Schreibkommune

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Monat: März 2019

Walsterben – von Saigel

Eine Tour zu den Walen. Das hat er mir geschenkt. Nur er und ich. Wir zwei allein. Eigentlich bin ich seekrank, aber ich werde mir vorher noch diese Tabletten besorgen. Er ist ja so ein toller Mann. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, ihn für mich zu gewinnen. Lange dachte ich, er hätte kein Interesse an mir. Doch jetzt, jetzt glaube ich, dass sich das geändert hat. Ich habe es geschafft.
Eine Rundfahrt in der glitzernden Bucht, bei schönem Wetter. Das Wasser sieht so aus, als bestünde es aus tausenden von schillernden Diamanten, die aufgeschüttet immer in Bewegung bleiben müssen und sich aneinander abschleifen. Ich trage ein schönes Sommerkleid, das ich extra für diesen Anlass gekauft habe. In meiner Tasche habe ich eine Packung Tabletten, zur Sicherheit habe ich allerdings vor einer Stunde schon eine heruntergewürgt.
„Hallo“, sagt er lächelnd und zeigt auf das Motorboot. „Bist du bereit?“.
Ich nicke und kann nicht aufhören in seine blauen Augen zu starren, die so traumhaft schön und weich sind, dass es mir den Atem verschlägt. Hand in Hand laufen wir über den Steg und setzen uns in das Boot. Die Rundfahrt beginnt, in ein paar Minuten werden wir gemeinsam die großen Wale bestaunen dürfen. Das mit ihm gemeinsam zu erleben, macht mich glücklich. Die Diamanten wiegen unter uns und schlagen an die Außenwände des Bootes. Sein Gesicht belebt ein Grinsen, das weiße Zähne offenbart und mich ansteckt mit dem, was da ist.
Was es ist, das weiß ich nicht. Es ist seltsam, mein Lächeln mag nicht zu dem passen, was sein Grinsen sagen möchte. Ich kann es spüren, etwas ist da; etwas ist anders.
Da sehe ich schon eine Flosse. Gigantisch, majestätisch sticht sie hervor aus dem Diamantenmeer und sinkt beinahe lautlos und elegant wieder hinab. Woanders ist ein Rücken zu sehen, der tausend kleine funkelnde Perlen in der Luft zerstäuben lässt.
„Boa! Der kratzt bestimmt bald ab!“, sagt der junge Mann neben mir, dem ich wie aus Reflex, der aus einer bösen Vorahnung entstanden ist, meine Hand entziehe.
Fragend blicke ich ihn an. Er sieht mir in die Augen und ich bekomme Angst vor diesem blauen, klaren Eis, das mich gefühllos anblickt und dieses furchtbare Grinsen, das meine Illusion verschwimmen lässt, versetzt mir einen Stich.
„Na, weißt du das nicht? Auf diese Rundfahrt gehen eigentlich nur die Touris, weil die nicht wissen, dass die Wale hier zum Sterben herkommen. Deshalb kann man die so gut anschauen. Die pfeifen alle auf dem letzten Loch!“.
Das Meer um mich herum wird plötzlich schal, die Diamanten schimmern in blutigem Wasser. Blut von den Walen, die sich an den brillierend scharfen Kanten schmerzende Wunden aufreißen. Qualvoll sehe ich ihnen zu, wie sie sich treiben lassen, im Blitzgewitter der Kameras ihre letzte Ruhe suchend.
Ich würge. Hätte ich die Tablette nicht genommen, hätte ich mich jetzt gerne über seinen Schoß übergeben. Doch leider war ich vor der Rundfahrt noch davon überzeugt gewesen, dass er genauso erhaben funkelte wie das Wasser und die Wale, wie diese Bucht und alles, was sich darin befand.
In mich gekehrt warte ich auf Erlösung, für die Wale, aber auch für mich. Das Boot dreht bei, wir sind auf dem Weg zurück. Am Steg verabschiede ich mich nicht, sondern lasse ihn einfach stehen. Dankbar für diese Rundfahrt, die mir zwar nicht das brachte, was ich mir davon erhofft habe, allerdings innerhalb von wenigen Minuten einen anderen Menschen aus mir machte. Die mir zeigt, die Dinge zu sehen, die dort draußen genauso wie hier manchmal in dem Schein verschwimmen, der uns Menschen blendet und beinahe erblinden lässt.

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Alte Geister

Mit Herzklopfen lief er den schwach bewaldeten Hang hinauf. Was würde geschehen? Sollte er nicht besser umdrehen? War es nicht falsch, die alten Geister zu rufen?
Er blieb stehen, schöpfte Atem und lächelte über sich selbst. Vor zwanzig Jahren war er diesen Hang leichter hinaufgestiegen, selbst mit seiner tiefen Trauer im Gepäck.
Die letzten Schritte ging er achtsam, er spürte, dass die alten Gefühle um ihn herumschlichen, bereit, zuzuschlagen.
Dort stand sie, die Bank, auf der er damals Abschied genommen hatte. Sie war verwittert, ihre einstmals rote Farbe nur noch zu erahnen. Er setzte sich und schaute über das weite Tal.
Direkt unter ihm, vielleicht dreißig Meter tiefer, schmiegten sich die ersten Häuser des Dorfes an den Hang. Ihre roten Dächer blitzten unter den kräftig grünen Baumkronen hervor. Der größere Teil des Dorfes erstreckte sich in die Ebene hinein, bis in die Nähe der Autobahn, welche die saftigen Wiesen hinter dem Ort teilte und mit ihrem grauen Band die Mitte des Tales markierte.
Der Himmel leuchtete blau. Ein böiger Wind, der immer wieder kräftig in die Baumkronen fuhr, ließ das Sonnenlicht auf den Hausdächern tanzen.
Die gegenüberliegende Seite des ehemaligen Flussbettes schien zum Greifen nah. Und doch waren es gut zwei Kilometer bis hinüber zum Nachbardorf, das sich auf der anderen Seite der Autobahn wie ein Spiegelbild des diesseitigen Ortes ausbreitete und sich ebenfalls ein Stück den Hang hinaufzog. Drei Windräder krönten den Hügel, ragten weit über die Baumwipfel hinaus und zogen seinen Blick magisch an. Wie oft hatten sie sich vorgenommen, einmal ganz nahe an eines der Windräder zu wandern und hatten es doch nie geschafft.
Wo war der Baum geblieben? Der Baum, den sie immer als Sinnbild ihrer Beziehung verstanden hatten. Dessen kräftiger Stamm sich früh in zwei eigenständige Baumhälften teilte. Um sich dann, in der Krone, wieder zu vereinen. So wie sie sich mehrmals getrennt und wieder zusammengefunden hatten.
Bis ihre Verbindung auf dem grauen Band endgültig zerriss. Es war ihm nicht möglich gewesen hier weiterzuleben, nachdem er sie tot aus dem Auto gezogen hatte. Er verließ das Dorf um bis heute nicht wiederzukehren.
Und nun, nach so vielen Jahren, saß er hier und die Erinnerung schmerzte nicht mehr. Der Baum war nicht mehr da. Das erschien ihm richtig.
Er fühlte eine große Dankbarkeit für alles, was er mit ihr erlebt hatte. Und heute auch dafür, dass sein Leben weitergegangen war.
Später, gegen Abend, würde er ihr Grab auf dem kleinen Dorffriedhof besuchen und dann würde er zurückkehren.
Zufrieden stand er auf und machte sich auf den Rückweg. Es war richtig gewesen, hierher zu reisen. Nun wusste er, die alten Geister hatten keine Macht mehr über ihn.

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Gottes Hammer VII

Teshin wusste nicht, wie lange er reglos auf dem Kutschbock verharrte. Er starrte Murakamas blutbefleckte Klinge an, als sähe er sie zum ersten Mal. Vom hungrigen Leuchten des Schwertes war nur noch ein schwaches Flimmern geblieben.

Teshin hatte in seinem Leben viele Dinge getan, die ihn nicht mit Stolz erfüllten. Als Söldner musste man über dehnbare Moralvorstellungen verfügen, um den Beruf ausüben zu können. Nichtsdestotrotz war ihm nur selten aufgetragen worden, einen Menschen zu töten. Diese Aufgabe fiel Assassinen zu, die wie Spielfiguren der Mächtigen aus dem Schatten heraus handelten.

Die meisten Aufträge bestanden aus simplem Begleitschutz. Teshin erinnerte sich an einen wohlhabenden Bürger, der ihn und Saskia zum Schutz seiner Tochter anheuerte. Der Vater selbst war bettlägerig und konnte sie nicht zu ihrer Hochzeit im schönen Süden begleiten. Teshin hatte auf der Reise einen verarmten Kriegsveteranen getötet, der sie auf offener Straße angriff. Schon damals verspürte er Mitleid mit dem elenden Mann. Nun schienen seine lichtlosen Augen sich wieder auf ihn zu richten, wie glühende Gespenster längst vergangener Tage.

Plötzlich riss ihn das Rasseln von Ketten aus seiner Starre. Teshin fuhr herum und betrat wieder den Wagen. Die Hexe hatte er fast vergessen.

Nicht die Hexe, korrigierte ihn die Stimme in seinem Kopf. Das Mädchen.

Eisblaue Augen richteten sich auf ihn, von Dunkelheit umgarnt. Teshin wurde sich peinlich bewusst, dass er in seiner Aufmachung wie ein Gesetzloser wirken musste. Ein blauäugiger junger Mann mit rabenschwarzen Haaren, einer blutigen Tunika und mit gerötetem Stahl in der Hand weckte vermutlich keine Sympathiewerte.

„Es tut mir leid“, flüsterte er, an niemand bestimmten gerichtet. Langsam näherte er sich dem Mädchen, das ihn angespannt musterte. Es sprach kein Wort. War es am Ende auch stumm?

Saskia lässt dich nicht los.

Teshin erwiderte nichts auf den Kommentar der Stimme. Stattdessen befreite er die Angeklagte vorsichtig von ihren Fesseln.

„Du bist frei“, murmelte er.

Das Mädchen starrte ihn überrascht an. Plötzlich schien sich die Plane zu nähern und Teshin zu ersticken. Der Verwesungsgeruch überdeckte seine Sinne. Teshin taumelte und Murakama entglitt seiner Hand. Ihm gelang es noch, auf den Kutschbock zu wanken, bevor er dem Erdreich sein schmutziges Opfer übergab. Die Pferde wieherten empört. Übelkeit breitete sich in Teshins Körper aus wie giftiges Feuer. Er vermied tunlichst, Ulrichs kalte Überreste anzusehen.

Das Mädchen trat zögerlich unter der Plane hervor und musterte ihn. Im Eisblau der Augen schimmerten Argwohn und Mitleid wie im Kampfe verschlungen. Teshin konnte nicht anders, er musste lachen. Dabei schlossen sich seine Finger um Murakamas Griff.

„Du hältst mich wahrscheinlich für wahnsinnig!“, rief er. „Für einen Verrückten oder Ärgeres. Dabei bin ich eigentlich ein ganz normaler Söldner. Von meiner Magie einmal abgesehen.“ Er kicherte. Der Laut ließ ihn erschaudern.

„Geht es Euch wirklich gut?“ Die Stimme der angeblichen Hexe klang ungewöhnlich hoch und brüchig, so als würde sie nicht oft verwendet. Sie sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Teshin bemerkte, wie ihr Blick Ulrichs Schwert neben ihm streifte.

Teshin lachte erneut. Seine Stimme überschlug sich. „Du willst mich töten?“, fragte er amüsiert. „Nur zu! So ein Schwert ist schwerer, als es aussieht und du bist keine Magierin, nehme ich an. Es sei denn, in den vergangenen Monaten, in denen ich bewusstlos war, hat sich die ganze Welt verändert.“ Teshin keuchte wie nach einem anstrengenden Duell. Als er sich wieder fasste, beruhigte sich seine Stimme langsam.

„Tut mir leid. Wie ist überhaupt dein Name?“

Zunächst antwortete das Mädchen nicht, sondern schien in Gedanken abzuwägen, wie hoch seine Siegeschancen in einer Konfrontation waren. Schließlich erwiderte es zögerlich: „Iliana.“

„Hallo, Iliana. Wie es aussieht, ist das nicht unser Tag. Aber keine Angst, ich werde dich nicht ausliefern oder dir sonst irgendetwas antun. Aber nach Hause kann ich dich auch nicht bringen. Die Dorfbewohner würden dich lynchen.“ Teshin wandte sich um und trat in einem Anfall von plötzlicher Aggression Ulrichs Leiche vom Kutschbock. Ein hässliches Geräusch beim Aufprall kündete von verdrehten Gliedern. Gram schloss sich um Teshins Herz wie die eisigen Finger einer tödlichen Klaue.

„Ich kenne dich.“, sagte Iliana unvermittelt. Ein gefährliches Funkeln schlich sich in ihren kalten Blick. „Du hast den Bürgermeister getötet.“

Teshin dachte an Ulrichs Worte. Scheinbar entsprach die Geschichte vom Schwertdämon wirklich der Wahrheit. Er kicherte ungehalten. Was zu viel war, war zu viel. „Ja, klar. Dafür bin ich auch verantwortlich. Wie für jeden Scheiß, der auf dieser gottverlassenen Welt passiert. Wahrscheinlich bin ich in den letzten Monaten auch nach Aminas marschiert und habe dieses komische Gottes Hammer-Dingsbums erweckt. Nur schade, dass alle Erinnerungen weg sind!“

Vorsicht.

Die Warnung der Stimme entriss ihn dem Wahnsinn gerade noch bald genug, um den Angriff zu bemerken. Drei schwarze Vögel mit hellen Punkten auf den kleinen Köpfen fielen ihn laut krächzend an. Teshin zog rechtzeitig blank und parierte den Sturm der Schnäbel. Als er zum Konter ansetzte, wichen die Vögel zurück und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Er erkannte sie. Einer von ihnen war ihm im Wald begegnet.

„Was zur Hölle … ?“

Weiter kam er nicht. Jeden anderen Menschen hätte der Stoß getötet. Doch Teshin war kein gewöhnlicher Mensch. Als er aus dem Augenwinkel das Blitzen von Stahl direkt hinter seinem Rücken erkannte, stieß er sich mit aller Kraft und Magie ab und sprang, in eine bläuliche Aura gehüllt, blitzschnell vom Kutschbock.

„Du bist schnell“, lobte er anerkennend. „Aber nicht schnell genug.“

Die eisblauen Augen starrten ihn ergrimmt an. Iliana hatte sich während der unerwarteten Offensive der Vögel eines Dolches bemächtigt und sich von hinten angeschlichen. Teshin erkannte die heiligen Verzierungen. Ulrich war offenbar sein Vorbesitzer gewesen.

Bevor Teshin auf sie einreden konnte, pfiff Iliana. Wieder erfüllte Krächzen die Luft und die seltsamen Vögel fuhren auf ihn nieder. Teshin hob Murakama über den Kopf, doch ein Schnabel traf seine Hand und warmes Blut quoll aus der Wunde hervor.

Wut und Furcht verliehen ihm den nötigen Antrieb. Teshin stieß einen animalische Schrei aus, dem eine Druckwelle reinster Magie folgte. Murakamas blaues Brüllen flammte auf wie ein vereister Waldbrand und fegte die Angreifer vom Himmel. Unter protestierendem Gekrächze taumelten sie aus seiner Reichweite.

Iliana wich entsetzt zurück. Ohne weiter nachzudenken, katapultierte Teshin sich in die Luft und landete neben ihr auf dem Kutschbock. Iliana stieß ungelenk mit dem Dolch nach ihm, doch Teshin parierte und entwand ihr das Mordwerkzeug. Ein Schlag, ein Stoß und sie lag unter ihm, Murakamas blaues Leuchten sich im Eisblau ihrer Augen spiegelnd.

Kurz herrschte Stille. Dann flüsterte sie: „Ich bin keine Hexe. Ich habe keinen Pakt mit der Hölle geschlossen.“

„Das weiß ich.“ Teshin behielt die drei Vögel im Auge, die unschlüssig ihre Flügel spreizten. „Aber harmlos bist du auch nicht. Nur warum greifst du mich an? Wie ich sehe, bin ich vielleicht nicht dein einziger Verbündeter hier draußen, aber ich kann dich gegen Medardus’ Knechte verteidigen. Deine gefiederten Freunde hier offenbar nicht.“

„Du bist wahnsinnig.“, erwiderte Iliana mit glühendem Blick. „So wie du kichert doch kein normaler Mensch!“

„Ich hatte einen anstrengenden Tag, verstanden?“, grollte Teshin. „Ich bin inmitten eines verfluchten Waldes aufgewacht, nur um festzustellen, dass seit meiner letzten Erinnerung mehrere Monate vergangen sind! Da habe ich doch wohl alles Recht, mich aufzuregen, oder?“ Er atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Iliana hatte nicht unrecht. Er musste sich mäßigen und die Kontrolle über sich zurückerlangen.

„Bin ich wirklich der Schwertdämon?“, fragte er leise.

Bevor Iliana etwas erwidern konnte, erfüllte erneut Flügelschlagen die Luft. Teshin gefror das Blut in den Adern. Ein Schwarm der seltsamen Vögel hatte sich um sie herum niedergelassen, eine wahre Armada verglichen mit den dreien, die ihn zuvor angegriffen hatten. Der Wald glich einer schwarzen Wand, vereinzelt von schimmernden Punkten erleuchtet. Einer von ihnen landete neben Teshin auf dem Kutschbock. Der helle Punkt auf seinem Kopf erglühte im schwächer werdenden Sonnenlicht.

„Erlaube mir, diese Frage zu beantworten“, krächzte der Vogel.

Teshin blinzelte ungläubig. Hatte dieses Tier gerade gesprochen?

Als der Vogel nicht fortfuhr, nickte Teshin beklommen. Fiel er nun endgültig dem Wahnsinn anheim?

„Du bist der, den sie in der alten Sprache der Berge Angnaur nennen“, erklärte Ilianas kleiner Verbündeter. „Das bedeutet in etwa Feuergeist. Dabei handelt es sich um eine alte Legende aus Hornheim, entstanden lange bevor sich dort dunkle Mächte regten und die Menschen in die umliegenden Dörfer vertrieben. Demnach bist du angeblich ein böser Dämon, der nach langem Schlaf zurückkehren und sie heimsuchen soll. Sprich, bist du dieser Dämon?“

„Ich weiß nichts von Legenden aus den Bergen!“, erwiderte Teshin entschieden. „Und weder bin ich ein Dämon, noch ein Geist. Nur ein einfacher Söldner, der mühselig sein Brot verdient.“

„Aber ich fühle den Bann der langen Jahre an dir haften!“ Der Vogel schlug mit den Flügeln. „Du hast vieles vergessen, was dir nun dienlich sein könnte.“

„Ihr scheint mir weise für einen Vogel.“ Teshin musterte den Schwarm misstrauisch. Er konnte noch immer kaum fassen, dass er diese Konversation führte. „Wer seid ihr eigentlich?“

„Wir sind die Navali, Diener aus einer alten Zeit. Einst reisten wir an der Seite von Helden und Königen, heute sind wir nur noch ein vergessenes Relikt. Ich bin Halgin, der gefiederte König.“

Teshin starrte ihn überrascht an. „Die Navali? Die siebenhundert Prinzen, die zur Strafe für ihre Anmaßung in Vögel verwandelt wurden? Ich hielt euch nur für eine Legende!“

Halgin stieß einen verächtlichen Laut aus, der am ehesten noch als Schnauben gedeutet werden konnte. „Nicht alles, was du über uns hörst, ist wahr.“ Damit wandte er sich an Iliana. „Junges Kind, ich habe versagt. Ich habe geschworen, dich zu schützen und wurde eidbrüchig, als die Häscher des Inquisitors dich ergriffen und ich machtlos blieb. Nun lastet Schuld gegenüber dem Dämon auf uns. Wir müssen unsere Schuld begleichen und können ihn jetzt nicht töten, mein Kind.“

Iliana nickte ernst. „Schon gut, Halgin. Ich glaube, er wird mir jetzt nichts mehr tun. Und wenn er die Wahrheit sagt, könnten wir ihn vielleicht für unsere Sache gewinnen.“ bei diesen Worten funkelten ihre eisblauen Augen.

Teshin sah von Iliana zu Halgin und wieder zurück. Seine Verwirrung erblühte wie eine stolze Pflanze der Unwissenheit. „Was für eine Sache?

