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Monat: August 2019

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 6 – Verloren in den Tiefen von Nautilon

Der Scherenpanzer sank unaufhörlich in die Tiefe. Mittlerweile war es so schwarz um ihn herum, dass man nichts mehr von der Außenwelt erkennen konnte. Nur das kleine Licht seiner Taschenlampe erhellte die Fahrerkabine wie ein Funke der Hoffnung. 
Archweyll hatte auf seinen massigen Kampfanzug verzichten müssen, als er in den engen Panzer stieg, aber mit einer Notfallausrüstung war er immer ausgestattet. Er vergeudete keine Zeit und begann direkt damit, einen Plan auszuarbeiten. Denn ohne würde er hier unten sterben. Durch eine elektronische Verbindung hatte er vor ihrer Mission alle Daten des Scherenpanzers auf seine eigene Festplatte gebrannt, nun rief er diese holographisch ab. Er war kein Mechaniker und die Struktur des Anzuges war alles andere als unkompliziert, aber langsam hatte er den Dreh raus. 
Die Hauptstromversorgung saß kurz über dem Heckantrieb, zwischen den Schultern des Scherenpanzers, und war durch zwei Isolationsschichten von seiner Kabine getrennt. Es knisterte leise, während sein kleiner Handbrenner die erste Schicht durchstieß.
Wenn das noch länger dauert, kann ich auch einfach die Frontscheibe öffnen, dachte Archweyll ungeduldig. Aber diesen Gefallen würde er weder Crowler, noch diesem unnachgiebigen Planeten erfüllen. Der Kommandant biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich mit einem eisernen Willen auf sein Ziel. Als der Brenner soweit war, riss Archweyll die Platte einfach heraus. Er konnte von Glück reden, dass die massive Aspexylpanzerung sich an der Außenwand befand und ihn vor Druck und Kälte schützte, während er das Innenleben des Scherenpanzers auseinandernahm.
Die zweite Isolationsschicht bestand aus einer schaumartigen Masse und Archweyll wurde das Gefühl nicht los, in fremden Eingeweiden herumzuwühlen, während seine Hand den Kunststoff beiseitefegte. Mit der Taschenlampe im Mund und dem Brenner in der rechten Hand, lugte er in das klaffende Loch seiner Innenbordwand. Kabel kamen ihm wie Lianen entgegengesprungen, aber dem Kommandanten war klar, dass er sie gefahrlos berühren konnte. Mit einer fast väterlichen Fürsorge tastete er sich voran, bis er die Energieversorgung fand. Die Propeller der Kühlelemente verrieten ihm, dass er hier richtig war. Währenddessen studierten seine Augen die Hologrammaufnahme seiner externen Festplatte, als hinge sein Leben davon ab. 
Moment … das tut es.
Sein Arm verschwand mittlerweile fast gänzlich in der Öffnung und seine Wange lag in einer sonderbaren Haltung gegen die Rückwand gepresst. Keuchend ließ er seine Finger noch tiefer hineinwandern, wohl wissend, was für einen Anblick er gerade abgeben musste. Aber das war jetzt völlig nebensächlich. Dann stießen sein Pranke auf einen breiten Kabelbaum, der sich wie eine kupferne Wirbelsäule durch den Anzug schlängelte.
»Hier muss es doch irgendwo sein«, keuchte Archweyll nervös. Wenn er den Unterbrecher nicht bald fand, konnte er Lebewohl sagen. Plötzlich stießen seine Finger auf eine eigenartige Form. Sofort krallte sich sein Griff daran fest. In seiner Hand lag ein fingernagelgroßer, ovaler Chip, der sachte vibrierte.
»Therodax-3«, schmunzelte der Kommandant. »Einfach, aber effizient.« 
Mit einem Ruck versuchte er den Chip zu entfernen, doch dieser wollte sich scheinbar nicht so einfach ergeben. 
Das Magnetfeld habe ich fast vergessen. Jetzt war Vorsicht geboten. 
Wenn er die Kabelstränge zerriss, war es mehr als ungewiss, ob die Maschine noch funktionieren würde. Fieberhaft suchte Archweyll nach einer Lösung für das Problem. 
Während er innig das Hologramm analysierte, kam ihm eine Idee. Eilig griff er nach seinem Schraubenzieher und schlug ein kleines Loch in die Bordwand, dort, wo der linke Greifarm verankert lag. Die Hologrammanalyse zeigte ihm, dass er dort einen Elektromagneten finden würde, der ihm für seine Zwecke dienlich sein konnte. Wenn er diesen mit genug Spannung auflud, konnte er den Therodax-3-Chip entmagnetisieren, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Aber das würde genügen. 
Ärgerlicherweise hatte er dann womöglich nur noch einen Arm zur Verfügung, aber alles war besser als hier unten zu versauern. Mit dem Schraubenzieher drang er in das Loch ein, wühlte sich durch Kabel und stählerne Vorrichtungen, bis er auf den Magneten stieß. Sofort wurde sein Schraubenzieher davon abgestoßen, doch Archweyll war unnachgiebig. 
Mit einem unglaublichen Ruck und einem mechanischen Kreischen riss der Magnet aus seiner Verankerung, als Archweyll mit aller Kraft, die ihm verliehen wurde, an ihm zerrte. 
»Hab ich dich«, schmunzelte er. 
Jetzt kam der schwierige Teil: er musste den Magneten mit genug elektrischer Energie aufladen, um die beiden Magnetfelder langsam zu neutralisieren. 
Leider würde dafür seine Festplatte mit Hologrammanalysator und dessen kleiner Generator herhalten müssen. Da der linke Arm ohnehin defekt war, zerrte der Kommandant ein Kabel daraus hervor und schnitt es mit dem Messer in zwei gleichlange Hälften. 
Mit dem Schraubenzieher verging er sich an der Kiste, die ihm bis gerade noch treue Dienste geleistet hatte, und legte die äußere Hülle fein säuberlich ab, bis der summende Generator zu sehen war. Archweyll entfernte die Kabel, welche die Energiequelle mit dem Hologrammgenerator verbanden und klemmte die Kupferdrähte daran. Mit einem unflätigen Fluch quittierte er jeden Elektroimpuls, der wie eine zischende Energieschlange durch seinen Körper jagte. Dann verband er den Magneten mit dem Kabel, auch wenn dieser sich zunächst streng weigerte, und lud ihn mit Energie auf. Unter Aufwand all seiner Kräfte hielt er das Stück Metall umklammert, damit es nicht verloren ging. Doch das erforderte eine Menge Kraft. Blaue Adern traten aus Archweylls Schläfen aus und er schwitzte bestialisch, doch dann war es vollbracht. Im Bruchteil einer Sekunde drehte er sich um die eigene Achse und steckte den Magneten in das Loch. Sofort stieß er auf Widerstand, aber jetzt war er so kurz davor. Das entstandene Wechselfeld würde den Unterbrecher kurzzeitig destabilisieren.
Archweyll drückte den Magneten wie ein Besessener immer weiter vorwärts. 
Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit so verharrte, ließ er ihn los, um nach dem Chip zu greifen. Mit seinen letzten Kräften zerrte er daran. Doch der Chip wollte nicht nachgeben. 
Ein zorniger Aufschrei entwich seiner Kehle. 
Nochmal. Es muss funktionieren! 
Abermals zerrte der Kommandant an dem Unterbrecher. 
Mit einem Ruck löste sich der Chip von den Kabeln und lag nun trügerisch in seinen Händen, als könne er kein Wässerchen trüben. Archweyll wischte sich den Schweiß von der Stirn, spukte aus und traf dabei versehentlich die Frontscheibe. 
Blöde Angewohnheit von mir. 
»Du kleiner Bastard«, fluchte er triumphierend. »Das hast du nicht kommen sehen, was?« 
Er legte den Unterbrecherchip auf seinen Schraubenzieher und binnen einer Minute reaktivierte er sich und heftete daran wie ein Parasit an seiner Beute. 
Archweyll setzte sich in den Sitz und drückte die Anwendung für die Energiequellenaktivierung. Es passierte nichts. Mit einem gequälten Aufschrei hämmerte er mit seiner Faust immer wieder auf den Knopf. Wie tief er mittlerweile wohl schon abgetaucht war? Noch hatte er den Grund nicht erreicht, doch die Strömung schien ihn immer weiter nach draußen zu treiben. Als hätte irgendetwas seine Gedanken erraten, ertönte plötzlich in weiter Ferne ein bedrohliches Grollen. Archweyll spitzte die Ohren und eine Gänsehaut bildete sich auf seinem Nacken, als ihm klar wurde, dass es sich um ein Lebewesen handeln musste. Angespannt lauschte der Kommandant dem Schlag seines eigenen Herzens. Er war hier unten nicht alleine und beileibe nicht der Stärkste. 
Also nichts wie weg von hier.
Nach drei weiteren gescheiterten Versuchen aktivierte sich endlich die Energieversorgung. 
Ein Schwall der Erleichterung brach aus Archweyll Kehle und mündete in ein triumphierendes Gelächter. »Bevor ich Crowler nicht den Arsch versohlt habe, holst du mich nicht!«, rief er herausfordernd in die Dunkelheit. Eilig begann er damit, die Anzeigen und Scans zu aktivieren. Fluchend wurde ihm bewusst, dass sich seine Torpedobatterie am linken Arm befand und somit nutzlos war. Aber immerhin funktionierten die Messwerte. 
»Fast sechs Kilometer unter der Oberfläche. Wir tief bin ich nur gesunken?«, seufzte Archweyll, bis ihm sein grottenschlechter Wortwitz den Anflug eines Lächelns auf die Lippen zauberte. 
»Radarzustand kritisch. Frequenz auf Notleistung gedrosselt«, ertönte plötzlich eine kratzende Stimme und der Kommandant zuckte vor Schreck zusammen. Dann räusperte er sich verlegen, als hätte ihn jemand in einer peinlichen Situation erwischt. »Schön, dass mal wieder jemand mit mir redet«, begrüßte er den Bordcomputer, als wäre es ein alter Freund. Dann entwich seinen Lippen ein Fluch. Der Antrieb war aus ihm unersichtlichen Gründen nicht funktionstauglich. 
»Soll das ein schlechter Witz sein? Jetzt ersticke ich nicht, sondern verdurste?«, grunzte er verdrießlich. Doch eine innere Stimme mahnte ihn zum Weitermachen. 
»Dann wollen wir mal« Er verband sich mit dem Scherenpanzer, rechter Arm und Beine gehorchten intuitiv seinem Befehl. 
Vielleicht klappt es ja mit Brustschwimmen? 
Doch dann wurde ihm klar, dass der defekte Arm wohl etwas dagegen hatte. Plötzlich nahm der Kommandant unter sich einen matten Schimmer wahr. Archweyll wendete seinen Anzug in der Strömung, sodass er einen besseren Ausblick hatte. Und er traute seinen Augen nicht. 
Riesige glühende Pflanzen streckten sich vom Grund aus in die Höhe und erleuchteten ihn in den unterschiedlichsten Farben. Ihre Form glich der eines Augapfels, der mit seinem Nerv am Meeresgrund verankert war. Sie waren überzogen von ädrigen Linien, die im Schein des Lichtes pulsierten. Die ballartigen Pflanzen hatten die unterschiedlichsten Größen. 
Manche besaßen nur zwei, andere bestimmt zehn Meter Durchmesser und sie tanzten sachte in der Strömung. Wabernde Schlote öffneten sich aus der Erde, aus ihnen entwich ein grüner Dampf und sie waren übersät mit krebsroten Pocken. Geisterhafte Silhouetten winziger Lebewesen huschten umher und als Archweyll näher herankam, bemerkte er, dass ihre Körper aus einer durchsichtigen, gallertartigen Konsistenz zu bestehen schienen. Das Gestein unter ihm bildete ein undurchschaubares Wirrwarr aus Höhlen und Kavernen, welche die abstraktesten Formationen bildeten und ihn wie ein gähnender Mund empfingen.
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er in weiter Ferne ein metallisches Glitzern wahrnehmen, doch als er näher hinschauen wollte, war es wieder verschwunden.
Ein weiterer Scherenpanzer?
Wenn sie alle hier unten gefangen waren, konnte das nur in einer Katastrophe enden. Die Strömung könnte sie mittlerweile meilenweit auseinandergedriftet haben und es der Truppe in dem Zyklopen dadurch fast unmöglich machen, sie zu finden. Außerdem hatten sie nach wie vor das Problem, dass Frequenzen aus dem sonderbaren Leichnam in den Warp vordrangen. Bei dem Gedanken daran geriet Archweyll ins Grübeln. Wie konnte es sein, dass Knochen eine Art Nachricht ins All versenden konnten? Mit was für einem Lebewesen hatten sie es hier zu tun? Seine Gedanken drifteten zu Tamara. Ob es ihr wohl gut ging? 
Archweyll bemerkte, wie sehr er sich danach sehnte, sie wohlauf zu finden. 
Zwar ebenso wie die anderen vermissten Mitglieder des Trupps, aber doch irgendwie anders. 
Der Kommandant fasste einen Entschluss. Er würde den Ursprung des metallischen Glitzerns ausfindig machen und für das Wohlergehen seiner Kameraden sorgen. Möglicherweise waren die anderen nicht so erfolgreich mit ihren Unterbrecherchips fertiggeworden. Er durchbrach die dichte Decke aus Pflanzen und zu seinem Erstaunen riss eine von ihnen auf, als er sie mit dem Greifarm streifte, und es entwichen Gasblasen, die in Richtung Oberfläche strömten. Archweyll entblößte ein freudiges Grinsen. Er hatte eine Möglichkeit gefunden, auch ohne Antrieb nach oben zu gelangen. Zumal die Pflanzen so grell leuchteten, dass sie wie ein Aushängeschild fungieren würden. Aber nun musste er sich darauf fokussieren, die anderen Mitglieder zu finden. Und Tamara. Er setzte den ersten Schritt und war noch nie so entschlossen etwas zu tun.

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Eine sinnvolle Reise – von Saigel

Die Wellen schlagen mir gegen die Fußknöchel. Um mich herum ist nur das Rauschen des Meeres zu vernehmen. Das Wasser ist kalt und ich frage mich, weshalb ich überhaupt die Socken und Schuhe ausgezogen habe. Einerseits friere ich beträchtlich, andererseits kann ich es nicht lassen, die Füße in dieses fremde Wasser zu halten und für einen kurzen Moment Teil davon zu sein.
Vor allem sieht es friedlich aus. Es ist weder aufgewühlt, noch trüb. Im Grunde ist es alles, was ich nicht bin. Irgendetwas ist da in mir, das mir zu schaffen macht. Um die ganze Welt bin ich gereist, Stunden um Stunden habe ich im Flieger gesessen, in Taxis die Nase an die Fensterscheibe gedrückt und in irgendwelchen billigen Hotels meinen Jetlag ausgeschlafen. Das alles nur um mich jetzt hier zu finden. An diesem Steg, der normalerweise gut besucht ist, wenn die Sonne scheint und das Wasser nicht so eisig kalt an die Ufer drängt.
Ich habe weder eine Flasche Wasser dabei, noch eine Kleinigkeit zu essen. Ich habe nicht mal Geld, weil ich noch nicht dazu kam, eine der Wechselbuden aufzusuchen. Eigentlich habe ich nur den Schlüssel zu meinem neuen Zimmer in der Tasche. Die Schuhe, in denen ich die acht Kilometer bis zum Ufer gelaufen bin, stehen neben mir und fragen mich mit großen Augen, was ich hier gerade mache. Die einzelnen Passanten bleiben mit den Gesichtern an mir hängen, obwohl sie eilig vorbeigehen. Das alles bemerke ich und doch sehe ich nur das Wasser, das hier an diesem Ort irgendwie anders ist. Der Wind peitscht meine Haare auf und lässt sie in alle Richtungen fliegen. Meine Wollmütze liegt in meinem Koffer unter dem Bett in meinem neuen Zimmer. Gleich neben ihr liegen auch meine Handschuhe, weshalb meine Hände in den Jackentaschen frieren. Alles was ich tun müsste wäre aufzustehen, die Schuhe wieder anzuziehen und zügig wieder nachhause zu gehen. Nachhause. Da, wo mein Koffer unter dem Bett liegt. Da, wo ich dieses eigentümliche Rauschen nicht hören kann. Dieses seltsame Wasser, das mich verzerrt spiegelt, während ich es mit meinen Blicken zu durchlöchern versuche. Es ist still und gibt nicht preis, wie es zu seiner Ruhe gelangt.
Ich muss wohl noch einige Male herkommen um zu begreifen, wie das geht. Aufgewühlt und in trüber Stimmung verlasse ich also den Steg und mache mich in meinen warmen Schuhen zurück auf den Weg.
Irgendwann werde ich von dieser Reise erzählen. Ich werde darüber berichten, was ich erlebt und gesehen habe. Ich werde die Menschen mit tollen Landschaftsaufnahmen beeindrucken und sie verträumt die Köpfe zurücklehnen lassen. Doch das hier, was ich hier im Eigentlichen mache, das werde ich, wie sonst auch, niemandem erzählen. Es wird keine Fotos von diesem Steg geben und an dieses Wasser werde ich mich lediglich erinnern, wenn ich alleine bin. Dieser Steg, das Wasser und der Sinn meiner Reise, all das bleibt tief verborgen. Irgendwo vergraben, bis ich verstehe, warum ich 18.400 Kilometer geflogen, 40 Kilometer gefahren und acht Kilometer gelaufen bin, nur, um meine Füße in eiskaltes Wasser zu hängen.

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Das Kinderzimmer

In unserem Forum werden die unterschiedlichsten Schreibübungen angeboten. Aus so einer Schreibübung stammt folgender Text. Die Aufgabe war, eine Situation aus dem Blickwinkel von mindestens zwei Personen zu beschreiben.

Irina
„Bis heute Abend mein Schatz, hab einen schönen Tag“. Robert küsst mich. Kurze Zeit darauf höre ich die Wohnungstüre. Er ist weg.
Nachdenklich wälze ich mich aus dem Bett. Das ist gar nicht mehr so einfach mit diesem Riesenbauch, den ich vor mir herschiebe. Noch vier Wochen, dann wird unser Baby da sein.
Ich öffne die Türe zum Kinderzimmer.
Sonnengelb gestrichene Wände mit einer fröhlichen Wandbordüre, ein Mobile an der Decke, unter dem Fenster der Stubenwagen. – Ansonsten gähnende Leere.
Ich verstehe Robert nicht. Wir hatten schon vor Monaten darüber gesprochen, wie das Zimmer aussehen soll. Er hatte so viel Spaß bei der Planung und hat alles penibel aufgezeichnet. Danach waren wir in den Möbelhäusern der Umgebung, nichts hat ihm gefallen! Kopfschüttelnd mache ich die Türe wieder zu.
Hat meine Freundin Gaby Recht wenn sie mir rät, einfach ein Zimmer zu kaufen und ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen? Wenn Robert das mit mir machen würde, wäre ich sehr verärgert. Nein, ich werde warten. In den ersten Wochen reicht ja auch der Stubenwagen.
Gestern ist er wieder so spät von der Arbeit gekommen. Gabys Andeutung, dass er vielleicht fremdgeht, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Was soll ich nur tun? Sein Handy durchsuchen, wie Gaby es mir riet, werde ich auf keinen Fall. Doch ich muss diesen Gedanken loswerden. Er frisst mich auf. Wenn er mir das jetzt antut, wo ich schwanger mit unserem gemeinsamen Kind bin, kann er sich gleich zum Teufel scheren. So einen Mann will ich nicht.
Er hat sich so sehr gefreut, als sich unser Kleines anmeldete. Sein Leuchten in den Augen sprach Bände. Vielleicht mag er mich nicht mehr, so wie ich jetzt bin? Mein dicker Bauch und die Krampfadern sind nun wirklich nicht schön. Und meine starken Stimmungsschwankungen erschrecken mich manchmal selbst.
Wir haben uns vor über zehn Jahren kennengelernt. Sind ein paar schwierige Monate ein Grund zum Fremdgehen? Habe ich einen Schönwettermann geheiratet? Wenn er zu Hause ist, ist er sehr fürsorglich. Aber er ist kaum noch da. Vielleicht flüchtet er ja nur in die Arbeit? Ich hoffe es so sehr.
Ich watschle in die Küche und mache mir einen Tee. Das Brot ist mir zu trocken, anstatt dessen schnappe ich mir Tafel Schokolade und setze mich ins Wohnzimmer. Morgen habe ich einen Termin beim Frauenarzt. Robert kann diesmal leider nicht mit. Er hat einen Gesprächstermin mit einem Kunden.

