Iliana wechselte einen verwirrten Blick mit Halgin. Teshin atmete tief durch. Die folgenden Worte kosteten ihn sichtlich Überwindung.

„Mein wahrer Name lautet Azrael.“

Der Raum erzitterte und eine Aura reinster Magie schien sich um die beiden zu erheben wie ein brüllender Orkan. Blitze zuckten durch die flimmernde Luft. Iliana stolperte entsetzt zurück. Die Augen der sieben Könige glommen rötlich.

Auch diese Szene erschien ihr vertraut. Die Blitze, die leuchtenden Augen … nur das Beben war ihr neu. Sie entsann sich Teshins Worte. Sein wahrer Name wirkte wie ein Wort der Macht.

Im nächsten Moment endete der magische Orkan. Velis zog ihre Hand zurück. Die Wunde schloss sich.

Teshin regte sich nicht. Er starrte mit leerem Blick vor sich hin, wie in weite Ferne.

„Teshin?“, rief Halgin. „Kannst du mich hören?“

Velis hob einen Finger an den Mund. „Er durchlebt all seine Erinnerungen. Es ist ein Schock …“

„Ein Schock, fürwahr.“ Teshins Stimme klang tiefer und ein Iliana unbekannter Ton schlich sich in die Worte. Als Teshin sie der Reihe nach ansah, schien ein neuer Zug seine Miene zu verzerren. Sein Gesicht wirkte regelrecht spöttisch, so als amüsierte er sich über einen grausamen Scherz. Dazu glühten seine Augen nun rot.

Iliana wich instinktiv zurück. Diesem Gesicht wohnte keine Liebe mehr inne.

„Ist es gelungen?“, fragte Halgin leise. „Was ist mit Saskia geschehen? Was ist mit Medardus und mit Gottes Hammer?“

Teshin antwortete nicht, stattdessen entrang sich ein nahezu unmenschliches Lachen seiner Kehle.

„Saskia ist tot!“, rief er wie von Sinnen. Ein dämonisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich habe sie getötet!“

Fassungslos starrte Iliana ihn an. Vor ihr stand der Schwertdämon, der Raureif überfallen hatte.

Halgin schwang sich in die Lüfte, wobei er Velis musterte. „Das ist Euer Werk.“

Velis antwortete nicht. Stattdessen ließ sie sich vor Teshin zu Boden sinken. Berengar tat es ihr nach. Sie knieten vor ihm wie vor einem Herrscher.

„Lang lebe Azrael, König von Hornheim!“, riefen sie im Chor.

Und während um sie herum die Apokalypse losbrach, wusste Iliana, dass das Böse seinen nunmehr größten Triumph feierte.

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Gottes Hammer XV

„Was zur Hölle ist mit dir geschehen?“

Iliana hielt den Atem an. Teshin und die Dämonin musterten sich gegenseitig, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Stille kehrte ein. Allein das Zischen der giftigen Flüssigkeit in Sitraxas Narben erfüllte die Luft.

Im nächsten Moment erklang ein Klirren wie von einer zerbrechenden Vase. Ilianas Blick flog zum Eingangstor. Das blutrote Siegel verschwand langsam. Sitraxas Zauber verlor seine Wirkung.

Einen Augenblick später wurde die Tür aus den Angeln gehoben. Funken stoben, als Halgin und Esben in den Raum stürzten.

Sitraxas Züge verzerrten sich zu einer animalischen Maske aus Wut und sie deutete stumm auf den gefiederten König. Erneut schoss eine Feuersäule empor, der Halgin jedoch elegant auswich. Teshin hob Murakama und hüllte sich in rotes Licht, doch Sitraxa bedrängte ihn mit einer Druckwelle. Die Wucht des Angriffs schleuderte selbst Iliana schmerzvoll zu Boden, Teshin jedoch hielt diesmal stand.

Ehe er jedoch reagieren konnte, schlug Esben sein Buch auf und sprach ein Wort der Macht.

Es war ein gedehnter Laut, der wie ein Lockruf Ilianas Ohren umschmeichelte. Beinahe verspürte sie das Bedürfnis, sich dem großen Folianten zu nähern. Im nächsten Moment stand sie bereits auf beiden Beinen und trat auf Esben zu. Der Schmerz des Sturzes versank in einem warmen Sumpf.

Sitraxa traf der Zauber härter. Sie kroch mit wild rudernden Armen und einem wahnsinnigen Grinsen im Gesicht zu Esben. Kaum hatte sie ihn erreicht, erhob sich ein Sturm aus Magie, der die Dämonin regelrecht in die vergilbten Seiten saugte. Grelles rotes Licht erhellte den Raum. Iliana musste geblendet die Augen schließen. Im nächsten Moment war es vorbei. Auf den leeren Seiten befand sich nun eine realistische Illustration der Dämonin, sowie alte Schriftzeichen, die Iliana nicht lesen konnte.

Stille legte sich über sie wie ein dunkles Tuch. Kurz tauschten die vier Blicke miteinander aus, dann holte der Schock Iliana mit voller Wucht ein. Ihre Knie gaben nach und sie sank entkräftet zu Boden. Ein Tränenschleier legte sich über ihre Augen.

Teshins Stimme klang schwach, als er das Wort ergriff. „Tja“, stieß er heiser hervor. „Danke.“

Dann kollabierte er.

Halgin stieß ein überraschtes Krächzen aus und Esben ließ beinahe das schwere Buch fallen. Iliana musterte Teshin schockiert. Erst jetzt bemerkte sie seine Wunden.

Durch die rote Aura seiner verstärkten Magie hatte sie das viele Blut nicht gesehen. Aus seinen Armen, seinen Beinen und sogar aus der Platzwunde an seinem Kopf sickerte beständig das Leben.

Halgin eilte sofort an seine Seite. Grünes Licht erfüllte das dunkle Verlies, als der König einen Heilzauber wirkte.

„Heilen könnt Ihr auch noch?“, fragte Teshin leise. Der Ton seiner Stimme erschreckte Iliana mehr als seine ermatteten Gesichtszüge.

Halgin nickte langsam. „Du hast viel Blut verloren“, krächzte er schließlich. „Hat diese Dämonin dir so sehr zugesetzt?“

„Nicht nur.“ Ein Hustenanfall schüttelte Teshin. „Aber das habt Ihr mit Sicherheit schon bemerkt. Das rote Licht schlägt nicht nur dem Feind Wunden.“

Iliana sah die beiden überrascht an. Wovon sprachen sie?

Halgin blieb ihre Verwirrung nicht verborgen. „Während wir das Siegel zu brechen versuchten, nahmen wir den Kampf wahr. Eine kleine blaue Flamme gegen eine gewaltige rote. Als die blaue Flamme beinahe erloschen war, verwandelte sie sich in einen ebenfalls roten Feuersturm.“ Halgin legte eine Pause ein. „Ich habe dich stets unter Vorbehalt Angnaur genannt, doch nun bin ich mir sicher. Du bist ein Dämon, richtig?“

Iliana erstarrte. Sie wollte daran nicht glauben, obwohl sich die Vermutung nahezu aufdrängte. Auch wenn sie Teshin für den Wahnsinn hasste, den er in ihr Bewusstsein pflanzte, sah sie ihn dennoch als Menschen. Obwohl – oder gerade weil – er ihren Wunsch nach Rache verkörperte.

Teshin seufzte geschlagen. „Die Hinweise waren zu zahlreich, nicht wahr?“

Halgin nickte. „Du entstammst einem adeligen Haus, dessen Familienoberhaupt sich mutig opferte, um den Kult des Irodeus zu zerschlagen. Du bist der Sohn von Arion Heilsbringer, nicht wahr? Der mächtige Ritter, der die Klinge Megingjormar besaß und hinterrücks ermordet wurde?“

Teshin nickte langsam.

Iliana ertrug es nicht länger. „Aber das muss doch nichts heißen!“, platzte sie heraus. „Spricht das nicht eher für als gegen ihn?“

Esben schüttelte den Kopf. Halgin seufzte traurig. „Iliana, Kind, wie alt ist Teshin deiner Schätzung nach?“

Iliana betrachtete den Söldner kurz. „Zwanzig Jahre? Dreißig Jahre?“, riet sie.

Ein amüsierter Laut entfuhr Teshin.

Halgins Augen leuchteten im grünen Licht seiner Heilmagie. „Arion Heilsbringer starb vor über fünfzig Jahren“, erklärte er. „Danach trat der Kult des Irodeus in die Öffentlichkeit und der lange und verheerende Bürgerkrieg nahm seinen Lauf.“

Iliana starrte Teshin fassungslos an. Dieser junge Mann sollte über fünfzig sein? Teshins schmales Lächeln schien sie alle zu verspotten.

„Glückwunsch“, sagte er heiser. „Was sonst?“

„Du kanntest die Dämonin, richtig?“, fragte Halgin. „Ich habe gehört, was du kurz vor Esbens Angriff gesagt hast.“

Teshin nickte langsam. „Ich kenne sie“, erwiderte er schließlich. „Aber nicht als Dämonin. Ich bin ihr vor langer Zeit begegnet.“

Iliana kam ein Gedanke. „War das etwa … Saskia?“

Teshin schüttelte den Kopf. „Nein“, flüsterte er.

Halgin holte tief Luft, als Teshin schwieg. „Angnaur, ich weiß nicht, wie viel Zeit dir noch bleibt. Ich denke, wir verdienen die Wahrheit. Wer … und was … bist du wirklich?“

Teshin lächelte. Dann begann er zu sprechen.

„Ihr habt gewonnen, Majestät. Wenn Ihr meine Vergangenheit kennt, könnt Ihr vielleicht eher herausfinden, was in den letzten Monaten tatsächlich geschehen ist. Selbst wenn ich nicht mehr erfahren werde, was mit Saskia geschehen ist…“ Er räusperte sich, was zu einem Hustenanfall führte. „Falls ich hier sterbe.“

Esben ließ sich neben ihm nieder und sprach ein eindringliches Gebet.

Teshin holte tief Luft, dann erzählte er seine Geschichte.

„Ich wurde vor vierundsechzig Jahren als drittältester Sohn von Arion dem Heilsbringer, dem Herzog von Astaval, geboren. Ich hatte zwei Brüder und zwei Schwestern. Eine dritte wurde kurz vor Beginn des großen Krieges geboren.“ Wieder hustete er. „Wir alle wuchsen in dem Wissen auf, die Kinder des stärksten Mannes im Reich zu sein. Mein Vater Arion führte die Klinge Megingjormar und man erzählte sich zahlreiche Geschichten über ihn. Im Kampf war er wohl wirklich nahezu unbesiegbar. Aber außerhalb des Schlachtfelds konnte er sich kaum behaupten.“ Teshins Blick schweifte in weite Ferne. „Er war ein guter Vater, aber immer etwas unbeholfen. Rückblickend betrachtet denke ich, dass es ihm stets schwerfiel, die Gefühle anderer einzuschätzen. Ebenso war er ein schlechter Politiker. Die staatlichen Geschäfte lagen beinahe vollständig in den Händen unserer Mutter. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb er immer viel von Ehre hielt und sich dem strengen Kodex der Ritterschaft stets verpflichtet fühlte. Er war für ihn eine Art Anleitung, wie man sich in der Gesellschaft richtig verhalten sollte.“ An dieser Stelle brach Teshin kurz ab. Als er weitersprach, klang seine Stimme dünn. „Die ersten zehn Jahre meines Lebens habe ich davon nicht viel bemerkt und verstanden. Ich war einfach stolz, so einen ehrenhaften und starken Vater zu haben. Aber nach meinem zehnten Geburtstag änderte sich alles.

Es begann mit dem Einsetzen der Hexenverfolgungen. Zu jener Zeit verwüsteten Hagelstürme das Reich, die Pest wütete unter der einfachen Bevölkerung und der Bürgerkrieg war bereits absehbar. Die Menschen waren verunsichert und ängstlich. Ein alter Mönch aus Aminas lieferte ihnen einen Sündenbock für ihre missliche Lage.“

Teshin hob eine zitternde Hand, um sich die Schläfen zu massieren. Iliana ahnte, was als nächstes kommen würde.

„Als die Hexenverfolgungen begannen, war mein Vater mit der Lage völlig überfordert. Er war ein Mann des Schwertes und der Ehre. Als Feinde konnte er sich nur gerüstete Männer oder Dämonen vorstellen, aber keine alten Frauen und jungen Mädchen. Er verlangte eine Erklärung von der Denomination und sie machte den Fehler, ihn aufzuklären.“

Teshin versuchte, sich aufzusetzen, aber er sank zurück in den Staub. Das grüne Licht schien heller zu glimmen.

„Es gab und gibt keine Hexen. Es handelt sich nur um Aberglauben. Die Gründung der Inquisition diente nur zur Beruhigung der Bevölkerung und dazu, die fanatischen Hexenjäger unter Kontrolle zu haben, die sonst ohne die leitende Hand der Geistlichkeit in den Provinzen ihr Unwesen getrieben hätten. Leute wie Medardus werden zwar von der Denomination mit magischen Fähigkeiten ausgestattet, aber letztendlich ist all das nur Fassade. Die Bischöfe sehen die Inquisitoren als notwendiges Übel, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern.“ Teshin hustete erneut. Staub wirbelte um ihn herum. „An diesem falschen Spiel zerbrach mein Vater. Er konnte mit dieser Information einfach nicht umgehen. Uns Kindern fiel natürlich auch auf, dass unser sonst so netter Vater mit etwas haderte. Das war das erste Anzeichen, dass die glücklichen Tage zu Ende gingen.

Eines Tages kam dann ein Mann zu uns. Er war alt und blind und verlangte, unseren Vater zu sprechen. Heute weiß ich, dass er ein Bote des Dämons Irodeus war.“

Teshin hustete bei der Erinnerung. Ein Schauer ließ ihn erzittern. „Irodeus machte unserem Vater das Angebot, alle Menschen in seinem Herzogtum zu beschützen, Hexenverfolgungen zu verhindern und sogar die Seuchen und Stürme zu beenden. Als Gegenleistung musste er dem Dämon zwei seiner Kinder weihen. Eines, das bereits am Leben war, eines noch im Mutterleib.“

Iliana starrte den Söldner fassungslos an. Sie ahnte, in welche Richtung die Erzählung ging. „Ich weiß nicht, wie er meinen Vater überredete oder wieso seine Wahl auf mich fiel“, flüsterte Teshin. „Wie auch immer, ich wurde umgetauft und dem Dämon geweiht. Seither trage ich einen dunklen Namen. Deshalb wollte ich den Lehenseid nicht schwören.“ Halgin nickte mit betrübtem Blick. Teshin hustete. „Ich werde es auch jetzt nicht tun. An einem Ort wie Hornheim wirkt mein Name wie ein Wort der Macht. Wenn wir also nicht sämtliche Dämonen im Umkreis von hundert Meilen auf uns aufmerksam machen wollen, lassen wir es lieber.“ Er hustete. Blut spritzte aus seinem Mundwinkel. Halgin verkrampfte sich und das grüne Licht erstrahlte noch heller.

„Bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr blieb unser Land tatsächlich größtenteils von den Katastrophen verschont. Die Pest ging zurück, Ernteausfälle wurden weniger und sogar die Hexenprozesse fanden kaum noch statt. Dennoch war der Preis furchtbar. Mein Vater musste eine eigene Kultstätte errichten, Gläubige einweisen und dem Dämonenkönig huldigen.“ Teshin wandte den Blick ab. „Als der Kult immer weiter wuchs und Irodeus ein Menschenopfer verlangte, ertrug er es nicht länger. Er leistete Abbitte bei der Denomination und brach den Vertrag.“ Kurz legte sich Schweigen über sie, bevor Teshin mit zitternder Stimme weitersprach. „Heute wird berichtet, dass die Kultisten meine Familie ermordet haben. Das ist falsch. Tempelsöhne haben unsere Burg gestürmt. Meine beiden älteren Brüder stellten sich ihnen allein entgegen, sodass ich mit meiner neugeborenen Schwester entkommen konnte. Sie war das zweite Kind, das Irodeus geweiht wurde.

