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Monat: Februar 2020

Schwarzes Stundenglas – von Saigel

Schwarz. Schwarz sind die Hügel auf denen ich wandere, schwarz ist das Kleid, das ich trage. Schwarz sind meine Schuhe, schwarz sind meine Augen, meine Haare, meine Wimpern, meine Seele. Die Hügel verdecken mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Zu gerne wüsste ich, wann diese Wanderung ihr Ende findet. Doch hier bin ich, verdammt wie Sisyphos. Meine Schuhe graben sich mit jedem Schritt weiter in das Schwarz der Hügel, das nicht fest und auch nicht flüssig wie aufgewirbelte Nebelschwaden um mich herumwabert, mir das sagt, was ich nicht wage zu hören: „Es wird mich verschlingen“. Das Schwarz.

Ich laufe weiter. Kann noch nicht glauben, dass es alles sinnlos war, das Leben, die Liebe, das Wichtige, das was mir Sinn im Dasein gab. Meine Sturheit ist noch bei mir, so viel steht fest, denn ich möchte wissen, was nach den Hügeln kommt. Ich möchte wissen, ob sich der Weg lohnt. Ob sich gar meine Hoffnung erfüllt, sie alle wieder zu sehen. Die Farben, die mein Leben lebenswert machten.
Die Kinder, tosende bunte Kleckse, mal blau wie die Ruhe, mal rot vor Zorn und dann wieder gelb oder grün, oder wie Mischfarbe, die mal stärker in das eine und dann wieder in das andere umschlägt.
Dann Herbert. Rot wie die Liebe, aber auch rot wie die größte Wut, die ich je gespürt habe. Und Anne, so grün, wie die Eifersucht sein kann und so strahlend gelb, wie die reinste, liebste Freundschaft. Mein kleines Enkelkind, so weiß und pur, so wunderschön.
Wie kann es sein, dass ich noch immer schwarz sehe? Wie lange dauert es zu sterben?

Weiter und weiter führt dieser Weg. Seltsam weich, angenehm kühl. Dieses Schwarz, es ist undurchdringlich. Dennoch ängstigt es mich nicht. Vor mir sehe ich den Treibsand, irgendwo führt auch er hin. Er rieselt tief unten durch die schmale Taille des Stundenglases. Kleine, wabernde Tropfen füllen den bauchigen Glastrog, perlen an den Wänden ab, hinterlassen keine Spuren. Jeder dieser Hügel ist ein Stundenglas. Doch habe ich das Meine wohl noch nicht erreicht. Ich frage mich, welcher Mensch ich gewesen sein musste um durch dieses hier, oder das dort hindurchzurieseln. Welche Materie ist der Meinen am ähnlichsten, in welcher kann ich mich auflösen, mich der undurchdringlichen schwarzen Masse anpassen, mit ihr verschmelzen. Eins werden. Um später, wieder umgedreht, in anderer Form zurückzurieseln? Vielleicht vollkommen anders, mein Schwarz vermischt mit dem der anderen. Es ist nur geliehen, mein Schwarz. Es ist nicht meines. Es ist ein kleiner Teil von etwas, das ich nicht sehen kann. Ich muss die Hügel überwinden. Ich muss es sehen. Wo sind die Farben?

Schwarz. Schwarz sind die Hügel auf denen ich wandere, schwarz ist das Kleid, das ich trage. Schwarz sind meine Schuhe, schwarz sind meine Augen, meine Haare, meine Wimpern, meine Seele. Die Hügel verdecken mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Zu gerne wüsste ich, wann diese Wanderung ihr Ende findet. Doch hier bin ich, verdammt wie Sisyphos. Meine Schuhe graben sich mit jedem Schritt weiter in das Schwarz der Hügel, das nicht fest und auch nicht flüssig wie aufgewirbelte Nebelschwaden um mich herumwabert, mir das sagt, was ich nicht wage zu hören: „Es wird mich verschlingen“. Das Schwarz.

