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Monat: November 2019

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 12 – Die Erdentilger

Die Manticor segelte galant in die Stratosphäre und ließ den Wolkenschleier des Planeten schnell hinter sich. Archweyll machte es sich auf der Brücke bequem, während die Atharymn immer größer wurde. 
Endlich lasse ich dieses verdammte Höllenloch hinter mir. 
Im Warp fühlte er sich wie zuhause, jedes Sternenfunkeln bedeutete ein Stück Heimat zu erblicken. 
Clynnt Volker trat an ihn heran. »Sie ist aufgewacht«, flüsterte er dem Kommandanten ins Ohr. 
»Ich danke dir«, erwiderte Archweyll und ließ sich entschuldigen. Während er nach hinten eilte, merkte er, wie Nervosität in ihm aufkeimte. Wie würde sie reagieren?
Tamara lag in einer offenen Schlafnische, ihr Kopf ruhte auf einem weichen Daunenkissen. 
Um ihre Stirn war eine Bandage gewickelt, die auch die Augen bedeckte und ein Zugang versorgte sie mit den notwendigen Elektrolyten. Die Schwellungen waren zurückgegangen und die Krampfadern verblasst. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem flachen Rhythmus. Als der Kommandant eintrat, sah sie sich irritiert um.
Es zerriss Archweyll das Herz. Er konnte nicht anders, als sich eine Träne zu verdrücken. Dann griff er sich einen fest montierten Rollsessel und setzte sich neben sie. 
»Arch?«, flüsterte die Stoßtruppführerin mit zittriger Stimme. Ihre Hände griffen ziellos durch die Luft, um wenigstens etwas auszumachen. 
»Ich bin hier«, sagte er sanft und ergriff ihre Hand.
Instinktiv schien Tamara sich zu beruhigen. »Kann ich nicht den Verband abnehmen? Ich finde ihn furchtbar«, seufzte die junge Frau und griff mit der freien Hand nach ihren Bandagen, doch Archweyll hielt sie fest. Er holte tief Luft.
Er konnte durch den Warp reisen und Schlachten führen, doch auf diese Prüfung war er nicht vorbereitet. Er fühlte sich hilflos und entwaffnet und seine Brust drohte vor Kummer zu zerreißen. »Tamara…ich…«, begann er zu stottern. 
»Du lebst«, ihre wunderschönen Lippen formten ein bedingungsloses Lächeln. »Wie schön.«
Jetzt kam ihm doch eine Träne. Archweyll war froh, dass ihn so niemand sehen konnte und in der nächsten Sekunde strafte er sich schon dafür, auch nur diesen Gedanken geformt zu haben. »Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal getroffen haben?«, fragte er sie stattdessen, um irgendwie eine Brücke zwischen ihnen zu schaffen. 
»Wie könnte ich das vergessen«, kicherte sie spitzbübisch. »Ich habe dir eine reingehauen.«
»Ich habe eine Affinität mich in Schwierigkeiten zu bringen«, lächelte er matt. 
Und eine Affinität andere mit hineinzuziehen. 
Er ballte die Faust bis es wehtat. 
Das darf nie wieder passieren. Was für ein Kommandant lässt zu, dass seinen besten Leuten so etwas passiert? 
»Das stimmt. Ich fand das immer sehr bemerkenswert«, sagte Tamara und ihr Griff um seine Hand wurde etwas stärker. 
Er betrachtete ihre feuerrote Mähne und wollte sie schon streicheln, als ein innerer Instinkt ihn zurückfahren ließ. 
Du hast noch etwas zu erledigen. 
»Haben wir unsere Mission erfüllt?«, fragte die Stoßtruppführerin kaum vernehmbar.
»Das Skelett ist in die Tiefe gestürzt, aber die Frequenzen wurden trotz der Torpedierung weiterhin versendet. Sogar vermehrt. Ich hoffe, wir handeln uns damit keinen Ärger ein.«
Sie nickte matt. »Verstehe«, gab sie zurück.
Archweyll wusste sofort, dass es sie genauso ärgerte wie ihn. »Ich denke, es waren irgendwelche hochentwickelten Stoffe in den Knochenzellen, die sie in gewisser Weise zum Sprechen gebracht haben«, überlegte der Kommandant laut. »Ein Funksender im Gerippe, eindeutig praktisch.«
Wie lange willst du es noch hinauszögern, du alter Narr? 
»Was haben die Behörden gesagt?«, erkundigte sich Tamara. 
»Sie wollten Clynnt nicht glauben. Herr im Himmel, ich habe noch nie ein Lebewesen so üble Flüche und Verwünschungen per Funk versenden hören. Er hat mir die Aufzeichnungen gezeigt. Allerdings sind sie relativ kleinlaut geworden, als er ihnen die Scans übermittelt hat. 
Prospecteus wurde in Alarmbereitschaft versetzt.« 
Sie quittierte ihn mit einem schwachen Nicken. »Dann haben wir zumindest etwas erreicht«, seufzte sie. 
»Und dafür einen hohen Preis bezahlt.« Es war an der Zeit, sich dem Thema zu stellen. »Was du getan hast …«, begann er, doch sie winkte ab. 
»Was ich getan habe, hast du auch getan. Sonst wäre ich nicht hier, schon lange nicht mehr. Es ist etwas selbstverständliches.« 
Sein Griff wurde fester, bis Archweyll merkte, dass er zitterte. »Ich wusste direkt, dass du besonders bist«, gestand er und plötzlich merkte er, dass seine Kehle trocken wie Wüstenstaub war. 
»Deswegen hast du dir auch eine gefangen«, schmunzelte Tamara liebevoll. 
»Was ich dir sagen werde, wird dich möglicherweise schockieren«, Archweyll holte tief Luft.
»Es ist doch niemand gestorben?«, fragte Tamara erschrocken. 
Selbst jetzt sorgt sie sich noch mehr um ihre Leute, als um sich selbst. Verdammt Archweyll, warum nur kannst du es ihr nicht so vergüten, wie sie es verdient hätte? 
»Nein …«, begann er zögerlich. »Es ist so: du warst dort unten sehr lange dem Wasserdruck ausgesetzt. Ich habe sofort versucht dich da rauszuholen, aber ich war zu spät. Bitte verzeih mir.«
»Wieso warst du zu spät?« 
Sie weiß es noch nicht.
Um Archweyll schien sich alles zu drehen, während er ihr erklärte, was die Folgen ihres Abenteuers sein würden. 
Als Tamara seine Worte vernahm, wurde sie leichenblass. 
Jedes gesprochene Wort trieb einen Keil in Archweylls Brust, der sein Herz durchbohrte. 
Tamara nahm es kommentarlos entgegen, doch er bemerkte, wie ihr ganzer Körper unter einem Zittern erbebte. 
Sie weint, wurde ihm klar.
Sachte strich er über ihre Hand. 
»Ich werde alles erdenkliche geben, damit du wieder gesund wirst. Ich werde dich nicht verlieren, hörst du?« 
Schluchzte ich gerade? 
Vermutlich war es sein Körper nicht mehr gewöhnt, Emotionen dieser Art zu verarbeiten. 
Oder ist es, weil sie mich schwach macht? 
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass dieser Gedanke falsch war. 
Sie macht mich stark, wurde ihm deutlich, bei dem Gedanken an die seltsame Stimme in seinem Kopf, als er fast vor dem Scheitern stand. Das war sie gewesen.
»Was wird jetzt geschehen?«, fragte Tamara und Verzweiflung kam in ihrer Stimme auf. 
Soldaten, die nicht mehr kampffähig waren, wurden gnadenlos ausgemustert. 
»Werde ich dich verlassen müssen? Wir haben doch gerade erst angefangen. Ich kann kämpfen, ich werde es dir beweis…«, überrascht verstummte sie, als Archweyll sie in seine breiten Arme schloss und sie zärtlich an sich drückte.
»Wir finden einen Weg«, sagte er. »Verlass dich auf mich.« 
Nach einer Sekunde der Überraschung erwiderte sie seine Annäherung und versank seufzend in seiner Umarmung. So sollten sie den Rest des Fluges verbringen, bis sie die Atharymn erreichten.

 »Bebsy, ich bin zuhause!«, frohlockte Archweyll mit dröhnender Stimme, als er die Kommandobrücke betrat. 
Die Mannschaft begrüßte ihn mit jubelndem Beifall. 
»Aber, aber, ich werde ja scharlachrot!«, feixte er weiter. Dann wurde sein Blick ernst. »Wir sollten verschwinden«, rief er den Navigatoren zu. »Clynnt, an die Arbeit. Du trödelst mir schon viel zu lange hier herum.« 
Er richtete seinen Blick in den Warp, der mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten vor ihm lag. Und erstarrte.
»Das … Das kann doch nicht sein« Archweylls Stimme war kaum mehr als ein Wispern. 
Auf der Brücke war es plötzlich totenstill. Sämtliche Arbeit wurde zugunsten eines Blickes aus der Frontscheibe eingestellt. 
Der Kommandant bemerkte, wie ein kalter Schauder seinen Rücken herunterlief und, wohin er auch kam, eine Gänsehaut hinterließ. Entsetzt taumelte er ein paar Schritte rückwärts. 
»Das kann doch nicht sein«, wiederholte er sich.
Das Entsetzen wurde allmählich zur Panik, als die Kreatur am Horizont größer und größer wurde. 
Und größer. Und größer. Und GRÖßER! 
»Sofort Scannen, Maschinen auf volle Leistung und Zielkoordinaten festlegen«, befahl der Kommandant. Es hatte einiges an Überwindung gekostet, sich aus der Schockstarre zu lösen.
Er stürzte förmlich in die Navigatorenkabine. 
»Was ist das?!«, brüllte Clynnt ihm entgegen, mit einer Lautstärke, die Archweyll sich nie von ihm erträumt hätte. Der Blick des Chefnavigatoren vergrub sich tief in seinen Monitoren, um dann wieder panisch zu Archweyll zu wechseln, in der Hoffnung, er könne ihm die Frage jetzt beantworten. 
»Keine Ahnung, bring uns hier weg!«, fluchte der Kommandant lautstark zurück. Er betrachte den Scann und das Ergebnis ließ seinen Magen flau werden. 
Das Wesen besaß drei Köpfe, die übereinander angeordnet und an unterschiedlich langen Hälsen befestigt waren. Jeder Kopf besaß den Umfang eines mittelgroßen Meteors und war von riesigen gelben Flecken übersäht, die wohl so etwas wie Augen sein mochten. Der unterste Schädel war mit einem auffällig leuchtenden Edelstein versehen, der elektrische Ladungen von sich gab, die alleine gereicht hätten, um eine Großstadt mit Energie zu versorgen. Im massigen beschuppten Bauch der Kreatur maß der Scan weitere Energieladungen, die zu noch weitaus mehr fähig waren, und nebenbei noch so etwas wie untergeordnete Lebensformen, die es sich darin gemütlich machten. Die Mäuler des Monsters waren gigantisch, groß genug, um die Atharymn mit einem beiläufigen Happs zu verschlingen. Mehrere Fangarme- , oder Beine, glitten, einem Insekt gleichend, aus ihr hinaus. Auf dem Rücken saßen käferähnliche Flügel, die jedoch gerade nicht in Benutzung waren. Das gesamte Wesen schien mit gepanzerten Dornen übersäht zu sein. Energie trat aus Öffnungen am ganzen Körper der Kreatur aus und hüllte sie gänzlich damit ein, tauchte sie in einen matten elektrischen Schimmer, der wie ein eigener Stern erstrahlte und von ungeheurer Macht erfüllt war. Mit einer Länge von fast zweieinhalb Kilometern war dieser Koloss deutlich größer als ihr Fund unter Wasser. Diese Kreatur strotzte jeder Logik.
»Das ist der Papa!«, Archweyll wurde so panisch, dass er die Kontrolle über seinen Humor verlor. 
Mit den Armen rudernd, gab Clynnt Befehle in seine Konsolen ein. 
Plötzlich veränderte sich das Energiegefüge des ganzen Warps um sie herum und für eine Sekunde hatte Archweyll das Gefühl, als würden die Sterne der Galaxie ihren Glanz verlieren. Der funkelnde Edelstein auf der Stirn des Monsterkopfes schien die gesamte Energie der Sterne angezapft zu haben. Für den Bruchteil eines Momentes stand die Zeit vollkommen still. Dann ertönte ein Rauschen das All, als würden sämtliche Realitäten in sich zusammenfallen, während die Energie aus dem Edelstein impulsartig austrat und Nautilon in eine Welt aus Scherben verwandelte. 
Angesichts der Fragmentierung eines gesamten Planeten vor ihren Augen, erstarrte die Mannschaft zu Eis. Niemand wagte es zu sprechen oder gar laut zu atmen. Manche hatten die Hände fassungslos über den Kopf geschlagen, andere schüttelten stumm den Kopf oder wandten sich ab. Das war eine Macht, die ihr Verständnis übertraf. Eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. 
»Ich … wir … sollten verschwinden«, durchbrach Archweyll die Stille. 
Doch dann wurde ihm bewusst, was für ein schwerwiegender Fehler das wäre. 
Wenn sie jetzt fliehen würden, würde ihnen das Monster mühelos nach Prospecteus folgen. 
Und was dann geschehen würde, war kaum auszumahlen. 
Ein eiskaltes Gefühl umklammerte sein Herz, als Archweyll klar wurde, dass er seinen Heimatplaneten nie wiedersehen würde.

