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Monat: Juni 2019

Gottes Hammer: Folkvang III

Iliana sah sich überrascht um.

Sie stand in einem vollkommen weißen Raum, in dem sich ein edler Ebenholztisch und zwei Stühle befanden. Verwirrt trat sie näher. Sie erkannte auf der polierten Fläche die taktische Karte aus Medardus’ Zelt. Wo war sie hier?

Iliana hielt nach einer Tür Ausschau, doch sie fand keine. Panik beschleunigte ihren Herzschlag. Es musste doch einen Ausgang geben! Wie wäre sie sonst hereingekommen?

Just in diesem Moment bemerkte sie plötzlich eine Gestalt in einem der Stühle.

Hätte es sich um eine unbekannte Person gehandelt, wäre Iliana wahrscheinlich die Frage durch den Kopf gegangen, wie sie den Neuankömmling hatte übersehen können. Doch sie erkannte den Besucher sofort wieder.

Ich grüße dich“, sagte Berith emotionslos. Seine roten Augen funkelten wie lodernde Sterne in der Nacht. Er schlug die Beine übereinander und spreizte seine gewaltigen Fledermausflügel.

Wo bin ich hier?“, fragte Iliana schrill. Sie wich zurück und warf wilde Blicke in alle Richtungen. Sie brauchte eine Waffe! Zähneknirschend fiel ihr ein, dass sie den Bogen in Hornheim zurückgelassen hatte.

Weißt du das nicht?“ Berith klang ehrlich erstaunt. „Du träumst. Ich spreche hier direkt in deinem Kopf zu dir.“

Iliana erinnerte sich. Elinor hatte ihr erlaubt, die Nacht im Lazarett zu verbringen. Die Erschöpfung wiegte sie bald in den Schlaf.

Iliana atmete tief durch. Ein Traum fühlte sich anders an, er waberte gleich dunklem Nebel am Rande des Bewusstseins. Sie konnte jedoch alles spüren und ertasten. Als sie sich an die Wand presste, schrie sie vor Schmerz auf. Unsägliche Hitze erfüllte die weiß gestrichene Mauer.

Berith betrachtete sie genau. Sein Gesicht glich einer starren Maske. „Ein interssanter Raum“, merkte er an. „Ich habe schon viele solcher Zimmer gesehen, aber deines unterscheidet sich doch merklich von anderen.“ Dabei fuhr er mit einer seiner bleichen Hände über die Stuhllehne. „In diesem Holz steckt förmlich der Geist des Heidenwaldes. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, du hättest dein ganzes Leben dort verbracht. Scheinbar gehörte dein Herz nie dem Dorf Raureif.“ Iliana musterte ihn ängstlich. Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Erinnerungen umwölkten ihre Seele und ließen sie schlucken. Kaum hatte Elinor sie getröstet, erhob sich der Albtraum von neuem. Frustriert ballte sie die Fäuste. Der Zynismus des Schicksals verschonte auch sie nicht.

Berith fuhr indes mit seinen Auspizien fort. „Heiße Mauern, die alles verbrennen, was den Raum betreten will. Aber sie sind nicht nur ein Schutzmechanismus, sondern auch ein Gefängnis.“ Berith erhob sich und drückte seine Hand gegen die Wand, so als ob er die Hitze nicht wahrnehmen würde. „Auf der anderen Seite wartet all deine Wut auf dich. Du tätest gut daran, sie nicht passieren zu lassen.“ Er ließ sich wieder auf den Stuhl sinken und deutete auf den Ebenholztisch. „Und dann noch das Bild.“

Iliana trat unwillkürlich näher. Der Tisch glich dem in Medardus’ Zelt, aber statt der Karte erspähte sie das Porträt zweier rot glühender Augen, die sie bedrohlich musterten. Eine einzige schwarze Feder bedeckte sie.

Iliana wich zurück und sank auf die Knie. Ihre Hände zitterten und sie schluckte. Sie kannte diesen Blick. Diese Augen hatten den Bürgermeister von Raureif durchbohrt, bevor Murakama es tat.

Hör auf!“, flehte Iliana und schlug die Hände vors Gesicht. Ihr ganzer Körper bebte. „Geh! Hör auf!“

Berith sah sie ohne jede Regung in seiner Miene an. „Wenn es dein Wunsch ist, werde ich meine Analysen selbstredend abbrechen. Wissen ist Macht, doch Macht ist eine Bürde. Den meisten Menschen ergeht es besser, wenn sie nichts wissen.

Iliana hob überrascht den Kopf. Berith sah über die Tischkante auf sie hinab. Mit einem Mal kam ihr ein Gedanke.

Ist Halgin tot?“, fragte sie und ihre Stimme brach.

Eine von Beriths schneeweißen Augenbrauen wanderte nach oben. „Was hättest du davon, wenn ich jene Frage beantwortete?

Weshalb bist du sonst hier?“, fragte Iliana. „Wenn du mich quälen willst, nur zu, aber sag mir vorher, ob Halgin noch lebt!“

Der Anflug eines Lächelns umspielte Beriths schmale Lippen. Seine Augen aber blieben ausdruckslos.

Nehmen wir einmal an, ich beantworte deine Frage mit Ja“, begann er. „Du würdest mich drängen, dir seinen Aufenthaltsort zu verraten. Wenn ich das tue, wirst du sofort zu Lifas oder Abigor gehen und um eine Rettungsaktion bitten. Sie werden dem nicht zustimmen, da es sich um eine Falle handeln könnte. Schließlich bin ich der Feind. Somit würde dich diese Information nur martern, während du zur Untätigkeit verdammt bist.“ Berith machte eine Pause. „Wenn ich dir nun sage, dass Halgin tot sei, könnte das immer noch eine Lüge sein. Ich bin ein Dämon. Du misstraust Dämonen. Somit misstraust du mir. Dein Ansinnen ist daher an sich absurd.

Iliana erhob sich voller Gram. „Wie könnte ich euch nicht misstrauen! Ihr foltert Menschen in Hornheim zum Vergnügen!“

Berith legte den Kopf schief. „Was bringt dich auf den Gedanken?

Iliana lachte laut auf. Das Geräusch war selbst ihr unheimlich. Alle Hoffnungslosigkeit der Welt schien darin mitzuschwingen. „Soll das ein Witz sein? Ich habe gegen Sitraxa gekämpft!“

Nun gut. Lass uns deine Vorgehensweise analysieren.“ Nun klang Berith wie der Pfarrer, der von Zeit zu Zeit Kinder in Raureifs Dorfschule unterrichtete. „Deine Stichprobe umfasst eine Person. Du schließt von dieser Person auf alle Dämonen. Da Sitraxa sehr … besonders war, bedeutet dies deiner Vorgehensweise nach zu urteilen, dass alle Dämonen ihr gleichen, richtig? Dann werde ich diese Methode auf die Menschheit anwenden. Medardus foltert und verbrennt junge und alte Frauen, richtig? Dies müsste bedeuten, alle Menschen foltern und verbrennen einander. Richtig?

Iliana starrte ihn mit offenem Mund an. Glücklicherweise fielen ihr rechtzeitig Azraels Worte ein.

Euer König sprach doch davon, dass ihr Menschen in Hornheim bestraft, oder nicht?“

Tut ihr das etwa nicht?

Gereizt schnaubte Iliana. „Ja, aber nicht … so.“

Berith lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wenn mein König dich nicht gerettet hätte, wärst du nach Aminas gebracht worden. Die Tempelsöhne hätten dich durch die schmutzigen Straßen gezerrt, die Bewohner dich beschimpft und mit Unrat beworfen. Dann wärst du in den Kerker geworfen und entkleidet worden. Der Kerkermeister von Aminas ist ein berüchtigter Mann, der angeblich Kinder als … Gefährten gegenüber älteren Gefangenen bevorzugt. Er hätte dich sicherlich…

Hör auf!“, rief Iliana verzweifelt. „Das sind doch nur die Kerker! Im normalen Leben geschieht so etwas nicht! Außerdem hat Sitraxa auch Kinder gefoltert!“

Berith nickte wie ein Weiser, der einen geistig Umnachteten bemitleidete. „Das war zu Irodeus’ Zeiten. Weshalb, glaubst du, war Sitraxa so erpicht auf Beute, als ihr ihre Höhle betratet? Azrael hat jedem verboten, ohne Befehl zu handeln. Unsere Willkür wurde dadurch mehr oder minder in Fesseln geschlagen.

Trotzdem!“, rief Iliana unbeugsam. „Wer gibt euch das Recht dazu, eine solche Hölle zu erschaffen?“

Wer gibt Gott das Recht dazu?

Berith ließ die Worte wie beiläufig erklingen, so als spräche er über das Wetter.

Iliana schluckte. „Er … er hat uns erschaffen.“

Dürfen Eltern ihre Kinder foltern, nur weil sie durch ihre Liebe ins Leben traten?“ Beriths Stimme wurde schärfer.

Was weiß denn ich!“, rief Iliana und vergrub ihr Gesicht in Händen. „Lass mich doch einfach in Ruhe! Ich will nicht mehr an euch denken, ihr seid böse!“

Glaubst du, wir sind gerne, wie wir sind?“, fragte Berith. Nun klang er beinahe menschlich. „Vor meinem Tod war ich der glückliche Vater von sieben Kindern und der Ehemann einer wunderbaren Frau. Meine einzige Sünde war die Neugier, die mich zur Alchemie brachte. Ich wollte den Stein der Weisen finden und alle Nöte beenden. Ungerechtigkeit, Krieg und Hass sollten durch meine Forschung für immer aus der Welt verschwinden! Aber was geschah?“ Trauer zerschmetterte die kühle Maske des Dämons. „Eine Seuche suchte meine Heimat heim und die Menschen brauchten einen Sündenbock. Also suchten sie verzweifelt nach Leuten, die anders als sie selbst waren. Sie töteten Heiden, Einsiedler und fahrendes Volk und als die Seuche immer schlimmer wurde, töteten sie sogar deren Kinder. Doch als schließlich niemand von diesen mehr übrig war, kamen sie auf mich. Meine Familie fiel vor meinen Augen wütenden Fäusten zum Opfer und ich fand mich mit einem Mal an einem entlegenen Ort wieder, geflügelt und entstellt, als Dämon gebrandmarkt.

Iliana sah ihn aus traurigen Augen an. Sie konnte nicht sprechen.

Euer Gott hat euch die Freiheit geschenkt“, fuhr Berith fort. Seine Miene fand langsam wieder zu ihrer kühlen Form zurück. „Aber er hat nicht bedacht, dass der Mensch schlichtweg für die Freiheit ungeeignet ist. Die Denomination kann mit der Hölle drohen, soviel sie will. Jeder Mensch macht aus der Religion etwas anderes, wenn ihn niemand genügend anleitet. Predige Frieden und sie kämpfen gegen andere Völker, predige Nächstenliebe und sie zerfleischen sich gegenseitig, predige Mitgefühl und sie hetzen die Armen.“ Iliana fühlte sich an ihre unbedeutende Randexistenz nach Arinhilds Hinrichtung erinnert. Ein ungeschriebenes Gesetz erklärte sie für vogelfrei. Jugendliche und andere Kinder rotteten sich zusammen und spielten ihr schreckliche Streiche oder bedrohten sie. Ihre Eltern und Großeltern saßen daneben, unterbrachen ihre Arbeit und betrachteten die Szenerie lachend. Immer endete es gleich. Iliana lief weinend davon, oftmals am ganzen Körper schmutzig und geschunden. Allein Halgin und der Heidenwald boten ihr Schutz vor ihren Peinigern.

Berith schien ihre Gedanken zu lesen, denn kurz funkelte Mitleid in seinen roten Augen.

Wir bieten Stabilität. Azrael ist unsterblich, also wird er seine Fehler nicht wiederholen. Er wird zu einem neuen Gott werden, zu einem immer präsenten Wächter von Recht und Ordnung. Keine Kriege, keine unrechtmäßigen Verfolgungen. Verbrecher werden in eine reale, wirkliche Hölle geworfen, die niemand verleugnen kann. So, und nur so, kann diese Welt zu einem friedvollen Ort werden. Wir müssen den Menschen ihre Freiheit nehmen.

Iliana nickte langsam. Dann schluckte sie. „Wieso musstet ihr Halgin bekämpfen?“

Beriths Augen verengten sich zu Schlitzen. „Dein König hätte uns im Weg gestanden. In seinem Alter wird man oft zu starrsinnig, um Veränderungen hinzunehmen. In seinem Weltbild konnten wir nur als die Bösen existieren. Aber in Wirklichkeit lassen sich Gut und Böse nicht voneinander trennen. Sie sind miteinander verwoben.

Berith erhob sich und spreizte die Flügel. „Wir werden das Lager der Tempelsöhne in drei Tagen zerstören. Du musst eine Entscheidung treffen. Gehe nach Hrandamaer und suche in Hrandars Faust nach einer Frau namens Ashaya. Sie wird dir alle Informationen geben, die du brauchst.

Ehe Iliana reagieren konnte, verschwand Berith in einem Wirbel schwarzen Rauchs. Im nächsten Moment erwachte sie schweißgebadet im Lazarett.

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Hat es funktioniert?“, fragte Malfegas. Flammen stoben aus dem Maul des gewaltigen Löwen.

Berith nickte, während er sich langsam aus dem schwarzen Wasser erhob. Der große See Sökkvar bildete den tiefsten Punkt Hornheims. Wenn man in den dunklen Fluten badete, manifestierte sich die uralte Macht dieses Ortes in jedem unterschiedlich. Berith erhielt so die Fähigkeit, in fremde Gedanken einzudringen.

Er ließ den Blick über die glatte Fläche schweifen. Selbst ein Dämon sollte davon absehen, die Mitte des Sees erreichen zu wollen. Man erzählte sich, Sitraxa habe es versucht und dort ihren Verstand verloren.

Malfegas folgte seinem Blick und schnaubte.

Da soll er begraben sein, nicht wahr?“, fragte er, wobei Schwefelgestank sein hartes Fell einhüllte. „Der alte Androg?“

Beriths Flügel zuckten. Er war dankbar, ihre Bewegungen immerhin im Traum unter Kontrolle zu haben. „Das ist nur eine Legende. Androg war lediglich ein närrischer König, der seine Heimat verdammte. Es erscheint mir wahrscheinlicher, dass seine Gebeine an einem gottlosen Ort im Norden der Ewigkeit entgegenstreben.“ Er räusperte sich. „Die Kleine wird sich sicher bald nach Hrandamaer aufmachen. Unser Kontaktmann im Lager wird dafür Sorge tragen.“

Was tun wir, wenn sie sich gegen uns entscheidet?“, fragte Malfegas misstrauisch. „Können wir uns darauf verlassen, dass Ashaya sie in die richtige Richtung lenken wird?“

Berith lächelte. Er tat dies nur selten, aber beim Gedanken an diese Frau konnte er nicht anders. „Ich kenne sie. Es ist schwer vorstellbar, dass sie die Menschheit sympathischer wirken lässt. Aber dies ist jetzt gleichgültig.“ Berith sah zwei Hrandar, die eine Rüstung aus schwarzem Stahl zu ihm trugen. „Ist sie das?“

Malfegas’ Schwanz peitschte stolz hin und her. Er glich einer Schlange, die jedoch kein Eigenleben besaß. Jedenfalls nicht mehr.

Blutstahl“, verkündete Malfegas. „Er ist in meiner Schmiede entstanden. Eine bessere Rüstung hat auch unser König nicht.“

Berith nickte und atmete tief durch. Er unterbrach seine Forschung nicht gerne, aber Folkvang war erwacht und auch er musste zu den Waffen greifen.

Die beiden Dämonen erklommen gerüstet die Stufen zum Thronsaal, um eine wüste Welt zu korrigieren.

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Rezension “Onyx – Schattenschimmer” von Jennifer L. Armentrout

Das Buch Onyx – Schattenschimmer

Die Autor Jennifer L. Armentrout

Genre Urban Fantasy / Jugendbuch

ISBN 978-3-551-31615-8

Seiten 474 Seiten inkl. Danksagung und Bonusmaterial

Preis 14,99 €

Verlag Carlsen

Informationen zur Autorin und deren Büchern (Bibliografie)

(Quellen: wikipedia.org,

https://de.wikipedia.org/wiki/Jennifer_Armentrout

Die Handlung:

Nach ihrer Heilung ist Katy mit Daemon enger verbunden als sie sich beide hätten vorstellen können.

Diese Verbundenheit bringt Daemon dazu sich um Katy für sich zu gewinnen.

Katy jedoch versucht sich gegen ihre Gefühle für den Nachbarsjungen zu wehren.

Als wenn das nicht schon anstrengend genug wäre, taucht ein neuer Schüler auf und bringt ihre Welt noch mehr durcheinander.

Sie gerät in einen Strudel sonderbarer Aktivitäten, in die nicht nur die Regierung, sondern auch der „Neue“ verwickelt zu sein scheinen.

All das droht die Freundschaft zu Dee zu zerstören und alle Beteiligten in eine nicht vorhersehbare Zukunft zu entlassen.

Mein Eindruck:

Die Handlung um die Protagonistin Katy im zweiten Band dieser Reihe scheint immer verworrener zu werden.

Zwar lese ich gerne Handlungen, die komplexer werden, aber hier wurde diese Komplexität durch die Vorhersehbarkeiten zwischen Daemon und Katy hin und wieder ein wenig gestört. Manchmal musste ich mich extra motivieren, weiterzulesen.

Das Erscheinen von dem neuen Mitschüler war hingegen eine wahre Freude, denn er brachte frischen Wind in die Geschichte.

Mein Fazit:

Trotz kleiner Mängelliste, die den einen oder anderen Charakter und dessen Handlungen miteinbezieht, habe ich mich entschlossen, die Reihe bis zum Ende zu lesen, vor allem aus dem Grunde, um zu erfahren, was sich die Autorin im Verlauf der folgenden Bücher noch ausgedacht hat.

Was das Buch an sich angeht, geht die Handlung nahtlos von Band 1 in Band 2 über. Eine positive Seite, die ich sehr schätze. Auch das flüssige Lesen macht es einfach allem zu folgen und zusammenzusetzen.

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Der Mondmann – von Saigel

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Die Idee von einem runden vollen Bauch, der ebenso schnell wieder zu einer grazilen Sichel werden kann, wollte mich nicht loslassen. Bei Nacht herauskommen und bei Tage friedlich schlummern. Stets von dezentem Licht umgeben, weder grell noch laut noch auffallend. Lediglich elegant und unbemerkt in den zartesten Tönen singend. Dunkle Landschaften unter mir, gefüllt mit langen, großen Schlangen, die durch grelle Scheinwerfer unsäglich unseriös funkeln. Der einsame Wolf, der im dunklen Gebirge heult. Der Duft von Kiefernnadeln und verbranntem Plastik, die beide gleichermaßen im lodernden Lagerfeuer ihr Ende finden.

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Einsam und ungebunden. Frei und weit, hoch oben über den Köpfen aller. Mit eigenen Gedanken, eigenen Aufgaben, selbstständiger Arbeit und zufriedenen Kunden. Abends hinaus und früh morgens hinein ins Bett der Sonne, das sich eng um mich schlingt und mich versucht, im Schlaf zu erdrücken. Doch die Tat kann nicht vollbracht, das Ansinnen nicht beendet werden. Denn sie braucht mich, ihr Verderben ist mein Untergang. Mein Fortbestehen ist ihre Kränkung, für die ich wärmstes Mitgefühl empfinden kann.

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Einst, doch nicht mehr heute. Denn damals schien die Weite schön, die Ferne bezaubernd, die Nacht anziehend. Jetzt ist es ein Dasein, das mir, nachdem es seine Trostlosigkeit offenbart hat, schwer auf dem Herzen liegt. Der Schein, den ich funkeln sah, ist lediglich ein Trugbild. Erschaffen von ihr, die das Licht ist. Die Nacht ist Tag und der Tag ist Nacht, denn für ihn, den Mondmann, ist es immer Nacht und er kann nicht schlafen, darf nicht ruhen, sitzt gefangen, in seinem Käfig, hoch dort droben aufgehängt, unerreichbar für alles, was helfen könnte. Was helfen wollte, denn helfen wollte niemand, der es könnte, bestünde die Hilfe doch aus der eigenen Vernichtung.

Mach es gut, du lieber Wunsch. Ein Mondmann zu sein, das warst du einst. Doch heute bist du dort irgendwo im Schatten verschwunden, da ich begriff, dass ich nicht viel höher greifen muss, als ich selbst lang bin, um die Erfüllungen zu pflücken, die mich zufrieden machen.

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Gottes Hammer: Folkvang II

Iliana war einem Albtraum entkommen, nur um in einem anderen zu landen.

Erschöpft und kraftlos brachte sie nicht mehr die nötige Kraft zur Gegenwehr auf. Der Bogen, den sie dem toten Novizen in der Kutsche aus den klammen Fingern gerissen hatte, blieb ebenfalls verschwunden.

Ebenso wie Halgin.

Iliana und Esben saßen in einem großen Zelt der Tempelsöhne an einem Tisch, der die nahe Umgebung darstellte. Üblicherweise versammelten sich hier wohl die Hauptleute des Heeres, in diesem Moment waren jedoch nur sie und Medardus anwesend. Vor dem Eingang warteten die beiden Ritter, die sie gefunden hatten.

Der Inquisitor musterte sie mit seinen lodernden Augen, bis sein Blick auf Esbens Buch verharrte. Der ehemalige Priester klammerte es an sich wie einen Schatz.

Iliana Hände schlossen sich verkrampft um die Armlehnen ihres harten Stuhls. Sie mussten einen jämmerlichen Anblick bieten. Sie schluckte. Würde Medardus sie wiedererkennen?

Nach einer Zeit, die ihnen wohl die unerträgliche Ewigkeit demonstrieren sollte, ergriff Medardus wieder das Wort.

Ihr behauptet also, mit dem heidnischen König und dem Söldner Teshin in Hornheim gewesen zu sein?“ Er flüsterte beinahe und dennoch durchdrangen die Worte Ilianas Körper wie schmerzende Druckwellen. Diesem Mann kein Gehör zu schenken, wirkte unmöglich.

Esben beeilte sich zu nicken. Er hatte die Geschichte wahrheitsgetreu wiedergegeben. Lediglich den Tod der Tempelsöhne in der Kutsche und ihre eigentlichen Gründe für die Expedition ließ er aus.

Und Ihr wolltet diese Dämonen … vernichten, liege ich richtig?“, fragte der Inquisitor weiter.

