Wir nähern uns dem Ende der Reihe. Nach diesem Kapitel folgt nur noch ein weiteres. Ich hoffe euch hat das Lesen genauso viel Spaß bereitet wie mir das Schreiben 🙂

Snorri spitzte die Ohren. 
Ein Wolf? Hier auf einer winzigen Insel?
Das erschien ihm unwahrscheinlich. Im Wald hatten sie weder Wildwechsel, noch Kotspuren von großen Tieren vorgefunden. Also was ging hier vor sich?
Die Ustenströmer schienen dasselbe zu denken wie er. Nervöse Blicke wanderten durch das Dickicht, suchten es nach potentiellen Gefahren ab. 
Snorri erblickte Aegir, der vor den Männern aus Ustenström in die Knie gegangen war. Sie entledigten ihn seiner Waffe und rissen ihn auf die Beine, wobei sie es sich nicht nehmen ließen, ihm einen Schlag in die Magengrube zu verpassen.
»Schafft sie auf die Schiffe. Entkleidet sie und legt ihnen Ketten an. Nehmt euch von ihnen, was ihr kriegen könnt.« Magnar schritt mit einer feierlichen Geste durch die Reihen seiner Krieger. Von seinen Händen tropfte das Blut.
Als er an Snorri vorbeischritt, musste dieser kurz schlucken. Magnar löste in ihm eine innere Unruhe, eine kindische Angst aus, die ihn mit giftigen Fäden lähmte.
Vor Islav blieb der Jarl von Ustenström stehen. Sein Blick zeugte mehr von Belustigung, als von Abscheu. »Ich habe dich gewarnt. Das Schicksal deines Dorfes lag in deiner Hand. Und du hast sie verraten.«
Er legte Islav fast zärtlich eine Hand an die Wange, musterte ihn abschätzig. Dann schlug er mit der Faust mitten in sein Gesicht. 
Blut tropfte aus der Nase des Jarl. Sein Blick suchte den Boden.
»Ich reichte dir die Hand, unterbreitete dir einen Handel. Und du dachtest wirklich, es sei klug mich zu beleidigen, indem du meinem Hjalmaer -einem stolzen Sohn aus dem Geschlecht der Ustenströmer-, einen klapprigen Gaul vermachst, den er schwängern soll?«
Die Männer des Magnar lachten bitter. Dunkle Stimmen, voller Bosheit und Hohn.
Snorris Puls beschleunigte sich. Was immer gleich geschehen würde, niemand der Anwesenden war wirklich bereit dafür. 
»Doch vielmehr als das, ist sie die jüngere der beiden. Eine Tatsache, die du mir bisher verheimlichen wolltest, nicht wahr? Die Erbfolge ist dadurch ruiniert, unser Handel ungültig«, fuhr Magnar mit ausgebreiteten Armen fort. Er trat Islav mit einer ungeheuren Wucht in die Kniekehle, sodass der Jarl von Skiringssal ächzend zu Boden ging. 
»Ich würde es ja deinen eigenen Männern überlassen, dich zu zerfleischen«, verkündete Magnar und hob das Schwert, setzte es an Islavs Kehle an. »Wenn es mir nicht so einen ungeheuren Spaß machen würde, es selbst zu tun.«
Snorri riss vor Entsetzen die Augen weit auf. Ein Röcheln entfleuchte seiner trockenen Kehle. 
Dann schob sich plötzlich eine Wolke vor den Mond und für einen Augenblick tauchte sich die Welt in ein trostloses Schwarz. Ein schmatzendes Geräusch war zu vernehmen. Dann ein Schrei. Wüste Rufe. Hektische Schritte. 
Panisch versuchte Snorri etwas auszumachen, doch in der Dunkelheit wollte ihm dies nicht auf Anhieb gelingen.
Erst als das Licht des Mondes wieder auf die Lichtung fiel, erkannte Snorri, was passiert war.
Magnar von Ustenström kniete auf dem Boden, der Schaft eines Speeres ragte aus seiner Brust. Ein dünner Faden Blut rann seinen Mundwinkel hinab, dann brach er mit verwundertem Blick zusammen. 
»Nur mir ist es vergönnt, über diesen Mann zu richten«, keuchte eine kratzige Stimme aus einiger Entfernung. 
Hektische drehte sich alles in die Richtung um.
Deila stand auf einem großen Felsvorsprung, in den Händen hielt sie einen weiteren Speer, den sie auf Islav gerichtet hielt. 
Ihr Gewand war von Blut besudelt, ihre Haut hatte sich im Mondlicht schneeweiß gefärbt und dunkle Ränder zierten ihre weit aufgerissenen Augen, sodass es in der Dunkelheit mehr wie der blanke Schädel einer Toten aussah als wie das Gesicht einer Sterblichen. Sie zitterte leicht. Schwankte. Doch noch schien sie sich halten zu können.
»Valkyra«, flüsterte Snorri entsetzt und ballte die Hände zu Fäusten. 
»Wer versucht, sich in den Weg zwischen mich und das Leben dieses Mannes zu stellen, der wird sterben«, ächzte die Nordmaid gequält. »Das verspreche ich euch.« Eine silberne Träne rann ihre Wange hinab. Dann hob sie den Speer in den Himmel. »Für die Wölfe von Skiringssal!« Sie stieß ein markerschütterndes Heulen aus.
Snorris Nacken formte eine Gänsehaut, dann versteinerten sich seine Muskeln vor Anspannung. Für einen Augenblick fühlte er sich wie gelähmt. Dann brach die Welt über ihm zusammen.