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Wildblumen

Gepflückt am Rand gepflegter Rasen.

Zurück bleibt nur der nackte Rumpf.

Köpfe kommen in die Vasen.

Trüber Tassen auserwählter Trumpf.

 

Langwierig durch kultivierte Schnitte

sind euren letzten Stunden auf dem Tisch.

Sterbende Ästheten in der Mitte.

Das Ende wilder Tage nähert sich.

by Lina Dinc

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Hätte werden können

Es stand geschrieben am Firmament,

dass dein Gesicht das meine fänd‘

und unsere Lippen sich berühren würden

in einem zeitlosen Moment.

 

Drum schaute ich zum Himmel auf.

Las Wolken und die Sterne auch.

Doch sah ich nicht

auf meinen Weg auf Erden.

 

Der Weg auf dem das Hätte

zum Werden

hätte werden können.

 

by Lina Dinc

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Korrekturen 27

27.Teil – Die letzte Flucht (3/6)

Die Beamten liefen gestikulierend hinter ihnen her, doch sie taten, als würden sie es nicht bemerken. Sie betraten das nächstgelegene Haus durch die offen stehende Tür und verschwanden darin. Die Beamten folgten ihnen schnell dort hinein.
»Halt!«, rief der Vordere der Männer, »Sie sind mit einem nicht zulässigen Fahrzeug hier in die Sperrzone gefahren. Ich will sofort die Fahrzeugpapiere und Ihre ID-Cards sehen!«
»In den Taschen sind Nadelwerfer mit Betäubungsnadeln«, flüsterte Giwoon Fancan ins Ohr, »nimm ihn heraus und schalte gleich die Männer aus, ja?«
Fancan nickte unmerklich.
Giwoon ging auf den Beamten zu.
»Ich habe da ein Problem«, sagte er laut, »wir besitzen leider keine Papiere, die wir Ihnen zeigen könnten.«
Der Polizist fingerte an seinem Gürtel und auch die anderen Beamten wollten ihre Waffen ziehen.
»Jetzt!«, rief Giwoon und Fancan drückte mehrfach auf den Auslöser des kleinen Nadelwerfers, der im Grunde aussah, wie ein Schreibstift.
Die Beamten sackten lautlos zusammen, während Giwoon und Khendrah sie festhielten, damit sie sich nicht verletzten.
»Ihr habt sie getötet?«, fragte Jake entsetzt.
»Quatsch!«, sagte Khendrah, »Das sind nur Betäubungsnadeln. In wenigen Stunden sind sie wieder munter. Wir sollten uns aber trotzdem schnell von hier entfernen, bevor die restlichen Polizisten am Kontrollpunkt neugierig werden.«
»Dann geht es aber hinten heraus«, schlug Thomas vor, »wenn wir vorn allein wieder auftauchen, wissen die Cops sofort, was die Stunde geschlagen hat.«
»Cops?«, fragte Giwoon.
»Meine Güte, Polizisten eben …«, meinte Thomas. »Es gibt sicherlich einen Hinterausgang.«
»Jake, wir danken Dir für die Hilfe, uns bis hierher zu bringen«, sagte Fancan, »aber jetzt trennen sich unsere Wege. Wir haben ein Ziel, dass wir so schnell, wie möglich, erreichen müssen.«
Jake riss verständnislos seine Augen auf.
»Moment, Leute«, rief er aus, »Ihr könnt mich doch jetzt nicht einfach hier zurücklassen. Was glaubt Ihr, was mit mir geschieht, wenn sie mich jetzt schnappen? Ich bin bei der hiesigen Polizei leider recht bekannt.«
Fancan und Khendrah sahen sich an.
»Was meinst du?«, fragte Fancan.
Khendrah nickte.
»Nehmen wir ihn mit«, sagte sie, »bei dem, was wir hier schon angerichtet haben, kann es sicher nicht schaden.«
»Wovon, verdammt noch ‘mal, redet Ihr eigentlich?«, fragte Jake, dem das alles noch nicht geheuer war.
»Wäre es ein Problem für Dich, hier einfach zu verschwinden, Jake?«, fragte Giwoon. »Oder bist du hier gebunden? Würde man Dich vermissen?«
»Das glaube ich kaum«, meinte Jake, »ich bin im Heim aufgewachsen. Meine Eltern habe ich nie kennengelernt und eine Freundin habe ich nicht. Ich glaube nicht, dass mich jemand vermissen würde. Was habt Ihr denn vor?«
Giwoon blickte auf seine Armbanduhr, die noch weitere Funktionen hatte und mahnte:
»Wir sollten zunächst hier verschwinden. Jake, wir werden Dir alles erklären, aber jetzt ist es erst einmal wichtig, dass wir das Hyatts erreichen, bevor es zu spät ist.«
Er ging an Jake vorbei und suchte im hinteren Bereich des Hausflures nach einer Tür zum Hof, die er schnell fand und die auch nicht verschlossen war. Schnell schlüpften sie alle ins Freie und sahen sich um.
Der Hof war nach zwei Seiten hin durch einen hohen Zaun begrenzt, aber im hinteren Bereich war lediglich eine Hecke, die das Grundstück vom dahinter liegenden Grundstück eines Hauses einer Parallelstraße trennte.
»Dort kommen wir weiter!«, rief er, »Los!«
Er rannte voraus, ohne sich nach den Anderen umzusehen und war in wenigen Sekunden an der Hecke. Die Anderen folgten und zusammen fanden sie einen engen Durchgang auf den benachbarten Hof.
Nur wenige Minuten später standen sie wieder auf der Straße und mischten sich unter die zahlreichen Passanten.
Plötzlich begann die Armbanduhr an Giwoons Arm zu blinken und piepste durchdringend.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Jake.
»Der Himalaja«, sagte Giwoon, »die Bombe hat gezündet.«
»Bombe?«, fragte Jake mit schriller Stimme. »Seid Ihr doch Terroristen?«
»Manche würden es sicher so bezeichnen«, gab Khendrah zu. »Jake, Du musst uns vertrauen. Du hast von uns nichts zu befürchten – ebenso wenig, wie alle diese Menschen hier. Wir haben im Himalaja eine Bombe deponiert, die soeben explodiert ist. Die Menschen dort waren jedoch gewarnt. Sie sollten die Anlage evakuieren. Uns ging es um die Vernichtung einer Anlage, die Energie von unserer Sonne abzapft, um sie zur Aufrechterhaltung einer Zeitreisevorrichtung bereitzustellen – vereinfacht ausgedrückt.«
Jake sah Khendrah mit offenem Mund an.
»Ihr wollt mich verscheißern, oder?«, fragte er. »Energie von der Sonne zapfen – Zeitreisevorrichtung. So’n Quatsch gibt es doch überhaupt nicht.«
Er blickte in ihre ernsten Gesichter und ein kalter Schauer lief ihm über den Körper.
»Ihr meint das wirklich ernst, nicht wahr? Ich will jetzt sofort wissen, was Ihr für Typen seid.«
»Wir kommen nicht aus dieser Zeit«, erklärte Giwoon. »Genau genommen stammen wir alle aus unterschiedlichen Zeiten, aber wir alle – bis auf Thomas – kommen aus der Zukunft – und zwar einer sehr fernen Zukunft, in der es Zeitreisen gibt und viele andere Dinge, die Du Dir nicht vorstellen kannst. Ich selbst stamme aus einer extrem weit entfernten Zukunft und wir litten dort unter den Aktivitäten einer Organisation, die sich massiv mit Zeitkorrekturen beschäftigte. Fancan und Khendrah sind Agentinnen dieser Organisation, die ich überzeugen konnte, dass es wichtig ist, diese Zeitkorrekturen ein für alle Mal zu unterbinden.«
»Was für eine Bombe habt Ihr denn dann hier bei uns im Himalaja gezündet, wenn Ihr alle aus der Zukunft stammt?«, wollte Jake wissen. »Das macht doch gar keinen Sinn.«
»Doch, das ergibt einen Sinn, wenn man weiß, dass man sich die Zeitreiseorganisation wie einen Schacht vorstellen muss, der durch alle Zeitalter bis in die fernste Zukunkft reicht. In diesem Schacht fahren Zeitkabinen hinauf und hinunter. So eine Einrichtung benötigt unglaublich große Energieen, die man selbst mit Euren Atomkraftwerken nicht in ausreichender Stärke erzeugen könnte. Also baute man – ganz im Geheimen – hier in dieser Zeit eine Sonnenenergiezapfanlage im Himalaja, die ständig riesige Mengen Energie aus der Sonne gewinnt, um sie in das Zeitreisesystem einzuspeisen. Die Versorgung muss aus technischen Gründen ganz unten erfolgen, also hier bei Euch.«
»Und was ist mit der Vergangenheit?«, fragte Jake, »Dieser merkwürdige Schacht, von dem Ihr gesprochen habt, wird doch sicher auch noch weit in die Vergangenheit reichen. Warum hat man dann diese Anlage ausgerechnet hier bei uns gebaut?«
Giwoon lachte.
»Du hast natürlich recht, Jake«, sagte er. »Das wäre logisch, aber der Schacht reicht eben nicht mehr weit in die Vergangenheit hinein. Er beginnt etwa im Jahre 2000. Ihr lebt hier in einer Zeit, die noch fast überhaupt nicht von den Zeitkorrekturen der Behörde manipuliert wurde. Und jetzt, wo die Zapfanlage nicht mehr existiert, wird sich der Schacht in den nächsten Wochen und Monaten auflösen und die Welt ist wieder frei und kann sich ungehindert entwickeln.«