In der Tat“, erwiderte Esben hastig. „Wir konnten nicht ahnen, dass Ihr mit einem derartig großen Heer naht. Sonst hätten wir sicherlich auf Euch gewartet.“

Medardus nickte langsam. Dann deutete er unvermittelt auf den großen Folianten. „Der siebte Band aus König Androgs großer Chronik. Ich bin ehrlich beeindruckt. Ich hielt ihn immer für verschollen.“

Esben starrte ihn überrascht an. „Ihr kennt dieses Buch?“

Natürlich. Jeder Bischof muss Kenntnis von verbotenen Büchern haben, die den Glauben der Menschen ins Wanken bringen könnten.“

Ilianas Herz gefror. Der Inquisitor hatte ihnen eine Falle gestellt und Esben war blind hineingetappt. Panik verdunkelte Esbens Blick.

Medardus räusperte sich. Ein Blitz schien seine Augen zu teilen. „Genug von diesem Geplänkel“, sagte er noch leiser. Ein drohender Unterton schlich sich in seine Stimme. „Ich weiß sehr genau, wer Ihr seid. Esben, ein Priester von Aminas, dessen Schwester ich der Gerechtigkeit hätte zuführen sollen. Ihr werdet mittlerweile in vier Herzogtümern amtlich gesucht. Nicht nur aufgrund Eurer Dienstverweigerung, sondern auch wegen gewisser alchemistischer Experimente.“ Esben senkte den Blick, als Iliana ihn überrascht ansah.

Und Iliana von Raureif“, fuhr Medardus fort. Iliana erstarrte zur Salzsäule. Er erkannte sie tatsächlich! „Du standest schon während des Falls deiner Ziehmutter unter dem Verdacht der Hexerei.“ Er räusperte sich. „Teshin ist ebenfalls kein Unbekannter. Er hat einen Mordanschlag auf mich verübt und damit die Verbrennung einer gewissen Hexe verhindert …“ Dabei fiel sein Blick auf Esben, der das Buch noch stärker an sich drückte. „Ihr seid euch hoffentlich bewusst, dass ich euch hier an Ort und Stelle hinrichten lassen könnte, ohne dass mir jemand Vorwürfe machen würde?“

Esben erwiderte nichts. Als das Schweigen unerträglich wurde, zerbrach etwas in Iliana und sie erhob sich. Ihre zu Fäusten geballten Hände bebten.

Dann tut es doch! Verbrennt uns wie all die anderen! Richtet uns hin! Euer Gott wird sich freuen über so einen frommen, tüchtigen Mann …“

Iliana!“, rief Esben schockiert. Aber Iliana beachtete ihn nicht. Die Wut loderte hoch in ihr wie ein Leuchtfeuer. Sie kam gerade aus der Hölle, sie hatte gegen Sitraxa gekämpft, sie war von Dämonen angegriffen und von einem Verbündeten verraten worden. Dazu blieb ihre einzige Vertrauensperson verschwunden! Das Leben hatte gewaltsam auf sie eingeprügelt, nun musste sie zurückschlagen, ehe der Zorn sie von innen heraus auffraß.

Einen Augenblick lang geschah nichts. Dann erhob sich auch Medardus. Langsam, beinahe quälend langsam richtete er sich auf und griff zu seinem Mauritiusstab. Angst löschte die Flammen des Zorns in Iliana. Nun war ihr Leben wohl tatsächlich verwirkt.

Dann geschah das Unerwartete: Medardus lachte.

Es handelte sich um einen widernatürlichen, schrecklichen Laut, der Iliana durch Mark und Bein fuhr. Sie taumelte und wich zurück, bis sie gegen den Stuhl stieß und ungelenk auf die harte Sitzfläche fiel.

Ich wäre ein Narr, euch beide zu töten!“, knurrte Medardus schließlich. „Ein tüchtiger, frommer Mann? Mädchen, werde erwachsen. Oder glaubst du wirklich, ich verbrenne Frauen, weil ich an Hexen glaube?“ Damit wandte er sich ab. „Ich erwarte von euch einen genauen Bericht über Hornheim und seine Bewohner. Esben, fühlt Euch in Euer Amt als Priester wieder eingesetzt. Zudem ernenne ich Euch zu einer Schutzwache des Tempels, was Euch die Befugnis gibt, an diesem Feldzug teilzunehmen.“ Einen Augenblick lang herrschte Stille. „Ihr werdet den Rittern von Hrandamaer zugeteilt. Wagt es nicht zu desertieren.“ Damit scheuchte er sie hinaus.

Iliana wurde die Welt fremd, als sie aus dem Zelt stolperte. Bis zu diesem Augenblick hatte sie Medardus für einen religiösen Eiferer gehalten und nun nahm er zwei offenbare Ketzer in sein Heer auf?

Vor ihnen standen die beiden Tempelsöhne, die sie gefunden hatten. Der jüngere von beiden hieß Lifas und wirkte viel zu schmächtig für den gewaltigen Streithammer auf seinem Rücken. Weißblonde Haare umrahmten sein Gesicht. Abigor hingegen ähnelte eher einem Bären.

Esben setzte gerade zu einer Erklärung an, doch Abigor schnitt ihm brummend das Wort ab. „Kommt mit.“

Iliana folgte ihnen überrascht. Hatten die beiden etwa alles gehört?

Lifas negierte diese Theorie. „Onkel? Wie lauten unsere Befehle?“

Abigor gab einen unverständlichen Laut von sich, bevor er zu einer Erwiderung ansetzte. „Die beiden sind ab jetzt Soldaten und kommen bei uns unter.“

Lifas blinzelte überrascht. „Soldaten?“ Er musterte sie. „Sicher?“

Frag mich nicht.“

Abigor und Lifas brachten sie zu einem weiteren Zelt, das ebenfalls auf der großen Lichtung stand. Iliana sah im Dunkel der Nacht die hellen Flecken zweier Navali. Der Anblick gab ihr Halt in einer Situation, die sie vollkommen überforderte.

Zu ihrer Überraschung betraten sie nicht die Unterkunft der Ritter aus Hrandamaer, sondern ein Lazarett. Eine einzige, junge Nonne stand darin an einem Tisch und bereitete offenbar eine Kräuterpaste zu.

Abigor nickte Lifas zu. „Pass auf die beiden auf. Nicht, dass deine Schwester ihnen noch mehr Schaden zufügt.“

Die Nonne sah auf und ein beleidigtes Funkeln trat in ihren Blick. Dennoch schwieg sie.

Lifas legte den Kopf schief. „Und was macht Ihr, Onkel?“

Schlafen“, brummte Abigor. „Das machen Menschen normalerweise in der Nacht, weißt du?“

Mit einem Lachen, das Iliana das Blut in den Adern gefrieren ließ, wandte er sich ab. Lifas seufzte. Dann fiel sein Blick auf die Nonne.

Elinor“, sagte er müde. „Kannst du dich bitte kurz um die beiden kümmern? Sei so nett. Vielleicht sind sie verletzt, sie kommen gerade aus Hornheim.“

Elinor schürzte die Lippen. „Immerhin bittest du mich.“

Habt Dank.“ Esben verneigte sich. „Aber bitte untersucht zuerst Iliana.“

Unter normalen Umständen hätte Iliana vielleicht protestiert, doch die Ereignisse degradierten sie zu einer schwachen Marionette in den Händen des Puppenspielers namens Leben. Das Schicksal der Welt wirkte mit einem Mal fern, so als ob Iliana immer noch ein unwissendes Mädchen in Raureif wäre, das nie mit Königen, Dämonen oder Magie in Berührung gekommen war.

Elinor winkte Iliana und bedeutete ihr, sich auf ein schmales Feldbett zu legen, wobei sie Esben und Lifas aus dem Zelt scheuchte. „Zieh dich bitte aus.“

Iliana leistete dem Befehl Folge. Elinor musterte sie mit einer Art von grimmiger Besorgnis. „Gott Vater, ein Kind“, murmelte sie. „Haben die Dämonen dich entführt, Mädchen?“

Iliana schüttelte den Kopf, während sie sich entkleidete. „Ich bin ihnen freiwillig entgegengetreten. Wir haben gegen sie gekämpft …“

Du hast gegen sie gekämpft?“ Elinor klang ungläubig. „Leg dich hin. Nein, auf den Bauch. Keine Angst, was du jetzt spüren wirst, sind die heilenden Hände unseres Herrn.“ Sie murmelte ein Gebet in der Alten Sprache, dann legte sie Iliana die Hände auf den Rücken.

Iliana fühlte angenehme Wärme. „Seid Ihr eine mächtige Magierin?“, fragte sie leise, während die heilenden Hände scheinbar ihre Rippen abtasteten.

Blaue Flecken, eine Prellung … Wie? Nein.“ Elinor klang verbittert. „Frauen dürfen die heilige Magie nicht einsetzen.“

Was tut Ihr dann im Moment?“, fragte Iliana verwundert.

Ein Bluterguss … Mädchen, das ist doch keine heilige Magie, das ist nur ein kleiner Zaubertrick, den sogar schon die Heiden beherrschten. Medardus könnte dich mit einem Fingerschnippen vollständig läutern!“

Läutern?“

Alle schwarze Magie von dir nehmen und dich von ihren Auswirkungen heilen …“

Kann er auch Blutergüsse heilen?“

Das ist unter seiner Würde“, erwiderte Elinor. „Du hast einige mindere Wunden. Bist du in letzter Zeit oft gestürzt?“

Nun ja …“ Iliana dachte an die Druckwellen, die der Kampf zwischen Halgin und Azrael hervorgerufen hatte. Ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken mehr als ihr Körper. „Sozusagen.“

Armes Kind“, seufzte Elinor. „Nichts Ernstes, aber es wird noch eine Weile schmerzen. Versuche, dir ein wenig Ruhe zu gönnen.“

Muss ich keine Salbe auftragen?“

Elinor schüttelte den Kopf. „Die heilenden Hände des Herrn haben das Ihre bereits getan. Alles, was die Wunden jetzt noch brauchen, ist Zeit.“ Sie schwieg kurz, dann fragte sie: „Ich arme Sünderin mache mich wohl der Neugier schuldig, wenn ich frage … aber weshalb seid ihr hier? Werdet ihr etwa bei uns bleiben, wenn die Schlacht kommt?“

Iliana nickte langsam. „Esben muss kämpfen. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird.“ Dabei drehte sich ihr Magen um. „Ich weiß überhaupt … nichts.“

Dabei musste sie schlucken. In diesem Moment der Ruhe, in dem alle unmittelbaren Gefahren für ihr Leben überstanden schienen, überkam die Erinnerung sie wie ein hungriges Ungeheuer. Was sollte nun aus ihr werden? Halgin war vielleicht tot, Teshin ein Verräter, Medardus wollte sie offenbar nur benutzen und nach Raureif konnte sie auch nicht zurück. Ihr Leben schien in Scherben vor ihr den Fußboden zu zieren.

Ehe Iliana reagieren konnte, füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie begann zu schluchzen. Nach Arinhilds Hinrichtung hatte sie sich eigentlich geschworen, nie wieder zu weinen, aber nun brachen alle Dämme.

Iliana erduldete die Qualen der Trauer allein auf dem Feldbett, bis sich Arme voller Mitgefühl um sie schlossen.

Alles wird gut“, murmelte Elinor.

Ein lange verloren geglaubter Teil kehrte in Ilianas Herz zurück.

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Rotes Licht spiegelte sich in den metallenen Ketten, als sie die schmächtige Gestalt heraustrugen.

Beriths Flügel zuckten. Selbst nach beinahe zweihundert Jahren in dieser Gestalt hatte er sie noch nicht vollkommen unter Kontrolle. Er erlaubte sich diese Unachtsamkeit dennoch angesichts der Situation.

Drei Schattendiener oder Hrandar, wie man sie in der Alten Sprache nannte, trugen Velis langsam durch die Tür. Berengar folgte ihnen mit sorgenvoller Miene. Die Herzogin lag zitternd auf der Bahre, mit dem Gesicht nach unten, um ihre Tränen zu verbergen.

Niemand musste Berith erklären, was vorgefallen war. König Azrael hatte versprochen, sie von ihrem Sklavenmacher zu befreien. Keine Tortur vermochte einen Dämon zu brechen, aber dieses schlichte Schmuckstück konnte sich dieser Fähigkeit durchaus rühmen. Ein Blick auf Velis’ Nacken verriet Berith, dass auch dieser Versuch gescheitert war.

Als er den kleinen Raum betrat, fand er Azrael in gedrückter Stimmung vor.

Sie befanden sich in einem Verlies, das zu Irodeus’ Zeiten zur persönlichen Erheiterung des Königs gedient hatte. Drei Wörter in der Alten Sprache schmückten die Wände: Sünde, Verfall und Marter. Dabei handelte es sich um einen Auszug aus Sankt Esbens Bußlehre, der jedoch nicht vollständig war. Dass der Tod fehlte, verriet bereits Irodeus’ Grausamkeit.

Azrael saß auf einem einfachen Schemel, neben ihm verkündete eine Streckbank stumm finstere Botschaften.

Beriths Blick fiel auf das hölzerne Folterinstrument. „Verzeiht, wenn ich frage, Herr, aber ich dachte, Ihr wolltet diesen Raum nicht mehr für die Marter benutzen?“

Azrael hob den Kopf. Sein ermatteter Blick schien Berith kaum zu streifen. „An diesem Beschluss hat sich auch nichts geändert“, flüsterte er. „Aber ich musste Velis fixieren.“ Dabei deutete er auf die vier durchgerissenen Eisenketten, die halb gelöst aus dem Holz hingen. „Sie hat sich dennoch losgerissen.“

Ich habe die Kettenringe an ihren Handgelenken bemerkt“, erwiderte Berith emotionslos. Dennoch ließ ihn ein Schauer erzittern. Velis mochte wie ein Kind wirken, doch ihre Schmerzgrenze lag ungemein hoch. Er konnte ihre Qualen nicht einmal ansatzweise ermessen.

Als Azrael weiterhin schwieg, räusperte sich Berith vernehmlich. „Funktioniert meine Methode nicht?“

Azrael schnaubte. „Berith, deine Fähigkeiten in Ehren, aber diesmal bist du einem Narren aufgesessen. Auf diese Weise würde ich sie höchstens töten!“

Berith seufzte. Diese Aussage entsprach nicht der Wahrheit, aber dies schien ihm nicht die rechte Zeit für einen intellektuellen Disput zu sein. Dennoch. Ein anderes Anliegen musste er vorbringen …

Majestät“, begann Berith langsam. „König Halgins Begleiter sind sicher im Lager der Tempelsöhne angekommen. Wie erwartet, will der Inquisitor sie im Kampf einsetzen. Beginnen wir mit der Offensive?“

Azrael sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Willst du mich zum Narren halten? Du weißt, es ist noch nicht alles bereit. Velis sollte zuerst ihren Sklavenmacher loswerden und ich … ich muss mich erst um die Stimme kümmern.“ Dabei legte er einen Finger an den Mund, so als wollte er jemanden zum Schweigen bringen.

Berith legte den Kopf schief. „Sie ist noch da, Herr? In Eurem Kopf?“

Azrael nickte langsam. „Wer mag das nur sein … ?“, murmelte er. „Selbst während meiner Zeit ohne Erinnerungen war sie noch präsent.“ Er räusperte sich. „Wie dem auch sei. Wie gesagt, wir müssen zunächst die Vorbereitungen abschließen …“

Folkvang ist erwacht.“ Berith ließ nur selten Gefühle zu, doch diesmal konnte er das Zittern aus seiner Stimme nicht verbannen.

Kurz breitete sich Schweigen aus. Rote Blitze schienen Azraels Augen zu spalten. Dann seufzte er und nickte langsam.

Sammle alle Herzöge. Wir greifen an.“

Erstaunen überkam Berith. „Seid Ihr sicher? Wir sollten wenigstens unserem Kontaktmann im Heerlager Bescheid geben …“

Er hört zu, während wir sprechen. Seine Gedanken sind mit den meinen verbunden.“ Azraels Augen funkelten. „Aber du hast recht. Eines müssen wir vor dem Kampf tatsächlich noch erledigen. Initiiere das erste Treffen.“

Berith nickte und verneigte sich. Er gestattete sich keine wertenden Gefühle in Bezug auf diese Anweisung. Er war ein Verfechter von Wissenschaft und Logik. Niedere Emotionen standen ihm dabei nur im Weg.

Berith wandte sich ab. Nun würde er die Rettung der Welt vorantreiben.

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17. Teil – High Noon (2/3)

