Schreibkommune

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Monat: April 2019

Seelenverwandt

Äußerlich hatten wir nur zwei Dinge gemein. Die Haarfarbe, wobei mein Haar länger ist und lockig. Dafür hattest du deutlich mehr davon, auch an Stellen, an denen mir die Haare fehlen.
Die zweite Ähnlichkeit bestand in einem gut sichtbaren Bäuchlein. Meins ist den vielen Süßigkeiten geschuldet, die ich gerne und oft zu mir nehme. Deins kam mit dem Alter und deiner Diabeteserkrankung.

Schon als wir uns das erste Mal begegneten, warst du etwas ganz Besonderes für mich. Und auch umgekehrt zeigtest du mehr Interesse an mir als üblich. Zumindest wurde mir das berichtet.
In der Folgezeit trafen wir uns unregelmäßig. Bei meiner Ankunft beobachtetest du mich meist ein Weilchen aus sicherer Entfernung. Dann kamst du näher und suchtest Blickkontakt. Wenn sich unser Blick traf, hatte ich stets das Gefühl, dass deine Seele meine Seele berührt. Gesprochen haben wir nie miteinander und uns doch sehr viel erzählt.

Ich erinnere mich an einen Vormittag im Februar. Es war kalt draußen, aber die Sonne schien mir direkt ins Gesicht. Ich lag auf dem Sofa und fühlte mich schlecht. Alte Geister waren aufgetaucht, sie bedrängten mich und zugleich stieg ein unsägliches Einsamkeitsgefühl in mir auf.
Du kamst heran, setztest dich in meine unmittelbare Nähe und warst einfach nur da. Verscheuchtest die Geister, die mich ungebeten besucht hatten, und auch meine Einsamkeit.

Irgendwann, als ich wieder einmal abfuhr, hatte ich das intensive Gefühl eines Verlustes. Es wurde so stark, dass ich während der Autofahrt anhalten musste um meine Tränen zu trocknen. Lange konnte ich damit nichts anfangen, bis ich erfuhr dass du krank warst. Schließlich kam die Nachricht von deinem Tod.

Du hast mich vom ersten Augenblick an gefangengenommen. Deine Bernsteinaugen, dein sanftes Schnurren. Deine Wärme, die du ausstrahltest, wenn du dich auf meinem Schoß zusammengerollt hast.
Ich werde dich nicht vergessen. Wir sind seelenverwandt.

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Gottes Hammer XI

Iliana atmete erleichtert auf, als sie Androgs Halle erreichte. Esben hatte ein altes Deckenlicht entzündet, dass unzählige Meter über ihren Köpfen silbriges Licht verströmte. Halgin meinte, die Runen um den magischen Gegenstand bedeuteten soviel wie „Vater Sonne“. Zu seiner Zeit beteten die Menschen Himmelskörper als Götter an. Offenbar stammte das Bauwerk aus der Ära des Verlorenen Reiches.

Als sie die kalten Stufen hinabstieg, fiel ihr Blick zuerst auf die drei großen Portale in der dem Eingang gegenüberliegenden Wand. Jemand hatte sie zugemauert und mächtige Schutzzauber in den Stein gewoben. Siegel prangten auf der Oberfläche und drei grässliche Fratzen aus Marmor warnten jeden neugierigen Betrachter. Dennoch ertrug Iliana lieber diesen Anblick als ein Gespräch mit Teshin zu führen.

Halgin hatte sie bereits vor dem Söldner gewarnt, doch Iliana bedurfte keiner Mahnung. Zwar war Teshin kein Monster, wie sie wohl wusste, aber er war in namenlose Dunkelheit abgeglitten, deren Hohngelächter sie nach ihrer Befreiung empfangen hatte. Niemand musste sie von Teshins Gefährlichkeit überzeugen. Sie hatte seinen Angriff als Schwertdämon miterlebt … sie würde ihn nie vergessen.

Nie hatte sie solch grimmige Genugtuung verspürt.

Iliana lebte nicht in dem kleinen Dorf Raureif, wie Halgin meist erzählte. Sie war bei einer alten Frau aufgewachsen, deren Hütte sich abseits von allen Straßen im Wald an einen gewaltigen Baum duckte. Bei ihrer Ziehmutter Arinhild.

Die Erinnerung jagte Freude und Schmerz gleichermaßen durch Ilianas Geist. Wenn sie die Augen schloss und sich konzentrierte, sah sie die verwinkelten Innenräume der schiefen Hütte vor ihrem inneren Auge, sie hörte Arinhilds stets rauchige Stimme und roch die zahlreichen Kräutersorten, die sie in Schränken und Regalen aufbewahrte. Arinhild kannte die Pflanzenwelt besser als jede andere Person und zahlreiche Dorfbewohner kamen zu ihr, um sich von Krankheiten kurieren zu lassen. Auch Iliana befreite sie von so manchem Schnupfen. Arinhild hatte ihr wahrlich vieles beigebracht. Iliana wusste, dass dieses Wissen nichts mit Magie zu tun hatte.

Dennoch konnte sie dem Volkszorn nicht Einhalt gebieten.

Vor genau vier Jahren war Raureif von einem schrecklichen Hagelsturm heimgesucht worden, der Felder verwüstete und Bäume fällte. Die Bewohner verloren Habseligkeiten oder sogar Angehörige an das Toben der Natur. Alle hatten sie Verluste zu beklagen, mit Ausnahme von Arinhild und Iliana. Der große Baum im Wald hatte ihrer kleinen Hütte genügend Schutz geboten.

Als Medardus auf Bitten des Dorfältesten kam, schloss der Inquisitor sofort auf Hexenwerk. Er beschrieb die Zauberinnen dieser Gattung als entweder alt und durchtrieben oder als jung und lustvoll. Es gab nur ein „armes altes Weib mit Kräuterkenntnissen“, dessen man habhaft werden konnte. Ihre liebe Mutter.

Iliana ließ sich auf die steinerne Treppe sinken und betrachtete eine der Fratzen. Sie befand sich über dem mittleren Portal und funkelte sie ohnmächtig an. Ein ähnlicher Blick war auch den Dorfbewohnern zuteilgeworden, als sie Arinhild zum Scheiterhaufen schleppten. Iliana zwangen sie, sich das Spektakel der Hinrichtung genau anzusehen. Medardus dachte, wenn sie sich abwandte, wäre sie ebenfalls als Hexe überführt. Doch Iliana konnte sich nicht abwenden. Der Anblick verwandelte sie in eine Statue.

Dieses Ereignis höhlte sie innerlich aus, raubte ihr jeden Teil kindlichen Glücks, der ihrer jungen Seele noch anhaftete. Nach Medardus’ Abzug fühlte sie sich nur noch mit einer Waffe sicher. Zu ihrem Glück fand Halgin sie, als einige junge Männer sie mit Stöcken aus dem Dorf jagten. Der König rettete sie nicht nur einmal vor gewalttätigen Übergriffen. Dennoch bedurfte es eines Schwertdämons, um sie aus den Fängen der Ritter zu befreien.

Iliana schluckte. Die Fratze rechts daneben funkelte sie kalt an, ohne jede menschliche Regung in den verunstalteten Zügen. Ebenso hatte Teshin sie angesehen, als er auf dem Marktplatz blutig erntete.

Ein grimmiges Lächeln legte sich auf Ilianas Gesicht. Die Ältesten, die Arinhild verurteilt hatten, die jungen Burschen und Mädchen, die vor ihrem Scheiterhaufen ausgelassen getanzt hatten – sie fielen durch Murakama. Nur wenige entkamen dem Massaker. An diesem Tag hatte Raureif die Hälfte seiner Bewohner verloren.

Obwohl Iliana nicht geflohen war, blieb sie verschont. Für die verbliebenen Dorfbewohner galt dies als Beweis für ihre Verbindung mit den Dämonen Hornheims. Es glich einem Wunder, dass sie nicht zu Tode geprügelt worden war. Vielleicht hatte die Aussicht, Iliana bei lebendigem Leib zu verbrennen, ihre Fäuste ruhig gehalten.

Iliana schluckte. Nein, sie musste Teshin sogar dankbar sein. Nicht nur für ihre Errettung, sondern auch für ihre Rache. Mehr als dieses freudlose, ergrimmte Lächeln hatte sie in den vergangenen vier Jahren nicht zustande gebracht. Die Bilder von Arinhilds Hinrichtung machten jedes Lachen unmöglich.

Iliana wandte sich von den Portalen ab. Sie sollte keine dermaßen finsteren Gedanken hegen. Sie wollte nicht werden wie Teshin. Während sie die Stufen auf der anderen Seite erklomm, zweifelte sie an der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Sie hätte Teshin nicht aufsuchen sollen. Was, wenn er nun vollkommen den Verstand verlor?

Nein, sie war ihm die Wahrheit schuldig. Auch wenn er ihr Angst einflößte, verdiente er nichtsdestotrotz, alles über seine Vergangenheit zu erfahren. Wenn sie ihm dabei helfen konnte, musste sie es tun.

Ilianas Zweifel und Erinnerungen erloschen, als sich ihre Finger um den Bogen schlossen. Sie hatte ihn auf die zweite Galerie gelegt, die gegenüber der ersten lag. Von der ersten zweigte unter anderem der Gang zur Terrasse ab, von der zweiten der zu Esbens Basis. Iliana setzte sich in Bewegung. Sollte Teshin zurückkehren, konnte er ja einfach nach ihnen rufen, falls er sie nicht finden sollte.

Dieser Gang war eben und weitaus kürzer als der andere. Nach wenigen Schritten gelangte Iliana in einen quadratischen Raum, der ebenfalls über ein magisches Deckenlicht verfügte. Inmitten der steinernen Konstruktion thronte Esben auf einem gewaltigen Ebenholzstuhl, vor ihm erhob sich ein abstruses Gebilde wie ein dämonischer Arm aus dem Boden. Auf der Spitze ruhte eine leuchtende Kugel, deren rötlicher Schein verrenkte Schatten an die Wände warf. Esben starrte konzentriert in die Tiefen der Kugel, Halgin saß auf seiner Schulter.

„Was siehst du?“, fragte der König just in dem Moment, als Iliana den Raum betrat.

Esben antwortete nicht sofort. Stattdessen kniff er die Augen zusammen und lehnte sich leicht vor. Das Licht der Kugel verlieh seinen Zügen etwas Gespenstisches.

„Noch nichts“, erwiderte er schließlich und sank erschöpft in den Stuhl. Halgin krächzte und erhob sich von seiner Schulter. Er flog zu Iliana und ließ sich vor ihr nieder.

Iliana kratzte sich fragend am Hinterkopf. „Was ist das für eine Kugel?“ In ihrer Gegenwart trat ihr kalter Schweiß auf die Stirn.

„Ein Artefakt“, erwiderte Halgin. „Mit diesem mächtigen Objekt kann Esben einen bestimmten Radius um Androgs Halle sehen. Wir rechnen damit, dass früher oder später Gesandte des Inquisitors Medardus hier auftauchen werden.“

Der Name versetzte Iliana einen Stich. „Wieso das?“

Diesmal antwortete Esben. „Vor dem Krieg hatte die Denomination mit einer heidnischen Unterorganisation zu kämpfen, die den Dämonenkönig Irodeus anbetete. Wenn die Inquisitoren solche Ketzer verhafteten, wurden sie meist auf dem Weg zur nächstgrößeren Stadt von diesen Kultisten überfallen und überwältigt. Daher arbeiteten die Inquisitoren ein System aus Außenposten und einen straffen Zeitplan aus. Jedes Kommando der zuständigen Ritter musste Vögel an alle Außenposten auf ihrem Weg schicken und ihnen somit berichten, wann sie voraussichtlich dort ankommen würden. Verspäteten sie sich, schickte der Außenposten eine Rettungseinheit, da man von einem Angriff der Kultisten ausging. Allein auf dem Weg von hier bis Aminas befinden sich zehn solcher Außenposten, die noch immer genutzt werden, obwohl der Kult des Irodeus längst zerschlagen ist. Teshin hat dich heute kurz nach Sonnenaufgang gerettet, mittags hätten die Tempelsöhne wahrscheinlich bereits den ersten Außenposten erreicht. Wir müssen also jeden Moment mit einem Suchtrupp oder einer Rettungseinheit rechnen.“

Iliana nickte beeindruckt. Sie hatte nicht gedacht, dass die Inquisition über ein solches System verfügte. „Und diese Außenposten sind alle mit Rittern und Inquisitoren besetzt?“

Esben schnaubte. „Das waren sie vielleicht einmal. Du darfst dir diese Einrichtungen nicht als uneinnehmbare Burgen vorstellen. Meistens wurden die Außenposten in Ruinen oder verlassenen Häusern eingerichtet. Einer hier ganz in der Nähe gleicht eher einem Bauernhof. Manche verfügen nur über wenige Waffen oder es sind keine Magier dort stationiert. Ich bin sicher, dass man dieses System leicht lahmlegen könnte. Aber da es den Kult nicht mehr gibt, spielt das keine große Rolle mehr. Heutzutage besteht die Hauptaufgabe der Inquisitoren in der Verfolgung von Hexen. Diese Maßnahmen werden im Allgemeinen vom Volk begrüßt.“ Bitternis schlich sich in Esbens Stimme.

Iliana nickte langsam. Sie interessierte sich mehr für die Kultisten. „Wie hat die Denomination diese Teufelsanbeter denn besiegt?“

Esben legte die Stirn in Falten. „Wenn ich mich richtig erinnere, schleuste sich ein mutiger Adeliger bei ihnen ein. Er versorgte die Denomination mit wertvollen Informationen, bis sein Verrat entdeckt wurde. Die Kultisten verwüsteten sein Gut und töteten seine Familie. Zwei Kinder entkamen angeblich. Der Adelige selbst wurde hinterrücks ermordet und sein berühmtes magisches Schwert verschwand. Aber durch diese Aktion hatten die Anhänger des Irodeus sich zu weit in die Öffentlichkeit gewagt. Ein mächtiger Inquisitor übernahm den Oberbefehl über ein Heer aus geistlichen und weltlichen Rittern, die die Schlupfwinkel der Kultisten stürmten und sie vernichteten. Einige flohen hierher nach Hornheim.“ Esben deutete in die Richtung des Ganges. „Als der Inquisitor Androgs Halle einnahm, flohen die Kultisten durch die drei Portale, die dir sicher schon aufgefallen sind. Dahinter liegen weitere Gänge, die ins wahre Hornheim führen, wo angeblich bis heute Dämonen hausen. Anstatt sie zu verfolgen, versiegelte der Inquisitor die Gänge. Was mit den Kultisten geschah, weiß niemand.“

Iliana erschauderte. „Das klingt wie eine Gespenstergeschichte! Musstest du mir das jetzt am Abend erzählen?“

Esben lachte. Der Laut klang fremdartig in dem dunklen Gewölbe. Dennoch fühlte sich Iliana dadurch seltsam befreit.

Halgin legte den Kopf schief und schlug mit den Flügeln. „Dieses magische Schwert, das dem Adeligen gehörte … das hieß nicht etwa Murakama?“

Iliana sah Halgin verwirrt an. „Wie Teshins Klinge?“

Esben schüttelte den Kopf. „Man nannte die Waffe Megingjormar. Das bedeutet „Heilsbringer“ in der Alten Sprache.“

Halgin nickte. Seine Augen glitzerten. „Das ist mir wohl bekannt. Nur gab es neben der hohen Alten Sprache in südlicheren Gebieten einige Dialekte, von denen heute nur noch wenige bekannt sind. Das Wort Meging wird in dieser Variation als Mura ausgesprochen, Jormar als Kama. Ich weiß nicht, woher Teshin es weiß, doch so interpretiert heißt die Klinge Murakama.“

Iliana starrte Halgin fassungslos an. Bevor sie ihre Schlüsse ziehen konnte, hallte Applaus durch den Raum. Iliana fuhr herum. Teshin lehnte im Eingang, sein blauer Blick ruhte auf Halgin. „Wie ich sehe, versucht Ihr, meine Geheimnisse zu lüften, Majestät. Das nenne ich nicht besonders ehrenhaft.“

Ein Blitz durchfuhr Halgins schwarze Augen. Als er sprach, klang seine Stimme beinahe bedrohlich. „Eines Königs erste Pflicht ist es, sein Volk zu schützen. Man kann das Volk jedoch nicht vor dem beschützen, was man nicht kennt. Du hast mir den Lehenseid verweigert, mir deinen wahren Namen nicht genannt und meine Fragen nur ausweichend beantwortet. Ich kann dich weder als Freund noch als Feind bezeichnen. Also muss ich Informationen sammeln, um deine Rolle in diesem Spiel zu durchschauen.“

Teshins Augen funkelten gefährlich. „Ich bin nicht der einzige, der Geheimnisse hat. Iliana wollte mir von ihrer Vergangenheit ebenfalls nichts berichten und Ihr habt vor mir die wichtigste Information überhaupt verheimlicht!“

Ilianas Herz vollführte einen angstvollen Satz. Er konnte nur ihren Hinweis meinen.

Halgin wirkte verwirrt. „Wovon sprichst du, Angnaur?“

Teshin trat einen Schritt auf ihn zu. Iliana erinnerte sich an die Ritter und wich instinktiv zurück. Würde es zum Kampf kommen? Sie hätte ihm nichts verraten sollen! Ängstlich umklammerte sie den Bogen. Teshins Worte spukten durch ihre Gedanken.

Ich verstehe, dass du Angst hast.

Sie fürchtete nicht Teshin selbst. Sie fürchtete den Wahnsinn, der von ihm ausging und sie gleichermaßen zu verschlingen drohte. Teshin verhieß Blut und Rache. Egal, wer er vorgab zu sein, für sie würde er immer der Angnaur, der Schwertdämon bleiben.

Teshin holte tief Luft. „Wann gedachtet Ihr, mir von den besonderen Eigenschaften jener zu berichten, die Eure Stimme zu hören vermögen? Nur diejenigen, die einen geliebten Menschen vor ihren Augen sterben sahen, ist das richtig?“

Einen Moment lang starrte Halgin ihn nur an. Esben wirkte überrascht und erhob sich vom Stuhl.

Kurz legte sich Stille über sie. Dann begann der König zögerlich zu sprechen.

„Deine Definition ist nicht völlig zutreffend. Nur diejenigen, vor deren Augen ein geliebter Mensch getötet wurde, können meine Stimme hören. So lautete der Fluch, der über mich gesprochen wurde.“ Er brach ab. Esben sank zurück auf den Stuhl, die Augen von Entsetzen geweitet. Iliana umklammerte den Bogen fester. Das rote Licht der Kugel verunstaltete Teshins Züge und verlieh ihm etwas Raubtierhaftes.

„Ich wollte dir deine Hoffnung nicht rauben“, fuhr Halgin schließlich fort. „Ein geliebter Mensch … wer weiß schon, wem man diesen Titel verleihen kann und wem nicht? Wenn ein Kind der Hinrichtung einer ihm bekannten Person beiwohnt, kann das oftmals ausreichen, ohne dass es diese Person als geliebt bezeichnen würde.“ Iliana fuhr bei diesen Worten zusammen. Schmerz durchzuckte sie wie ein Kugelblitz. Erneut loderten die Flammen vor ihrem inneren Auge.

Halgin blieb ihre Reaktion nicht verborgen. „Verzeih, mein Kind“, sagte er sanft. „Damit wollte ich nicht auf deine Ziehmutter anspielen. Natürlich hast du sie innig geliebt und hättest genau das auch gesagt.“

Teshin wirkte verwirrt, schwieg aber dankbarerweise. Die Bitternis jedoch verschwand nicht aus seinem Blick.

„Dennoch“, knurrte er mit unheilsschwangerer Stimme. „Ihr hättet …“

Ein Aufschrei schnitt ihm das Wort ab. Esben war erneut aufgesprungen, den fassungslosen Blick auf die Kugel gerichtet. Erschrocken starrte Iliana ihn an.