Robert
Meine Finger streichen sanft über das leicht rötliche, geölte Holz. Morgen ist es endlich so weit. Ich werde das Kinderzimmer aufbauen, während sie beim Frauenarzt ist. Die letzten Wochen habe ich jede freie Minute in der Firma verbracht und trotzdem hätte ich es nicht geschafft, hätten Olli und Werner mir nicht geholfen. Aber es ist so schön geworden. Den Stoff für den Himmel habe ich Irinas Mutter gebracht, da muss ich morgen auch noch vorbeifahren. Sie hat mir eine Nachricht aufs Handy geschickt, dass sie fertig ist und ich auch das Nestchen und die Bettwäsche schon mitnehmen kann.
Ich freue mich so. Das wird eine Überraschung werden.
Die letzte Zeit hat sich Irina sehr zurückgezogen. Ich verstehe das, so eine Schwangerschaft ist kein Spaziergang. Mir zerspringt fast das Herz vor Freude wenn ich sie ansehe. Sie wird von Tag zu Tag schöner und ich bin so gespannt, wie unsere Tochter aussehen wird. Der Frauenarzt wollte sich nicht festlegen, aber ich bin mir sicher, es wird ein Mädchen werden.
Die letzten Wochen, während ich an dem Kinderzimmer arbeitete, fühlte ich mich so glücklich, so reich beschenkt mit meiner wunderbaren Frau, die nun Mutter unseres gemeinsamen Kindes wird.
Wir waren mehrere Male in verschiedenen Möbelhäusern um ein Kinderzimmer auszusuchen und jedes Mal wurde es schwieriger, ihr den Kauf auszureden. Sie wollte so gerne alles vorbereitet haben, das war deutlich zu spüren. Das Zimmer wird Irina gefallen. Es ist genau so, wie wir es uns ausgemalt haben. Und es ist gut geworden, ich bin schon ein bisschen stolz auf mich. Es war mir sehr wichtig, etwas für unser Kleines zu tun, das nur ich tun kann.
So, und jetzt fahre ich noch an den Bahnhof und hole Irina eine Schachtel Pralinen. Ganz im Gegensatz zu sonst, mag sie die letzten Wochen so süßes Zeug und ich möchte ihr gerne eine Freude machen.

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Gottes Hammer: Folkvang XI

Esbens Finger schlossen sich zögernd um den ledernen Einband des altertümlichen Folianten. Die Augen des unheilsschwangeren, kunstvoll gearbeiteten Gesichts erglühten rot. Langsam schlug er das Buch auf.

Jenes Schriftwerk, das Medardus als den verschollenen siebten Band aus König Androgs verbotener Chronik erkannt hatte, war nur auf den ersten dreizehn Seiten beschrieben. Es handelte sich um eine heidnische Anleitung in der Alten Sprache. Der restliche Platz diente als Gefängnis für Dämonen.

Esben blätterte weiter. Zwei der dunklen Wesen waren durch diesen Zauber eingefangen worden. Ein Unbekannter bildete das erste Opfer. Seine letzten Atemzüge waren in Form einer Zeichnung auf das Pergament gebannt worden. Er glich einem erhabenen Bischof. Esben schenkte ihm keine Beachtung und suchte die Seite, die er erst vor wenigen Tagen in Hornheims düsterstem Verlies aufgeschlagen hatte.

Ihn schauderte, als Sitraxas Bildnis ihn angrinste.

Die Urdämonin besaß die Gestalt einer monströsen Spinne, aus der der Oberkörper eines ihrer Opfer wuchs. Teshin hatte den Unterleib mit Murakama vollkommen zerstört, aber scheinbar konnte er Sitraxa nicht töten. Sie schien sich mithilfe des entstellten menschlichen Körpers am Leben festzuklammern wie an einem fetten Beutestück.

Esbens Gedanken rasten. Er hatte bereits im Lager der Tempelsöhne mit dem Gedanken gespielt, Sitraxa freizulassen und sie zu befragen. Der Text zu Beginn des Buches erwähnte den nötigen Zauber, warnte aber auch explizit davor. Sollte ein Dämon befreit werden, würde die betreffende Seite im Buch zu Staub zerfallen und man müsste ihn neu bannen. Esben ging jedoch nicht davon aus, dass ihm dies ein zweites Mal gelingen könnte. In Hornheim hatte er Sitraxa überrascht, aber nun wäre sie vorbereitet.

Dennoch … sie besaß nicht einmal mehr Beine. Sie konnte weder laufen, noch stehen und ihrer dämonischen Magie würde Esben mithilfe des Folianten widerstehen. Er entsann sich Velis’ Worte. Sie wollte, dass er die Wahrheit erfuhr. Worüber? Esben warf prüfende Blicke um sich. Beobachtete ihn die jugendliche Herzogin? Er leckte sich nervös die Lippen. Wenn er ihrem Wunsch nicht entsprach, würde sie ihn möglicherweise bis ans Ende aller Zeiten in dieser Hölle lassen. Wie um ihm die Aussicht auf ein solches Szenario noch mehr zu verleiden, gellte plötzlich ein markerschütternder Schrei und geisterhafte Schemen tanzten durch den stechenden Rauch.

Sein Entschluss stand fest. Er würde Velis’ Wünschen entsprechen. Er wusste zu wenig über diese verzerrte Parallelwelt, die Azrael geschaffen hatte. Esben musste sich unwillkürlich fragen, wie der Dämonenkönig zu einer solchen Großtat imstande gewesen war.

Er las die Anleitung erneut, ohne auf die wilden Schreie zu achten und wob schließlich den Zauber.

Esben war nie ein guter Magier gewesen. Gleichgültig, wie inbrünstig er betete, er konnte keine bösen Geister austreiben, keine Untoten in den heiligen Schlaf zurückführen und die Kranken nicht genesen lassen. Trotz seines entfachten Glaubens blieben ihm die geistlichen Gaben stets verwehrt. Während die Magie Gottes sich widerspenstig und kaum formbar zeigte, empfing ihn der Foliant mit offenen Armen. Innerhalb kürzester Zeit beherrschte der Priester die unheiligen Zauber bestens. Verglichen mit seinen vergeblichen Studien als Novize hatten sich die vergangenen Monate als äußerst produktiv erwiesen.

Esben fühlte sich dennoch wie ein Verräter. Er war ein Priester. Er sollte keine heidnische Magie benutzen. Aber dennoch … anders konnte er nicht gegen Hornheims Mächte bestehen.

Bestehen? Berith hat mich vom Gegenteil überzeugt.

Esben schüttelte den Gedanken ab und kanalisierte die gesammelte Magie.

Unheiliges Licht glomm auf und hüllte die schroffen Felsen um ihn herum in rötlichen Schein. Esben erschien der unebene Boden wie ein blutiges Schlachtfeld, auf dem sich wabernde Schatten wie die zuckenden Leiber sterbender Menschen wanden.

Im nächsten Moment erlosch das Licht. Mit klopfendem Herzen las Esben das Buch auf. Überrascht sah er, dass die Seite nicht zerfallen war. Sitraxas Gesicht grinste ihm unverändert entgegen.

Habe ich einen Fehler gemacht?

Ehe er den Gedanken zu Ende führen konnte, nahm er eine Regung wahr.

Esben fuhr herum, den Folianten zum Zauber erhoben. Vor ihm lag die junge Frau im Staub, deren Antlitz ihn noch immer im Schlaf heimsuchte. Zu seiner Überraschung wirkte sie verändert.

In Hornheim hatten eiternde Narben eine Gesichtshälfte bedeckt und die glühenden Augen jeden Eindringling das Fürchten gelehrt. Nun hingegen straffte sich die Haut glatt und unversehrt über den hohen Wangenknochen und ihr Blick schien in weite Ferne zu schweifen, lediglich von einem Hauch von Melancholie getrübt. Sie trug ein langes weißes Gewand, das Esben an ein Büßerhemd erinnerte.

Hatte Esben Sitraxas Opfer befreit? Er musste einen Moment lang in seinem Gedächtnis nachforschen, bis ihm der Name von Teshins ehemaliger Geliebten einfiel.

Silena?“, fragte er verunsichert.

Langsam drehte die Frau den Kopf und sah ihn an. Ihr Mund weitete sich zu einem scheuen Lächeln. Doch als sie sprach, war ihre Stimme voller Hohn.

Ist tot!“, rief das Wesen zu seinen Füßen und lachte abscheulich.

Esben fuhr zusammen und vollführte einen Satz nach hinten. Das Geräusch ließ ihn erbeben, aber schien nicht recht zu dem zierlichen Körper zu passen, der sich vor ihm im Staub wand.

Einen Augenblick später erzitterte Sitraxa und hustete. Blutstropfen spritzten aus ihrem Mund und sie verkrampfte sich. Wie von Esben vermutet, besaß sie keine Beine.

Er hielt drohend das Buch vor sich. „Ich warne dich!“, rief er. Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte. „Ein falsches Wort und ich nehme dich gefangen!“

Ich bin schon längst gefangen!“ Sitraxas Worte klangen heiter, so als spräche sie über das Wetter. „Ich bin deine Gefangene. Du hast es irgendwie geschafft, meinen Willen an das Buch zu ketten.“ Ihre Augen flammten auf wie zwei Scheiterhaufen.

Ich … äh … genau!“ Esben gab sein Bestes, sich seine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Scheinbar lag ihm die heidnische Magie weitaus mehr, als er gedacht hatte. Er nahm sich vor, die Anleitung im Buch erneut zu studieren und notfalls zu ergänzen. Da kam ihm ein Gedanke. „Kannst du noch Magie einsetzen?“

Nicht gegen dich, falls du mich fürchten solltest.“ Sitraxa kicherte wie ein kleines Mädchen. „Ich kann deine Angst bis hierher riechen. Aber so wie es aussieht, kann ich dir nichts anhaben. Solange du mich unter Kontrolle hast, bist du sicher und ich muss dir auch noch all deine Fragen beantworten.“ Sie setzte sich halb auf und grinste ihn anzüglich an. „Welche Geheimnisse willst du erfahren?

Esben wich zurück. Die Konversation nahm einen entschieden anderen Verlauf, als er erwartet hatte.

Warum bist du so verrucht?“, entfuhr es ihm. „Hast du kein Seelenheil, um das du fürchtest? Warum fügst du anderen gerne Schmerz zu?“

Im nächsten Augenblick biss er sich auf die Zunge. Velis musste ihn für ein Kleinkind halten. Er hoffte inständig, dass Sitraxa seine naiven Fragen nicht verspotten würde.

Zu seiner Überraschung legte sie den Kopf schief und musterte ihn verwirrt.

Warum ich anderen Schmerz zufüge?“ Sie hielt kurz inne. „Genauso könnte ich dich fragen, weshalb du Blumen pflückst.

Esben starrte sie verwirrt an. „Das ist doch etwas vollkommen anderes!“

Sitraxa ließ sich nicht beirren. Der spöttische Unterton war aus ihrer Stimme gewichen.

Warum ist das etwas anderes? Du zerstörst etwas. Grundlos. Du pflückst eine Blume, weil sie dir gefällt. Du pflückst ein Kleeblatt, weil es dir Glück bringen soll. Ich füge Menschen Schmerz zu, weil ich es mag.

Die Worte verhallten und ließen eine verheißungsvolle Stille zurück, die die unverrückbare Wahrheit in Stein zu meißeln schien. Esben schüttelte den Kopf. Er konnte das nicht hinnehmen. „Aber du musst doch wissen, dass das falsch ist! Du bist ein vernunftbegabtes Wesen, du hast einen Verstand! Wie kann solche Bösartigkeit existieren?“

Diese Bösartigkeit existiert überall.“ Sitraxa hob einen Arm und schwenkte ihn herum, um auf ihre nahe Umgebung zu deuten. „Denk nur an die Natur. Sie ist eine Ansammlung von Schmerz und Leid, von einem ständigen Kampf ums Überleben. Aber gerade durch ihre Vergänglichkeit und Fragilität gewinnt sie erst ihre wahre Schönheit. Und dennoch fußt sie auf Blut und Knochen, auf Tod und Korrosion, auf Konflikt und Gewalt.“ Kurz hielt sie inne und betrachtete gedankenverloren das glühende Gesicht auf dem Einband des alten Folianten. „Ihr Menschen versteht das nicht. Ihr könnt Schmerz und Leid nicht akzeptieren. Ihr könnt euch der Schönheit des Schmerzes und des Todes nicht beugen, obwohl ihr ihr stets frönt. Für euch muss es immer einen perfekten Ort geben, an dem keine Konflikte herrschen. Nenn es Himmel, nenn es Folkvang, das ist gleichgültig. Vielleicht ist genau das der göttliche Funke in euch.

Esbens Arm zitterte. „Und was, wenn ich dir Schmerz zufügen würde? Würde dir das etwa gefallen?“

Er bereute die Frage im selben Atemzug. Sitraxas Augen loderten wie abgründige Höllenschlünde. „Ob es mir gefallen würde?“, kreischte sie. Blutstropfen spritzten erneut aus ihrem Mund, während sie erstickt lachte. „Das ist das falsche Wort, Priester! Ich giere danach, ich will ihn haben, der Schmerz ist mein Begleiter und Freund! Er ist die Essenz meines Lebens und ich liebe ihn mehr als alles andere!“

Sitraxa schlang die Arme um ihren schmächtigen Leib und wiegte sich laut lachend vor und zurück, während Tränen aus ihren weit aufgerissenen Augen quollen. Esben entfernte sich angewidert, ohne sie aus den Augen zu lassen. Wie konnte solch ein Wesen existieren? Nur existieren, um sich als wandelnde Abscheulichkeit mit dem Schmerz zu verbünden und ihn unter alles Lebendige zu bringen?

Du willst es doch, Priester?“, rief Sitraxa und robbte langsam auf ihn zu. „Du trägst selbst noch Teile der Natur in dir, die du unter deiner glitzernden Klerikerfassade versteckst! Komm, gib es zu! Du willst diesen jungen Körper, du willst ihn besitzen, du willst ihn haben und …

Schluss!“ Esben presste seine Magie regelrecht in den Folianten. Ein roter Lichtblitz fegte über den schroffen Felsen und wirbelte Staub auf. Sitraxa schrie auf, doch ihr hämisches Gelächter verstummte erst, als das Licht verschwand und sie wieder in ihrem Gefängnis im Folianten ruhte.

Esben sank zitternd zu Boden. Das schwere Buch entglitt seiner Hand. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Jegliche Kraft verließ ihn.

Verstehst du es jetzt?“, fragte ihn schließlich eine Stimme.

Esben hob ermattet den Kopf. Velis lehnte im Schatten einer Felsnadel am schroffen Stein und beobachtete ihn. Ihre roten Augen flackerten wie Funken.

Ihr seid Monster!“, stieß Esben hervor. „Ihr suhlt euch im Schmerz, ganz gleich ob ihr ihn erleidet oder zufügt! Ihr seid …“

Rauch füllte seinen Mund und Esben hustete. Er krümmte sich und fiel auf den schweren Folianten zu seinen Füßen. Er roch Schwefel.

Du liegst falsch“, sagte Velis schließlich, ohne sich zu bewegen. „Sitraxa und mein Vater suhlten sich im Schmerz. Aber das war nicht die Wahrheit, die ich dich lehren wollte.“ Sie hielt kurz inne und trat dann ins schwache Licht der brennenden Feuergruben. Esben rappelte sich mühsam auf und hob das Buch.

Komm nicht näher!“, rief er.

Velis hielt an und musterte ihn ohne Furcht. Kurz standen sie sich kampfbereit gegenüber, Auge in Auge, bis der Anflug eines Lächelns ihre schmalen Lippen umspielte.

Die Wahrheit ist, dass wir Dämonen alle mit einem festen Ziel geboren werden.“

Esben blinzelte und sah sie verwirrt an. Velis’ Lächeln wurde breiter, doch nun spiegelte sich Melancholie in ihren blutroten Augen.

Jeder Dämon verspürt Gier in seinem Innersten. Die Gier nach einer bestimmten Sache, einem bestimmten Gefühl. Es entspricht unserem Wesen, stets nach diesem einen Ziel zu streben. Mein Vater strebte nach Schmerz, Berith nach Wahrheit, Malfegas nach immerwährendem Kampfesruhm und Azrael nach Herrschaft und Dominanz. Wir alle versuchen, ein Ziel zu erreichen, das uns im Leben missgönnt wurde.“

Einen Namen kannte Esben nicht. „Wer ist Malfegas?“

Ein äußerst ruhmreicher, edler und starker Ritter Seiner Majestät“, hauchte eine Stimme in Esbens Ohr.

Esben fuhr so hastig herum, dass er stolperte und beinahe auf Velis fiel. Vor ihm stand ein gewaltiger Löwe, aus dessen Maul sich Rauchschwaden in den Himmel wanden. Sein Schwanz glich einer toten Schlange, die gefährliche Zähne entblößte.

Esben war sicher, ihn bereits einmal gesehen zu haben. Er musste ihm nach dem Kampf gegen Sitraxa in Velis’ Herzogtum begegnet sein.

Malfegas lachte. Esbens Reaktion schien ihm zu gefallen. „Das ist der furchterregende Magier, der uns alle mit einem Zauberwort einkerkern könnte? Ein Abrakadabra Verschwindibus und ich soll in dem Schmöker sein?“ Malfegas deutete mit dem furchterregenden Schwanz auf den verbotenen Folianten. „In meiner Arena würde der keinen Tag überleben.

Esben brachte die Kraft für eine Antwort nicht auf. Die Schrecken dieses Ortes beraubten ihn seiner Macht.

Malfegas!“, rief Velis überrascht. Sie hatte ihn ebenso nicht kommen gehört. „ich dachte, du bist in der Stadt?“

Malfegas grinste. „War ich auch. Hab dem Bischof von Aminas einen Besuch abgestattet. Er betet den ganzen Tag, während die anderen Insassen ihn verprügeln. Hat ihnen wohl früher viel Unbehagen bereitet.

Esben horchte auf. „Gibt es hier etwa eine Stadt?“

Malfegas bleckte seine Fänge. „Ja, Schlaumeier. An der müssen wir sowieso vorbei, wenn wir zum Chef wollen.“ Beiläufig bedeutete er Esben, ihm zu folgen. „Er will dich sehen.

Esben umklammerte den Folianten fester, als er sich in Bewegung setzte. Er hoffte nur, dem Rauch und der unangenehmen Hitze dieses Ortes zu entkommen.

Velis musste laufen, um zu Malfegas aufzuschließen. „Jetzt schon?“, fragte sie überrascht. „Ich dachte, Esben soll hierbleiben, bis die Schlacht vorbei ist?“

Malfegas schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht mehr. Die Dinge haben sich verändert.

Was ist geschehen?“

Malfegas knurrte. „Ein gewisser Engel.

Esben wusste, von wem sie sprachen. „Saskia?“, platzte er heraus. Azrael hatte sie für tot erklärt, aber Esben wusste es besser.

Malfegas schnippte mit dem schlangenköpfigen Schwanz. „Erraten. Sie hat deiner kleinen Bogenschützin im Lager das Leben gerettet, richtig?

Weil ihr sie vergiftet habt!“ Esben sah vor seinem inneren Auge, wie Abigor verzweifelt versucht hatte, Iliana zu heilen.

Haben wir nicht!“, protestierte Malfegas lautstark. „Das war ein gewisser Hanswurst, den ich bei lebendigem Leib fressen werde, das verspreche ich!

Velis verdrehte die Augen. Scheinbar handelte es sich hierbei nicht um die erste leere Drohung des gewaltigen Löwen.

Sie umrundeten einen schroffen Felsen und standen vor einem schmiedeeisernen Tor. Steinerne Totenengel flankierten es mit erhobenen Sensen.

Lasset alle Hoffnung fahren“, las Esben auf dem Torbogen.

Erbaulich, nicht wahr?“ Malfegas lachte dröhnend. „Original Ungoros.

Ungoros?“, fragte Esben verwirrt. „Wer ist das?“

Als sich das Tor öffnete, schwebte ihnen die Antwort entgegen.

Edle Herren, seid nicht verzagt, das jüngste Gericht wurd’ jäh vertagt“, sprach der riesige Fleischklumpen, der sich mit grotesk kleinen Fledermausflügeln in der Luft hielt. Esben bemerkte weißliche Maden, die sich in den speckigen Falten seines Körpers tummelten. Punkte tanzten vor seinen Augen und Übelkeit durchwühlte seinen Mageninhalt. Er würgte.

Na, na.“ Malfegas stupste Esben mit seiner Schnauze an. „Wer wird denn hier schon umfallen? Ist doch nur ganz natürlicher Verwesungsgeruch!

Esben wandte den Blick von Ungoros ab und folgte Malfegas dankbar in die Stadt. Bei dem Gedanken, gegen diese Wesen kämpfen zu müssen, rebellierte sein Magen erneut.

Ich war närrisch. Vollkommen närrisch. Wie könnte ich gegen solche Abscheulichkeiten kämpfen? Nicht ein Zauber würde mir einfallen!

Die Gebäude waren allesamt aus schwarzem Stein gebaut, Fenstergläser gab es nicht. Esben sah eine Menschenmenge sich um ein Podest versammeln, auf dem ein Mann predigte. Neben ihm lag eine wimmernde Frau, hinter ihr ein stand ein maskierter Henker.

Sieh genau hin“, forderte Malfegas. „Wir haben nichts damit zu tun. Wir haben ihnen freie Hand gelassen.