Mein Vater hatte Vorkehrungen getroffen. Ich traf einen alten Fischer, der mich zu ihm und meine Schwester in Sicherheit bringen sollte. Der Fischer meinte nur, dass mein Vater mir alles erklären würde und ließ mich ahnungslos zurück, während er mit meiner Schwester ins Ungewisse fuhr . Mein Vater erklärte mir nichts mehr. Ein Meuchler der Denomination tötete ihn, bevor ich ihn erreichen konnte. Natürlich wurde die Tat den Kultisten in die Schuhe geschoben. Die Denomination erfand die Geschichte von ihm als Agenten und rettete damit seine Ehre. Seine Familie aber schlachtete sie ab.“

Wut schlich sich in Teshins Stimme.

„Nach Vaters Tod hörte ich, dass mein Bruder Seimos überlebt und Verbündete um sich geschart hatte. Er fiel drei Wochen später auf dem Schlachtfeld, aber diese kurze Zeit reichte ihm, um einen Bürgerkrieg auszulösen. Irodeus’ Segen war verschwunden und die gesamte Wut entlud sich. Und ich … ich war allein, meine Geschwister alle verschollen oder tot. Also verdingte ich mich als Söldner, gab Personenschutz oder half Menschen in Not. So kam ich auch zu … ihr.“

Teshin deutete auf die Überreste von Sitraxas entsetzlichem Spinnenleib.

„Sie war das schönste Mädchen im ganzen Dorf. Ihr Vater beauftragte mich für ein ganzes Jahr, den Frauen beim Wasserholen Begleitschutz zu geben. So lernten wir uns kennen.“ Ein Lächeln schlich sich auf Teshins Gesicht. Seine glasigen Augen blitzten hell. „Ihr Name war Silena. Ich verliebte mich Hals über Kopf in sie und alles wäre vielleicht gut gelaufen … aber eines Tages kam das Heer des Fürsten von Aminas und schlug in der Nähe das Lager auf. Die Soldaten verlangten die Herausgabe der gesamten Ernte von den Dorfbewohnern. Natürlich konnten sie nicht einwilligen. Wovon hätten sie sonst gelebt? Die Soldaten gaben den Dörflern einen Tag Zeit. Sollten sie sich danach immer noch weigern, würden sie sich einfach gewaltsam nehmen, was sie wollten.

Ich wusste, dass wir keine Chance hatten. Ich überlegte gerade, zu fliehen, als mir der alte Mann erschien.“

Mit einem Mal schien es im Raum kälter zu werden. Teshin hustete erneut. Diesmal dauerte es länger, bis er wieder sprechen konnte.

„Er erzählte mir alles über meinen Vater und über meine Weihung. Durch Irodeus’ Segen würde ich nur langsam altern und viele Jahre leben. Er redete mir ein, dass der Dämon mir schon viele Gefallen getan hätte und bot mir daraufhin einen Vertrag an. Damals war ich verzweifelt genug, das Angebot anzunehmen. Der Kontrakt ist immer noch in Kraft. Ich erlangte dadurch nicht nur starke Magie, sondern bekam auch drei Wünsche freigestellt. Meinen ersten Wunsch verwendete ich, um das Dorf zu beschützen. In jener Nacht entstieg Irodeus höchstselbst der Finsternis und am nächsten Morgen waren sämtliche Soldaten verschwunden.“ Teshin atmete schwer. „Aber Irodeus erfüllt keine Wünsche ohne Gegenleistung. Für die Leben der Soldaten holte er sich Silena. Ich habe jahrelang nach ihr gesucht und schließlich aufgegeben, aber ich habe mich immer gefragt, was wohl aus ihr geworden ist.“ Eine Träne löste sich aus seinen Augenwinkeln. „Nun weiß ich es.“

„Meine Informationen unterstreichen das.“ Esben deutete auf Sitraxas Seite im Buch. „Sitraxa ist eine alte Dämonin, die schon in Texten vor Esbens Kirchbau erwähnt wird. Man erzählt sich, dass sie ihre Opfer langsam auffrisst und sich ihre Seelen einverleibt. Gefällt ihr ein Mensch besonders gut, verschmilzt sie mit seinem Körper. Das dürfte hier geschehen sein.“ Esbens Gesicht verzerrte sich zu einer Maske der Abscheu.

„Das hat sie nicht verdient“, murmelte Teshin schwach. „Sie war so nett zu mir und ich … ich habe sie einfach geopfert.“ Seine Stimme brach. „Nicht einmal Saskia habe ich so vieles von meinem Leben erzählt“, sagte er schließlich leise.

Iliana konnte Silenas Schicksal kaum erfassen. Sitraxa hatte sie wenige Sekunden lang mit einem Zauber gefoltert und sie auf diese Weise an den Rand des Wahnsinns gestoßen. Sie wagte nicht, sich eine solche Behandlung über Stunden hinweg auch nur ansatzweise vorzustellen.

Halgin wirkte nicht minder schockiert. Doch er errang seine Fassung bald wieder. „Du sprachst von drei Wünschen. Was ist mit den anderen zweien?“

Teshin schüttelte den Kopf. „Ich habe sie nicht eingesetzt. Ich wollte danach mit Irodeus nichts mehr zu tun haben.“

„Irrtum.“

Die Stimme klang sanft und jung. Sie umschmeichelte Ilianas Ohren und nahm ihr jegliches Gefühl von Furcht oder Beklemmung. Dennoch fuhr sie erschrocken herum. Hinter ihnen stand ein junges Mädchen, kaum älter als sie. Es trug ein schlichtes schwarzes Kleid und eine Art metallenes Halsband. Rote Augen stachen ins Halbdunkel des Raums und zwei gekrümmte Hörner durchstießen die glatten Haare. Ebenso hatte Teshin den Dämonen in der verfluchten Kirche beschrieben.

Iliana wollte zum Bogen greifen, aber etwas im Blick des Mädchens hielt sie davon ab. Darin lag ein schelmisches Funkeln von kindlichem Trotz, ungelenk verborgen hinter einer kalten Fassade von erwachsener Erhabenheit.

Das Mädchen deutete auf Teshin und sprach ein Wort der Macht. Rotes Licht erhellte den Raum und Teshin stand.

Er stand auf beiden Beinen, vollständig geheilt und wiederhergestellt.

„Wenn du Antworten willst, musst du in meine Halle kommen“, forderte das Mädchen leise. „Dort, und nur dort, werden deine Fragen beantwortet.“

Und während Teshin noch verdutzt seine unverletzten Gliedmaßen betrachtete, verschwand das Mädchen in einer Wolke schwarzen Nebels.

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Gottes Hammer XIV

Ilianas Herz gefror.

Seit dem Tod ihrer Ziehmutter hatte sie gedacht, wahre Furcht zu kennen. Nun erst demonstrierte ihr Hornheim, wie falsch sie mit dieser naiven Annahme lag. Der Anblick bannte ihre Gedanken und verwandelte sie in eine hilflose Statue, auf ewig dazu verdammt, die grausame Realität zu verneinen.

Vor ihnen schob sich das Grauen selbst in Murakamas kalt glimmenden Lichtkreis. Es handelte sich um eine gewaltige Spinne mit blutrot glühenden Augen und dichtem Pelz. Von ihrem bösartig verzerrtem Gesicht reckten sich ihnen zwei pechschwarze Scheren entgegen, von denen giftiger Eiter tropfte, sowie mehrere dünne Fühler, die ein gespenstisches Eigenleben zu führen schienen. An ihrer Spitze saßen weitere Augen, blutunterlaufen und voller Hohn. In unmöglichen Winkeln verkrümmte Stacheln ragten aus den acht dicken Beinen hervor, grinsende Mäuler bedeckten den Körper darüber. Rauch schwebte zwischen den spitzen Zähnen.

Über dem gierig blickenden Spinnenkopf erkannte Iliana die weiß gewandete Frau. Zunächst hielt sie sie für ein weiteres Opfer der dämonischen Stätte. Im nächsten Moment erkannte sie jedoch, dass die Frau an der Taille mit der Spinne zusammengewachsen war. Als hätte die Erkenntnis den Startschuss gegeben, regte sich die Gestalt über dem Pelz und grinste Iliana und Teshin breit an. Einst hatte sie wohl große Schönheit ihr Eigen genannt, nun aber zierten Narben die Hälfte ihres jungen Gesichts. Eiter tropfte aus den Wunden und giftige Dämpfe umnebelten den humanoiden Körper.

Iliana würgte. Ihr Magen rebellierte.

Endlich!“, rief das Ungetüm mit furchteinflößender Stimme. Zu Ilianas Überraschung sprach nicht die Frau, sondern der schreckliche Spinnenkopf. Bei den Worten benetzte Eiter die schwarzen Scheren. „Endlich schöne junge Beute! Wir werden viel Zeit miteinander verbringen. Schade, dass hier keiner eurer Artgenossen mehr am Leben ist!“ Bei den letzten Worten trat das Biest zur Seite und gab den Blick auf ein giftig glitzerndes Spinnennetz frei, in das mehrere Körper eingewoben waren.

Sie waren so herrlich!“, schwärmte es und streichelte mit einem behaarten Bein den kleinsten der Körper. „Kinder habe ich immer am liebsten. Ihre Schreie sind höher als die von anderen. Leider sterben sie viel schneller.“ Die roten Augen richteten sich auf Iliana. „Länger als einen Monat wirst du wohl auch nicht durchhalten, kleines Menschlein.“ Ein grässlicher Laut wie von aufeinanderschabenden Steinbrocken ertönte. Es war ein Lachen. Rauch stob aus den zahlreichen Mäulern auf dem Körper der Bestie.

Iliana konnte nicht mehr. Ihre Knie gaben nach und der Bogen entglitt ihren Händen. Es war zu viel. So etwas konnte es nicht geben!

Im selben Moment stellte sich Teshin schützend vor sie und hob Murakama.

Ein weiteres Lachen ließ Ilianas Körper erbeben.

Ihr wollt euch wehren? Nur zu, ihr könnt Sitraxa nicht besiegen!

Der Name fühlte sich wie ein Peitschenhieb an.

Im selben Moment setzte sich der gewaltige Körper in Bewegung. Sitraxa erhob sich auf ihre hinteren sechs Beine und fiel mit ihren Scheren und stachelbewehrten Vorderbeinen über Teshin her.

Ein blauer Feuerball flammte auf und Teshin wagte die Flucht nach vorn. Mit einem Kampfschrei prallte der Söldner gegen den gewaltigen Körper und brachte Sitraxa ins Wanken. Einen Augenblick später war er in der Luft und trieb die schimmernde Klinge der Bestie tief ins Auge.

Ein markerschütternder Schrei hallte durch die dunkle Kammer, als Siraxa auf ihre acht Beine fiel. Dampfendes schwarzes Blut tropfte Iliana vor die Füße. Zu ihrem Entsetzen saß sie nun Auge in Auge mit dem grässlichen Spinnenkopf.

Teshin zerrte wild an der Klinge, konnte sie jedoch nur ein Stück weit befreien. Der Frauenkörper deutete mit wutverzerrrten Zügen auf ihn. Iliana fühlte Hitze, als mit einem Mal eine Feuersäule aus dem Boden schoss. Teshins Körper glühte blau auf, als eine Art Schutzschild ihn vor den magischen Flammen bewahrte. Dennoch schleuderte ihn die Wucht des Angriffs gegen die Wand.

Ein Splitter drang in Ilianas Herz, als Sitraxa sich ihr zuwandte.

Kleines Menschlein“, zischte der Spinnenkopf. Einer der Fühler näherte sich langsam und betrachtete Iliana näher. Sie starrte in ein rotes Auge, dessen erblindete Pupille mit Blut gefüllt zu sein schien. „Ich freue mich. Ja, ich freue mich wirklich. Dein Gefährte hat mich verletzt. Du vertraust auf ihn, nicht wahr? Dass er dich mit seinem magischen Schwert beschützt?“ Sie erwartete keine Antwort, sondern lachte erneut. Dampf stob aus den Mäulern. Iliana konnte den Blick nicht von Murakama abwenden, das im Kopf des entsetzlichen Wesens steckte. Sein Gehirn müsste längst durchdrungen sein, dennoch schien ihm die Wunde kaum etwas auszumachen.

Iliana realisierte dies mit schwächelndem Bewusstsein, wie in einem letzten Aufbäumen des Verstandes, bevor sie ihn endgültig verlor.

Lass uns Spaß haben.“ Plötzlich kam Bewegung in sämtliche Körperteile der Bestie und sie sprang auf IIliana zu. Schon glaubte sie, von giftigen Scheren und eitrigen Fühlern umschlossen zu werden, als Murakama aufleuchtete und eine Druckwelle aussandte.

Sitraxa blieb davon unberührt, aber Iliana wurde von dem magischen Stoß quer durch den Raum geschleudert und landete vor dem Spinnenetz. Ihre Hose zerriss und sie schürfte sich ein Knie auf. Dennoch, sie war der Bestie entronnen. Als sie sich langsam in die Höhe stemmte, nickte Teshin ihr zu, seine ausgestreckte Hand schien eine Verbindung zu dem magischen Schwert zu formen. Iliana betrachtete sorgenvoll seine Stirn. Eine Platzwunde bezeugte die Macht der Dämonin.

Sitraxa landete mit einem amüsierten Laut. Der Pelz raschelte auf dem gemauerten Boden, als sie sich umwandte. „Schön, so zu spielen. Aber beschädigt euch nicht zu sehr! Ihr müsst noch lange Zeit halten!“ Die roten Augen blitzten. „Schreit für mich!“, brüllte der Spinnenkopf, als das Monster sich erneut auf sie zubewegte.

Iliana hob mit zitternden Händen den Bogen, doch ihr Schuss beinhaltete keine Kraft und prallte wirkungslos von dem dichten Pelz ab. Sitraxa heulte wollüstig. Ehe sie Iliana erreichen konnte, warf sich Teshin zwischen sie, sein Körper schimmerte eisig blau im roten Schein der Spinnenaugen. Er griff nach Murakama und Wellen hellen Lichtes umgaben ihn.

Gleichzeitig schloss Sitraxa ihn laut lachend in eine Umarmung. Ein Schrei entrang sich Ilianas Kehle, als Beine und Scheren Teshin umklammerten und Gift ihn einhüllte. Die grinsende Frau deutete erneut auf ihn. Diesmal legte sich eine schwarze Wolke auf ihn wie ein Schatten. Blut spritzte und Teshin schrie auf.

Schreit für mich!“, rief Sitraxa wie von Sinnen.

Ilianas zitternde Hand fand den Bogen. Wie in Trance legte sie erneut einen Pfeil ein, doch ihr Schuss blieb wirkungslos. Stattdessen lehnte sich die Frau zur Seite, so dass Iliana ihr vernarbtes Gesicht sehen konnte.

Sie muss wirklich schön gewesen sein, dachte Iliana ermattet, als die Frau auf sie deutete.

Eine dunkle Wolke legte sich über ihre Augen und umhüllte ihren Körper. Der Schmerz folgte einen Augenblick später. Tausend Nadeln schienen in Ilianas Haut einzudringen, pelzige Gliedmaßen betasteten sie und animalisches Gelächter erhob sich. Iliana wählte den einzigen Ausweg, der ihr blieb.

Sie schrie.

