Gottes Hammer: Folkvang XI

Esbens Finger schlossen sich zögernd um den ledernen Einband des altertümlichen Folianten. Die Augen des unheilsschwangeren, kunstvoll gearbeiteten Gesichts erglühten rot. Langsam schlug er das Buch auf.

Jenes Schriftwerk, das Medardus als den verschollenen siebten Band aus König Androgs verbotener Chronik erkannt hatte, war nur auf den ersten dreizehn Seiten beschrieben. Es handelte sich um eine heidnische Anleitung in der Alten Sprache. Der restliche Platz diente als Gefängnis für Dämonen.

Esben blätterte weiter. Zwei der dunklen Wesen waren durch diesen Zauber eingefangen worden. Ein Unbekannter bildete das erste Opfer. Seine letzten Atemzüge waren in Form einer Zeichnung auf das Pergament gebannt worden. Er glich einem erhabenen Bischof. Esben schenkte ihm keine Beachtung und suchte die Seite, die er erst vor wenigen Tagen in Hornheims düsterstem Verlies aufgeschlagen hatte.

Ihn schauderte, als Sitraxas Bildnis ihn angrinste.

Die Urdämonin besaß die Gestalt einer monströsen Spinne, aus der der Oberkörper eines ihrer Opfer wuchs. Teshin hatte den Unterleib mit Murakama vollkommen zerstört, aber scheinbar konnte er Sitraxa nicht töten. Sie schien sich mithilfe des entstellten menschlichen Körpers am Leben festzuklammern wie an einem fetten Beutestück.

Esbens Gedanken rasten. Er hatte bereits im Lager der Tempelsöhne mit dem Gedanken gespielt, Sitraxa freizulassen und sie zu befragen. Der Text zu Beginn des Buches erwähnte den nötigen Zauber, warnte aber auch explizit davor. Sollte ein Dämon befreit werden, würde die betreffende Seite im Buch zu Staub zerfallen und man müsste ihn neu bannen. Esben ging jedoch nicht davon aus, dass ihm dies ein zweites Mal gelingen könnte. In Hornheim hatte er Sitraxa überrascht, aber nun wäre sie vorbereitet.

Dennoch … sie besaß nicht einmal mehr Beine. Sie konnte weder laufen, noch stehen und ihrer dämonischen Magie würde Esben mithilfe des Folianten widerstehen. Er entsann sich Velis’ Worte. Sie wollte, dass er die Wahrheit erfuhr. Worüber? Esben warf prüfende Blicke um sich. Beobachtete ihn die jugendliche Herzogin? Er leckte sich nervös die Lippen. Wenn er ihrem Wunsch nicht entsprach, würde sie ihn möglicherweise bis ans Ende aller Zeiten in dieser Hölle lassen. Wie um ihm die Aussicht auf ein solches Szenario noch mehr zu verleiden, gellte plötzlich ein markerschütternder Schrei und geisterhafte Schemen tanzten durch den stechenden Rauch.

Sein Entschluss stand fest. Er würde Velis’ Wünschen entsprechen. Er wusste zu wenig über diese verzerrte Parallelwelt, die Azrael geschaffen hatte. Esben musste sich unwillkürlich fragen, wie der Dämonenkönig zu einer solchen Großtat imstande gewesen war.

Er las die Anleitung erneut, ohne auf die wilden Schreie zu achten und wob schließlich den Zauber.

Esben war nie ein guter Magier gewesen. Gleichgültig, wie inbrünstig er betete, er konnte keine bösen Geister austreiben, keine Untoten in den heiligen Schlaf zurückführen und die Kranken nicht genesen lassen. Trotz seines entfachten Glaubens blieben ihm die geistlichen Gaben stets verwehrt. Während die Magie Gottes sich widerspenstig und kaum formbar zeigte, empfing ihn der Foliant mit offenen Armen. Innerhalb kürzester Zeit beherrschte der Priester die unheiligen Zauber bestens. Verglichen mit seinen vergeblichen Studien als Novize hatten sich die vergangenen Monate als äußerst produktiv erwiesen.