„Lasst den Streit!“, rief der gefallene Priester und verlor sich in hektischer Gestik. „Ein Heer! Ein Heer nähert sich Androgs Halle!“

Sofort stürzten sie zu Esben. Iliana sah die Kugel an, doch sie erblickte nur rötlich schimmernden Rauch. Halgin landete auf ihrer Schulter. Er schien ebenfalls nicht mehr zu entdecken. Teshin starrte das Artefakt mit fragend gerunzelter Stirn an, schien seinen Verwendungszweck jedoch sofort zu durchschauen. Ob er ein solches Instrument vielleicht sogar schon einmal gesehen hatte?

„Beruhige dich, Esben!“, rief er bestimmt. „Was für ein Heer? Wer führt es an?“

Esben atmete schwer, als er zögernd antwortete. Der Name glich einem Dolchstoß in Ilianas Herz. „Medardus.“

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Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (2/2)

Das dämmrige Licht in der Kajüte des Jarls zeugte von einer gewissen Trostlosigkeit. Die dunklen Planken waren mit Teer bestrichen worden und schienen das Licht regelrecht zu verschlucken. Ein großes Bett thronte in einer Ecke des Raums, ebenso wie ein edel geschnitzter Stuhl aus Eichenholz. 
Islav steuerte zu einem auf einer Vorrichtung ruhenden Fass und hielt Aegir einen Becher hin. »Bier?«, fragte er mit trockener Stimme.
Aegir bestätigte. 
Der Jarl öffnete den Verschluss und eine goldgelbe Flüssigkeit tropfte aus dem Fass. Dann hielt er dem Riesen den Becher hin. Tiefe Sorgenfalten zogen sich durch Islavs Gesicht und schwere blaue Tränensäcke zeugten von einer rastlosen Müdigkeit, die ihn befallen zu haben schien. 
Aegir war sich im Klaren darüber, dass er nach wie vor von der Trauer über den Verlust seiner Gattin aufgefressen wurde, jetzt jedoch schien es sich um etwas anderes zu handeln.
Der Jarl musste im Laufe der Fahrt um zehn Jahre gealtert sein. Islavs Bart schickte sich an, sich in filzige Knoten zu verheddern und sein Blick schien sich ins Leere zu verlieren, während er langsam auf dem Stuhl Platz nahm.
»Weshalb habt ihr mich gerufen, mein Herr?«, fragte Aegir mit harter Stimme. Wenn er den Jarl von der Gefahr überzeugen wollte, durfte er weder zögern noch Schwäche zeigen.
»Du wurdest vermisst«, blaffte Islav, während er eine ausladende Handbewegung vollführte. Dann nahm er einen tiefen Schluck aus dem Becher, wobei das Bier in seinen Bart tropfte. Ungeschickt wischte er sich diesen mit dem Handrücken ab.
»Mit Verlaub, aber geht es Euch gut?«, fragte Aegir zögerlich. Niemals zuvor hatte er den Jarl in solch schlechter Verfassung vorgefunden. 
Islav starrte ihn an wie ein Geisteskranker. »Das sollte ich dich fragen. Kommst an Bord, nimmst dir Brot und Trank und als Dank dafür bleibst du auf dem Schiff, sobald es drauf ankommt?« Zorn spiegelte sich in seiner Stimme wieder.
Aegir sammelte seine Worte. Er wollte diesen Teil der Plünderfahrt gerne überspringen und stattdessen lieber über die eigentliche Gefahr sprechen. Er durfte sich jetzt nicht in einen Streit verwickeln lassen. Dann kam ihm eine Idee.
»Und die Götter sollen es preisen, denn ich habe etwas herausgefunden, was uns alle bekümmern sollte. Die Ustenströmer planen Verrat. Noch heute Nacht werden sie uns allen die Kehle aufschlitzen, wenn wir nichts unternehmen.«
Der Riese musterte Islav genaustens, um seine Reaktion einschätzen zu können.
Die Miene des Jarl verzog sich vor Wut. »Unsinn. Das Gebelle eines dummen Köters, der sein Herrchen verloren hat. Weißt du, was du Magnar da vorwirfst?«
Was Aegir weniger Sorge bereitete, als die unnötig harsche Zurechtweisung, war ein Zucken, das kurz durch Islavs Augen wanderte, während sie sprachen.
Weiß er es bereits? Aber warum? Und wieso will er nichts dagegen unternehmen?
Der Jarl erhob sich und langsamen Schrittes steuerte er auf die Tür zu.
Mit einem Knarren fiel sie hinter sich ins Schloss. »Wir sollten reden«, krächzte er mühsam.
Aegir verstand nicht. Es fiel ihm schwer, Islavs Verhalten einzuordnen. Dem Riesen kam es so vor, als könne die Stimmung in jedem Moment in eine beliebige Richtung kippen. 
Hoffentlich in die richtige. Ich muss ihm die Augen öffnen.
»Mit wem hast du bereits darüber gesprochen?«, verlangte Islav zu wissen.
»Mit niemandem. Ich hielt es für ratsam, zunächst Euch nach Eurer Meinung zu befragen«, log Aegir.
»Das ist gut.« Der Jarl drehte eine Runde durch die Kajüte. »Wir wollen ja nicht, dass die Männer durchdrehen. Und du wirst schweigen, hast du verstanden?« Islavs Ton duldete keinen Widerspruch.
Aegir konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Das verlief nicht gerade wunschgemäß. Er musste nun alles auf eine Karte setzen, ansonsten würde er den Jarl nicht überzeugen können. »Mein Herr, sie halten Eure Tochter auf Hjalmaers Schiff gefangen. Ich fand sie, während ihr das Kloster ausgeraubt habt. Nehmt ein paar Männer mit und vergewissert Euch selbst.«
Die Augen des Jarl weiteten sich für einen Moment. »Nein, das kann nicht sein. Meiner kleinen Ylvie würden sie kein Haar krümmen, das wagen sie nicht! Ich habe es ihnen doch gesagt. Nicht meine Tochter!«
Aegir runzelte die Stirn. »Ich rede von Deila«, erwiderte er zähneknirschend. »Und nun heraus damit. Was wird hier gespielt und was hast du ihnen gesagt? Du wusstest es die ganze Zeit, habe ich Recht?«
»Also haben sie die Falsche. Das ist gut.« Islav schien Aegirs Frage einfach übergehen zu wollen. 
Er strahlte eine Gleichgültigkeit aus, die den Riesen vor Wut rasen ließ. Er packte den Jarl auf nichts achtend am Kragen und schmetterte ihn mit einer solchen Wucht gegen die Wand, dass sich die Luft keuchend aus seinen Lungen presste. »Ich habe bei Gott geschworen, niemandem mehr ein Leid zuzufügen, aber du lässt mich über diese Aussage gerade reichlich nachdenklich werden. Wenn du mir nicht schleunigst erzählst, was hier vor sich geht, reiße ich dir den Schädel vom Kopf!« Aegirs Augen versprühten reines Gift. Eine Verschwörung war hier im Gange und wenn Islav nichts unternehmen wollte, hatte er als Jarl versagt. 
Hustend richtete der Häuptling sich auf. »Du Narr hast ja keine Ahnung, was du da tust. Dass du es wagst, deine dreckige Hand an mich zu legen. Du! Ein Fischer! Pah!«, zischte er heiser, dann spuckte er Aegir vor die Füße. 
»Du solltest mir dankbar sein, dass ich dich nicht auf der Stelle vierteilen lasse! Du glaubst also, die Ustenströmer werden über uns herfallen, ja? Das hätten sie schon längst getan, hätte ich nicht mit Magnar eine Vereinbarung getroffen. Ich habe Hjalmaer die Hand meiner Tochter versprochen, sodass er der neue Jarl von Skiringssal wird, sollte ich einmal nicht mehr sein.«
Diese Worte trafen Aegir wie ein Schlag ins Gesicht. Das erklärte alles. Islav hatte Deila achselzuckend als Tribut angeboten, um das Dorf vor dem drohenden Unheil zu bewahren. Doch dann wurde er stutzig. »Aber Deila ist nicht deine älteste Tocher«, grübelte er laut. 
Dann verstand er. Langsam wanderte Aegirs Hand zu seinem Dolch. 
»Du hast es erfasst. Und von daher gibt es ein letztes Problem, dem ich mich entledigen muss«, gestand Islav mit einem üblen Lächeln auf den Lippen. »Zum Wohle des Dorfes wirst du als mein Nachfolger abdanken müssen. Dass ich meinen kostbarsten Schatz, meine wundervolle Tochter Ylvie, in die Hände eines derartigen Tölpels gelegt habe, lässt mich doch stark an meiner Urteilsfähigkeit zweifeln. Es ist an der Zeit, die Fehler der Vergangenheit zu begradigen.«
Die Tür flog auf und eine Handvoll Männer stürmte mit erhobenen Waffen in den Raum.
Aegir erkannte unter ihnen seine Waffenbrüder, mit denen er von Kindesbeinen an aufgewachsen war. Mit denen er etliche Schlachten geschlagen und endlose Meilen auf See hinter sich gelassen hatte. Nun betrachteten sie ihn mit harten Mienen, während sie ihn langsam umkreisten. 
Aegirs Versuch sich zu wehren erschlaffte. Gegen sie konnte er nicht die Hand erheben, ohne sich dabei in schwerer Sünde zu suhlen. Und dann, plötzlich, schoss ein Gedanke durch seinen Kopf. Ein kleiner Funke, der den letzten Rest der Erleuchtung in dieses verwirrende Spiel blies. 
Er hatte sich sofort gefragt, warum Islav ihn zum Schutze des Dorfes nicht direkt enteignet hatte, um Hjalmaer mit Ylvie zu verheiraten. 
Er wollte sie nicht hergeben. Also hat er Deila verkauft, um den Jarl von Ustenström zu täuschen. Ein netter Versuch, doch Magnar hat dich längst durchschaut. Und nun dürfte er tosen vor Wut. Eure Vereinbarung ist dahin und unsere Männer werden dafür mit dem Leben bezahlen. 
Bevor er aussprechen konnte, was er dachte, rammte ihm einer der Männer den Knauf seiner Axt in den ungeschützten Bauch. 
Ächzend ging Aegir auf die Knie. Sein Magen verkrampfte sich und Wellen der Übelkeit schwangen durch seinen Körper. »Du hast dich geirrt. Sie werden uns alle töten«, keuchte er schwer, bevor ein weiterer Schlag ihm das Bewusstsein raubte und sich alles in ein trostloses Schwarz tauchte. 


***


»Sie haben was?!«, kreischte Snorri außer sich. Er packte seinen Kameraden am Kragen. 
»Es ist wahr«, keuchte der zweite der beiden Männer, die Snorri zur Geri geschickt hatte, um mit dem Jarl zu beratschlagen. »Sie haben Aegir in eine Zelle gesperrt. Von den anderen weiß niemand etwas über die drohende Gefahr. Zudem sagten sie uns, dass Islav gerade beschäftigt sei.«
Mit einem entsetzlichen Aufschrei ließ Snorri von seinem Kameraden ab und schlug gegen die nächstgelegene Tanne. 
Schmerz pochte durch seine Hand aber der tat ihm gerade richtig gut.
Sie hatten sich etwas abseits der anderen versammelt, um sich für die bevorstehende Nacht vorzubereiten. Nun ließ die Entfernung zum Lager es zu, dass er seine ganze aufgestaute Wut gewähren ließ. 
»Ich sage dir, da ist was faul«, brummte Knutson nachdenklich. Seit sie an Land gegangen waren, schien er in düstere Gedanken vertieft.
Doch Snorri vermutete, dass sein Kamerad sie nach wie vor nicht mit ihm teilen wollte.
Ein Plan muss her und zwar schnell. Wir sind ihnen drei zu eins unterlegen, wenn es drauf ankommt. 
Die Tatsache, dass sein Bruder zum Schweigen gebracht wurde, bestätigte für Snorri umso mehr, in welcher Gefahr sie gerade schwebten. Seine Augen wanderten durch den dichten Wald. 
Sie hatten eine steile Anhöhe erklommen, unter welcher das heutige Nachtlager lag. Als Snorri genau hinsah, konnte er die Ustenströmer unter sich erkennen, wie sie ihre Zelte aufschlugen und Feuer schürten. Wenn er sich einmal um sich selbst drehte, konnte er auf die offene See blicken, die in trügerisch stillen Wellenbewegungen an ihnen vorbeizog. Doch auch diese malerische Kulisse vermochte es nicht, ihm etwas Ruhe zu verleihen. 
»Wenn wir sie hier hochlocken, könnten wir ihnen eine Falle stellen«, überlegte Knutson laut, während er sich nach einem geeigneten Ort dafür umsah.
Snorri folgte ihm dichtauf. Als sie noch kleine Kinder gewesen waren, hatte Aegir ihm beigebracht, wie man Hasen und andere kleine Tiere mit Fallen erlegte. Jetzt konnte dieses Wissen womöglich von Nutzen sein. 
Sie erreichten eine moosbewachsene Felsgruppe, die in etwa die Höhe von zwei Männern besaß. Ein perfekter Ort für einen Hinterhalt. 
»Wie stellen wir es an?«, murmelte Knutson gedankenversunken, während er um die Findlinge herumschritt.
»Zwei von euch sammeln Steine. Je größer, desto besser. Am Ende des Durchgangs positionieren wir angespitzte Pfähle. Sobald sie hier hineinlaufen«, er vollführte eine Handbewegung, »riegeln wir den schmalen Eingang ab und bewerfen sie mit den Felsen.«
»Und wie sollen wir den Eingang abriegeln?«, warf einer der Männer zögerlich in die Runde.
Snorri vermutete, dass er die Antwort bereits wusste. Dennoch sprach er aus, was alle dachten. »Wir müssen es selber tun. Mit Axt und Schwert. Aber so haben wir immerhin einen erheblichen Vorteil.« Er blickte bedeutungsvoll in die Runde. 
Die Gesichter der Männer spiegelten ihre Furcht wieder. Viele von ihnen waren wie er das erste Mal mit dabei. Mit so etwas hätten sie kaum rechnen können. Er wollte gerade etwas sagen, als Knutson ihm ins Wort fiel.
»Na los, ihr habt ihn gehört. Eine bessere Gelegenheit wird sich uns so schnell nicht bieten. Ich stelle außerdem ein paar Pfähle bei weiteren Hindernissen im Wald auf, sodass wir eine Möglichkeit haben, uns im Notfall zurückzuziehen«, mit einer Handbewegung entließ er die Männer, damit sie ihrer Arbeit nachgehen konnten. Dann wandte er sich Snorri zu. »Hast du auch schon überlegt, wie du sie hierherlocken willst?«, fragte er mit skeptischem Blick.
Der junge Nordmann musste schlucken. Über diesen Teil des Plans hatte er am längsten nachgedacht und er gefiel ihm am wenigsten.
»Aye, das habe ich. Außerdem will ich unsere Männer ebenfalls wecken und aus den Zelten hervorlocken. Ich habe eine Idee und ihr müsst mir vertrauen. Auch, wenn es das gefährlichste wird, was wir jemals getan haben.«


***


Snorri lugte durch den schmalen Schlitz in seinem Zelt, dass er sich eigentlich mit vier anderen Männern teilte. Nun war er alleine. 
Die anderen hatten sich im Wald versteckt und warteten auf ihn.
Snorri war sich im Klaren darüber, dass ihr Überleben an seinem Erfolg hing. Wenn er es nicht schaffen würde, genügend Männer fortzulocken und die übrigen zu wecken, hatten sie so gut wie verloren. Er betrachtete die beiden Fackeln in seiner Hand als wären sie der Hammer Thors persönlich. Dann atmete er tief durch. Sein Herz pochte wie verrückt gegen seine Brust. So stark, dass er befürchtete, jederzeit entdeckt zu werden. 
So harrte er aus und wartete. Durch die Wipfel der Bäume, konnte er den Sternen auf ihrer Reise durch den Himmel zusehen. 
Das Feuer in der Mitte des Lagers war mittlerweile fast herunter gebrannt.
Nun lasst euch nicht so viel Zeit. Ich brauche die restlichen Flammen.
Instinktiv kam die Hoffnung in ihm auf, dass Aegir sich womöglich doch getäuscht hatte. Dass er etwas falsch verstanden hatte.
Doch diese Hoffnung wurde ihm zunichte gemacht, als sich in den Zelten langsam etwas regte.
Und dann erblickte er Magnar, wie er, in im Mondlicht glitzernde Ketten gehüllt, aus seiner Behausung trat. Die Axt, die er in seiner Hand hielt, sprach tausend Worte. Und jedes einzelne davon stand für Unheil. 
Snorri merkte, wie sich sein ganzer Körper unwillkürlich zusammenzog. Seine Kehle trocknete aus und sein Herz verfiel in einen ungesund schnellen Rhythmus. Für einen kurzen Augenblick zog sein bisheriges Leben an seinem inneren Auge vorbei. Er atmete ein letztes Mal tief ein. Dann zog er den Stoff des Zelteingangs beiseite und trat langsam ins Freie.

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Saigels Irr(e)lichter – Schreiben und Reflexion

Was geschieht beim Schreiben? Mit dieser komplexen Frage beschäftige ich mich gerade immer öfter. Ich glaube, die Analyse sollte für jeden Autor anders ausfallen. Zu viele Unterschiede, Geschmäcker, Meinungen.
Allerdings, so denke ich, gibt es eine Sache, die uns alle verbindet. Die Selbstreflexion. Wie kann ich über ein Thema schreiben, über das ich nicht genügend nachgedacht habe? Das ich nicht bis auf die Grundmauern erforscht, meine eigene Stellung dazu geprüft und dann den Gedanken geformt habe, den ich vermitteln möchte?
Ich glaube, die Selbstreflexion steht noch über der Recherche. Es gibt Dinge, die recherchiere ich nicht. Es kann möglich sein, dass ich sie deshalb falsch wiedergebe. Aber die Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe, in meiner Wahrheit, meiner Welt, die sind stets geschehen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es deshalb so ist, dass ich zuerst mich selbst reflektieren muss, bevor ich schreiben kann, weil ich sonst keine Worte dafür finden würde.
Was mir fern liegt, was ich nicht für mich durchdringen kann, sei das Ergebnis meiner Reflexion nun falsch oder wahr, über das kann ich womöglich auch nicht schreiben. Dabei geht es nicht um die offensichtliche Ebene, denn auf dieser kann vermutlich jeder alles schreiben. Es geht um das Abstrakte, das Gedankliche dahinter, das, was der Leser nachvollziehen soll, wenn er meine Worte liest.
Schreibe ich folglich eine Geschichte oder einen Beitrag, beschäftige ich mich grundsätzlich ersteinmal automatisch mit mir selbst. Wie stehe ich wozu? Wie verstehe ich das, worüber ich schreiben möchte? Wie bringe ich dem Leser meine Realität näher? Meine Gedanken? Oder sogar: Wie bringe ich dem Leser die Worte eines anderen, einer dritten Person, oder eines Forschungsergebnisses näher, an dem ich vollkommen unbeteiligt war? Welche Worte finde ich für das, was ich sagen will, auch wenn es nicht einmal meine eigenen Gedanken sind, die sprechen?
Daraus schlussfolgere ich, dass der Autor, der sich selbst gut kennt, gut mit seinen Worten umgehen kann. Oft läuft das ja tatsächlich komplett unterbewusst ab. Ein Satz wird einfach schnell so hingekritzelt, der letztendlich so hohe Wellen schlägt, dass man erst im Nachhinein begreift, was man da geschrieben hat. Welche Macht diese Wörter haben, die in dem Moment der Produktion verschwindend klein erschienen. Beinahe unbedeutend.
Bedeutung bekommen also die Worte erst auch dann, wenn sie verstanden werden. Eine Wechselwirkung vollzieht sich, auch wenn es lediglich der Autor selbst ist, der zu seinem eigenen Leser wird, nach vielen, vielen Jahren ein vergrabenes Manuskript wieder herausholt und plötzlich etwas darin liest, was zwar schon immer dagewesen, ihm jetzt aber erst durch das Auge in den Verstand springt.