Nicht einmal die Verliese der Inquisition konnten derartig schrecklich sein. Sie lag erblindet in einer Sphäre aus Finsternis, allein mit einem unsichtbaren Ungeheuer und dem Schmerz. Ihr Bogen war verschwunden. Nun hatte das Leben sie wieder zu einem hilflosen Kind degradiert.

Iliana wand sich, kämpfte gegen nicht vorhandene Fesseln an. Aber es gab keine Fesseln, die ganze Welt war eine einzige Fessel, sie war nur noch dunkel und kalt, ohne Halt und Liebe. Überall drang der Schmerz auf sie ein, er verfolgte sie. Sie konnte ihm nicht entkommen, überall war Schmerz. Es gab nur Schmerz, er war allumfassend, allwissend, er war der große, wahre Gott …

Iliana schluchzte und rollte sich in der Dunkelheit zusammen, während heiße Hände ihre gepeinigte Haut versengten. Sie flehte um Gnade, sie bettelte, sie lief über die gestaltlose Oberfläche der finsteren Welt, sie schrie und bettelte erneut, doch es kam keine Mutter, kein Heiliger, kein Gott. Es gab nur den Schmerz.

Im nächsten Moment endete es.

Iliana lag wieder in Sitraxas Verlies. Noch immer hielt die Bestie Teshin umklammert. Doch er leuchtete nicht mehr blau. Nun umgab ihn rötlicher Schein.

Was ist das?“, rief Sitraxa überrascht. Eiter tropfte auf die schwarzen Zangen. „Du bist ja ein Dämon!

„Ich kenne dich“, flüsterte Teshin. Trotz der geringen Lautstärke schien seine Stimme alles und jeden zu durchdringen. „Ich kenne dich!“, schrie er im nächsten Moment und der rote Schein explodierte.

Sitraxa heulte auf, als er Murakama aus ihrem Körper zog. Auch die Farbe der Klinge hatte sich verändert. Sie wirkte nun wie ein blutiges Eisenstück. Mit einem Wutschrei ging Teshin auf die Dämonin los. Vor Ilianas Augen verschwammen seine Bewegungen zu einem rötlichen Schemen, als er schneller als ein Blitz durch die Luft flog. Ein Schnitt, zwei Schnitte, drei … Iliana konnte sie nicht mehr zählen. Sitraxas Wutgeheul wurde zu Schmerzensschreien, als Murakama Fleisch zerteilte und Knochen zertrümmerte. In Windeseile hatte Teshin alle Beine und Fühler abgetrennt und den Spinnenkopf buchstäblich aus dem Körper geschnitten. Eine Kaskade schwarzen Blutes ergoss sich auf den schmutzigen Boden. Iliana erbebte, als ein wild zuckender Fühler direkt neben ihr landete. Die Übelkeit brüllte in ihr. Iliana erzitterte, dann erbrach sie sich.

Als nur noch der Frauenkörper übrig war, hielt Teshin schwer atmend inne. Langsam richtete er Murakama auf die vernarbte Gestalt. Die Luft um ihn herum flimmerte rötlich, als die weiß gekleidete Dämonin langsam den Kopf hob.

Einen Augenblick lang verharrten die beiden still. Dann begann Teshin mit zitternder Stimme zu sprechen. „Was zur Hölle ist mit dir geschehen?“

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Gottes Hammer XIII

Die Fratze auf Esbens Buch erglühte rot und hüllte den engen Gang in bedrohliches Licht. Iliana folgte Teshin, während ihre Schatten in abstrusen Verrenkungen an den Wänden tanzten. Ein Geräusch vom Schaben von Stein auf Stein ertönte, dann erschien Halgin über ihnen, energisch mit den Flügeln schlagend.

Im nächsten Moment erreichten sie eine kleine Halle.

Kunstvoll gearbeitete Kronleuchter schmückten die Decke. Zu Ilianas Erstaunen verströmten sie helles Licht, das dem Raum eine nahezu einladende Atmosphäre verlieh. Grobe Steinmauern schützten sie vor dem Erdreich. Ansonsten war die Halle vollkommen leer. Ihnen gegenüber sah Iliana zwei weitere Portale, diesmal ohne steinerne Gesichter über den Torbögen.

Teshin hob warnend einen Arm und hielt an. Eine Hand auf Murakama, durchmaß er langsam den Raum. Iliana zog einen Pfeil aus dem Köcher. Sie verfluchte ihre zitternde Hand.

Einen Moment lang herrschte Stille, dann meldete sich Halgin zu Wort. „Ich spüre nichts. Hier sind keine Dämonen.“

„Dafür aber Kerzen“, merkte Teshin misstrauisch an und deutete auf die Kronleuchter. „Irgendjemand muss sie erst vor kurzem entzündet haben. Ich spüre nichts Magisches an ihnen.“

Halgin flatterte mit den Flügeln. „Sollte sich ein Unhold nähern, werden wir ihn wahrnehmen.“

Teshin nickte langsam. Er ließ seinen Blick mit zusammengekniffenen Augen über die Wände schweifen, bevor er erneut das Wort ergriff. „Habt Ihr die Barriere geschlossen?“

Halgin nickte. „Sie ist bei weitem nicht so stark wie zuvor, aber sie muss auch nur den Schein wahren. Dennoch wird sie Medardus kaum aufhalten können. Wenn er die richtigen Schlüsse zieht, wird er uns hierher folgen.“

„Das heißt, wir können hier nicht bleiben“, sagte Iliana. Ihre Kehle war staubtrocken und jedes Wort peinigte ihre schmerzende Lunge. Dieser Ort hüllte sich in eine seltsame Aura, die Iliana kaum beschreiben konnte. Sie jagte ihr eisige Schauer über den Rücken. Kurz glaubte sie, aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrzunehmen. Doch als sie sich umwandte, sah sie nur die nackte Wand.

Iliana umklammerte ihren Bogen fester. Sie durfte keine Angst zeigen, die Welt nahm keine Rücksicht auf weinende Kinder. Dennoch ertappte sie sich dabei, wie sie näher an Halgin rückte. Bei ihrem König fühlte sie sich sicherer.

Teshin nickte zustimmend. „Iliana hat recht. Wir müssen weiter.“ Er strich gedankenverloren über sein Kinn, während er die beiden Portale musterte. „Welchen Gang sollen wir nehmen? Hat irgendjemand eine Idee?“

Kurz herrschte Schweigen, als plötzlich Esben sie näherwinkte. Er deutete auf eine kleine Zeichnung, die jemand in die Wand geritzt hatte.

„Ich denke, das hilft uns bei der Entscheidung“, sagte der Priester leise.

Der Künstler hatte zwei Linien verewigt, die wohl die beiden Gänge darstellen sollten. Am Ende der linken Linie wartete eine halb geöffnete Tür, am Ende der anderen ein grinsendes Teufelsgesicht. Obwohl es sich nur um eine Felsmalerei handelte, erbebte Iliana. Die Miene des Dämons schien direkt auf den Grund ihrer Seele zu starren.

„Irgendjemand Einwände, wenn wir den linken Gang nehmen?“, fragte Teshin. Halgin und Esben schüttelten den Kopf.

Teshin ging auf das Portal zu und wandte sich um. „Folgende Reihung: Ich gehe vor, ich bin hier der beste Nahkämpfer. Esben bildet das Schlusslicht, falls uns ein Dämon von hinten angreifen sollte. Wir nehmen Iliana in die Mitte. Majestät, würdet Ihr Euch auf Ihre Schulter setzen? So könntet Ihr sowohl Esben als auch mich mit Eurer Magie beschützen.“

Halgin neigte den Kopf. „Ich bin einverstanden.“ Esben gab schweigend seine Zustimmung. Iliana nickte langsam. Ihr war unangenehm, als offensichtliche Schwachstelle der Gruppe gesehen zu werden. Andererseits erfüllte sie große Erleichterung. Wer wusste schon, was sie dort in der Finsternis überraschen würde? Halgin hatte immer von den Schrecken Hornheims gesprochen. Iliana wollte ihnen nicht als erste in die Augen blicken.

„Dann los.“ Teshin betrat den Gang. Halgin landete geschmeidig auf Ilianas Schulter, als sie die schiefen Stufen erklomm. Sie waren nass und rutschig und führten stetig aufwärts. Ein Hoffnungsschimmer glomm in Ilianas Herz. Vielleicht gelangten sie so wirklich zu einem Ausgang?

Der fromme Gedanke verendete im nächsten Moment, als Teshin anhielt und Murakama zog. Die Klinge erglühte blau und enthüllte das Ende der Stufen. Jemand hatte die Treppe buchstäblich in Stücke gesprengt. Vor ihnen erstreckte sich eine gewaltige Kammer, vom weiteren Verlauf der Stufen fehlte jede Spur.

„Die Treppe führte hier durch“, murmelte Teshin und deutete auf den dunklen Raum. Iliana entdeckte feuchte Wände und vergitterte Öffnungen, aus denen trübes Wasser in Richtung des weit unter ihnen gelegenen Erdbodens floss. Die Kammer wirkte wie ein Kanal.

„Können wir zu einer dieser Öffnungen gelangen?“, fragte Esben von hinten. „Wenn wir das Gitter abnehmen …“

Teshin schnaubte. „Das mach mir bitte vor! Die Treppe endet hier, mitten im Raum! Hier ist kein Boden, keine Brücke, nichts! Wie sollen wir bitte zu den Öffnungen kommen?“ Wie zum Beweis vollführte er einen Schwenk mit Murakama.

Ilianas Herz sank. Teshin behielt recht. Vor ihnen erstreckte sich nur Luft. Der Boden musste viele Meter weiter unten sein. Sie hatten keine Chance.

„Lassen wir davon ab“, entschied Halgin schließlich. „Ich kann vielleicht auf diesem Wege entkommen, aber selbst das ist nicht sicher. Ich fühle etwas Böses hinter diesen Gittern. Wenn hier dereinst ein Ausgang zu finden war, ist er seit langer Zeit versiegelt und versteckt.“

„Jemand wollte sicherstellen, dass niemand hier rauskommt“, knurrte Teshin und deutete auf die Treppe. Iliana spähte ein weiteres Mal übder den Rand der Stufen. Schwindel ergriff sie, als sie hinab ins trübe Wasser spähte. Täuschte sie sich oder kräuselte ein dunkler Schatten die ruhige Oberfläche?

„Gehen wir zurück“, sagte Halgin. „Und machen wir uns zum Kampfe bereit. Der andere Gang führt zweifelsohne an einen bösen Ort.“

Kaum zurück in der Halle, führte Teshin sie durch das zweite Portal. Ilianas Herz klopfte heftig, als ihr die Wandzeichnung in den Sinn kam. Selbst Halgin wirkte beunruhigt. Er flatterte nervös mit den Flügeln und beugte sich auf ihrer Schulter weit vor, bis sein Schnabel beinahe Teshins Nacken berührte. Der Söldner hielt Murakama vor sich, dessen blauer Schein Stück für Stück die Finsternis zurückdrängte. Kurz dachte Iliana, erneut eine Bewegung wahrzunehmen. Doch als sie sich umwandte, sah sie nur Esben, der schützend den aufgeschlagenen Folianten vor sich hielt. Er würde die Gefahr doch spüren, oder nicht?

Im nächsten Moment offenbarte sich vor ihnen die Hölle.

Sie betraten eine Halle, ähnlich der ersten, von deren Decke edle Kronleuchter hingen. Sie schienen die restliche Einrichtung mit ihrem einladenden Licht zu verspotten.

An den Wänden reihten sich niedrige Gefängniszellen, kaum höher als Iliana. Seltsame Gerätschaften aus schwarzem Metall und mit Stacheln bewährte Fesseln umschlossen verblichene Knochen und verkrümmtes Fleisch. Iliana trat entsetzt näher. Zweifelsohne handelte es sich um die sterblichen Überreste von Menschen. Der Verwesungsgeruch ließ darauf schließen, dass manche von ihnen erst vor kurzer Zeit den Tod gefunden hatten.

Bevor sie es verhindern konnte, verschleierten Tränen ihren Blick. Sie biss die Zähne zusammen und kämpfte den Drang nieder, sich in eine Stille Ecke zu begeben und allem Schmerz freien Lauf zu lassen.

„Was ist das hier?“, fragte sie leise.

Kurz breitete sich Schweigen aus. Teshin umklammerte Murakama fester. Ungläubiger Zorn erfüllte seine Augen. „Das kann nicht sein“, flüsterte er nur.

Halgin stieß sich von ihrer Schulter ab und betrachtete betrübt die Leichen. „Was wir hier sehen, ist die wahre Dunkelheit Hornheims. Solchen Taten wohnt nichts Menschliches mehr inne. Das hier ist das Werk eines Dämons.“

„Aber warum?“ Iliana konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme sich überschlug. Ihr Blick fiel auf die verwesenden Überreste einer Frau. Sie stellte sich vor, wochenlang in dieser engen Zelle gefangen zu sein, gefesselt und auf diese grässlichen Geräte gespannt, von Schmerz betäubt und immer wieder gezwungen, das Gelächter eines Dämons zu vernehmen, der sich an ihren Schreien ergötzte … allein der Gedanke raubte ihr alle Kraft. Iliana sank auf die Knie.

„Dämonen sind keine Menschen.“ Teshins Stimme wirkte dunkel und seine zu Schlitzen verengten Augen glitzerten abgrundtief. Blaues Feuer schien sich wie ein Mantel um ihn zu legen. „Ihr einziger Daseinszweck ist es, Leid zu verbreiten. Sie kennen keine Gnade, keine Liebe. Inquisitoren kämpfen wenigstens noch für eine Sache. Dämonen sind lediglich Peiniger.“ Er spuckte aus. „Gehen wir weiter.“

Iliana musterte ihn entsetzt. Sein jetziger Blick ähnelte weit eher dem Schwertdämon, der das Dorf angegriffen hatte. Doch konnte sie es ihm verübeln? Auch in ihr erwuchs Zorn. Welche Art von Mensch würde ein solcher Anblick auch ungerührt lassen? Welche Art von Mensch würde nicht den Wunsch nach Gerechtigkeit verspüren? Auch wenn der Hass sie lichterloh verzehrte, er verlieh ihr Stärke. Lieber übte sie wutentbrannt Rache, als sich betrübt zurückzuziehen und solches Leid schlichtweg zu akzeptieren.

Iliana erhob sich entschlossen. Ihr Herz verkrampfte sich beim Anblick der Frau. Wie lange sie wohl tot war? Welche Träume und Hoffnungen sie wohl vor ihrem Dasein in den Verliesen Hornheims gehegt hatte? Sie würde es nie erfahren. Iliana wandte sich ab.

Esben murmelte ein Gebet. Trauer furchte seine Miene. Iliana hob den Bogen. Er war der einzige Gott, auf den sie nun vertraute.

Teshin entdeckte einen weiteren Gang, der tiefer ins wahre Hornheim führte. Bevor sie über die Schwelle gingen, sah er sie der Reihe nach an, ein kaltes Feuer loderte in seinen Augen. Dann brachen sie auf. Der Korridor war eng und die Stufen führten abwärts. Gestank verpestete die ungewöhnlich warme Luft. Ein einzelner Schweißtropfen löste sich aus Ilianas Haaren und fand den Weg zwischen ihre Schulterblätter.

Teshin trat vorsichtig auf, offenbar rechnete er mit Fallen. Plötzlich hielt er an und hob einen Finger. Ein gedämpfter Hilfeschrei gellte durch den Gang. Iliana erstarrte. Das Bild der toten Frau erschien vor ihrem inneren Auge.