»Dann können wir Sie beruhigen«, sagte Khendrah. »Denn wir stehen auf derselben Seite. Wir müssen die Sicherheit von Manning-Rhoda gewährleisten und müssen wirklich dringend in dieses Kongresszentrum. Ich will offen zu Ihnen sein: Wir haben Informationen, die der Parteichef unbedingt erhalten muss, wenn er die Wahlen noch erleben will.«
Thomas sah Khendrah entgeistert an. Wie konnte sie diesem Mann gegenüber offen solche Aussagen machen? Doch sie hatte ihren Piloten offenbar richtig eingeschätzt.
»Wenn das so ist, werde ich jetzt mal richtig Dampf machen«, teilte er mit und schob den Steuerknüppel nach vorn. Das Taxi machte einen regelrechten Satz und flog mit beachtlicher Geschwindigkeit weiter. In der Ferne tauchten einige Hochhäuser auf. Eines davon überragte alle anderen und an seiner Spitze befand sich eine auf den Kopf gestellte Pyramide.
»Das ist ja eine interessante Konstruktion«, sagte Thomas. »Können Sie mir sagen, was das für ein Gebäude ist?«
Der Pilot schüttelte den Kopf. »Sie können wirklich nicht von hier stammen. Das ist das Gebäude der PEV. Dieser Thoben muss ja unbedingt immer protzen. Man sollte diesem Gebäude nicht zu nahe kommen, ohne eine Einfluggenehmigung. Es sind schon Flugmaschinen abgeschossen worden und es kam nicht einmal zu einer Gerichtsverhandlung.«
Er deutete nach vorn, wo ein flacher, breiter Gebäudekomplex auftauchte.
»Dort ist unser Ziel«, sagte er. »Ich werde Sie so nah ans Gebäude heranbringen, wie man es zulässt. Richten Sie sich darauf ein, schnell aussteigen zu müssen. Ansonsten wünsche ich Ihnen viel Glück beim Schutz unseres Kandidaten für die Wahlen.«
Die letzten Kilometer flogen sie schweigend. Der Pilot war geschickt und passierte alle Sperren, die man errichtet hatte, um unbekannte, anfliegende Objekte aufzuhalten.
Khendrah war nicht eben begeistert darüber, denn, wenn es ihnen gelang, unkontrolliert auf das Gelände zu gelangen, würde es einer gut ausgerüsteten Gruppe von Attentätern erst recht gelingen. Als sie gelandet waren, dankten sie dem Piloten noch einmal, sprangen aus der Maschine und liefen geduckt auf das Gebäude zu.
In einiger Entfernung sahen sie einige uniformierte Sicherheitskräfte, die sich ihnen schnell näherten.
»Bleiben Sie stehen!«, rief einer der Männer ihnen zu. »Sie haben hier nichts verloren!«
»Was jetzt?«, fragte Thomas.
»Was schon? Willst du etwa mit diesen Leuten dort darüber diskutieren, warum wir hier sind? Wir sollten machen, dass wir ins Gebäude kommen, bevor sie uns erreichen.«
Sie beschleunigten ihren Lauf und rannten, so schnell sie konnten, zu einer nahe liegenden Stahltür, durch die sie ins Gebäude zu gelangen hofften. Khendrah zog ihre Waffe aus der Kombination und fingerte daran herum. Sie hatten Glück: Die Tür ließ sich öffnen. Schnell schlüpften sie hinein und warfen sich von innen schwer dagegen, um sie zu schließen, denn ihre Verfolger waren ihnen dicht auf den Fersen.
»Schnell, geh ein Stück beiseite!«, rief Khendrah und feuerte mit ihrer Waffe mehrfach auf Kanten der Metalltür, die an diesen Stellen sofort mit dem Rahmen verschmolz. Es stank stark nach verbrannter Farbe und Ozon.
»So, jetzt haben wir eine kleine Verschnaufpause«, sagte Khendrah. »Durch diese Tür werden sie uns nicht mehr folgen können.«
In diesem Moment schrillte ein Alarm los. Erschreckt blickten sie sich um.
Thomas deutete auf einen kleinen Kasten unter der Decke. »Wenn das dort ein Rauchmelder ist, wie ich ihn kenne, haben wir den Alarm selbst ausgelöst und man weiß genau, wo wir uns befinden.«
»Verdammt, du hast recht!«, fluchte Khendrah. »Also keine Verschnaufpause. Wir müssen im Gebäude untertauchen.«
»Untertauchen allein ist es ja wohl nicht, oder?«, fragte Thomas. »Wir müssen in die unmittelbare Nähe von Gunter, damit wir ihn schützen können.«
Er öffnete eine weitere Tür, die tiefer ins Gebäude hinein führte und sie befanden sich in einem langen Gang, von dem in Abständen weitere Gänge abzweigten. Sie folgten dem Hauptgang, weil sie vermuteten, dass er sie in die Nähe der Kongressräumlichkeiten führen würde. Bisher war ihnen noch niemand begegnet, doch das konnte sich jederzeit ändern, denn der Alarm war noch immer nicht abgestellt worden. Jeden Augenblick rechneten sie damit, dass Jemand erscheinen würde, um nach dem Rechten zu sehen. Endlich erreichten sie ein Treppenhaus, an dessen Wand eine schematische Zeichnung des gesamten Stockwerks zu sehen war. Sie waren auf dem richtigen Weg, doch befanden sie sich offenbar in einem falschen Stockwerk. Der Personenaufzug neben dem Treppenhaus setzte sich in Bewegung.
»Schnell, die Treppe!«, rief Thomas. »ich habe nicht vor, ausgerechnet hier jemandem zu begegnen. Ich würde mich wohler fühlen, wenn wir in Bereichen untertauchen könnten, wo viele Menschen herumlaufen.«
»Gut, dann los!«, sagte Khendrah und sprintete los, dass Thomas Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie erreichten gerade rechtzeitig die nächste Etage, bevor sich die Aufzugtür unter ihnen öffnete und zwei Männer heraustraten. Sie verhielten sich ruhig, bis die Schritte der Männer in der Ferne verschwanden. Ihren Gesprächen zu Folge, sollten sie den Grund des Alarms überprüfen und waren offenbar reichlich genervt, weil sie bereits mehrfach vergebens zu diversen Kontrollen geschickt worden waren.
Khendrah studierte den Grundrissplan im oberen Stockwerk und erkannte, dass sie hier richtig waren.
»Sieh hier«, sagte sie und deutete auf den Plan. »Wenn wir diesen Gang nehmen, gelangen wir zu den Kongressbereichen. Dann gilt es nur noch, die privaten Räumlichkeiten von Gunter zu finden.«
»Wir haben aber auch nur noch knapp eine Stunde Zeit, bis das Attentat verübt werden soll«, wandte Thomas ein. »Es wird allmählich eng für uns.«
»Ab jetzt stellen wir unsere Waffen auf Betäubung«, entschied Khendrah. »Kein Risiko. Wer sich uns ab jetzt in den Weg stellt, wird betäubt.«
Sie kontrollierten die Einstellungen ihrer Waffen und nahmen sie fest in die Hand. Dann machten sie sich auf den Weg. Je näher sie der großen Haupthalle kamen, um so stärker vernahmen sie die Geräusche der vielen geladenen Gäste, die dort redeten, diskutierten und diverse Getränke oder Speisen zu sich nahmen.
»Gleich müssen wir uns unter das Volk mischen«, sagte Thomas. »Ich glaube nicht, dass uns das in diesem Aufzug hier gelingen wird, ohne dass wir auffallen.«
Khendrah sah ihn abschätzend an und nickte. »Du hast recht, wir müssen uns etwas einfallen lassen.«
»Hast du eine Idee?«
»Vielleicht«, meinte Khendrah mit einem schiefen Lächeln. »Warte einen Augenblick hier und halte dich bereit. Ich besorge uns was.«
Bevor Thomas noch fragen konnte, war Khendrah durch die nächste Tür in der Haupthalle verschwunden, doch wenige Augenblicke später kehrte sie bereits zurück und rannte ein paar Meter in den Gang hinein.
»Du musst jetzt gleich schnell schießen«, rief sie, als die Tür zum Gang heftig aufgestoßen wurde und mehrere Sicherheitsbeamte hinter Khendrah durch die Tür stürmten.
»Bleiben Sie sofort stehen!«, rief einer der Beamten. »Ich muss sonst von meiner Waffe Gebrauch machen!«
Khendrah blieb stehen und drehte sich langsam um. Ihre Waffe hielt sie mit spitzen Fingern.
»Nicht schießen!«, sagte sie. »Ich ergebe mich!«
Thomas stand hinter den Sicherheitsbeamten. Sie hatten ihn nicht bemerkt, weil sie auf Khendrah fixiert waren. Er hob seine Betäubungswaffe und drückte ab, bis alle Sicherheitsleute bewusstlos waren. Das Ganze ging so schnell, dass sie nicht mehr in der Lage waren, zu reagieren.
»Eines muss man dir lassen«, sagte Khendrah anerkennend. »Du hast schnell gelernt. Man ist draußen in der Haupthalle recht sensibel. Ich habe mich kaum dort sehen lassen, als sie bereits hinter mit her stürmten.«
Thomas betrachtete die bewusstlosen Leute und fand, dass jemand dabei war, der ungefähr seine Statur besaß.
»Die Sachen von diesem hier sollten mir passen. Dort vorn ist auch eine Frau.«
»Leider ist sie etwas dicker, als ich«, monierte Khendrah. »Die Uniform wird an mir aussehen wie ein Sack.«
»Übertreib nicht! Für das, was wir vorhaben, wird es schon reichen.«
Sie schafften die Bewusstlosen in eine Besenkammer und zogen zwei der Leute ihre Uniform aus, die sie über ihre eigenen Kombinationen zogen. Nach einigem Zupfen sahen sie im Grunde glaubwürdig nach Sicherheitsbeamten aus. Sie hefteten sich die Sicherheitsausweise an die Brust und traten in die Haupthalle hinaus. Nun wurden sie nicht weiter beachtet und konnten sich ungestört durch die Menge bewegen. Ihr Ziel war der große Plan des Gebäudes, der an den Laufbändern angebracht war, über die alle Gäste zu den jeweiligen Kongressbereichen gelangen konnten.
Selbst, als sie vor dem Plan standen und ihn eingehend studierten, achtete niemand auf zwei Sicherheitsbeamte, die sich intensiv um einen Überblick bemühten.
»Ich hab’s«, sagte Thomas und deutete auf eine bestimmte Stelle des Plans. »Dort steht ‘Privatlounge’. Dort muss es sein.«
Khendrah reagierte sofort: »Dann los, wir haben nicht mehr viel Zeit.«
Sie stürmten das Laufband entlang und stießen einige Menschen beiseite, die ihnen ärgerlich hinterher schimpften. Nach kurzer Zeit gelangten sie in einen ruhigeren Teil des Gebäudes. Es gab hier mehr Sicherheitsleute als unten in der Halle, doch niemand behelligte sie. Niemand kam auf die Idee, dass sie keine normalen Sicherheitskräfte waren.
Khendrah fand schließlich die Räumlichkeiten von Gunter.
»Er muss dort drin sein.«
»Worauf warten wir dann noch ?«
Er prüfte noch einmal seine Waffen, dann versuchte er, die Tür zu öffnen, doch sie war verschlossen. Sie klopften. Sie klopften noch ein zweites Mal. Dann wurde die Tür geöffnet und ein Mann blickte unfreundlich zu ihnen nach draußen.
»Ja? Was wollen Sie?«, fragte er. »Der Parteivorsitzende will jetzt nicht gestört werden.«
»Wir müssen ihn aber unbedingt sprechen«, sagte Khendrah. »Es dauert auch nicht lange.«
Der Mann sah sie skeptisch an. Man konnte sehen, dass er nicht bereit war, sie zu Gunter vorzulassen.
»Sie gehören doch zu den Sicherheitsleuten des öffentlichen Bereichs, wie ich Ihren Ausweisen entnehme. Was haben Sie überhaupt hier bei der Privatlounge zu suchen?«
Die Miene des Mannes wurde noch abweisender.
»Das werden wir Herrn Manning-Rhoda gern persönlich erklären«, sagte Thomas.
Der Mann lächelte maskenhaft.
»Ich werde Sie ganz bestimmt nicht zu ihm vorlassen. Ich werde – ganz im Gegenteil – in der Zentrale nachfragen, wer Sie geschickt hat.«
»Oh, das werden Sie nicht tun«, meinte Khendrah und betäubte ihn mit ihrer Waffe. Thomas fing den schlaffen Körper auf und ließ ihn neben der Tür zu Boden gleiten. Khendrah stieß die Tür auf und sicherte Thomas mit ihrer Waffe. Ein weiterer Mann sprang auf, war aber bereits betäubt, bevor er ganz auf den Beinen war und fiel gleich wieder zurück in seinen Sessel.
Thomas drückte die Tür zu und verschloss sie.
Ein Mann stand hinter einem riesigen Schreibtisch und starrte sie an.
»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«, fragte er mit fester Stimme.
Es war ihm nicht anzumerken, ob er durch ihre Anwesenheit und die Art, wie sie erschienen waren, beeindruckt war.
»Sie sind Gunter Manning-Rhoda, der Parteivorsitzende der SLB, nicht wahr?«, fragte Khendrah. »Ach ja, machen Sie sich keine Gedanken um Ihre Mitarbeiter. Ihnen ist nichts geschehen. Wir haben sie nur für einige Zeit betäubt.«
»Ich bin Manning-Rhoda, aber wer sind Sie? Ich halte hier einen kleinen Kommunikator in der Hand. Ein Fingerdruck von mir und es wird hier vor Sicherheitsleuten nur so wimmeln. Also was wollen Sie? Reden Sie schnell – mein Finger ist sehr nervös.«
»Sie müssen sich keine Sorgen machen, Herr Manning-Rhoda«, sagte Khendrah. »wir sind die Guten. Sie haben mächtige Feinde, wissen Sie das?«
Gunter lachte freudlos.

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Die Wölfe von Asgard – Die Heimkehr

»Verschwunden sagst du? Seid ihr euch da sicher?« Yorrick gelang es nur mit Mühe, einen Fluch zu unterdrücken. 
Die Nachricht über Islavs Verrat hatte sich wie ein Laubfeuer unter den Männern ausgebreitet und sie suchten bereits einen halben Tag nach dem gebrochenen Jarl. 
»Wir haben alle Schiffe auf den Kopf gestellt. Sogar die der Ustenströmer. Nichts«, erwiderte Knutson zähneknirschend. »Und um die ganze Insel abzusuchen, fehlen uns die Männer. Viele sind damit beschäftigt, die Toten auf die verbliebenen Schiffe zu schleppen. Die anderen bewachen die Ustenströmer, die du Narr verschont hast. Nur die Götter wissen, woher du solche schwachsinnigen Einfälle nimmst.«
Für einen kurzen Moment huschte ein Lächeln über die Lippen des Schiffsbaumeisters. »Die Götter, ja. Oder aber eine mutige Stimme, durch die sie gesprochen haben.«
»Manchmal redest du in Rätseln, alter Freund«, grübelte Knutson laut. 
»Mag sein«, erwiderte Yorrick. »Doch wenn ich mir unsere Reise so ansehe, dann scheint es mir fast, als sei dies alles von ihnen geplant gewesen. Es war eine Prüfung.« 
Knutson bellte ein Lachen und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Dass ich diese Worte noch einmal aus deinem Munde hören darf. Von jenem, der den Göttern einst abschwur.«
»Es brauchte ein Zeichen«, schmunzelte Yorrick. 
Für einen Augenblick schien Knutson zu stutzen. Dann weiteten sich seine Augen. »Das Heulen des Wolfes, das wart doch ihr, oder nicht?«
Yorrick blickte ihn überrascht an. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, entgegnete er verwundert. Dann erhob er sich achselzuckend, um die Männer zu versammeln.

***

»Das Schwert und die See. Der Traum von Freiheit. Von Ruhm und Tapferkeit. Von einem glorreichen Tod, den die Skalden besingen und die Götter bedauern. Das ist es, was uns Nordmännern in die Wiege gelegt wurde. Das ist es, wofür wir mit jedem Atemzug leben und kämpfen.« Aegir schritt durch die gelichteten Reihen der Krieger. »So sagt man es uns nach. So sagen wir es uns selbst nach.« Er deutete auf die drei großen Schiffe, die ganz langsam aus der Bucht steuerten, hinein in die dunkle, endlose See. »Doch sind wir nicht viel mehr als nur der Schrecken der Meere? Als ehrenhafte Krieger?« Sein Blick wanderte durch die Reihen und haftete sich an seinem Bruder fest, der ihm gebannt lauschte. »Wenn ich mich so umsehe, sehe ich mehr als nur das. Ich sehe Feinde, die zu Freunden wurden«, er nickte Knutson und Snorri zu, »Ich sehe Männer, die ihren Glauben wiedergefunden haben«, sein Blick steuerte für einen Moment zu Yorrick, »und ich sehe eine große Heldin, die wahrhaft würdig ist, ihren Weg in die heiligen Hallen an die Seite unserer Brüder zu finden.« Aegir zeigte in Richtung der Schiffe, die die Toten ins Jenseits trugen. »Denn in der gestrigen Nacht wurde uns gelehrt, dass auch wir dem Fluch der Sterblichkeit verfallen sind. Dass auch Helden fallen können.« Für einen Moment hielt er inne, verdrängte den Schmerz des Verlustes und sammelte seine Worte. Es war seine Aufgabe, die Männer zusammenzuhalten. Der Erbfolge nach würde er der neue Jarl von Skiringssal werden. Als solcher stellte es seine Pflicht dar, die Gefallenen würdevoll zu verabschieden. Er blickte in traurige, aber gefasste Mienen, die allesamt zu ihm heraufschauten.
»Heute ehren wir jene, die den morgigen Tag nicht erleben dürfen. Heute ehren wir ihren Mut, das eigene Leben für die Kameraden aufs Spiel zu setzen. Sie haben sich als würdig erwiesen, ein bedeutsames Leben nach dem Tod zu erfahren, ganz gleich, ob es sie an die Pforten von Walhall führen mag oder in den Himmel.« Er atmete tief durch, fokussierte seine Gedanken. »Denn wir sind bei ihnen und senden ihre Seelen mit den besten Wünschen ins Jenseits«, rief er so laut, dass es noch bis in den letzten Winkel der Welt hallen musste. 
»Auf dass die Götter sie für würdig halten und als Gäste empfangen«, murmelte die Menge. 
Dann schritten Snorri, Yorrick und Knutson vor, in ihren Händen hielten sie jeweils eine brennende Fackel, welche die schwarze Nacht mit einem matten Flackern erhellten. Wie Sternschnuppen segelten sie durch die Luft und steckten die Schiffe in Brand. Die Flammen leckten am Holz der Geri, auf der Deila ihre letzte Reise antreten würde. Islav hatte das stolze Schiff kein Glück gebracht und da er in Ungnade gefallen war, hatten sie einstimmig beschlossen, die Valkyre von Skiringssal auf ihr zu bestatten. 
Eine letzte Ehre. Die einzige, die wir dir jemals erteilt haben. 
Aegirs Miene verfinsterte sich vor Kummer. Ylvie hatte auf dieser Insel einen wichtigen Teil ihrer Familie verloren. Wie sollte er ihr nur beibringen, dass sie Islav zurückgelassen hatten? Was er dem Dorf angetan hatte? Dass ihre Schwester seinetwegen gestorben war. Er wusste es nicht. Ebenso wenig wie er wusste, ob er das Zeug zum Jarl hatte. Er sehnte sich nach Ruhe. Jetzt mehr denn je. Doch das Schicksal schmiedete offenbar andere Pläne mit ihm. Seufzend ließ er sich in den Sand fallen und dachte nach.

***

Snorri torkelte schlaftrunken über das Deck. Es war noch sehr früh und dichter Nebel hatte sich über die See gelegt. Die meisten Männer schliefen noch. Als er Aegir am Bug lehnen sah, erhellte sich seine Miene schlagartig. Seit den Geschehnissen in jener Nacht, bevor sie das Kloster erreicht hatten, hatten sie nie die Zeit gehabt, um zu reden. Und alles in ihm sehnte sich nach Versöhnung mit seinem Bruder.
»Ein letztes Omen. Der Weg, der nun vor uns liegt, ist so undurchsichtig wie der Morgennebel«, raunte ihm Aegir zur Begrüßung entgegen. 
»Doch wird er sich lichten und einen Blick auf die Heimat gewähren«, erwiderte Snorri und ließ sich neben seinem Bruder nieder. »Das, was ich dir vor ein paar Tagen vor den Kopf geworfen habe«, begann Snorri vorsichtig, doch Aegir winkte ab. 
»Du warst noch nicht soweit, es zu erkennen. Die Wahrheit kostet immer einen Preis. Wähle weise, ob du bereit bist ihn zu bezahlen und ob du mit der Wahrheit leben kannst.«
Snorri atmete auf. Dass sein Bruder ihm vergab, bedeutete ihm viel, angesichts der Torheit, die er ihm entgegengebracht hatte. »Ich möchte mich bei dir bedanken. Du hast versucht mir die Augen zu öffnen, aber ich war wie geblendet von Versprechungen. Scheinbar musste ich erst erleben, was es bedeutet, ein Leben zu fordern, um zu verstehen, dass ich es nicht kann.« Beschämt schaute er zu Boden. 
»Du hast dich verhalten, wie ich es von einem jungen Narren nicht anders erwartet hätte. Es freut mich, dass du wahrhaft schnell begriffen hast«, erwiderte der Riese sanft. »Es gab Momente, da fürchtete ich um dein Leben.«
»Du weißt doch, so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen«, grinste Snorri schelmisch, bevor er beschwichtigend die Hände hob, um Aegirs bohrendem Blick zu entgehen. »Und wie geht es dir? Die Hände wieder in Blut zu tauchen schien dir nicht allzu schwer zu fallen. Du wirktest wie im Rausch.«
»Ich kannte den Preis, der mir abverlangt werden würde und doch habe ich keinen Moment gezögert. Du wirst noch lernen, dass es keinen Unterschied macht, ob man nun Unschuldige oder Verräter abschlachtet. Den Unterschied macht es, wofür du dich entscheidest zu kämpfen. Ich lasse doch nicht meine Familie im Stich.« 
Snorri klopfte ihm auf die Schulter. »Und dafür werde ich dir ewig dankbar sein. Sei dir gewiss, dass ich auf dieser Reise viel gelernt habe.« 
»Nicht nur du«, schmunzelte Aegir. »Wir alle haben etwas gelernt, über den Preis des Lebens. Du hast Yorrick davon abgehalten, noch mehr Gefangene zu opfern. Knutson hat gelernt, mit Demut an andere heranzutreten und ich? Ich habe schmerzhaft gelernt, dass nicht jedes ausgesprochene Wort von endloser Dauer sein kann.«
Snorri gab ihm Recht. Er hielt kurz inne, hielt die Worte, die er nun aussprechen würde, für einen Moment zurück. »Ich werde Skiringssal verlassen, Bruderherz«, flüsterte er dann leise. 
»Du willst was?«, Aegir riss vor Verwunderung die Augen weit auf. 
»Nicht so laut. Die Anderen werden es nicht heute erfahren.« Snorri blickte sich verstohlen um, doch an Bord regte sich nichts. »Das was ich auf dieser Fahrt gelernt habe, möchte ich in der Welt verbreiten. Gottes Wort soll mich führen. Ich hörte von Wanderpredigern, die durch Schweden und Dänemark reisen. Ich werde sie bitten, mir ihre Bräuche zu lehren, um Gottes Willen zu verkünden. Damit wir nicht mehr sinnlos töten müssen.«
»Ein nobles Ziel«, antwortete Aegir, nach reichlicher Bedenkzeit. »Doch versprich mir, dass du nicht blauäugig drauflos stürmst. Bedenke deiner Taten und der Menschen, die dich umgeben. Lass sie deine Gutgläubigkeit nicht ausnutzen und erkenne die Wahrheit, bevor sie es tun.«
Snorri gelobte es feierlich. 
Aegir lehnte sich mit einem steifen Nicken auf die Reling und schien für einen Augenblick in Gedanken zu schweifen, während er versuchte, irgendetwas im Nebel zu identifizieren. »Die Suppe lichtet sich allmählich. Das wurde auch langsam Zeit. Aufstehen, ihr Faulpelze! Na wird’s bald?« Er begann damit, die Männer auf ihre Positionen zu scheuchen. 
Snorri lehnte sich an die Reling und beobachtete das Ganze mit einem Lachen auf den Lippen. Dann richtete sich sein Blick in die Ferne, wo der Nebel sich allmählich lichtete und plötzlich wie aus dem Nichts die skiringssaler Klippen vor ihnen auftauchten.Jubelrufe erklangen, doch Snorri fiel nicht mit ein. Diese Reise hatte ihn verändert. Hatte ihn erwachsen werden lassen. Innerlich dankte er Aegir für alles, was er ihn gelehrt hatte. Morgen würde er sich auf den Weg machen. Kein Abschied, kein Unverständnis, keine große Trauer. Snorri atmete die salzige Seeluft ein und schloss für einen Moment die Augen. Wahrlich, der Geruch der Veränderung lag in der Luft, er konnte ihn förmlich schmecken. Hatte er sich doch gestern noch auf die wohlverdiente Ruhe der Heimat gefreut, so erschien es ihm heute unmöglich zu rasten. Denn eine neue, große Reise lag nun vor ihm.

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Gottes Hammer: Folkvang I

Die hohen Bäume des Heidenwaldes schienen sie zu bedrängen, als sie in ihre Schatten ritten. Eine nahezu unnatürliche Stille beherrschte das gottlose Gebiet. Dennoch vermittelten die umherhuschenden Schatten im Dickicht Lifas das Gefühl, von Dämonen umkreist zu werden.

Aufregung beschleunigte seinen Puls. Seine Hand zuckte zu dem Streithammer an seiner Seite. Er brannte regelrecht darauf, seine Kampfkraft unter Beweis zu stellen.

Abigor entging die Geste nicht. Obwohl sein Onkel nur noch ein Auge besaß, verfügte er über das unfehlbare Talent, jede Bewegung wahrzunehmen.

„Du bist nervös.“ Das war keine Frage.

Lifas seufzte. Vor seinem Onkel konnte er nichts verbergen. „Das ist das erste Mal, dass ich gegen Dämonen kämpfen werde.“

Abigor schnaubte und zügelte sein Pferd, sodass sie nebeneinander über den Waldboden trabten. „Wenn ich für jeden meiner Kämpfe gegen einen falschen Dämon einen Heller bekommen hätte, wäre der Tempel längst reicher als alle anderen Abteien der Denomination zusammen. Glaub nicht alles, Neffe.“

Lifas nickte langsam, war aber nicht überzeugt. „Aber, Onkel“, begann er zaghaft und deutete auf die zahlreichen gepanzerten Gestalten, in deren Mitte sie den düsteren Wald durchquerten. „Wir reiten nach Hornheim! Und außerdem habt Ihr doch selbst gesagt, dass dies das erste Heer in der Geschichte des Reiches ist, das nur aus Tempelsöhnen besteht.“

„Aus alten Knackern und kleinen Hüpfern“, korrigierte Abigor und deutete mit dem Kinn auf Lifas. Dabei blitzte das goldene Siegel über seiner rechten Augenhöhle. Es wies kunstvolle Lettern in der Alten Sprache auf und verbarg eine grässliche Wunde.

Altbekannter Trotz überkam Lifas. Er zählte bereits siebzehn Jahre, war aber seit seiner Einweisung in den Novizenstand der Tempelsöhne nicht wesentlich gewachsen. Viele ergriff großes Erstaunen, wenn sie seine schmächtige Gestalt mit dem gewaltigen Streithammer sahen. Lifas lächelte grimmig. Er trug große Kraft in sich.

Abigor grinste breit. „Kräm dich nicht, Junge. Immerhin bist du sonst sehr ansehnlich. Sieh dir dagegen mich an …“ Er seufzte resigniert.

Man erzählte sich viele Geschichten über Abigor von Hrandamaer, jedoch nicht seiner Schönheit wegen. Lifas’ Onkel war ein kräftiger, hochgewachsener Mann mit einem vernarbten Gesicht und zottigen Haaren, die mehr an ein Bärenfell erinnerten. Das fehlende Auge trug ebenfalls nicht zur Ästhetik bei.

Lifas hingegen hatte das Aussehen seines Vaters geerbt. Die edlen Gesichtszüge und das weißblonde Haar erinnerten ihn stets an den gealterten Fürsten.

Dennoch, Attraktivität war lediglich eine Versuchung des Widersachers. Lifas hatte seinen Lockrufen bereits vor Jahren entsagt.

„Ihr wisst, dass mir Schönheit nichts nützt“, erinnerte er Abigor. „Als Tempelsohn muss man keusch bleiben.“

Abigor schnaubte lediglich. Ein anderer Ritter, der direkt vor ihnen durch den Nadelwald trabte, wandte sich mit einem traurigen Lächeln zu ihm um.

„Schön, dass es noch solche Unschuld in unseren Reihen gibt“, murmelte er, während ein trüber Schleier seinen Blick verhüllte.

