Der Zyklop schob sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Wassermassen, sein Verfolger ließ jedoch nicht locker. Der Gigantyras brüllte vor Zorn und schien Stück für Stück aufzuholen. 
Daisy Lee bemannte das Steuer und lieferte sich einen gnadenlosen Kampf mit ihren eigenen Nerven. 
Nur die Ruhe bewahren, denk nach! 
Die Steuerungselemente in ihren Handflächen vibrierten protestierend, als sie eine scharfe Rechtskurve vollzog.
»Ich brauche hier weitere Leuchtkörper, für die manuelle Steuerung!«, rief sie Clynnt zu. 
»Nun mach schon, Junge!«, beorderte dieser den Copiloten. 
Er tippte Befehle in seine Konsole ein und zischende Raketen erhellten ihnen den Weg. 
»Ich kann mich nicht in Schussreichweite positionieren, wir brauchen etwas, das uns einen Vorsprung verschafft«, schnaufte die Chefmechanikerin. Schweiß tropfte an ihr herunter und man konnte deutlich das pulsierende Wummern ihrer Halsschlagader erkennen. 
Clynnts Miene verzog sich für eine Sekunde zu einer schiefen Grimasse. »Möglicherweise habe ich eine Idee«, sagte er und schritt zum Mikrofon.
»N‘kahlu, seid ihr noch da draußen?«, fragte er mit kratziger Stimme.
»Aye, erwarten Befehle«, der Krieger schien kaum beeindruckt angesichts ihrer Lage, aber unter Wasser war er im Vergleich zu ihnen auch ein erfahrener Veteran. 
»Könnt ihr die Bestie irgendwie ablenken? Wir müssen den Zyklopen in Schussreichweite bringen«, erkundigte sich der Chefnavigator. 
Für eine Sekunde schien der Sergeant zu überlegen. »Ich denke, das kriegen wir hin«, knisterte es durch den Lautsprecher, dann brach die Verbindung ab.
»Das kann nur gut werden«, seufzte Clynnt, raufte sich durch die zerfurchten Haare und ließ sich in seinen Sessel fallen.

