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Monat: Juli 2019

Gottes Hammer: Folkvang VII

Langsam lichteten sich die hohen Tannenbäume und gaben die Sicht auf das weite Grasland vor ihnen frei. Ilianas Herz klopfte wild. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie die Welt jenseits des Heidenwaldes.

Lifas wies nach Süden, wo gewaltige Türme neben einer Bergkette in die Luft stachen. „Das ist der Tempel“, verkündete er. „Mein jetziges Zuhause.“

Iliana folgte seinem Blick beeindruckt. „Wie weit sind wir von ihm entfernt?“

Etliche Meilen“, erwiderte Lifas förmlich. „Aber die großen Leuchttürme sind selbst in Aminas noch sichtbar.“

Iliana musterte den Ritter verwirrt. Von einer anderen Person hätte sie vermutet, auf den Arm genommen zu werden. „Leuchttürme?“, fragte sie schließlich. „Stehen die nicht normalerweise am Meer?“ Ihre Ziehmutter Arinhild hatte ihr vor Jahren Geschichten vom Hafen Sankt Emeralds erzählt. Die kaiserliche Hauptstadt verfügte über mehrere solcher Türme.

Lifas’ Züge verhärteten sich, so als peinigte ihn eine grässliche Erinnerung. „Hier werden sie ebenfalls gebraucht“, antwortete er knapp und ließ die Peitsche knallen. Sogleich bewegte sich der Wagen schneller.

Iliana umfasste ihren neuen Bogen fester. Lifas wollte eigentlich nach Hrandamaer reiten, um schneller voranzukommen. Als er jedoch im Lager Ilianas zaghafte Versuche auf einem Pferd mitansah, traf er eine andere Entscheidung. Bei der Erinnerung rötete sich ihr Gesicht. Sie war außerordentlich dankbar, dass Esben die Szene nicht beobachtet hatte.

Beim Gedanken an den Priester trübte sich ihr Gemüt. Was er wohl gerade tat? Ein Tag war seit ihrem Aufbruch vergangen. Ob Berith sein Wort wohl hielt? Oder würden die Dämonen schon vor dem dritten Tag das Lager der Tempelsöhne angreifen?

Bevor ihre Zweifel wachsen konnten, lenkte ein anderer Wagen Iliana ab. Lifas zügelte die Pferde und wich auf das Gras aus. Die Straße war zu schmal für sie beide.

Ein Ehepaar mittleren Alters neigte dankbar seine Köpfe vor dem Ritter. Anstatt zweier Pferde zogen Ochsen ihren voll beladenen Karren. Sie wirkten, als ob sie ihre sämtlichen Habseligkeiten mit sich führten. Iliana musste an die Geschichten der Dorfbewohner über fahrendes Volk nachdenken. In Raureif hieß es, solche Menschen brächten Unheil über jeden Ort, durch den sie kamen. Trotzig entschloss sich Iliana, dem Ehepaar ihre Sympathie entgegenzubringen. Schließlich hätten die Dorfbewohner das Mädchen verbrannt.

Iliana warf Lifas einen neugierigen Blick zu. Teilte er ihre Vorurteile? Was würde er wohl tun, wenn er von Ilianas Anklage als Hexe erführe?

Der Tempelsohn ließ sich jedoch nichts anmerken. „Wohin des Weges?“, rief Lifas. „Seid Ihr Händler? Oder fahrendes Volk?“

Schön wär’s, edler Ritter!“, erwiderte der Mann. „In Aminas wüten die Dämonen!“

Ilianas Herz gefror. Selbst Lifas’ ausdruckslose Miene durchfuhr ein erregter Blitz.

Was sagt Ihr da?“

Es ist wahr!“, rief die Frau und rang die Hände. „Die Feierlichkeiten für die Hinrichtung des Bürgermeisters waren in vollem Gange! Die ganze Stadt versammelte sich zu Speis und Trank, um ihn mit seinen sieben Töchtern sterben zu sehen!“

Ich hab’ schon immer gewusst, dass mit denen was nicht stimmt!“, fügte der Mann grimmig hinzu.

Aber dann sind Dämonen erschienen und haben den armen Henker in die Hölle gezerrt! Einer von ihnen sagte, er sei der Erzengel der Strafe. Gottes Hammer nannte er sich …“

Lifas erstarrte bei der Erwähnung des Begriffs. Iliana schluckte. Wie war Azrael so schnell nach Aminas gelangt?

Was ist mit den Verurteilten geschehen?“, fragte Iliana heiser.

Der Mann sah sie an, so als bemerke er sie zum ersten Mal. „Er hat sie alle mit sich genommen!“, rief er.

In die Hölle?“

Nein!“, ereiferte sich der Mann. „Dem Gericht Gottes will er sie übergeben, oder so etwas in der Art. Jedenfalls herrscht jetzt ein löwenköpfiges Monster über Aminas, als Strafe für die Sünden der Bewohner!“

Die Frau nickte heftig. „So musste es ja kommen! Die Stadt ist ein einziger Sündenpfuhl!“

Der Mann lachte schauerlich. „Jedenfalls erwarten den Bürgermeister und seine Töchter jetzt eine höhere Gerechtigkeit und danach das Höllenfeuer! Geschieht ihnen ganz recht!“

Lifas schien halb in Gedanken versunken, als er erneut das Wort ergriff. „Wie ist die Stimmung in der Stadt?“

Der Mann seufzte. „Reumütig. Niemand zweifelt daran, dass der Erzengel ein Gesandter Gottes ist, seit die Priester ihm zugestimmt haben. S’ ist besser so! Die Dämonen werden die Hexen direkt in die Hölle werfen, bevor sie uns schaden können!“

Nur schade, dass wir das nicht mitbekommen!“, sagte die Frau betrübt. „Die Verbrennungen waren immer ein sehr besonderes Erlebnis! Immer eine Feier für die ganze Stadt, wenn der Inquisitor kam! Erinnerst du dich noch an die Hinrichtung unserer Nachbarin?“

Hab immer gewusst, dass mit der was nicht stimmt!“, knurrte der Mann.

Ilianas Inneres fühlte sich merkwürdig ausgehöhlt an, als die beiden sich von ihnen verabschiedeten. War dies die Normalität? Die Schadenfreude über das Leid der anderen?

Sie setzten ihre Reise schweigend fort, bis Iliana ihre Ungewissheit nicht mehr länger ertrug. Sie wollte endlich in Erfahrung bringen, wie Lifas dazu stand.

Lifas“, setzte sie vorsichtig an.

Der Tempelsohn neigte den Kopf, wandte den Blick aber nicht von der staubigen Straße ab.

Was … ich meine, wie steht Ihr eigentlich zu diesen Dingen?“

Zur Grausamkeit des einfachen Volkes?“ Er brachte das Thema auf den Punkt.

Iliana nickte. „Genau.“

Lifas schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Das beweist nur die Sündhaftigkeit des Menschen … und die Dummheit des Pöbels. Diese Leute sind tumbe Toren, die mit den Fäusten denken und ihre Seele in den Lenden tragen. Ungebildet und unzivilisiert. Sie sind die Herde, wir sind die Hirten.“

Iliana blinzelte, nicht sicher, was sie von diesen harten Worten halten sollte. „Seid Ihr da nicht etwas zu streng? Schließlich macht die Denomination die brutalen Vorschriften, oder nicht?“

Lifas schüttelte den Kopf. „Das Strafrecht ist Sache des weltlichen Arms. Schließlich sind die Richter, Kerkerknechte und Henker keine Geistlichen.“

Iliana ließ nicht locker. „Und was ist mit den Inquisitoren?“

Lifas schwieg kurz, so als sammelte er Argumente. Dann legte sich plötzlich der Anflug eines Lächelns auf seine Lippen. „Ihr scheint mir minder tumb, junge Maid. Ihr stellt die richtigen Fragen.“ Er räusperte sich wie vor einem Vortrag. „Bis vor vierzig Jahren lag die Ausführung der Hexenprozesse ebenfalls in den Händen des weltlichen Arms. Die Geschichten von grässlicher Folter und grausamen Hinrichtungen stammen aus dieser Zeit. Scharlatane gaben sich als Hexenjäger aus, marterten unschuldige Personen, bis sie alles gestanden und legten ihre Aussagen als Beweismittel vor. Als Gegenleistung wurden sie vom Wehrdienst befreit und erhielten für jedes Opfer ihrer Umtriebe stattliche Summen.“ Ein Schatten umwölkte bei diesen Worten Lifas’ Augen.

Iliana, Ihr könnt Euch vorstellen, dass viele Hochstapler zu jener Zeit ihr Unwesen trieben. Man sagt, der Fürst von Aminas habe nur deshalb so wenig gegen Astaval ausrichten können, weil ihn die zahlreichen Hexenjäger in seinem Reich nahezu in den Ruin trieben. Daher erließ er auch ein Gesetz, wodurch die Summe nicht mehr vom Fürstentum selbst, sondern von den Angehörigen der Opfer zu entrichten war.“

Moment!“, warf Iliana ein. „Heißt das, man musste einen Hexenjäger auch noch dafür bezahlen, dass dieser seine Verwandten umbrachte?“

Lifas nickte düster. „In Aminas tobte die Hölle. Die Menschen bezichtigten sich gegenseitig, denn in einer so großen Stadt finden sich immer Neid und Missgunst. Die ersten zehn Kriegsjahre forderten über siebenhundert Opfer. Der Barde Arminius dichtete sogar ein Lied mit dem Namen „Die siebenhundert Feuer“. Habt Ihr es je gehört? In Hrandamaer hat es große Berühmtheit erlangt.“

Iliana schüttelte den Kopf. Ein Schauer lief über ihren Körper.

Lifas räusperte sich erneut, bevor er fortfuhr. „Ebenfalls populär wurde die Geschichte der kleinen Anna. Ihre gesamte Familie starb auf dem Scheiterhaufen und das Mädchen landete im Schuldturm, weil seine Mittel verständlicherweise nicht ausreichten, um den Hexenjäger zu bezahlen. Man sagt, diese Kunde habe Erzbischof Drogan von Sankt Emerald dazu bewogen, die heilige Inquisition hinzuzuziehen.“ Lifas seufzte. „Versteht Ihr, worauf ich hinauswill?“

Iliana legte den Kopf schief. „Er konnte diese Hexenjagden nicht verhindern, also hat er sie legalisiert und damit der Inquisition unterstellt.“

Lifas nickte langsam. „Leute wie Medardus genießen eine umfangreiche theologische Ausbildung und opfern ihre Stimme und ihr Gesicht, um Gott allein zu dienen. In früheren Zeiten bestand ihre Aufgabe aus dem Kampf gegen Dämonen, doch nun kümmern sie sich auch um die Hexenprozesse. Sie tun das im Wissen, dass es keine Hexen gibt und sie lediglich die selbstsüchtigen Wünsche ihrer Schützlinge erfüllen.“ Trauer glitzerte in seinem Blick. „Ich wollte lange nicht hinnehmen, dass es sich dabei nur um eine Farce handelt“, flüsterte er. „Aber mir ist klar geworden, dass die Herde nach dem Blut ihrer Artgenossen schreit, nicht der Hirte. Dennoch muss der Hirte in einer solchen Situation eingreifen, sonst übt die Herde Selbstjustiz.“

Iliana nickte. Langsam erschien ihr Medardus weitaus weniger böse. Er hatte niemanden um einen Prozess gebeten. Die Dorfbewohner selbst hatten sie angeklagt.

Aber warum?“, fragte sie mit erstickter Stimme. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten. „Warum können Menschen so böse sein?“

Das ist der Einfluss der Dämonen und der Hölle“, erwiderte Lifas. Täuschte sie sich oder schwang tatsächlich Mitleid in seiner Stimme mit? „Fürchte dich nicht“, murmelte er und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Die unerwartete Berührung ließ Iliana überrascht aufblicken. „Gott erlöst die Frommen, auch wenn seine Prüfungen auf Erden schwer zu meistern sind.“

Sie fühlte sich tatsächlich getröstet, als sie plötzlich die Grenze von Hrandamaer passierten.

Mit großen Augen sah Iliana sich um. Es wuchs kein Gras und die wenigen Bäume wirkten verkrüppelt und missgestaltet. Bräunlicher Dampf stieg von der verbrannten Erde auf und kräuselte sich in der Luft. Iliana erblickte nirgendwo Leben.

Willkommen in meiner Heimat“, sagte Lifas verbittert.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 2: Auf zu neuen Ufern