Der helle Punkt auf Halgins Kopf erglühte stärker, als der gefiederte König erneut das Wort ergriff. „Hornheims Zerstörung.“

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Korrekturen 07

7.Teil – Fancan

Das Erste, was Fancan spürte, als sie ihr Bewusstsein wiedererlangte, war Schmerz, der den gesamten Körper erfasste. Die Erinnerungen an die Ereignisse im Kaufhaus waren sofort wieder da. Sie öffnete die Augen und stellte fest, dass sie sich nicht mehr im Kaufhaus aufhielt. Sie blickte umher. Sie lag in einem Bett und hatte nicht mehr ihre Kombination an, sondern trug ein ein eigenartiges weißes Etwas, das man kaum Kleidung nennen konnte.
»Eine Krankenstation?«, schoss es ihr durch den Kopf.
Sie versuchte, sich aufzusetzen, doch die Muskeln ihres Körpers gehorchten ihr noch nicht wieder. Ein Geräusch lenkte sie ab. Die Tür öffnete sich und ein Mann schaute herein. Auch er trug weiße Kleidung.
»Sie sind endlich wach«, stellte der Mann fest. »Das ist gut. Mein Name ist Dr. Laumann und ich bin der diensthabende Stationsarzt. Sie wurden gestern hier eingeliefert und ich muss gestehen, dass Sie uns einige Rätsel aufgegeben haben. Wären Sie bereit, mir einige Fragen zu beantworten?«
»Wo bin ich?«, fragte Fancan matt. Sie war zwar noch erschöpft, aber den Umfang dieser Erschöpfung spielte sie ihm nur vor. Unter der Decke war sie schon dabei, ihre Muskeln nach einem bestimmten Verfahren wieder in Schwung zu bringen. Sie war sicher nicht bereit, einem Arzt in einer fremden Zeitebene viel über sich zu verraten.
»Sie sind im städtischen Krankenhaus«, gab der Arzt Auskunft. »Offenbar hat man Sie in der Möbelabteilung des Kaufhauses überfallen und niedergeschlagen. Man fand Sie dort bewusstlos auf einem Bett der Ausstellung – an Händen und Füßen gefesselt. Ich hätte nun gern einige Informationen über ihre Person, für unsere Unterlagen.«
»Was wollen Sie wissen?«
»Ihr Name, das Geburtsdatum, Ihre Anschrift und eventuelle Angehörige wären schon notwendig.«
»Ich weiß es nicht«, sagte Fancan.
»Sie wissen Ihren Namen nicht?«
»Nein. Ich weiß überhaupt nichts.«
»Das ist ungewöhnlich«, meinte Dr. Laumann. »So stark waren Ihre Verletzungen eigentlich nicht, dass sie eine Amnesie verursachen könnten. Ich werde mal einen Kollegen holen. Der soll Sie sich einmal anschauen.«
Er verließ das Zimmer und schloss die Tür. Fancan prüfte ihre Muskulatur. Es tat noch etwas weh, aber sie hatte bereits wieder die volle Kontrolle. Schnell schlüpfte sie aus dem Bett und riss sich dieses eigenartige Hemdchen vom Körper. Darunter war sie vollständig nackt. Sie durchsuchte schnell die Schränke an der gegenüberliegenden Wand und fand in einem davon ihre Kombination. Schnell schlüpfte sie hinein und verschloss die Nähte. Jetzt fühlte sie sich schon viel besser. Auf dem Tisch neben dem Bett fand sie noch ihre Uhr und unter dem Bett ihre Schuhe. Dr. Laumann war noch nicht zurück, als Fancan vorsichtig die Tür zum Flur öffnete. Sie lief direkt einem Beamten der städtischen Polizei in die Arme, der vor der Tür wartete.
»Wo wollen Sie denn hin?«, fragte er. »Sie können noch nicht gehen. Wir müssen uns erst noch über den Tathergang Ihres Überfalls unterhalten. Sie wollen doch sicherlich eine Anzeige erstatten.«
Fancan wusste zwar nicht, was eine Anzeige war, aber sie entschied, dass sie das nicht wollte.
»Nein, ich will keine Anzeige erstatten. Ich will einfach nur gehen.«
»Moment, junge Dame«, hielt der Beamte sie auf, »ich habe aber noch Fragen.«
»Was für Fragen?«
»Nun, als man sie fand, lagen sie gefesselt auf einem Bett, das zur Hälfte einfach verschwunden war. Sie haben sicher mitbekommen, was geschehen ist. Wir hätten einfach gern Ihre Aussage, was sich dort abgespielt hat. Da Sie offenbar wieder fit sind, könnten Sie mich gleich auf die Wache begleiten.«
»Nein, ich werde einfach gehen«, sagte Fancan bestimmt. »Ich werde Ihre Fragen nicht beantworten und ich werde Sie erst recht nicht begleiten.«
Sie wandte sich zum Gehen, doch der Beamte hielt sie am Arm fest.
»Junge Dame, so läuft das nicht! Sie können gehen, sobald ich Ihre Aussage habe.«
»Lassen Sie mich sofort los«, zischte Fancan. »Sonst muss ich Ihnen wehtun.«
Der Beamte sah sein Gegenüber belustigt an.
»Sie wollen mir wehtun?«
»Ich will nicht, aber ich muss es wohl, damit Sie es verstehen«, sagte sie und wand sich in einer komplizierten Drehung aus seinem Griff, wobei sie ihn gleichzeitig mit ihren Händen attackierte. Stöhnend sackte der große Polizist in sich zusammen. Fancan ließ von ihm ab und lief leichtfüßig zur Treppe.
Sie musste einfach von hier weg, sonst hinterließ sie zu viele Spuren in dieser Zeitebene. Diese verdammte Khendrah und ihre Zielperson! Am meisten jedoch ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hatte sich wie eine Anfängerin überlisten lassen. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass sich Khendrah so weit herablassen würde, sich mit einem Ziel einzulassen. Sie schüttelte sich innerlich. Es schien ihr unvorstellbar, persönliche Beziehungen zu einem Menschen der Zeitebenen aufzunehmen. Diese Wesen waren doch immer nur so real, wie es ihre Aufträge zuließen. Khendrah würde auch noch dahinter kommen.
»Was denke ich da?«, fragte sie sich, während sie die Treppen hinunter lief. »Es spielt keine Rolle mehr, ob Khendrah dahinter kommt, oder nicht. Ich werde sie töten müssen, wenn ich sie gefunden habe und diesmal wird es keine List geben, die sie retten wird.«
Unten angekommen stürmte sie durch die Halle des Krankenhauses auf den Ausgang zu. Sie entdeckte zwei weitere Polizeibeamte. Einer hielt einen Kommunikator an sein Ohr und deutete auf sie, während der Andere an einer Tasche an seinem Gürtel fingerte. Sie verstellten ihr den Weg, doch Fancan war nicht in der Stimmung, sich von diesen beiden Männern aufhalten zu lassen. Mit einem schnellen Sprint rannte sie auf die beiden zu und sprang kurz vor ihnen mit angewinkelten Beinen hoch und stieß beiden Beamten gleichzeitig ihre Füße vor die Brust, sodass diese in entgegengesetzte Richtungen gestoßen wurden und gegen die Türfüllung des Eingangs prallten. Fancan landete weich auf ihren Füßen und nutzte die kurze Benommenheit der Männer, ihnen ihre Ellenbogen auf den Solar Plexus zu schlagen, worauf ihnen die Luft endgültig wegblieb. Das Funkgerät war auf dem Boden gelandet, ebenso wie die Waffe, welche der andere Beamte ziehen wollte. Fancan ergriff die Waffe und floh. Die Aktion hatte nur wenige Sekunden gedauert und als die Beamten wieder klar denken konnten, war Fancan bereits in der Menge der Passanten verschwunden.
Sie lief mehr als einen Kilometer weit, bevor sie sich eine kurze Orientierungspause gönnte. Sie konnte nicht weit vom Einstiegspunkt entfernt sein. Sie sollte nun so schnell wie möglich aus dieser Zeit verschwinden. Sie hatte keine Ausrüstung mehr, die ihr helfen konnte, Khendrah hier zu finden. Außerdem hatte sie so ein Gefühl, dass sich ihre Gegnerin bereits nicht mehr hier aufhielt. Sie musste zur Basis zurück und sich neu ausrüsten. Es konnte nicht schaden, die Basis schon einmal zu informieren, also tippte sie sich ans Jochbein und hätte beinahe aufgeschrien, so weh tat es. Der Kommunikator blieb stumm.
Fancan ging zu einer Schaufensterscheibe und betrachtete ihr Spiegelbild. Ein kleiner, blutunterlaufener Punkt war auf dem Jochbein zu erkennen.
»Khendrah, du altes Biest«, sagte sie anerkennend. »Du bist besser, als ich dachte. Du hast sogar daran gedacht, mir die Kommunikationsmöglichkeit zu nehmen. Es ist so schade, dass du auf der anderen Seite stehst.«
Sie wandte sich ab und machte sich auf den Weg zum Aufzug. Glücklicherweise hatte man ihr die Uhr gelassen. Ohne diese Uhr wäre es ihr schwer gefallen, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, an dem der Eingang in der Fassade tatsächlich in den Zeitaufzug führte. Sie musste lange warten, bis wieder einer dieser Momente eintrat, an denen sie die normale Zeit verlassen konnte, doch schließlich war es so weit. Fast wäre es noch zu einem Zwischenfall gekommen, als genau in dem Augenblick, als sie den Aufzug betreten wollte, ein Mann in den Flur des Hauses wollte, der normalerweise über diesen Eingang erreicht wurde. Fancan knallte ihm die Tür vor der Nase zu, nachdem sie die Kabine betreten hatte. Sie sah noch, wie der Mann sich fürchterlich aufregte, doch dann verließ die Kabine die Zeitebene und Fancan befand sich wieder in der Sicherheit des Systems der obersten Korrekturbehörde.
Fancan fühlte sich erschöpft. Die hatte nicht damit gerechnet, dass es so problematisch werden könnte, die Beiden auszuschalten. Sie musste sich eingestehen, sie unterschätzt zu haben. Nun würde sie sich vor dem Analysten rechtfertigen müssen. Sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken an Geek-Thoben. Er konnte sehr unangenehm werden, wenn er der Meinung war, seine Mitarbeiter hätten einen schweren und vermeidbaren Fehler gemacht. Im 3500. verließ sie die Kabine. Die Station war ruhig, das Licht leicht gedimmt. Vermutlich war hier zurzeit die Schlafphase. Sie ging zu ihrer Wohneinheit und öffnete die Tür. Dabei kam sie an Khendrahs Wohnung vorbei. Einen Moment stockte sie, dann betrat sie ihre eigene Wohnung. Wie oft schon hatte sie, wenn sie von einem Einsatz zurückkam, bei Khendrah geklopft und sie hatten noch lange über den Auftrag gesprochen, etwas getrunken oder sich einen Film angesehen? Das würde es ab jetzt nicht mehr geben. Sie würde ihre Freundin ausschalten müssen.
Fancan zog sich ihre Kombination aus und stellte sich unter die Dusche ihrer Nasszelle. Das heiße Wasser ließ die stumpfe Verletzung, die ihr dieser verdammte Thomas Rhoda zugefügt hatte, brennen. Sie verzog das Gesicht. Sie war eine gut ausgebildete Agentin. Wie konnte es geschehen, dass man sie so hereingelegt hatte? Sie konnte es sich nicht verzeihen. Später klebte sie sich ein kühlendes Heilpflaster auf ihre Wunde. Es würde die Wunde in wenigen Stunden ausheilen lassen. Anschließend legte sie sich auf das Bett und versuchte zu entspannen, aber die Ruhe, die sie brauchte, schien sich nicht einstellen zu wollen. Als die Schlafphase zu Ende ging, erhob sie sich und legte sich ihre neue Ausrüstung zurecht. Diesmal würde man sie nicht mehr so einfach hintergehen können. Diesmal wusste sie, dass Khendrah und Thomas Rhoda offenbar zusammenarbeiteten. Sie konnte es noch immer nicht verstehen. Sie überlegte, ob sie Ralph Geek-Thoben Bericht erstatten sollte – entschied sich aber dagegen. Sie konnte sich gut vorstellen, welche Vorwürfe er ihr machen würde. Das konnte sie nicht auch noch gebrauchen, denn sie machte sich selbst schon genug Vorwürfe.
Die Alternative war, sofort wieder in den Einsatz zu gehen. Doch wo sollte sie beginnen? Sie war sicher, dass Khendrah nicht mehr in der bisherigen Zeitebene zu finden sein würde. Sie selbst jedenfalls hätte versucht, eine andere Ebene zu erreichen. Was würde Khendrah dann mit Thomas Rhoda angestellt haben. Er gehörte in seine Zeit. Sie würde ihn nicht mitnehmen können.
Erst später wurde ihr klar, dass Khendrah schon gegen so viele Regeln verstoßen hatte, dass sie nicht sicher sein konnte, dass sie nicht auch ihre Zielperson in eine andere Zeitebene geschafft hatte. Es würde nicht leicht werden, sie dort zu finden – zumindest nicht, wenn sie auf Dauer dort untertauchen würde. Was sie brauchte, war ein Generalscan über sämtliche Zeitebenen.
Fancan rief Zeno Dorga über die interne Kommunikation an.
Völlig verschlafen meldete er sich: »Fancan? Meine Güte, was wollen Sie so früh von mir?«
»Ich muss unbedingt wissen, wo Khendrah steckt«, sagte sie. »Ihre Kommunikation scheint gestört. Sie steckt in irgendeiner Zeitebene.«
»Verdammt, du willst einen Generalscan?«, schimpfte er. »Das bedeutet wieder Berichte an die oberste Behörde. Ich hasse es. Muss es wirklich sein?«
»Zeno, bitte!«, sagte sie eindringlich. »Ich muss so schnell wie möglich ihren Aufenthaltsort wissen.«
»Ist ja schon gut«, sagte Zeno. »Gib mir dreißig Minuten, dann bin ich in der Datenbank und beantrage den Scan. Rechne aber nicht vor zwölf Stunden mit einem Ergebnis.«
»Ich danke dir, Zeno«, sagte Fancan. »Hauptsache, wir finden sie.«
Irgendwie kam sie sich schäbig vor. Sie war überzeugt, dass sie Khendrah bald aufgespürt haben würde. Ihre frühere Freundin hatte im Grunde keine Chance gegen die Maschinerie der Behörde. Zwölf Stunden hatte Zeno gesagt. Fancan hatte keine Lust, hier so lange zu warten, um dann noch ihrem Analysten über den Weg zu laufen. Sie griff ihre Ausrüstung und machte sich auf den Weg zum Aufzug, immer darauf bedacht, niemandem zu begegnen. In der Kabine drückte sie Tasten für die Basis im Jahre 6000. Dort kannte sie den Techniker sehr gut, seit sie einmal einen Einsatz hatte, bei dem sie fast einem Agenten aus Basis 6000 in die Quere gekommen war. Mit dem Techniker Giwoon verband sie noch immer eine Freundschaft über die Jahrtausende hinweg und er hatte ihr schon häufiger geholfen, wenn sie Recherchen machen wollte, die niemand mitbekommen sollte. Diesmal wollte sie selbst sich ein Bild von der Gesamtsituation machen. Irgendwie ließ es ihr keine Ruhe, dass Khendrah offenbar die Seiten gewechselt hatte. Sie wollte es zumindest verstehen.
Sie öffnete die Tür zur Basis und musste gleich geblendet ihre Augen schließen. In der Basis 6000 liebte man es, viel Licht einzusetzen. Möglicherweise war es auch einfach so, dass die Augen der Mitarbeiter hier oben in der fernen Zukunft nicht mehr so lichtempfindlich waren und aus diesem Grunde mehr Licht benötigten. Für Fancan jedenfalls war es eine Qual und sie griff schnell zu der getönten Brille, die sie eigens eingesteckt hatte. In dieser Station herrschte immer eine furchtbare Hektik. Dauernd rannte jemand an ihr vorbei, ohne sie zu beachten, doch auch sie hatte keine Lust, als Fremde bemerkt zu werden und beeilte sich, die Datenbankabteilung zu erreichen. Als sie dort eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, wurde es ruhiger. Im Gegensatz zu ihrer eigenen Basis verfügte hier jeder über einen eigenen Vollzugang zur Datenbank. Es bestand keine Notwendigkeit, zur Abteilung zu kommen, wenn man es von der eigenen Wohnung aus tun konnte.
Giwoon, der Techniker drehte sich herum, um zu sehen, wer gekommen war und erkannte Fancan. Sein Gesicht begann zu strahlen.
»Fancan, mein Schatz, dich habe ich aber lange nicht mehr gesehen«, sagte er und erhob sich. Giwoon war so gar nicht der Typ des Datenbanktechnikers. Er war fast zwei Meter groß und sportlich durchtrainiert. Spielerisch griff er Fancan und hob sie hoch. Sie lachte und ließ es geschehen. Sie genoss seine starken Hände und legte ihm ihre Arme um den Hals.
»Du bist noch genau so verrückt, wie damals, als ich zum ersten Mal hier war«, sagte sie und küsste ihn leidenschaftlich auf den Mund. Niemand ahnte, dass sie immer mal wieder hierher kam, um sich mit Giwoon zu treffen. Persönliche Kontakte waren den Agenten strengstens verboten. Daher durfte niemand wissen, dass Giwoon und Fancan sich liebten. Deswegen würde man zwar nicht liquidiert, aber eine Strafe würde ihr schon drohen, wenn es entdeckt würde.
»Wie lange kannst du bleiben?«, wollte Giwoon wissen. »Meine Schicht hat eben erst begonnen.«
»Ich bin leider in halb-dienstlicher Angelegenheit hier«, erklärte Fancan. »Ich habe einen sehr unangenehmen Auftrag und muss einfach verschiedene Dinge wissen.«
»Rede schon, worum geht es«, forderte Giwoon.
»Es geht um Khendrah«, sagte sie. »Du erinnerst dich sicher noch an meine Kollegin und Freundin in meiner Basis. Sie hat ihren eigenen Auftrag wieder korrigiert und ist nun mit ihrer Zielperson flüchtig. Ich soll sie aufspüren und liquidieren.«
Giwoon schüttelte seinen Kopf. »Ihr tötet also noch immer Menschen, um eure Korrekturen durchzuführen. Es wird Zeit, dass die oberste Behörde endlich einheitliche Richtlinien einführt. Aber du sollst sogar deine Freundin töten?«
»Sie ist eine Verräterin«, stellte Fancan fest. »Da gibt es keinen Handlungsspielraum.«
»Das ist Unsinn, Fancan«, sagte Giwoon. »Ihr müsst dort unten in der Zeit noch viel lernen. Man kann auch Korrekturen vornehmen, in dem man nach Situationen sucht, die zu vermeiden sind. Sicher, es bedeutet eine noch konsequentere Recherche und Analyse, aber es erfordert keinen so großen Eingriff in die Struktur der Korrekturebene. Und seien wir ehrlich: Es wundert mich, dass es so lange gedauert hat, bis einer eurer Agenten sich gegen dieses Morden stellt.«
»Es ist kein Morden!«, verteidigte sich Fancan. »Es sind notwendige Eingriffe zum Schutz der Menschheitsentwicklung.«
»Möglich!«, sagte Giwoon rätselhaft.
»Was meinst du mit ‘möglich’? Willst du etwa unser ganzes System infrage stellen?«
»Wäre das so schlimm? Wir sind alle nur Menschen.«
Fancan sagte nichts mehr. Giwoon machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Fancan, ich will nicht mit dir streiten. Ich bin viel zu froh, dass du mal wieder bei mir bist. Hier kommt sowieso niemand her. Also: Was möchtest du trinken? Wir sollten unser Wiedersehen auch gebührend feiern.«
Fancan sah ihn einen Moment ernst an, doch dann stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen und sie warf sich ihm in die Arme.
»Verdammt, ich liebe dich«, sagte sie und ihre Hände suchten sich dabei einen Weg unter seine Kombination.

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Wie es weitergeht, erfahrt Ihr in der nächsten Fortsetzung am 6.April 2019.

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Die Wölfe von Asgard – Das Koster (2/2)

Snorri spürte, wie sein Herzschlag vor Aufregung gegen die Brust trommelte, als er das Kloster in der Ferne ausmachte, während er sich eifrig in das Ruder stemmte. Die Zeit war gekommen. Nun galt es für ihn, sich vor den Göttern zu beweisen, um ihre Gunst zu erlangen, damit sich eines Tages ihre Tore für ihn öffnen würden. Seine Hand wanderte für einen kurzen Moment zu seinem Schwert, bevor er wieder das Ruder griff, um nicht aus dem Takt zu geraten. Er fühlte sich bereit. Bereit, wie ein tapferer Seemann nur sein konnte. 
Sein Blick steuerte zu Knutson, der ihn bedächtig betrachtete.
»Nun, Snorri Naseweis, wird sich dir offenbaren, für welches Handwerk du bestimmt bist. Ist es das Schlachten? Ist es das Plündern? Oder ist es die Gnade?« 
Snorri runzelte die Stirn. Manchmal konnte sein Steuermann wirklich seltsam sein. »Ich werde tun, was ich tun muss«, erwiderte er achselzuckend. 
Dann bemerkte er, dass einer der Ustenströmer ihn mit einem vor Abscheu triefenden Blick betrachtete. 
Als er jedoch genauer hinsah, wendete der Mann sich ab.
Komische Vögel, alle miteinander. Nicht besonders helle und streitlustig obendrein. 
Er seufzte.
Islav wird schon wissen was er tut. Wenigstens haben sie seit unserem ersten Aufeinandertreffen nicht noch einmal versucht mich totzuprügeln.
Snorri richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den grünen Fleck, der immer näher an sie herankroch und mittlerweile eine graue Spitze in seiner Mitte aufwies. 
Das Kloster. Endlich. 

