24.Teil – Das Ende des Zeitvektors (3/3)

Um so überraschter waren sie, als Giwoon mit unbewegtem Gesicht eine versiegelte Folie aus seiner Tasche zog und sie Rowan Qorth überreichte.
»Ich hoffe, Sie sind nun zufrieden«, sagte er dabei.
Der Wächter brach das Siegel und studierte die Unterlage gründlich. Schließlich gab er den Weg frei, hielt sie aber dann noch einmal zurück.
»Einen Moment noch«, sagte er, »bitte leeren Sie alle ihre Taschen. Ich will genau wissen, was Sie bei sich haben.«
Er lächelte maskenhaft.
»Wir wollen ja nicht, dass Sie etwas bei sich haben, das die Sicherheit der Anlage beeinträchtigen könnte.«
Sie leerten alles vor seinen Augen aus. Auch das Gerät zur Vernichtung des Sonnenzapfers befand sich darunter. Rowan Qorth wühlte etwas in den Gerätschaften herum, bis er schließlich das kleine Gerät in seinen Händen hielt, welches diese ganze Anlage vernichten sollte.
Fancan hielt ihren Atem an und hoffte, dass Rowan Qorth es nicht bemerken würde.
»Was ist das für ein Gerät?«, fragte er Giwoon, »So etwas habe ich noch nie gesehen.«
Giwoon blieb vollkommen ruhig.
»Das wundert mich nicht«, sagte er, »genau dieses Gerät ist der Grund, warum wir überhaupt hier sind. Die Techniker im fünfundsiebzigsten Jahrhundert haben herausgefunden, dass Energieerzeuger auf Quarks-Basis entgegen gängiger Meinung doch gewisse Emissionen abstrahlen, die für den menschlichen Organismus auf Dauer schädlich sein können. Wir sind hier, um sicher zu stellen, dass ihre Sonnenzapfanlage genügend abgeschirmt ist und nicht die Erdbevölkerung schädigen kann.«
Der Wächter machte ein gequältes Gesicht.
»Sie meinen, der Aufenthalt in der Nähe dieser Anlage könnte für unsere Gesundheit schädlich sein?«, fragte er.
»Nicht nur für Sie oder uns«, erklärte Giwoon, als sei es die natürlichste Sache der Welt, »nein, es könnte sich auf die gesamte Menschheit auswirken, da Quarks-Strahlung durchaus sogar massiven Fels durchdringen kann. Es ist daher wichtig, sofort festzustellen, ob die Energieversorgung des Vektors nicht bereits von Beginn an auf ungefährliche Energien umgestellt werden muss.«
Der Wächter bemühte sich, die Übrigen nicht erkennen zu lassen, dass er ein ungutes Gefühl dabei hatte, sich vorzustellen, dass er bereits seit vielen Jahren einer möglicherweise schädlichen Strahlung ausgesetzt war. Giwoon spürte, dass er gewonnen hatte. Rowan Qorth war nun mehr als nur bereit, ihnen schnell Zugang zur Anlage zu gewähren. Er gab seinen Mitarbeitern ein Zeichen, worauf sie ihre Waffen senkten.
»Wie lange dauert es, bis Sie brauchbare Ergebnisse haben werden?«, fragte er.
»Oh, das wird nicht lange dauern«, sagte Giwoon, »aber wir sollten keine weitere Zeit ungenutzt verstreichen lassen.«
Rowan Qorth deutete auf eine weitere Tür.
»Wenn Sie mich bitte begleiten würden«, sagte er, »hinter dieser Tür befindet sich unser Fuhrpark mit den Fahrzeugen, die wir hier in diesem Komplex benötigen.«
Sie schritten durch die Tür und sahen, dass sich dahinter eine Art Garage befand, in der verschiedene Fahrzeuge standen. Rowan Qorth wählte einen offenen Wagen mit dicken Ballonreifen, auf dem sechs Personen in zwei Reihen bequem Platz fanden.
»Khendrah, Fancan«, flüsterte Giwoon ihnen zu, »ihr müsst gleich diesen Wächter und vielleicht noch einen seiner Mitarbeiter ablenken.«
Fancan sah Giwoon skeptisch an.
»Wie sollen wir das bitte anstellen?«, fragte sie ebenso leise zurück.
