26.Teil – Die letzte Flucht (2/6)

»Wir werden beobachtet«, informierte sie die Anderen.
Giwoon blickte nach oben und entdeckte ebenfalls den Mann, der einen Helm trug und seine Augen hinter dunklen Gläsern verborgen hatte.
»Das ist eine Motorradstreife«, sagte Thomas, »ein Polizist.«
»Muss mir das etwas sagen?«, fragte Khendrah, »Kann der uns gefährlich werden?«
»Die Polizei sorgt für die Einhaltung der Gesetze und die Aufrechterhaltung der Ordnung«, erklärte Thomas, »der Polizist dort oben wird sich sicher fragen, was wir hier verloren haben und wie wir überhaupt hierher gekommen sind. Wenn wir Pech haben, ist er neugierig genug, uns abzufangen, wenn wir drüben angekommen sind. Wir können sicher eine Befragung durch die örtlichen Behörden nicht gebrauchen, oder?«
Fancan schüttelte den Kopf.
»Auf keinen Fall. Wir müssen ihn irgendwie abschütteln, bis wir einen Ort erreicht haben, wo es mehr Menschen gibt.«
»Dort drüben ist tatsächlich ein Loch in dem Erdwall«, rief Giwoon und deutete nach vorn.
»Ein Tunnel!«, rief Thomas aus, »Dann lasst uns machen, dass wir darin verschwinden.«
»Wird dieser Mann dort oben nicht schon am anderen Ende warten?«, wollte Fancan wissen.
»Oh, ganz sicher nicht«, sagte Thomas bestimmt, »das ist ein Autobahnkreuz. Man kann nicht in jede Richtung fahren. Er wird erst einen weiten Bogen fahren müssen, um zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen. Bis er dort eintreffen kann, müssen wir eben von dort verschwunden sein.«
Sie liefen los und sahen, bevor sie den Tunnel betraten, noch, wie der Polizist hektisch wieder auf sein Fahrzeug aufstieg. Im Tunnel war es nicht ganz dunkel. An den Wänden hingen trübe leuchtende Lampen und verhinderten durch ihren schwachen Schein, dass sie auf dem feuchten und schmierigen Boden stürzten. In der Ferne sahen sie den anderen Ausgang des Tunnels. So schnell sie konnten, liefen sie auf das ferne Licht zu, welches rasch näher zu kommen schien.
Endlich erreichten sie wieder das Tageslicht. Sowie sich ihre Augen wieder an das Sonnenlicht gewöhnt hatten, blickten sie sich um. Sie befanden sich auf einem großen, unbefestigten Platz, auf dem zahlreiche Reifenspuren zu sehen waren. Einige junge Leute bastelten an ihren Autos und sahen misstrauisch zu ihnen hinüber.
»Vielleicht können diese Leute uns helfen«, sagte Giwoon, »lasst uns sie fragen, ob sie uns mit in die Stadt nehmen können.«
Als sie sich der Autogruppe näherten, erhoben sich drei stämmige Männer in Lederjacken und kamen ihnen entgegen. Sie trugen schwere Schraubenschlüssel in ihren Händen und machten einen bedrohlichen Eindruck.
»Was wollt Ihr hier?«, fuhr sie der mittlere der drei – offenbar ihr Anführer – an, »Verpisst Euch, wenn Ihr keinen Ärger haben wollt!«
»Wir benötigen Hilfe«, sagte Giwoon freundlich, »wir müssen dringend in die Stadt.«
»Verschwindet dorthin, wo Ihr hergekommen seid!«, rief der Mann wieder und schlug sich mit dem Schraubenschlüssel in die Hand, »Wir können hier keine Schnüffler gebrauchen. Seid Ihr etwa Bullen?«
Sie kamen noch einen Schritt näher.
»Wir sind ganz sicher nicht von der Polizei«, sagte Thomas, dem allmählich dämmerte, dass die Autos, an denen die anderen jungen Leute herumschraubten, möglicherweise gestohlen waren, »wir haben uns einfach nur verlaufen. Es wäre wirklich nett, wenn Ihr uns in die Stadt mitnehmen könnt.«
Die Männer sahen sich einen Moment an, dann prusteten sie los und lachten.
»Sehen wir etwa nett aus?«, fragte der Wortführer der drei wieder, »Ich habe jetzt keine Lust mehr, mich weiter mit Euch zu befassen. Wir haben zu tun.«
Einer der Männer flüsterte dem Wortführer etwas zu, der plötzlich ein breites Grinsen im Gesicht hatte.
»Mein Freund hatte eine bessere Idee«, sagte er, »die Mädchen bleiben hier, aber Ihr verschwindet – und zwar sofort.«
»Das könnt ihr vergessen!«, entgegnete Khendrah abweisend.