***

»Alles klar, wir haben Befehl erhalten, den Gigantyras aufzuhalten, sodass der Zyklop in Schussreichweite gelangen kann. Aber sie haben uns diesbezüglich keine konkreten Vorgaben gemacht, was bedeutet, wir dürfen das auf unsere Art und Weise machen«, bekundete Sergeant N’Kahlu durch den Funk. Seine Männer stimmten ein raues Lachen an. 
Ich hatte schon befürchtet, sie fragen uns gar nicht mehr.
»Phillista, Andrewx und Cossack kommen mit mir, der Rest schwärmt aus, um für die nötige Verwirrung zu sorgen, verstanden?«, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, stieß sich N’kahlu von der Haltestange ab und schoss dem Gigantyras entgegen. 
Er brauchte keine weiteren Anweisungen zu geben. Jeder wusste, was zu tun war. 
Seine Männer folgten ihm den Bruchteil einer Sekunde verzögert. Während die Scherenpanzer, begleitet vom Rattern ihrer Motoren, in alle Richtungen ausschwärmten, näherte sich N’kahlus Trupp dem Gigantyras. 
Das Monster schien sich kaum für sie zu interessieren, was zweifelsohne kein Wunder war, angesichts seiner Größe. Jedoch war es ärgerlich, dass die ausschwärmenden Kämpfer ihn nicht ablenkten.
Der Sergeant biss die Zähne zusammen. »Erste Salve!«, befahl er lautstark. Wie brüllende Tiger preschten die Torpedos durch das Wasser, um dann in beeindruckend hellen Explosionen zu detonieren. 
Der Gigantyras quittierte sie mit einem Brüllen, das ebenso ein Achselzucken hätte gewesen sein können. 
Zu N‘kahlus Bestürzung schoss ihr Gegner mit unverändertem Tempo auf den Zyklopen zu. 
Du bist ein harter Brocken, was? Schauen wir mal, ob du hart genug bist. 
Er betätigte einen Regulator und verlieh seinem Heckantrieb maximale Leistung. Röhrend schwamm er auf seinen Feind zu. 
Die massiven Kiefer des Gigantyrass öffneten sich und ein Schlund messerscharfer Zähne, die größer als er selbst waren, schossen dem Sergeant entgegen. Die spinnenbeinartigen Greifer räkelten sich in freudiger Erregung. 
Mit einer eleganten Rolle wich N‘Kahlu dem eher halbherzigen Angriff aus, der Gigantyras schien ihn immer noch nicht als Bedrohung abzutun. 
Dann warte mal ab. 
Er schoss in Richtung des Kopfes und während seines Ansturms aktivierte er die Klinge, die im Armgelenk des Scherenpanzers verankert lag. Ein Blick auf seine Geräte zeigte ihm, dass seine Kameraden direkt hinter ihm waren. Mit einem Satz landete er auf dem Kopf des Gigantyras und hielt sich an dem beeindruckenden Horn fest. Dann stieß er mit der Klinge zu, um sich zu verankern. 
Sie glitt in den Kopf, schien allerdings nicht ansatzweise durch den Schädel des Ungetüms zu dringen. Der Gigantyras registrierte ihn nicht einmal.
Eine Sekunde später kam Cossack zu ihm geeilt. 
Der Sergeant griff ihn bei der Hand und schleuderte ihn vorwärts, während er sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Strom stemmte. 
Cossack landete im Gesicht des Gigantyrass und trieb ihm seine Klinge wieder und wieder durch die Augen. Eine hellblaue, stark leuchtende Flüssigkeit trat daraus hervor, als das Messer sie zum Platzen brachte. Ein Kreischen drang durch den Ozean, das N‘Kahlu in seinen Grundfesten erschütterte. 
Du hast dich mit uns angelegt, jetzt zahle auch den Preis dafür, dachte er grimmig. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Einer der Greifarme des Gigantyras schoss auf Cossacks Scherenpanzer zu und bevor dieser reagieren konnte, drang die riesige Klaue durch seine Aspexylpanzerung, als wäre sie ein Stück Butter. 
Sie durchbohrte den Piloten und zerfetzte seinen Torso. Cossack starb in einer Fontäne aus Blut und Eingeweiden. Dann verschwand er, samt Anzug, im klaffenden Maul des Ungetüms und ein metallisches Knirschen verriet, dass der Gigantyras ihn gerade mit einer animalischen Wut zerkleinerte. 
»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Sergeant. Wut keimte in ihm auf.
Dann schien das Monster noch einmal an Geschwindigkeit aufzunehmen und N’Kahlu konnte nicht anders, als sich zurücktreiben zu lassen. Dass ihr Feind nicht mit seinen Augen navigierte, war ihm in dieser düsteren Tiefe ohnehin klar gewesen, aber immerhin schienen ihre Klingen dort Schaden und Schmerz anrichten zu können.
Verdammt Cossack, warum hast du nicht aufgepasst? 
Der minimale Abstand, den der Zyklop erlangt hatte, schmolz in wenigen Sekunden. 
Wir haben ihn allerhöchstens wütend gemacht, schoss es durch N‘Kahlus Kopf. 
Mit einem unglaublichen Satz schoss der Gigantyras auf das U-Boot zu und drosch mit seinem Schädel darauf ein. Seine Fangarme schnappten nach dem Zyklopen, konnten aber zunächst keinen Halt finden. Dann ertönte ein unheilverkündendes Grollen, als das Horn des Monsters durch den harten Panzer stieß. 