»Wir springen in den Warp!«, rief Clynnt Volker lautstark durch das Mikrofon. Seine elektronische Stimme krähte durch den gesamten Patrouillenkreuzer. 
Bei diesen Worten zog sich eine vorfreudige Erregung durch Archweylls Körper, während er von der Kommandobrücke aus in die Weiten des Alls starrte. Endlich. 
Die Atharymn war wieder einsatzbereit und auf dem Weg zu ihrer nächsten Mission. Ihr Verschwinden und Wiederauftauchen vor drei Monaten, als der Warp sie verschluckt und Howard Bering sie an den Dämonen ausliefert hatte, war von der föderalen Obrigkeit nicht einmal mit einem Achselzucken quittiert worden.
Aber auf diesen Ruhm hätte Archweyll auch getrost gepfiffen. Was er brauchte, waren loyale Männer und Frauen, die wussten, was sie taten.
Als hätte jemand seine Gedanken verraten, trat plötzlich die neue Chefmechanikerin an ihn heran. »Nautilon, hm? Nie davon gehört.« Sie extrahierte ein Datenbündel auf ihre Monitore, indem sie mit dem Finger eine Bewegung zwischen den Bildschirmen durchführte. 
»Könnte daran liegen, dass dieser Planet für die Föderation bisher absolut unbedeutend gewesen ist«, erwiderte der Kommandant stirnrunzelnd. »Ich frage mich, was sie gefunden haben, dass sie direkt einen Kreuzer mit Ausrüstung dort hinschicken. Hast du dich da unten mittlerweile gut eingelebt?«
»Es ist etwas finster, aber ich komme zurecht. Nur eure Ausstattung ist mangelhaft, im Vergleich zu meinem früheren Arbeitsplatz«, antwortete Daisy Lee gelassen, bevor ihre großen blauen Augen Archweyll gänzlich zu durchdringen schienen. »Von welcher Ausrüstung reden wir eigentlich?«, erkundigte sie sich neugierig. 
Er winkte sie näher zu sich heran, dann aktivierte er einen Hologrammgenerator. 
Wie aus dem Nichts entstand ein Bild, zunächst verzerrt und undeutlich, doch dann wurde es immer markanter, bis man die Umrisse einer großen Maschine erkennen konnte.
Daisy pfiff durch die Zähne. »Ein Zyklop. Nicht schlecht«, sagte sie gespielt ehrfürchtig, als würde sie etwas für sich behalten. 
»Die haben sie damals gebaut, um den Renegatenfürst Balthasar Coiren auf Orian II den Garaus zu machen. Drei dieser U-Boote haben bis heute überlebt und sind einsatzbereit«, erklärte Archweyll, während er mit dem Finger auf das Hologramm deutete. 
»Ach, echt?«, irgendetwas in Daisys Stimme missfiel dem Kommandanten.
Der Zyklop war ein Berg aus Metall, mit einer riesigen, runden Frontkuppel aus Glas, die das Gefährt wie einen einäugigen Riesen erscheinen ließ und ihm somit zu seinem Namen verholfen hatte. 
»Ausgestattet mit Torpedobatterien der Untergangs-Klasse und einem Dutzend Scherenpanzer-Anzügen, die habe ich damals selbst entwickelt«, zwinkerte ihm die neue Chefmechanikerin zu. 
»Beeindruckend«, lobte Archweyll. Trieb sie ein Spiel mit ihm?
»Die Generäle der Heerführung vergessen schnell, wem sie ihren Erfolg zu verdanken haben«, winkte Daisy ab, doch Archweyll bemerkte sofort, dass sie das heimlich zu ärgern schien. 
Der einsetzende Warpsprung war so samtweich, dass er ihn kaum noch spürte. Diese fließende Bewegung in einen Ort, jenseits von Raum und Zeit, konnte eine beeindruckende Erfahrung sein. Vor der Glaskuppel schien das Schwarz des Alls in seine einzelnen Komponenten zu zerfließen. Farben verschmolzen zu einer Kaskade der Leidenschaft, bildeten im Sekundentakt explodierende Prismen, bis sie schließlich undefinierbare Formen annahmen, die das bloße Auge kaum noch zu erkennen vermochte.
Archweyll erkannte, wie Daisy dieses Spektakel mit offenem Mund bestaunte. »Ein wahres Wunderwerk, nicht wahr?«, fragte er sanft und stellte sich neben sie, um aus dem Fenster zu schauen. Die Blicke seiner Navigatoren ignorierte er gekonnt.
»Es ist wunderschön«, hauchte die junge Frau mit großen Augen. 
»Noch 57 Minuten bis zur Ankunft«, knisterte es durch das Mikrofon. 
Der Kommandant verdrehte die Augen. Clynnt war einfach kein Romantiker. Er aktivierte die Sprachausgabe seines Kampfanzuges und linkte sich in die Mikrofonanlage ein. 
»Lagebesprechung. Tamara, Clynnt, ich möchte euch in zwei Sekunden bei mir haben…«, er zählte kurz laut runter. »Ihr seid zu spät. Beeilt euch gefälligst!«
Einen Moment später lugte Clynnts Kopf aus der Navigatorenkabine heraus. »Ist es wichtig? Das Radar zeigt mir so viele uninteressante Sachen, dass ich es vorziehen würde, weiter daraufzustarren. Man weiß ja nie.« Er lächelte verschmitzt, kam dann aber zu Archweyll herübergelaufen.
Eine Minute später öffnete sich ein Aufzug und Tamara trat auf die Kommandobrücke. Mit einem steifen Nicken begrüßte sie die anderen, bis ihr Blick schließlich auf Daisy traf. »Die Neue?«, fragte sie Archweyll ausdruckslos. 
»Ich kann durchaus für mich selbst sprechen!«, zischte die Chefmechanikerin. Für eine Sekunde schien die Luft zu knistern, als ihre Blicke sich trafen. 
Clynnt warf Archweyll einen flehenden Blick zu. »Mein Radar…«, flüsterte er und deutete mit einer Geste an, dass er plötzlich unglaublich wichtige Dinge in seiner Navigatorenkabine zu erledigen hatte. 
»Meine Damen, ich habe euch nicht hergerufen, um Liebesbekundungen auszutauschen«, grummelte Archweyll. Derlei sinnlose Feindseligkeiten empfand er als ermüdend. Aber er wusste, was an Tamara nagte. Und es war nicht die Tatsache, dass sie die neue, hübsche Kollegin als so etwas wie eine Konkurrentin wahrnahm, denn das lag unter ihrer Würde. 
Es war vielmehr der Umstand, dass sie es damals nicht geschafft hatte Howard Bering aufzuhalten und sie daher jedem Neuankömmling mit äußerster Skepsis gegenübertrat. 
Ein Instinkt, von dem Archweyll hoffte ihn niemals teilen zu müssen. »Wenn ich nun also eure ungeteilte Aufmerksamkeit habe, würde ich gerne die Missionsdetails erläutern«, fuhr er fort, schritt demonstrativ zwischen den Frauen entlang und unterband damit jeglichen Blickkontakt der beiden. Abermals aktivierte er den Hologrammgenerator und eine blaue Kugel wurde sichtbar. »Planet Nautilon, aus dem Neon-System. Seine Oberfläche besteht zu hundert Prozent aus Wasser. Aber lasst euch dadurch nicht beunruhigen, ich habe für alle Schwimmflügel eingepackt.« Sein Blick wanderte mit der Eindringlichkeit einer Nadel durch die Reihen, doch er bekam nur dezentes Kopfschütteln als Antwort. »Um bei der Sache zu bleiben, vor zehn Jahren hat die Föderation diesen Planeten für sich beansprucht und eine Forschungseinrichtung errichtet, die mittlerweile ein Fabrikant von gängigen Stimulanzmitteln für das Militär geworden ist.« 
Er merkte, wie Tamara dem Chefnavigatoren etwas ins Ohr flüsterte und dieser ihr grinsend zunickte.
Archweyll konnte nur spekulieren, worum es ging. »Doch vor ein paar Wochen haben sie dort unten etwas gefunden und es wird unsere Aufgabe sein, es zu bergen. Dafür hat uns der interstellare Rat einen Zyklopen samt Mannschaft zur Verfügung gestellt.«
Die Aussicht, bald den Himmel zu verlassen, um in der erdrückenden Tiefe eines gigantischen Ozeans nach etwas zu suchen, schien den anderen ebenso wenig zu gefallen wie Archweyll. 
»Wissen wir, um welches Objekt es sich handelt?«, fragte die Chefmechanikerin kritisch. 
»Das wird uns der Leiter der Forschungsabteilung mitteilen, es ist bisher streng vertraulich«, erwiderte der Kommandant achselzuckend. 
»Initiiere Schubfrequenz, wir verlassen den Warp«, knisterte es plötzlich aus der Sprechanlage. Sanft wie eine Feder glitt die Atharymn zurück in Raum und Zeit. Die Farben vermengten sich wieder zu einem einheitlichen Schwarz. Vor ihnen lag eine blaue Kugel, von grauen Schlieren durchzogen, die wirkten wie Geisterfäden. 
Auf den ersten Blick sah der Planet ihrer Heimat Prospecteus gar nicht mal unähnlich. Nur bei genauem Hinsehen wurde einem klar, dass die Kontinente fehlten. 
»Kreuzer auf Standby halten und über dem Planeten kreuzen«, befahl Archweyll durch das Mikrofon. »Der Einsatztrupp folgt mir in den Hangar. Wir nehmen den schnellsten Weg.«
Hektische Schritte und das Läuten von Sirenen begleiteten Archweyll, während er, flankiert von seinem neuen Team, durch den geräumigen Hangar schritt. 
Einige Arrows hatten sich bereits Abflugbereit gemacht, die pfeilschnellen Jäger würden als Eskortschiffe dienen. Vor ihnen ragte die Manticor auf, das größte Transportschiff, dass die Atharymn beheimatete. Es war ein wenig anmutiges, aber praktisches Schiff, mit drei Reihen übereinander gekreuzter Flügel und riesigen Propellerantrieben, die eine punktgenaue Landung in der Atmosphäre ermöglichten. Zischend kam ihnen die Rampe entgegen und gewährte der Truppe Einlass. 
Archweyll stieg eine steile Leiter zur Kommandobrücke hinauf, quittierte die engen Raumverhältnisse mit einem unflätigen Fluch und befahl den Startvorgang. 
Die Manticor startete und ein ohrenbetäubendes Brüllen entwich ihren Antrieben. 
»Klingt fast so wie bei mir zuhause«, knurrte der Kommandant bissig, während er sich anschnallte. »Atmosphäreeintritt in Siebzig Sekunden. Alles anschnallen«, frohlockte er. 
Tamara nahm neben ihm Platz. Ihr Blick verriet ihre Befürchtungen. »Dort unten sind wir nicht in unserem Element. Wer wird das U-Boot steuern?«, fragte sie besorgt.
»Ich mache das«, verkündete Daisy mit einem undefinierbaren Ton in der Stimme. »Schließlich habe ich es gebaut.« 
Das war es also gewesen. Archweyll schloss die Augen und entschied sich dafür, für ein paar Sekunden in das Land der Feen und Kobolde abzutauchen, um Tamaras Blick zu entgehen. 
Als er die Augen öffnete, war dieser aber immer noch auf ihn gerichtet, wie eine geladene Waffe die jederzeit feuern konnte. Und würde. 
Clynnt seufzte. »Das wird ein Spaß«, kommentierte er die Szenerie, dann brachen sie unsanft durch die Atmosphäre. 
Dichte Regenwolken schlossen sich um sie und prasselten unnachgiebig auf die Frontscheiben. Unter ihnen tobte das Meer, in einem beständigen auf und ab. 
Gischt spritzte in die Höhe, während die Wellen einen Krieg ausfochten. 
»Eine Stunde noch bis zum Ziel«, plötzlich bemerkte Archweyll trotz der Umstände so etwas wie Vorfreude in sich aufkeimen. Denn noch hatte er keine Ahnung, was ihn erwarten sollte…

 

 

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(Un)Wirklichkeit – von Saigel

Verbrannte Füße schleifen auf dem Asphalt. Die Luft ist stickig, Benzin kreist um die Nase des Humpelnden. Pralle Sonne peinigt ihn, will ihn versengen, seine Haut kochen und mit tausend feinen Nadeln langsam und schmerzvoll abziehen. Irgendwo in der Weite des blauen Himmels kreist ein verlorener Aasgeier, der letzte seiner Art, denn Aas gibt es schon lange nicht mehr. Das Leben ist fort, geblieben ist die Hitze, der chemische Geruch, der längst begrabene Tod.
Doch er kämpft. Er läuft noch, arbeitetet sich voran, auf dieser einst viel befahrenen Straße, die damals Grundlage für seinen Lebensunterhalt war und heute offenbar den letzten, seidenen Faden seines schmächtigen Lebenswillen in den Händen hält. Verbissen, mit aufgeplatzten Lippen, gerunzelter Stirn und starren Augen verheißen seine Züge dennoch einen Funken, den die letzten Jahre und Katastrophen, Verluste und Tragik nicht auslöschen konnten. Noch nicht. Denn er läuft weiter. Und auch wenn er noch nicht der letzte seiner Art ist, ist er womöglich der Letzte, der das Wort der Hoffnung noch auf den Lippen trägt. Eine Welt, die dem Untergang zugeneigt, noch einen letzten Atemzug nimmt und ihn von hinten in den Rücken bläst, um dem Respekt zu zeugen, der in Bewegung bleibt. Da ohne Bewegung, das Leben nicht ist.

Gelangweilt schaltet sie den Fernseher aus. Sie empfindet nichts. Mit einem Klatschen schiebt das Sofa sie auf den Rollstuhl, der sich selbstständig mit ihrem Gehirn verknüpft. Starren Blickes fährt sie zum Kühlschrank und lässt sich ein Burgermenü servieren. Der Roboter füttert sie, dann lässt sie sich ins Bett legen und nimmt die letzte Pille für diesen Tag, die ihre Träume unterdrücken. Gleichgültig starrt sie an die Decke aus nacktem Beton, bis ihr die Augen zufallen und sie der Nebel in einen sterilen Schlaf begleitet.

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Pubertät – wenn die Eltern schwierig werden

So langsam komme ich mir echt vor wie ein Sklave. Andrea mach dies, Andrea mach das, so geht es den ganzen Tag. Und meine hochnäsigen Zwillingsschwestern müssen selbstverständlich geschont werden. Sie machen ja gerade Abitur, da muss man Rücksicht nehmen. Wie ich das hasse!
Nie nimmt man auf mich Rücksicht. Kaum habe ich eine Minute Musik an, brüllt schon jemand, dass ich leiser machen soll. Dabei hört sich Musik doch nur richtig gut an, wenn sie laut ist. Ich muss mir ja auch diese doofen Sonaten anhören, die Vater gerne auflegt, wenn wir Gäste zum Essen haben. Und niemanden kümmert es, ob ich von dem altmodischen Geklimper Magenkrämpfe bekomme.
Und wenn ich mir dann die Stöpsel ins Ohr mache, weil ich anders nicht richtig Musik hören kann, dann dauert es nur Minuten, bis jemand meine Zimmertüre aufreißt und mich anbrüllt, weil ich sein Rufen nicht gehört habe. Nie kann man es ihnen Recht machen. Am liebsten würde ich ausziehen in eine eigene Wohnung, aber dafür bin ich ja noch zu jung. So ein Quatsch! Ich bin mit meinen fast 15 Jahren genauso erwachsen wie die Zickenzwillinge.

Gestern, das war mal wieder so typisch. Ich war in der Gartenlaube und wollte ein wenig chillen. Schließlich hatte mich dieser doofe Privatlehrer wieder stundenlang mit Mathe gequält. Kaum lag ich gemütlich mit meinem Handy auf der Bank, holte der Gärtner den Aufsitzmäher aus dem Gerätehaus und begann zu mähen. Das Ding macht mehr Krach als ein Düsenjet. Ich flüchtete also in mein Zimmer. Gerade hatte ich es mir dort gemütlich gemacht, begann die Putzhilfe die Teppiche auf dem Gang zu saugen. Fluchend machte ich mir die Ohrenstöpsel rein. Kurz darauf kam sie einfach in mein Zimmer, maulte rum, dass ich sie nicht gehört hätte, und befahl mir, den Flur aufzuräumen. Da ich keine Lust auf Streit hatte, holte ich also meine Sachen und warf sie in meinem Zimmer auf den Boden. Dabei ist das Display von meinem Zweithandy kaputt gegangen. Diese doofe Putzhilfe, daran war doch nur sie schuld.

