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Monat: Dezember 2019

Korrekturen 30

30.Teil – Die letzte Flucht (6/6) – Letzter Teil des Romans

Khendrah verspürte eine Angst, wie sie sie noch niemals zuvor empfunden hatte. Sie fühlte sich hilflos. Was, wenn Zeno sich verrechnet hatte, oder wenn sie durch Ralph zu lange aufgehalten worden waren?
Ihr Blick wanderte wieder zum Display der Jahreszahlen, die sich quälend langsam auf das Jahr 2011 zu bewegten. Ein lautes Knirschen kündigte an, dass die Außenwände der Zelle unter einer ungeheuren Belastung standen. Die hintere Wand der Kabine begann, sich zu verformen. Die Halterung einer Energiezelle brach und die Zelle stürzte, wie in Zeitlupe, von der Wand. Im letzten Moment gelang es Khendrah, sie aufzufangen und somit zu verhindern, dass sie auf die bewusstlosen Menschen zu ihren Füßen stürzte. Die Zelle war heiß und Khendrah stieß einen lauten Schmerzensschrei aus, als sie sich an der heißen Hülle der Zelle verbrannte. Mit Tränen in den Augen und zusammengebissenen Zähnen hielt sie die schwere Energiezelle und ließ sie langsam heruntergleiten, bis sie auf ihrem Koffer aufsetzte. Mit einem Ächzen löste sie ihre gemarterten Hände von der heißen Hülle. Ein feiner Riss tat sich in der Hinterwand auf, durch welchen ein unwirkliches Licht schien.
Khendrah zwang sich, logisch zu denken, was ihr angesichts der Schmerzen und ihrer Angst nicht leicht fiel. Wenn wenigstens Thomas wieder bei Bewusstsein wäre. Er hätte ihr die nötige Kraft gegeben, die sie brauchte – doch es half nichts. Es lag nun alles in ihren Händen.
2009! Sie waren nur noch ein einziges Jahr von ihrem Ziel entfernt. Khendrah verstand zu wenig von der praktischen Technologie der Zeitreisen, daher hatte sie keine Vorstellung davon, was geschehen würde, wenn die Energie in den Zellen sich bereits vor ihrer Ankunft am Ziel erschöpfen würde. Sie fürchtete jedoch, dass sie alle sich einfach auflösen würden. Unfähig, sich noch zu rühren, sah sie zu, wie sich der Riss in der Rückwand allmählich verbreiterte und wie rätselhafte Energiefinger wie leuchtende Zungen in den Innenraum hineinleckten. Dort, wo ihre Spitzen etwas berührten, schien sich die Materie einfach aufzulösen. Khendrah hielt ihre Luft an, als einer dieser Energiefinger sich einer der Energiezellen näherte, doch dann war der Spuk vorbei.
Es war still. Das Licht von draußen war verschwunden. Sie blickte auf das Display, welches flackernd »2008« anzeigte. Khendrah konnte es kaum glauben. Sollten sie es tatsächlich geschafft haben? Hektisch machte sie sich an der Türverriegelung zu schaffen, die, im Gegensatz zu ihrer Abreise im Jahre 3500, nun schnell nachgab und ein Öffnen der Tür ermöglichte. Auch diese Tür hatte sich während ihrer letzten Reise verzogen und sie musste all ihre Kraft aufbringen, sie vollständig zu öffnen. Kalte Luft strömte hinein und ließ die frösteln. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie beim ersten Mal hier angekommen war und wie sie gefroren hatte, als sie an diesem Novembertag in die Zeit hinausgetreten war. Auch diesmal fror sie, obwohl sie passender angezogen war. Mit leicht schwankenden Knien trat sie hinaus und sah sofort, dass es gelungen war. Sie kannte diese Straße. Hier war sie schon einmal gewesen. Eine unglaubliche Erleichterung machte sich in ihr breit und ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte, rannen ihr die Tränen über die Wangen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal geweint hatte.
»Kindchen, was ist mit Ihnen?«, fragte ein älterer Mann, der mit Einkaufstaschen an ihr vorbeikam. Er blieb stehen und betrachtete sie näher.
»Mein Gott, was ist denn mit Ihnen geschehen?«
Khendrah registrierte den Mann erst jetzt.
»Es ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Wir hatten einen kleinen Unfall.«
»Unfall?«, fragte der Mann und blickte an Khendrah vorbei in die immer noch offen stehende Kabine, in der Jake und Fancan sich zu bewegen begannen.
»Oh mein Gott!«, entfuhr es ihm, »Ist die Fahrstuhlkabine abgestürzt?«
»Nicht wirklich abgestürzt«, antwortete Khendrah beschwichtigend. »Eher ein Stück durchgerutscht und hart aufgesetzt. Es hat uns etwas durcheinandergeschüttelt. Aber keine Angst, es ist uns nichts geschehen. Sie können unbesorgt weitergehen.«
Der Mann ließ sich jedoch nicht beirren und ging an Khendrah vorbei, um den Leuten im Aufzug zu helfen.
»Durcheinandergeschüttelt, was?«, fragte der Mann und gab Jake die Hand, um ihm aufzuhelfen. »Sind Sie in Ordnung, junger Mann?«
Jake sah ihn fragend an.
»Er versteht kein Deutsch«, erklärte Khendrah, »aber er ist ok.«
Fancan rappelte sich ebenfalls hoch und betrachtete den Mann.
»Wer ist das?«, fragte sie unfreundlich, »Haben wir es geschafft? Wo sind wir?«
»Fancan, beruhige Dich!«, mahnte Khendrah, »Wir sind am Ziel und dieser Mann hier ist einfach ein freundlicher Passant, der uns helfen möchte.«
Ein schriller Alarm ertönte plötzlich aus dem Innern der Kabine.
»Verdammt, die Energiezellen sind verbraucht!«, rief sie und stürzte zu Thomas, um ihn aus der engen Kabine herauszuziehen. Er stöhnte leise, als Khendrah an seinem Arm zog. Der fremde Mann unterstützte sie und gemeinsam brachten sie Thomas ins Freie.
»Wir müssen uns beeilen!«, forderte Khendrah, »Fancan, wir brauchen dich! Jake, schnapp dir die Koffer!«
So schnell sie konnten, schafften sie Giwoon und ihre Koffer ebenfalls ins Freie – keine Sekunde zu früh, denn einen Augenblick später knallte es laut und ein Blitz fuhr aus der Kabine über ihre Köpfe hinweg, jedoch ohne sie zu verletzen. Geblendet schlossen sie ihre Augen und warfen sich auf den Boden. Als sich ihre Augen wieder an die Dämmerung des frühen Abends gewöhnt hatten, sahen sie, dass die Kabine verschwunden war. An ihrer Stelle befand sich eine Glastür, die bereits vorher an dieser Stelle gewesen sein musste.
»Da brat’ mit doch einer … da war doch vorhin …«, stammelte der Mann. »Was seid Ihr eigentlich für Leute? Das ist doch nicht normal, was sich hier abspielt.«
»Es ist alles in Ordnung«, sagte Khendrah eindringlich, »wir sind ganz normale Leute und wir danken Ihnen recht herzlich, dass Sie uns geholfen haben. Doch nun sollten Sie einfach weitergehen und vergessen, was Sie hier gesehen haben.«
Sie packten sich ihr Gepäck und machten sich auf den Weg. Den Mann ließen sie einfach in seiner Ratlosigkeit stehen. Nach einigen Metern blickte Khendrah noch einmal zurück und sah, dass er noch immer dort stand und ihnen hinterher starrte. Sie war nicht beunruhigt. Selbst, wenn der Mann jemandem von seinen Beobachtungen erzählte, würde man ihm nicht glauben, denn er hatte keinerlei Beweise für seine Behauptung.
Plötzlich fiel ihr etwas ein und sie kehrte noch einmal zu dem Mann zurück.
»Entschuldigen Sie, eine Frage noch: Welches Datum haben wir heute?«
»Den 18. November«, antwortete der Gefragte, »warum fragen Sie?«
»Den 18. November 2008?«, fragte Khendrah erneut.
»Natürlich«, sagte der Mann verständnislos, »was denn sonst?«
»Ich danke Ihnen«, sagte Khendrah lachend, »Sie haben mir wirklich sehr geholfen.«
Sie umarmte den Mann, der nun einen etwas hilflosen Eindruck machte und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
»Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend«, sagte sie zum Abschied, dann lief sie schnell zu den Anderen zurück, die in einiger Entfernung auf sie warteten.
»Was war denn noch?«, wollte Giwoon wissen.
»Wir haben den 18. November 2008«, sagte sie – immer noch lachend. »Das ist eine absolute Punktlandung. Wir haben Abend. Das bedeutet, wir sind hier eingetroffen, nachdem unsere früheren Versionen von hier geflohen waren. Es ist, als wären wir nie weg gewesen – jedenfalls auf Thomas trifft das zu.«
»Und was ist daran so erheiternd?«, fragte Thomas.
»Gar nichts«, sagte Khendrah, »ich bin einfach nur total erleichtert, dass es alles so geklappt hat. Jetzt kannst du dein Leben hier in deiner eigenen Zeit weiterführen.«
»Ja, aber was ist mit Euch?«, fragte Thomas, »Irgendwie bin ich doch immer davon ausgegangen, dass Ihr mich lediglich wieder nach Hause bringen wollt – oder müsst – je nachdem, wie man es betrachtet. Aber jetzt kommt doch niemand von Euch wieder hier weg …«
»Du hast es erfasst«, sagte Giwoon trocken, »wir werden ebenfalls bleiben müssen.«
»Hättest Du mich denn wieder gehen lassen?«, fragte Khendrah forschend.
»Ja … äh … nein …«, stammelte Thomas, »ich hätte dich ungern wieder gehen lassen, aber was hätte ich schon tun können? Jeder gehört doch wieder in seine eigene Zeit.«
»Die Zeit ist manchmal schon eine kuriose Sache«, sagte Giwoon, »denn oft ist es nicht so ganz klar, wer in welche Zeit gehört. Du, Thomas, gehörst definitiv hierher. Aber auch Khendrah, Fancan und ich gehören hierher. Meine Mutter hatte sehr gewissenhafte Nachforschungen angestellt. Sie hat den Stammbaum von Gunter Manning-Rhoda zurückverfolgt und dabei festgestellt, dass nicht nur du und Khendrah zu seinen Vorfahren zählt, sondern auch Fancan und ich. Wir werden uns hier einrichten müssen.«
»Soll das jetzt ein schlechter Witz sein?«, fragte Thomas, der es noch immer nicht glauben konnte.
»Ich war dabei, als Symeen, Giwoons Mutter, es erklärt hatte«, bestätigte Fancan, »so wie es aussieht, kommen wir wohl nicht mehr voneinander los.«