Esben fühlte sich dennoch wie ein Verräter. Er war ein Priester. Er sollte keine heidnische Magie benutzen. Aber dennoch … anders konnte er nicht gegen Hornheims Mächte bestehen.

Bestehen? Berith hat mich vom Gegenteil überzeugt.

Esben schüttelte den Gedanken ab und kanalisierte die gesammelte Magie.

Unheiliges Licht glomm auf und hüllte die schroffen Felsen um ihn herum in rötlichen Schein. Esben erschien der unebene Boden wie ein blutiges Schlachtfeld, auf dem sich wabernde Schatten wie die zuckenden Leiber sterbender Menschen wanden.

Im nächsten Moment erlosch das Licht. Mit klopfendem Herzen las Esben das Buch auf. Überrascht sah er, dass die Seite nicht zerfallen war. Sitraxas Gesicht grinste ihm unverändert entgegen.

Habe ich einen Fehler gemacht?

Ehe er den Gedanken zu Ende führen konnte, nahm er eine Regung wahr.

Esben fuhr herum, den Folianten zum Zauber erhoben. Vor ihm lag die junge Frau im Staub, deren Antlitz ihn noch immer im Schlaf heimsuchte. Zu seiner Überraschung wirkte sie verändert.

In Hornheim hatten eiternde Narben eine Gesichtshälfte bedeckt und die glühenden Augen jeden Eindringling das Fürchten gelehrt. Nun hingegen straffte sich die Haut glatt und unversehrt über den hohen Wangenknochen und ihr Blick schien in weite Ferne zu schweifen, lediglich von einem Hauch von Melancholie getrübt. Sie trug ein langes weißes Gewand, das Esben an ein Büßerhemd erinnerte.

Hatte Esben Sitraxas Opfer befreit? Er musste einen Moment lang in seinem Gedächtnis nachforschen, bis ihm der Name von Teshins ehemaliger Geliebten einfiel.

Silena?“, fragte er verunsichert.

Langsam drehte die Frau den Kopf und sah ihn an. Ihr Mund weitete sich zu einem scheuen Lächeln. Doch als sie sprach, war ihre Stimme voller Hohn.

Ist tot!“, rief das Wesen zu seinen Füßen und lachte abscheulich.

Esben fuhr zusammen und vollführte einen Satz nach hinten. Das Geräusch ließ ihn erbeben, aber schien nicht recht zu dem zierlichen Körper zu passen, der sich vor ihm im Staub wand.

Einen Augenblick später erzitterte Sitraxa und hustete. Blutstropfen spritzten aus ihrem Mund und sie verkrampfte sich. Wie von Esben vermutet, besaß sie keine Beine.

Er hielt drohend das Buch vor sich. „Ich warne dich!“, rief er. Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte. „Ein falsches Wort und ich nehme dich gefangen!“

Ich bin schon längst gefangen!“ Sitraxas Worte klangen heiter, so als spräche sie über das Wetter. „Ich bin deine Gefangene. Du hast es irgendwie geschafft, meinen Willen an das Buch zu ketten.“ Ihre Augen flammten auf wie zwei Scheiterhaufen.

Ich … äh … genau!“ Esben gab sein Bestes, sich seine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Scheinbar lag ihm die heidnische Magie weitaus mehr, als er gedacht hatte. Er nahm sich vor, die Anleitung im Buch erneut zu studieren und notfalls zu ergänzen. Da kam ihm ein Gedanke. „Kannst du noch Magie einsetzen?“

Nicht gegen dich, falls du mich fürchten solltest.“ Sitraxa kicherte wie ein kleines Mädchen. „Ich kann deine Angst bis hierher riechen. Aber so wie es aussieht, kann ich dir nichts anhaben. Solange du mich unter Kontrolle hast, bist du sicher und ich muss dir auch noch all deine Fragen beantworten.“ Sie setzte sich halb auf und grinste ihn anzüglich an. „Welche Geheimnisse willst du erfahren?

Esben wich zurück. Die Konversation nahm einen entschieden anderen Verlauf, als er erwartet hatte.