***

»Er hat uns getroffen!«, fluchte Daisy lautstark, während sie mit dem Gigantyras um die Beherrschung über das Schiff rang.
Im Griff des Feindes schaukelte es bedrohlich auf und ab und ihre Anzeigen leuchteten krebsrot auf. »Sein Horn hat den Panzer beschädigt, ich werde sicherheitshalber die hinteren Schotts schließen müssen.« Ein unglaublicher Ruck ging durch das U-Boot, als der Gigantyras erneut versuchte, seine Fangarme in die Außenbordwand zu rammen. Ein zorniges Brüllen verkündete, dass ihr Feind von seinen Misserfolgen gereizt zu sein schien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es nun umso heftiger zu versuchen. Die elektronischen Monitore flackerten für eine Sekunde auf. 
»Wenn er uns hier unten ein Leck schlägt, sind wir geliefert!«, fluchte der Chefnavigator lautstark. 
»Er umklammert das Steuer, ich kann nichts machen!«, zischte Daisy, Clynnts ständiger Missmut ging ihr allmählich auf die Nerven. Wieder durchzog den Zyklopen ein Beben und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wenn das so weiterging, würde der Gigantyras wichtige Elemente des U-Boots zerstören und sie für ewig in diesem nassen Grab verrotten lassen. 
Daisy steuerte hart nach rechts, aber ein lautes Knacken, das unheilverkündend durch das U-Boot hallte, verdeutlichte ihr, dass sie dadurch allerhöchstens das Steuer verlieren würde. Ein Fluch entwich ihren Lippen.
Clynnt und sein neuer Freund, der Copilot, beäugten sie mit einem eindringlichen Blick. 
Daisy war sich bewusst darüber, dass sie sich ihr Vertrauen erst erarbeiten musste, aber gerade hatte sie schlimmere Sorgen.
Ein Ruck ging durch den Zyklopen, gefolgt von einem schauderhaften Brüllen. Eine Gänsehaut formte sich auf ihrem Nacken. 
»Er musste was wegstecken«, stellte die Chefmechanikerin fest, dann setzte sich das U-Boot wieder in Bewegung. 
Noch waren sie im Spiel. Die Frage war nur, wie lange.