»Lasst euch etwas einfallen. Habt ihr nicht bemerkt, wie sie euch hier alle anstarren? Ich bin sicher, dass sich nicht häufig Frauen in dieser Station aufhalten. Wenn sie dann auch noch zwei so hübsche Exemplare geboten bekommen, muss sie das doch fertigmachen. Ich bin sicher, dass ihr es schafft, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.«
Khendrah zuckte mit den Achseln und kletterte neben Rowan Qorth, der das Fahrzeug selbst steuern wollte. Sie richtete es so ein, dass sich ihre Schenkel berührten und der Wächter sich ihrer Nähe ständig bewusst wurde. Sie tat ganz unbefangen und fragte ständig nach irgendwelchen Dingen, an denen sie vorbeifuhren. Den dritten Sitz in der vorderen Sitzreihe hatte Thomas besetzt, der argwöhnisch beobachtete, wie seine Freundin mit dem Wächter flirtete.
In der hinteren Reihe saß Fancan neben Qorths Mitarbeiter, der seinen Blick nicht von Fancan nehmen konnte. So fiel den Männern nicht auf, dass Giwoon sich seine Umgebung sehr genau ansah, um den richtigen Standort für seine Bombe zu ermitteln.
Sie fuhren eine ganze Weile, wodurch klar wurde, dass der eigentliche Sonnenzapfer äußerst tief im Gebirge steckte. Immer wieder passierten sie kleine Stationen, in denen Männer einer rätselhaften Tätigkeit nachgingen. Allmählich wurde die Luft trockener und wärmer.
»Wir nähern uns jetzt dem Kernstück der Anlage«, erklärte Rowan Qorth, »Sie werden beeindruckt sein.«
Es folgten noch einige Gangbiegungen und man konnte schon ahnen, dass es an ihrem Ziel sehr hell sein würde. Trotzdem waren sie nicht auf das gefasst, was sie nun sahen: Sie betraten eine Halle von wahrhaft riesigen Ausmaßen. Die Decke der Höhle, die sich inmitten des Berges befinden musste, war so hoch, dass man sie nur erahnen konnte. Es war jedoch nicht die Deckenhöhe, welche die die Vier beeindruckte, sondern ein gigantisches Konstrukt im Zentrum der Halle. Es wirkte, als habe man eine kleine Sonne darin aufgehängt und ein Ring von Planeten würde sie auf einer Bahn umkreisen. Dabei war jeder dieser ‘Planeten’ durch ein Energieband mit der zentralen Sonne verbunden, welches in ständiger Bewegung war, wie man es von einem elektrischen Lichtbogen her kannte.
Rowan Qorth gönnte seinen Besuchern einen Moment des Staunens, dann erklärte er:
»Was Sie hier sehen, wirkt wie eine Übertragung von elektrischer Energie, aber in Wahrheit ist das nur die optische Wirkung des Quarksflusses aus dem in dieser Höhle stabilisierten Wurmloches, welches direkt ins Zentrum unserer Sonne führt. Diese Satelliten, die sie dort sehen, sind die eigentlichen Kollektoren. Sie fangen die gesamte Energie auf und führen sie den Speichern zu, die unter dieser Halle installiert sind.«
»Wie kann denn von hier aus der Vektor mit dieser Energie versorgt werden?«, wollte Khendrah wissen, »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich innerhalb des Vektors jemals etwas davon mitbekommen habe, dass solche Energiemengen eingespeist werden.«
»Das soll ja auch niemand«, sagte Rowan Qorth, »das System soll einfach nur stabilisiert werden und ansonsten im Hintergrund arbeiten.«
»Was wäre, wenn es hier zu einer Störung käme?«, fragte Thomas.
»Um Gottes Willen!«, entfuhr es dem Wächter, »Das darf niemals geschehen! Es würde das Gefüge unwiederbringlich destabilisieren.«
»Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie hier niemals Reparaturen vornehmen müssen«, sagte Khendrah.
»Natürlich müssen wir Wartungsarbeiten vornehmen und dazu auch schon mal die Zapfanlage herunterfahren. Dafür sind die Speicher schließlich da. Sie können die Stabilität für eine kurze Zeit überbrücken.«
»Gut«, sagte Giwoon, »wäre es Ihnen Recht, wenn ich jetzt mit meiner Arbeit beginne?«
Er griff sein angebliches Prüfgerät und schaltete es ein. Der kleine Monitor erwachte zum Leben und zeigte Daten an, die einem nicht Eingeweihten jedoch nichts sagten.