Lifas errötete. Er war doch nicht naiv, er hielt sich lediglich an die von Gott festgesetzten Regeln!

Plötzlich durchtsieß ein Horn die kühle Abendluft. Es handelte sich um einen Sammelruf für die wichtigsten Apostel des Ordens. Abigor gab seinem Ross die Sporen und folgte dem Signal. Lifas jagte ihm hinterher. Sein Onkel hatte ihm erlaubt, ihn zu den Versammlungen zu begleiten.

Die Rangordnung der Tempelsöhne unterschied sich auf mannigfaltige Weise von der eines normalen Heeres. An der Spitze stand der Clavis, der mindestens den Rang eines Bischofs bekleiden musste. Ihn berieten die sogenannten Apostel, deren Zahl je nach Größe des Heers variierte. Auch sie waren Bischöfe.

Als Kind hatte Lifas nur alte Bischöfe gekannt, die in prächtigen Gewändern Zeremonien abhielten. Sein Onkel unterschied sich dermaßen stark von ihnen, dass Lifas seinen Rang nur schwer mit seinem Äußeren in Einklang bringen konnte. Dennoch, Abigor war ein Gelehrter der Denomination und ein Krieger. Er hatte sich nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in gelehrten Disputen einen Namen gemacht.

Eben aus diesem Grund brüskierte Lifas die vulgäre Ausdrucksweise seines Onkels immer wieder aufs Neue. Dass dieser Mann der Bruder seines ruhigen und stets majestätischen Vaters war, erschien ihm noch immer befremdlich.

Endlich erreichten sie die Mitte des Heeres. Die Apostel versammelten sich auf einer großen Lichtung, während mehrere Novizen das Zelt des Clavis errichteten. Kein Tier ließ sich blicken, nur mehrere schwarze Vögel mit hellen Punkten auf den Köpfen betrachteten sie neugierig.

Lifas erbebte vor Ehrfurcht, als er von seinem Pferd stieg. Er erkannte einige mächtige Helden des Ordens der Tempelsöhne wieder. Sein Onkel empfand jedoch weniger Respekt. Er trat in ihre Mitte, sah sich gelangweilt um und fragte dann ungeniert nach dem Clavis.

Der edle Ritter Mendatius aus dem gefallenen Herzogtum Astaval verwies auf den Rand der Lichtung.

Schlagartig befiel Lifas Kälte. Auf einem kunstvoll geschnitzten Stuhl mit prächtigen Darstellungen der Heiligen saß der Inquisitor Medardus. Er war nicht viel größer als Lifas, aber seine lodernden Augen erstickten jeden Gedanken an Widerspruch im Keim. Als er leicht den Kopf hob, glitzterte die reich verzierte Maske im Licht der untergehenden Sonne. Die bischöflichen Inquisitoren gaben ihre eigene Identität und ihre Stimme auf, um mit aller Kraft Gott dienen zu können.

In diesem Moment umklammerte Medardus seinen Mauritiusstab und klopfte leicht gegen die hölzerne Armlehne des Stuhls. Sofort herrschte auf der Lichtung Stille und die Apostel setzten sich in Bewegung. Selbst Abigor wirkte unterwürfig.

Als Lifas nähertrat, nahm er mächtige Energien wahr, die gleich einer strahlenden Wolke den kunstvollen Stuhl umhüllten. Die Ströme glichen denen im Heiligtum einer Kirche. Wie Lifas wohl wusste, konnten die Inquisitoren nur an einem solchen Ort ihre Stimme benutzen.

Medardus sprach leise und dennoch trugen seine Worte bis an den Rand der Lichtung. Die Geräusche des Waldes verstummten und selbst die Tiere schienen ihm zu lauschen.

„Hornheim liegt kaum eine Tagesreise entfernt“, teilte Medardus ihnen mit. „Feindkontakt wird bald erfolgen. Die Dämonen sind jedoch nicht unsere einzigen Feinde,“ Seine Augen loderten auf wie eine mächtige Flamme. „Die geplagten Bürger des nahen Dorfes, das ich schon einmal von einem großen Übel befreit habe, berichten von einem sagenumwobenen König. Dieser Mann soll hier im Heidenwald in einem verborgenen Palast herrschen und heidnische Götter anbeten. Angeblich begleiten ihn schwarze Raben auf Schritt und Tritt.“

Lifas warf den dunklen Vögeln mit den hellen Punkten einen nervösen Blick zu. Täuschte er sich oder wirkte es tatsächlich so, als würden sie die Versammlung beobachten?

„Bis heute ist der Heidenwald ein gottloses Land“, fuhr Medardus fort. „Wir werden kein Risiko eingehen.“ Dabei wandte er sich an Abigor. „Abigor von Hrandamaer, Ihr kundschaftet auf gewohnte Weise den Weg aus. Lasst Euch auf keinen Kampf ein. Weder wissen wir viel über die Dämonen, noch über diesen König. Vielleicht steht er sogar auf unserer Seite, vielleicht ist er auch nur eine Legende.“

Abigor nickte ergeben. „Ja, Eure Eminenz. Nur …“ Er zögerte sichtlich. „Bitte gestattet mir eine Frage.“

Medardus’ Augen blitzten, doch er nickte.

Abigor räusperte sich. „Ist es sicher, dass sich Gottes Hammer in Hornheim befindet?“

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann erhob sich Medardus und verschwand wortlos im von den Novizen errichteten Zelt.

Der Mond tauchte den Wald bereits in silbriges Licht, als sie aufbrachen.

Normalerweise glich es einer Torheit, ein Land bei Nacht zu erkunden, besonders wenn der Feind mit der Hölle im Bunde war und – wie jeder wusste – daher die Dunkelheit schätzte. Doch Abigor und Lifas waren keine normalen Soldaten, sie waren nicht einmal normale Ordensritter. Als Söhne des nördlichen Herzogtums Hrandamaer fanden sie sich in der Finsternis beinahe besser zurecht als im Licht.

Lifas schluckte. Er wurde nicht gern an seine Herkunft erinnert. Wie zur Bestätigung fuhr jäher Schmerz durch die gewisse Stelle auf seinem Rücken.

In der heidnischen Zeit waren sie wie Tiere gewesen. Erst die Religion hatte sie zu Menschen gemacht.

Die beiden bewegten sich ohne ihre Pferde. Sollte es tatsächlich zum Kampf kommen, wären sie ihnen ohnehin nicht von Nutzen. Im engen Dickicht erfüllten Schlachtrösser ihre Rolle nur sehr begrenzt.

Keine Menschenseele begegnete ihnen. Auch die dunklen Vögel mit den hellen Flecken auf dem Kopf ließen sich nicht blicken. Dennoch blieb Lifas wachsam. Dämonen waren Meister der Täuschung, hieß es. Hornheim lag zwar noch einige Meilen entfernt, aber wer konnte schon ermessen, wie stark der Einfluss der Hölle in diesen gottlosen Landen wirklich war?

Mit einem Mal erreichten sie eine Lichtung.

Lifas blickte erstaunt auf die Ruine einer alten Kirche. Im Heidenwald gab es doch keine Kirchen!

Abigor dachte ähnlich, denn er zog sein Schwert und näherte sich vorsichtig dem verfallenen Gebäude. Das Gotteshaus musste bereits seit etlichen Jahrhunderten verlassen worden sein, denn Pflanzen überwucherten die steinernen Mauern. Lifas betrachtete neugierig den Innenraum. Das Dach war zu kleinen Teilen noch vorhanden.

„Sieh dir das an, Neffe.“ Lifas wandte sich überrascht um. Abigor klang beinahe ehrfurchtsvoll.

Der Veteran zeigte auf eine Inschrift in der Alten Sprache. Lifas kniff die Augen zusammen und trat näher. Erregung überkam ihn, als er den Namen Sant Esben entzifferte!

„Ist das die erste Kirche?“, hauchte er ergriffen. „Die, die Sankt Esben nach seiner Vision erbaute?“

Abigor nickte nur. Er murmelte ein kurzes Gebet, in dem er dem Herrn für ihre Entdeckung dankte. Ergriffen wich Lifas zurück. Die erste Kirche war legendär! Sicher handelte es sich hier um ein Omen. Ihre Mission würde den Heidenwald von allem Bösen läutern und das Wort Gottes auch hier zum Gesetz machen!

Plötzlich unterbrach ein Stöhnen seine Gedanken.

Es klang leise und schwach, wie von einer verletzten Person. Lifas und Abigor tauschten einen entschlossenen Blick, dann umrundeten sie mit gezogenen Waffen die Kirche. Stellten ihnen die Dämonen eine Falle?

Hinter dem Mauerwerk herrschte Dunkelheit. Lifas ließ seinen Blick über die Grasfläche schweifen, konnte jedoch nichts entdecken. Dann hörte er auf einmal, wie jemand scharf einatmete.

Da entdeckte er eine reglose Gestalt hinter einem Felsen.

Es handelte sich um ein Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen. Es trug schmutzige Kleidung und eine mehrfach geflickte Hose.

„Onkel!“, rief er. „Seht doch!“

„Da ist noch einer“, brummte Abigor. Er deutete auf einen jungen Mann in einer schwarzen Kutte, neben dem ein großer Foliant lag. Abigor beugte sich über ihn und fühlte seinen Puls.

Lifas’ Herz klopfte, als er den Atem des Mädchens kontrollierte. Eigentlich hatte er geschworen, einer Frau niemals so nahe zu kommen. Dennoch, auch dieses Mädchen war ein Geschöpf Gottes und der sündigen Flamme neue Nahrung zu geben nur ein geringer Preis für ein Leben, wenn man den Einflüsterungen des Widersachers widerstehen konnte.

Er warf Abigor einen fragenden Blick zu. Sein Onkel besaß einen untrüglichen sechsten Sinn für die Blendwerke von Dämonen. Doch Abigor schüttelte leicht den Kopf. Es handelte sich um Menschen.

Behutsam schob Lifas die Arme unter den dünnen Körper und hob ihn mit Leichtigkeit hoch. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Abigor sich den jungen Mann über die Schulter legte.

„Keine Sorge!“, sagte er zu dem Mädchen. „Wir bringen euch in Sicherheit!“

Ein Zittern durchfuhr den kleinen Körper und das Mädchen hustete. Dann schlug es die Augen auf.

a

Die Frau ohne Namen existierte.

Es reichte der Frau, zu existieren. Sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte, außer zu atmen und das Leben durch ihren Körper strömen zu lassen.

Die Frau dachte nicht darüber nach, was außer dem Schlaf in der Welt auf sie warten könnte.

Sie kannte nicht einmal ihren Namen und dennoch war sie zufrieden.

Sie existierte.

Mit einem Mal störte sie etwas.

Die Frau sog scharf die Luft ein. Zum ersten Mal seit langer Zeit atmete sie unregelmäßig. Dieses … etwas … behinderte ihren Schlaf. Dieses etwas wollte sie zurück ins Leben zwingen und ihr Wissen aufdrängen, dass sie nicht haben wollte.

Die Frau wehrte sich dagegen. Sie wollte nichts wissen. Sie wollte schlafen. Schlafen und existieren.

Doch das etwas war unerbittlich. Die Frau ohne Namen konnte ihm nicht mehr widerstehen. Im nächsten Moment und ohne es zu wollen, setzte sie sich auf.

Sie wusste nicht, wie sie hieß.

Sie wusste nicht, wo sie war.

Sie saß in einer kreisrunden Halle ohne Wände. Prächtige Säulen stützten eine vielfach verzierte Decke. Fresken stellten einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen dar.

Die Frau erhob sich auf unsicheren Beinen. Als ihre nackten Füße über den steinernen Boden wandelten, verwunderte der entfernte Gedanke die Frau, dass ihr eigentlich kalt sein müsste. Doch ihr war nicht kalt.

Sie hielt an, als sie vor einem weißen Thron im Zentrum der Halle stand. Eine Feder ruhte auf dem prächtigen Sitz.

Die Frau nahm die Feder und betrachtete den Thron.

Auf der Lehne entzifferte sie ein altes Wort in einer Sprache, von der sie nicht wusste, weshalb sie sie verstand.

Folkvang.

Die Frau legte den Kopf schief und sah sich um. Zwischen den Säulen blinzelte ihr der Mond entgegen.

Sie sprach das alte Wort aus. Ihre eigene Stimme war ihr fremd.

Da erhob sich plötzlich ein Sturm. Die Frau hob eine Hand vors Gesicht, um ihre Augen zu schützen. Der Wind erschien ihr schön und schrecklich zugleich, er brannte auf ihrer Haut und umschmeichelte sie, er war trocken und feucht, er brachte Glück und Verderben.

Mit einem Mal schwebte die Feder langsam in die Luft. Die Frau betrachtete überrascht, wie sie zu leuchten begann, wie sie sich immer schneller drehte. Das Leuchten gefiel ihr und sie trat auf die Feder zu und berührte sie.

Im nächsten Moment endete der Sturm und die Frau hielt keine Feder mehr in der Hand. Stattdessen umhüllte ein Panzer aus Mondlicht ihren Körper und schwere Flügel schmiegten sich an ihren Rücken.

Mit einem Mal hatte die Frau einen Namen.

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Korrekturen 16

16. Teil – High Noon (1/3)

Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, das Khendrah auf sich genommen hatte, Thomas in einen Kämpfer zu verwandeln. Die Hypnoseschulung hatte er gut verkraftet, doch ohne praktische Erfahrung im Nahkampf mit und ohne Waffen war dieses Wissen nichts Wert. Also trainierte Khendrah täglich mehrere Stunden mit ihm im Trainingsraum der Jahresstation. Am schwierigsten war es, Thomas die notwendige Kondition und eine gewisse Beweglichkeit zu verschaffen. Wochenlang brachte sie ihm alles bei, was sie konnte und ganz allmählich wurde Thomas immer besser und es fiel Khendrah von Tag zu Tag schwerer, ihn zu besiegen. Auch der Umgang mit den Waffen der Agenten wurde immer besser.
Schließlich war es so weit.
»Morgen werden wir ins Jahr 2110 reisen und Gunter Manning-Rhoda aufsuchen«, entschied sie, »wir sind nun zwei gute Kämpfer und sind hoch motiviert. Mit der richtigen Ausstattung sollte es möglich sein, Herwarth Thobens Killer zurückzuschlagen und deinem Nachkommen das Leben zu retten.«
»Um wie viel Uhr Ortszeit wurde Gunter getötet?«, wollte Thomas wissen.
»Gegen Mittag«, sagte Khendrah, »wir sollten daher schon am frühen Morgen dort eintreffen und uns bereit halten.«
»Hast du vor, mit Gunter Kontakt aufzunehmen?«, wollte Thomas wissen.
»Das lässt sich wahrscheinlich nicht umgehen«, vermutete Khendra, »aber wir sollten ihm keinesfalls unsere wahren Identitäten verraten. Wir erledigen das Problem mit den Killern, sehen zu, dass die lokalen Sicherheitskräfte es mitbekommen und ziehen uns wieder zurück. Das sollte reichen, um die Polizeikräfte dieser Zeit auf Herwarth Thobens Fährte zu setzen.«
»Wann sollen wir starten?«, fragte Thomas.
»Ich würde vorschlagen, dass wir uns jetzt gleich ausrüsten und uns auf den Weg machen.«
Thomas machte ein skeptisches Gesicht.
»Was ist mit Fancan?«, fragte er, »Besteht nicht die Gefahr, dass man uns in der äußeren Zeit finden kann, wenn wir dort herumlaufen?«
Khendrah winkte ab.
»Wir werden nicht lange genug dort sein, um einen Scan fürchten zu müssen. Ganz so schnell sind die Suchsysteme der Behörde nun auch wieder nicht.«
Sie gingen in die Waffenkammer und schauten sich um. Es war schon faszinierend, dass man alles, was man benötigte, einfach aus einer Waffenkammer einer Station holen konnte, die eigentlich gar nicht in Betrieb sein durfte. Es war alles da, was man sich nur wünschen konnte: Sicherheitskleidung gegen Projektilwaffen und Anilihationswaffen, die Waffen selbst, jede Menge Munition, sowie jegliche Art von Kommunikatoren. Sie entschlossen sich, sogenannte In-Ohr-Geräte zu verwenden, um immer in Verbindung zu bleiben. Die Waffen waren recht klein, sodass sie bis an die Zähne bewaffnet in Richtung Zeitaufzug marschierten. Khendrah beseitigte die Zugangssperre, die bisher verhindert hatte, dass jemand unangemeldet in ihre Station eindringen konnte. Kurz danach öffnete sie die Tür und sie betraten die Kabine.
Thomas fühlte sich eigenartig, als er an sich herunterblickte. Bis vor kurzer Zeit war er ein unwissendes Opfer der Behörde und nun machte er sich bereit, an der Seite einer Zeitagentin selbst in einen verrückten Kampf zu ziehen. Khendrah stellte die Zielzeit ein und drückte auf den Start-Knopf, worauf sich die Kabine in Bewegung setzte.
Khendrah betrachtete Thomas eingehend. Bei ihm hatte sie ganze Arbeit geleistet. So leicht würde es niemand fertig bringen, ihn zu überwältigen. Ihr ganzer Blick drückte Anerkennung aus.
»Was ist?«, fragte Thomas, der ihren Blick bemerkt hatte.
»Ach, es ist nichts«, sagte sie lächelnd, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss. »Es ist nur … du hast dich verändert. Deine ganze Haltung ist härter, selbstbewusster geworden. Ich habe nicht mehr das Gefühl, für deine Sicherheit sorgen zu müssen. Nein im Gegenteil – ich fühle mich sicher, weil ich dich bei mir habe.«
»Es gefällt dir also?«, fragte Thomas, nach Zustimmung heischend.
Khendrah tat ihm den Gefallen und sagte mit einem schweren Seufzer: »Oh ja, das gefällt mir sehr.«
Thomas’ Blick fiel auf die Zeitanzeige der Kabine. Nur noch wenige Jahrhunderte und sie würden ihr Ziel erreicht haben.
»Was meinst du, wird man dort, wo wir gleich ankommen, erkennen, dass wir bewaffnet sind?«, fragte er.
»Wenn wir Pech haben, kann das geschehen«, vermutete Khendrah. »Wir sollten daher versuchen, so schnell wie möglich ans Ziel zu gelangen.«
Ein Signal zeigte an, dass die Kabine das Jahr 2110 erreicht hatte. Entschlossen drückte Khendrah die Tür auf und sofort stürzte die Realität des Jahres 2110 auf sie ein.
Sie standen am Rand einer extrem stark befahrenen Straße und es herrschte ein unglaublicher Lärm. Thomas hielt sich unwillkürlich die Ohren zu. Er stammte selbst aus einer Großstadt und kannte Verkehrslärm, doch dieser hier sprengte jeden Rahmen. Er blickte nach oben und sah, dass sich der Verkehr nicht nur auf die Straße am Boden beschränkte, sondern dass zahllose Flugmaschinen in – nicht enden wollenden – Bändern in unterschiedlichsten Höhen umherflogen. Der Stadtverkehr hatte in dieser Zeit offenbar die dritte Dimension erobert.
Hunderte von Passanten flossen wie ein zäher Brei an ihnen vorbei und stießen zum Teil mit ihnen zusammen. Entschuldigungen oder auch Beschimpfungen schallten von allen Seiten.
»Wir sollten hier nicht stehen bleiben!«, rief Khendrah Thomas ins Ohr. »Es fällt auf, wenn wir die Leute behindern, in dem wir hier einfach nur herumstehen.«
Sie stieß Thomas in eine Richtung und sie passten sich dem Fluss der Passanten an.
»So habe ich es mir nicht vorgestellt!«, rief Thomas. »Wie sollen wir uns hier überhaupt zurechtfinden?«
»Es muss hier irgendwo sogenannte Infoboxen geben«, antwortete Khendrah. »Wir müssen eine finden und können dann herausfinden, wo wir Gunter Manning-Rhoda finden können.«
Sie liefen noch eine Weile weiter und quetschten sich durch die Menschenmenge, ohne eine Infobox zu finden. Thomas begann zu schwitzen, denn es war ein heißer Sommertag und die Sonne brannte erbarmungslos in die Straßenschluchten hinein. Diesen Umstand hatten sie leider bei der Wahl ihrer Ausrüstung nicht bedacht, denn sie waren weit und breit die einzigen Menschen, die mit körperbedeckender Kleidung anzutreffen waren. Viele der Passanten starrten sie ungläubig an, während sie an ihnen vorbei liefen. Thomas ließ sich von der Erscheinung der jungen Mädchen ablenken, die ihnen entgegen kamen. Offenbar war die Mode für junge Mädchen noch freizügiger geworden, als sie schon im Jahre 2008 gewesen war. So trugen Manche lediglich einen extrem kurzen Rock und nicht einmal ein Oberteil. Oft verhinderten lediglich die in dieser Zeit sehr lang getragenen Haare einen Blick auf die blanken Brüste der jungen Frauen. Niemand schien jedoch daran Anstoß zu nehmen, denn niemand nahm davon besonders Notiz – bis auf Thomas, der überhaupt nicht wusste, wo er hinblicken sollte. Als Khendrah bemerkte, wie sehr Thomas abgelenkt war, knuffte sie ihn in die Seite.
»Verdammt Thomas, nimm dich zusammen! Niemand außer dir starrt die Frauen an! Es ist wohl normal, wie sie hier herumlaufen, also benimm dich bitte auch normal!«
Thomas fühlte sich ertappt. »Finde lieber eine Infobox, anstatt mich zu kontrollieren!«
Es dauerte noch einige Minuten, doch dann sahen sie in der Ferne eine Art Telefonzelle mit einem großen weißen Buchstaben »i« auf blauem Grund, welches sich auf ihrem Dach drehte.
»Das muss es sein!«, rief Khendrah und beschleunigte ihre Schritte.
Sie hatte recht, doch standen bereits mehre Leute davor und warteten darauf, die Infobox benutzen zu können.
»Verdammt, das kostet uns eine Menge Zeit!«, schimpfte Khendrah. »Aber ich suche jetzt nicht nach einer weiteren Box, um dann festzustellen, dass sie genau so belagert ist.«
Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis sie endlich in der Zelle standen.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte der Automat mit sonorer Stimme. Ein Eingabeterminal gab es offenbar nicht, also verfügte die Box über eine Spracheingabe.
»Wir suchen den Aufenthaltsort von Gunter Manning-Rhoda«, sagte Khendrah.
»Bitte warten Sie einen Moment. Ihre Anfrage wird bearbeitet.«
Nach kurzer Zeit meldete sich der Automat wieder: »Information verfügbar. Bitte authentifizieren Sie sich, um den Status des Umfangs der Berechtigung prüfen zu können.«
»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Thomas leise, doch Khendrah winkte ab. Sie zog eine Art Ausweis aus ihrer Kombination und drückte ihn mit der Vorderseite vor einen Scanner, der in der Infobox installiert war.
»Danke«, sagte der Automat. »Sie haben Anspruch auf Informationen der Prioritätsstufe eins. Gunter Manning-Rhoda, Anführer der Sozialliberalen Bürger (SLB), wohnhaft Altheman-Allee 1309, hält sich aktuell auf im Kongresszentrum Hohenheide. Ist Ihre Frage damit beantwortet?«
»Ja«, sagte Khendrah.
»Infobox.net dankt für die Benutzung des Services. Die Sitzung ist beendet. Auf Wiedersehen.«
Sie verließen die Box und überlegten, wie sie jetzt vorgehen sollten. Thomas blickte auf seine Uhr, die er sich aus der Ausrüstungskammer der Jahresstation mitgenommen hatte. Sie zeigte 10:35 Uhr an.
»In etwa eineinhalb Stunden wird das Attentat verübt«, sagte er, »wir haben nicht mehr viel Zeit. Gibt es hier vielleicht so etwas wie ein Taxi – ein Mietfahrzeug mit Fahrer, der uns an jedes gewünschte Ziel bringt?«
Khendrah deutete auf eine Reihe von kleinen, Hubschraubern ähnlichen Fahrzeugen, die am Straßenrand standen und in denen jeweils ein Fahrer oder Pilot gelangweilt in einer Zeitung las.
»Wie würdest du das nennen? Ich denke, das ist genau das, was wir brauchen. Die Dinger können fliegen und bleiben nicht im Bodenverkehr stecken.«
»Na dann los!«, rief Thomas und zog Khendrah zu einem der Hubtaxis.
»Sind Sie frei?«, fragte er den Mann hinter dem Steuerknüppel.
»Na, wonach sieht’s denn aus?«, fragte dieser zurück, »Wohin soll’s denn gehen?«
»Kongresszentrum Hohenheide«, sagte Khendrah. »Wir haben es eilig.«
»Ja, ja, eilig haben sie es alle«, murmelte der Pilot. »Steigen Sie ein, wir heben gleich ab. Ach ja, ich muss Ihnen gleich sagen, dass die Verweildauer auf dem Kongressgelände heute wegen des Parteitages der SLB nur begrenzt ist. Sie werden sofort aussteigen müssen, sobald ich dort gelandet bin. Aus diesem Grunde wäre es nett, wenn Sie mir den Flug schon jetzt bezahlen könnten.«
»Das ist kein Problem«, sagte Khendrah und reichte dem Piloten lächelnd eine kleine Plastikkarte, die dieser durch einen kleinen Scanner an seinem Armaturenbrett zog.
»Ich danke Ihnen«, sagte der Mann, als er die Karte wieder nach hinten reichte. »Schnallen Sie sich bitte an. Ich fürchte, ich werde einige harte Manöver fliegen müssen, bis wir auf der richtigen Luftstraße sind.«
Die Rotorblätter des kleinen Fliegers waren bereits angelaufen. Die Türen schlossen sich automatisch und das Lufttaxi hob zügig vom Boden ab. Sofort tauchte der Pilot in das Fahrzeuggewimmel in der Luft ein und flog in scheinbar waghalsigen Manövern immer höher, bis er sich in die Kette einiger, zum Stadtrand strebender, Flieger eingereiht hatte.
»Sind Sie auch von der SLB?«, wollte der Pilot wissen. »Ich habe heute schon einige Fluggäste zum Parteitag geflogen.«
»Im weitesten Sinne ja«, stimmte Thomas zu. »Wir müssen mit Gunter Manning-Rhoda reden.«
Der Pilot lachte laut auf.
»Na, da wünsche ich Ihnen aber viel Glück. Der Parteichef wird sicherlich sehr gut abgeschirmt, nach dem Theater kürzlich mit den Anhängern der PEV.«
»Welches Theater?«, fragte Khendrah. »Was ist passiert?«
»Sagen Sie bloß, Sie haben nicht von den Ausschreitungen während einer Demonstration gegen die PEV gehört! Es ging doch durch alle Medien.«
»Wir sind nicht von hier«, sagte Thomas entschuldigend. »Manning-Rhoda ist doch nichts passiert?«
»Nein, nein, die Sicherheitskräfte waren wachsam. Sie haben ihn wirkungsvoll abgeschirmt.«
»Dann kommen wir vielleicht doch nicht zu spät«, meinte Khendrah. »Ich hatte schon Angst, wir hätten einen Fehler gemacht.«
»Was seid Ihr eigentlich für Leute?«, fragte der Pilot. »Seid Ihr wirklich von der SLB?«
»Sie sind ein Anhänger der SLB?«, wollte Thomas wissen.
»Da können Sie aber Gift darauf nehmen!«, sagte der Mann heftig. »Und ich fliege Sie keinen Meter weiter, wenn Sie dort etwas anstellen wollen! Im Herbst sind die Wahlen und ich bete jeden Tag, dass dieses faschistische Monster Thoben und seine PEV dann in die Schranken gewiesen wird.«