»Na, na, nicht so kratzbürstig«, sagte der Mann und zog eine Pistole aus seinem Gürtel. Sein Lächeln war verschwunden.
»Also los. Die Mädchen kommen hierher und ihr verschwindet!«
Zum Beweis, dass er es Ernst meinte, schoss er zweimal vor Giwoons Füßen in den Boden. Khendrah und Fancen sahen sich kurz an und nickten sich unmerklich zu. Scheinbar resignierend kamen sie auf die Seite der drei Männer. Die beiden unbewaffneten Männer schnappten sich je eine von ihnen und begannen, sie mit ihren schmutzigen Fingern zu begrapschen. Die Frauen reagierten angewidert, was die Männer amüsierte.
»Wenn Ihr zu uns allen ein wenig nett gewesen seid, fahren wir Euch vielleicht sogar noch in die Stadt«, sagte einer der drei.
»Ich habe eine bessere Idee«, sagte Fancan und lächelte hintergründig.
Im nächsten Moment mussten die drei feststellen, wie es um die Fähigkeiten von Zeitagenten im Nahkampf bestellt war. Die ganze Angelegenheit hatte nur wenige Sekunden gedauert, dann lagen die beiden Männer, die bei den Frauen gestanden hatten, bewusstlos am Boden. Khendrah hielt dem Wortführer ihre Hand entgegen.
»Du gibst mir besser die Waffe, damit nicht noch etwas geschieht«, sagte sie auffordernd und deutete mit dem Kopf auf die am Boden liegenden Männer, »oder möchtest du dich zu deinen Freunden gesellen?«
Er riss die Waffe herum und richtete sie auf Khendrah, die jedoch damit gerechnet hatte und mit zwei schnellen Schritten bereits bei ihm war. Der Mann wusste nicht, wie ihm geschah, als er innerhalb einer Sekunde entwaffnet war und sich, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend, wiederfand. Khendrah saß auf seinem Rücken und verbog seinen Arm auf eine Weise, die ihm sicher sehr weh tat.
»Ich mache dich fertig«, presste er unter Keuchen mühsam hervor.
»Muss ich mir deshalb Sorgen machen?«, fragte Khendrah, »Bisher hatten deine Drohungen jedenfalls keine Substanz.«
Mit geschickten Bewegungen band sie ihm die Arme mit seinen eigenen Schnürsenkeln auf den Rücken, dann stieg sie von ihm herunter. Inzwischen hatten ein paar der anderen Männer bei den Autos die Szene mitbekommen und sahen interessiert zu ihnen herüber. Khendrah gab Fancan ein Zeichen, ihr zu folgen und die beiden Frauen liefen zu den Autos hinüber.
»Ist sie nicht süß, meine Fancan?«, fragte Giwoon Thomas.
»Im Grunde sind die beiden regelrechte Kampfmaschinen«, antwortete er, »wenn ich nicht genau wüsste, dass sie auch anders sein können …«
»Nun ja, Kampfausbildung gehört schon irgendwie dazu, wenn man sich in der Zeit herumtreibt«, sagte Giwoon, »ich bin da auch nicht ganz ungeschickt, aber das eben konnten unsere Damen ganz allein regeln. Wie steht es mit dir? Verstehst du auch etwas von Nahkampf?«
»Theoretisch ja«, gab Thomas zu, »Khendrah hat mir im Vektor einen Hypnosekurs verpasst und danach mit mir trainiert. Es gab bisher keinen Ernstfall, aber vermutlich wüsste ich mir schon zu helfen, wenn ich angegriffen würde.«
Giwoon nickte.
»Das ist gut, zu wissen«, sagte er, »damit haben wir alle vier eine entsprechende Ausbildung.«
Inzwischen hatten Khendrah und Fancan die Fahrzeuge erreicht. Insgesamt sechs ölverschmierte Männer sahen ihnen entgegen.
»Ich gehe mal davon aus, dass das, was sich hier abspielt, nicht legal ist«, sagte Khendrah, »aber wir sind nicht von der Polizei. Wir brauchen lediglich eure Hilfe.«
Sie blickte von einem zum anderen, doch niemand sagte etwas.
»Was ist los mit euch?«, fragte Fancan, »Könnt Ihr nicht reden? Wer ist euer Anführer? Wir müssen lediglich in die Innenstadt und möchten, dass uns jemand dorthin bringt.«
Ein etwa zwanzigjähriger Mann in einen Overall deutete auf den hinter den Frauen auf dem Boden liegenden Gefesselten.