Letzte Woche hatte ich eine tolle Nacht. Das Schaf, das ich vor zwei Jahren mit der Flasche großgezogen hatte, war das erste Mal trächtig. Natürlich wollte ich mit dabei sein, wenn sie ihr Junges bekommt. Also hab ich dem Schäfer meine Handynummer gegeben und ihm gesagt, er solle mich anrufen, wenn es so weit ist. Ich weiß schon, dass er auch nicht andauernd nach meinem Schaf schauen kann. Doch ich hab ihm eine Flasche Wein zugesteckt, die ich aus Vaters heiligem Weinkeller geklaut habe. Der Schäfer hat mit großen Augen auf das Etikett geschaut und sich mehrmals für das edle Tröpfchen bedankt. Dabei hatte ich extra eine von den alten, vergammelten Flaschen von ganz hinten genommen.
Ich hoffte also, dass das mit dem Anruf klappen würde. Und tatsächlich klingelte mitten in der Nacht mein Handy. Ich zog mich warm an und schlich vorsichtig aus dem Haus.
Es war einfach wunderbar zuzusehen, wie die beiden Lämmchen geboren wurden. Nachdem das erste gekommen war, wurde das Mutterschaf richtig hektisch und leckte das Lämmchen kräftig ab, um es zum Stehen zu bringen. Erst verstand ich diese Hektik nicht. Doch kann, kaum stand das erste Lamm, kam das zweite. Was für eine Überraschung! Eins der Lämmchen ist weiß, das andere schwarz bis auf einen hellen Tupfen an der Schwanzspitze. Ich habe die beiden Salt und Pepper getauft.

Ich konnte mich von den süßen Lämmchen nur schwer trennen und so war es schon hell, als ich zurück ins Haus schlich. Kurz bevor ich in meinem Zimmer war, lief mir eine meiner Schwestern über den Weg. Die machte vielleicht riesige Augen, als sie mich blutverschmiert und mit Heu in den Haaren sah. Was sie sich wohl dabei gedacht hat? Ich weiß, dass mir alle nur Schlechtes zutrauen. Ich bin nun mal das schwarze Schaf in der Familie. Erst hatte ich ein bisschen Angst, dass sie mich verpetzen würde. Aber das traut sie sich nicht. Sie weiß genau, ich würde mich rächen. Ich könnte zum Beispiel beiläufig fallen lassen, dass sie mit ihrem Gesangslehrer rumgemacht hat.

Allerdings gab es dann doch noch einen Riesenkrawall wegen der verschwundenen Flasche Wein. Papa hat fast geheult. Ich glaube, wäre ich verschwunden, hätte es ihm weniger ausgemacht. Ich kann das nicht verstehen, so eine Flasche Wein kostet doch nur ein paar Euro. Wie kann man sich da nur so anstellen, wenn mal eine fehlt. Der ganze Keller ist voll davon. Ich frage mich sowieso, wie er es so schnell gemerkt hat. Immerhin hat mich ausnahmsweise mal niemand verdächtigt. Wo ich doch sonst immer alles gewesen bin.

Gleich ist meine spärliche Freizeit auch schon wieder vorbei. Dann muss ich mit Mama in die Stadt fahren zum Einkaufen. Ich soll ein Kleid bekommen für den Abi-Ball der Zickenzwillinge. Dabei will ich da gar nicht hin. Weder in die Stadt, noch auf den Ball. Doch mich fragt ja nie jemand, über mich wird immer bestimmt. Gegen ein neues Kleid hätte ich nichts einzuwenden, aber es müsste schon schwarz sein und lang bis zu den Knöcheln und mit durchsichtiger Spitze im Ausschnitt und mit Trompetenärmeln. Mama hat da aber ganz andere Vorstellungen als ich. Kotz!

Manchmal denke ich, ich bin als Säugling im Krankenhaus vertauscht worden. Ich passe überhaupt nicht in diese Familie. Und wenn ich mir vorstelle, ich könnte irgendwann so wie Mama werden? Allein der Gedanke lässt mich schaudern. Nein, da bringe ich mich lieber vorher um. Am besten mit 27 Jahren. Dann habe ich vorher noch genug Zeit berühmt zu werden. Es gibt viele Künstler, die mit 27 Jahren gestorben sind. Und danach ist das Leben ja sowieso vorbei. Dann geht es nur noch abwärts.

So, mein liebes Tagebuch, ich muss aufhören. Mama ruft. Bis bald!

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Gottes Hammer: Folkvang VI

An diesem Tag weckte nicht die Sonne Esben. Stattdessen riss ihn ein langgezogener Schrei aus dem Schlaf. Desorientiert warf er wilde Blicke um sich, bis er das Zelt von Hrandamaer wiedererkannte. Verwirrt erhob er sich von seinem Feldbett und stolperte durch den Eingang. Der Schrei war von außerhalb an sein Ohr gedrungen.

Elinor stand zwischen den Zelten, ein Korb Heilkräuter lag zu ihren Füßen. Sie hielt die Hände vor den Mund geschlagen und starrte aus schreckgeweiteten Augen auf ein unförmiges etwas, das sich in wirren Winkeln vor ihren Füßen befand . Esben trat verwirrt näher, bis er den Körper erkannte.

Er wusste seinen Namen nicht, doch handelte es sich um einen Apostel des Heeres, wie er an der reich verzierten Rüstung unschwer sah. Auf den ersten Blick wirkte er unverletzt, aber eine Lache aus Blut bewies das Gegenteil. Jemand hatte ihn scheinbar getötet und ihm dann, wie zum Hohn, die Rüstung über den Kopf gestülpt. Am schrecklichsten erschienen Esben jedoch die Gesichtszüge des Toten. Grausige Todesangst stand in ihnen und die verdrehten Augen wirkten wie dunkle Splitter unermesslicher Qual.

Andere hatten Elinors Schrei ebenfalls vernommen. Tempelsöhne aller Ränge und Altersstufen versammelten sich vor dem Leichnam. Rufe erschollen. Ein anderer Apostel mit grauem Haar trat vor, kniete nieder und legte seinem gefallenen Kameraden eine Hand auf die Stirn. Einen Augenblick verharrte er und Esben konnte spüren, wie Wellen heiliger Magie durch seine Hände flossen wie rasende Wogen eines Ozeans. Kurz darauf erhob sich der Apostel betrübt und seufzte.

Er ist tot!“, verkündete er.

Betretenes Schweigen legte sich auf die Versammlung. Die Wahrheit hinter dieser Erkenntnis musste erst in den Herzen der Menschen Fuß fassen. Jemand hatte in ihrer Mitte einen Apostel besiegt!

Rufe erhoben sich und Gespräche wurden laut, doch sie verstummten sofort, als Medardus erschien. Der Inquisitor wirkte noch grimmiger als sonst und seine Augen glichen vernichtenden Sonnen, die jeden in ihrem Weg verbrannten.

Da er nicht auf seinem Stuhl saß, musste der ehrwürdige Clavis sich über Gesten verständigen. Dennoch hatten sie eine ähnliche Wirkung wie seine Stimme. Medardus verfügte über eine charismatische Ausstrahlung, die es jedem unmöglich machte, den Blick von ihm abzuwenden.

Kurz darauf wurde der Tote von einigen Novizen weggetragen. Medardus bedeutete den Aposteln, ihm zu folgen. Überraschenderweise wies er auch auf Esben. Der Priester schluckte. In diesem Moment wünschte er sich unwillkürlich Androgs heidnisches Buch herbei.

Sein Herz hämmerte, als er mit den Aposteln das Zelt betrat. Medardus ließ sich auf seinem Stuhl nieder und sein lodernder Blick flog von Gesicht zu Gesicht. Jeder vermied, ihn direkt anzusehen.

Schließlich räusperte sich Medardus. „Wo ist Apostel Abigor von Hrandamaer?“

Überraschte Blicke glitten über die Versammlung. Esben zuckte peinlich berührt zusammen. Er hatte sein Fehlen nicht einmal bemerkt.

Als handelte es sich hierbei um ein Stichwort, erhellte kurz das Licht der aufgehenden Sonne den spartanisch eingerichteten Raum, als Abigor das Zelt betrat.

Ich bin hier“, grummelte er. Seine Augen wirkten beinahe ebenso grimmig wie Medardus’ lodernder Blick. „Was, bei allen Heiligen, ist mit Palayon von Aminas geschehen?“

Das versuchten wir gerade zu erörtern.“ Medardus deutete mit seinem Mauritiusstab auf den Stuhl neben Esben und Abigor ließ sich wortlos auf die harte Sitzfläche fallen. Er wirkte kalt wie ein Eisblock und Esben musste sich unbewusst fragen, wieso er nicht im Zelt gewesen war. Nun erst fiel ihm auch Siegberts Abwesenheit auf. Begann er nicht normalerweise um diese Zeit schon mit den Vorbereitungen für das Mittagsmahl?

Doch dies war nicht die Zeit für solche Überlegungen, wie Esben Medardus’ Räuspern entnahm.

Heute ist ein Apostel von uns gegangen“, begann der Clavis. „Selbstmord können wir, denke ich, ausschließen. Die Wunde befindet sich ganz eindeutig unter dem Harnisch, den anzulegen er in diesem Fall wohl kaum noch die nötige Kraft aufgebracht hätte. Wir müssen von Meuchelmord ausgehen. Die Geräuschkulisse eines fairen Kampfes hätte uns schließlich alle geweckt.“ Er legte die Fingerspitzen aneinander, so als würde er beten. Nach kurzem Schweigen fuhr sein Blick zu dem Apostel, der den Toten begutachtet hatte. „Mendatius von Astaval, ich möchte Euch bitten, hier und jetzt den Leichnam zu untersuchen. Auf etwaige magische Rückstände, versteht sich.“ Trotz seiner Wortwahl machte der Tonfall des Clavis deutlich, dass auch diese Bitte nur als Befehl aufzufassen war.

Esben warf dem gealterten Ritter einen überraschten Blick zu, als er sich erhob und das Zelt verließ. Astaval galt heute als nahezu menschenleer. Dieser Mann musste bereits vor dem Krieg geboren worden sein. Ob er sich vielleicht sogar an Teshin erinnerte?

Tempelwächter Esben.“ Er zuckte zusammen, als Medardus’ lodernder Blick auf ihm ruhte. „Ihr habt gewisse Erfahrung mit Dämonen. Gibt es in Hornheim eine Person, die ihre Gestalt verändern kann?

Esben benötigte eine volle Sekunde, um den Worten des Inquisitors einen Sinn abzugewinnen. Er räusperte sich verlegen. „Ich denke nicht. Allerdings weiß ich von jemandem, der einen Menschen durch seine Magie auf jede beliebige Distanz betäuben und ihm unsanfte Träume bereiten kann …“ Die Erinnerung an Berith ließ Esben auch nun noch erschaudern. Ihn hatten während seiner Bewusstlosigkeit keine Visionen gepeinigt, aber Iliana waren solche Träume zuteilgeworden. Esben biss sich auf die Lippe. Er hätte sie genauer danach fragen sollen.

Wie heißt dieser Dämon?“, fragte Medardus.

Esben räusperte sich erneut. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an. „Berith.“

Der Clavis nickte und ein Raunen ging durch die Runde. Offenbar war er den gelehrten Aposteln nicht unbekannt.

Etwa jener Berith, der auch im ketzerischen Daymonikon erwähnt wird?“, fragte ein jüngerer Ritter erstaunt.

Esben kannte die Schrift, hatte sie jedoch nie zu Gesicht bekommen. Verbotene Bücher durften nur von Bischöfen eingesehen werden. Er setzte gerade zu einer Antwort an, als Medardus eine Hand hob.

Für Abgleiche wird später noch Zeit genug sein“, rief er. „Tempelwächter Esben, haltet Ihr es für wahrscheinlich, dass besagter Dämon in dieses Lager eingedrungen ist?“

Esben legte den Kopf schief. „Ich denke, es würde zu ihm passen“, erwiderte er schließlich. „Als ich gegen ihn gekämpft habe, erschien er mir als sehr hinterhältig.“ Ein weiteres Raunen brachte Esben in Verlegenheit. Er verkniff es sich, seine unrühmliche Niederlage zu erwähnen. „Ich denke, er würde sicherlich so vorgehen, um uns zu verwirren und unsere Moral zu zerrütten, vielleicht sogar um uns gegeneinander aufzubringen. Er hat schließlich auch Iliana im Traum heimgesucht.“

Medardus nickte. „Dennoch … es könnte sich auch um einen Trick handeln“, entgegnete er. „Möglicherweise befindet sich in diesem Lager tatsächlich eine Person, die mit den Dämonen zusammenarbeitet.“ Wieder ruhte sein Blick auf Esben. „Eure junge Gefährtin wurde beinahe getötet. Das war kein Fluch von diesem Dämonen, es war reines, profanes Gift. Jemand musste bei ihr sein, um es ihr zu verabreichen.“ Seine Augen wanderten weiter zu Abigor. „Eure Nichte hat sich doch um sie gekümmert, nicht wahr? Wir sollten sie befragen. Schließlich hat sie auch den Apostel Palayon gefunden. Sollte es sich bei dem Täter jedoch tatsächlich um einen Dämonen handeln, werden wir dies durch Euren Bericht herausfinden, Esben.“

Esben nickte. Er hatte die Zeit nach Ilianas Abreise mit der Niederschrift all seiner Informationen über die Dämonen Hornheims verbracht. Er musste nur noch Azraels Fähigkeiten erläutern.

In diesem Moment kehrte Mendatius in das Zelt zurück. Seine Augen glichen kaum sichtbaren Schlitzen. „Getötet wurde er durch eine Stichwunde, aber ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass Magie im Spiel war.“ Er räusperte sich, so als genierte er sich für seine folgende Vermutung. „Palaymon trägt eine schwarze Rune auf der Brust, die exakt jener gleicht, die der Choral des langen Schlafes verursacht.“

Schockiertes Schweigen machte sich breit. Entsetzen ergriff Esben. Berith beherrschte gewiss keinen Choral und auch die übrigen Dämonen konnten sich einer solchen Fähigkeit wahrscheinlich nicht rühmen. Was mochte das bedeuten?

Medardus nickte. Seine behandschuhte Faust umklammerte den Mauritiusstab wie eine tödliche Lanze. „Jemand hat den Choral des langen Schlafes angewandt, ihn aber ins Gegenteil verkehrt. Die Rune müsste weiß sein. Dass sie schwarz ist, kann nur bedeuten, dass sie mit gottloser Magie gezeichnet wurde.“ Medardus machte eine unheilsschwangere Pause. „Das ist Ketzerei. Was sage ich, es ist Dämonie! Jemand verhöhnt uns, indem er unsere eigenen Waffen zu profanen Tötungsmitteln umfunktioniert!“ Diese Nachricht schien Medardus mehr zu erregen als der Mord selbst.

Im nächsten Augenblick räusperte er sich jedoch und fing sich wieder.