»So ganz kann ich Euch noch immer nicht glauben«, sagte Jake, »aber eines möche ich noch wissen: Was wollt Ihr beim Hyatt?«
»Dort ist einer der Einstiege zu den Zeitreisekabinen«, sagte Khendrah. »Wir müssen sie erreichen, bevor sie beginnen, sich aufzulösen.«
»Und warum?«, fragte Jake verständnislos.
»Weil ich aus dem Jahre 2008 stamme«, sagte Thomas. »Sie bringen mich nach Hause, damit ich dort weiterlebe, wo ich hingehöre.«
»Nicht nur das«, sagte Khendrah, »ich werde auch dort bleiben oder glaubst du, dass du mich so schnell wieder los wirst?«
Thomas nahm Khendrah in den Arm und küsste sie sanft.
»Das will ich auch gar nicht«, versicherte er, »ich will mit Dir zusammen bleiben.«
»Und wir werden Euch ebenfalls in 2008 Gesellschaft leisten«, sagte Fancan, »nicht wahr, Giwoon?«
Giwoon nickte.
»Ja, auch für uns ist in 2008 Endstation. Wir werden nicht in meine Zeit zuückkehren. Womit auch? Mein Slider ist zerstört und die Aufzüge sind so gut wie vernichtet.«
»Es ist Euch schon klar, dass Ihr vier ganz schön durchgeknallt seid, oder?«, fragte Jake.
Diese Äußerung brachte Giwoon wieder auf ihre reale Situation zurück.
»Wir müssen uns beeilen«, mahnte er, »sonst stecken wir hier fest und das würde noch einmal Komplikationen verursachen, die wir nicht eingeplant haben.«
Sie machten sich auf den Weg. Unterwegs kamen sie an Geschäften vorbei, in denen eine Reihe eingeschalteter Fernsehgeräte standen. Auf ihnen sahen sie einen Bericht über eine verheerende Explosion im Himalaja, deren Ursache jedoch unklar war. Menschenleben seien nach bisherigen Informationen nicht zu beklagen gewesen. Jake starrte ungläubig auf die Bildschirme und musste gestehen, dass er bisher noch nicht wirklich geglaubt hatte, was die Anderen ihm erzählt hatten. Diese Nachrichten jedoch ließen die Erklärungen in einem völlig anderen Licht erscheinen.
Allmählich näherten sie sich dem Bereich des Hafens, wo auch das Hyatts-Hotel zu finden war. Kurz, bevor sie es erreichten, vernahmen sie ein eigenartiges Zischen und hinter ihnen hatte sich ein kleiner Teil der Fassade aufgelöst.
»Auf den Boden!«, brüllte Giwoon und warf sich lang hin. Noch im Fallen ließ er seinen Blick schweifen, um herauszufinden, woher der Schuss gekommen war. Es war definitiv ein Schuss aus einer Nihilationswaffe gewesen. Das konnte nur bedeuten, dass man ihnen auf den Fersen war.
»Hast du ‘was gesehen?«, fragte Fancan, die neben Giwoon gerobbt war.
»Es ist Ralph!«, rief Khendrah, die neben Thomas und Jake lag, »Er steht dort drüben. Es sind noch ein paar Männer dabei.«
Giwoon blickte sich vorsichtig um. Ausgerechnet jetzt waren keinerlei Passanten zu sehen. Ralph hatte sich also nicht endgültig von dem explodierenden Slider täuschen lassen. Vorsichtig öffnete Giwoon seine Gürteltasche, in der er diverse Gegenstände mit sich herumtrug und holte einige kleine Scheiben heraus. Geschickt warf er sie den Anderen zu und sagte:
»Schnell, packt Euch diese Scheiben direkt an den Körper und drückt auf den kleinen Knopf in der Mitte.«
»Was sind das für Dinger?«, wollte Khendrah wissen.
»Spielzeuge aus dem einhundertelften Jahrhundert«, antwortete er, »Sie können eine Weile Schüsse aus der Nihilationswaffe neutralisieren. Sie schaffen ein Feld, das die Energien der Waffe aufnimmt und umwandelt. Wenn das gegnerische Feuer nicht zu stark wird, wird es reichen. Ansonsten kann das Feld überlasten und dann sind wir geliefert. Also einschalten und dann los. Wir haben es nicht mehr weit bis zum Aufzug.«
Wie auf ein geheimes Kommando sprangen sie auf und liefen los. Von der anderen Straßenseite schlug ihnen Feuer entgegen, welches Teile des Gehweges und Mauerteile auflöste, ihnen jedoch keinen Schaden zufügte. Khendrah drehte sich um und brachte ihren kleinen Nadelwerfer in Anschlag. In schneller Folge feuerte sie einige Betäubungsnadeln auf ihre Gegner. Drei der Verfolger brachen zusammen.
Ralph und die restlichen Männer sprangen in ein Elektroauto, welches sie am Straßenrand geparkt hatten. Mit quietschenden Reifen starteten sie den Wagen und fuhren an ihnen vorbei, wobei sie mehrere wirkungslose Schüsse aus dem Seitenfenster auf sie abfeuerten.
»Was machen sie denn jetzt?«, fragte Fancan.
»Ist doch klar«, meinte Khendrah, »sie fahren direkt zum Aufzug und werden uns dort abfangen wollen. Wir können doch gar nicht vor ihnen fliehen – wir müssen und ihnen stellen.«
»Verdammt!«, entfuhr es Fancan, »Du hast recht. Der Dreckskerl kann es einfach aussitzen und auf uns warten.«
»Meint Ihr, dass der Typ gecheckt hat, dass ich zu Euch gehöre?«, fragte Jake plötzlich.
»Wieso?«, fragte Giwoon, »Warum fragst Du das?«
»Also ich bin nicht ganz so dämlich, wie Ihr vielleicht glaubt. Beantwortet mir nur die Fragen, wie viel diese kleinen Scheiben vertragen, bis sie überladen werden und wie man mit diesen winzigen Nadeldingern umgeht. Das Ganze kann natürlich nur klappen, wenn sie mich nicht als Mitglied der Gruppe identifiziert haben.«
»Ich denke, so vierzig bis fünfzig Schuss hält deine Scheibe sicher aus, bevor sie versagt«, sagte Giwoon. »Was hast du genau vor?«
»Ich bin Freund einfacher Lösungen«, sagte Jake, »ihr gebt mir einen dieser Nadeldinger und ich werde spazieren gehen. Zeigt mir vorher genau, wo dieser rätselhafte Aufzug zu finden ist und dann werde ich ganz unbefangen die Straße herunterschlendern, während Ihr den direkten Weg von vorn nehmt. Verwickelt diese Typen in ein Gesprächt. Gewinnt Zeit, bis ich auf Schussweite heran bin. Dann schieße ich jedem schnell eine Nadel in den Körper und das war’s. Was haltet Ihr davon?«
»Klingt einach und verrückt«, sagte Fancan. »Das könnte klappen.«
Khendrah fingerte an ihrem Gürtel und zog schließlich ihre Ersatzwaffe heraus, die sie Jake in die Hand legte.
»Sei vorsichtig damit, Jake«, mahnte sie. »Sie enthält zwar nur Betäubungsnadeln, doch wenn jemand von mehr als zehn Nadeln getroffen wird, bringt es ihn trotzdem um. Die Bedienung ist ganz einfach: Jeder Druck auf diesen kleinen Knopf hier verschießt eine Nadel. Das Magazin enthält etwa fünfhundert davon. Also einfach auf das Ziel richten und drücken – je schneller, desto besser.«
»Danke«, sagte Jake und testete den Bewegungsablauf einige Male, »das bekomme ich hin.«
Bevor Jake sich auf den Weg machte, nahm Fancan ihn einmal in den Arm und küsste ihn auf die Wange.
»Wofür war das jetzt?«, wollte er wissen.
»Einfach nur ein Dank, dass Du das für uns tust«, sagte sie.
»Nicht dafür«, entgegente Jake, »ganz im Gegenteil. Ich freue mich, dass ich einmal etwas wirklich Nützliches tun kann. Ihr seid seit Langem die Ersten, die mich ernst genommen haben. Deshalb möchte ich etwas für Euch tun.«
»Hier«, sagte Giwoon noch und hielt ihm ein winziges Gerät hin, »ein kleiner Kommunikator. Er passt ins Ohr. Einmal mit dem Finger gegen das Ohr klopfen, schaltet ihn ein, zweimal schaltet ihn wieder ab. Wir haben ebenfalls solche Geräte. Damit können wir uns absprechen.«
Jake grinste, steckte sich das Ding ins Ohr und tippte dagegen.
»Sprechprobe!«, rief er, während die Anderen zusammenzuckten.
»Du brauchst nicht so zu schreien«, mahnte Khendrah, »uns fliegt das Trommelfell weg.«
»Entschuldigung«, meinte Jake, »ich hab’s jetzt verstanden.«
Er wandte sich zum Gehen und winkte eines der Taxis heran, die in der Stadt umherfuhren und auf Kunden warteten. Er stieg ein und das Auto fuhr davon.
»Hoffentlich geht es gut«, meinte Giwoon, »meint Ihr, wir können ihm trauen?«
»Ich denke schon«, sagte Fancan, »außerdem wäre es jetzt auch ein Bisschen spät, meint Ihr nicht?«
In der Ferne konnten sie bereits das Hyatts-Hotel sehen. Bisher war noch niemand von ihnen während eines Auftrages hier in die Zeit hinausgetreten, doch waren sich Khendrah und Fancan absolut sicher, dass eine der Türen in der Halle sich für sie in eine Aufzugkabine des Zeitvektors öffnen würde – jedenfalls, solange es diesen Vektor noch gab. Es machte sie nervös, zu wissen, dass mit jeder Stunde, die sie noch hier verweilten, die Gefahr größer wurde, dass sie den Aufzug nicht mehr bis zum gewünschten Jahr hinunterfahren konnten.


