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Monat: Oktober 2019

Gottes Hammer: Folkvang XVII

Ashaya!“, rief Azrael wütend. Sein Arm zitterte, als er herausfordernd Murakama hob. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

Kurz herrschte Stille. Azrael wog seine Chancen ab. Er könnte Ashaya schlicht ignorieren und nach Hornheim zurückkehren. Doch Irodeus hatte ihm nun schon einmal bewiesen, dass er über seine Portale Macht besaß. Wenn er es erneut versuchte, könnte er vielleicht mitten im Meer landen.

Ein Angebot?“, fragte er gereizt.

Ashaya setzte sich lächelnd auf den Dachfirst und ließ ihre Beine baumeln. Die Symbole auf ihren Schultern glühten.

Es ist ganz einfach. Bleibt hier bei mir, während mein Herr und König zurückkehrt. Danach dürft Ihr ihm gern die Treue schwören – Ihr werdet in Ruhe gelassen und dürft tun, was auch immer Ihr wollt. Indem Ihr Euch unterwerft, werdet Ihr wahre Freiheit erlangen – genau wie ich.“

Malfegas schnaubte und sein Schwanz peitschte wild umher. „Du unterstützt diesen Spinner? Weißt du eigentlich, was er getan hat?“

Ashaya zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ich weiß nur, was er nicht getan hat. Zum Beispiel die Menschheit unterwerfen, um sie vor sich selbst zu beschützen.“ Sie kicherte erneut und die Symbole flackerten wie violette Leuchtfeuer. „Kommt schon, so schlimm ist das auch nicht. Azrael, Ihr dürft Euch gerne ein Königreich der Menschen aussuchen und als Usurpator herrschen. Das ist meinem Herrn einerlei. Er will nur den Thron Hornheims.“

Azrael warf Velis einen besorgten Blick zu. Die mädchenhafte Herzogin zitterte am ganzen Leib. Sie wirkte bleich wie ein Gespenst und schlang die Arme um ihren dürren Körper. Seimos legte stellte sich schützend vor sie und sah Azrael entschlossen an. Er verstand.

Auch wenn sie als Brüder gewisse Differenzen hatten, sie beide verfolgten zumindest ein gemeinsames Ziel. Sie wollten Velis vor ihrem Vater beschützen. Azrael wandte sich wieder Ashaya zu. Ihr herausforderndes Lächeln machte ihn rasend.

Was wird mit Velis geschehen?“, fragte Azrael laut.

Ashaya schob die Unterlippe vor. „Och, das ist eine gemeine Frage.“ Im nächsten Moment schlich sich ein breites Lächeln auf ihr Gesicht und kurz funkelte Niedertracht in ihren großen Augen. „Sie ist des Königs Tochter. Also gehört sie dem König. So einfach ist das.“

Velis erbebte und schmiegte sich an Seimos. Dabei sah sie Azrael flehend an. Betroffen wandte er sich ab. Noch nie hatte er solches Entsetzen in den Augen eines Kindes erblickt.

Und was, wenn ich mich weigere? Wenn ich nach Hornheim zurückkehre und den König erneut töte?“, fragte er.

Ashaya kicherte. „Bitte, öffnet ein Portal! Wo werdet Ihr diesmal landen? In Hrandamaer? In den Ruinen von Astaval? Vielleicht in Folkvang?“ Sie lachte, doch nun hatte der Laut nichts Kindliches mehr. „Eure Bemühungen sind vergeblich. Ihr habt die Schlacht verloren, noch ehe sie begonnen hat.“

Azrael ballte die Hand zur Faust. Er kannte keinen Zauber, der Portale umleiten konnte. Berith hätte ihm mit seinem unfangreichen Wissen in dieser Situation gewiss dienlich sein können. Warum musste er ihn bloß zum Feind haben?

Azrael wagte einen letzten Versuch. „Wie wäre es mit einem Tausch?“

Ashaya legte den Kopf schief. „Ein Tausch?“

Azrael umklammerte Murakama fester. Er hasste es, sich erpressen zu lassen. „Was, wenn ich Berith das gäbe, was er sich wünscht? Wäre das genug, um mir seine Treue zu sichern?“

Ashaya lachte erneut. Tränen entflohen ihren Augen, während sie sich herzhaft auf die Schenkel klopfte.

Beriths größter Wunsch ist es, einen weisen und realistisch denkenden König zu haben!“, frohlockte sie. „Beides Eigenschaften, die Ihr offenbar nicht Euer Eigen nennt!“

Das war zuviel. Azrael knurrte und fühlte, wie seine magische Macht wuchs. Noch war er der König von Hornheim. Er würde sich nicht von einer falschen Heiligen Hrandamaers demütigen lassen.

Wie kannst du es wagen?“, brüllte Malfegas erregt, ehe Azrael handeln konnte. „Wenn du glaubst, dass ich mich Irodeus wieder unterwerfe, hast du dich gründlich getäuscht! Das kannst du ihm ausrichten, wenn ich dich in Einzelteile nach Hornheim zurückschicke!“

Der gewaltige Löwe stemmte sich auf seinen Hinterbeinen empor und beantwortete Ashayas Kichern mit einem wahren Inferno aus Feuer. Beriths Dienerin entkam knapp, aber im nächsten Augenblick erstarrte sie mitten in der Luft. Velis wirkte mit zitternden Händen und wütend zusammengekniffenen Augen ihren Gegenzauber.

Während Ashaya gen Erdboden fiel, stieß sich Azrael vom Boden ab. Seltsame Ruhe überkam ihn und er flüsterte ein Wort der Macht. Wie ein Blitz bewegte er sich auf den durch die Luft gleitenden Körper zu, seine Umgebung verschwamm zu einem Wirbel aus Farben und Murakama glich einem rötlichen Kometen. Im nächsten Augenblick stach er zu wie mit einer Turnierlanze und Ashaya schrie auf.

Der Geruch von Blut hing in der Luft und die Dienerin wand sich am Boden. Azrael flüsterte ein weiteres Wort. Während die Klinge in Ashayas Fleisch steckte, entzog sie den Symbolen auf ihren Schultern die Magie. Im nächsten Augenblick lag die Jungfrau von Hrandamaer als gewöhnlicher Mensch vor ihm auf dem Boden, den rechten Arm mit Stahl auf den Boden genagelt.

Malfegas knurrte zufrieden. Azrael musterte sorgenvoll die Blutspur, die sein abgetrenntes Bein hinterließ. Normalerweise konnten Waffen einem Dämon keine ernstzunehmenden Verletzungen zufügen, aber Abigors heiliges Schwert bildete die Ausnahme.

Ergrimmt beugte sich Azrael zu Ashaya hinab. „Berith hat dich verraten. Er hat dich zum Sterben hierhergeschickt. Du und Abigor, ihr hattet von Anfang an keine Chance gegen uns.“

Zu seiner Überraschung lachte Ashaya laut auf.

Wir haben getan, was wir tun mussten. Und mich werdet ihr so schnell nicht fassen.“

Azrael setzte zu einer Erwiderung an, als ihm eine altbekannte Präsenz den Atem raubte. Sie fühlte sich an wie von einer anderen Welt und schien als kosmischer Arm nach Ashaya zu greifen. Ihr grinsendes Gesicht verschwand in einem Lichtblitz. Murakama traf auf Stein. Die fremde Macht hatte sie binnen eines Augenblicks der Realität entrissen.

Azrael erkannte sie. „Irodeus“, flüsterte er entsetzt.

Malfegas brüllte frustriert und spieh Flammen wie ein Berserker. Velis sank zu Boden, die bleichen Arme vors Gesicht geschlagen. Mendatius zog langsam sein Schwert und Seimos umklammerte den Mauritiusstab.

Wie kann er von Hornheim aus … ?“, stieß der falsche Inquisitor ungläubig hervor. Er führte den Satz nicht zu Ende.

Malfegas tobte weiter, bis er, vom Blutverlust geschwächt, vor Velis’ Hrandar erschöpft zusammenbrach. Die Untoten wechselten unsichere Blicke, während ihre Herrin langsam begann, seine Wunden zu heilen. Rötliches Licht erhellte die Nacht.

Das war’s“, stöhnte Malfegas ermattet. „Hornheim ist mehrere Tagesreisen von hier entfernt. Wir können nie und nimmer rechtzeitig zurück sein.“

Mendatius fluchte verhalten. Seimos strich gedankenverloren über seinen hölzernen Stab. „Wir brauchen einen Plan“, murmelte er. „Wir müssen einen Zufluchtsort finden und unsere Kräfte sammeln. Vielleicht kann ich in Sankt Emerald mit dem Erzbischof sprechen. Als Clavis eines Heeres werde ich ihn mit Sicherheit überzeugen …“

Azrael schnitt ihm mit erhobener Hand das Wort ab, während er gedankenverloren Murakama betrachtete. Er fühlte die magische Macht, die er Ashaya entzogen hatte. Es gab eine Verbindung nach Hornheim. Eine Verbindung zu Irodeus. So gelang es ihr also, ohne Portal zu verschwinden.

Azrael seufzte. Es blieb ein Restrisiko, aber er musste es eingehen.

Es gibt eine Möglichkeit“, sagte er schließlich.

Aller Augen richteten sich auf ihn. Azrael strich langsam über sein Schwert. Die Klinge glomm rötlich.

Ashaya konnte einfach verschwinden, weil sie mit Irodeus verbunden ist. Er verleiht ihr die Kraft für diesen Zauber.“ Er hob das Schwert und sammelte seine Kräfte. „Ich habe ihr einen Großteil ihrer Magie entzogen. Somit existiert nun zwischen Murakama und dem alten König ebenfalls eine Verbindung.“ Azrael betrachtete die Klinge einen Moment lang. Er hoffte inständig, dass seine Vermutung zutraf. „Ich glaube, ich kann diesen Zauber kopieren.“

Kurz herrschte Stille. Malfegas meldete sich als Erster zu Wort.

Willst du … ich meine, wollt Ihr etwa alleine zu Irodeus?“, rief er entsetzt und machte Anstalten, sich zu erheben. Dabei stolperte er und fiel erneut hin. Velis unterband weitere Versuche mit einem strengen Blick.

Für mehrere Personen reicht dieser Zauber nicht aus“, entgegnete Azrael. „Abgesehen davon weiß ich, wo ich weitere Verbündete finden kann.“

Seimos trat vor. Seine lodernden Augen glitzerten unheilsschwanger.

Das kann nicht dein Ernst sein. Irodeus ist zu mächtig.“

Ich habe ihn schon einmal besiegt, Bruder. Und mit Berith werde ich auch fertig.“ Azrael grinste ihn an. „Er mag ja in Sachen Magie ein Meister sein, aber das trifft nicht auf Ashaya zu. Wie ironisch, dass ausgerechnet sie von Freiheit spricht, während sie ständig Magie anwendet, die ihr nicht einmal gehört.“

Er wandte sich ab und hob das Schwert. Die Energie des fremden Zaubers durchfloss seine Adern. „Wünscht mir Glück.“

Tut das nicht!“ Überrascht hielt Azrael inne. Malfegas sah ihn flehend an. Bestürzt sah Azrael Tränen in seinen rötlichen Augen.

Ich bitte Euch“, rief Malfegas. „Ohne Euch bin ich nur ein Tier. Bitte … kehrt lebend zurück. Liefert den Sängern keine weitere Tragödie, die sie grölen können!“

Dann doch noch eher eine Komödie“, entgegnete Azrael lächelnd und wirkte die fremdartige Magie.

Sorgenvolle Blicke musterten ihn, als der König von Hornheim verschwand.

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Heiße Luft empfing Azrael, als er dem Nichts entrann und sich materialisierte.

Unglaublich, es hat funktioniert. Und das sogar ohne Wort der Macht. Ich muss nach diesem Kampf unbedingt Nachforschungen anstellen.

Er befand sich in seiner Hölle, in der er Esben getötet hatte.

Er bereute die Tat. Er war nach ihrem Gespräch vollkommen sicher gewesen, dass der ehemalige Priester als Dämon zurückkehren würde. Aber scheinbar übertraf Esbens Frömmigkeit doch seine Verzweiflung.

Azrael ließ den Blick über seine Umgebung schweifen, um sich zu orientieren. Er entdeckte inmitten giftiger Dämpfe die kleine Höllenstadt. Ein Wort der Macht verkrümmte die von ihm geschaffene Realität und beförderte ihn sofort durch das Tor vor seinen Palast.

Die Menschen ließen sich nicht blicken. Der Hinrichtungsplatz lag verwaist inmitten der kleinen Gebäude. Eine neue Leiche lag dort, an ein Rad gefesselt. Ungoros, der Fleischklumpen, schwebte darüber.

Ungoros!“, rief Azrael. Er war erleichtert, den hässlichen Dämon wohlauf zu sehen. Scheinbar hatte Berith ihm nichts getan. „Was ist hier los? Wo sind die Menschen?“

Ungoros wandte sich langsam um. Obwohl er keine Miene besaß, die Azrael hätte deuten können, erkannte er die Trauer und die Verzweiflung des Dämons. Ungoros stieß einen kaum vernehmlichen Laut aus, der an ein Seufzen erinnerte.