Diese Versammlung hätte auch ohne diesen Mord stattgefunden“, erklärte er schließlich. Seine Augen glühten. „Mich hat heute, kurz vor Sonnenaufgang, ein Bote erreicht. Ein Dämon mit Löwenkopf ist in Aminas aufgetaucht und hat den Bischof entführt. Angeblich meinte er, er würde ihn für sein sündiges Leben in die Hölle hinabziehen.“

Erschrockene Blicke machten die Runde. Esbens Herz setzte einen Schlag aus. Er hatte angenommen, dass die Dämonen in Hornheim festsaßen, solange das Heer der Tempelsöhne den Weg durch den Heidenwald blockierte. Er erinnerte sich an den Dämonen mit dem Löwenkörper. Er hatte ihn vor zwei Tagen in Hornheim gesehen! Selbst wenn er sich sofort nach ihrer Niederlage auf den Weg gemacht haben sollte … die Zeit des Boten musste auch miteinberechnet werden … war dies schlichtweg unmöglich. Esben erschauderte. Konnten die Dämonen etwa an jedem beliebigen Ort erscheinen?

Die Apostel teilten seine Gedanken offenbar. Medardus nickte langsam.

Wir befinden uns hier in einem Krieg. In einem heiligen Krieg.“ Der Clavis erhob sich. „Diese Dämonen wollen ganz offenbar zur maßgeblichen geistlichen Instanz im Reich werden. Sie wollen sich selbst zu Göttern krönen und die Menschheit mit der Drohung der Hölle versklaven. Dies hier ist kein Kampf um Ehre oder Land … es ist ein Kampf um das Schicksal … um die Freiheit der Menschen.“

Mit diesen Worten entließ Medardus sie und Esben hatte das Gefühl, als bräche seine Welt nun endgültig zusammen.

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Azrael saß auf seinem steinernen Thron am Ufer und blickte hinaus auf die schwarzen Fluten des Sees Sökkvar. Er musste sich unwillkürlich fragen, wer Hornheim wohl geschaffen hatte. Ihm erschien es weitaus kunstvoller als seine Höllendimension.

Eine Hölle muss nicht kunstvoll sein, sie muss nur viel Feuer haben und wehtun, kicherte die Stimme in seinem Kopf.

Azrael ließ sie gewähren. Die Müdigkeit beraubte ihn seines Widerstands. Er hatte das Geheimnis dieser seltsamen Stimme noch nicht entschlüsselt und bezweifelte, ihr je auf die Spur zu kommen. Er hoffte nur, dass sie ihn im Kampf nicht behindern würde. Sie standen kurz vor dem Angriff auf das Lager der Tempelsöhne.

Herr!“, erklang plötzlich eine Stimme hinter ihm.

Azrael wandte sich um und erblickte Ungoros. Der Dämon besaß die wohl hässlichste Gestalt in ganz Hornheim. Er glich einem großen, runden Fleischklumpen voller Falten, aus dem zwei kaum erkennbare Augen seine Umgebung anfunkelten. Ein dünner Strich bildete seinen Mund. Missgebildete Beine entwuchsen ihm und zwei winzige Fledermausflügel flatterten an seiner Seite. Azrael wusste, dass er sich mittels Magie in der Luft hielt. Anderenfalls könnten weder seine Flügel, noch seine Beine das Gewicht des klobigen Körpers tragen.

Kurz erlaubte Azrael sich einen Moment der Verwunderung. Als Mensch hätte er sich gewiss vor den weißen Maden geekelt, die Ungoros’ Falten durchstreiften und eitrige Flüssigkeit verspritzten. Doch nun … weder konnte er sich am Schönen erfreuen, noch konnte er das Hässliche verachten. Möglicherweise lautete der Grund dafür, dass Dämonen sich im Normalfall nicht fortpflanzen konnten und daher auch keinen Sinn für die Schönheit ihres Partners benötigten.

Azrael räusperte sich. „Was ist dein Begehr?“, fragte er förmlich. Er wusste, dass Ungoros lieber kunstvoll mit ihm sprach.

Der Fleischklumpen offenbarte nun seine poetischen Fähigkeiten. „Es wär nun gar soweit, dünkt es mich wilde, mich hinabzubegeben in düstere Gefilde. Denn ziemt es wohl kaum einem solchen Gott, sich zu genieren auf seines Kinders Schafott.“

Azrael nickte dankbar. Ungoros schlug ihm vor, an seiner statt die von ihm geschaffene Hölle zu überwachen. „Geh nur“, sagte er. „ich werde dich bald dort brauchen. Wie wir es abgesprochen haben.“

‘s deucht mich wohl, dass sie ruft, die Pflicht. So hinab, hinab, wo es rußt die Sicht.“ Azrael verdrehte die Augen, als Ungoros sich umwandte und auf das Portal dahinter zusteuerte. Seine Hölle beherbergte bereits einige Gäste. Erst tags zuvor hatte Malfegas den Bischof von Aminas entführt. Es war ein offenes Geheimnis, dass der Geistliche in seinem „Jungfernturm“ schreckliche Dinge tat.

Tja, schlechte Menschen gibt es überall.

Diesmal konnte Azrael der Stimme beim besten Willen nicht widersprechen. Sie klang sogar traurig.

Plötzlich drang eine andere Stimme an sein Ohr, die ihn ganz und gar nicht mit Trauer erfüllte.

Azrael!“

Er wandte sich um und erblickte Velis, die ungestüm auf ihn zurannte. Der Anblick des Sklavenmachers um ihren Hals versetzte ihm einen Stich. Er hatte es noch immer nicht geschafft, sie vom Fluch ihres grausamen Vaters zu befreien.

Er erhob sich und sie fiel ihm in die Arme. Wilde Wärme durchdrang Azrael, als ihre Lippen sich zum Kuss trafen.

Als Mensch hätte er sicherlich Gewissensbisse verspürt. Schließlich glich Velis’ äußerliche Gestalt einem Kind. Aber als Dämon beeinflussten ihn solche Emotionen nicht.

Velis lächelte spitzbübisch und ihre Augen funkelten, als sie sich an ihn schmiegte. Von Zeit zu Zeit kam es Azrael so vor, als sehnte sie sich regelrecht nach Berührung, wie als Beweis für ihre Existenz. Er schluckte. Sicherlich trugen die Taten ihres Vaters die Verantwortung dafür.

Velis war kein gewöhnlicher Dämon. Wie er Halgin und Esben gegenüber richtig vermutet hatte, handelte es sich bei ihr vielmehr um einen Halbmenschen. Anders als er war sie nicht gestorben. Als Tochter eines Dämons von Hornheim und einer seiner Untergebenen bildete sie im Gesetz der Fortpflanzung eine absolute Ausnahme.

Und?“, fragte sie nach kurzem Schweigen. „Werden wir es jetzt tun?“

Azrael nickte. „Die Gelegenheit ist günstig. Der Fürst von Aminas ist ein junger, unsicherer Mann und die Erinnerungen an die Taten dieses furchtbaren Bischofs haben die Herzen der Einwohner gegenüber der Denomination verhärtet. Aber das Wichtigste ist, dass uns kein Inquisitor in die Quere kommen kann.“

Ist es nicht irgendwie grotesk, dass die Menschen von Inquisioren mehr fasziniert sind als von Tugend und Reinheit?“, fragte Velis leise.

Vielleicht sind sie es deshalb, weil beides nicht existiert“, erwiderte Azrael verbittert. „Ich meine, sieh uns an. Jedes Gericht der Welt würde uns wegen Unzucht am Galgen baumeln lassen.“

Velis kicherte. Dabei klang sie immer wie ein normales Mädchen, das nicht bereits seit Jahrzehnten versuchte, die Welt zu retten. Azrael strich über ihr langes Haar. Ohne ihre Intervention wäre Irodeus noch König von Hornheim und er selbst würde nicht einmal existieren. Er verdankte ihr sowohl als Teshin, als auch als Azrael sein Leben.

Velis deutete auf den See Sökkvar. „Glaubst du wirklich, dass Androg dort begraben liegt?“

Azrael schnaubte. „Das fragst du mich? Ich existiere erst seit wenigen Monaten! Aber wenn du mich fragst, ist das eine Legende wie jede andere.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber dass man dort angeblich den Verstand verliert … das ist schon interessanter. Wir beide wissen, in welchem Zustand Sitraxa vor ihrem Tod war.“

Velis sah ihn überrascht an. „Sie ist tot? Ich dachte, Esben hätte sie in seinem Buch versiegelt!“

Azrael schüttelte den Kopf. „Er hat das Wesen versiegelt, das einmal eine gute Freundin von mir war, bevor Irodeus sie raubte und sie Sitraxa schenkte.“ Obwohl er diese Frau eigentlich nie getroffen hatte, schmerzte sein Herz beim Gedanken daran. Offenbar nahmen Teshins Erinnerungen mehr Einfluss auf seine Gefühlswelt, als er ursprünglich vermutet hatte. Ein ähnlicher Schmerz war ihm während des Kampfes gegen Halgin zuteilgeworden.

Bevor Velis zu einer Antwort ansetzen konnte, erscholl hinter ihnen lautes Gelächter.

Sieh sie dir an!“, rief Malfegas und schüttelte seinen gewaltigen Löwenkopf. „Da sitzen sie, Arm in Arm, und genieren sich nicht! Und das in so einer sittsamen Einrichtung wie der unseren!“

Beriths Miene blieb beherrscht, obwohl eine seiner Augenbrauen nach oben wanderte. Die beiden Dämonen standen erwartungsvoll vor ihnen.

Azrael atmete tief durch und erhob sich dann. Ernst umwölkte Velis’ Blick.

Nun würden sie die Initiative ergreifen.

Alles läuft nach Plan“, sagte er. „Iliana ist auf dem Weg nach Hrandamaer, Ashaya bereitet sich dort vor, Medardus lagert im Heidenwald und der Engel bleibt vorerst zurückgezogen. Aminas liegt ungeschützt da. Wir müssen es uns nur holen.“ Er warf einen Blick auf Malfegas. „Du bist dir sicher, dass die Hinrichtung heute stattfindet?“

Der große Löwe lachte unbeherrscht, wobei kleine Funken aus seinem Maul stoben.

Natürlich! Die eine Hälfte der Stadt freut sich auf das Bier, die andere auf die Schreie. Schließlich stehen der Bürgermeister und seine sieben Töchter auf dem Spielplan, das will niemand verpassen.“

Teshins Erinnerungen an den ersten Bürger der Stadt kamen ihm in den Sinn. Ein vollkommen unsympathischer Mensch, aber einen solchen Tod hatte er nicht verdient.

Azrael atmete tief durch. Dann wandte er sich um und watete in die schwarzen Fluten des Sees Sökkvar. Das dunkle Wasser ermächtigte Berith, in die Träume anderer einzudringen. Ihn hingegen ließ es Portale öffnen.

Jeder von ihnen musste nur einen Schritt tun, um mit der Läuterung der Welt zu beginnen.

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Lernen vom Beobachten? – Weiterentwicklung beim Schreiben?

Lernen vom Beobachten… Geht das?

Ich finde schon. Denn ich habe es selbst bei mir festgestellt, dass ich während meines Alltages fast schon unbewusst die Interaktionen meiner Mitmenschen beobachte. Dazu gehört neben der Mimik und der Körpersprache auch die Sprache an sich, die dies alles abrundet.

Aber die Interaktionen zwischen den Menschen ist nur eine Seite der Medaille, die andere Seite sind so simple Sachen wie vorbeifahrende Autos, Züge oder ähnliches….

Dieser Bereich des Schreibens überschneidet sich allerdings auch mit der Findung von Inspiration, aber dies soll hier nicht behandelt werden.

Aus meiner Sicht lernt man aus diesen alltäglichen Dingen des Begutachtens mit der ein oder anderen Situation bei seinen eigenen Projekten in irgendeiner Stelle weiterzukommen.

Denn manchmal kommt eine Situation und bricht das Eis und das Schreiben beginnt von vorne… Und ich bin ehrlich, die ein oder andere Begebenheit ist in abgewandelter Form in meine Texte gekommen sind. Und das sind die unterschiedlichsten Sachen wie Charakterzüge, kurz beobachtete Szenarien oder einfach nur ein Wort. Dies alles ist so unbewusst bei mir geschehen, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal mehr wirklich die Details weiß und woher ich dann den Anstoß für’s weiterschreiben hatte. Wichtig für mich ist einfach die Veränderung des Blickwinkels.

Der Text hier soll nicht nur ein kurzer Einblick auf das sein was ich mir erarbeitet habe. Nein, diese Worte schrieb ich nieder um dem ein oder anderen Leser die Möglichkeit zu bieten auch seinen Blickwinkel zu verändern bzw. einfach nur ein wenig zu verrutschen.

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Gottes Hammer: Folkvang V

Ich seufze befreit und schlage wie wild mit meinen Flügeln, als die Winde mich umarmen. Mein Körper scheint mit jedem Tag leichter zu werden und es kostet mich immer weniger Anstrengung, mich zu bewegen.

Wie sollte es auch anders sein? Schließlich entstamme ich Folkvangs heiligen Hallen.

Ich spähe hinab auf das weite Land und lasse vor meinem geistigen Auge die Jahrhunderte vorüberziehen. So ungemein viele Menschen … alle emsig im Streben vereint. Wenn sie nur wüssten, was ich jetzt weiß. Wäre ihnen das Leben auf ewig vergällt oder könnten sie sich erst richtig daran erfreuen?

Trauer überkommt mich, als ich einen Blick auf Aminas werfe. Eine große Stadt voller Groll und Missgunst, voller Ungerechtigkeit und Leid. Kurz erlaube ich mir, in der Geschichte eines jungen Mädchens zu versinken, dass der Hexerei angeklagt und vor genau fünfzig Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Der Inquisitor hielt es zudem für angemessen, zwei kleine Kinder mit Peitschen über den Hauptplatz treiben zu lassen, bis ihre geschundenen Leiber zitternd in die Hände ihrer bleichen Eltern fielen.

Fürwahr, je stärker man auf Menschen einprügelt, desto stärker prügeln sie zurück.

Die beiden Kinder zogen zehn Jahre später in den Krieg und sahen lachend zu, wie eine Frau vor den Augen ihres fünfjährigen Sohnes von anderen Soldaten zu Tode gequält wurde. Der Sohn zog seinerseits zehn Jahre später in den Krieg und verübte einen Anschlag auf einen Sprössling von Hrandamaer. Er überlebte, aber der Sohn hatte den Groll in ihm entzündet. Und jetzt steht dieser Nachkomme Hrandamaers in einem Zelt im Heidenwald und ringt mit dunklen Mächten.

Es ist ein ewiges Rad.