Thomas schien erst jetzt wirklich zu begreifen, dass er und Khendrah tatsächlich eine gemeinsame Zukunft haben würden. Lächelnd schloss er sie in seine Arme und küsste sie.
Jake, der die ganze Zeit über dabei gestanden hatte, verdrehte die Augen. Zwar hatte er nicht alles verstanden, weil die Anderen einen Teil der Unterhaltung in deutscher Sprache geführt hatten, doch war ihm wohl klar, dass sich hier für seine neuen Freunde eine Art von Happy End anbahnte.
»Und was ist mit mir?«, fragte er, »Ich gehöre nun wirklich nicht hierher. Soweit ich das sehe, befinden wir uns hier mitten in Deutschland. Ich bin US-Staatsbürger. Ich spreche noch nicht einmal deutsch. Was soll ich hier?«
»Jake, mein Freund«, sagte Fancan, »du hast die Wahl. Wir können veranlassen, dass du in deine Heimat zurückkehren kannst. Du kannst aber auch hier bleiben. Wir haben noch ein paar technische Spielereien aus der Zukunft mitgebracht, die dir helfen könnten, die Sprache schnell zu erlernen. Wir könnten dir auch Papiere anfertigen, die hier in dieser Zeit jeder Überprüfung standhalten. Wir müssen für uns selbst ebenfalls Ausweispapiere anfertigen. Es ist Deine Entscheidung. Du bist jetzt im Jahr 2008. Die Welt dürfte dir liegen. Es gibt noch fast nur Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Mit deinem Wissen von 2014 sollte es dir möglich sein, hier zu überleben.«
»Ihr meint, ich solle hier bleiben?«, fragte Jake.
»Nein, du sollst es einfach selbst entscheiden«, stellte Giwoon klar. »Vielleicht bleibst du eine Weile und lebst dich hier ein. Wir werden dir jedenfalls helfen, so gut es geht.«
»Vielleicht habt Ihr recht«, sagte Jake. »Ich sollte erst einmal deutsch lernen und dann weitersehen. Wenn es Euch nichts ausmacht, bleibe ich erst mal bei Euch.«
»Wie weit gehen Eure Pläne eigentlich?«, fragte Thomas. »Jetzt sind wir alle hier in meiner Zeit. Wisst Ihr, wo Ihr jetzt hingehen werdet?«
Giwoon und Fancan sahen sich entgeistert an. Sie hatten tatsächlich keine Pläne gemacht, die über die Ankunft in 2008 hinausgingen.
Thomas lachte, bis ihm die Tränen kamen. Die Anspannung der letzten Tage fiel endgültig von ihm ab.
»Ich hatte lange Zeit regelrechte Minderwertigkeitskomplexe, weil Ihr mir in jeder Hinsicht überlegen wart. Jedenfalls glaubte ich das. Aber Ihr seid mir im Grund gar nicht so weit voraus. Ihr seid einfach nur Kinder einer anderen Zeit. Ihr ahnt nicht, wie sehr mich das beruhigt. Ihr habt wirklich keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll. Dann will ich jetzt ‘mal die Führung übernehmen … Ich habe ganz in der Nähe eine Wohnung. Leider habe ich meinen Schlüssel verloren, aber da könnt Ihr mir sicher helfen, oder? Lasst uns alle zu mir nach Hause gehen. Ich habe eine Couch, die man zu einem Bett umbauen kann und ich habe auch noch Luftmatratzen. Für heute Nacht sollt Ihr alle meine Gäste sein. Gehen wir erst etwas essen, in einem kleinen Lokal auf der gegenüberliegenden Straßenseite und anschließend zu mir. Was haltet Ihr davon?«
»Als ich zum letzten Mal mit dir hier in deiner Zeit Essen war, war ich anschließend besinnungslos«, gab Khendrah zu bedenken. »Ich habe keine gute Erinnerung daran.«
»Khendrah! Du hattest zu viel getrunken.«
»Man wird hier besinnungslos, wenn man zu viel trinkt?«, fragte Giwoon skeptisch.
»Wenn man zu viel Alkohol zu sich nimmt und es nicht gewohnt ist …«, sagte Thomas.
»Ihr trinkt hier Alkohol?«, fragte Giwoon mit aufgerissenen Augen, »Ihr nehmt Gift zu Euch?«
Thomas schüttelte lachend den Kopf.
»Ja, wir nehmen Gift zu uns«, sagte er, »und wir genießen es sogar. Es ist alles eine Frage der Dosierung.«
Er trat an den Bordstein heran und wartete eine Lücke im Verkehr ab, dann winkte er den Anderen zu, ihm zu folgen.
»Kommt. Das Lokal ist dort drüben – und keine Angst, ich werde Euch nur ein ganz kleines Bisschen vergiften. Ihr werdet Euch daran gewöhnen.«
Thomas griff Khendrahs Hand und zog sie hinter sich her über die Straße. Die Anderen folgten ihnen.
Bevor sie die Tür zum Gastraum öffneten, blieb Thomas noch einmal stehen und blickte Khendrah mit offenem Blick an.
»Du weißt, was du auf dich genommen hast, als du dich entschieden hast, in meiner Zeit zu bleiben?«, fragte er sie. »Bist du dir sicher, das Richtige getan zu haben?«
»Was soll die Frage?«, fragte Khendrah, »Ich bin dort zu Hause, wo du zu Hause bist. Ich bin jetzt eine Frau des einundzwanzigsten Jahrhunderts, dazu noch eine verdammt hungrige Frau. Was hältst du davon, mir endlich die Feinheiten der Küche von 2008 zu präsentieren?«
Sie sah, dass Thomas sie noch immer forschend anblickte. Er wirkte so unsicher, wie sie ihn in all der Zeit, die sie nun bereits miteinander in der Zeit unterwegs waren und gemeinsam Abenteuer erlebt hatten, nicht erlebt hatte.
»Ja, Thomas, ich bin mir meiner Sache absolut sicher«, fügte sie deshalb noch hinzu und sah, wie er zu strahlen begann.
»Dann lasst uns hier hineingehen und schlemmen, was das Zeug hält«, sagte er, »ihr werdet alle begeistert sein.«
Beherzt öffnete er die Tür und führte die Gruppe ins Lokal hinein. Drinnen erwartete sie eine freundliche, intime Atmosphäre und der Duft von Gebratenem erfüllte den Raum.
»Oh, Herr Rhoda!«, rief ein Mann in einem dunklen Anzug von der Theke her. »Schön, dass Sie wieder einmal hier sind. Ihr Lieblingstisch ist noch frei.«
»Danke, aber ich denke, heute wird dieser Tisch nicht reichen. Ich habe Freunde mitgebracht, die bereits neugierig sind, was Sie uns zaubern können.«
Der Mann im Anzug war der Chef des Lokals und kam zu ihnen. Etwas befremdet betrachtete er die Gruppe, denn sie trugen noch ihre Kleidung aus der Zukunft, die für das einundzwanzigste Jahrhundert etwas befremdlich wirkte.
»Sie wundern sich sicher über unseren Aufzug, nicht wahr?«, fragte Thomas. »Irgendwann erkläre ich Ihnen vielleicht, wie es dazu kam. Aber nicht heute. Heute wollen wir ein wenig feiern. Bringen Sie uns doch bitte eine Flasche von Ihrem trockenen Roten, den ich auch sonst immer trinke.«
»Sie wirken irgendwie … verändert, Herr Rhoda«, sagte der Chef des Lokals, »ich weiß nicht, was es ist, aber …«
»Wahrscheinlich liegt es an meiner Begleitung«, sagte Thomas, »insbesondere an meiner Freundin Khendrah.«
»Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen«, sagte der Chef, griff eine Hand von Khendrah und drückte ihr galant einen Kuss darauf.
Sie blickte wie versteinert auf den Mann, ließ es aber geschehen, als sie sah, wie Thomas ihr ein entsprechendes Zeichen gab. Giwoon, Fancan und Jake konnten ihre Erheiterung nur mit Mühe unterdrücken.
»Er ist immer so«, erklärte Thomas, nachdem sie zu einem größeren Tisch geleitet worden waren, »aber er ist schwer in Ordnung. Ich esse sehr häufig hier. Das Essen ist Klasse.«
Der Wein kam und Thomas übernahm es, die Gläser der Anderen zu füllen. Skeptisch nippten sie alle an dem Getränk, bis auf Jake, der seinen Wein in einem Zug hinunterkippte.
»Meinst du, dass ich wieder besinnungslos werde, wenn ich das hier getrunken habe?«, fragte Khendrah Thomas.
Er schüttelte den Kopf.
»Nicht, wenn du nur wenig davon trinkst, mein Schatz. Das dort im Glas enthält zwar Alkohol, aber es ist nicht als Durstlöscher gedacht. Du wirst es noch lernen.«
An diesem Abend wurden noch einige Gläser getrunken. Es wurde gelacht und gescherzt. Noch nie waren sie so ungezwungen gewesen, seit sie sich alle kennen gelernt hatten. An diesem Abend, in diesem Lokal wurden Pläne geschmiedet. Sie beschlossen, sich niemals aus den Augen zu verlieren und sich immer gegenseitig zu helfen. Khendrah und Thomas beschlossen, ebenso wie Fancan und Giwoon, zusammen zu bleiben und Jake wollte erst einmal die Sprache lernen und dann versuchen, in seiner Branche Fuß zu fassen.
Sie, die die zukünftige Geschichte kannten, wussten, dass dies der einzige und richtige Weg war – vor allem jetzt, da sie zum ersten Mal sicher sein konnten, dass es keine Korrekturen mehr geben würde.
Khendrah blickte Giwoon an. “Es ist endgültig vorbei, nicht wahr?”
Giwoon nickte. “Die schrecklichen Manipulationen an der Zeit gehören der Vergangenheit an.”
“Und wir müssen nicht befürchten, dass irgendwo im Strom der Zeit wieder jemand eine Zeitmaschine erfindet, und ein anderer auf die Idee kommt, ein System wie Zeitaufzüge erneut aufzubauen?”
“Wie will man da sicher sein? Vor allem jetzt, wo niemand mehr regelnd eingreift.”
“Es kontrolliert wirklich niemand mehr?”, fragte Fancan. “Was ist mit deiner Familie?”
Giwoon grinste. “Du hast recht. Meine Familie wird Vergehen gegen die Zeit sicher lokalisieren und etwas dagegen tun, aber das wird uns hier unten in der Zeit nicht mehr betreffen.”
Thomas sah ihn fragend an. “Und dir macht es nichts aus, dass du nie wieder Kontakt zu deiner Familie haben wirst?”
“Oh doch, das macht mir etwas aus. Aber ich musste mich entscheiden, und als meine Mutter mir die Zusammenhänge, uns betreffend, dargelegt hatte, fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Aber es ist nicht gesagt, dass die Trennung wirklich endgültig ist. Rein technisch hat man in meiner Heimatzeit durchaus die Möglichkeiten, uns auch hier ausfindig zu machen. Ich weiß aber nicht, ob man das auch tun wird. Die Gefahr einer Zeitmanipulation wäre durchaus gegeben, und ihr wisst ja, wie man bei mir zu Hause darüber denkt.”
Thomas hob sein Glas und sah nacheinander die anderen an. “Erhebt eure Gläser! Lasst uns auf das trinken, das uns alle verbindet: unsere Zukunft!”