Warum bist du so verrucht?“, entfuhr es ihm. „Hast du kein Seelenheil, um das du fürchtest? Warum fügst du anderen gerne Schmerz zu?“

Im nächsten Augenblick biss er sich auf die Zunge. Velis musste ihn für ein Kleinkind halten. Er hoffte inständig, dass Sitraxa seine naiven Fragen nicht verspotten würde.

Zu seiner Überraschung legte sie den Kopf schief und musterte ihn verwirrt.

Warum ich anderen Schmerz zufüge?“ Sie hielt kurz inne. „Genauso könnte ich dich fragen, weshalb du Blumen pflückst.

Esben starrte sie verwirrt an. „Das ist doch etwas vollkommen anderes!“

Sitraxa ließ sich nicht beirren. Der spöttische Unterton war aus ihrer Stimme gewichen.

Warum ist das etwas anderes? Du zerstörst etwas. Grundlos. Du pflückst eine Blume, weil sie dir gefällt. Du pflückst ein Kleeblatt, weil es dir Glück bringen soll. Ich füge Menschen Schmerz zu, weil ich es mag.

Die Worte verhallten und ließen eine verheißungsvolle Stille zurück, die die unverrückbare Wahrheit in Stein zu meißeln schien. Esben schüttelte den Kopf. Er konnte das nicht hinnehmen. „Aber du musst doch wissen, dass das falsch ist! Du bist ein vernunftbegabtes Wesen, du hast einen Verstand! Wie kann solche Bösartigkeit existieren?“

Diese Bösartigkeit existiert überall.“ Sitraxa hob einen Arm und schwenkte ihn herum, um auf ihre nahe Umgebung zu deuten. „Denk nur an die Natur. Sie ist eine Ansammlung von Schmerz und Leid, von einem ständigen Kampf ums Überleben. Aber gerade durch ihre Vergänglichkeit und Fragilität gewinnt sie erst ihre wahre Schönheit. Und dennoch fußt sie auf Blut und Knochen, auf Tod und Korrosion, auf Konflikt und Gewalt.“ Kurz hielt sie inne und betrachtete gedankenverloren das glühende Gesicht auf dem Einband des alten Folianten. „Ihr Menschen versteht das nicht. Ihr könnt Schmerz und Leid nicht akzeptieren. Ihr könnt euch der Schönheit des Schmerzes und des Todes nicht beugen, obwohl ihr ihr stets frönt. Für euch muss es immer einen perfekten Ort geben, an dem keine Konflikte herrschen. Nenn es Himmel, nenn es Folkvang, das ist gleichgültig. Vielleicht ist genau das der göttliche Funke in euch.

Esbens Arm zitterte. „Und was, wenn ich dir Schmerz zufügen würde? Würde dir das etwa gefallen?“

Er bereute die Frage im selben Atemzug. Sitraxas Augen loderten wie abgründige Höllenschlünde. „Ob es mir gefallen würde?“, kreischte sie. Blutstropfen spritzten erneut aus ihrem Mund, während sie erstickt lachte. „Das ist das falsche Wort, Priester! Ich giere danach, ich will ihn haben, der Schmerz ist mein Begleiter und Freund! Er ist die Essenz meines Lebens und ich liebe ihn mehr als alles andere!“

Sitraxa schlang die Arme um ihren schmächtigen Leib und wiegte sich laut lachend vor und zurück, während Tränen aus ihren weit aufgerissenen Augen quollen. Esben entfernte sich angewidert, ohne sie aus den Augen zu lassen. Wie konnte solch ein Wesen existieren? Nur existieren, um sich als wandelnde Abscheulichkeit mit dem Schmerz zu verbünden und ihn unter alles Lebendige zu bringen?

Du willst es doch, Priester?“, rief Sitraxa und robbte langsam auf ihn zu. „Du trägst selbst noch Teile der Natur in dir, die du unter deiner glitzernden Klerikerfassade versteckst! Komm, gib es zu! Du willst diesen jungen Körper, du willst ihn besitzen, du willst ihn haben und …

Schluss!“ Esben presste seine Magie regelrecht in den Folianten. Ein roter Lichtblitz fegte über den schroffen Felsen und wirbelte Staub auf. Sitraxa schrie auf, doch ihr hämisches Gelächter verstummte erst, als das Licht verschwand und sie wieder in ihrem Gefängnis im Folianten ruhte.