Mein König.“ Die Stimme des Dichters klang merkwürdig dumpf. „Ihr seid zurückgekehrt.“

Alarmiert hielt Azrael inne und sammelte Energie. Hatte selbst Ungoros die Seiten gewechselt?

Es tut mir leid“, klagte Ungoros. Diesmal wob er keine poetischen Ergüsse in seine Worte mit ein. „Ich ertrage diese Menschen nicht mehr länger! Ich weiß, ich enttäusche Euch, ich werde Euch nicht gerecht, aber ich kann nicht der Engel der Verdammnis sein. Diese Hölle ist für mich eine größere Strafe als für ihre Insassen.“

Azrael blieb wachsam. „Also bist du nun für Irodeus als König?“

Ich weiß, er ist ein grässlicher Mann!“, rief Ungoros. „Aber unter seiner Herrschaft konnte ich tagein, tagaus dichten und tun, was mir beliebte. Es tut mir leid, Majestät, aber ich bin nicht der Richtige für die Rettung der Welt. Die Menschen sind mir ein Gräuel! Sie haben mich einst verkannt, gemartert und hingerichtet. Als Dämon bin ich glücklicher denn als Mensch.“

Bestürzung überkam Azrael. „Dann ist dir das viele Leid in der Welt gleichgültig? Ich habe das alles getan, um Menschen, die wie du sind, ein ähnliches Schicksal zu ersparen!“

Die Menschheit wird sich nie ändern“, erwiderte Ungoros. „Sie wird immer Brutalität mehr als Kultur schätzen. Wie viele Gelehrte gibt es und wie viele Soldaten? Nein, ich will mich als Dämon zurückziehen und alle empfangen, die ebenfalls von den Menschen verschmäht wurden!“

Azrael hob ruhig sein Schwert. Die Worte schmerzten ihn mehr, als er zuzugeben bereit war. „Ich verstehe. Ungoros, es steht dir frei zu gehen. Aber wenn du mich an meinem Vorhaben hinderst, muss ich dich töten.“

Kurz schien Ungoros tatsächlich einen Kampf in Erwägung zu ziehen. Doch im nächsten Moment wandte er sich mit einem weiteren Seufzen ab.

Ich hoffe, Ihr werdet Euren Frieden finden, Majestät“, sagte er leise, bevor er ein Portal öffnete und die Hölle verließ.

Der Verlust von Ungoros betrübte Azrael, aber zum Trauern blieb ihm keine Zeit. Irodeus musste seine Ankunft bereits gespürt haben. Es gab nur eine Person, die ihn jetzt noch unterstützen konnte.

Ein weiteres Wort der Macht beförderte Azrael in seinen kirchenähnlichen Palast, ein weiteres in dessen Gruft. Er hatte sie nach seinem Sieg über Irodeus anlegen lassen, als Gefängnis für künftige Feinde. Sie bestand aus Nachtkammern, dunkle Gräber, die ihre Insassen in finsteren Schlaf versetzten. In den steinernen Wänden zeigten düstere Portale den Eingang in immerwährende Träume.

Azrael wagte sich tief in die steinernen Räume vor. Allein das rötliche Licht seiner Augen erhellte die Umgebung spärlich.

Die Dunkelheit erinnerte ihn an das furchtbare Ende seiner Kindheit, an die eine Nacht, die ihn für immer veränderte. Er hatte alles verloren. Seine Eltern, seine Geschwister, sein Zuhause. Seimos nach all den Jahren wiederzubegegnen glich einem Spottgesang des Schicksals. Sein älterer Bruder hatte sich ebenfalls verändert. Sie beide verfolgten edle Ziele und sie beide opferten Menschenleben für die Verwirklichung ihrer Träume.

Sie kamen eben nach ihrem Vater.

Hatte Arion von Astaval nicht immer gesagt, der Wert eines Ritters bestünde in seiner Fähigkeit, sein Wohl dem der Gruppe unterzuordnen? Dies war seine Lebenseinstellung und er erwartete sie genauso von jeder anderen Person. Wie sonst konnte Azrael erklären, dass sein Vater ihn, sein eigenes Kind, zum Dämon gemacht hatte, um sein Herzogtum vor der Pest zu bewahren?

Ohne diesen Entschluss wäre er Teshin geblieben und Irodeus nie begegnet. Er wüsste nichts von Dämonen und von Hornheim. Vermutlich hätte er sich als Greis zur Ruhe gesetzt und würde nun seinen Lebensabend friedlich in Astavals Überresten verbringen. Wahrscheinlich wäre er nie zum Söldner geworden.

Der Gedanke rief ihm Saskias Gesicht in Erinnerung. Saskia … wieso nur hatte er sie getötet, in der Hoffnung, dass sie als Dämon zurückkehren würde? Er unterschied sich kaum von seinem Vater. Nein, er war sogar noch schlimmer. Arion handelte, um sein Herzogtum zu beschützen. Azrael handelte, um die Menschheit gegen ihren Willen zu versklaven. Behielt Ungoros nicht recht? War es wirklich klug, die Menschen ihrer Natur zu berauben?

Er war nun vor der tiefsten Nachtkammer angelangt. Mächtige Runen umgaben ihr schwarzes Doppeltor, auf dem eine grauenerregende Fratze Wache hielt. Langsam hob Azrael eine Hand und fokussierte seine magische Macht. Das Siegel zu erschaffen hatte viel Kraft gekostet. Es zu entfernen forderte sogar noch mehr Energie.

Ein Nexus aus Macht legte sich um ihn, Blitze zuckten und er hob Murakama. Die heilige Magie des Schwertes paarte sich mit seiner dämonischen Macht wie mit einem verloren geglaubten Bruder. Azrael vernahm ein Brüllen, das er als sein eigenes identifizierte. Im nächsten Augenblick erklang ein lautes Knacken, so als ob Stein zerbräche, und das Tor schwang auf. Schwarzer Nebel füllte den Gang. Azrael rümpfte die Nase. Als Dämon besaß er eine gewisse Immunität gegen dessen einschläfernde Wirkung, aber er nahm dennoch den stechenden Geruch wahr.

Eine kleine Gestalt regte sich in der Nachtkammer. Azrael räusperte sich. Wie sollte er sich bloß erklären?

Er wollte ihm würdevoll als König gegenübertreten, aber die Ereignisse der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Azrael sank auf die Knie, die Hände in den Staub gepresst.

Ich brauche deine Hilfe“, sagte er schließlich.

Das überrascht mich nicht.“ Zu Azraels Überraschung klang die Stimme eher traurig als wütend. „Aber glaube nicht, dass ich deinen Thron verteidige. Ich habe die Zerstörung Hornheims noch nicht aufgegeben. Mein Feind ist Irodeus.“

Azrael neigte leicht den Kopf, als sein alter Verbündeter mit den Flügeln schlug.

Ich danke dir, Halgin.“

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Korrekturen 23

23.Teil – Das Ende des Zeitvektors (2/3)