Eure Saigel

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Gottes Hammer X

„Ich habe es befürchtet“, murmelte Esben besorgt. „Von diesem Mädchen ging eine kaum zu beschreibende Aura aus, die mich zutiefst verunsicherte. Es würde mich nicht wundern, wenn mehr dahintersteckt.“

„Moment!“, ergriff Iliana das Wort. Sie wirkte verwirrt. „Heißt das, dieses Mädchen ist der Dämon?“

Teshin nickte, doch sie schien nicht überzeugt. Auch Halgin teilte Bedenken.

„Ich habe in meinem langen Leben bereits gegen Dämonen gefochten“, erwiderte er mit ruhiger Stimme. „Sie alle waren grässlich deformierte Wesen, manche geflügelt, andere nicht. So oder so, wenn ein Dämon seine wahre Gestalt annimmt, erblickt man wahren Schrecken. Ein einfaches Mädchen erscheint mir hier fehl am Platz.“

„Vielleicht war es ja nicht seine wahre Gestalt?“, hielt Teshin dagegen.

Halgin schüttelte den Kopf. „Du und Saskia, ihr habt gegen den Inquisitor gekämpft. Meiner Theorie nach zu urteilen handelte es sich bei ihm ebenfalls schon um den Dämon. Nachdem ihr ihn besiegt hattet, hätte er seine wahre Gestalt annehmen müssen.“

„Das Mädchen also muss die wahre Gestalt gewesen sein. Falls es sich um einen Dämon handelt.“ Esben sah in die Runde, so als suchte er Bestätigung.

Teshin legte den Kopf schief. „Ich habe da eine kurze Frage. Können sich Menschen mit Dämonen paaren?“

Halgin setzte zu einer Antwort an, brach jedoch ab, wechselte einen Blick mit Esben und setzte erneut an. Schließlich räusperte er sich vielsagend und stieß ein frustriertes Krächzen aus.

„Ich weiß es nicht“, gestand er. „Mir ist nichts bekannt, was dagegenspräche.“

Teshin nickte. „Was, wenn dieses Wesen eine Art … Halbdämon ist?“

„Eine gewagte Theorie“, erwiderte Esben. „Hast du dafür auch irgendwelche Hinweise oder verlässt du dich nur auf deine Intuition?“

Teshin lächelte freudlos. „Was meinst du?“

„Genug.“ Halgin flatterte energisch mit den Flügeln. „Solcherlei Theorien können wir später aufstellen. Erst müssen wir unser weiteres Vorgehen bestimmen. Ich denke, uns allen ist daran gelegen, das Geheimnis um dieses Mädchen und um Gottes Hammer zu lüften. Formen wir also eine Allianz gegen die Händel der Inquisitoren!“

„Ich weiß nicht“, gab Esben zu bedenken. „Die Inquisitoren stehen unter dem Schutz der Denomination. Sollen wir sie uns wirklich zum Feind machen?“

„Haben wir das nicht schon längst getan?“, fragte Teshin. „Ich meine, denkt doch mal nach. Ein heidnischer König, eine verurteilte Hexe, ein Priester mit verbotener Magie und ein Schwertdämon ohne Erinnerungen gelten im Normalfall nicht unbedingt als fromme Gläubige. Medardus hätte Grund genug, jeden einzelnen von uns zu verbrennen.“

Esben nickte zustimmend, doch Trauer verhüllte seinen schwermütigen Blick. Offenbar streubte sich sein Innerstes trotz allem gegen diesen Abfall von der Kirche, der er sein ganzes Leben lang gedient hatte.

„In diesem Fall möchte ich einen Vorschlag machen.“ Halgin flatterte erneut mit den Flügeln. „Teshin, Esben, wie wäre es, wenn ihr mir den Lehenseid schwören würdet?“

„Den Lehenseid?“, fragte Teshin verblüfft. „Ich dachte, ihr wolltet keine Zeit mit überflüssigen Gesprächen verschwenden? Oder sind wir nicht schon längst Verbündete?“

Halgin stieß einen Laut aus, der am ehesten noch als Schnauben bezeichnet werden konnte.

„Ich spreche auch nicht von einem normalen Lehenseid. Wenn ihr beide euch an mich bindet, kann ich meine Magie mit euch teilen und euch stets zu Hilfe kommen, gleichgültig, wo ihr euch aufhaltet. Angesichts der Schwere unseres Vorhabens halte ich es für recht und billig, unsere Kräfte zu vereinen.“

„Davon habe ich gelesen!“, rief Esben erregt. „Die Könige des Verlorenen Reichs pflegten ihre Untertanen so an sich zu binden, richtig?“

Halgin nickte schwermütig. „Heutzutage besteht der Lehenseid nur noch aus leeren Worten, doch zu meiner Zeit diente er zur wahren Vereinigung der Macht von Herr und Untertan.“

„Ich bin einverstanden.“ Esben kniete vor Halgin nieder. Offenbar wusste er besser als Teshin, wie er sich bei dieser Zeremonie zu verhalten hatte.

Teshin fiel kein Grund ein, Halgin seinen Wunsch abzuschlagen. Er tat es Esben nach und verneigte sich vor dem verzauberten König

Halgin hob würdevoll den Kopf. „Priester Esben, bist du willens und fähig, als Vasall in meine Dienste zu treten und einzugehen in die Reihe der ehrenwerten Fürsten des nunmehr Verlorenen Reiches?“

„Ja. Ich, Esben, bin willens und fähig, Euch zu dienen.“ Esbens Stimme hallte kraftvoller als sonst durch das Gewölbe. Kaum hatte er die Worte gesprochen, erhob sich Halgin majestätisch in die Lüfte und berührte Esbens Stirn mit einem Flügel. Mit einem Mal umhüllte goldenes Licht die beiden und Magie ging in Wellen von ihnen aus. Teshin musste geblendet die Augen schließen.

Kurze Zeit später war es vollbracht.

„Erhebe dich, Markgraf Esben.“ Halgin neigte respektvoll den Kopf. Esben erwiderte die Geste. „Mögest du mir gut dienen.“

„So schnell geht das?“, fragte Iliana erstaunt. „Kann ich nicht auch so einen Eid schwören?“

„Leider erst, wenn du volljährig bist“, antwortete Halgin. „Bis dahin bleibst du mein Mündel.“

Iliana seufzte enttäuscht. Halgin wandte sich Teshin zu. „Nun zu dir. Teshin, bist du willens und fähig, als Vasall in meine Dienste zu treten und einzugehen in die Reihe der ehrenwerten Fürsten des nunmehr Verlorenen Reiches?“

In diesem Moment spürte Teshin eine Verbindung zwischen sich und Halgin. Als er die Worte sprach, schienen Generationen von Vasallen ihm die Antwort einzuflüstern. Ihre Präsenz umgab ihn wie ein wärmender Schleier, der seine Sorgen vertrieb und ihm neue Kraft verlieh.

„Ja. Ich, Teshin, bin willens und fähig, Euch zu dienen.“

Halgin nickte, dann legte er ihm seinen Flügel auf den Kopf. Teshins Körper erschauderte und Ströme reiner Magie durchflossen seine Adern. Er fühlte sich mit tausenden Seelen verbunden, die in einer wilden Klimax herrschaftliche Gesänge anstimmten, um ihre Macht mit ihm zu teilen.

Im nächsten Moment erstarb das Gefühl abrupt. Teshin fühlte sich, als wäre er diesem Chor der Seelen gewaltsam entrissen worden. Die Magie und das Geflüster wich von ihm, kein goldenes Leuchten besiegelte den Pakt. Stattdessen landete Halgin ungelenk am Boden und musterte ihn erstaunt.

„Hat es nicht funktioniert?“, fragte Teshin leise.

„Nein. Kurz schien es, als könnte ich dich erreichen, aber im nächsten Moment …“ Halgin schüttelte den Kopf. „Du warst einfach weg. Kann es sein … dass Teshin nicht dein wahrer Name ist?“

Eiskalte Klauen zerfetzten Teshins Herz. Ein Kloß bildete sich in seinem Hals und er konnte kaum noch Luft in seine schmerzende Lunge zwingen. Seine Stimme zitterte, als er sprach.

„Wenn Ihr den Geburtsnamen meint, dann nein.“

„Das dachte ich mir.“ Halgin ließ betrübt den Kopf hängen. „Du müsstest mir eben diesen Namen nennen, um den Lehenseid leisten zu können. Aber er scheint für dich mit großem Schmerz verbunden, richtig?“

„Vollkommen richtig.“ Teshin erhob sich und wandte sich ab. „Es tut mir leid, Majestät. Unter diesen Umständen … kann ich den Eid doch nicht leisten.“ Er trat auf den Eingang zu. „Ich brauche frische Luft …“

„Einer der Seitengänge führt nach oben auf eine geschützte Terrasse. Dort müsstest du vor Dämonen sicher sein“, sagte Esben.

Teshin nickte ihm dankbar zu und erklomm die steinernen Stufen einer seitlich gelegenen Galerie. Eine Statue hob leicht den Kopf, als er an ihr vorbeiging. Ein kurzer Blick zeigte Teshin einen gepanzerten Krieger mit einem verblichenen Totenschädel unter dem marmornen Helm.

Teshin floh beinahe durch den engen Gang, bis er er endlich an die Oberfläche gelangte. Esben hatte recht behalten. Diese Terrasse würde kaum angegriffen werden. Teshin spürte mächtige Siegel in der Brüstung und Schutzzauber, die sie vor neugierigen Blicken verbargen. Erschöpft wie nach einem langen Kampf sank er zu Boden.

Er konnte nicht sagen, wie lange er reglos auf dem kalten Stein hockte. Sein bisheriges Leben schien wie eine endlose Aneinanderreihung schlecht gezeichneter Bilder an ihm vorbeizuziehen. Mit Ausnahme der letzten Monate natürlich. Immer wieder erschien Saskias Gesicht vor seinem inneren Auge, wie sie ihn stumm anlächelte. Nachdem er Murakama erhalten hatte, lachte er jahrelang nicht mehr. Erst, als er Saskia traf, konnte er wieder Witze reißen. In ihrer Gegenwart erwachte sein Humor wie der Phönix aus der Asche.

Doch nun war er wieder gestorben, hinterrücks erdolcht von diesem listigen Dämonenmädchen und von Medardus. Die schiere Last der Geheimnisse schien Teshin zu Boden zu drücken. Er verspürte das dringende Verlangen nach Schlaf, fernab von allen Gefahren und Geheimnissen. Fernab von der Bürde seines wahren Namens. Wie konnte dieses simple Wort solche Pein hervorrufen? Wie konnte es dermaßen viele Erinnerungen wecken? Teshin schlug die Hände vors Gesicht und lehnte sich erschöpft gegen die Brüstung der Terrasse. Er wollte nur noch weg von allem.

Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er Schritte vernahm. Überrascht bemerkte Teshin, dass er auf dem Boden lag. War er versehentlich eingeschlafen? Der Anblick der untergehenden Sonne bestätigte seine Vermutung. Der leuchtende Feuerball entschwand hinter den Bergen. Allein Hornheims Finsternis verweilte in der Ödnis.

Einen Moment später bemerkte er Iliana. Sie wirkte kleinlaut und verletzlich, vollkommen anders als mit dem Bogen. Sie hatte die Waffe wohl in Androgs Halle zurückgelassen.

„Hallo“, murmelte sie schlicht.

Teshin fühlte sich ausgeruhter als zuvor. Dennoch war er nicht in der Stimmung für ein Gespräch. „Hallo.“

Kurz legte sich Schweigen über sie, bis Iliana schließlich wieder das Wort ergriff. „Ich sollte dir etwas sagen. Etwas, das dir vielleicht dabei hilft, deine Erinnerungen zurückzuerlangen.“

Teshin hob missmutig den Kopf. „Meinst du etwa meinen Angriff als Schwertdämon auf dein Dorf? Danke, den musst du mir nicht erst schildern.“

Iliana schnaubte. „Hältst du mich für völlig empfindungslos?“ Offenbar hing nicht all ihr Temperament an dem Bogen. „Nein, es geht um Saskia.“

Sofort war Teshin auf den Beinen. „Was weißt du?“

Reflexartig wich Iliana einen Schritt zurück. Die Angst in ihren Augen versetzte Teshins Herzen einen Stich.

Zum ersten Mal seit langem meldete sich die Stimme in seinem Kopf wieder zu Wort.

Kein Wunder, dass sie Angst vor dir hat. Du bist bei eurer ersten Begegnung Amok gelaufen, schon vergessen?

Der hämische Unterton erzürnte Teshin, doch er kämpfte seinen Ärger nieder. Stattdessen sank er kraftlos zu Boden. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Du hast allen Grund, Angst vor mir zu haben.“

„Ich hab keine Angst!“ Das Zittern ihrer Stimme bewies das Gegenteil.

„Hast du schon einmal jemanden getötet?“, fragte Teshin.

Die eisblauen Augen funkelten ihn einen Moment lang an, dann schüttelte Iliana den Kopf.

„Es ist etwas Seltsames, weißt du? Ein Leben lang wird man mit dem Tod konfrontiert, auch im Hinblick auf Verbrecher. Ein Leben lang sieht man Helden und Mörder, die beiderseits Leben nahmen. Man kapselt sich von ihnen ab, kleidet sich in Unschuld, bewundert oder verachtet sie. Aber alles ist anders, wenn man selbst ein Leben nimmt.“ Teshin schwieg einen Moment lang, um seine Worte sacken zu lassen. „Das habe ich Saskia auch immer gesagt. Sie konnte mir natürlich nicht antworten, aber ihre Blicke waren Antwort genug. Hat man einmal ein Leben genommen, bleibt man für immer ein Mörder. Man beschreitet einen Weg, auf dem es kein Zurück mehr gibt. Diebesgut kann man ersetzen, Wunden kann man behandeln … aber keine Macht der Welt ist dazu in der Lage, Tote zu erwecken. Von der Todsünde des Mordes kann sich niemand mehr freikaufen.“

Wieder eine Pause. Dann seufzte er. „Egal. Du willst dir das nicht anhören, richtig? Lieber willst du mir einfach sagen, was du zu sagen hast und wieder zu Halgin gehen, hab ich recht? Ich halte dich nicht mehr länger auf.“

Teshin konnte ihr eisblaues Funkeln nicht deuten, als Iliana zu sprechen begann. Schlich sich tatsächlich Mitleid in ihre Stimme? „Ich dachte nur, du solltest es wissen … Halgin macht keine Anstalten, es dir zu sagen, also tu ich es.“ Sie atmete tief durch, bevor sie weitersprach. „Teshin, hast du schon einmal einen geliebten Menschen sterben sehen?“

Teshins Herz setzte einen Schlag aus. „Was?“, flüsterte er entsetzt.

„Nur solche Menschen, vor deren Augen ein geliebter Mensch ermordet wurde, können Halgins Stimme hören“, fuhr Iliana leise fort. „Ich dachte nur … wegen Saskia. Selbst wenn dein Kopf es vergessen sollte, deine Seele erinnert sich.“

Und während das verlorene Mädchen schweigend den Rückweg in die dunkle Gruft antrat, zersprangen Teshins Hoffnungen wie eine filigrane Glaskugel an einem gezackten Felsen.

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Korrekturen 10

10.Teil – Giwoon (2/2)