Esben sank zitternd zu Boden. Das schwere Buch entglitt seiner Hand. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Jegliche Kraft verließ ihn.

Verstehst du es jetzt?“, fragte ihn schließlich eine Stimme.

Esben hob ermattet den Kopf. Velis lehnte im Schatten einer Felsnadel am schroffen Stein und beobachtete ihn. Ihre roten Augen flackerten wie Funken.

Ihr seid Monster!“, stieß Esben hervor. „Ihr suhlt euch im Schmerz, ganz gleich ob ihr ihn erleidet oder zufügt! Ihr seid …“

Rauch füllte seinen Mund und Esben hustete. Er krümmte sich und fiel auf den schweren Folianten zu seinen Füßen. Er roch Schwefel.

Du liegst falsch“, sagte Velis schließlich, ohne sich zu bewegen. „Sitraxa und mein Vater suhlten sich im Schmerz. Aber das war nicht die Wahrheit, die ich dich lehren wollte.“ Sie hielt kurz inne und trat dann ins schwache Licht der brennenden Feuergruben. Esben rappelte sich mühsam auf und hob das Buch.

Komm nicht näher!“, rief er.

Velis hielt an und musterte ihn ohne Furcht. Kurz standen sie sich kampfbereit gegenüber, Auge in Auge, bis der Anflug eines Lächelns ihre schmalen Lippen umspielte.

Die Wahrheit ist, dass wir Dämonen alle mit einem festen Ziel geboren werden.“

Esben blinzelte und sah sie verwirrt an. Velis’ Lächeln wurde breiter, doch nun spiegelte sich Melancholie in ihren blutroten Augen.

Jeder Dämon verspürt Gier in seinem Innersten. Die Gier nach einer bestimmten Sache, einem bestimmten Gefühl. Es entspricht unserem Wesen, stets nach diesem einen Ziel zu streben. Mein Vater strebte nach Schmerz, Berith nach Wahrheit, Malfegas nach immerwährendem Kampfesruhm und Azrael nach Herrschaft und Dominanz. Wir alle versuchen, ein Ziel zu erreichen, das uns im Leben missgönnt wurde.“

Einen Namen kannte Esben nicht. „Wer ist Malfegas?“

Ein äußerst ruhmreicher, edler und starker Ritter Seiner Majestät“, hauchte eine Stimme in Esbens Ohr.

Esben fuhr so hastig herum, dass er stolperte und beinahe auf Velis fiel. Vor ihm stand ein gewaltiger Löwe, aus dessen Maul sich Rauchschwaden in den Himmel wanden. Sein Schwanz glich einer toten Schlange, die gefährliche Zähne entblößte.

Esben war sicher, ihn bereits einmal gesehen zu haben. Er musste ihm nach dem Kampf gegen Sitraxa in Velis’ Herzogtum begegnet sein.

Malfegas lachte. Esbens Reaktion schien ihm zu gefallen. „Das ist der furchterregende Magier, der uns alle mit einem Zauberwort einkerkern könnte? Ein Abrakadabra Verschwindibus und ich soll in dem Schmöker sein?“ Malfegas deutete mit dem furchterregenden Schwanz auf den verbotenen Folianten. „In meiner Arena würde der keinen Tag überleben.

Esben brachte die Kraft für eine Antwort nicht auf. Die Schrecken dieses Ortes beraubten ihn seiner Macht.

Malfegas!“, rief Velis überrascht. Sie hatte ihn ebenso nicht kommen gehört. „ich dachte, du bist in der Stadt?“

Malfegas grinste. „War ich auch. Hab dem Bischof von Aminas einen Besuch abgestattet. Er betet den ganzen Tag, während die anderen Insassen ihn verprügeln. Hat ihnen wohl früher viel Unbehagen bereitet.

