Gottes Hammer XIII

Die Fratze auf Esbens Buch erglühte rot und hüllte den engen Gang in bedrohliches Licht. Iliana folgte Teshin, während ihre Schatten in abstrusen Verrenkungen an den Wänden tanzten. Ein Geräusch vom Schaben von Stein auf Stein ertönte, dann erschien Halgin über ihnen, energisch mit den Flügeln schlagend.

Im nächsten Moment erreichten sie eine kleine Halle.

Kunstvoll gearbeitete Kronleuchter schmückten die Decke. Zu Ilianas Erstaunen verströmten sie helles Licht, das dem Raum eine nahezu einladende Atmosphäre verlieh. Grobe Steinmauern schützten sie vor dem Erdreich. Ansonsten war die Halle vollkommen leer. Ihnen gegenüber sah Iliana zwei weitere Portale, diesmal ohne steinerne Gesichter über den Torbögen.

Teshin hob warnend einen Arm und hielt an. Eine Hand auf Murakama, durchmaß er langsam den Raum. Iliana zog einen Pfeil aus dem Köcher. Sie verfluchte ihre zitternde Hand.

Einen Moment lang herrschte Stille, dann meldete sich Halgin zu Wort. „Ich spüre nichts. Hier sind keine Dämonen.“

„Dafür aber Kerzen“, merkte Teshin misstrauisch an und deutete auf die Kronleuchter. „Irgendjemand muss sie erst vor kurzem entzündet haben. Ich spüre nichts Magisches an ihnen.“

Halgin flatterte mit den Flügeln. „Sollte sich ein Unhold nähern, werden wir ihn wahrnehmen.“

Teshin nickte langsam. Er ließ seinen Blick mit zusammengekniffenen Augen über die Wände schweifen, bevor er erneut das Wort ergriff. „Habt Ihr die Barriere geschlossen?“

Halgin nickte. „Sie ist bei weitem nicht so stark wie zuvor, aber sie muss auch nur den Schein wahren. Dennoch wird sie Medardus kaum aufhalten können. Wenn er die richtigen Schlüsse zieht, wird er uns hierher folgen.“

„Das heißt, wir können hier nicht bleiben“, sagte Iliana. Ihre Kehle war staubtrocken und jedes Wort peinigte ihre schmerzende Lunge. Dieser Ort hüllte sich in eine seltsame Aura, die Iliana kaum beschreiben konnte. Sie jagte ihr eisige Schauer über den Rücken. Kurz glaubte sie, aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrzunehmen. Doch als sie sich umwandte, sah sie nur die nackte Wand.

Iliana umklammerte ihren Bogen fester. Sie durfte keine Angst zeigen, die Welt nahm keine Rücksicht auf weinende Kinder. Dennoch ertappte sie sich dabei, wie sie näher an Halgin rückte. Bei ihrem König fühlte sie sich sicherer.

Teshin nickte zustimmend. „Iliana hat recht. Wir müssen weiter.“ Er strich gedankenverloren über sein Kinn, während er die beiden Portale musterte. „Welchen Gang sollen wir nehmen? Hat irgendjemand eine Idee?“

Kurz herrschte Schweigen, als plötzlich Esben sie näherwinkte. Er deutete auf eine kleine Zeichnung, die jemand in die Wand geritzt hatte.

„Ich denke, das hilft uns bei der Entscheidung“, sagte der Priester leise.

Der Künstler hatte zwei Linien verewigt, die wohl die beiden Gänge darstellen sollten. Am Ende der linken Linie wartete eine halb geöffnete Tür, am Ende der anderen ein grinsendes Teufelsgesicht. Obwohl es sich nur um eine Felsmalerei handelte, erbebte Iliana. Die Miene des Dämons schien direkt auf den Grund ihrer Seele zu starren.

„Irgendjemand Einwände, wenn wir den linken Gang nehmen?“, fragte Teshin. Halgin und Esben schüttelten den Kopf.

Teshin ging auf das Portal zu und wandte sich um. „Folgende Reihung: Ich gehe vor, ich bin hier der beste Nahkämpfer. Esben bildet das Schlusslicht, falls uns ein Dämon von hinten angreifen sollte. Wir nehmen Iliana in die Mitte. Majestät, würdet Ihr Euch auf Ihre Schulter setzen? So könntet Ihr sowohl Esben als auch mich mit Eurer Magie beschützen.“

Halgin neigte den Kopf. „Ich bin einverstanden.“ Esben gab schweigend seine Zustimmung. Iliana nickte langsam. Ihr war unangenehm, als offensichtliche Schwachstelle der Gruppe gesehen zu werden. Andererseits erfüllte sie große Erleichterung. Wer wusste schon, was sie dort in der Finsternis überraschen würde? Halgin hatte immer von den Schrecken Hornheims gesprochen. Iliana wollte ihnen nicht als erste in die Augen blicken.