»Seichtes Gewässer voraus. Mast kippen und bereitmachen zum Anlanden!«, brüllte Knutson aus voller Kehle.
Sofort führten die Männer seine Befehle aus. 
Das Eiland, das sich nun vor ihnen erstreckte, bedeckten saftige grüne Weiden und auf einem Hügel über ihnen thronte das Kloster wie ein trotziger steinerner Wächter, der ihr Kommen bereits erwartete. 
Als Snorri genau hinhörte, vernahm er das Läuten einer Glocke. 
Sie wissen, dass wir kommen. Aber jetzt ist es zu spät für sie.
Das Schiff steuerte in eine Bucht. Von hier aus würden es ein Leichtes werden, den Hügel zu stürmen.
»Ruder einholen!« Knutson gab dem Steuer einen letzten Ruck, dann traf der Bug auch schon auf den weichen Küstensand und pflügte elegant durch ihn hindurch, bis das Boot schließlich zum Stillstand kam. 

Brüllend sprangen die Männer über die Reling, jene von den anderen Schiffen taten es ihnen gleich. Wie eine Flut aus Helmen, Schwertern, Speeren, Äxten und Schildern preschten sie den Hügel empor. 
Snorri stieg ein Gefühl in die Brust, das ihn federleicht machte. Unbesiegbar. Er rannte an die Spitze der Kolonne und war einer der ersten, der die massive Pforte des Klosters erreichte. »Verschlossen! Holt eure Äxte und zeigt diesen Mistkerlen, dass sie uns nicht aufhalten können!« 
Er wurde mit Gejohle quittiert, dann ertönte das erste Krachen, als die Waffen gegen das Holz donnerten. 
»Nehmt euch alles, was ihr greifen könnt! Jeder, der sich uns in den Weg stellt, ist des Todes!«, verkündete Islav lautstark. 
Dann gab die Pforte nach und mit einem Ächzen flog sie aus ihren Angeln.

»Hinein! Schlachte sie alle ab!« Magnars Stimme grollte als wäre er Tyr in Person. Sein eiserner Blick allein hätte gereicht, um ein Dutzend Feinde zu töten.
Plötzlich trat ein Mann in einer braunen Kutte aus der Dunkelheit hervor. Er hob beschwichtigend die Hände, kniete sich vor ihnen nieder und wiederholte Worte in einer fremdartigen Sprache. 
Magnar bäumte sich lachend vor ihm auf. Dann hackte er mit dem Schwert wieder und wieder auf ihn ein, bis von dem Mann nur noch abstrakte Fetzen und eine große rote Lache übrigblieben. 
»Das war der Erste!«, johlte er. Blutspritzer bedeckten sein gesamtes Gesicht und entstellten es auf eine tierische Art und Weise. 
Snorri merkte, wie sich bei diesem Anblick eine Gänsehaut auf seinem Nacken formte, die langsam in Richtung seines Rückens kroch. 
Dieser Mann ist ein Monster. Ich sollte mich hüten, ihm in die Quere zu kommen. 
»Hinein!« 
Die Schar stürmte an Magnars Seite in das Innere des Klosters. 
Snorri folgte ihnen dichtauf. 
Die hohen Decken und kunstvollen Verzierungen des Gebäudes ließen ihn den Atem anhalten. Wer immer hier lebte, er musste reich sein. Prunkvolle Säulen griffen nach dem Himmel und bunte Fenster aus Mosaik ließen ein spielerisches Licht durch die Hallen glitzern. 
Doch dann begannen die ersten Schreie das Kloster mit ihrem Klagelied zu erfüllen, das anschwoll zu einem Chor der Agonie. 
Die Männer fielen über die wehrlosen Mönche her und veranstalteten ein Massaker unter ihnen. Jene, die nicht zu fliehen vermochten, wurden zusammengetrieben und erschlagen. Ihr Blut färbte den Boden rot.
Snorris Ansturm endete so jäh wie er begonnen hatte. Er blickte in furchterfüllte Gesichter unterschiedlichen Alters, voller Verzweiflung und Todesangst. Manche schienen zu beten, andere winselten, andere wiederum wirkten wie in Stein gemeißelt. Ungefähr die Hälfte der Mönche lag regungslos auf dem Boden, ihre Kutten in ein nasses rot gefärbt. Leblose Augen starrten den jungen Nordmann klagend an.
»Was machen wir mit dem hier?«, der fettleibige Ustenströmer, der sich vor ein paar Tagen mit Snorri eingelassen hatte, zerrte eifrig einen weiteren Mann an den Haaren herbei. »Hat sich in einem Schrank versteckt. Soll ich ihm die Zähne aus dem Maul prügeln und ihn daran ersticken lassen? Oder soll er seine Zunge fressen?«, er zückte quiekend vor Begeisterung ein Messer, während er sprach. 
Snorri wandte sich ab. Das wollte er nicht mit ansehen. Seine Kampfeslust gefror wie eine Pfütze, die vom ersten Hauch des Winters geküsst wurde.
Die gurgelnden Schreie, die im Anschluss durch die Halle hallten, waren das schlimmste, was er je gehört hatte. Sie brannten sich wie ein glühendes Eisen durch seinen Kopf und schienen nicht enden zu wollen. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kehrte eine bedächtige Ruhe im Kloster ein. 
Angeekelt drehte Snorri sich um. 
Von dem Gesicht des Mannes war kaum etwas an der richtigen Stelle geblieben. 
Er merkte, wie sein Magen zu rebellieren drohte. Die Worte Islavs, das Kloster auf weitere Schätze zu untersuchen und die restlichen Mönche auf die Schiffe zu treiben, bekam er nur am Rande mit. 
Dann merkte er plötzlich, wie jemand an ihn herantrat. 
»Nicht gerade angenehm, hm?« Knutson spuckte aus. »Brutale Bastarde, allesamt. Wir kamen um zu plündern, nicht um zu morden. Einige scheinen das vergessen zu haben. Tu gut daran, etwas nach Hause mitzubringen. Das ehrt deine Taten und du kannst es womöglich gebrauchen. Lass das hier nicht umsonst gewesen sein. Und …«, er schien kurz zu grübeln, dann lächelte er, »ich werde keinem von deinem Gesichtsausdruck erzählen, versprochen.« Er wandte sich ab.
Snorri schluckte, dann klopfte er Knutson noch einmal auf die Schulter. »Ich danke dir«, presste er leise hervor.
Der alte Nord nickte ihm kurz zu, dann verschwand er durch eine Tür, die in den Keller zu führen schien. 
Snorri fasste sich ein Herz und tat es ihm gleich. 

Er eilte durch einen schmalen Gang, der sich einmal durch das gesamte Kloster winden musste, so lang war er, vorbei an Türen und einer Treppe. Der junge Nordmann beschloss ihr zu folgen und erreichte einen weiteren Korridor, der mit seltsamen Gemälden versehen war. Wieder und wieder erschien darauf ein Mann, der zu Tode geschunden wurde. Zunächst trug er ein Kreuz auf dem Rücken und wurde durch die Stadt gejagt. Später nagelte man ihn an ebendieses Kreuz und ließ ihn qualvoll verenden. Als er zu Grabe getragen wurde, trauerten die seinen um ihn. Doch besonders das letzte Gemälde zog Snorri in seinen Bann. Der Mann musste sein Grab verlassen haben, obwohl ihn der Tod bereits ereilt hatte. 
Sein Gott hat ihn zu sich gerufen. Obwohl er so jämmerlich starb. 
Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, riss ihn ein Winseln, unweit von seiner Position entfernt, zurück in die Gegenwart. 
Das kommt aus einer der Kammern.
Snorri griff nach seinem Schwert und pirschte sich an die Tür heran. Zögerlich öffnete er sie. 
Dahinter befand sich ein karger Raum, kaum mehr als eine Zelle, mit einem winzigen Fenster und einer Matratze aus Stroh, unter der sich ein Mönch verbarg, die Hände zum Gebet gefaltet, während er wieder und wieder dieselben Worte winselte. 
Ein kurzer Blick sagte Snorri, dass es hier nichts zu holen gab. 
Auf einmal ertönten Schritte auf der Treppe. »Vorwärts, Hunde!« Snorri erkannte die Stimme sofort. Die gehörte seinem neuen besten Freund, dem fettleibigen Ustenströmer. Er blickte in die Augen des Mönches, das flehende Flackern von Lebensfreude lag darin. 
Dann bogen die Männer um die Ecke.
Snorri ließ schnaubend die Tür ins Schloss fallen. »Hier oben haben die Mistkerle an Prunk gespart. Die Bilder könnten etwas wert sein, aber in ihren Zellen findet ihr höchstens einen Verrichtungseimer voller Scheiße!«, zeterte er wüst und hoffte die Männer würden ihm nicht ansehen, dass er log. 
»Viel mehr hast du auch nicht verdient, du Zwerg«, höhnte der Dicke und kam dabei gefährlich nahe an ihn heran. 
Doch zu Snorris Erleichterung beließ er es bei dem gehässigen Kommentar und sah davon ab, sich selbst zu überzeugen. 
»Die Gemälde gehören jetzt Magnar. Irgendwelche Einwände?«, kläffte er stattdessen.
Snorri verneinte.
»Braves Hündchen. Vielleicht findest du ja doch einen Platz an unserer Seite.« Die Ustenströmer lachten kurz, dann verschwanden sie so schnell wie sie aufgetaucht waren. 
Erst in diesem Moment merkte der junge Nordmann, dass er die Luft angehalten hatte. Gierig saugte er sie ein. Sein Blick steuerte ein letztes Mal zu der Tür, hinter der sich der Mönch verbarg. Über ihr war ein goldenes Kreuz angebracht worden. Und da überkam ihn schlagartig die Gewissheit, dass es sich hierbei nur um ein Zeichen handeln konnte. 
Du bist wie sie. Du hast deine eigenen Worte verraten. 
»Verdammt sollst du sein, Bruderherz«, grummelte er, während er danach griff. Das Kreuz lag schwer in seiner Hand, es musste also etwas von Wert sein. Heimlich ließ Snorri es in seine Tasche gleiten. Kopfschüttelnd machte er sich daran, wieder zu den anderen zu stoßen. 

Die Männer drängten gerade die verbliebenen Mönche aus dem Kloster, ihre Arme in Ketten gelegt, ihre Mienen versteinert und blutverschmiert. 
Knutson gesellte sich zu ihm, er trug einen Sack über der Schulter und grinste verschmitzt. »Ein Altar«, er nickte in Richtung des Sackes, »im Keller. Gab ordentlich was zu holen. Und bei dir?«
Snorri griff in die Tasche, dort wo das Kreuz lag. »Auch ich habe etwas gefunden«, murmelte er gedankenversunken. 
Verdammt, Aegir, warum nur vermochte ich nicht die Wahrheit zu sehen?
Zu seinem Glück beharrte Knutson nicht weiter auf einer Antwort, wofür er eine gewisse Dankbarkeit verspürte. 
Als sie die Schiffe erreichten, konnte Snorri nicht anders als sich instinktiv nach seinem Bruder umzusehen. Sie mussten reden.
Als hätte er ihn gehört, eilte der Riese auch schon auf ihn zu. 
»Wir müssen reden!«, Aegir zog Snorri hinter einen Baum. 
»Du hast Recht, Bruder, ich … ich …«, plötzlich fielen Snorri keine Worte mehr ein, um zu erklären, was ihm passiert war.
»Keine Zeit. Wir stecken tief in der Scheiße«, erklärte Aegir mit sorgenschwerem Gesicht. Er sah sich nervös um.
Islav kam auf sie zugesteuert. »Aegir! In meine Kajüte! Sofort!«, blaffte er harsch. 
»Was meinst du?«, flüsterte Snorri aufgeregt.
»Hüte dich vor den Ustenströmern, und sag es auch den anderen. Sie werden uns hintergehen, wenn die Zeit gekommen ist. Wir müssen uns vorbereiten. Ich werde versuchen Islav zu überzeugen.« Mit diesen gezischten Worten wandte er sich ab und ließ seinen kleinen Bruder allein.
Snorri schluckte. Ein bitteres Gefühl, schwer von Vorahnung, machte sich auf seiner Zunge breit und hinterließ einen faden Geschmack. 
Als er zu den Schiffen zurückkehrte, empfing ihn Gejohle.
Einige der Ustenströmer hatten sich einen Mönch geschnappt und tauchten ihn wieder und wieder unter Wasser, bis er wie ein Wilder zappelte. Lautstark wurden Wetten abgeschlossen und die ersten erbeuteten Münzen wechselten bereits ihren Besitzer. 
Irgendwann regte er sich nicht mehr. Murrend wandten sich die Männer von ihm ab. 
Snorri spürte einen maßlosen Ekel in sich aufkeimen. Er würde Knutson und den anderen berichten, was Aegir ihm erzählt hatte. Und da wurde ihm bewusst, dass die Schlacht, für die er eigentlich vorhergesehen war, gerade erst begonnen hatte.

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Gottes Hammer VI

Die Rauchsäulen kamen immer näher und langsam lichtete sich der Wald. Teshin gelangte unbehelligt auf eine mäßig gepflasterte Straße. Erleichtert atmete er tief durch. Er hatte eine Zeit lang befürchtet, von Räubern angegriffen zu werden. Man sagte gesetzlosen Diebesbanden nach, mit Vorliebe düstere Forste als Heimatort zu erwählen.

Außer einem schwarzen Vogel mit einem hellen Punkt auf dem kleinen Kopf begegnete Teshin keinem anderen Lebewesen. Das Tier starrte ihn aus klugen dunklen Augen an, bevor es mit einem Krächzen im grünen Dach der Nadeln verschwand. Teshin sah ihm neugierig nach, bevor er die Straße betrat.

Kalter Wind riss an seiner Tunika. Teshin zog den Stoff enger um seinen Körper. Für einen Frühlingstag erschien ihm dieses Wetter wenig passend. Die Zeit in Aminas hatte er wärmer in Erinnerung. Befand er sich etwa soweit im Norden, dass das Klima sich dem natürlichen Kreislauf verwehrte?

Die Antwort traf ihn härter. Teshin passierte einen kleinen Hain, dessen Laubbäume sich im Wind wiegten, als ihm die Unzahl an bunten Blättern ins Auge fiel. Zur Hälfte zierten die natürlichen Gewänder bereits die Erde. Der Herbst war über das Land hereingebrochen!

Geschockt betrachtete Teshin die Blätter. Konnte er wirklich monatelang ohne Bewusstsein in der verlorenen Kirche von Sankt Esben gelegen haben? Oder war er möglicherweise im Kampf gegen den Dämon gestorben und … wiederbelebt worden?

Weder das eine noch das andere ergab Sinn. Er war kein heiliger Prophet, der das Wort Gottes verkünden konnte, sondern nur ein heimatloser Exilant, der sich auf unrühmliche Weise als Söldner verdingte. Darüber hinaus stellte er sich gegen die Denomination und ihre Lehren. Nein, bestimmt war es nur ein Gedächtnisverlust. Vielleicht hatte er ja sogar für einen Auftraggeber die erste Kirche gesucht und dabei seine Erinnerungen eingebüßt.

Bestimmt war es nur Gedächtnisverlust!, imitierte ihn die kindliche Stimme in seinem Kopf gehässig. Sicher. Wer geht denn bitte in einen Wald und verliert dort die Erinnerung an die vergangenen paar Monate? Wie soll das denn gehen? Durch einen Steinschlag vielleicht?

„Was soll es sonst sein?“, erwiderte Teshin herausfordernd. „Oder weißt du mehr als ich?“

Wir reden später weiter, entgegnete die Stimme angespannt. Da kommen Menschen.

Tatsächlich vernahm Teshin Hufschläge. Als er sich umwandte, näherte sich ein Pferdewagen, der auf der schlechten Straße sichtlich langsam vorankam. Als er das Gefährt besser erkennen konnte, sah Teshin zwei Bewaffnete auf dem Kutschbock. Eine Plane verdeckte ihre Ladung. Offenbar kamen sie gerade aus dem Dorf, dessen Rauchsäulen verführerisch den Himmel sprenkelten.

Teshin winkte. Der ältere von beiden, ein bärtiger Offizier in Rüstung, riss an den Zügeln und brachte den Wagen zum Stehen. Interessiert musterte er Teshin.

„Seid gegrüßt“, sagte Teshin. Sein Blick fiel auf den noch jungen Begleiter des Offiziers, der ihn beunruhigt ansah und dabei sein Kurzschwert umklammerte. Offenbar befürchtete er einen Hinterhalt.

„Gleichfalls“, antwortete der Offizier mit brummender Stimme. „Wohin des Weges, mein junger Freund? Um diese Jahreszeit ist der Wald gefährlich, selbst wenn man eine Waffe trägt.“ Dabei deutete er mit dem Kinn auf Teshins Schwert Murakama.

Teshin lächelte. Er beschloss, möglichst bei der Wahrheit zu bleiben.

„Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich habe mich ein wenig verlaufen“, gestand er. „Würdet Ihr mir vielleicht verraten, wo ich bin?“

Der Offizier strich sich gedankenverloren über den dichten weißen Bart, Erst jetzt sah Teshin die Falten um seine Augen. Offenbar hatte die Zeit ihr Werk getan.

„Ihr seid in der Nähe des Dorfes Raureif im Norden“, erwiderte er schließlich. Er schien zu dem Schluss gekommen zu sein, dass Teshin keine Gefahr darstellte. „Wenn Ihr wollt, können wir Euch bis in die nächstgrößere Stadt mitnehmen. Wir befinden uns ohnehin gerade auf dem Rückweg. Nur Eure Waffe müsst Ihr mir übergeben.“

Teshin nahm das Angebot an. Er kannte den Namen Raureif nicht. Er nahm aber an, im berüchtigten Heidenwald im Norden gelandet zu sein. Angeblich hielten hier Ketzer unheilige Versammlungen ab, bei denen sie ihren Dämonengöttern opferten. Was für eine Ironie, das ausgerechnet hier Sankt Esbens Kirche erbaut worden war!

Der jüngere Soldat ergriff Murakama und verschwand hinter der Plane. Er kam nicht wieder hervor. Schließlich wandte sich Teshin auf dem Kutschbock verwirrt um und fragte: „Wo bleibt der Junge denn solange?“

Der Offizier lachte, während die Räder des Wagens den Waldboden berührten. Schon umfing Teshin wieder die vertraut gewordene Dunkelheit der Bäume.

„Der ist nur froh, dass er bei den anderen dreien drinbleiben kann! Diese verweichlichten Jungen wollen nicht gern in der Kälte auf dem Kutschbock sitzen. Aber es müssen immer zwei Mann hier sein, damit einer im Notfall die Zügel übernehmen kann.“

„Dann bin ich jetzt also Ersatzsoldat?“, mutmaßte Teshin amüsiert. Der Offizier schüttelte schief grinsend den Kopf.

„Ohne Schwert, ohne Rüstung und ohne Helm? Mit Verlaub!“

Er wurde also immer noch unterschätzt. Teshin klammerte sich an diese eine vertraute Sache wie an einen Rettungsanker. Dass er keine Rüstung brauchte, verschwieg er dem Mann wohlweislich.

„Ich heiße Ulrich“, sagte der Offizier unvermittelt und streckte Teshin eine Hand hin. „Ich bin eigentlich in Aminas stationiert, aber ich musste die paar Neulinge hier in einem Außenposten ganz in der Nähe ausbilden und bin dann auf einer Mission hier gelandet.“

„Ich bin Teshin.“ Er erwiderte den Händedruck. „Söldner,“

Ulrich nickte wissend. „Das war ein gutes Jahr für Söldner. Die Inquisitoren haben beinahe alle verfügbaren Krieger in ihren Dienst genommen. Man munkelt, dass sie nach Hornheim marschieren wollen.“

Ulrichs Worte bestätigten Teshins Angst bezüglich der vergangenen Monate. Doch bei der Erwähnung der Inquisitoren wurde er ebenfalls hellhörig.

„Was ist Hornheim?“, fragte er verwirrt.

Gerade als sie tiefer in den Wald fuhren, vollführte die Straße plötzlich einen Knick und führte sie wieder aus dem Schatten der Bäume. Offenbar hatte man sie mit voller Absicht um den Wald herum angelegt.