Ich laufe weiter. Kann noch nicht glauben, dass es alles sinnlos war, das Leben, die Liebe, das Wichtige, das was mir Sinn im Dasein gab. Meine Sturheit ist noch bei mir, so viel steht fest, denn ich möchte wissen, was nach den Hügeln kommt. Ich möchte wissen, ob sich der Weg lohnt. Ob sich gar meine Hoffnung erfüllt, sie alle wieder zu sehen. Die Farben, die mein Leben lebenswert machten.
Die Kinder, tosende bunte Kleckse, mal blau wie die Ruhe, mal rot vor Zorn und dann wieder gelb oder grün, oder wie Mischfarbe, die mal stärker in das eine und dann wieder in das andere umschlägt.
Dann Herbert. Rot wie die Liebe, aber auch rot wie die größte Wut, die ich je gespürt habe. Und Anne, so grün, wie die Eifersucht sein kann und so strahlend gelb, wie die reinste, liebste Freundschaft. Mein kleines Enkelkind, so weiß und pur, so wunderschön.
Wie kann es sein, dass ich noch immer schwarz sehe? Wie lange dauert es zu sterben?

Weiter und weiter führt dieser Weg. Seltsam weich, angenehm kühl. Dieses Schwarz, es ist undurchdringlich. Dennoch ängstigt es mich nicht. Vor mir sehe ich den Treibsand, irgendwo führt auch er hin. Er rieselt tief unten durch die schmale Taille des Stundenglases. Kleine, wabernde Tropfen füllen den bauchigen Glastrog, perlen an den Wänden ab, hinterlassen keine Spuren. Jeder dieser Hügel ist ein Stundenglas. Doch habe ich das Meine wohl noch nicht erreicht. Ich frage mich, welcher Mensch ich gewesen sein musste um durch dieses hier, oder das dort hindurchzurieseln. Welche Materie ist der Meinen am ähnlichsten, in welcher kann ich mich auflösen, mich der undurchdringlichen schwarzen Masse anpassen, mit ihr verschmelzen. Eins werden. Um später, wieder umgedreht, in anderer Form zurückzurieseln? Vielleicht vollkommen anders, mein Schwarz vermischt mit dem der anderen. Es ist nur geliehen, mein Schwarz. Es ist nicht meines. Es ist ein kleiner Teil von etwas, das ich nicht sehen kann. Ich muss die Hügel überwinden. Ich muss es sehen. Wo sind die Farben?

Schritt um Schritt. Schwarz auf schwarz. Ich kann nicht mehr. Meine Füße sind so schwer wie Blei. Die Luft um mich herum beginnt zu flimmern. Mein Herz pocht aufgeregt Blut durch den erschöpften Körper. Versucht das Schwarz mit kräftigem Rot zu vertreiben. Es hilft nichts. Geronnenes Blut, totes Blut ist schwarz.
Ich schleppe mich weiter. Es muss hier sein. Gleich nach dem nächsten Hügel. Ich kann es sehen. Ein helles Licht. Meine Sicht verschwimmt. Der helle Reflex des letzen Blickes gaukelt mir vor, dass ich angekommen wäre. Gleißende Schwärze umfängt mich. Ich falle zu Boden. Knie tief in den wabernden Nebel, der mich gleichgültig umfängt. Die Endgültigkeit erfasst mich und plötzlich erkenne ich die guten Seiten an der Farbe schwarz. Ihre Eleganz, ihre Fragilität, ihre kühle Sanftheit, die mich umfängt wie feine Seide. Dann kann ich sie spüren. Meine Farbe, meine Kleckse, meine Töne. Sie explodieren um mich herum, gehen auf in der Schwärze, die sie verschlingt und zu einem Teil von sich selbst macht. Tausende, millionen Pigmente in blau, gelb, grün, rot, violett, braun, orange, beige und rosa tanzen hell und dunkel, glänzend und matt in wilden Kreisen wie in Aufregung gebrachte Staubkörner durcheinander. Sie tanzen und tanzen und tanzen, bäumen sich auf, wie eine Welle, tosen in den schönsten leuchtenden Farben und verblassen allmählich, werden wieder zu Schwarz, das das Leben lediglich verbirgt aber nicht ganz und gar auslöscht.
Ich bin angekommen. Lasse mich kinderleicht hindurchsickern, fühle mich vollständig, nicht mehr beschränkt zu sein auf die wenigen Pigmente, die mein vergangenes Leben ausmachten. Es ist schön wieder die Ganzheit zu spüren. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich das Stundenglas dreht.