Der nächste Teil erscheint am 23.11.2019

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26.Teil – Die letzte Flucht (2/6)

»Wir werden beobachtet«, informierte sie die Anderen.
Giwoon blickte nach oben und entdeckte ebenfalls den Mann, der einen Helm trug und seine Augen hinter dunklen Gläsern verborgen hatte.
»Das ist eine Motorradstreife«, sagte Thomas, »ein Polizist.«
»Muss mir das etwas sagen?«, fragte Khendrah, »Kann der uns gefährlich werden?«
»Die Polizei sorgt für die Einhaltung der Gesetze und die Aufrechterhaltung der Ordnung«, erklärte Thomas, »der Polizist dort oben wird sich sicher fragen, was wir hier verloren haben und wie wir überhaupt hierher gekommen sind. Wenn wir Pech haben, ist er neugierig genug, uns abzufangen, wenn wir drüben angekommen sind. Wir können sicher eine Befragung durch die örtlichen Behörden nicht gebrauchen, oder?«
Fancan schüttelte den Kopf.
»Auf keinen Fall. Wir müssen ihn irgendwie abschütteln, bis wir einen Ort erreicht haben, wo es mehr Menschen gibt.«
»Dort drüben ist tatsächlich ein Loch in dem Erdwall«, rief Giwoon und deutete nach vorn.
»Ein Tunnel!«, rief Thomas aus, »Dann lasst uns machen, dass wir darin verschwinden.«
»Wird dieser Mann dort oben nicht schon am anderen Ende warten?«, wollte Fancan wissen.
»Oh, ganz sicher nicht«, sagte Thomas bestimmt, »das ist ein Autobahnkreuz. Man kann nicht in jede Richtung fahren. Er wird erst einen weiten Bogen fahren müssen, um zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen. Bis er dort eintreffen kann, müssen wir eben von dort verschwunden sein.«
Sie liefen los und sahen, bevor sie den Tunnel betraten, noch, wie der Polizist hektisch wieder auf sein Fahrzeug aufstieg. Im Tunnel war es nicht ganz dunkel. An den Wänden hingen trübe leuchtende Lampen und verhinderten durch ihren schwachen Schein, dass sie auf dem feuchten und schmierigen Boden stürzten. In der Ferne sahen sie den anderen Ausgang des Tunnels. So schnell sie konnten, liefen sie auf das ferne Licht zu, welches rasch näher zu kommen schien.
Endlich erreichten sie wieder das Tageslicht. Sowie sich ihre Augen wieder an das Sonnenlicht gewöhnt hatten, blickten sie sich um. Sie befanden sich auf einem großen, unbefestigten Platz, auf dem zahlreiche Reifenspuren zu sehen waren. Einige junge Leute bastelten an ihren Autos und sahen misstrauisch zu ihnen hinüber.
»Vielleicht können diese Leute uns helfen«, sagte Giwoon, »lasst uns sie fragen, ob sie uns mit in die Stadt nehmen können.«
Als sie sich der Autogruppe näherten, erhoben sich drei stämmige Männer in Lederjacken und kamen ihnen entgegen. Sie trugen schwere Schraubenschlüssel in ihren Händen und machten einen bedrohlichen Eindruck.
»Was wollt Ihr hier?«, fuhr sie der mittlere der drei – offenbar ihr Anführer – an, »Verpisst Euch, wenn Ihr keinen Ärger haben wollt!«
»Wir benötigen Hilfe«, sagte Giwoon freundlich, »wir müssen dringend in die Stadt.«
»Verschwindet dorthin, wo Ihr hergekommen seid!«, rief der Mann wieder und schlug sich mit dem Schraubenschlüssel in die Hand, »Wir können hier keine Schnüffler gebrauchen. Seid Ihr etwa Bullen?«
Sie kamen noch einen Schritt näher.
»Wir sind ganz sicher nicht von der Polizei«, sagte Thomas, dem allmählich dämmerte, dass die Autos, an denen die anderen jungen Leute herumschraubten, möglicherweise gestohlen waren, »wir haben uns einfach nur verlaufen. Es wäre wirklich nett, wenn Ihr uns in die Stadt mitnehmen könnt.«
Die Männer sahen sich einen Moment an, dann prusteten sie los und lachten.
»Sehen wir etwa nett aus?«, fragte der Wortführer der drei wieder, »Ich habe jetzt keine Lust mehr, mich weiter mit Euch zu befassen. Wir haben zu tun.«
Einer der Männer flüsterte dem Wortführer etwas zu, der plötzlich ein breites Grinsen im Gesicht hatte.
»Mein Freund hatte eine bessere Idee«, sagte er, »die Mädchen bleiben hier, aber Ihr verschwindet – und zwar sofort.«
»Das könnt ihr vergessen!«, entgegnete Khendrah abweisend.
»Na, na, nicht so kratzbürstig«, sagte der Mann und zog eine Pistole aus seinem Gürtel. Sein Lächeln war verschwunden.
»Also los. Die Mädchen kommen hierher und ihr verschwindet!«
Zum Beweis, dass er es Ernst meinte, schoss er zweimal vor Giwoons Füßen in den Boden. Khendrah und Fancen sahen sich kurz an und nickten sich unmerklich zu. Scheinbar resignierend kamen sie auf die Seite der drei Männer. Die beiden unbewaffneten Männer schnappten sich je eine von ihnen und begannen, sie mit ihren schmutzigen Fingern zu begrapschen. Die Frauen reagierten angewidert, was die Männer amüsierte.
»Wenn Ihr zu uns allen ein wenig nett gewesen seid, fahren wir Euch vielleicht sogar noch in die Stadt«, sagte einer der drei.
»Ich habe eine bessere Idee«, sagte Fancan und lächelte hintergründig.
Im nächsten Moment mussten die drei feststellen, wie es um die Fähigkeiten von Zeitagenten im Nahkampf bestellt war. Die ganze Angelegenheit hatte nur wenige Sekunden gedauert, dann lagen die beiden Männer, die bei den Frauen gestanden hatten, bewusstlos am Boden. Khendrah hielt dem Wortführer ihre Hand entgegen.
»Du gibst mir besser die Waffe, damit nicht noch etwas geschieht«, sagte sie auffordernd und deutete mit dem Kopf auf die am Boden liegenden Männer, »oder möchtest du dich zu deinen Freunden gesellen?«
Er riss die Waffe herum und richtete sie auf Khendrah, die jedoch damit gerechnet hatte und mit zwei schnellen Schritten bereits bei ihm war. Der Mann wusste nicht, wie ihm geschah, als er innerhalb einer Sekunde entwaffnet war und sich, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend, wiederfand. Khendrah saß auf seinem Rücken und verbog seinen Arm auf eine Weise, die ihm sicher sehr weh tat.
»Ich mache dich fertig«, presste er unter Keuchen mühsam hervor.
»Muss ich mir deshalb Sorgen machen?«, fragte Khendrah, »Bisher hatten deine Drohungen jedenfalls keine Substanz.«
Mit geschickten Bewegungen band sie ihm die Arme mit seinen eigenen Schnürsenkeln auf den Rücken, dann stieg sie von ihm herunter. Inzwischen hatten ein paar der anderen Männer bei den Autos die Szene mitbekommen und sahen interessiert zu ihnen herüber. Khendrah gab Fancan ein Zeichen, ihr zu folgen und die beiden Frauen liefen zu den Autos hinüber.
»Ist sie nicht süß, meine Fancan?«, fragte Giwoon Thomas.
»Im Grunde sind die beiden regelrechte Kampfmaschinen«, antwortete er, »wenn ich nicht genau wüsste, dass sie auch anders sein können …«
»Nun ja, Kampfausbildung gehört schon irgendwie dazu, wenn man sich in der Zeit herumtreibt«, sagte Giwoon, »ich bin da auch nicht ganz ungeschickt, aber das eben konnten unsere Damen ganz allein regeln. Wie steht es mit dir? Verstehst du auch etwas von Nahkampf?«
»Theoretisch ja«, gab Thomas zu, »Khendrah hat mir im Vektor einen Hypnosekurs verpasst und danach mit mir trainiert. Es gab bisher keinen Ernstfall, aber vermutlich wüsste ich mir schon zu helfen, wenn ich angegriffen würde.«
Giwoon nickte.
»Das ist gut, zu wissen«, sagte er, »damit haben wir alle vier eine entsprechende Ausbildung.«
Inzwischen hatten Khendrah und Fancan die Fahrzeuge erreicht. Insgesamt sechs ölverschmierte Männer sahen ihnen entgegen.
»Ich gehe mal davon aus, dass das, was sich hier abspielt, nicht legal ist«, sagte Khendrah, »aber wir sind nicht von der Polizei. Wir brauchen lediglich eure Hilfe.«
Sie blickte von einem zum anderen, doch niemand sagte etwas.
»Was ist los mit euch?«, fragte Fancan, »Könnt Ihr nicht reden? Wer ist euer Anführer? Wir müssen lediglich in die Innenstadt und möchten, dass uns jemand dorthin bringt.«
Ein etwa zwanzigjähriger Mann in einen Overall deutete auf den hinter den Frauen auf dem Boden liegenden Gefesselten.
»Das ist unser Anführer«, sagte er leise, »den Sie da gefesselt haben. Das war eine reife Leistung.«
Die anderen stimmten murmelnd zu.
»Okay«, sagte Khendrah und hob ihre Hände, »ich stelle hiermit klar, dass es uns überhaupt nicht interessiert, was Ihr hier tut. Ich vermute zwar, dass Ihr die Polizei nicht zu euren Freunden zählt, aber das ist bei uns nicht anders. Also, wer kann uns in die Stadt fahren?«
»Ich kann das tun«, sagte der Mann im Overall, »sobald dieser Wagen hier fertig ist. Dauert vielleicht noch eine halbe Stunde. So lange müsst Ihr schon warten.«
»Wenn du das tust, brauchst du nicht zurückkommen!«, rief der Gefesselte ihm zu, »Denn, wenn ich dich in die Finger bekomme, mache ich dich fertig!«
»Ach, leck’ mich!«, rief der Junge zurück, »Ich habe die Schnauze so voll von Dir Dreckskerl! Du kommandierst immer nur herum, lässt uns die Drecksarbeit machen und das Risiko tragen und markierst hier den dicken Max. Ich mach das nicht mehr mit.«
Khendrah schaute von einem zum anderen.
»Also sind wir uns einig?«, fragte sie den jungen Mann, der sich gerade seine Hände an einem Lappen abwischte, »Sie bringen uns in die Nähe des Hafens?«
Er kam um den Wagen herum, an dem er arbeitete und hielt ihr seine Hand hin.
»Abgemacht«, sagte er, »ich bin Jake.«
Khendrah ergriff die Hand und meinte:
»Du wirst es nicht bereuen, Jake. Mein Name ist Khendrah.«
»Was ist denn das für ein Name?«, fragte Jake, »Ihr seid nicht von hier, oder?«
Fancan und Khendrah lächelten.
»Nein«, meinten sie, »das sind wir in der Tat nicht.«
Jake wartete, doch waren die beiden Frauen offenbar nicht bereit, mehr zu erzählen.
»Mach bitte deine Arbeit an diesem Fahrzeug fertig«, bat Khendrah, »wir haben es nämlich recht eilig.«
Jake zuckte mit den Schultern und beugte sich dann wieder über den Motorblock seines Wagens.
Khendrah und Fancan gingen zurück zu Giwoon und Thomas, die bei dem Gefesselten warteten. Die beiden anderen Männer waren inzwischen zu sich gekommen, verspürten aber keine Lust, sich mit den beiden Männern anzulegen. Wie es schien, waren sie alle ohne ihren Anführer relativ handzahm.
»Wenn ich diese Fessel los bin, mache ich euch alle fertig – und jeden, der mit euch gemeinsame Sache gemacht hat«, zischte der am Boden liegende, »niemand legt sich mit Rick Barlowe an.«
Giwoon beugte sich zu ihm hinunter und sagte:
»Wenn Rick nicht allmählich seine Klappe hält, wird er erleben müssen, was Giwoon tut und es wird ihm nicht gefallen. Haben wir uns verstanden?«
»Giwoon?«, fragte er keuchend, »Was seid Ihr eigentlich für Typen?«
»Das geht dich nichts an«, sagte Thomas, »für dich wäre es vielleicht besser, du vergisst, dass du uns jemals gesehen hast.«
Rick schluckte. Er begriff, dass diesen Menschen sein Name nichts sagte und er sie damit nicht beeindrucken konnte.
Wie Jake versprochen hatte, war der Wagen nach gut einer halben Stunde fertig. Er setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an. Aus dem Seitenfenster winkte er ihnen zu und forderte sie auf, in den Wagen einzusteigen.
Khendrah stieg auf der Beifahrerseite ein und fragte die anderen Männer, ob sie ein Problem damit hätten, wenn sie sie mit Rick allein lassen würden. Einer der Männer lächelte böse.
»Wir werden uns um ihn kümmern«, sagte er, »er hat uns seit Monaten behandelt, wie den letzten Dreck, weil er die Kanone hatte und wir nicht. Das ist jetzt anders. Wir werden die Bedingungen jetzt neu aushandeln.«
»Okay«, sagte Khendrah, »ich will die Einzelheiten gar nicht wissen.«
Sie schloss die Beifahrertür und Jake fuhr los, als alle im Wagen saßen.
»Wo genau wollt Ihr eigentlich hin?«, wollte Jake wissen, »Die Stadt ist groß.«
»In der Nähe des Hafens gibt es ein Hotel«, sagte Khendrah, »es hat den Namen Hyatt. Dort müssen wir hin – und zwar so schnell, wie es eben geht.
Jake verzog sein Gesicht.
»Zum Hyatt? Das liegt ausgerechnet in der Umweltzone. Dort darf ich eigentlich mit diesem Wagen nicht hinein.«
»Warum nicht?«, wollte Giwoon wissen.
»Sag’ ich doch: Umweltzone. Dies hier ist ein 2005er Chevy mit Verbrennungsmaschine. Der fährt noch mit Benzin. In der Umweltzone dürfen nur noch Elektro-Autos fahren. Ich kann es versuchen, aber wir riskieren, angehalten zu werden.«
»Bitte versuche es, Jake«, bat Fancan, »wir haben es wirklich sehr eilig. Wir müssen dort sein, bevor es im Himalaja knallt.«
»Fancan!«, rief Giwoon ärgerlich.
»Moment«, fragte Jake, »was genau geht hier eigentlich ab? Ich seid doch keine Terroristen, oder? Was sollte das mit dem Himalaja?«
»Du würdest es wahrscheinlich nicht verstehen«, sagte Khendrah, »ich kann dir nur so viel sagen, dass dir und den Menschen hier keine Gefahr droht. Es wird etwas geschehen im Himalaja, aber das betrifft nur uns. Wir hätten ein Problem, wenn wir nicht rechtzeitig dort sind, wo wir hinwollen.«
Jake steuerte seinen Wagen geschickt durch den Verkehr der Innenstadt von San Diego und sie näherten sich relativ zügig dem Hafengebiet. Einige Warnschilder wiesen darauf hin, dass die Weiterfahrt in die Umweltzone für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren verboten war.
»Willkommen im Jahr 2014«, murmelte Jake, als er den Kontrollpunkt passierte und in die Zone hineinsteuerte, »ab jetzt kann es jederzeit geschehen, dass uns Polizei oder Ordnungskräfte entdecken. Dann werden sie uns anhalten. Ich muss nicht darauf hinweisen, dass eine Überprüfung dieses Fahrzeugs uns in Schwierigkeiten bringt, oder? Habt Ihr eigentlich Papiere dabei?«
»Papiere?«, fragte Giwoon, »Was meinst du damit?«
»Na, eben Papiere. Ausweise, Pässe. Das muss es doch auch dort geben, wo Ihr herkommt.«
»So etwas brauchen wir dort nicht, wo wir herkommen«, sagte Khendrah.
»Ihr wollt mich verscheißern«, schimpfte Jake, »jeder braucht Papiere. Ich sehe schon – ich habe mich hier auf einen Deal eingelassen, bei dem mich die Bullen hochnehmen werden.«
Fancan, Khendrah und Giwoon sahen sich fragend an. Sie verstanden nicht so recht, was Jake meinte.
»Wir können dich beschützen, wenn wir angehalten werden«, sagte Fancan.
Jake lachte humorlos auf.
»Ihr habt vielleicht Vorstellungen, Leute. Glaubt Ihr, Ihr könnt mit der Polizei dasselbe abziehen, wie mit diesem Drecksack Brian? Das könnt Ihr vergessen. Da könnt Ihr Euer Karatezeugs nicht bringen.«
»Brian?«, fragte Fancan.
»Ja, der Typ, den Ihr so nett verschnürt habt – was mir übrigens sehr gut gefallen hat.«
Jake grinste und ließ den Wagen in eine kleine Seitenstraße fahren.
»Ist das der Weg zum Hafen?«, fragte Giwoon.
»Nicht direkt, aber ich habe die Hoffnung, dass die Bullen nicht gerade in solchen Nebenstraßen lauern.«
»Wie weit ist es denn noch bis zum Ziel?«, wollte Thomas wissen.
»Nur noch ein paar Kilometer«, sagte Jake.
Er bog in die nächte Seitenstraße ein und fluchte.
»Scheiße, eine Polizeikontrolle!«, rief er aus und stoppte den Wagen, »Sie haben uns sicherlich schon bemerkt.«
»Dann sollten wir machen, dass wir zu Fuß weiterkommen«, sagte Giwoon, »schnappt Euch Eure Taschen und dann nichts wie ‘raus aus dem Wagen.«
In wenigen Sekunden hatten sie alle den Wagen verlassen und standen auf dem Gehweg. Ein paar der Beamten, die dabei waren, Fahrzeuge und ihre Fahrer zu kontrollieren, schauten interessiert zu ihnen herüber. Sie wandten sich ihnen zu und kamen auf sie zu.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Jake ängstlich, »Wenn sie mich schnappen, gehe ich für die nächsten Monate in den Bau.«
»Ganz ruhig«, sagte Giwoon, »wir gehen jetzt ganz ruhig weiter und gehen in das Haus da drüben.«


