Korrekturen 14

14.Teil – Die Sucher (1/2)

Fancan fühlte sich seit Tagen bereits wie Alice im Wunderland. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie sich im einhundertzwölften Jahrhundert befinden musste, doch ihr Gefühl sagte etwas Anderes. Das Leben hier in dieser Zeit verlief in seiner Gesamtheit sehr einfach und naturbezogen. Man lebte in Familien in einer weitläufigen Waldlandschaft, pflegte freundschaftliche Kontakte zu seinen Nachbarn und legte gesteigerten Wert auf soziale Bindungen. Es erschien ihr alles so unglaublich rückständig. Im krassen Gegensatz dazu stand das unglaublich umfangreiche wissenschaftliche Wissen dieser Menschen hier. Man hatte sich lediglich dazu entschlossen, nur so viel Technologie zu verwenden, wie man unbedingt benötigte. Ihre Fehleinschätzung der Menschen des einhundertzwölften Jahrhunderts wurde ihr bewusst, als Giwoon ihr einen Einblick in die zentralen Datenbanken gewähren wollte.
»Symeen und ich haben den Eindruck, dass du noch immer nicht alles glaubst, was wir dir in den letzten Tagen erzählt haben«, sagte Giwoon, »deshalb haben wir beschlossen, dich mit Cheom bekannt zu machen.«
»Wer ist Cheom?«, fragte Fancan, »Den Namen habt Ihr bisher noch nicht erwähnt.«
»Cheom ist unser Bibliothekar«, erklärte Giwoon, »bei ihm laufen alle Informationen und Nachrichten aus allen Zeiten zusammen. Die Datenbank der Bibliothek ist das Wichtigste und Größte, das die Menschheit je geschaffen hat. Ich denke, wenn du dir dort ein Bild gemacht hast, wirst du nicht mehr an den Dingen zweifeln, die wir dir erzählt haben.«
»Es ist ja nicht, dass ich euch nicht glauben will …«, sagte Fancan.
»Ich verstehe dich gut, Fancan«, sagte Giwoon, »komm’ mit, ich werde dir Cheom und unser Allerheiligstes zeigen.«
Giwoon fasste Fancan an der Hand und zog sie spielerisch hoch, sodass sie gegen ihn prallte. Er gab ihr einen leichten Kuss auf die Lippen und lachte.
Symeen hatte die Szene vom Herd aus mit angesehen und lächelte. Sie hatte ihren Sohn noch nie so locker erlebt. Er gab sich ungeheure Mühe damit, Fancan ihren Standpunkt verständlich zu machen. Sie war ihm offenbar sehr wichtig. Symeen gönnte ihrem Sohn das Glück mit dieser Frau. Wie es schien, erwiderte sie auch seine Gefühle für sie und sie musste sich auch eingestehen, dass sie sehr viel Sympathie für diese junge Frau empfand. Doch dann umwölkte sich ihre Miene. Sie wusste, dass im Leben alles seinen Preis fordern würde und sie wusste ebenso wie Giwoon, was sie die Rettung des Planeten und der Menschheit kosten würde. Giwoon hatte sein Gleichgewicht offenbar bereits gefunden und es für sich persönlich angenommen, doch sie selbst hatte damit noch ihre Probleme.
»Haltet euch nicht zu lang dort auf!«, rief sie ihnen noch hinterher, bevor Giwoon Fancan die Treppe hinunter in den Keller führte, »Abendessen gibt es zu Sonnenuntergang!«
Fancan hatte unwillkürlich erwartet, einen niedrigen Keller mit schmutzigen Gängen und Vorratsräumen zu sehen. Statt dessen betrat sie eine andere Welt. Hier unten fand sie ein hochmodernes Tiefgeschoss vor. Der Gang wirkte fast steril – er wurde durch Leuchtplatten in der Decke matt beleuchtet. Sie war sich sicher, dass das Kellergeschoss weitaus größer war, als die Grundfläche des Wohnhauses darüber.