„Ich fühle eine Präsenz“, verkündete Halgin angespannt. „Ein Dämon. Um die nächste Biegung.“

Ilianas Herz vollführte einen Satz, als der Gang einen Knick vollführte und sie vor einer schweren Eisentür standen. Fünf Schlösser in der Form eines Sterns waren darauf angebracht. Ein weiterer Schrei gellte. Iliana umklammerte ihren Bogen fester und spannte die Sehne. Kein Zweifel, die Person befand sich hinter der Tür.

„Ich kann sie öffnen, glaube ich“, sagte Halgin und flatterte näher. „Vielleicht …“

Bevor der König weitersprechen konnte, hob Teshin Murakama. Ein blauer Blitz blendete Iliana. Im nächsten Moment ertönte ein Knacken und Rauch stob aus den gewaltsam geöffneten Schlössern. Die Schreie verstummten.

Halgin sah Teshin vorwurfsvoll an, doch der Söldner machte sich bereits am Tor zu schaffen. Iliana stellte sich neben ihm und gemeinsam stemmten sie sich mit den Schultern gegen das rostige Eisen. Ein langgezogenes, protestierendes Quietschen marterte ihre Ohren, als die Tür aufschwang. Teshin hob Murakama und begab sich in die Kammer dahinter. Iliana folgte ihm mit erhobenem Bogen. Eine Mischung aus Zorn, Grauen und Angst setzte ihr Innerstes in Brand.

Die hintere Hälfte des Raumes lag in vollkommener Dunkelheit. Iliana erspähte nur eine Frau in weißen Gewändern, hinter der mehrere rötliche Augen durch die Finsternis stachen wie blutige Dolche. Im nächsten Moment ertönte ein weiterer Schrei, diesmal voller Triumph. Die Eisentür fiel mit einem Knall zu und ein flammendes Siegel bildete sich auf der rostigen Oberfläche. Iliana fuhr zusammen. Sie waren getrennt!

„Eine Falle“, flüsterte Teshin. Im nächsten Moment schob sich ein wahrhaft grauenvoller Körper aus der Finsternis.

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Gottes Hammer XII

„Medardus?“, wiederholte Halgin überrascht. Iliana umklammerte ihren Bogen so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Wie konnte das sein? Hilfesuchend sah sie vom einen zum anderen. Esben wirkte hilflos, Halgin erstarrt wie eine Statue und aus Teshins Augen starrte ihr Zorn entgegen.

Ebenso hatte Ilianas Gesicht ausgesehen, als sie sich nach der Verbrennung ihrer Mutter in einer Pfütze betrachtete.

Einen Moment lang regierte Stille die Kammer, bis Halgin entschlossen das Wort ergriff. „Es ist mir zutiefst rätselhaft, wie dieser Inquisitor in solch kurzer Zeit von Aminas hierhergelangen konnte. Dennoch, wir dürfen keine Zeit mit Erklärungsversuchen verschwenden. Es steht wohl außer Frage, dass er von uns weiß, sonst wäre er nicht mit einem solchen Aufgebot auf dem Weg hierher. Wir müssen eine Strategie erarbeiten.“ Kurz atmete er durch. „Aus welchen Einheiten besteht das Heer?“

Esben strich sich mit seiner zitternden Hand Schweiß von der Stirn. „Ausnahmslos berittene Männer in schweren Rüstungen, etwa fünfhundert Mann, denke ich. Sie alle tragen die Abzeichen der Tempelsöhne.“

Es war, als hätte er ein Wort der Macht gesprochen. „Ein Heer aus Rittern?“, fragte Teshin fassungslos.

Iliana sah ihn überrascht an. „Ist das nicht normal?“

Teshin schüttelte angespannt den Kopf. „Nein. Die Denomination verfügt nur über wenige geistliche Ritter. Sie alle durchlaufen eine harte Ausbildung, wodurch sie zu ausgezeichneten Magiern werden. Die Tempelsöhne sind die absolute Elite unter ihnen. Als im großen Krieg vor ein paar Jahren der Herzog von Aminas eine große Kirche plündern wollte, hielten zehn Tempelsöhne seine ganze Armee auf. Die bestand aus fünftausend Mann.“

Iliana fasste sich benommen an den Kopf. Sie konnte solche Stärke kaum erfassen. „Aber … ich wurde doch auch von Tempelsöhnen gefangen genommen! Du hast sie besiegt!“

Teshin lachte freudlos. Der Laut ließ Iliana erschaudern.

„Ich hatte das Überraschungsmoment auf meiner Seite“, erwiderte er. „Außerdem waren die vier in der Kutsche nur Anwärter. Und selbst die hätten mich wahrscheinlich überwältigt, wenn sie vorbereitet gewesen wären.“ Er sah Iliana direkt in die Augen. „Fünfhundert Mann auf einem Feldzug können wir nicht überraschen. Wir sind nur zu viert, außerdem sind das keine Narren. Sie wissen, dass sie nach Hornheim reiten. Sie werden wachsam bleiben.“

Halgin nickte zustimmend. „Wann werden sie hier sein, Esben?“

Der gefallene Priester riskierte einen weiteren Blick. „Sie kommen in unsere Richtung, aber noch sind sie im Wald. Wenn wir jetzt fliehen, könnten wir vielleicht entkommen!“

„Fliehen?“, fragte Teshin und lachte. „Das wird nicht funktionieren!“

Esbens Augen glommen hoffnungsvoll im roten Licht. „Warum nicht? Mithilfe der Navali …“

Teshin schüttelte den Kopf. „Denk bitte nach, Esben. Ein Heer aus Tempelsöhnen steht nicht zufällig vor unserer Haustür. Ich bin mir fast völlig sicher, dass Medardus unseretwegen gekommen ist. Ich bin mir ebenfalls sicher, dass er Androgs Halle kennt. Sonst würde er nicht so schnell in diese Richtung ziehen.“

Ilianas Herz sank gen Boden, als Halgin entmutigt nickte.

„Ich fürchte, er behält recht. Noch weiß ich nicht, wer sie ersonnen hat, aber dies war eine Falle und wir sind hineingetappt. Im Wald würden wir ihm in die Arme laufen und in Hornheims Ödnis kann man sich nicht verstecken. Unsere einzige Hoffnung ruht auf dem Gang vor dem Haupttor.“

Der Hoffnungsschimmer in Esbens Blick erstarb. „Ihr meint, wir sollen den Gang verbarrikadieren? Womit?“

„Mit uns selbst.“ Halgin flatterte energisch mit den Flügeln. „In ihren schweren Rüstungen können die Ritter höchstens jeweils zu zweit nebeneinander durch den Gang marschieren. Wenn wir alle vier gemeinsam kämpfen, könnten wir einige von ihnen aufhalten.“

Teshin lachte erneut. „Diese Strategie haben die zehn Tempelsöhne beim Heer des Herzogs angewandt und sie hatten Erfolg. Aber wisst Ihr was, Majestät? Das funktioniert nur bei Armeen, die durch schiere Masse siegen. In einem engen Gang können sie diesen Vorteil nicht ausspielen und werden der Reihe nach niedergemacht. Aber wir haben es hier nicht mit einfachen Soldaten zu tun, wie die im Heer des Herzogs. Das hier sind Tempelsöhne. Jeder von ihnen beherrscht heilige Magie und wäre uns wahrscheinlich ebenbürtig. Wir können vielleicht ein paar von ihnen mit in den Tod nehmen, aber wie viele sollen das sein? Vier? Zehn? Sechzehn? Am Ende wird uns die Erschöpfung überwältigen, während der Feind immer wieder zwei neue, ausgeruhte Gegner gegen uns ins Feld schickt. Und eine Sache habt Ihr noch übersehen.“ Teshin winkte sie zurück in die Halle. Kaum standen sie auf der Galerie an der linken Wand, deutete er auf den Eingang. „Der Gang vom Haupttor zu Androgs Halle ist abfallend. Die Ritter werden folglich über uns stehen und daher im Vorteil sein. So haben wir keine Chance.“

„Dennoch wäre es ein ehrenhaftes Ende“, erwiderte Halgin. Iliana schluckte angsterfüllt. Täuschte sie sich oder schwang tatsächlich Furcht in der Stimme des Königs mit?

Teshin schnaubte. „Majestät, vergebt mir, aber wollt Ihr unsinnig morden? Euer Heldentod würde nichts Gutes bewirken, im Gegenteil. Wenn wir uns wehren, erregen wir nur den Zorn des Gegners. Wir würden sinnlos Blut vergießen, sinnlos gute und schlechte Männer gleichermaßen in einer verlorenen Schlacht töten. Wenn wir uns ergeben, erregen wir vielleicht eher ihre Gnade.“

„Dir geht es also nur um dein Leben, Angnaur!“, fauchte Halgin ungehalten. „Hast du nicht selbst gesagt, der Inquisitor habe Grund genug, jeden von uns zu verbrennen? Was nützt dir diese Torheit?“

Teshin blieb ruhig. Ein Hauch von Melancholie schlich sich in seine Stimme. „Mir geht es um Iliana.“

Stille breitete sich aus. Iliana sah Teshin überrascht an. Gleichzeitig regte sich Trotz in ihrem Innersten. „Ich will mich nicht ergeben!“, brauste sie auf. Zu lebendig waren die Erinnerungen an Arinhilds Tod. Lieber wollte sie durch ein Schwert sterben als auf dem Scheiterhaufen.

Teshin beachtete sie nicht, sondern fixierte Halgin. „Denkt nach, Was, wenn wir Iliana fesseln und so tun, als wäre sie unsere Gefangene? Wir lassen die Ritter hereinkommen und erwarten sie in Androgs Halle. Wir werden so tun, als hätten sie uns überrascht. Uns drei werden sie wahrscheinlich töten, aber Iliana könnte überleben, indem sie ihr Mitleid erregt. Ein solches Heer wird nicht wegen einer entflohenen Hexe ausgeschickt. Sie hätte gute Chancen, nicht erkannt zu werden und vielleicht sogar Hilfe zu erhalten. So könntet Ihr Euren Eid erfüllen und auch im Kampf sterben, wenn Ihr das unbedingt wollt. Wäre das nicht ehrenhafter?“

Iliana musste an Medardus denken. Würde er sie erkennen? Sie starrte Halgin hilfesuchend an, doch die Miene des Königs war nicht zu deuten. Schweigend betrachtete er Teshins Gesicht.

Iliana biss die Zähne zusammen. Ihr ganzer Körper bebte und erst im nächsten Moment wurde ihr bewusst, dass sie in Tränen auszubrechen drohte. Medardus hatte ihr einst alles geraubt, nun würde er es wieder tun. Halgin, ihr König, ihr heimlicher Verbündeter und Beschützer … sie wollte, sie konnte ihn nicht auch noch verlieren.

Teshin bemerkte ihre Trauer. „Du wirst leben“, sprach er überraschend sanft. „Du musst, hörst du? Ich werde Medardus herausfordern und vielleicht kann ich ihn in meinen letzten Momenten dazubringen, Saskias Aufenthaltsort zu nennen. Vorausgesetzt, er kann seine Stimme wirklich außerhalb eines Heiligtums einsetzen.“ Seine blauen Augen glitzerten. „Falls er es tut – bitte such nach ihr. Bitte sag ihr, was geschehen ist.“

Iliana konnte nur nicken. Eisige Klauen gruben sich in ihr gepeinigtes Herz. Teshin wandte sich ab und lockerte Murakama in der Scheide. Seine Hände zitterten leicht, als sich seine Finger um den verzierten Griff der Waffe schlossen.

„Es gibt noch eine andere Möglichkeit“, sagte Esben unvermittelt und deutete auf die drei versiegelten Portale in der gegenüberliegenden Wand. „Können wir das Siegel brechen, Majestät?“

Ilianas Blick flog zu den drei gewaltigen Toren. Ein Hoffnungsschimmer regte sich in ihrer Brust. Kurz breitete sich überraschtes Schweigen aus, dann schüttelte Halgin fassungslos den Kopf. „Wenn wir unsere Kräfte vereinen, dann hege ich daran keinen Zweifel. Doch weißt du, wohin dieser Weg führt? In tiefste Finsternis, ins wahre Hornheim!“

„Dort hausen Dämonen, ich weiß.“ Esben hielt sein Buch hoch. Die Augen der Fratze glitzerten hell. „Aber hier drin steht eine Anleitung, wie ich Dämonen an mich binden kann. Es ist ein schreckliches Ritual … aber es verschafft uns einen Vorteil, den wir gegen die Tempelsöhne nicht haben.“ Er sah in die Runde. „Wir müssten dort nur solange ausharren, bis das Heer wieder abgezogen ist.“

Halgin wirkte entsetzt, doch Teshin nickte. Seine ernste Mine konnte die Erleichterung in seiner Stimme nicht verbergen. Offenbar war er für den Tod doch noch nicht bereit. „Auch wenn ich so die Wahrheit nicht erfahre, ich bin dabei. Los, brechen wir das Siegel!“

Esben wandte sich ab. „Ich habe nicht weit von hier eine Vorratskammer angelegt. Brecht ihr beide bitte das Siegel, Iliana und ich holen einige Nahrungsmittel. Wer weiß, wie lange Medardus Androgs Halle besetzt halten wird.“

Noch ehe Iliana eine eigene Entscheidung treffen konnte, hastete sie bereits Esben nach. Der gefallene Priester führte sie eine steinerne Treppe hinab, an einer bärtigen Statue vorbei, die sich schwach regte. In der Kammer fanden sie zwei Taschen und füllten sie mit verschiedensten Früchten und mit Gemüse. Esben hatte gut vorausgeplant.

Kaum kehrten sie in Androgs Halle zurück, empfing sie ein heller Lichtblitz. Iliana bedeckte geblendet die Augen. Halgins Magie glich einem Mantel aus reinem Licht, der ihn bedeckte. Schon zeigten sich Risse im Stein. Iliana betrachtete die Fratze über dem zugemauerten Tor. Es war die mit den kalten Zügen.

Einen Moment später brach die Barriere zusammen. Sofort entströmte ungewöhnlich warme Luft dem Gang dahinter. Verwesungsgeruch stieg Iliana in die Nase und ließ ihren Körper erbeben. Das Gefühl, eine von göttlicher Kraft gezogene Schwelle zu übertreten, machte sich in ihr breit.

„Geht voran“, orderte Halgin. „Ich baue die Barriere hinter uns wieder auf.“

Teshin winkte ihnen energisch und durchschritt als erster das Portal. Iliana atmete tief durch und stürzte sich nach ihm in die Finsternis.

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Gottes Hammer XI

Iliana atmete erleichtert auf, als sie Androgs Halle erreichte. Esben hatte ein altes Deckenlicht entzündet, dass unzählige Meter über ihren Köpfen silbriges Licht verströmte. Halgin meinte, die Runen um den magischen Gegenstand bedeuteten soviel wie „Vater Sonne“. Zu seiner Zeit beteten die Menschen Himmelskörper als Götter an. Offenbar stammte das Bauwerk aus der Ära des Verlorenen Reiches.

Als sie die kalten Stufen hinabstieg, fiel ihr Blick zuerst auf die drei großen Portale in der dem Eingang gegenüberliegenden Wand. Jemand hatte sie zugemauert und mächtige Schutzzauber in den Stein gewoben. Siegel prangten auf der Oberfläche und drei grässliche Fratzen aus Marmor warnten jeden neugierigen Betrachter. Dennoch ertrug Iliana lieber diesen Anblick als ein Gespräch mit Teshin zu führen.

Halgin hatte sie bereits vor dem Söldner gewarnt, doch Iliana bedurfte keiner Mahnung. Zwar war Teshin kein Monster, wie sie wohl wusste, aber er war in namenlose Dunkelheit abgeglitten, deren Hohngelächter sie nach ihrer Befreiung empfangen hatte. Niemand musste sie von Teshins Gefährlichkeit überzeugen. Sie hatte seinen Angriff als Schwertdämon miterlebt … sie würde ihn nie vergessen.