„Dann los.“ Teshin betrat den Gang. Halgin landete geschmeidig auf Ilianas Schulter, als sie die schiefen Stufen erklomm. Sie waren nass und rutschig und führten stetig aufwärts. Ein Hoffnungsschimmer glomm in Ilianas Herz. Vielleicht gelangten sie so wirklich zu einem Ausgang?

Der fromme Gedanke verendete im nächsten Moment, als Teshin anhielt und Murakama zog. Die Klinge erglühte blau und enthüllte das Ende der Stufen. Jemand hatte die Treppe buchstäblich in Stücke gesprengt. Vor ihnen erstreckte sich eine gewaltige Kammer, vom weiteren Verlauf der Stufen fehlte jede Spur.

„Die Treppe führte hier durch“, murmelte Teshin und deutete auf den dunklen Raum. Iliana entdeckte feuchte Wände und vergitterte Öffnungen, aus denen trübes Wasser in Richtung des weit unter ihnen gelegenen Erdbodens floss. Die Kammer wirkte wie ein Kanal.

„Können wir zu einer dieser Öffnungen gelangen?“, fragte Esben von hinten. „Wenn wir das Gitter abnehmen …“

Teshin schnaubte. „Das mach mir bitte vor! Die Treppe endet hier, mitten im Raum! Hier ist kein Boden, keine Brücke, nichts! Wie sollen wir bitte zu den Öffnungen kommen?“ Wie zum Beweis vollführte er einen Schwenk mit Murakama.

Ilianas Herz sank. Teshin behielt recht. Vor ihnen erstreckte sich nur Luft. Der Boden musste viele Meter weiter unten sein. Sie hatten keine Chance.

„Lassen wir davon ab“, entschied Halgin schließlich. „Ich kann vielleicht auf diesem Wege entkommen, aber selbst das ist nicht sicher. Ich fühle etwas Böses hinter diesen Gittern. Wenn hier dereinst ein Ausgang zu finden war, ist er seit langer Zeit versiegelt und versteckt.“

„Jemand wollte sicherstellen, dass niemand hier rauskommt“, knurrte Teshin und deutete auf die Treppe. Iliana spähte ein weiteres Mal übder den Rand der Stufen. Schwindel ergriff sie, als sie hinab ins trübe Wasser spähte. Täuschte sie sich oder kräuselte ein dunkler Schatten die ruhige Oberfläche?

„Gehen wir zurück“, sagte Halgin. „Und machen wir uns zum Kampfe bereit. Der andere Gang führt zweifelsohne an einen bösen Ort.“

Kaum zurück in der Halle, führte Teshin sie durch das zweite Portal. Ilianas Herz klopfte heftig, als ihr die Wandzeichnung in den Sinn kam. Selbst Halgin wirkte beunruhigt. Er flatterte nervös mit den Flügeln und beugte sich auf ihrer Schulter weit vor, bis sein Schnabel beinahe Teshins Nacken berührte. Der Söldner hielt Murakama vor sich, dessen blauer Schein Stück für Stück die Finsternis zurückdrängte. Kurz dachte Iliana, erneut eine Bewegung wahrzunehmen. Doch als sie sich umwandte, sah sie nur Esben, der schützend den aufgeschlagenen Folianten vor sich hielt. Er würde die Gefahr doch spüren, oder nicht?

Im nächsten Moment offenbarte sich vor ihnen die Hölle.

Sie betraten eine Halle, ähnlich der ersten, von deren Decke edle Kronleuchter hingen. Sie schienen die restliche Einrichtung mit ihrem einladenden Licht zu verspotten.

An den Wänden reihten sich niedrige Gefängniszellen, kaum höher als Iliana. Seltsame Gerätschaften aus schwarzem Metall und mit Stacheln bewährte Fesseln umschlossen verblichene Knochen und verkrümmtes Fleisch. Iliana trat entsetzt näher. Zweifelsohne handelte es sich um die sterblichen Überreste von Menschen. Der Verwesungsgeruch ließ darauf schließen, dass manche von ihnen erst vor kurzer Zeit den Tod gefunden hatten.

Bevor sie es verhindern konnte, verschleierten Tränen ihren Blick. Sie biss die Zähne zusammen und kämpfte den Drang nieder, sich in eine Stille Ecke zu begeben und allem Schmerz freien Lauf zu lassen.

„Was ist das hier?“, fragte sie leise.

Kurz breitete sich Schweigen aus. Teshin umklammerte Murakama fester. Ungläubiger Zorn erfüllte seine Augen. „Das kann nicht sein“, flüsterte er nur.