Ich sehe eine Zeit lang zu. Ich weiß nicht, ob ich eingreifen soll. Ist es Trägheit, die mich auf diese Weise ummantelt? Ich schlage energisch mit den Flügeln, wie um diesen Verdacht zu entkräften.

Vor langer, langer Zeit habe ich Gott immer vorgeworfen, meine Stimme geraubt und dennoch niemandem geholfen zu haben. Ich habe ihn der Trägheit bezichtigt.

Jetzt bin ich wieder in dieser Situation, aber in einer anderen Rolle.

Ich spähe auf die Person hinab, die der Sohn Hrandamaers behandelt und erstarre. Ja, ich, eine Elphahir Folkvangs, erstarre.

Im nächsten Moment verlasse ich im Sturzflug die friedlichen Gefilde des Himmels und begebe mich hinab ins unheilsschwangere Reich meiner Herde.

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Abigor atmete schwer.

Er wusste nicht, welcher Trottel den Menschen von einem Exorzismus berichtet hatte. Er versuchte hier nur, das verdammte Gift im Körper dieses verdammten Mädchens zu neutralisieren. Seine Nichte stand zitternd neben ihm und hielt die Hände vors Gesicht geschlagen, während sie zusammenhangslose Worte hervorstieß, die wohl als Gebet gedacht waren.

Verdammt.

Iliana lag schweißgebadet auf dem Feldbett. Jegliche Farbe war aus ihrem schmerzverzerrten Gesicht gewichen. Eben hatte sie noch von einem seltsamen Traum berichtet, nun lag sie schon wie eine Leiche vor ihm.

Abigor schnaubte wutentbrannt, während er seine Kräfte sammelte und die heilige Magie förmlich durch ihre Venen jagte. Gottes Humor nahm sich recht eigentümlich aus, wenn er ein unschuldiges Mädchen zu sich rufen und ihn alten Sünder verschonen wollte.

Verdammt.

Er kannte das Gift. Ja, er kannte es sogar sehr gut. Sein Körper hatte bereits davon gekostet, in jener Nacht vor dreißig Jahren, als ein Knabe ein Attentat auf ihn verüben wollte. Diese verdammte Substanz lähmte ihr Opfer, sodass jede Bewegung unmöglich schien. Jedoch hieß dies nicht, dass der Tod schmerzlos vonstattenging. Im Gegenteil.

Abigor fluchte, als der helle Schein seines Zaubers verflog und seine Bemühungen wirkungslos blieben. Welcher verdammte Schleicher hatte ihr nur das Gift verabreicht? Oder stammte es noch aus Hornheim?

Abigor sah nur noch eine letzte Möglichkeit. Er hatte seine Stimme nicht geopfert, weshalb ihm der Zugriff auf die meisten Choräle verwehrt blieb. Aber einen kannte er, mit dessen Macht er in Hrandamaer ein Totenfeld auf einmal geläutert hatte.

Abigor sank nieder auf ein Knie und begann zu singen. Es handelte sich um die herzzerreißende Geschichte eines Bruders und seiner Schwester, die sich aus den Augen verloren und nach langen Irrwegen wieder zueinander fanden.

Er kam nicht weit.

Mit einem Mal erfüllte solche Heiligkeit das Zelt, dass dem Bischof sein eigener Choral plump und profan erschien. Abigor schirmte mit der Hand sein verbliebenes Auge ab, nur um sie überrascht wieder sinken zu lassen. Fassungslosigkeit meuchelte seine Gedanken.

Ein Engel stand vor ihnen.

Es handelte sich um eine Frau mit strahlend weißen Flügeln und gütigen Gesichtszügen, die in einer wallenden Robe, halb Stoff, halb Stahl, an das provisorische Krankenbett trat und Iliana eine Hand auf die Stirn legte. Der folgende Zauber ließ Abigor nach Luft schnappen und ihn geblendet sein verbliebenes Auge schließen. Als das Licht erlosch, regte sich das Mädchen schwach. Der Engel lächelte aufmunternd.

Dann stieß Iliana mit einem Mal einen langgezogenen Schrei aus.

Elinor stolperte vor Schreck und Abigors Hand fuhr zu seinem Schwert. Dünne Fäden aus Schatten schraubten sich aus Ilianas weit geöffnetem Mund. Der Engel schien das Gift förmlich aus ihrem Körper zu zwingen.

Abigor zuckte zusammen, als ein Handgemenge am Zelteingang den Vorgang störte. Lifas und Esben, der Priester, stolperten mit verwirrten Mienen in das Lazarett, die weit geöffneten Augen auf die eindrucksvolle Gestalt vor ihnen gerichtet.

In diesem Augenblick begann die Frau zu singen.

Abigor verstand die Sprache nicht, aber sie erschien ihm nichtsdestominder göttlicher als alles, was er zuvor gehört hatte. Die Töne griffen melodisch ineinander, wie die Hände feiernder Menschen, die in einem Tanzkreis ihrer Freude frönten. Alles hatte seine feste Ordnung und kein Wort blieb sich selbst überlassen in diesem kunstvollen Satzgeflecht.

Im nächsten Moment erhellte ein Lichtblitz den Raum, der Gesang endete und der Engel war verschwunden. Iliana saß aufrecht und gesund auf dem Bett, verwirrt blinzelnd, so als wäre sie gerade erst erwacht. Sie alle tauschten verwunderte Blicke. Niemandem erschienen einfache Worte der sakrosankten Stille des Moments angemessen.

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Ich muss nach Hrandamaer“, murmelte Iliana. Sie fühlte sich seltsamerweise beschwingt und voller Energie. Von den Auswirkungen des Giftes spürte sie nichts mehr.

Sie lehnte an einem dicken Baum, den wohl selbst zehn Tempelsöhne nicht umfassen könnten, und wartete auf Esbens Reaktion. Er wirkte fahrig und abgelenkt, so als erholte er sich immer noch von der Begegnung mit dem Engel. Als sie ihr Anliegen wiederholte, erschrak der gefallene Priester sichtlich, räusperte sich dann jedoch verlegen.

Hrandamaer ist kein Ort für eine junge Maid“, antwortete er vorsichtig.

Hornheim auch nicht!“, erwiderte Iliana bissig. „Und hier bin ich offenbar auch nicht sicher! Abigor meinte, dass ich vergiftet wurde. Hier muss es jemanden geben, der es auf uns abgesehen hat.“ Eine brennende Frage schlich sich auf Ilianas Zunge. „Abgesehen davon … was ist so schlimm an Hrandamaer? Lifas und Abigor müssen ja schließlich auch dort aufgewachsen sein!“

Esben rang sichtlich mit sich. Schließlich seufzte er ermattet und nickte langsam. „Erinnerst du dich an das Wort Hrandar?“

Iliana erschauderte. Velis’ untoter Diener Berengar kam ihr in den Sinn. „Ich werde es nie vergessen.“

Esben räusperte sich. Offenbar bereitete ihm dieses Thema Unbehagen. „Hrandamaer bedeutet übersetzt soviel wie Kunde von Untoten. Diesen Namen haben die Bewohner ihrer Heimat nicht selbst gegeben, er wurde in den übrigen Regionen nach der … Katastrophe gebräuchlich.“

Ihr Unwissen peinigte Iliana. „Welche Katastrophe?“

Esbens Blick schweifte ab. „Erinnerst du dich an Androgs Halle? In Hornheim?“

Iliana nickte. Sie entsann sich, dass Esben dort für eine Weile gelebt hatte.

Esben räusperte sich erneut. „Sie ist nach dem letzten König von Hrandamaer benannt. Sein Reich wurde nach seinem Tod in ein Herzogtum umgewandelt. Angeblich brachte er den Fluch über seine Heimat …“

Ganz genau.“

Iliana fuhr erschrocken zusammen und Esben vollführte einen Satz nach hinten. Lifas stand kerzengerade vor ihnen, seine Miene blieb bar jeder Emotion.

Kurz kehrte Stille ein. Lifas’ kühle Augen schienen bis auf den Grund von Ilianas Seele zu starren. Dann umspielte der Anflug eines Lächelns seine schmalen Lippen.

Ich habe vom Inquisitor und heiligen Clavis Medardus den Befehl erhalten, umgehend in meine Heimat zurückzukehren. Ihr sollt mich begleiten, Fräulein Iliana.“ Dabei verneigte er sich galant. „In Hrandars Faust residiert das Orakel, das Euch vom Einfluss der Dämonen befreien wird.“

Ilianas Herz schlug schneller. Ihr Verdacht, dass jemand im Lager der Tempelsöhne mit Hornheim in Verbindung stand, erhärtete sich. Konnten solche Zufälle existieren? Oder hatte Berith dies alles geplant?

Was ist mit mir?“, fragte Esben prompt.

Lifas schüttelte den Kopf und deutete mit dem Kinn auf das Buch, das Esben nun in einem Gerüst um den Oberkörper geschlungen trug. „Eure Fähigkeiten werden gebraucht.“ Damit wandte er sich wieder an Iliana. „Ich lasse Euch noch Zeit für den Abschied, dann brechen wir umgehend auf.“

Ich würde Elinor auch noch gern Lebewohl sagen“, rief Iliana, als Lifas sich umdrehte.

Kurz schien es, als bohrte sich eine Art Stachel von Menschlichkeit in die undurchdringliche Fassade des jungen Ritters. Aber der Moment endete sofort und er nickte nur. „Ich warte vor dem Lazarett auf Euch!“, rief er.

Er ließ unangenehmes Schweigen zurück.

Iliana kannte Esben seit kaum zwei Tagen und dennoch schien er schon ein fester Teil ihres Lebens geworden zu sein. Bei dem Gedanken, auch noch ihn verlassen zu müssen, schmerzte Ilianas Herz. Vielleicht geriet sie auf diesem Wege sogar in die Falle der Dämonen. Dennoch, sie musste etwas tun. Sie benötigte ein Ziel, ein etwas, auf das sie hinarbeiten konnte. Möglicherweise handelte es sich dabei auch nur um eine Ausrede ihrer selbst, um der Verantwortung des Denkens so elegant wie möglich zu entkommen, aber sie besaß keine Perspektive, keine Überzeugung. Esben hatte eine Kirche, für die er kämpfen wollte, sie hatte nur ihr Leben.

Er schien all dies zu verstehen.

Ich brauche wohl Zeit, um das alles zu verarbeiten“, murmelte sie, während ihr Blick auf den grünen Boden fiel. Die Grashalme wiegten sich sacht im sanften Wind.

Esben nickte langsam. „Du bist vielleicht noch ein Kind, aber du sprichst schon wie eine Erwachsene“, erwiderte er leise. „Aber das ist wohl das Schicksal jener, die wie du so früh solches Leid mitansehen müssen.“

Zu Ilianas Überraschung kniete er vor ihr nieder und nahm sie in den Arm. Etwas zögerlich erwiderte sie die Geste.

Sie schwor sich, diese Erinnerung immer in ihrem Herzen zu bewahren.

 

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Ein Engel? Also eine Elphahir Folkvangs?“, fragte Medardus langsam. Abigor schluckte. Dank der Maske konnte er die Gefühle des Inquisitors unmöglich erraten.

Falls er überhaupt welche hegte.

Es scheint so“, erwiderte er. „Mehr noch, der neu eingesetzte Tempeldiener Esben wirkte, als ob er die Person kannte. Er bleibt jedoch verschlossen.“

Kurz kehrte Stille ein. Medardus machte keine Anstalten, weiterzusprechen. Abigor räusperte sich und fuhr fort. Die respektvolle Anrede fiel ihm mit zunehmendem Alter immer schwerer. „Ehrwürdiger Clavis, wenn die Anmerkung erlaubt ist, viele Legenden bewahrheiten sich in dieser unruhigen Zeit. Hornheim, Sankt Esbens erste Kirche, Androgs Chronik und nun auch noch Folkvang? Was geschieht hier?“

Einen Moment lang schien es, als bliebe ihm der Inquisitor die Antwort schuldig. Schließlich erhob er sich jedoch und griff nach seinem Mauritiusstab.

Gottes Hammer regt sich. Das geschieht.“

Aber was ist Gottes Hammer?“, rief Abigor verzweifelt. „Ist das ein Dämon? Oder ein Engel?“

Medardus trennte die Verbindung zu dem heiligen Nexus um seinen Stuhl. Er war wieder stumm.

Abigor verstand, murmelte einen Salut und zog sich zurück. Außerhalb des Zeltes machte er seinem Ärger Luft, indem er ein lautes Knurren losließ. Zwei Novizen, die das Zelt des Clavis bewachten, fuhren erschrocken zusammen. Ja, es gab einen Grund, warum manche ihn nur unter dem Namen „der Bär“ kannten.

Er musste endlich herausfinden, worum es sich bei Gottes Hammer wirklich handelte. Medardus verbarg weitaus mehr vor ihm, als nur sein Gesicht.

Er wusste auch, wie er dies schaffen konnte.

Abigor wandte den Blick gen Westen. Die Sonne ging langsam unter. Er fühlte, wie die Kraft in seine Glieder zurückkehrte. Ja, nachts war er wirklich er. Nachts konnte er seine wahre Macht nutzen.

Ohne Umschweife betrat er das Zelt von Hrandamaer. Esben schlief bereits. Er war ein wahrhaft frommer Priester, auch wenn er ein heidnisches Buch benutzte. Wenn er nur wüsste …

Abigor fand, wen er gesucht hatte. Siegbert kauerte zitternd in einer Ecke und musterte ihn ängstlich. Er fühlte, dass seine Zeit gekommen war.

Niemand hielt ihn auf, als er zusammen mit seinem Bediensteten das Lager verließ.

In dieser Nacht fand Abigor keinen Schlaf mehr.