»Du meinst Radar«, sagte Thomas, »wenn sie uns auf ihren Radarschirmen gesehen haben, kann es hier bald von Flugzeugen wimmeln, die nach dem Rechten sehen wollen.«
»Du kennst dich damit aus?«, fragte Giwoon.
»Nein, aber ich stamme aus einer Zeit – nicht weit von hier. Du erinnerst dich?«
»Jetzt geht nicht gleich aufeinander los!«, mahnte Khendrah.
»Das sagst du so«, meinte Thomas, »er lässt mich dauernd spüren, dass ich in seinen Augen so eine Art Saurier bin.«
Giwoon hatte diesen kleinen Dialog mitbekommen, während er den Antrieb des Sliders aktivierte.
»Tut mir Leid, Thomas«, sagte er, »ich meine das nicht so. Es ist ganz einfach so, dass für mich viele Dinge einfach normal sind, die für dich noch unvorstellbar sind. Denk’ einfach ‘mal darüber nach. Auch ich muss noch eine Menge lernen.«
»Schon in Ordnung«, sagte Thomas, schon wieder etwas versöhnt.
Der Slider setzte sich in Bewegung. Erst ganz langsam erhob er sich zwischen den Baumkronen des Urwaldes, in den sie gestürzt waren. Auf den Monitoren sahen sie, dass dieser Wald so weit reichte, dass sie sein Ende nicht sehen konnten. Giwoon hatte den Kurs eingegeben und sie setzten sich nun auch horizontal in Bewegung. Giwoon hatte einen kontinuierlichen Steigflug programmiert, der Rücksicht auf eventuelle fremde Flugkörper nehmen sollte, von denen es in dieser Zeit bereits eine Menge geben sollte.
Eine ganze Weile lang flogen sie weitgehend unbemerkt, was sich änderte, als sie den indischen Subkontinent überflogen. Der Steuercomputer des Sliders meldete das Auftreffen von Impulsen auf seiner Oberfläche. Nur wenig später empfingen sie Funkimpulse.
»Man versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen«, sagte Giwoon, »ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf eingehen soll. Vielleicht ist es besser, einfach weiter zu fliegen.«
»Wenn sie dann ‘mal nicht auf uns schießen«, sagte Thomas skeptisch, »aber wahrscheinlich wirst du mir gleich von irgendwelchen geheimnisvollen Abwehrfeldern erzählen, die uns schützen, oder?«
Giwoon machte ein fragendes Gesicht.
»Was für Abwehrfelder?«, wollte er wissen, »Wir haben keine Abwehrfelder. Wozu auch? Wieso sollten sie überhaupt auf uns schießen?«
Thomas lachte sarkastisch.
»Du hast von der politischen Landschaft dieses Zeitalters wirklich keine Ahnung, was? Die ganze Erde ist in zahllose Einzelstaaten aufgeteilt, die alle ihre Territorien mit allen Mitteln schützen. Wenn wir einfach weiterfliegen ohne auf ihre Funkanfrage einzugehen, kann es sein, dass sie uns als Feinde einstufen und Raketen auf uns abfeuern oder uns Kampfjets schicken.«
»Kampfjets?«, fragte Giwoon, »Flugmaschinen, wie unsere?«
»Nicht ganz«, erklärte Thomas, »Kampfjets fliegen mit Düsenantrieb – sie komprimieren die Luft in den Triebwerken und stoßen sie nach hinten aus. Sie sind richtig schnell damit. Verdammt schnell sogar. Wichtiger aber ist, dass diese Dinger bis an die Zähne bewaffnet sind. Wenn du keinen geheimnisvollen Schutz bieten kannst, sollten wir machen, dass wir hier wegkommen.«
Giwoon ließ den Slider unbeeindruckt weiterfliegen. Die Fernbeobachtung zeigte, dass sie dicht besiedeltes Gebiet überflogen. Ganz allmählich näherten sie sich der chinesischen Grenze und damit ihrem Zielgebiet. Indien hatte ihnen noch einige Funkbotschaften übermittelt, doch sie ansonsten unbehelligt weiter fliegen lassen. China war da schon etwas anderes. Die Stationen an der Grenze hatten schon seit einiger Zeit den Funkverkehr der indischen Stationen abgehört und sicherheitshalber eine Staffel Kampfjets mit Luft-Luft-Raketen starten lassen.
Kaum, dass sie die Grenze zu China überflogen hatten, hefteten sich die chinesischen Jäger an ihre Fersen und flankierten ihren Flug. Auch sie forderten sie energisch auf, einen nahe liegenden Flughafen anzusteuern, da sie sonst gezwungen seien, auf den Slider zu schießen.
»Giwoon, wach’ auf!«, rief Thomas, »Du kannst diese Flugzeuge dort draußen nicht ignorieren. Wenn es stimmt, dass wir keinen vernünftigen Schutz haben, werden sie uns vom Himmel pusten, wenn wir ihren Forderungen nicht Folge leisten.«
Giwoon machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand.
»Wir haben zwar keine Abwehrmechanismen«, sagte er, »aber der Slider verfügt über hervorragende Flugeigenschaften. Wenn sie auf uns schießen, wird unser Computer den Schüssen ausweichen. Da unser Antrieb auch keine Wärme abstrahlt, sind die Hitzeortungssensoren ihrer Raketen nutzlos. Ich gebe allerdings zu, dass ich nicht wirklich damit gerechnet hatte, mit so schnell fliegenden Gegnern konfrontiert zu werden. Ich werde sie wohl abhängen müssen, bevor wir unser endgültiges Ziel ansteuern.«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Schnallt euch an!«, befahl Giwoon, »Es wird jetzt etwas unruhig.«
Er hatte nicht zu viel versprochen. Giwoon ließ den Slider immer wieder ruckartig die Richtung wechseln und steigerte dabei kontinuierlich die Geschwindigkeit. Ihre Verfolger bemühten sich redlich, ihnen zu folgen und begannen schließlich, sie mit ihren Raketen zu beschießen. Die automatische Steuerung des Sliders griff ein und sorgte dafür, dass sämtliche Raketen ihr Ziel verfehlten. Bereits nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Die Kampfflugzeuge hatten alle Waffen abgefeuert und waren nicht mehr in der Lage, der hohen Geschwindigkeit des Sliders zu folgen.
»Ich würde dir raten, ganz niedrig zu fliegen«, sagte Thomas, »Radar funktioniert nicht in niedriger Höhe. Wir könnten das Radar unterfliegen.«
Fancan deutete auf das Massiv des Himalaja, welches bereits den gesamten Monitor ausfüllte.
»Wie willst du in diesem Gelände niedrig fliegen?«, fragte sie.
»Oh, er hat durchaus recht«, meldete sich Giwoon zu Wort, »die automatische Steuerung könnte damit fertig werden, »Thomas, wie tief müssen wir den hinunter, um vor weiterer Ortung sicher zu sein?«
»Wenn ich mich recht erinnere, dürfen wir nicht höher als dreihundert Meter über dem Boden fliegen«, sagte er, »sonst können sie uns orten.«
»Das dürfte kein Problem für uns werden«, sagte Giwoon, »der einzige Nachteil dürfte sein, dass es dann bis zum Ziel ein unruhiger Flug sein dürfte.«
»Rede nicht lange herum und sorge dafür, dass wir unentdeckt bleiben!«, sagte Khendrah genervt, »Ich will, dass wir diese Sache schnell hinter uns bringen und hier verschwinden.«
»Das werden wir, Khendra«, antwortete Giwoon, »das werden wir.«
Giwoon ließ den Slider nun vollkommen von der Automatik steuern. Kein menschliches Wesen hätte so schnell reagieren können, wie es ein Computer konnte. Der Slider hielt stur eine Höhe von zweihundert Metern und raste durch die Täler des Himalaja auf das Ziel zu, welches ihr kleines Ortungsgerät anzeigte.
Nach einiger Zeit näherten sie sich ihrem Ziel. Von den Verfolgern fehlte inzwischen jede Spur.
»Mein Gott, sieh sich einer dieses Durcheinander von Gebirgen an!«, rief Fancan, »Wie sollen wir denn hier unser Ziel finden? Wir müssen doch möglichst dicht an die Sonnenzapfanlage heran.«
»Eigentlich finde ich diesen Standort hier in dieser Gegend gar nicht schlecht«, meinte Giwoon, »dann können wir mit der Vernichtung der Anlage auch niemandem schaden.«
»Haben wir denn schon eine genaue Position dieser Anlage?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon deutete auf die Steuerkugel, auf der man die ganze Zeit über sehen konnte, wo sie sich befanden. Ein blinkender Punkt kennzeichnete die Stelle, wo sie ihr Gerät deponieren mussten.
»Dort muss es sein«, sagte er und versuchte die Bezeichnung zu lesen, die neben dem Ziel angezeigt wurde, »der Berg heißt Kongur Tagh und das Gebirge Kun Lun. Wir müssen nun nach optischen Hinweisen suchen. So eine Sonnenzapfanlage kann nicht klein sein. Immerhin versorgt sie den Vektor bis viele Jahrtausende in die Zukunft.«
»Sollte man nicht irgendetwas in der Atmosphäre sehen können, wenn solche gewaltigen Energien von der Sonne gezapft werden?«, fragte Thomas uns sah konzentriert auf die Monitore.
»Nein, man kann Quarkströme optisch nicht sehen«, erklärte Giwoon, »was ich meine, ist eine auffällige Erscheinung im massiven Fels. Eine Art Tor oder etwas in der Art. Ich bin sicher, dass sie es direkt in den Berg gebaut haben.«
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Das Ortungsgerät behauptete, dass ihr Ziel direkt vor ihnen wäre, doch sie konnten nichts entdecken. Der Zugang zur gesuchten Anlage war offenbar gut getarnt. Immer wieder flogen sie um den Berg herum und scannten seine Oberfläche. Selbst die empfindlichen Instrumente des Sliders waren nicht in der Lage, unerklärliche Auffälligkeiten festzustellen. Als sie bereits für diesen Tag aufgeben wollten, sprach plötzlich ihr Funkgerät an.
»Die Chinesen!«, entfuhr es Thomas.
»Nein, das können nicht die Chinesen sein«, meinte Giwoon, »das ist eine Nachricht auf einer der Frequenzen des Vektors. Niemand auf der Erde funkt in diesem Band.«
»Hier spricht der oberste Wächter der Energiebasis, Rowan Qorth«, drang es aus dem Lautsprecher. Im nächsten Moment baute sich auch ein Bild des Sprechers auf dem Monitor auf.
»Wir haben festgestellt, dass es sich bei Ihrem Flieger nicht um einen der üblichen Patrouillenflieger des chinesischen Staatsgebietes handelt. Bitte identifizieren Sie sich.«
»Hier spricht Chefinspektor Giwoon. Ich bin von der obersten Behörde ermächtigt, Ihre Station zu inspizieren«, sagte Giwoon, »bitte öffnen Sie einen Zugang, der es unserem Fahrzeug ermöglicht, hineinzufliegen. Wir wurden von Einheiten der Chinesen verfolgt, konnten sie aber abhängen. Mit jeder Minute, die wir verstreichen lassen, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir wieder entdeckt werden.«
Khendrah schlug sich eine Hand vor den Mund. Giwoons Dreistigkeit verschlug ihr die Sprache.
»Negativ«, sagte Rowan Qorth, der oberste Wächter, »es hat in der Geschichte der Energiebasis noch niemals den Fall gegeben, dass die oberste Behörde eine Inspektion durchführen ließ. Ich werde Sie nicht einlassen.«
»Was soll dieser Quatsch!«, fuhr Giwoon ihn an, »Was glauben Sie denn, wer wir sonst wären? Chinesen dieser Zeit? Machen Sie sich nicht lächerlich! Woher sollte ich sonst den Standort Ihrer Station kennen, wenn nicht die oberste Behörde mir den Auftrag persönlich gegeben hätte? Öffnen Sie endlich die Station, damit ich hier aus dem Luftraum verschwinden kann.«
»Ich weiß nicht Recht«, sagte der Wächter, »warum kommen Sie nicht über den Zeitaufzug, an den wir angeschlossen sind?«
»Zeitaufzug?«, fragte Giwoon, »Jetzt sagen Sie nicht, sie hätten einen direkten Anschluss an den Vektor! Ich werde mich nach meiner Rückkehr in den Vektor darüber beschweren, dass man mir diesen beschwerlichen Weg zugemutet hat und wenn Sie nicht langsam ein Schleusenschott öffnen und riskieren, dass wir hier draußen noch entdeckt werden, werde ich auch gleich eine Beschwerde über Sie hinzufügen!«
Die Dreistigkeit Giwoons hatte schließlich Erfolg. Der Wächter hatte kein Verlangen danach, seine Position in dieser Anlage zu verlieren, weil ein Inspektor der obersten Behörde sich über ihn beschwerte. Schweren Herzens betätigte er den Mechanismus, der mitten in der Felswand des Gebirges eine Öffnung entstehen ließ.
»In Ordnung«, sagte er, »ich werde Sie einlassen. Landen Sie Ihr Fahrzeug bitte auf einer der markierten Flächen.«
Er schaltete ab und im gleichen Moment begannen die schweren Flügel des Schleusenschotts, auseinander zu fahren. Es wirkte, als würde der Berg einen Mund öffnen, um sie zu verschlingen.
»Das sieht nicht sehr einladend aus«, meinte Khendrah, »sie haben noch nicht einmal eine Beleuchtung eingeschaltet.«
»Wie auch immer«, meinte Giwoon, »wir müssen dort hinein und unser Paket abliefern.«
»Hoffentlich kommen wir hier auch wieder weg«, sagte Fancan nachdenklich, »wenn dieser Wächter direkt Kontakt zur obersten Behörde aufnimmt, wird er erfahren, dass wir nicht das sind, was wir zu sein vorgeben.«
»Das müssen wir riskieren«, sagte Giwoon, »notfalls werde ich das Gerät gleich hier in der Schleusenkammer verstecken.«
»Ich bin ja nur ein dummer Mensch aus der Frühzeit der Geschichte«, wandte Thomas ein, »aber hieß es nicht, dass wir bis auf mindestens hundert Meter an das Zielobjekt heran müssen? Was, wenn die eigentliche Anlage noch tief im Berg verborgen ist? Dann wäre alles umsonst gewesen.«
»Du hast recht«, stimmte Giwoon zu, »wir müssen Wohl oder Übel erst in die Anlage hinein.«
Er steuerte den Slider in die Schleuse hinein, die sich augenblicklich hinter ihnen wieder schloss. Sie erkannten nun, dass der Hangar nicht vollständig dunkel war, sondern, dass einige trübe Lampen an der Decke etwas Licht abgaben. Giwoon setzte das Fahrzeug sanft auf einer blinkenden Fläche auf dem Boden auf. Das Außenschott des Fahrzeugs öffnete sich und ließ eiskalte Luft ins Innere strömen. Giwoon ärgerte sich, keine wärmende Kleidung mitgenommen zu haben. Er machte eine Geste mit der Hand in Richtung Tür.
»Auch wenn es draußen kalt ist«, sagte er, »wir müssen dort hinaus. Ich hoffe jedoch, dass es innerhalb der Station wieder angenehmer sein wird.«
Sie hatten kaum den Slider verlassen, da erschien bereits der Wächter Rowan Qorth mit einigen weiteren Wachen. Sie waren bewaffnet und hielten ihre Waffen auf sie gerichtet.
»Was soll das?«, herrschte Giwoon Rowan Qorth an. Er fühlte sich zwar nicht danach, doch musste er die einmal angenommene Rolle glaubwürdig weiterspielen.
Rowan Qorth blieb vor ihnen stehen. Dieser Mann war ein wahrer Riese. Er überragte Giwoon fast um Haupteslänge.
»Ich beuge mich dem Urteil der obersten Behörde, wenn sie eine Inspektion anordnet«, sagte er, »doch werde ich Niemanden in die Anlage führen, den ich nicht vorher überprüft habe. Dürfte ich bitte den Inspektionsbefehl sehen?«
Khendrah und Fancan sahen sich kurz an. Beide hatten unwillkürlich den Atem angehalten. Inspektionsbefehl? Einen solchen Befehl hatten sie natürlich nicht.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 19.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 9 – Im Angesicht des Todes

Der Zyklop schob sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Wassermassen, sein Verfolger ließ jedoch nicht locker. Der Gigantyras brüllte vor Zorn und schien Stück für Stück aufzuholen. 
Daisy Lee bemannte das Steuer und lieferte sich einen gnadenlosen Kampf mit ihren eigenen Nerven. 
Nur die Ruhe bewahren, denk nach! 
Die Steuerungselemente in ihren Handflächen vibrierten protestierend, als sie eine scharfe Rechtskurve vollzog.
»Ich brauche hier weitere Leuchtkörper, für die manuelle Steuerung!«, rief sie Clynnt zu. 
»Nun mach schon, Junge!«, beorderte dieser den Copiloten. 
Er tippte Befehle in seine Konsole ein und zischende Raketen erhellten ihnen den Weg. 
»Ich kann mich nicht in Schussreichweite positionieren, wir brauchen etwas, das uns einen Vorsprung verschafft«, schnaufte die Chefmechanikerin. Schweiß tropfte an ihr herunter und man konnte deutlich das pulsierende Wummern ihrer Halsschlagader erkennen. 
Clynnts Miene verzog sich für eine Sekunde zu einer schiefen Grimasse. »Möglicherweise habe ich eine Idee«, sagte er und schritt zum Mikrofon.
»N‘kahlu, seid ihr noch da draußen?«, fragte er mit kratziger Stimme.
»Aye, erwarten Befehle«, der Krieger schien kaum beeindruckt angesichts ihrer Lage, aber unter Wasser war er im Vergleich zu ihnen auch ein erfahrener Veteran. 
»Könnt ihr die Bestie irgendwie ablenken? Wir müssen den Zyklopen in Schussreichweite bringen«, erkundigte sich der Chefnavigator. 
Für eine Sekunde schien der Sergeant zu überlegen. »Ich denke, das kriegen wir hin«, knisterte es durch den Lautsprecher, dann brach die Verbindung ab.
»Das kann nur gut werden«, seufzte Clynnt, raufte sich durch die zerfurchten Haare und ließ sich in seinen Sessel fallen.