***

Die Idee war fast so wahnwitzig, dass sie nur von ihm kommen konnte.
»Sicher, dass du das durchziehen willst?«, knisterte es durch den Funk und der Sergeant erkannte Phillistas argwöhnische Stimme wieder. »Nicht, dass du Cossack die Ehre erweist, ihm als nächstes zu folgen.« 
»Aber genau das ist der Plan«, feixte N’Kahlu. »Zweite Salve!«, erneut schossen die Sternenfeuertorpedos auf ihr Ziel ein. 
Die Scherenpanzer bedrängten den Gigantyras von allen Seiten, sodass dieser sich vom U-Boot trennen musste. 
Mit einem Kreischen schnappte er nach einem der Männer und erwischte das Fußgelenk. Knirschend brach es ab, doch der Soldat war zunächst unversehrt.
»Dann hoffen wir mal, dass er keinen Mundgeruch hat!«, rief N’Kahlu, dann sprang er dem Monster entgegen und wurde von ihm verschluckt. 
Knirschend schlossen sich die Kiefer um ihn, doch der Sog war auf seiner Seite. 
Mit einer wahnwitzigen Hechtrolle schob er sich an den Zähnen der Bestie vorbei und befand sich nun in ihrem Rachen. 
Wenn ich deinen Panzer nicht durchstoßen kann, werde ich es halt von innen versuchen. 
Allerdings war seine Klinge dafür nicht stark genug. 
Ein schelmisches Lächeln zauberte einen Sonnenaufgang auf N’Kahlus Gesicht, während er Befehle in seine Konsole eingab. Er hatte sehr viel Liebe und Arbeit in seinen Scherenpanzer gesteckt und ihn eigenhändig modifiziert. Eines seiner Lieblingswerkzeuge würde ihm gleich seine freudige Aufwartung machen. Wieder öffnete sich das Maul der Bestie und N‘Kahlu musste mit ansehen, wie einer der Scherenpanzer in einer Wolke aus Blut und Schrott zu einem kleinen Haufen zermalmt wurde. Das einströmende Wasser schoss ihm entgegen und holte ihn fast von den Füßen. Die Überreste eines mechanischen Greifarms krachten gegen seine Scheibe, diese blieb jedoch glücklicherweise unversehrt. Ein Blick auf den blutigen Brei, der sich dazwischen befand, ließ seinen Magen jedoch rebellieren. Wenn es einen Anblick gab, an den man sich nicht gewöhnen konnte, dann war es der von getöteten Kameraden. In Stille ging N’Kahlu ein kurzes Gebet durch, dann riss er seine Brustplatte auf und fingerte geschickt das riesige Kreissägeblatt hervor, welches er an den linken Arm anheftete. 
Mit einem Kreischen aktivierte sich die Rotation auf bis zu 15 Umdrehungen die Sekunde. 
Das ist für die Jungs. 
Mit einem Satz rammte er die Waffe in das Fleisch des Gigantyras. 
Eine Blutfontäne kam ihm entgegengespritzt, während er den Rachen des Feindes von innen heraus verstümmelte. 
Brüllend wandte sich das Tier in Qualen und riss immer wieder das Maul auf und zu. 
Fast wäre der Sergeant in die Fangzähne geraten, was ein tragisches Ende für ihn bedeutet hatte. Knirschend kauten sie auf und ab, während er mit der Beherrschung über seinen Anzug kämpfte. Wasser und Blut schossen ihm gleichermaßen entgegen und färbten alles in ein dunkles Rot. 
Ich muss tiefer hinein. 
N‘Kahlu folgte dem Wasser in die Speiseröhre. 
Was für ein riesiges Ungetüm.
Seine Kreissäge durchtrenne das Fleisch wie Wachs. 
Blut besudelte seinen gesamten Anzug und wohin er auch ging, er wurde stets von einem unappetitlichen Schmatzen begleitet. In der Ferne hörte er das unregelmäßige Dröhnen des Herzschlages. 
Plötzlich traf ihn erneut das Wasser und dieses Mal konnte er nicht standhalten. 
Die Flut zog ihn mit sich, während das Sägeblatt wild umschlug und willkürlich Fleisch durchtrennte. Plötzlich blieb er stecken und das Blatt kam zum Stillstand. 
Verfluchter Mist! 
Immer mehr Wasser drang auf ihn ein, bis der Strom so stark war, dass er die Verbindung zwischen Arm und Säge einfach entzwei riss. 
Er taumelte gegen eine Membran und verfing sich darin, als wäre er in einem Spinnennetz gelandet. Blut und Sekrete liefen an ihm herunter, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Das Mikrofon aktivierte sich knisternd. 
»Wir haben seine Augen zerstört. Und was zur Hölle du da drinnen auch gemacht hast, der Zyklop hat einiges an Vorsprung gewonnen. Komm da raus, wir feuern die Torpedos ab, bevor es zu spät ist.« 
»Ich hänge fest. Schießt, solange ihr noch könnt. Das ist ein Befehl«, erwiderte der Sergeant.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. 
Seinen Leuten war es bestens bewusst, dass er es nicht duldete, wenn sie sich seinetwegen in Gefahr brachten. Nicht wenn der Sieg so nahe war. Entweder er schaffte es heile hier raus, oder er würde mit dem Gigantyras untergehen. 
»Feuert endlich!«, fluchte er lautstark. »Bevor wir alle draufgehen.« 
Er versuchte abermals sich freizukämpfen. Erfolglos. Das klebrige Sekret hielt ihn eisern fest.
Ein letztes Mal räusperte sich der Mann am anderen Ende der Leitung. »Es war mir eine Ehre, Sir.«
N’Kahlu atmete tief durch und schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Dann brach die Hölle über ihn herein. 

***

Auf der Kommandobrücke des Zyklopen herrschte betretenes Schweigen, während der Feuerball der Mittelstrecken-Torpedosalve den Gigantyras in Stücke riss und seinen Leichnam in Richtung Meeresgrund sinken ließ. Drei Männer hatten sie gerade verloren, drei Männer, die niemals zu ihren Familien zurückkehren würden. Falls sie denn welche hatten. Daisy Lee wandte sich als erstes von ihrem zerstörerischen Werk ab. »Sind alle an Bord?«, fragte sie angespannt. »Wir sollten hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Ungeheuern auftauchen.« Sie blickte kurz zu Clynnt, der einen verdrießlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Und schnell die anderen finden«, sagte sie und war sich das erste Mal bewusst, dass sie das Richtige tat.

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