Freunde!“, rief der Mann. „Dieses elende Weib hat wider unsere Gemeinschaft gesündigt, indem es frevelhaft zum Heiligen Esben gebetet hat!“

Blasphemie!“, kreischte die Menge.

Blasphemie!“, bestätigte der Mann. „Im Namen unseres allmächtigen und weisen Herrn Azrael gebe ich sie hiermit zur Schändung frei! Treibt eure Spielchen mit ihr, bis der Blutmond am Himmel erscheint! Dann wird der Henker sie kreuzigen.“

Jubel wurde laut und die Frau schluchzte auf. Einige Männer stürmten sogleich auf das Podest und suhlten sich in ihren Trieben.

Wir müssen ihr helfen!“, sagte Esben mit brüchiger Stimme. „Das darf … das darf doch nicht sein!“

Gründet eine Stadt und büßet für eure Sünden“, murmelte Malfegas. „Das hat Azrael zu ihnen gesagt. Wir haben ihnen das Material gegeben, um sich zu organisieren. Wir haben ihre Häuser gebaut. Aber alles andere haben wir ihnen überlassen.“ Malfegas betrachtete Esben traurig, während die Frau vor Qualen schrie. „Wir mischen uns nicht ein, haben wir gesagt. Und das ist das Ergebnis. Das ist die Hölle, mein Freund. Die wahre Hölle.

Aber … aber wie kann das die Hölle sein, wenn sie sie hinrichten?“, fragte Esben. „Eure Täuschung fliegt dann doch auf, oder etwa nicht?“

Unsere Täuschung hat nie so recht funktioniert“, erwiderte Velis und drängte sie, weiterzugehen. „Der Sprecher vorhin ist Azraels selbsternannter Apostel. Er erklärt seinen Jüngern, dass sie sich nur in einem Zwischenstadium befinden und bald in den Himmel aufsteigen werden.“

Dann hatte Sitraxa recht“, flüsterte Esben, „Wir Menschen greifen immer nach dem Göttlichen, aber kommen nie von der Grausamkeit los.“

Als sie die tobende Menge passierten, bemerkten einige die Botschafter ihres neuen Gottes und warfen sich vor ihnen in den Staub. Esben erkannte den Bischof von Aminas, statt der prachtvollen Gewänder nun nur mit einem Lendenschurz bekleidet und mit geschwollenem Gesicht. Scheinbar regierten Streit und Gewalt den Alltag der Bewohner.

Esben atmete auf, als sie einen gewaltigen Palast inmitten der Häuser erreichten und den Marktplatz hinter sich ließen. Die Schreie verstummten, als die schwere Eisentür ins Schloss fiel.

Esben sah sich überrascht um. Der Regierungssitz glich einer düsteren Kirche. Unheilsschwangere Buntglasfenster kündeten von Krieg und Zerstörung, andere von Gericht und Seligkeit. Statuen säumten den Weg, der mit einem purpurroten Teppich ausgelegt war.

Inmitten des Monuments erhob sich eine gewaltige Thronlehne, die bis zur prunkvollen Decke reichte. Die Darstellung eines Richtschwerts bedeckte den dunklen Stein. Es ähnelte Murakama.

Darunter saß, den Kopf in herrschaftlicher Manier sanft mit zwei Fingern abstützend, Azrael.

Obwohl seit ihrer letzten Begegnung keine drei Tage vergangen waren, wirkte der Dämonenkönig stark verändert. Er schien bleich und ausgezehrt, dunkle Ringe verunzierten seine rötlich schimmernden Augen. Er trug einen schwarzen Mantel mit Stehkragen und eine ebenso dunkle Plattenrüstung. Die Klinge Murakama lehnte neben ihm am Thron.

Willkommen.“ Azrael erhob sich und breitete die Arme aus, so als begrüßte er einen alten Freund. „Wie gefällt es dir? Mein Domizil?“

Esben zögerte. Nach dem Toben der Menge hallte hier jedes Wort unangenehm laut durch den gewaltigen Raum.

Düster“, erwiderte er schließlich.

Besser kann man es vermutlich nicht beschreiben. Ich bin schließlich auch ein düsterer Gott.“ Azrael ließ sich wieder auf den Thron sinken und bedeutete Malfegas zu gehen. Der Löwe neigte das Haupt und verschwand durch eine unscheinbare Tür in einen Nebenraum. Esben zuckte zusammen, als sie ins Schloss fiel. Velis stellte sich neben Azraels Thron und hauchte einen Kuss auf seine Stirn.

Esben sah sie überrascht an. Azrael kommentierte die Geste mit einem ironischen Lächeln. „Ja, auch Dämonen können lieben, mein Freund. Aber das kann ich dir später noch erklären.“ Ernsthaftigkeit verfinsterte seine Miene. „Esben, ich mache es kurz: Schließt du dich uns an?“

Esben umklammerte den Folianten. Er erinnerte sich an den Kampf in Hornheim, als die Dämonen vor der Macht des Buches zurückgeschreckt waren. Nun schien niemand mehr Angst zu verspüren.

Für mich gibt es nur einen Gott“, presste er hervor.

Azrael seufzte. „Wieso fühlst du dich ihm verpflichtet? Was hat er dir je gegeben?“

Esben hielt seinem Blick stand. „Mein Leben.“

Und warum sollst du dafür dankbar sein?“

Esben sah Azrael verblüfft an. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Azrael lehnte sich zurück, bis sein Rücken gegen die hohe Lehne stieß. Seine Augen blitzten.

Wenn Gott der Herr dich tatsächlich liebte, hätte er dich sofort im Himmel erschaffen. An einem Ort ohne Leid, ohne Konflikt. Stattdessen warf er dich auf dieses Schlammloch namens Erde, wo die Dämonen regieren.“ Azrael breitete die Arme aus. „Gier, Neid, Wollust, Völlerei! Das sind die wahren Dämonen und sie hausen in eurem Verstand! Du glaubst mir nicht? Sieh nach draußen! Ich bot ihnen einen Garten Eden und sie bauen ein Inferno! Der Mensch muss ein Knecht sein, um keinen Schaden anzurichten!“

Der Foliant entglitt Esbens erschlaffenden Hand und fiel zu Boden. Die Kraft wich aus seinen Knien und der Priester knickte ein. Er fing seinen Sturz mit den Händen ab. Schmerz durchzuckte die Gelenke und ein Tränenschleier schob sich vor Esbens Augen.

Dann befreie mich!“, schrie er. Die lodernde Wut, die schmerzhaften Zweifel, die schleichende Furcht, alles brach sich nun Bahn. Seit Teshins und Saskias Auftauchen in Aminas war seine Welt immer wieder aufs Neue zerschmettert worden. „Befreie mich von meinem Schmerz! Mach mich endlich wieder ganz!“

Azrael schwieg. Er wirkte erstaunt.

Esben starrte ihn an, während Tränen seine Wangen benetzten.

Überall Monster“, flüsterte er. „Wohin ich auch blicke, alles ist düster und voller Dunkelheit. Jeder Dämon ist gottlos und jeder Mensch schlachtet seinesgleichen. Meine Schwester – tot. Meine Gemeinde – Monster. Meine Freunde – versprengt. Es gibt nichts … nichts … keinen Schutz vor der Dunkelheit. Jeder ist grausam und jeder ist ein Abgrund.“

Die Worte sprudelten aus Esben jervor wie ein Wasserfall der Bekenntnis. Er konnte nicht mehr an sich halten und lautes Lachen entrang sich seiner gepeinigten Kehle. Der Wahnsinn erschien ihm nun als tröstlicher Freund.

Alles ist dunkel und kalt!“, schrie Esben, bevor er entkräftet niedersank.

Kurz herrschte Stille, als Azrael sich plötzlich erhob und über den roten Teppich schritt. Der Stoff dämpfte seine schweren Schritte kaum.

Ich verstehe dich“, murmelte der Dämonenkönig. „Unsere Welt ist von Krieg geplagt und wir alle haben diese Momente, wenn wir die Wahrheit begreifen, in denen unser Leben wie grausamer Spott erscheint. Liebe deinen Nächsten, sagen sie und am nächsten Tag verbrennen sie eine Hexe. Gott bequemt sich nicht herab, um zu herrschen. Ich muss es für ihn tun.“

Esben hob verunsichert den Kopf, als Azrael ihm die Hand anbot. Zögernd ergriff er sie.

Kann es wirklich gelingen?“, fragte er leise.

Ja“, erwiderte Azrael und stieß ihm Murakama ins Herz.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 5 – Finsternis

Der Zyklop sank tiefer und tiefer. Auf seinem Weg passierte er abstrakte Felsformationen und bunte Schwärme von winzigen Fischen, mit bis zu 50.000 Exemplaren, die mit flinken Bewegungen durch die Gezeiten pflügten. Unter ihnen befand sich nur die unergründbare Schwärze des Abgrundes. Die Dünen, wie Crowler sie genannt hatte, vollzogen eine große natürliche Kurve, als wären sie der Rand eines riesigen, ehemaligen Kraters, in dem das Leben brodelte. Der abrupte Abfall des Terrains und die plötzliche Dunkelheit, die damit einherging, wirkten im Vergleich fast lebensfeindlich und karg. 
Daisy steuerte das Schiff sorgsam auf der Schwelle ins Nichts, bedacht darauf, den Kraterrand nie gänzlich zu überschreiten. 
Doch der Blick aus der großen Glaskuppel ließ dennoch einen beunruhigenden Blick in die Finsternis zu und Archweyll merkte, wie sein Gehirn damit begann, ihm Streiche zu spielen, indem es riesige Schatten in Bewegung setzte, die gar nicht da waren. Wie sehnlich wünschte er sich gerade an Bord des Patrouillenkreuzers zurück. 
»Noch drei Meilen bis zum Ziel«, riss ihn die Chefmechanikerin aus seinen Gedanken. »Der Scan ist jetzt in Reichweite. Ich starte mal eine Analyse.«
Archweyll grummelte eine Antwort. Wenn alles gut ging, würden sie in weniger als einer Stunde wieder zurück sein. »Maschinen stoppen!«, befahl er mit einer Handbewegung. »Wir wollen uns ja nicht in die Explosionsreichweite begeben.« Eingehend analysierte er die Monitore, die für den Scan zuständig waren. Langsam manifestierte sich ein Bild vor seinen Augen. »Sind das… Berge?«, frage er zögerlich.
Vor ihnen befand sich eine Formation riesiger Nadelspitzen, die unbeugsam in Richtung Oberfläche emporragten und dabei Gefahr liefen, in den Kraterrand zu stürzen. 
»Negativ«, quittierte ihn die Chefmechanikerin lachend. »Das sind seine Rippen.«
Archweyll merkte, wie ihm die Kinnlade herunterfiel. Mit einer fast übertrieben grazilen Handbewegung brachte er seinem Kiefer wieder Haltung bei. »Aber die sind bis zu fünfhundert Meter hoch. Und Mama hat mir schon immer gesagt, ich sein ein wahrer Prachtkerl«, grunze er und fuhr sich mit der Hand bedächtig durch den Schnauzer. »Länge?«, wollte er wissen.
»1.200 Meter. Ich glaube ein bis zwei Torpedos sollten reichen«, erwiderte Daisy gelassen. 
Es erstaunte den Kommandanten, dass sie so ruhig bleiben konnte, angesichts der Tatsache, dass es ihre erste Mission und Kontakt mit fremdem Leben war. Und dann gleich mit so einem ausgewachsenen Ungetüm. Oder verbirgt sie etwas?
Möglicherweise war sie voll fokussiert oder aber sie ließ sich nichts anmerken. 
»Dann wollen wir dieses Riesenbaby mal zerlegen«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. »Feuer frei.«
»Automatische Zielfrequenz initiiert«, bestätigte die Spracherkennung des Zyklopen
Ein Surren ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterie in Anschlag gebracht wurde.
»Können wir überprüfen, ob die Frequenz abbricht, sobald wir es zertrümmert haben?«, fragte der Kommandant. 
»Ich verbinde mich mit Crowler und befrage ihn«, antwortete Clynnt Volker vom Funkgerät aus, von welchem er bis gerade eifrig mit der föderalen Sicherheitsbehörde kommuniziert hatte.
Der Kommandant quittierte ihn mit einem Nicken. »Aber wir brauchen eine andere Möglichkeit, um es herauszufinden. Ich traue ihm mittlerweile durchaus zu, dass er uns zum Narren halten würde.«
»Die haben wir auch«, sagte plötzlich eine vertraute Stimme.
Archweyll drehte sich irritiert um. 
Seit wann war Tamara wieder auf der Brücke? 
»Schön, dass du es zu uns geschafft hast«, lud er sie ein. »Dann schieß mal los.«
»Die Scherenpanzer haben manuelle Messvorrichtungen, die der Zyklop nicht besitzt«, Tamara schritt auf der Brücke auf und ab. Was sie zu sagen hatte, schien sie zu beunruhigen.
»Sie sind eigentlich für den Kampf wie geschaffen, deswegen sind sie auch in der Lage, feindliche Kommunikation abzufangen und zu übersetzen. Zumindest, wenn sie nahe genug am Ursprung der Frequenzen sind, was unser Problem ist, denn da draußen erscheint es mir eher unschön. Ich frage mich allerdings, warum der Zyklop das nicht auch kann?«, ihr Blick wanderte zu Daisy. 
»Er ist zu groß. Jedes feindliche Radar ortet dieses U-Boot schon von weitem. Unser Vorteil in der Schlacht auf Orian II war die Tatsache, dass der Zyklop einfach alles in Schutt und Asche gelegt hat, was sich ihm in den Weg stellte. Es war schlichtweg egal, dass er vom Feind geortet wurde, weil er ihn in der nächsten Sekunde pulverisiert hat. Die Scherenpanzer sind eher dazu gedacht, sich hinter die feindlichen Linien zu schleichen und sind mit dementsprechenden Funktionen ausgestattet. Seit dem Informationskrieg mit den Separatisten auf Khn’el sind langstreckige Kommunikationsabfänger nicht mehr angesagt«, erklärte die Chefmechanikerin bedeutsam. 
»Ich habe Crowler an der Strippe«, schaltete sich Clynnt in das Gespräch ein. »Er flennt wie ein Mädchen, ist aber bereit uns zu helfen. Dennoch würde ich auf Nummer sicher gehen.« 
Archweyll nickte ihm zu. »Dann zeig mir mal, was der Zyklop so drauf hat«, rief er erwartungsvoll. 
»Zielerfassung«, befahl Daisy. Ihre Monitore leuchteten auf, während sie die Koordinaten für den großflächigen Angriff durchgab und zwei Detonationsziele festlegte. Ihr Blick traf auf den von Archweyll und für eine Sekunde konnte er darin ein Feuer brennen sehen, dass alles verschlang. »Vernichten.«
Ein Ruck ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterien eine Salve abfeuerten. 
Daisy drehte in ihrem Stuhl eine Runde. »Und…« Dann noch eine. »Jetzt«, schmunzelte sie.
Bevor Archweyll begriff, was sie meinte, pfiff für den Bruchteil einer Sekunde ein Piepen durch sein Ohr. Dann ertönte ein Knall, so laut, dass er stocksteif zusammenfuhr. Ihm folgten zwei Detonationen noch nie dagewesenen Ausmaßes. Der Horizont explodierte, rote Lichter tauchten das Meer in ihren Schimmer und verliehen ihm die Farbe geronnenen Blutes. 
»Position optimieren, wir driften ab«, Daisy war schon wieder am Steuer und schien angesichts des schrecklichen Werkes der Untergangs-Torpedos kaum mit der Wimper zu zucken. 
Weitere Lichter brachen durch den Ozean und verwandelten ihn in ein Flammenmeer. 
Archweyll pfiff durch die Zähne. »Das ist ja fast schon gruselig, wie gelassen du dabei bleibst«, beurkundete er das zerstörerische Werk der Geschosse. 
»Ich habe sie mitentwickelt. Man sollte sich immer im Klaren darüber sein, was man tut«, erwiderte die Chefmechanikerin. 
»Und niemals den Respekt davor verlieren«, grummelte Tamara finster und deutete Archweyll an, ihr zu den Scherenpanzern zu folgen.
»Laut Crowler ist die Frequenz abgebrochen«, rief ihnen der Chefnavigator hinterher.
»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, murmelte der Kommandant, während er sich auf den Weg zu den Docks machte. 
N’kahlu und seine Mannschaft salutierten ehrfürchtig, als sie eintraten. 
»Anzüge bereit machen, wir gehen runter!«, befahl Archweyll lautstark.
»Ihr habt ihn gehört, Beeilung, Beeilung!«, heizte der Sergeant weiter ein.  Binnen fünf Minuten waren sie startklar. Die Schotts schlossen sich und das Wasser nahm sie ganz für sich ein. Mittlerweile war das scheußliche Licht der Explosion vergangen und es war wieder einheitlich dunkel, wofür der Kommandant irgendwie dankbar war. Minuten vergingen, während sie zu ihrem Ziel navigierten. Archweyll konnte im Licht der Scheinwerfer gerade noch erkennen, dass der Sand der Dünen nun kohlrabenschwarz gefärbt und das Klippenrelief gute zwanzig Meter in die Tiefe gesunken war. Fast lautlos steuerte er auf das Gerippe zu. Sein Scan zeigte ihm, dass es sowohl den Schädel, als auch das Körperskelett größtenteils zerlegt hatte. Die Frage, warum ein Skelett überhaupt dazu in der Lage war, Frequenzen auszustoßen, blendete er völlig aus. »Sind wir in Reichweite?«, fragte er durch das Funkgerät. 
»Noch eine halbe Meile«, erwiderte Tamara. Angespannt setzten sie ihren Weg fort. 
Beständig analysierte Archweyll seine Umgebung, aus den Augenwinkeln nahm er Bewegungen wahr, die nicht existierten. Überall schien die tödliche Bedrohung auf sie zu lauern. 
Und dann ragte eine einzelne Rippe vor ihnen auf, die vom Grund auf sogar die Wasseroberfläche erreichte, und es verschlug Archweyll die Sprache. Was auch immer dieses Etwas einst gewesen war, es musste gigantisch gewesen sein. Vor seinem inneren Auge malte er sich aus, wie das Lebewesen durch den Warp jagte und er musste schlucken. Es gab also vermutlich tatsächlich Monster da draußen, welche die Atharymn an Größe übertrafen. Bei dem Gedanken daran überkam ihn eine Gänsehaut.
Die Ebene um das Skelett war restlos verwüstet, im Lichtstrahl der Scheinwerfer erkannte Archweyll zudem, dass das Relief langsam in sich zusammenbrach. Sie mussten sich beeilen, denn möglicherweise könnten die Überreste des Riesen mit absinken. 
»Dein Gefühl, was Crowler angeht, scheint sich zu bestätigen!«, fluchte Tamara plötzlich durch den Funk. 
Instinktiv steuerte er zu seiner Stoßtruppführerin. »Wir empfangen weiterhin Frequenz?«, erwiderte der Kommandant entgeistert. Das waren schlechte Neuigkeiten. 
»Sogar verstärkt!«, bestätigte sie wütend. »Daisys Torpedos haben uns nicht geholfen.«
»Das ist nicht ihre Schuld. Es war meine Idee«, antwortete Archweyll streng. 
»Ich weiß. Ich suche nur gerade fieberhaft nach einer Lösung. Verzeihe mir, wenn ich eventuell schroff klinge.« 
Der Kommandant musste kichern. »Das tust du eigentlich immer. Dann scheint ja alles beim Alten zu sein«, lachte er. 
Bevor sie etwas erwidern konnte, ging ein spürbares Beben durch den Ozean. Ein Grollen furchtbaren Ausmaßes schüttelte Archweylls Kampfanzug durch, sämtliche seiner Systeme spuckten Warnmeldungen aus. Dann brach die riesige Rippe knirschend in sich zusammen und versank wie ein einstürzendes Hochhaus im Abgrund, gefolgt von etlichen Tonnen Gestein, Trümmern und aufgewirbeltem Sand.
»Das Relief bricht weg!«, schrie N‘Kahlu durch den Funk. »Wir müssen hier weg, bevor der Sog der Wasserverdrängung uns möglicherweise mit in die Tiefe zieht.« 
Ein grauenvolles Knacken, das dem Kommandanten durch Mark und Bein ging, unterbrach den Sergeant für einen Moment. Dann brach der Funkkontakt vollständig ab und die Anzeigen auf Archweylls Glasscheibe versagten flimmernd ihren Dienst. Das Summen des Motors verstummte. 
»Was zur Hölle?!«, fluchte der Kommandant und versuchte erfolglos die Energieversorgung wiederherzustellen. Ein Blick aus der Scheibe zeigte ihm, dass alle anderen Scherenpanzer das gleiche Problem aufwiesen. Ihre Schemen schwebten sinkend im Wasser und begannen im Sog der aufkommenden Strömung zu tanzen. Panisch bemerkte Archweyll, wie sein Anzug langsam aber sicher auf den Abgrund zusteuerte, als würde ihn die Tiefe zu sich rufen. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Die Scheibe manuell zu öffnen kam nicht infrage, sie befanden sich fast einen halben Kilometer unter Wasser und der Zyklop war in unerreichbarer Entfernung. Instinktiv hoffte der Kommandant, dass bald jemand bemerken würde, was geschehen war. Sein Kopf ratterte wie ein Getriebe, als er zu rekonstruieren versuchte, welchem Umstand er seine Situation zu verdanken hatte. 
Das Ergebnis war erschütternd.
»Crowler du Bastard!«, fluchte Archweyll und schlug mit der Faust nach der Scheibe. Ein flüchtiger Schmerz in der Hand war das einzige Resultat seines Wutausbruches. 
Der Doktor war nicht auf den Zyklopen gekommen, um sie zur Umkehr zu überzeugen. Er war sich von Anfang an im Klaren darüber gewesen, dass Archweyll sich nicht überzeugen lassen würde. Er hatte an den Scherenpanzern herumgepfuscht und diese manipuliert. 
»Wenn ich dich in die Finger kriege, reiße ich dir Arme und Beine einzeln heraus und füttere damit die Fische«, knurrte der Kommandant, wohl wissend, dass es ihm in seiner derzeitigen Situation kaum helfen würde. Als er feststellte, dass er den Abgrund nun vollständig überquert hatte, zog sich Archweylls Magen krampfhaft zusammen, denn ihm war bewusst, dass die Schwerkraft ihn nicht hergeben würde, selbst wenn der Sog nun verebbte. 
Eine Schrecksekunde später wurde ihm klar, dass die Sauerstoffversorgung des Anzuges ohne Energie ebenfalls stillstand. Wenn Crowler das geplant hatte, war es ein geradezu teuflisches Werk. Fluchend suchte der Kommandant das Innere des Anzuges nach etwas ab, dass ihm helfen könnte. Möglicherweise etwas mit genug Auftrieb, um es bis zur Oberfläche zu schaffen. 
Auch wenn es seinen modifizierten Körper auf eine ernsthafte Zerreißprobe stellen würde, wäre es doch besser, als der sichere Tod im Vergessen. Die Schatten um ihn herum gerieten abermals in Bewegung und Archweyll unterdrückte einen panischen Aufschrei. Hier war er Mächten ausgesetzt, gegen die er nicht kämpfen konnte und das versetzte ihn in zunehmende Angst. Plötzlich stieß er auf einen handgeschriebenen Zettel. Fluchend zerknüllte er ihn in der Faust, als sein erster Verdacht sich bestätigte:

Lieber Kommandant,


es tut mir Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich Ihr Verhalten weder tolerieren, noch dulden kann. Diese einzigartige Schöpfung des Lebens darf nicht einfach vernichtet werden. 
Da Sie mir nicht zuhören wollten, sah ich mich leider dazu gezwungen, zu anderen Maßnahmen zu greifen. Es tut mir Leid, dass es so kommen musste. Da ich davon ausgehe, dass Ihre Crew sie suchen wird, werde ich sie in die Tiefe locken müssen, wo Lebewesen lauern, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. In meinem Gespräch mit ihrer Chefmechanikerin habe ich einige wertvolle Informationen über ihre Ausstattung gewonnen und dadurch einen Energieblocker in ihrer Hauptversorgung installieren können. 
Sie werden ungefähr eine halbe Stunde haben, bis er die gesamte Energiezufuhr blockiert. Das arme Mädchen, Daisy, sie war so voller Hingabe, so wie ich es bin. Es bekümmert mich zutiefst, dass auch Sie ihr Ende finden wird…
Sie haben ungefähr 24 Stunden, bis der Sauerstoff restlos verbraucht ist. 
Ich hoffe, Sie können in dieser Zeit ihren Frieden finden und verstehen, warum ich das tun musste. Es tut mir Leid.

 Doktor Mantis J. Crowler 

Tosend zerfetzte Archweyll das Papier in tausend Stücke. Das konnte nur ein schlechter Traum sein. Aber er war zu pragmatisch, um es als einen solchen abzutun. »Wir sind am Arsch!«, fluchte er lautstark. Dann gewann wieder die Panik. Erneut bewegten sich die Schatten um ihn herum, formten sich zu gigantischen, boshaften Kreaturen, und er trieb unaufhaltsam in ihr gähnendes Maul.

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Gottes Hammer: Folkvang X

Esben trieb in völliger Finsternis. Er fühlte sich wie in einem warmen Meer, das ihn von allen Gedanken und Widrigkeiten der Realität befreite. Farblose Wellen umspülten seinen reglosen Körper.

Dann geschah es.

Mit einem Mal wurde die Schwärze zerrissen und er schlug die Augen auf. Verwirrt blickte Esben um sich. Die Orientierungslosigkeit umnebelte seinen Verstand wie wohlriechender Dampf. Aber schnell verdrängte der Geruch nach Schwefel seine Verwirrung.

Esben lag auf schwarzer Erde, der alte Foliant und sein Gerüst waren verschwunden. Rauchschwaden blockierten die Sicht auf seine Umwelt, aber Esben hörte Geschrei und Stöhnen. Er sah, wie schemenhafte Gestalten in wirren Bewegungen am Rand seines Sichtfelds vorbeirannten. Flüssiges Feuer brodelte in Gräben neben ihm.

Esben sank entkräftet zu Boden. Seine letzte Erinnerung war Elinors erschrockenes Gesicht, als er sie im Lager der Tempelsöhne verhörte. Jemand musste ihn hinterrücks angegriffen haben!

Es konnte nur Abigor gewesen sein. Esben wusste nicht, welches prekäres Geheimnis der Tempelsohn hütete, aber es musste Ashaya und Berith betreffen.

Esben atmete tief durch und ließ seinen Blick über die nahe Umgebung schweifen. Sein Hinterkopf schmerzte, als ob tausend Nadeln sich gleichzeitig in ihn bohrten. Seine Nemesis war nicht zimperlich gewesen.

Plötzlich erklang hinter ihm eine Stimme. „Gut geschlafen?“

Esben wirbelte herum und erblickte Velis’ ausdrucksloses Gesicht. Die mädchenhafte Dämonin musterte ihn aus flackernden Augen, während sie ihre Hände vor der Brust verschränkt hielt. Esben entging nicht, dass sie noch immer das stachelige Halsband trug, das sie während ihres Aufeinandertreffens in Hornheim als Sklavenmacher bezeichnet hatte. Scheinbar war es Azrael nicht gelungen, sie von dem Fluch zu befreien.

Wo bin ich hier?“, fragte Esben leise. Die Antwort lauerte in seinem Innersten hinter einer Fassade aus Selbstschutz.

In der Hölle“, entgegnete Velis schlicht.

Esbens Hand fuhr zu seinem Hinterkopf. Ein entsetzlicher Verdacht nahm in seinem Kopf Gestalt an. „Bin ich etwa … gestorben?“

Kurz herrschte Schweigen und nur das Stöhnen der Schemen umschmeichelte die Stille. Dann brach Velis plötzlich in lautes Gelächter aus. Auf seltsame Weise beruhigte das Geräusch Esben. Es wirkte kindlich, nahezu unschuldig.

Ich dachte, du glaubst nicht an uns?“, fragte sie neckisch.

Ich glaube nicht an Azraels Göttlichkeit“, korrigierte Esben. „Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Hölle existiert.“

Velis neigte den Kopf. Nun wirkte sie wieder ernst. „Damit liegst du gar nicht so falsch. Azrael hat diesen Ort schließlich selbst erschaffen.“ Sie breitete die Arme aus, so als ob sie die gesamte Welt umfassen wollte. „Eine eigene Welt in einer Welt.“

Esben starrte sie erstaunt an. „Was? Azrael hat …“

Velis streckte ihm eine Hand entgegen. „Komm mit, dann verstehst du es vermutlich besser.“

Zögerlich ergriff Esben ihre wartenden Finger. Welche Möglichkeiten boten sich ihm schon? Er wusste nicht, wo er sich befand oder wie er diese furchteinflößende Welt verlassen konnte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als nach dem Szenario der Dämonen zu handeln.

Velis führte ihn zielsicher durch den Rauch. Esben hustete und schirmte Mund und Nase mit seinem Unterarm ab. Schmerzhaft wurde ihm das Fehlen des Folianten ins Bewusstsein gerufen. Die Magie des Buches hätte die dämonischen Blendwerke vernichten können. Ein Schauer der Angst ließ Esben erzittern. Er war nun kaum mehr als ein normaler Mensch. Seine mäßige magische Kraft konnte ihn hier nicht schützen.

Plötzlich tauchte aus den schwarzen Schwaden ein Mensch auf, am ganzen Körper geschunden und blutig, der mit lauten Schreien und wie ein Irrer gestikulierend über den felsigen Untergrund lief. Erstarrt folgten Esbens Blicke der grässlichen Gestalt, die wild zuckend an ihnen vorbeiraste und wieder im Schutz des dichten Rauchs verschwand. Die Schreie wurden immer leiser, bis sie schließlich erstarben.

Was … was war das?“, fragte Esben heiser.

Velis seufzte. Melancholie lag in ihrer Stimme, als sie antwortete. „Ein Schemen, nichts weiter.“

Das war doch … ein Mensch!“, stieß Esben zitternd hervor. „Was ist ihm zugestoßen?“

Velis ergriff seine Hand fester, während sie an einem besonders tiefen Graben vorbeigingen. „Was bringt dich zu der Annahme, diese Gestalt sei ein Mensch gewesen?“

Esben sah Velis an. Wollte sie ihn verhöhnen? Er räusperte sich. „Das war ja wohl kaum zu übersehen. Er hatte Arme und Beine, also muss er ein Mensch gewesen sein.“

Velis hielt an und erwiderte seinen Blick. Das blutrote Leuchten ihrer Augen wurde intensiver. „Was ist mit mir? Ich habe auch den Körper eines Menschen.“

Esben fluchte innerlich. Er wollte sich auf keine Diskussion einlassen!

Das ist eine Frage der Gesinnung“, erwiderte er knapp und wollte weitergehen.

Velis hielt ihn zurück. „Ich habe es versucht.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich habe wirklich versucht, ein Mensch zu sein.“ Ihre großen Augen funkelten und die dünnen Finger ihrer verbliebenen Hand strichen über das dunkle Halsband.

Esben entwand sich ihr. „Jetzt tu nicht so scheinheilig!“, brüllte er. Die Panik schürte seine Wut. „Ihr seid Dämonen! Ihr holt Menschen hierher und FOLTERT sie!“

Velis’ Augen blitzten erbost. „Warum denkst du das? Weil Sitraxa es so gemacht hat?“

Willst du mich verarschen?“ Die Unsicherheit und die vielen Gefahren der letzten Tage machten sich bemerkbar. Ein Held wie Halgin hätte vermutlich selbst in dieser Situation Haltung bewahrt und Velis majestätisch Paroli geboten, aber der Strudel der Ereignisse hatte jegliche Heldenhaftigkeit aus Esben herausgezwungen. „Sieh dich doch um! Das hier ist doch Beweis genug!“ Der Priester vollführte wilde Gesten. „Und hast du vergessen, dass ich in Hornheim war? Dort ist alles voller Verliese und Kerker! Ein gottloser Ort!“

Velis erwiderte nichts. Stattdessen ergriff sie wortlos den Rand ihres Hemdes und zog es hoch, bis Esben ihren Bauch sehen konnte.

Der Priester erstarrte.

Brandnarben überzogen die ehemals weiche Haut, sodass sie wie ein zerklüftetes Felsenmeer wirkte. Esben erkannte einen eingeritzten Schriftzug in dem Zeugnis von Schmerz und Leid. Unhold, stand dort geschrieben.

Esben sank entkräftet zu Boden und mit einem Seufzen bedeckte Velis ihre Blöße erneut. Als sie zu sprechen begann, wirkte sie wesentlich älter.

Mein Vater war ein grausamer Dämon“, erzählte sie und strich dabei über ihr Halsband. „Er hat Mägde aus Raureif geraubt und meine Mutter gezwungen, ihm … Vergnügen zu bereiten. So … bin ich entstanden. Unbeabsichtigt.“

Velis’ Augen füllten sich mit den Erinnerungen vergangener Zeiten. Sie blickte in den Rauch, so als ob sich die Bilder dort neu bildeten. „Aber dennoch hat mein Vater niemandem je zum Spaß Schmerz zugefügt, auch wenn viele das behaupten. Er hat es getan, weil er es zum Leben brauchte. Seine Magie als Dämon hatte ihm ewiges Leben geschenkt, aber eben zu diesem Preis. Er verachtete sich selbst und in grausigen Anfällen von Hass geißelte er sich oft bis zur Bewusstlosigkeit. Seine gesamte Welt bestand nur aus Schmerz. Wie auch meine.“

Velis erschauderte. „Als ein mächtiger Inquisitor von Astaval in Hornheim eindrang und meinen Vater trotz seiner Unsterblichkeit tötete, wurde ich befreit. Aber ich kannte das Leben jenseits der vertrauten Mauern des Verlieses nicht. Ich kannte kein Leben, in dem man stundenlang keinen Schmerz verspürt. Also flehte ich die Knechte des Inquisitors an, mir Schmerz zuzufügen.“

Velis strich über ihren Bauch. Übelkeit überkam Esben, als er verstand, worauf sie hinauswollte.

Ich trug davor schon einen Sklavenmacher, aber ich hatte nie Narben“, flüsterte Velis. „Dafür hat mein Vater gesorgt. Aber an jenem Tag bekam ich mehr als genug Narben und dazu noch einen Schmerz, der jenseits aller Vorstellungskraft stand.“ Velis stöhnte. „Glühendes Eisen. Die Knechte haben pausenlos gelacht und sich betrunken. Für sie war es ein Spiel. Sie betrachteten mich nicht als Lebewesen, sondern als … Ding, mit dem der Besitzer tun und lassen kann, was auch immer er will.“ Velis’ lodernder Blick ruhte auf Esben. „Hast du schon einmal so etwas erlebt, Priester? Wenn Menschen außer Kontrolle sind?“

Esben dachte an den Lynchmord an seiner Schwester und nickte traurig. „Warum?“, flüsterte er. „Warum erzählst du mir das?“

Velis ging auf ihn zu und ließ sich vor ihm nieder. „Du liegst richtig“, sagte sie leise. „Wir Dämonen sind keine Menschen mehr. Sowohl im schlechten, als auch im guten Sinne.“ Sie erhob sich und deutete auf die Stelle, an der die geschundene Gestalt im Rauch verschwunden war. „Das war übrigens ein Hrandar von Berengar. Wir lassen sie einmal pro Tag durch die Gegend rennen, um den Verdammten Angst einzuflößen.“

In einem letzten verzweifelten Versuch begehrte Esben auf. „Was ist mit Sitraxa? Sie genoss es, Menschen Leid zuzufügen!“, rief er.

Velis erwiderte nichts. Stattdessen zog sie den gewaltigen Folianten hervor, so als ob sie ihn aus Luft bildete. „Beschwöre sie“, flüsterte sie. „Dann wirst du die Wahrheit erkennen.“

Ehe Esben eine Antwort finden konnte, war Velis verschwunden und das dicke Buch lag vor ihm im Staub der Hölle.

König Azrael.“ Berith sank vor dem Dämon auf ein Knie.

Azrael nickte und bedeutete ihm, sich zu erheben. Eine Sorgenfalte spaltete seine Stirn. Scheinbar quälte ihn wieder die Stimme, deren Herkunft niemand kannte.

Berith.“ In einen prächtigen schwarzen Mantel gehüllt, wirkte Azrael wie ein Edelmann. Das prächtige Schwert Murakama lehnte an seinem Thron.

Berith räusperte sich. „Soll ich mich nun um Esben kümmern?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Er ist fürs Erste aus dem Verkehr gezogen, aber er wird uns später noch gute Dienste leisten. Mehr Sorgen bereiten mir Abigor und unsere Kontaktperson im Heerlager der Tempelsöhne.“

Berith schluckte. Diese Antwort missfiel ihm. „Ashaya kümmert sich bereits um sie.“

Genau das macht mir Sorgen.“ Azraels Augen funkelten. „Sie war gerade erst hier und wollte Esben abholen.“

Berith nickte. Er hatte ihr diesen Auftrag gegeben.

Azrael knurrte. Er wirkte wie ein Raubtier. „Eine Sterbliche. Hier, in Hornheim? Berith, sie weiß bereits jetzt zuviel. Du verlässt dich zu sehr auf sie.“

Fürchtet Ihr, sie könnte uns verraten?“, fragte Berith, ohne Emotionen zuzulassen.

Azrael blickte in die Ferne. Er schien der Frage ausweichen zu wollen. „Die Sache mit Iliana und Lifas lassen wir sie noch erledigen, aber um Medardus und Abigor wird sich unsere Kontaktperson kümmern. Aminas indes werde ich jemand anderem überlassen.“

Beriths Herz setzte einen Schlag aus. „Habe ich … habe ich gefehlt, Herr?“

Azrael schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich brauche dich hier. Das Ultimatum ist bald vorbei. Der Kampf steht kurz bevor und diesmal wird es kaum so einfach werden wie in Aminas.“ Seine Augen funkelten. „Aber wenn wir es schaffen, Medardus auf unsere Seite zu bringen, haben wir gewonnen.“

Berith sah ihn erstaunt an. „Was macht Euch so sicher?“

Ein leises Lächeln umspielte Azraels Lippen. „Er stammt aus Astaval. Ich kenne ihn noch aus Kindestagen. Seither hat er sich einen großen Namen gemacht. Wenn wir ihn haben, wird uns niemand mehr ernsthaften Widerstand leisten können.“ Sein Blick fiel auf Beriths Rüstung. „Halte dich bereit. Bald ist es soweit.“

Berith nickte und erhob sich. Eine Schlacht stand bevor.

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Rezension zu „Die Phileasson-Saga – Himmelsturm“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus

Das Buch Die Phileasson-Sage – Himmelsturm

Die Autor Bernhard Hennen / Robert Corvus

Genre Fantasy

ISBN 978-3-453-31752-9

480 Seiten inkl. Bonusmaterial

Preis 14,99 €

Heyne Verlag

Informationen zu den Autoren und Büchern:

 

http://www.phileasson.de/ph_romane.shtml

Die Handlung:

Asleif Phileasson und seine Mannschaft sowie Beorn mit seinen Begleitern kommen am Himmelsturm an. Nun gilt es für die beiden thorwalischen Kapitäne und deren Mitglieder diesen mysteriösen, elfischen Turm mitten im Eis zu erforschen sowie dessen Geheimnisse zu lüften.

Während die beiden Kapitäne in unterschiedliche Richtungen ausschwärmen, verfolgen sie weiterhin ihren eigenen Weg um den Titel „König der Meere“ zu erlangen.

Auf ihrer Entdeckungstour stellen sich den beiden Schiffsmannschaften nicht nur Rätsel entgegen. Um den ein oder anderen Kampf kommen sie leider nicht herum, wobei sie auch mal einen Wegbegleiter verlieren.

Doch was sie nicht ahnen, ist die Herausforderung in den Tiefen des Himmelsturmes…

Mein Eindruck:

Noch immer hänge ich den Erinnerungen an meine Zeit als DSA-Spieler hinterher und doch ist auch das zweite Abenteuer der Saga in dieser Form eine ganz andere Erfahrung als zu der Zeit als ich selbst gespielt habe.

Die Schreibweise der beiden Autoren führen mich als Leser locker durch die Handlung und ermöglicht es so mit dem ein oder anderen Charakter mitzufiebern

Die Geschichte ist natürlich in einem Roman verpackt ein wenig anders im Erleben im Gegensatz zum DSA-Abenteuer.

Mein Fazit:

Für mich ist der zweite Teil der Phileasson-Saga eine wunderbare Fortsetzung des ersten Bandes und führt die klare Ausdrucksweise der beiden Autoren weiterhin locker durch das Geschriebene. Wer also neugierig darauf ist, was im zweiten Band geschieht nachdem er den ersten Band gelesen hat, sollte diesen auch in die Leseliste übernehmen.

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Saigels Irr(e)lichter – Das Schreibgefühl

Ein Gefühl, das abhängig macht. Eine Droge, wenn man so will. Schreiben kann einiges auslösen. Dabei ist es völlig egal, ob der Autor einen Bestseller geschrieben, oder lediglich sein tägliches Kreuzworträtsel ohne Hilfestellung vollendet hat. Es ist dasselbe Gefühl. Es fühlt sich an wie ein Urlaubsgefühl. Ein Gefühl von Leichtigkeit und Erfolg. Ein Höhenflug, der vielleicht nur kurz andauert, denn in jedem von uns steckt ein kleiner Nörgler, der selbst den schönsten Text kritisieren und das schwerste Kreuzworträtsel banalisieren kann.
Das ist wohl die Essenz des Schreibgefühls: es fühlt sich wahnsinnig gut an und dann plötzlich nicht mehr. Das Schreibgefühl ist ein endlos rollendes Rad auf einem Weg aus Höhen und Tiefen, unendlich weit und niemals gleich. Hier und da sind kleine und große Steine, dann kommt da Sand und Moos, bevor es wieder einen steilen, felsigen Abhang hinauf geht. Mal fährt es tonnenschwer auf dem unergründlichen Meeresgrund, mal dreht es sich wie ein Propeller in leichten, überschaubaren Lüften.