»Bist du schon einmal mit einem Fahrrad gefahren?«, fragte Giwoon.
»Was ist ein Fahrrad?«, fragte Fancan. »Ich komme mir so dumm vor. Du zeigst mir ein Wunder nach dem anderen und ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich noch glauben soll.«
Er zog sie mit sich in Richtung des Weges und zeigte ihr, was er meinte. Dort standen in einem metallenen Ständer mehrere Fahrräder.
»Das sind Fahrräder«, sagte er und deutete auf die Fahrzeuge. »Man setzt sich darauf und tritt mit den Füßen die Pedale, worauf sich das Rad in Bewegung setzt. Will man bremsen, zieht man an den Hebeln dort oben.«
Fancan betrachte die Fahrräder interessiert.
»So etwas hat man hier bei euch in eurer Zeit?«, fragte sie.
Giwoon lachte.
»Das, mein Schatz, ist eine uralte Erfindung. Sie geriet in Vergessenheit und ein Freund von uns fand in alten Archiven Unterlagen darüber. Er baute einige davon und seit dem nutzen wir sie fast ständig. Sie werden mit Muskelkraft betrieben und verschmutzen unsere Welt nicht. Versuch es mal, es ist gar nicht so schwer.«
Fancan sah, wie Giwoon es anstellte und versuchte, es ihm nachzumachen. Ein paar Mal wäre sie fast gestürzt, doch dann begriff sie das Prinzip und setzte das Rad erst schlingernd und dann immer sicherer in Bewegung. Sie folgten dem Weg und fuhren in den Wald hinein. Hier herrschte ein herrliche Ruhe und ständig huschten irgendwelche Tiere über den Weg.
»Das macht richtig Spaß«, sagte Fancan nach einer Weile und fuhr schneller.
»Werde nicht übermütig, Fancan«, rief Giwoon hinter ihr her. »Du tust es immerhin zum ersten Mal.«
Er beeilte sich, Anschluss an seine Freundin zu bekommen. Fancan genoss die Fahrt sehr. Zum ersten Mal seit vielen Tagen dachte sie nicht an die Behörde, ihren Auftrag und was ihre Pflicht war.
Nach wenigen Kilometern wurde der Baumbestand dünner und schließlich öffnete sich vor ihnen ein grünes Tal mit sanften Hügeln und einem kleinen Bach. Direkt neben dem Bach stand ein Haus, das überwiegend aus Holz erbaut zu sein schien. Fancan bremste das Rad und betrachtete die Szene. Giwoon hielt neben ihr an.
»Warum hältst du an?«, fragte er. »Das dort vorn ist unser Haus.«
»Du sagst, wir befinden uns im einhundertzwölften Jahrhundert? Aber es sieht alles so alt und rückständig aus. Diese viele Natur, das Rad, das man mit Muskelkraft fährt, das Holzhaus dort vorn. Wir können doch nicht in der Zukunft sein.«
»Wir sind bei Weitem nicht so rückständig, wie du vielleicht denkst«, versicherte Giwoon. »Komm ich stelle dir meine Familie vor.«
Aus einer der Türen des Hauses trat eine junge Frau heraus, sah zu ihnen hinüber und winkte mit den Armen. Sie begann zu rennen und lief ihnen entgegen. Giwoon trat in die Pedale und fuhr ein Stück auf sie zu, warf dann sein Rad auf die Wiese und breitete seine Arme aus. Die Frau stürzte förmlich auf Giwoon zu und warf sich an seine Brust. Fancan empfand eine irrationale Eifersucht, als sie diese Szene sah.
Giwoon drehte sich zu ihr um und winkte, dass sie kommen solle. Zögernd fuhr Fancan mit dem Rad zu den Beiden hinunter.
»Fancan, darf ich dir meine Schwester Yshaa vorstellen?«, sagte Giwoon und zeigte auf Fancan, »Yshaa, das ist meine Freundin Fancan.«
Yshaa lächelte freundlich und umarmte auch Fancan.
»Eine Freundin von Giwoon ist auch meine Freundin«, sagte sie einfach.
Fancan hatte erst jetzt Gelegenheit, sich Yshaa näher anzusehen. Sie trug ein einfaches, bis zu den Knien reichendes Kleid und hatte nackte Füße. Ihre dicken, langen, schwarzen Haare trug sie zu einem dicken Zopf geflochten, bis zu den Hüften. Fancan schätzte, dass sie noch nicht ganz erwachsen war, obwohl ihre Figur durchaus bereits weibliche Formen zeigte.
»Kommst du aus der alten Zeit?«, fragte Yshaa neugierig. »Giwoon hatte einmal erzählt, dass er dort eine Freundin hätte.«
»Ja, ich denke, aus eurer Sicht komme ich aus der alten Zeit«, sagte Fancan.
Yshaa griff beide an den Händen und zog sie zum Haus.
»Mutter hat Kuchen gebacken«, sagte sie, »es ist, als hätte sie geahnt, dass Ihr heute ankommt. Kommt, er schmeckt am besten, wenn er noch warm ist.«
Fancan kam sich vor wie in einer Märchenwelt. Es kam ihr noch immer vollkommen unwirklich vor. Im Haus gab es mehrere kleine, gemütliche Zimmer. Aus einem der Räume kam ein Mann heraus, der Giwoon gleich umarmte. Fancan erkannte gleich, dass es sich um Giwoons Bruder handelte, dessen Kopf in der Kugel des Sliders erschienen war. Er wandte sich Fancan zu und betrachtete sie interessiert.
»Giwoon, du alter Schwerenöter!«, rief er. »Du hast uns nie erzählt, dass deine Freundin eine Schönheit ist.«
Dann ergriff er ihre Hand und drückte sie.
»Entschuldige ich bin Zedroog, Giwoons Bruder. Ich bin ganz überwältigt.«
Giwoon versetzte ihm spielerisch einen Faustschlag an die Schulter.
»Du lässt die Finger von ihr, verstanden? Sie gehört mir!«
Die Brüder standen schweigend und mit ernsten Mienen voreinander. Fancan sah von einem zum anderen, unfähig, zu erkennen, was hier eigentlich los war.
Nach einigen Sekunden prusteten die Brüder los und lachten, was das Zeug hielt. Sie nahmen sich gegenseitig in die Arme und klopften sich gegenseitig auf den Rücken.
»Verdammt, bin ich froh, dass du wieder zurück bist!«, rief Zedroog aus.
»So sind die beiden immer«, sagte eine Frau, die plötzlich in der Tür stand.
Es war die ältere Ausgabe von Giwoons Schwester Yshaa. Fancan vermutete, dass es sich um die Mutter der Familie handelte.
»Ich bin Fancan«, stellte sie sich vor und reichte der Frau ihre Hand. Sie drückte ihr überraschend fest die Hand und antwortete:
»Ich weiß. Ich bin die Mutter dieser Bande hier. Mein Name ist Symeen. Bei uns geht es immer so hoch her. Ich hoffe, es erschreckt dich nicht.«
Fancan schüttelte den Kopf.
»Ich habe nur noch nie wirklich mit Familien zu tun gehabt. Ich weiß daher nicht, wie Menschen, die von ein und demselben Elternpaar abstammen, sich untereinander verhalten.«
Symeen lachte, bis ihr die Tränen kamen.
»Entschuldige, aber du drückst dich so unglaublich gestelzt aus. Wir nennen solche Menschen einfach ‘Kinder’. Ich schließe daraus, dass du keine Geschwister besitzt.«
»Ich weiß es nicht«, sagte Fancan wahrheitsgemäß. »Ich kam schon sehr früh zur obersten Korrekturbehörde.«
Symeens Miene umwölkte sich für einen Moment, dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.
»Lasst uns meinen Kuchen essen, solange er noch warm ist«, schlug sie vor. »Wir wollen unseren Gast gebührend willkommen heißen. Es ist im Esszimmer gedeckt.«
Sie gingen ins Esszimmer, wo Symeen eine Kaffeetafel gedeckt hatte. Fancan hatte so etwas noch nie gesehen. Der Kuchen war einfach ein Gedicht und Fancan hatte hinterher das Gefühl, noch nie so viel in ihrem Leben gegessen zu haben. Symeen lächelte, als Fancan ein Stück nach dem anderen griff und es sich einverleibte.
»Symeen, so einen herrlichen Geschmack habe ich noch nie erlebt«, lobte Fancan mit vollem Mund. Die gesamte Atmosphäre wurde insgesamt sehr locker. Später, als Yshaa und Zedroog sich wieder zurückgezogen hatten, wechselte Symeen das Thema.
»Du wirst dich sicher schon gewundert haben, dass wir hier in der Zukunft jenseits eurer überwachten Zeitebenen in dieser Form leben, nicht wahr?«, fragte sie Fancan.
»Das wundert mich allerdings«, gab sie zu.
»Nun, dann nehme bitte zur Kenntnis, dass wir nicht so einfach sind, wie wir scheinen. Wir haben uns dieses Leben gewählt, weil es uns die Möglichkeit gibt, mit der Natur besser in Einklang zu bleiben«, erklärte Symeen. »Ich bin nicht nur die Mutter dieser Kinder hier, ich bin auch die Beauftragte für Zeitvergehen. Ich kontrolliere von hier aus, ob irgendwo in den Weiten der Zeit Manipulationen vorgenommen werden, die Auswirkungen bis in unser Zeitalter hinein haben. Wir haben bereits eine Sperre installiert, die verhindern soll, dass Ihr diesen Zeitvektor – wie Ihr ihn nennt – immer weiter in unsere Richtung ausdehnen könnt. Ständig werden von euch Korrekturen vorgenommen, die zum Teil verheerende Auswirkungen auf die ferne Zukunft hatten. Eure sogenannten Analysten glauben, dass sie beurteilen können, was sie eigentlich tun, aber ich kann dir garantieren, dass sie irren. Unsere Kenntnisse über die Natur der Zeit sind heute viel größer, als in den frühen Jahrhunderten, deshalb wissen wir heute, dass die Zeit nichts vergisst. Glücklicherweise neigt die Zeit – wie auch alles andere – dazu, ein ausgeglichenes Potenzial zu erreichen. Dazu muss man ihr aber auch Gelegenheit geben. Deshalb haben wir die Zeit vom zweiundachtzigsten bis zum einhundertsten Jahrhundert für Manipulationen und Zeitreisen komplett blockiert. Nur dadurch können wir hier annähernd unbeeinflusst leben, ohne fürchten zu müssen, dass eure dauernden Manipulationen auch unsere Welt verändern.«
Fancan hatte gebannt den Worten der Frau gelauscht. Sie wusste nicht warum, aber sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass jedes einzelne Wort der Wahrheit entsprach.
»Warum erzählst du mir das alles, Symeen?«, fragte sie. »Warum habt Ihr mich hier hergeholt?«
»Her geholt hat dich Giwoon ganz allein«, sagte Symeen mit einem milden Lächeln. »Ich fürchte, mein Sohn hat sich wirklich in dich verliebt, mein Kind. Trotzdem ist es wichtig, dass du uns verstehst, damit du auch verstehst, warum wir bestimmte Dinge tun müssen. Auch, wenn man es uns nicht unbedingt ansieht, beschäftigen wir uns sehr intensiv mit der Zeit und ihrem Fluss in den frühen Jahrhunderten. Wir besitzen Datenbanken, die in vielen Bereichen weitaus detaillierter sind, als eure. Dank Giwoon und seiner Arbeit für die Behörde können wir nun auch unsere Daten laufend mit denen der Behörde abgleichen.«
Fancan sah von Symeen zu Giwoon.
»Giwoon, du hast die Daten der Behörde angezapft und einen Zugang bis in diese Zeitebene hier gelegt?«, fragte sie. »Das ist Verrat!«
»Fancan, du nimmst dieses Wort für meinen Geschmack zu oft in den Mund. Ich habe nie für die Behörde gearbeitet. Mir ging es immer nur um Vorbereitungen für eine weitreichende Manipulation, die dazu führen soll, die Arbeit der Behörde ein für alle Mal zu beenden.«
Fancan glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen.
»Du willst die Behörde vernichten?«
»Ja«, sagte Giwoon einfach. »Nur deswegen bin ich in die Vergangenheit gereist. Ursprünglich hatte ich vor, herauszufinden, wie es zur Entdeckung der Zeitreisen im siebenundvierzigsten Jahrhundert gekommen ist und wollte einen Agenten durch gefälschte Analysen veranlassen, eine Zeitkorrektur vorzunehmen, die diese gravierende Entdeckung verhindern sollte. Ich fand jedoch heraus, dass diese Lösung zu einem generellen Chaos führen würde und die Zeit bis weit über meine eigene Zeitebene hinaus verändern würde. Also musste eine andere Lösung her – eine, die die bisherigen Aktionen der Behörde bereits berücksichtigt.«
»Und wie soll das aussehen?«, fragte Fancan heiser. Sie konnte nicht glauben, dass ihr Freund offenbar der gefährlichste Feind dessen war, wofür sie bisher gelebt hatte.
»Die Energieversorgung ist die Lösung. Zeitreisen sind äußerst energieaufwendig. Ich hatte mich immer gefragt, wieso man die Behörde erst vierhundert Jahre nach Entdeckung der Zeitreisen gegründet hatte. Die Antwort ist einfach: Man konnte erst dann den Energiebedarf eines solchen Systems decken, in dem man die Energie der Sonne anzapfte. Ich rede jetzt nicht davon, das Sonnenlicht einzufangen. Man hat eine Möglichkeit gefunden, die Energie der Sonne direkt am Himmelskörper abzugreifen und auf der Erde nutzbar zu machen. Das System der Zeitaufzüge wurde installiert und alle Energie, die diese Aufzüge benötigen, erhalten sie von der Anzapfstelle im einundfünfzigsten Jahrhundert. Wird sie zerstört, bricht das System zusammen, wie ein Kartenhaus.«
»Das ist doch Wahnsinn, Giwoon!«, regte sich Fancan auf.
»Nein, Wahnsinn ist es, diese sogenannten Experten immer weiter machen zu lassen!«, konterte Giwoon.
»Nun streitet nicht, Ihr Zwei!«, mahnte Symeen. »Das hat erst recht keinen Sinn. Wir sollten Fancan nun nicht dumm sterben lassen, sondern sie in alles einweihen, was wir herausgefunden haben.«
Sie wandte sich an Fancan: »Kind, du ahnst nicht, wie wichtig es ist, dass du heute und hier verstehst und akzeptierst, was wir dir zu erzählen haben.«

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Die Geschichte macht jetzt eine Woche Pause. Wie es weitegeht, erfahrt Ihr in der nächsten Fortsetzung am 4. Mai 2019.

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Gottes Hammer IX

Unter der Kapuze der Gestalt herrschte gähnende Leere. Kein Kopf, kein Gesicht, nicht einmal die leiseste Andeutung von fester Materie. Teshin starrte die Gestalt perplex an, als der Mantel plötzlich zu Boden fiel. Die Ketten rasselten unheilvoll und der Stab zerstob zu feinem Rauch. Es war, als hätte die düstere Kreatur niemals existiert.

Im nächsten Moment stürzte ein bärtiger Mann hinter einem kleinen Hügel hervor. Er hielt ein in Leder gebundenes Buch vor sich wie einen Schutzschild und war in eine vielfach geflickte Mönchskutte gehüllt. Teshin erkannte ihn erst auf den zweiten Blick.

„Esben?“, fragte er ungläubig.

Der Priester hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Sein weiches Gesicht furchten nun harte Züge, ein Auge schien gerötet wie von aufkeimenden Tränen. Er wirkte hager und ausgezehrt, Bitternis und Gram hatten seinem Leib ihre schadhafte Schirmherrschaft aufgedrängt. Dennoch erleuchtete Freude seinen unheilsschwangeren Blick, als er Teshin sah. Er breitete in weiter Geste seine Arme aus, so als wollte er die gesamte Welt umfassen. Beinahe entglitt ihm der gewaltige Foliant.

„Teshin, mein Freund! Ich war schon in Sorge! Du hättest doch bereits vor einer Woche hier sein sollen!“

„Kennst du diesen schwarzen Hexenmeister, Angnaur?“, gab Halgin misstrauisch von sich.

„Das ist kein Hexenmeister!“, entgegnete Teshin schnell. „Er heißt Esben und war mir ein guter Verbündeter in Aminas. Er wirkt dort als Priester.“ Tatsächlich hatte er sich noch nie so gefreut, einen Menschen zu treffen. Scheinbar konnte Esben ihm Antworten liefern. An den Geistlichen gewandt fügte er hinzu: „Es tut mir leid, Esben, dass ich dich warten ließ. Du musst wissen, ich habe mein Gedächtnis verloren. Ich weiß nichts mehr bis zu dem Punkt, an dem Saskia und ich uns dem Dämon in Aminas stellten. Alles andere ist wie ausgelöscht.“

Esben starrte ihn entsetzt an. „Was? Wie kann das sein?“

Teshin seufzte resigniert und glitt mäßig elegant vom Kutschbock. Trockener Staub erhob sich in die Lüfte, als er den Boden berührte. „Ich bin an diesem Morgen im Wald erwacht, direkt neben der legendären ersten Kirche von Sankt Esben. Das letzte, woran ich mich erinnern konnte, war der Kampf gegen den Dämon.“

Esben nickte ernst. Seine Finger schlossen sich fester um das große Buch. „Dabei hatte ich gehofft, dass du mir noch einige Fragen würdest beantworten können“, flüsterte er. „Das Leben hat einen zynischen Humor.“ Er seufzte. „Das sind Themen, die wir besser nicht ungeschützt hier draußen besprechen sollten. Folge mir in dein ehemaliges Heim, dort werde ich dir alles erklären, was ich weiß.“

Teshin nickte dankbar, aber er hatte die Rechnung ohne Halgin gemacht. Der König der Navali plusterte sich zu voller Größe auf und warf Esben einen glühenden Blick zu.

„Einen Moment!“, gebot er. „Teshin und ich sind immer noch Bundesgenossen, die schworen, Hornheim zu vernichten. Ich frage Euch, Esben, steht Ihr mit jenen dunklen Mächten im Bunde, mit denen Ihr uns empfangen habt?“

Teshin sah den Priester überrascht an. „Die Kapuzengestalt war dein Werk?“

Esben nickte beschämt. Er verneigte sich tief vor Halgin, bevor er das Wort ergriff.

„Verzeiht den rauen Empfang, ich hielt Euch für einen gefährlichen Eindringling. Jedoch drohte Euch keine ernste Gefahr. Lediglich eine Ilusion hat Euch angefallen. Was Hornheim betrifft, so bin ich nur ein wandernder Gelehrter, der sich in den äußersten Ausläufern einquartiert hat. Mit den finsteren Mächten dort habe ich nichts zu schaffen.“

Halgin wirkte überrascht. „Ausläufer? Gibt es etwa mehr Tempel als nur den einen dort?“ Bei diesen Worten deutete er mit dem Schnabel auf die mächtige Ruine vor den Bergen, die am Rande der Ödnis wie ein furchteinflößendes Untier thronte.

Esben lächelte. „Bitte, folgt mir, dann wird sich so manches Rätsel lösen. Doch zuvor, seid so gut und verratet mir Euren Namen.“ Zum ersten Mal glitt sein Blick auch über Iliana, deren Finger sich fest um den geraubten Bogen schlossen.

„Ich bin Halgin, König der Navali und des Waldes zu Hornheim, Prinz des verlorenen Reiches und letzter lebender Nachfahr von König Aranos dem Himmlischen.“ Als Iliana nichts erwiderte, fügte er hinzu: „Und dies ist mein junges Mündel, das ich um jeden Preis zu schützen gedenke. Ihr Name lautet Iliana. Teshin rettete ihr das Leben, als ich versagte.“ Die letzten Worte bereiteten ihm offenbar Unbehagen.

Esben verneigte sich ein weiteres Mal. „Ich fühle mich durchaus geehrt. Erlaubt mir eine Frage, Majestät … was haltet Ihr von Hexen und von der Inquisition? Schließlich nanntet Ihr mich vor kurzem Hexenmeister.“

Halgin gab einen kaum definierbaren Laut von sich. „Ihr seid ein weiser Zuhörer, doch glaube ich nicht an bösartige Frauen und Männer aus dem Volk, die gefährliche Tränke mischen und auf Besen reiten. Ich bin mit der Magie vertraut genug, um den Aberglauben von der Realität zu trennen.“

Esben nickte zufrieden. „Diese Antwort ist eines Königs würdig. Bitte, akzeptiert meine Einladung. Ich werde Euch in ein sicheres Heim führen. Hier draußen könntet Ihr von einem wirklichen Dämon angefallen werden.“

Diesmal hatte Halgin offenbar keine Einwände mehr, obwohl sein Schweigen deutlich sein Misstrauen kundtat. Mit energischem Flügelschlagen folgte er ihnen weiter in die Ödnis. Iliana folgte in leicht geduckter Haltung, den Bogen bereit. Ein Pfeil ruhte im tödlichen Gespann.

Kaum bogen sie um den Hügel, vernahm Teshin das Klappern von Hufen. Ihre Pferde hatten wohl samt dem Wagen die Flucht ergriffen. Er konnte es ihnen nicht verübeln. Die dunkle Ausstrahlung des Ortes bereitete auch ihm Sorgen. Um sich abzulenken, begann er ein Gespräch mit Esben.

„Ich wusste nicht, dass du so ein mächtiger Magier bist. Konntest du den Trick mit der Illusion schon in Aminas?“, fragte er interessiert.

Esben schüttelte den Kopf, während er mit den Füßen den Staub von einem beinahe überdeckten Pfad trat. Sie folgten ihm tiefer in das verheerte Land. „Das habe ich in den letzten Monaten gelernt. Aber dazu später mehr. Wir sind gleich da.“

Der Weg endete abrupt an einem weiteren Hügel. Darin war ein schweres Holztor eingelassen, dass Esben mit einem gemurmelten Wort der Macht öffnete. Dahinter lag ein dunkler Gang, der abwärts führte.

Teshin hörte, wie Halgin scharf die Luft einsog. In einem engen Korridor würde ihm sein Flugfähigkeit zu keinem Vorteil gereichen.

„Keine Angst. Ich werde Euch nicht verraten“, beruhigte Esben den König. „Wenn Ihr wollt, gehe ich voran, sodass Euer Mündel mich sofort unschädlich machen kann, wenn Ihr es als notwendig empfindet.“ Dabei deutete er auf Iliana, die den Bogen unverhohlen auf ihn gerichtet hielt.

Halgin wollte sich wohl nicht der Angst zeihen lassen und nickte herrschaftlich. „So gehet voran“, orderte er mit ruhiger Stimme.

Ein weiteres Wort der Macht von Esben ließ mit einem Mal das Buch erglühen. Der Priester hob es über den Kopf. Teshin erkannte nun ein großes Gesicht, das der Autor in den kunstvollen Buchdeckel eingearbeitet hatte. Zorn und Schmerz schienen die Züge zu entstellen, das Licht kam von zwei großen Rubinen, die in den Augenhöhlen saßen. Erleichterung ergriff Teshin, als Esben den Folianten umdrehte, sodass die abscheuliche Fratze nach vorn blickte. So stiegen sie hinab in die Tiefe. Der Gang war höher als erwartet und seltsame Schriftzeichen bedeckten die gemauerten Wände. Teshin erkannte Worte der Alten Sprache, doch die meisten blieben ein Rätsel für ihn. Ihn schauderte. Diese Stätte unterschied sich auf jede nur denkbare Weise von Sankt Esbens legendärer Kirche.

Endlich erreichten sie das Ende des Ganges. Vor ihnen erstreckte sich eine gewaltige Halle, an deren Wände sich Galerien sowie Treppen und Statuen schmiegten. Zahlreiche Öffnungen verwiesen auf weitere Gänge. Teshin schluckte, als er drei gewaltige Tore auf der ihnen gegenüberliegenden Seite erkannte, die mächtige Schutzsiegel zierten. Wohin sie wohl führten?