Ende


Dies war nun der letzte Teil meiner Romangeschichte “Korrekturen”. Ich hoffe, meinen Lesern hat die Lektüre des Romans Freude bereitet. Sicher war der eine oder andere Fehler noch im Text, wobei ich hoffe, dass dieser Umstand nicht zu Holprigkeiten beim Lesen geführt hat. Es gab halt kein Lektorat … Ihr kennt das sicher.

Es wäre abschließend jedoch nett, wenn ich ein kleines Gesamtfeedback zur Geschichte erhalten würde. Dabei sollte niemand ein Blatt vor den Mund nehmen. Hat es gefallen? Hat es nicht gefallen? Was hat gestört? Ich nehme jegliche Kritik dankend an.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 13 – Flucht ins Proxydon-System

Archweylls Nervenbahnen mutierten zu einer Achterbahn der Gefühle, Überlegungen und glänzendem Kalkül, während die heulenden Alarmsirenen jeden einzelnen an Bord wachrüttelten und eine automatische Warnung durch die Mikrofone sämtlicher Stationen der Atharymn knisterte. Er hatte vielleicht noch wenige Minuten, sich eine Lösung zu überlegen und dabei Milliarden von Menschenleben mit einzuplanen. 
»Wir müssen es fortlocken!«, überlegte Archweyll laut. 
Aber wie konnte er das anstellen, ohne sich in den direkten Tod zu stürzen oder das Monster auf seine Heimatwelt aufmerksam zu machen? 
»Sollen wir das Risiko eingehen, die Sicherheitsbehörde anzufunken?«, fragte Clynnt mit kritischem Blick. Scheinbar war er sich dessen mehr als unsicher. 
»Die Hellscreamer sind die einzigen Schiffe, die es nicht in der Mitte durchbeißen könnte. Wenn sie schnell genug hier wären, könnten sie uns unterstützen, bevor das Monster Prospecteus erreicht.« 
Diese Möglichkeit hatte Archweyll bereits mit eingeplant, doch es gab viele offene Risikofaktoren. Wenn das Wesen ihren Funk verfolgen könnte, wäre es ein Ding von wenigen Tagen, bis es ihre Heimat in ein elendes Stück Asche verwandeln würde. 
Doch wenn nicht … 
Plötzlich öffnete sich die Tür und Daisy trat ein. 
Auch sie schien angesichts der aktuellen Situation mehr als besorgt, doch erneut erkannte Archweyll diesen faszinierenden Glanz in ihren Augen. 
»Wie ich sehe habt ihr schon einen Plan?«, binnen einer Sekunde schien sie die Lage durchschaut zu haben. 
»Nun, äh …«, erwiderte der Kommandant zögernd. 
»Zum Glück hatte ich während meiner himmelhochjauchzenden Aufzugfahrt hierher, eingequetscht zwischen panischen Hornochsen, die Muße etwas nachzudenken«, begann Daisy ihre Ansprache.
Clynnt und Archweyll wechselten einen flüchtigen Blick. 
»Da wir uns nicht im Klaren darüber sind, welche Fähigkeiten unser Feind besitzt oder was es überhaupt für ein Lebewesen ist, sollten wir keine Funkverbindung mit Prospecteus aufbauen. Aber wir könnten einige Arrows in jede erdenkliche Richtung entsenden. Einer von ihnen wird dann die Basis verständigen und Verstärkung anfordern. Solange versuchen wir hier klarzukommen.«
Archweyll verschlug es die Sprache. Das war fast zu einfach. Doch dann wurde ihm klar, dass das bedeutete, dass sie vermutlich tagelang fliehen mussten, mit einem unbeugsamen Verfolger im Nacken. Aber eine andere Möglichkeit fiel ihm nicht ein. 
»Tut, was sie sagt«, wies er die Navigatoren an, die sich sofort daran machten, seinen Befehlen zu entsprechen. 
»Dieser Kurs ist gefährlich. Verdammt gefährlich. Der proxydonische Orbit ist kein Zuckerschlecken, Arch, und die Hellscreamer werden dort ebenfalls Probleme bekommen«, sagte Clynnt und sein Ausdruck deutete seine argen Befürchtungen an. 
»Aber es ist unsere einzige Möglichkeit, langfristig diesem Todesstrahl ausweichen zu können. Wenn du gut genug manövrierst, können wir das schaffen. Ich zähle auf dich. Wir werden zudem weitere Flieger aussenden, die die Meteoriten zertrümmern können, die dem Flaggschiff zu nahe kommen.« Archweylls Ton duldete keinen Widerspruch. Sie hatten zu wenig Zeit für hitzige Diskussionen. 
»Arrows entsendet, Koordinaten verteilt«, bestätigte Clynnt mit einem Blick auf die Monitore. »Hoffen wir mal, dass es sich nicht für diese lästigen Mücken interessiert.« 
»Dann leiten wir jetzt den Warpsprung ein. Beeil dich!« Der Kommandant ging in der Navigatorenkabine auf und ab. Das Radar zeigte, dass sie kaum noch 20 Kilometer von ihrem Ziel entfernt waren. Das war ein feuchter Witz, wenn man die Unendlichkeit des Warps damit verglich.
Auf einmal erschütterte eine angedeutete Eruption das All, als das Wesen erneut seinen Kristall auflud. Das Knistern der Energie war so machtvoll, dass sämtliche Geräte der Atharymn ausschlugen. Es klang wie in einem Krankensaal, wo verzweifelt um das Überleben des Patienten gekämpft wurde. 
Hier ist es nicht anders, schoss es Archweyll durch den Kopf. Was für eine dämonische Macht ist das?
»Wir müssen hier weg! Clynnt?!« Die Panik ließ ihn aufschreien. Wenn dieser Strahl sie traf, war es vorbei mit ihnen. 
»Bereit!«, erwiderte der Chefnavigator unter zusammengepressten Zähnen. »Setze Kurs auf das Proxydon-System.«
Der Warpeintritt war so sanft wie eh und je. Fast schon trügerisch ruhig glitt die Atharymn durch die Farben der Unendlichkeit. An Bord spiegelte sich jedoch eine andere Stimmung wieder. 
Archweyll war mittlerweile auf die Brücke zurückgekehrt, Daisy war ihm gefolgt. 
»Ich habe dir noch gar nicht gedankt, für deinen Einsatz da unten«, sagte der Kommandant lobend.
»Du solltest das nicht tun. Dein Dank gebührt deinem Chefnavigator. Hätte er mich nicht strammstehen lassen, hätte ich die Biege gemacht. Riesige Monster, die das All bereisen oder in der dunkelsten Tiefe des Ozeans Jagd auf uns machen… ich war noch nicht bereit dafür.« Sie lächelte matt. »Aber das hat sich geändert. Ich will es euch beweisen und noch viel schwieriger: ich will es mir selbst beweisen. Ich kann das. Und ihr könnt jederzeit auf mich zählen.«
Archweyll wollte sie mit einem Schulterklopfen quittieren, doch ein Aufschrei aus der Navigatorenkabine ließ ihn erschaudern.
»Es hat geklappt! Es folgt uns!« Dann ein gezischter Fluch. »Weltraumpisse! Wie kann es sein, dass ein Lebewesen mehr Antriebsenergie besitzt, als ein Patrouillenkreuzer mit Reaktorantrieb?« Stück für Stück näherte sich der rote Punkt auf dem Radar ihrer Position. 
»Wenn das so weitergeht, hat es uns in 3,2 Parsec eingeholt. Das ist ungefähr die Hälfte der zurückzulegenden Strecke«, fluchte Clynnt Volker ausgelassen. 
»Dann werden wir ein Sperrfeuer auslegen. Mal gucken, wie es mit unseren Torpedos klar kommt«, antwortete Archweyll und röhrte den entsprechenden Feuerbefehl in seinen Lautsprecher. Den Bruchteil einer Sekunde später hatte der Kreuzer das Bombardement eröffnet. 
»Er fliegt keine Ausweichmanöver.« Clynnt runzelte sorgenvoll die Stirn. »Ich denke das bedeutet, dass es ihn nicht einmal kitzeln wird.« 
Archweyll studierte eingehend die Monitore.
Wenige Minuten nach Abschuss detonierten die ersten Geschosse, schwere Torpedos der Weltenzerstörer-Klasse, die einen Kreuzer regelrecht zerfetzen konnten. Doch ihr Gegner schien angesichts der nuklearen Detonationen ungerührt und setzte seine Verteidigung weiter fort.
»Er hat einen organischen Deflektorschild«, stellte der Chefnavigator fest.
»Ich hasse Hippies!« Archweyll spukte aus. »Feuert aus allen Rohren!« Seine Augen verschlangen förmlich die unzähligen blauen Dreiecke auf dem Radar, die ihrem Gegner entgegenflogen. 
37 bestätigte Volltreffer. Irgendwann ist sein Schild am Ende.
Der Vorteil, den ihnen der Warpsprung verschaffte, stand außer Frage. Geschosse vorwärts zu feuern, war nahezu unmöglich. Allerdings konnten sie getrost ihren Verfolger bombardieren.
»Er wird langsamer.« Clynnt atmete merklich aus. 
»Das bedeutet, er muss mehr Antriebsenergie in seine Deflektorschilde pumpen«, erklärte Daisy. Für einen Moment hatten sie einen Vorsprung. »Kreuzfeuer beibehalten. Aber gebt auf unsere Vorräte Acht. Wenn wir in Proxydon sind, werden wir alles brauchen, was wir haben.« 



***

 

 

Das Proxydon-System war ein kompliziertes Netzwerk aus Asteroidengürteln und Eisenstaubbänken, die durch Magnetströme zu Strudeln des Todes mutiert waren. Schon von weitem konnte man die spiralenförmige Helixstruktur des Systems bewundern, die sich wie zwei ineinander verkeilte Schlangen durch den Warp windete. Darin waren weitere, kleine Wirbel und Ströme zu erkennen. 
»Da wollen wir wirklich rein?« Clynnt Volker schien diese Aussicht gar nicht zu schmecken.
»Ein bisschen Mut. Es ist unsere einzige Chance«, erwiderte Archweyll und musste grinsen. 
Jetzt würde es ganz darauf ankommen, wie gut er seine Crew im Griff hatte. »Kurzstreckentorpedobatterien aktivieren. Manuelle Geschosslanzen in Bereitschaft. Ich möchte mindestens 30 Arrows in einer Stunde da draußen haben. Jeder Asteroid, der sich der Atharymn nähert, ist ein erklärter Todfeind und wir gehen nicht zimperlich mit solchen um.« Archweyll beendete seine Funkansprache und betrachtete die Monitore. »Da bist du ja, du Kotzbrocken«, fluchte er unflätig. 
Seit sie das Torpedofeuer beenden mussten, um ihre Vorräte zu schonen, hatte ihr Feind unbeugsam aufgeholt. Fast 2 Tage waren sie nun schon auf der Flucht vor ihrem Verfolger und er saß ihnen unnachgiebig im Nacken. Archweyll hatte bisher keinen Schlaf gefunden und würde es auch weiterhin nicht. In Extremsituationen konnte er Wochen ohne Schlaf auskommen, auch wenn er mit dieser Fähigkeit seines Körpers selten liebäugelte. Es würde noch zwei weitere Tage brauchen, bis die Arrows ihr Ziel in Prospecteus erreicht hatten. 