Das Schreibgefühl. Ein unberechenbarer Begleiter eines jeden Autors und Denkers. Ein freundlicher Gast und ein gemeiner Zeitdieb.
Ob nun das Gelesene genauso empfunden wird wie das Geschriebene? Diese Frage beschäftigt mich bereits eine Weile. Werden die Texte, die mir mühselig von der Hand gingen auch genauso gelesen? Werden die Geschichten, die ich innerhalb eines Tages auf Papier bringen konnte, auch genauso schnell verschlungen? Bis jetzt habe ich noch keine eindeutige Antwort darauf gefunden.
Ein individueller Text wird wohl stets irgendwo Anklang finden. Es gibt immer Texte, die zwar selbst verfasst, jedoch ohne Zugang einfach in den Weiten der Schreibtischschubladen verschwinden. Der Gedanke daran, dass jeder Text seinen Leser hat, auch wenn sich selbst der Autor nicht zu dieser Gruppe zählt, ist tröstlich. Das Rad dreht sich weiter auf seinem Weg und auch wenn dieser beschwerlich erscheint, kann er für jemand anderen ein Morgenspaziergang sein.
Verständnis ist demnach subjektiv. Daran glaube ich. Allerdings bedeutet das auch, dass jeder Leser das aus einem Text heraus liest, was er lesen will und wenn er nichts für sich findet, so lehnt er ihn wohl ab, oder öffnet sich für etwas Neues. Hieraus schließe ich für mich, dass es mein Schreibgefühl und nicht der Leser sein sollte, das mich zum Schreiben bewegt.

Eure Saigel

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Gottes Hammer: Folkvang IX

Iliana entsann sich der Worte des Dorfpriesters in Raureif, der die Hölle als heißen, trostlosen Ort beschrieben hatte, in dem man in vollkommener Einsamkeit umherirrte. Jedoch nur dann, wenn man zu den Glücklichen zählte. Die schlimmeren Sünder, die Ketzer, Mörder und Hexen wurden von den Dämonen gequält. Dennoch war Ilianas Vorstellung von der Hölle immer einem weitläufigen, verbrannten Feld gleichgekommen, auf dem sie vollkommen allein und verlassen war.

In Hrandamaer schien es, als bewahrheitete sich ihre kindliche Fantasie.

Keine Pflanze, kein Lebewesen. Nur die bräunliche, nach Schwefel riechende Erde. Hin und wieder passierten sie verkohlte Ruinen, die wohl vor Jahrhunderten einmal Dörfer gewesen sein mochten. Öfter sahen sie Bäume, deren Äste in grotesken Winkeln abstanden, sich immer weiter verjüngten und schließlich zu weißen Knochen zu werden schienen. Es herrschte völlige Stille.

Als einziger Lichtblick in diesem verheerten Land betrachtete Iliana die Umrisse einer Kathedrale am Horizont. Sie glich entfernt dem großen Tempel, den Lifas ihr vor ihrer Begegnung mit den beiden Flüchtlingen aus Aminas gezeigt hatte, wenngleich sie dessen gewaltige Höhen in geringerem Maße teilte.

Die Stille war zermürbend. Anfangs hatten sie noch versucht, ihr Gespräch aufrechtzuerhalten, aber diese unnatürliche Abwesenheit von Tönen erstickte ihre Bemühungen wie unter einem Leichentuch. Selbst die beiden Zugpferde wirkten ermattet.

Iliana wollte Lifas nach dem Fluch fragen, vermochte jedoch kein Wort von sich zu geben. Stattdessen ließ sie ihren Blick über die endlosen Weiten von Hrandamaer schweifen. Was mochte hier nur geschehen sein?

Mit einem Mal beschleunigte ihr Herzschlag und die Pferde scheuten. Mehrere Leichen säumten die staubige Straße.

Es handelte sich um groteske Gestalten, die kaum noch als Menschen zu identifizieren waren. Das Fleisch hing ihnen in Fetzen vom Körper, der nur durch eine Kruste aus Schmutz und Staub zusammengehalten werden schien. Die Körper lagen um den frischeren Kadaver einer Kuh herum, manche sogar auf ihm. Er wirkte, als hätten hungrige Mäuler sich in sein Fleisch gegraben.

Iliana erschauderte. In ihr formte sich ein Verdacht, wie der Fluch von Hrandamaer aussah. Ihr Magen rebellierte und sie wandte sich ab. Nicht einmal Fliegen wagten sich an das verstorbene Tier heran.

Ergrimmt griff Lifas zur Peitsche. Er schien seine Nervosität unter einer Fassade aus Wut zu verbergen.

Los!“, rief er laut. „Hü!“

Widerstrebend trabten die Pferde weiter. Nun durchbrach Iliana die Stille.

Sollten wir sie nicht bestatten?“, fragte sie zaghaft. Sie erinnerte sich an eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie handelte von einem edlen Helden, der jeden besiegten Feind mit eigenen Händen zu Grabe trug und für sein Seelenheil betete.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie wurden bereits einmal bestattet“, entgegnete er mit einem Knurren.

Eine kalte Klaue umfasste Ilianas Herz. Ihr Verdacht entsprach wohl der Wahrheit. Nachts, wenn die Lebenden ruhten, erhoben sich in Hrandamaer die Toten.

Kurze Zeit später erreichten sie die Kathedrale. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei vielmehr um eine Stadt, die in das geistliche Gebäude gebaut wurde. Zwischen Heiligenstatuen und prunkvollen Altarbildern reihten sich Zelte aneinander, deren Bewohnern mehrere fahrende Händler ihre Waren präsentierten. Es herrschte geschäftiges Treiben, ein heftiger Gegensatz zur Stille der weiten Ebenen.

Lifas bedeutete ihr, abzusteigen und Iliana ließ sich in den braunen Staub gleiten. Der Boden knirschte unter ihren Stiefeln und sie schluckte. Sie fühlte sich, als würde sie auf Knochen wandeln.

Sie passierten mehrere Frauen, die an einem verschlossenen Brunnen hantierten. Iliana fragte sich, weshalb diese Vorsichtsmaßnahme wohl nötig war. Da kam ihr der Gedanke an die Leichen und sie beschloss, es lieber nicht wissen zu wollen.

Als Lifas durch das weit geöffnete Doppeltor schritt, erregte er sofort Aufmerksamkeit. Scheinbar war er als Sohn des Herzogs nicht unbekannt. Sofort verstummten die Gespräche und wer dennoch redete, wurde von seinem Nachbarn auf die Neuankömmlinge hingewiesen.

Bruder!“, rief ein Mann sofort. „Wir haben hohe Gäste!“

Aus der neugierigen Menge löste sich ein gealterter Mann in der Robe eines Mönchs, auf dessen Glatze sich das durch die Buntglasfenster fallende Sonnenlicht spiegelte. Iliana entging das kantige Glaubenssymbol nicht, das er wie eine Waffe an seinem Gürtel trug.

Herr Lifas!“, rief der Mann überrascht. „Welch eine Ehre! Wie geht es Eurem Onkel und Eurer Schwester? Ich hoffe doch, es gab im Heidenwald keine Komplikationen?“

Lifas begrüßte den Neuankömmling mit einem Nicken. Der Anflug eines Lächelns schlich sich auf sein Gesicht. Dennoch erreichte die Wärme seine Augen nicht.

Ich grüße Euch, Bruder Thomasius. Meine Verwandten sind wohlauf. Wir erwarten bald ein Gefecht, bisher noch kein Feindkontakt.“ Iliana erschien die Erzählung wie ein militärischer Bericht.

Thomasius’ Mundwinkel zuckten. Scheinbar hatte er nichts anderes erwartet.

Folgt mir ins Sakrosanktum! Dort können wir genauer über die Geschehnisse sprechen!“ An die Gemeinde gewandt fügte er hinzu: „Und Ihr bereitet für den Abend ein Mahl vor! Wir haben einen Fürstensohn als Gast!“

Jubel erhob sich und Iliana warf unbehagliche Blicke in die Runde. Sie war dieses Maß an Aufmerksamkeit nicht gewohnt.

Bruder Thomasius bewegte sich mit äußerster Geschicklichkeit durch die Menschenmenge, wohingegen sich Iliana mit gemurmelten Entschuldigungen an den Leuten vorbei drängte. Jedoch erwarteten sie keine wüsten Reaktionen. Die meisten der Bewohner quittierten ihre Unbeholfenheit lediglich mit einem amüsierten Lächeln. Offenbar war dies keine Seltenheit.

Als sie in den hinteren Teil der Kathedrale gelangten, betätigte Thomasius einen verborgenen Schalter, der einen wohl ehemals geheimen Gang öffnete. Sie erklommen eine Wendeltreppe und fanden sich kurz darauf vor einer reich verzierten Tür wieder.

Bitte, tretet ein.“ Thomasius öffnete die Tür und wies auf den kleinen Raum dahinter.

Es handelte sich um ein kleines Arbeitszimmer, in dem sich neben einem Schreibtisch außerdem ein Bücherregal und eine unbequem wirkende Koje befanden. Kaum fiel die Tür ins Schloss, fiel Thomasius Lifas in die Arme.

O Junge!“, rief er leise. „Ich war schon in Sorge! Das Orakel …“

Lifas räusperte sich vielsagend und deutete auf Iliana. Thomasius brach sofort ab und musterte sie, als sähe er sie zum ersten Mal.

Ist diese junge Maid nicht eingeweiht?“, fragte er ehrlich überrascht.

Iliana errötete. Man hatte sie noch nie zuvor als Maid bezeichnet.

Lifas schüttelte den Kopf. „Sie erfährt es noch bald genug. Wir sind auf dem Weg nach Hrandars Faust.“

Was erfahre ich früh genug?“ Iliana runzelte die Stirn. „Dass in der Nacht die Toten umgehen?“

Die beiden Männer sahen sie überrascht an.

Das ist doch der Fluch, oder?“, fügte sie hinzu. „Esben hat etwas in der Art erwähnt und wir haben auf dem Weg hierher ein halb aufgefressenes Tier gesehen.“ Ihr fragender Blick galt vor allem Lifas.

Der Ritter räusperte sich. „Zugegeben, ich wollte dich schonen und dir das verheimlichen. Aber wir sprechen von etwas anderem.“ Seine Augen glitzerten. „Medardus meinte, du hattest Visionen. Das Orakel kann dir alles besser erklären als wir.“

Iliana verdrehte die Augen. „Hältst du mich für zartbesaitet?“, fragte sie schmollend. Wenn er sie duzte, konnte sie das auch. „Vergiss nicht, ich war in Hornheim und habe gegen Sitraxa gekämpft!“

Lifas’ rechte Augenbraue wanderte nach oben, obgleich widerwilliger Respekt in seinem Blick glitzerte. Thomasius erbleichte.

Das hast du bisher noch nicht erwähnt.“

Ich ging davon aus, Medardus erzählt seinen Tempelsöhnen sowieso alles“, konterte Iliana.

Gegen diese Bestie?“, klagte der Bruder. „Gott helfe uns allen! Die Gerüchte stimmen! Die Dämonen toben auf der Welt!“

Sind die Gerüchte bereits bis hierher gelangt?“, fragte Lifas den Mann irritiert.

Thomasius nickte zerknirscht. „Ein fahrender Händler war vor kurzer Zeit hier. Er berichtete, dass angeblich ein Dämon den Bischof von Aminas geholt hätte.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Nicht, dass dieser wollüstige Bock es nicht verdient hätte, aber es gibt einem doch sehr zu denken!“

Es ist weit schlimmer“, flüsterte Iliana. „Die Dämonen haben die Stadt übernommen.“

Thomasius flüsterte einige Worte in der Alten Sprache, ehe er entkräftet in seinen Stuhl sank. Ein unheilsschwangeres Knarren hallte durch den Raum.

Gott steh uns bei!“, flüsterte er und fächelte sich mit seiner Hand Luft zu. „Was, wenn sie auch nach Hrandamaer kommen?“

Keine Sorge.“ Lifas’ Stimme klang hart. „Medardus befehligt unser Heer. Wenn jemand diese Bedrohung aufhalten kann, dann er.“

Medardus? Der Inquisitor?“ Als Lifas nickte, stöhnte Thomasius auf. „An ihn habe ich keine guten Erinnerungen. Man erzählt sich viel über seine Vergangenheit … angeblich soll er aus Astaval stammen und mit dem Tempelsohn Mendatius einen Dämon besiegt haben, bevor er seine Stimme opferte …“

Wir alle kennen die Geschichten“, erwiderte Lifas.

Ich nicht!“, entgegnete Iliana beleidigt. Lifas ignorierte sie.

Falls die Dämonen den Händlern die Reise nach Hrandamaer verbieten, könnt ihr euch dann versorgen?“, fragte er besorgt.

Thomasius holte ein fleckiges Tuch hervor und fuhr sich damit über seine mit Schweißperlen bedeckte Stirn. „Ich weiß es nicht“, bekannte er. „Die Lieferungen aus Astaval gehen zum größten Teil nach Hrandars Faust, aber wenn ich mit Ashaya spreche …“

Der Name durchzuckte Iliana wie ein Blitz. Berith hatte ihr geraten, diese Person aufzusuchen! War sie etwa eine Fürstin?

Lifas nickte bedächtig. „Sie ist zwar eine Freundin meines Onkels, aber dennoch für Argumente zugänglich.“

Thomasius neigte den Kopf. Schalk blitzte in seinen Augen auf. „Hat sich Abigors Gebahren noch nicht zum besseren gewandt?“

Lifas seufzte resigniert. Kurz verschwand der Ingrimm aus seiner Miene.

Sagt, Bruder Thomasius, ist er wirklich ein Gelehrter? Mit jedem neuen Tag zweifele ich mehr daran.“

Thomasius lachte auf. Das herzhafte Geräusch besaß solche Lautstärke, dass Iliana erschrocken zusammenzuckte.

Ich denke nicht, dass dies die Zeit ist, um einen alten Freund zu diskreditieren“ erwiderte er mit einem Augenzwinkern und wandte sich dann plötzlich Iliana zu. „Aber nun zu Euch, junge Maid. Ihr habt sicher viele Fragen. Genauso wie ich. Wie kommt es, dass Ihr Euch derart … kämpferisch kleidet?“

Iliana sah an ihrem Körper hinab und errötete erneut. Sie hielt noch immer den Bogen in der Hand. Zusammen mit ihrer praktischen Kleidung wirkte sie wie eine Waldläuferin.

Wie gesagt, ich habe gekämpft!“, antwortete sie etwas lauter als gedacht. „Versucht das einmal in einem Kleid!“

Die Vorstellung schien den Mönch zu erheitern. „Ich kämpfe auch, meine Liebe. Dennoch trage ich immer meine Kutte.“

Iliana verdrehte die Augen. „Ich dachte, ich dürfte die Fragen stellen?“

Thomasius erteilte ihr mit einer einfachen Geste die Erlaubnis. Iliana holte tief Luft. „Was hat es mit dem Fluch genau auf sich? Erheben sich die Toten wirklich aus den Gräbern?“ Sie hoffte inbrünstig, dass sie falsch lag.

Der Mönch seufzte. „Ich teile dies einer Maid nur äußerst ungern mit … aber ja. Das tun sie.“ Er räusperte sich. „Vor mehr als siebenhundert Jahren waren diese Lande noch fruchtbar und wunderschön. Zu dieser Zeit entstand das Kaiserreich mit seiner Hauptstadt Sankt Emerald. Es verleibte sich Astaval und Aminas in Windeseile ein, über unsere Grenzen kam es jedoch zunächst nicht hinaus. Unsere Vorfahren waren stark und wohlhabend. Sie hielten wenig davon, ihre Unabhängigkeit aufzugeben. So existierte unser Königreich jahrelang neben dem Kaiserreich in Frieden.“

Er machte eine theatralische Pause. Lifas schien sich zu verspannen. Nun kam wohl der unangenehme Teil der Geschichte.

Jedoch waren unsere Vorfahren heidnisch. Sie verspotteten den Glauben an den einen Gott im Süden. Aus dieser Zeit stammt die Geschichte vom Heiligen Lifas.“ Thomasius räusperte sich erneut. „Er kam in unsere Lande, um die Botschaft des Herrn zu verkünden. Nach einigen Predigten ließ König Androg ihn jedoch festnehmen und verhören. Was er hörte, gefiel ihm nicht.“

Bei diesen Worten glitzerten Thomasius’ Augen mit einem Mal wie abgründige Sterne. Iliana schluckte. Sie konnte seine Miene nicht deuten, aber sie vermutete, dass seine leidenschaftliche Frömmigkeit nun zutage trat.

Androg war ein verabscheuungswürdiges Wesen, alt und verbittert. Er stützte seine Macht auf den heidnischen Glauben und paktierte heimlich mit Dämonen. Er sah Lifas als Gefahr für seine Herrschaft an und ließ ihn daher öffentlich martern, um ihn zum Abschwören zu bringen. Aber der Heilige ertrug alle Qualen und immer wenn die Wachen ihn fragten: „Bekennst du dich zu Fimbultyr, unserem obersten Gott?“, antwortete er: „Ich bekenne mich zu dem einen Gott, der uns geschaffen und geformt hat und in dessen Auftrag ich hierher kam“ und zeigte keine Schwäche. Schließlich ließ Androg den Heiligen von Hunden zerfleischen, aber Lifas hatte das Volk bereits so beeindruckt, dass viele zum wahren Glauben übertraten. Sie wurden alle von der Katastrophe verschont, die da kommen sollte.

Denn Gott der Herr schickte seinen Todesengel, um Androgs Grausamkeit zu bestrafen. Eine Seuche kam über das Land und raubte die Leben all derer, die Lifas verspottet hatten. Androg verlor seine Frau und sein einziges Kind. Doch anstatt Buße zu tun und die Größe des einen Gottes anzuerkennen, beging er noch einen Fehler.“

Ilianas Hände krallten sich in die Lehne ihres Stuhls. Die Stimmung im Raum war gekippt. Merkwürdige Anspannung ging von Lifas und Thomasius aus. Sie wirkten mit einem Mal ernst und erhaben, so als ob eine himmlische Eingebung sie von einem Moment auf den anderen über das Profane gestellt und ihnen die göttliche Wahrheit offenbart hätte. Iliana fühlte sich unwohl. Sie hatte ihren Glauben vor Arinhilds Scheiterhaufen und in den Verliesen Hornheims zurückgelassen und machte auch kein Hehl daraus. Sie fühlte sich fehl am Platz, wie ein Eindringling.

Thomasius’ Augen schienen sich in ihre Seele zu brennen, als er fortfuhr.

Der Teufel erschien Androg und bot ihm einen unverschämten Handel an: Er würde seine Familie wiedererwecken, wenn er dafür ein bestimmtes Ritual ausführte. Worin diese unheilige Zeremonie genau bestand, ist heute unbekannt. Zum Glück. Aber viele berichten, dass Androg die Häupter von siebenhundert frommen Männern zusammentrug, im Blut von neunhundert Kindern badete und dreizehn schwarze Messen las. Diese schreckliche Hybris brachte den Fluch über dieses Reich. Androgs Frau und Kind kehrten tatsächlich zurück, aber sie waren nur tote Hüllen ohne Seele. Aus Gram nahm sich Androg das Leben und stürzte in die Hölle, während sich die Toten in ganz Hrandamaer aus ihren Gräbern erhoben.“

Iliana dachte an Berengar zurück, an Herzogin Velis’ untoten Diener in Hornheim. Er hatte behauptet, als Hrandar noch immer über seine volle Geisteskraft zu verfügen. Scheinbar verhielt es sich mit diesen Geschöpfen anders.

Thomasius’ Stimme wurde lauter. „In dieser Nacht fanden tausende Menschen den Tod. Die Erde brannte, die Pflanzen vertrockneten und das Vieh starb in Raserei. Die wenigen Überlebenden errichteten Kathedralen im ganzen Land und nutzten die heilige Magie, um sich vor den Schrecken der Nacht zu schützen. Denn bis heute suchen uns in der Dunkelheit die Leichname Verstorbener heim. Aufgrund unserer Schwäche konnte uns das Kaiserreich leicht beanspruchen, obwohl wir nie erobert worden sind. Wegen des Fluchs nennen die Menschen dieses Herzogtum bis heute „Hrandae Maer“ … „die Kunde von Untoten“. So werden wir immer an die Dunkelheit erinnert, die uns stets bedroht.