Ulrich knurrte etwas Unverständliches, bevor er fortfuhr. „Ein heidnischer Tempel, nicht weit von hier. Angeblich treiben Dämonen aus der gottlosen Zeit dort ihr Unwesen. Ich war noch nie dort, aber man erzählt sich einiges im Volksmund. Außerdem hat sich einigen Gerüchten zufolge ein Schwarzmagier in Hornheim einquartiert. Er soll erst vor einigen Wochen einen Schwertdämon mit leuchtender Eisklinge auf die Bewohner von Raureif gehetzt haben.“

Teshin trafen die Worte wie ein Schlag in die Magengrube. Murakamas blauen Schein könnte man durchaus als Merkmal eines verwunschenen Eiszapfens auffassen. Hatte am Ende er diesen Überfall verübt und danach die Erinnerung daran verloren?

Ulrich ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. Stattdessen seufzte er wehmütig. „Es sind dunkle Zeiten, obwohl der Krieg endlich zu Ende gegangen ist. Überall tanzen die Hexen zur Musik der Dämonen. Immerhin ist nun Gottes Hammer erwacht.“

Teshin schüttelte den Kopf, nun endgültig von der Flut an Informationen überwältigt.

„Gottes Hammer?“

Ulrich betrachtete ihn belustigt. „Ihr müsst schon lange umherreisen, mein junger Freund. Überall predigen die Priester davon. Gottes Hammer ist hier und wird bald schon alles Übel vernichten. Worum genau es sich handelt, weiß aber niemand. Nur mein Herr scheint davon Kenntnis zu haben.“

„Euer … Herr?“ Teshin ahnte, was kommen würde.

Ulrich nickte stolz. „Der gesegnete Inquisitor Medardus. Ich bin ein Mitglied des Ordens der Tempelsöhne, Ulrich von Aminas.“

Teshin schwankte zwischen Grauen und Verwunderung. Die Tempelsöhne galten als geistliche Ritter, die hohes Ansehen bekleideten. Ausgerechnet am äußersten Rand der bekannten Welt auf einen solchen Mann zu stoßen, hätte Teshin niemals erwartet.

„Meine Verehrung“, sagte er schließlich perplex. „Ich fühle mich geehrt.“ Dies war nicht seine harmloseste Lüge. In seinen Augen waren die Tempelsöhne nicht mehr als die Schoßhunde der Inquisitoren. „Ich hätte nur eine … prunkvollere Aufmachung Eurerseits erwartet.“

Ulrich lachte laut auf. „Wir schwören einen Eid auf Keuschheit und Bescheidenheit, Teshin. Unsere schönen Rüstungen tragen wir nur bei Zeremonien. Diese hier ist zwar weniger eindrucksvoll, aber sie tut ihren Dienst. Ich brauche kein glänzendes Gold, um Gott Vater zu dienen.“

Teshin nickte langsam. Diese Erkenntnis beschädigte sein Bild des schrulligen Ulrichs, den er insgeheim schon vor der Konversation als gemütlichen Hauptmann vom Lande eingestuft hatte. Die Ritterwürde wäre Teshin erst zuallerletzt eingefallen.

„Vater Ulrich!“, rief einer der jungen Anwärter plötzlich von hinten. „Die Gefangene muss sich erleichtern!“

Ulrich seufzte. „Schon wieder? Na gut. Wir halten an. Binde sie los, junger Sohn.“ Dabei fiel sein Blick auf Teshin. „Seid so gut und begleitet ihn zu dieser Hexe. Meine Schüler sind so zaghaft, wenn sie losgebunden wird.“ Er grinste. „Wenn Ihr ihr furchtlos begegnet, wird sie das künftig anspornen.“

Teshin konnte nur entsetzt nicken. Ein übles Gefühl der Vorahnung marterte sein Herz.

„Was für eine Gefangene?“, fragte er heiser.

„Ich erzählte Euch doch von dem Angriff auf Raureif? Die Dorfbewohner haben eine mutmaßliche Hexe von Hornheim festgesetzt. Meine Schüler und ich, wir sollen sie abholen und zu Medardus nach Aminas bringen“, antwortete Ulrich bereitwillig.

Teshin nickte kraftlos. Der beunruhigte Schüler ließ ihn hinter die Plane. Drei nervöse Gesichter empfingen ihm, wobei einer der jungen Anwärter ihm Murakama reichte. Die Hexe schien sie in Todesangst zu versetzen.

Als Teshins Blick auf sie fiel, zerbrach etwas in ihm.

Es handelte sich um ein junges Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen, das hier mit Eisenketten an die hölzerne Wand gefesselt auf dem staubigen Boden lag. Eisblaue Augen musterten ihn, während sie offenbar die aufkeimende Furcht zu bezähmen versuchten. Eine ungekannte Härte schien ihren Glanz zu rauben.

Teshin musste sich mit einem Mal vorstellen, wie Medardus seine lodernden Augen auf dieses junge Geschöpf richtete, wie das Mädchen unter dem Gejohle des Volkes von Aminas zum Scheiterhaufen geführt wurde, während in Raureif Angehörige keine Tränen vergießen durften. Ihn befiel solche Qual, dass innere Barrikaden zerbarsten und lange gehegter Groll seinen Weg an die Oberfläche fand.

Ob es an der Ungewissheit um seine Vergangenheit oder an den Erinnerungen an die nette Frau im Garten aus seiner Kindheit lag, vermochte Teshin nicht zu sagen. Ihn durchfloss nie gekannte Wut, die nichtsdestotrotz auf seltsam vertraute Weise seine Klinge führte. Ehe Teshin einen vernünftigen Gedanken fassen konnte, hatte er Murakama gezogen.

Der blaue Schein brüllte unheilvoll auf und sein Schatten tanzte an der Wand, als Teshin die Bretter des Wagens mit Blut tränkte. Ein einziger Hieb entsandte seine vier jungen Opfer in die Weite des Todes.

Von unbändiger Wut getrieben, sprang Teshin unter der Plane hervor. Ulrich starrte ihn erschrocken an, seine Hand fuhr zum Schwert und sein Mund wölbte sich zum Anstimmen eines heiligen Gesangs. Doch es war zu spät.

Lautlos bohrte sich Murakama in den Leib des betagten Ritters. Teshin fühlte, wie die Magie von ihm wich wie Feuer von Wasser. Als heiliger Mann hätte er gewiss einen Choral eingesetzt.

Ulrichs geweitete Augen holten Teshin in die Realität zurück. Während der Leichnam wie in Zeitlupe vom Kutschbock glitt, erlosch Murakamas hungriges Leuchten.

Zwei Sekunden hatten genügt, um fünf Seelen ihren Leibern gewaltsam zu entreißen und Teshin vom Söldner zum Monster zu erheben.

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Korrekturen 06

6.Teil – Flucht nach vorn (2/2)

Sie arrangierten es so, dass Fancan Khendrah finden sollte und sie dabei scheinbar überraschte. Khendrah war sicher, dass Fancan unter diesen Umständen nicht gleich ihre Waffe abfeuern würde, sondern erst mit ihr reden würde.
Dann war es so weit. Fancan schlich mit schussbereiter Waffe in den Schlafzimmerbereich, den sie dafür vorgesehen hatten. Als sie einen Vorhang beiseite schob, sah sie Khendrah, die angestrengt in die andere Richtung starrte – ebenfalls die Waffe in der Hand. Fancan brachte sich in eine gute Position und hielt die Waffe im Anschlag.
»Hallo Khendrah«, sagte sie. »Lass sofort deine Waffe fallen und schieb sie mit dem Fuß zu mir rüber.«
Khendrah tat überrascht und machte einen resignierenden Eindruck. Sie drehte sich herum und legte ihre Waffe auf den Boden. Dann gab sie ihr einen Stoß, worauf sie vor Fancans Füßen landete. Fancan beachtete sie nicht, sondern ließ Khendrah nicht aus den Augen.
»Du weißt, warum ich hier bin, nicht wahr?«
»Natürlich weiß ich das«, meinte Khendrah sarkastisch.
»Warum?«, fragte Fancan. »Du bist meine Freundin. Ich will dich nicht töten, aber du weißt, welche Strafe auf Verrat steht. Ich muss dich liquidieren. Ich würde nur gern wissen, warum du es getan hast. Ich möchte es einfach nur verstehen.«
»Willst du das wirklich? Ich bin nicht sicher, ob du es verstehen würdest.«
Fancan blickte suchend in verschiedene Richtungen. »Ihr wart vorhin zu zweit. Wo ist der andere?«
»Glaubst du, ich rette einen Menschen vor den Machenschaften der Behörde und gebe ihm dann nicht die Chance, zu überleben? Ich hab ihn fortgeschickt. Es wurde für ihn zu gefährlich, länger mit mir zusammen zu sein. Ich kann ihn nicht mehr beschützen.«
»Verdammt Khendrah! Du hast alles aufs Spiel gesetzt! Für ein Korrekturziel? Jetzt muss ich euch beide erledigen. Du glaubst doch nicht, dass sich ein Korrekturziel lange vor mir verstecken kann.«
In diesem Moment öffnete sich der Vorhang hinter Fancan und Thomas schlug ihr ein Regalbrett über den Kopf. Fancan schrie auf und drückte instinktiv die Waffe ab, aber Khendrah hatte sich schon mit einem Hechtsprung über das Bett in Sicherheit gebracht. Ein großes, rundes Stück des Bettes, wo sie eben noch gestanden hatte, fehlte. Fancan verfolgte sie mit dem Lauf der Waffe, doch ein weiterer Schlag mit dem Brett machte ihren Bemühungen, einen zweiten Schuss abzufeuern, ein Ende.
Khendrah war sofort wieder auf den Beinen und sicherte die beiden Waffen.
»Das Timing war gut«, lobte sie. »Du hast sie vollkommen überrascht. Ich glaube, sie hatte es mir wirklich abgenommen, dass ich dich fortgeschickt habe.«
Thomas stand noch immer mit dem Brett in der Hand und blickte auf die bewusstlose Fancan.
»Sie wird ordentliche Kopfschmerzen haben, wenn sie zu sich kommt«, sagte er. »Was tun wir nun mit ihr?«
»Erst einmal fesseln«, sagte Khendrah grinsend und zog diverse dicke Kordeln aus den Vorhängen der Dekoration. Geschickt fesselte sie Fancan an Händen und Füßen. Kurz darauf kam sie wieder zu sich und sah zu Khendrah empor.
»Du hast mich doch noch täuschen können«, stellte sie nüchtern fest. »Wieso hast du dir noch die Mühe gemacht, mich zu fesseln? Mach schon, jetzt musst du mich erledigen.«
»Wie kommst du darauf? Ich hab nicht vor, dich zu töten, Fancan. Wie du schon sagtest, sind wir Freundinnen. Im Gegensatz zu dir habe ich nicht den Auftrag, dich auszulöschen.«
»Du hast keine andere Wahl, Khendrah. Wenn du mich nicht tötest, werde ich dich jagen, bis ich dich habe. Du hast uns verraten. Du bist verurteilt.«
»Ich möchte dir jemanden vorstellen«, sagte Khendrah. »Das hier ist Thomas Rhoda, der dich überwältigt hat.«
»Überwältigt von der Zielperson«, sagte Fancan bitter. »So weit ist es mit mir schon gekommen. Ich kann dir nur raten, mich jetzt und hier zu liquidieren.«
»Mein Gott, ich kann mir dieses Gefasel nicht länger anhören!«, fuhr Thomas dazwischen. »Was trichtern sie euch eigentlich ein, damit Ihr diesen ganzen pathetischen Unsinn selbst glaubt? Eure ganze Behörde ist eine Realität gewordene Perversion!«
»Allein für diese blasphemischen Äußerungen hast du den Tod verdient, Thomas Rhoda«, sagte Fancan.
»Wir können uns noch lange gegenseitig fertigmachen, Fancan«, sagte Khendrah. »Aber er hat recht. Die Behörde hatte ursprünglich gute Ansätze. Sie wurde von Idealisten gegründet, jedoch von Menschen geführt. Menschen sind gierig und korrupt. Ich hatte herausgefunden, dass Ralph Geek-Thoben es war, der angeblich analysiert hatte, dass Thomas’ Tod erforderlich ist, um eine große Zahl von Menschenleben zu retten. Nach meiner Korrektur stellte ich fest, dass es gerade meine Korrektur war, die erst eine Gewaltdiktatur und die vielen Toten möglich gemacht hat.«
»Wir Agenten sind doch gar nicht in der Lage, alle Komponenten einer Korrektur zu überblicken, Khrendrah«, wandte Fancan ein. »Wie kannst du dir anmaßen, die Ergebnisse eines Analysten anzuzweifeln, der wirklich alle Faktoren kennt? Wir sind nur das Werkzeug, nicht mehr.«
»Fancan, ich kenne mehr Faktoren dieses Falles, als ich kennen dürfte. Ich habe mir die Daten beschafft. Ralph Geek-Thoben ist aus dem späten einundzwanzigsten Jahrhundert und der Diktator, den ich erst möglich gemacht habe, kommt im zweiundzwanzigsten Jahrhundert an die Macht und sein Name lautet Herwarth Thoben. In der ursprünglichen Geschichte konnte Herwarth Thoben nicht an die Macht kommen, weil ihm ein Gunter Manning-Rhoda im Weg war – ein Nachfahre meines Begleiters hier.«
»Du hast allen Ernstes die Akte des Analysten gelesen?«, fragte Fancan entgeistert. »Und da erwartest du Verständnis von mir?«
Khendrah verdrehte ihre Augen. »Fancan, muss ich dir erst Verstand einprügeln? Ja, ich habe Ralphs Akte gelesen. Ja, das ist ein gesetzliches Vergehen. Aber es ist nichts gegen das, was ich dabei herausgefunden habe! Das System ist korrupt. Wo kommen wir hin, wenn Analysten ihre Position ausnutzen können, um ihren Angehörigen, die sie eigentlich niemals mehr wiedersehen dürften, zu Reichtum und Macht zu verhelfen?«
»Khendrah, du bist verblendet«, warf Fancan ihr vor. »Sicher gibt es immer wieder Fehler, aber wir – die Behörde – sind auch diejenigen, die diese Fehler immer wieder beheben können. Ohne uns würde im Zeitfluss die totale Anarchie herrschen. Die Errichtung der obersten Behörde für Korrekturen ist das Größte, das die Menschheit jemals geschaffen hat. Stell diese Leistung bitte nicht infrage. Du kannst mich nicht überzeugen, Khendrah. Dieser Mann dort hat dich verwirrt. Töte ihn und die Zeit ist wieder im richtigen Gleichgewicht.«
Thomas blickte zwischen den beiden Frauen hin und her. Er spürte, dass sich sein Schicksal jetzt und hier entscheiden konnte.
»Fancan, du tust mir wirklich leid«, sagte Khendrah schließlich. »Wir werden dich nun hier zurücklassen müssen. Hoffentlich werden wir uns nicht mehr begegnen, bevor du deine Meinung geändert hast.«
Fancan zerrte an ihren Fesseln und sah Khendrah mit blitzenden Augen an. »Wenn du mich jetzt nicht tötest, werde ich dich jagen, Khendrah. Ich werde nicht diese lächerlichen Hemmungen haben. Ich werde meine Aufträge erfüllen.«
Khendrah griff zu ihrer Waffe und nahm einige Einstellungen daran vor.
»Das fürchte ich auch, Fancan. Ich geb jedoch die Hoffnung nicht auf. Du bist intelligent. Du solltest deinen Verstand irgendwann gebrauchen und nicht nur die eingetrichterten Programme ausführen. Thomas und ich werden einen Vorsprung brauchen, deshalb werde ich dich für etwa vierundzwanzig Stunden ausschalten. Ich wünsche uns allen Glück, Fancan. Du warst und bist meine beste Freundin.«
Fancan starrte Khendrah hasserfüllt an und zerrte immer wieder an ihren Fesseln. Khendrah hob ihre Waffe und schoss. Wie vom Blitz getroffen, kippte Fancan besinnungslos hinten herüber und blieb liegen.
»Du hast sie doch nicht umgebracht?«, fragte Thomas.
»Nein, die Waffe kann auch in den Betäubungsmodus geschaltet werden. In den nächsten vierundzwanzig Stunden wird es niemandem gelingen, sie wach zu bekommen. Lass uns gehen, bevor dieser Mann von vorhin wiederkommt. Es wird genug Aufsehen geben, wenn Fancan gefunden wird.«
Sie durchsuchte noch die Taschen von Fancans Kombination und steckte das Geld ein, das sie bei sich hatte. Ebenso steckte sie die Waffe und die restliche Munition ein. Den Funkscanner zerstörte sie mit ihrem Absatz. Sie wollte sich schon abwenden, als ihr noch etwas einfiel: der Jochbein-Kommunikator. Auch Fancan besaß ein solches Gerät, mit dem sie Verbindung zur Behörde aufnehmen konnte, da jede Verknüpfungsstelle, an der ein Aufzug halten konnte, auch über einen Empfänger verfügte.
»Thomas, du musst noch einmal etwas für mich tun«, sagte sie, »du musst auch Fancans Jochbein-Kommunikator zerstören.«
»Nein, nicht schon wieder!«, wehrte Thomas ab. »Das war grässlich.«
»Es ist notwendig!«, beharrte Khendrah energisch. »Sie kann sonst sofort die Basis alarmieren, sobald sie aufwacht.«
Mit gemischten Gefühlen zog Thomas sein Messer wieder aus der Tasche. Khendrah sah ihn an und entschied, dass er es wohl nicht über sich bringen würde, nochmals einen Dorn in das Gesicht einer Frau zu stoßen und nahm ihm das Messer ab. Sie klappte den Dorn hoch und tastete in Fancans Gesicht nach der richtigen Stelle. Danach überlegte sie nicht lange und stieß zu. Wieder ging ein Zittern durch den ganzen Körper. Thomas konnte es nicht mit ansehen und wandte sich ab. Nachdem es erledigt war, stieß sie Thomas an. »Wir müssen gehen. Es ist alles in Ordnung?«
Thomas nickte.
Ruhig mischten sie sich unter die anderen Kunden und fuhren auf der Rolltreppe nach unten. Auf der Straße angekommen, wollte Thomas wissen, wie es nun weitergehen solle.
»Wir haben also genau einen Tag, dann ist uns diese Killerin wieder auf den Fersen«, meinte er.
»Das ist schon richtig, aber wir werden dann nicht mehr hier sein.«
»Nein?«, fragte Thomas zweifelnd. »Wo willst du dich denn verstecken, wenn deine Leute Möglichkeiten haben, diese ganze Zeitebene nach uns zu scannen?«
Khendrah lächelte ihn an und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Vertrau mir, Thomas. Niemand kennt die Zeit so gut wie ein Zeitagent.«
Sie griff seine Hand und zog ihn mit sich fort.
Thomas verstand diese Frau nicht. Erst wollte sie ihn ermorden, dann wieder rettete sie ihn. Sie war einmal kratzbürstig, dann wieder zeigte sie Ansätze von echter Zuneigung.
Er blieb stehen und hielt sie fest. »Ich gehe keinen Schritt weiter, wenn du mich nicht endlich in deine Pläne einweihst, Khendrah. Ich bin es leid, immer nur der Spielball zu sein. Wenn wir diese Sache hier schon gemeinsam durchziehen müssen, will ich auch zu den Spielern gehören und nicht zu den Spielfiguren.«
»Thomas, das ist von mir nicht so gemeint«, beschwichtigte sie ihn. »Es ist einfach nur, dass ich noch keinen festen Plan habe. Es steht nur fest, dass wir diese Ebene hier schleunigst verlassen müssen.«
»Wie stellst du dir das vor? Wie sollen wir diese Ebene verlassen – überhaupt: Ich kann diese Ebene nicht verlassen.«
»Wieso nicht?«, fragte Khendrah. »Ich habe als Agentin jederzeit Zutritt zum Zeittransportsystem. Wir dürfen uns nur nicht erwischen lassen, in dem wir ausgerechnet eine aktive Basis ansteuern.«
»Aber ich werde hier in dieser Ebene gebraucht, Khendrah. Ich kenne mich nicht mit diesem ganzen Zeug aus, aber ich bin auch nicht dumm. Du hast doch selbst gesagt, dass du mich gerettet hast, damit meine Nachkommen eine Diktatur in mehreren Generationen verhindern sollen. Ich habe aber noch keine Nachkommen. Ich hab nicht mal eine Freundin oder Ehefrau. Wenn ich hier verschwinde, wird es nie Nachkommen geben. Wir machen doch alles nur noch schlimmer.«
Khendrah war verblüfft über die zutreffende Analyse, die Thomas über seine Situation angestellt hatte.
»Daran hab ich noch gar nicht gedacht«, gab sie zu. »Wir können aber trotzdem erst einmal von hier verschwinden. Wir müssen nur im Auge behalten, dass du später wieder zurückkehrst, wenn alles vorbei ist.«
»Wird es vorbei sein – irgendwann?«
»Da bin ich sicher«, versprach Khendrah. »aber jetzt komm, lass uns ein Taxi in die Innenstadt nehmen. Dort ist der Eingang ins System der Korrekturbehörde.«
»Und du bist sicher, dass sie uns dort nicht sofort schnappen werden?«
»Vertrau mir«, sagte Khendrah mit einem verschmitzten Lächeln. »Ich stamme aus dem zweiundreißigsten Jahrhundert. Es war das Jahrhundert der Hacker. Alle guten Computertechniker der Behörde stammen von dort.«
Thomas fand, dass Khendrah einfach umwerfend aussah, wie sie so lächelnd vor ihm stand. Ehe sie sich versah, hatte er sie in seine Arme gezogen und küsste sie leidenschaftlich. Nur einen kurzen Moment lang spürte er einen leichten Widerstand, doch dann erwiderte sie seinen Kuss.
»Ich weiß nicht, was hier geschieht«, gestand Thomas, als sie sich wieder getrennt hatten.
»Meinst du, ich verstehe das?«, fragte Khendrah. »Meinst du, ich verstehe mich? Aber verdammt, es fühlt sich einfach richtig an.«
Er küsste sie noch ein weiteres Mal.
»Ich habe noch nie eine Frau wie dich getroffen.«
Khendrah grinste.
»Dann will ich mal darauf achten, dass das auch so bleibt«, sagte sie kokett.
Sie riefen ein Taxi und machten sich auf den Weg. In der Innenstadt stiegen sie an einer stark befahrenen Straße ganz in der Nähe von Thomas’ Wohnung aus. Khendrah hatte gemeint, dass es nur wenige Meter bis zum Einstieg in das Zeitsystem der Behörde wären. Er spielte mit dem Gedanken, noch kurz in seine Wohnung zu gehen, um sich frische Kleidung anzuziehen, doch verwarf er den Gedanken, ohne ihn Khendrah mitzuteilen. Er folgte ihr zu einem Hauseingang, der sich durch nichts von anderen Eingängen dieser Fassade unterschied.
»Du bist sicher, dass wir hier richtig sind?«
Sie blickte angestrengt auf ihre Uhr, die neben der Uhrzeit noch etliche andere, unverständliche Informationen anzeigte.
»Lass mich bitte einen Moment in Ruhe«, sagte sie. »Ich muss mich konzentrieren.«
Es dauerte recht lange und Khendrah war während dieser Zeit nicht ansprechbar. Thomas blickte die Straße entlang und hatte schon den Eindruck, dass jeder Passant sie anstarren würde, doch er täuschte sich. Niemand nahm von ihnen Notiz. Allmählich machte sich eine große Leere in seinem Magen breit und erinnerte ihn daran, dass er heute noch nichts gegessen hatte. Hoffentlich gab es dort, wo sie hin wollten, etwas zu essen.
Endlich war es so weit. Khendrah griff plötzlich an den Türknauf im Hauseingang und stieß die Tür auf.
»Schnell, komm rein, Thomas!«, rief sie und unterstrich es mit einer drängenden Geste ihrer Hand. »Das Fenster ist nur für wenige Sekunden offen.«
Er beeilte sich, ihr nachzueilen und Khendrah verschloss die Tür sofort, als beide in einer relativ winzigen Kabine standen.
»Ist das einer von diesen Zeitaufzügen?«, fragte er.
»Ja«, antwortete Khendrah knapp. »Sie sind in der Regel recht schlicht. Ich werde uns ins Jahr 3170 bringen.«
Thomas schluckte.
»Mein Gott, das sind mehr als Tausend Jahre in der Zukunft. Werden wir dort aussteigen?«
»Wir werden nicht in die Realität des Jahres 3170 hinaustreten, wenn du das meinst. Wir werden in der Jahresstation bleiben. Es gibt nämlich in jedem Jahr eine Station, die genau so ausgestattet ist, wie die Basen. Sie sind nur nicht aktiv, aber es war damals einfacher, die Layouts der Basen einfach in alle Jahre hinein zu klonen, als für jede Basis eine eigene Station zu bauen.«
»Du bist aber sicher, dass wir dort niemandem begegnen werden?«
»Absolut sicher. Ich war schon einmal dort. Die Anlagen sind zwar vorhanden, sind aber abgeschaltet. Die ganze Station wartet nur darauf, von uns in Besitz genommen zu werden.«
Thomas war noch immer nicht überzeugt. »Und das können sie nicht feststellen, wenn eine der nicht aktivierten Stationen plötzlich zum Leben erwacht?«
»Im Grunde schon, aber sie werden sich nichts dabei denken, wenn sie es zufällig sehen, denn es kommt immer mal vor, dass ein Agent irgendwo in der Zeit übernachtet. Ein Agent ist in der Wahl seiner Mittel frei und muss sich nicht melden, bevor er einen Auftrag erledigt hat. Wir haben sogar die Möglichkeit, den Zugang zu dieser Station zu blockieren. Wir werden also keine unliebsamen Besucher zu fürchten haben.«
Thomas war beruhigt. Inzwischen waren sie am Ziel angelangt. Khendrah machte sich an einer Klappe zu schaffen und öffnete sie. Thomas konnte nicht erkennen, was sie genau tat, aber nach wenigen Minuten schloss sie die Klappe wieder und öffnete die Tür.
»Wir können nun aussteigen«, meinte sie, »der Aufzug wird nun wie verrückt zwischen den Zeiten hin und her fahren. Man wird nicht mehr feststellen können, wer ihn wann zuletzt benutzt hat. Sie werden ihn reparieren müssen. In Kürze werden wir ihn wieder benutzen können, denn wir müssen ja auch wieder zurück.«
Als sie die Kabine verließen, schaltete sich im Gang, den sie betraten, das Licht automatisch ein. Eine angenehm klingende Computerstimme meldete sich: »Sie befinden sich in der Jahresstation 3170. Diese Station ist nicht in Betrieb. Wünschen sie, dass sie in Betrieb genommen wird?«
»Ja«, sagte Khendrah deutlich.
»Wünschen sie einen Anschluss an das Netz der Basisstationen und Vollfunktionsstatus, oder wünschen Sie lediglich einen Beherbergungsstatus?«
»Beherbergungsstatus.«
»Danke. Die Einrichtungen von Jahresstation 3170 stehen ihnen nun zur Verfügung.«
»Fühl dich wie zu Hause«, sagte Khendrah zu Thomas.
»Wo gibt es hier etwas zu essen?«, wollte Thomas wissen. »Ich hab einen Riesenhunger.«
»Das geht mir genauso. Komm mit, ich zeig dir die Kantine.«
Es war schon unheimlich, so völlig allein in dieser großen Station herumzulaufen. In der vollautomatischen Kantine bestellte Khendrah für sie beide ein Frühstück, wie man es auch im Jahre 2008 in einem Lokal hätte bekommen können. Khendrah wies aber darauf hin, dass alle Nahrungsmittel hier synthetisch hergestellt würden. Trotzdem war es recht schmackhaft und machte vor allem satt.
»Thomas, dir ist klar, dass wir uns hier mitten in der Höhle des Löwen befinden, oder?«, fragte Khendrah. »Ich hab nachgedacht. Deine Äußerung, dass die oberste Behörde darüber entscheidet, was im Weltgeschehen passieren darf und was nicht, hat mich verunsichert. Diese Station hier verfügt über alle Funktionen, über die auch eine aktive Basis verfügt. Ich will mich in die Datenbank einklinken und mir ein Bild verschaffen, über das, was die oberste Behörde in den letzten zehn Relativjahren angeordnet hat. Ich möchte, dass du mich dabei begleitest. Wir werden uns ansehen, wie die Geschichte vor und nach den Korrekturen ausgesehen hat. Vielleicht erfahren wir auf diesem Wege, ob die Arbeit der Behörde für die Menschheit gut oder schlecht war.«
»Wenn wir herausfinden sollten, dass es schlecht war, was willst du dann tun?«
Khendrah überlegte.
»Ich glaube, dann würde ich versuchen, dem allen hier ein Ende zu bereiten.«
»Du überraschst mich«, sagte Thomas. »Das ist ein gewaltiger Schritt für jemanden, der noch kurz zuvor zu den glühendsten Verfechtern der Zeitkorrekturen gehörte.«
»Es überrascht mich selbst«, gab Khendrah zu, »aber erst muss ich Beweise sehen.«