Also noch sechs Tage, bis wir auf Hilfe hoffen können.

Ein Gedanke, der fast an Irrsinn grenzte. Reisen durch den Warp konnten mittlerweile mit rasanten Geschwindigkeiten durchgeführt werden und doch waren sie viel zu langsam. 
»Eintritt in den Asteroidengürtel in 20 Minuten«, knisterte es durch die Lautsprecher. 
Archweyll schritt zur Heckkuppel und starrte hinaus. Das riesige Monster kristallisierte sich durch sein statisches Leuchten klar hinter ihnen ab. Und es wurde größer und größer. 
Mittlerweile waren die pfeilschnellen Jäger in Position um die Atharymn formiert und jeder verbliebene Gefechtskopf einsatzbereit. 
Der Kommandant spürte, wie sich seine Nackenhaare zu Berge stellten. Wieder war da dieses erregende Gefühl kurz vor einer unausweichlichen Schlacht. Er konnte es förmlich auf der Zunge schmecken. Bald würde Blut fließen. Er hoffte nur innig, dass es nicht das ihre sein würde.



***

 


Die ersten Asteroiden waren ein Klacks, doch bald geriet die Atharymn in Schwierigkeiten. Clynnt navigierte das Schiff so gut er konnte durch das dichte Geschwader aus Gestein, doch binnen Minuten mussten die Arrows mit manuellem Torpedobeschuss nachhelfen. Die kleineren Brocken, die mit der Außenbordwand kollidierten, rüttelten den Kreuzer mächtig durch, richteten aber keinen merklichen Schaden an. 
Zumindest noch nicht. 
Mittlerweile waren sie sieben Stunden in den Magnetströmen des Proxydon-Wirbels und es brachte den Chefnavigator an seine Grenzen. Clynnt merkte, wie er gedanklich abdriftete, denn er hatte seit zwei Tagen kein Auge zugemacht. Erst hatten seine Beine begonnen zu krampfen und dann kamen die Kopfschmerzen dazu, schlichen sich immer tiefer in sein Gehirn, um es zu martern. Einmal mehr erwünschte er sich die körperlichen Fähigkeiten seines Vorgesetzten herbei.
Wieder rumpelte Gestein auf die Atharymn, ein Getöse, das anschwoll zu einem Chor des kreischenden Metalls. 
Ihr Gegner legte trotz seiner unglaublichen Größe eine erstaunliche Wendigkeit an den Tag und war mittlerweile dicht an sie herangerückt. 
Zum Glück hat er bisher davon abgesehen uns mit seinen elektrischen Impulsen zu bombardieren.
Die Frage, was ihr Gegner ihnen noch entgegenzuwerfen hatte, wollte der Chefnavigator sich gar nicht erst stellen. 
»Gesteinsbrocken auf sieben Uhr. Vernichten!«, befahl Clynnt. 
Schweiß tropfte seinen Hals herunter und verirrte sich in den Tiefen seines Anzuges. Mit angestrengtem Blick verfolgte er die gezielte Sprengung auf den Monitoren, um dann zufrieden festzustellen, dass der Pilot erfolgreich seine Arbeit tat. Er massierte sich die Schläfen, zwischen denen es rumorte wie im Magen einer Bestie. 
Und sie hat Hunger, stellte der Chefnavigator mit einem müden Blick auf das Radar fest. 
Ihr Feind hatte sie eingeholt. Das unheilverkündende Knistern des Impulses kündigte sich an und für eine Sekunde fühlte sich Clynnt leer, ausgelaugt und erschöpft. 
Dann feuerte das Wesen und verfehlte sie nur um Haaresbreite. 
Explosionen detonierten um die Atharymn herum und zwei Arrows wurden von ihnen verschluckt. In der Ferne hörte er Archweyll Befehle brüllen. 
Ratternd aktivierten sich die Kurzstreckentorpedobatterien und hunderte von Gefechtsköpfen schlugen ihrem Feind entgegen. 
Jetzt konnte man deutlich den Deflektorschild des Monsters erkennen, das die feindlichen Torpedos wie eine glühende Sonne verschluckte, und im Farbenspiel der Explosionen hunderte Farben annahm. Doch an manchen Stellen bröckelte der Schild bereits. 
Auch die Energiereserven des Monsters waren nicht unersättlich, wie es schien. 
Knisternd aktivierte sich der Strahl erneut und eine Welle der Verzweiflung wurde der Atharymn entgegengeschleudert. 
Gleichzeitig musste Clynnt ein Ausweichmanöver gegen zwei Asteroiden auf Kollisionskurs vornehmen. Der erste Komet wurde von dem Induktionsschuss wortwörtlich zerfetzt. 
Der andere schabte am Schiff entlang und rote Alarmleuchten aktivierten sich. 
»Feuer auf den unteren Docks!«, fauchte der Chefnavigator in die Funkanlage. »Sofort die Techniki einsatzbereit machen!« Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er zu kollabieren. Sein Sichtfeld wurde schwarz und alles drehte sich schwindelerregend. Dann fasste er sich und war wieder halbwegs bei Sinnen.
Archweyll kam hereingestürmt, sein Gesicht eine Maske der Befürchtungen. »Das halten wir nicht lange durch!«, rief er. »Wir müssen Plan zwei einläuten.«
Clynnt schluckte. Plan zwei sah alles andere als gut aus. Als sie ihn zurechtgetüftelt hatten, war er fast wahnsinnig vor Zorn geworden. Aber es gab vermutlich keine andere Möglichkeit. Sie waren schwer getroffen worden und wenn die Feuer nicht unter Kontrolle kriegen würden, wäre alles verloren. Sie mussten sich mehr Zeit erkaufen, wo keine war.
Clynnt seufzte.
»Alle bereitmachen!«, rief er durch den Funk. »Wir steuern direkt in den Eisensturm.«

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Saigels Irr(e)lichter – Die Schreibatmosphäre

Besonders jetzt, in der kalten Jahreszeit, wenn der Schnee fällt und es früh dunkel wird setzt sich der Autor doch auch mal früher an den Schreibtisch und lässt sich mit einem Blick nach draußen von der Atmosphäre einfangen. Schreiben erzeugt eine gewisse Atmosphäre, so ähnlich wie das Lesen.

Sind die äußeren Einflüsse wie, Wetter, Hintergrundgeräusche, Ort etc. wichtig für das Schreiben? Kann hinterher gar herausgelesen werden, dass sich der Autor, sonst stets zuhause schreibend, während des Erstellens dieses einen Kapitels im Zug befand? Schreibt der Schreiber anders an anderen Orten? Kann er abgelenkt werden von seiner Welt auf Papier?
Selbst von den großen Schriftstellern werden Bilder verbreitet, die deren Schreibtische oder Büros zeigen. Bilder eben jener werden ebenfalls zumeist während des Schreibens gemacht. Sogar so manches Museum beinhaltet den Schreibtisch eines längst verstorbenen Autors, dessen Name die Jahrhunderte überdauert hat.

Es ist eine interessante Frage, welche Art von Atmosphäre nötig ist um schreiben zu können. Muss es still sein, oder laut? Muss die Sonne scheinen, oder muss es regnen. Muss der Schreibtisch in Unordnung versinken, oder fein säuberlich sortiert sein? Muss es am Schreibtisch geschehen, oder unterwegs, im Zug, auf der Arbeit? Wann kann ein Autor schreiben? Wann kann er überarbeiten? Noch einmal lesen? Wieder überarbeiten?

Ich glaube, das Schreiben selbst, das Konzentration erfordert, erzeugt die Atmosphäre. Allerdings kann ein ruhiger Ort mit einem schönen Ausblick dies wohl eher zulassen als ein hektischer Platz. Die Lust am Schreiben hat wohl auch mit dem Wetter nur so weit etwas zu tun, dass schlechtes Wetter wohl eher dazu verleitet sich lieber einmal zurückzuziehen um zu schreiben. Offenbar gibt es aber Autoren, die das anders sehen. Einige können nicht schreiben, wenn sie nicht an dem einen gewohnten Platz sind, den sie dafür erdacht haben. Andere schreiben ausschließlich im Winter. Wieder andere schreiben überall aber nur mit Stift auf Papier.

Der Sprung in die Professionalität bedeutet hier wohl weitere Einschränkungen. Die produktive Phase im Winter reicht dann wohl nicht mehr aus. Konzentrationsfähigkeit kann trainiert werden, weshalb ich darauf schließe, dass das ausdauernde Schreiben genauso geübt werden kann. Aber ist die Atmosphäre dann noch dieselbe? Schlägt sich eben dies in dem Geschriebenen dann auch nieder?

Derjenige der dies gelesen hat ist dazu eingeladen, seine eigene Schreibatmosphäre in den Kommentaren zu beschreiben.

Eure Saigel

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Korrekturen 29

29.Teil – Die letzte Flucht (5/6)