Esben breitete die Arme aus. „Dies ist Androgs große Halle, Hornheims Vorraum sozusagen. Wie ihr alle sehen könnt, führen von hier aus viele Gänge ins Innere der Erde. Der große Tempel am Fuß der Berge ist nur der größte Ausläufer eines gewaltigen Höhlensystems.“

Teshin konnte nur nicken. Er fragte sich, ob er schon einmal hier gewesen war. Es regten sich keine Erinnerungen.

„Unglaublich!“ rief Halgin überwältigt. „Wie kann es sein, dass ich diesen Komplex nie gespürt habe? Ich fühle hier allerorts Reste uralter Magie!“

„Magie, die diesen Ort verstecken soll.“ Esben deutete auf kaum leserliche Schriftzeichen auf einer steinernen Tafel, die eine Statue mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze in die Höhe hielt. „Hier befinden sich überall Maßnahmen zur Verteidigung, jedoch sind sie alle schwach geworden. Hin und wieder regen sich noch Statuen, das sollte Euch nicht wundern. Vor Jahrtausenden dürften sie die Wächter Hornheims gewesen sein, aber die Magie hat sie beinahe vollständig verlassen. Nun sind sie ungefährlich.“ Wie als Protest hob die Statue leicht den steinernen Kopf und ein breites Grinsen wurde unter der Kapuze sichtbar. Iliana wich ängstlich zurück.

Halgin nickte stumm. Allein Teshin konnte der Anblick nicht zum Schweigen bewegen.

„Esben, was ist seit Aminas passiert? Ich muss endlich wissen, was los war!“

Esben nickte traurig. „Ich kann dir leider nur wenig verraten. Aber was ich weiß, will ich mit dir teilen.“ Langsam ließ er sich auf einem umgekippten Sockel nieder und holte tief Luft. Teshin zitterte erwartungsvoll.

„Am Tag, an dem meine Schwester verbrannt werden sollte, wurden Saskia und du vermisst“, begann er. „Jedoch nahmen wir alle an, ihr wärt in der Kirche und würdet den Dämon bekämpfen. Erst später erfuhr ich von dir, dass ihr bereits in der Nacht aufgebrochen seid. Aber wir haben nicht nach euch gesucht. Besonders ich war mit meinen Gedanken woanders. Ich habe meine Zeit beim Gebet für meine arme Schwester verbracht.“ Schatten verdunkelten seine Augen. „Als sie zum Scheiterhaufen geführt wurde und Medardus das Urteil verlesen ließ, zogen plötzlich Wolken auf, obwohl der Himmel davor noch klar war. Dann sahen wir plötzlich einen gewaltigen roten Blitz, der von der verfluchten Kirche zu stammen schien. Im nächsten Moment warst du schon auf dem Marktplatz. Du hattest rote Augen, genau wie dieses Gesicht.“ Dabei deutete er auf die düstere Verzierung des großen Buches, das in seinen Armen ruhte. „Die Menschen haben die Flucht ergriffen. Du bist herabgesprungen und hast eine Zeit lang mit Medardus gekämpft. Die Kerkerknechte rüsteten bereits zum Kampf, als er überraschend durch deine Hand starb. Ich kann mich noch genau erinnern. Er sang einen mächtigen Choral, obwohl er nicht einmal in einem Allerheiligsten stand, doch du hast ihn irgendwie … verstummen lassen, ihm die Magie geraubt. Dann starb er duch deine Hand.“

Teshin starrte Esben verwirrt an. „Aber Medardus lebt! Das weiß ich von den Rittern, die Iliana nach Aminas bringen wollten!“

Esben schien zu verstehen, was ihr wiederfahren war, doch ging er nicht darauf ein. Stattdessen nickte er kurz und seufzte.

„Ich weiß. Es ist mir selbst ein Rätsel. Nach dem Kampf haben sie seinen Leichnam sofort weggebracht. Eine Woche später hieß es überall, ein Wunder sei geschehen, Gottes Hammer sei erwacht und habe ihn wieder zum Leben erweckt. Angeblich handelt es sich dabei um eine wundertätige Person. Die Gerüchte berichten davon, Gott habe einen Heiligen entsandt, um die Welt von den Wunden des Krieges zu heilen. Mehr weiß ich auch nicht.“

Teshin nickte. Er konnte sich bei bestem Willen an keinen zweiten Kampf gegen Medardus erinnern.

Plötzlich mischte sich Iliana ein. Sie schien sofort begriffen zu haben, welches Schicksal sie mit Esbens Schwester verband. „Hat deine Schwester überlebt?“

Trauer furchte Esbens Züge, als er weitersprach. „Nein. Die Bewohner von Aminas hielten Teshin für einen Dämon und glaubten, dass er von meiner Schwester herbeigerufen worden wäre. Sie bewarfen sie mit Steinen, um sie unschädlich zu machen und schließlich entzündete der Bürgermeister eigenhändig den Scheiterhaufen.“ Esbens Augen schienen weit in die Ferne zu blicken. „Das war der eine Moment, der mich dazu bewog, Aminas zu verlassen. Ich kannte all diese Menschen. Für sie hatte ich in der Kirche gepredigt, ich habe manche von ihnen geheilt oder ihnen Trost gespendet. Vor meinen Augen verwandelten sie sich in blutrünstige Monster. Nichts konnte ihre verhärteten Herzen erweichen, weder Flehen noch Schmerzensschreie. Das ist wahre Dämonie.“ Esben schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe danach Aminas fluchtartig verlassen und mich als Wanderpriester verdingt. Eines Tages gab mir ein Totengräber dieses Buch. Er hatte es beim Ausheben eines Grabes entdeckt und verspürte große Angst vor seiner Macht, obwohl er keine magische Begabung besaß. Ich habe es an mich genommen und ihm versprochen, es zu läutern. Stattdessen habe ich es studiert.“ Der ehemalige Priester strich sanft über die kunstvoll verzierten Ränder des Folianten. „Ich hatte noch nie wirklich Talent für Magie, aber dieses Wissen kann sogar ich anwenden. Das Buch beinhaltet nämlich nicht nur Anleitungen, es ist auch eine Waffe, wie ihr gesehen habt.“ Im rötlichen Schein glitzerten seine Augen gefährlich.

Kurz breitete sich Schweigen aus, bis Teshin sich räusperte. Die Neugier überwog seine Beklommenheit.

„Was ist dann passiert? Was habe ich noch gemacht?“

Esben zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Erst vor wenigen Wochen war ich soweit, dich auf magischer Ebene zu spüren. Ich kam so schnell ich konnte hierher nach Hornheim. Hier hast du mir von deinem Kampf gegen den Dämon erzählt. Bevor ich aber mehr erfahren konnte, musstest du weg. Das war vor zwei Wochen.“ Esben seufzte. „Ein Mädchen hat dich begleitet.“

„Ein Mädchen?“, fragte Teshin verwundert. „Du sprichst nicht etwa von Saskia?“ Seine Gefährtin war zwar eine erwachsene Frau, aber vielleicht verwendete Esben nur das falsche Wort.

Esben schüttelte den Kopf. „Nein. Deine Begleiterin war jünger und zierlicher, noch jünger als Iliana hier. Ich wunderte mich ebenfalls, aber sie sprach nicht mit mir und als ich dich nach Saskia fragte, meintest du bloß, du würdest sie nun bald aufsuchen. Ihren Aufenthaltsort wolltest du mir ebenfalls nicht verraten. Dann seid ihr beide aufgebrochen, sichtlich angespannt.“

Teshin befiel eine üble Vorahnung. „Dieses Mädchen hatte nicht zufällig Hörner auf dem Kopf?“

Esben runzelte die Stirn. „Ja! Kannst du dich etwa doch erinnern? Du hast mir damals versichert, es handle sich lediglich um Körperschmuck.“

Teshin rang nach Luft. Sein Verdacht bestätigte sich. „Esben, ich glaube, ich habe dir damals nicht alles über den Kampf gegen den Dämon erzählt.“

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Korrekturen 09

9.Teil – Giwoon (1/2)

Fancan hatte es eigentlich überhaupt nicht vorgehabt, aber schließlich war sie doch bei Giwoon geblieben, bis dieser seine Schicht beendet hatte. Sie hatte ihm zugesehen, wie er mit einer schlafwandlerischen Selbstverständlichkeit seine Arbeit machte. Eigentlich war Giwoon nur Techniker, doch was er hier tat, waren zum Teil Arbeiten, die einem Analysten zustanden. Es wunderte Fancan zwar, doch wollte sie ihn nicht danach fragen, da sie die Zuständigkeiten in Basis 6000 nicht kannte.
Nach der Schicht waren sie zu Giwoon in die Wohnung gegangen und schließlich im Bett gelandet. Sie hatten sich meist geliebt, wenn sie in Giwoons Basis war und es war ihr auch klar, dass es verboten war, doch wusste sie auch , dass es nicht auffallen würde, wenn sie vorsichtig waren und so gönnte sie sich von Zeit zu Zeit ein paar entspannte Stunden mit ihrem heimlichen Freund.
Als sie am Morgen aufwachte, stellte sie fest, dass Giwoon bereits wach war, im Bett saß und sie ansah.
»Was ist?«, fragte sie verschlafen, »Warum siehst du mich so an?«
»Es ist nichts«, sagte Giwoon. »Ich mag es einfach, dir beim Schlafen zuzusehen. Ich will es genießen, solange es dauert.«
»Was meinst du damit?«, wollte Fancan wissen und richtete sich auf.
»Du glaubst doch nicht, dass es nicht irgendwann jemandem auffallen wird, dass du ungewöhnlich oft die Basis 6000 aufsuchst, oder?«
»Ich bin vorsichtig«, behauptete Fancan.
»Willst du noch immer Khendrah töten?«, fragte Giwoon.
»Was hat das jetzt mit uns zu tun?«, fragte Fancan.
»Ich halte es einfach für falsch, dass wir uns nun auch noch gegenseitig töten sollen«, sagte er bestimmt. »Ich halte es ja schon für falsch, überhaupt Korrekturen vorzunehmen … und dabei Menschen zu töten.«
»Sie ist eine Kriminelle«, sagte Fancan. »Und die Behörde sagt, dass es sein muss.«
»Du kommst hier her und schläfst mit mir«, konterte Giwoon. »Es gefällt mir sehr und ich will es nicht mehr missen, dich zu sehen, aber es ist verboten. Keine Beziehungen, keine Fortpflanzung. Das ist die Regel. So gesehen sind wir beide doch auch kriminell. Haben wir nun auch den Tod verdient?«
»Das ist doch ein Unterschied!«, ereiferte sich Fancan. »Ich bin immerhin keine Verräterin!«
»Du weißt doch überhaupt nicht, welche Gründe Khendrah hatte. Vielleicht liebt sie diesen Mann und versucht ihn deshalb zu retten. Wird sie dadurch zum Verräter?«
»Ich weiß überhaupt nicht, was du hast, Giwoon. Warum versuchst du, Khendrahs Verhalten zu rechtfertigen?«
»Ich will es nicht rechtfertigen, mein Schatz. Dazu weiß ich noch zu wenig über die Sachlage, aber es kann nicht richtig sein, dass du dir kein eigenes Urteil bildest und gleich mit der Waffe losstürmst. Wo ziehst du die Grenze? Was würdest du tun, wenn man mich zum Tode verurteilen würde, nur, weil wir uns lieben und uns nicht an das Verbot der Behörde halten?«
»Das ist doch nicht dasselbe!«
»Irgendwie schon.«
»Ich möchte mich nicht mit dir streiten, Giwoon«, sagte Fancan. »Lass uns das Thema wechseln.«
»So einfach kommst du mir nicht davon«, sagte Giwoon lächelnd. »Glaubst du an die Behörde?«
»Was soll die Frage? Ich bin eine Agentin der Behörde.«
»Das ist nicht die Antwort auf meine Frage«, sagte Giwoon. »Ich will wissen, ob du unumwunden an die Sache der Behörde glaubst. Bist du der Meinung, dass die Arbeit der Behörde für das Wohl und den Fortbestand der Menschheit notwendig und wichtig ist?«
»Sicher, ist sie das«, behauptete Fancan. »Wir haben durch unsere Arbeit schon unzählige Menschen gerettet. Willst du das etwa abstreiten?«
»Nein, absolut nicht«, sagte Giwoon. »Ich bin sogar überzeugt, dass es so ist, aber es gibt auch immer eine Kehrseite. Es werden Menschen getötet, um Korrekturen durchzuführen. Und: Wie viele Menschen wurden nur deshalb nicht geboren, weil die Behörde in deren Vergangenheit eine Korrektur vornahm?«
»Jetzt hör aber auf und komme mir nicht damit!«
Giwoon erhob sich vom Bett. »Komm zieh dir etwas an. Ich werde dir etwas zeigen.«
»Was willst du mir zeigen?«
»Das wirst du dann sehen. Ich werde es dir nicht verraten. Diesmal musst du dir selbst ein Urteil bilden und ich will und werde dich nicht beeinflussen.«
»Soll das ein Test sein?«, wollte Fancan wissen. »Bist du vom Kontrollausschuss der Behörde?«
Giwoon lachte leise. »Das bin ich gewiss nicht. Frag nicht weiter und begleite mich einfach.«
Sie zogen sich an und machten sich frisch, dann öffnete Giwoon die Tür und schaute hinaus. Es war noch früh und die Basis noch nicht wieder zum Leben erwacht. Giwoon war es gerade Recht, denn er wollte nicht gesehen werden, bei dem, was er vorhatte.
»Komm», sagte er und winkte Fancan zu, die verwirrt hinter ihm herlief.
Giwoon schlug den Weg zur Zeitkabine ein. Schnell öffnete er die Tür und hielt sie Fancan offen.
»Hinein mit dir, wir werden eine kleine Reise unternehmen.«
Fancan stieg ein und sah Giwoon fragend an.
»Wohin geht es denn?«
»Lass dich überraschen, Fancan«, sagte er lächelnd.
Er tippte das Jahr 7950 in die Tastatur ein und aktivierte die Kabine.
»Das ist aber sehr weit in der Zukunft«, sagte Fancan. »Wir haben nie darüber gesprochen, aus welchem Jahrhundert du ursprünglich stammst. Ich hätte nie gedacht, dass du fast am Ende der überwachten Zeitalter geboren bist.«
»Wer hat gesagt, dass ich von dort stamme?«, fragte Giwoon rätselhaft.
Ein Signal ertönte und sie erreichten ihr Ziel. Fancan wollte die Tür aufstoßen, doch Giwoon verstellte ihr den Weg.
»Wir sind noch nicht da, wo ich hin will«, sagte er und tippte die Zahl 9000 in die Tastatur ein.
»Um Himmels willen, Giwoon, das geht nicht!«, rief Fancan. »Das gibt eine Katastrophe!«
Sie versuchte einzugreifen, doch Giwoon hatte bereits den Startknopf gedrückt. Es dauerte nicht lange und die Kabine bekam einen Schlag, der sie beide fast von den Beinen holte.
»Was tun wir, wenn die Kabine jetzt einen Defekt hat?«, fragte Fancan mit vor Angst geweiteten Augen, »Warum hast du das getan?«
Die Anzeige in der Kabine zeigte das Jahr 8113 an. Es war nicht zu erkennen, ob die Zeitkabine noch intakt war oder nicht.
»Es war notwendig«, sagte Giwoon. »Ich musste ganz dicht an die Grenze heran. Lass uns aussteigen.«
»Hier wolltest du mit mir hin?«, fragte Fancan zweifelnd. »Was sollen wir hier? Ich habe die Berichte über die Grenze gelesen. Hier gibt es nichts …«
Giwoon versuchte die Tür zu öffnen, doch sie ließ sich nicht bewegen. Also nahm er etwas Schwung und warf sich mit aller Kraft dagegen. Mit einem lauten Kreischen sprang die Tür auf und schwang quietschend auf. Der Gang vor ihnen machte einen verwahrlosten Eindruck. Überall blätterte die Farbe ab und es klafften teilweise Risse in den Wänden.
»Das ist eine Jahresstation«, flüsterte Fancan.
»Warum flüsterst du?«, fragte Giwoon, »Hier draußen ist niemand.«
Er machte ein paar Schritte in den Gang hinein und Teile der Deckenbeleuchtung sprangen flackernd an.
»Das ist gespenstisch«, sagte Fancan. »Wir befinden uns am Ende der Zeit.«
»Komm», forderte Giwoon. »Es ist hier nicht so interessant, um Wurzeln zu schlagen.«
Er lief in den trübe und flackernd ausgeleuchteten Gang hinein und Fancan beeilte sich, ihm zu folgen. Es handelte sich ohnen jeden Zeifel um eine Jahresstation, wie sie in jedem Jahr zu finden war – nur, dass sie verfallen und alt wirkte. Nichts wies darauf hin, dass sie jemals in Betrieb gewesen war. Warum also befand sie sich in einem solchen Zustand? Hatte es damit zu tun, dass es das Ende der Zeit war? Fancan fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut und war froh, nicht allein durch diese Gänge laufen zu müssen. Manchmal mussten sie über umgestürzte Schränke steigen oder etwas klettern, als ein Teil der Deckenkonstruktion mitten im Raum lag.
»Was suchen wir hier eigentlich?«, wollte Fancan wissen. »Wenn ich ehrlich bin, würde ich gern wieder zurückfahren.«
»Die Zeitkabine, mit der wir gekommen sind, wird sicher nicht mehr funktionieren«, sagte Giwoon, »aber keine Angst, es geschieht uns nichts. Wir sind gleich da.«
»Du warst schon einmal hier«, stellte Fancan aufgrund seiner Äußerung fest.
»Das ist richtig«, antwortete Giwoon ohne weitere Erklärungen.
Fancan stolperte blind hinter ihrem Freund her und wünschte sich, dass dieser Albtraum ein Ende haben würde. Dann war es so weit. Giwoon öffnete eine Tür und helles Licht flutete auf den verwahrlosten Flur hinaus.
»Wir sind da«, erklärte er, »tritt ein, dann geht es weiter.«
Sie folgte ihm und befand sich plötzlich in einem blitzsauberen Raum mit bequemen Sitzgelegenheiten, die um einen Tisch verteilt waren, über dem eine durchsichtige Kugel schwebte.
»Wo sind wir hier?«, fragte Fancan und schaute sich neugierig um.
»Willkommen in meinem Slider, Fancan.«
»Was, bitte schön, ist ein Slider?«
Giwoon deutete auf die Sessel.
»Nimm Platz, die Reise dauert noch eine Weile«, sagte er. »Ein Slider bringt uns durch die Zeit, wie es auch eine Aufzugkabine tut – nur eben etwas anders.«
Fancan war sprachlos. Stumm beobachtete sie, wie Giwoon seine Hände an die Kugel legte, die daraufhin aufleuchtete. Nach kurzer Zeit erschien ein Kopf darin, der Giwoon etwas ähnlich sah.
»Oh, Giwoon, Gott sei Dank«, sagte eine Stimme, die von überall zu kommen schien, »wir hatten uns bereits Sorgen gemacht. Kommst du zurück?«
»Ja Zedroog, ich bin auf dem Rückweg«, antwortete er, »es wäre nett, wenn du schon die Andockschleuse aktivieren könntest.«
»Schon erledigt!«, antwortete das Bild in der Kugel, »Wie ich sehe, bist du nicht allein. Wen bringst du uns denn da mit?«
»Darf ich dir Fancan vorstellen? Sie ist meine Freundin aus dem Zeitvektor. Ich will hoffen, dass Ihr euch benehmt und sie nicht gleich verschreckt.«
Der Kopf in der Kugel lachte sympathisch und wandte sich an Fancan: »Du bist herzlich willkommen, Fancan. Glaube Giwoon kein Wort, wir sind gar nicht so schlimm, wie mein Bruder immer tut. Ich werde veranlassen, dass Essen bereitsteht, wenn Ihr eintrefft.«
Die Kugel wurde einen Moment dunkel, dann erschienen auf ihrer Oberfläche komplizierte Bedienungselemente und Giwoon nahm einige Einstellungen vor, bevor er sich neben Fancan setzte.
Sie sah ihn noch immer verständnislos an.
»Was hat das alles zu bedeuten? Wieso ist dieser andere Mann dein Bruder?«
»Fancan, ich habe nicht immer für die Behörde gearbeitet«, erklärte er. »Im Grunde habe ich eigentlich nie für die Behörde gearbeitet. Im Moment fahre ich mit dir zu mir nach Hause. Das ist im einhundertzwölften Jahrhundert.«
»Das ist nicht möglich!« rief Fancan aus, »Wir waren doch am Ende der Zeit. Von dort geht es nicht weiter.«
»Weil wir es nicht zulassen«, sagte Giwoon. »Eure sogenannte Behörde, hat über endlos viele Zeitalter ein solches Chaos angerichtet, dass wir als Rasse fast ausgestorben wären, wenn wir euch weiterhin hätten gewähren lassen. Die wenigen Menschen, die die Turbulenzen der dunklen Jahrhunderte – wie wir sie nennen – überstanden haben, fanden schließlich zu ihrer alten Größe und Wissenschaft zurück. Wir entdeckten die Technik des Zeitreisens neu und entschlossen uns dagegen, diese Technologie zur Manipulation einzusetzen. Leider wurde in den früheren Jahrhunderten immer weiter manipuliert und die von euch veränderten Bereiche dehnten sich immer weiter aus. Wir beschlossen, ein letztes Mal eine Manipulation vorzunehmen und installierten eine für euch undurchdringliche Sperre. Diese Sperre sichert unsere Existenz, denn es dauert lange, bis sich der Zeitstrom – wenn er einmal in Unordnung geraten ist – wieder beruhigt.«
»Du … Ihr … ich … ich bin vollkommen sprachlos«, sagte Fancan. »Du hast mich in eine Zeit entführt, die es eigentlich nicht geben dürfte und behauptest sogar noch, dass du aus dieser Zeit stammst. Ich kenne dich doch, Giwoon. Ich habe dich schon so oft besucht – wir haben uns geliebt. Jetzt komme mir bitte nicht mit solchen Ammenmärchen!«
»Fancan, bitte denke nach!«, sagte Giwoon eindringlich. »Ich bin mit dir ans Ende deiner Zeit gefahren. Du hast doch selbst gesehen, dass dort nur noch das Chaos regiert. Ich bin mit dir durch die Trümmer geklettert und jetzt sind wir hier. Was glaubst du denn, was das hier ist?«
In diesem Moment wurden sie durch ein Glockensignal unterbrochen.
»Wir sind da«, sagte Giwoon, »jetzt wirst du meine Welt und meine Zeit kennenlernen.«
Er legte seine Hand auf die schwebende Kugel, die daraufhin verblasste. Gleichzeitig öffnete sich die Tür und helles Licht flutete hinein.
»Bitte Fancan, sieh selbst.«
Sie erhob sich und ging langsam zur Tür. Es war kein Gang dort draußen, wie sie es insgeheim erwartet hatte, sondern das Licht war Sonnenlicht. Sie beschattete ihre Augen mit der Hand und blickte ins Freie. Ihr Fahrzeug stand auf einer saftigen, grünen Wiese und in einiger Entfernung erblickte sie einen Wald mit hohen Bäumen.
»Geh ruhig hinaus«, sagte Giwoon. »Es droht dir keine Gefahr dort draußen. Wir haben noch einen kleinen Weg vor uns, bis wir das Haus meiner Familie erreichen.«
Zögernd trat Fancan hinaus und spürte den federnden Untergrund des Grases unter ihren Füßen. Das Fahrzeug stand mitten auf einer ausgedehnten Lichtung im Wald. Die Sonne schien warm aus einem fast wolkenlosen Himmel. Ein Schwarm geflügelter Tiere zog über ihnen dahin und kleine, bunte Insekten flatterten ziellos über das Gras. Fancan kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie stammte aus einem stark industrialisierten Zeitalter, an das sie sich nur noch schwach erinnerte. Jedenfalls war sie selbst in ihren Einsätzen fast noch nie mit so viel Natur konfrontiert worden. Giwoon ließ ihr Zeit, sich in Ruhe umzusehen. Als sie ihn wieder verstört ansah, deutete er hinter den Slider.
»Dorthin müssen wir«, sagte er.
Erst jetzt bemerkte sie einen kleinen Weg, der sich um ein paar dicke Bäume herumwand und im Wald verschwand. Sie ging auf Giwoon zu und griff nach seiner Hand. Dieser Mann, den sie zu kennen geglaubt hatte und der sich als fremder erwiesen hatte, als sie es sich vorstellen konnte, schien trotzdem noch die einzige Sicherheit zu sein, die sie in dieser Welt hatte.