Esben horchte auf. „Gibt es hier etwa eine Stadt?“

Malfegas bleckte seine Fänge. „Ja, Schlaumeier. An der müssen wir sowieso vorbei, wenn wir zum Chef wollen.“ Beiläufig bedeutete er Esben, ihm zu folgen. „Er will dich sehen.

Esben umklammerte den Folianten fester, als er sich in Bewegung setzte. Er hoffte nur, dem Rauch und der unangenehmen Hitze dieses Ortes zu entkommen.

Velis musste laufen, um zu Malfegas aufzuschließen. „Jetzt schon?“, fragte sie überrascht. „Ich dachte, Esben soll hierbleiben, bis die Schlacht vorbei ist?“

Malfegas schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht mehr. Die Dinge haben sich verändert.

Was ist geschehen?“

Malfegas knurrte. „Ein gewisser Engel.

Esben wusste, von wem sie sprachen. „Saskia?“, platzte er heraus. Azrael hatte sie für tot erklärt, aber Esben wusste es besser.

Malfegas schnippte mit dem schlangenköpfigen Schwanz. „Erraten. Sie hat deiner kleinen Bogenschützin im Lager das Leben gerettet, richtig?

Weil ihr sie vergiftet habt!“ Esben sah vor seinem inneren Auge, wie Abigor verzweifelt versucht hatte, Iliana zu heilen.

Haben wir nicht!“, protestierte Malfegas lautstark. „Das war ein gewisser Hanswurst, den ich bei lebendigem Leib fressen werde, das verspreche ich!

Velis verdrehte die Augen. Scheinbar handelte es sich hierbei nicht um die erste leere Drohung des gewaltigen Löwen.

Sie umrundeten einen schroffen Felsen und standen vor einem schmiedeeisernen Tor. Steinerne Totenengel flankierten es mit erhobenen Sensen.

Lasset alle Hoffnung fahren“, las Esben auf dem Torbogen.

Erbaulich, nicht wahr?“ Malfegas lachte dröhnend. „Original Ungoros.

Ungoros?“, fragte Esben verwirrt. „Wer ist das?“

Als sich das Tor öffnete, schwebte ihnen die Antwort entgegen.

Edle Herren, seid nicht verzagt, das jüngste Gericht wurd’ jäh vertagt“, sprach der riesige Fleischklumpen, der sich mit grotesk kleinen Fledermausflügeln in der Luft hielt. Esben bemerkte weißliche Maden, die sich in den speckigen Falten seines Körpers tummelten. Punkte tanzten vor seinen Augen und Übelkeit durchwühlte seinen Mageninhalt. Er würgte.

Na, na.“ Malfegas stupste Esben mit seiner Schnauze an. „Wer wird denn hier schon umfallen? Ist doch nur ganz natürlicher Verwesungsgeruch!

Esben wandte den Blick von Ungoros ab und folgte Malfegas dankbar in die Stadt. Bei dem Gedanken, gegen diese Wesen kämpfen zu müssen, rebellierte sein Magen erneut.

Ich war närrisch. Vollkommen närrisch. Wie könnte ich gegen solche Abscheulichkeiten kämpfen? Nicht ein Zauber würde mir einfallen!

Die Gebäude waren allesamt aus schwarzem Stein gebaut, Fenstergläser gab es nicht. Esben sah eine Menschenmenge sich um ein Podest versammeln, auf dem ein Mann predigte. Neben ihm lag eine wimmernde Frau, hinter ihr ein stand ein maskierter Henker.

Sieh genau hin“, forderte Malfegas. „Wir haben nichts damit zu tun. Wir haben ihnen freie Hand gelassen.

Freunde!“, rief der Mann. „Dieses elende Weib hat wider unsere Gemeinschaft gesündigt, indem es frevelhaft zum Heiligen Esben gebetet hat!“

Blasphemie!“, kreischte die Menge.

Blasphemie!“, bestätigte der Mann. „Im Namen unseres allmächtigen und weisen Herrn Azrael gebe ich sie hiermit zur Schändung frei! Treibt eure Spielchen mit ihr, bis der Blutmond am Himmel erscheint! Dann wird der Henker sie kreuzigen.“

Jubel wurde laut und die Frau schluchzte auf. Einige Männer stürmten sogleich auf das Podest und suhlten sich in ihren Trieben.