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Saigels Irr(e)lichter – die Leseerwartung

Jeder hat sie: Die Lieblingsautoren. Manch einer liest über Jahre hinweg denselben Autor, ein anderer liest phasenweise dies und phasenweise das. Was ich allerdings festgestellt habe ist, dass ein gewisser Hang zu den Lieblingsgenres meistens bleibt.
So liest der eine gern Fantasy und der nächste bleibt lieber bei der klassischen Literatur. Dafür sind sie da, die Genres und die meisterhaften Autoren, die ihre Sparten ganz genau zu bedienen wissen.
Nehme ich also ein Buch zur Hand, das von einem Autor geschrieben ist, den ich bereits kenne und das zudem noch in ein Genre „einsortiert“ ist, hege ich eine Erwartung. Eine Richtung, die mir alleine schon ein Name und eine Einordnung felsenfest versprechen. In dem Sinne bin ich als Leser unflexibel, ich rechne nicht damit, hinsichtlich dieser beiden Größen überrascht zu werden.
Reicht ein Autor ein Manuskript zur Prüfung bei einem Verlag ein, sind Angaben zum Genre sowie zum angesprochenen Leserkreis in den meisten Fällen unerlässlich. Ebenso liegt für mich die Vermutung nahe, dass ein bereits veröffentlichter Autor aus diesem Grund gerne zum Pseudonym greift, wenn er sich in einem anderen Genre versuchen will. Denn sein Name ist bereits verbunden mit dem Genre, in dem er schon erfolgreich veröffentlicht hat. Wäre der Leser also enttäuscht, ein Experiment in Händen zu halten, obwohl er eine gewisse Konsistenz erwartet?
Ich glaube, wir Hobbyautoren haben es da leichter: Wir können experimentieren, wir können uns ausprobieren, Faxen machen, aus dem lose gesteckten Rahmen ausbrechen und entweder frisches Weidegras oder fiese Dürre finden. Wir dürfen das. Ein professioneller Autor kann sich dies wohl nicht mehr erlauben. Ein Aspekt, der den Beruf vom Hobby unterscheidet. Der eine wird wohl zu gegebener Zeit den anderen um das beneiden, was er hat. Allerdings gibt es schmale Wege und Hintertürchen, die erlauben, doch noch einmal das zu erschnuppern, was man vor langer Zeit aufgegeben hat.

Eure Saigel

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Gottes Hammer XVII

Iliana konnte es nicht fassen.

Jahrelang bestand ihre Welt nur aus Arinhilds Hütte, aus dem kleinen Dorf Raureif und dem angrenzenden Heidenwald. Wenn Reisende von der weiten Welt sprachen, erschien sie ihr wie ein unwirkliches, fernes Gespenst. Wenn die Menschen Geschichten von Hornheim erzählten, erschien es ihr fern und unnahbar, wie ein spektrales Königreich, das kein Mensch je betreten konnte. Raureif war ihre Heimat und nur dort lebte sie. Selbst als Arinhilds Schreie sich wie Dolche in ihre junge Seele bohrten, wirkte der Gedanke an Veränderung lächerlich. Die Hütte ihrer Ziehmutter blieb ihr Heim. Halgin blieb ihr Beschützer.

Nun drohte alles unterzugehen.

Teshins rote Augen musterten sie höhnisch, seine rechte Hand ruhte auf Murakamas Griff. Dieses Wesen war ihr erst vor kurzer Zeit in Raureif erschienen und hatte blutige Ernte unter den Dorfbewohnern gehalten.

Nach ihrem gemeinsamen Kampf gegen Sitraxa wollte Iliana ihm vertrauen. Dieses Privileg gestand sie nur den wenigsten Menschen zu. Doch er, Teshin, hatte sie gerettet, als sie hilflos und von Schmerzen erfüllt im Zauber der Dämonin gefangen gehalten wurde.

Nun drohte all dies unterzugehen.

Schatten schienen aus den Wänden zu wachsen, dunkle, schwere Formen, die das rötliche Licht regelrecht verschlangen. Iliana entdeckte eine Frau mit einem Schlangenleib, einen bleichen Mann mit ledrigen Flügeln, einen Löwen mit sieben Augen und ein fürchterliches Wesen mit drei Köpfen und zahlreichen Mäulern, aus denen Rauch stob. Weitere Dämonen bargen sich in den Schatten und nur ihre Silhouetten schimmerten ihnen entgegen.

Teshins wahrer Name musste sie veranlasst haben, die Halle aufzusuchen. Jeder Dämon konnte ein derart starkes Wort der Macht spüren.

Esben wirkte ebenso fassungslos wie sie. Seine zitternden Hände umklammerten den Folianten halb aufgeschlagen, so als hielte er die Gefahr für surreal und zögerte. Selbst Halgin schien Teshins Verwandlung aus dem Konzept zu bringen. Als der König der Navali das Wort ergriff, klang seine Stimme höher als sonst.

„Genau wie Ihr bin auch ich ein König“, sprach er betont höflich. „Was gedenkt Ihr nun zu tun?“

Teshin – nein, Azrael leckte sich die Lippen und zog blank. „Nun, Ihr seid Halgin der Schwarze, der letzte der verwunschenen Prinzen. Ihr habt zahlreiche Dämonen aus meinem Reich getötet.“ Er lächelte. „Somit seid Ihr ein Feind.“

Iliana sah Halgin überrascht an. Der letzte der Prinzen? Wer waren dann die übrigen Navali?

Halgin flatterte aufgebracht mit den Flügeln. Ein bedrohliches Funkeln trat in seine Augen. „Wenn Ihr wisst, was mit meinen einstigen Leidensgenossen geschehen ist, wisst Ihr auch, dass Ihr in mir keinen einfachen Feind sehen solltet. Zudem entsinne ich mich, dass Irodeus König von Hornheim war, als ich gegen den letzten Feind focht.“ Halgin machte eine kurze Pause, in der sich eine Aura aus Magie um ihn herum aufbaute. „Was ist geschehen?“

Azrael kicherte. Das Gespräch bereitete ihm offenbar großes Vergnügen. „In Aminas gewährte mir die Herzogin Velis einen großen Wunsch, den Irodeus mir niemals erfüllte. Sie gab mir Kraft. Kraft, diese missgestaltete Welt zu verändern.“ Azrael hob die Hand, so als ob er die gesamte Welt umfassen wollte.

„Euer närrischer Gott hat diese Welt geschaffen und er hat die Menschen geschaffen. Letzteres war sein großer, großer Fehler. Er schuf sie nach seinem Abbild, nicht wahr, Esben?“

Azrael kicherte. Esben brachte nur ein kraftloses Nicken zustande.

„Er hat euch alle geschaffen, ohne zu bedenken, dass zwei oder mehr Götter eine Welt zugrunde richten würden. Der Mensch ist ein Gott, er erhebt sich über die Tiere, ohne wirklich je von ihnen frei zu sein, er kann wachsen, er kann lernen, er kann unglaubliche Macht erlangen. Er kann Städte wie Aminas bauen, er kann Magie verwenden. Aber eines konnte der Mensch nie: Frieden finden. So sind die Dämonen entstanden.“

Azrael breitete die Arme aus. „Wir sind all diejenigen, die von diesem Gott namens Mensch zu Leid und Tod verurteilt wurden. Wir sind die gefallenen Seelen, wir sind die Gefolterten und Geknechteten. Nach unserem Tod wurde uns kein ewiger Schlaf gestattet, sondern wir mussten zurückkehren, missgestaltet und mit dunkelsten Kräften verflucht.“ Er grinste. „Ihr erahnt es, Halgin. Ich bin gestorben.“

Iliana starrte die beiden Könige fassungslos an. Nun schien selbst Halgin Unsicherheit zu befallen. „Unmöglich. Man kann einem Menschen zur Unsterblichkeit verhelfen, aber man kann ihn nicht wieder zum Leben erwecken. Der Tod ist absolut.“

Azrael nickte. „In der Tat. Die Dämonie hat Teshin nicht zum Leben erweckt, sondern Azrael als Abdruck seiner Seele hinterlassen.“ Er deutete auf seine Brust. „Ich bin nur ein Echo des Herzogs von Astaval. Ein Echo seines Leids, das die Machtkämpfe der Menschen ihm zugefügt haben. Ein rachsüchtiges Echo, wohlgemerkt.“ Er hob die Stimme und die Worte hallten wie Donnergrollen durch die Halle. „Ich habe Irodeus erschlagen und die Krone Hornheims für mich beansprucht. Ich habe die Bewohner Raureifs gerichtet für ihre zahlreichen Sünden. Hornheim wird sich erheben und die Menschen strafen und sie beherrschen. Wenn kein Gott herabsteigt, um euch Ordnung zu bringen, tun wir es!“ Dabei streckte er die Hand aus. „König Halgin, Ihr seid ein weiser Magier. Ihr habt die Dunkelheit ebenfalls erfahren und schwere Schuld auf Euch geladen. Ihr wisst, wozu Menschen fähig sind. Helft uns! Steht uns bei! Wir werden diesen zerrütteten Reichen Ordnung bringen!“

Bei diesen Worten wirkte Azraels Stimme beinahe wieder menschlich, doch Halgin ließ sich nicht beirren.

„Was ist mit Saskia geschehen?“, fragte er.

Ein roter Blitz zerteilte Azraels Miene. „Sie wollte mein Vorhaben behindern.“

Kurz herrschte Stille. Iliana taumelte. Sie fühlte, wie sie langsam alle Kraft verließ.

Plötzlich trat Esben vor. Er klang beinahe flehentlich.

„Teshin, ich verstehe das alles nicht!“, rief er verzweifelt. „Du bist kein Dämon! Gerade eben warst du doch noch ein guter, frommer Mann …“

„Esben.“ Azraels Stimme glich einem Peitschenhieb. „Wie kannst du nur so närrisch sein? Uns beiden wurde unsere Familie genommen. Wir beide verließen unsere Heimat und begaben uns auf lange Irrfahrten. Du trägst ein heidnisches Buch bei dir, das Dämonen bannen kann. Sag mir, wie kannst du da noch an einen gerechten Gott glauben, der über die Menschen wacht?“

Bei seinen Worten überkam Unruhe die Gestalten in den Schatten. Täuschte sich Iliana oder beäugten sie Esbens Folianten nervös?

Esben indes hatte Tränen in den Augen. „Er wacht über uns!“, rief er. „Man muss an ihn glauben, es ist rechtens …“

„Ich habe gesehen, wie kleine Mädchen von Hunden zerfleischt wurden!“, erwiderte Azrael wutentbrannt. „Und sieh dich hier um! Hornheim ist ein einziger großer Folterkeller, ein Reich des Leides, in dem wir Menschen auf jede nur erdenkliche Art bestrafen! Wenn Gott wirklich über sie alle wacht, warum eilt er ihnen nicht zu Hilfe? Warum lässt er sie solche Qualen erleiden? Es ist einfach: Er hilft uns nicht. Er lässt sich nicht blicken. Erst, wenn wir tot sind, dürfen wir vielleicht – vielleicht! – in den versprochenen Himmel. Und ich durfte nicht einmal das.“ Azrael hob Murakama und deutete auf Halgin. „Ihr fragtet doch, was es mit Gottes Hammer auf sich hat? Ganz einfach. Ich bin Gottes Hammer. Ich bin der strafende Gott, der über die Menschheit herrschen und sie binden wird!“

„Genug.“

Stille kehrte ein, als Halgin vortrat und Azrael aus hell leuchtenden Augen ansah. „Ich habe genug gehört. Es reicht. Die Navali werden Eurem Reich jegliche Hilfe versagen. Mehr noch, wir werden Euch an Eurem Vorhaben hindern.“

Azrael seufzte. Kurz wirkte er tatsächlich betrübt. „Seid Ihr sicher?“

Als Halgin nickte, trat der bleiche Mann mit den großen Flügeln vor und verneigte sich vor seinem König.

„Herr“, setzte er an. „Diese niederen Wesen stellen sich Euch entgegen. Wie sollen wir mit ihnen verfahren?“

Azrael schloss kurz die Augen, dann spaltete ein bestialisches Grinsen sein Gesicht.

„Nun, Berith“, sagte er langsam. „Wie wir es immer tun.“

Im nächsten Moment war er verschwunden.

Iliana sah sich verwirrt um, bis sie den Dämonenkönig mehrere Meter über ihrem Kopf erspähte. Innerhalb eines Augenblicks war Azrael in die Luft gesprungen und hatte Halgin mit einem Überkopfhieb attackiert. Der König der Navali wich jedoch nahezu lässig aus. Ein Wort der Macht entwich seinem Schnabel und erzeugte einen hellen Lichtblitz.

Im selben Moment knurrte auch Azrael ein Wort der Macht. Als er am Boden landete, trafen die beiden Zaubersprüche mit gewaltiger Wucht aufeinander und die Halle erbebte. Iliana hob zitternd den Bogen und zielte auf Azrael.

Plötzlich umwehte Verwesungsgeruch ihren Nacken.

Vor Schreck gaben Ilianas Knie nach und Beriths Hand griff ins Leere. Er war plötzlich hinter ihr aufgetaucht. Der Dämon betrachtete sie aus zusammengekniffenen schwarzen Augen. Schneeweiße Haare umrahmten sein gefurchtes Gesicht.

Iliana beantwortete den Angriff mit einem Pfeil, doch Berith verschwamm zu einem unförmigen Schatten und im nächsten Moment stand er direkt über ihr. Iliana sah ein Messer mit schwarzer Klinge in seiner Hand aufblitzen. Sie erstarrte. Der Tod blickte sie an.

Bevor er zustechen konnte, hielt Berith jedoch entsetzt inne und verschwand erneut. Rotes Licht aus Esbens Folianten umhüllte Iliana.

„Ich warne euch“, rief Esben mit zitternder Stimme, während er das Buch den sich langsam nähernden Gestalten entgegenstreckte. „Ich kann jeden Dämon an mich binden!“

Die schrecklichen Gestalten zischten und fluchten, sie zeigten Esben Klauen und Zähne. Aber sie blieben zurück. Nur Velis schien diese Furcht wenig zu betreffen. Zusammen mit Berengar trat sie vor.

„Ich bin nur ein halber Dämon“, sagte sie ruhig. „Und Berengar ist ein Hrandar. Uns kannst du nicht binden. Sicher, dass du uns bekämpfen willst?“

Wie um ihre Worte zu unterstreichen, kicherte Berengar und zog einen blutigen Dolch unter seinem Mantel hervor.

Iliana sah, wie Esbens Füße zitterten, doch er stellte sich ihnen mutig entgegen. Im selben Moment erschütterte ein Wort der Macht von Halgin die gesamte Halle und eine Druckwelle schleuderte Iliana zu Boden. Der Angriff entriss ihr den Bogen. Ihr kleiner Köcher löste sich von ihrem Rücken und die Pfeile verteilten sich auf dem schmutzigen Stein. Esben entglitt beinahe das Buch, doch er konnte es sichtlich mit letzter Kraft festhalten. Velis taumelte.

Hinter ihnen tobte ein Kampf der Giganten. Halgin und Azrael prallten wie brennende Kometen aufeinander. Iliana bemerkte, wie Velis das Duell sorgenvoll betrachtete. Schließlich sprach sie, an Esben gewandt: „Unser Herr hat nur Halgin verurteilt. Wir hegen keinen Groll gegen Euch. Geht und wir werden Euch schonen.“

Esben schien dem Angebot nicht abgeneigt, doch der Dämon in Löwengestalt schien anderer Meinung zu sein.

Sprich für dich selbst, Velis!“, knurrte er und seine sieben Augen loderten auf wie Flammen. Als sein Schwanz umherpeitschte, sah Iliana, dass es sich um eine Schlange handelte. „Das sind Menschen! Wenn sie mir entkommen wollen, müssen sie einen Vertrag mit mir schließen!“ Dabei lachte er laut auf.

Velis setzte zu einer Antwort an, wurde aber von einem weiteren Wort der Macht unterbrochen, diesmal war Azrael der Urheber.

Genug von diesem Mummenschanz“, meldete sich nun Berith zu Wort. Seine Stimme klang kühl und berechnend. „Beenden wir es.

Berith spreizte seine Flügel und Esben hob den Folianten. Ein Lichtblitz zerteilte die Luft und Berith hielt plötzlich das Buch in der Hand. Esben starrte ihn fassungslos an. Der Dämon erhob sich in die Lüfte und sprach ein Wort der Macht, das die Realität wie eine filigrane Skulptur aus Glas erscheinen ließ.

Iliana bemerkte nur noch, wie Esben zu Boden fiel, dann wurde alles schwarz.

Halgin wusste, dass er verlieren würde.

Vielleicht nicht diesen Kampf, denn er war Azrael mindestens ebenbürtig. Jedoch rief dieses Duell unerwünschte Erinnerungen und Seiten hervor, die Halgin längst besiegt glaubte. Das dunkle, lüsterne Etwas, das der Fluch vor Äonen in sein Herz gedrängt hatte, drängte wieder nach außen.

Er hatte Iliana die Wahrheit über die Navali immer verschwiegen. Ihre Strafe bestand nicht nur aus der Verwandlung in Vögel, sondern auch aus einer immerwährenden Feindschaft. Sie waren wie hungrige Tiere übereinander hergefallen, hatten sich mit ihren Schnäbeln gegenseitig zerhackt und keinen Gedanken mehr an Magie verschwendet.

Halgin krächzte ein Wort der Macht, das genug Kraft freisetzte, um einem normalen Menschen die Rippen zu zerfetzen. Doch Azrael war längst kein normaler Mensch mehr. Murakama leuchtete auf und der Angriff löste sich wirkungslos auf.

Dieser Kampf erinnerte ihn zu sehr an Beldur.