Der nächste Teil erscheint am 16.11.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 11 – Häppchenweise

Daisy Lee hatte ihn zuerst entdeckt.
»Verdammte Scheiße, was ist das?«, fragte sie argwöhnisch, als sie die vielen ballongleichen Pflanzen wahrnahm, mit denen Archweylls Scherenpanzer in die Höhe trieb.
»Das ist ein Aushängeschild. Ich wusste doch, dass er es schafft«, atmete Clynnt Volker aus und ballte triumphierend die Fäuste. Eine maßlose Erleichterung überkam ihn bei diesem Anblick.
Ich hoffe nur, er hat Tamara dabei.
Eine Hoffnung, die sich bestätigte, als die beiden geborgen wurden. 
»Ich brauche hier sofort einen Apothekaris!«, schrie Clynnt aus voller Kehle, als er ihren Gesundheitszustand erkannte. Tamaras Körper war von schwarzen Adern durchzogen und lag in einer verkrampften Haltung hinter dem Kommandanten. Blut floss aus ihrer Nase und ihren Ohren und sie war mit einer unbändigen Vielzahl verschiedenfarbiger Hämatome bedeckt, die ihr das Aussehen eines bewusstlosen Regenbogens verliehen. 
Um Archweyll stand es noch schlechter, doch Clynnt war sich bewusst, dass der Kommandant fast alles wegstecken konnte. Man musste ihm schon in den Kopf schießen, um ihn aufzuhalten. Hektische Schritte ließen den Boden erbeben, während Menschen hin- und her hetzten, um den Vermissten zu helfen. Archweyll und Tamara wurden schnellstmöglich im Krankenflügel des Zyklopen untergebracht. Dieser bestand aus einem kleinen, kreisrunden Saal mit zehn sterilen Betten und einer Arztstation, in der silberne Instrumente im trüben Neonlicht funkelten und ratternde Generatoren die Monitore und Gerätschaften mit Energie versorgten. Der Arzt begrüßte sie mit einem steifen Nicken und machte sich unverzüglich an die Arbeit. 
Clynnt merkte gar nicht, wie lange er da stand und ihm dabei zusah. Er wollte einfach nur sicherstellen, dass nicht schon wieder etwas schiefging. Doch irgendwann riss er sich zusammen und ließ den Mann seine Arbeit machen. 
»Wir machen uns auf den Weg zurück«, befahl der Chefnavigator, während er zurück auf die Kommandobrücke eilte.
»Verstehe, ihr habt noch ein Hühnchen zu rupfen«, erwiderte Daisy und machte sich auf den Weg zum Steuer. 
Clynnt klopfte ihr auf die Schulter. 
»WIR haben noch ein Hühnchen zu rupfen. Du bist jetzt Teil der Mannschaft und somit warst auch du hier unten in unnötiger Gefahr.« 
Auch wenn sie es zunächst verbergen wollte, konnte Daisy doch nicht umher, ein strahlendes Lächeln aufzusetzen. »Wir … Das ist ein Wort, an das ich mich gewöhnen könnte«, sagte sie lachend, während sie sich auf den Weg zur Forschungseinrichtung machten.



                                                                ***


Schwarze Schleier durchzogen sein Hirn und marterten es. Dinge passierten um ihn herum, am Rande seiner Wahrnehmung. Dem unaushaltbaren Druck der Schmerzen war eine bleierne Schwere gewichen, die alles belanglos erscheinen ließ. So lag er da und ruhte. 
Wenige Stunden fühlten sich wie Äonen an, während die Apothekaris seinen ruinierten Körper begutachteten, scannten und reaktivierten. Das Leben zog an ihm vorbei. Dann wurde wieder alles schwarz.


Archweyll öffnete die Augen. Er musste eingeschlafen sein. 
Die Tatsache, dass er in einem Bett lag und frischen Sauerstoff einatmete, erfüllte ihn zumindest mit etwas Genugtuung. Die trübe Beklommenheit des dunkeln Schlafes im Narkotikum wich Schritt für Schritt, auch wenn seine Glieder nach wie vor kaum zu einer Bewegung fähig waren. 
Immerhin muss ich nicht wieder Jaulen wie ein Seehund, dachte er verdrossen und dankte den Betäubungsmitteln in stiller Heimlichkeit. Sein Blick ging umher. Er befand sich eindeutig wieder in der Forschungsstation, sachter Regen prasselte gegen die große Glaskuppel, welche einen verschwommenen Ausblick auf den dahinterliegenden Ozean preisgab. Erst jetzt registrierte er das Team aus Ärzten, dass ein Bett am anderen Ende des Raumes belagerte. 
Clynnt Volker war unter ihnen und schien eine hitzige Diskussion zu führen. Als er Archweyll erspähte, verfinsterte sich seine Miene dramatisch und er eilte zum Kommandanten herüber.
»Schön, dich wach zu sehen«, sagte der Chefnavigator. Seinem Tonfall ließ sich direkt anmerken, dass ihn etwas zu bekümmern schien.
»Was ist los?«, keuchte Archweyll. Sprechen war noch keine der angenehmen Aufgaben. Aber er kannte seinen Körper, in weniger als ein paar Tagen würde er wieder auf den Beinen sein. 
»Du kannst mich hören? Das ist gut, denn es bedeutet, dass die Geräte funktionieren.« 
Archweyll schaute seinen Chefnavigator mit einer Mischung aus Angst und Belustigung an. »Bitte was?«, fragte er ungläubig. 
»Dein Gehör hat einen irreparablen Schaden erlitten. Wir haben einen Sensor eingebaut, der Schall empfängt und frequentiert. Dadurch bist du in der Lage mich zu verstehen. Außerdem solltest du dein Herz in nächster Zeit schonen. Es hat nach der Behandlung so unrhythmisch geschlagen, das wir es ersetzen mussten, andernfalls wärst du draufgegangen. Vor drei Tagen ist ein föderaler Medikus eingetroffen, er hat dich operiert.«
Erst jetzt fiel Archweyll auf, dass er ein steriles weißes Leinenhemd trug. Darunter befand sich ein Verband, der um die ganze Brust reichte.
»Gegen Infektionen, die Wunde hat sich durch Gerinnungshormone innerhalb von zwei Tagen versiegelt. Du dürftest nur noch wenig spüren«, merkte der Chefnavigator an.
»Wie lange liege ich schon hier?«, keuchte Archweyll unter zusammengepressten Zähnen. Sein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. 
»Fast zwei Wochen«, erwiderte Clynnt kopfschüttelnd.
»Tamara?« Archweyll saß bei dem Gedanken an seine Stoßtruppführerin plötzlich kerzengerade im Bett. 
Abermals schüttelte Clynnt den Kopf. 
»Sag mir was hier los ist!«, fluchte der Kommandant ungehalten. »Sie ist doch nicht etwa …?« Bei dem Gedanken daran, sie verloren zu haben, drehte sich alles um ihn. 
»Sie wird wieder aufwachen«, begann Clynnt.
Der Kommandant bemerkte, dass er bis gerade die Luft angehalten hatte. 
»Aber sie hat ebenfalls irreparable Schäden erlitten.« Man merkte dem Chefnavigator an, dass es ihm schwer fiel, darüber zu sprechen.
»Ihr Gehirn hat Schäden erlitten, ebenso wie ihr Herz, ihr Trommelfell und ihre Muskeln. Sie war einfach zu lange dem Druck ausgesetzt.« 
Archweyll griff mit der Hand nach Clynnts Kragen und schüttelte ihn. Doch nach einem Moment verließ ihn die Kraft dazu. »Was hat das zu bedeuten?!«, fuhr er den Navigator an. 
»Sie wird für immer blind sein, Arch. Außerdem ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt und sie braucht ebenfalls Hörgeräte. Die Hirnstruktur lässt sich leider nicht mehr medizinisch zusammenfügen. Es tut mir Leid.« Man merkte Clynnt an, dass er fest damit rechnete, gleich von Archweyll einen Schlag zu kassieren, denn er zuckte merklich zusammen. 
Doch Archweyll blieb ruhig. Er lehnte sich, ohne etwas zu sagen, in sein Kissen zurück und schloss die Augen. 
»Crowler?«, war das einzige Wort, was seinen Mund noch verlassen sollte.
»In Gewahrsam. Bewacht im Kommunikationsraum«, antwortete Clynnt und sein Gesicht nahm etwas Düsteres an. 



