Der Mondmann – von Saigel

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Die Idee von einem runden vollen Bauch, der ebenso schnell wieder zu einer grazilen Sichel werden kann, wollte mich nicht loslassen. Bei Nacht herauskommen und bei Tage friedlich schlummern. Stets von dezentem Licht umgeben, weder grell noch laut noch auffallend. Lediglich elegant und unbemerkt in den zartesten Tönen singend. Dunkle Landschaften unter mir, gefüllt mit langen, großen Schlangen, die durch grelle Scheinwerfer unsäglich unseriös funkeln. Der einsame Wolf, der im dunklen Gebirge heult. Der Duft von Kiefernnadeln und verbranntem Plastik, die beide gleichermaßen im lodernden Lagerfeuer ihr Ende finden.

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Einsam und ungebunden. Frei und weit, hoch oben über den Köpfen aller. Mit eigenen Gedanken, eigenen Aufgaben, selbstständiger Arbeit und zufriedenen Kunden. Abends hinaus und früh morgens hinein ins Bett der Sonne, das sich eng um mich schlingt und mich versucht, im Schlaf zu erdrücken. Doch die Tat kann nicht vollbracht, das Ansinnen nicht beendet werden. Denn sie braucht mich, ihr Verderben ist mein Untergang. Mein Fortbestehen ist ihre Kränkung, für die ich wärmstes Mitgefühl empfinden kann.

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Einst, doch nicht mehr heute. Denn damals schien die Weite schön, die Ferne bezaubernd, die Nacht anziehend. Jetzt ist es ein Dasein, das mir, nachdem es seine Trostlosigkeit offenbart hat, schwer auf dem Herzen liegt. Der Schein, den ich funkeln sah, ist lediglich ein Trugbild. Erschaffen von ihr, die das Licht ist. Die Nacht ist Tag und der Tag ist Nacht, denn für ihn, den Mondmann, ist es immer Nacht und er kann nicht schlafen, darf nicht ruhen, sitzt gefangen, in seinem Käfig, hoch dort droben aufgehängt, unerreichbar für alles, was helfen könnte. Was helfen wollte, denn helfen wollte niemand, der es könnte, bestünde die Hilfe doch aus der eigenen Vernichtung.

Mach es gut, du lieber Wunsch. Ein Mondmann zu sein, das warst du einst. Doch heute bist du dort irgendwo im Schatten verschwunden, da ich begriff, dass ich nicht viel höher greifen muss, als ich selbst lang bin, um die Erfüllungen zu pflücken, die mich zufrieden machen.

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