Sie hatten sich ebenso bekämpft wie nun, mit all ihren magischen Fähigkeiten, als der animalische Fluch nachließ und sie allmählich zur Besinnung kamen. Als Menschen waren sie Freunde gewesen, als Tiere erbitterte Feinde und Rivalen.

Azrael erlangte erneut übermenschliche Geschwindigkeit. Diesmal reagierte Halgin beinahe zu spät. Er vollführte eine Rolle in der Luft und wich aus.

Beldur war nicht ausgewichen.

Nach dem Kampf hatte Halgin Beldurs Küken an sich gebunden. Die Küken lebten ein glückliches Leben unter seinem Schutz und vermehrten sich. Nach Äonen war ein gewaltiger Schwarm entstanden, der nun unterschiedlichste Gebiete der Welt bevölkerte. Ein letztes Zeugnis vom Ruhm des Verlorenen Reiches.

Azrael landete leichtfüßig auf dem Boden und hob herausfordernd sein Schwert. Er wollte einen Angriff provozieren. Halgin würde ihn nicht enttäuschen. Er sammelte seine Kräfte und entrang seiner Kehle das älteste Wort, das er kannte, das Raum und Zeit verbog und wie die Spielzeuge eines Kindes durcheinanderwirbeln ließ.

Azraels Augen weiteten sich, als die Luft um sie herum sich krümmte. Eine Anstrengung von Halgins Geist entriss ihm das Schwert, das in einen Wirbel aus Farben glitt, der sie vom Rest der Halle trennte. Halgin hatte eine abgeschlossene Sphäre, eine Welt in einer Welt erzeugt.

Halgin wusste, dass er hier den Tod finden würde. Zu viele Dämonen bevölkerten Hornheim. Er verwehrte sich seinem Schicksal nicht. Trotz seiner Sünden war ihm ein langes Leben geschenkt worden. Dennoch wollte er nicht abtreten, ohne ein letztes Übel zu tilgen.

„Hier bin ich allmächtig“, sagte Halgin und deutete mit dem Kopf auf den Wirbel aus Farben, der sie umschloss. „Das hier ist eine Realität in der Realität. Hast du letzte Worte, Teshin?“

„Teshin ist tot!“, knurrte Azrael. Ehe Halgin reagieren konnte, erglühte der König plötzlich rötlich und der Boden schien sich aufzutun. Entsetzen ergriff Halgin.

„Ist das … ?“, setzte er an.

Azrael grinste ihn an. Er schwebte über einem gewaltigen Maul, das lange Reihen scharfer Zähne zierten. Schreie und Rauch drangen aus dem Schlund an die Oberfläche. Flammen tanzten im Abgrund und warfen unnatürlich verrenkte Schatten missgestalteter Wesen an die Wände.

„Wir beide wissen, dass es keine Hölle gibt“, rief Azrael. „Also musste ich eine erschaffen.“

Halgin löste sofort seinen Zauber, der Wirbel verschwand und der Rest der Welt schien sich mit einem Mal um sie zusammenzuziehen, nachdem sie ihr in eine andere Sphäre entkommen waren. Der plötzliche Wechsel brachte Azrael aus dem Gleichgewicht und der Schlund verschwand in einer schwarzen Rauchsäule.

Nun standen sie wieder in der großen Halle.

„Wie konntest du nur!“, rief Halgin fassungslos. „Dieser Zauber …“

„Er unterscheidet sich nicht wesentlich von deinem!“, hielt Azrael dagegen. „Wir erschaffen Welten in Welten. Nur mit dem Unterschied, dass du lediglich den Raum verkrümmst, um deine Gegner festzusetzen, und ich Raum erschaffe.“ Er grinste. „Du weißt ja, jeder Gott braucht eine Hölle, sonst fürchten die Menschen ihn nicht.“

Ehe Halgin etwas erwidern konnte, stand plötzlich der Dämon Berith hinter Azrael. Seine kalten Augen funkelten. Er hielt Esbens Buch in der Hand.

„Ich habe die beiden ins Dunkel geworfen“, sagte er leise.

Entsetzen überkam Halgin. Er warf hastig Blicke in alle Richtungen, bis er Esben und Iliana entdeckte, die leblos am Boden lagen. Zu seiner Erleichterung konnte er sie noch spüren. Sie lebten.

Halgin erkannte, dass er Azrael nicht mit in den Tod reißen konnte. Zu viele Dämonen versammelten sich um ihn. Dieser Kampf war verloren. Aber vielleicht …

Halgin schloss die Augen. Jemand musste den Menschen von der Gefahr berichten. Medardus’ Heer stand vor Hornheims Türen. Die Tempelsöhne könnten die Dämonen besiegen.

Er selbst war zu wertvoll, Azrael würde ihn bei einem Fluchtversuch verfolgen. Es gab nur eine Möglichkeit.

Er musste sie ablenken.

Die Dämonen waren unvorsichtig, sie sammelten sich allesamt um ihren Herrscher und ließen Esben und Iliana unbeachtet liegen. Das war seine Chance.

Ehe einer der Dämonen reagieren konnte, spieh Halgin ihnen ein bestialisches Wort der Macht entgegen, das eine gewaltige Druckwelle erzeugte. Azrael setzte mit einem arroganten Lächeln dazu an, den Angriff zu blocken, doch im nächsten Augenblick folgte ein zweites Wort, das die Erde beben ließ. Panik brach aus, als die Dämonen das Gleichgewicht verloren und zu Boden fielen. Berith entglitt der Foliant.

Pfeilschnell flog Halgin durch die Luft, schloss seine Klauen um den Ledereinband und brachte den Folianten zu Esben zurück. Er ließ das Buch unsanft auf den reglosen Körper des ehemaligen Priesters fallen und sprach die Formel des Eids.

Halgins Haus besaß einen Zauber, den nur seine Angehörigen meistern konnten. Eine letzte Maßnahme, nicht um sich selbst zu retten, sondern um seiner Untertanen willen.

Halgin sank enkräftet zu Boden, als Esben und Iliana samt dem Buch in einem Lichtblitz verschwanden. Er konnte nur hoffen, dass jemand sie im Heidenwald fand.

Schwer atmend blickte Halgin den Dämonen entgegen, die wütend aufheulten. Er bereute nichts. Sein Eid war erfüllt. Er hatte Iliana beschützt und ihr die Wahrheit über ihren Vater gemäß seinem Versprechen nicht verraten.

Als Azrael den rauchenden Schlund öffnete, wusste Halgin, dass er dem Schöpfer bald selbst begegnen würde.

Ilianas Körper fühlte sich wie Eis an.

Sie konnte sich nicht bewegen. Stattdessen schien sie auf warmem Wasser zu treiben wie ein verlorener Gegenstand. Ruhe umhüllte sie wie ein gnädiges Wort der Macht. Sie besaß kein Wissen, keine Erinnerungen, sie begnügte sich lediglich mit einer simplen Existenz.

In dem Moment rammte ein Licht Ilianas Bewusstsein wie ein Felsbrocken.

Bilder füllten ihre Gedanken. Sie sah ein blutiges Schlachtfeld mit gepfählten Leichen, einen Bruder, der laut nach seiner Schwester schrie, einen verhüllten Mann, der sich in Liebe verzehrte. Dazu erklangen Worte, denen Iliana keinen Sinn abgewinnen konnte.

Am Folkvangstag …

Am Folkvangstag …

Gottes Hammer fällt am Folkvangstag …

Dann endete die Vision so schnell, wie sie begonnen hatte. Ilianas Bewusstsein kehrte langsam zurück und sie sog scharf die Luft ein. Sie spürte Gras unter ihren Fingern.

Zwei männliche Stimmen drangen an ihr Ohr.

„Onkel!“, rief jemand. „Seht doch!“

Eine junge Stimme. Iliana erschien sie angenehm.

„Da ist noch einer.“ Der zweite Mann brummte wie ein Bär.

Im nächsten Moment spürte Iliana kräftige Arme, die sie hochhoben. Sie hörte das Klappern von Stahl. Trugen die beiden Rüstungen?

„Keine Sorge!“, sagte die erste Stimme zu ihr. „Wir bringen euch in Sicherheit!“

Ein Zittern durchfuhr Ilianas Körper und sie hustete. Dann schlug sie die Augen auf.

Nun, eigentlich sollte das nur eine kurze Geschichte werden – so maximal zehn Teile – doch irgendwie kam eines zum anderen und hier sitze ich und schreibe immer noch. Gottes Hammer ist noch nicht zu Ende – denn es gibt noch einige Fragen zu klären. Welche Rolle spielt Medardus in Azraels Plan? Was hat es mit Saskias Tod auf sich? Und was haben Ilianas Visionen zu bedeuten? Nächsten Sonntag beginnt Teil II: “Gottes Hammer: Folkvang”, in dem all diese Fragen noch beantwortet werden ….

Danke fürs Lesen!

LG Antares

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Korrekturen 15

15.Teil – Die Sucher (2/2)

Cheom wandte sich um und führte die Beiden in einen großen, kuppelförmigen Raum, in dem zahlreiche Sessel und Liegen standen. Der Raum war nur mäßig beleuchtet, sodass seine wahre Größe nur erahnt werden konnte. Das wirklich beherrschende Inventar war eine riesige, gläsern wirkende Kugel, die mitten im Raum zu schweben schien.
»Nehmt Platz, wo Ihr wollt«, bot Cheom an, »macht es euch bequem. Ich werde noch ein paar Getränke holen und dann mit euch eine kleine Reise durch die Zeit machen.«
Minuten später ging es los. Die Kugel erhellte sich und Cheom zeigte Fancan, wie sich der Zeitfluss und die Entwicklung der Menschheit unter der ständigen Manipulation der Behörde allmählich immer weiter von seiner natürlichen Entwicklung wegbewegt hatte. Er zeigte, dass die Menschheit systematisch ihrer Möglichkeiten beraubt wurde, Erfahrungen zu machen und daraus zu lernen. Immer, wenn eine Entwicklung ein eine Richtung zeigte, die der Obersten Behörde suspekt erschien, wurde sie brutal unterbunden und ungeschehen gemacht. Allein durch die Arbeit der Agenten starben viele Tausende Menschen und immer wurde es durch die Behörde abgesegnet und angeordnet, um für Stabilität zu sorgen.
Cheom zeigte vergleichend immer, wie die normale Entwicklung ohne den Eingriff verlaufen wäre.
»Wie können Sie wissen, wie die normale Entwicklung gewesen wäre?«, wollte Fancan wissen, die bereits sehr verunsichert wirkte, »Sie wurde ja schließlich durch eine Manipulation niemals endgültig real.«
»Wir arbeiten mit zwei Methoden«, erklärte Cheom, »einmal haben wir sehr leistungsfähige Rechenanlagen, die uns Interpolationen liefern, die sehr nah an der Realität liegen. Dann greifen wir aber auch auf die zentralen Register der Obersten Behörde zu und vergleichen die dort als geheim gespeicherten Informationen mit unseren errechneten Interpolationen. Stimmen sie im Kern überein, müssen wir sie als realistisch einstufen.«
»Sie haben Zugriff auf die geheimen Register der Behörde?«, wunderte sich Fancan.
Cheom lachte verhalten.
»Selbstverständlich haben wir den – natürlich ohne die Kenntnis und Zustimmung der Behörde. Es dient dem reinen Selbstschutz – und natürlich auch der Planung von Maßnahmen gegen eure Manipulationen.«
»Ich glaube, ich verstehe nicht …«, sagte Fancan.
»Vor etwa tausend Jahren geschah etwas, dass uns überhaupt erst auf euch aufmerksam gemacht hat«, sagte Cheom, »bis zu diesem Zeitpunkt war diese Welt relativ dicht besiedelt. Doch von einem auf den anderen Tag verschwand der größte Teil der Bevölkerung und hinterließ ein totales Chaos. Die hier verbliebenen Menschen hatten zum Teil Erinnerung an das Vorher, zum Teil aber auch nicht. Die Meisten waren der Ansicht, dass es schon immer so wenige Menschen gegeben habe. Unter den Menschen mit der Erinnerung an einen dicht besiedelten Planeten befanden sich einige der besten Wissenschaftler unserer Welt. Sie stellten eine Theorie auf, wonach es sich um eine temporale Verwerfung gehandelt haben muss, die sich nur zum Teil in die Zukunft fortgepflanzt hatte. Sie begannen die Zeit zu erforschen – etwas, das man seit Urzeiten nicht mehr getan hatte. Nach und nach lernten sie, die Natur der Zeit zu verstehen und fanden heraus, wie man die Vergangenheit erforschen konnte. Dabei stießen sie auf einen brutalen Krieg am Rande des zweiundachtzigsten Jahrhunderts, der mit Waffen geführt wurde, die zu massiven Veränderungen des Planeten geführt haben. Erst bei der Erforschung der Ursachen fand man einige Ungereimtheiten heraus. So schienen diverse wissenschaftliche Errungenschaften nicht folgerichtig entwickelt worden zu sein. Wir gingen weiter in die Vergangenheit zurück und trafen auf Ihren Zeitvektor und Ihre Behörde, was uns zunächst sehr verblüffte, da wir davon ausgegangen waren, dass wir die Zeitforschung erst entdeckt hatten. Nun mussten wir feststellen, dass Zeitforschung, Zeitreise und Zeitmanipulation bereits ein sehr alter Hut war. Allerdings erkannten wir sofort, dass es die Manipulationen der Behörde waren, die zur Katastrophe im zweiundachtzigsten Jahrhundert geführt hatten. Eure Analysten hatten schlampig gearbeitet und eine Entwicklung gefördert, die Auswirkungen bis in unsere Zeit hatte.«
Cheom machte eine kurze Pause und sah Fancan an.
»Haben Sie bis hierher alles verstanden?«, wollte er wissen.
Fancan nickte. Sie konnte nicht umhin, aber sie fühlte sich irgendwie schuldig.
Cheom fuhr fort:
»Ursprünglich wollten wir Kontakt aufnehmen und euch helfen, doch wir entschieden uns anders, nachdem wir sahen, mit welcher Ignoranz und welcher Überheblichkeit die Mitglieder der Obersten Behörde über das Schicksal von Milliarden von Menschen entscheiden. Einzelne Individuen werden ohne jegliches Zögern geopfert, wenn die Analysten der Ansicht sind, ihre Existenz sei schädlich. Wir erkannten, dass wir uns auch in der fernen Zukunft vor ihrem Handeln schützen mussten. Wir installierten im zweiundachtzigsten Jahrhundert eine für eure Technologie undurchdringliche Sperre, die verhindern sollte, dass Ihr den überwachten Bereich darüber hinaus ausdehnen könnt. Für die meisten eurer Manipulationen reicht es aus, uns zu schützen, da sich der Zeitfluss über die gesperrten Jahrhunderte hinweg meist bereits wieder normalisiert hat, bevor wir davon betroffen werden.
Seit langer Zeit schon schleusen wir unsere eigenen Agenten bei euch ein, um euer System und seine Funktionalität zu studieren. Einen unserer besten Leute kennen Sie bereits – es ist Giwoon, der schon seit ein paar Jahren dafür sorgt, dass wir alles erfahren, das nötig ist, um den Zeitvektor zu zerstören.«
»Was? Sie wollen den Zeitvektor – die Behörde – einfach zerstören?«, entfuhr es Fancan, »Das dürfen Sie nicht tun! Das ist ein Verbrechen!«
»Fancan, Sie haben unser Material gesehen«, sagte Cheom ruhig, »denken Sie in Ruhe nach und dann sagen Sie mir, was ein Verbrechen ist. Ist es ein Verbrechen, der menschlichen Rasse seine Chance auf eine eigenständige Entwicklung zu verwehren oder ist es ein Verbrechen, dafür Menschen zu töten? Wo hört Verbrechen auf, wo fängt Verstand an? Ist es moralisch vertretbar, etwas zu tun, nur, weil man die Möglichkeit dazu hat? Ich denke nicht. Es wird Zeit, dass die Menschheit wieder die Verantwortung für ihr Handeln selbst übernimmt und nicht nur glaubt, dass sie diese Verantwortung hat. Der Zeitvektor wird fallen, Fancan. Es würde mich freuen, wenn Sie es einsehen könnten und uns vielleicht sogar helfen können, dieses Ziel zu erreichen.«
Giwoon, der die ganze Zeit über still danebengesessen hatte, griff nach Fancans Hand. Eine Träne rann über ihre Wange.
»Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll«, sagte sie, »mein ganzes Weltbild gerät ins Wanken. Ich bin Agentin – ich war immer Agentin. Meine Aufgabe waren immer die Korrekturen. Wenn aber nun alles falsch … was bin ich dann noch? Ich könnte mich doch auch gleich erschießen.«
»Fancan!«, fuhr Giwoon sie an, »Das darfst du nicht einmal denken! Du bist eine tolle Frau und ich liebe dich! Dein Leben hört doch nicht auf, nur, weil wir dieser Behörde ein Ende bereiten werden. Wir bleiben auf jeden Fall zusammen.«
Er blickte zu Cheom und fragte:
»Ist es nicht so?«
Cheom nickte nur und antwortete:
»Ja, so ist es und ich wünsche dir und Fancan dabei viel Glück.«
Fancan blickte von einem zum anderen und ihr Gesicht bekam einen fragenden Ausdruck.
»Wovon sprecht Ihr eigentlich?«
Cheom erhob sich.
»Ihr müsst jetzt wieder gehen«, sagte er, »Symeen kann euch alles Weitere sagen.«
Er nahm erst Giwoon und dann auch Fancan in den Arm, die es vollkommen verwirrt geschehen ließ.
»Mädchen, ich gebe euch alle meine guten Wünsche mit auf euren Weg«, sagte er, »passt aufeinander auf.«
Dann führte er sie wieder zum Transporter, der sie in einem Sekundenbruchteil wieder zurück ins Haus von Giwoons Familie brachte. Als sie die Treppe ins Erdgeschoss hinaufgingen, hörten sie, dass die Familie bereits am Esstisch versammelt war.
»Ihr kommt spät«, sagte Symeen vorwurfsvoll, »setzt euch, sonst ist das Essen ganz kalt.«
Sie aßen schweigend. Fancan war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt und Symeen wollte sie nicht darin stören. Sie war überzeugt, dass Fancan von ganz allein auf sie zugehen würde.
Nach dem Essen erhoben sich Zedroog und Yshaa, während Symeen, Giwoon und Fancan zurückblieben.
»Symeen, ich glaube, ich habe Anspruch darauf, endlich Alles zu erfahren«, sagte Fancan, als sie allein waren, »ich bin es endgültig Leid, dass immer alle nur in Rätseln mit mir sprechen. Cheom hat mir eine Menge Dinge gezeigt und erklärt. Dann jedoch wies er nur noch darauf hin, dass ich den Rest von dir erfahren würde und wünschte mir viel Glück. Was wisst Ihr, was ich noch nicht weiß? Redet endlich!«
Symeen verschränkte ihre Hände und sah Fancan ernst an.
»Als Giwoon uns mitteilte, dass er eine enge Beziehung zu einer Agentin der Behörde eingegangen wäre, waren wir darüber nicht begeistert – wie du dir denken kannst. Er ist mein Sohn und es fällt mir noch immer schwer, zu begreifen, dass er inzwischen erwachsen ist und seine Entscheidungen selber trifft. Ich gestehe, dass ich große Vorbehalte hatte, als Zedroog mir mitteilte, dass du mit Giwoon zu uns reisen würdest. Jetzt, wo ich dich kennen gelernt habe, sehe ich einige Dinge anders. Du bist nicht die kalte Killermaschine, für die ich Agenten immer gehalten habe. Du bist im Grunde das Produkt von Erziehung und Konditionierung durch die Behörde und dafür darf und kann ich dich nicht verurteilen. Was ich aber getan habe – und dafür kann ich mich nur bei dir entschuldigen: Ich habe von Cheom ein Profil von dir fertigen lassen, damit ich ein besseres Gefühl dafür bekomme, mit wem mein Sohn und ich es zu tun haben.«
»Du hast ‘was’ getan?«, ereiferte sich Fancan.
Symeen machte eine beschwichtigende Geste.
»Ich entschuldige mich dafür bei dir in aller Form, Fancan. Ich hätte es dir sofort sagen sollen. Allerdings sind dabei einige Dinge zutage getreten, die ich nicht erwartet hätte und die mich auch äußerst traurig machen. Du und Giwoon werdet uns wieder verlassen und ihr werdet niemals mehr zurückkehren.«
»Das kannst du doch nicht wissen, Symeen«, sagte Fancan, »warum sollten wir nicht zu dir zurückkehren? Oder wird uns etwa etwas geschehen?«
»Nein, das ist es nicht«, sagte Symeen und wischte sich mit dem Handrücken eine Träne fort, »Ihr werdet uns verlassen müssen, weil eine Aufgabe auf euch wartet, die – wenn ihr sie löst – dafür sorgen wird, dass wir uns niemals mehr wiedersehen werden. Es ist sehr kompliziert.«
»Du redest noch immer in Rätseln, Symeen«, sagte Fancan vorwurfsvoll.
»Du hattest in deiner Basis im Zeitvektor eine Freundin, nicht wahr?«, fragte Symeen.
»Khendrah?«, rief Fancan aus, »Die Verräterin? Woher kennst du Khendrah?«
»Du denkst noch immer in den alten Bahnen«, mahnte Symeen, »ich weiß von deinem Auftrag, Khendrah zu töten, Khendrah und dieses Thomas Rhoda. Es ergab sich alles aus den Recherchen zu deinem Profil, Fancan. Ich sage dir jetzt, dass es von großer Bedeutung ist, Khendrah zu finden und sie nicht zu töten. Ich erkläre dir auch, warum.«
In den nächsten Stunden hatten Fancan und Giwoon das Gefühl, die Zeit würde wie im Fluge vergehen. Staunend nahmen sie zur Kenntnis, was Symeen und Cheom über sie herausgefunden hatten. Niemals hätte sie vermutet, dass ihr aller Schicksal so sehr miteinander verflochten war.