                                                                  ***


Schlechte Kunde ist schlechter Gast. Das war Clynnt so bewusst wie die Tatsache, dass Archweyll ihn vermutlich köpfen würde. 
Wie konnte er nur entkommen? Er war rund um die Uhr bewacht. 
Vor einer halben Stunde hatte die Wache ihn alarmiert, sie hatten den Kommunikationsraum abgesucht, aber keine Spur von Mantis J. Crowler entdecken können. Clynnt betrat den Krankenflügel, doch bis auf einen Arzt, der Tamaras Infusion wechselte, war niemand zu sehen. 
Wo ist Arch? 
Langsam wurde die Sache interessant. Er fand den Kommandanten draußen, es war ausnahmsweise nur bewölkt und regnete nicht in Strömen. Archweyll saß, immer noch nur in ein Nachthemd gekleidet, auf einem Anlegesteg. In einiger Ferne ruhte die Manticor, in deren Bauch der Zyklop einer strengen Reparatur unterzogen wurde. Daisy hatte das ganze veranlasst, nachdem mehrere Scherenpanzer und ihr Steuer arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. 
Neben Archweyll lag ein Eimer voller roter Pampe und deformierten Fleischbrocken. Eine einzelne Rippe ragte daraus hervor. Der Kommandant langte hinein und warf sie ins Wasser.
Direkt kam ein schillernder, türkiser Fisch daraus hervorgeschossen und schnappte sich die wertvolle Beute. 
»Was zur Hölle machst du hier? Solltest du nicht im Bett liegen?«, fragte Clynnt aufgebracht, während er sich neben den Kommandanten setzte.
Archweyll begrüßte ihn mit einem Grunzen.
Erst jetzt fiel dem Chefnavigator auf, dass Archweylls Hemd voller Blut war. »Was hast du angestellt?«, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
»Ich brauchte etwas, um die Fische zu füttern und Möhren kamen nicht infrage. Also habe ich mich etwas in der Speisekammer ausgetobt«, erwiderte der Kommandant gelassen. 
Dann warf er noch ein Häppchen ins Wasser.
Gierig verschlang der große Fisch den Fleischbrocken. 
Clynnt schluckte. Er hoffte nur, Archweyll würde ihn nicht direkt hinterherwerfen. Er räusperte sich verlegen. »Der Doktor ist entkommen. Spurlos verschwunden. Niemand hat ihn gesehen oder gehört.« Er atmete aus. Gleich würde es ein Donnerwetter geben.
Doch wieder einmal überraschte ihn der Kommandant. 
»Ist es nicht schön hier? All die bunten Fische«, antwortete Archweyll und warf abermals ein Häppchen Fleisch in die See. 
Sanft trugen es die Wellen gen Grund und hinterließen dabei rote Schlieren im Wasser. 
Verliert er jetzt völlig den Verstand?
Plötzlich eilte ein Soldat zu ihnen. Völlig außer Puste hielt er vor ihnen an. »Sir, wir haben Überreste einer Leiche gefunden und gehen stark davon aus, dass es Crowler ist. Er scheint sich suizidiert zu haben, indem er sich selbst in seinem eigenen Labor durch den Fleischwolf gejagt hat.«
Erst jetzt fiel Clynnt auf, wie weiß der Mann um die Nase war. 
»Der Anblick muss zum Fürchten gewesen sein«, erwiderte Archweyll mitleidig und erhob sich.
»Sir, es war furchtbar. Ich glaube so etwas habe ich noch nie gesehen.«
Der Kommandant klopfte dem Mann auf die Schulter. »Sorgen Sie dafür, dass die Sauerei beseitigt wird. Und dann ruhen Sie sich aus.«
Der Soldat salutierte und verschwand. 
Archweyll ließ seine Augen schelmisch in Richtung des Eimers wandern, dann trat er ihn um und versank den Inhalt achselzuckend im Meer. 
Clynnt schaute ihn entgeistert an. »Die Speisekammer hat wahrlich noch ergiebige Mengen erübrigt«, seufzte er und kopfschüttelnd folgte er dem Kommandanten hinein.

 

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Silvarum Nemora – Im Dunkel der Wälder (1/2)

,,Alter.“, flüsterte Ben leise. ,,Willst du das wirklich durchziehen?“

Matthias nickte entschlossen. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust, er fühlte wie seine Glieder in der Kälte der Furcht erstarrten. Doch er durfte sich auf keinen Fall weigern. Er würde ohne Zweifel sein Gesicht verlieren.

Es war Samstag. Ben und er hockten in seinem Zimmer und warteten auf Mitternacht. Um Punkt zwölf Uhr nachts sollte Matthias allein in ein kleines, verlassenes Dorf gehen, dass sich im Wald hinter der Stadt befand. Anja hatte dies als Mutprobe in der Schule von ihm verlangt.

Matthias konnte sich lebhaft vorstellen, was seine Mutter von dem Vorhaben halten würde: Es ist viel zu gefährlich für einen fünfzehnjährigen Jungen, in der Nacht allein durch den Wald zu gehen! Betrunkene oder Diebe oder anderes Gesindel lauern einem da drin auf…

Matthias schüttelte den Kopf, um sich zu fokussieren. Nur noch zwei Minuten, dann musste er sich auf den Weg machen. Die Uhr an seinem Handgelenk, deren Ziffernblatt hell leuchtete, erschien ihm plötzlich wie ein Sendbote des Gerichts, der ihm ein verhängnisvolles Urteil verkündete…

Todesstrafe, vollzogen in zwei Minuten…

,,Lass mich wenigstens mitkommen, Alter.“, verlangte Ben. Seine Augen suchten den Kontakt, seine Stimme klang eindringlich. ,,Fällt doch nicht auf…“

Matthias schüttelte den Kopf. ,,Irgendwer muss hier die Stellung halten, falls meine Mom aufwacht und sich fragt, was los ist. Das musst du machen, Alter.“

,,Ja, aber Alter…“ Ben schien nach Worten zu suchen, um ein seltsames Gefühl auszudrücken, das wie eine Gewitterwolke zwischen ihnen hing. Es handelte sich um ein psychisches Echo, das Gefahr verkündete. Keine logische Aussage konnte ihre Anwesenheit belegen, doch Matthias fühlte, wie seine Instinkte reagierten. Sie rieten ihm, in Sicherheit zu bleiben, hinter hohen, schützenden Mauern zu verweilen, anstatt sich leichtfertig in Gefahr zu begeben.

Gefahr, was rede ich denn? Reiß dich zusammen, du Baby!, schalt er sich selbst. Da draußen sind nur Bäume und Tiere, aber keine Verbrecher…

,,Es ist soweit.“ Bens Stimme legte sich wie ein dunkles Tuch über ihn. Seine Uhr bestätigte seine Aussage. Die zwei Minuten waren verstrichen, obwohl sie sich eher wie zehn Sekunden angefühlt hatten.

Schweigend erhob sich Matthias und ging zur Tür seines Zimmers. Leise drückte er sie auf und schlich aus dem Raum. Trotz der Dunkelheit fand er die Treppe ohne Probleme. Im Erdgeschoss schlüpfte er in eine dunkle Jacke und in warme Stiefel. Ben, der ihm geräuschlos gefolgt war, drückte ihm eine starke Taschenlampe in die Hand. Matthias bedankte sich mit einem Nicken. Theoretisch könnte er auch die Funktion seines Handys benutzen, um seine Umgebung zu erhellen, jedoch zog er es vor, Akkuladung sparen zu können.

Kurz bevor Matthias die Tür öffnete, nickte er Ben zum Abschied zu. Obwohl es ihnen absurd erschien, erfüllte sie eine seltsame Furcht. Lag es am Schatten der Bäume, die nur wenige Meter hinter Matthias’ Elternhaus das Gras in Dunkelheit tauchten? Oder am Wispern der Blätter im Wind, das trotz geschlossener Fenster auf abstruse Weise seinen Weg zu den Ohren der Jungen gefunden hatte?

Keiner von beiden wusste es.

Matthias’ Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er folgte einem schmalen Weg, der sich, von Blättern und Tannennadeln bedeckt, kaum vom restlichen Waldboden unterschied. Lediglich die starke Lampe in seiner rechten Hand bewahrte ihn davor, den Pfad zu verlieren.

Seine Gedanken wurden vom Gefühl der Gefahr, das sein Herz wie eine eisige Klaue umklammerte, nahezu erstickt. Die Sinne geschärft, die Muskeln angespannt, marschierte er leicht geduckt durch die nächtliche Landschaft. Sein Atem bildete vor ihm in der Luft Rauchwolken.

Matthias konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als er sich seinem Zielort näherte: einer großen Waldlichtung, die von baufälligen alten Häusern ausgefüllt wurde. Anja hatte grinsend von ihm verlangt, dort ein Video mit seinem Handy zu drehen und außerdem ein Holzstück von einem der Gebäude mitzunehmen.

Wieso habe ich Trottel mich darauf eingelassen?

Die Frage fegte wie ein plötzlicher Windstoß durch sein Gehirn. Er blieb stehen. Das Licht der Lampe in seiner Rechten entrang der Finsternis ein vermodertes Holzschild, das umgeworfen im Gras lag.

Ich kann jetzt nicht umkehren. Ich muss weitermachen.

Als er sich langsam wieder in Bewegung setzte, kam ihm ein Horrorfilm in den Sinn, den er erst vor Kurzem gesehen hatte. Die Protagonistin war in einer kalten Nacht wie dieser von einem verrückten Massenmörder überrascht worden. Der Mann lauerte halb verborgen im Gebüsch, versteckt durch die Dunkelheit und seinen Mantel, die Axt ruhig in der Hand. Er beobachtete sein Opfer, leckte sich in stiller Vorfreude über die Lippen, bis er schließlich des Wartens überdrüssig war. Wie ein Raubtier schoss er aus der Barriere aus Finsternis und fiel die Protagonistin an.

Das ist doch nur ein Film, Blödmann!

Trotzdem konnte sich Matthias eines Gefühls durchdringender Furcht nicht erwehren. Während er mit zitternden Knien das verlassene Dorf betrat, erfüllte ihn die nie gekannte Sicherheit, beobachtet zu werden.

Lauf!, rieten ihm seine Instinkte. Wen interessiert diese Mutprobe?

Trotzdem setzte er kontinuierlich einen Fuß vor den anderen, bis er in der Mitte des Kreises aus verfallenen Gebäuden stand. Ängstlich um sich blickend, griff er mit seiner zitternden linken Hand in seine Hosentasche, in der er sein Handy mit sich trug.

Plötzlich erklang ein Geräusch, das ihn sofort erstarren ließ. Direkt hinter ihm war soeben eine Tür mit rostigen Scharnieren geöffnet worden.

O mein Gott.

Matthias vermochte kaum zu atmen, während er wie eine Statue auf dem von Gras überwuchertem Boden stand. Alles in ihm schrie danach, sofort die Flucht zu ergreifen. Doch etwas hielt ihn zurück, eine merkwürdige Kraft. Sie glich einer seltsamen Sperre, ähnlich der, die einen in Rage gebrachten Menschen am Zuschlagen hindern will. Ein letztes Echo der Zivilisation, das sich zwischen Realität und der von Zorn vergifteten Geisteswelt schiebt.

,,Sieh an.“, sprach eine Stimme hinter ihm gut gelaunt. Sie klang überraschend menschlich, jagte Matthias aber dennoch einen Schauer über den Rücken. ,,Ein Junge. Wie nett. Aber um diese Uhrzeit solltest du wirklich nicht mehr alleine herumlaufen. Seltsame Gestalten treiben im Wald ihr Unwesen…“

Wie auf Kommando drehte Matthias sich um. Er konnte die Bewegung nicht aufhalten. Sein Wille war zerschellt wie eine edle Blumenvase, die zu Boden fiel.

Zu seinem Erstaunen stand er einem schlanken jungen Mann gegenüber, der ihn freundlich anlächelte. Er trug löchrige, ausgewaschene Jeans und am Oberkörper eine fleckige Weste über einem schwarzen T-Shirt. Seine schmutzigen, langen blonden Haare fielen ihm ungebunden auf die Schultern. Auf seinem Kopf saß ein großer Hut, die Hände steckten in den Hosentaschen.

Der Fremde wirkte lässig und auf seine Art unantastbar. Es handelte sich bei ihm um einen jener Menschen, die Matthias sich nicht als gedemütigte Opfer vorstellen konnte. Der Gedanke, diese Person könnte irgendwie Schwäche zeigen, erschien ihm völlig absurd.

,,Möchtest du nicht hereinkommen?“, fragte der junge Mann und deutete einladend auf eines der baufälligen Häuser. ,,Hier draußen ist es sehr kalt.“

Obwohl seine Furcht etwas nachließ, verspürte Matthias noch immer das dringende Bedürfnis, zu fliehen. Was, wenn er hier einem Psychopathen begegnet war, der seine Opfer im Wald suchte? Er durfte ihm auf keinen Fall vertrauen.

Doch wieder erschien jene seltsame Sperre. Die Vorstellung, sich zu verweigern, erschien Matthias unsittlich und böse. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, ging er auf den Fremden zu.

Dieser nickte zufrieden und hielt ihm die Tür auf. ,,Nenne mich Enki. Einfach den Gang entlang, Matthias.“

Woher weiß er meinen Namen? Ein Stalker?

Die eisige Klaue der Furcht schloss sich enger um Matthias’ Herz, als er den dunklen Gang durchquerte. Das Mondlicht erhellte durch Löcher in der Decke schwach den Boden. Wie mechanisch durchquerte er den langen Korridor, Enki direkt hinter ihm. Am Ende des Ganges versperrte ihm eine Tür den Weg.

,,Einfach den Knauf drehen.“, riet ihm Enki, als er stehen blieb. Obwohl Matthias am liebsten schreiend in die andere Richtung gelaufen wäre, befolgte er wie selbstverständlich die Anordnung. Die Tür schwang laut quietschend auf und enthüllte einen dunklen Raum. Die einzige helle Stelle bestand aus einem runden Tisch mit einer Kerze und zwei Stühlen, die sich gegenüberstanden.