Saigels Irr(e)lichter – Exilschreiben

Immer wieder frage ich mich, ob es klare Abgrenzung geben kann zwischen „für sich selbst schreiben“ und „für andere schreiben“. Ich schreibe viele Texte. Nur einen kleinen Bruchteil dessen, was sich in meinen verstaubten Schubladen befindet, erreicht die Augen des Lesers. Manche der veröffentlichten Texte wären mir lieber privat geblieben. Mache der privaten Texte sähe ich gerne veröffentlicht.
Zunächst, hat der Hobbyautor das nicht immer selbst in der Hand. Der Leser ist keine Selbstverständlichkeit. Er muss sich erst finden lassen. Allerdings ist oftmals der Wille nicht gegeben, den eigenen Text zu teilen.
Entweder ist er noch nicht „gut“ genug. Insbesondere das Verbessern von Texten, das bis in die Unendlichkeit reichen kann, ist eine Eigenschaft, die wohl jeder Autor mehr oder weniger in sich trägt. Oder der Text ist etwas Persönliches. Etwas, das nicht genug verschleiert werden kann und auf einen privaten Umstand oder eine individuelle Eigenschaft verweist, die nicht das breitere Publikum erreichen soll.
So zieht sich der Autor folglich in sein Exil zurück. Dort schreibt er Jahre lang nur für sich. Er tapeziert die Wände mit Texten, hängt Buchstaben an die Decke und läuft auf verworfenen Ideen hin und her. Stets den Kugelschreiber im Mundwinkel, auf dem er nachdenklich herumkaut.
Doch dann wechselt irgendwann seine Stimmung. Er möchte hinaus, er möchte wissen, ob sein Exil nur Einbildung ist, oder ob es einige der verworfenen Ideen vielleicht doch mit an die Wand schaffen sollten.
Diese Neugier, dieses Streben nach Anerkennung der eigenen Texte ist schwer zu beschreiben. Vielleicht hat es etwas mit der vielen Arbeit zu tun, die in die unzähligen Texte investiert wurde. Vielleicht ist es auch der Drang sich selbst in neuem Licht darzustellen. Vielleicht ist es auch schlicht die Neugier, wie die eigenen Texte im Vergleich zu anderen abschneiden.
Eines ist jedoch gewiss: ganz gleich, wie oft der Autor aus seinem Exil herauskommt und ganz egal, wie viele Texte er daraus mit nimmt. Er wird immer wieder dorthin zurückkehren. Manchmal, um nur ein paar Stunden in der eigenen Gedankenwelt zu verweilen. Manchmal, um sekundenschnell einen bestimmten Text aus den Papierbergen hervorzukramen. Manchmal, um jahrelang die Tür hinter sich zu verschließen.

Eure Saigel

Rezension “Zeilen aus Tyarul” von Farina de Waard

Das Buch Zeilen aus Tyarul

Die Autor Farina deWaard

Genre Fantasy

Preis 2,99 €

Verlag fanowa

Informationen zur Autorin und deren Büchern (Bibliografie)

https://www.fanowa.de/

Die Handlung:

Geschichte 1

Diese Geschichte handelt von Sebila, der ehemaligen Amme der Familie van Dymar. Mittlerweile ist Zayda, ihr jüngstes Ziehkind, an der Macht was so einige Annehmlichkeiten für sie bereithält. Denn Sebila ist die oberste Hausdame in dem Familiensitz von Zaydas Familie. Somit unterstehen ihr alle Diener und sie kann fast ebenbürtig mit den Ratkenkriegern reden.
An ihrem Namenstag holt sie eine Flasche Wein aus dem Lager und teilt diesen mit den anderen Dienern und Sklaven, die sie seit ihrer neuen Stellung meiden.
Schon einen Tag danach wird Sebila mit dem gesamen Hausstab nach Mazmorra gebracht, wo Zayda nun die Macht an sich genommen hat. Hier ist für die einstige Amme so einiges anders und sie muss sich an diesem Ort neu behaupten.

Geschichte 2

Zayda ist nun mehr als zehn Jahre an der Macht und doch wird sie von ihrer Vergangenheit heimgesucht. Sie sieht es als Schwäche, die sie nicht zulassen kann, sodass in ihr eine unbezähmbare Wut heranwächst.
Sie trifft, nach einer ernüchternden Nachricht über die Bilure, eine Enscheidung, die vor allem für ihr Volk entscheidend sein wird. Denn Zayda schafft es mit Hilfe ihrer Magie einen widerspensigen Statthalter auf ihre Seite zu ziehen.
Hiernach kehrt sie an den Ort zurück, wo alles begann. Dort kommt es zu einem Zusammentreffen mit der Hüterin der Ratken.