»Der Vektor reicht überhaupt nicht soweit!«, unterbrach Zeno Khendrah, »Ihr wollt mich doch nur veralbern! Niemand kann aus einem Bereich stammen, der weiter in der Zukunft liegt, als das achtzigste Jahrhundert. Das ist allgemein bekannt.«
»Warum wohl?«, fragte Giwoon barsch, »Weil Euer Vektor in der Zukunft solche Schäden angerichtet hat, dass wir uns gezwungen sahen, Eure Technologie zu blockieren. Leider geht auch Eure Forschung weiter und wir sahen die Gefahr, dass es Euch eines Tages gelingen könnte, unsere Blockade zu umgehen. Uns blieb nur eine Wahl: Die endgültige Zerstörung des Vektors.«
Zeno schüttelte den Kopf.
»Ich kann es nicht fassen«, sagte er. »Was habt Ihr getan, von dem Ihr glaubt, dass es den Vektor auslöschen wird?«
»Wir haben die Sonnenenergiezapfanlage am unteren Ende des Vektors zerstört«, erklärte Fancan. »Es hat bereits begonnen. Für den Vektor gibt es keine Rettung mehr. Allmählich wird, von der Vergangenheit ausgehend, hier alles verschwinden. Du musst aber keine Angst haben. Ihr alle habt noch genügend Zeit, den Vektor zu verlassen. Soweit ich weiß, stammst du aus dem 4300. Jahrhundert. Fahre einfach nach Hause, Zeno. Du bist Techniker. Mit Deinen Fähigkeiten und Deinem Wissen kannst Du dort Fuß fassen und Dir etwas aufbauen. Warte nicht zu lange. In wenigen Wochen wird es hier in der Basis brenzlig werden.«
»Und was wird aus Dir?«, fragte Zeno hoffnungsvoll.
»Zeno, Du bist ein netter Kerl«, sagte Khendrah, »aber schlage Dir bitte aus dem Kopf, dass aus uns etwas werden würde.«
Sie griff nach Thomas’ freier Hand.
»Er ist es, mit dem ich gehen werde«, sagte sie bedauernd.
Zeno nickte.
»Dein Auftrag, nicht wahr? Alles begann damit, dass er dich benutzt hat. Ich hätte niemals erwartet, dass Du so viel Selbstbewusstsein hast, einem Analysten die Stirn zu bieten.«
»Du wusstest davon, dass Ralph mich für seine Zwecke missbraucht hatte?«, fragte Khendrah wütend.
»Nein, nicht so, wie Du denkst«, verteidigte sich Zeno. »Ich habe in meiner Eigenschaft als Techniker irgendwann bemerkt, dass Ralph es mit den Vorschriften nicht so genau nahm, wenn es um seine eigenen Interessen ging. Er zwang mich jedoch, die Augen davor zu verschließen.«
»Was hattest Du denn zu befürchten?«, wollte Khendrah wissen, »Du hättest dieses Schwein vor das Vektorgericht der Obersten Behörde bringen können.«
Zeno druckste herum.
»Ich bin einige Male illegal draußen in der Zeit gewesen. Ich suchte etwas Zerstreuung. Nichts Schlimmes. Aber er erwischte mich eines Tages bei der Rückkehr in den Vektor und von diesem Zeitpunkt an hatte er mich in der Hand. Irgendwie bin ich froh, dass das Alles nun vorbei ist. Was wirst Du tun, Kendrah?«
»Wir werden nur ein paar Sachen holen und dann mit einem der Aufzüge von hier aus ganz nach unten durchstoßen. Thomas muss unbedingt wieder in sein Jahr zurück. Die Geschichte verlangt, dass er sein Leben im einundzwanzigsten Jahrhundert weiterlebt. Ich werde bei ihm bleiben. Ich habe ansonsten keine Heimat in der Zeit.«
Zeno war mit einem Mal wieder der Techniker, der er war.
»Ihr wollt zurück an den Beginn des Vektors, obwohl sich dieser bereits aufzulösen beginnt?«, fragte er.
»Ja, wir werden eine voll aufgeladene Kabine mit aller Gewalt nach unten fahren lassen«, sagte Giwoon. »Es wird das Letzte sein, was wir mit dem Vektor zu tun haben werden.«
»Das glaube ich Dir gerne«, sagte Zeno kopfschüttelnd, »Ihr werdet im Nichts materialisieren, wenn Ihr in die instabile Zone eintaucht. Eine Zeitkabine nimmt permanent Energie auf, während sie durch die Zeit reist. Ihr könnt nicht einfach Anlauf nehmen, wie Ihr es Euch vorstellt. Die instabile Zone würde Euch einfach aufsaugen und vernichten. Ich kann Euch aber eine mobile Energiezelle installieren, die Euch durch den gefährlichen Sektor bringen kann. Es ist aber eine Einbahnstraße. Wenn Ihr es tut, kommt Ihr dort nicht mehr weg.«
»Zeno, wir wollen auch gar nicht mehr dort weg«, sagte Khendrah. »Wir wären Dir wirklich sehr dankbar, wenn Du uns dieses eine Mal helfen würdest. Wir sind wirklich keine Verräter, das musst du uns glauben. Wir sind auf den Dienst an der Menschheit vereidigt worden, Zeno. Wie es sich nun herausgestellt hat, ist es für den Dienst an der Menschheit notwendig, den Vektor selbst zu vernichten. Ich würde Dir liebend gern die Beweise vorlegen, aber das ist jetzt leider nicht mehr möglich.«
Sie sah ihn Hilfe suchend an.
»Wirst Du uns helfen, Zeno?«
Er rang eine Weile mit sich, dann sagte er:
»Gut, ich werde es tun. Ich rüste Euch einen Aufzug aus und schicke Euch nach unten. Danach werde ich selbst den Vektor für immer verlassen. Ist denn überhaupt sicher, dass die Techniker nicht eine Reparatur der Energieversorgung durchführen können?«
»Ich selbst habe das Wissen über die Installation der Sonnenenergiezapfanlage in den Speichern gelöscht und die Back-up-Kristalle unbrauchbar gemacht«, sagte Giwoon. »Es gibt niemanden mehr, der das Wissen besitzt, den Vektor zu retten. Ich bin sehr gründlich gewesen, um meine Leute in der Zukunft zu schützen.«
»Gebt mir eine Stunde, dann könnt Ihr Eure Reise antreten«, meinte Zeno. »Aber dann muss ich jetzt ins Arsenal und einige Dinge besorgen.«
Er nickte ihnen zu und lief den Gang hinunter. Giwoon blickte ihm hinterher und fragte:
»Können wir ihm trauen?«
Fancan schmiegte sich an ihn.
»Wenn nicht ihm, dann können wir niemandem trauen. Zeno meint in der Regel immer genau, was er sagt. Komm’, wir holen unsere Sachen und verschwinden hier.«
Sie verabredeten sich in knapp einer Stunde am Aufzug, in der Hoffnung, dass Zeno mit seiner Installation bis dahin fertig sein würde, dann trennten sie sich und betraten die Appartements von Khendrah und Fancan.
»Es ist ein sehr großes Appartement«, stellte Thomas fest.
Jake stand etwas schüchtern im Hintergrund und schaute sich staunend um. Die Einrichtung ließ deutlich erkennen, dass es hier eine Technologie gab, die weitaus fortschrittlicher war, als alles, was er bisher jemals gesehen hatte.
Khendrah griff eine Art Koffer und klappte ihn auf. Systematisch ging sie durch ihr Appartement und warf alles in den Behälter, was sie für unverzichtbar hielt.
»Ja, es ist sicher recht groß, aber es ist irgendwie auch eine Gefängnis«, sagte sie. »Mir ist es nie so vorgekommen, aber seit wir zusammen sind und ich nun weiß, dass es auch anders sein kann, würde ich hier nicht mehr leben können, ohne das Gefühl zu haben, eingesperrt zu sein. Es gibt keine echten Fenster, die Luft stammt aus dem Aufbereiter, die Nahrung ist synthetisch. Ich werde dieser Umgebung nicht nachtrauern.«
»So ganz verstehe ich Euch ja nicht«, meinte Jake und setzte sich in einen, an der Decke befestigten, Sessel. »Ihr habt hier eine fantastische Technologie und einen Luxus, wie ich ihn bisher noch nie gesehen habe. Ich kann nicht verstehen, dass es wirklich notwendig ist, das zu zerstören.«
»Wir zerstören doch nicht diese Technologie«, erklärte Khendrah. »Wir zerstören nur den Vektor. Der Fortschritt findet doch sowieso seit jeher dort draußen statt. Was glaubst Du denn, woher das alles hier stammt? Die Oberste Behörde hat sich alles, was sie brauchen konnte, überall in den Zeitaltern zusammengestohlen. Glaube mir, es ist nicht schade um dieses Konstrukt. Wir müssen nur sehen, dass wir hier verschwinden.«
»Die Stunde ist bald um«, mahnte Thomas, »wir müssen zum Aufzug.«
Khendrah packte ihren Koffer und machte den Anderen ein Zeichen, dass sie so weit wäre. Gemeinsam traten sie auf den Flur hinaus, wo bereits Fancan und Giwoon auf sie warteten. Ohne ein Wort machten sie sich auf den Weg zu den Aufzügen, wo Zeno geschäftig dabei war, die winzige Kabine mit Energiezellen voll zu stopfen.
»Wie sieht es aus?«, fragte Giwoon, als er Zeno aus der Aufzugkabine treten sah.
»Es wird eng werden«, antwortete er und deutete auf die hell erleuchtete Öffnung des Aufzuges. »Es ist aber notwendig, wenn Ihr sicher sein wollt, dass Euch nicht kurz vor dem Ziel der Saft ausgeht.«
»Oh, Mann, das wird eine unbequeme Reise«, jammerte Fancan und stellte ihren Koffer aufrecht in den kleinen Raum hinein. Nachdem sie wieder in den Gang hinaustrat, tat Khendrah es ihr nach. Sie war gerade dabei, die beiden Gepäckstücke so zu arrangieren, dass noch fünf Personen stehend darin Platz finden konnten, als sie plötzlich Lärm auf dem Gang hörte.
Die Tür der benachbarten Kabine war unerwartet geöffnet worden. Niemand von ihnen hatte die Signale registriert, die eine bevorstehende Ankunft einer Kabine ankündigen. Ralph Geek-Thoben sprang mit, vor Hass verzerrtem Gesicht heraus und feuerte sofort mit seinem Nadelwerfer, den er bereits in der Hand hielt. Jake und Thomas wurden sofort getroffen und sackten in sich zusammen. Giwoon und Fancan griffen zu ihren Waffen, doch Ralph war schneller. Von mehreren Nadeln getroffen brachen auch sie zusammen. Zeno hob beide Hände, zum Zeichen, dass er nicht kämpfen würde, doch Ralph schien ihn nicht als Gefahr einzustufen, denn er senkte seine Waffe.
»Was wollten diese Leute von Dir, Zeno?«, fragte er fordernd. »Los rede, sonst muss ich ungemütlich werden. Ich habe nicht viel Zeit.«
»Sie wollten nur ein paar Sachen holen«, sagte Zeno. »Danach wollten sie wieder verschwinden.«
»Und wozu brauchten sie dann Dich, Zeno?«, wollte er wissen, »Wozu braucht man einen Techniker bei einer einfachen Zeitreise? Wo wollten sie hin?«
Zeno hob hilflos die Hände und schüttelte den Kopf. Ralph wurde wütend und trat auf Zeno zu. Seine Waffe ruckte wieder nach oben und zeigte auf Zeno. Er stieg über die am Boden liegenden Bewusstlosen hinweg und stutzte plötzlich.
»Das sind Fancan und dieser Kerl, den Khendrah töten sollte«, sagte er, »die Identität dieser beiden Kerle ist mir nicht bekannt, aber … Khendrah fehlt. Wo – verdammt noch ‘mal ist Khendrah?«
Sein Gesichtsausdruck wurde wieder misstrauisch.
»Zeno?«, fragte er, »Auf wessen Seite stehst Du? Wo ist Khendrah? Ich muss nicht betonen, dass eine Überdosierung dieser Nadeln hier einen Menschen auch töten kann, oder?«
Zeno stand der Schweiß auf der Stirn und er wich unwillkürlich zurück. Ralph folgte ihm langsam. Bevor er jedoch von seiner Waffe Gebrauch machte, spürte er einen heftigen Stich in seiner Hand und der Nadelwerfer entfiel seiner Hand.
»Hier bin ich, Du Dreckskerl!«, rief Khendrah aus dem zweiten Aufzug, in dessen Kabine sie sich die ganze Zeit über versteckt gehalten hatte. In ihrer Hand hielt sie ebenfalls einen Nadelwerfer. Ralph machte Anstalten, sich nach seiner eigenen Waffe zu bücken.
»Das würde ich an Deiner Stelle nicht tun«, sagte Khendrah, »sonst jage ich dir eine volle Ladung in Deinen Körper. Dann ist mehr gefühllos, als nur Deine Hand.«
»Was willst Du denn jetzt tun?«, fragte Ralph mit einem hämischen Grinsen. »Deine sogenannten Freunde sind ohne Bewusstsein. Ich weiß inzwischen genau, was Ihr getan habt. Die Uhr tickt gegen Euch. Mit jedem Augenblick, den Ihr länger hier bleiben müsst, wird die Chance, dieses Thomas Rhoda wieder in seine angestammte Zeit zu bringen, kleiner. Ihr habt alle meine Pläne durchkreuzt, meine ganze Arbeit als Analyst vernichtet. Dafür werde ich nun Eure Pläne ebenfalls durchkreuzen.«
»Ralph, lass’ doch diesen Blödsinn!«, rief Khendrah, »Der Vektor wird nicht mehr lange existieren, aber Du kannst Dein Leben in der Zeit weiterführen, wo immer Du willst – so wie jeder Andere hier im Vektor ebenfalls. Für niemanden von uns wird es so weitergehen, wie bisher. Lass’ es doch gut sein. Was Du getan hast, war ein schweres Verbrechen, doch Du kannst etwas davon wieder gutmachen, wenn Du uns nun nicht im Weg stehst.«
»Mach’ Dich nicht lächerlich, Du falsche Schlange!«, brüllte Ralph sie an, »Du musstest ja unbedingt dieses Thomas Rhoda retten! Du musstest in meinen Angelegenheiten herumschnüffeln und meine Pläne zerstören! Glaubst Du im Ernst, mich interessiert noch ein Leben dort draußen? Mir geht es nur noch um meine private Rache. Du wirst es nicht schaffen, Deine Freunde von hier zu retten. Dein Thomas wird nicht wieder in seine Zeit zurückkehren und Du wirst eine größere Zeitveränderung schaffen, als Du es dir denken magst. Vielleicht bin ich dann doch noch der Gewinner …«
Sein Gedanke schien ihn sehr zu erheitern, denn er warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals los. Unvermittelt rannte er los und näherte sich rasch der Kabine, in deren Tür Khendrah noch immer mit gezogenem Nadelwerfer stand. Ohne noch weitere Zeit zu verlieren, drückte sie ab und jagte ihm zwei Nadeln in den Körper. Ralphs Gesichtsausdruck wurde starr und seine Bewegungen wurden unkoordiniert. Von seinem eigenen Schwung getragen, prallte er auf Khendrah und ließ sie rückwärts in die Kabine stürzen, wo sie mit ihrem Rücken auf die Kante eines der Koffer prallte. Für einen Moment sah sie nur noch Sterne vor Ihren Augen und ihr Körper fühlte sich an, wie in Feuer getaucht.
»Khendrah!«, hörte sie eine Stimme, »Bist Du verletzt?«
Es war Zeno, der sich über sie beugte und sie besorgt ansah.
»Es geht schon wieder«, sagte sie ächzend. »Es ist schön, wenn der Schmerz nachlässt.«
Ralphs Körper lag bewusstlos halb auf ihr und sie musste sich hin und her winden, um sich darunter zu befreien. Zeno half ihr, indem er Ralphs Körper aus der Kabine zog. Er ging dabei nicht sonderlich vorsichtig mit ihm um. Khendrah atmete einige Male kräfig durch, nachdem sie wieder aufgestanden war. Zeno und Khendrah sahen sich einen Moment schweigend an.
»Danke«, sagte sie dann leise. »Zeno, Du bist ein netter Kerl.«
Er winkte ab.
»Es ist Zeit«, sagte er, »Ihr müsst in die Vergangenheit reisen, sonst könnt Ihr es nicht mehr.«
Er half ihr, die noch immer schlafenden Freunde in die kleine Kabine zu schaffen, was angesichts ihrer schlaffen Körper nicht einfach war. Als sie alle, mehr oder weniger übereinandergestapelt, verstaut waren, kletterte auch Khendrah dort hinein.
»Muss ich etwas beachten, wenn ich jetzt das Jahr 2008 einstelle?«, fragte sie Zeno. »Werde ich überhaupt an der richtigen Stelle in der Zeit erscheinen?«
Zeno lächelte.
»Khendrah, mein Schatz. Ich bin Techniker. Du musst Dich um nichts kümmern. Du wirst dort ankommen, wo du damals bei ersten Einsatz in 2008 auch erschienen bist. Wenn die Energie zu gering wird, werden die Zellen, die ich hier rings herum installiert habe, ihre Energie an die Kabine abgeben. Es wird reichen … noch.«
»Was geschieht mit Ralph?«
Zeno warf einen angewiderten Blick auf den am Boden Liegenden.
»Ralph werde ich mit der anderen Kabine ebenfalls in die Vergangenheit schicken«, sagte er.
»Aber die andere Kabine hat doch keine Energiezellen«, entfuhr es Khendrah.
»Hat sie nicht?«, fragte Zeno mit einem bösen Lächeln auf den Lippen. »Dann kann es wohl zu gewissen Zwischenfällen kommen.«
»Zeno, das kannst Du nicht tun!«, rief Khendrah.
Zeno beugte sich blitzschnell vor und gab Khendrah einen Kuss. Dann trat er zurück und zog die Kabinentür von außen zu. Das Verriegelungssystem ließ die Schlösser einrasten, sodass ein Öffnen nicht mehr möglich war. Khendrah rüttelte an den Griffen der Tür, doch sie rührte sich nicht.
»Zeno!«, brüllte Khendrah und schlug gegen die Tür.
Durch ein kleines Fenster sah sie Zeno draußen stehen und ihr zuwinken.
»Es hat keinen Sinn, Khendrah!«, rief er laut, damit sie ihn verstehen konnte, »Ich habe den Mechanismus manipuliert. Die Reise in die Vergangenheit wird gleich beginnen! Ralphs Reise wird meine private Rache an einem Mann sein, der mich jahrelang erpresst hat und wie einen Fußabtreter behandelt hat. Ich ziehe hiermit einen Schlussstrich. Werde glücklich, Khendrah! Ich habe Dich immer geliebt!«
Sie wollte noch etwas sagen, doch in diesem Moment setzte sich die Kabine in der Zeit in Bewegung und Zeno verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie blickte auf die kleine Anzeige, wo die Jahreszahlen zu laufen begannen. Erst langsam, dann immer schneller ging die Fahrt in die Vergangenheit. Als sie das Jahr 2050 passierten, begann die Zelle der Kabine zu vibrieren und die Erschütterungen wurden immer unangenehmer, je näher sie ihrem Ziel kamen. Die Zahlen auf dem Display wurden immer langsamer. Khendrah klammerte sich nervös an den Griff der Kabinentür. Die Luft im Innern wurde immer stickiger, da die Energiezellen, die von Zeno installiert worden waren, nun Wärme abzugeben begannen. Ein Alarmsignal signalisierte in nervtötender Lautstärke, dass etwas mit der Energieversorgung nicht in Ordnung war.