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Die Taschenwelt (Kindergeschichte)

»Bleib doch mal stehen, kleiner Angsthase!« Dennis grinste verschmitzt, während er, mit zwei anderen Jungen im Schlepptau, auf Lisa zusteuerte. 
Lisa wusste, was nun geschehen würde. 
Dennis und sie gingen in die gleiche Klasse und wie die meisten anderen, blickte er verächtlich auf sie herab. Er hatte es sich scheinbar zur persönlichen Aufgabe gemacht, ihr Leben in die Hölle selbst zu verwandeln und an dieser Aufgabe übertraf er sich jeden Tag aufs Neue. 
Noch bevor Lisa etwas dagegen unternehmen konnte, schnappte er sich ihren Rucksack und leerte seinen Inhalt auf dem Schulhof aus. 
»Das ist gemein!« Lisa ärgerte sich, dass sie so schwach klang. Das tat sie doch immer. Sie wollte nach dem Rucksack greifen, aber einer der Jungs hielt sie ohne Schwierigkeiten zurück. 
Mit einem genüsslichen Schmatzen ließ Dennis seinen Fuß auf ihr Etui niedersausen und sie hörte wie Stifte und Füller zu Bruch gingen. Tränen rannen an ihrer Wange hinab.
»Hört endlich auf!«, flehte sie mit zittriger Stimme. Doch jede Gegenwehr schien zwecklos. 
Ihr Einknicken schien Dennis nur noch weiter anzuheizen. »Dir ist doch wohl klar, dass du das verdient hast, nicht?«, kicherte er hämisch und schleuderte ihren Rucksack hoch in eine Baumkrone, wo er sich zwischen den Ästen verhakte. Dann stieß er sie auf den Boden, sodass Lisa hart auf den Knien landete. »Ich freue mich schon auf morgen«, hauchte er ihr ins Gesicht und tätschelte fast väterlich ihre Wange. 
Dann zogen sie endlich ab. 
Lisa kroch langsam zu ihren Sachen und versuchte sie so gut es ging zusammenzusammeln. Ein Blick in ihr Etui verriet ihr, dass fast alles darin zerstört war. Den Rucksack würde sie auch nicht wiederkriegen. Sie konnte nicht anders, als für einen Moment am Boden auszuharren und zu schluchzen. Als sie sich endlich erhob, stellte sie fest, dass ihre Strumpfhose an den Knien gerissen war und sich eine blutende Schürfwunde gebildet hatte. 
Wie sollte sie das nur ihrer Mutter erklären? Sie hatte diese wehleidigen Blicke so satt, ebenso wie die Gespräche ihrer Eltern, die sie hinter ihrem Rücken führten. Was sollen wir nur mit ihr machen?
Lisa wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und machte sich auf den Heimweg. 
Sie beschloss, noch einen Umweg über den Schreibwarenladen einzulegen, um wenigstens einen neuen Füller zu kaufen. Sie hoffte nur, dass ihr Geld reichen würde. Außerdem war der Besitzer, der alte Herr Dirk, bisher immer recht nett zu ihr gewesen. 
Als sie den Laden betrat, füllte er gerade die Zigaretten hinter der Ladentheke auf und musterte sie mit einem besorgten Blick. »Beim heiligen Himmel, was ist denn mit dir geschehen? Man könnte fast meinen du wärst von einem Rudel rasender Raptoren überfallen worden.« 
Lisa hörte ihm gerne beim Sprechen zu. Das klang immer so lustig. »Nein«, seufzte sie dann, »nur von einem Klassenkameraden.«
»Schon wieder? Du musst dich wehren, mein Kind«, Herr Dirk strich nachdenklich durch seinen grauen Bart.
»Aber das kann ich nicht. Nicht alleine. Und befreundet sein will niemand mit mir.« Lisa merkte, wie ihr wieder die Tränen ins Gesicht traten. Einsam sein fühlte sich so richtig blöd an.
»Dann habe ich was für dich. Ja, das wird genau das Richtige sein. Eine Schachtel für die junge Dame«, Herr Dirk schien mit sich selbst zu sprechen.
»Ich bin zu jung zum Rauchen«, entgegnete Lisa entrüstet. Wurde er langsam tüdelig? 
Herr Dirk verschwand für einen Moment, dann zauberte er eine kleine, unscheinbare Blechschachtel hervor, die mit einem winzigen Schlösschen versehen war. Der Schlüssel dazu, hing um seinen Hals und mit einer fast feierlichen Geste übereichte er ihn ihr. »Es wird Zeit, dass sie mal wen Neues kennenlernen. Etwas frischen Wind bekommen«, schmunzelte er verträumt. Noch bevor Lisa ihn fragen konnte, was er meinte, fuhr er fort: »Du musst die Dose heute um Punkt Mitternacht öffnen, verstanden? Und erzähle niemandem davon. Es ist ein wohlgehütetes Geheimnis.«
Schluckend versprach sie es. Was hatte sie sich da nur wieder eingehandelt? Grübelnd darüber, was sich wohl in der Kiste verbarg, eilte sie nach Hause. 
Die wehleidigen Blicke ihrer Eltern, bekam sie nur am Rande mit. Es musste einfach Mitternacht werden, um jeden Preis. Die Zeit schien förmlich stillzustehen, während sie, fast platzend vor Neugier, auf die Stunde des Mondes wartete. Einzuschlafen kam nicht infrage.
Dann endlich war es soweit. Lisa kramte die Schachtel unter dem Kopfkissen hervor und knipste das Nachtlicht an. Anschließend ließ sie den Schlüssel langsam in das Schloss gleiten und öffnete die Dose. 
Sofort ergriff sie etwas mit unsichtbaren, zerrenden Händen und riss sie mit sich in die Dose hinein. Lisa wollte aufschreien, doch jeder Laut erstickte in ihrer Kehle. Dann verschwand sie mit einem lauten Plop in der Schachtel und alles wurde schwarz.

Als sie stöhnend die Augen öffnete, wurde ihr bewusst, dass sie träumen musste. Sie befand sich in einem unendlichen, dunklen Raum, der über und über mit den verschiedensten Lampenschirmen zugestellt worden war. Manche besaßen die Form von Trichtern, andere waren kugelrund, andere eckig. Manche bestanden aus Stoff, andere wiederum aus Glas. Und es gab sie in den unterschiedlichsten Größen. Der erste war nur groß wie ihre Faust, der zweite schon größer als mehrere Erwachsene übereinandergestapelt. Gemeinsam verwandelten sie den unendlichen Raum in ein flackerndes Lichtermeer. Dazwischen befanden sich immer wieder kleine Treppen aus glitzerndem Glas. 
Lisa merkte, dass sie keinen Boden unter sich spürte und auch keinen Himmel erkennen konnte. Dennoch gelang es ihr, auf die Lampen zuzuschreiten. 
Nachdem sie die ersten Schirme hinter sich gelassen hatte, traute sie sich, nach jemandem zu rufen. »Hallo? Ist hier irgendwer?« Ihr erster Anlauf zu Sprechen erschien ihr kaum mehr als ein Kratzen in der Kehle. Doch dann wurde sie lauter und lauter. 

Nach dem vierten oder fünften Anlauf vernahm Lisa auf einmal ein Getuschel und Geraschel. Kleine Schemen wuselten um die Schirme herum und schienen sich neugierig zu nähern. Dann lugte plötzlich ein kleiner Kopf um die Ecke, dann noch einer und noch einer. Alle besaßen sie grüne Haut, lange spitze Ohren, eine Knollennase und wirres weißes Haar, das in den undenkbarsten Frisuren zusammengesteckt worden war. Ihre gelb leuchtenden Augen musterten den Neuankömmling interessiert und sie schienen miteinander zu beratschlagen, was zu tun war. 
Dann torkelte plötzlich einer von ihnen aus der Reihe und hielt sich die Nase zu. Mit einem irren Lärm nieste er voller Inbrunst und hob dabei einige Meter vom Boden ab. 
Mit vor Staunen offenen Mund verfolgte Lisa seine Flugbahn.
Sanft wie eine Feder landete er vor ihr und verbeugte sich vornehm. »Killefitz Knisterfunk mein Name. Und unter uns .. «, er blickte sich schelmisch um, »der vornehmste und bestaussehenste aller Laternenlumpis.«
»Das ist gelogen!«, krähten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor.
Killefitz hob beschwichtigend die Hände. »Und wen schickt uns Dirk da, hm?«, fragte er mit einer nachdenklichen Geste. »Doch wohl nicht wieder einen hämischen Herausforderer für den kraftstrotzenden Kampfsportkünstler Killefitz? Ich habe schon tausende Titanen tollwütig in den Tod gestoßen.« Er knuffte in die Luft wie ein Profiboxer.
»Das ist gelogen!«, johlten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor.
Der Gnom ließ gespielt entnervt die Schultern hängen. 
Irgendwie konnte Lisa nicht anders, als schallend zu lachen. Diese kleinen Wesen waren wirklich merkwürdig. Und lustig. »Wer seid ihr? Und wo bin ich hier?«, fragte sie erstaunt.
»Du bist in der leuchtenden Lichterstadt. Und wir sind die legendären Laternenlumpis«, Killefitz vollführte eine untertänige Verbeugung. »Aber das hat Dirk dir sicher erzählt? Ein famoser Freund ist er, hah! Ich habe ihm nur unendliche Male das Leben gerett …«
Er hielt abrupt inne und blickte sich mit einem grimmigen Blick unter den anderen Lumpis um. »Ihr habt ja schon Recht, ihr Rabauken, ich bin ja schon ruhig«, knurrte er feixend. 
»Und ihr lebt wirklich in einer Dose?«, fragte Lisa ungläubig. Das konnte sie sich immer noch nicht vorstellen.
»Pah, jetzt werde nicht arrogant«, tadelte sie der Gnom. »Wer sagt denn, dass die morbiden Menschen nicht auch alle nur in einer Dose leben?«, er zwinkerte ihr verschlagen zu. 
»Die Wissenschaftler«, gab Lisa zurück.
Gejohle brauch über Killefitz zusammen und er gab sich geschlagen. »Ich sehe schon, dich kann man nicht so leicht beeindrucken«, lobte er feierlich. »Du bist ein mutiges Mädchen. Dann laden wir dich ein. Sei unser gepriesener Gast.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie zu einer Lampe, welche die Form eines riesigen Kürbisses besaß, größer als ein zweistöckiges Haus. 
Die anderen Laternenlumpis folgten ihnen.
»Das mit dem Nießen gerade, wie hast du das gemacht?«, erkundigte sich Lisa interessiert. 
»Nießen? Nie davon gehört. Das war mein Nitro-Nasketenantrieb«, er lachte verschmitzt. »Damit man nicht immer die Treppe nehmen muss.« 
Das Mädchen fiel in sein Lachen mit ein. »Redet ihr eigentlich immer so komisch daher?«, fragte sie neckisch.
»Du meinst, unsere Art alles in affige Alliterationen zu verpacken? Damit sind wir groß herausgekommen, hah! Frag mal die Bild, wo sie wäre, ohne die legendären Laternenlumpis!«
Lisa beließ es lieber dabei. 

In der Lampe angekommen, empfing sie ein gedämmtes Licht und eine riesige, gedeckte Festtafel. Lisa erkannte exorbitante Torten, Schüsseln voller Bonbons und Berge von Schokolade. 
»Das wollt ihr alles essen?«, fragte Lisa ungläubig. »Ist das nicht ungesund?«
»Nun, du musst wissen, wir Laternenlumpis reagieren allergisch auf alles, was gesund ist«, grübelte Killefitz laut. 
»Das ist gelogen!«, lachten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor. Dann machten sie sich in einem Affenzahn über das Festmahl her.
Während sie Unmengen an Bonbons in sich hineinstopfte, erzählte Lisa den Lumpis aus ihrem Leben. Vor allem von Dennis und ihren Eltern, aber auch von Herr Dirk und dass sie sich Freunde wünschte. 
»Na dasch ischt doch kein penibelesch Problem. Jede neue Nascht um schwölf kommscht du vorbei. Und dann laschen wir die Schau rausch«, nuschelte Killefitz, während er versuchte mit den drei Tortenstücken in seinem Mund fertigzuwerden. Er schluckte eifrig herunter. »Aber das mit diesem dämlichen Dennis klingt ja wirklich übel. Wir sollten ihm eine lehrreiche Lektion erteilen, findest du nicht?«
»Aber wie? Er ist groß und gemein.« Lisa wusste wirklich nicht, wohin das hier führen sollte. Sie kam die Lumpis gerne besuchen, aber sie waren doch noch kleiner als sie? Wie sollten sie ihr gegen Dennis helfen? Und er wusste dann doch auch, dass die Lumpis existierten, oder nicht?
»Ich sage dir mal was. Wir Lumpis haben eine zartbesaitete Zauberkraft«, erklärte Killefitz mit geschwollener Brust. »Wir können uns in die genialen Gedanken der Kinder verwandeln. Wollen wir es mal ausprobieren? Stelle dir einfach etwas vor. Nicht zu groß bitte, die dreimal-verfluchte-Decke, du verstehst?«
Lisa nickte, wobei sie nicht ansatzweise verstand, wie das, was Killefitz da erzählte, irgendwie möglich sein sollte. Dann formte sie einen Gedanken. »Bereit«, gab sie zu verstehen. 
»Und eins, zwei, drei«, Killefitz schnippte mit dem Finger.
Lisa entwich ein aufgeregtes Stöhnen, als der weiße Tiger aus ihren Gedanken direkt vor ihrer Nase auftauchte und ihr zärtlich über die Stirn leckte. Es kitzelte so sehr, dass sie nicht anders konnte als zu lachen. Sie vergrub ihr Kopf in seinem weichen Fell und vergaß für einen Augenblick jeden anderen Gedanken. 
»Nun, äh, du machst mich ja ganz verlegen«, lachte der Tiger mit Killefitz Stimme. Dann stand er wieder vor ihr. 
Da kam Lisa auf eine Idee. »Nun, vielleicht kannst du mir doch bei meinem Problem helfen«, kicherte sie diebisch. »Aber jetzt sollte ich fürs Erste in mein Bett zurück. Nicht, dass meine Eltern sich noch fragen, wo ich bin. Und morgen habe ich Schule.«
»Schule stinkt nach schnöder Socke. Aber wenn du unbedingt möchtest, schicke ich dich natürlich wieder zurück«, gab der Gnom achselzuckend zu verstehen. 
Draußen angekommen, griff er ihre Hand. »Mach dich bereit, das wird ein Ordentlicher«, erklärte Killefitz ernst, während er sich die Nase zuhielt.
Mit pochendem Herzen wartete Lisa ab, was geschehen würde. 
Dann ging ein Ruck durch ihren Körper, als sie vom Boden abhoben und mit einer unfassbaren Geschwindigkeit in das schwarze Nichts katapultiert wurden. 
»Bis morgen!«, verabschiedete sich Killefitz, dann schleuderte er sie von sich. 
Wieder griffen unsichtbare Hände nach Lisa, doch dieses Mal erschien es ihr nicht so beängstigend. Nach einem weiteren heftigen Ruck riss sie die Augen auf und stellte überrascht fest, dass sie sich wieder in ihrem Zimmer befand. Ungläubig betrachtete sie den Schatz in ihren Händen. Die kleine, unscheinbare Schachtel, in der sich die Welt der Laternenlumpis befand. Schnell verstaute sie die Dose unter ihrem Kopfkissen und schleif sofort ein. 