***

»Alles klar, wir haben Befehl erhalten, den Gigantyras aufzuhalten, sodass der Zyklop in Schussreichweite gelangen kann. Aber sie haben uns diesbezüglich keine konkreten Vorgaben gemacht, was bedeutet, wir dürfen das auf unsere Art und Weise machen«, bekundete Sergeant N’Kahlu durch den Funk. Seine Männer stimmten ein raues Lachen an. 
Ich hatte schon befürchtet, sie fragen uns gar nicht mehr.
»Phillista, Andrewx und Cossack kommen mit mir, der Rest schwärmt aus, um für die nötige Verwirrung zu sorgen, verstanden?«, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, stieß sich N’kahlu von der Haltestange ab und schoss dem Gigantyras entgegen. 
Er brauchte keine weiteren Anweisungen zu geben. Jeder wusste, was zu tun war. 
Seine Männer folgten ihm den Bruchteil einer Sekunde verzögert. Während die Scherenpanzer, begleitet vom Rattern ihrer Motoren, in alle Richtungen ausschwärmten, näherte sich N’kahlus Trupp dem Gigantyras. 
Das Monster schien sich kaum für sie zu interessieren, was zweifelsohne kein Wunder war, angesichts seiner Größe. Jedoch war es ärgerlich, dass die ausschwärmenden Kämpfer ihn nicht ablenkten.
Der Sergeant biss die Zähne zusammen. »Erste Salve!«, befahl er lautstark. Wie brüllende Tiger preschten die Torpedos durch das Wasser, um dann in beeindruckend hellen Explosionen zu detonieren. 
Der Gigantyras quittierte sie mit einem Brüllen, das ebenso ein Achselzucken hätte gewesen sein können. 
Zu N‘kahlus Bestürzung schoss ihr Gegner mit unverändertem Tempo auf den Zyklopen zu. 
Du bist ein harter Brocken, was? Schauen wir mal, ob du hart genug bist. 
Er betätigte einen Regulator und verlieh seinem Heckantrieb maximale Leistung. Röhrend schwamm er auf seinen Feind zu. 
Die massiven Kiefer des Gigantyrass öffneten sich und ein Schlund messerscharfer Zähne, die größer als er selbst waren, schossen dem Sergeant entgegen. Die spinnenbeinartigen Greifer räkelten sich in freudiger Erregung. 
Mit einer eleganten Rolle wich N‘Kahlu dem eher halbherzigen Angriff aus, der Gigantyras schien ihn immer noch nicht als Bedrohung abzutun. 
Dann warte mal ab. 
Er schoss in Richtung des Kopfes und während seines Ansturms aktivierte er die Klinge, die im Armgelenk des Scherenpanzers verankert lag. Ein Blick auf seine Geräte zeigte ihm, dass seine Kameraden direkt hinter ihm waren. Mit einem Satz landete er auf dem Kopf des Gigantyras und hielt sich an dem beeindruckenden Horn fest. Dann stieß er mit der Klinge zu, um sich zu verankern. 
Sie glitt in den Kopf, schien allerdings nicht ansatzweise durch den Schädel des Ungetüms zu dringen. Der Gigantyras registrierte ihn nicht einmal.
Eine Sekunde später kam Cossack zu ihm geeilt. 
Der Sergeant griff ihn bei der Hand und schleuderte ihn vorwärts, während er sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Strom stemmte. 
Cossack landete im Gesicht des Gigantyrass und trieb ihm seine Klinge wieder und wieder durch die Augen. Eine hellblaue, stark leuchtende Flüssigkeit trat daraus hervor, als das Messer sie zum Platzen brachte. Ein Kreischen drang durch den Ozean, das N‘Kahlu in seinen Grundfesten erschütterte. 
Du hast dich mit uns angelegt, jetzt zahle auch den Preis dafür, dachte er grimmig. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Einer der Greifarme des Gigantyras schoss auf Cossacks Scherenpanzer zu und bevor dieser reagieren konnte, drang die riesige Klaue durch seine Aspexylpanzerung, als wäre sie ein Stück Butter. 
Sie durchbohrte den Piloten und zerfetzte seinen Torso. Cossack starb in einer Fontäne aus Blut und Eingeweiden. Dann verschwand er, samt Anzug, im klaffenden Maul des Ungetüms und ein metallisches Knirschen verriet, dass der Gigantyras ihn gerade mit einer animalischen Wut zerkleinerte. 
»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Sergeant. Wut keimte in ihm auf.
Dann schien das Monster noch einmal an Geschwindigkeit aufzunehmen und N’Kahlu konnte nicht anders, als sich zurücktreiben zu lassen. Dass ihr Feind nicht mit seinen Augen navigierte, war ihm in dieser düsteren Tiefe ohnehin klar gewesen, aber immerhin schienen ihre Klingen dort Schaden und Schmerz anrichten zu können.
Verdammt Cossack, warum hast du nicht aufgepasst? 
Der minimale Abstand, den der Zyklop erlangt hatte, schmolz in wenigen Sekunden. 
Wir haben ihn allerhöchstens wütend gemacht, schoss es durch N‘Kahlus Kopf. 
Mit einem unglaublichen Satz schoss der Gigantyras auf das U-Boot zu und drosch mit seinem Schädel darauf ein. Seine Fangarme schnappten nach dem Zyklopen, konnten aber zunächst keinen Halt finden. Dann ertönte ein unheilverkündendes Grollen, als das Horn des Monsters durch den harten Panzer stieß. 

***

»Er hat uns getroffen!«, fluchte Daisy lautstark, während sie mit dem Gigantyras um die Beherrschung über das Schiff rang.
Im Griff des Feindes schaukelte es bedrohlich auf und ab und ihre Anzeigen leuchteten krebsrot auf. »Sein Horn hat den Panzer beschädigt, ich werde sicherheitshalber die hinteren Schotts schließen müssen.« Ein unglaublicher Ruck ging durch das U-Boot, als der Gigantyras erneut versuchte, seine Fangarme in die Außenbordwand zu rammen. Ein zorniges Brüllen verkündete, dass ihr Feind von seinen Misserfolgen gereizt zu sein schien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es nun umso heftiger zu versuchen. Die elektronischen Monitore flackerten für eine Sekunde auf. 
»Wenn er uns hier unten ein Leck schlägt, sind wir geliefert!«, fluchte der Chefnavigator lautstark. 
»Er umklammert das Steuer, ich kann nichts machen!«, zischte Daisy, Clynnts ständiger Missmut ging ihr allmählich auf die Nerven. Wieder durchzog den Zyklopen ein Beben und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wenn das so weiterging, würde der Gigantyras wichtige Elemente des U-Boots zerstören und sie für ewig in diesem nassen Grab verrotten lassen. 
Daisy steuerte hart nach rechts, aber ein lautes Knacken, das unheilverkündend durch das U-Boot hallte, verdeutlichte ihr, dass sie dadurch allerhöchstens das Steuer verlieren würde. Ein Fluch entwich ihren Lippen.
Clynnt und sein neuer Freund, der Copilot, beäugten sie mit einem eindringlichen Blick. 
Daisy war sich bewusst darüber, dass sie sich ihr Vertrauen erst erarbeiten musste, aber gerade hatte sie schlimmere Sorgen.
Ein Ruck ging durch den Zyklopen, gefolgt von einem schauderhaften Brüllen. Eine Gänsehaut formte sich auf ihrem Nacken. 
»Er musste was wegstecken«, stellte die Chefmechanikerin fest, dann setzte sich das U-Boot wieder in Bewegung. 
Noch waren sie im Spiel. Die Frage war nur, wie lange.

***

Die Idee war fast so wahnwitzig, dass sie nur von ihm kommen konnte.
»Sicher, dass du das durchziehen willst?«, knisterte es durch den Funk und der Sergeant erkannte Phillistas argwöhnische Stimme wieder. »Nicht, dass du Cossack die Ehre erweist, ihm als nächstes zu folgen.« 
»Aber genau das ist der Plan«, feixte N’Kahlu. »Zweite Salve!«, erneut schossen die Sternenfeuertorpedos auf ihr Ziel ein. 
Die Scherenpanzer bedrängten den Gigantyras von allen Seiten, sodass dieser sich vom U-Boot trennen musste. 
Mit einem Kreischen schnappte er nach einem der Männer und erwischte das Fußgelenk. Knirschend brach es ab, doch der Soldat war zunächst unversehrt.
»Dann hoffen wir mal, dass er keinen Mundgeruch hat!«, rief N’Kahlu, dann sprang er dem Monster entgegen und wurde von ihm verschluckt. 
Knirschend schlossen sich die Kiefer um ihn, doch der Sog war auf seiner Seite. 
Mit einer wahnwitzigen Hechtrolle schob er sich an den Zähnen der Bestie vorbei und befand sich nun in ihrem Rachen. 
Wenn ich deinen Panzer nicht durchstoßen kann, werde ich es halt von innen versuchen. 
Allerdings war seine Klinge dafür nicht stark genug. 
Ein schelmisches Lächeln zauberte einen Sonnenaufgang auf N’Kahlus Gesicht, während er Befehle in seine Konsole eingab. Er hatte sehr viel Liebe und Arbeit in seinen Scherenpanzer gesteckt und ihn eigenhändig modifiziert. Eines seiner Lieblingswerkzeuge würde ihm gleich seine freudige Aufwartung machen. Wieder öffnete sich das Maul der Bestie und N‘Kahlu musste mit ansehen, wie einer der Scherenpanzer in einer Wolke aus Blut und Schrott zu einem kleinen Haufen zermalmt wurde. Das einströmende Wasser schoss ihm entgegen und holte ihn fast von den Füßen. Die Überreste eines mechanischen Greifarms krachten gegen seine Scheibe, diese blieb jedoch glücklicherweise unversehrt. Ein Blick auf den blutigen Brei, der sich dazwischen befand, ließ seinen Magen jedoch rebellieren. Wenn es einen Anblick gab, an den man sich nicht gewöhnen konnte, dann war es der von getöteten Kameraden. In Stille ging N’Kahlu ein kurzes Gebet durch, dann riss er seine Brustplatte auf und fingerte geschickt das riesige Kreissägeblatt hervor, welches er an den linken Arm anheftete. 
Mit einem Kreischen aktivierte sich die Rotation auf bis zu 15 Umdrehungen die Sekunde. 
Das ist für die Jungs. 
Mit einem Satz rammte er die Waffe in das Fleisch des Gigantyras. 
Eine Blutfontäne kam ihm entgegengespritzt, während er den Rachen des Feindes von innen heraus verstümmelte. 
Brüllend wandte sich das Tier in Qualen und riss immer wieder das Maul auf und zu. 
Fast wäre der Sergeant in die Fangzähne geraten, was ein tragisches Ende für ihn bedeutet hatte. Knirschend kauten sie auf und ab, während er mit der Beherrschung über seinen Anzug kämpfte. Wasser und Blut schossen ihm gleichermaßen entgegen und färbten alles in ein dunkles Rot. 
Ich muss tiefer hinein. 
N‘Kahlu folgte dem Wasser in die Speiseröhre. 
Was für ein riesiges Ungetüm.
Seine Kreissäge durchtrenne das Fleisch wie Wachs. 
Blut besudelte seinen gesamten Anzug und wohin er auch ging, er wurde stets von einem unappetitlichen Schmatzen begleitet. In der Ferne hörte er das unregelmäßige Dröhnen des Herzschlages. 
Plötzlich traf ihn erneut das Wasser und dieses Mal konnte er nicht standhalten. 
Die Flut zog ihn mit sich, während das Sägeblatt wild umschlug und willkürlich Fleisch durchtrennte. Plötzlich blieb er stecken und das Blatt kam zum Stillstand. 
Verfluchter Mist! 
Immer mehr Wasser drang auf ihn ein, bis der Strom so stark war, dass er die Verbindung zwischen Arm und Säge einfach entzwei riss. 
Er taumelte gegen eine Membran und verfing sich darin, als wäre er in einem Spinnennetz gelandet. Blut und Sekrete liefen an ihm herunter, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Das Mikrofon aktivierte sich knisternd. 
»Wir haben seine Augen zerstört. Und was zur Hölle du da drinnen auch gemacht hast, der Zyklop hat einiges an Vorsprung gewonnen. Komm da raus, wir feuern die Torpedos ab, bevor es zu spät ist.« 
»Ich hänge fest. Schießt, solange ihr noch könnt. Das ist ein Befehl«, erwiderte der Sergeant.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. 
Seinen Leuten war es bestens bewusst, dass er es nicht duldete, wenn sie sich seinetwegen in Gefahr brachten. Nicht wenn der Sieg so nahe war. Entweder er schaffte es heile hier raus, oder er würde mit dem Gigantyras untergehen. 
»Feuert endlich!«, fluchte er lautstark. »Bevor wir alle draufgehen.« 
Er versuchte abermals sich freizukämpfen. Erfolglos. Das klebrige Sekret hielt ihn eisern fest.
Ein letztes Mal räusperte sich der Mann am anderen Ende der Leitung. »Es war mir eine Ehre, Sir.«
N’Kahlu atmete tief durch und schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Dann brach die Hölle über ihn herein. 

***

Auf der Kommandobrücke des Zyklopen herrschte betretenes Schweigen, während der Feuerball der Mittelstrecken-Torpedosalve den Gigantyras in Stücke riss und seinen Leichnam in Richtung Meeresgrund sinken ließ. Drei Männer hatten sie gerade verloren, drei Männer, die niemals zu ihren Familien zurückkehren würden. Falls sie denn welche hatten. Daisy Lee wandte sich als erstes von ihrem zerstörerischen Werk ab. »Sind alle an Bord?«, fragte sie angespannt. »Wir sollten hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Ungeheuern auftauchen.« Sie blickte kurz zu Clynnt, der einen verdrießlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Und schnell die anderen finden«, sagte sie und war sich das erste Mal bewusst, dass sie das Richtige tat.