Der nächste – und letzte Teil – dieser Geschichte erscheint am 14.12.2019

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Ein später Besuch

Am 1. Dezember beginnt die Adventszeit. Schon etliche Tage davor öffnen überall die lang ersehnten Weihnachtsmärkte. Glühwein, Bratwurst, Backfisch, Eierpunsch – das sind heute die Charakteristika der vorweihnachtlichen Zeit. Fragt man probehalber mal bei den vielen Menschen herum, die an den zahlreichen Buden stehen und es sich gut gehen lassen, was überhaupt “Advent” bedeutet, wird man sicher bei den Meisten auf Verständnislosigkeit und Unwissen stoßen. Das lateinische Wort “advenire” gehört sicher nicht zum allgemeinen Wortschatz und seine Bedeutung erst recht nicht.
Doch, was sich vor mehr als 2000 Jahren zugetragen hat, wissen doch noch die Meisten. Lange ist es her. Doch was wäre, wenn …?


Jaycee schreckte hoch, als jemand ihn am Arm berührte. Wie so oft während dieser langweiligen Mission war er einfach weggenickt.
»Was ist?«
Erst jetzt begriff er, wo er sich befand und registrierte Luzi, den Commander seines Schiffes.
»Herr, wir haben eine Subraumdepesche von Ihrem Vater erhalten.«
Jaycee streckte sich und rutschte in seinem Sessel zurecht. »Und? Willst du sie mir nicht geben oder vorlesen?«
»Ja, Herr.«
Jaycee rollte mit den Augen und griff nach dem Holo-Tablet, das Luzi ihm hinhielt.
»Luzi gewöhne dir dieses ‚ja Herr, nein Herr‘ endlich ab. Ich kann es nicht mehr hören und außerdem fliegen wir schon so lange zusammen durchs Universum, das wir solche Förmlichkeiten wirklich nicht mehr brauchen.«
»Ja Herr.«
Jaycee schnaubte entnervt und begann die Nachricht zu lesen. Als er fertig war, deaktivierte er das Holo verärgert.
Er schaute zu Luzi hoch, der erwartungsvoll vor ihm stand. »Hast du das auch gelesen?«
Luzi nickte.
»Weißt du, was das bedeutet? Wir kommen wieder nicht nachhause! Da wir aktuell im Südarm der Milchstraße unterwegs sind, sollen wir uns ein System ansehen, wo wir vor einiger Zeit schon einmal waren. Mein Vater hat dort vor vielen Jahren etwas experimentiert, das Ganze dann aber aus den Augen verloren. Ich selbst war auch schon einmal dort. Ich brauche die Erinnerungen aus dieser Zeit. Sie sollten sich in den Archiven des Schiffes befinden. Wenn nicht, kann Vater mich mal. Dann geht es gleich nachhause.«
Als Luzi gegangen war, rückte er näher mit seinem Sessel an die Steuerkonsole heran. Zwar konnte er nicht die Gedankensteuerung verwenden wie Luzi, aber mit den manuellen Elementen kannte er sich aus.
»Südarm«, überlegte er. »Da klingelt doch was. Wann war ich zuletzt in dieser Gegend? Ich muss wohl doch auf die Memo-Injektion warten.«
Nur wenig später kam Luzi zurück und hielt ein pistolenähnliches Gerät in seinen Händen. »Ich hab es gefunden. Eine gelbe Sonne, neun Planeten und jede Menge anderes Zeug. Bitte einen Moment stillhalten, ich injiziere die alten Datensätze.«
Jaycee hasste diese Upgrades, aber schneller gelangte man einfach nicht an die Erinnerungen. Ein kurzes Zischen, ein kleiner Schmerz und es fühlte sich an, als würde ein Vorhang beiseite gezogen. Die Erde. Ja, jetzt wusste er es wieder. Er selbst war auf ihr herumgelaufen.
Vater hatte diese kahle Welt seinerzeit mit Leben erfüllt und dann sich selbst überlassen. Experiment, nannte er das. Bei seinem letzten Besuch vor … Er überlegte. … dreitausend Jahren hatten diese Wesen dort eine primitive Kultur hervorgebracht. Er wusste wieder, was für ein Theater es gegeben hatte, als man ihn für eine Art Überwesen gehalten hatte. Okay, für diese Wesen, diese Menschen, die sein Vater ihnen so ähnlich gemacht hatte, war er es vermutlich auch. Wie naiv war es gewesen, sie lehren zu wollen! Nichts hatten sie verstanden und ihre Anführer erst recht nicht. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sie ihn damals verurteilt und getötet hatten.
Sie hatten zumindest gedacht, sie hätten es getan. Er hatte ihnen sogar den Gefallen getan und hatte mitgespielt.
Ein sanftes Signal ertönte und Luzi wandte sich an ihn: »Herr, die Cyber-Einheit meldet unsere Ankunft im Zielgebiet. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir das richtige System gefunden haben.«
»Warum?«, fragte Jaycee verblüfft. »Die Cyber-Einheit hat sich noch nie geirrt. Wenn die Koordinaten stimmen und dieses System an der um dreitausend Jahre extrapolierten Position steht, muss es das richtige System sein.«
Er erhob sich und ging zu den Holoschirmen, auf denen nach kurzer Zeit das gesamte Sonnensystem schematisch dargestellt wurde.
»Eine gelbe Sonne, neun Planeten. Der Rest interessiert uns nicht. Setze den Fokus auf den dritten Planeten. Der war es, auf dem ich gewandelt bin.«
Luzi veränderte ein paar Einstellungen und die Schirme zeigten nur noch Daten vom dritten Planeten an.
»Wir müssen näher heran«, entschied Jaycee. »Kurze Ortsversetzung. Bring uns in die Umlaufbahn des Satellitenmondes, aber bitte bei vollem Ortungsschutz. Ich habe ein komisches Gefühl.«
»Ja Herr.«
»Würdest du das bitte endlich lassen, Luzi?«