»Wo sind wir hier?«, wollte Fancan wissen, »Das ist doch kein Keller?«
Giwoon lachte leise.
»Nein, natürlich nicht«, sagte er, »wir können natürlich nicht ohne Technik auskommen. Wir brauchen Energie, Kommunikation und so weiter. Uns zwingt aber niemand, diese Technik immer und jederzeit im Vordergrund zu haben. Energieerzeugern ist es egal, ob sie im Tiefgeschoss montiert sind. Die Computer arbeiten auch im Dunkeln – und wer will schon einen Transporter mitten in seiner Wohnung haben?«
»Transporter?«, fragte Fancan.
»Glaubst du, wir fahren nur mit dem Fahrrad?«, fragte Giwoon leicht spöttisch, »Das würde viel zu lange dauern und man könnte auch keine Waren transportieren. Wir haben hier im Keller ein Gerät, das uns in einem Augenblick an jeden Punkt dieser Welt transportieren kann, quasi ein Funkgerät für Materie.«
»So etwas habt Ihr?«, fragte Fancan ehrfurchtsvoll, »Die Entwicklung einer solchen Technologie ist meines Wissens innerhalb des Zeitvektors niemals gelungen, obwohl man es immer wieder versucht hat.«
Giwoon öffnete eine schwere Tür und schaltete das Licht in dem dahinter liegenden Raum ein. Fancan sah eine große Halle, in deren Mitte eine riesige Maschine stand. Dicke Kabel führten in den dicken Sockel der Anlage und verschwanden in der hinteren Wand der Halle.
»Meine Güte«, entfuhr es Fancan, »ist das dieser Transporter?«
»Das ist er«, bestätigte Giwoon, »ich gebe zu, er ist etwas groß, aber wir verwenden ihn auch für Waren aller Art. Normale Personentransporter sind entsprechend kleiner.«
»Wie versorgt Ihr eine solche Anlage eigentlich mit Energie?«, wollte Fancan wissen, »Ich habe nirgendwo Kraftwerkseinheiten gesehen.«
»Wir erzeugen unsere Energie nicht mehr selbst, seit wir unsere Sonne selbst anzapfen können«, erklärte Giwoon, »das dürfte dir nicht ganz fremd sein, denn euer Zeitvektor wird schließlich auch über eine sogenannte Sonnenleitung versorgt. Wir haben große Zapfstationen an den Polen und verteilen die benötigte Energie dann drahtlos auf die Verbraucher. Dadurch verfügt jedes Haus über die Energie, die es benötigt und die Umwelt wird dadurch nicht belastet.«
Giwoon begann, den Transporter zu aktivieren und gab aus dem Gedächtnis Zielkoordinaten in ein Terminal neben der Anlage ein.
»Jetzt warten wir nur noch auf die Bereitschaftsmeldung des Empfängers, dann kann es losgehen.«
»Ist es weit, bis zu eurer Bibliothek?«, fragte Fancan.
»Sie befindet sich auf der anderen Seite des Planeten – etwa in der Mitte des Kontinents Rika«, sagte Giwoon, »aber das ist für uns nicht wichtig. Für uns dauert es nur einen Wimpernschlag.«
In diesem Moment ertönte ein Glockensignal und eine kleine Lampe am Transporter leuchtete in beruhigendem Grün.
»Unser Signal«, sagte Giwoon und machte eine einladende Geste mit der Hand. Fancan zögerte und Giwoon nahm sie an der Hand und zog sie mit sich auf die Abstrahlplattform des Transporters. Fancan war es deutlich anzusehen, dass ihr mulmig war.
»Was genau geschieht jetzt mit uns?«, fragte sie vorsichtig.