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Wie und wo finde ich meine Inspiration?

Häufig finde ich, trotz stressigem Alltag, in den 24 Stunden eines Tages die eine oder andere freie Minute, um mich dem Schreiben zu widmen.
Dann mache ich es mir meist auf meiner Couch mit etlichen Schreibutensilien (Laptop, Block und Stift) bequem. Das macht vielleicht nicht jeder, für mich ist dies jedoch ein Ort an dem ich schon die eine oder andere Seite niedergeschrieben habe.
Sobald ich es mir dann endlich gemütlich gemacht habe und alles vorbereitet ist, kommt es auch mal vor, dass ich vor dem leeren Blatt oder digitalen Dokument sitze und sich partout nichts einstellen will.

Je länger ich auf die leere Seite schaue, umso mehr macht sich in mir dann Panik breit. Die ganze Motivation und die Inspiration, die sich angestaut hatten, sind mit einem Mal wie verflogen und ich stehe gefühlt vor einer unsichtbaren Mauer.

So … oder so ähnlich habe ich es schon öfter erlebt, wobei ich mich dann fragte, wohin meine Ambitionen verschwunden waren.
Vor allem, wenn ich merkte, das sich die Motivation wieder ankündigte, aber der Funken der Inspiration ausblieb.
So begab ich mich auf die Suche nach Möglichkeiten, die mir als Inspiration dienen könnten.

Es folgte eine Zeit, in der ich die unterschiedlichsten Konzepte ausprobierte, doch am Anfang kam ich meiner Suche einfach nicht weiter.
Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich doch mal aus meiner “Komfortzone” herauswagen musste.
Verschiedene Gespräche mit Mitstreitern folgten. Und schon bald hatte ich den unterschiedliche Tipps erhalten, die ich, so gut es ging, umzusetzen versuchte. Einige dieser Vorschläge waren zum Beispiel vollkommene Stille, Musik im Hintergrund oder in einem Café zu schreiben.

Die Zeit des Austestens und der Suche allgemein dauerte einige Monate und sie dauert sogar noch an. Bald fand ich für mich heraus, dass ich unter folgenden Umständen von der Inspiration heimgesucht werde:

  1. beim Musikhören (hier habe ich herausgefunden, dass ich je nach Szene eine andere Musik benötige)
  2. Fotografieren
  3. beim Schauen von der einen oder anderen Serie bzw. eines Filmes
  4. dem Beobachten meiner Umwelt (hierbei spielt es keine Rolle, ob ich im Café sitze oder einfach meine Mitmenschen beobachte)
  5. durch Lesen der Werke von anderen Autoren, die das Handwerk teilweise bereits länger betreiben
  6. Spaziergänge oder Besuche von etwaigen Lokalitäten (bei letzterem kann es ein Besuch im Zoo oder ein Museum sein)

Allerdings musste ich in der Zwischenzeit auch feststellen, dass das, was mir hilft, nicht jedem gleichermaßen zur Inspiration führt.
Auch hier brauchte ich Zeit, um mir selbst einzugestehen, dass sich die anderen Schreiber bereits weiter entwickelt hat als ich oder sich noch mitten in der Suche befand oder gar noch ganz am Anfang war.

Wenn ich ehrlich bin, war ich in der Zwischenzeit auch ein wenig frustriert darüber, dass ich für das Finden der Inspiration kein ultimatives Rezept erhalten habe.

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht die einzige Person bin, der es so erging oder ergehen wird.

Mittlerweile kann ich nur raten, Geduld mitzubringen und den Weg der Inspiration stetig zu gehen, auch wenn man hin und wieder kurz davor steht, aufzugeben.

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Die Wölfe von Asgard – Das Kloster (1/2)

Das Knarren der Planken weckte sie aus einem düsteren Traum. Als sie Hjalmaers Stimme vernahm, während er gerade dabei war, den Posten vor ihrer Tür zu verscheuchen, breitete sich ein eisiges Gefühl in ihrer Brust aus, das sich langsam bis in ihre Fingerspitzen schlich. Sofort richtete sie sich in eine aufrechte Position auf, wie man es von einer Dame höheren Standes erwartete. 
Wo ist dein Stolz geblieben? Sie biss sich auf die Zähne und schluckte ihn herunter. Den gesamten gestrigen Tag hatte sie hier unten verbracht, einsam und eingesperrt, bis ihre Tränen getrocknet waren. Wartend.
Doch er war den ganzen Tag nicht aufgetaucht, um nach ihr zu sehen. 
Dort, wo Hjalmaer an diesem von den Göttern bezeugten Abend einen Funken der Hoffnung in sie hineingeblasen hatte, war nur ein ausgebranntes Aschekleid geblieben. Erloschen.

Angestrengt blinzelte Deila durch die Dunkelheit. Das ständige Auf und Ab des Schiffes erschien ihr mittlerweile nicht mehr gewöhnungsbedürftig, doch in der Kajüte kam ihr alles so fremdartig vor. Sogar sie selbst. 
Das flackernde Licht einer Laterne begleitete den Sohn von Magnar, als er hastigen Schrittes in die kleine Kajüte trat. »Noch ein paar Stunden, dann haben wir unser Ziel erreicht. Bei Sonnenaufgang wird Blut fließen«, begann er zu sprechen.
Er ist betrunken, wurde Deila klar. Sie antwortete nicht. Der Klang seiner Stimme konnte ferner nicht sein. Sie traute sich nicht einmal, ihm in die Augen zu sehen, wenn sie es genau bedachte. Traute sich nicht die Fragen zu stellen, nach deren Antworten sie dürstete.
Hjalmaer entkleidete sich und legte sich zu ihr. 
Er roch so als hätte er den Vorrat einer Taverne im Alleingang geleert und am liebsten hätte Deila sich einfach von ihm abgewandt. Doch auch das traute sie sich nicht. Sie war wieder einfach nur Deila, das Pferd, auf dem man herumreiten konnte wie es einem beliebte. Islavs missgebildete Tochter. 
Als sie spürte wie seine Hand zwischen ihre Schenkel wanderte, konnte sie nicht anders als erschrocken zusammenzufahren. Sie blickte in seine Augen, hart wie Fels, und er legte ein abstoßendes Lächeln auf.
»Komm, meine kleine Valkyrja, machen wir mir einen kleinen Gott und dich zu einer grunzenden Sau« kicherte er betrunken, drehte sie um und gab ihr einen gönnerhaften Klaps auf den Hintern. 
Deila spürte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte. Wie konnte er nur so sein? Sie den ganzen Tag hier unten einsperren und sich dann mit einer ekelhaften Lüsternheit an ihr vergehen. Sollte das ihr neues Leben sein? Sie konnte ein klagendes Schluchzten nicht unterdrücken.
Er gab ihr noch einen Klaps. »Halt bloß die Klappe!«, knurrte er böse. »Und dreh dich von mir weg. Dann muss ich nicht in deine Fratze gucken, während ich es dir besorge.«
Übelkeit stieg in ihr auf. Fassungslosigkeit. Wut. Ekel. Hass. Angst. 
Sie war auf ihn hereingefallen. Und nun hatte er sie in seiner Gewalt. Auf seinem Schiff. Ohne Hilfe. Und ihr Hoher Vater würde sich sicherlich einen Dreck um sie scheren. Sie spürte, wie seine Hände sie erforschten, sie konnte die Berührung nicht ertragen. Angeekelt versuchte sie von ihm wegzurücken, doch er kam sofort hinterher. 
» Valkyrja«, kicherte er, belustigt von ihrer Gegenwehr. »Du hast das wirklich geglaubt, ja?« Er schlug ihr hart in die Seite, so dass es schmerzte. 
Keuchend presste Deila die Luft zwischen den Zähnen hervor.
»Dann wach mal wieder auf«, Hjalmaers Stimme nahm etwas grausames an und er grinste ihr schadenfroh entgegen. »Denn morgen ist ein großer Tag und du solltest ihn gut in Erinnerung behalten.« Er kam ganz nahe an sie heran.
Deila musste würgen. Ihr Magen drehte sich um und sie bemerkte, dass sie vor Angst zitterte. Ihr Körper versagte ihr den Dienst. 
Ein nasser Fleck breitete sich auf dem Fell unter ihr aus.
»Denn wir werden sie alle umbringen. Die Priester, die Frauen, die Kinder, wenn sie welche haben«, er strich ihr fast zärtlich über die Wange. »Und dann seid ihr dran. Einer nach dem anderen. Deinen Vater nehme ich zuerst. Und ganz am Ende …«, er strich ihr abermals über die Wange und hauchte ihr einen Kuss auf den Hals. 
Seine Lippen waren wie Eis auf ihrer Haut. 
» … kehren wir Heim und ich mache mit deiner Schwester das, wofür du einfach zu hässlich bist. Manchmal lohnt sich das Warten. Sie wird sich später bei mir dafür bedanken«, kicherte er hämisch. Dann schob er sich achselzuckend aus dem Bett, als wäre das alles gerade nicht geschehen, und kleidete sich an. 
Nachdem sich die Tür hinter ihm schloss, brach Deilas Welt in sich zusammen. Röchelnd versuchte sie zu atmen, was ihr einfach nicht gelingen wollte. Ihr Körper zitterte und perlengroße Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie fühlte sich dreckig, unrein und benutzt, obwohl er doch von ihr abgelassen hatte. Und dann wurde ihr schlagartig bewusst, was Hjalmaers Worte bedeuteten und eine Gänsehaut kroch ihr über den Rücken. Wenn sie ihn richtig verstanden hatte, dann würde es morgen ein Massaker geben. Und sie war die Einzige, die es eventuell verhindern konnte.
Du bist zu schwach, schallte sie ihre innere Stimme. Deila das Pferd. Deila die Missgeburt. Deila die Hure.
»Hört auf«, ihre Stimme glich einem gequälten Stöhnen. Hauchzart nur, als würde das Leben mit ihrem Odem entweichen. Nicht stark genug, um das Flüstern in ihrem Kopf zu verdrängen. Deila rollte sich auf den Rücken und die Erkenntnis, dass dies womöglich von nun an ihr Leben sein sollte, ließ sie krampfhaft schluchzend zusammenbrechen. Dann brachen die ersten Lichtstrahlen durch die Planken und mit ihnen drang die Gewissheit durch sie hindurch. Der heutige Tag würde ihr aller Ende besiegeln.

***

Aegir lehnte am Bug der Geri und starrte angestrengt in die Ferne. Der Himmel hatte, von den ersten Zeichen des Sonnenaufgangs erhellt, eine tiefenblaue Färbung angenommen und hier und dort räkelten sich dicke Wolkenberge träge aus ihrem gemütlichen Schlaf. 
Wie trügerisch friedlich das Meer doch heute ist.
Er spuckte über die Reling und suchte nach Anzeichen von Land am Horizont. Noch gab sich nichts zu erkennen, doch nur allzu bald würde das Kloster vor ihnen auftauchen und das Schlachten beginnen. 
Sie sind alle so blind. Was hat die Gier nur aus ihnen gemacht?
Warum Islav so streng darauf beharrt hatte, ihn unbedingt zu diesem Unternehmen zu nötigen, ließ Aegir immer noch rätseln. Es befand sich fernab seiner Vorstellungen von einem genügsamen Leben. Er blickte in seine vom Krieg und der Arbeit gezeichneten Handflächen und seufzte. Musste er sie wieder in Blut tränken? Durch seinen Kopf schossen grausame Bilder von Schmerz, Verlust und Tod. Herbeigeführt durch seine Hand. 
Doch der Gott der Christen kannte, anders als die Götter der Nord, das wohltuende Heil der Vergebung. Warum also sollte er ihm nicht auch vergeben können? 
Der Riese seufzte. Nachdenklich verlor sich sein Blick in den Wolken und für einen Moment schien sein Kopf träge und leer. Dann fasste er einen Entschluss. Bis zu ihrer Heimkehr würde er dieses Schiff nicht verlassen und wenn es seinen Tod bedeutete. Sollte Islav sich doch alleine um diese närrische Unternehmung kümmern. 
Gott sei mein Zeuge, heute werde ich meine Hände nicht mit dem Blut der Unschuldigen beflecken.
Snorri konnte sich seinen Spott schenken. Wenn er ihm noch einmal auf der Nase herumtanzen wollte, würde er die seines Bruders vorzeitig verbiegen. Der Junge war einfach noch zu jung und heißblütig, um etwas derartiges zu verstehen oder überhaupt einen wertvollen Gedanken daran zu verschwenden. 