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Saigels Irr(e)lichter – Schreiben und Reifen

Wann ist ein Text soweit? Im Grunde ist das eine dieser mysteriösen Fragen, auf die sich wohl kein Autor eine konkrete Antwort zu geben weiß. Für professionelle Texte gibt es freilich konkrete Abgabetermine. Allerdings möchte ich es wagen zu behaupten, dass noch lange nicht jeder Text an seinem Abgabetermin fertig ist.
„Fertig“ ist ein abstrakter Begriff. Vielleicht gibt es für mich schlicht keine fertigen Texte, da ich diese Kategorie unter dem Überbegriff „vollkommen“ einordne.
Ein vollkommener Text. Oft las ich schon das ein oder andere „Vollkommene“. Allerdings gab es nicht weniger häufig einige Jahre danach eine erschreckende Entdeckung: Der einst als derart vollkommen wahrgenommene Text wies plötzlich Schwächen auf. Er war ohne Zweifel immer noch gut, ja, sehr gut, aber Vollkommenheit war nicht mehr zu spüren.
Um also die Lebenseinstellung, das nichts perfekt sein kann, weil es geradezu unmöglich ist, etwas rein Positives zu erleben, ohne die sogenannten Nebenwirkungen, oder Schattenseiten oder vielleicht auch einfach nur Konsequenzen, die sich für eine Person negativ anfühlen, für die andere wiederum lang ersehnt sein mögen, auf diesen Gedanken zu übertragen, müsste die Antwort sein, dass es keinen fertigen Text gibt. In diesem Moment könnte ein Text geradezu perfekt für einen bestimmten Menschen oder eine Gruppe von Personen sein. In einem anderen Moment könnte er seine Vollkommenheit allerdings auch schon wieder verloren haben. Arbeite ich also über einen langen Zeitraum hinweg an einem Text, gibt es meiner Erfahrung nach einem Punkt, an dem ich am Liebsten etwas völlig anderes daraus machen würde. Ich sehe in Texten vielmehr Zeitfenster, die mehr oder weniger aktuell sein können. Texte, die in jeder Lebensphase Zugang zu mir finden und mich einnehmen, würde ich als vollkommen bezeichnen. Allerdings schaffen das lediglich die Texte, die mehrere Aktualitäten miteinander vereinen und es mir gestatten, in jeder Reifephase eine andere Wahrheit für mich herauszulesen. Ist dies der Schlüssel zum fertigen Text? Ich weiß es nicht. Ich persönlich habe noch keinen geschrieben und bin dennoch nicht vollkommen von dieser Idee abgerückt, dass er existieren kann, dieser fertige Text, den ich damals und jetzt gleichermaßen bewundern kann.

Eure Saigel

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Gottes Hammer: Folkvang IV

Die hellen Sonnenstrahlen flimmerten im Zelteingang. Esben blinzelte müde und setzte sich langsam auf. Kurz bereitete es ihm Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Er warf verwirrte Blicke um sich, erzeugt von einem ermatteten Geist, bis seine Gedanken wieder aus dem Meer des Schlafes auftauchten.

Lifas hatte ihn als Gast in das Zelt der Ritter von Hrandamaer eingeladen. Es handelte sich um eine gewaltige Unterkunft, die selbst Medardus’ taktischen Stützpunkt inmitten des Lagers übertraf. Esben erschien dies befremdlich. Außer ihm und Lifas nächtigten nur Abigor und ein Mann namens Siegbert hier. Esben sah auch in der äußerst bescheidenen Inneneinrichtung keinen Grund, solche Dimensionen anzustreben.

Habt Ihr wohl geruht?“

Esben bedeckte die Augen mit einer Hand. Im Zelteingang erblickte er Lifas’ Silhouette. Er trug bereits seine Rüstung und den gewaltigen Streithammer. Erneut bewunderte Esben die Körperkraft des jungen Mannes. Seine Statur ließ nicht auf solche Macht schließen.

Durchaus. Was ich nur Eurer Gastfreundschaft zu verdanken habe“, erwiderte Esben höflich, während er sich erhob und ankleidete.

Und der Gnade des Herrn.“ Lifas’ Augen funkelten, als er vom Schöpfer sprach.

Esben entdeckte Siegbert in einer Ecke des Zeltes. Es handelte sich um einen kleinen, gedrungenen Mann, dessen Leibesumfang das Beeindruckendste an ihm darstellte. Sein Gesicht wirkte wie ein Flickwerk aus rohen Fleischklumpen. Aufgedunsen und gerötet hing die Haut von seinem Schädel. Esben fühlte sich an die Pest erinnert, die Aminas vor vielen Jahren heimsuchte. Flüchtlinge aus Astaval hatten die schreckliche Seuche in die große Handelsstadt gebracht. Möglicherweise zählte Siegbert zu den glücklichen Seelen, die dem Tod trotz einer Infizierung von der Schippe gesprungen waren.

Esben grüßte ihn mit einer Geste. Siegbert warf ihm einen überraschten Blick zu, so als hätte er ungeheuerliche Anschuldigungen von sich gegeben. Nach einem kurzen Moment erwiderte er jedoch stumm den Gruß und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Wie Esben nun erst bemerkte, schnitt er Karotten.

Lifas beachtete den Diener nicht, obwohl seine Mundwinkel zuckten. Offenbar schätzte er Siegbert gering. „Kommt!“, sagte er nur. „Mein Onkel meinte, ich soll Euch das Lager zeigen!“

Esben folgte dem jungen Ritter nach draußen. Sein Herz klopfte. Er hatte bereits viele Geschichten über das sündige Leben der Soldaten gehört. In Lagern wie diesen ertränkten angeblich Söldner ihre Sorgen in Wein und boten Konkubinen ihre Körper an. Zwar hätte er vor einigen Monaten den Tempelsöhnen solche Verfehlungen niemals zugetraut, aber mittlerweile erschien ihm auch dies nicht mehr abwegig. Die Welt war fürwahr ein wüster Ort und die Sünde führte ein unvergleichbares Regiment.

Folglich überkam ihn große Überraschung, als der morgendliche Anblick ihm das Gegenteil demonstrierte.

Überall sah er gerüstete Gestalten, die sich vor ihren Zelten zum Morgengebet niederließen. Manche murmelten mit geschlossenen Augen Worte, andere sangen in Gruppen heilige Choräle. Das Bild der Frömmigkeit linderte Esbens Schmerz einen himmlischen Moment lang, in dem er beinahe den Glauben an die Vorsehung und die Schöpfung zurückgewann.

Lifas sah ihn ausdruckslos an. „Habt Ihr heute schon gebetet?“

Esben schüttelte den Kopf. „Nein.“

Dann tut es jetzt.“ Lifas ließ sich ebenso nieder wie die übrigen Ritter und faltete die Hände. Er betete stumm.

Esben tat es ihm nach. Doch im nächsten Moment hielt er inne. Was sollte er beten?

Als Priester waren ihm die meisten Texte bekannt und er hatte die Worte öfter gesprochen als er zählen konnte. Aber die meisten trugen den Geschmack von Aminas in sich. Sie blieben ihm im Halse stecken, während die bewundernden, Trost suchenden Gesichter der Gläubigen vor seinem inneren Auge schwebten. Er hatte sie begleitet und beschützt, sie getröstet und geeint. Wie konnten sie alle zu Bestien werden und seine Schwester angreifen?

Esben verschloss sich diesem Gedanken. Auf seiner Reise nach Hornheim hatte er ihn oft genug gequält. Stattdessen begann er zu sprechen. Es handelte sich um ein Gebet aus Kindertagen, das ihm auch jetzt noch ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermittelte.

Kurze Zeit später ließen die beiden das Zelt von Hrandamaer hinter sich und Lifas begann mit der Führung.

Dort seht Ihr das Speisezelt“, erklärte Lifas. „Euch wird es nicht betreffen, da Ihr als unser Gast mit uns im Zelt die Mahlzeiten einnehmen werdet. Mein Onkel ist ein Apostel des Heeres, weshalb wir einen eigenen Koch anstellen durften.“

Soweit Esben wusste, spielte das gemeinsame Mahl für die Tempelsöhne eine große Rolle. Die Apostel hingegen mussten alleine speisen, um ungehindert die Taktiken für die Schlacht erarbeiten zu können. Esben entsann sich der Worte seines Namensgebers, dem Erbauer der ersten Kirche. Sankt Esben hatte einst über Ähnliches sinniert.

Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen. Als solches versteht er die Gefahr der Sünde und sieht von ihr weitgehend ab. Die Menschen hingegen sind ein närrisches Konglomerat von animalischen Trieben. Die Menschen verlieren ihr Bewusstsein und lassen sich als Teil einer großen Masse auf die Sünde ein wie kein anderes Geschöpf Gottes es vermag.

Gesellschaft fördert Sünde“, zitierte Esben.

Lifas nickte. „Und dennoch können wir nur in Gesellschaft das Böse bekämpfen.“

Esben betrachtete den jungen Ritter genauer. Sein Gesicht verriet keine Regung.

Lifas war ihm ein Rätsel. Er wirkte stets zurückhaltend und distanziert, so als wollte er mit niemandem eine Bindung eingehen. Esben erschien es vollkommen unrealistisch, dass Lifas weinen oder lachen konnte. Er wirkte vielmehr wie in Stein gemeißelt, kalt und unzerstörbar.

Sie durchstreiften weiter das Lager, bis Esben mit einem Mal ein Gedanke kam. Er wollte bereits seit dem gestrigen Abend danach fragen.

Gibt es hier einen Schmied?“, fragte er.

Lifas musterte ihn überrascht. Zum ersten Mal schien Esben ihn aus der Fassung gebracht zu haben. „Benötigt Ihr etwa einen Harnisch?“, fragte Lifas. „Den müsst Ihr nicht erst schmieden lassen. Unser Rüstmeister verfügt über einen großen Vorrat an offensiver und defensiver Kampfausstattung.“

Bei dem Gedanken, sich erneut mit den Mächten Hornheims messen zu müssen, erbebte Esben. Er räusperte sich verlegen. „Nein, es geht um etwas anderes.“

Lifas fragte nicht nach. Er führte ihn in die Rüstkammer, die in Form mehrerer schwer beladener Wagen neben Medardus’ Zelt lag.

Unser Rüstmeister Hartfried ist auch ein Schmied“, erklärte er. „Seine Ausrüstung liegt natürlich noch im Tempel des Vaters, da man einen Amboss schlecht transportieren kann.“ Esben war unschlüssig, ob er Sarkasmus in Lifas’ Stimme vernahm. „Sprecht am besten mit ihm.“

Esben war in Aminas mehreren Schmieden begegnet, doch Hartfried stellte sie alle in den Schatten. Er war ein Hüne, sicherlich mehr als vier Ellen groß, und schritt hastig mit geballten Fäusten und leicht vornübergebeugt auf Esben zu, so als ob er sich stets um ein Maximum an Geschwindigkeit bemühte. Er trug einen Lendenschurz und einen langen Mantel, der ihn wie eine Gewitterwolke umgab.

Ihr seid neu? Gut. Braucht Ihr Waffen? Helme? Stulpen? Den Sax kann ich durchaus empfehlen!“

Was ist denn ein Sax?“, fragte Esben mit zitternder Stimme, während Hartfried ihm die Hand schüttelte. Der Rüstmeister schien ihm den Arm ausrenken zu wollen.

Kaum waren die Worte verklungen, entschwand Hartfried und kehrte mit einer kleinen Hiebwaffe zurück. Bis Esben ihm verständlich machte, dass er keine Waffen brauchte, türmte sich bereits ein Arsenal stählerner Tötungsinstrumente vor seinen Augen.

Was ist dann Euer Begehr?“, fragte Hartfried verblüfft.

Ich brauche eine Kette“, erklärte Esben und zog den Folianten hervor. „Eine Verbindungskette zwischen meinem Arm und diesem Buch. Handschellen, sozusagen. Könnt Ihr eine solche Vorrichtung herstellen?“

Zum ersten Mal fehlten Hartfried die Worte. Aber scheinbar nur, weil seine Gedanken wie ein Sturm durch seinen Kopf fegten. Schließlich leckte der Hüne sich nervös die Lippen und schüttelte den Kopf.

Herstellen kann ich diese Kette nicht, dafür müsste ich in meiner Schmiede sein. Aber ich glaube, ich habe dennoch etwas, was Euch helfen könnte.“

Sprach’s und war verschwunden. Esben sog erschöpft die Luft ein. Das Gespräch mit dem dynamischen Schmied ermüdete ihn zunehmend. Ob Hartfried sich wohl je Ruhe gönnte?

Einen Moment später kehrte der Hüne mit einer seltsamen Vorrichtung zurück. Esben erinnerte sie an ein Folterinstrument.

Sie bestand aus einem quaderförmigen metallenen Gerüst, von dem mehrere Ketten ausgingen. Hartfried trug es mit spitzen Fingern, so als missfiele ihm allein dessen Existenz.

Das könntet Ihr Euch um den Oberkörper schlingen“, erklärte er. „Wenn das Buch in das Gerüst passt, könnt Ihr es stets bei Euch tragen und habt dennoch beide Hände frei.“

Esben nahm die seltsame Vorrichtung entgegen. Der Foliant passte tatsächlich. So dürfte es selbst Berith schwerfallen, ihm das Buch zu entreißen. Bei der Erinnerung an ihren Kampf in Velis’ Halle liefen eiskalte Schauer über Esbens Rücken.

Damit habt Ihr mir einen großen Gefallen getan! Möge der Herr es Euch vergelten!“, sagte Esben und neigte den Kopf.

Hartfried wirkte dennoch unglücklich. „Ihr solltet nur gut auf Euch achtgeben!“, erwiderte er in einem deutlich langsameren Ton. „Man erzählt sich, dieses Konstrukt sei verflucht. Der ehrwürdige Inquisitor und Clavis Medardus hat es mir nach mannigfaltigem Gebrauch überlassen.“

Esbens Inneres gefror. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen.

Lifas stellte keine Fragen, als er Esben mit dem Gerät sah. Falls er dessen Zweck kannte, ließ er es sich nicht anmerken.

Sie setzten den Rundgang fort, bis sie zum Lazarett gelangten. Esben sah bereits von Weitem, das etwas nicht stimmte. Eine Ansammlung von Menschen blockierte den Eingang.

Lifas runzelte die Stirn. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er beschleunigte seinen Schritt.

Esben folgte ihm. Furcht umklammerte sein Herz wie eine eiskalte Klaue. War Iliana etwas zugestoßen?

Verzeiht!“, rief Lifas und wandte sich einem älteren Tempelsohn zu. „Was geht hier vor sich?“

Der Mann wirkte beunruhigt. „Das junge Mädchen, das gestern angekommen ist, scheint von dämonischen Mächten heimgesucht zu werden. Bischof Abigor führt in diesem Moment einen Exorzismus durch.“

Bei diesen Worten zerriss ein markerschütternder Schrei die Luft.

Panik ergriff Esben. Iliana war die letzte Person aus seinem Leben, der letzte Anker, an dem er sich festhalten konnte. Er hatte bereits seine Schwester verloren, dann Teshin und auch seinen Lehensherr Halgin … Iliana durfte nicht die nächste Person sein.

Von grimmiger Entschlossenheit erfüllt schob Esben das Buch in das Gerüst und schlang die Kette um seine Brust. Das kühle Metall presste die dünnen Gewänder schmerzvoll gegen seine Haut.

Unsanft bahnte Esben sich einen Weg durch die Menge und betrat das Zelt.