Halgin stieß sich von ihrer Schulter ab und betrachtete betrübt die Leichen. „Was wir hier sehen, ist die wahre Dunkelheit Hornheims. Solchen Taten wohnt nichts Menschliches mehr inne. Das hier ist das Werk eines Dämons.“

„Aber warum?“ Iliana konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme sich überschlug. Ihr Blick fiel auf die verwesenden Überreste einer Frau. Sie stellte sich vor, wochenlang in dieser engen Zelle gefangen zu sein, gefesselt und auf diese grässlichen Geräte gespannt, von Schmerz betäubt und immer wieder gezwungen, das Gelächter eines Dämons zu vernehmen, der sich an ihren Schreien ergötzte … allein der Gedanke raubte ihr alle Kraft. Iliana sank auf die Knie.

„Dämonen sind keine Menschen.“ Teshins Stimme wirkte dunkel und seine zu Schlitzen verengten Augen glitzerten abgrundtief. Blaues Feuer schien sich wie ein Mantel um ihn zu legen. „Ihr einziger Daseinszweck ist es, Leid zu verbreiten. Sie kennen keine Gnade, keine Liebe. Inquisitoren kämpfen wenigstens noch für eine Sache. Dämonen sind lediglich Peiniger.“ Er spuckte aus. „Gehen wir weiter.“

Iliana musterte ihn entsetzt. Sein jetziger Blick ähnelte weit eher dem Schwertdämon, der das Dorf angegriffen hatte. Doch konnte sie es ihm verübeln? Auch in ihr erwuchs Zorn. Welche Art von Mensch würde ein solcher Anblick auch ungerührt lassen? Welche Art von Mensch würde nicht den Wunsch nach Gerechtigkeit verspüren? Auch wenn der Hass sie lichterloh verzehrte, er verlieh ihr Stärke. Lieber übte sie wutentbrannt Rache, als sich betrübt zurückzuziehen und solches Leid schlichtweg zu akzeptieren.

Iliana erhob sich entschlossen. Ihr Herz verkrampfte sich beim Anblick der Frau. Wie lange sie wohl tot war? Welche Träume und Hoffnungen sie wohl vor ihrem Dasein in den Verliesen Hornheims gehegt hatte? Sie würde es nie erfahren. Iliana wandte sich ab.

Esben murmelte ein Gebet. Trauer furchte seine Miene. Iliana hob den Bogen. Er war der einzige Gott, auf den sie nun vertraute.

Teshin entdeckte einen weiteren Gang, der tiefer ins wahre Hornheim führte. Bevor sie über die Schwelle gingen, sah er sie der Reihe nach an, ein kaltes Feuer loderte in seinen Augen. Dann brachen sie auf. Der Korridor war eng und die Stufen führten abwärts. Gestank verpestete die ungewöhnlich warme Luft. Ein einzelner Schweißtropfen löste sich aus Ilianas Haaren und fand den Weg zwischen ihre Schulterblätter.

Teshin trat vorsichtig auf, offenbar rechnete er mit Fallen. Plötzlich hielt er an und hob einen Finger. Ein gedämpfter Hilfeschrei gellte durch den Gang. Iliana erstarrte. Das Bild der toten Frau erschien vor ihrem inneren Auge.

„Ich fühle eine Präsenz“, verkündete Halgin angespannt. „Ein Dämon. Um die nächste Biegung.“

Ilianas Herz vollführte einen Satz, als der Gang einen Knick vollführte und sie vor einer schweren Eisentür standen. Fünf Schlösser in der Form eines Sterns waren darauf angebracht. Ein weiterer Schrei gellte. Iliana umklammerte ihren Bogen fester und spannte die Sehne. Kein Zweifel, die Person befand sich hinter der Tür.

„Ich kann sie öffnen, glaube ich“, sagte Halgin und flatterte näher. „Vielleicht …“

Bevor der König weitersprechen konnte, hob Teshin Murakama. Ein blauer Blitz blendete Iliana. Im nächsten Moment ertönte ein Knacken und Rauch stob aus den gewaltsam geöffneten Schlössern. Die Schreie verstummten.

Halgin sah Teshin vorwurfsvoll an, doch der Söldner machte sich bereits am Tor zu schaffen. Iliana stellte sich neben ihm und gemeinsam stemmten sie sich mit den Schultern gegen das rostige Eisen. Ein langgezogenes, protestierendes Quietschen marterte ihre Ohren, als die Tür aufschwang. Teshin hob Murakama und begab sich in die Kammer dahinter. Iliana folgte ihm mit erhobenem Bogen. Eine Mischung aus Zorn, Grauen und Angst setzte ihr Innerstes in Brand.

Die hintere Hälfte des Raumes lag in vollkommener Dunkelheit. Iliana erspähte nur eine Frau in weißen Gewändern, hinter der mehrere rötliche Augen durch die Finsternis stachen wie blutige Dolche. Im nächsten Moment ertönte ein weiterer Schrei, diesmal voller Triumph. Die Eisentür fiel mit einem Knall zu und ein flammendes Siegel bildete sich auf der rostigen Oberfläche. Iliana fuhr zusammen. Sie waren getrennt!

„Eine Falle“, flüsterte Teshin. Im nächsten Moment schob sich ein wahrhaft grauenvoller Körper aus der Finsternis.

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