»Das ist unser Anführer«, sagte er leise, »den Sie da gefesselt haben. Das war eine reife Leistung.«
Die anderen stimmten murmelnd zu.
»Okay«, sagte Khendrah und hob ihre Hände, »ich stelle hiermit klar, dass es uns überhaupt nicht interessiert, was Ihr hier tut. Ich vermute zwar, dass Ihr die Polizei nicht zu euren Freunden zählt, aber das ist bei uns nicht anders. Also, wer kann uns in die Stadt fahren?«
»Ich kann das tun«, sagte der Mann im Overall, »sobald dieser Wagen hier fertig ist. Dauert vielleicht noch eine halbe Stunde. So lange müsst Ihr schon warten.«
»Wenn du das tust, brauchst du nicht zurückkommen!«, rief der Gefesselte ihm zu, »Denn, wenn ich dich in die Finger bekomme, mache ich dich fertig!«
»Ach, leck’ mich!«, rief der Junge zurück, »Ich habe die Schnauze so voll von Dir Dreckskerl! Du kommandierst immer nur herum, lässt uns die Drecksarbeit machen und das Risiko tragen und markierst hier den dicken Max. Ich mach das nicht mehr mit.«
Khendrah schaute von einem zum anderen.
»Also sind wir uns einig?«, fragte sie den jungen Mann, der sich gerade seine Hände an einem Lappen abwischte, »Sie bringen uns in die Nähe des Hafens?«
Er kam um den Wagen herum, an dem er arbeitete und hielt ihr seine Hand hin.
»Abgemacht«, sagte er, »ich bin Jake.«
Khendrah ergriff die Hand und meinte:
»Du wirst es nicht bereuen, Jake. Mein Name ist Khendrah.«
»Was ist denn das für ein Name?«, fragte Jake, »Ihr seid nicht von hier, oder?«
Fancan und Khendrah lächelten.
»Nein«, meinten sie, »das sind wir in der Tat nicht.«
Jake wartete, doch waren die beiden Frauen offenbar nicht bereit, mehr zu erzählen.
»Mach bitte deine Arbeit an diesem Fahrzeug fertig«, bat Khendrah, »wir haben es nämlich recht eilig.«
Jake zuckte mit den Schultern und beugte sich dann wieder über den Motorblock seines Wagens.
Khendrah und Fancan gingen zurück zu Giwoon und Thomas, die bei dem Gefesselten warteten. Die beiden anderen Männer waren inzwischen zu sich gekommen, verspürten aber keine Lust, sich mit den beiden Männern anzulegen. Wie es schien, waren sie alle ohne ihren Anführer relativ handzahm.
»Wenn ich diese Fessel los bin, mache ich euch alle fertig – und jeden, der mit euch gemeinsame Sache gemacht hat«, zischte der am Boden liegende, »niemand legt sich mit Rick Barlowe an.«
Giwoon beugte sich zu ihm hinunter und sagte:
»Wenn Rick nicht allmählich seine Klappe hält, wird er erleben müssen, was Giwoon tut und es wird ihm nicht gefallen. Haben wir uns verstanden?«
»Giwoon?«, fragte er keuchend, »Was seid Ihr eigentlich für Typen?«
»Das geht dich nichts an«, sagte Thomas, »für dich wäre es vielleicht besser, du vergisst, dass du uns jemals gesehen hast.«
Rick schluckte. Er begriff, dass diesen Menschen sein Name nichts sagte und er sie damit nicht beeindrucken konnte.
Wie Jake versprochen hatte, war der Wagen nach gut einer halben Stunde fertig. Er setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an. Aus dem Seitenfenster winkte er ihnen zu und forderte sie auf, in den Wagen einzusteigen.
Khendrah stieg auf der Beifahrerseite ein und fragte die anderen Männer, ob sie ein Problem damit hätten, wenn sie sie mit Rick allein lassen würden. Einer der Männer lächelte böse.
»Wir werden uns um ihn kümmern«, sagte er, »er hat uns seit Monaten behandelt, wie den letzten Dreck, weil er die Kanone hatte und wir nicht. Das ist jetzt anders. Wir werden die Bedingungen jetzt neu aushandeln.«
»Okay«, sagte Khendrah, »ich will die Einzelheiten gar nicht wissen.«
Sie schloss die Beifahrertür und Jake fuhr los, als alle im Wagen saßen.
»Wo genau wollt Ihr eigentlich hin?«, wollte Jake wissen, »Die Stadt ist groß.«
»In der Nähe des Hafens gibt es ein Hotel«, sagte Khendrah, »es hat den Namen Hyatt. Dort müssen wir hin – und zwar so schnell, wie es eben geht.
Jake verzog sein Gesicht.