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Korrekturen 18

Teil 18 – High Noon (3/3)

»Erzählen Sie mir doch etwas Neues. Hat Thoben Sie geschickt?«
»Ich hatte Ihnen bereits gesagt, dass wir die Guten sind«, wiederholte Khendrah. »Wir haben ein Interesse daran, dass die Wahlen mit und nicht ohne Sie stattfinden werden. Allerdings liegen uns Informationen vor, wonach es gleich zu einem Attentat kommen wird, mit dem Ziel, Sie zu töten. Wir sind hier, um genau das zu verhindern.«
Diese Eröffnung schockte Gunter. Thomas sah es ihm an.
»Bitte drücken Sie nicht auf ihren Signalgeber«, bat er. »Wir werden uns darum kümmern, dass Ihnen nichts geschieht.«
Khendrah hatte inzwischen ihre Uniformjacke ausgezogen und holte diverse Ausrüstungsgegenstände aus ihrer Kombination. Mit geschickten Händen setzte sie ein kleines, elektronisches Gerät zusammen.
»Reichst du mir bitte einmal den Projektionskristall?«, bat sie Thomas.
Er griff in seine Tasche und reichte ihr das Gewünschte.
»Was tun Sie da?«, wollte Gunter wissen.
»Wir müssen Sie aus der Schusslinie bekommen«, erklärte Khendrah. »Und was ist besser, als Attentäter, die ein Ziel dort sehen, wo eigentlich keines zu finden ist?«
Sie richtete das Gerät auf Gunter und schaltete es ein.
»Was zum Teufel …?«, entfuhr es Gunter.
»Es ist eine Art Kamera«, erklärte sie. »Bitte bewegen Sie sich nur ganz leicht. Es ist wie ein Film. Man wird Sie sehen können. Wenn Sie sich möglichst normal bewegen, wird es um so natürlicher Aussehen.«
Nach kurzer Zeit drückte Khendrah eine Taste am Gerät und kam mit ihm um den Tisch herum auf Gunter zu. Erst jetzt fiel ihr auf, wie ähnlich Gunter Thomas sah. Sie hoffte, dass es nicht auch Gunter auffallen würde, denn sie hatte nicht vor, ihn mehr einzuweihen, als unbedingt nötig war.
Sie legte das Gerät auf den Boden und schaltete es ein. Sofort baute sich ein Feld darüber auf, in dem Gunter so erschien, wie Khendrah ihn kurz zuvor aufgenommen hatte.
»Jetzt hol mich doch …«, entfuhr es Gunter. »Was ist das für ein Gerät? Ich habe so etwas noch niemals gesehen.«
»Ein holografischer Projektor«, erklärte Khendrah. »Kommen Sie jetzt bitte hinter dem Schreibtisch hervor, Herr Manning-Rhoda. Diese Maßnahme dient nur Ihrem Schutz. Wir rechnen jeden Augenblick damit, dass eine Gruppe von PEV-Aktivisten hier erscheint, um Sie zu töten.«
»Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!«, sagte Gunter. »Sicher, die PEV ist unser Wahlgegner, aber das sind doch keine Killer.«
Trotzdem kam er hinter dem Schreibtisch hervor und blickte zu seiner Projektion zurück, die an seiner Stelle hinter dem Schreibtisch stand und sich leicht bewegte.
»Das ist faszinierend«, sagte er. »Es sieht täuschend echt aus.«
»Das ist ja gerade der Sinn der Sache«, betonte Thomas. »Man soll ja glauben das dort wären Sie.«
Gunter stand nun direkt vor Thomas und sah ihn nachdenklich an.
»Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind? Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.«
»Sie müssen sich täuschen«, entgegnete Thomas.
Er deutete auf ein paar Stellwände im Hintergrund des Raumes.
»Ich würde Sie bitten, sich dort hinter zu verstecken und uns zu überlassen, auf unsere Gegner zu warten.«
Gunter zuckte mit den Schultern, wandte sich um und verschwand hinter den Wänden, ohne weitere Fragen zu stellen. Sie würden im Ernstfall zwar keinen echten Schutz bieten, doch war er für eventuelle Angreifer erst einmal nicht zu sehen.
»Wie gehen wir es jetzt an?«, fragte Thomas Khendrah. »Wir wissen ja nicht einmal, wie viele es sein werden und von wo sie kommen.«
»Im Grunde müssen wir auf alles gefasst sein. So wie wir es geschafft haben, bis hierher vorzudringen, kann es auch jede andere Gruppe schaffen. Je größer die Gruppe, um so schwieriger sollte es jedoch sein. Ich rechne daher mit nicht mehr als vier Leuten. Ich glaube, dass sie entweder durch die Tür kommen werden, oder durch eine der Innenwände.«
»Dann sollten wir uns trennen und etwas Raum zwischen uns lassen«, schlug Thomas vor, »Damit wir unsere Waffen effektiv zum Einsatz bringen können.«
»So machen wir es«, akzeptierte Khendrah. »Aber stell deine Waffen auf tödliche Schocks ein. Wir werden uns nicht damit aufhalten, ganz exakt treffen zu müssen, um sie zu betäuben. Diese Leute werden auch keine Rücksicht nehmen und ehrlich: Ich würde es begrüßen, hier unverletzt und aufrecht wieder herauszukommen.«
Sie küssten einander kurz und trennten sich dann, um sich strategisch günstige Plätze zu suchen, von wo man einen möglichst großen Aktionsradius hatte.

Drei Männer und eine Frau gingen ruhig und zielsicher durch die große Haupthalle des Kongresszentrums. Sie trugen die übliche Uniform der Sicherheitsbeamten und besaßen jeder einen auf ihn ausgestellten Unbedenklichkeitsausweis. Sie gehörten auch dem Sicherheitsdienst an. Was niemand ahnte: Es handelte sich um glühende Anhänger der PEV und so war es ihnen eine Ehre, diesen Auftrag anzunehmen, als das Büro von Herwarth Thoben sie darum bat, ein bestimmtes Problem zu lösen.
Niemand sonst hätte sich offensichtlich gut bewaffnet unbehelligt durch das Gebäude bewegen können. Zwischendurch hatte es eine Unregelmäßigkeit gegeben, als offenbar eine männliche und eine weibliche Person sich unrechtmäßig Zugang zum Gebäude verschafft hatten. Sie hatten zunächst geglaubt, ihre Pläne ändern oder aufgeben zu müssen, doch hatte man keinen Verdacht geschöpft. Man konzentrierte sich ganz auf die Suche nach den beiden Personen, die sich noch immer irgendwo im Gebäude befinden mussten. Sie beschlossen, sich nicht darum zu kümmern und stattdessen die Suche nach den Personen für ihre Zwecke auszunutzen.
Wann immer sie gefragt wurden, wo sie hinwollten, reichte der Hinweis auf die Gesuchten, sie passieren zu lassen.
Inzwischen befanden sie sich im Gang, der zu Gunter Manning-Rhoda führte. Sie hassten den Mann nicht, aber es war ein Feind der PEV und Thoben hatte angeordnet, ihn zu liquidieren. Es sollten keinerlei Rücksichten genommen werden.
Sie redeten nicht viel miteinander. Sie mussten es auch nicht, denn jeder kannte seine Aufgabe. Sie waren ein Team – ein tödliches Team.
Vor der Tür zu Gunters Räumlichkeiten angekommen, verteilten sie sich links und rechts neben dem Eingang. Sie fassten in ihre Kragen und zogen spezielle Kapuzen heraus, die sie sich komplett über die Köpfe zogen, sodass ihre Gesichter nicht mehr zu erkennen waren. Gleichsam zogen sie Handschuhe aus dem gleichen Material an. Ihre Auftraggeber hatten keine Kosten und Mühen gescheut und ihnen hochmoderne Kevlar-Schutzanzüge spendiert. Diese hauchdünnen und federleichten Ganzkörperanzüge waren das Modernste, das die Waffenindustrie zum Schutz von Soldaten entwickelt hatte. Sie leiteten einerseits elektrische Spannungen und Schocks über die Oberfläche ab und hielten andererseits sogar Stahlmantelgeschosse auf. Der Getroffene würde mit Prellungen und leichten Verletzungen davon kommen.
Die Frau nickte den anderen zu und klopfte an die Tür. Sie machten sich bereit. Sobald sich die Tür öffnen und sich ein Sicherheitsmann melden würde, würden sie zuschlagen, doch nichts geschah. Sie blickten auf ihre Uhren. Es war Sitzungspause – ihre Zielperson musste jetzt in seinen Räumen sein. Sie klopfte ein weiteres Mal, doch wieder tat sich nichts.
Die Frau sah zu ihren Kollegen und sagte leise: »In Ordnung, wir gehen rein.«
Sie fassten ihre Waffen fester und hielten sie auf die Tür. Sie hatten Schalldämpfer aufgeschraubt, um die Lärmbelästigung auf ein Minimum zu beschränken. Die Frau zielte auf das Schloss der Tür, welches mit einem Knall zerbrach. Sie blickten sich in beide Richtungen des Ganges um, dann trat einer der Männer die Tür auf und sie stürmten hinein. Sie schwärmten sofort aus und bemühten sich um ein umfassendes Gesamtbild des Raumes.
Gunter Manning-Rhoda stand hinter seinem Schreibtisch vor dem Fenster und blickte ihnen sprachlos, jedoch nicht verängstigt entgegen. Gleichzeitig legten sie ihre Waffen auf ihn an und feuerten. Vier Thermo-Geschosse flogen auf ihr Opfer zu und schlugen hinter Manning-Rhoda ins Fenster ein. Die Hitzeentwicklung war unerträglich. Das Glas des Fensters schlug Blasen und zerriss wie Papier. Eine Alarmanlage schrillte, doch die Attentäter ignorierten es. Sie waren entsetzt, sehen zu müssen, dass ihr Opfer noch immer hinter dem nun brennenden Schreibtisch stand und sie ansah. Das war nicht möglich. Ein Thermo-Geschoss hätte seinen Körper entzünden müssen wie eine Fackel. Plötzlich flackerte das Bild von Manning-Rhoda und verlosch schließlich.
»Wir sind reingelegt worden!«, rief einer der Männer. »Das muss eine Projektion gewesen sein!«
»Wir müssen weg!«
Die Feuerlöschanlage nahm ihre Tätigkeit auf und von der Decke regnete es aus feinen Düsen eine chemische Flüssigkeit, die den Brand eindämmen sollte.
Khendrah, die sich beim ersten Anzeichen des Eindringens der Attentäter hinter eine Couch geduckt hatte, erhob sich leicht und feuerte mit ihrer Waffe auf den Mann, der ihr am nächsten stand. Er war sofort mit kleinen Blitzen und Feuerkaskaden überzogen, die über seinen gesamten Körper zu wandern schienen. Er zuckte zwar zusammen, doch er fiel nicht um. Sein Kollege reagierte unglaublich schnell und feuerte in ihre Richtung. Nur ihrer guten sportlichen Konstitution hatte sie es zu verdanken, dass sie dem Inferno entkam, welches das Thermo-Geschoss entfachte, das in der Couch einschlug, hinter der sie sich versteckt hatte. Khendrah hatte sich mit einer Flugrolle in Sicherheit gebracht, doch nun wussten ihre Gegner, wo sie sich befand.
»Thomas, auf Anilihation umschalten!«, schrie sie. »Sie haben Schutzanzüge!«
Sofort feuerte sie auf ihren Gegner, der bereits wieder auf sie angelegt hatte. Diesmal zeigte der Treffer Wirkung. Die Waffe und der halbe Arm des Mannes verschwanden plötzlich. Durch die Maske war das Gesicht des Getroffenen nicht zu erkennen, aber der gellende Schrei war nicht zu überhören. Völlig kopflos rannte er herum. Die Anderen kümmerten sich nicht um den Verletzten Kameraden, sondern nahmen Khendrah unter Feuer. Wieder gelang es ihr, durch einen beherzten Sprung zu entkommen.
Nun griff Thomas ins Geschehen ein und feuerte von seinem Standort aus auf die Angreifer. Die Frau wurde getroffen und verschwand zur Hälfte. Er musste würgen, als er erkannte, was nach seinem Schuss von seinem Ziel übrig geblieben war. Doch ihm blieb keine Zeit, seinem Gefühl nachzugeben, denn die beiden verbliebenen Männer feuerten mit dem Mute der Verzweiflung. Nun zeigte sich, dass Khendrahs hartes Training Früchte trug. Sowohl Khendrah, als auch Thomas waren nun ständig in Bewegung und bildeten somit nur schwer zu treffende Ziele. Gleichzeitig schossen auch sie aus allen Lagen. Die Angreifer hatten dazugelernt und verstanden es nun, sich ebenfalls hinter Teilen der noch verbliebenen Ausstattung zu verstecken. Khendrah und Thomas mussten mit ihren Waffen quasi erst die Deckung ihrer Gegner auflösen, bevor sie einen wirkungsvollen Treffer landen konnten.
Schließlich war es vorbei. Die Attentäter waren tot. Khendrah und Thomas erhoben sich und sahen einander an. Sie hatten beide Einiges abbekommen. Von Khendrahs Uniform war nicht mehr viel übrig geblieben. Sie hatte einige Kratzer im Gesicht und blutete am Arm. Thomas blutete aus einer Wunde an der Stirn und hatte eine Brandwunde am linken Arm.
Gunter kam vorsichtig hinter seiner Stellwand hervor. Keiner der Attentäter war auf die Idee gekommen, dass er sich dort versteckt haben konnte. Er blickte sich vorsichtig um und war entsetzt. Was er hier sah, war ein regelrechtes Gemetzel.
»Mein Gott!«, entfuhr es ihm, »Was haben Sie hier angestellt?«
Khendrah deutete auf die Überreste der Angreifer.
»Wir haben das so nicht gewollt, aber diese Leute wollten Ihren Tod und das durften wir nicht zulassen.«

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In eigener Sache:
Diese Geschichte wird bereits seit vielen Wochen als Fortsetzungsgeschichte gepostet und es könnte noch etliche Wochen so weitergehen, bis sie ihr Ende erreicht. Ursprünglich wurde der Roman natürlich nicht als Fortsetzungsgeschichte konzipiert, sondern als homogener Text. Er muss also stets aufbereitet werden, um hier erscheinen zu können.
Nun musste ich leider feststellen, dass kaum jemand überhaupt Interesse an der Geschichte hat. Das hat mich bewogen, das Posten weiterer Teile auszusetzen. Der Aufwand, weitere Teile bereitzustellen, lohnt nur, wenn die Geschichte auch gelesen wird.
Sofern es Leser gibt, die diese Geschichte bis hierher verfolgt haben und daran interessiert sind, zu erfahren, wie es weitergeht, können mich gern unter der Mailadresse blackhole@moriazwo.eu kontaktieren. Ich bin gern bereit, dann weitere Fortsetzungen zu posten.
Ich hoffe, Ihr habt für mein Verhalten Verständnis.