Unsere Aufgabe ist daher, Buße zu tun für die Verbrechen unserer Ahnen. Wir sind Menschen des Glaubens, denn wir leben mit dem Glauben und der Glaube beschützt uns“, verkündete der Mönch inbrünstig. „Daher hat Lifas auch bei seiner Weihe zum Tempelsohn den Namen unseres großen Heiligen angenommen.“

Iliana warf dem Ritter einen verstohlenen Blick zu. Langsam verstand sie, weshalb er stets solch üble Laune hatte. Scheinbar wollte er ständig für die Vergehen seiner Ahnen büßen. Iliana hielt diese Einstellung für geistig minderbemittelt, schließlich hatte er ja nichts verbrochen, aber sie behielt ihre Gedanken lieber für sich. Lifas und Thomasius wirkten, als ob ihnen diese Ideologie viel bedeutete.

Danke“, sagte sie stattdessen nur. Als sie sah, dass Thomasius scheinbar mehr von ihr erwartete, räusperte sie sich verlegen. „Ich denke, ich verstehe jetzt vieles besser“, fügte sie vage hinzu.

Thomasius nickte zufrieden. Die himmlische Erhabenheit schien von ihm abzufallen wie ein abgestreifter Mantel. „Habt Ihr sonst noch Fragen?“

Iliana schüttelte den Kopf. Sie musste erst die vielen Informationen verarbeiten, die der Mönch ihr soeben gegeben hatte.

Dann lasst uns nach unten gehen!“, schlug Thomasius vor und wies durch ein Fenster nach draußen. „Die Sonne geht bald unter und bis Hrandars Faust ist es ein weiter Weg. Ihr werdet hier nächtigen müssen, wenn ihr euch nicht durch Horden von toten Leibern kämpfen wollt.“

Iliana glaubte zwar nicht, dass irgendetwas sie nach ihrer Begegnung mit Sitraxa noch schockieren konnte, aber sie wollte lieber kein Risiko eingehen.

Als sie sich erhoben, entging Iliana jedoch nicht der Verdruss in Lifas’ Augen. Scheinbar hätte er die Geschichte seiner Heimat lieber vor ihr geheim gehalten.

Iliana schluckte. Sie wurde das Gefühl nicht los, an etwas sehr Dunklem zu rühren.

__

Berith stand in voller Rüstung im Rathaus von Aminas. Azrael hatte die Verwaltung der Stadt einstweilen ihm überlassen. Der Dämon spähte durch die Fenster nach draußen und entdeckte mit zusammengekniffenen Augen den Schemen einer geflügelten Person am Horizont. Die Augen gewöhnlicher Menschen würden nicht ausreichen, um ihn zu bemerken, seine hingegen schon. Er konnte nur von Glück sprechen, dass die Privatgemächer des Bürgermeisters so hoch lagen. Von hier aus konnte er selbst die verlassene Kirche mit den Zwillingstürmen entdecken, in der Herzogin Velis Azrael zum ersten Mal begegnet war. Berith fluchte.

Der Schemen kreiste unaufhörlich weiter.

Er wusste, dass es sich hierbei um den Engel, um die Elphahir, handeln musste. Folkvang war früher aktiv geworden, als sie alle gedacht hatten.

Gibt es Unannehmlichkeiten, Herr?“

Berith wandte sich um und entdeckte Ashaya. Ihr Gesicht lag im Schatten und ihre unvergleichlichen, violetten Augen stachen durch die Dunkelheit wie glühende Dolche.

Du bist früher hier, als ich dachte.“ Berith warf einen letzten prüfenden Blick durch das Fenster. Der Schemen kreiste immer noch. „Kommt Abigor uns auf die Schliche?“

Er kennt nur einen Teil der Wahrheit und verzweifelt bereits daran“, antwortete Ashaya. „Esben hingegen ist ein Problem. Er wurde von unserer Kontaktperson außer Gefecht gesetzt.“

Berith nickte langsam. „Lass ihn zu mir bringen. Wir können ihn nicht eliminieren. Azrael scheint Pläne mit ihm zu haben. Er hat mir bereits einen speziellen Auftrag erteilt.“

Ashaya nickte langsam. Das lange schwarze Haar fiel ihr offen auf die nackten Schultern. Ihr schwarzer Mantel besaß einen tiefen Ausschnitt, der die Brandzeichen offenbarte. Es handelte sich um alte und mächtige Worte, die selbst Azrael nicht kannte. Durch diese Magie war Ashaya eine wertvolle Waffe in Beriths Händen.

Seine Blicke glitten über ihr unschickliches Gewand. „Planst du, dich Lifas und Iliana in diesem Aufzug zu zeigen?“

Ashaya lachte. Dieser Laut ließ Berith wohlig erschaudern. Er beinhaltete etwas Reines, Unschuldiges, das nicht zum provokanten Auftreten der Frau passen wollte. Berith konnte die Regung in seinem Inneren nicht beschreiben, aber ihr Lachen erinnerte ihn daran, dass die Welt nicht nur ein Konglomerat aus Schmutz und Blut war.

Fürchtet Ihr um Hornheims untadeligen Ruf?“

Berith wandte sich kopfschüttelnd ab. „Hin und wieder denke ich, du solltest eher die Untergebene von Malfegas oder Ungoros sein. Du würdest besser zu ihnen passen.“

Ashaya rümpfte die Nase. „Malfegas? Dieser riesige Löwe? Und Ungoros, der wandelnde Fleischklumpen? Nein, da bleibe ich lieber bei Euch.“

Sie erschien ihm tatsächlich wie ein Kind. Sie wirkte fröhlich, verspielt und beurteilte jede Person nach ihrem Äußeren. Kein Wunder, dass sie Azrael gegenüber Irodeus bevorzugte. Der alte Dämonenkönig hatte sich vieler Eigenschaften rühmen können. Schönheit gehörte nicht zu ihnen.

Dann verfahren wir ab jetzt streng nach Plan“, sagte er. „Aminas gehört quasi uns und wenn wir Hrandamaer haben, ist auch Astaval gefügig. Das heißt, was davon noch übrig ist.“ Berith wusste nicht, was Azrael mit dem nahezu entvölkerten Herzogtum zu tun gedachte. Er hoffte inständig, dass der König sich nicht dazu verleiten lassen würde, seinen menschlichen Gefühlen nachzugeben und Rache an Hrandamaer zu nehmen. Emotionen standen einem Gott schlecht zu Gesicht.

Ebenso wie einem Wissenschaftler, wie er es war.

Er würde Esben ein Angebot unterbreiten, dass er nicht abschlagen konnte.

Werden sie rechtzeitig in Hrandars Faust sein?“, fragte Berith Ashaya.

Die Frau nickte. „Morgen rechne ich mit ihrer Ankunft.“

Er lächelte. Eine rare Geste, die sich jedoch in den letzten Tagen häufte.

Ihr Plan ging auf.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 3 & 4: Faszination / Es schlummert auf dem Grund des Ozeans

Falls sich nun berechtigterweise jemand fragt, warum ich nun 2 Kapitel in eins stopfe: Das 4. Kapitel habe ich nachgereicht, nachdem mir aufgefallen ist, dass ich es eiskalt übersprungen habe. So bleibt jedoch die chronologische Abfolge bewahrt.

Kapitel 3:

Plötzlich lichtete sich die dichte Wolkendecke um die Manticor herum und gab eine atemberaubende Sicht frei. Unter ihnen erstreckte sich das kristallklare türkise Wasser, soweit das Auge reichte. Darunter ließen sich korallenbewachsene Kalkreliefs erahnen, welche die Wassertiefe auf ungefähr fünf Meter begrenzten. Sie würden etwas außerhalb, im tieferem Wasser landen müssen und dann mit Scootern übersetzen. Saftige Grüntöne und eindringliches Rot schillerten ihnen entgegen. Das Wasser reflektierte den Schein zweier Sonnen, einem blutroter Riesen und seinem strahlenden kleinen Bruder. Nach fünf Minuten Sinkflug bildete sich am Horizont eine gläserne Kuppel. 
»Wir haben das Ziel erreicht, bereitet das Schiff auf die Landung vor!«, kommandierte Archweyll. 
Ein gewaltiger Satz ging durch die Manticor, als die Hecktriebwerke verstummten und die Propellerleistung der über zweihundert Meter langen Flügel binnen Sekunden von null auf hundert heraufgefahren wurde. Kreischend näherte sich das Schiff der Wasseroberfläche, die von dem Fahrtwind gänzlich aufgewirbelt wurde. Die große Kuppel, welche die Forschungseinrichtung darstellte, wirkte neben dem riesigen Frachter plötzlich klein wie eine Murmel.
»Oxygenfelder aktivieren. Haltet den Kahn auf Höhe. Wir haben über 20.000 Tonnen Ladung an Bord. Wenn die flöten geht, werde ich jemanden köpfen!« Tosend trafen sie auf die Wasseroberfläche und ein gewaltiger Ruck schüttelte die gesamte Mannschaft durch. 
Dann war es für einen Moment totenstill.
»Eine Bilderbuchlandung«, lobte Archweyll seinen Piloten.
Dieser nickte ihm unter seinem Helm lächelnd zu.
»Willkommen auf Nautilon. Mein Name ist Doktor Mantis J. Crowler und ich bin der Leiter der hiesigen Forschungseinrichtung. Das hier ist mein Gehilfe, Ronald?«, ein schlaksiger Mann trat hinter dem weißgekittelten Doktor hervor und nickte den Neuankömmlingen kaum merklich zu. Er hatte gestutztes rostrotes Haar, einen Ziegenbart und trug ebenfalls einen Kittel. Seine trüben Augen waren von Ringen umgeben. 
Irgendwie wirkte sein müder Blick auf Archweyll wie eine Schlaftablette.
»Wir haben noch ein Team, bestehend aus zwei Ingenieuren, einer Handvoll Maschinisten und einem ausgewählten Trupp aus Biologen und Forschern, aber ich konnte sie leider nicht entbehren, um euch zu empfangen. Wir arbeiten hier unter Hochdruck, müssen Sie verstehen.«
»Ich werde mich in eure Datenbanken einklinken müssen, um den Zyklopen mit Informationen zu füttern«, Daisy trat aus der Masse hervor und begrüßte den Doktor mit einer flüchtigen Handbewegung. »Außerdem würde ich vorschlagen, dass wir ein Training mit den Unterwasser-Anzügen durchführen.«
Tamara schnaubte. »Wie man einen Kampfanzug steuert, ist uns bestens bewusst«, sagte sie temperamentvoll.
Daisys Augen verengten sich zu Schlitzen. »Eure Aspexylanzüge haben mit den Scherenpanzern nichts gemein. Sie legen sich nicht an die Haut an, wie eure Kampfmonturen das machen. Sie sind weniger gelenkig und müssen aufwändiger gesteuert werden. Wenn du dort unten bist, solltest du wissen, was zu tun ist.« 
Tamara wollte etwas erwidern, doch Archweyll schnitt ihr das Wort ab. »Sie hat Recht«, knurrte er. »Wir werden uns mit diesen Anzügen auseinandersetzen müssen.« 
Zornig und ohne ein weiteres Wort stampfte Tamara davon.
»Was ist denn mit der los?«, fragte Daisy stirnrunzelnd. »Dünne Haut?«
Der Kommandant schüttelte den Kopf. »Wohl kaum. Nur etwas durch den Wind. Du darfst es ihr nicht übel nehmen, sie will nur alles perfekt machen.«
»Dann sollte sie üben. Viel üben. Diese Anzüge sind nicht für Anfänger gemacht«, erwiderte die Chefmechanikerin.
»Das wird sie. Und zwar so lange, bis sie besser ist als wir alle zusammen. Verlass dich drauf«, quittierte Archweyll  seine neue Kollegin und wandte sich an seine Mannschaft.
»Clynnt, ich möchte, dass du bei Daisy bleibst und dich von ihr durch den Zyklopen führen lässt. Sie kann das Ding zwar steuern, aber du bist ein langerfahrener Stratege und ich vertraue auf deine Weitsicht.«
Der Chefnavigator nickte lächelnd. 
Dann schritt der Kommandant durch die Reihen und selektierte weitere zehn Mann, die ihnen in die Scherenpanzer folgen würden und bereits Erfahrung mit der Ausrüstung besaßen. 
Einer der Männer, vermutlich der Sprecher der Gruppe, trat hervor. Seine Haut war tiefschwarz und bot einen interessanten Kontrast zu dem sterilen weißen Aspexylanzug, den er trug. Auch er besaß optimierte Körperkräfte, die ihn wie einen muskelbepackten Gorilla erscheinen ließen. Sein eiserner Blick ließ jedoch vermuten, dass er schon länger dem Militär angehörte. »Sergeant N’kahlu«, stellte er sich vor und salutierte, wie es für untergestellte Soldaten üblich war. »Es wäre mir eine große Freude, Ihnen die Kampfanzüge zu zeigen.«
»Ihre Truppe hat auf Orian II ganz schön aufgeräumt«, Archweyll übersprang die obligatorischen Gepflogenheiten und klopfte dem Mann auf die breiten Schultern. 
Dieser erwiderte die Geste des Respekts mit einem Nicken. »217 Abschüsse in drei Stunden«, sagte N’kahlu, ohne dass Stolz in seiner Stimme mitschwang.
Archweyll pfiff durch die Zähne. Dieser Mann war gefährlich, das war ihm durchaus bewusst. Es war gut, solche Leute als Verbündete an seiner Seite zu wissen.
»Wenn die Herren sofort loslegen wollen, könnte ich ihnen dazu nur raten. Es ist selten, dass wir klares Wetter haben. So lässt sich Nautilon in all seiner Pracht bestaunen«, merkte Doktor Crowler an. 
Archweyll musste grinsen. »Na worauf warten wir dann noch?«, fragte er in die Runde und setzte zum Marsch an.

***

Tamara schritt mit hastigen Schritten durch den stählernen Korridor. Was war nur los mit allen? Seit wann setzte Archweyll mehr Gewicht auf die Aussagen eines Frischlings, als auf ihre? Und seit wann kümmerte sie so etwas? Eilig hatte sie einen der Scooter genommen und war zurück zur Manticor gesegelt. 
Diese Scherenpanzeranzüge würden für sie keine Herausforderung darstellen und das würde sie Daisy schon noch schnell genug spüren lassen. 
»Ich habe es schließlich gebaut«, äffte sie die neue Chefmechanikerin nach. Doch plötzlich hielt die Stoßtruppführerin inne. Benahm sie sich daneben? In all ihrer Wut hatte sie sich nicht die Müsse genommen, darüber nachzudenken. 
Eilig verdrängte sie den Gedanken wieder. Was zählte, war, dass sie ihren Auftrag erfolgreich absolvierten und dafür musste sie alle ihre geistigen Ressourcen verwenden. 
Auf ihren kleinen Streit mit Daisy durfte sie nichts geben. Und seit wann ließ sie sich von Prahlerei beeindrucken? 
Tamara stieg in einen Aufzug, der sie zu den Docks befördern würde. Auf ihrem Weg nach unten grübelte die Stoßtruppführerin darüber nach, warum es ihr so schwer fiel, die neue Kollegin zu akzeptieren, doch selbst als sich die Türen wieder öffneten, konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Was sie zu sehen bekam, ließ all ihre düsteren Gedanken verfliegen. 
Vor ihr ragte der Zyklop auf, ein stählernes Ungetüm von über dreißig Metern Höhe und mindestens zweihundert Metern Länge. Aus seinem geöffneten Bauch drang ein markerschütterndes Rumoren, so als hätte die Bestie Hunger. Vermutlich wurden die Maschinen schon startklar gemacht. 
Aus seinen Flanken ragten Torpedobatterien und beeindruckende Greifarme hielten das Gefährt knapp über dem geöffneten Wasserschott, bereit für den Abwurf. 
Dafür würden sie jedoch noch etwas Spielraum benötigen, denn in den flachen Kalkreliefs war der Zyklop hoffnungslos verloren, selbst wenn sie schon in 50 Metern Tiefe ankerten. 
Tamara schritt einmal um das beeindruckende U-Boot herum, dabei konnte sie auch die imposante Panzerglaskuppel an der Front betrachten, die wie ein durchsichtiges Auge auf alles hinabstarrte, was sich bewegte. Befehle wurden durch das Dock gerufen und immer regelmäßiger erzitterte der gesamte Boden unter dem Dröhnen des Motors. 
Doch was wirklich ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein separates Dock mit einem deutlich kleineren Schott. Darum versammelt war eine stählerne Legion, bestehend aus zwölf Scherenpanzern, die in Reih und Glied um das Becken versammelt standen. 
Mit etwas über vier Metern Größe, wirkten sie im Vergleich zum Zyklopen wie winzige Spielzeuge, aber dennoch besaßen ihre verstärkten Greifarme mit den Klauengreifern und die hydraulischen Sprunggelenke eine funktionale Eleganz. Dabei saß der Pilot in einer gläsernen Vorrichtung, in der die elektronische Steuerung des Anzuges möglich war. 
Darin sollte sie also das Gelingen ihrer Mission bewerkstelligen. 
Fasziniert schritt sie auf einen der Scherenpanzer zu. Sie war bereit, die nächste Herausforderung zu meistern. 
Mit einer sommerlichen Leichtigkeit installierte Tamara die Gebrauchsanweisung auf ihre Laufwerke und analysierte die Datenflut, die ihr elektronisches Visier überflutete. 
Ein leichtes Grinsen entwich ihren Lippen. Vielleicht war es doch nicht so übel, damit tauchen zu gehen.

***

»Alles klar, könnt ihr mich hören?«, knisterte N’kahlus Stimme durch die Sprechanlage.
Archweyll bestätigte. Die zehn Marines, Tamara und er selber hatten ungefähr zwei Stunden die Grundlagen durchgekaut, während sie mit ihren Panzern synchronisierten. 
Das Innenleben der Anzüge erwies sich als eleganter, als er angenommen hatte. Der Sitz hatte sich sofort seiner Wirbelsäulenstruktur angepasst und diese verstärkt. Ein Bildschirm war auf der großen Glasscheibe erschienen, der ihn mit allen Wahrnehmungen des Scherenpanzers versorgte. Und das waren eine Menge. Er war mit Scans, Echolot und Radar ausgestattet, sowie mit einer Handvoll Torpedos der Sternenlicht-Klasse. Nicht unbedingt der stärkste Vetter der bedrohlichen Untergangs-Torpedos, dafür erhellten seine Explosionen für eine gute Minute die tiefe Schwärze, die sie bald betreten würden. Außerdem war der Anzug mit einer eigenen Sauerstoffversorgung ausgestattet, was Archweyll einen Großteil seiner ärgsten Befürchtungen beraubte. Er fühlte sich bereit, diese einzigartige Welt zu betreten.
»Synchronisierung abgeschlossen«, knisterte eine elektronische Frauenstimme, die zweifelsohne die Sprachausgabe des Anzuges war.
»Ich dachte schon, dich gibt es nicht mehr«, schmunzelte der Kommandant gelassen, dann schlüpften seine Arme in die verkabelten Einrichtungen, die mit dem Scherenpanzer verbunden waren, um diesen zu steuern. Das gleiche tat er mit seinen Beinen.
»Testbewegungen durchführen!«, rief N’kahlu laut. Auf seinen Befehl setzten sich die Marines leichtfüßig in Bewegung. 
Im Vergleich waren Archweylls erste Schritte unbeholfen und plump.
Es überraschte ihn keinesfalls, dass Tamara den Dreh viel schneller raus hatte als er.
Dafür war sie wie geschaffen. Das innere Feuer machte sie unbesiegbar und ihr Wille war nicht zu bändigen.
Dann ertönte wieder die Stimme des Sergeants. »Absprung!«
Mit einem Satz warf sich Archweyll in die Fluten.
»Wir haben knappe fünf Stunden bis zur Dämmerung«, erklärte der Sergeant, während sie die Manticor schnell hinter sich ließen. »Dann sollten wir von hier verschwunden sein. Ich werde jetzt Doktor Crowler auf Leitung 2 legen, damit er Sie mit den notwendigen Informationen über das hiesige Biotop versorgen und potentielle Gefahren erläutern kann. Ich wünsche allen Beteiligten viel Vergnügen.« Der Kontakt brach ab und wich der tiefen Stille des Meeres. 
Archweyll aktivierte den Heckantrieb seines Scherenpanzers und segelte elegant durch das satte blau. 
Zu seiner rechten bemerkte er Tamara, die ihm verheißungsvoll zunickte. 
Schnell hatten sie das Landungsschiff hinter sich gelassen und über ihnen brachen die Lichtstrahlen der beiden Sonnen durch die Wasseroberfläche und hinterließen dabei ein spielerisches Glitzern. 
Unter ihnen bot sich ein Schauspiel an, das selbst Archweylls zynische Seele beflügelte.
Abstrakte Kalkformationen formten, knappe zehn Meter unter ihnen, eine Berglandschaft aus Klippen, Bögen und Höhlen, die in Richtung der Forschungseinrichtung beständig an Höhe gewann. Sie waren über und über bewachsen, mit bläulichen und grünen Korallen, die in unterschiedlichsten Formen auftraten. Manche wirkten wie eine Ansammlung riesiger bunter Teller, die man unsortiert übereinander gestellt hatte, andere erstreckten sich wie die Äste eines roten Baumes in Richtung des Sonnenlichts. Dazwischen türmten sich große grüne Korallen, die mit violetten Pocken versehen waren, wie Stalagmiten vom Boden empor. Saftiges rotes Seegras wucherte, teilweise meterhoch, aus sämtlichen Ritzen der Felsen und waberte im Klang der Gezeiten sanft durch das Wasser. Es schien das Gestein wie ein Teppich zu überziehen und verlieh ihm abstrakte Farbmuster.
Unterschiedlichste Fische schwammen in losen Verbänden darum herum. Das Riff war voller Leben. Archweyll steuerte staunend darauf zu und entdeckte orangene Fische, die in etwa die Größe seiner Handflächen aufwiesen, und auf der Suche nach Nahrung zu hunderten um die Korallen wuselten. Einige der Tiere wiesen eine violette Schattierung auf der Rückenflosse auf und seine Datenbank erklärte ihm sofort, dass es sich dabei um das Männchen handelte. 
Andere Fische unterschiedlichster Größe und Form schlossen sich ihnen an.
Der Kommandant bemerkte kleine rote Pfeilspitzen, die durch die winzigen Öffnungen im Kalk flitzten und große grüne Fische, die mit sechs gelben Glubschaugen ausgestattet waren. 
Ein weiteres Tier von fast zwei Metern Größe ließ sich unweit von ihm träge durch das Wasser gleiten und voller Staunen erkannte Archweyll, dass der blaue Fisch von innen heraus erleuchtete wie ein Lampion. Er steuerte seinen Anzug weiter über das Riff und traute sich, etwas tiefer zu gehen. Die Faszination hatte Besitz von ihm ergriffen.
Fast schon mühelos glitt er nach unten. 
Das rote Seegras wurde zunehmend von saftigem grünen Kelp abgelöst, dass sich vom Grund des Meeres ausgehend fast dreißig Meter in die Höhe erstreckte. 
An den großen dunklen Blättern hafteten leuchtend gelbe Früchte, die in etwa die Form eines Pfirsichs aufwiesen. Als er näher heransteuerte, erklärte ihm seine Datenbank, dass es sich dabei um Ayoraneier handelte, eine rochenähnliche Lebensform, die in diesen Breitengraden auftauchte.