Plötzlich tauchte eine rote Sonne vor ihnen auf. Langsam aber beständig eroberte der rote Riese den Horizont.
Ein böses Omen. Aegir gelang es nicht, seine finsteren Vorahnungen zu unterdrücken. Ein blutendes Auge, das uns bedauernd bei unseren Taten zusieht. Noch am heutigen Tage wird es zu einem entsetzlichen Gemetzel kommen.
Bevor er den Gedanken beendet hatte, tauchte ein grüner Punkt am Horizont auf und gewann rasch an Größe. 
Aegir ballte die Fäuste zusammen. Die hungrige Bande würde über das Kloster fegen wie ein Sturm und niemanden verschonen. 
Der Tod hatte ihn abermals eingeholt.

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Saigels Irr(e)lichter – wie viel verkraftet dein Leser?

Immer wieder gerate ich beim Schreiben an den Punkt, an dem ich mich frage, ob das, was ich aufgeschrieben habe, überhaupt für andere verständlich ist. Für mich ist es glasklar: Ich habe einen Gedanken, während ich schreibe. Allerdings stellt sich mir die Frage, wie viel Erklärung mein Leser braucht, um den Gedanken, der mich zum Schreiben brachte, auf dieselbe Art und Weise fassen zu können wie ich.
Dann frage ich mich weiter, ob es überhaupt nötig ist, dass mein Leser einen klaren Text vor sich hat, der nur eine Art der Interpretation zulässt. Ist es nicht das, was das Lesen für uns alle so schön macht? Eigene Gedanken zu entwickeln, Ansichten des Autors entweder anzunehmen oder abzulehnen, oder sich Teile davon herauszunehmen und ein anderes, stimmiges Bild herum zu bauen?
Dennoch hat etwas Grundlegendes an einem Text nicht funktioniert, wenn der Leser sich weder seine eigenen noch die Gedanken des Autors machen kann. Natürlich kann das auch daran liegen, dass sich der Leser nicht auf den Text einlassen konnte. Die Gründe hierfür sind vielseitig und für den Autor undurchdringbar. Manch einer legt den Text weg, weil er schlicht in keinerlei Hinsicht seinem eigenen Geschmack entspricht. Ein anderer beendet seine Lektüre aus persönlichen Gründen. Vielleicht ist es das Thema, mit dem sich der Leser zu diesem Zeitpunkt nicht auseinandersetzen möchte. Oder es ist die Aussage des Textes, der der Leser sich nicht zuwenden möchte. Jedoch können noch völlig andere Beweggründe vorliegen, individuelle Mischformen aus vielen Antrieben, die oft dem Leser selbst nicht immer bewusst sein können.
Kann sich jedoch keiner der Leser einen Reim auf den Text machen, sollte sich der Autor wohl an die eigene Nase fassen. An diesem Punkt befinde ich mich immer wieder. Einmal habe ich an Informationen gespart, die zwar für mich selbstverständlich, für den Leser allerdings nicht zu erraten waren. Ein anderes Mal habe ich mich zu sehr hinreißen lassen und das Spiel mit der Sprache derartig ausgereizt, dass mein erschlagener Leser nicht mehr hinter diesen Wall von Worten spähen konnte. Das nächste Mal habe ich beides in einem Text vereint und kann es dennoch selbst beim Schreiben nicht so sehen, denn meine Gedanken sind für mich vollkommen klar …
Der Sprung vom Hobbyautor in die Professionalität sehe ich unter anderem genau an dieser Stelle. Ein Autor, der sich verständlich machen kann, der viele, wenn nicht sogar alle seine Leser auf die eine oder andere Weise erreicht, hat eine wertvolle Gabe. Bis jetzt habe ich für mich noch keine Regeln diesbezüglich festlegen können. Manchmal erreiche ich die Leser, manchmal nicht. Oft funktioniert es dann mit nachträglichen Erklärungen. Allerdings sehe ich hierin keine Lösung für das Problem.

Wie so oft beim Schreiben, behandle ich die Thematik als abstrakt. Sie scheint mir oft mehr Gefühl als Regelbefolgung zu sein, da zu viele unbekannte Größen jeden Fall anders aussehen lassen und allgemein gültige Leitlinien wohl nur bedingt greifen können. Ich hoffe, das entmutigt niemanden, der das hier liest. Ich, als absoluter Meister im unklaren Ausdruck habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann einen gangbaren Weg für mich zu finden. Das ist das Schöne am Schreiben.

Eure Saigel

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Gottes Hammer V

Teshins erste Empfindung war Kälte.

Er lag mit dem Rücken auf weichem Untergrund und suhlte sich in der gnädigen Wärme des Schlafes, als seine Hand mit einem Mal gegen etwas Kaltes stieß. Die simple Berührung durchfuhr seinen Körper wie ein Blitz und zwang sein Bewusstsein zurück in die Realität. Teshin blinzelte ungehalten. Hatte er sich im Schlaf umgedreht und Bekanntschaft mit der Wand geschlossen?

Doch als er zaghaft die Augen öffnete, erkannte er porösen Stein.

Verwirrt setzte Teshin sich auf und ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Er lag nicht in ihrem Zimmer im Wirtshaus. Stattdessen fand er sich auf einer Lichtung wieder, um die sich hohe Bäume dem wolkenverhangenen Himmel entgegenstreckten. Er befand sich im Schutz einer steinernen Ruine, deren ursprüngliche Funktion kaum noch zu entschlüsseln war. Wahrscheinlich handelte es sich um einen alten Tempel oder eine Kirche.

Teshin schüttelte den Kopf, drehte den Kopf einmal in diese, einmal in jene Richtung. Er erkannte diesen Wald nicht wieder. Mit wachsendem Unbehagen rieb er sich seine schmerzenden Schläfen. Was ging hier vor? War er dem Schlafwandeln zum Opfer gefallen?

Noch während er sich langsam erhob, brach die Erinnerung über ihn herein wie eine Welle kalten Wassers. Er war nicht zu Bett gegangen, sondern hatte zusammen mit Saskia die verfluchte Kirche aufgesucht. Er entsann sich eines Kampfes gegen den Inquisitor Medardus. Doch dann brach der Strom aus Bildern unvermittelt ab.

Teshin lehnte sich schwer atmend gegen die Ruine. Wo war er hier? Wie viel Zeit war vergangen? Hatte der Dämon ihn an einen unbekannten Ort befördert?

Ehe er eine Antwort finden konnte, meldete sich plötzlich eine Stimme zu Wort.

Na, wieder wach?

Teshin sank wieder zu Boden. Der Satz schien aus seinem Kopf zu kommen.

Du siehst mitgenommen aus. Die Stimme klang kindlich.

„Wer bist du?“, fragte Teshin laut. Fiel er gerade dem Wahnsinn anheim?

Du bist doch nicht wahnsinnig, erwiderte die Stimme, so als läse sie seine Gedanken.

„Ach ja?“ Teshin lachte unkontrolliert auf. „Ich weiß nicht, wo ich bin, wie ich hierhergekommen bin und höre seltsame Stimmen in meinem Kopf. Das nennst du geistig gesund?“

Von gesund habe ich auch nicht gesprochen.

Teshin schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das nicht! Gerade eben war ich noch mit Saskia … da fällt mir ein …“ Er sah sich panisch um und entdeckte schließlich Murakama im hohen Gras. Erfreut las er die vertraute Klinge auf. Sie steckte in der Scheide. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Der gewohnte Stahl gab ihm ein Gefühl der Sicherheit und des Halts, als er ihn an den Gürtel hängte.

Hier draußen wird dir das wohl nicht viel nützen, höhnte die Stimme.

„Halt die Klappe!“, knurrte Teshin ungehalten. Er strich seine Tunika glatt und entfernte sich einige Schritte von der Ruine. Er musste einen Weg zurück in die Zivilisation finden. Vergeblich hielt er Ausschau nach etwaigen Rauchsäulen, die auf ein Dorf hindeuten könnten.

Lies erst die Inschrift, forderte die Stimme.

„Welche Inschrift?“, fragte Teshin verdutzt. Erst in diesem Moment bemerkte er einen schmalen, verwitterten Obelisken vor der Ruine. Jemand hatte Buchstaben in den Stein gemeißelt. Teshin erkannte die Alte Sprache und biss die Zähne zusammen. Sie brachte ungewollte Erinnerungen hervor. Energisch schob er sie beiseite. Dies war nicht die Zeit für Selbstkasteiung.

Mit zusammengekniffenen Augen konnte Teshin den Namen Sankt Esben auf dem Obelisken entziffern. Andächtig trat er zurück. Offenbar hatte er die Überreste der ersten Kirche der Denomination gefunden!

Der Legende nach erbaute der Heilige Esben nach einer Vision auf einer verborgenen Lichtung im Wald ein Gotteshaus, das nur wahrhaft fromme Menschen erreichen konnten. Diese Großtat wurde auf eine Zeit vor über eintausend Jahren datiert.

Na, du wahrhaft frommer Mensch?, spottete die Stimme. Wie fühlt man sich nach so einer Entdeckung?

Teshin ging nicht darauf ein. Er berührte den kalten Stein zaghaft mit der Hand. Kurz glaubte er, ein Aufflackern reinster Magie wahrzunehmen. Doch im nächsten Moment erhob sich Donnergrollen und Teshin wandte sich erschrocken um. Offenbar würde es bald zu einem Wolkenbruch kommen.

Ich bin ja kein Experte, aber du solltest lieber Schutz suchen.

Ausnahmsweise pflichtete Teshin seinem inneren Quälgeist bei. Ein Teil der Ruine besaß noch immer ein Dach. Ehrfürchtig betrat er das verfallene Bauwerk. Unter normalen Umständen brachte er der Denomination nur wenig Liebe entgegen, aber er fand auch nicht jeden Tag heilige Orte.

Kaum hatte er den schützenden Innenraum betreten, öffnete der Himmel seine Schleusen.

Müde ließ sich Teshin gegen die Mauer sinken. Ihn schauderte. Die Kälte drang durch den Stein ungehindert in seinen Körper.

Vielleicht solltest du ein wenig Gymnastik machen, riet die Stimme.

„Ich gelange an einen heiligen Ort und soll dort Gymnastik machen?“, fragte Teshin ungläubig.

Wenn du eine Lungenentzündung riskieren willst, bitte.

Teshin schnaubte verbittert. „Daran sind Hexen schuld, schon vergessen? Die sind nämlich an allem schuld, was in der Welt passiert.“

Entnehme ich deinen Worten, dass du die Arbeit der Inquisitoren nicht sehr schätzt?

Teshin lachte laut auf. Er konnte nicht anders. Selbst wenn Gott ihn nun für diese Anmaßung in Grund und Boden stampfte, er konnte nicht anders.

„Sehr beschönigend.“, lobte er.

Euphemismus war schon immer meine Stärke. Täuschte er sich oder schwang diesmal Sorge in den Worten mit?

Eine Zeit lang breitete sich Stille aus und nur das Prasseln der Regentropfen beherrschte die Umgebung. Schließlich ergriff Teshin wieder das Wort.

„Wer bist du?“, fragte er erneut.

Immer diese Fragen, seufzte die Stimme. Sagen wir, ich bin dein vertrauter Geist, einverstanden?

„Ich muss wirklich verrückt sein.“ Teshin lehnte seinen Kopf gegen den verwitterten Stein.

Vielleicht. Aber immer noch besser verrückt als tot, nicht wahr?

„Ich bin mir nicht sicher.“, erwiderte Teshin und seufzte. „Vielleicht bin ich ja tot und das hier ist irgendeine Art von Hölle? Immerhin habe ich gleich zwei schwere Verbrechen begangen: in einer Kirche zu kämpfen und einen Inquisitor zusammenzuschlagen.“

Nette Beschreibung, erwiderte die Stimme.

„Ich wünschte, ich hätte ihn umgebracht.“, stieß Teshin hervor. Plötzlich durchfuhren in hungrige Flammen des Zorns.

Glaubst du, Medardus hat den Tod verdient? Und wenn er doch auf Gottes Geheiß hin Hexen richtet?

„Es gibt keine Hexen!“, rief Teshin gereizt. „Das sind alles nur Ammenmärchen! Kein Gott würde so etwas billigen!“

Also verdient Medardus den Tod?

„Ja. Glaube ich zumindest.“ Teshin strich sich gedankenverloren über sein Kinn. „Man muss sich nur ansehen, was er anderen Menschen antut. Weißt du, was im Kerker geschieht? Was ein Inquisitor mit den Angeklagten macht?“

Die Stimme schwieg einige Augenblicke lang. Schließlich erwiderte sie zögerlich: Aber tragen nicht auch die Kläger die Verantwortung? Letztendlich handelt Medardus auf Wunsch des Volkes, oder etwa nicht? Verdient das Volk also auch den Tod?

Teshin schlang die Arme um seine angewinkelten Knie. „Ich weiß es nicht.“, flüsterte er müde. „Ich weiß es einfach nicht.“

Vielleicht musst du es auch nicht wissen. Vielleicht genügt es einfach, das zu tun, was du als richtig erachtest. Du hast Murakama und bist ein Magier. Du besitzt große Macht, die nur darauf wartet, für das Gute eingesetzt zu werden.

„Und was ist das Gute?“, fragte Teshin höhnisch.

Das, mein Freund, musst du mir sagen.

Teshin antwortete nicht. Er verbrachte noch einige Zeit in dieser Position, bis der Regen endlich nachließ und das Gewitter weiterzog Die Sonne entsandte vereinzelt ihre verheißungsvollen Boten und tauchte die Lichtung in Dämmerlicht. Teshin erhob sich zögernd und dehnte sich. Er hatte genug Zeit verloren. Er musste einen Weg aus diesem Wald finden.

Als er aus dem intakten Teil der Ruine trat, entdeckte er mit einem Mal Rauchsäulen hinter den Wipfeln der hohen Nadelbäume. Dort musste ein Dorf sein!

Siehst du? Schon ist dir das Glück wieder hold.

Teshin lächelte. Hoffentlich würde er bald Antworten bekommen. Er musste wissen, wo er sich aufhielt und wie es um den Dämon stand. Er warf einen Blick auf den Obelisken. Saskia und Esben kamen ihm in den Sinn. Esbens Schwester sollte doch heute hingerichtet werden! Vielleicht konnte er es noch rechtzeitig verhindern.

So abenteuerlustig? Ich dachte, du wolltest sie nicht retten?

„Saskia wird mich schon verstehen. Ich bin nur gespannt, an welchen Ort sie gezaubert wurde.“ Teshin kratzte sich am Hinterkopf. „Einmal vorausgesetzt, dass das wirklich Magie war.“

Scheint so, als hättest du eine Menge Arbeit vor dir.

Teshin lachte. „Dann sollte ich mich wohl besser beeilen, oder?“

Ermutigt verließ er die Lichtung und machte sich auf, um zu den Rauchsäulen zu gelangen.

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5.Teil – Flucht nach vorn (1/2)

Als Thomas wach wurde, stellte er fest, dass er sich nicht bewegen konnte. Etwas hinderte ihn daran. Schlagartig war er vollständig wach. Er stellte fest, dass ein Arm quer über seiner Brust lag. Khendrah!
Er blickte zur Seite und erblickte eine schlafende Frau, die sich offenbar in der Nacht an ihn gekuschelt hatte. Ihren Kopf hatte sie in seine Halsbeuge gelegt. Beruhigt stellte er fest, dass sie noch immer ihren Overall trug.
»Warum eigentlich?«, fragte er sich, »Ich habe doch immer davon geträumt, mit einer solchen Frau eine Nacht zu verbringen. Was ist es dann? Yvonne? Nein, denn was auch immer mich veranlasst, mit Yvonne auszugehen – Liebe ist es nicht.«
Eine Bewegung an seiner Seite lenkte ihn ab. Khendrahs Kopf hob sich. Sie sah einfach niedlich aus, mit ihren zerzausten Haaren. Aus schmalen Augen blinzelte sie ihn an und ließ ihren Kopf wieder fallen.
»Oh, mein Kopf«, klagte sie. »Was ist passiert?«
»Du warst betrunken. Ich habe dich in eine Pension geschafft, wo wir schlafen konnten.«
Sie fuhr mit einem Ruck hoch.
»Wir haben hier zusammen geschlafen?«, fragte sie. »Was hast du mit mir gemacht?«
Thomas musste lachen.
»Gar nichts!«, sagte er. »Du warst zu nichts mehr in der Lage. Wie geht es dir heute Morgen?«
»Du hast mich mit diesem Wein vergiftet«, warf sie ihm vor.
»Blödsinn! Du bist Alkohol einfach nicht gewohnt und warst betrunken. Ich habe dich hier ins Bett gelegt und habe drüben auf der anderen Seite geschlafen. Mehr war nicht.«
Khendrah sah ihn zweifelnd an. Ein Auge hatte sie inzwischen ganz geöffnet. Thomas konnte einfach nicht anders und strich ihr mit der Hand sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie entspannte sich sofort und legte leise grunzend ihren Kopf auf seine Brust. Thomas kraulte ihr leicht den Kopf und sie schnurrte ein wenig.
»Weißt du, dass ich mich an so etwas gewöhnen könnte?«, fragte sie.
»Woran?«, fragte Thomas abwesend.
»An diese Behandlung. Noch nie hat mich jemand in dieser Art und Weise verwöhnt.«
»Du machst Witze«, sagte Thomas. »Du willst mir doch nicht weismachen wollen, dass du noch keinen Freund hattest, oder noch nie mit einem Mann zusammen warst.«
Sie stützte sich auf ihre Ellenbogen und sah ihn an.
»Wenn ich es dir sage. Das ist der Preis für das Leben das ich führe. Keine persönlichen Beziehungen.«
»Und ein solches Leben gefällt dir? Ich könnte es mir nicht vorstellen.«
Er konnte förmlich sehen, wie es in Khendrah arbeitete.
»Thomas Rhoda, was bist du für ein Mensch?«, fragte sie auf einmal. »Ich kenne dich noch keinen Tag lang, aber ich habe das Gefühl, als hättest du mich bereits verändert. Alle meine Grundsätze geraten ins Wanken. Gestern wollte ich nur meinen Fehler wieder rückgängig machen, aber schon heute stelle ich fest, dass es mir wichtig ist, dass dir nichts geschieht.«
»Das finde ich sehr erfreulich«, sagte Thomas lächelnd. »Damit wären wir bei einem sehr wichtigen Thema. Wie stellen wir es an, dass uns beiden wirklich nichts geschieht? Du hattest angedeutet, dass man jetzt auch dich suchen würde. Sind wir hier sicher? Was meinst du?«
Khendrah setzte sich auf.
»Verdammt!«, rief sie. »Seit wann sind wir schon hier? Wir sind hier natürlich auf Dauer nicht sicher.«
»Wie viel Zeit, meinst du, haben wir denn?«
»So darfst du nicht rechnen! In der Basis ticken die Uhren vollkommen anders als in der realen Zeit. Sie können schon wochenlang gesucht haben und Agenten zu jedem beliebigen Zeitpunkt hier absetzen.«
»Du meinst, es könnten hier jeden Augenblick deine Leute hereinkommen und uns festnehmen?«
»Im Prinzip ja, nur, dass sie uns nicht festnehmen würden. Sie würden uns auf der Stelle liquidieren.«
»Aber wie sollen sie uns denn finden? Ich dachte, wir hätten unsere Spuren gut verwischt.«
»Sie haben Scanner, die eine Zeitenebene durchforsten können, um eine Person zu suchen«, sagte Khendrah. »Unser Hauptproblem bin aber ich selbst. Ich trage einen Kommunikator, den jeder von uns in den Jochbeinknochen eingesetzt bekommt. Diesen Sender können sie orten. Er hat eine große Reichweite.«
»Das sagst du mir erst jetzt? Dann müssen wir uns sofort trennen!«
»Halt, halt, es gibt eine andere Lösung«, wandte Khendrah ein. »Auch wenn diese Lösung für mich sehr schmerzhaft ist.«
»Welche Lösung meinst du?«
Sie deutete auf ihren rechten Jochbeinknochen.
»Ich weiß genau, wo das Gerät sitzt. Es wird von außen über Codes bedient, die mit dem Finger an diese Stelle hier geklopft werden. Du musst mir mit einem spitzen Gegenstand hier hineinstechen und es zerstören.«
Thomas starrte Khendrah entsetzt an. »Das kann nicht dein Ernst sein! Wenn ich einen Fehler mache oder abrutsche, bringe ich dich noch um.«
»Du musst es machen, Thomas!«, bettelte sie. »Wenn du es nicht tust, sind wir beide schon so gut wie tot. Schau nach, ob du etwas Passendes hast, das wir verwenden können.«
Thomas biss sich auf die Unterlippe und durchsuchte seine Taschen, bis er schließlich ein Schweizer Taschenmesser hervorholte. Dieses verfügte über einen spitzen Dorn, der gefährlich blitzte. Er hob das Messer hoch und präsentierte den Dorn.
»Das ist alles, was ich habe. Das soll ich dir in den Kopf stoßen? Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter.«
»Das ist perfekt. Du musst es machen, je eher, desto besser. Am besten jetzt gleich.«
Sie setzte sich auf das Bett und hielt ihm ihre rechte Gesichtshälfte hin. Mit dem Finger deutete sie genau auf die Stelle, wo er den Dorn ansetzen sollte.
»Hier musst du zustechen«, sagte sie mit belegter Stimme, »halte meinen Kopf mit der anderen Hand und stoße mindestens drei Zentimeter tief hinein.«
»Hast du eigentlich keine Angst? Ich bin immerhin kein Arzt und wenn du mich fragst …«
Thomas blickte zwischen dem blitzenden Dorn und ihr hin und her.
»Ich hab eine Scheißangst«, gab Khendrah zu. »Mach endlich, bevor ich es mir anders überlege!«
Thomas atmete noch einmal tief durch, dann packte er Khendrahs Kopf und stieß ihr den Dorn tief ins Jochbein. Sie schrie auf und ihr ganzer Körper begann wild zu zucken. Schnell zog Thomas den Dorn heraus, aber Khendrah beruhigte sich fast eine ganze Minute lang nicht, bevor sich ihr Körper entspannte und sie bewusstlos zusammensank.
Thomas stand ratlos vor ihr und wusste nicht, was er nun tun sollte. Vorsichtshalber tastete er nach ihrem Puls und war beruhigt. Sie lebte noch. Dann sah er nach der Einstichstelle und sah, dass sie leicht verbrannt aussah. Glücklicherweise war die Stelle sehr klein – es würde also nicht entstellend wirken. Ein Gutes hatte es: Die Wunde blutete quasi überhaupt nicht.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Khendrah zu sich kam. Vorsichtig betastete sie die Wunde und zuckte zurück, als sie sie berührte.
»Es fühlt sich alles taub an, bis auf die Wunde«, sagte sie. »Aber es war notwendig. Wir sollten trotzdem machen, dass wir von hier verschwinden.«
“Bist du sicher? Du warst eben noch ohne Bewusstsein. Ich hab mir wirklich Sorgen gemacht.”
Sie lächelte gequält. “Schön, wenn du dir Sorgen um mich machst, aber wir sind beide in Gefahr. Wir müssen los.”
Da sie kein Gepäck besaßen, konnten sie sofort verschwinden. Khendrah zupfte ihren Overall etwas glatt und bürstete sich im Bad ihre Haare, dann verließen sie die Pension. Auf der Straße blickte sich Khendrah in alle Richtungen um, da sie befürchtete, dass ihnen bereits jemand auf den Fersen sein könnte.
»Da kommt ein Bus«, sagte Thomas. »Vielleicht sollten wir den erst einmal nehmen, um uns von hier zu entfernen.«
»Gute Idee!«
Sie stellten sich an die Haltestelle und Thomas löste beim Fahrer zwei Tickets. In dem Moment, als der Bus anfahren wollte, gab es einen Ruck und das Fahrzeug neigte sich leicht zur Seite. Ein Teil der Tür hatte sich in Luft aufgelöst.
Khendrah kannte diese Erscheinungen durch ihre eigene Anihilationswaffe zur Genüge.
»Auf den Boden!«, schrie sie Thomas zu und stieß ihn hinunter.