Ein kurzes Flackern und die Welt erschien riesengroß auf den Holoschirmen. Jaycee schaute ungläubig. »Wie lange ist es her, seit wir hier waren? Dreitausend Jahre? Unfassbar, was diese Wesen in dieser kurzen Zeit angestellt haben. Ein metallener Ring umschließt den kompletten Planeten. An verschiedenen Stellen sind winzige Aufzüge erkennbar. Warum macht man so etwas?«
»Ihr Vater hat uns vielleicht deshalb hergeschickt? Weil wir herausfinden sollen, was hier geschehen ist?«
»Ja, vielleicht. Ich denke, ich muss mir das selbst anschauen – wie damals.«
»Wir gehen auf den Planeten?«
»ICH gehe auf den Planeten! Du weißt, was damals geschehen ist, als du mich begleitet hast. Ich brauche Informationen und keine Massenpanik.«
Luzi machte ein enttäuschtes Gesicht. »Die sind jetzt viel weiter. Vielleicht reagieren sie jetzt anders.«
»Nein, mein letztes Wort! Du bleibst an Bord und überwachst von hier aus. Deine Hörner und die rote Haut … Das Risiko ist mir einfach zu groß.«
»Dann eben nicht! Wann will der Herr reisen, und vor allem: Wie wollen Sie reisen?«
»Ich denke, eine einfache Ortsversetzung … sagen wir mal, in den Ring hinein, sollte reichen. So ein Konstrukt ist mir noch nicht untergekommen. Das will ich mir anschauen.«
»Also wann?«, fragte Luzi betont gelangweilt.
Jaycee hob beide Hände. »Wieso nicht jetzt gleich?«
»Okay.« Er gab dem System ein paar gedankliche Befehle und Jaycee verschwand unvermittelt aus der Zentrale des Schiffes.