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Saigels Irr(e)lichter – Der Höhenflug

 

Als Hobbyautor verschieben sich ständig die Prioritäten. Zeitweise wird viel geschrieben und alles andere steht hinten an. Ja, es gibt Phasen, da wird ständig über eine Idee nachgedacht, ein Plot hin und her gewälzt, bis er endlich passt oder es wird geschrieben, korrigiert und wieder geschrieben. Solche Schreibphasen sind schön. Allerdings können sie auch vieles verdrängen, das es auch wert ist, genauer betrachtet zu werden.
Befinde ich mich am Ende eines solch schreibwütigen Abschnitts, atme ich oftmals tief auf. Dann beginne ich damit, wieder Bücher zu lesen, ich widme mich meinem privaten Umfeld, meinem Beruf, ich habe Freude daran am Abend die Schreibtischlampe auszulassen und mich völlig auf die Musik zu konzentrieren, die sonst schändlich verkannt im Hintergrund abläuft. Es fühlt sich so an wie ein „aus-dem-Schneckenhaus-kriechen“. Um den schriftstellerischen Exzess verdauen zu können, bleibe ich erst mal abstinent und bemerke all das, was mir durch diesen unwiderstehlichen Sog des „schreiben-Wollens“ entgeht.
Leider gibt es zumeist keinen Mittelweg. Eine Geschichte zu schreiben kann schnell auch mal zur Sucht werden. Erst dann, wenn die Fliege im Netz es geschafft hat sich zu befreien begreift sie, dass sie von der Spinne hätte gefressen werden können. Abstand tut gut und der Blick relativiert sich. Denn ein Autor verfällt oft zu gerne dem Gefühl, dass das was er oder sie da gerade aufschreibt ungeheuer wichtig ist. So wichtig, dass es beinahe nichts Wichtigeres geben kann. Ich würde das als Höhenflug beschreiben, auch wenn das Wort im allgemeinen negativen Gebrauch findet. Es ist ein Höhenflug, aber es muss nicht negativ sein, solange der Absprung doch immer wieder geschafft wird. Ein Autor braucht Erdung bevor er schreiben kann. Die Worte heben ihn dann wieder in die Lüfte, lassen ihn schweben, ihn träumen, ihn alles vergessen, was dort unten zu ihm gehört. Ein schöner Höhenflug, der alsbald wieder auf dem Boden enden muss um mit einem tiefen Aufatmen verlauten zu lassen, dass die Worte nur eine Sphäre im Leben bilden, die es sich lohnt zu erleben.

Eure Saigel

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Gottes Hammer: Folkvang XVI

Velis erstarrte. Eine längst vergessene Präsenz erhob sich.

Vater.

Ihre zitternden Finger wanderten zu dem Sklavenmacher um ihren Hals. Nie würde sie den Schmerz vergessen, aus dem ihr Leben in jenen Tagen bestanden hatte.

Die meisten Menschen hinterfragten die Möglichkeit, im strahlenden Sonnenschein einen Spaziergang zu unternehmen, kaum. Doch für Velis würde dies immer eine Besonderheit bleiben. Ihr Blick streifte Seimos, der seinen Bruder ernst musterte. Ihr erster Spaziergang mit ihm hatte sich wie der Beginn eines neuen Lebens voller Schönheit angefühlt.

Doch nun würde er ihr wieder alles nehmen. Sie wusste es. Gegen ihren Vater konnte sie noch nie bestehen. Er würde siegen und sie erneut an seinen Thron ketten, während die Schreie seiner zahlreichen Sklaven ihre Ohren erfüllten. Sie hörte sie in diesem Moment, diese nackten, sich krümmenden Gestalten. Ihre qualvoll zuckenden Glieder suchten sie noch heute in ihren Träumen heim.

Velis sah Azrael an. Zum ersten Mal erblickte sie Angst in seinen rot leuchtenden Augen. Ohne sie zu beachten griff er nach Murakama.

Plötzlich erschütterte ein Beben den Untergrund. Velis taumelte und vergrub ihre Finger in Malfegas’ Fell, der nervös knurrte. Azrael zog blank und Seimos musterte wachsam ihre schattenhafte Umgebung.

Ich würde sagen, die Auferstehung hat begonnen“, sagte der Inquisitor ernst. Seine Finger umklammerten den schlichten Mauritiusstab fester. „Wir haben keine Wahl, Teshin. Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir Irodeus besiegen wollen.“

Das hast du von Beginn an so eingefädelt, nicht wahr?“ Azrael wirkte eher bestürzt als wütend. „Wenn du mich vorgewarnt hättest …“

Du hättest mir nicht geglaubt. Abgesehen davon können wir Irodeus nicht für immer in einem Buch gefangen halten. Jedes Gefängnis wird einmal brüchig, auch ein magisches, Teshin.“

Mein Name ist Azrael“, knurrte der neue König, als ein neuerliches Beben die Erde erschütterte. Dunkle Wolken sammelten sich am Himmel. Velis schluckte. Rote Blitze zuckten am Horizont.

Was schlägst du vor?“, fragte Malfegas den Inquisitor.

Seimos seufzte. „Meine Tempelsöhne werden uns kaum von Nutzen sein. In den engen Räumen Hornheims entscheidet die Qualität des Einzelnen die Schlacht. Mendatius und ich werden euch zum unterirdischen See begleiten. Wir müssen die Schlacht beginnen, ehe er seine Kräfte sammeln kann.“ Er legte eine kurze Pause ein. „Wo ist Esben?“

Velis warf einen Blick auf Azrael. Der König wirkte zerknirscht. „Ich habe ihn getötet. Er wird als Dämon zurückkehren, dessen bin ich mir sicher.“

Seimos nickte langsam. „Falls das zutrifft, wird er uns in den ersten Stunden seines neuen Lebens kaum von Nutzen sein. Wir müssen schnell handeln.“ Er sah seinen Bruder an. Obwohl sich ihre Farbe verändert hatte, erkannte Velis die altbekannte Entschlossenheit in seinen lodernden Augen.

Kannst du uns nach Hornheim bringen?“, fragte Seimos.

Azrael nickte knapp. „Was ist mit deinen Tempelsöhnen? Lässt du sie einfach allein?“

Seimos’ Lippen kräuselten sich. „Was ist mit deinen Dämonen? Nimmst du sie nicht mit?“

Azrael seufzte. Velis erriet seine Gedanken. Wer konnte schon erahnen, wie weit Beriths Einfluss geraten war? Möglicherweise gab es noch weitere Dämonen in Hornheim, die Irodeus als König vorziehen würden.

Vergiss es, Seimos.“ Azrael hob Murakama und ein Blitz zerteilte die Luft. Langsam bildete sich am Rand der Lichtung ein Portal. „Ich vertraue nicht jedem hier. Wir müssen das alleine hinbekommen.“

Seimos nickte lächelnd. „Kaum zu glauben, dass wir noch einmal miteinander kämpfen würden, nicht wahr? Schließlich hast du mich umgebracht.“

Du hast es auch verdient.“

Du ebenfalls.“

Velis folgte den Brüdern unter die Nadelbäume. Wie ein stummer Schatten tauchte Mendatius neben ihr auf. Velis hatte den alten Tempelsohn lange genug gekannt, um seine grimmige Entschlossenheit zu bemerken. Malfegas schnaubte.

Das wird noch einmal wie in alten Zeiten, richtig?“, lachte der gewaltige Löwe.

Mendatius schnaubte, jedoch milderte sein funkelnder Blick die Geste.

Einen besseren Lebensabend kann sich ein alter Ritter nicht wünschen“, brummte er.

Velis teilte ihre Sicherheit nicht, als sie durch das Portal schritten. Hinter ihrer ruhigen Miene verbarg sie aufkeimende Panik.

Was zur Hölle?“

Als sich das Portal schloss, standen sie nicht in Hornheim. Stattdessen erhoben sich große Häuser um sie herum. Sie befanden sich auf einem weitläufigen Marktplatz, in dessen Zentrum sich eine Tribüne erhob. Velis erkannte ein prunkvolles Rathaus und einen unheilsschwangeren Kerker. Sie entdeckte keine Menschenseele. Sie waren allein.

Sind wir hier in Aminas?“, fluchte Malfegas. „Was soll das?“

Seimos schwieg. Seine Finger glitten über den Mauritiusstab. Mendatius zog sein Langschwert. Velis’ Finger wanderten erneut zu dem Sklavenmacher. Sie zuckte zusammen, als die feinen Stacheln die Haut berührten.

Einzig Azrael ergriff das Wort. „Mein Portal wurde umgeleitet“, stieß er hervor. „Aber wie … ?“

König Azrael!“, rief eine laute Stimme.

Sie fuhren herum. Vor einer kleinen Nebenstraße stand, das lange Breitschwert drohend erhoben, Abigor von Hrandamaer. Das fahle Mondlicht tanzte auf seiner reich verzierten Augenklappe.

Abigor.“ Azraels Stimme nahm bestialische Züge an. Velis erinnerte sich, dass Hrandamaer im fünfzigjährigen Krieg Astavals Untergang herbeigeführt hatte. Die Nachkommen der einst so stolzen Herzogtümer standen noch immer in erbitterter Fehde miteinander.

Seimos trat vor und musterte Abigor mit zusammengekniffenen Augen. „Was tut Ihr hier, Abigor? Warum seid Ihr nicht im Lager und unterstützt die unerfahreneren Tempelsöhne?“

Abigor warf den Kopf in den Nacken und stieß ein grässliches Lachen aus, das Velis das Blut in den Adern gefrieren ließ. Genauso hatten die Knechte gelacht, als sie sie vor langen Jahren mit dem Brandeisen marterten.

Lasst uns mit offenen Karten spielen, Seimos.“ Abigor wuchtete das gewaltige Schwert auf seine Schulter. Ein breites Grinsen spaltete sein grobschlächtiges Gesicht. „Ich bin hier, um einen Dämonenkönig zu töten.“

Ich auch.“ Seimos zuckte nicht mit der Wimper.

Zu schade.“ Abigor seufzte. Wahnsinn glitzerte in seinem verbliebenen Auge. „Ich kann euch allen nicht erlauben, meinen Meister zu stören.“ Langsam deutete er eine Duellverbeugung an.

So einfach verratet Ihr Eure Eide?“, rief Seimos überrascht. „Ich hielt Euch immer für einen Narren, aber immerhin für einen frommen. Ihr überrascht mich.“

Abigor lachte erneut, aber diesmal schlich sich Trauer in seinen müden Blick.

Das kann nur ein Sprössling Arions von Astaval sagen. Dieser elende Bastard war so darauf versessen, das Richtige zu tun, dass er sogar seine eigene Familie opferte. Oder etwa nicht, Teshin? Bist du nicht einem Dämon geweiht?“ Azraels Züge verhärteten sich. Velis betrachtete beunruhigt, wie sich eine kaum erkennbare Aura der Macht um den König legte, während seine Lippen wie Lefzen die Zähne entblößten.

Abigor griff mit seiner freien Hand nach der Augenklappe. Als er sie sich vom Gesicht riss, erkannte Velis die grässliche Wunde. Sie wirkte wie ein verkrusteter Krater, der sich unaufhaltsam in das weiche Fleisch gegraben hatte.

Glaubt mir, Seimos, ich habe alles erfahren. Ich weiß Dinge, die meinen Glauben zerstört und mein Leben in ein Spottgebilde verwandelt haben. Soll ich Euch etwas verraten? Ich scheiß auf die Denomination. Ich scheiß auf den Kampfesruhm. Berith allein kann mir Freiheit geben und nur das will ich!“

Noch ehe er geendet hatte, färbte sich sein verbliebenes Auge rot und ein bestialischer Schrei löste sich aus der Kehle des Ritters. Velis erinnerte sich, dass in den Adern der Ritter von Hrandamaer dunkles Blut floss, das ihnen nachts mehr Kraft gewährte.

Abigor erblickte Velis, nahm Anlauf und stieß sich kräftig vom Boden ab. Instinktiv ließ sie ihre dämonische Macht durch ihre Adern jagen und wich wie ein Schemen zur Seite aus. Eine Staubwolke erhob sich, als der kalte Stahl in den steinigen Untergrund fuhr. Velis’ Herz klopfte so stark, als würde es jeden Moment aus der Brust springen wollen.

Das ist lächerlich, Abigor!“, rief Seimos. Sorge spiegelte sich in seinen blutroten Augen und strafte seine Worte Lügen.. „Ihr habt keine Chance!“

Malfegas reagierte wortkarger. Ehe Abigor sein Schwert aus dem Boden befreien konnte, setzte der gewaltige Löwe zum Sprung an. Seine roten Augen glitzerten mordlustig und rotes Licht umhüllte die gekrümmten Pranken.

Plötzlich erschien ein ähnliches Licht vor Abigor. Malfegas prallte überrascht davon ab und landete fauchend auf dem Boden.

Ein Halbblut kann niemals Dämonenmagie einsetzen!“, knurrte er. „Sag, wer hilft dir?“

Abigor beantwortete die Frage mit einem weiten Schwerthieb. Malfegas bildete selbst eine Barriere, als die Klinge ihn zu erreichen drohte. Aber anstatt abzuprallen fuhr der Stahl hindurch wie durch Luft.

Blut spritzte und Malfegas heulte auf. Velis schlug entsetzt die Hände vor den Mund. Das Schwert hatte ihm ein Vorderbein abgetrennt.