************

Die erste Verwirrung hatte sich schnell gelegt. Fancan war einfach schon zu lange im Geschäft, um sich nicht schnell in einer Zeit zurechtzufinden. Da ein Ort zunächst so gut war wie jeder andere, mietete sie sich in einem kleinen Hotel an der Hauptstraße ein, an der sie aus dem Zeitaufzug gestiegen war.
Die Einrichtung des Zimmers war denkbar einfach. Ein Fernsehgerät war vorhanden, doch interessierte es Fancan nicht sonderlich. Was hätte diese Zeit ihr schon bedeuten sollen? Ihre Aufgabe war es, Khendrah zu finden und sie und ihren mutmaßlichen Begleiter zu liquidieren. Sie setzte sich aufs Bett und zog ihre Ausrüstung aus den Taschen. Fancan betrachtete die Auswahl, die sie mitgebracht hatte. Da war die Anihilationswaffe, die materielle Körper in einem gewissen Umkreis auflöste. Im Magazin befanden sich noch mindestens hundert Schuss – das sollte reichen. Dann war da noch der Funkorter, ein kleines Gerät, mit dem man äußerst präzise nach Funkquellen suchen konnte. Im Gegensatz zu den primitiven Geräten dieser Zeit benötigte man keine Kreuzpeilung, um einen exakten Standort zu bestimmen. Sie glaubte zwar nicht, dass ihr das Gerät etwas nutzen würde – trotzdem schaltete sie es ein und justierte es auf die Frequenz der bei Agenten gebräuchlichen Kommunikatoren. Sofort erhielt sie eine Messung und zuckte zusammen.
»Du Närrin!«, schalt sie sich selbst. »Du hast deinen eigenen Kommunikator geortet.«
Sie änderte den Fokus und weitete den Messbereich immer weiter aus. Nach zwei Stunden wurde sie fündig.
»Mein Täubchen, du wirst nachlässig«, sagte sie. »Es wird wohl dein letzter Fehler gewesen sein.«
Fancan zog eine Folie aus ihrer Kombination und schaltete sie ein. Sofort erschien eine Karte der Stadt dieser Zeit darauf in leuchtenden Farben. Die überspielte die vom Orter ermittelten Koordinaten auf die Karte und erfuhr so, wo sich das Ziel befand.
»Eigentlich wollte ich ja erst morgen früh mit der Jagd beginnen«, dachte sie. »Doch diese Gelegenheit sollte ich mir nicht entgehen lassen.«
Sie packte ihre Sachen zusammen und verließ das Hotel. Sie überlegte, wie sie es anstellen sollte, ihr Ziel zu erreichen. Sie war nicht bereit, zu viel Aufsehen zu erregen. Es gab ein recht gutes öffentliches Verkehrssystem, in dem man weitgehend anonym reisen konnte, leider kam man nachts nicht besonders weit. Ein sogenanntes Taxi wollte sie nicht verwenden, da sie keine Erinnerung bei einem der Fahrer hinterlassen wollte. Vermutlich war sie zu vorsichtig, aber sie hatte stets Wert auf Anonymität in fremden Zeiten gelegt. Also informierte sie sich über die Route zu ihrem Ziel und ging wieder in ihr Hotelzimmer. Die Folie und das Ortungsgerät ließ sie eingeschaltet.
Fancan schlief nicht in dieser Nacht. Immer wieder dachte sie an Khendrah. Es würde unter Umständen schwierig werden, den Auftrag auszuführen, denn immerhin war Khendrah eine ebenso gute Agentin wie sie selbst. Außerdem war auch sie bewaffnet. Sie würde sich wehren.
Plötzlich erzeugte das Ortungsgerät einen Alarm. Das Signal war verschwunden.
»Verdammt!«, schimpfte Fancan laut. »Ich hätte doch sofort mit einem dieser Taxis fahren sollen. Diese Khendrah ist doch besser, als ich dachte. Sie hat offenbar den Sender außer Betrieb gesetzt. Jetzt kommt es auf jede Minute an.«
Sie griff ihre Waffe und die anderen Sachen und hetzte zur Straße, wo gerade ein Mann in ein Taxi einsteigen wollte.
»Scheiß auf die Anonymität«, sagte sie und stieß den Mann zur Seite, um selbst in das Taxi zu steigen. »Fahren sie!«, befahl sie dem Fahrer.
»Nun hören sie mal«, sagte der Fahrer. »Sie können doch nicht einfach …«
»Wenn sie nicht sofort losfahren, blase ich ihnen den Kopf weg!«, fuhr sie ihn an und hielt ihm ihre Waffe an den Kopf.
Der Fahrer verstummte und gab Gas.
»Wohin soll ich denn fahren?«, fragte er ängstlich.
Sie hielt ihm die Folie unter die Nase und deutete auf einen der leuchtenden Punkte.
»Dort hin, und zwar im Eiltempo. Wenn sie wirklich schnell sind, bezahle ich vielleicht sogar für die Fahrt.«
»Ok, ok, ich mach ja schon«, sagte der Fahrer und tat sein Bestes, um diese eigenartige Frau zufriedenzustellen.
Als sich das Funkgerät meldete, fragte Fancan: »Was war das?«
»Mein Funkgerät«, antwortete der Fahrer. »Was sonst?«
»Ein Kommunikator also«, sagte Fancan und zielte mit der Waffe auf das Gerät. Plötzlich klaffte ein Loch in dem Gerät und es verstummte.
»Ich halte es für besser, wenn sie im Moment keinen Kommunikator besitzen«, sagte sie.
»Sagen sie mal, was sind sie eigentlich für eine Type?«, wollte der Fahrer wissen.
»Das wollen sie nicht wissen!«, sagte Fancan barsch und beendete damit das Gespräch.
Eine Viertelstunde später waren sie am Ziel und Fancan gab ihm ein paar Geldscheine. Am Gesicht des Fahrers erkannte sie, dass es wohl viel zu viel gewesen war. Soviel also zur Anonymität. Fancan schob den Gedanken beiseite. In wenigen Stunden würde sie wieder in der Kabine stehen und zur Basis zurückfahren. Was konnte es da schaden, wenn sich ein Taxifahrer an jemanden erinnerte, der nicht mehr in dieser Zeitebene existierte?
Sie sprang aus dem Wagen und tauchte in der Menge der Passanten unter. Jetzt würde es spannend werden, denn, da das Signal nicht mehr existierte, konnte sie nicht sicher sein, in welchem der Gebäude Khendrah steckte und ob sie überhaupt noch in der Nähe war. Sie war aber irgendwie sicher, dass sie sich hier nur auf die Lauer legen musste. Eine runde Säule mit vielen bunten Bildern darauf gab ihr Deckung, während sie mit wachsamem Blick die Umgebung im Auge behielt.
Einer der Busse des öffentlichen Verkehrssystems näherte sich der Haltestelle in ihrer Nähe. Fancan beobachtete, wie er sich anschickte, anzuhalten, da sah sie Khendrah. Sie stand mit einem Mann an der Haltestelle und wollte in den Bus steigen. Sie zog ihre Waffe, doch waren ständig Menschen im Weg. Erst als sie den Bus wieder anfahren sah, hatte sie freies Schussfeld. Sie hielt auf die Tür, an der die beiden eingestiegen waren, und drückte ab. Ein Teil der Tür und das rechte Vorderrad lösten sich auf und der Bus krachte auf die Achse. Fancan verließ ihre Deckung und rannte auf den Bus zu, ihre Waffe in der Hand. Es wäre ihr lieber gewesen, die beiden an einem verschwiegeneren Ort zu erledigen, aber dafür war es zu spät.

*********************

Khendrah spähte über die Sitze der Fensterreihe nach draußen und sah ihre Kollegin auf den Bus zustürmen.
»Fancan!«, schrie Khendrah. »Diese Schweine haben mir Fancan auf den Hals gehetzt. Wir müssen hier raus. Sofort!«
Sie setzte elegant über den am Boden liegenden Thomas hinweg und zog ihn hinter sich hoch.
»Los, Bewegung! Oder willst du draufgehen?«
Das wirkte, und Thomas kam auf die Beine. Geduckt liefen sie den Mittelgang des Busses entlang, bis sie an eine Stelle gegenüber der hinteren Tür ankamen, wo es keine Sitze gab. Die anderen Fahrgäste starrten die beiden nur entgeistert an.
Khendrah zog ihre eigene Waffe und richtete sie auf die Wand des Busses, die sich in einem Bereich von etwa einem Meter Durchmesser auflöste.
»Schnell!«, trieb Khendrah Thomas an. »Raus, bevor sie uns sieht!«
Sie sprangen durch das Loch ins Freie und Khendrah zog Thomas hinter sich her über die Straße und in den Eingang eines Kaufhauses hinein. Sie sahen noch, wie Fancan ebenfalls durch das Loch im Bus sprang und ihnen nachsetzte, bevor sie im Kaufhaus verschwanden. Khendrah war sicher, dass Fancan genau gesehen hatte, wohin sie verschwunden waren. Sie hetzten durch die Gänge und quetschten sich zum hinteren Ende des Kaufhauses hindurch, wo sie über die nächste Straße zu entwischen hofften. Leider hatten sie nicht gewusst, dass der hintere Eingang verschlossen und von diversen Regalen verstellt war. Khendrah wollte eben wieder für einen Ausgang sorgen, als Thomas rief: »Dort hinten ist sie! Wenn du jetzt schießt, weiß sie sofort, wo wir sind. Lass uns über die Rolltreppe nach oben fahren. Vielleicht können wir ihr dort eine Falle stellen.«
»Gute Idee«, sagte Khendrah und deutete auf die nächste, nach oben führende Rolltreppe. »Diese Treppe dort kann sie im Moment noch nicht einsehen. Also los!«
Sie rannten wie besessen und nahmen drei Stufen auf einmal, um die nächste Ebene zu erreichen. Hier wurde es ruhiger. Sie fuhren noch zwei weitere Ebenen nach oben, bis sie die Möbelabteilung erreichten. Hier waren ganze Zimmerkulissen aufgebaut, durch hohe Stellwände voneinander abgetrennt.
»Hier muss es geschehen«, entschied Khendrah. »Hier werden wir ihr auflauern.«
Sie suchten ein geeignetes Ensemble und bereiteten sich auf eine längere Wartezeit ein.
»Kann ich ihnen helfen?«, fragte ein Verkäufer, der sie für normale Kunden hielt.
Khendrah sah ihn fragend an und Thomas sagte schnell: »Nein danke, wir schauen uns hier nur etwas um. Wenn wir Fragen haben, melden wir uns.«
Zu Khendrah gewandt, sagte er: »Ich hab dir angesehen, dass du ihn dir greifen wolltest. Der Mann arbeitet hier. Man kann diese Sachen hier kaufen. Er hatte es nicht auf uns abgesehen.«
»Verdammt, ich weiß einfach zu wenig über eure Zeit!«, gab sie zu.
Es dauerte noch mehr als eine Stunde, bis sie Fancan erblickten, die sich vorsichtig durch die Auslagen bewegte.
»Ich werde gleich den Lockvogel spielen«, flüsterte Khendrah Thomas ins Ohr. »Bekommst du es hin, ihr von hinten eins überzuziehen? Du darfst dich nicht zurückhalten, Fancan ist Kämpferin. Du musst sie entweder ausschalten, oder soweit beschäftigen, bis ich sie überwältigen kann.«
»Das werd ich schon schaffen«, sagte Thomas leise und wandte sich ihr zu.
Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ohne zu überlegen, gab Thomas Khendrah einen Kuss. Überrascht stieß sie ihn zurück. »Was soll das denn?«
»Ich weiß auch nicht. Mir war einfach danach.«
Ein Lächeln stahl sich auf Khendrahs Lippen. »Ich würde dich nur bitten, demnächst einen passenderen Zeitpunkt auszusuchen, o. k.? Wir brauchen unsere ganze Konzentration für Fancan.«
»Ist schon klar«, flüsterte Thomas und grinste.

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Die Wölfe von Asgard – Der falsche Gott

»Sie sind der Rán in die Hände gefallen! Allesamt vom Meer verschlungen!«, ächzte Snorri, während er sich keuchend die Hände in die Hüften stemmte. Als er die Nachricht erfahren hatte, hatte er sich abseits des kargen Lagers befunden, das für heute ihre Ruhestätte sein sollte, und war sofort losgeeilt, um es den anderen mitzuteilen.
Yorriks Schiff galt seit dem schweren Sturm als verschwunden. 
Nun hatte Islav öffentlich bekanntgegeben, dass sie nicht mehr warten und bei Tagesanbruch Segel setzten würden. 
Die Mienen der Männer wirkten im flackernden Schein des Feuers wie versteinerte Masken, denen sämtliche Gefühle aus dem Gesicht gemeißelt worden waren. 
Für einen Moment kam es Snorri so vor, als würden die dichten Kiefern noch näher an sie heranrücken. Als würden sie atmen. Sie belauern. 
Nur das funkenspuckende Feuer schien ihm eine Antwort geben zu wollen, indem es rote Glühwürmchen in den dunklen Abendhimmel sandte.