Am nächsten Tag fiel es Lisa überhaupt nicht schwer, in die Schule zu gehen. Sie rannte den Weg fast. Dann bemerkte sie Dennis, wie er ihr, mit den beiden Jungs im Schlepptau, in einem versteckten Winkel des Schulhofes auflauerte.
Na warte!
Als er sie erblickte, kam er ihr hämisch grinsend entgegen. »Na, kleiner Angsthase. Heute schon nach Mama geheult?«, rief er zu ihr herüber. 
Schnell öffnete Lisa die Dose und dachte dabei an den großen weißen Tiger, in all seiner Pracht.
Mit einem majestätischen Brüllen fegte Killefitz über die Straße und rannte den Jungs mit gefletschten Zähnen entgegen. 
Dennis brachte nur noch ein Quicken zustande, während er panisch kreischend versuchte, sein Leben zu retten. »Mamaaa!«
Die anderen Jungs folgten ihm dichtauf.
Lisa kamen die Tränen vor Lachen. »Ich danke dir«, hauchte sie, gerührt vom Einsatz des Laternenlumpis.
»Hat er dich gerade Angsthase genannt?«, erwiderte Killefitz lachend, während er an ihr vorbeieilte und schnell wieder in der Dose verschwand. 
Dann rauschte auch schon Dennis aus dem Schulgebäude, in Begleitung der Klassenlehrerin. »Ich sage es doch, der Tiger war hier, Frau Jeken«, versuchte er wieder und wieder zu erklären, während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.
Auf den fragenden Blick der Lehrerin erwiderte Lisa nur: »Ich habe wirklich keine Ahnung, wovon er spricht.« Sie tastete nach der Dose in ihrer Tasche und lächelte kurz. Dann schritt sie an ihnen vorbei ins Schulgebäude.

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Gottes Hammer VIII

Teshin konnte selbst kaum fassen, was ihm hier widerfuhr.

Er saß auf einem Wagen des Militärs und lenkte ihn mit äußerst ungesunder Geschwindigkeit durch einen verfluchten Wald, neben ihm saßen eine mutmaßliche Hexe und ein König, den man in einen Vogel verwandelt hatte. Über dem Gefährt stieß eine Phalanx aus schwarzem Gefieder mit hellen Punkten durch das Dach der Nadelbäume. Lautes Krächzen verkündete das Kommen eines vergessenen Herrschers.

Halgin thronte trotz seiner geringen Größe majestätisch auf Ilianas Schulter. Das Mädchen war keinesfalls so unbedarft, wie Teshin gedacht hatte. Kaum nach ihrem kurzen Kampf war ihr ein Jagdbogen der toten Soldaten in die Hände gefallen. Ihr Umgang mit der edlen Waffe zeigte Teshin, dass sie ein solches Werkzeug nicht das erste Mal benutzte.

Kein Wunder, dass sie den Dorfbewohnern unheimlich vorkam. Teshin entsann sich der Legende einer Frau, die eine Rüstung anlegte und im Krieg anseiten von Männern für ihr Heimatland kämpfte. Sie wurde jedoch von ihrem Herrscher gefangen genommen und für diesen angeblichen Frevel hingerichtet. Die Geschichte verunsicherte Teshin als Kind dermaßen, dass er seinen Vater fragte, warum es eigentlich keine weiblichen Kriegshelden gab. Die Antwort hatte sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt:

Weil die Sitte es so verlangt!“

Teshin lächelte grimmig. Gut, dass Söldner im Normalfall nicht viel auf Sittsamkeit gaben. Saskias Bild durchzuckte seine Erinnerungen und der kalte Schmerz der Ungewissheit vergiftete seinen Verstand. Er musste sich dringend ablenken.

„Halgin!“, rief er aus Leibeskräften, um das vielfache Krächzen zu übertönen.

„Ich höre dich, Angnaur.“ Obwohl Halgin nicht laut sprach, konnte Teshin die Worte ohne Schwierigkeiten verstehen.

„Wie kommt es, dass ein mächtiger König wie Ihr schwört, einem einfachen Mädchen Schutz zu gewähren?“ Dabei glitt Teshins Blick über Iliana. Ihre eisblauen Augen funkelten gefährlich, als sie den Sinn seiner Frage erfasste. Offenbar misstraute sie ihm trotz ihrer Abmachung.

Halgin wirkte beschwingter. Er stieß ein absonderliches Lachen aus, das einen erschrockenen Specht in die Flucht schlug und Teshins Nackenhaare in starre Säulen verwandelte.

„Ich verstehe deine Neugier, doch möchte ich dir nicht jedes Geheimnis offenlegen. Diese Geschichte muss die junge Iliana selbst erzählen. Wenn sie schweigt, tue ich es ebenfalls.“ Mit einem Seitenblick versicherte sich Teshin, dass Iliana noch lange schweigen würde.

Im selben Moment stieß eines der Pferde ein bestialisches Wiehern aus, das eher an das Heulen eines Wolfsrudels erinnerte. Teshin erschauderte. Halgin hatte vor ihrem Aufbruch seltsame Worte der Macht gesprochen, die dem Gespann größere Kraft verleihen sollten. Langsam revidierte Teshin seine Meinung über die alleinige Existenz der heiligen Magie. Oder hatte Halgins Macht denselben Ursprung wie die sakrale Macht der Priester und Inquisitoren?

„Ihr seid ehrenhaft!“, nahm Teshin schließlich das Gespräch wieder auf. „Ich gebe zu, ich bin sehr beeindruckt. Die Adeligen, die ich kenne, streben in erster Linie nach Macht. Wie kommt es, dass Ihr so rechtschaffen seid?“

Diesmal lachte Halgin nicht. Stattdessen glänzte Schwermut in seinen dunklen Augen.

„Ich kann dir versichern, Angnaur, dass ich nicht immer so war. Aber nachdem ich Jahrhunderte durch die Wälder streifte und verzweifelt nach einem Beweis suchte, dass ich tief, tief im Inneren noch immer ein Mensch war, war dies meine einzige Zuflucht. Ich hatte tausend Nächte, um meine Sünden zu bereuen und weitere tausend Nächte, um von ihnen im Schlaf heimgesucht zu werden. Meine Ehre und meine Eide sind die einzigen Dinge, die mich noch vom Tier unterscheiden.“ Er seufzte schmerzerfüllt. „Aber ich denke kaum, dass ein Söldner das verstehen kann.“

Kurz breitete sich Schweigen über sie aus wie ein dunkles Tuch. Die Pferde gaben erneut dieses entsetzliche Wiehern von sich. Das Dach des Waldes verdichtete sich immer weiter und die spärlichen Lichtstrahlen fanden kaum noch den Weg zu ihren Augen. Schließlich erwiderte Teshin: „Einst kannte ich einen Mann, der ähnliche Ideale vertrat. Ich habe ihn immer bewundert, denn er schwang das mächtigste Schwert der Welt.“

„Welches?“, fragte Iliana interessiert. Kaum war die Rede von Waffen, hatte er ihre Aufmerksamkeit. Teshin klopfte auf Murakamas Scheide.

„Dies hier. Die heilige Murakama, benannt nach einer alten Stätte des Wissens und der Weisheit.“

Eine von Ilianas Augenbrauen wanderte fragend nach oben. Halgin schien ihre Auffassung zu teilen. „Hat er es dir freiwillig übergeben, Angnaur?“

Teshin seufzte. Ungewollte Erinnerungen drängten sich in sein Bewusstsein. „Ja und nein. Er war bereits tot, als ich es an mich nahm.“

„Ist er im Kampf gefallen?“, fragte Iliana.

Teshin schnaubte. „Das würde man von einem Helden erwarten, nicht wahr? Aber nein. Er wurde hinterrücks gemeuchelt von einem heimtückischen Attentäter, ohne dass er seinen Mörder auch nur zu Gesicht bekam. Das hat mich eine wichtige Lektion gelehrt.“

Halgins Augen verengten sich zu Schlitzen. „Welche?“

„Ehre schützt dich vielleicht vor dir selbst, aber nicht vor anderen.“ Teshin presste die Lippen aufeinander. Ähnliche Worte hatte er auch an Saskia gerichtet. Ihre Antwort war lediglich ein trauriges Lächeln gewesen. Teshin würde diese simple Geste nie vergessen. Dieses Lächeln hatte sie schließlich zu Partnern gemacht.

Halgin schwieg. Ilianas Interesse hingegen schien nicht abzuflauen.

„Was für ein Attentäter? Und warum hat er das Schwert nicht genommen?“, fragte sie, die Wangen durch Eifer erhitzt.

„Was hätte er damit tun sollen? Assassinen lauern in den Schatten und nutzen Armbrüste und Dolche, keine Bögen oder Schwerter.“ Dabei deutete Teshin mit dem Kinn auf Ilianas neue Waffe. Kaum bemerkte sie seinen Blick, zog sie den Bogen enger an sich. Teshin seufzte und richtete seinen Blick wieder auf den Wald vor ihnen. Die Pferde schienen ihn nicht zu brauchen. Halgins eiserner Wille zwang sie scheinbar auf den richtigen Weg.

„Außerdem war es ein politischer Mord,“ fuhr Teshin fort. „Die berühmte Waffe an sich zu nehmen, hätte nur Spuren hinterlassen.“

Iliana schüttelte verständnislos den Kopf. „Für ein magisches Schwert würde ich alles tun! Dieser Attentäter war wohl nicht ganz dicht.“

„Zügle deine Zunge, mein Kind.“ Sorge furchte Halgins Stirn. „Unser Verbündeter könnte dies als Drohung auffassen.“

„Oh!“ Zu spät erkannte Iliana den Zwiespalt ihrer Worte. „Tut mir leid!“

„Schon gut.“ Teshin wollte keinen Streit. In seiner Lage benötigte er Verbündete dringender als je zuvor. Hoffentlich fand er bald Antworten in Hornheim.

„Ihr habt mir noch immer nicht verraten, weshalb Ihr diesen Dämonentempel eigentlich vernichten wollt, Majestät.“

Halgin flatterte mit den Flügeln. „Hornheims dunkle Aura war lange Zeit nicht mehr als ein vages Flüstern am Rande meiner Gedanken. Doch seit wenigen Monden fühle ich, wie dunkle Kräfte sich dort sammeln. Es ist gewiss kein Zufall, dass du hier in diesem Wald erwacht bist, so nahe am Quell des Übels.“ Ein seltsames Lodern trat in Halgins Blick. Der König war sich offenbar immer noch sicher, dass er mit Hornheim in Verbindung stand. Teshin konnte es ihm nicht verdenken. Wenn Iliana rechtbehielt, hatte er als Dämon Menschenleben gefordert. Wie hatte er nur all die Erinnerungen daran verlieren können?

Teshin räusperte sich. „Ist es dann nicht etwas leichtsinnig, mich dorthin zu bringen? Im Moment stehe ich auf eurer Seite, aber was, wenn mich in den vergangenen Monaten etwas kontrolliert hat? Es könnte jederzeit wieder von mir Besitz ergreifen!“

Erneut erscholl Halgins Lachen. „Seit Äonen sehne ich mich nach einem würdigen Gegner. Ich versichere dir, selbst der mächtigste Schertkämpfer hätte seine Schwierigkeiten mit mir!“

Teshin behielt seine Bedenken lieber für sich. Wie wollte Halgin einem Schwertstreich denn begegnen? Mit dem Schnabel vielleicht?

Er wird ihm gar nicht begegnen. Er kann fliegen. Die höhnische Stimme hatte wieder das Wort ergriffen. Teshin verkniff sich eine Antwort. Selbstgespräche machten ihn in den Augen der anderen gewiss nicht vertrauenswürdiger. Stattdessen dachte er mit aller Kraft: „Wenn ich ernst mache, nützt ihm das auch nichts!“

Die Stimme schwieg. Teshin seufzte erneut. Wenn er in Aminas gewusst hätte, welche Hürden ihn noch erwarteten …

Plötzlich lichteten sich die Bäume und die Pferde verfielen in leichtes Traben. Halgin gab ein grässliches Wort von sich, das Teshin zusammenzucken ließ. Augenblicklich hielt das Gespann an. Teshin atmete erleichtert auf.

„Wir sind da. Sich dem Bauwerk weiter zu nähern, werde ich dir nicht gestatten.“ Halgin deutete mit dem Schnabel auf eine weitläufige Ödnis, die sich bis zu der hohen Bergkette ihnen gegenüber zog. Teshin ließ seinen Blick über das unfruchtbare Land schweifen, bis er in der Ferne Ruinen erspähte. Täuschte er sich oder drang Qualm aus den umgestürzten Türmen?

„Weckt der Anblick Erinnerungen?“, krächzte Halgin erwartungsvoll.

Teshin starrte die alten Bauwerke mit zusammengekniffenen Augen an. Er erkannte nichts von alledem wieder. „Tut mir leid …“

Weiter kam er nicht. Plötzlich fiel ein mächtiger Schatten auf sie. Teshins Hand fuhr zum Schwert. Murakamas blauer Schein erhellte die Luft, als bereits der erste Hieb auf ihn niederfuhr. Teshin stöhnte unter dem gewaltigen Angriff auf und sein Blick verschwamm leicht. Schwärze und der Geruch von Verwesung umhüllten ihn. Eine raue Stimme zischte unverständliche Sätze in einer alten Sprache. Teshin fühlte, wie ihm sämtliche Kraft entglitt.

Im nächsten Moment durchstieß ein Wort der Macht die Finsternis wie ein Pfeil. Teshin brach atemlos auf dem Kutschbock zusammen. Halgin hatte sich schützend vor ihm in die Luft erhoben. Wärme schien von seinem Gefieder auszugehen.

Zum ersten Mal konnte Teshin den Angreifer näher betrachten. Vor ihnen schwebte wie auf einem unsichtbaren Gestell eine vermummte Gestalt in schwarzen Gewändern mitten in der Luft. Ketten umschlangen den dürren Körper wie eine Rüstung. Zwei behandschuhte Hände umklammerten einen schwarzen Stab mit dornenbesetzter Spitze. Teshin hatte die furchtbare Waffe beim ersten Streich gerade noch von seinem Körper fernhalten können.

Teshin schluckte. Die dunkle Kapuze erinnerte ihn an den Attentäter, der einst sein bewundertes Idol erschlagen hatte. Wut stieg in ihm auf.

Ehe der verhüllte Angreifer erneut die Initiative ergreifen konnte, erhob sich Halgins Stimme wie Donnergrollen. Zweifelsohne hatte er nur seine Gestalt verloren, keineswegs aber seine Macht als König.

„Wer wagt es, über meinen Gefährten herzufallen wie ein gemeiner Strauchdieb? Gib dich zu erkennen, Unhold!“

Zunächst verharrte die Gestalt reglos vor ihnen in der Luft. Dann hob sie langsam eine Hand und führte sie zu der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. Ein Schwall aus Kälte umfing Teshin, als der Stoff von ihrem Kopf glitt.