Qorth deutete mit der Hand auf das Szenario vor ihnen und meinte:
»Tun Sie Ihre Arbeit. Es ist ja auch in unserem Interesse, dass wir keinen Schaden erleiden, dadurch, dass wir jahrelang hier arbeiten.«
Giwoon glitt von seinem Sitz herunter und lief ein paar Schritte auf die Energiekonstruktion zu. Fancan schloss sich ihm an, während Qorth vom Fahrzeug aus beobachtete, was Giwoon tat. Er wusste nicht, warum, aber er hatte bei der ganzen Sache kein gutes Gefühl.
Giwoon hielt das kleine Gerät immer wieder in verschiedene Richtungen und tippte dann auf einer winzigen Tastatur herum.
»Was tust du hier eigentlich?«, fragte Fancan ihn leise.
»Das Gerät benötigt diverse Steuerungsparameter dieser Anlage«, erklärte er, »dadurch, dass wir in der glücklichen Lage sind, bis zur Anlage selbst vordringen zu können, sind wir auch in der Lage, sie vollständig zu übernehmen, wenn das Gerät alle Parameter entschlüsseln kann. In wenigen Augenblicken ist es soweit, dann gilt es nur noch, es hier untrennbar zu installieren.«
»Wie soll das gehen?«, fragte Fancan, »Selbst wenn du es versteckst, werden sie es finden können. Und wir können sicher nicht hier warten, bis es zum Leben erwacht, oder?«
»Oh nein«, sagte Giwoon, »wenn es losgeht, sollten wir einen deutlichen Abstand zu diesem Berg hier haben. Aber warte ab, gleich ist es so weit.«
Das Gerät gab ein schwaches Signal von sich und der Monitor meldete Einsatzbereitschaft. Giwoon überlegte.
»Zwölf Stunden sollten reichen, um hier zu verschwinden«, murmelte er und und tippte ein paar Daten ein. Dann schaltete er das Gerät scharf.
»So, das war es«, sagte er, »mein Schatz, ab jetzt bleiben uns zwölf Stunden, um hier zu verschwinden. Der Vorgang ist nicht umkehrbar.«
Fancan bemerkte, dass ihre Hände schweißig wurden.
»Dann lass’ uns auch hier verschwinden«, sagte sie, »ich muss gestehen, dass ich Angst bekomme, noch länger hier zu bleiben.«
»Bleib’ ganz ruhig, Schatz«, mahnte Giwoon, »wir müssen uns nun ganz ruhig zurückziehen, sonst merken sie noch etwas.«
Giwoon nahm das Gerät in die Hand und legte es auf das Gehäuse einer Steuerkonsole der Sonnenzapfanlage. Fancan glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als das kleine Gerät offenbar ganz langsam durch das dicke Metall der Steuerkonsole glitt und darin verschwand. Sowie es komplett eingedrungen war, schloss sich die Oberfläche wieder, wie eine Wasseroberfläche, nachdem man einen Stein hineingeworfen hat. Das Ganze war so schnell gegangen, dass es außer Fancan niemand bemerkt hatte.
Sie kehrten zum Fahrzeug zurück und stiegen ein.
»Und?«, fragte Rowan Qorth auffordernd, »können Sie mir schon etwas sagen?«
»Es ist wie eigentlich vermutet«,antwortete Giwoon, »es existiert keine Strahlung, die Ihnen hier schaden könnte.«
Der Wächter war erleichtert.
»Darf ich Sie vielleicht jetzt, nach dieser guten Nachricht, noch zu einem Essen in unserer Kantine einladen?«
»Nehmen Sie es uns nicht übel«, sagte Fancan, »aber wir würden es vorziehen, gleich wieder zu starten. Wir haben leider noch weitere Aufgaben zu erledigen und die Arbeit kann leider nicht warten.«
»Das verstehe ich«, sagte Rowan Qorth, »ich werde Sie dann gleich wieder zu ihrem Fahrzeug bringen. Ein bemerkenswertes Fahrzeug, wie ich feststellen muss. Vielleicht können Sie es ja einrichten, dass wir hier auch mit solchen Fliegern ausgestattet werden. Es wäre manchmal schon nett, wenn wir in dieses Zeitalter hier reisen könnten. Leider ist uns dieser Weg versperrt.«
»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, sagte Giwoon.
Er musste sich krampfhaft zwingen, dem Wächter nicht bereits jetzt reinen Wein einzuschenken, doch das durfte er nicht, denn dann wäre der Wächter gezwungen, sie festzuhalten.