Mit einem lauten Schrei warf Deila sich vom Felsen.
Im selben Moment stürmten unzählige Männer brüllend aus dem Dickicht hervor. Ihre Schwerte und Äxte trafen die völlig überraschten Ustenströmer, schon gingen die ersten kreischend unter dem Ansturm zu Fall. 
Snorri rannte wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Er entriss einem reglosen Leichnam zu seiner Rechten sein Schwert, gerade noch rechtzeitig, um den Angriff eines feindlichen Kriegers zu parieren. Die Wucht des Schlages wummerte durch seinen Arm, doch das kümmerte ihn nicht. Die Götter hatten ihnen eine zweite Gelegenheit sich zu beweisen eingeräumt und wenn sie diese nicht nutzten, waren ihre Leben verwirkt.
Snorri legte alle Kraft, die er aufbringen konnte, in seinen Schlag.
Die Parade seines Gegenüber erfolgte nicht schnell genug und das Schwert bohrte sich in seine Schulter. Brüllend ging der Mann zu Boden.
Snorri setzte nach, doch bevor die Klinge den Kopf des Mannes erreichte, schloss er die Augen. 
Ich kann es nicht mit ansehen.
Ein Ruck ging durch seinen Schwertarm und es knackte verheerend, als die Klinge ihr Ziel traf. Schnell wandte er sich ab und suchte sich einen neuen Feind. Sein Blick wanderte über das Schlachtfeld, das nur Verlierer kannte. Leichname und Blut bedeckten den Boden, Schreie und Verwünschungen hallten durch die Nacht, Leiber wuselten hin und wieder zurück und der Mond schaute verächtlich auf das Ganze herab, verhöhnte das Leben aufgrund seiner Kurzweiligkeit. 
Snorri entdeckte Aegir, der damit beschäftigt war, dem Speer eines Gegners auszuweichen, während er sich händeringend nach einer Waffe umsah. 
Wie magisch angezogen, steuerte Snorri auf die beiden zu. Rannte. Überschlug sich fast.
Ein blutbesudelter Ustenströmer kreuzte seinen Weg, hieb mit der Axt nach ihm, doch Snorri tauchte im letzten Moment darunter hinweg. Das Blut rauschte in seinen Ohren, brachte seinen jungen Körper in Wallung. Dann erblickte er einen weiteren Feind, der sich Aegirs Dänenaxt angeeignet hatte. 
Warte nur Bruder, ich komme nicht mit leeren Händen.
Der Ustenströmer hob schnaufend die mächtige Waffe und hielt sowohl Yorrik als auch Knutson damit in Schach, drängte sie sogar zurück. 
Er hat das Boot repariert und uns gefunden. Und das keinen Moment zu früh, schoss es durch Snorris Kopf. 
Der Ustenströmer drehte ihm den Rücken zu.
Jetzt oder nie!
Mit einem Aufschrei bohrte er das Schwert durch den Rücken des Feindes. Er legte so viel Kraft in den Angriff, dass sie vorne aus der Brust wieder austrat. Die Klinge färbte sich in ein dunkles Rot, dann ging der Mann zu Boden.
Seine beiden Kameraden nickten ihm anerkennend zu, dann stürzten sie sich auf den nächstbesten Feind. 
Snorri gönnte sich keine Atempause. Er griff nach dem Stiel der Waffe und schaute sich in Windeseile um. 
Aegir sah sich immer noch seinem Feind gegenüberstehen, doch eine üble Wunde zierte sein Brustbein, wo der Speer ihn getroffen hatte.
Halte durch, Bruderherz.
Mit der Waffe in der Hand stürmte er los, sprang über zwei Leichname hinweg, schlängelte sich zwischen den Reihen der Kämpfer hindurch.
»Fang!« Snorri schleuderte die Axt wie einen Speer, doch sie flog nicht wie geplant, ging drei Schritte neben Aegir zu Boden. 
Schon versuchte der Ustenströmer, ihn mit seiner Waffe zurückzudrängen.
Doch der Riese war schnell wie ein Blitz. Er stürzte sich kopfüber auf die Waffe, ergriff sie und vollführte dann eine Hechtrolle, um dem Speer seines Gegners auszuweichen. Abermals stieß der Mann mit seiner Waffe nach ihm, doch Aegir schlug den Speer mit der Kraft eines Gottes entzwei. Holz splitterte in alle Richtungen, dann ertönte ein erschrockener Aufschrei.
Aegir wirbelte herum und die Axt traf den Mann genau vor die Brust. Knochen knackten, dann brach der Mann, von der Wucht des Schlages getroffen, reglos in sich zusammen. 
Keuchend sahen sich die beiden Brüder für einen Augenblick an. 
»Das war verdammt knapp«, ächzte Snorri erleichtert. »Ich dachte schon, ich verliere dich.«
»Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen.« Aegir eilte mit dem Blick eines Raubtieres zu ihm herüber. »Auf, ihr Männer von Skiringssal!«, schrie er aus voller Kehle, während er die Axt in die Höhe hielt. »Auf und bis ans Ende der Welt!«
Brüllend stürzte er sich in die Schlacht, schlug mit der Axt nach links und rechts. Hackte auf Fleisch und Metall gleichermaßen ein. Feinde fielen vor seinem Angesicht wie die Fliegen. Knochen brachen. Blut sickerte in die feuchte Erde. Schreie ertönten. Der Riese war zurückgekehrt und er kannte keine Gnade.

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