Ergänzung vom 22.07.2019:

Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, von Lesern kontaktiert zu werden, doch es ist tatsächlich geschehen. Man sagte mir, es wäre außerordentlich schade, dass ich das Posten weiterer Teile aussetze, man es jedoch durchaus verstehen könne, wenn zu wenige Leser die Geschichte verfolgen.
Dadurch wäre es jetzt für diejenigen, die meinen Fortsetzungsroman gelesen haben unfair, die Geschichte nicht zum Ende zu bringen. Ich weiß selbst, wie ich mich ärgere, wenn eine ausnahmsweise mal interessante TV-Serie bereits während der ersten Staffel abgesetzt wird, weil die erwartete Zuschauerzahl ausbleibt. Ähnlich wird es auch jemandem ergehen, der eine Geschichte liest, die plötzlich kein Ende mehr haben wird.
Es wird daher nach den großen Sommerferien in NRW ab dem 7. September 2019 weitere Teile geben. Ich werde dann das Posten im altbekannten Rhythmus wieder aufnehmen.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 1: Willkommen an Bord der Atharymn

Doktor Mantis J. Crowler beugte sich über seine Messungen. Wenn er Recht behalten sollte, war das eine Sensation, die ihn noch in den entlegensten Winkeln der galaktischen Föderation berühmt machen könnte. Der grauhaarige Mann in den besten Fünfzigern betrachtete seine Monitore durch eine Nickelbrille, in deren Glas sich der Schein der Bildschirme spiegelte und kratzte sich nachdenklich durch den samtigen Vollbart. Dann griff er in seinen weißen Kittel und fingerte eine Festplatte hervor, um sie mit seinen Datenquellen zu vernetzen. Wenn es darum ging, Informationen sicherzustellen, kannte Crowler kein Pardon.
Das Prasseln des Regens klopfte beständig an die verstärkten Fensterscheiben seiner Forschungseinrichtung, denn die zwei Sonnen Hercules und Ameus sorgten für ein hitziges und somit feuchtes Klima auf dem Planeten Nautilon, dessen Oberfläche gänzlich aus Wasser bestand und somit durch Verdunstung für permanente Regenströme sorgte. Eigentlich war Crowlers Abteilung dafür zuständig, medizinische Stoffe aus den Biotopen, die sich unter dem Wasser befanden, zu extrahieren und an die Fakultät auf Prospecteus zu liefern.
Eine mühselige und zweifelsohne gefährliche Aufgabe, wenn man bedachte, das die Gigantyras in den abgrundtiefen Schatten der Gewässer lauerten. Raubfische, groß wie ein halbes Hochhaus und mit der tollwütigen Aggression eines geifernden Hundes ausgestattet, der eher sterben würde, als seinen Biss zu lockern. Außerdem drangen gelegentlich hochexplosive Gase ohne Vorwarnung aus ihren Schlothöhlen, was ein wahnwitziges Problem darstellte, wenn man mit bemannten Bohrköpfen durch die Erde dringen wollte. 
Doch wenn man davon absah, war Nautilon eine Perle der Natur. Korallenriffe erstreckten sich kilometerweit durch den Ozean, ihre Farbenpracht und Artenvielfalt war nahezu grenzenlos. Riesige Kelpwälder tanzten im stillen Gleichklang durch die Gezeiten und Fischschwärme unterschiedlichster Größe schossen, auf der Suche nach Nahrung, in bunten Verbänden darum herum. Quallen, groß wie ein Lastwagen, trieben im Spiel des Wassers umher, ihre Fangarme schillerten silbern wie das Mondlicht und ihr Hut war mit ineinander vernetzten, türkisen Mustern ausgestattet, die in der Dunkelheit der Nacht so grell leuchteten wie eine Neonreklame auf Prospecteus. Und wenn seine Berechnungen stimmen sollten, hatten sie gerade einmal 2 Prozent der hiesigen Biotope erkundet und kartographiert. 
Doch das, was Crowlers Faszination erregt hatte, war etwas anderes. Am Rande der großen Sanddünen, die irgendwann einen senkrechten Abstieg in die abyssischen Tiefen des Planeten vollführten, hatten seine Scans eine ungewöhnliche Struktur signalisiert. Wenn diese Entdeckung an die Öffentlichkeit gelangen würde, könnte sich ihr ganzes Verständnis über den Warp verändern.
»Funk die Zentrale an!«, rief er laut durch das großräumige Labor, in der Hoffnung, dass sein Gehilfe Ronald ihn hören würde. »Und mach dich darauf gefasst, dass sich unser Leben bald maßgeblich verändern könnte.« 

                                                                ***

Daisy Lee stampfte kaugummikauend durch den Hangar. Ein neuer Job war ihr durchaus willkommen, nachdem sie ihre Anstellung bei Centaur Industries durch eine klitzekleine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Vorgesetzten verloren hatte. Aber dass sie ab heute an Bord eines Patrouillenkreuzers dienen sollte, hatte ihr den nötigen Nervenkitzel verliehen, der ihren Job als Chefmechanikerin so interessant machte.
Und der Kommandant des Kreuzers. Archweyll Dorne. So wie der Relictor es gesagt hat. Ein weiterer Aspekt ist gefunden.
Dass sie vorher noch nie auf einem so großen Schiff gedient hatte, beeindruckte Daisy nicht im geringsten. Um bei Centaur Industries, dem renommiertestem Waffenhersteller der galaktischen Föderation, eine Anstellung als Putzfrau zu finden, musste man schon eine hohe Qualifikation an den Tag legen. Da blieb die Frage, was es bedeutete, einer der wichtigsten Ingenieure der gesamten Anlage zu sein, einfach ohne einer Antwort zu bedürfen im Raum stehen. 
Laute Rufe und elektronische Sirenen begleiteten ihren Weg, die Luft roch nach Dieselmotoren und Maschinenöl. 
Herrlich. 
Sie rückte ihre dreckige Wollmütze zurecht und atmete einmal tief durch. Hier roch es nach einer Menge Arbeit. Instinktiv hoffte sie, dass ihr neuer Vorgesetzter ein tiefgründigeres Gespür für ihre wertvolles Können an den Tag legen mochte, doch bei der Aussicht einem Befehlshaber des Militärs unterstellt zu sein, lief es ihr kalt den Nacken runter. Es gab kaum langweiligere Bürokraten, die sesselfurzend auf ihre Vorschriften pochten, aber insgeheim hofften, jeder würde in ihnen den harten Kerl erkennen. Solange er seinen Zweck erfüllt. Und wenn er mir Schwierigkeiten macht, lege ich ihn einfach um.
Plötzlich bäumte sich vor ihr ein riesiges Raumschiff auf. Auf der Außenbordwand ließ sich der rötliche Schriftzug, welcher den Namen des Schiffes veranschaulichen sollte, gerade noch erahnen. Atharymn. Ein Licht sprang auf grün, als sie sich näherte, und zischend öffnete sich eine Pforte, hinter der sich ein Aufzug befand. Daisy grub tief in den bodenlosen Taschen ihrer ölbefleckten Sicherheitshose herum, kramte Schraubenschlüssel, Zigaretten und einen Kugelschreiber hervor, bevor sie endlich fand, was sie gesucht hatte. Sie hielt die Karte, die ihr der Beamte ausgeteilt hatte, vor den Scanner und der Aufzug öffnete sich ratternd, beförderte sie in schwindelerregende Höhe. Wenn sie den jemals so etwas wie Schwindel empfinden konnte.
»Du wirst Technikstation B14 bemannen, es könnte sein, dass dein Vorgänger etwas … sagen wir: heikle Umstände herbeigeführt hat. Rechne also nicht unbedingt damit, mit offenen Armen empfangen zu werden«, hatte ihr der Beamte mit auf den Weg gegeben.
Ein Stirnrunzeln war ihre einzige Reaktion gewesen. Wenn der Kommandant sie fertig machen wollte, konnte er sich auf etwas gefasst machen. Ein Grinsen entwich ihren Lippen, bei dem Gedanken daran. 
Wir werden ja noch sehen, wer wen fertig macht.
»Abteilung 1 – Kommandobrücke«, krähte eine mechanische Stimme und die Türen öffneten sich quietschend. Nun sollte sich zeigen, wie sich Daisys mittelfristige Zukunft gestalten würde. 

                                                                    ***

»Bist du dir sicher, dass wir einen neuen Chefmechaniker brauchen? Der letzte hat sich als überaus widerspenstig erwiesen«, fragte Clynnt Volker bedächtig. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn hatten ihn seit den damaligen Ereignissen fast gänzlich für sich eingenommen.
Archweyll quittierte ihn mit einem bellenden Lachen. »Bei all der Liebe, die ich für Bebsy hege, pflegen kann ich die alte Dame nicht. Da braucht es einen Profi und ich vertraue nur den besten.«
»Wie Howard Bering?«, erwiderte der Chefnavigator spitz. 
»Mein Gott, Clynnt, du bist ja heute in Topform«, lobte ihn der Kommandant mit einem Klopfer auf die Schulter, welcher den Navigatoren in seinen Grundfesten erschütterte. Doch als er sah, wer da aus dem Aufzug kam, wurde ihm dennoch mulmig zumute. 
»Das ist ja fast noch ein Kind«, flüsterte Clynnt und knirschte mit den Zähnen.
Die junge Frau, das auf sie zukam, kaute gelassen auf einem Kaugummi herum und schien den riesigen Rucksack auf ihrem Rücken kaum zu bemerken. Sie trug eine schwarze Lederjacke und eine farblose Mütze, ihre schweren Lederstiefel glitten fast geräuschlos über das Deck. Das krause blonde Haar hatte sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden und auf ihren kecken Lippen lag ein breites, aber ehrliches Lächeln, das die Sommersprossen auf ihren zarten Wangen förmlich zum Glühen brachte.
Archweyll studierte sie eingehend und stellte fest, dass er noch nie so lebensfrohe blaue Augen gesehen hatte. Und Leben war etwas, das sie an Bord wahrlich gebrauchen konnten. Seit den Reparaturarbeiten lag der Kreuzer still und eine bedächtige Ruhe hatte seine Korridore erfüllt. Nun wurde es Zeit, wieder in den Warp aufzubrechen. 
»Ganz nett habt ihr es hier«, lachte ihnen die Frau entgegen. »Ich bin Daisy Lee und soll hier als Chefmechaniker antreten. Mache Meldung.« Sie salutierte gespielt ehrfürchtig. 
Clynnt rümpfte die Nase. »Wir werden schneller tot sein, als wir Babypuder rufen können«, flüsterte er forsch in Archweylls Ohr. Der Kommandant grunzte ihm etwas unverständiges entgegen.
»Oh nein«, der Chefnavigator trat einen Schritt zurück. »Diesen Gesichtsausdruck hast du erst einmal an den Tag gelegt, damals, als Tamara hier angeheuert hat. Bitte, nicht schon wieder, Arch.«
»Klappe«, knurrte der Kommandant. »Begrüßt man so einen Frischling?« er breitete feierlich die Arme aus. »Willkommen an Bord der Atharymn!«, rief er Daisy entgegen. »Ich bin Kommandant Archweyll und dieser gutaussehende, überaus sportliche Jungspund zu meiner Rechten, ist Cylnnt Volker, mein Chefnavigator.« 
Der Mann nickte knapp zur Begrüßung. 
»Er mag mich nicht. Das ist in Ordnung, solange er nicht in meiner Arbeit herumpfuscht«, antwortete Daisy gelassen.
Archweyll hörte, wie Clynnt scharf die Luft einsog, sich aber dann doch gegen einen Kommentar entschied. 
»Wie ich sehe, scheust du dich nicht davor, deine Meinung kundzutun«, begann er seine Ansprache, doch er wurde jäh unterbrochen. 
»Ihr werdet mit meiner Meinung leben müssen oder ich bin weg. Denn sonst kann ich meine Arbeit nicht so ausführen, wie es für alle das Beste wäre. Ich brauche niemanden, der mir sagt, woran ich bin. Das sehe ich von alleine.« Sie zwinkerte dem Kommandanten zu. »Und manchmal gefällt mir sogar, was ich sehe.« 
»Ich werde ja ganz verlegen«, räusperte sich Archweyll »Ich zeige dir alles, was du für deine Arbeit wissen musst«, erklärte er dann. Clynnts Kopfschütteln bekam er nur am Rande mit. 
»Wenn Tamara das rausfindet, bist du tot«, kicherte der Chefnavigator nur, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

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Wer bin ich?

Der Wind pfeift mir um die Ohren. Ich fliege über endlose Wälder hinweg. Moment mal. Da stimmt etwas nicht. Ich kann doch gar nicht fliegen.

Noch bevor ich darüber nachdenken kann, gerate ich in einen Aufwind. Wie im Expreßaufzug zieht es mich nach oben. Das macht Spaß. Ich gebe mich den Luftströmungen hin und lasse mich treiben. Ab und an ein Flügelschlag zur Korrektur reicht völlig aus. Flügelschlag?

Wo bin ich nur? Ich sehe mich um. Am Horizont kann ich einen blauen Tupfen im grünen Waldmeer erkennen. Der Fleck zieht mich magisch an und ich halte darauf zu. Es ist einsam hier. Wo sind nur die Menschen?

Plötzlich fließt mir Wasser aus dem Auge. Das ist sicher der Fahrtwind. Ich wische es weg und betrachte dabei meine Hand. Sie hat sieben Finger und mein Daumen ähnelt einer Kralle. Kralle?

Bei Sonnenuntergang habe ich den blauen Tupfen erreicht. Es ist ein großer, fast kreisrunder See und in seiner Mitte liegt eine Insel. Auf ihr kann ich ein Dorf erkennen in dem Menschen herumlaufen.

Schon seit einiger Zeit knurrt mein Magen. Doch jetzt wird es richtig schlimm. Ob es hier wohl ein Gasthaus gibt?

Als ich näher komme, höre ich Wortfetzen. Noch kann ich nichts verstehen, doch es scheint so, als wären alle Dorfbewohner in großer Aufregung. Ich schaue mich um. Was die wohl haben?

Dann höre ich einen Schrei. „Rennt in die Häuser, er greift wieder an.“

Im selben Moment pfeift etwas durch die Luft, knapp an meinem linken Ohr vorbei. Als ich den Kopf drehe, sehe ich eine Metallkugel in der Ferne verschwinden. Ich überfliege den Ort, wende und suche einen Landeplatz. Ein Mann, direkt unter mir, rennt brüllend auf eine Holzhütte zu.

„Der Drache kommt!“ Und schon schwirrt die nächste Kugel an meinem Kopf vorbei.

Während ich abdrehe, läuft eine einsame Träne aus meinem Auge. Ich habe endlich verstanden. Ich bin der Drache.

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