Im nächsten Moment stand er auf einem menschenleeren Gang. In regelmäßigen Abständen gab es Türen oder Schotts, die jedoch verschlossen aussahen. Jaycee blickte sich um. Das hatte nichts mehr mit der primitiven Lebensweise der Menschen zu tun, die er lehren wollte und die ihn schließlich getötet hatten. Aber es handelte sich noch immer um die Wesen, die sein Vater einst geschaffen hatte und nach denen er jetzt schauen sollte. Er wanderte eine Weile den Gang entlang, als sich plötzlich eine der Türen öffnete und eine Gruppe Menschen daraus hervorquoll. Verblüfft blieben alle stehen und starrten ihn an. Einer der Menschen straffte sich und trat einen Schritt auf ihn zu.
»Wer sind Sie und was tun Sie hier?«
Durch den Linguistik-Transformator in seiner Hirnrinde konnte er ihn sogar verstehen.
»Ich bin der Sohn des Schöpfers …«
»Was Sie hier suchen, habe ich gefragt!« Der Mann wurde offenbar ungeduldig.
Jaycee machte eine ausholende Geste. »All das wurde als Keimzelle vor vielen Zeitaltern durch meinen Vater geschaffen. Nun hat er mich gebeten, nach euch zu schauen und ihm zu berichten. Bringt mich zu euren Führern, damit sie mir Bericht erstatten können.«
Die Männer der Gruppe sahen sich fragend an. Ihr Sprecher wandte sich ihm wieder zu.
»Was soll dieses Gefasel? Wie ist Ihr Name und aus welchem Sektor stammen Sie? Dies ist ein militärischer Sicherheitsbereich des Halos. Zeigen Sie mir sofort Ihre Personalkennung!«
»Ich besitze nichts dergleichen. Ich bin der Sohn des Schöpfers. Ihr dürft mich Jaycee nennen. Mein Mitarbeiter nennt mich dauernd ‚Herr‘, aber das mag ich nicht.«
»Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen, Mister Jaycee, oder wie sie sich nennen. Wir müssen Sie leider bitten, mit uns zu kommen.«
»Endlich verstehen wir uns«, sagte Jaycee. »Es ist sowieso besser, mit Ihren Führern zu sprechen und nicht mit dem niederen Volk.«
Der Mann wandte sich zu ihm und machte ein verärgertes Gesicht. »Das reicht!«
Er gab seinen Leuten ein Zeichen und ehe Jaycee sich’s versah, hatte man seine Arme auf den Rücken gedreht und ihm eine Fessel angelegt.
»Diesen Brauch kenne ich. Macht man das noch immer? Werden Sie mich auch gleich töten?«
»Der hat sie doch nicht alle«, meinte einer der anderen Männer. »Den sollten wir gleich einem Psychologen vorstellen.«
Sie stießen Jaycee an und forderten ihn auf, zu laufen. Interessiert machte er das Spiel mit. Bei seinem letzten Besuch auf der Erde lief man noch meist barfuß über staubigen Boden und trug sackartige Kleidung. Das hatte sich geändert, aber sonst war keine nennenswerte Änderung festzustellen. Er wusste nicht, wie sie das immer anstellten, aber sie schienen gleich zu wissen, wer er war, denn man nahm ihn stets sofort fest. Er war gespannt, wie Vater das aufnehmen würde. Beim letzten Mal war er deswegen leicht verärgert gewesen.
Nach einiger Zeit führten sie ihn in einen karg eingerichteten Raum. Es standen lediglich ein Tisch und vier Stühle darin. An einem saß ein Mann in einem weißen Gewand und sah auf, als sie eintraten.
»Hallo, Doc Treaver, wir bringen Ihnen den Mann, den wir im Sperrsektor aufgegriffen haben. Er wirkt verwirrt und wir hielten es für besser, Sie schauen ihn sich mal an.«
Der Arzt deutete auf einen der freien Plätze. »Bitte setzen Sie sich. Wie war doch gleich Ihr Name? Würden Sie ihn vielleicht hier auf dem Schreibblock für mich aufschreiben?«
Jaycee setzte sich.
Doc Treaver schob ihm Block und Stift herüber. »Bitte.«
Jaycee griff nach dem Stift und fasste ihn umständlich. »Ich habe so etwas noch nie in der Hand gehalten. Sehen so Ihre Holo-Tablets aus?«
»N-Nein. Das ist ein verdammter Stift und ein Schreibblock …«
»Gut.« Jaycee malte umständlich ein ‚J‘ und ein ‚C‘ und legte den Stift auf den Tisch. »So richtig?«
»Ist es das? Sie heißen JC? Das ist doch kein Name.«
Jaycee nickte. »Richtig. Eigentlich ist es die Abkürzung meines Namens, aber den finde ich einfach zu lang.«
»Und wie lautet nun der vollständige Name?«
»Jesus Christus. Mein Vater hat einen Hang zu exotischen Namen.«
Dem Arzt fiel die Kinnlade förmlich herunter. »Sagen Sie das noch mal!«
»Jesus Christus. War ich nicht verständlich genug?«
»Sie müssen wissen, dass ich ein recht ausgefallenes Hobby habe und deswegen von vielen meiner Kollegen verlacht werde. Ich forsche gern in alten Schriften – soweit sie damals in den Unruhen nicht vernichtet wurden. Vieles war zum Glück bereits gescannt und in den Datenbanken des Halos gesichert. Welcher von meinen gehässigen Kollegen hat Sie auf mich angesetzt?«
Jaycee machte ein fragendes Gesicht. »Ich verstehe nicht. Was habe ich mit Ihren Kollegen zu tun? Ich bin vorhin erst angekommen und jetzt sitze ich hier.«
Doc Treaver öffnete seine Arztkombination am Hals, als würde ihm warm. »Sie sind vorhin erst angekommen und heißen Jesus Christus? So wie der Typ in dem Buch?«
»Buch?«
»Ja. Es heißt Bibel und ein Teil davon handelt vom Leben und den Taten eines Jesus Christus.«
Jaycee schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich kenne das Buch zwar nicht, aber das ist ein Ding! Da bringen mich diese Primitiven um und dann schreiben sie über mein Leben? Was seid Ihr nur für Wesen?«
»Dann behaupten Sie ernsthaft, dieser Jesus Christus zu sein? Mit Verlaub, das war vor rund dreitausend Jahren.«
Jaycee nickte. »Das kann hinkommen. Ich war nicht früher in der Gegend und wenn mein Vater mich nicht gebeten hätte, wäre ich jetzt sicher nicht hier.«
Die Tür wurde geöffnet, ein Mann in einer Uniform kam herein und tuschelte leise mit dem Arzt. Anschließend ging er wieder.
»Man sagte mir soeben, dass die Sensoren hier im Raum Sie gescannt haben. Ihre Signaturen sind in keiner unserer Datenbanken verzeichnet. Jesus Christus, es gibt Sie nicht!«
Jaycee winkte ab. »Sensoren. Dummes Zeug. Ich habe doch gesagt, ich bin eben erst angekommen. Wie soll ich da in Datenbanken gespeichert sein? Könnte ich einen Blick in dieses Buch werfen?«
»Können Sie nicht! Wenn Sie das jetzt durchziehen wollen, geben Sie mir Beweise. Fangen wir an: Wo sind Sie geboren?«
Er überlegte. »Ich denke nicht, dass Sie das kennen. Es ist nicht einmal in dieser Galaxie …«
»Ha! Schon reingefallen! Jesus Christus ist unten auf unserer Erde geboren, in einer kleinen Stadt namens Bethlehem.«
»Ach das. Nein, da verwechseln Sie etwas. Ja, ich war in diesem Bethlehem. Die hatten damals da etwas Stress wegen einer Zählung oder so etwas. Hat mich nicht weiter interessiert. Aber da war ein junges Pärchen von Menschen. Die Frau bekam ein Junges und ich habe bei der Geburt geholfen. Das war damals richtig ärgerlich, weil wir in so einen schmutzigen Stall mussten. Zum Glück ist alles gut gegangen. Diese Menschen waren nett. Zum Dank hatten sie den Jungen nach mir benannt. Ich fand das rührend.«
»Ich glaub es nicht.«
»Doch, das dürfen Sie ruhig glauben. Ich hab mich dann eine Weile in der Gegend umgesehen. Mein Vater hatte mir den Auftrag gegeben, mich unter sie zu mischen und zu beobachten. Nach einigen Jahren wurde mir das zu langweilig und ich begann, zum Volk zu reden. Dabei muss es endgültig zu dieser Verwechslung zwischen mir und dem Jungen gekommen sein, der denselben Namen hatte – dem aus Bethlehem.
Auf jeden Fall rannten die alle hinter mir her und ich wurde sie nicht mehr los. Sie lauschten meinen Worten und irgendwie fand ich das auch gut. Ich dachte, wieso sollen sie nicht etwas von mir lernen?«
»Und wie ging es dann weiter?«
»Steht das nicht in diesem Buch? Die Führer in dieser Gegend fanden es nicht so gut, dass ich eine große Gefolgschaft hatte. Irgendwann nahmen sie mich gefangen und am Ende töteten sie mich. Wie sollten sie auch wissen, dass das nicht so einfach funktionieren würde. Für mich war es aber eine gute Gelegenheit, die Aufgabe abzuschließen und mich auf den Heimweg zu machen.«
Der Arzt blickte sein Gegenüber fassungslos an. »Glauben Sie eigentlich selbst, was Sie mir da alles erzählt haben?«
»Ich muss das nicht glauben. Ich weiß das. Ich war dabei. Glauben Sie mir nicht? Sie haben selbst gesagt, mich gibt es eigentlich nicht. Nun?«
Doc Treaver schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Angenommen, es stimmt, was Sie sagen: Warum sind Sie dann hier?«
»Aus demselben Grund wie vor dreitausend Jahren. Weil mein Vater mich darum gebeten hat. Das alles hier ist im Grunde sein Werk. Er hat den Grundstock gelegt und er will einfach wissen, was daraus geworden ist. Ich gebe zu, einen umfassenden Eindruck habe ich noch nicht gewinnen können.«
»Wussten Sie, dass es eine Zeit gegeben hat, in der man einmal im Jahr Ihre Geburt gefeiert hat?«
»Meine Geburt? Doch wohl eher die von dem Kleinen, dem ich auf die Welt geholfen habe.«
»Na, dann eben seine Geburt. Man nannte das Weihnachten, die Geburt des Erlösers. Man bemühte sich in dieser Zeit, Frieden zu wahren und anderen Menschen eine Freude zu machen. So steht es in den Schriften. Sogar unsere Zeitrechnung geht auf dieses Ereignis zurück, sagt man.«
Jaycee lächelte breit. »Das ist so rührend von euch Menschen, auch wenn Ihr den falschen gefeiert habt. Aber die Geste ist toll. Danke dafür.«
»Wofür bedanken Sie sich?«
»Na hören Sie, fänden Sie es nicht toll, wenn ein ganzes Volk Ihren Geburtstag feiert? Macht man das heute nicht mehr?«
»Die Zeiten waren schlecht. Es gab Kriege, Hungersnöte, Unruhen und am Ende gab es nur noch wenige Gebiete auf der Erde, in denen Menschen leben konnten. Wir bauten mehr als zweihundert Jahre am Halo, dem Ring um den Planeten. Diejenigen von uns, die überlebt hatten, leben heute hier oben. Es gibt Aufzüge für Nahrung und Waren. Vieles wird auch gleich hier oben produziert.«
»Dann lebt dort unten niemand mehr von euch? Die Erde ist tot?«
»Nein, so schlimm ist es zum Glück nicht. Es gibt noch immer Menschen dort unten, aber sie leben recht einfach, betreiben meist Ackerbau und liefern natürliche Nahrung als Ergänzung zu unserem synthetischen Essen. In diesem ganzen Wandel ist auch der Brauch von Weihnachten in Vergessenheit geraten. Wie gesagt: Mein Hobby sind die alten Schriften. Wenn überhaupt, könnten Sie höchstens unten auf der Erde noch etwas über das Weihnachtsfest erfahren. Es gibt Gerüchte über kleine religiöse Sekten, die dazu einen geschmückten Baum anbeten, oder so etwas. Genau konnte ich das noch nicht ermitteln. Aber die Menschen unten auf der Erde sind auch in ihrer Entwicklung etwas zurückgeblieben.«
Jaycee überlegte. »Dann gibt es also zwei verschiedene Menschheiten? Habe ich das richtig verstanden? Oder ist das eher so ein Zwei-Klassen-Ding? Ich hab so was bei anderen Völkern schon mal erlebt. Völlig irre, wenn sie mich fragen.«
Doc Treaver wiegte seinen Kopf. »Nein, ganz so ist es nicht. Als die Menschheit in den Ring – den Halo – umzog, wollte eine kleinere Gruppe das nicht mittragen. Sie wollte versuchen, weiter auf der Erde zu leben. Nennen sie sie einfach Traditionalisten. Sie leben von Ackerbau und Viehzucht in den Bereichen, in denen das möglich ist. Wir profitieren davon, sie dort unten aber auch, da wir sie mit Werkzeugen und technischen Hilfsmitteln beliefern.«
»Und wieso zurückgeblieben?«
»Das war vielleicht falsch ausgedrückt, aber wir halten hier oben nichts von diesen alten Bräuchen und Festen.«
»Also gibt es dieses Weihnachten eigentlich nicht mehr. Das ist sehr schade«, sagte Jaycee nachdenklich. »Wirklich schade. Und ich überlege, ob ich nicht etwas daran ändern sollte, denn der Grundgedanke von diesem Weihnachten ist etwas Gutes. Gutes sollte man bewahren.«
»Ich weiß noch immer nicht, ob sie der sind, der Sie vorgeben zu sein oder welche Macht Sie besitzen, aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.«
Jaycee lächelte milde. »Sie glauben mir noch immer nicht, was? Kann ich etwas tun, um diesen Glauben zu stärken?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Ich wüsste nicht, was.«
Plötzlich hellte sich Jaycees Miene auf. »Vielleicht … Mir fällt gerade eine Kleinigkeit ein, die damals, bei meinem letzten Besuch, viele Menschen glücklich gemacht hat aber auch für viel Wirbel gesorgt hat. Haben Sie hier in diesem … Halo Lagerräume?«
»Lagerräume? Was wird das jetzt?«
»Sie wollten einen Beweis und jetzt sollen Sie ihn auch haben. Ist es möglich, mir zu zeigen, wo sich solche Räume befinden?«
Treaver schüttelte den Kopf. »Wie soll ich Ihnen das erklären? Und ich sehe auch nicht, warum ich das …«
»Nicht mehr nötig!«, rief Jaycee und winkte ab. »Ich habe schon gefunden, was ich gesucht habe.« Er lachte und klatschte in die Hände. »Es wird Ihnen gefallen. Und ich wünsche Ihnen allen viel Spaß damit.«
Doc Treaver sah ihn verständnislos an. »Spaß? Womit? Wovon reden Sie überhaupt?«
»Sie werden es schon herausfinden. Und vielleicht glauben Sie mir ja dann. Aber jetzt werde ich Sie verlassen. Ihre Informationen über diese Weihnachtsfeiern unten auf der Erde interessieren mich wirklich. Ich werde mich damit befassen und diesen schönen Brauch wieder populär machen. Und ja, das Rad der Zeit kann niemand zurückdrehen, aber ich werde mir etwas einfallen lassen.«
Jaycee erhob sich von seinem Stuhl und reichte Doc Treaver die Hand. »Ich habe unser Gespräch sehr genossen. Ihnen verdankt die Erde, dass ich noch etwas länger bleibe als vorgesehen. Leben Sie wohl.«
Er hielt noch einmal inne und sah Doc Treaver fest an. »Sie mögen doch Fisch?«
»Ja, aber …«
»Dann ist es gut.«
Er hob seine Hand an den Mund und rief: »Luzi, hol mich ab.«
Für einen Sekundenbruchteil erschien eine kleine rote Gestalt mit einem gehörnten Kopf, schien zu grüßen und verschwand zusammen mit Jaycee, als wäre er nie da gewesen.
Doc Treaver starrte noch minutenlang auf den leeren Stuhl. Was hatte er da eigentlich erlebt? Konnte er mit irgendjemandem darüber sprechen? Vermutlich nicht. Auf jeden Fall nahm er sich vor, mehr über diesen alten Brauch der Weihnacht in Erfahrung zu bringen. Er war noch in Gedanken versunken, als sein Armband-Kommunikator einen Anruf signalisierte.
»Ja? Treaver hier?«
»Ist dieser merkwürdige Typ noch bei Ihnen? Dieser Mann, der nirgends in unseren Unterlagen verzeichnet ist?«
»Nein, er ist weg.«
»Weg? Was meinen Sie mit ‚weg‘?«
»Er ist verschwunden. Einfach vor meinen Augen verschwunden … Warum fragen Sie?«
»Weil wir wissen wollen, ob er etwas mit den eigenartigen Erscheinungen zu tun hat.«
Doch Treaver wurde ungehalten. »Jetzt spannen Sie mich nicht auf die Folter! Was ist los?«
»Unsere Kühlräume platzen auf einmal fast vor lauter Fischen, die darin aufgetaucht sind. Vor wenigen Minuten waren sie noch nicht da. Es sind riesige Mengen. Es reicht für Tausende von uns.«
Treaver beendete den Anruf und lehnte sich zurück. Fische? Für Tausende? Ihm fiel wieder eine Passage aus dem Buch ein. Sollte es möglich sein?
Ein Lächeln schlich sich allmählich auf seine Lippen. Vielleicht sollte er einmal nach unten auf die Erde reisen und sich nicht nur durch Bücher über die alten Bräuche informieren – dieses Weihnachten. Vielleicht war mehr daran, als sie alle dachten.

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