Als hätte es seine Gedanken gelesen, legte sich plötzlich ein Schatten über den Anzug und eines der Tiere segelte anmutig an ihm vorbei. 
Archweyll schätzte die Spannweite eines der Flügelflossen auf über zehn Meter ein und es war mit unzähligen dornenbesetzten Schwänzen ausgestattet, die es still hinter sich herzog. Glücklicherweise wurde diese Lebensform als friedfertig eingestuft. Sanft glitt der Ayoran an dem Scherenpanzer vorbei, bis er aus Archweylls Sichtfeld verschwand. 
Je tief er in dem Kelpwald versank, desto dunkler wurde es. Als er den Grund erreichte, aktivierte Archweyll die Scheinwerfer. Der Lichtkegel erschien gerade noch rechtzeitig, um den Einblick in eine bizarre Szene zu ermöglichen. 
Ein Raubfisch von der Länge einer Anakonda, nur drei Mal so dick, glitt räuberisch durch das Wasser. An seinem Körper waren Antennen befestigt, die in einem grellen Licht erstrahlten. Hektisch beugte sich der Kommandant über den Bildschirm, um sicherzustellen, dass er in Sicherheit war. Erleichtert stellte er fest, dass der Scherenpanzer für seine Sicherheit garantierte.
Doch einem anderen Bewohner erging es nicht so gut. Der träge Lampionfisch verhedderte sich in den Antennen, als sein Gegner ihn umwickelte, und die elektrischen Stöße machten ihm binnen Sekunden den Garaus. Der Räuber öffnete sein Maul zu einer übernatürlichen Größe und verschlang seine Beute am Stück. Dann verschwand er im dichten Grün des Kelps. 
»Noch eine Stunde«, krächzte es aus dem Mikrofon.
Schnell analysierte der Kommandant, wie lange er zurück brauchen würde und beschloss, seine Erkundungstour noch ein wenig fortzusetzen. Mit den Armen strich er sanft die Pflanzen beiseite, um auf dem Meeresboden zu wandern. 
Kleine silberne Fische flohen panisch vor dem Ungetüm aus Titan.
Plötzlich lichtete sich der Kelpwald. Vor ihm befand sich eine Fläche aus Sand, die sich ungefähr über zweihundert Meter erstreckte. Muscheln von der Größe einer Murmel, bis hin zu der eines einstöckigen Gebäudes, begleiteten ihn auf seinem Weg. Um sie nicht zu zertrampeln, aktivierte Archweyll abermals den Heckantrieb und glitt sachte darüber hinweg. Dann vollzog der Meeresboden einen senkrechten Knick. Dahinter befand sich nur dunkelblaues Wasser, soweit sein Auge reichte.
Mit vorsichtigen Schritten ging Archweyll auf den Rand zu, bedacht darauf, dass er ihm nicht zu nahe kam. Er aktivierte das Echolot und seine Signale erklärten ihm, dass es in der näheren Umgebung bis zu sieben Kilometer in die Tiefe ging. 
Der Kommandant pfiff durch die Zähne. Vor ihm befand sich ein schwarzer Schlund und die Tatsache, dass er nicht erkennen konnte, was sich da unten alles bewegte und möglicherweise auf ihn lauerte, erregte eine Urangst in ihm. Ein unwohles Gefühl stieg in ihm auf. Doch er besann sich schnell eines Besseren. Kurz bevor er sich auf den Rückweg machen wollte, signalisierte sein Radar, dass sich mehrere riesige Lebensformen vor ihm befanden und ein ohrenbetäubendes Grollen drang durch den Ozean. 
Archweyll spürte, wie ihm bei diesen Geräuschen flau im Magen wurde. »Was sagt der Scan?«, fragte er heiser.
Doktor Crowler antwortete ihm lachend. »Ziemlich beeindruckend, was? Sehen Sie genau hin, es ist möglicherweise ein einzigartiger Anblick.« 
Archweyll zwang sich zur Ruhe und kniff die Augen zusammen. Und tatsächlich. Aus der Tiefe stiegen riesige, fast schon plumpe Wesen an die Oberfläche. 
Das waren die größten Tiere, die Archweyll je gesehen hatte. Sie besaßen in etwa die Form eines Wals, hatten aber drei riesige Schwanzflossen, die im Gleichtakt auf und ab schlugen. 
Ihr Körper trug ein einziges großes Korallenriff auf dem Rücken, durch das unzählbar viele unterschiedliche Lebensformen wuselten. 
Der Scan signalisierte Archweyll, dass er es mit einem Kalkrücken zu tun hatte. Lebensformen, die in Verbänden von bis zu zwanzig Tieren unterwegs waren und beträchtliche vierhundert Meter lang werden konnten. Im Laufe ihrer Lebenszeit bildeten sie ein kompliziertes Exoskelett aus Kalkgestein, das sie einerseits bestens gegen Feinde schützte, andererseits anderen Fischarten als Heimstätte diente. 
Abermals drang ein Dröhnen durch den Ozean und Archweyll schlussfolgerte, dass die Kalkrücken miteinander kommunizierten.
»Sie sollten nun zurückkehren. Der Anblick ist gewiss überwältigend, aber wenn es dunkel wird, treten hier fast ebenso große Lebewesen auf, die Jagd auf sie machen könnten. Obwohl Sie wohl nur ein Appetithäppchen darstellen dürften.« 
Archweyll zögerte keine Sekunde und machte sich auf den Rückweg. »Ich habe abgenommen. Schön, dass es jemandem auffällt«, begann er ins Mikrofon zu sprechen, doch irgendwie war ihm gerade nicht nach Sarkasmus.
»Wenn Sie angekommen sind, besprechen wir die Missionsdetails«, erklärte Crowler, dann brach die Verbindung ab. 
Es stimmte den Kommandanten fast schon traurig, dass er diese faszinierende Unterwasserwelt nun zurücklassen musste. Zeitgleich war er gespannt auf ihren Auftrag. 
Wenn sie einem dieser Räuber begegnen sollten, könnte es zweifelsohne gefährlich werden, selbst mit dem Zyklopen. Er steuerte durch das Kelp, zurück zu den Kalkformationen.
Das Zwielicht der Dämmerung trat bereits ein und die Schatten wurden größer. Die Dunkelheit hüllte ihn ein wie ein Anzug. Doch brachte sie ein neues, faszinierendes Bild mit sich. Die Korallen begannen von innen heraus zu leuchten. Ein farbenfrohes Spektakel erwartete ihn. Winzige Fische wurden von dem Licht angelockt und von den Korallen verschluckt. Doch auch die Fische begannen zu erstrahlen. 
Archweyll entdeckte die Schwärme der orangenen Exemplare wieder, die nun in dichten Schulen zu glühenden Kugel heranwuchsen, bereit für den Partnertanz. Leuchtende Seesterne, die er vorher kaum gesehen hatte, bedeckten das Gestein und ließen es nun in einem rosarotem Licht erstrahlen.
Mit offenem Mund bestaunte der Kommandant das Schauspiel, bis ihm wieder einfiel, dass es gefährlich werden konnte. Zielstrebig steuerte er auf die Position der Manticor zu.
Auf einmal stieß ein unsagbares Brüllen durch das Gewässer, weit entfernt, von dort, wo der Abgrund lag, aber dennoch eindringlich und unheilverheißend. 
Aber es machte Archweyll nur umso deutlicher, wie wundervoll tödlich dieser Planet sein konnte. Trotzdem erreichte er das Dock ohne weitere Zwischenfälle und war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. 
Als Tamara aus ihrem Scherenpanzer stieg, schien es ihr nicht anders zu gehen. Doch auch in ihren Augen lag dieses freudige Glitzern, entlockt von dieser faszinierenden Welt. 
Jetzt hoffe Archweyll nur, dass ihre Mission ihm nicht die gute Laune verderben sollte.

Kapitel 4:

Archweylls Truppe hatte sich, gemeinsam mit Doktor Crowler und seinem Gehilfen, in einem Besprechungsraum zusammengefunden. Aus der riesigen Glaskuppel heraus, konnte man das erstaunliche Lichtspektakel der beiden untergehenden Sonnen auf der Wasseroberfläche beobachten. Doch auf der entgegengesetzten Seite des Horizonts zogen graue Wolken auf und Blitze zuckten vorfreudig über den Himmel.
»Ich starte die Hologrammanalyse«, brummte Ronald und wirkte dabei so, als wolle er einfach nur seiner lästigen Pflicht entkommen. 
Archweyll, Tamara, Clynnt, Daisy und N’kahlu saßen an einem großen gläsernen Rundtisch und betrachteten eingehend die Karte, die sich vor ihnen öffnete. 
»Etwas Motivation, Ronald«, tadelte ihn Crowler. »Schließlich haben wir hier einen spektakulären Fund gemacht.« Er deutete auf die Hologrammkarte, wo sich ein haargenaues Abbild der näheren Umgebung herauskristallisiert hatte. »Sieben Meilen nordwestlich von hier, befindet sich ein Biom, das uns als Die Dünen bekannt ist«, er deutete mit dem Finger auf einen roten Punkt auf der Karte und zoomte näher heran. »Die ersten Ausläufer davon haben Sie bereits entdeckt«, der Doktor nickte Archweyll zu. 
»Ein angenehmer Ort zum planschen«, bestätigte der Kommandant zustimmend, »wären da nicht diese riesigen Raubfische, die einem Anlass geben sich einzunässen.«
Tamara knuffte ihm gegen den Oberarm. »Konzentrier dich endlich«, forderte sie knurrend. Ohne sie zu beachten, fuhr Crowler fort. »Dieses Biom erstreckt sich meilenweit wie ein Streifen aus Sand und ist davon gekennzeichnet, dass es irgendwann steil abfällt, in unerkennbare Tiefe. Wir vermuten, dass die Erosion dafür verantwortlich ist und jedes Jahr mehrere Tonnen Sand und Gestein über den Rand ins schwarze Nichts hinabsinken.«
»Mit dem schwarzen Nichts kennen wir uns bestens aus«, sagte Clynnt Volker zynisch. »Aber was ist denn nun die Mission?« 
Crowler schüttelte den Kopf. »Soldaten. Nicht in der Lage zu begreifen, wie einzigartig schön die Welt ist, die sie umgibt. Nunja, ich schweife ab.« Er streifte langsam mit dem Zeigefinger über die Scans des Meeresbodens, die wie eine Dünenlandschaft aussahen. Nur mit dem seltsamen Umstand, dass sie sich fast einen Kilometer unter Wasser befanden, um dann einen senkrechten Knick nach unten zu vollführen. »Ihr Ziel befindet sich hier, dort haben wir etwas gescannt, dass sich deutlich vom Meeresboden abgrenzt«, fuhr Mantis J. Crowler fort. 
»Komm mal auf den Punkt!«, langsam wurde Archweyll ungeduldig. 
»Um es kurz zu halten, es ist der Leichnam eines riesigen Lebewesens, aber es kommt nicht von diesem Planeten«, Crowler blickte begeistert in die Menge. 
»Aber woher können Sie das wissen? Sie haben den Planeten doch noch nicht gänzlich erkundet?«, fragte Daisy argwöhnisch.
»Eine schlaue Frage. Und durchaus berechtigt. Denn daraus würde sich die Frage ergeben, wie es denn hergekommen ist. Lassen Sie mich diese Frage mit einer einfachen Antwort beantworten. Das Immaterium. Ich denke das ist jedem von Ihnen ein Begriff?«
»Aber selbstverständlich. Es definiert eine strukturelle Beschaffenheit, die dem Warp sehr ähnlich ist. Wie eine Art Dimension, die sich hinter einem schwarzen Vorhang befindet«, fiel Clynnt Volker interessiert in die Diskussion ein. »Es ist ungewiss, was sich in dieser Welt befindet, doch man erzählt sich von grauseligen Gestalten, die voller Niedertracht sind. Wie eine verdrehte Spiegelung der Realität.«
»Was würden Sie sagen, wenn ich behaupte, dass dieses Wesen zu fast 50 Prozent aus einer Materie besteht, die nicht aus diesem Universum stammt? Ein Wesen aus dem Immaterium, was doch bisher eher eine vage Theorie darstellt«, Crowlers Augen weiteten sich verheißungsvoll. 
»Aber das würde bedeuten…«, langsam begann Archweyll zu dämmern, was hier vor sich ging.
»Dass dieses Lebewesen dazu in der Lage ist, durch den Warp zu reisen. Ganz ohne Antrieb, wie wir ihn kennen. Wir haben es hier mit einer Art lebendigem Raumschiff zu tun, dass über Nautilon abgestürzt ist. Der Grund ist uns unbekannt, aber seine Frequenzen sprudeln unaufhörlich in den Warp.«
Bei diesen Worten klingelten bei Archweyll sämtliche Alarmglocken. Er sprang über den Tisch, packte den Forscher am Kragen und hörte erst auf zu schütteln, als Tamara ihn losriss.
»Arch, was ist in dich gefahren?«, zischte sie sauer.
»Sind Sie denn völlig plemplem?!«, schrie der Kommandant und sein Brüllen musste die gesamte Glaskuppel zum Zittern bringen. »Ein riesiges, unbekanntes Wesen, das eine fast gruselige Macht innehat, stößt Frequenzen in den Warp aus und Sie dachten sich, das könnte sich mal ein Forschungsteam ansehen, anstatt einen Alarmcode zu aktivieren? Was ist, wenn es seine Kollegen zu uns ruft und die ganz schön sauer sind? Dann sind wir in ungefähr ein paar Wochen alle tot. Haben Sie die Geschwindigkeit der Frequenz gemessen? Wie lange könnte es dauern, bis sie auf Resonanz stößt?« Dem verlegenen Blick des Forschers nach zu urteilen, kannte Archweyll die Antwort bereits. »Weltraumpisse«, fluchte er lautstark. Dann wurde sein Blick eindringlich. »Unsere Mission hat sich gerade verändert. Wir werden diese Leiche finden und unschädlich machen, währenddessen treten wir mit Prospecteus in Kontakt und informieren die planetare Sicherheitsbehörde.«
Crowler musste schlucken. »Unschädlich machen?«, piepste er wie eine Maus in der Klemme, »Heißt das, Sie…?«
Archweyll formte mit seinen Händen eine große Explosion und ließ seinem Mund ein wortloses »Bumm!« entweichen, während er den Doktor mit einer fast unaushaltbaren Eindringlichkeit anstarrte.
Crowler ließ den Kopf hängen wie eine Blume, der man das Wasser entzogen hatte, während er begriff, dass seine große Entdeckung und der damit erhoffte große Traum vom Ruhm gerade in Scherben zerbrach. Doch er schien zu begreifen, dass der Kommandant keinen Widerspruch duldete oder war zumindest klug genug, ihm nicht offen zu widersprechen. 
»Ich möchte alle in einer Stunde bereit sehen«, ergriff Achweyll das Wort. »Wir werden aufbrechen, unsere Mission erledigen und dann schleunigst von hier verschwinden.«
Der Wetterwechsel war so abrupt über sie gekommen wie auf ihrer Anreise. Donnernde graue Riesen hatten den Horizont für sich eingenommen und einen Regenguss mit sich gebracht, der die Crew bis auf die Knochen durchnässte, während sie mit dem Scooter zur Manticor aufbrachen. Die Stimmung war angespannt. 
»Ich kann es immer noch nicht glauben, dass dieser Trottel keinen Alarm ausgelöst hat«, wetterte Archweyll zornig. 
»Das liegt in der Natur der Wissenschaft«, erklärte Daisy gelassen. »Sie ist süß in ihrer Errungenschaft und trägt einen bitteren Nachgeschmack des Risikos.«
»Erklär das Howard Bering«, zischte Tamara, wurde jedoch nur mit einem irritierten Blick seitens der neuen Chefmechanikerin quittiert. »Ach, vergiss es«, winkte die Stoßtruppführerin ab und drehte ihrer Kollegin den Rücken zu. 
»Nein, ich möchte es hören. Ich möchte verstehen, warum du so einen Groll gegen mich hegst«, erwiderte Daisy. 
Archweyll saugte die Luft ein.
Daisy war gerade mit manischem Lachen und brennender Fackel in ein riesiges Pulverfass gerannt. Doch zu seiner Verwunderung fiel Tamaras Reaktion ganz anders aus.
Mit einer Eiseskälte in den Augen musterte sie ihre neue Kollegin. Dann blickte sie Archweyll an und für eine Sekunde erkannte er ein dringendes Flehen in ihrem Blick, dass tausende Entschuldigungen und eine unglaubliche Wut auf sich selbst verdeutlichte. 
Dann wurde ihre Miene wieder fahl, sie drehte sich um und sprach die weitere Fahrt kein Wort mehr.Trotz der Anspannung konnte Archweyll seine Bewunderung für Daisys Arbeit nicht gänzlich verbergen, als sie an dem stählernen Gerüst des Zyklopen vorbeischritten. »Das ist wirklich solide Arbeit«, merkte er an und Daisy nickte ihm lächelnd zu. 
»Danke. Es tut gut zu wissen, dass Leute meine Arbeit schätzen«, sie rückte verlegen ihre schmutzige Mütze zurecht und der Kommandant bemerkte, dass sie nicht darum herum kam, leicht zu erröten, was irgendwie nicht zu ihr passte. Zumindest nicht zu dem, was sie bisher von sich gezeigt hatte. 
Sie betraten eine Landungsbrücke und der Zyklop verschluckte sie förmlich. Mit einem Zischen öffnete sich die Pforte und wurde hinter ihnen mehrfach versiegelt. Der Magen des Zyklopen war ein unüberschaubarer Komplex aus Leitungen, Monitoren und Anzeigen, welche die stählernen Korridore fast gänzlich für sich einnahmen. Dann ertönte der Motor und verschluckte alle anderen Geräusche um sie herum ganzheitlich. Ein Vibrieren ging durch das U-Boot und schüttelte sie durch. Dann erreichten sie das Cockpit und ihnen wurde ein allumfassender Blick durch den Hangar gewährt. Unter ihnen wuselten die Menschen wie Ameisen umher. 
Der Copilot startete gerade die Maschinen, doch Daisy beanspruchte diese Aufgabe sofort für sich. Sie betätigte tasten und Schalter und schien genau zu wissen, was sie tat. Sie verlinkte sich mit einer Konstruktion, die ihr sicheren Stand gewährte und gab der Konsole kryptische Anweisungen.
Archweyll fiel auf, dass es kein Steuer im eigentlichen Sinne gab, sondern stattdessen zwei ungefähr hüfthohe Säulen, auf denen eine Art formbare Masse auflag, die sich den Händen des Steuernden anpassen konnte. Dadurch ließ sich dieser wuchtige Riese also bewegen. Archweyll merkte, wie diese fremdartige Technologie eine gewisse Faszination in ihm auslöste. Plötzlich hörte er laute Rufe und eilige Schritte hinter sich.
Doktor Crowler stampfte mit fest entschlossenem Blick auf die Brücke. »Sie dürfen das nicht tun!«, rief er lautstark. 
Wie ist der hier reingekommen? War er schon vor uns da?
»Sie haben ja Recht, erwiderte der Kommandant mit einladender Geste. »Wir wollten uns gerade auf den Weg machen und es uns anders überlegen.« Im Bruchteil einer Sekunde griff er nach dem Doktor und hielt ihn eisern umklammert, sodass ihm sämtliche Luft aus den Lungen entwich. 
»Sie hören mir jetzt genau zu«, flüsterte er in sein Ohr und drückte dabei noch etwas fester zu. Ächzend blickte Crowler zu ihm auf. 
»Wenn Sie sich noch einmal in Militärgebiet einschleichen oder versuchen den Anweisungen des föderalen Militärs zu trotzen, werde ich Ihnen eine besonders ekelhafte Zelle auf Prospecteus zukommen lassen. Da gibt es Mutanten und Aliens und Menschen, die andere Menschen auf unglaublich kreative Weise auseinandergenommen haben. Kein Ort für eine labile Seele wie die Ihre, das kann ich versichern.« Sein Griff lockerte sich kaum merklich. «Haben wir uns verstanden?«, zischte der Kommandant.
Crowler schluckte, dann nickte er matt. 
»Die Soldaten werden Sie hinausgeleiten und Sie tun gut daran, mir nicht noch einmal unter die Augen zu treten«, Archweylls Blick ließ keine Widerworte zu.
Schweigend ließ der Doktor sich abführen. 
Irgendwie tat er dem Kommandanten Leid, aber er war hier die Autoritätsperson und in der Galaxis starb man schnell genug, wenn man das nicht verdeutlichen konnte.
»Die Maschinen sind einsatzbereit. Wollen wir aufbrechen?«, fragte Daisy mit einem kecken Tonfall. Sie schien darauf zu brennen endlich loszulegen.
»Abwurf initiieren«, erwiderte Archweyll ihre Anfrage.
Die Chefmechanikerin trat an die Vorrichtung und legte ihre Hände auf die Säulen. 
Sofort zeigte eine Anzeige ihre Vitalität an, Herzschlag, Stoffwechsel und Hirnfrequenz wurden sichtbar gemonitort. 
Die Anzeigen auf der Glaskuppel erwachten zum Leben und sofort erwachte eine Hologrammkarte der näheren Umgebung, zuzüglich diverser Scans aller möglichen Lebensformen im näheren Umkreis. Dann ging ein Ruck durch das Boot, als die Manticor ihre Fahrt in tiefere Gewässer aufnahm, dem Sturm zum Trotz.
»Alle bereit?«, fragte Daisy gelassen. Die Crew bestätigte.
Clynnt trat begeistert an sie heran. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber es wird mir eine Freude sein, mit dir dieses Ding zu steuern«, gestand er lächelnd, während er Platz in einem Sessel nahm und sich anschnallte.
Archweylls Lippen zeichneten ein Grinsen ab. Langsam wuchsen sie zusammen. Sein Blick suchte Tamara, aber sie war schon im hinteren Bereich des U-Bootes verschwunden, wo sich die Scherenpanzer befanden. 
»Alles gut festhalten. Und Abwurf!«, befahl die Chefmechanikerin lautstark.
Für eine Sekunde waren sie im freien Fall. 
Adrenalin schoss durch Archweyll Körper und verlieh ihm ein Gefühl der Unbesiegbarkeit. 
Dann krachten sie auf die Wasseroberfläche und der Aufprall holte ihn von den Beinen. Keuchend erhob er sich. »Sagte ich gut festhalten? Warum hast du dich nicht angeschnallt?«, lachte Daisy schallend, als sie seine erschrockene Miene sah. 
Für eine Antwort war es zu früh, also brummte Archweyll nur irgendetwas unverständliches, während er sich über den Hinterkopf rieb, wo sich eine pochende Beule gebildet hatte.
»Alle Schotts schließen, wir gehen runter auf hundert Meter«, sagte die Chefmechanikerin mit einem zufriedenen Blick auf ihre Anzeigen. Es rumpelte kurz und dann versank der stählerne Riese im satten Blau des Meeres.