Mein Eindruck:

Ein wunderbarer Einblick in die jungen Jahre von Zayda und die Kultur der Ratken. Und nicht nur das. Man lernt das Leben in Tyarul ein wenig besser kennen.

Mein Fazit:

Auch wenn das Buch mit seinen zwei Geschichten nur als e-book erhältlich ist und mir ein richtiges Buch gefehlt hat, so haben mich die Erzählungen in ihren Bann gezogen.
Vor allem die Sichtweisen von diesen beiden Personen aus dieser Kultur hatten fast schon etwas magisches an sich.
Für jeden der „Das Vermächtnis der Wölfe“ liest eine Lektüre, die es sich zu lesen lohnt.

Gottes Hammer: Folkvang IXX

Ein Blitz, ein Hieb, dann kehrte Stille ein.

Azrael atmete schwer. Murakamas Klinge glühte brennend heiß. Blutstropfen benetzten den von heiliger Magie durchdrungenen Stahl.

Ashaya hatte ihm das Leben gerettet.

Durch die Verbindung zwischen Murakama und dem Dämonenkönig war es ihm gelungen, das Licht des Chorals in die alte Klinge zu bannen. In der Zügellosigkeit seines Angriffs löste Irodeus seine Sphäre auf. Ein Wort der Macht genügte und Azrael stand vor ihm, Astavals legendäres Schwert in Ilianas Brustkorb, noch während der alte König begierig den Hals reckte, um einen Blick auf seine Überreste zu erhaschen.

Einen langen Augenblick lang schien die Welt stillzustehen, schienen die stechenden Dämpfe seiner Hölle sie vor den grausamen Augen der Realität zu behüten. Einen Moment lang füllte die Ewigkeit Azraels Gedanken. Er wagte erst wieder zu atmen, als Ilianas Augen erloschen und sie in seine Arme sank. Seine Gedanken verstummten, als er das Schwert herauszog. Seine linke Hand, die den zierlichen jungen Körper hielt, schien zu zittern.

Ist es jetzt vorbei?

Die Frage formte sich in seiner Seele, ohne je sein Gehirn zu erreichen. Er taumelte. Iliana entglitt ihm und fiel zu Boden. Ein Loch klaffte in ihrer Brust. Er hatte genau das Herz getroffen.

Eine gewöhnliche Waffe hätte sie niemals töten können.

Der Gedanke erschien ihm fremd. Er stieß Murakama ungelenk in die Scheide zurück. Eine Blutlache breitete sich um seine Stiefel aus.

Er verharrte reglos, als Halgin neben ihm landete.

Was hast du getan?“, krächzte der Vogelkönig fassungslos. Er flatterte wild mit den Flügeln. „Warum?“

Azrael sah ihn verwirrt an, so als ob er die Worte des anderen nicht erfassen könnte. In seinem Verstand herrschte Leere.

Iliana war seine Schwester. Nein, sie war viel mehr. Das letzte Kind seines Vaters, das noch Hoffnung auf Erlösung hatte. Wer waren schon Seimos und er? Was sagte Irodeus noch gleich?

Der eine verbrennt wehrlose Frauen und der andere will die Menschheit gegen ihren Willen versklaven“, flüsterte er. Er sank auf die Knie. Was hatte er in den vergangenen Wochen wirklich erreicht?

Halgin entfernte sich kopfschüttelnd von ihm. In den schwarzen Augen des Königs stand grenzenlose Bitternis.

Scheinbar habt Ihr wieder versagt“, flüsterte Azrael kaum hörbar. „Iliana ist nicht nur gestorben. Ihr habt mir bei ihrer Ermordung geholfen.“

Halgin stieß ein Wort der Macht hervor, doch Azrael verzerrte schlicht den Raum seiner Hölle und saß mit einem Mal in der kleinen Menschenstadt. Dort waren sie, die Folterinstrumente. Er hatte den Menschen ein friedliches Leben angeboten, fernab aller gesellschaftlichen Konventionen und Zwänge, mit der Möglichkeit, alte Konflikte zu begraben und neue zu vermeiden. Und was taten sie?

Halgin tobte in der Ferne, doch er achtete nicht darauf. Er betrachtete stumpfsinnig die grässliche Bühne. Überall war es dasselbe. In Aminas, in Hrandamaer, sogar in Raureif. Wie konnte er nur hoffen, die Menschen je zu verbessern?