Kommt ihm nicht zu nah!“, rief Seimos. „Das scheint die Klinge Velfaunir zu sein! Dämonische Magie wird sie nicht aufhalten!“

Erzähl mir was Neues!“, brüllte Malfegas und spie Feuer. Schnell wich Abigor mit einem Ausfallschritt vor den fauchenden Flammen zurück. Trotz des gewichtigen Schwerts bewegte er sich leichtfüßig über die schmutzigen Pflastersteine.

Schock durchdrang Velis wie ein Blitz. Sie konnte sich nicht erinnern, je in Lebensgefahr geschwebt zu haben. Stets umwölkte das unumstößliche Wissen ihren Verstand, dass ihre Magie jedem menschlichen Versuch, sie zu töten, Einhalt gebieten würde. Dieses Schwert degradierte sie zu einem unscheinbaren Mädchen, das jeder Hieb zu Fall bringen könnte.

Doch ihre Angst verwandelte sich schnell in Wut. Sie fühlte, wie der Sklavenmacher gegen ihre Magie aufbegehrte, aber sie war nicht mehr das hilflose Mädchen in Ketten. Sie war eine Herzogin Hornheims, eine Beraterin Azraels. Sie würde sich vor keinem Tempelsohn Blöße geben.

Zeitgleich mit Mendatius sprach sie ein Wort der Macht.

Der Greis hüllte sein Breitschwert in heiliges Licht und formte vor sich in der Luft eine Rune der Alten Sprache, die verheißungsvoll glomm. Velis’ Macht erschuf einen Abglanz der Finsternis um ihre Füße, einen giftigen Sumpf, geboren aus ihrer ketzerischen Existenz. Zufrieden sah sie, wie bleiche Hände aus dem dunklen Untergrund schossen. Ihre Hrandar versammelten sich.

Abigor machte Anstalten, Malfegas zu enthaupten, aber in einem scharlachroten Blitz drängte sich Azrael zwischen sie. Der Dämonenkönig deckte Abigor mit einer Reihe schneller Hiebe ein, die den Tempelsohn straucheln ließen. Zeitgleich begann Seimos einen Choral. Heilige Magie sammelte sich um den dämonischen Inquisitor und hüllte ihn in einen Kokon aus Licht.

Zu Diensten“, grüßte Berengar, während er sich mit den übrigen wandelnden Toten aus dem Untergrund erhob. Velis atmete tief durch. Seine Anwesenheit beruhigte ihn.

Helft Malfegas!“, befahl sie dreien der Toten. Berengar nickte sie zu. „Triff ihn von hinten.“

Berengar nickte grinsend. „Verstanden.“

Velis vollführte eine kurze Geste und verschleierte Berengars Gestalt. Als Schatten glitt er über den Boden, während Mendatius sich zu Azrael gesellte und Abigor von seiner blinden Seite attackierte.

Der Ritter von Hrandamaer brüllte wütend auf, als die beiden ihn weiter zurückdrängten. Zudem fühlte Velis, wie Azrael Magie für seinen Höllenzauber sammelte.

Dieser Kampf war entschieden.

Kurz erlangte sie ihre einstige Sicherheit wieder, als plötzlich ein Lichtblitz die Welt teilte.

Azrael hielt der Entladung mit erhobenem Schwert stand, aber Mendatius leuchtende Rune zerstob in Funken. Der alte Ritter taumelte und fiel zu Boden. Abigor lachte triumphierend. Stahl traf auf Stahl, als er Azrael attackierte.

Jemand hilft ihm, begriff Velis. Mit geschärften Sinnen untersuchte sie die Umgebung. Sie konnte niemanden spüren.

Vater? Bist du das?

Die Frage blieb unbeantwortet. Ergrimmt sprach Velis ein Wort der Macht und Berengar stürzte sich aus dem Schatten auf Abigor.

Erneut erhellte ein Blitz den Marktplatz und der Hrandar sank besinnungslos zu Boden.

Es kam aus dieser Richtung!“, schrie plötzlich Malfegas. Der verletzte Löwe erhob sich auf seine Hinterbeine und spie ein Wort der Macht aus. Feuer schoss aus seinem Maul und verbrannte einen leeren Pferdestall zu Asche. Velis erkannte einen schwarzen Schemen, der mit unmenschlicher Geschwindigkeit in das nächste Gebäude auswich.

Wer auch immer das ist, er verwendet meinen Ausweichzauber. Es gibt nur eine Person, die ihn lehren kann.

Malfegas erzeugte einen weiteren Feuerstrom, während Azrael und Abigor miteinander fochten. Velis erkannte ihre Chance und lief schnell zu Mendatius, um ihm aufzuhelfen.

Danke“, stöhnte der alte Ritter. Velis erkannte keine Verletzungen. Der Blitz schien ihn jedoch etwas konfus gemacht zu haben, denn er konnte nur beschwerlich ein Bein vor das andere setzen und hielt die Hand vor sich gestreckt wie ein Blinder. Velis sammelte all ihre magische Macht. Sollte Abigors rätselhafter Verbündeter auch sie angreifen, musste sie vorbereitet sein.

Ihre Hrandar standen wachsam um Malfegas, während dieser das Rathaus in Brand steckte. Velis sah geschmolzenes Gold und wertvolle Marmorstatuen, die sich in einer unförmigen Masse schwelender Materialien dem Erdboden zuneigten. Der Hass auf den dekadenten Bürgermeister im Volk verwunderte sie nun nicht mehr.

Wieder entkam der Schemen. Doch diesmal war Velis vorbereitet. Sie hob die Hand und rief ein Wort der Macht. Der Schemen strauchelte und fiel zu Boden. Mit triumphierendem Geheul setzte Malfegas nach, ihre Hrandar folgten ihm dicht.

Im nächsten Moment beendete Seimos seinen Choral. Ein Konglomerat heiliger Magie erfüllte den Marktplatz. Kurz glaubte Velis, himmlischen Gesang zu vernehmen. Eine Aura aus Frieden und Heiligkeit regierte die einstige Versammlungsstätte und fror die Zeit ein. Die Welt und ihre Bewohner schienen stillzustehen, um sich in frommer Eintracht im Gesang zu vereinen.

Im nächsten Augenblick zerstob die Vision und reinigendes Licht schoss aus dem Mauritiusstab wie weißes Feuer. Der Angriff erfasste Azrael und Abigor mitten während ihres Duells. Die Barriere des Dämonenkönigs hielt stand. Abigors Schutz hingegen schmolz wie Butter in der Sonne.

Das Schwert Velfaunir nahm einen großen Teil der heiligen Magie in sich auf, doch der Rest traf Abigor ohne Hindernis. Sein Harnisch schützte den hünenhaften Oberkörper, aber das heilige Feuer stürzte sich hungrig auf Abigors freiliegenden Kopf. Das rötliche Auge zerfloss zu Schlacke, während ihm das Schwert aus der Hand glitt. Einen Augenblick lang stand Abigor wie eine Statue auf den Pflastersteinen, unbändiges Entsetzen im Gesicht. Dann ergriff der Wahnsinn den Ritter und Bischof, als die Macht der Denomination eben jenen verschlang, der sie zu beschützen geschworen hatte.

Unter lautem Geschrei rannte er an Azrael vorbei gegen die Mauer des Kerkers, taumelte blind gegen die Tribüne und sprang in unmöglichen Verrenkungen umher, während sich seine zuckenden Gliedmaßen dem Mond entgegenstreckten. Velis sah fassungslos, wie Abigor von Hrandamaer schließlich zu Boden fiel und sich sein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Gesicht vor der Ewigkeit verneigte.

Mit klopfendem Herzen wandte sich Velis ab. Sie empfand Mitleid mit dem verzweifelten Ritter. Ein solches Schicksal sollte kein Mensch teilen.

Ihr blieb keine Zeit zum Trauern. Malfegas stürzte sich auf die schwarz gekleidete Gestalt, die Velis’ Gegenzauber aus der Luft geholt hatte. Doch bevor das Maul des Löwen sich schloss, wich sie katzengleich nach links aus, erklomm in Windeseile die Mauer des Kerkers und hielt auf dem Dach inne.

Erst jetzt erkannte Velis das grinsende Gesicht.

Ashaya!“, rief Azrael wütend und hob herausfordernd Murakama. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