Nie hatte sie solch grimmige Genugtuung verspürt.

Iliana lebte nicht in dem kleinen Dorf Raureif, wie Halgin meist erzählte. Sie war bei einer alten Frau aufgewachsen, deren Hütte sich abseits von allen Straßen im Wald an einen gewaltigen Baum duckte. Bei ihrer Ziehmutter Arinhild.

Die Erinnerung jagte Freude und Schmerz gleichermaßen durch Ilianas Geist. Wenn sie die Augen schloss und sich konzentrierte, sah sie die verwinkelten Innenräume der schiefen Hütte vor ihrem inneren Auge, sie hörte Arinhilds stets rauchige Stimme und roch die zahlreichen Kräutersorten, die sie in Schränken und Regalen aufbewahrte. Arinhild kannte die Pflanzenwelt besser als jede andere Person und zahlreiche Dorfbewohner kamen zu ihr, um sich von Krankheiten kurieren zu lassen. Auch Iliana befreite sie von so manchem Schnupfen. Arinhild hatte ihr wahrlich vieles beigebracht. Iliana wusste, dass dieses Wissen nichts mit Magie zu tun hatte.

Dennoch konnte sie dem Volkszorn nicht Einhalt gebieten.

Vor genau vier Jahren war Raureif von einem schrecklichen Hagelsturm heimgesucht worden, der Felder verwüstete und Bäume fällte. Die Bewohner verloren Habseligkeiten oder sogar Angehörige an das Toben der Natur. Alle hatten sie Verluste zu beklagen, mit Ausnahme von Arinhild und Iliana. Der große Baum im Wald hatte ihrer kleinen Hütte genügend Schutz geboten.

Als Medardus auf Bitten des Dorfältesten kam, schloss der Inquisitor sofort auf Hexenwerk. Er beschrieb die Zauberinnen dieser Gattung als entweder alt und durchtrieben oder als jung und lustvoll. Es gab nur ein „armes altes Weib mit Kräuterkenntnissen“, dessen man habhaft werden konnte. Ihre liebe Mutter.

Iliana ließ sich auf die steinerne Treppe sinken und betrachtete eine der Fratzen. Sie befand sich über dem mittleren Portal und funkelte sie ohnmächtig an. Ein ähnlicher Blick war auch den Dorfbewohnern zuteilgeworden, als sie Arinhild zum Scheiterhaufen schleppten. Iliana zwangen sie, sich das Spektakel der Hinrichtung genau anzusehen. Medardus dachte, wenn sie sich abwandte, wäre sie ebenfalls als Hexe überführt. Doch Iliana konnte sich nicht abwenden. Der Anblick verwandelte sie in eine Statue.

Dieses Ereignis höhlte sie innerlich aus, raubte ihr jeden Teil kindlichen Glücks, der ihrer jungen Seele noch anhaftete. Nach Medardus’ Abzug fühlte sie sich nur noch mit einer Waffe sicher. Zu ihrem Glück fand Halgin sie, als einige junge Männer sie mit Stöcken aus dem Dorf jagten. Der König rettete sie nicht nur einmal vor gewalttätigen Übergriffen. Dennoch bedurfte es eines Schwertdämons, um sie aus den Fängen der Ritter zu befreien.

Iliana schluckte. Die Fratze rechts daneben funkelte sie kalt an, ohne jede menschliche Regung in den verunstalteten Zügen. Ebenso hatte Teshin sie angesehen, als er auf dem Marktplatz blutig erntete.

Ein grimmiges Lächeln legte sich auf Ilianas Gesicht. Die Ältesten, die Arinhild verurteilt hatten, die jungen Burschen und Mädchen, die vor ihrem Scheiterhaufen ausgelassen getanzt hatten – sie fielen durch Murakama. Nur wenige entkamen dem Massaker. An diesem Tag hatte Raureif die Hälfte seiner Bewohner verloren.

Obwohl Iliana nicht geflohen war, blieb sie verschont. Für die verbliebenen Dorfbewohner galt dies als Beweis für ihre Verbindung mit den Dämonen Hornheims. Es glich einem Wunder, dass sie nicht zu Tode geprügelt worden war. Vielleicht hatte die Aussicht, Iliana bei lebendigem Leib zu verbrennen, ihre Fäuste ruhig gehalten.

Iliana schluckte. Nein, sie musste Teshin sogar dankbar sein. Nicht nur für ihre Errettung, sondern auch für ihre Rache. Mehr als dieses freudlose, ergrimmte Lächeln hatte sie in den vergangenen vier Jahren nicht zustande gebracht. Die Bilder von Arinhilds Hinrichtung machten jedes Lachen unmöglich.

Iliana wandte sich von den Portalen ab. Sie sollte keine dermaßen finsteren Gedanken hegen. Sie wollte nicht werden wie Teshin. Während sie die Stufen auf der anderen Seite erklomm, zweifelte sie an der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Sie hätte Teshin nicht aufsuchen sollen. Was, wenn er nun vollkommen den Verstand verlor?

Nein, sie war ihm die Wahrheit schuldig. Auch wenn er ihr Angst einflößte, verdiente er nichtsdestotrotz, alles über seine Vergangenheit zu erfahren. Wenn sie ihm dabei helfen konnte, musste sie es tun.

Ilianas Zweifel und Erinnerungen erloschen, als sich ihre Finger um den Bogen schlossen. Sie hatte ihn auf die zweite Galerie gelegt, die gegenüber der ersten lag. Von der ersten zweigte unter anderem der Gang zur Terrasse ab, von der zweiten der zu Esbens Basis. Iliana setzte sich in Bewegung. Sollte Teshin zurückkehren, konnte er ja einfach nach ihnen rufen, falls er sie nicht finden sollte.

Dieser Gang war eben und weitaus kürzer als der andere. Nach wenigen Schritten gelangte Iliana in einen quadratischen Raum, der ebenfalls über ein magisches Deckenlicht verfügte. Inmitten der steinernen Konstruktion thronte Esben auf einem gewaltigen Ebenholzstuhl, vor ihm erhob sich ein abstruses Gebilde wie ein dämonischer Arm aus dem Boden. Auf der Spitze ruhte eine leuchtende Kugel, deren rötlicher Schein verrenkte Schatten an die Wände warf. Esben starrte konzentriert in die Tiefen der Kugel, Halgin saß auf seiner Schulter.

„Was siehst du?“, fragte der König just in dem Moment, als Iliana den Raum betrat.

Esben antwortete nicht sofort. Stattdessen kniff er die Augen zusammen und lehnte sich leicht vor. Das Licht der Kugel verlieh seinen Zügen etwas Gespenstisches.

„Noch nichts“, erwiderte er schließlich und sank erschöpft in den Stuhl. Halgin krächzte und erhob sich von seiner Schulter. Er flog zu Iliana und ließ sich vor ihr nieder.

Iliana kratzte sich fragend am Hinterkopf. „Was ist das für eine Kugel?“ In ihrer Gegenwart trat ihr kalter Schweiß auf die Stirn.

„Ein Artefakt“, erwiderte Halgin. „Mit diesem mächtigen Objekt kann Esben einen bestimmten Radius um Androgs Halle sehen. Wir rechnen damit, dass früher oder später Gesandte des Inquisitors Medardus hier auftauchen werden.“

Der Name versetzte Iliana einen Stich. „Wieso das?“

Diesmal antwortete Esben. „Vor dem Krieg hatte die Denomination mit einer heidnischen Unterorganisation zu kämpfen, die den Dämonenkönig Irodeus anbetete. Wenn die Inquisitoren solche Ketzer verhafteten, wurden sie meist auf dem Weg zur nächstgrößeren Stadt von diesen Kultisten überfallen und überwältigt. Daher arbeiteten die Inquisitoren ein System aus Außenposten und einen straffen Zeitplan aus. Jedes Kommando der zuständigen Ritter musste Vögel an alle Außenposten auf ihrem Weg schicken und ihnen somit berichten, wann sie voraussichtlich dort ankommen würden. Verspäteten sie sich, schickte der Außenposten eine Rettungseinheit, da man von einem Angriff der Kultisten ausging. Allein auf dem Weg von hier bis Aminas befinden sich zehn solcher Außenposten, die noch immer genutzt werden, obwohl der Kult des Irodeus längst zerschlagen ist. Teshin hat dich heute kurz nach Sonnenaufgang gerettet, mittags hätten die Tempelsöhne wahrscheinlich bereits den ersten Außenposten erreicht. Wir müssen also jeden Moment mit einem Suchtrupp oder einer Rettungseinheit rechnen.“

Iliana nickte beeindruckt. Sie hatte nicht gedacht, dass die Inquisition über ein solches System verfügte. „Und diese Außenposten sind alle mit Rittern und Inquisitoren besetzt?“

Esben schnaubte. „Das waren sie vielleicht einmal. Du darfst dir diese Einrichtungen nicht als uneinnehmbare Burgen vorstellen. Meistens wurden die Außenposten in Ruinen oder verlassenen Häusern eingerichtet. Einer hier ganz in der Nähe gleicht eher einem Bauernhof. Manche verfügen nur über wenige Waffen oder es sind keine Magier dort stationiert. Ich bin sicher, dass man dieses System leicht lahmlegen könnte. Aber da es den Kult nicht mehr gibt, spielt das keine große Rolle mehr. Heutzutage besteht die Hauptaufgabe der Inquisitoren in der Verfolgung von Hexen. Diese Maßnahmen werden im Allgemeinen vom Volk begrüßt.“ Bitternis schlich sich in Esbens Stimme.

Iliana nickte langsam. Sie interessierte sich mehr für die Kultisten. „Wie hat die Denomination diese Teufelsanbeter denn besiegt?“

Esben legte die Stirn in Falten. „Wenn ich mich richtig erinnere, schleuste sich ein mutiger Adeliger bei ihnen ein. Er versorgte die Denomination mit wertvollen Informationen, bis sein Verrat entdeckt wurde. Die Kultisten verwüsteten sein Gut und töteten seine Familie. Zwei Kinder entkamen angeblich. Der Adelige selbst wurde hinterrücks ermordet und sein berühmtes magisches Schwert verschwand. Aber durch diese Aktion hatten die Anhänger des Irodeus sich zu weit in die Öffentlichkeit gewagt. Ein mächtiger Inquisitor übernahm den Oberbefehl über ein Heer aus geistlichen und weltlichen Rittern, die die Schlupfwinkel der Kultisten stürmten und sie vernichteten. Einige flohen hierher nach Hornheim.“ Esben deutete in die Richtung des Ganges. „Als der Inquisitor Androgs Halle einnahm, flohen die Kultisten durch die drei Portale, die dir sicher schon aufgefallen sind. Dahinter liegen weitere Gänge, die ins wahre Hornheim führen, wo angeblich bis heute Dämonen hausen. Anstatt sie zu verfolgen, versiegelte der Inquisitor die Gänge. Was mit den Kultisten geschah, weiß niemand.“

Iliana erschauderte. „Das klingt wie eine Gespenstergeschichte! Musstest du mir das jetzt am Abend erzählen?“

Esben lachte. Der Laut klang fremdartig in dem dunklen Gewölbe. Dennoch fühlte sich Iliana dadurch seltsam befreit.

Halgin legte den Kopf schief und schlug mit den Flügeln. „Dieses magische Schwert, das dem Adeligen gehörte … das hieß nicht etwa Murakama?“

Iliana sah Halgin verwirrt an. „Wie Teshins Klinge?“

Esben schüttelte den Kopf. „Man nannte die Waffe Megingjormar. Das bedeutet „Heilsbringer“ in der Alten Sprache.“

Halgin nickte. Seine Augen glitzerten. „Das ist mir wohl bekannt. Nur gab es neben der hohen Alten Sprache in südlicheren Gebieten einige Dialekte, von denen heute nur noch wenige bekannt sind. Das Wort Meging wird in dieser Variation als Mura ausgesprochen, Jormar als Kama. Ich weiß nicht, woher Teshin es weiß, doch so interpretiert heißt die Klinge Murakama.“

Iliana starrte Halgin fassungslos an. Bevor sie ihre Schlüsse ziehen konnte, hallte Applaus durch den Raum. Iliana fuhr herum. Teshin lehnte im Eingang, sein blauer Blick ruhte auf Halgin. „Wie ich sehe, versucht Ihr, meine Geheimnisse zu lüften, Majestät. Das nenne ich nicht besonders ehrenhaft.“

Ein Blitz durchfuhr Halgins schwarze Augen. Als er sprach, klang seine Stimme beinahe bedrohlich. „Eines Königs erste Pflicht ist es, sein Volk zu schützen. Man kann das Volk jedoch nicht vor dem beschützen, was man nicht kennt. Du hast mir den Lehenseid verweigert, mir deinen wahren Namen nicht genannt und meine Fragen nur ausweichend beantwortet. Ich kann dich weder als Freund noch als Feind bezeichnen. Also muss ich Informationen sammeln, um deine Rolle in diesem Spiel zu durchschauen.“

Teshins Augen funkelten gefährlich. „Ich bin nicht der einzige, der Geheimnisse hat. Iliana wollte mir von ihrer Vergangenheit ebenfalls nichts berichten und Ihr habt vor mir die wichtigste Information überhaupt verheimlicht!“

Ilianas Herz vollführte einen angstvollen Satz. Er konnte nur ihren Hinweis meinen.

Halgin wirkte verwirrt. „Wovon sprichst du, Angnaur?“

Teshin trat einen Schritt auf ihn zu. Iliana erinnerte sich an die Ritter und wich instinktiv zurück. Würde es zum Kampf kommen? Sie hätte ihm nichts verraten sollen! Ängstlich umklammerte sie den Bogen. Teshins Worte spukten durch ihre Gedanken.

Ich verstehe, dass du Angst hast.

Sie fürchtete nicht Teshin selbst. Sie fürchtete den Wahnsinn, der von ihm ausging und sie gleichermaßen zu verschlingen drohte. Teshin verhieß Blut und Rache. Egal, wer er vorgab zu sein, für sie würde er immer der Angnaur, der Schwertdämon bleiben.

Teshin holte tief Luft. „Wann gedachtet Ihr, mir von den besonderen Eigenschaften jener zu berichten, die Eure Stimme zu hören vermögen? Nur diejenigen, die einen geliebten Menschen vor ihren Augen sterben sahen, ist das richtig?“

Einen Moment lang starrte Halgin ihn nur an. Esben wirkte überrascht und erhob sich vom Stuhl.

Kurz legte sich Stille über sie. Dann begann der König zögerlich zu sprechen.

„Deine Definition ist nicht völlig zutreffend. Nur diejenigen, vor deren Augen ein geliebter Mensch getötet wurde, können meine Stimme hören. So lautete der Fluch, der über mich gesprochen wurde.“ Er brach ab. Esben sank zurück auf den Stuhl, die Augen von Entsetzen geweitet. Iliana umklammerte den Bogen fester. Das rote Licht der Kugel verunstaltete Teshins Züge und verlieh ihm etwas Raubtierhaftes.

„Ich wollte dir deine Hoffnung nicht rauben“, fuhr Halgin schließlich fort. „Ein geliebter Mensch … wer weiß schon, wem man diesen Titel verleihen kann und wem nicht? Wenn ein Kind der Hinrichtung einer ihm bekannten Person beiwohnt, kann das oftmals ausreichen, ohne dass es diese Person als geliebt bezeichnen würde.“ Iliana fuhr bei diesen Worten zusammen. Schmerz durchzuckte sie wie ein Kugelblitz. Erneut loderten die Flammen vor ihrem inneren Auge.