Saskia“, flüsterte er. Er war sicher, dass sie nun kommen würde. „Warum nur?“

Azrael musste sich nicht umwenden, um den gesegneten Windstoß zu fühlen. Seine Heiligkeit brannte auf seiner Haut.

Doch es war nicht Saskia, die vor ihm stand.

Esben.“ Azraels Stimme versagte. „Du auch?“

Esben nickte langsam. Er trug nicht mehr seine schmutzige Kutte, sondern einen weißen Mantel, gewoben aus Mondlicht. In seinem Arm lag ein Foliant, dessen Aura Azrael dazu zwang, sich abzuwenden.

Ich habe wohl versagt, nicht wahr?“, murmelte er. „Ich habe auf ganzer Linie versagt. Ich war anmaßend. Was habe ich erreicht? Irodeus ist besiegt. Aber ist er tot? Nein, ich fühle die Verbindung von Murakama. Er lebt. Und die Menschen? Wollen sie hören? Wollen sie mich annehmen? Nein. Und Iliana?“ Seine Stimme brach.

Esben erwiderte nichts. Er musterte ihn lediglich mit ausdrucksloser Miene.

Verdammt!“ Azrael schluckte, doch er schien an seinem eigenen Speichel zu ersticken. In der Ferne hörte er ein Wort der Macht, das die Erde erbeben ließ. Halgin gab nicht auf. „Bin ich wirklich so ein Narr?“

Ich kann dir diese Frage nicht beantworten“, entgegnete Esben. Seine Stimme klang hell und klar, wie Kirchenglocken an einem Feiertag. „Aber ich kann dich zu jener Person bringen, die es kann.“

Azrael fühlte ein Aufwallen heiliger Magie. Instinktiv griff er nach Murakama, doch hielt er sich zurück. Es spielte keine Rolle mehr. Er würde nun alles tun, um Saskia wiederzusehen.

Im nächsten Augenblick stand er in Folkvang. Mondlicht erfüllte die Halle wie sich sanft kräuselnder Rauch. Esben war verschwunden, doch dort, vor dem Thron mit der Feder, stand die eine Person, die seine Wunden heilen konnte.

Er hatte Saskia seit ihrem Tod nicht mehr gesehen, sondern nur von ihr gehört. Ihre gewaltigen Flügel und ihr Harnisch aus Mondlicht wirkten auf ihn wie prachtvolle Boten einer anderen Welt. In ihren Augen glitzerte eine allumfassende Sicherheit, die ihr eine höhere Macht verliehen zu haben schien.

Der Augenblick der Stille dehnte sich unendlich lange. Azrael tat einen tiefen Atemzug, so als wollte er seine Seele aushauchen und trat vor. Bereits beim zweiten Schritt sank er nieder.

Berith hat all das geplant, nicht wahr?“, stieß er schließlich hervor.

Ja.“ Saskias Stimme erzeugte wohlige Schauer auf seiner Haut. Er hatte sie noch nie zuvor sprechen hören.

Azrael kicherte. Er konnte nicht anders. Plötzlich schien alles auf grauenhafte Art und Weise Sinn zu ergeben.

Berith hat mir damals berichtet, dass du erwacht bist. Berith hatte Kontakte im Lager der Tempelsöhne und nach Hrandamaer. Er wollte Iliana von Anfang an als Gefäß für Irodeus benutzen, richtig? Deshalb hast du Iliana im Lager geheilt! Sie musste willig sein und ihr musstet sicherstellen, dass das Ritual während meiner Abwesenheit durchgeführt wird!“ Azrael hustete. „Aber warum? Warum wolltet ihr Iliana töten?“

Saskia schwieg. Ein Blitz teilte ihre vor Entschlossenheit funkelnden Augen.

Denk nach“, flüsterte sie.

Azrael schüttelte den Kopf. „Weil sie ein Dämon ist? Weil sie meine …“ Saskia schüttelte den Kopf und zog Esbens Kutte hervor. Er brach ab. Langsam verstand er.