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Korrekturen 22

22. Teil – Das Ende des Zeitvektors (1/3)

Es war ihnen allen klar, dass sie hier nicht bleiben konnten. Die Sicherheitskräfte würden ihre Anstrengungen, ihre Maschine aufzubrechen, sicherlich bald erhöhen.
»Unser Ziel ist das Jahr 2008«, sagte Giwoon. »Bis dorthin sollte uns der Temporalprozessor noch bringen können.«
»Ins Jahr 2008?«, fragten Khendrah und Thomas. »Woher wisst Ihr …?«
»Später«, sagte Giwoon, der bereits dabei war, ihre Abreise aus dem Jahre 2110 vorzubereiten.
»Bitte setzt euch und schnallt euch an. Ich weiß nicht, ob die Maschine noch eine ruhige und sanfte Reise durch die Zeit gewährleisten kann.«
Er wartete noch, bis alle Sicherheitsgurte eingerastet waren, dann legte er seine Hand auf die Steuerkugel und aktivierte den Slider. Die Geräusche, die dabei entstanden, sprachen Bände. Es war sowohl Giwoon, als auch Fancan klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Trotzdem versank die Realität, die sie vorher noch über die Bildschirme im Innern der Maschine beobachten konnten, im Nebel. Sie waren auf der Reise. Es war ihnen klar, dass es nur eine kurze Reise werden würde, doch bereits wenig später ertönte ein Alarm.
Aufgeregt checkte Giwoon, die Steuerung.
»Festhalten, wir stürzen in die Realität zurück!«, brüllte er noch – dann war es auch schon geschehen. Auf den Bildschirmen tauchte das Bild eines ausgedehnten Waldes auf und im nächsten Moment stürzte der Slider in die Baumkronen hinein. Giwoon versuchte noch, etwas dagegen zu unternehmen, doch die Maschine schlug bereits auf dem Waldboden auf. Sie wurden hart in ihre Gurte gepresst und für einen Moment hatten sie das Gefühl, sie würden keine Luft mehr bekommen. Dann lag der Slider still.
»Was ist geschehen?«, fragte Khendrah, nachdem sie ihren Gurt gelöst hatte und sich vergewissert hatte, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hatte.
»Was soll schon geschehen sein?«, fragte Giwoon. »Es ist genau das passiert, was ich befürchtet habe: Dieser Slider wird uns nicht mehr durch die Zeit transportieren können.«
»Und was tun wir dann jetzt?«, wollte Thomas wissen, »Gibt es eine Möglichkeit, das Ding zu reparieren?«
Giwoon schüttelte den Kopf.
»Dazu fehlen uns Ersatzteile, deren Herstellung in dieser Epoche einfach nicht möglich ist.«
Er wandte sich seinen Instrumenten zu und schaltete daran herum. Nach einer Weile hellte sich seine Miene auf.
»Ganz so schlimm ist es nicht«, stellte er fest. »Der Slider ist noch immer flugtauglich und … wir befinden uns im Jahre 2014. Das reicht noch völlig aus, um unseren Auftrag noch zu erfüllen.«
»Auftrag?«, wunderte sich Khendrah. »Von was für einem Auftrag reden wir denn hier?«
Giwoon und Fancan sahen sie einen Moment schweigend an, dann brach Fancan das Schweigen:
»Wir sind im einhundertzwölften Jahrhundert aufgebrochen, um den Zeitvektor der obersten Behörde zu vernichten.«
»Wie bitte?«, fragte Khendrah entgeistert. »Seid Ihr vollkommen übergeschnappt? Und überhaupt: Wie wollt Ihr das anstellen? Der Vektor erstreckt sich über unzählige Zeitalter. Er ist unzerstörbar.«
»Das, mein Schatz, ist er sicherlich nicht«, entgegnete Fancan. »Das Zeitsystem des Vektors benötigt ungeheure Mengen an Energie, wie du dir sicher vorstellen kannst. Wir haben das immer einfach als naturgegeben hingenommen, weil es eben immer schon so war, aber Giwoon und seine Leute haben ermittelt, dass es eine Vorrichtung am unteren Ende der kontrollierten Zeit gibt, die ihre Energie für den gesamten Vektor direkt aus der Sonne bezieht. Wenn wir diese Vorrichtung zerstören, wird sich der Vektor Stück für Stück auflösen.«
Khendrah stand der Mund vor Staunen weit offen. Sie konnte nicht glauben, was ihre Freundin ihr da erklärte.
»Das kann doch nicht euer Ernst sein!«, protestierte sie. »Es würde alles im Chaos versinken.«
»Das ist nicht richtig«, stellte Giwoon klar. »Anders herum wird ein Schuh daraus. Ihr habt das Chaos erst möglich gemacht. Wir haben nur eine Chance: Die Vernichtung des Vektors, um der Zeit Gelegenheit zu geben, sich zu erholen.«
Khendrah schüttelte immer wieder den Kopf.
»Ihr könnt das System nicht vernichten«, wandte sie wieder ein. »Es arbeiten sicherlich viele Hunderttausend Menschen für die Oberste Behörde. Was würde mit ihnen geschehen, wenn die Energieversorgung gekappt wird. Würden sie nicht sterben?«
»Nein Khendrah, das werden sie nicht«, beruhigte sie Giwoon. »Das war eines unserer Hauptanliegen, dieses Projekt unblutig abwickeln zu können. Die Energie wird von der Sonnenzapfanlage ganz weit unten in der kontrollierten Zeit eingespeist und fließt dann entlang der Zeitlinien in die Zukunft. Jede aktive Abteilung entnimmt nur so viel Energie, wie sie benötigt, um das System zu stabilisieren. Wenn die Quelle versiegt, beginnt der Vektor von unten her, sich aufzulösen. Sobald das geschieht, wird es einen Alarm geben, der bis in die ferne Zukunft reichen wird. Jeder wird noch die Gelegenheit haben, in die Realität zu entkommen, bevor es zu spät ist. Der Prozess wird sich über Wochen hinziehen, besagen unsere Berechnungen.«
»Und wenn Jemand nicht rechtzeitig geht?«, fragte Khendrah.
»Dem ist auch nicht zu helfen«, antwortete Giwoon knapp. »Dafür tragen wir nicht die Verantwortung. Bist du nun dabei, oder nicht?«
Er blickte Khendrah forschend und erwartungsvoll an. Sie wandte sich Hilfe suchend an Thomas.
»Mich darfst du nicht fragen«, sagte dieser. »Ich habe noch nie viel davon gehalten, die Zeit zu manipulieren. Du erinnerst dich? Ursprünglich haben wir uns kennen gelernt, weil du mich töten wolltest.«
»Jetzt reite nicht wieder darauf herum!«, schimpfte Khendrah. »Es ist einfach schwer für mich, dass alles, an das ich bisher geglaubt habe, plötzlich infrage gestellt wird. Angenommen, wir schaffen es und können diese Sonnenzapfanlage wirklich zerstören, was wird dann geschehen? Was wird mit uns geschehen? Könnte nicht einfach ein Reparaturtrupp aus dem Vektor hier auftauchen und den Schaden beheben?«
»Hey!«, rief Fancan und wandte sich an Giwoon. »Khendrah hat nicht ganz Unrecht. Wenn hier ein Reparaturtrupp auftaucht, ist unsere ganze Arbeit vergebens und außerdem hätten wir auch noch den Sicherheitsdienst der Obersten Behörde am Hals.«
Giwoon lachte leise, was Fancan ärgerlich machte.
»Giwoon!«, schimpfte Fancan. »Das ist nicht zum Lachen! Wenn der Sicherheitsdienst hier auftaucht, sind wir geliefert. Sie würden uns ohne Weiteres liquidieren.«
Giwoon wurde wieder ernst.
»Ja, das ist ja auch ihre liebste Lösung«, sagte er bitter. »Wenn es Probleme gibt, muss eben Jemand sterben. Ihr wollt wissen, warum ich so gelacht habe? Das kann ich euch erklären: Ich habe von der Basis im Jahre 6000 aus meine Recherchen betrieben und dabei herausgefunden, dass die Oberste Behörde vor vielen Relativjahren eine Zeitkorrektur beschlossen hatte, die unter anderem dazu geführt hat, dass die Technologie des Sonnenzapfens verloren gegangen ist.«
»Wie bitte?«, fragte Fancan, »Das kann doch nicht sein. Wenn die Technologie nicht mehr verfügbar ist, kann die Anlage auch nicht installiert worden sein. Das wäre ein Paradoxon.«
»Ja, das wäre es, wenn nicht die Technologie vorher von der Obersten Behörde in den Vektor importiert worden wäre«, sagte Khendrah. »Das machen sie immer so. Im Vektor gelten andere Gesetze. Eine einmal importierte Technologie kann von uns Zeitagenten oder den Technikern angewendet werden, ohne, dass es zu einem Paradoxon kommen kann. Insoweit stehen wir noch immer vor dem Problem, dass ein Reparaturtrupp hier erscheinen könnte.«
»Nein«, sagte Giwoon schlicht. »Und zwar, weil ich die Daten in der zentralen Datenbank gelöscht habe. Das gleiche habe ich mit den Backups gemacht. Dann gab es noch die Kristallspeicher im 7500. Dort lagert all das alte Wissen aller Zeitalter. Was soll ich sagen? In meiner Eigenschaft als Techniker hatte ich uneingeschränkten Zugriff auf die Kristallspeicher. Vor längerer Zeit war ich dort und sorgte dafür, dass es einen kleinen Brand in einem der Lager gab. Vielleicht habt Ihr davon gehört. Die Hitze war so groß, dass sämtliche Kristallspeicher in diesem Raum unbrauchbar wurden. Ratet mal, welche Informationen dort gelagert haben.«
»Dann haben sie wirklich keine Möglichkeit, das System wieder in Gang zu bringen, wenn wir es zerstören«, stellte Khendrah fest.
Giwoon hielt ein kleines, handliches Gerät hoch.
»Das hier wird das Schicksal des Zeitvektors besiegeln«, sagte er. »Wir müssen es so nah wie möglich an die Sonnenzapfanlage bringen und dann zünden. Die freigesetzte Energie wird einen Impuls erzeugen, der jedes Gerät in einem bestimmten Umkreis zerbersten lassen wird.«
»Tolle Idee«, meinte Thomas. »Was willst du tun, wenn die Anlage irgendwo inmitten einer Stadt installiert wurde?«
»Das wird nicht der Fall sein«, machte Giwoon klar. »Man hatte kein Verlangen danach, dass diese Anlage gefunden wird. Zugänglich ist sie nur in den wenigen Jahren nach ihrer Installation und das ist in den ersten Jahren des einundwanzigsten Jahrhunderts. Wir können von Glück sagen, dass wir noch innerhalb dieser Zeitspanne gelandet sind, sonst könnten wir unseren Plan abschreiben. Ich vermute, dass wir uns irgendwo im Hochgebirge umsehen müssen.«
Er drückte eine Taste an dem Gerät, worauf es in Abständen zu piepsen begann. Ein kleiner Monitor an seiner Oberseite erhellte sich.
»Hast du dieses Ding jetzt etwa scharf gemacht?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, ich habe nur die Suchfunktion aktiviert. Unsere Techniker haben es so konstruiert, dass es sein Ziel selbst suchen kann. Wir müssen nur dem Signal folgen, wenn die Suche erfolgreich ist.«
Gebannt starrten sie alle auf den kleinen Monitor auf dem Gerät in Giwoons Hand. Ein kleiner, sich drehender Zeiger signalisierte, dass es noch dabei war, seine Umgebung zu scannen.
»Wo befinden wir uns denn eigentlich selbst?«, fragte Thomas. »Ich habe zwar gesehen, dass wir in einen Wald gestürzt sind, aber wo ist dieser Wald?«
»Das haben wir gleich«, sagte Giwoon, »sie hatten damals bereits ein System, das ihnen eine Positionsbestimmung auf dem Planeten ermöglichte. Es war zwar recht primitiv, aber es sollte uns zumindest sagen können, wo wir uns ungefähr befinden.«
Er drehte an der Steuerkugel herum. Für Fancan war nie zu erkennen, was Giwoon da eigentlich genau tat, denn gleich, was er erreichen wollte, er drehte immer an dieser Kugel herum. Für sie machte es keinen Unterschied, ob er den Flug kontrollierte, oder nur die Kabinenbeleuchtung regulierte. Mit einem Mal wechselte die Anzeige auf der Kugel. Ein Abbild der Erde wurde angezeigt. Darauf blinkte ein kleiner roter Punkt.
»Da sind wir«, sagte Giwoon triumphierend und zeigte mit dem Finger auf den Punkt, »zentralafrikanischer Kontinent. Die Gegend hier ist selbst in dieser Zeit noch sehr einsam und verlassen.«
»Und wo müssen wir nun hin?«, wollte Khendrah wissen. »Wenn der Slider noch flugtauglich ist, sollten wir vielleicht bald von hier verschwinden, bevor Neugierige hier auftauchen.«
»Ich glaube zwar nicht, dass wir bei unserer Bruchlandung Zuschauer hatten, aber wir sollten uns wirklich nicht zu lange an einem Fleck aufhalten.«
Giwoon ließ die Aggregate für den atmosphärischen Flug anlaufen. Ein leises Summen erfüllte die Kabine.
»Schaut mal!«, rief Fancan, die das kleine Ortungs- und Zerstörungsgerät in der Hand hielt. »Jetzt zeigt der Monitor etwas an. Ich weiß nur nicht, was es bedeutet.«
Giwoon schaute darauf.
»Das sind Flugvektoren und Distanzdaten. Ich werde sie in die Steuerung eingeben, dann kann die Steuerkugel uns genau zeigen, wo unser Ziel liegt. Diktiere mir bitte mal die Zahlen, ja?«
Fancan gab sie ihm langsam und exakt durch, während Giwoon sie in das Terminal eingab. Anschließend zeigte die Steuerkugel eine gelbe Linie an, die vom roten Punkt ausging, der ihren Standort bezeichnete. Interessiert verfolgten sie diese Linie mit ihren Blicken und endeckten ihr Ende mitten im Himalaja.
»Wie ich es gesagt habe!«, rief Giwoon triumphierend. »Der Himalaja! Ein Zentralmassiv – nur dort können sie die Energieversorgung installiert haben, denn dort schauen nicht oft Menschen vorbei und man kann davon ausgehen, dass der Himalaja auch in vielen Tausend Jahren noch existieren wird.«
»Sag mal Giwoon«, meldete sich Thomas zu Wort, »wie kann ein so kleines Ding über so eine gewaltige Strecke hinweg ein Kraftwerk orten, dass sich inmitten eines Gebirges befindet? Das ist doch nicht möglich.«
Giwoon drehte sich verblüfft zu Thomas um.
»Natürlich kann es das«, sagte er verständnislos, doch dann fiel ihm etwas ein.
»Ach, ich weiß, was du meinst. In den unteren Jahrhunderten – vielleicht sogar in den unteren Jahrtausenden – nutzte man überwiegend elektrische Energiequellen. Wenn es eine Anlage wäre, die mit Elektrizität arbeitet, könnten wir sie in der Tat nicht orten.«
Er deutete auf die Darstellung des Himalaja und tippte mit dem Finger auf die Steuerkugel.
»Mit elektrischer Energie könnte man niemals ein Gebilde wie den Vektor aufrecht erhalten. Dazu braucht es schon eine weitaus effektivere Energiequelle. In diesem Fall nutzte man noch die in meiner Zeit bereits veraltete Quarkstrom-Technologie und die erzeugt ein Feld, das man sogar aus noch viel größerer Entfernung anmessen kann.«
»Quarkstrom-Technologie«, sagte Thomas ungläubig, »wenn du mich verscheißern willst, dann sag es besser gleich.«
»Ich will dich nicht veralbern«, verteidigte sich Giwoon, »nur, weil man sich zu deiner Heimatzeit noch keine praktische Nutzung der Quarks vorstellen konnte, muss es doch nicht heißen, dass spätere Zeitalter keine bahnbrechenden Entdeckungen mehr machen können. In meiner Heimatzeit versorgen wir uns mithilfe der Cherts mit Energie. Das ist sicher und umweltfreundlich.«
»Was sind Cherts?«, fragte Khendrah, »Ich bin zwar keine Physikerin, aber ich habe noch nie von so etwas gehört.«
Giwoon winkte ab.
»Lassen wir das«, sagte er, »ich denke, die Cherts sind bis zum oberen Ende des Vektors noch überhaupt nicht entdeckt worden.«
Er hielt wieder das Gerät hoch, welches das Ende des Vektors bedeuten sollte.
»Das Ding hier arbeitet mit Cherts«, erklärte er, »es wird niemals eine neue Energiequelle bekommen müssen. Es bezieht seine Energie direkt aus dem kosmischen Gravitationsfeld.«
»Mir wird das jetzt zu hoch«, gab Thomas bekannt.
»Meinst du, mir ginge es anders?«, fragte Khendrah und sah zu Fancan hinüber, die ebenfalls nur die Schultern zuckte.
»Vielleicht sollten wir allmählich aufbrechen«, schlug sie vor.
»Genau das werden wir jetzt auch tun«, sagte Giwoon. »Symeen, meine Mutter hatte mich nämlich davor gewarnt, dass es in dieser Zeit bereits eine recht einfache, aber effektive Methode gibt, Flugkörper zu orten. Sie strahlten ein Signal ab und wo es reflektiert wurde, musste zwangsläufig ein Flugkörper sein.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 12.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 8 – Die Gashöhlen