Halgin blieb ihre Reaktion nicht verborgen. „Verzeih, mein Kind“, sagte er sanft. „Damit wollte ich nicht auf deine Ziehmutter anspielen. Natürlich hast du sie innig geliebt und hättest genau das auch gesagt.“

Teshin wirkte verwirrt, schwieg aber dankbarerweise. Die Bitternis jedoch verschwand nicht aus seinem Blick.

„Dennoch“, knurrte er mit unheilsschwangerer Stimme. „Ihr hättet …“

Ein Aufschrei schnitt ihm das Wort ab. Esben war erneut aufgesprungen, den fassungslosen Blick auf die Kugel gerichtet. Erschrocken starrte Iliana ihn an.

„Lasst den Streit!“, rief der gefallene Priester und verlor sich in hektischer Gestik. „Ein Heer! Ein Heer nähert sich Androgs Halle!“

Sofort stürzten sie zu Esben. Iliana sah die Kugel an, doch sie erblickte nur rötlich schimmernden Rauch. Halgin landete auf ihrer Schulter. Er schien ebenfalls nicht mehr zu entdecken. Teshin starrte das Artefakt mit fragend gerunzelter Stirn an, schien seinen Verwendungszweck jedoch sofort zu durchschauen. Ob er ein solches Instrument vielleicht sogar schon einmal gesehen hatte?

„Beruhige dich, Esben!“, rief er bestimmt. „Was für ein Heer? Wer führt es an?“

Esben atmete schwer, als er zögernd antwortete. Der Name glich einem Dolchstoß in Ilianas Herz. „Medardus.“

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Gottes Hammer X

„Ich habe es befürchtet“, murmelte Esben besorgt. „Von diesem Mädchen ging eine kaum zu beschreibende Aura aus, die mich zutiefst verunsicherte. Es würde mich nicht wundern, wenn mehr dahintersteckt.“

„Moment!“, ergriff Iliana das Wort. Sie wirkte verwirrt. „Heißt das, dieses Mädchen ist der Dämon?“

Teshin nickte, doch sie schien nicht überzeugt. Auch Halgin teilte Bedenken.

„Ich habe in meinem langen Leben bereits gegen Dämonen gefochten“, erwiderte er mit ruhiger Stimme. „Sie alle waren grässlich deformierte Wesen, manche geflügelt, andere nicht. So oder so, wenn ein Dämon seine wahre Gestalt annimmt, erblickt man wahren Schrecken. Ein einfaches Mädchen erscheint mir hier fehl am Platz.“

„Vielleicht war es ja nicht seine wahre Gestalt?“, hielt Teshin dagegen.

Halgin schüttelte den Kopf. „Du und Saskia, ihr habt gegen den Inquisitor gekämpft. Meiner Theorie nach zu urteilen handelte es sich bei ihm ebenfalls schon um den Dämon. Nachdem ihr ihn besiegt hattet, hätte er seine wahre Gestalt annehmen müssen.“

„Das Mädchen also muss die wahre Gestalt gewesen sein. Falls es sich um einen Dämon handelt.“ Esben sah in die Runde, so als suchte er Bestätigung.

Teshin legte den Kopf schief. „Ich habe da eine kurze Frage. Können sich Menschen mit Dämonen paaren?“

Halgin setzte zu einer Antwort an, brach jedoch ab, wechselte einen Blick mit Esben und setzte erneut an. Schließlich räusperte er sich vielsagend und stieß ein frustriertes Krächzen aus.

„Ich weiß es nicht“, gestand er. „Mir ist nichts bekannt, was dagegenspräche.“

Teshin nickte. „Was, wenn dieses Wesen eine Art … Halbdämon ist?“

„Eine gewagte Theorie“, erwiderte Esben. „Hast du dafür auch irgendwelche Hinweise oder verlässt du dich nur auf deine Intuition?“

Teshin lächelte freudlos. „Was meinst du?“

„Genug.“ Halgin flatterte energisch mit den Flügeln. „Solcherlei Theorien können wir später aufstellen. Erst müssen wir unser weiteres Vorgehen bestimmen. Ich denke, uns allen ist daran gelegen, das Geheimnis um dieses Mädchen und um Gottes Hammer zu lüften. Formen wir also eine Allianz gegen die Händel der Inquisitoren!“

„Ich weiß nicht“, gab Esben zu bedenken. „Die Inquisitoren stehen unter dem Schutz der Denomination. Sollen wir sie uns wirklich zum Feind machen?“

„Haben wir das nicht schon längst getan?“, fragte Teshin. „Ich meine, denkt doch mal nach. Ein heidnischer König, eine verurteilte Hexe, ein Priester mit verbotener Magie und ein Schwertdämon ohne Erinnerungen gelten im Normalfall nicht unbedingt als fromme Gläubige. Medardus hätte Grund genug, jeden einzelnen von uns zu verbrennen.“

Esben nickte zustimmend, doch Trauer verhüllte seinen schwermütigen Blick. Offenbar streubte sich sein Innerstes trotz allem gegen diesen Abfall von der Kirche, der er sein ganzes Leben lang gedient hatte.

„In diesem Fall möchte ich einen Vorschlag machen.“ Halgin flatterte erneut mit den Flügeln. „Teshin, Esben, wie wäre es, wenn ihr mir den Lehenseid schwören würdet?“

„Den Lehenseid?“, fragte Teshin verblüfft. „Ich dachte, ihr wolltet keine Zeit mit überflüssigen Gesprächen verschwenden? Oder sind wir nicht schon längst Verbündete?“

Halgin stieß einen Laut aus, der am ehesten noch als Schnauben bezeichnet werden konnte.

„Ich spreche auch nicht von einem normalen Lehenseid. Wenn ihr beide euch an mich bindet, kann ich meine Magie mit euch teilen und euch stets zu Hilfe kommen, gleichgültig, wo ihr euch aufhaltet. Angesichts der Schwere unseres Vorhabens halte ich es für recht und billig, unsere Kräfte zu vereinen.“

„Davon habe ich gelesen!“, rief Esben erregt. „Die Könige des Verlorenen Reichs pflegten ihre Untertanen so an sich zu binden, richtig?“

Halgin nickte schwermütig. „Heutzutage besteht der Lehenseid nur noch aus leeren Worten, doch zu meiner Zeit diente er zur wahren Vereinigung der Macht von Herr und Untertan.“

„Ich bin einverstanden.“ Esben kniete vor Halgin nieder. Offenbar wusste er besser als Teshin, wie er sich bei dieser Zeremonie zu verhalten hatte.

Teshin fiel kein Grund ein, Halgin seinen Wunsch abzuschlagen. Er tat es Esben nach und verneigte sich vor dem verzauberten König

Halgin hob würdevoll den Kopf. „Priester Esben, bist du willens und fähig, als Vasall in meine Dienste zu treten und einzugehen in die Reihe der ehrenwerten Fürsten des nunmehr Verlorenen Reiches?“

„Ja. Ich, Esben, bin willens und fähig, Euch zu dienen.“ Esbens Stimme hallte kraftvoller als sonst durch das Gewölbe. Kaum hatte er die Worte gesprochen, erhob sich Halgin majestätisch in die Lüfte und berührte Esbens Stirn mit einem Flügel. Mit einem Mal umhüllte goldenes Licht die beiden und Magie ging in Wellen von ihnen aus. Teshin musste geblendet die Augen schließen.

Kurze Zeit später war es vollbracht.

„Erhebe dich, Markgraf Esben.“ Halgin neigte respektvoll den Kopf. Esben erwiderte die Geste. „Mögest du mir gut dienen.“

„So schnell geht das?“, fragte Iliana erstaunt. „Kann ich nicht auch so einen Eid schwören?“

„Leider erst, wenn du volljährig bist“, antwortete Halgin. „Bis dahin bleibst du mein Mündel.“

Iliana seufzte enttäuscht. Halgin wandte sich Teshin zu. „Nun zu dir. Teshin, bist du willens und fähig, als Vasall in meine Dienste zu treten und einzugehen in die Reihe der ehrenwerten Fürsten des nunmehr Verlorenen Reiches?“

In diesem Moment spürte Teshin eine Verbindung zwischen sich und Halgin. Als er die Worte sprach, schienen Generationen von Vasallen ihm die Antwort einzuflüstern. Ihre Präsenz umgab ihn wie ein wärmender Schleier, der seine Sorgen vertrieb und ihm neue Kraft verlieh.

„Ja. Ich, Teshin, bin willens und fähig, Euch zu dienen.“

Halgin nickte, dann legte er ihm seinen Flügel auf den Kopf. Teshins Körper erschauderte und Ströme reiner Magie durchflossen seine Adern. Er fühlte sich mit tausenden Seelen verbunden, die in einer wilden Klimax herrschaftliche Gesänge anstimmten, um ihre Macht mit ihm zu teilen.

Im nächsten Moment erstarb das Gefühl abrupt. Teshin fühlte sich, als wäre er diesem Chor der Seelen gewaltsam entrissen worden. Die Magie und das Geflüster wich von ihm, kein goldenes Leuchten besiegelte den Pakt. Stattdessen landete Halgin ungelenk am Boden und musterte ihn erstaunt.

„Hat es nicht funktioniert?“, fragte Teshin leise.

„Nein. Kurz schien es, als könnte ich dich erreichen, aber im nächsten Moment …“ Halgin schüttelte den Kopf. „Du warst einfach weg. Kann es sein … dass Teshin nicht dein wahrer Name ist?“

Eiskalte Klauen zerfetzten Teshins Herz. Ein Kloß bildete sich in seinem Hals und er konnte kaum noch Luft in seine schmerzende Lunge zwingen. Seine Stimme zitterte, als er sprach.

„Wenn Ihr den Geburtsnamen meint, dann nein.“

„Das dachte ich mir.“ Halgin ließ betrübt den Kopf hängen. „Du müsstest mir eben diesen Namen nennen, um den Lehenseid leisten zu können. Aber er scheint für dich mit großem Schmerz verbunden, richtig?“

„Vollkommen richtig.“ Teshin erhob sich und wandte sich ab. „Es tut mir leid, Majestät. Unter diesen Umständen … kann ich den Eid doch nicht leisten.“ Er trat auf den Eingang zu. „Ich brauche frische Luft …“

„Einer der Seitengänge führt nach oben auf eine geschützte Terrasse. Dort müsstest du vor Dämonen sicher sein“, sagte Esben.

Teshin nickte ihm dankbar zu und erklomm die steinernen Stufen einer seitlich gelegenen Galerie. Eine Statue hob leicht den Kopf, als er an ihr vorbeiging. Ein kurzer Blick zeigte Teshin einen gepanzerten Krieger mit einem verblichenen Totenschädel unter dem marmornen Helm.

Teshin floh beinahe durch den engen Gang, bis er er endlich an die Oberfläche gelangte. Esben hatte recht behalten. Diese Terrasse würde kaum angegriffen werden. Teshin spürte mächtige Siegel in der Brüstung und Schutzzauber, die sie vor neugierigen Blicken verbargen. Erschöpft wie nach einem langen Kampf sank er zu Boden.

Er konnte nicht sagen, wie lange er reglos auf dem kalten Stein hockte. Sein bisheriges Leben schien wie eine endlose Aneinanderreihung schlecht gezeichneter Bilder an ihm vorbeizuziehen. Mit Ausnahme der letzten Monate natürlich. Immer wieder erschien Saskias Gesicht vor seinem inneren Auge, wie sie ihn stumm anlächelte. Nachdem er Murakama erhalten hatte, lachte er jahrelang nicht mehr. Erst, als er Saskia traf, konnte er wieder Witze reißen. In ihrer Gegenwart erwachte sein Humor wie der Phönix aus der Asche.

Doch nun war er wieder gestorben, hinterrücks erdolcht von diesem listigen Dämonenmädchen und von Medardus. Die schiere Last der Geheimnisse schien Teshin zu Boden zu drücken. Er verspürte das dringende Verlangen nach Schlaf, fernab von allen Gefahren und Geheimnissen. Fernab von der Bürde seines wahren Namens. Wie konnte dieses simple Wort solche Pein hervorrufen? Wie konnte es dermaßen viele Erinnerungen wecken? Teshin schlug die Hände vors Gesicht und lehnte sich erschöpft gegen die Brüstung der Terrasse. Er wollte nur noch weg von allem.

Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er Schritte vernahm. Überrascht bemerkte Teshin, dass er auf dem Boden lag. War er versehentlich eingeschlafen? Der Anblick der untergehenden Sonne bestätigte seine Vermutung. Der leuchtende Feuerball entschwand hinter den Bergen. Allein Hornheims Finsternis verweilte in der Ödnis.

Einen Moment später bemerkte er Iliana. Sie wirkte kleinlaut und verletzlich, vollkommen anders als mit dem Bogen. Sie hatte die Waffe wohl in Androgs Halle zurückgelassen.

„Hallo“, murmelte sie schlicht.

Teshin fühlte sich ausgeruhter als zuvor. Dennoch war er nicht in der Stimmung für ein Gespräch. „Hallo.“

Kurz legte sich Schweigen über sie, bis Iliana schließlich wieder das Wort ergriff. „Ich sollte dir etwas sagen. Etwas, das dir vielleicht dabei hilft, deine Erinnerungen zurückzuerlangen.“

Teshin hob missmutig den Kopf. „Meinst du etwa meinen Angriff als Schwertdämon auf dein Dorf? Danke, den musst du mir nicht erst schildern.“

Iliana schnaubte. „Hältst du mich für völlig empfindungslos?“ Offenbar hing nicht all ihr Temperament an dem Bogen. „Nein, es geht um Saskia.“

Sofort war Teshin auf den Beinen. „Was weißt du?“

Reflexartig wich Iliana einen Schritt zurück. Die Angst in ihren Augen versetzte Teshins Herzen einen Stich.

Zum ersten Mal seit langem meldete sich die Stimme in seinem Kopf wieder zu Wort.

Kein Wunder, dass sie Angst vor dir hat. Du bist bei eurer ersten Begegnung Amok gelaufen, schon vergessen?

Der hämische Unterton erzürnte Teshin, doch er kämpfte seinen Ärger nieder. Stattdessen sank er kraftlos zu Boden. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Du hast allen Grund, Angst vor mir zu haben.“

„Ich hab keine Angst!“ Das Zittern ihrer Stimme bewies das Gegenteil.

„Hast du schon einmal jemanden getötet?“, fragte Teshin.

Die eisblauen Augen funkelten ihn einen Moment lang an, dann schüttelte Iliana den Kopf.

„Es ist etwas Seltsames, weißt du? Ein Leben lang wird man mit dem Tod konfrontiert, auch im Hinblick auf Verbrecher. Ein Leben lang sieht man Helden und Mörder, die beiderseits Leben nahmen. Man kapselt sich von ihnen ab, kleidet sich in Unschuld, bewundert oder verachtet sie. Aber alles ist anders, wenn man selbst ein Leben nimmt.“ Teshin schwieg einen Moment lang, um seine Worte sacken zu lassen. „Das habe ich Saskia auch immer gesagt. Sie konnte mir natürlich nicht antworten, aber ihre Blicke waren Antwort genug. Hat man einmal ein Leben genommen, bleibt man für immer ein Mörder. Man beschreitet einen Weg, auf dem es kein Zurück mehr gibt. Diebesgut kann man ersetzen, Wunden kann man behandeln … aber keine Macht der Welt ist dazu in der Lage, Tote zu erwecken. Von der Todsünde des Mordes kann sich niemand mehr freikaufen.“

Wieder eine Pause. Dann seufzte er. „Egal. Du willst dir das nicht anhören, richtig? Lieber willst du mir einfach sagen, was du zu sagen hast und wieder zu Halgin gehen, hab ich recht? Ich halte dich nicht mehr länger auf.“

Teshin konnte ihr eisblaues Funkeln nicht deuten, als Iliana zu sprechen begann. Schlich sich tatsächlich Mitleid in ihre Stimme? „Ich dachte nur, du solltest es wissen … Halgin macht keine Anstalten, es dir zu sagen, also tu ich es.“ Sie atmete tief durch, bevor sie weitersprach. „Teshin, hast du schon einmal einen geliebten Menschen sterben sehen?“

Teshins Herz setzte einen Schlag aus. „Was?“, flüsterte er entsetzt.