Der Rest der Fahrt verlief relativ schweigsam. Wieder am Slider angekommen, bestiegen die Vier gleich wieder das Fahrzeug. Allerdings bestand Rowan Qorth noch darauf, es sich von Giwoon eingehend erklären zu lassen. Thomas und Khendrah wurden allmählich nervös. Giwoon und Fancan hatten bisher keine Gelegenheit gehabt, sie darüber zu informieren, wie viel Zeit ihnen noch bleiben würde.
Endlich war es so weit und man verabschiedete sie. Das große Tor im Berg wurde geöffnet und der Slider glitt sanft aus der Schleuse hinaus in die kalte Bergwelt des Himalaja. Sie beobachteten, wie sich das schwere Tor hinter ihnen wieder schloss und die künstliche Öffnung wieder fast unsichtbar machte.
Ohne, dass es ihnen bewusst war, stießen sie alle erleichtert die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatten. Giwoon ließ den Slider noch vor dem Bergmassiv schweben.
»Jetzt wäre es wohl an der Zeit, der Besatzung der Station die Wahrheit über unseren Besuch mitzuteilen«, sagte er und öffnete einen Funkkanal zur Station.
Wenige Augenblicke später erschien das Gesicht von Rowan Qorth auf dem Monitor. Es zeigte eine sehr verständnislose Miene.
»Hören Sie gefälligst auf, auf diesem Band zu funken!«, herrschte er Giwoon an, »Man ist auch in dieser Zeit nicht dumm. Die Chinesen haben durchaus gute Ortungsanlagen und können ihren Sender anpeilen.«
»Ich fürchte, ich werde Ihnen noch mehr Unannehmlichkeiten bereiten müssen«, sagte Giwoon ruhig, »weil es nämlich keine Rolle mehr spielen wird, ob die Chinesen dieses Zeitalters Ihren Standort erfahren, oder nicht.«
»Ich glaube, ich kann Ihnen nicht folgen«, sagte Qorth, »ich denke, Sie müssen deutlicher werden.«
»Gut«, meinte Giwoon, »Sie müssen alle diese Station innerhalb der nächsten elf Stunden verlassen haben, da es sie danach nicht mehr geben wird.«
»Sie sind wohl komplett verrückt geworden!«, rief Qorth aus, »Was haben Sie getan, als Sie bei uns waren?«
»Ich habe einen speziellen Sprengsatz direkt im Zentrum der Anlage installiert«, erklärte Giwoon, »machen Sie sich nicht die Mühe, danach zu suchen. Es ist ein sehr spezielles Gerät, das zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Anlage verschmolzen ist. Es ist eine untrennbare Verbindung. In ca. elf Stunden wird mein kleines Gerät die Kontrolle über die Sonnenzapfanlage übernehmen und sie so übersteuern, dass es zum vollständigen Kollaps und damit zur Vernichtung der Anlage führen wird.«
»Sie sind wahnsinnig!«, stellte Qorth fest, »Es muss Ihnen doch klar sein, dass das zur Vernichtung des Vektors führen wird!«
»So ist es«, sagte Giwoon lapidar, »wir wollen den Vektor vernichten und die Welt von der Diktatur der Obersten Behörde befreien. Wir brauchen nicht mehr über Sinn oder Unsinn unserer Aktion diskutieren. Der Vorgang ist nicht umkehrbar. Sie sollten alle Ihre Sachen packen und Ihre Zeitaufzüge benutzen, um hier zu verschwinden, wenn Sie leben wollen.«
»Sie Irrer! Sie haben uns doch zum Tode verurteilt! Wenn der Vektor fällt, wird er auch uns verschlingen. Wo sollen wir denn noch hin?«
»Stellen Sie sich doch nicht dümmer, als Sie sind!«, sagte Giwoon genervt, »Sie alle haben doch irgendein Ursprungszeitalter, aus dem sie einmal in den Vektor gekommen sind. Reisen Sie zu diesen Zeiten oder irgendeiner Zeit Ihrer Wahl und treten Sie hinaus ins echte Leben. Sie werden Zeit genug dazu haben, denn der Vektor wird am frühesten Punkt seiner Existenz mit seiner Auflösung beginnen. Je weiter Sie in die Zukunft reisen müssen, umso länger haben Sie Zeit. Doch warten Sie nicht zu lange!«
Qorth schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ihr Verbrechen macht mich sprachlos«, sagte er tonlos, »es wird Ihnen allen den Kopf kosten.«
»Das glaube ich kaum«, sagte Khendrah und mischte sich in das Gespräch ein, »da es keine Instanz mehr geben wird, die uns anklagen könnte.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 02.11.2019

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