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Die Wölfe von Asgard – Das Zeichen der Götter (2/2)

Der grausige Schlachtenlärm dröhnte in ihren Ohren, dennoch kam es Deila so vor als sei ihr Leben nie harmonischer gewesen, als in diesem Augenblick. Nichts stellte sich zwischen die Jägerin und ihre Beute. Obwohl es sich in diesem ausgewachsenen Handgemenge als schwierig erwies, die Übersicht zu behalten, konnte sie ihren Vater klar unter sich erkennen. Sie fletschte die Zähne. Ihren Mund erfüllte der bittere Geschmack von Blut. 
Ich bin dein Fluch, Vater. Und dieser Fluch wird heute dein Leben fordern. 
Mit einem Aufschrei stürzte sie sich vom Felsen. 
Im gleichen Moment schwärmten Yorrick und seine Leute aus dem Geäst und verwickelten die Ustenströmer in bittere Zweikämpfe. Der Schiffsbaumeister hatte auf ihr Zeichen gewartet. Trotz ihrer Wunde, hatte sie sich diesen Moment nicht nehmen lassen. 
Einmal groß sein. Wissen wie es sich anfühlt, zu leben.
Der erste Mann, der ihren Weg kreuzte, ging mit einem Röcheln zu Boden, als Deila ihm ohne mit der Wimper zu zucken den Speer durch den Hals rammte. 
Siehst du mich, Vater?
Er sah sie. Durch seine Augen zuckte ein Gefühl, dass in Deila eine freudige Erregung hervorrief. Angst. Nichts weiter als die blanke Angst.
Fürchtest du mich, Vater?
Abermals warf sich ihr ein Feind wie aus dem Nichts entgegen. 
Deila lenkte die Axt mit dem Speer um, vollführte einen Ausfallschritt und schnellte dann so blitzartig hervor, dass ihrem Gegner keine Zeit zum Reagieren blieb. Der Speer bohrte sich durch seine Brust und eine rote Wolke hüllte ihn ein, während er zusammenbrach.
Während sie tötete, ließ sie ihren Vater nicht einen Moment aus den Augen. 
Erkennst du, was du aus mir gemacht hast, Vater?
Islav wandte sich von ihr ab. Er drängte durch das Schlachtgeschehen, nur fort von ihr. Er hatte Mühe, den Angriffen zu seinen beiden Seiten zu entgehen, doch irgendwie gelang es ihm. Ein Speer streifte seine Schulter und er bellte vor Schmerz. Doch nichts schien ihm gewisser, als dass er sein Heil in der Flucht suchen sollte.
Deila genoss es. Trieb ihn wie ein Tier. Jeder, der ihren Weg kreuzte, starb. 
Eine geisterhafte Stimme schnitt durch ihren Kopf, scharf wie die Schwerter der höchsten Richter selbst: »Valkyra.«
Dann erreichten sie das Ende des Schlachtfeldes. Islav rannte davon wie aufgeschrecktes Wild, Deila schoss ihm hinterher.
Plötzlich registrierte sie einen Schemen, der sich aus dem Schatten löste und auf sie zumarschierte.
Hjalmaer verzog seinen Mund zu einem höhnischen Grinsen, während er sich zwischen die beiden stellte. »Keine Sorge, wir werden heute beide einen Vater verlieren«, knurrte er sie an.
Hat er geweint?
Von dem einst so stolzen Sohn des Magnar war kaum noch etwas zu erkennen. Blut befleckte sein Gesicht, seine Augen erschienen Deila trotz der Dunkelheit aufgequollen und rot. Sein Schwertarm zitterte, während er die Klinge in ihre Richtung ausstreckte.
»Du«, presste sie zwischen zusammengekniffenen Zähnen hervor. Der Rausch der Schlacht verabschiedete sich allmählich von ihr und wich einer bleiernen Schwere, die sich mit dem Hauch des herannahenden Todes in ihre Glieder schlich.
»Dir werde ich dein hässliches Grinsen aus dem Gesicht schälen, für das, was du mir und meinem Dorf angetan hast«, zischte sie wutentbrannt. »Außerdem stellst du dich zwischen mich und meine Beute.« Ohne Vorwarnung griff sie an. 
Der Speer zischte auf Hjalmaer zu, doch diesem gelang es, im letzten Moment auszuweichen. Er konterte mit einem Aufwärtshieb, der ihr fast die Waffe aus den Händen riss.
Dieser hier wird schwieriger.
Fast machte sie dieser Umstand glücklich. Wieder stieß sie zu, doch ihre Bewegungen wurden allmählich langsamer. 
Der Ustenströmer lenkte ihre Waffe von sich fort und ließ sein Schwert auf sie niedersausen.
Deila konterte, indem sie den Speer in Windeseile quer an ihre Brust presste, um den Schlag abzufangen. Die Wucht des Angriffs erschütterte sie in ihren Grundfesten.
»Ein Weib wie du es bist, wird einem echten Krieger niemals gewachsen sein«, schrie ihr Hjalmaer entgegen. »Und selbst für einen hässlichen Mann würde es nicht reichen.« Wieder griff er an. Seine Waffe sauste an Deilas rechtem Ohr vorbei, sodass es zischte.
»Vielleicht finden wir im Schweinestall eine Verwendung für dich. Irgendwer muss schließlich die Eber bei Laune halten.« Er lachte hysterisch. 
Deila blieb stumm. Was zählte waren Taten, nicht Worte. Und die Tatsache, dass er trotz dieser Worte Hand an sie gelegt hatte, sagte doch mehr über ihn aus, als über sie. Und dennoch konnte sie nicht umhin, festzustellen, dass sie ungewollt zu Zittern begann. Ihr Körper fühlte sich kalt und leer an. 
Mit einem Schrei zwang sie sich ins Diesseits zurückzufinden. Gerade noch rechtzeitig, um einer ihr geltenden Stichattacke zu entkommen.
Hjalmaer fauchte wütend, als er feststellte, dass sein Angriff fehlgeschlagen war. »Zäh wie ein Ochse, das muss man dir lassen«, knirschte er wütend. 
»Mach dich auf etwas gefasst«, ächzte Deila zurück. 
Er verzog eine Augenbraue. »Ach, wirklich?«, feixte er gespielt gelangweilt.
Sie umkreisten einander wie Raubtiere, bereit zum Sprung.
Deila ließ den Speer vorschnellen, doch Hjalmaer war flink. 
Er wich dem Angriff aus und täuschte einen Ausfallschritt an. Im letzten Moment ließ er von seinem Vorhaben ab und schürfte Deila das Schwert mit voller Wucht gegen den Arm.
Ein greller Schmerzensschrei entwich ihrer Kehle, der Speer flog ihr aus den Händen. 
Triumphierend baute er sich vor ihr auf. »Du bist am Ende«, kicherte er. »Finde dich damit ab.« Doch als er in Deilas Augen blickte, zögerte er.
»Narr!«, fuhr ihn die Nordmaid an. »Der Schmerz ist das, woraus ich meine Kraft schöpfe. Und du hast ihn erneut entfacht.«
Sie griff nach dem Speer und stürzte sich auf ihn. Hieb folgte auf Hieb, bis es schien, dass Hjalmaer einen Tanz vollführte.
Der Ustenströmer verpatzte eine Parade und der Speer bohrte sich in sein Bein. Brüllend vor Pein versuchte er zu kontern, doch Deila ließ ihm nicht die Gelegenheit. Der Schaft der Waffe krachte in sein Gesicht. Dann noch einmal. Und noch einmal, mit einer solchen Wucht, dass es knackte. 
Ächzend ging der Sohn des Magnar zu Boden. Blut strömte aus seiner Nase uns sein Kiefer hatte sich ungesund verdreht. 
Deila bäumte sich über ihm auf, ihr Speer glitzerte im Mondlicht. Dann rammte sie ihn mit voller Wucht in seinen vor Schreck weit geöffneten Mund.
Schon im nächsten Moment suchten ihre Augen das nächste Ziel.
Doch Islav schien wie vom Erdboden verschluckt. 
Mit einem zornigen Aufschrei versenkte sie die Waffe abermals in Hjalmaers Körper, diesmal in seiner Brust. Mit dem Schlag wich die letzte Kraft aus ihren Gliedern. Deila sank in die Knie, Schwindel erfasste sie, vernebelte ihren Verstand. Ihre Wunden pochten als wären sie zwei zusätzliche Herzen, die den Schmerz durch ihren Körper pulsieren ließen. Ein dumpfes Dröhnen erfüllte ihren Kopf, bis es alle anderen Geräusche verschluckt hatte. Unsagbarer Druck zerquetschte ihre Glieder. Eine letzte Träne trat aus ihrem Augenwinkel.
Hättest du mich je lieben können, Vater?
Ein Seufzer entwich ihrer trockenen Kehle, dann verlor sie das Bewusstsein. 


***

Das Blatt hatte sich gewendet. Dank Yorricks Überraschungsangriff war es den Skiringssalern gelungen, den Feind zurückzudrängen. 
Aegir ließ seine Axt auf den Feind niedergehen als würde er versuchen, Bäume mit einem einzigen Hieb zu spalten. 
Snorri beobachtete ihn, wie er zahlreiche Feinde niederstreckte. 
Danke, Bruderherz. Dass du mich vor dem bewahren wolltest.
Es dauerte nicht lange und die verbliebenen Ustenströmer ergaben sich. Sie warfen die Waffen von sich und knieten sich in die Hocke. 
Die Skiringssaler umkreisten sie mit Mienen, die vor Mordlust nur so trieften. 
»Ich sage, wir knüpfen sie auf!«, brüllte Knutson in die angeheizte Menge. Bestätigende Rufe folgten seiner Aufforderung.
»Lasst sie Bluten für das, was sie angestellt haben!«, forderte Yorrick. Er kniete vor dem reglosen Olaf und erwies ihm die letzte Ehre. Seine Hände glänzten feucht und rot vom Blut, ebenso wie sein gesprenkeltes Gesicht, das sich vor Gram verzerrte. 
Egal wohin Snorri blickte, der Tod schien allgegenwärtig. Dort, wo gerade noch die Schreie der Sterbenden in seinen Ohren gedröhnt hatten, befanden sich nun nur noch leblose Körper, die eine stille Klage in den Himmel hinaufächzten. 
Allmählich kroch die Sonne hinter dem Horizont empor und begrüßte die Überlebenden mit einem bitterroten Himmel, als wüsste sie längst, was heute Nacht geschehen war. 
So viel Tod, dachte Snorri und schluckte. Und das völlig umsonst.
Ein wüster Schrei verdrängte seine Gedanken. 
Yorrick hatte ein Messer gezogen und hielt es einem Ustenströmer an die Kehle. 
Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen blickte der Mann auf die blanke Klinge, die nunmehr den seidenen Faden zwischen Leben und Tod für ihn darstellte. 
»Nenne mir einen Grund!«, brüllte der Schiffsbaumeister in das Ohr des Gefangenen. Seine Hände zitterten vor Wut. 
Der Ustenströmer zuckte vor Schreck zusammen.
Snorri fühlte sich für einen Augenblick wie betäubt. Die Leichen, das Blut, die Schreie, die in der vergangenen Nacht durch die Dunkelheit gehallt waren, das alles vermengte sich in seinem Kopf zu einer Sintflut des Grauens. Eine endlose Beklommenheit presste seine Lungen zusammen. Er zwang sich dazu, ruhig zu atmen. Ein und aus. 
Und dann spürte Snorri ein seltsames Gewicht auf seiner rechten Brust haften. Als er danach tastete, stellte er fest, dass das Kreuz, das er aus dem Kloster geraubt hatte, noch in seiner Tasche ruhte. Und da wurde ihm klar, was er zu tun hatte.
»Haltet ein! Ihr alle!«, brüllte er nach Leibeskräften. 
Yorrick blickte ihn entgeistert an. »Ruhe, Knirps. Und dann fort mit dir. Das hier willst du nicht mit ansehen«, knurrte er dann.
»Du hast Recht«, erwiderte Snorri und machte vorsichtig einen Schritt auf ihn zu. »Das will ich nicht. Und dennoch werde ich mich nicht umdrehen, bis ich weiß, dass du diesem Mann kein Haar krümmen wirst.«
Aufgeregte Rufe ertönten. »Was fällt dir ein, Knirps?«, herrschte Yorrick ihn an und verlagerte mehr Druck auf die Klinge.
Das Gesicht des Ustenströmers lief weiß an vor Angst und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. »H-Hört auf den J-Jungen«, stotterte er mühsam hervor.
»Du hältst bloß dein Maul!«, antwortete Snorri harsch. »Du wirst deine Strafe noch kriegen, denn ihr habt euch alle des Verrats schuldig gemacht.«
»Und du weißt, welche Strafe darauf steht!«, brüllte Yorrick ungeduldig. »Und ich werde noch gnädig sein. Ein paar Stiche, was macht das schon, im Vergleich zum Blutaarspektakel? Nichts anderes haben diese Bastarde verdient.« Er spuckte verächtlich aus. 
Snorri breitete die Arme aus. »Siehst du nicht, was hier passiert ist? Mord und Tod umgeben uns und die Geister der Gefallenen werden diesen Ort ewig heimsuchen. Diese Erde wird für immer in Blut getränkt bleiben. Und du willst wirklich noch mehr vergießen? Das ist Wahnsinn.«
»Das«, knurrte Yorrick und sein Blick nahm kurz etwas Grausames an, »ist Gerechtigkeit.« Mit diesen Worten schnitt er dem Mann die Kehle auf.
Gurgelnd fiel er zu Boden und regte sich nicht mehr. 
Johlende Rufe ertönten und feuerten Yorrick an. Dieser schritt auf den nächsten Gefangenen zu. 
»Das ist Wahnsinn, seht ihr es denn nicht?«, keuchte Snorri, doch seine Worte fanden keinen Anklang. Niemand hörte ihm zu.
Snorris Blick suchte seinen Bruder, doch Aegirs steinerne Miene deutete ihm an, jetzt besser ruhig zu bleiben. In den Händen hielt er die reglose Deila, aus der sämtliches Leben gewichen war. 
So viel also zu deiner sogenannten Nächstenliebe.
»Gerechtigkeit? Das was du da tust soll gerecht sein?« In Snorri begann es zu kochen. »Ist Yorrick der Weise schon so groß, dass er im Auftrag der Götter handeln darf? Gefangene, die sich ergeben haben, abzuschlachten, zeugt nicht von Gerechtigkeit. Es ist egoistisch!« Nun kannte er keinen Halt mehr. Dieses sinnlose Töten musste endlich aufhören.
Yorrick blickte ihn entgeistert an.
»Na schön, dann bring sie doch alle um!«, herrschte Snorri. »Und dann komm zuhause an und er zähl deinen Töchtern was passiert ist. Und wenn sie dich fragen, warum du all die Menschen umgebracht hast, sehe ihnen nur für einen Moment in die Augen und sag ihnen ‘weil mir danach war’. Und dann beobachte, was ihre Augen erwidern. Sag mir, willst du das erleben?«
Wütend wandte Snorri sich ab und stürmte davon. Die Bestürzung brach endgültig aus ihm heraus und Tränen drangen aus seinen Augenwinkeln. Erst als er die Klippen erreicht hatte und der Wald sich teilte, um der See Platz zu machen, hörte er auf zu rennen. Seine Lungen brannten, doch es war ihm egal. Tief saugte er die salzige Luft ein. Lauschte dem Gekreische der Möwen und der Brandung, die im Takt der Gezeiten an den Felsen nagte. Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte er das letzte Mal etwas derart vertrautes, beruhigendes gehört. Es hatte fast etwas von Heimat.
Snorri blickte sehnsüchtig in die Ferne. Heimat. Wie sehr er sich nach den vertrauten skiringssaler Buchten sehnte. Er konnte es kaum erwarten, Segel zu setzen und in See zu stechen. Fort von dem Grauen der vergangenen Tage, das seine Seele für ewig beflecken würde. Er griff nach dem Kreuz in seiner Brust und holte es aus der Tasche heraus, betrachtete es für einen Moment. Dann schleuderte er es im hohen Bogen ins Wasser. Mit einem lauten Platsch versank es in den Fluten. 
»Das brauche ich nicht mehr«, sagte er und blickte dabei in den Himmel hinauf. »Es hat mir den Anfang des Weges gezeigt, doch nun werde ich ihn alleine beschreiten müssen.« Er holte tief Luft. »Damit ich am Ende bei dir ankomme und sagen kann, dass ich alles richtig gemacht habe.« Die aufgestaute Wut wich einer gewissen Erleichterung. Er hatte es getan. Das ausgesprochen, was schon seit dem Kloster an ihm nagte. Und es fühlte sich verdammt richtig an. Er blickte ein letztes Mal auf die weite See hinaus. Und da wurde ihm klar, dass er sie nie wieder befahren würde. Zumindest nicht, um zu plündern. Doch irgendwie erleichterte ihn diese Tatsache. Die Reise war zu Ende und er hatte es überlebt. Noch vielmehr als das, hatte ihn eine wichtige Erkenntnis ereilt. Snorri lächelte kurz in sich hinein und wischte die Tränen fort. Dann machte er sich auf den Weg, zurück zu den anderen. 

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Gottes Hammer XVI

Stille breitete sich aus, als der schwarze Nebel verschwand.

Iliana sah, wie Teshin sacht seine Stirn berührte. Die Platzwunde war verschwunden. Halgins Schnabel stand weit offen vor Erstaunen und Esben räusperte sich betont.

Kurz tauschten sie untereinander Blicke aus. In stillem Einverständnis wandten sie sich der Tür zu.

„Ich schätze, wir haben keine andere Wahl“, murmelte Teshin.

Esben nickte. Er umklammerte den Folianten so stark, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Erregung überkam Iliana. Obwohl sie Teshin seit kaum einem Tag kannte, wollte nun auch sie das Geheimnis aufdecken. Das untrügliche Gefühl, selbst davon betroffen zu sein, machte sich in ihr breit.

Kaum öffneten sie die Tür und verließen Sitraxas Höhle, entzündeten sich an der Wand des Korridors mit einem Mal Fackeln. Rotes Feuer durchstieß das Halbdunkel wie blutige Laternen. Iliana schluckte. Ihre Hände schlossen sich fester um den Bogen.

Halgin krächzte misstrauisch. „Können wir ihr vertrauen?“ Dabei sah er Teshin an.

Teshin zuckte ratlos mit den Schultern. „Wenn sie uns schaden wollte, hätte sie uns nur aus dem Hinterhalt heraus angreifen müssen. Stattdesen hat sie mich geheilt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie uns töten will.“ Er atmete tief durch und rieb sich die Schläfen. „Andererseits habe ich in der Kirche gegen sie gekämpft und sie ist mir deshalb sicher nicht wohlgesonnen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung.“

Halgin nickte. „Wir sollten einen Kampf in Erwägung ziehen.“ Dabei sah er Esben an. „Vermagst du diese Dämonin ebenso niederzustrecken wie Sitraxa?“

Esben zögerte. „Ich weiß es nicht“, gab er schließlich zu. „Sie war nicht lange genug anwesend, als dass ich sie hätte spüren können. Auch jetzt nehme ich keine dämonische Präsenz im näheren Umkreis wahr. Vielleicht … vielleicht ist sie wirklich eine Art Halbdämon, wie Teshin meinte.“

Teshin hob ausweichend die Hände. „Das war nur ein Erklärungsversuch.“

„Aber ein guter“, ertönte es hinter ihnen.

Sie fuhren erschrocken herum. Iliana hob den Bogen. Vor ihnen stand eine gedrungene Gestalt in einem schäbigen schwarzen Umhang, die die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Ein metallener Geruch umwölkte das vernarbte Gesicht und ein Grinsen weitete die fahlen Mundwinkel. Zwei rötliche Augen schimmerten, als sie eine reich verzierte Laterne hob. Auch sie glomm im Farbton des Blutes.

„Berengar der Name“, stellte sich der kleine Mann vor. Ein Kichern folgte. „Ich werde Euch in die Halle meiner Herrin geleiten.“

Iliana sah ihre Gefährten unsicher an. Teshin hatte bereits Murakama gezogen, Halgin flatterte energisch mit den Flügeln und Esben präsentierte dem Neuankömmling eine leere Seite des Buches.

Einen Moment lang verharrten sie in dieser Stellung, bis Teshin sich räusperte und Murakama in die Scheide steckte. „Wieso kann ich dich nicht spüren, Berengar?“

Berengar kicherte. „Folgt mir. Ich werde Euch unterwegs Eure Fragen beantworten.“ Mit diesen Worten wandte er sich um und ging zu den Fackeln.

Teshin folgte ihm. Iliana tat es ihm mit klopfendem Herzen nach. Beruhigt fühlte sie, wie Halgin sich auf ihrer Schulter niederließ.

Der Gang führte steil abwärts. Iliana zuckte zusammen, als ein kalter Luftzug sie erschaudern ließ.

Eigentlich sollte sie Furcht erfüllen. Schließlich näherte sie sich einer weiteren Dämonenhöhle, in der ähnliche Wesen wie Sitraxa sie erwarteten. Obwohl sie bei der Erinnerung an die schreckliche Spinne kaum noch Luft bekam, erfüllte sie nun eine nie gekannte Sicherheit. Das Mädchen aus der Kirche war kein Monster. Sie hatte Menschlichkeit in seinem Blick entdeckt, Verletzlichkeit und Gewissensbisse. Oder projizierte sie nur ihre eigenen Gefühle auf eine andere Person?

Vielleicht sehnte sie sich unterbewusst einfach nach einem Menschen, der wie sie war, der keine magischen Bücher oder Schwerter besaß und keinen Vertrag mit Dämonen geschlossen hatte.

Berengar unterbrach ihre Überlegungen. „Meinem erlauchten Herrn gefiel es, mir als Lohn für meine Dienste die Unsterblichkeit zu schenken. Ich bin eine rastlose Seele, auf ewig dazu ermächtigt, den Erdkreis zu durchstreifen.“ Er kicherte.

Halgin streckte sich auf Ilianas Schulter. „Ihr seid ein Untoter!“

Ilianas Eingeweide gefroren. Sie hatte bereits Legenden in Raureif gehört, düstere Geschichten über rastlose Seelen, die in den Bergen ihr Schicksal beklagten. Jedoch hatte sie nie an solche Geschichten geglaubt.

Teshin ging es ähnlich. „Ich hielt Ghule immer für Sagengestalten“, sagte er kühl.

Empörung schlich sich in Berengars Stimme. „Ghule sind wilde Wesen ohne Sinn und Verstand. Sie haben nichts mit der Realität zu tun. Ich bin ein Hrandar, ein Ewiger, wie es in der Alten Sprache heißt.“ Bei diesen Worten berührte Berengar plötzlich die Wand. Ein Durchgang bildete sich mit lautem Knirschen, das Iliana erschaudern ließ. Offenbar gab es in Hornheim auch Geheimgänge.

Hier brannten keine Fackeln. Stattdessen verunzierten Spinnweben die niedrige Decke und stinkendes Wasser strebte in kleinen Tropfen dem gepflasterten Erdboden entgegen. Iliana musste an Sitraxa denken und ihre Hände schlossen sich fester um den Bogen.

„Wie wird man zum Hrandar?“, fragte Teshin interessiert.

Berengar kicherte, doch diesmal beantwortete Halgin die Frage. Seine Stimme klang bitter.