„Nur solche Menschen, vor deren Augen ein geliebter Mensch ermordet wurde, können Halgins Stimme hören“, fuhr Iliana leise fort. „Ich dachte nur … wegen Saskia. Selbst wenn dein Kopf es vergessen sollte, deine Seele erinnert sich.“

Und während das verlorene Mädchen schweigend den Rückweg in die dunkle Gruft antrat, zersprangen Teshins Hoffnungen wie eine filigrane Glaskugel an einem gezackten Felsen.

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Gottes Hammer IX

Unter der Kapuze der Gestalt herrschte gähnende Leere. Kein Kopf, kein Gesicht, nicht einmal die leiseste Andeutung von fester Materie. Teshin starrte die Gestalt perplex an, als der Mantel plötzlich zu Boden fiel. Die Ketten rasselten unheilvoll und der Stab zerstob zu feinem Rauch. Es war, als hätte die düstere Kreatur niemals existiert.

Im nächsten Moment stürzte ein bärtiger Mann hinter einem kleinen Hügel hervor. Er hielt ein in Leder gebundenes Buch vor sich wie einen Schutzschild und war in eine vielfach geflickte Mönchskutte gehüllt. Teshin erkannte ihn erst auf den zweiten Blick.

„Esben?“, fragte er ungläubig.

Der Priester hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Sein weiches Gesicht furchten nun harte Züge, ein Auge schien gerötet wie von aufkeimenden Tränen. Er wirkte hager und ausgezehrt, Bitternis und Gram hatten seinem Leib ihre schadhafte Schirmherrschaft aufgedrängt. Dennoch erleuchtete Freude seinen unheilsschwangeren Blick, als er Teshin sah. Er breitete in weiter Geste seine Arme aus, so als wollte er die gesamte Welt umfassen. Beinahe entglitt ihm der gewaltige Foliant.

„Teshin, mein Freund! Ich war schon in Sorge! Du hättest doch bereits vor einer Woche hier sein sollen!“

„Kennst du diesen schwarzen Hexenmeister, Angnaur?“, gab Halgin misstrauisch von sich.

„Das ist kein Hexenmeister!“, entgegnete Teshin schnell. „Er heißt Esben und war mir ein guter Verbündeter in Aminas. Er wirkt dort als Priester.“ Tatsächlich hatte er sich noch nie so gefreut, einen Menschen zu treffen. Scheinbar konnte Esben ihm Antworten liefern. An den Geistlichen gewandt fügte er hinzu: „Es tut mir leid, Esben, dass ich dich warten ließ. Du musst wissen, ich habe mein Gedächtnis verloren. Ich weiß nichts mehr bis zu dem Punkt, an dem Saskia und ich uns dem Dämon in Aminas stellten. Alles andere ist wie ausgelöscht.“

Esben starrte ihn entsetzt an. „Was? Wie kann das sein?“

Teshin seufzte resigniert und glitt mäßig elegant vom Kutschbock. Trockener Staub erhob sich in die Lüfte, als er den Boden berührte. „Ich bin an diesem Morgen im Wald erwacht, direkt neben der legendären ersten Kirche von Sankt Esben. Das letzte, woran ich mich erinnern konnte, war der Kampf gegen den Dämon.“

Esben nickte ernst. Seine Finger schlossen sich fester um das große Buch. „Dabei hatte ich gehofft, dass du mir noch einige Fragen würdest beantworten können“, flüsterte er. „Das Leben hat einen zynischen Humor.“ Er seufzte. „Das sind Themen, die wir besser nicht ungeschützt hier draußen besprechen sollten. Folge mir in dein ehemaliges Heim, dort werde ich dir alles erklären, was ich weiß.“

Teshin nickte dankbar, aber er hatte die Rechnung ohne Halgin gemacht. Der König der Navali plusterte sich zu voller Größe auf und warf Esben einen glühenden Blick zu.

„Einen Moment!“, gebot er. „Teshin und ich sind immer noch Bundesgenossen, die schworen, Hornheim zu vernichten. Ich frage Euch, Esben, steht Ihr mit jenen dunklen Mächten im Bunde, mit denen Ihr uns empfangen habt?“

Teshin sah den Priester überrascht an. „Die Kapuzengestalt war dein Werk?“

Esben nickte beschämt. Er verneigte sich tief vor Halgin, bevor er das Wort ergriff.

„Verzeiht den rauen Empfang, ich hielt Euch für einen gefährlichen Eindringling. Jedoch drohte Euch keine ernste Gefahr. Lediglich eine Ilusion hat Euch angefallen. Was Hornheim betrifft, so bin ich nur ein wandernder Gelehrter, der sich in den äußersten Ausläufern einquartiert hat. Mit den finsteren Mächten dort habe ich nichts zu schaffen.“

Halgin wirkte überrascht. „Ausläufer? Gibt es etwa mehr Tempel als nur den einen dort?“ Bei diesen Worten deutete er mit dem Schnabel auf die mächtige Ruine vor den Bergen, die am Rande der Ödnis wie ein furchteinflößendes Untier thronte.

Esben lächelte. „Bitte, folgt mir, dann wird sich so manches Rätsel lösen. Doch zuvor, seid so gut und verratet mir Euren Namen.“ Zum ersten Mal glitt sein Blick auch über Iliana, deren Finger sich fest um den geraubten Bogen schlossen.

„Ich bin Halgin, König der Navali und des Waldes zu Hornheim, Prinz des verlorenen Reiches und letzter lebender Nachfahr von König Aranos dem Himmlischen.“ Als Iliana nichts erwiderte, fügte er hinzu: „Und dies ist mein junges Mündel, das ich um jeden Preis zu schützen gedenke. Ihr Name lautet Iliana. Teshin rettete ihr das Leben, als ich versagte.“ Die letzten Worte bereiteten ihm offenbar Unbehagen.

Esben verneigte sich ein weiteres Mal. „Ich fühle mich durchaus geehrt. Erlaubt mir eine Frage, Majestät … was haltet Ihr von Hexen und von der Inquisition? Schließlich nanntet Ihr mich vor kurzem Hexenmeister.“

Halgin gab einen kaum definierbaren Laut von sich. „Ihr seid ein weiser Zuhörer, doch glaube ich nicht an bösartige Frauen und Männer aus dem Volk, die gefährliche Tränke mischen und auf Besen reiten. Ich bin mit der Magie vertraut genug, um den Aberglauben von der Realität zu trennen.“

Esben nickte zufrieden. „Diese Antwort ist eines Königs würdig. Bitte, akzeptiert meine Einladung. Ich werde Euch in ein sicheres Heim führen. Hier draußen könntet Ihr von einem wirklichen Dämon angefallen werden.“

Diesmal hatte Halgin offenbar keine Einwände mehr, obwohl sein Schweigen deutlich sein Misstrauen kundtat. Mit energischem Flügelschlagen folgte er ihnen weiter in die Ödnis. Iliana folgte in leicht geduckter Haltung, den Bogen bereit. Ein Pfeil ruhte im tödlichen Gespann.

Kaum bogen sie um den Hügel, vernahm Teshin das Klappern von Hufen. Ihre Pferde hatten wohl samt dem Wagen die Flucht ergriffen. Er konnte es ihnen nicht verübeln. Die dunkle Ausstrahlung des Ortes bereitete auch ihm Sorgen. Um sich abzulenken, begann er ein Gespräch mit Esben.

„Ich wusste nicht, dass du so ein mächtiger Magier bist. Konntest du den Trick mit der Illusion schon in Aminas?“, fragte er interessiert.

Esben schüttelte den Kopf, während er mit den Füßen den Staub von einem beinahe überdeckten Pfad trat. Sie folgten ihm tiefer in das verheerte Land. „Das habe ich in den letzten Monaten gelernt. Aber dazu später mehr. Wir sind gleich da.“

Der Weg endete abrupt an einem weiteren Hügel. Darin war ein schweres Holztor eingelassen, dass Esben mit einem gemurmelten Wort der Macht öffnete. Dahinter lag ein dunkler Gang, der abwärts führte.

Teshin hörte, wie Halgin scharf die Luft einsog. In einem engen Korridor würde ihm sein Flugfähigkeit zu keinem Vorteil gereichen.

„Keine Angst. Ich werde Euch nicht verraten“, beruhigte Esben den König. „Wenn Ihr wollt, gehe ich voran, sodass Euer Mündel mich sofort unschädlich machen kann, wenn Ihr es als notwendig empfindet.“ Dabei deutete er auf Iliana, die den Bogen unverhohlen auf ihn gerichtet hielt.

Halgin wollte sich wohl nicht der Angst zeihen lassen und nickte herrschaftlich. „So gehet voran“, orderte er mit ruhiger Stimme.

Ein weiteres Wort der Macht von Esben ließ mit einem Mal das Buch erglühen. Der Priester hob es über den Kopf. Teshin erkannte nun ein großes Gesicht, das der Autor in den kunstvollen Buchdeckel eingearbeitet hatte. Zorn und Schmerz schienen die Züge zu entstellen, das Licht kam von zwei großen Rubinen, die in den Augenhöhlen saßen. Erleichterung ergriff Teshin, als Esben den Folianten umdrehte, sodass die abscheuliche Fratze nach vorn blickte. So stiegen sie hinab in die Tiefe. Der Gang war höher als erwartet und seltsame Schriftzeichen bedeckten die gemauerten Wände. Teshin erkannte Worte der Alten Sprache, doch die meisten blieben ein Rätsel für ihn. Ihn schauderte. Diese Stätte unterschied sich auf jede nur denkbare Weise von Sankt Esbens legendärer Kirche.

Endlich erreichten sie das Ende des Ganges. Vor ihnen erstreckte sich eine gewaltige Halle, an deren Wände sich Galerien sowie Treppen und Statuen schmiegten. Zahlreiche Öffnungen verwiesen auf weitere Gänge. Teshin schluckte, als er drei gewaltige Tore auf der ihnen gegenüberliegenden Seite erkannte, die mächtige Schutzsiegel zierten. Wohin sie wohl führten?

Esben breitete die Arme aus. „Dies ist Androgs große Halle, Hornheims Vorraum sozusagen. Wie ihr alle sehen könnt, führen von hier aus viele Gänge ins Innere der Erde. Der große Tempel am Fuß der Berge ist nur der größte Ausläufer eines gewaltigen Höhlensystems.“

Teshin konnte nur nicken. Er fragte sich, ob er schon einmal hier gewesen war. Es regten sich keine Erinnerungen.

„Unglaublich!“ rief Halgin überwältigt. „Wie kann es sein, dass ich diesen Komplex nie gespürt habe? Ich fühle hier allerorts Reste uralter Magie!“

„Magie, die diesen Ort verstecken soll.“ Esben deutete auf kaum leserliche Schriftzeichen auf einer steinernen Tafel, die eine Statue mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze in die Höhe hielt. „Hier befinden sich überall Maßnahmen zur Verteidigung, jedoch sind sie alle schwach geworden. Hin und wieder regen sich noch Statuen, das sollte Euch nicht wundern. Vor Jahrtausenden dürften sie die Wächter Hornheims gewesen sein, aber die Magie hat sie beinahe vollständig verlassen. Nun sind sie ungefährlich.“ Wie als Protest hob die Statue leicht den steinernen Kopf und ein breites Grinsen wurde unter der Kapuze sichtbar. Iliana wich ängstlich zurück.

Halgin nickte stumm. Allein Teshin konnte der Anblick nicht zum Schweigen bewegen.

„Esben, was ist seit Aminas passiert? Ich muss endlich wissen, was los war!“

Esben nickte traurig. „Ich kann dir leider nur wenig verraten. Aber was ich weiß, will ich mit dir teilen.“ Langsam ließ er sich auf einem umgekippten Sockel nieder und holte tief Luft. Teshin zitterte erwartungsvoll.

„Am Tag, an dem meine Schwester verbrannt werden sollte, wurden Saskia und du vermisst“, begann er. „Jedoch nahmen wir alle an, ihr wärt in der Kirche und würdet den Dämon bekämpfen. Erst später erfuhr ich von dir, dass ihr bereits in der Nacht aufgebrochen seid. Aber wir haben nicht nach euch gesucht. Besonders ich war mit meinen Gedanken woanders. Ich habe meine Zeit beim Gebet für meine arme Schwester verbracht.“ Schatten verdunkelten seine Augen. „Als sie zum Scheiterhaufen geführt wurde und Medardus das Urteil verlesen ließ, zogen plötzlich Wolken auf, obwohl der Himmel davor noch klar war. Dann sahen wir plötzlich einen gewaltigen roten Blitz, der von der verfluchten Kirche zu stammen schien. Im nächsten Moment warst du schon auf dem Marktplatz. Du hattest rote Augen, genau wie dieses Gesicht.“ Dabei deutete er auf die düstere Verzierung des großen Buches, das in seinen Armen ruhte. „Die Menschen haben die Flucht ergriffen. Du bist herabgesprungen und hast eine Zeit lang mit Medardus gekämpft. Die Kerkerknechte rüsteten bereits zum Kampf, als er überraschend durch deine Hand starb. Ich kann mich noch genau erinnern. Er sang einen mächtigen Choral, obwohl er nicht einmal in einem Allerheiligsten stand, doch du hast ihn irgendwie … verstummen lassen, ihm die Magie geraubt. Dann starb er duch deine Hand.“

Teshin starrte Esben verwirrt an. „Aber Medardus lebt! Das weiß ich von den Rittern, die Iliana nach Aminas bringen wollten!“

Esben schien zu verstehen, was ihr wiederfahren war, doch ging er nicht darauf ein. Stattdessen nickte er kurz und seufzte.

„Ich weiß. Es ist mir selbst ein Rätsel. Nach dem Kampf haben sie seinen Leichnam sofort weggebracht. Eine Woche später hieß es überall, ein Wunder sei geschehen, Gottes Hammer sei erwacht und habe ihn wieder zum Leben erweckt. Angeblich handelt es sich dabei um eine wundertätige Person. Die Gerüchte berichten davon, Gott habe einen Heiligen entsandt, um die Welt von den Wunden des Krieges zu heilen. Mehr weiß ich auch nicht.“

Teshin nickte. Er konnte sich bei bestem Willen an keinen zweiten Kampf gegen Medardus erinnern.

Plötzlich mischte sich Iliana ein. Sie schien sofort begriffen zu haben, welches Schicksal sie mit Esbens Schwester verband. „Hat deine Schwester überlebt?“

Trauer furchte Esbens Züge, als er weitersprach. „Nein. Die Bewohner von Aminas hielten Teshin für einen Dämon und glaubten, dass er von meiner Schwester herbeigerufen worden wäre. Sie bewarfen sie mit Steinen, um sie unschädlich zu machen und schließlich entzündete der Bürgermeister eigenhändig den Scheiterhaufen.“ Esbens Augen schienen weit in die Ferne zu blicken. „Das war der eine Moment, der mich dazu bewog, Aminas zu verlassen. Ich kannte all diese Menschen. Für sie hatte ich in der Kirche gepredigt, ich habe manche von ihnen geheilt oder ihnen Trost gespendet. Vor meinen Augen verwandelten sie sich in blutrünstige Monster. Nichts konnte ihre verhärteten Herzen erweichen, weder Flehen noch Schmerzensschreie. Das ist wahre Dämonie.“ Esben schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe danach Aminas fluchtartig verlassen und mich als Wanderpriester verdingt. Eines Tages gab mir ein Totengräber dieses Buch. Er hatte es beim Ausheben eines Grabes entdeckt und verspürte große Angst vor seiner Macht, obwohl er keine magische Begabung besaß. Ich habe es an mich genommen und ihm versprochen, es zu läutern. Stattdessen habe ich es studiert.“ Der ehemalige Priester strich sanft über die kunstvoll verzierten Ränder des Folianten. „Ich hatte noch nie wirklich Talent für Magie, aber dieses Wissen kann sogar ich anwenden. Das Buch beinhaltet nämlich nicht nur Anleitungen, es ist auch eine Waffe, wie ihr gesehen habt.“ Im rötlichen Schein glitzerten seine Augen gefährlich.