»Der Transporter scannt unsere gesamte Struktur im Bruchteil einer Sekunde und erstellt eine Matrix unserer Körper. Dann wird diese an den Empfänger übermittelt und dort wieder zusammengesetzt. Das Ganze dauert nur einen Augenblick.«
»Was geschieht mit unseren Körpern hier?«
»Na, die werden natürlich vom Transporter zerstört«, sagte Giwoon, »sonst könnte die Matrix ja schließlich nicht erstellt werden. Aber das muss dich nicht beunruhigen, Fancan. Die Technik ist sehr zuverlässig.«
Ein Blick in Fancans Augen zeigte ihm allerdings, dass sie nicht wirklich überzeugt war. Etwas ängstlich drängte sie sich an ihn.
»Halt’ mit bitte, wenn es so weit ist«, bat sie leise.
»Ja sicher, mein Schatz, aber du brauchst wirklich keine Angst haben.«
Giwoon legte seinen Arm um Fancan und drückte den Aktivierungsknopf. An beiden Enden der Transportplattform fuhren Jalousien herunter, dann wurde es unerträglich hell, als ein kompliziertes Netz von Laserabtastern seinen Dienst aufnahm. Fancan hatte das Gefühl von Hitze. Sie schnappte hektisch nach Luft und dann … war es auch schon vorbei. Sie standen noch immer eng umschlungen beieinander, doch befanden sie sich definitiv nicht mehr auf der großen Plattform in Giwoons Haus, sondern in einer relativ kleinen Kabine. Eine Tür wurde geöffnet und helles Licht flutete herein. Fancan musste blinzeln, um etwas erkennen zu können. Der Schatten eines Mannes war zu erkennen.
»Willkommen in der Bibliothek!«, sagte der Mann mit tiefer Stimme, »Giwoon, mein Junge, du warst lange nicht mehr hier bei mir.«
Er half den Beiden aus der engen Kabine heraus und umarmte Giwoon herzlich. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Fancan und meinte:
»Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit, junge Dame«, sagte er und ergriff ihre Hand, »mein Name ist Cheom. Ich bin der Bibliothekar.«
»Darf ich dir Fancan vorstellen, Cheom?«, mischte sich Giwoon ein, »Fancan ist meine Freundin.«
»Die Freundin aus der alten Zeit«, stellte Cheom fest, »Sie sind sehr hübsch.«
»Danke«, entgegnete Fancan lächelnd, »Sie sind hier alle so auffällig höflich zu mir.«
»Das hat nichts mit Ihnen zu tun«, sagte Cheom, »wir legen einfach sehr viel Wert auf gute Umgangsformen und ein harmonisches Zusammenleben.«
Er wandte sich wieder Giwoon zu.
»Was kann ich für euch tun, Kinder?«, fragte er.
»Fancan ist Agentin der Obersten Behörde der alten Zeit«, erklärte Giwoon, »ich möchte, dass du ihr zeigst, welche Auswirkungen die Zeitmanipulationen der Behörde auf die Zukunft hatte. Sie soll mit eigenen Augen sehen und begreifen, dass dagegen etwas unternommen werden muss.«
Cheom sah Fancan nachdenklich an.
»Sie sind selbst Agentin?«, fragte er, »Dann haben Sie selbst auch schon Korrekturen vorgenommen, nicht wahr? Dann haben Sie sicher auch schon Menschen getötet, oder?«
Fancan fühlte sich unbehaglich, als dieser gütig wirkende Mann sie so direkt auf ihre Arbeit als Agentin ansprach.
»Ja, sicher habe ich das getan«, bestätigte sie, »es ist meine Aufgabe, wenn die Lösung eines Zeitproblems es erfordert.«
Ihre Stimme klang nicht so fest, wie sie es gern gehabt hätte.
»Ich will mich jetzt wirklich nicht zum Richter aufschwingen«, sagte Cheom, »machen Sie sich da keine Sorgen. Ich wollte nur wissen, wo Sie stehen und wofür Sie ausgebildet wurden. Es wird sicher für Sie nicht leicht werden, zu sehen, wie unsensibel man in der alten Zeit mit der Zeit umgegangen ist. Kommen Sie, ich werde Ihnen zeigen, was ich meine.«

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