Wir müssen ihr helfen!“, sagte Esben mit brüchiger Stimme. „Das darf … das darf doch nicht sein!“

Gründet eine Stadt und büßet für eure Sünden“, murmelte Malfegas. „Das hat Azrael zu ihnen gesagt. Wir haben ihnen das Material gegeben, um sich zu organisieren. Wir haben ihre Häuser gebaut. Aber alles andere haben wir ihnen überlassen.“ Malfegas betrachtete Esben traurig, während die Frau vor Qualen schrie. „Wir mischen uns nicht ein, haben wir gesagt. Und das ist das Ergebnis. Das ist die Hölle, mein Freund. Die wahre Hölle.

Aber … aber wie kann das die Hölle sein, wenn sie sie hinrichten?“, fragte Esben. „Eure Täuschung fliegt dann doch auf, oder etwa nicht?“

Unsere Täuschung hat nie so recht funktioniert“, erwiderte Velis und drängte sie, weiterzugehen. „Der Sprecher vorhin ist Azraels selbsternannter Apostel. Er erklärt seinen Jüngern, dass sie sich nur in einem Zwischenstadium befinden und bald in den Himmel aufsteigen werden.“

Dann hatte Sitraxa recht“, flüsterte Esben, „Wir Menschen greifen immer nach dem Göttlichen, aber kommen nie von der Grausamkeit los.“

Als sie die tobende Menge passierten, bemerkten einige die Botschafter ihres neuen Gottes und warfen sich vor ihnen in den Staub. Esben erkannte den Bischof von Aminas, statt der prachtvollen Gewänder nun nur mit einem Lendenschurz bekleidet und mit geschwollenem Gesicht. Scheinbar regierten Streit und Gewalt den Alltag der Bewohner.

Esben atmete auf, als sie einen gewaltigen Palast inmitten der Häuser erreichten und den Marktplatz hinter sich ließen. Die Schreie verstummten, als die schwere Eisentür ins Schloss fiel.

Esben sah sich überrascht um. Der Regierungssitz glich einer düsteren Kirche. Unheilsschwangere Buntglasfenster kündeten von Krieg und Zerstörung, andere von Gericht und Seligkeit. Statuen säumten den Weg, der mit einem purpurroten Teppich ausgelegt war.

Inmitten des Monuments erhob sich eine gewaltige Thronlehne, die bis zur prunkvollen Decke reichte. Die Darstellung eines Richtschwerts bedeckte den dunklen Stein. Es ähnelte Murakama.

Darunter saß, den Kopf in herrschaftlicher Manier sanft mit zwei Fingern abstützend, Azrael.

Obwohl seit ihrer letzten Begegnung keine drei Tage vergangen waren, wirkte der Dämonenkönig stark verändert. Er schien bleich und ausgezehrt, dunkle Ringe verunzierten seine rötlich schimmernden Augen. Er trug einen schwarzen Mantel mit Stehkragen und eine ebenso dunkle Plattenrüstung. Die Klinge Murakama lehnte neben ihm am Thron.

Willkommen.“ Azrael erhob sich und breitete die Arme aus, so als begrüßte er einen alten Freund. „Wie gefällt es dir? Mein Domizil?“

Esben zögerte. Nach dem Toben der Menge hallte hier jedes Wort unangenehm laut durch den gewaltigen Raum.

Düster“, erwiderte er schließlich.

Besser kann man es vermutlich nicht beschreiben. Ich bin schließlich auch ein düsterer Gott.“ Azrael ließ sich wieder auf den Thron sinken und bedeutete Malfegas zu gehen. Der Löwe neigte das Haupt und verschwand durch eine unscheinbare Tür in einen Nebenraum. Esben zuckte zusammen, als sie ins Schloss fiel. Velis stellte sich neben Azraels Thron und hauchte einen Kuss auf seine Stirn.