»Zum Hyatt? Das liegt ausgerechnet in der Umweltzone. Dort darf ich eigentlich mit diesem Wagen nicht hinein.«
»Warum nicht?«, wollte Giwoon wissen.
»Sag’ ich doch: Umweltzone. Dies hier ist ein 2005er Chevy mit Verbrennungsmaschine. Der fährt noch mit Benzin. In der Umweltzone dürfen nur noch Elektro-Autos fahren. Ich kann es versuchen, aber wir riskieren, angehalten zu werden.«
»Bitte versuche es, Jake«, bat Fancan, »wir haben es wirklich sehr eilig. Wir müssen dort sein, bevor es im Himalaja knallt.«
»Fancan!«, rief Giwoon ärgerlich.
»Moment«, fragte Jake, »was genau geht hier eigentlich ab? Ich seid doch keine Terroristen, oder? Was sollte das mit dem Himalaja?«
»Du würdest es wahrscheinlich nicht verstehen«, sagte Khendrah, »ich kann dir nur so viel sagen, dass dir und den Menschen hier keine Gefahr droht. Es wird etwas geschehen im Himalaja, aber das betrifft nur uns. Wir hätten ein Problem, wenn wir nicht rechtzeitig dort sind, wo wir hinwollen.«
Jake steuerte seinen Wagen geschickt durch den Verkehr der Innenstadt von San Diego und sie näherten sich relativ zügig dem Hafengebiet. Einige Warnschilder wiesen darauf hin, dass die Weiterfahrt in die Umweltzone für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren verboten war.
»Willkommen im Jahr 2014«, murmelte Jake, als er den Kontrollpunkt passierte und in die Zone hineinsteuerte, »ab jetzt kann es jederzeit geschehen, dass uns Polizei oder Ordnungskräfte entdecken. Dann werden sie uns anhalten. Ich muss nicht darauf hinweisen, dass eine Überprüfung dieses Fahrzeugs uns in Schwierigkeiten bringt, oder? Habt Ihr eigentlich Papiere dabei?«
»Papiere?«, fragte Giwoon, »Was meinst du damit?«
»Na, eben Papiere. Ausweise, Pässe. Das muss es doch auch dort geben, wo Ihr herkommt.«
»So etwas brauchen wir dort nicht, wo wir herkommen«, sagte Khendrah.
»Ihr wollt mich verscheißern«, schimpfte Jake, »jeder braucht Papiere. Ich sehe schon – ich habe mich hier auf einen Deal eingelassen, bei dem mich die Bullen hochnehmen werden.«
Fancan, Khendrah und Giwoon sahen sich fragend an. Sie verstanden nicht so recht, was Jake meinte.
»Wir können dich beschützen, wenn wir angehalten werden«, sagte Fancan.
Jake lachte humorlos auf.
»Ihr habt vielleicht Vorstellungen, Leute. Glaubt Ihr, Ihr könnt mit der Polizei dasselbe abziehen, wie mit diesem Drecksack Brian? Das könnt Ihr vergessen. Da könnt Ihr Euer Karatezeugs nicht bringen.«
»Brian?«, fragte Fancan.
»Ja, der Typ, den Ihr so nett verschnürt habt – was mir übrigens sehr gut gefallen hat.«
Jake grinste und ließ den Wagen in eine kleine Seitenstraße fahren.
»Ist das der Weg zum Hafen?«, fragte Giwoon.
»Nicht direkt, aber ich habe die Hoffnung, dass die Bullen nicht gerade in solchen Nebenstraßen lauern.«
»Wie weit ist es denn noch bis zum Ziel?«, wollte Thomas wissen.
»Nur noch ein paar Kilometer«, sagte Jake.
Er bog in die nächte Seitenstraße ein und fluchte.
»Scheiße, eine Polizeikontrolle!«, rief er aus und stoppte den Wagen, »Sie haben uns sicherlich schon bemerkt.«
»Dann sollten wir machen, dass wir zu Fuß weiterkommen«, sagte Giwoon, »schnappt Euch Eure Taschen und dann nichts wie ‘raus aus dem Wagen.«
In wenigen Sekunden hatten sie alle den Wagen verlassen und standen auf dem Gehweg. Ein paar der Beamten, die dabei waren, Fahrzeuge und ihre Fahrer zu kontrollieren, schauten interessiert zu ihnen herüber. Sie wandten sich ihnen zu und kamen auf sie zu.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Jake ängstlich, »Wenn sie mich schnappen, gehe ich für die nächsten Monate in den Bau.«
»Ganz ruhig«, sagte Giwoon, »wir gehen jetzt ganz ruhig weiter und gehen in das Haus da drüben.«


Der nächste Teil erscheint am 16.11.2019

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