Weißt du, wie Folkvang und Hornheim entstanden?“, fragte Saskia leise. „Durch einen uralten Fluch des letzten Königs von Hrandamaer, der Leben und Tod verdammte. Seitdem erheben sich die Toten in seinem Heimatland aus den Gräbern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.“ Saskia spreizte die Flügel und ein Speer aus Mondlicht manifestierte sich in ihren Händen. „König Androg verachtete nichts mehr als diese neue Religion, die ihm sein Reich genommen hatte, und den Tod, der ihm seine Familie raubte. Ein Fluch zwang die Lasterhaftesten unter den Menschen, als Dämonen oder als Elphahim wiederzukehren – um einander zu bekämpfen und die Welt mit Krieg und Leid zu überziehen.“ Ihre Augen funkelten. „Wir beide haben im Leben viel Schuld auf uns geladen, Teshin. Wir sind verflucht. Und nur ein verfluchtes Leben kann ein verfluchtes Leben retten.“

Unsinn!“ Azrael hustete erneut. Das strahlende Mondlicht schien sich in seine Lunge zu drängen und sie langsam zu zersetzen. Ein Aufwallen seiner Magie stieß die Heiligkeit aus seinem Körper. „Soll ich mich etwa opfern, um Iliana ins Leben zurückzuholen?“

So wurdest du ins Leben zurückgeholt“, erwiderte Saskia.

Azrael schnaubte erbost. Doch dann standen ihm die Ereignisse der letzten jahre wieder deutlich vor Augen und entsetzliche Müdigkeit befiel ihn. Was hatte erreicht? Worauf konnte er zurückblicken? Er alterte kaum und hatte diesen Vorteil nur benutzt, um zu kämpfen und Leid über andere zu bringen. War er es Iliana nicht letztlich sogar schuldig, diesem Mädchen, das stets ein Opfer war?

Wenn ich mich opfere“, flüsterte Azrael. „Wird Iliana als Dämon wiederauferstehen oder als Engel?“

Saskia zuckte mit den Schultern. Ihre gewaltigen Flügel erbebten. „Das hängt davon ab, ob sie dem Licht folgt oder sich der Dunkelheit erneut verschreibt.“

Azrael lachte unkontrolliert, Murakama entglitt seiner Hand und er fiel auf die Knie. Seine Augen weiteten sich, bis sie schmerzten, während er Folkvangs Fresken betrachtete.

Ja, ich verstehe!“, rief er lauthals. „Das war Beriths Plan! Er wusste, mich im Kampf zu besiegen wäre schwer – also erfand er eine Lösung. Er wollte, dass ich mich opfern muss – nicht, weil mich jemand dazu zwingt, sondern aus freien Stücken.“ Er schluckte und ein martialisches Grinsen entstellte sein Gesicht. „Aber diesen Gefallen tue ich euch nicht! Niemals! Ich werde die Menschheit retten!“

So wirst du das niemals schaffen“, entgegnete Saskia ruhig.

Azrael spreizte die Finger. Er konnte nicht verhindern, dass sich ein Kichern seiner Kehle entrang. „Beweise es mir. Beweise es mir, indem du mich jetzt und hier, an diesem Ort besiegst! Zwinge mich zu einer guten Tat, du Engel!“

Saskia nickte langsam.

Komm“, flüsterte sie.

Azrael hob Murakama auf und stieß sich kraftvoll vom Boden ab. Er schoss auf Saskia zu, ein glühender Blitz in Folkvangs schimmernder Heiligkeit.

Dann kreuzten sich ihre Waffen.

Bilder füllten Azraels Kopf und er schnappte nach Luft. Er sah Saskia als junge Novizin unter einem unerbittlichen Meister, er sah sie bei einer Hexenverbrennung jubeln und ihre Kräfte als Inquisitorin schärfen. Er sah den Verrat, den andere an ihr übten, weil sie eine Frau war, und ihre Flucht nach Aminas. Er sah, wie sie dem redseligen Söldner namens Teshin begegnete und letztlich in Hornheim ihr Leben verlor.

Azrael taumelte. Saskia folgte ihm langsam und vollführte einen schwachen Schlag. Azrael parierte mühelos, doch erneut füllten Erinnerungen seinen Kopf. Diesmal betrafen sie Esben. Als nächstes sah er Iliana, Berith, Malfegas, Ungoros und Velis. Dem nächsten Schlag versuchte Azrael auszuweichen, doch vergebens. Ashaya grinste ihn an, Abigor hob grimmig sein Schwert, Lifas und Elinor folgten Seimos auf seinen Feldzug nach Hornheim. Als letztes blickte ihn Arion an, mit von Trauer schwerem Blick.