,,Fühle dich wie zuhause.“ Enki ging lächelnd an ihm vorbei und ließ sich auf einen der beiden Stühle sinken. Ohne darüber nachzudenken, wählte Matthias den anderen. Kaum berührte er die Sitzfläche, erfüllte Taubheit seinen Körper. Er konnte sich nicht mehr bewegen.

O Gott, was passiert hier, was wird dieser Wahnsinnige mit mir anstellen? O Gott, wenn es dich gibt, dann bitte, bitte, bitte, bitte, rette mich, ich will noch nicht sterben, bitte, bitte, bitte, ich werde auch nie wieder mit jemandem streiten, bitte, bitte, bitte.

Enki betrachtete ihn interessiert über den Rand der Kerzenflamme hinweg. Der unregelmäßige Schein warf gespenstische Schatten an die Wand und verwandelte sein Gesicht in ein Schlachtfeld zwischen Licht und Dunkelheit. Erst jetzt fielen Matthias die seltsamen Augen des Fremden auf. Sie strahlten golden, doch erleuchteten sie die Umgebung in keinster Weise.

Schließlich durchbrach Enki die unheimliche Stille: ,,Ich muss schon sagen, Matthias, sehr schöne Sachen hast du da.“ Dabei glitt sein Blick über Matthias’ Kleidung. ,,I-Phone 11, Snipes-Pullover und Jeans von Tommy Hilfiger. Und erst die Schuhe…Desert Boots aus Leder…ebenfalls von Tommy Hilfiger…“ Enkis Augen wanderten zu seinem Kopf. ,,Hochgestellte Haare…Fußballer, nicht wahr?“

Matthias nickte automatisch. Er spielte im Verein und trainierte oftmals wöchentlich.

Enki nickte langsam…fast verträumt. Der seltsame Mann ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken, bis sein Rücken die dünne Holzlehne berührte.

,,Erzähl mir doch mal ein bisschen von dir.“

Matthias wollte schweigen. Er litt immer noch an gewaltigen Ängsten und vollbrachte es kaum, zu atmen. Trotzdem entrangen sich seinem Mund die Worte, intimste Gedanken und Geheimnisse offenbart in der kaum erhellten Dunkelheit dieses Raumes. Enki lauschte dem Redefluss mit ruhiger Miene.

,,Ich bin Matthias, 15, Einzelkind, lebe mit meinen Eltern in Theresienfelden. Ich kicke im Verein, bin aber einer der schlechtesten von uns, obwohl ich immer behaupte, der Beste zu sein, um meine Freunde und die Mädchen zu beeindrucken. Außerdem gehe ich jeden Tag ins Fitnessstudio, damit ich fett Muskeln aufbaue, mein Bizeps ist schon echt groß, ich werde dafür echt beneidet. Meine besten Freunde sind Ben und Mert, ich hab’ auch noch’n paar Kumpels in der Klasse, alle finden mich cool und ich will auch cool sein, deswegen kaufe ich das ganze Zeugs, ich weiß, dass es Blödsinn ist, aber ich will es trotzdem, sieht voll geil aus…außerdem bin ich total in Anja verschossen, sie ist so geil, ich hab mir schon oft vorgestellt, dass wir auf ein Date gehen, aber es geht nich’ wirklich, ich weiß nicht, was ich tun soll und was, wenn sie nein sagt…ich hab’ richtig schlechte Noten, letztes Jahr sogar Nachprüfung, deshalb hasse ich die ganzen Streber in meiner Klasse, die sind so arrogant, wenn sie wieder davon reden wie gut ihre Noten sind, voll abartig, zum Kotzen, deshalb mache ich mich über sie lustig und verarsche sie öfters, eigentlich beneide ich sie ja, die Trottel haben keine Ahnung, wie gut sie es haben…ich habe schon oft Alkohol getrunken und oft gekotzt eigentlich finde ich ja, es schmeckt ziemlich bescheuert, aber naja…ich will, dass die anderen mich cool finden und ich habe sonst nichts, wo ich mein Selbstvertrauen herkriege, ist echt blöd, aber naja…meine Eltern wollen ständig, dass ich lerne, sind echt voll nervig, sie nehmen mir immer wieder mein Handy weg, weil sie denken, dass ich zu viel damit mache und naja…sie wollen mich in den Ferien in so ein Lerncamp schicken, wo man die ganze Zeit Bücher liest und so anderes Scheißzeug ist echt zum Kotzen…außerdem wollen sie mir nichts zum Geburtstag mehr schenken, wenn ich in Englisch nicht mindestens einen Dreier schaffe…echt zum Kotzen, ich will mir einreden, dass ich sie hasse, obwohl ich sie irgendwie verstehen kann, aber trotzdem, ich will nicht lernen, ich kann nicht, ich werde in so was nie gut sein, ist echt zum Kotzen…“

Enki hob ruhig die Hand. Wie durch Zauberhand schloss sich Matthias’ Mund und der Redeschwall endete. Einen Moment lang versank die Angst in einer Flut aus Peinlichkeit, die ihn zu ersticken drohte. Er hatte diesem Fremden soeben alles über sein Leben verraten, sogar Dinge, die er selbst nicht wusste.

Oder die ich mir nicht eingestehen wollte.

Der Gedanke erfüllte mit einem Mal Matthias’ Kopf, wirkte aber nicht, als stamme er von ihm.

Enki räusperte sich. Er sah Matthias ernst an. Seine goldenen Augen schienen dabei bis auf den Grund seiner Seele zu blicken. Schließlich sagte er:

,,Mein lieber Junge, darf ich dir etwas zeigen?“

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Gottes Hammer: Folkvang Ende?

Hallo Schreibkommune!

Seit Beginn der Geschichte sind einige Monate vergangen und es wird Zeit, dass sie nun endet. Es fehlt nur noch ein Teil. Bevor ich dn aber veröffentliche, möchte ich eine kleine Untersuchung vornehmen: Gottes Hammer wurde weitaus länger als beabsichtigt und weil mir durchaus bewusst ist, dass eine solche Seitenzahl den einen oder anderen abschreckt, würde ich gern ein kleines Experiment durchführen. Wer wirklich alle Teile gelesen hat und nun auch das Ende erfahren möchte, der schreibe mir eine kurze Nachricht: antares.hoerl@gmail.com

Das hier soll auch eine kleine Studie meinerseits werden, ob Geschichten solchen Umfangs überhaupt gut ankommen.

Danke für euer Verständnis!

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Nordliebe

Untergang kleidet den Horizont.
Quellwolken bluten wie Venen
auf Dünenwiesen in grün und blond.
Nordwind bewegt die Szenen.

Möwenlärm könnte nicht schöner sein.
Fischzähne schmücken die Brandung,
die Meer aus Wasser auf Meer aus Stein.
Körner reiben Verwandlung.

Farbschatten ziehen Laternen lang.
Sandfluten riechen nach Regen.
Die Leuchtturmbänke nach Algentang.
Wellen modern an Stegen.

Fahrräder knacksen den Muschelweg.
Flugdrachen fallen zu Boden.
Das Salz frisst genüsslich den Kuschelsteg.
Keiner hat sich belogen.

by Lina Dinc

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Korrekturen 25

25.Teil – Die Letzte Flucht (1/6)