 

 

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Gottes Hammer: Folkvang VIII

Esben kehrte gemessenen Schrittes in das Zelt von Hrandamaer zurück. Die unheilsschwangere Atmosphäre, die wie undurchdringlicher Nebel das Lager umschloss, war beinahe greifbar. Wen auch immer Esbens Blick streifte, er sah ungläubige Gesichter mit schreckgeweiteten Augen.

Sollte es ihn verwundern? Die Tempelsöhne galten weithin als unbesiegbar. Ihre Macht wurde in zahllosen Liedern besungen und auf etlichen Schlachtfeldern immer wieder demonstriert. Esben entsann sich seiner eigenen, naiven Gedanken, als er von der berühmten Geschichte der vier Tempelsöhne hörte, die zur Verteidigung einer Kirche ein ganzes Heer des Fürsten von Aminas auslöschten. Dass einer dieser Helden nachts gemeuchelt werden konnte, erschien ihm schlichtweg absurd.

Dabei hatte Teshins Vater Arion dasselbe Schicksal erlitten. Als gröter Recke der Menschheit gefeiert, wurde er nach dem Angriff auf sein Herzogtum hinterrücks von einem Unbekannten ermordet, dessen Gesicht er vermutlich nie erblickt hatte. Esben verstand Teshins Groll nun weitaus besser. Das Leben war kein Lied und sein Zynismus konnte einen Menschen an den Rand des Wahnsinns treiben.

Esbens Gedanken endeten, als er das Zelt betrat. Er hielt überrascht auf der Schwelle des Eingangs inne, als er eine ihm unbekannte Frau sah. Sie stand schweigend in der Ecke, ihr schwarzes Haar zu einem straffen Knoten gebunden, und blickte auf einige Zutaten auf einem Holztisch. Sie schien in diesem Moment das Mittagsmahl zu bereiten. Esben fragte sich unwillkürlich, wo Siegbert der Koch sich wohl aufhielt.

Abigor saß mit grimmiger Miene auf einem dunklen Ebenholzstuhl, den Esben erst jetzt bemerkte. Kryptische Zeichen bedeckten die Lehne und der stilisierte Kopf eines Lindwurms erhob sich drohend über Abigors mächtiger Haarmähne. Der Tempelsohn begrüßte ihn mit einem angedeuteten Nicken und nippte an dem mit einer übelriechenden Flüssigkeit gefüllten Trinkhorn in seiner Hand.

Esben erwiderte die Geste, nicht zum ersten Mal leicht angewidert von der ungehemmten Zurschaustellung von Kulturlosigkeit. Es fiel ihm immer schwerer, Abigors Status als großer Gelehrter nicht anzuzweifeln.

Wo ist Siegbert?“, fragte Esben.

Abigor blickte ihn nicht an, sondern nahm einen weiteren Schluck. „Ich habe ihn meinem Neffen hinterhergeschickt. Lifas hat mein Lieblingsmesser mitgenommen, ohne das ich nie in den Kampf ziehe. Versehentlich, hoffe ich. Sonst muss ich Konsequenzen ziehen.“ Seine rissigen Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Nehmt mich nicht zu ernst, Esben.“

Euer Humor hat schon prächtigere Früchte getragen“, erwiderte der Priester unbeeindruckt und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Nun erst fiel ihm auf, wie müde der Ritter wirkte. Hatte er sich die Nacht um die Ohren geschlagen?

Esbens Misstrauen wuchs. Laut Medardus konnte jeder im Lager der geheimnisvolle Mörder des unglücklichen Apostels Palayon sein. Selbst ein angesehener Ritter wie Abigor …

Und wer ist das?“, versuchte Esben, das Gespräch am Laufen zu halten.

Abigor folgte träge seiner ausgestreckten Hand und wirkte regelrecht überrascht, als er die dunkelhaarige Frau in der Ecke des Zeltes sah. Er räusperte sich verlegen.

Esben, darf ich Euch mit Ashaya bekannt machen? Sie dient mir als Köchin.“

Im Gegensatz zu Siegbert scheute sich Ashaya nicht, das Wort an ihn zu richten. Sie hob den Kopf, strich sich eine gelöste Strähne aus der Stirn und lächelte breit.

Sehr erfreut. Ich habe schon viel von Euch gehört. Ihr seid doch der Priester, der nach Hornheim ging und lebendig wieder zurückkehrte?“

Esben konnte nur nicken, während ihn der Schock zu einer hilflosen Statue degradierte. Laut Iliana war ihr Berith im Traum erschienen und hatte ihr Ashayas Namen als Ansprechspartnerin in Hrandamaer genannt. Was ging hier vor?

Esben fühlte sich immer unwohler. Er warf unruhige Blicke auf den ermatteten Ritter und die lächelnde Dienerin und seine Finger fanden den magischen Folianten auf seinem Feldbett hinter ihm. Sollten sie ihn angreifen, würde er zumindest nicht kampflos untergehen.

Aber keiner von beiden machte Anstalten, ihm schaden zu wollen. Abigor wandte sich wieder seinem Trinkhorn zu und Ashaya schnitt eine Karotte. Esben schluckte und seine Anspannung ließ ein wenig nach. Dennoch schlang er vorsichtshalber die Kette mit dem eisernen Gerüst um seinen Oberkörper und platzierte das schwere Buch darin. Er fühlte sich so weitaus sicherer.

Esben ließ seinen Blick über das Zeltinnere schweifen. Er musste sofort Medardus davon berichten. Mit einem gequält freundlichen Nicken erhob er sich, murmelte etwas von wegen „Elinor befragen“ und stolperte aus dem Zelt. Er warf immer wieder Blicke über die Schulter, doch niemand verfolgte ihn. Dennoch ließ die Erleichterung auf sich warten.

Kurz vor Medardus’ Zelt hielt Esben inne. Er hatte keinen Beweis für seine Behauptungen … was sollte er dem gestrengen Inquisitor sagen und wie würde dieser reagieren?

Bevor er handeln konnte, nahm das Schicksal ihm die Entscheidung ab. Der gealterte Tempelsohn Mendatius von Astaval verließ das Zelt mit zusammengekniffenen Augen. Er wirkte erzürnt und murmelte unverständliche Worte, deren tieferer Sinn jedoch kaum missdeutet werden konnte.

Falls Ihr den Clavis sucht, verschwendet Ihr hier Eure Zeit!“, rief er, als er Esben sah. „Er ist gerade abwesend und inspiziert den Rand des Lagers für den nahenden Angriff der Dämonen.“ Esben schluckte. Seit Ilianas Traum und Vergiftung war etwas mehr als ein Tag vergangen. Ihnen blieben nur noch zwei, bis das von Berith angekündigte Ultimatum auslief.

Bevor er sich entfernte, legte Mendatius plötzlich den Kopf schief und musterte Esben. „Ihr wart doch Priester, nicht wahr? Dann habt Ihr doch gewiss eine Ausbildung in Seelsorge!“

Esben nickte langsam. Was wollte der Veteran von ihm?

Mendatius legte ihm eine gepanzerte Hand auf die Schulter. „Könnt Ihr mir helfen? Ich wollte gerade Schwester Elinor verhören, aber sie ist zutiefst … betrübt über die Vorkommnisse und kaum ansprechbar.“ Der Ritter räusperte sich verlegen. „Ich vermag mein Schwert noch immer behende zu schwingen, aber hierfür sind subtilere Fähigkeiten gefragt.“

Esben nickte, obwohl sich Unruhe in seinem Innersten ausbreitete. Er musste mit dem Inquisitor persönlich sprechen. Aber das Lager war groß und ihn zu suchen konnte schnell zu einer aussichtslosen Aktion werden. Zudem wollte er keinen Verdacht erregen, falls Abigor sich nach ihm erkundigte. Er folgte Mendatius mit dem gequälten Gedanken, dass es sich wohl um eine gewisse Ironie handelte, wie seine Ausrede nun zur Realität wurde.

Während er neben Mendatius herging, kam ihm mit einem Mal eine Idee.

Ihr stammt aus Astaval, richtig?“, fragte er ihn. Kaum hatte er das gefallene Herzogtum erwähnt, straffte sich der Ritter und ein dunkler Zug verunstaltete seine Miene.

Wollt Ihr mich deshalb verhöhnen oder mir Euer Beileid aussprechen? In beiden Fällen rate ich Euch gut, wenn ich sage: Lasst es. Über fünfzig Jahre sind seit der Ermordung von Herzog Arion und seiner Familie vergangen und keine Macht der Welt kann sie zurückbringen, erst recht nicht die der menschlichen Stimme.“

Esben räusperte sich. Er bereute, das Thema angesprochen zu haben, wollte nun aber auch nicht den Rückzug antreten. „Tatsächlich wollte ich Euch weder verhöhnen, noch bemitleiden“, stellte er klar. „Ich wollte Euch nur sagen, dass Teshin von Astaval noch lebt.“

Esben war unsicher, wie Mendatius reagieren würde und warf dem Veteran einen vorsichtigen Blick zu. Der gealterte Ritter schüttelte nur den Kopf.

Ihr lügt.“

Esben sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Weshalb sollte ich?“

Mendatius schnaubte. „Selbst wenn jemand unwissentlich eine Unwahrheit von sich gibt, bleibt die Unwahrheit unwahr. Teshin kann nicht am Leben sein, denn ich habe ihn selbst getötet.“

Esben stolperte beinahe. „Ihr habt was?“

Mendatius’ kalter Blick schien die Bilder längst vergangener Erinnerungen zu betrachten. „Ich habe ihn vor zwanzig Jahren getroffen. Obwohl er schon ein vierzigjähriger Mann hätte sein müssen, hatte er immer noch die Gestalt eines Jugendlichen. Er war verbittert und voller Hass, paktierte mit dunklen Mächten und wollte meinen Treueeid einlösen, um mit meiner Hilfe den Dämonenkönig Irodeus zu erschlagen. Der Narr hatte einen Vertrag mit ihm geschlossen und fürchtete nun die Konsequenzen.“ Ein seltsames Funkeln trat in Mendatius’ Augen. Esben erschauderte. Was mochte nur vorgefallen sein?

Was geschah dann?“, fragte er leise.

Ich habe ihn erschlagen. Schließlich und endlich war er ein Ketzer und sündigte wider den Herrn.“

Esben schüttelte den Kopf. „Und doch habe ich ihn gesehen. Ich habe mit ihm gesprochen, habe zunächst an seiner Seite und schließlich gegen ihn gekämpft. Es ist wahr, dass er sich mittlerweile in einen Dämonen verwandelt hat, aber vor einigen Monaten begegegnete ich ihm zum ersten Mal in Aminas und da war er noch ein Mensch!“

Mendatius schüttelte bestimmt den Kopf. „Ich bezweifle es. Aber wer kann sich schon sicher sein? Vielleicht hat er mich damals durch eine dunkle Kunst getäuscht und ist meinem rächenden Schwert entkommen? Wer kann sich schon anmaßen, die Blendwerke der Dämonen zu verstehen!“

Esben nickte langsam, war aber nicht überzeugt. Ihm erschien wahrscheinlicher, dass Mendatius etwas vor ihm verbarg. Aber das Gespräch endete, als sie ein kleines, weißes Zelt erreichten, vor dem zwei jüngere Tempelsöhne Wache hielten. Mendatius verabschiedete sich wortlos und Esben betrat die provisorische Verhörzelle mit einem leisen Seufzer.

Er musste gewiss einen erheiternden Anblick für Elinor abgeben, als er halb im Nachthemd und mit dem im Kettengerüst steckenden Folianten am Leibe vor sie trat. Dennoch verzog sie keine Miene, sondern starrte mit leerem Blick vor sich hin. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden schienen sie sehr in Mitleidenschaft gezogen zu haben.

Ich grüße Euch!“, rief Esben ein wenig zu laut und nahm ihr gegenüber an einem kleinen Tisch Platz. Kam es nur ihm so vor oder erschien sein Stuhl ihm weitaus bequemer als die harte Holzbank, auf der die Schwester saß?

Elinor nickte ihm langsam zu. „Ich dachte, der grausame Alte wollte den Inquisitor holen?“, fragte sie tonlos.

Esben sah sie überrascht an. Auch wenn ihre Konversation Mendatius in seinen Augen zu keinem Sympathieträger machte, würde er seinen Ruf nicht mit solch respektlosen Titeln antasten. Dann erinnerte er sich an die Feindschaft zwischen Astaval und Hrandamaer und begrub seine Bedenken.

Wie Ihr seht, müsst Ihr mit mir vorliebnehmen“, antwortete Esben betont freundlich. Er war unsicher, wie er vorgehen sollte. In Aminas waren oftmals Leute zu ihm gekommen, um Rat oder Trost zu suchen. Ihm erschien es jedoch ungewohnt, von selbst auf Menschen zugehen zu müssen.

Esben räusperte sich verlegen. Elinor schwieg und hielt den Kopf gesenkt. Sie wirkte nicht, als ob sie reden wollte.

Seid Ihr um Euren Bruder besorgt?“, fragte er schließlich.

Elinor hob argwöhnisch den Kopf. „Weshalb sollte ich mich um Lifas sorgen? Er kehrt zurück nach Hrandamaer, in die Heimat.“ Sie klang beinahe wehmütig.

Neugier erfasste Esben. „Ich hatte nie den Eindruck, dass er sehr beglückt von seinem Zuhause wäre.“

Elinor schnaubte. „Beglückt ist sicher niemand von uns. Hrandamaer ist ein karges, dunkles Land, das nur durch den Glauben erhellt wird. Zudem ist es verflucht, wie Ihr sicher wisst.“

Esben erschauderte. Ja, er wusste Bescheid. Er hoffte nur, dass Lifas es Iliana so schonend wie möglich beibringen würde.

Elinor entging seine Reaktion nicht. „Alle Menschen müssen sich irgendwie vom Leid in der Welt ablenken“, flüsterte sie. „Viele nutzen dafür Feiertage, um bis spät in die Nacht mit Freunden zusammenzusein und einmal über die Stränge zu schlagen. In Hrandamaer ist nicht einmal das möglich. Uns bleibt allein der Glaube. Sonst wären wir allesamt schon längst der Finsternis anheimgefallen.“

Esben nickte. Elinor meinte dies nicht metaphorisch. Die Finsternis genoss widerwilligen Respekt in Hrandamaer. Schließlich brachte sie die Erzeugnisse von König Androgs Fluch mit sich.

Esben räusperte sich erneut. „Was ist mit Eurem Onkel? Er wirkte recht müde bei der Versammlung heute. Macht Ihr Euch um ihn … Sorgen?“

Elinor spitzte sichtlich die Ohren. „Fragt Ihr mich gerade, ob ich ihn verdächtige, den Apostel getötet und Iliana vergiftet zu haben?“

Esben hob unschuldig die Hände. „Ich will Euch nur besser verstehen lernen. Schließlich will ich Euch und den Menschen im Lager helfen.“

Eine Augenbraue wanderte nach oben und verschwand unter Elinors Haaren. Aber als sie sprach, wirkte sie ein wenig selbstsicherer. Scheinbar hatte sie erkannt, dass von Esben keine Gefahr ausging.

Meine Beziehung zu Abigor ist angespannt. Er war einmal ein großer Gelehrter und eindrucksvoller Kämpfer, aber mittlerweile verhält er sich wie ein barbarischer Heide. Er säuft, missachtet das Keuschheitsgelübde, fastet kaum und verhöhnt alles Fromme und Gute. Außer, wenn es um meine Minderwertigkeit geht!“, fügte sie erregt hinzu. „In diesem Punkt ist er mit den übrigen Rittern einer Meinung!“

Esben legte fragend den Kopf schief. „Eure … Minderwertigkeit?“

Elinor schnaubte nur.

Esben erkannte, dass er in eine Sackgasse geraten war und versuchte es von einer anderen Seite. Er fühlte sich, als würde er ein Labyrinth durchqueren und müsste unterschiedliche Eingänge ausprobieren.

Kennt Ihr eine Frau namens Ashaya?“

Elinor zuckte deutlich zusammen und ballte ihre Hände zu Fäusten. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht.

Ist sie hier?“, fragte sie nahezu lautlos.

Esben nickte. Erregung loderte in seiner Brust. „Kennt Ihr sie? Was hat es mit Ihr auf sich?“ Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Hat sie Iliana vergiftet?“

Elinor setzte zu einer Antwort an, als ihre Augen sich plötzlich vor Schreck weiteten und einen Punkt hinter Esben fixierten. Die Finger des Priesters fuhren zu dem magischen Folianten, aber es war bereits zu spät. Er fühlte eine eiskalte Berührung im Nacken, ein Zittern schüttelte seinen Körper und ein Schleier aus Finsternis legte sich über seine Augen. Jegliche Kraft entwich seinen Gliedern und er stürzte zu Boden.

Dann wusste Esben nichts mehr.

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