Kurz breitete sich Schweigen aus, bis Teshin sich räusperte. Die Neugier überwog seine Beklommenheit.

„Was ist dann passiert? Was habe ich noch gemacht?“

Esben zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Erst vor wenigen Wochen war ich soweit, dich auf magischer Ebene zu spüren. Ich kam so schnell ich konnte hierher nach Hornheim. Hier hast du mir von deinem Kampf gegen den Dämon erzählt. Bevor ich aber mehr erfahren konnte, musstest du weg. Das war vor zwei Wochen.“ Esben seufzte. „Ein Mädchen hat dich begleitet.“

„Ein Mädchen?“, fragte Teshin verwundert. „Du sprichst nicht etwa von Saskia?“ Seine Gefährtin war zwar eine erwachsene Frau, aber vielleicht verwendete Esben nur das falsche Wort.

Esben schüttelte den Kopf. „Nein. Deine Begleiterin war jünger und zierlicher, noch jünger als Iliana hier. Ich wunderte mich ebenfalls, aber sie sprach nicht mit mir und als ich dich nach Saskia fragte, meintest du bloß, du würdest sie nun bald aufsuchen. Ihren Aufenthaltsort wolltest du mir ebenfalls nicht verraten. Dann seid ihr beide aufgebrochen, sichtlich angespannt.“

Teshin befiel eine üble Vorahnung. „Dieses Mädchen hatte nicht zufällig Hörner auf dem Kopf?“

Esben runzelte die Stirn. „Ja! Kannst du dich etwa doch erinnern? Du hast mir damals versichert, es handle sich lediglich um Körperschmuck.“

Teshin rang nach Luft. Sein Verdacht bestätigte sich. „Esben, ich glaube, ich habe dir damals nicht alles über den Kampf gegen den Dämon erzählt.“

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Gottes Hammer VIII

Teshin konnte selbst kaum fassen, was ihm hier widerfuhr.

Er saß auf einem Wagen des Militärs und lenkte ihn mit äußerst ungesunder Geschwindigkeit durch einen verfluchten Wald, neben ihm saßen eine mutmaßliche Hexe und ein König, den man in einen Vogel verwandelt hatte. Über dem Gefährt stieß eine Phalanx aus schwarzem Gefieder mit hellen Punkten durch das Dach der Nadelbäume. Lautes Krächzen verkündete das Kommen eines vergessenen Herrschers.

Halgin thronte trotz seiner geringen Größe majestätisch auf Ilianas Schulter. Das Mädchen war keinesfalls so unbedarft, wie Teshin gedacht hatte. Kaum nach ihrem kurzen Kampf war ihr ein Jagdbogen der toten Soldaten in die Hände gefallen. Ihr Umgang mit der edlen Waffe zeigte Teshin, dass sie ein solches Werkzeug nicht das erste Mal benutzte.

Kein Wunder, dass sie den Dorfbewohnern unheimlich vorkam. Teshin entsann sich der Legende einer Frau, die eine Rüstung anlegte und im Krieg anseiten von Männern für ihr Heimatland kämpfte. Sie wurde jedoch von ihrem Herrscher gefangen genommen und für diesen angeblichen Frevel hingerichtet. Die Geschichte verunsicherte Teshin als Kind dermaßen, dass er seinen Vater fragte, warum es eigentlich keine weiblichen Kriegshelden gab. Die Antwort hatte sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt:

Weil die Sitte es so verlangt!“

Teshin lächelte grimmig. Gut, dass Söldner im Normalfall nicht viel auf Sittsamkeit gaben. Saskias Bild durchzuckte seine Erinnerungen und der kalte Schmerz der Ungewissheit vergiftete seinen Verstand. Er musste sich dringend ablenken.

„Halgin!“, rief er aus Leibeskräften, um das vielfache Krächzen zu übertönen.

„Ich höre dich, Angnaur.“ Obwohl Halgin nicht laut sprach, konnte Teshin die Worte ohne Schwierigkeiten verstehen.

„Wie kommt es, dass ein mächtiger König wie Ihr schwört, einem einfachen Mädchen Schutz zu gewähren?“ Dabei glitt Teshins Blick über Iliana. Ihre eisblauen Augen funkelten gefährlich, als sie den Sinn seiner Frage erfasste. Offenbar misstraute sie ihm trotz ihrer Abmachung.

Halgin wirkte beschwingter. Er stieß ein absonderliches Lachen aus, das einen erschrockenen Specht in die Flucht schlug und Teshins Nackenhaare in starre Säulen verwandelte.

„Ich verstehe deine Neugier, doch möchte ich dir nicht jedes Geheimnis offenlegen. Diese Geschichte muss die junge Iliana selbst erzählen. Wenn sie schweigt, tue ich es ebenfalls.“ Mit einem Seitenblick versicherte sich Teshin, dass Iliana noch lange schweigen würde.

Im selben Moment stieß eines der Pferde ein bestialisches Wiehern aus, das eher an das Heulen eines Wolfsrudels erinnerte. Teshin erschauderte. Halgin hatte vor ihrem Aufbruch seltsame Worte der Macht gesprochen, die dem Gespann größere Kraft verleihen sollten. Langsam revidierte Teshin seine Meinung über die alleinige Existenz der heiligen Magie. Oder hatte Halgins Macht denselben Ursprung wie die sakrale Macht der Priester und Inquisitoren?

„Ihr seid ehrenhaft!“, nahm Teshin schließlich das Gespräch wieder auf. „Ich gebe zu, ich bin sehr beeindruckt. Die Adeligen, die ich kenne, streben in erster Linie nach Macht. Wie kommt es, dass Ihr so rechtschaffen seid?“

Diesmal lachte Halgin nicht. Stattdessen glänzte Schwermut in seinen dunklen Augen.

„Ich kann dir versichern, Angnaur, dass ich nicht immer so war. Aber nachdem ich Jahrhunderte durch die Wälder streifte und verzweifelt nach einem Beweis suchte, dass ich tief, tief im Inneren noch immer ein Mensch war, war dies meine einzige Zuflucht. Ich hatte tausend Nächte, um meine Sünden zu bereuen und weitere tausend Nächte, um von ihnen im Schlaf heimgesucht zu werden. Meine Ehre und meine Eide sind die einzigen Dinge, die mich noch vom Tier unterscheiden.“ Er seufzte schmerzerfüllt. „Aber ich denke kaum, dass ein Söldner das verstehen kann.“

Kurz breitete sich Schweigen über sie aus wie ein dunkles Tuch. Die Pferde gaben erneut dieses entsetzliche Wiehern von sich. Das Dach des Waldes verdichtete sich immer weiter und die spärlichen Lichtstrahlen fanden kaum noch den Weg zu ihren Augen. Schließlich erwiderte Teshin: „Einst kannte ich einen Mann, der ähnliche Ideale vertrat. Ich habe ihn immer bewundert, denn er schwang das mächtigste Schwert der Welt.“

„Welches?“, fragte Iliana interessiert. Kaum war die Rede von Waffen, hatte er ihre Aufmerksamkeit. Teshin klopfte auf Murakamas Scheide.

„Dies hier. Die heilige Murakama, benannt nach einer alten Stätte des Wissens und der Weisheit.“

Eine von Ilianas Augenbrauen wanderte fragend nach oben. Halgin schien ihre Auffassung zu teilen. „Hat er es dir freiwillig übergeben, Angnaur?“

Teshin seufzte. Ungewollte Erinnerungen drängten sich in sein Bewusstsein. „Ja und nein. Er war bereits tot, als ich es an mich nahm.“

„Ist er im Kampf gefallen?“, fragte Iliana.

Teshin schnaubte. „Das würde man von einem Helden erwarten, nicht wahr? Aber nein. Er wurde hinterrücks gemeuchelt von einem heimtückischen Attentäter, ohne dass er seinen Mörder auch nur zu Gesicht bekam. Das hat mich eine wichtige Lektion gelehrt.“

Halgins Augen verengten sich zu Schlitzen. „Welche?“

„Ehre schützt dich vielleicht vor dir selbst, aber nicht vor anderen.“ Teshin presste die Lippen aufeinander. Ähnliche Worte hatte er auch an Saskia gerichtet. Ihre Antwort war lediglich ein trauriges Lächeln gewesen. Teshin würde diese simple Geste nie vergessen. Dieses Lächeln hatte sie schließlich zu Partnern gemacht.

Halgin schwieg. Ilianas Interesse hingegen schien nicht abzuflauen.

„Was für ein Attentäter? Und warum hat er das Schwert nicht genommen?“, fragte sie, die Wangen durch Eifer erhitzt.

„Was hätte er damit tun sollen? Assassinen lauern in den Schatten und nutzen Armbrüste und Dolche, keine Bögen oder Schwerter.“ Dabei deutete Teshin mit dem Kinn auf Ilianas neue Waffe. Kaum bemerkte sie seinen Blick, zog sie den Bogen enger an sich. Teshin seufzte und richtete seinen Blick wieder auf den Wald vor ihnen. Die Pferde schienen ihn nicht zu brauchen. Halgins eiserner Wille zwang sie scheinbar auf den richtigen Weg.

„Außerdem war es ein politischer Mord,“ fuhr Teshin fort. „Die berühmte Waffe an sich zu nehmen, hätte nur Spuren hinterlassen.“

Iliana schüttelte verständnislos den Kopf. „Für ein magisches Schwert würde ich alles tun! Dieser Attentäter war wohl nicht ganz dicht.“

„Zügle deine Zunge, mein Kind.“ Sorge furchte Halgins Stirn. „Unser Verbündeter könnte dies als Drohung auffassen.“

„Oh!“ Zu spät erkannte Iliana den Zwiespalt ihrer Worte. „Tut mir leid!“

„Schon gut.“ Teshin wollte keinen Streit. In seiner Lage benötigte er Verbündete dringender als je zuvor. Hoffentlich fand er bald Antworten in Hornheim.

„Ihr habt mir noch immer nicht verraten, weshalb Ihr diesen Dämonentempel eigentlich vernichten wollt, Majestät.“

Halgin flatterte mit den Flügeln. „Hornheims dunkle Aura war lange Zeit nicht mehr als ein vages Flüstern am Rande meiner Gedanken. Doch seit wenigen Monden fühle ich, wie dunkle Kräfte sich dort sammeln. Es ist gewiss kein Zufall, dass du hier in diesem Wald erwacht bist, so nahe am Quell des Übels.“ Ein seltsames Lodern trat in Halgins Blick. Der König war sich offenbar immer noch sicher, dass er mit Hornheim in Verbindung stand. Teshin konnte es ihm nicht verdenken. Wenn Iliana rechtbehielt, hatte er als Dämon Menschenleben gefordert. Wie hatte er nur all die Erinnerungen daran verlieren können?

Teshin räusperte sich. „Ist es dann nicht etwas leichtsinnig, mich dorthin zu bringen? Im Moment stehe ich auf eurer Seite, aber was, wenn mich in den vergangenen Monaten etwas kontrolliert hat? Es könnte jederzeit wieder von mir Besitz ergreifen!“

Erneut erscholl Halgins Lachen. „Seit Äonen sehne ich mich nach einem würdigen Gegner. Ich versichere dir, selbst der mächtigste Schertkämpfer hätte seine Schwierigkeiten mit mir!“

Teshin behielt seine Bedenken lieber für sich. Wie wollte Halgin einem Schwertstreich denn begegnen? Mit dem Schnabel vielleicht?

Er wird ihm gar nicht begegnen. Er kann fliegen. Die höhnische Stimme hatte wieder das Wort ergriffen. Teshin verkniff sich eine Antwort. Selbstgespräche machten ihn in den Augen der anderen gewiss nicht vertrauenswürdiger. Stattdessen dachte er mit aller Kraft: „Wenn ich ernst mache, nützt ihm das auch nichts!“

Die Stimme schwieg. Teshin seufzte erneut. Wenn er in Aminas gewusst hätte, welche Hürden ihn noch erwarteten …

Plötzlich lichteten sich die Bäume und die Pferde verfielen in leichtes Traben. Halgin gab ein grässliches Wort von sich, das Teshin zusammenzucken ließ. Augenblicklich hielt das Gespann an. Teshin atmete erleichtert auf.

„Wir sind da. Sich dem Bauwerk weiter zu nähern, werde ich dir nicht gestatten.“ Halgin deutete mit dem Schnabel auf eine weitläufige Ödnis, die sich bis zu der hohen Bergkette ihnen gegenüber zog. Teshin ließ seinen Blick über das unfruchtbare Land schweifen, bis er in der Ferne Ruinen erspähte. Täuschte er sich oder drang Qualm aus den umgestürzten Türmen?

„Weckt der Anblick Erinnerungen?“, krächzte Halgin erwartungsvoll.

Teshin starrte die alten Bauwerke mit zusammengekniffenen Augen an. Er erkannte nichts von alledem wieder. „Tut mir leid …“

Weiter kam er nicht. Plötzlich fiel ein mächtiger Schatten auf sie. Teshins Hand fuhr zum Schwert. Murakamas blauer Schein erhellte die Luft, als bereits der erste Hieb auf ihn niederfuhr. Teshin stöhnte unter dem gewaltigen Angriff auf und sein Blick verschwamm leicht. Schwärze und der Geruch von Verwesung umhüllten ihn. Eine raue Stimme zischte unverständliche Sätze in einer alten Sprache. Teshin fühlte, wie ihm sämtliche Kraft entglitt.

Im nächsten Moment durchstieß ein Wort der Macht die Finsternis wie ein Pfeil. Teshin brach atemlos auf dem Kutschbock zusammen. Halgin hatte sich schützend vor ihm in die Luft erhoben. Wärme schien von seinem Gefieder auszugehen.

Zum ersten Mal konnte Teshin den Angreifer näher betrachten. Vor ihnen schwebte wie auf einem unsichtbaren Gestell eine vermummte Gestalt in schwarzen Gewändern mitten in der Luft. Ketten umschlangen den dürren Körper wie eine Rüstung. Zwei behandschuhte Hände umklammerten einen schwarzen Stab mit dornenbesetzter Spitze. Teshin hatte die furchtbare Waffe beim ersten Streich gerade noch von seinem Körper fernhalten können.

Teshin schluckte. Die dunkle Kapuze erinnerte ihn an den Attentäter, der einst sein bewundertes Idol erschlagen hatte. Wut stieg in ihm auf.

Ehe der verhüllte Angreifer erneut die Initiative ergreifen konnte, erhob sich Halgins Stimme wie Donnergrollen. Zweifelsohne hatte er nur seine Gestalt verloren, keineswegs aber seine Macht als König.

„Wer wagt es, über meinen Gefährten herzufallen wie ein gemeiner Strauchdieb? Gib dich zu erkennen, Unhold!“

Zunächst verharrte die Gestalt reglos vor ihnen in der Luft. Dann hob sie langsam eine Hand und führte sie zu der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. Ein Schwall aus Kälte umfing Teshin, als der Stoff von ihrem Kopf glitt.

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