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Korrekturen 08

8.Teil – Maulwürfe

Khendrah hatte einiges zu tun, Thomas die gesamte Station zu zeigen. Er war beeindruckt über die gewaltige Größe der Anlage. Hier würden sie es eine Weile aushalten können.
»Können wir denn sicher sein, dass wir hier keine unliebsamen Besucher bekommen?«, fragte Thomas, »nicht, dass irgendwann diese Fancan hier auftaucht und uns überrascht.«
»Ich kann den Zugang von hier aus versperren. Dann kann niemand den Aufzug hier verlassen.«
Thomas war etwas beruhigt.
»Sag mal, was machen wir eigentlich jetzt hier?«, wollte er wissen. »Wir können doch nicht auf ewig hier in dieser Station bleiben, oder?«
»Das will ich auch gar nicht«, beruhigte Khendrah ihn. »Ich brauche aber eine sichere Arbeitsplattform für meine Recherchen und dies ist eine sichere Plattform. Sie wird von den Scannern der Behörde nicht erfasst, da sie nur die reale Zeit draußen überprüfen.«
»Welche Recherchen willst du denn anstellen?«, fragte Thomas verständnislos. »Entweder, sie finden uns, oder sie finden uns nicht. In jedem Fall sind wir auf der Flucht.«
»Komm mit, Thomas«, sagte Khendrah. »Wir gehen jetzt in die Datenbankabteilung. Dort werde ich dir zeigen, was wir alles prüfen können.«
Khendrah führte ihn in die Datenbankabteilung, in der sich bei ihrem Betreten ebenfalls sofort das Deckenlicht einschaltete. Thomas sah sich um. Der ganze Raum war mit Monitoren und Konsolen angefüllt und wirkte äußerst verwirrend. Khendrah ging zielsicher auf eine Konsole zu und tippte einen Code in die Tastatur, worauf an der Konsole diverse Lämpchen aufleuchteten. Danach ging sie von einer Ecke in die andere und nahm einige Einstellungen vor. Thomas hatte keine Ahnung, was sie dort tat.
»Du scheinst dich hier aber gut auszukennen«, meinte er.
»Ich sagte doch, dass die Stationen alle identisch sind«, sagte Khendrah.
»Das meine ich nicht. Ich finde, du scheinst sehr genau zu wissen, was du zu tun hast.«
Khendrah lächelte und breitete ihre Arme aus.
»Das ist richtig. Vor dir steht eine der besten Hackerinnen, die innerhalb der Behörde zu finden sind. Ich stamme aus dem zweiunddreißigsten Jahrhundert. Es ist das Jahrhundert, in dem wir schon als kleine Kinder alles Mögliche programmieren. Wenn ich manchmal erlebt habe, was unsere sogenannten Programmierer hier leisten, dann musste ich schon häufiger darüber lachen.«
Sie wies auf eine schwere Tür an der hinteren Wand.
»Komm, dort ist unser Ziel. Das ist der eigentliche Datenraum. Von dort aus kann ich mich überall umsehen.«
Sie betraten einen dämmerig ausgeleuchteten Raum, der nur notdürftig von virtuellen Displays erleuchtet wurde. Sie nahmen an einem der wenigen Arbeitsplätze Platz und Khendrah begann, ihm die Funktionsweise der Anlage zu erklären. Thomas hörte gebannt zu und stellte von Zeit zu Zeit eine Frage, die Khendrah zeigte, dass Thomas das Wichtigste verstanden hatte.
»Wenn ich es richtig sehe, dürfte ich das alles hier überhaupt nicht sehen, oder?«, wollte er wissen.
»Niemals!«, bestätigte Khendrah. »Du bist ein Mann aus der äußeren Zeit. Allein, dass du hier bist, darf nicht sein. Aber was macht es jetzt noch aus? Wir sind dem Tode geweiht, es sei denn, ich finde Beweise für den Verrat meines Analysten und kann diese Beweise auch an die Kontrollorgane der obersten Behörde weiterleiten. Dann haben wir eine Chance.«
»Was für eine Chance, Khendrah? Wir haben in den letzten Tagen so viel zusammen erlebt und durchgemacht. Wir sind uns nahe gekommen. Hätten wir eine Chance, zusammen bleiben zu können?«
Khendrah griff nach Thomas’ Arm und drückte ihn.
»Das wird wohl nicht möglich sein. Du gehörst in deine Welt zurück, Thomas. Du hast eine Zukunft. Deine Nachkommen haben einen deutlichen Abdruck in der Geschichte hinterlassen, während ich hierher gehöre, in die Behörde.«
»Die verdammte Behörde kann mir gestohlen bleiben!«, schimpfte Thomas. »Warum kannst du nicht mit mir zurückgehen in meine Zeit?«
»Weil, weil das eben nicht geht. Du darfst es dir nicht so schwer machen. Wir kennen uns doch auch gar nicht richtig.«
»Aber wir hätten zumindest die Chance, uns besser kennen zu lernen.«
Khendrah schwieg. Thomas hatte ja recht. Auch sie hätte lieber eine Perspektive, entscheiden zu können, ihn näher kennen zu lernen, aber es ging nicht. Sie war eine Agentin und Agenten stand ein solches Privatleben nicht zu.
Sie aktivierte den Datenbankrechner und ließ ihn sich in die Hauptdatenbank der Behörde einklinken. Sie wusste, dass es durch einen Zufall nun durchaus feststellbar war, dass ein bisher nicht aktiver Rechner im Behördennetz arbeitete, aber dieses Risiko nahm Khendrah in Kauf.
»Glücklicherweise hat Ralph Geek-Thoben nicht die nötigen Kenntnisse, um seine Manipulationen in der Datenbank restlos zu tilgen«, sagte sie.
»Wer ist Ralph Geek-Thoben?«, wollte Thomas wissen.
»Das ist der Mann, der mir den Auftrag gab, dich zu töten«, erklärte Khendrah. »Er ist der Analyst unserer Basis. Das bedeutet, dass er Unregelmäßigkeiten im Zeitstrom analysiert, sobald sie entdeckt werden und herauszufinden versucht, wie man diese Unregelmäßigkeit ohne großen Aufwand beseitigen kann. Ralph hat jedoch die Analyse gefälscht und einen Auftrag erteilt, der seinem Neffen zu Macht und Reichtum verholfen hätte, wenn nicht ein Nachkomme von dir ihn daran gehindert hätte.«
Inzwischen hatte sie den Korrekturauftrag geöffnet und betätigte den Ausdruck. Sie wusste, dass die meisten ihrer Kollegen lieber nur am Bildschirm lasen, aber sie liebte es, die Informationen als feste Kopie in Händen zu halten. Sie zog die Ausdrucke aus dem Folienschreiber und reichte sie an Thomas weiter.
»Hier, lies dir das schon einmal durch, damit du begreifst, wie verwerflich Ralph gehandelt hat.«
»Du vergisst, dass ich diese ganzen Manipulationen schon für verwerflich halte«, stellte Thomas klar.
»Ja, ich weiß«, sagte Khendrah. Sie wurde auch allmählich immer schwankender in ihren Ansichten.
»Sie sind aber nun einmal vorgenommen worden und nun müssen wir versuchen, zu verhindern, dass Ralph durch eine erneute Maßnahme doch noch die Oberhand behält. Es kann sein, dass wir auch noch einmal eine Zeitkorrektur vornehmen müssen, um dich zu schützen. Das will ich versuchen, herauszufinden.«
Sie sah ihn eindringlich an. »Du willst doch leben, oder etwa nicht?«
Thomas schluckte hörbar und nickte unmerklich.
»Khendrah, warum tust du das alles eigentlich? Selbst, wenn wir das hier überleben, werde ich wieder zurückgehen müssen in meine eigene Zeitebene – mit dem Wissen über dich und die Korrekturbehörde. Du hingegen wirst hier bleiben und weiterhin das Schicksal der Menschen beeinflussen. Es ist alles so sinnlos.«
Khendrah erhob sich von ihrer Konsole und ging zu Thomas. Ihre Augen waren etwas feucht, als sie sich an ihn schmiegte und seufzte.
»Ich weiß nicht, was ich denken soll«, flüsterte sie. »Ich bin für so eine Situation nicht ausgebildet worden. Es war nie beabsichtigt, dass einer von uns seine sogenannte Zielperson näher kennen lernt, aber ich habe dich kennen gelernt und ich fürchte, ich habe mich in dich verliebt. Ich weiß eigentlich nicht, was Liebe ist, aber das, was sich Verwirrendes in mir abspielt, muss wohl Liebe sein. Ich weiß, dass ich dich wieder dorthin bringen muss, wo du herkommst, aber ich habe Angst davor.«
Thomas nahm sie fest in seine Arme und hielt sie. Er spürte, dass sie zitterte und spürte selbst ein irrationales Gefühl des Glücks, das er noch nie bei einer Frau in dieser Form gespürt hatte. Es war alles vollkommen verrückt. Er wurde sich immer sicherer, dass er nicht bereit war, Khendrah ohne Kampf aufzugeben. Sie genossen noch eine Weile jeweils die Nähe des Anderen und küssten einander mehrfach, bevor Khendrah sich wieder an die Arbeit machte.
»Ich muss weiterarbeiten, Thomas«, sagte sie entschuldigend. »Ich muss mich in Ralphs Leben hineinwühlen und herausfinden, was er bereits alles angestellt hat.«
Thomas versuchte, ihr zu helfen, so gut er konnte. Trotzdem dauerte es Stunden, bis sie ein komplettes Profil ihres Gegenspielers erstellt hatten. Als Khendrah fertig war, kannte sie ihren Analysten fast so gut, wie dieser sich selber. Sie wusste nun, dass er nicht wirklich freiwillig für die Behörde arbeitete, sondern als Jugendlicher gegen seinen Willen aus seiner Zeitebene entführt worden war. Die Behörde hatte seinen Lebenstraum zerstört. Das war bedauerlich und sicher nicht in Ordnung, aber es rechtfertigte nicht die willkürlichen, von ihm angeordneten Einsätze zur Förderung seiner eigenen Angehörigen. Sie fand sogar heraus, dass er von Zeit zu Zeit den Zeitvektor in seinem Ursprungsjahrhundert verlassen hatte. Was er dort getan hatte, konnte sie nicht eindeutig feststellen. Sie vermutete jedoch, dass er Kontakt zu seinen Leuten aufgenommen hatte, um sie mit unerlaubten Informationen zu versorgen.
Der immer gravierendere Personalmangel innerhalb der Behörde ließ Ralph Geek-Thoben immer mehr Macht auch innerhalb der Behörde erringen. Der Kontrollausschuss war seit Langem schon vollkommen überfordert und verließ sich nur zu gern auf die Analysten. Seit vielen Jahren schon funktionierte dieses System hervorragend.
Thomas las die Unterlagen und fühlte sich immer unwohler dabei.
»Kontrolliert Ihr eigentlich die Zeit bis in die entfernteste Zukunft?«, fragte er Khendrah.
»Nein«, sagte sie, »ursprünglich hatte man die Behörde im einundfünfzigsten Jahrhundert errichtet – etwa vier Jahrhunderte nach der Entdeckung der Zeitreisen. Damals reichte der Zeitvektor nur wenige Jahrhunderte weit. Nach und nach wurde der überwachte Bereich immer weiter ausgedehnt, abhängig davon, welche Technologien man sich aus den überwachten Zeitebenen nutzbar machen konnte. Allerdings scheint es Grenzen zu geben. Niemand weiß, wieso, aber es gibt eine Überwachung erst ab dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts und nur bis etwa zum achtzigsten Jahrhundert. Es ist nie gelungen, die Kabinen über diese Grenzen hinaus zu steuern. Es ist oft versucht worden, die Zukunft weiter zu erforschen, aber die Kabinen bleiben einfach stehen, wenn man versucht, diese Grenze zu überschreiten.«
»Und man hat keine Erklärung dafür?«, fragte Thomas.
»Die Spezialisten vermuten, dass die Zeit selbst ihre Struktur verändert und wir mit unserer Technologie einfach nicht in der Lage sind, dieser Struktur zu folgen.«
»Abgesehen davon, dass ich Zeitreisen bis vor wenigen Tagen als Humbug abgetan hätte, erscheint mir diese Erklärung etwas an den Haaren herbeigezogen, oder nicht?«
Khendrah überlegte. »Ich verstehe zu wenig von der Natur der Zeit. Aber es spielt auch keine Rolle. Wir haben uns um etwa sechzig Jahrhunderte zu kümmern und selbst das hält die Behörde ganz schön auf Trab.«
Sie arbeiteten noch weiter bis in die Nachtstunden hinein. Khendrah suchte noch nach Fancan und stellte fest, dass sie sich offenbar nicht mehr im Jahre 2008 aufhielt. Vermutlich war sie bereits in den Zeitvektor zurückgekehrt. Sie versuchte, sie über das Kommunikationsnetz in der Basis im 3500. ausfindig zu machen, doch auch dort schien sie sich nicht aufzuhalten.
»Das beunruhigt mich etwas«, sagte sie. »Fancan ist sicher noch immer hinter uns her. Ich kann nicht einfach diese Station hier verlassen, wenn ich nicht weiß, wo sich unsere Verfolgerin aufhält. Sie könnte uns sonst eine Falle stellen, so wie wir es in dem Kaufhaus getan haben.«
»Kannst du nicht diesen Scan, den du in den Zeitebenen durchführst, auch hier im Zeitvektor durchführen?«
»Leider nein, es wurde hier nie installiert, weil man es für unmoralisch hielt, dass wir uns gegenseitig kontrollieren können.«
»Ihr habt wirklich Moralvorstellungen, die einem die die Tränen in die Augen treiben«, sagte Thomas. »Es verhindert aber sicher auch, dass die Anderen uns finden können.«
»Das ist richtig.«
Sie schaltete das Terminal ab.
»Ich kann nicht mehr«, sagte sie. »Ich muss jetzt etwas essen und dann will ich einfach nur schlafen.«
Sie lehnte sich an Thomas.
»Darf ich mich wieder an dich kuscheln?«, fragte sie.
»Ich glaube, das lässt sich einrichten«, antwortete er lachend und legte einen Arm um ihre Taille, als sie auf den Gang hinaustraten.

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Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (1/2)

Deila betrachtete ihre Fingernägel, von denen kaum mehr als blutige Fetzen übrig waren. 
Nachdem Hjalmaer und seine Männer das Schiff zum Plündern verlassen hatten, hatte sie sich so wild gegen die Tür geworfen wie nur irgendwie möglich. Ihre Schultern schmerzten noch von dem unnachgiebigen Holz, das sich unter ihrem Gewicht keinen Deut gerührt hatte. Nachdem Deila festgestellt hatte, dass sie ihr Gefängnis nicht würde verlassen können, hatte sie es mit Rufen versucht, bis ihre Stimme brüchig und heiser geworden war. Am Ende blieb ihr nur noch das verzweifelte Kratzen an den Dielen. Einfach raus hier, irgendwie. Doch auch das hatte nicht funktioniert. 
Deila betrachtete die Planken, dort, wo ihre Tränen noch im Begriff waren zu trocknen. Sie merkte sich am Ende ihrer Kräfte. 
Gerade in dem Moment, wo ihre Gedanken sich darauf zu richten begannen, ihr Leben zu beenden, bevor alles noch schlimmer werden würde, vernahm sie Schritte von draußen. 
Irgendwer schlich über das Deck und kam dabei beständig näher. Dann hörte sie, wie jemand die Treppe herunterhuschte. 
Ruckartig setzte sie sich auf und presste sich dicht neben die Tür. Wenn jemand sich an ihr vergehen wollte, musste er zunächst in die Kajüte gelangen. Vielleicht konnte sie ihn überwältigen. Womöglich ihre einzige und letzte Gelegenheit, hier lebendig herauszukommen. Dann vernahm sie eine bekannte Stimme und eine endlose Erleichterung überkam sie.
»Deila? Deila, bist du hier unten?«, raunte Aegir grimmig.
»Bei den Göttern, ich bin es«, flüsterte sie und lehnte ihren Kopf für einen Moment voller Dankbarkeit gegen die Tür. 
»Ich habe dich rufen hören. Wir haben wenig Zeit, bald sind die Männer zurück. Warum zum Donner bist du hier unten?« In Aegirs Stimme schwangen seine ärgsten Befürchtungen mit.
Es war als hätte man in ihr einen Wasserfall aufgestaut und nun den einen, wichtigen Stein losgetreten, der den Damm entzweibrach. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und überschlugen sich förmlich dabei. Deila merkte, wie sie zu zittern begann, während sie dem Riesen erzählte, was ihr seit dem Aufbruch wiederfahren war.
Aegir unterbrach sie nicht ein einziges Mal. 
Als sie fertig war mit erzählen, legte sich für einen Moment eine unheilverkündende Stille über das Schiff.
Dann krachte Aegirs Faust mit einer solchen Wucht gegen das Holz, dass sie erschrocken zusammenfuhr.
»Hunde, alle miteinander! Ich habe von Anfang an geahnt, dass hier etwas faul ist.« Er brüllte fast, dann mäßigte er seine Stimme wieder. 
»Was machen wir jetzt?«, wisperte Deila besorgt. Wenn die Falle der Ustenströmer zuschlug, würde es kaum eine Möglichkeit mehr geben ihr lebendig zu entkommen. 
Wieder herrschte Stille. 
»Ich werde mir etwas überlegen. Lass mich zunächst schauen, ob ich dich nicht hier herausholen kann«, antwortete der Riese. 
Er schien Anlauf zu nehmen, dann warf er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Das Holz knirschte, doch noch gab sie nicht nach.
»Noch einmal!« Deila merkte, wie ihr Herz zu rasen begann. Er musste es schaffen. Er musste einfach. Sonst würde man sie für immer hier unten einpferchen und sich nach Belieben an ihr vergehen. Der Gedanke daran ließ sie vor Bitterkeit würgen.
Doch auch die weiteren Versuche des Riesen blieben ohne Erfolg.
Dann vernahm sie lautes Gegröle in der Ferne und alles in ihr zog sich unwillkürlich zusammen. »Sie kommen zurück! Du musst verschwinden und die anderen warnen!«, zischte sie hastig.
»Und was ist mit dir?« Er klang verunsichert. 
Als Deila aussprach, was sie dachte, drehte sich ihr Magen um. »Ich bleibe hier unten und spiele ihr Spiel mit.« Dann nahm ihre Stimme etwas an, das im Vergleich selbst die Dunkelheit ihrer Zelle zu einem lichtdurchfluteten Ort werden ließ. »Und wenn sich mir eine Möglichkeit bietet, bringe ich sie alle um.«

***

Yorrick wischte sich die nasse Stirn mit dem Handrücken ab. 
Die beiden Bäume über die steilen und dicht bewucherten Klippen zu befördern, hatte einen immensen Kraftaufwand gefordert und sie um fast einen halben Tag zurückgeworfen. Doch die Planken des Bugs mussten erneuert werden und das Ruder galt es ebenfalls zu reparieren. Aufgaben, die, in Anbetracht der sommerlichen Hitze, nicht ohne Folgen blieben. Die Tatsache, dass ihre Wasserreserven begrenzt waren, verbesserte die Umstände nicht wirklich ungemein. 
Yorrick sog scharf die salzige Seeluft ein, die durch die an Land geschwemmten Algen eine gewisse Strenge angenommen hatte, dann ließ er seine Axt wieder auf den Baum krachen. 
Zwei junge Kiefern hatten sie gefällt, nun mussten sie diese notdürftig in etwas brauchbares formen. Das junge Holz bot die benötigte Dehnbarkeit, um es in Planken zu verarbeiten. Hätte der Schiffsbaumeister sein Werkzeug dabeigehabt, wäre diese Aufgabe sicherlich leichter zu bewältigen gewesen. 
Eine gute Idee für die nächste Fahrt.
Nun erforderte jeder Hieb gewaltige Präzision und nicht jeder der Männer war für diese Art von Arbeit geschaffen. 
Bei dem Gedanken daran, wie der grobschlächtige Olaf es wohl angestellt hätte, musste Yorrick kurz schmunzeln. Gut, dass er an Bord gewesen war. Die Mannschaft hätte kaum genug Bier herankarren können, um Olafs ungeduldigen Zorn zu ertränken.
Mittlerweile bedeckten die ersten Bretter den groben, gelben Sand des Strandes und der Schiffsbaumeister sah sich unter ihnen nach besonders vielversprechenden Exemplaren um. Nachdem er eine sorgfältige Auslese durchgeführt und die Männer damit beauftragt hatte, sie in die entsprechende Form zu biegen, widmete er sich dem zerstörten Ruder. Achselzuckend stellte er fest, dass es völlig hinüber war und sie ein neues anbringen mussten. Angesichts der wenigen Zeit, die sie noch besaßen, bevor die Vorräte ausgingen, würden sie mit einem spärlichen Ersatz vorlieb nehmen müssen. 
»Ich brauche ein Seil, so dünn und fest wie möglich!«, rief er niemand bestimmtem zu. »Und einen Ast, dick wie mein Arm.«
Es dauerte nicht lange, bis Jorleif ihm die geforderten Gegenstände knapp nickend in die Hand drückte. 
Dann machte er sich auf die Suche nach einem, für sein Vorhaben ideal geeignetem Stück Kiefer, das er als Ruderbrett verwenden konnte. 
Yorrick nahm das eine Ende des Astes und bearbeitete ihn solange mit der Axt, bis er eine handgroße Fuge in ihn hineingeschnitzt hatte. Gerade groß genug, dass das Ruder hineinpasste, auch wenn er mit väterlichen Klopfern nachhelfen musste. 
Dass es nicht von alleine herausrutscht, ist von Vorteil. Aber wenn wir es noch einmal mit einem ausgewachsenen Sturm zu tun bekommen, wird das kaum ausreichen.
Bitter lachend spuckte er aus. Dass er noch nicht der Rán in die Hände gefallen war, verdankte er seinem Geschick. Doch irgendwann würde er der alten Mutter einen Besuch abstatten. 
Mit einem enormen Aufwand von Geduld, Fingerfertigkeit und Erfahrung wickelte er fürsorglich das Seil um den Punkt, wo Planke und Ast sich verbanden, wobei er das ein oder andere Mal zusätzlich einen Knoten schlug, um die Last hinterher besser zu verteilen. Dann, zufrieden mit seinem Werk, vertäute er das Ruder an der hinteren Reling und widmete sich der anderen Aufgabe. 
Denn auch der Bug erforderte seine Aufmerksamkeit. 
Unter Yorricks Aufsicht rissen die Männer die ramponierten Planken heraus und ersetzten sie durch neue. Eine Feinarbeit, die nicht ohne gedämpfte Flüche, gedrungenes Gestöhne und genervte Aufschreie vollendet wurde. 
Olaf verlor fast einen Finger, als er mit dem Hammer ungenau zielte und Jorleif verhedderte sich mit dem Bart in einem Nagel, was zur Folge hatte, dass er sich brüllend wie ein gereizter Bär ein ganzes Büschel Haare herausriss. 
Dann endlich, als die Sonne dem Horizont bereits einen roten Kuss schenkte, schien ihre Arbeit vollendet. 
Schwer atmend ließ Yorrick sich in den Sand fallen.
»Du hast es mal wieder geschafft, du alter Sauhund!«, lobte Olaf feierlich, während er sich erschöpft neben ihn pflanzte. 
»Ein Hoch auf den Schiffbaumeister!«
Die Menge johlte ihm zu. 
Yorrick hob beschwichtigend die Hände. »Ich weiß, ich habe mich mal wieder selbst übertroffen«, feixte er grinsend. »Jetzt rastet, in der Früh brechen wir auf. Sollten wir morgen untergehen, ist das natürlich diesem Pfuscher hier zu verdanken.« Er klopfte Olaf freundschaftlich auf die breite Schulter. 
Alle mussten lachen, Olaf am lautesten. 
Yorricks Blick wanderte von den Männern zu dem Schiff, auf die offene See hinaus. Trügerisch ruhig glitzerten die letzten Sonnenstrahlen des Tages in der sanften Brandung. 
Mögen die Götter uns gnädig sein, dachte er wehmütig, während er im Himmel sorgenschwer nach weiteren Anzeichen für einen Sturm suchte. 
Und beten, dass sie uns den morgigen Tag überstehen lassen.

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