Azrael schrie vor Schmerz. Er hatte all das Unglück der vergangenen Monate zu verantworten. Er war kein Held. Von dieser Sünde konnte er sich nie reinwaschen.

Er hatte verloren.

Saskias Speer war seine Rettung. Als sie ihn herausfordernd hob, sstürzte Azrael nach vorn. Ein Zittern ließ seinen Körper erbeben, als die willkommene Spitze sich durch seine Brust bohrte.

Stille kehrte ein. Er stand dicht vor Saskia, sein Körper eng an den ihren gepresst. Er spürte das warme Blut, das seinem Körper entfloh. Murakama entglitt ihm, diesmal für immer.

Werde ich je …“ Ein Blutschwall unterbrach seine Worte und er hatte das Gefühl zu ersticken. Sein Blick verschwamm und er sah nur noch Saskias leuchtende Augen. Sie beantwortete seine letzte Frage mit einem Nicken.

Azrael schluckte. Keine Pein war größer gewesen, als in die Seelen seiner Opfer und Untergebenen blicken zu müssen.

Er verschwand mit der Erkenntnis, dass Gottes Hammer nun endgültig gefallen war.

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Sechs Monate später

Aminas feierte.

Iliana betrachtete die tanzende Menge durch das flimmernde Licht des Nachmittags. Heute war Sankt-Esbens-Tag, ein Fest für jeden Menschen. Eine Woche lang fasteten die Bürger in Anbetracht dieses Ereignisses. In dieser Zeit durften keine Todesurteile vollstreckt werden. Jeder sollte diesen Tag, den Tag der Vergebung der Sünden, miterleben.

Ich wusste gar nicht, dass Menschen feiern können, ohne jemandem wehzutun“, flüsterte Velis neben ihr erstaunt. Ihr Sklavenmacher erntete verwirrte Blicke der vorbeigehenden Menschen. Niemand dachte an Folter und Tod.

Iliana zuckte mit den Schultern. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, trat Esben in ihr Blickfeld. Der ehemalige Wanderpriester reichte ihnen zwei Tüten mit Backwerk, die er von einer gebeugten Straßenhändlerin erstanden hatte. Iliana dankte ihm lächelnd. Velis betrachtete die Süßigkeiten verwirrt, so als ob sie nicht genau wüsste, was damit anzufangen wäre.

Und?“, fragte Esben mit einem verschmitzten Lächeln. „Wie fühlt man sich als Königin von Hornheim auf einem solchen Fest? Brüskiert Euch das muntere Treiben?“

Iliana tat, als werfe sie mit einem Kieselstein nach ihm. „Sei du bloß still, du unsterblicher Engel.“

Esben verschränkte die Arme vor der Brust. Sein strahlend weißer Mantel reflektierte das Sonnenlicht. „Als ich deine Einladung erhielt, dachte ich zunächst, ich höre nicht recht.“

Iliana lachte. „Kann ich mir denken. Aber ich schulde Folkvang mein Leben. Dass ich zufällig als Dämon zurückgekommen bin, ändert nichts daran. Folkvang und Hornheim müssen nicht stets Feinde bleiben.“

Das ist radikal“, murmelte Esben. „Vergiss nicht, wir sind wie Tag und Nacht. Folkvang ist ein Thron der Engel, Hornheim eine riesige Folterkammer.“

Iliana zuckte mit den Schultern. „Die Dinge können sich ändern. Arion wollte aus mir eine Herzogin machen, Irodeus einen Folterknecht und Arinhild ein Dorfmädchen. Die Dinge müssen nicht immer einen vorgezeichneten Weg gehen.“ Dabei blickte sie Velis an, die verzückt errötete, als sie eine der Süßigkeiten probierte.

Esben seufzte. „Vermutlich hast du recht.“ Kurz hielt er inne und ließ seinen Blick in weite Ferne schweifen. Wir können wohl alle noch viel von dir lernen.“

Iliana lächelte. Aus den Augenwinkeln sah sie Halgin, der das Geschehen von einer Dachkante aus aufmerksam beobachtete. Er hatte sich nicht von ihr abgewandt. Sie würde Hornheim verändern, sodass auch er die Existenz von Dämonen akzeptieren konnte.

Gottes Hammer war gefallen. Nun konnte eine neue Zeit anbrechen.

 

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