Als der klaffende Schlund ihn verschluckte, war Archweyll noch nicht bewusst gewesen, welchen Gefahren er sich damit ausgesetzt hatte. Die abstrakten Felsformationen glitzerten im Licht seiner Scheinwerfer rostrot und formten grinsende Grimassen, die ihn aufgrund seiner hoffnungslosen Lage zu verspotten schienen. 
Verloren auf dem Grund des Ozeans. 
Er verkniff sich eine Reaktion und schritt weiter in die Tiefe. Surrend befolgten die Gelenke des Scherenpanzers seine Befehle. 
Es ging in einer leichten Senkung bergab und schnell bekam der Kommandant das Gefühl, in einem großen Canyon gelandet zu sein. Fast dreißig Meter ragten die Klippen nun über ihm auf und das matte Leuchten der seltsamen Pflanzen reichte kaum noch, um sich zu orientieren. Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass er sich nicht durch eine enge Höhle oder ähnliches kämpfen musste. Das Gestein wurde von seltsamen grauen Pocken besetzt, die ihm irgendwie ein kränkliches Aussehen verliehen. Winzige silberne Schemen flitzten durch den Schein des Lichtes und waren wieder verschwunden, bevor Archweylls Auge sie genau erfassen konnte. Herkömmliche Pflanzen gab es hier keine. 
Wie denn auch, ohne Sonnenlicht? Instinktiv überkam den Kommandanten ein schauderhaftes Gruseln, als er sich die Frage stellte, was die seltsamen leuchtenden Augen angesichts dieser Tatsache dann für Lebewesen waren. 
Nachdem der Canyon einen steilen Knick vollführte, stand Archweyll plötzlich vor einer Wand. 
Eine Sackgasse. 
Er unterdrückte das drängende Gefühl, verächtlich ausspucken zu müssen. Seinen Schätzungen zufolge, war er kaum eine halbe Meile von der Quelle des metallischen Glitzerns entfernt. Aber jetzt umzukehren und einen neuen Weg zu finden, würde ihm Stunden, wenn nicht gar Tage an Zeit rauben. Und hier unten war nichts gewiss, das war das wohl einzig sichere. 
Plötzlich bemerkte Archweyll einen Spalt, der unter der Felswand durchzuführen schien, kaum groß genug, um sich hineinzuzwängen. Ein klaffendes schwarzes Loch öffnete sich im Boden unter ihm und schien ihn hungrig zu erwarten. Für eine Sekunde wägte der Kommandant seine Möglichkeiten ab. 
Er aktivierte den Scan, um weitere Informationen zu erhalten. 
Seinen Daten zufolge hatte er den Zugang in ein Labyrinth entdeckt, bestehend aus unzählbar vielen Gängen und Kreuzungen, Kavernen und Durchgängen. Wenn er Glück hatte, könnte er dadurch einen Umweg vermeiden. 
Allerdings war sich Archweyll durchaus bewusst, dass es auch mit einem hohen Risiko verbunden war, in ein unbekanntes Höhlensystem hinabzusteigen.  Doch andererseits… was für eine Wahl blieb ihm denn? Er war drauf und dran hinabzusteigen, als der Scan eine Warnung ausspuckte. »Achtung: Gasförmige Lebensform lokalisiert, unbekannte Auswirkungen auf Scherenpanzer. Gefahrenstufe gelb.« 
»Wenn es weiter nichts ist«, feixte der Kommandant, dann sprang er in das Loch.

                                                                          ***

Nichts wollte funktionieren. Die völlige Finsternis hatte ihre Hoffnung genauso verschluckt wie ihren Anzug. Es war Tamara wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis sie endlich auf den Grund gestoßen war. Eine weitere Ewigkeit verharrte sie nun schon hier, in absoluter Stille. 
Die Aussicht, jemand würde kommen, um sie zu holen, schwand mit jeder verstrichenen Sekunde. Ihre Versuche, den Scherenpanzer wieder zum Laufen zu bringen, waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen und spätestens nachdem sie versehentlich die Hauptleitung gekappt hatte, gab sie es auf. Tamara war eine Kriegerin, keine Technikerin. Und selbst wenn es ihr eigener Kodex verlangte, niemals aufzugeben, sah sie doch gerade kein Licht, am Ende des wirklich dunklen Tunnels. Ein einziges Mal hatte sie das Licht ihrer Lampe angemacht, um für eine Sekunde nach draußen zu leuchten, nur um sich von dem Anblick, der sich ihr bot, derart zu erschrecken, dass sie sich seitdem nicht mehr getraut hatte. 
Ein wurmähnliches Etwas hatte sich vor ihr durch den Boden gesaugt und ein weiteres war beim Anblick des Lichtes kreischend von einer Anhöhe auf sie hinabgestürzt, hatte aber ohne Schaden anzurichten wieder das Weite gesucht. 
Seitdem vernahm sie überall das Schmatzen dieser Lebewesen und das Wummern ihres eigenen Herzens. Oder bildete sie sich das nur ein? 
Die Schatten um sie herum formten wurmartige Schlangen, die sich förmlich an sie schmiegten.Ihr Gehirn spuckte allerlei grausame Szenarien aus, doch noch gelang es ihr, die Fassung zu bewahren. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, nur um in sich zu kehren. Was sie brauchte, war ein Plan. Aber so fieberhaft sie auch einen suchte, derzeit kam ihr nichts in den Sinn, außer abwarten. Und das gefiel ihr gar nicht. Das Geräusch der arbeitenden Würmer wurde immer lauter und langsam ließ es Tamara panisch werden.
»Was zur Hölle ist hier nur los?«, brach es wütend und gleichzeitig ängstlich aus ihr heraus. 
Sie unterdrückte nur mit Mühe eine Panikattacke. Noch nie hatte sie sich so ausgeliefert gefühlt. 
Auf einmal ertönte unter ihr ein knackendes Geräusch. 
Bevor sie registrieren konnte, woher es stammte, brach plötzlich der Boden unter ihr zusammen. Tamaras Anzug fiel einige Meter in die Tiefe und tauchte ein in ein Meer aus sich windenden Leibern. Ein panischer Aufschrei entwich ihren Lippen und verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein ängstliches Schluchzen. 
Die Würmer. Sie haben mich untergraben und jetzt kommen sie mich holen. 
Die Lebewesen machten sich daran, den Anzug zu zerlegen. Es würde ihnen zweifelsohne einiges abverlangen, durch das Metall zu kommen, aber Tamara war sich sicher, dass es sich nur um wenige Stunden handeln konnte, bevor sich eines dieser Wesen durch ihren Körper bohrte. 
Ein saugender Rüssel voller spitzer Zacken saugte sich schlürfend an der Frontscheibe fest. 
Schockiert und gleichzeitig angewidert drehte sie sich weg. 
»Arch, wo bist du?«, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum noch mehr als ein Flehen. 

                                                                  ***

Als sein Licht die massiven Höhlenwände überflog, geriet der Kommandant ins Staunen. 
Das Wasser hier unten schillerte wie Öl, in den Farben des Regenbogens. 
Zweifelsohne lag das an dem Gas, das hier unten durch die Kanäle waberte und in konzentrierter Form auftauchte. Allerdings war sein Scherenpanzer so dicht von außen abgeschottet, dass er nicht befürchtete, davon betroffen zu sein. 
Mit einem schnellen Blick versuchte Archweyll sich zu orientieren. Er war in einem Gang gelandet, der in zwei Richtungen führte. Nun würde der Scan ihm den Weg weisen. Schnell eilte er den engen kreisrunden Tunnel entlang, bedacht darauf, seinen Wänden nicht zu nahe zu kommen und stets einen Blick auf die Decke zu behalten. Jede mögliche Öffnung nach oben war ihm willkommen. Doch plötzlich hielt er abrupt inne. 
Dieser Tunnel war viel zu eben und perfekt gerundet, als das die Natur ihn jemals hätte von selbst erschaffen können. Hier hatte sich etwas durch das Gestein gewühlt und es war groß. 
Vorsichtig schlich Archweyll weiter, jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, seine Augen weit aufgerissen. Wenn er genau hinsah, erkannte er viele kleine Löcher, die in den großen Tunnel mündeten. 
Hier unten lebt etwas. 
Mit einem Knopfdrücken fuhr er die Klinge aus, die am rechten Handgelenk seines Anzuges verankert lag, und hielt sie eisern umklammert. 
Sollen sie nur kommen. Ich werde sie wärmlichst empfangen.
Er ging leicht in die Hocke, um sich besser auf einen Angriffssprung vorzubereiten. 
Der Tunnel vollzog eine Wendung und in einiger Entfernung erkannte der Kommandant eine Öffnung, die an die Oberfläche zu führen schien. Plötzlich streifte sein Licht einen saugrüsselähnlichen Kopf. 
Kreischend warf sich der Wurm ihn entgegen, ein Geräusch, als würden zwei Kreissägenblätter im wütenden Kampf aufeinandertreffen. Er fuhr seinen Rüssel zu voller Länge aus und eine spitze, mit Dornen besetzte Zunge stieß daraus hervor, um die Panzerscheibe zu durchstoßen. Krachend prallte das Todeswerkzeug davon ab und ließ Archweyll die Zeit, die er brauchte, um anzugreifen. Er sprang nach vorne und rammte das Messer in das, was man einen Kopf nennen könnte. Blut ergoss sich wie dunkelroter Rauch in das Wasser. Die Kreatur war sofort tot. 
Eine rot leuchtende Anzeige und eindringliche Warnsignale erforderten die sofortige Aufmerksamkeit des Kommandanten. Schwer atmend studierte er die Monitore.
»Verflucht!«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihm bewusst wurde, dass der Angriff des Wurms einen Mikroriss in der Scheibe verursacht hatte. 
»Druckstabilisator aktiviert. Benötigte Energieleistung erreicht kritische Schwelle. Standby«, knisterte es aus dem Lautsprecher.
Archweyll ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte seinen Feind unterschätzt. 
Auf einmal vernahm er einen eindringlichen Moschusduft. Noch bevor der Kommandant realisieren konnte, woher er stammte, nahm er aus dem Augenwinkel eine erneute Bewegung wahr, die ihn abermals ablenkte. Er richtete das Messer in die Richtung und ein Knurren entwich seiner Kehle. Der Geruch wurde intensiver. Archweyll merkte, wie sein Sichtfeld sich erweiterte. 
Er spürte die schwere Last des Wassers auf sich ruhen und der Tunnel verzerrte sich zu aberwitzigen Formen. Sein Herz begann zunehmend zu rasen und eine unsagbare Zufriedenheit hüllte ihn in eine daunengleiche Weichheit. 
Das Gas dringt ein, schoss es ihm durch den Kopf wie eine ordentliche Dosis. Erneut registrierte er eine Bewegung vor sich. Ein Schemen steuerte direkt auf ihn zu. Archweyll wischte sich gründlich die Augen, um sicherzustellen, dass er nicht träumte. 
Tamara kam auf ihn zu geschwommen, ihr flammenrotes Haar wallte in der Strömung und anstelle von Beinen besaß sie eine lange schillernde Schwanzflosse. Ihr Oberkörper war unbedeckt und sie zwinkerte ihm für eine Sekunde ein verruchtes Lächeln zu. 
Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, erstrahlte ihr Körper von innen heraus und das Licht tausender Sterne trat aus ihr heraus, verwandelte die Höhle in ein Explosion aus Farben, deren Spektrum sich wieder und wieder in unzählige Fragmente zerteilte. 
Archweyll spürte, wie ihm schwindelig wurde, der Tunnel erglühte in sämtlichen, ihm bekannten Farbvariationen, die sich einem Strudel gleichend um ihn bewegten. Wackelig machte er einen Schritt, dann noch einen. 
Ich muss es aufhalten, sonst wird es mich vernichten. 
Doch schon waren seine Gedanken wieder woanders. 
Sein Vater schwebte vor ihm, eine Flasche in der Hand. Mutter weinte. Dann ertönte ein undefinierbares Lachen. War doch alles gut? Menschen, deren Gesichter er nicht einordnen konnte, summten eine ihm vertraut vorkommende Melodie. Fassungslos ergab er sich dieser eigenartigen Welt. Unendliches Glück und tiefste Trauer erfüllten ihn gleichermaßen, er wollte lachen vor Freude und doch zerriss es ihm das Herz. Warum sollte er nicht ewig hier bleiben? Hier war alles, wie es sein sollte. Der Tunnel vor seinen Augen veränderte sich zu einem grünen Regenwald, der sich im Bruchteil einer Sekunde in glänzendes Glas verwandelte. Plötzlich erschien die Atharymn und segelte hindurch, verwandelte das ansehnliche Kunstwerk in ein Scherbenmeer, welches das Licht unendlich vieler Sonnen reflektierte. Sein Leben schien im Zeitraffer an ihm vorbeizuziehen. 
Er erlebte alles noch einmal: ihre Ankunft auf Nautilon, die schwere Zeit, während die Atharymn nicht einsatzfähig war, die Raumstation, die Leere, die Angst. Seine Beförderung zum Kommandanten zog an ihm vorüber, wie ein einzelnes Standbild, das an eine gewisse Emotion geknüpft war. Freude. Stolz. Weiter.
Er, als kleiner Junge, sein Vater erhob sich über ihm wie ein riesiges Monster. Angst. Hass. Weiter. Seine Mutter, sie lag im Sterben im hiesigen Apothekarium. Der Verlust. Die Leere. Weiter. Archweyll wurde bewusst, wenn er bei null angekommen sein sollte, war sein Leben verwirkt. Dann war er nie da gewesen, denn schließlich hatte es ihn nie gegeben. Archweyll Dorne hatte das Licht dieser Welt niemals erblickt. Emotionen brachen über ihn ein, die er nicht einordnen konnte. Und dann wurde alles schwarz und weiß. Er hatte das Ende erreicht.

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