„Durch ein höheres Wesen“, erwiderte der König. „So gesehen bin auch ich ein Untoter. Ich wurde von den Elphahim verflucht, Berengar hat wohl ein Dämon verwandelt.“

Esben hielt inne, sodass Iliana gegen ihn stieß. „Elphahim? Ihr meint einen Engel? Das habt Ihr noch gar nicht erwähnt!“

Halgin schnaubte. „Nenne diese Geschöpfe Engel, wenn du willst, ich tue es nicht. Genau wie die Dämonen Hornheims keine Boten des Teufels sind, sind auch die Elphahim Folkvangs keine Diener eures Gottes. Aber genug davon. Sie waren schon zu meiner Zeit ungemein rar und heute gibt es kaum noch welche.“

Berengar kicherte. „Das ist richtig. Die Elphahim sind beinahe alle verschwunden, aber die Dämonen sind da. Bitte, tretet ein.“ Damit verneigte er sich höflich vor ihnen und wies auf ein prunkvolles Doppelportal.

Ilianas Herz drohte zu zerspringen, als die beiden Torflügel wie von Geisterhand bewegt aufschwangen.

Gemeinsam traten sie über die Schwelle.

Iliana erstarrte.

Sie standen in einer gewaltigen kreisrunden Halle, deren Wände sieben Statuen zierten. Sie schienen Könige zu zeigen, denn alle trugen sie Insignien der Macht. Ansonsten verspottete die Einrichtung jegliches Bedürfnis nach Ästhetik. Kerkerzellen waren in die Mauern geschlagen, Ketten hingen von der schmutzigen Decke. Inmitten eines verstörenden Konglomerats aus Folterinstrumenten und rostigen Waffen stand ein gewaltiger Thron, dessen Lehne dieselbe Fratze aufwies, die sie über dem Eingangsportal in Androgs Halle empfangen hatte. Darunter saß das Mädchen.

Iliana kam der Ort vage bekannt vor. Während sie die Halle durchquerten, verstärkte sich das Gefühl erheblich. Die Anordnung der Statuen, die Anzahl der Ketten … war sie schon einmal hier gewesen?

„Meine Herrin, die Herzogin Velis des Dritten Pfades von Hornheim!“, erklang Berengars Stimme aus dem Hintergrund.

Velis nickte, doch Iliana konnte keine Würde in ihren Zügen entdecken. Vielmehr furchte Trauer das junge Gesicht der Herrscherin.

„Herzogin?“ Halgin schnaubte. „Existiert in Hornheim etwa eine Hierarchie?“

Velis nickte. Ihr metallenes Halsband funkelte im rötlichen Licht. Erst jetzt bemerkte Iliana, dass kleine Stachel es bedeckten.

„Natürlich. Es handelt sich um eine genaue Kopie des Systems im Heiligen Königreich.“ Velis’ Stimme klang überraschenderweise gewöhnlich. Nach Sitraxas zischenden Lauten hatte Iliana etwas anderes erwartet. „Ich bekleide denselben Rang wie der Herzog von Astaval.“ Dabei nickte sie Teshin zu. „Astavals Thron stünde eigentlich Euch zu. Wieso betätigt Ihr Euch als Söldner?“

Teshin schnaubte wütend. „Diese Frage werde ich einem Dämon gewiss nicht beantworten! Eher solltet Ihr uns einige Dinge erklären!“

Velis ließ sich scheinbar erschöpft zurücksinken, doch ein Lächeln zierte ihre Lippen. „Als wir uns zum ersten Mal trafen, erhielt ich exakt dieselbe Antwort. Du hast dich trotz allem nicht verändert, mein Freund.“

Iliana sah Teshin überrascht an. Er wirkte nicht minder verwirrt. Aber die Entschlossenheit fand schnell den Weg zurück in seinen Blick. „Bitte“, sagte er leise, aber bestimmt. „Was ist in den letzten Monaten geschehen? Wo ist Saskia?“

Velis erhob sich. Als sie die steinernen Stufen herabstieg, schien das Licht schwächer zu werden. „Ich darf diese Fragen nicht beantworten“, erwiderte sie. „Ich habe dir einen Eid geschworen, es nicht zu tun.“ Ihre roten Augen funkelten. „Du musst deine Erinnerungen durch einen Vertrag zurückerlangen. Das war dein ausdrücklicher Wunsch vor der Löschung.“

„Vor der … ich habe meine Erinnerungen freiwillig aufgegeben?“, fragte Teshin verwirrt.

Velis nickte.

Iliana sah zwischen Velis und Teshin mit geweiteten Augen hin und her. Dabei schlich sich ein wachsendes Gefühl der Unruhe in ihr Bewusstsein. Sie wusste, dass sie diesen Ort vor jenem Tag schon einmal betreten hatte. Doch wann? Androgs Halle und Sitraxas Refugium erschienen ihr beide nicht im mindesten vertraut!

„Ich muss also einen Vertrag mit dir schließen?“, fragte Teshin.

Velis streckte eine Hand aus. „So ist es.“

Teshin sah sie unsicher an. „Aber ich bin Irodeus verpflichtet.“

Velis schüttelte den Kopf. „Nicht mehr. Aber das wirst du bald erfahren.“

Halgin stieß sich von Ilianas Schulter ab und krächzte laut. „Nicht! Das ist eine Falle!“

Auch Esben hatte Bedenken. „Mach nicht noch einmal diesen Fehler, Teshin!“

Ilianas Herz schien zu platzen. Sie warf einen Blick auf Berengar. Der Untote lehnte lässig an der Wand und verfolgte interessiert das Geschehen. Besaß er magische Fähigkeiten? Konnten sie sich im Zweifelsfall den Weg freikämpfen?

Teshin zögerte. „Welche Bedingungen wird der Vertrag umfassen?“

Velis lächelte. „Du bekommst deine Erinnerungen zurück und dafür befreist du mich von meinem Sklavenmacher.“ Dabei deutete sie auf das metallene Halsband.

Teshin sah sie verwirrt an. „Sklavenmacher?“

Velis lächelte weiterhin, doch Dunkelheit umwölkte ihren Blick. „Ein Geschenk meines Vaters.“

Teshins rechte Hand ruhte auf Murakamas Griff. „Wie mach ich das?“

Velis zuckte mit den Schultern. „Mit einem schlichten Segen. Mehr ist nicht nötig, aber er setzt voraus, dass wir beide einen Vertrag schließen.“

Teshin warf Halgin einen unsicheren Blick zu. Der König schüttelte den Kopf. Teshin biss die Zähne zusammen.

„Das ist meine einzige Chance“, stieß er schließlich hervor. „Wenn ich jetzt ablehne, werde ich nie erfahren, was geschehen ist!“

„Wir finden einen Weg“, entgegnete Halgin.

Velis schüttelte den Kopf. „Es gibt keine andere Möglichkeit.“

Einem Impuls folgend, hob Iliana den Bogen und zielte auf Velis. „Was, wenn wir Euch einfach zwingen, ihm die Erinnerungen zurückzugeben?“

Velis’ Lächeln erstarb.

„Das kann ich nicht“, erwiderte sie schließlich. „Mein Eid ist bindend.“

„Ich verstehe.“ Teshin trat vor. Langsam löste sich seine zitternde Hand von Murakama. „Mir bleibt wohl keine Wahl.“

Velis nahm seine Hand in die ihre. Iliana sah hilfesuchend zu Halgin, doch der König betrachtete das Geschehen nur fassungslos. Er schien nicht eingreifen zu wollen.

Plötzlich blitzte ein schmales Messer in Velis freier Hand auf. Lautlos trat Berengar mit einer reich verzierten Schlüssel zwischen die beiden.

Teshin schien nicht überrascht. Hatte er einen solchen Vorgang bereits beobachtet?

„Fürchte dich nicht“, murmelte Velis beinahe lautlos, als sie das Messer über ihre verschränkten Hände hob. „Bald werden wir Eidgenossen sein. Der Schmerz des einen möge der Schmerz des anderen sein.“

Mit diesen Worten trieb sie das Messer tief in ihr Fleisch, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen. Die dünne schwarze Klinge durchstieß Velis’ Hand und erreichte Teshins. Der Söldner zuckte zusammen, erduldete den Schmerz jedoch lautlos. Einen Moment später tropfte Blut in Berengars Schale. Der Hrandar kicherte, als rote Rauchschwaden aufstiegen.

„Ich, Velis, Herzogin des Dritten Pfades von Hornheim, mache hiermit diesen Mann zu meinem Eidgenossen und Mitstreiter und gelobe hiermit, ihm wiederzugeben, was er verloren!“ Ihre Stimme erfüllte die Halle wie Donnergrollen. Sie nickte ermutigend.

Iliana sog scharf die Luft ein, als Teshins Augen zu funkeln begannen. Kurz schien es, als weigerte er sich, doch im nächsten Moment nickte er.

„Ich, der Herzog von Astaval, gelobe hiermit, meine Mitstreiterin von ihrem Sklavenmacher zu befreien.“ Er holte tief Luft. Nichts geschah. Iliana wechselte einen verwirrten Blick mit Halgin. Teshin atmete tief durch. Die folgenden Worte kosteten ihn sichtlich Überwindung.

„Mein wahrer Name lautet Azrael.“

Der Raum erzitterte und eine Aura reinster Magie schien sich um die beiden zu erheben wie ein brüllender Orkan. Blitze zuckten durch die flimmernde Luft. Iliana stolperte entsetzt zurück. Die Augen der sieben Könige glommen rötlich.

Auch diese Szene erschien ihr vertraut. Die Blitze, die leuchtenden Augen … nur das Beben war ihr neu. Sie entsann sich Teshins Worte. Sein wahrer Name wirkte wie ein Wort der Macht.

Im nächsten Moment endete der magische Orkan. Velis zog ihre Hand zurück. Die Wunde schloss sich.

Teshin regte sich nicht. Er starrte mit leerem Blick vor sich hin, wie in weite Ferne.

„Teshin?“, rief Halgin. „Kannst du mich hören?“

Velis hob einen Finger an den Mund. „Er durchlebt all seine Erinnerungen. Es ist ein Schock …“

„Ein Schock, fürwahr.“ Teshins Stimme klang tiefer und ein Iliana unbekannter Ton schlich sich in die Worte. Als Teshin sie der Reihe nach ansah, schien ein neuer Zug seine Miene zu verzerren. Sein Gesicht wirkte regelrecht spöttisch, so als amüsierte er sich über einen grausamen Scherz. Dazu glühten seine Augen nun rot.

Iliana wich instinktiv zurück. Diesem Gesicht wohnte keine Liebe mehr inne.

„Ist es gelungen?“, fragte Halgin leise. „Was ist mit Saskia geschehen? Was ist mit Medardus und mit Gottes Hammer?“

Teshin antwortete nicht, stattdessen entrang sich ein nahezu unmenschliches Lachen seiner Kehle.

„Saskia ist tot!“, rief er wie von Sinnen. Ein dämonisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich habe sie getötet!“

Fassungslos starrte Iliana ihn an. Vor ihr stand der Schwertdämon, der Raureif überfallen hatte.

Halgin schwang sich in die Lüfte, wobei er Velis musterte. „Das ist Euer Werk.“

Velis antwortete nicht. Stattdessen ließ sie sich vor Teshin zu Boden sinken. Berengar tat es ihr nach. Sie knieten vor ihm wie vor einem Herrscher.

„Lang lebe Azrael, König von Hornheim!“, riefen sie im Chor.

Und während um sie herum die Apokalypse losbrach, wusste Iliana, dass das Böse seinen nunmehr größten Triumph feierte.

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14.Teil – Die Sucher (1/2)

Fancan fühlte sich seit Tagen bereits wie Alice im Wunderland. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie sich im einhundertzwölften Jahrhundert befinden musste, doch ihr Gefühl sagte etwas Anderes. Das Leben hier in dieser Zeit verlief in seiner Gesamtheit sehr einfach und naturbezogen. Man lebte in Familien in einer weitläufigen Waldlandschaft, pflegte freundschaftliche Kontakte zu seinen Nachbarn und legte gesteigerten Wert auf soziale Bindungen. Es erschien ihr alles so unglaublich rückständig. Im krassen Gegensatz dazu stand das unglaublich umfangreiche wissenschaftliche Wissen dieser Menschen hier. Man hatte sich lediglich dazu entschlossen, nur so viel Technologie zu verwenden, wie man unbedingt benötigte. Ihre Fehleinschätzung der Menschen des einhundertzwölften Jahrhunderts wurde ihr bewusst, als Giwoon ihr einen Einblick in die zentralen Datenbanken gewähren wollte.
»Symeen und ich haben den Eindruck, dass du noch immer nicht alles glaubst, was wir dir in den letzten Tagen erzählt haben«, sagte Giwoon, »deshalb haben wir beschlossen, dich mit Cheom bekannt zu machen.«
»Wer ist Cheom?«, fragte Fancan, »Den Namen habt Ihr bisher noch nicht erwähnt.«
»Cheom ist unser Bibliothekar«, erklärte Giwoon, »bei ihm laufen alle Informationen und Nachrichten aus allen Zeiten zusammen. Die Datenbank der Bibliothek ist das Wichtigste und Größte, das die Menschheit je geschaffen hat. Ich denke, wenn du dir dort ein Bild gemacht hast, wirst du nicht mehr an den Dingen zweifeln, die wir dir erzählt haben.«
»Es ist ja nicht, dass ich euch nicht glauben will …«, sagte Fancan.
»Ich verstehe dich gut, Fancan«, sagte Giwoon, »komm’ mit, ich werde dir Cheom und unser Allerheiligstes zeigen.«
Giwoon fasste Fancan an der Hand und zog sie spielerisch hoch, sodass sie gegen ihn prallte. Er gab ihr einen leichten Kuss auf die Lippen und lachte.
Symeen hatte die Szene vom Herd aus mit angesehen und lächelte. Sie hatte ihren Sohn noch nie so locker erlebt. Er gab sich ungeheure Mühe damit, Fancan ihren Standpunkt verständlich zu machen. Sie war ihm offenbar sehr wichtig. Symeen gönnte ihrem Sohn das Glück mit dieser Frau. Wie es schien, erwiderte sie auch seine Gefühle für sie und sie musste sich auch eingestehen, dass sie sehr viel Sympathie für diese junge Frau empfand. Doch dann umwölkte sich ihre Miene. Sie wusste, dass im Leben alles seinen Preis fordern würde und sie wusste ebenso wie Giwoon, was sie die Rettung des Planeten und der Menschheit kosten würde. Giwoon hatte sein Gleichgewicht offenbar bereits gefunden und es für sich persönlich angenommen, doch sie selbst hatte damit noch ihre Probleme.
»Haltet euch nicht zu lang dort auf!«, rief sie ihnen noch hinterher, bevor Giwoon Fancan die Treppe hinunter in den Keller führte, »Abendessen gibt es zu Sonnenuntergang!«
Fancan hatte unwillkürlich erwartet, einen niedrigen Keller mit schmutzigen Gängen und Vorratsräumen zu sehen. Statt dessen betrat sie eine andere Welt. Hier unten fand sie ein hochmodernes Tiefgeschoss vor. Der Gang wirkte fast steril – er wurde durch Leuchtplatten in der Decke matt beleuchtet. Sie war sich sicher, dass das Kellergeschoss weitaus größer war, als die Grundfläche des Wohnhauses darüber.
»Wo sind wir hier?«, wollte Fancan wissen, »Das ist doch kein Keller?«
Giwoon lachte leise.
»Nein, natürlich nicht«, sagte er, »wir können natürlich nicht ohne Technik auskommen. Wir brauchen Energie, Kommunikation und so weiter. Uns zwingt aber niemand, diese Technik immer und jederzeit im Vordergrund zu haben. Energieerzeugern ist es egal, ob sie im Tiefgeschoss montiert sind. Die Computer arbeiten auch im Dunkeln – und wer will schon einen Transporter mitten in seiner Wohnung haben?«
»Transporter?«, fragte Fancan.
»Glaubst du, wir fahren nur mit dem Fahrrad?«, fragte Giwoon leicht spöttisch, »Das würde viel zu lange dauern und man könnte auch keine Waren transportieren. Wir haben hier im Keller ein Gerät, das uns in einem Augenblick an jeden Punkt dieser Welt transportieren kann, quasi ein Funkgerät für Materie.«
»So etwas habt Ihr?«, fragte Fancan ehrfurchtsvoll, »Die Entwicklung einer solchen Technologie ist meines Wissens innerhalb des Zeitvektors niemals gelungen, obwohl man es immer wieder versucht hat.«
Giwoon öffnete eine schwere Tür und schaltete das Licht in dem dahinter liegenden Raum ein. Fancan sah eine große Halle, in deren Mitte eine riesige Maschine stand. Dicke Kabel führten in den dicken Sockel der Anlage und verschwanden in der hinteren Wand der Halle.
»Meine Güte«, entfuhr es Fancan, »ist das dieser Transporter?«
»Das ist er«, bestätigte Giwoon, »ich gebe zu, er ist etwas groß, aber wir verwenden ihn auch für Waren aller Art. Normale Personentransporter sind entsprechend kleiner.«
»Wie versorgt Ihr eine solche Anlage eigentlich mit Energie?«, wollte Fancan wissen, »Ich habe nirgendwo Kraftwerkseinheiten gesehen.«
»Wir erzeugen unsere Energie nicht mehr selbst, seit wir unsere Sonne selbst anzapfen können«, erklärte Giwoon, »das dürfte dir nicht ganz fremd sein, denn euer Zeitvektor wird schließlich auch über eine sogenannte Sonnenleitung versorgt. Wir haben große Zapfstationen an den Polen und verteilen die benötigte Energie dann drahtlos auf die Verbraucher. Dadurch verfügt jedes Haus über die Energie, die es benötigt und die Umwelt wird dadurch nicht belastet.«
Giwoon begann, den Transporter zu aktivieren und gab aus dem Gedächtnis Zielkoordinaten in ein Terminal neben der Anlage ein.
»Jetzt warten wir nur noch auf die Bereitschaftsmeldung des Empfängers, dann kann es losgehen.«
»Ist es weit, bis zu eurer Bibliothek?«, fragte Fancan.
»Sie befindet sich auf der anderen Seite des Planeten – etwa in der Mitte des Kontinents Rika«, sagte Giwoon, »aber das ist für uns nicht wichtig. Für uns dauert es nur einen Wimpernschlag.«
In diesem Moment ertönte ein Glockensignal und eine kleine Lampe am Transporter leuchtete in beruhigendem Grün.
»Unser Signal«, sagte Giwoon und machte eine einladende Geste mit der Hand. Fancan zögerte und Giwoon nahm sie an der Hand und zog sie mit sich auf die Abstrahlplattform des Transporters. Fancan war es deutlich anzusehen, dass ihr mulmig war.
»Was genau geschieht jetzt mit uns?«, fragte sie vorsichtig.
»Der Transporter scannt unsere gesamte Struktur im Bruchteil einer Sekunde und erstellt eine Matrix unserer Körper. Dann wird diese an den Empfänger übermittelt und dort wieder zusammengesetzt. Das Ganze dauert nur einen Augenblick.«
»Was geschieht mit unseren Körpern hier?«
»Na, die werden natürlich vom Transporter zerstört«, sagte Giwoon, »sonst könnte die Matrix ja schließlich nicht erstellt werden. Aber das muss dich nicht beunruhigen, Fancan. Die Technik ist sehr zuverlässig.«
Ein Blick in Fancans Augen zeigte ihm allerdings, dass sie nicht wirklich überzeugt war. Etwas ängstlich drängte sie sich an ihn.
»Halt’ mit bitte, wenn es so weit ist«, bat sie leise.
»Ja sicher, mein Schatz, aber du brauchst wirklich keine Angst haben.«
Giwoon legte seinen Arm um Fancan und drückte den Aktivierungsknopf. An beiden Enden der Transportplattform fuhren Jalousien herunter, dann wurde es unerträglich hell, als ein kompliziertes Netz von Laserabtastern seinen Dienst aufnahm. Fancan hatte das Gefühl von Hitze. Sie schnappte hektisch nach Luft und dann … war es auch schon vorbei. Sie standen noch immer eng umschlungen beieinander, doch befanden sie sich definitiv nicht mehr auf der großen Plattform in Giwoons Haus, sondern in einer relativ kleinen Kabine. Eine Tür wurde geöffnet und helles Licht flutete herein. Fancan musste blinzeln, um etwas erkennen zu können. Der Schatten eines Mannes war zu erkennen.
»Willkommen in der Bibliothek!«, sagte der Mann mit tiefer Stimme, »Giwoon, mein Junge, du warst lange nicht mehr hier bei mir.«
Er half den Beiden aus der engen Kabine heraus und umarmte Giwoon herzlich. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Fancan und meinte:
»Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit, junge Dame«, sagte er und ergriff ihre Hand, »mein Name ist Cheom. Ich bin der Bibliothekar.«
»Darf ich dir Fancan vorstellen, Cheom?«, mischte sich Giwoon ein, »Fancan ist meine Freundin.«
»Die Freundin aus der alten Zeit«, stellte Cheom fest, »Sie sind sehr hübsch.«
»Danke«, entgegnete Fancan lächelnd, »Sie sind hier alle so auffällig höflich zu mir.«
»Das hat nichts mit Ihnen zu tun«, sagte Cheom, »wir legen einfach sehr viel Wert auf gute Umgangsformen und ein harmonisches Zusammenleben.«
Er wandte sich wieder Giwoon zu.
»Was kann ich für euch tun, Kinder?«, fragte er.
»Fancan ist Agentin der Obersten Behörde der alten Zeit«, erklärte Giwoon, »ich möchte, dass du ihr zeigst, welche Auswirkungen die Zeitmanipulationen der Behörde auf die Zukunft hatte. Sie soll mit eigenen Augen sehen und begreifen, dass dagegen etwas unternommen werden muss.«
Cheom sah Fancan nachdenklich an.
»Sie sind selbst Agentin?«, fragte er, »Dann haben Sie selbst auch schon Korrekturen vorgenommen, nicht wahr? Dann haben Sie sicher auch schon Menschen getötet, oder?«
Fancan fühlte sich unbehaglich, als dieser gütig wirkende Mann sie so direkt auf ihre Arbeit als Agentin ansprach.
»Ja, sicher habe ich das getan«, bestätigte sie, »es ist meine Aufgabe, wenn die Lösung eines Zeitproblems es erfordert.«
Ihre Stimme klang nicht so fest, wie sie es gern gehabt hätte.
»Ich will mich jetzt wirklich nicht zum Richter aufschwingen«, sagte Cheom, »machen Sie sich da keine Sorgen. Ich wollte nur wissen, wo Sie stehen und wofür Sie ausgebildet wurden. Es wird sicher für Sie nicht leicht werden, zu sehen, wie unsensibel man in der alten Zeit mit der Zeit umgegangen ist. Kommen Sie, ich werde Ihnen zeigen, was ich meine.«

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