Fancan entdeckte einen Ortungsimpuls auf der Navigationskugel.
»Leute, wir müssen nun wirklich hier weg!«, rief sie dazwischen, »Ich glaube, man hat uns entdeckt. Es nähert sich etwas unserem Standort.«
»Qorth, wir müssen los«, sagte Giwoon, »Sie haben es gehört. Wir bekommen Besuch. Wir wünschen Ihnen alles Gute, aber vergeuden Sie keine Zeit. Machen Sie, dass Sie die Station verlassen!«
Giwoon wartete die Antwort nicht mehr ab, sondern unterbrach die Verbindung und aktivierte die Antriebseinheiten.
»Es sind Kampfflugzeuge«, sagte Fancan, »ich habe jetzt noch zwei weitere Ortungen. Sie nähern sich uns sehr schnell.«
»Raketen!«, rief Giwoon, »Verdammt! Sie sind gegenüber unserem Slider zwar primitiv, aber dennoch sehr wirksam.«
Immer wieder hämmerte er auf die Steuerung ein, als würde es dadurch schneller gehen, bis die Zellen für die Horizontalbeschleunigung aufgeladen waren.
»Es reicht nicht!«, schimpfte Giwoon, »Vielleicht können wir ihnen nach oben entkommen, wenn ich unseren Flieger ganz kurz vor dem Aufschlag der Raketen hochziehe.«
Giwoon starrte konzentriert auf die Ortungsanzeige und presste, kurz bevor die Raketen sie erreichten, beide Hände auf die Höhenkontrollen. Der Slider stieg nach oben, als wäre er von einer Kanone abgefeuert worden, während die Raketen unter ihnen hindurch flogen. Eine der Raketen schlug ins Tal ein, wo sie keinen Schaden anrichtete. Die andere hingegen änderte ihren Kurs und wendete.
Giwoon stand der Schweiß auf der Stirn.
»Das Drecksding kommt zurück«, stellte er fest. Die Ladekontrolle der Antriebszellen erlosch und er drückte den Schubhebel voll durch. In diesem Moment erreichte sie die Rakete und streifte sie, als der Slider sich in Bewegung setzte. Die Druckwelle der explodierenden Rakete ließ den Slider wie ein welkes Blatt im Wind umherfliegen. Die Notschaltung aktivierte sich und brachte ihren Flieger schnell wieder in eine stabile Fluglage. Irgendwo ertönte ein Alarm.
»Die Kampfflugzeuge sind uns noch immer auf den Fersen«, meldete Fancan.
»Wir können sie jetzt abhängen«, sagte Giwoon.
Khendrah und Thomas standen etwas abseits und hielten sich krampfhaft an den Händen.
Ganz allmählich vergrößerte sich der Abstand zu ihren Verfolgern.
»Waren wir nicht auf unserem Hinweg schneller?«, wollte Thomas wissen.
»Ja«, sagte Giwoon mit zusammen gebissenen Zähnen, »die Druckwelle hat irgendetwas in der Antriebseinheit zerstört. Wir kommen nicht auf die volle Leistung. Außerdem nimmt die Ladung in den Zellen bereits wieder ab, als wenn der Reaktor sie nicht mehr ausreichend versorgen könnte, was eigentlich nicht sein kann.«
»Wie kommen wir eigentlich hier weg?«, fragte Khendrah, »Dies hier ist doch auch nicht unsere Zielzeit, oder wollen wir hier bleiben?«
»Nein, wir müssen es bis zum Jahr 2008 schaffen«, sagte Giwoon.
»Ich denke, der Slider kann keine Zeitreisen mehr unternehmen«, meinte Thomas.
»Wir müssen irgendwo einen Zeitaufzug erreichen«, sagte Giwoon, »einen Zeitaufzug des Vektors, solange es ihn noch gibt. Khendrah, Fancan – ich brauche Angaben, wo wir einen solchen Aufzug finden können. Ich fürchte, der Slider macht es nicht mehr besonders lange.«
Wie, um diese letzte Äußerung Giwoons zu bestätigen, leuchteten nun an den verschiedensten Stellen der Konsole Warnlampen auf. Aus einer Konsole drang ein wenig Qualm in die Kabine.
Giwoon hatte nicht darauf geachtet, in welche Richtung der Slider flog, als er den Antrieb aktiviert hatte. Für ihn war es in erster Linie darum gegangen, den Slider möglichst unbeschadet aus dem Einflussbereich der Kampfflugzeuge herauszubekommen. Erst jetzt stellte er fest, dass sie sich über dem Pazifischen Ozean befanden und ostwärts flogen. Wenn sie diesen Kurs beibehalten würden, würden sie irgendwann die US-amerikanische Küste erreichen. Dort würden sie ebenfalls zum Ziel von Radaranlagen und Kampfflugzeugen.
Khendrah schaute auf die Navigationskugel und deutete auf den vor ihnen liegenden Kontinent.
»Dort gibt es einen Aufzug«, sagte sie, »da bin ich mir sicher. Dort an der Küste, die Stadt San Diego. Dort müssen wir irgendwo landen und uns zur Station durchschlagen, in der der Aufzug versteckt ist.«
Giwoon bemerkte mehr als einmal das Auftreffen von Radarimpulsen, doch solange sie sich über dem Pazifik befanden, wurden sie nicht behelligt.
»Ich werde den Slider nun fast bis an die Grenze der Stratosphäre steigen lassen«, erklärte Giwoon, »sobald wir einen geeigneten Landeplatz entdeckt haben, werden wir extrem schnell und senkrecht landen. Ich glaube nämlich, dass ihre Radaranlagen mit senkrechten Bewegungen nicht so gut zurechtkommen, wie mit der normalen, horizontalen Fluglage.«
»Wollen wir es hoffen«, meinte Thomas, »was tun wir, wenn sie uns auch von dort Flugzeuge entgegenschicken, die uns angreifen?«
»Es darf eben nicht passieren!«, rief Giwoon aus.
Sie spürten alle, dass Giwoon längst nicht mehr so ruhig war, wie noch zu Beginn ihrer Reise. Der Slider begann zu steigen und zum ersten Mal spürten sie etwas von der Schieflage des Fliegers und auch ein wenig von der Beschleunigung. Die Absorber, die unter normalen Umständen dafür sorgten, dass Beharrungskräfte – gleich welcher Art – spürbar wurden, arbeiteten nicht mehr einwandfrei.
»Ihr solltet euch auf euren Sitzen anschnallen«, schlug Giwoon vor, »wie es aussieht, ist unser Flieger stärker angeschlagen, als ich bisher gedacht habe. Ich kann nicht mehr so hoch steigen, wie ich es gern täte. Hier, wo wir uns jetzt befinden, sind wir für die Abwehr der Menschen dort unten zu erreichen.«
Wenige Augenblicke später ging ein Funkspruch in englischer Sprache ein:
»Achtung, unbekanntes Flugzeug! Hier spricht die Küstenkontrolle der Vereinigten Staaten. Sie sind im Begriff, unseren Luftraum zu betreten. Bitte identifizieren Sie sich umgehend, sonst wären wir gezwungen, Sie zur Landung zu zwingen.«
Sie sahen sich alle erschreckt an.
»Ignorieren!«, entschied Giwoon, »wir müssen nur dort irgendwo landen können und verschwinden. So schnell werden sie uns schon nicht abschießen.«
»Da bin ich mir gar nicht so sicher«, meinte Khendrah und deutete auf einen Bereich der Steuerkugel, auf dem man erkennen konnte, dass sich ihnen mehrere Kampfjets näherten.
»Geht das jetzt schon wieder los?«, fragte Fancan, »Ich hätte nie gedacht, dass sie uns hier in diesen Zeiten überhaupt gefährlich werden könnten.«
Khendrah lachte freudlos auf.
»Was hast denn du geglaubt? Dass sie in diesen frühen Zeitaltern noch mit Pfeil und Bogen schießen? Ich würde mich entschieden wohler fühlen, wenn wir bereits wieder festen Boden unter den Füßen hätten.«
Ein heftiger Schlag traf den Slider und hätte sie alle durcheinandergewirbelt, wenn sie nicht angeschnallt gewesen wären.
»Was war das?«, wollte Thomas wissen, »Das können doch nicht die Amerikaner in den Jets gewesen sein.«
»Das waren sie auch nicht!«, rief Giwoon grimmig, »Wir haben Begleitung und die gefällt mir ganz und gar nicht.«
Auf der Kugel erschien das Gesicht eines alten Bekannten, mit dem sie überhaupt nicht mehr gerechnet hatten: Ralph Geek-Thoben, dem Analysten.
»Sie scheinen sich nicht zu freuen, mich zu sehen«, sagte Ralph, »dabei habe ich mir solche Mühe gegeben, Sie zu finden. Khendrah und Fancan kenne ich ja bereits. Vielleicht stellen sich mir die übrigen Teilnehmer der Attentätergruppe ja noch vor, bevor ich Ihren Flieger endgültig vom Himmel pusten werde.«
Ralph hatte ein boshaftes Lächeln aufgesetzt.
»Was wollen Sie?«, fragte Khendrah aggressiv, »Wie kommen Sie überhaupt hierher?«
Ralph lachte.
»Das würden Sie gern wissen, nicht wahr? Nun, Sie können sich denken, dass ein Analyst immer mehrere Wege errechnet, wie er aus einer ungünstigen Situation wieder herausfindet. Nachdem Sie meine Pläne so dumm durchkreuzt haben, nutzte ich einen der Ersatzwege, um wieder in den Vektor zurückzukehren, wo ich sehr interessante Nachforschungen gemacht habe. Erst habe ich nicht verstanden, was Sie mit Ihren Aktionen bezweckten, bis dann ein Alarm durch den gesamten Vektor hallte. Ich hätte Sie niemals für so dämlich gehalten, es mit dem gesamten Vektor aufzunehmen. Sie haben nun die Wahl: Wollen Sie leben, oder sterben? Geben Sie mir den Code zur Deaktivierung ihrer Bombe und ich nehme den Finger vom Feuerknopf meiner Primärwaffe.«
Giwoon schob sich vor das Aufnahmeobjektiv und sprach:
»Ob Sie auf uns feuern, oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Es gibt keinen Deaktivierungscode. Wenn Sie die Bombe noch entschärfen wollen, müssen Sie sie finden und können es versuchen, doch ich würde davon abraten. Sie ist nun auf molekularer Ebene direkt mit der Sonnenzapfanlage verbunden. Der Versuch der Trennung wird sie auslösen.«
»Sie lügen!«, brüllte Ralph uns schlug auf die Feuertaste.
Giwoon ließ den Slider ausweichen, doch konnte er nicht verhindern, dass sie einen Streifschuss abbekamen. Aus verschiedenen Konsolen schlugen Funken und der Slider schüttelte sich.
Giwoon drehte den Ton der Kommunikationsanlage ab und wandte sich an die anderen:
»Es hat keinen Zweck. Unser Flieger ist nicht zu retten. Es ist Zeit für Notmaßnahmen. Jeder von euch schnappt sich die kleine Tasche, die unter dem Sitz klebt. Dann versammelt euch in dem kleinen, markierten Kreis vor der qualmenden Konsole dort. Beeilt euch!«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Es ist jetzt keine Zeit für Erklärungen! Sofort! Tasche greifen uns los! Wir alle müssen in fünfzehn Sekunden in dem Kreis stehen. Fasst euch am besten an den Händen!«
In fiebernder Eile riss jeder die kleine Tasche unter dem Sitz hervor und löste den Sitzgurt. Der kleine Kreis auf dem Boden begann blinkend zu leuchten und ein Countdown wurde in seinem Innern angezeigt. Sie stürzten zu der Stelle und drängten sich so zusammen, dass sie alle hineinpassten.
»Was tun wir hier eigentlich?«, fragte Thomas, wurde aber von Giwoon unterbrochen:
»Augen schließen!«
Sie hörten einen lauten Knall, es wurde unerträglich hell, dass sie trotz geschlossener Augen für einen Moment geblendet waren. Ein Hitzeschwall schien über sie hinweg zu ziehen, dann war es vorbei. Als sie ihre Augen wieder öffneten, standen sie auf einem Feld inmitten eines Gewirrs von Straßen, auf dem zahllose Fahrzeuge unterwegs waren.
»Wo sind wir hier?«, wollte Fancan wissen, als sie sich einmal um ihre eigene Achse gedreht hatte.
»Notschaltung«, sagte Giwoon knapp, »ein Transportsystem, das uns aus dem Flieger hierher übertragen hat. Es funktioniert nur ein einziges Mal und auch nur auf relativ kurze Distanz. Wenn Ralph den Slider nicht abschießt, wird er sich in Kürze selbst vernichten. Wenn wir Glück haben, können wir ihn täuschen und er glaubt, dass wir tot sind. Wir sollten jedenfalls machen, dass wir hier verschwinden und uns unter die Menschen mischen.«
»Wahrscheinlich hat uns dein Transportsystem mitten in einem Autobahnkreuz abgesetzt«, meinte Thomas, »ich war schon ‘mal in den Vereinigten Staaten und kann mich an solche Straßenzüge erinnern. Wir stehen hier nicht gerade günstig, wenn wir eine Möglichkeit suchen, hier zu verschwinden.«
»Wieso?«, fragte Fancan, »Hier fahren doch so viele Fahrzeuge herum, dass es nicht schwer sein wird, mitgenommen zu werden.«
Thomas lachte.
»Du hast Vorstellungen!«, sagte er, »Hier sind doch nirgends Haltemöglichkeiten. Außerdem sind wir zu viert. Da ist es nicht einfach, jemanden zu finden, der uns alle mitnimmt.«
»Ich würde trotzdem vorschlagen, dass wir dort zur nächstgelegenen Straße gehen und es versuchen«, schlug Giwoon vor, »es kann nämlich nicht gut sein, wenn wir hier wie auf dem Präsentierteller stehen, wenn Ralph nach uns suchen sollte.«
In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubender Knall. Weit über ihren Köpfen war etwas explodiert. Sie legten ihre Köpfe in den Nacken und blinzelten in die hoch stehende Sonne. Dabei konnten sie gerade noch erleben, wie ein ellipsenförmiges Fluggerät durch eine Wolke von expandierenden Partikeln schoss und danach schnell in der Ferne verschwand.
»Das war unser Slider, oder?«, fragte Khendrah.
Giwoon nickte.
»Es war die Selbstvernichtung. Der Trick scheint geklappt zu haben. Ralph macht sich aus dem Staub, um nicht von den Sicherheitskräften dieser Zeit entdeckt zu werden.«
»Dann haben wir es geschafft?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon lachte freudlos.
»Gar nichts haben wir geschafft, Freunde«, sagte er, »in wenigen Stunden wird der Sprengsatz im Himalaja zünden. Danach tickt unsere Uhr, denn der Vektor wird sich dann sehr schnell von unten her aufzulösen beginnen. Wenn wir noch ins Jahr 2008 reisen wollen, bleibt dann nicht mehr viel Zeit.
Etwas desorientiert blickten sie sich in alle Richtungen um. Es war überall das gleiche Bild: Sie waren von Straßen umgeben, auf denen reger Verkehr ein Überqueren fast unmöglich machte.
»Es nutzt nichts«, sagte Giwoon, »wir müssen hier weg. Wenn wir noch lange hier stehen bleiben, wird sich bestimmt bald jemand dafür interessieren, wer wir sind und was wir hier verloren haben.«
»Wenn wir noch diesen Aufzug erreichen wollen, bevor das ganze System zusammenbricht, sollten wir uns auch langsam auf den Weg machen«, schlug Khendrah vor.
»Leute«, sagte Thomas, »jetzt wäre es vielleicht einmal an der Zeit, jemandem zu vertrauen, der aus der Nähe dieser Zeit hier stammt.«
Khendrah sah ihn skeptisch an.
»Aus der ‘Nähe’ dieser Zeit?«, fragte sie, »Das mag zwar ungefähr stimmen, aber warst du schon einmal hier in dieser Stadt? Kannst du uns wirklich führen?«
»Nein, nicht wirklich«, gab Thomas zu, »aber ich weiß zumindest, dass es häufig in solchen Autobahnkreuzen Brücken gibt oder kleine Tunnel, die wir nutzen könnten, um unter solchen Fahrbahnen hindurch zu kommen. Es sollte einen Weg geben, ungefährdet aus diesem Straßengewirr entkommen zu können.«
»Und?«, fragte Fancan, »Was schlägst du vor?«
Er deutete auf eine, in weitem Bogen geführte, Auffahrt und meinte:
»Dort fangen wir mit unserer Suche an. Mir scheint, dass es dort einen Weg geben müsste.«
Die Frauen schauten Giwoon an, der jedoch nur mit den Schultern zuckte.
»Ein Weg ist so gut, wie der Andere«, meinte er dann, »Thomas kann ja recht haben. Immerhin kennt er diese Art, Straßen zu bauen, wie wir sie hier sehen.«
Sie machten sich auf den Weg – vier einsame Wanderer inmitten eines Auobahnkreuzes. Khendrah sah zu der Auffahrt hoch, als sie sich ihr näherten und bemerkte einen Mann auf einem zweirädrigen Fahrzeug, der am Rand der Auffahrt angehalten hatte und interessiert zu ihnen hinabblickte.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 09.11.2019

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