Esben sah sie überrascht an. Azrael kommentierte die Geste mit einem ironischen Lächeln. „Ja, auch Dämonen können lieben, mein Freund. Aber das kann ich dir später noch erklären.“ Ernsthaftigkeit verfinsterte seine Miene. „Esben, ich mache es kurz: Schließt du dich uns an?“

Esben umklammerte den Folianten. Er erinnerte sich an den Kampf in Hornheim, als die Dämonen vor der Macht des Buches zurückgeschreckt waren. Nun schien niemand mehr Angst zu verspüren.

Für mich gibt es nur einen Gott“, presste er hervor.

Azrael seufzte. „Wieso fühlst du dich ihm verpflichtet? Was hat er dir je gegeben?“

Esben hielt seinem Blick stand. „Mein Leben.“

Und warum sollst du dafür dankbar sein?“

Esben sah Azrael verblüfft an. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Azrael lehnte sich zurück, bis sein Rücken gegen die hohe Lehne stieß. Seine Augen blitzten.

Wenn Gott der Herr dich tatsächlich liebte, hätte er dich sofort im Himmel erschaffen. An einem Ort ohne Leid, ohne Konflikt. Stattdessen warf er dich auf dieses Schlammloch namens Erde, wo die Dämonen regieren.“ Azrael breitete die Arme aus. „Gier, Neid, Wollust, Völlerei! Das sind die wahren Dämonen und sie hausen in eurem Verstand! Du glaubst mir nicht? Sieh nach draußen! Ich bot ihnen einen Garten Eden und sie bauen ein Inferno! Der Mensch muss ein Knecht sein, um keinen Schaden anzurichten!“

Der Foliant entglitt Esbens erschlaffenden Hand und fiel zu Boden. Die Kraft wich aus seinen Knien und der Priester knickte ein. Er fing seinen Sturz mit den Händen ab. Schmerz durchzuckte die Gelenke und ein Tränenschleier schob sich vor Esbens Augen.

Dann befreie mich!“, schrie er. Die lodernde Wut, die schmerzhaften Zweifel, die schleichende Furcht, alles brach sich nun Bahn. Seit Teshins und Saskias Auftauchen in Aminas war seine Welt immer wieder aufs Neue zerschmettert worden. „Befreie mich von meinem Schmerz! Mach mich endlich wieder ganz!“

Azrael schwieg. Er wirkte erstaunt.

Esben starrte ihn an, während Tränen seine Wangen benetzten.

Überall Monster“, flüsterte er. „Wohin ich auch blicke, alles ist düster und voller Dunkelheit. Jeder Dämon ist gottlos und jeder Mensch schlachtet seinesgleichen. Meine Schwester – tot. Meine Gemeinde – Monster. Meine Freunde – versprengt. Es gibt nichts … nichts … keinen Schutz vor der Dunkelheit. Jeder ist grausam und jeder ist ein Abgrund.“

Die Worte sprudelten aus Esben jervor wie ein Wasserfall der Bekenntnis. Er konnte nicht mehr an sich halten und lautes Lachen entrang sich seiner gepeinigten Kehle. Der Wahnsinn erschien ihm nun als tröstlicher Freund.

Alles ist dunkel und kalt!“, schrie Esben, bevor er entkräftet niedersank.

Kurz herrschte Stille, als Azrael sich plötzlich erhob und über den roten Teppich schritt. Der Stoff dämpfte seine schweren Schritte kaum.

Ich verstehe dich“, murmelte der Dämonenkönig. „Unsere Welt ist von Krieg geplagt und wir alle haben diese Momente, wenn wir die Wahrheit begreifen, in denen unser Leben wie grausamer Spott erscheint. Liebe deinen Nächsten, sagen sie und am nächsten Tag verbrennen sie eine Hexe. Gott bequemt sich nicht herab, um zu herrschen. Ich muss es für ihn tun.“

Esben hob verunsichert den Kopf, als Azrael ihm die Hand anbot. Zögernd ergriff er sie.

Kann es wirklich gelingen?“, fragte er leise.

Ja“, erwiderte Azrael und stieß ihm Murakama ins Herz.

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