»Das will mir ganz und gar nicht gefallen«, durchbrach Holmger endlich die Stille. »Nun sind es noch mehr Ustenströmer als vorher. Und die benehmen sich jetzt schon als wäre das ihr Viking. Wenn ihr mich fragt, ist Islavs Gewicht in dieser Unternehmung höchstens noch in Scheiße aufzuwiegen.« Er spuckte wütend ins Feuer. 
»Yorrik ist ein zäher Hund, niemand von uns hat so viel Erfahrung wie er. Der kommt schon zurecht«, versuchte Völund zu beschwichtigen, doch sein nervöser Blick sprang zwischen den Bäumen umher, als erwarte er jeden Moment einen Überfall. 
Snorri klopfte sich auf die Brust. »Sollen sie kommen, wenn sie wollen. Wir werden kämpfen wie die Wölfe, ohne einen Schritt zu weichen.«
»Mögen die Götter deinen Mut besingen, Snorri Naseweis, doch das Lied des Stahls ist eines, dass dich nur allzu früh in ihre Arme führen kann«, Knutson lehnte sich mit gerunzelter Stirn an einen Baum, während er mit geschickten Schnitzbewegungen einen Knochen zu einer Spitze verarbeitete. 
Für einen Moment überlegte der junge Nord, ob sein Schiffsmeister ihn schon wieder provozieren wollte, verwarf den Gedanken aber. 
Knutson hatte gezeigt, dass in ihm mehr stecken konnte als ein verächtlicher Sklavenschinder. 
»Wir sollten uns überlegen, wie wir weiter vorgehen wollen«, bestätigte Snorri, während er sich nachdenklich über den Bartansatz strich. »Auch wenn wir Kämpfen wie die Götter, noch ist es für uns zu früh, um ihrer Tafel beizuwohnen.«
»Verdammt sollen sie sein! Die Ustenströmer, der Sturm, Yorricks Verschwinden, das sind böse Omen. Sehr ihr das nicht?«, Aegir trat aus dem Schatten der Kiefern. Der Schein des Feuers beleuchtete sein sorgenschweres Gesicht und dennoch fanden sich darin nur die Schatten der vergangenen Ereignisse wieder. 
»Der Schwarzseher ist wieder da«, Knutson verdrehte die Augen. Einige der Männer fielen in sein Gemurre ein.
»Du!«, Snorri sprach dieses Wort aus wie einen Fluch. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er merkte wie es in seinen Adern zu kochen begann. »DU!« Er setzte zum Sprung an und binnen eines Augenblicks hatte er seinen großen Bruder erreicht. »Dass du es wagst über die Götter zu urteilen, denen du doch so fleißig abgeschworen hast. Was ist nur in dich gefahren?«, zischte er Aegir entgegen, während er kurz vor seinem Gesicht Halt machte.
Der Riese wich keinen Schritt zurück, stand nur dort und regte sich nicht. Doch sein Blick bohrte sich förmlich durch Snorri hindurch wie ein abgefeuerter Pfeil auf der Suche nach dem Herzen. »Du hast es ihm also gesagt, ja?« Er wandte sich Knutson nicht zu, während er sprach. »Hast du ihm auch meine Gründe genannt?«
Noch bevor sein Schiffsmeister etwas erwidern konnte, fuhr Snorri ihm über den Mund. »Was für Gründe sollen das schon sein? Haben sie dein Eheweib das Betrügen gelehrt? Oder dich das Fischen? Oder gewährten sie dir Einzug in Walhall, als Held, als Riesen und du lehntest ab vor Undankbarkeit?« Er spuckte die Worte förmlich aus. 
Noch in diesem Moment packte Aegir ihn am Schlafittchen und hob ihn mühelos in die Luft, sodass seine Füße den Boden unter sich verloren. »Du willst wissen, was die Götter mich lehrten?«, knurrte Aegir und seine Stimme glich dabei einem Donnerschlag. 
»Die Wahrheit will ich hören, aus deinem eigenen Munde. Du elender Feigling!«, keuchte Snorri wutentbrannt, während er versuchte sich aus dem Griff seines Bruders zu winden. 
Aegir stieß ihn rückwärts, sodass er hart auf dem Boden aufschlug. Schlagartig presste sich die Luft aus seinen Lungen und er konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.
»Die Wahrheit? Die Wahrheit über die Götter? Bist du wirklich so ein Naseweis wie Knutson dich schimpft? Von meinem Bruder habe ich mir öfter sagen lassen, dass er vorlaut sei und unbedacht. Doch bist du derart blind? Prügelst dich mit Ustenströmern wie ein kleines Kind und doch willst du über die Götter reden. Willst ein Held sein und in ihrem Namen töten?« Der Ton in Aegirs Stimme veränderte sich, während er sprach. Das grollende Gewitter wich der lauernden Ruhe von tiefen Gewässern.
Empört raffte Snorri sich auf. »Ich mag jung sein, doch blind bin ich nicht. Du hast dich den Lämmern verschrieben! Den Feiglingen! Jenen, die zittern, wenn wir über sie hinwegfegen!« Der junge Nord spürte, wie nichts als die pure Verachtung aus ihm heraustropfte. Wann hatte es sein Bruder nur vollbracht, sich in eine kriecherische Made zu verwandeln? 
»Aus dir spricht nichts, außer Unwissenheit, Dummkopf!«, tadelte Aegir ihn mit erhobenem Finger. »Das hier ist kein Spiel, der Krieg ist keine Leidenschaft und das Töten bereichert dich nicht. Woher nur haben sie all die Geschichten, die dir so den Verstand verdrehen?«
»Wessen Verstand ist hier verkehrt?!«, kreischte Snorri außer sich.
Einige der Männer murmelten ihm unterstützende Worte zu, andere enthielten sich bedächtig. 
Waschweiber, alle miteinander!
»Unsere Götter sind Helden und wir tun es ihnen auf Erden nach! Was gibt es schon, was größer ist, als den wohlverdienten Ruhm in der tosenden Schlacht zu gewinnen? Als das Leben des Feindes zu nehmen?« Snorri wusste, dass er Recht behalten würde. Sein ganzes bisheriges Leben lang hatte er diesem Moment entgegengefiebert, sich endlich vor Tyr beweisen zu können und von den Valkyren in die Hallen Odins geführt zu werden.
Aegir zögerte mit seiner Antwort keinen Augenblick. »Was es Größeres gibt, als das Leben eines anderen zu nehmen?« Es ihm zu geben, du Narr!« Der Riese krempelte sein Leinenhemd um, sodass sich seine recht Flanke entblößte. Sie war übersät mit riesigen dunkelfarbenen Narben.
»Können Lämmer solche Wunden reißen? Oder ist dies von der Waffe eines Mannes, der selbst mich an Größe und Wildheit übertroffen hat? Sag du es mir!« Noch bevor Snorri eine Antwort geben konnte, fuhr er fort: »Diese Wunde hätte mich dorthin geschickt, wo die Toten ruhen sollen. Einen derartigen Schmerz habe ich noch nie verspürt. Doch die Pforten nach Walhall, Bruderherz, haben sich nicht gezeigt. Da war nichts, außer dem Schmerz. Ich wurde bewusstlos und nur Gott weiß, warum ich an dem Tag nicht gestorben bin. Als ich erwachte, lag ich im Haus eines Mannes. Meine Wunde war versorgt worden und er hatte mir Brot und Bier bereitgestellt. Einfach so!«
Snorri runzelte die Stirn. »Er hat sich gefürchtet. Wikinger nennen sie uns voller Angst und beugen tun sie sich, wenn wir kommen! Eine andere Erklärung gibt es nicht!« Was Aegir da erzählte, machte keinen Sinn. Verlor sein Bruder langsam den Verstand? 
Der Riese schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Möge Gott dir beistehen, damit du deine erste Fahrt trotz deiner Blauäugigkeit überlebst«, murrte er in keine bestimmte Richtung. »Besitzt du nicht die Fähigkeit deinen Kopf zu benutzen? Wenn du die Gelegenheit hast, einen Feind niederzustrecken, dann tust du es. Das wird uns seit jeher gelehrt. Nimm von den Schwächeren, denn sie haben es verdient, dass der Stärkere an ihrer statt herrscht. An diesem Tag war ich der Schwächere und doch wurde mir etwas gegeben. Der Mann, seinen Namen verstand ich nicht, hätte mich noch an Ort und Stelle ermorden können. Stattdessen brachte er mich in ein Gotteshaus und pflegte meine Wunden. Ich sah ein Emblem an seinem Hals, das er mir wortlos vermachte. Und da wurde es mir zum ersten Mal bewusst«, während er sprach, griff Aegir in seinen Ausschnitt und zog eine kleine Kette hervor, an der ein silbernes Kreuz hing.
Snorri keuchte auf. »Du hast … Das ist …«, stotterte er entsetzt. Er brachte keinen vernünftigen Ton heraus. 
»An jenem Tag war nur ein Gott bei mir und ihm verdanke ich mein Leben! Wer dagegen Einwände erheben möchte, soll nun vortreten und sprechen oder für immer schweigen!«, Aegir blickte mit einem Blick durch die Runde, der selbst das knisternde Feuer versengte. 
Snorri folgte ihren Blicken, die seltsamerweise von Betroffenheit zeugten. Da muss noch etwas anderes passiert sein. Er nahm sich ein Herz und fragte danach. 
»Willst du das wirklich wissen?«, raunte ihm Aegir entgegen und sein Blick nahm etwas grausames an. Etwas wissendes. 
Snorri schluckte einen Klos herunter, der ihm für einen Augenblick die Luft abschnürte. Aber egal was passiert war, sein Bruder ging den falschen Weg. Die Götter gaben das Leben und forderten es wieder für sich ein, doch eine derartige Respektlosigkeit würden sie wohl kaum dulden. So liefen die Dinge nun einmal. »Sag es mir«, forderte er Aegir auf. 
Dieser nickte ihm zu. »Islav hat nach mir gesucht. Drei Tage und drei Nächte lang. Als sie mich fanden, hatte mein Retter gerade das Abendgebet begonnen. Eine Tradition, die er täglich absolvierte. Als die Männer ihn erblickten, hielten sie in für leichte Beute, plünderten sein Heim hingen ihn an ebenjenes Kreuz, das er anbetete, und rammten ihm ein Messer in den Bauch. Das Plätschern seines Blutes, das auf die Holzdielen tropft, seine Schreie, die langsam ersticken, sie haben sich für immer in meinen Geist eingebrannt. Und da ist es mir klar geworden: Er war die Reinkarnation Jesu Christi. Die Geschichte hat sich wiederholt. Ihr Gott, und nicht die unseren, haben mich in der Not erhört. Und ich werde für das Ende meines Lebens dafür Buße zahlen müssen.« Der Riese schaute ernst durch die Runde.
Snorri merkte, dass er unterbewusst die Luft angehalten hatte, während er den Worten seines Bruders gelauscht hatte. Sein Magen verkrampfte sich zu einem flauen Etwas. Dieses Ereignis hatte Aegir verändert, daran bestand kein Zweifel.
»Und deswegen werde ich auf dieser Fahrt keine Hand an jemanden legen. Vergesst es einfach. Hätte Ylvie mich nicht gedrängt, würde ich jetzt auf meinem Boot sitzen und Reusen einholen, so wie ich es geplant hatte!«, schnaubend wandte sich der Riese zum Gehen.
Snorri merkte, wie die Wut ihm zum Schäumen brachte. Er ballte die Fäuste und ließ sie gewähren.
Aegir hatte sich als ein kompletter Verräter entlarvt. Sein eigener Bruder!
»Ja, geh nur! Aber eines versichere ich dir: wenn du versuchst, die Lämmer zu verteidigen, wirst du es noch bitter bereuen!«, rief er ihm hinterher.
Aegir hielt für einen Moment inne, als wolle er noch etwas sagen, dann aber beließ er es dabei und verschwand in der Dunkelheit.
Fluchend stampfte Snorri in die andere Richtung davon.

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Korrekturen 04

4.Teil – Die Verfolgerin

Ralph Geek-Thoben erwachte und war bester Laune. Er hatte viel Zeit investiert, um sich innerhalb der Behörde in eine Position zu manövrieren, die ihm ein großes Maß an eigenständiger Entscheidungsfreiheit ermöglichte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er von den Beobachtern der obersten Korrekturbehörde in seiner angestammten Zeit entdeckt worden war. Er war bereits siebzehn Jahre alt gewesen und hatte überhaupt nicht gewusst, dass es so etwas wie die Behörde überhaupt gab. Er wollte eigentlich Künstler werden und hatte sich bei einem Internat für Kunstförderung beworben. Sein glücklichster Tag war, als seine Eltern ihm die Zulassungsmail gezeigt hatten. Ralph war noch nie lange von zu Hause weg gewesen, doch fiel es ihm nicht schwer, seine geliebte Familie zu verlassen, um seinen Traum leben zu können.
Nach einem Jahr in der neuen Schule tauchten die rätselhaften Beobachter auf und entschieden, dass er die richtigen Anlagen für die Korrekturbehörde besaß. Ohne auf seine Proteste einzugehen, oder seine Eltern zu fragen, nahmen sie ihn mit. Sein Entsetzen war maßlos, als er begriff, dass er niemals mehr nach Hause zurückkehren würde. Es hatte lange gedauert, bis er sich in sein Schicksal gefügt und akzeptiert hatte, dass es für ihn nun nur noch die Arbeit innerhalb des Zeitvektors gab. Es zeigte sich, dass die Beobachter richtig geurteilt hatten, denn Ralph besaß tatsächlich genau die richtigen Anlagen für diese Arbeit. Während der Ausbildung war er immer einer der Besten und so stieg er später schnell vom Hilfstechniker zum Techniker und anschließend zum Agenten auf. Er leistete wirklich gute Arbeit für die oberste Behörde, doch niemand ahnte, dass er im Grunde seines Herzens einen tiefen Hass gegen diese Behörde entwickelt hatte. Man hatte ihm seinen Lebenswunsch zerstört und ihm sein Zuhause genommen. Im Gegensatz zu vielen Anderen im Dienst der Behörde hatte er eine Familie. Er hatte Eltern und drei Geschwister, die er vermisste.
Ralph begann sich dafür zu interessieren, wie die Behörde überhaupt strukturiert war. Im siebenundvierzigsten Jahrhundert hatte man die Zeitreisen entdeckt und fast vierhundert Jahre später fasste man den Entschluss, eine Behörde zu errichten, die darüber wachen sollte, dass es niemals zu Katastrophen, Epidemien oder Kriegen kommen sollte. Dieses Ziel war im Grunde nicht zu erreichen, doch bemühte man sich redlich, den gesamten Zeitstrom zu kontrollieren. Sobald man auf ein Problem stieß, wurde es überprüft und man suchte nach Lösungen, die ein solches Problem bereits im Vorfeld ungeschehen machen würden. Man entwickelte das System der Zeitaufzüge, die sich entlang der Zeitachse bewegen konnten, um den Agenten die Möglichkeit zu geben, jeden Zeitpunkt im Weltgeschehen erreichen zu können. Ralph musste zugeben, dass dies ein äußerst geniales System war. Er bewarb sich um einen Ausbildungsplatz zum Analysten, da er erkannt hatte, dass die Analysten die wahren Herrscher des Systems waren. Die Techniker und Beobachter entdeckten die Probleme, aber die Analysten prüften die Lösungsansätze, die notwendig waren, um sie zu beseitigen. Wenn ein Analyst die optimale Lösung gefunden hatte, legte er seinen Bericht der obersten Behörde vor, die im Grunde überhaupt nicht die Mittel hatte, diesen anzuzweifeln. Sicher, in den Anfängen der Behörde hatte man jeden Bericht durch mehrere Analysten gegenprüfen lassen, doch mit der immer weiter fortschreitenden Ausdehnung der überwachten Zeitebenen fehlte einfach das Personal, um diese erweiterten Prüfungen aufrechtzuerhalten. Jetzt waren es die einzelnen Analysten selbst, welche die Entscheidungen trafen. Die oberste Behörde gab den Aktionen nur noch den offiziellen Anstrich.
Ralph grinste. Niemand ahnte, dass er ein Analyst war, der gegen das System arbeitete. Doch er arbeitete nicht nur gegen das System, sondern er verfolgte auch eigene Ziele. In seiner Eigenschaft als Analyst hatte er das Recht, Daten aller Zeitebenen abzurufen. So erforschte er auch die Zeitebene, aus der er ursprünglich entführt worden war. Er verfolgte, wie seine Eltern verzweifelten, als er plötzlich verschwunden war. Seine Mutter hatte es nie verwunden und war früh gestorben, sein Vater wiederum hatte sich die Schuld an ihrem Tod gegeben und sich ein paar Jahre später das Leben genommen. Sein Bruder, der schon früher häufig Probleme mit seiner ungezügelten Aggressivität hatte, heiratete und bekam einen Sohn, der die gleichen Probleme hatte. Allerdings war er hochintelligent und wurde schon früh politisch aktiv.
Ralph beschloss, diesen Jungen zu fördern und ihn zu Macht zu verhelfen. Er spielte ihm eine Nachricht zu, in der er ihm mitteilte, wie er ihm helfen würde. Der Junge, Herwarth Thoben, antwortete ihm, dass er, wenn er ihm zur Macht verhelfen würde, ihm einen Platz an seiner Seite einräumen würde. Ralph würde niemals mehr Befehle entgegen nehmen müssen – nein, er würde herrschen. Das würde seine Rache an der Behörde sein.
Ralph lief pfeifend den Gang zur Datenbankabteilung hinunter. Inzwischen mussten die Scans der veränderten Realität vollständig sein und er war gespannt, ob seine Arbeit die erwarteten Früchte getragen hatte.
»Hallo Zeno!«, rief er, als er die Abteilung betrat.
Zeno, der – wie so oft – vor dem Terminal eingeschlafen war, schreckte hoch.
»Was?!«, rief er, »Meine Güte, dass Sie mich immer so erschrecken müssen!«
»Gab es irgendwelche Besonderheiten, seit ich gestern hier war?«, wollte Ralph wissen.
»Nein, keine«, meinte Zeno, »nur Khendrah war noch eine Weile hier gestern Abend. Sie wollte noch den Abschlussbericht schreiben.«
»Oh«, sagte Ralph, »das ist aber schnell. Sonst muss ich ihr immer erst auf die Füße treten. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ich bin dann mal für eine Weile in der Hauptdatenbank, oder haben Sie wieder einmal eine Wartung?«
Zeno winkte ab.
»Nein, Sie können loslegen. Sicherung und Wartung liefen schon während der Nacht.« Ralph betrat den dunklen Raum, der nur spärlich durch die virtuellen Displays der Terminals beleuchtet war. Er setzte sich an sein übliches Terminal und meldete sich an. Zunächst interessierte ihn, wie sich nach der Korrektur die Machtverhältnisse in seinem Heimatzeitalter darstellten. Je mehr er jedoch von der Zusammenfassung der Geschichte las, umso verwirrter wurde er. Sein Neffe war noch immer nicht an der Macht, dabei hatte er alles genau analysiert. Nur dieser Gunter Manning-Rhoda hatte im Weg gestanden und dessen Vorfahren hatte Khendrah beseitigt. Was also war schief gegangen? Er begann zu recherchieren. Erst jetzt fiel ihm ein kleines, blinkendes Symbol auf, das er noch nie gesehen hatte. Er klickte darauf und erfuhr, dass es einen unerlaubten Zugriff auf seine Personalakte gegeben hatte. Er stutzte. Seine Akte war gesperrt – er selbst hatte sie verschlüsselt. Wer konnte sich Zugriff verschafft haben? Überrascht las er den Namen Khendrah.
»Khendrah?«, fragte er laut, »Was zum Teufel ist denn in das Mädchen gefahren, dass sie mich auszuspionieren versucht?
Erst dann wurde ihm klar, dass es nicht nur der Versuch gewesen war, sondern, dass sich Khendrah seine Daten wirklich beschafft hatte. Nun wurde Ralph hektisch. Schnell wühlte er sich durch alle Register, bis er wusste, dass Khendrah offenbar nach ihrem kurzen Gespräch Dinge getan hatte, die unvorstellbar waren. Seine ganze Arbeit war zerstört worden und nicht nur das. Khendrah wusste nun offenbar über ihn und seine Pläne Bescheid. Es gab nur eines zu tun: Khendrah musste ebenso beseitigt werden, wie dieser Thomas Rhoda. Er blickte kurz auf den elektronischen Terminkalender und lächelte. Der Basis-Leiter Liivo Qum befand sich zurzeit zur Berichterstattung in der obersten Behörde. Damit war er zur Zeit dessen Vertreter und konnte selbst Agenten Aufträge erteilen. Schnell meldete er sich vom Terminal ab und verließ die Abteilung.
Zeno blickte ihm verwundert hinterher, da er noch nie erlebt hatte, dass Ralph Geek- Thoben es wirklich eilig hatte.
Ralph stürzte in sein Büro und rief nach Agentin Fancan, die kurz darauf erschien.
»Was gibt es denn so Eiliges?«, wollte sie wissen.
»Haben Sie im Moment freie Kapazitäten, Agentin Fancan?«, fragte er.
»Sicher, warum fragen Sie? Haben Sie einen Auftrag? Ich habe im Plan nichts gesehen.«
»Wie gut kennen Sie Khendrah?«, fragte Ralph.
»Khendrah? Wir sind befreundet. Wieso?«
»Hätten Sie moralische Bedenken, Khendrah zu liquidieren, wenn sie eine Verräterin wäre?«
Fancan war verblüfft.
»Diese Frage ist doch hoffentlich rhetorisch, oder?«
»Ich wünschte, es wäre so«, sagte Ralph, »Khendrah hat ihren letzten Auftrag nachträglich erneut korrigiert und ist vermutlich mit der Zielperson flüchtig.«
»Das ist doch ausgemachter Unsinn!«, schimpfte Fancan, »Khendrah würde so etwas niemals tun!«
»Vorsichtig«, sagte Ralph. »Ich habe unwiderrufliche Beweise, dass sie gestern noch einmal den Aufzug benutzt hat und zu ihrer Einsatzzeit zurückgereist ist. Gleichzeitig ist ihre Korrektur in den Datenbanken nicht mehr existent. Das ist Verrat! Sie wissen, was wir mit Verrätern tun müssen?«
Fancan ließ sich auf einen Stuhl fallen.
»Das kann ich nicht glauben«, sagte sie. »Nicht Khendrah. Sie ist bisher immer absolut korrekt gewesen.«
»Soll ich einen Agenten von einer anderen Basis anfordern?«, fragte Ralph. Fancan schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht nötig«, flüsterte sie. »Ich mache das. Vielleicht kann ich sie noch zur Vernunft bringen. Mir vertraut sie.«
Ralph schüttelte den Kopf.
»Nein, Fancan. Keine Verhandlungen. Sie finden sie und schalten sie aus. Dann kümmern Sie sich um Khendrahs Zielperson, haben Sie das verstanden?«
»Aber Khrendra ist eine von uns! Sollten wir nicht erst mal hinterfragen, warum sie das getan hat? Ich kenne sie seit Jahren. Sie ist mit Leib und Seele Agentin.«
»Die Regeln sind klar. Unsere Verantwortung gehört allen Zeitaltern, die von uns überwacht werden. Wenn aus unseren eigenen Reihen jemand aus der Reihe tanzt, steht zu viel auf dem Spiel. Es geht hier nicht um eine kleine Ordnungswidrigkeit. Khendrah ist zu liquidieren, und das, bevor ihre Anwesenheit in einer Zeitzone Einfluss auf die dortige Geschichte hat.«
»Ja«, sagte Fancan heiser. »Ich mache mich gleich auf den Weg.«
Nachdem Fancan gegangen war, atmete Ralph auf. Das war noch einmal gut gegangen. Er zweifelte nicht daran, dass Fancan diesen Job erledigen würde. Er war selbst einmal Agent und wusste daher, wie gradlinig und konsequent sie ihre Arbeit machten.

Fancan fühlte sich wie im Nebel, als sie zu ihrer Wohnung zurückkehrte. Khendrah eine Verräterin? Es erschien ihr wie ein schlechter Scherz. Sie hatten schon so viele Einsätze hinter sich, einige davon sogar gemeinsam. Khendrah war ihre Freundin, aber trotzdem war es jetzt ihr Job, sie zu töten, wenn sie Khendrah finden konnte. In ihrer Wohnung zog sie eine Einsatzkombination an und nahm alles an Waffen mit, was man unauffällig darin verstauen konnte. Wohin musste sie reisen? 17. November 2008? Was gab es für Besonderheiten in dieser Zeit. Sie befragte ihren Computer, der mit der Datenbank verbunden war. Es gab eine Vielzahl von Einzelstaaten und man benötigte Geld. Was war Geld? Sie suchte weiter. Geld war ein symbolischer Tauschartikel, für den man Waren und Dienstleistungen bekommen konnte. Fancan lächelte. Es war eine rückständige Welt dort am unteren Ende der überwachten Zeitalter, aber sie war froh, sich noch rechtzeitig informiert zu haben, so konnte sie sich noch einiges an Geld dieser Zeit und dieses Staates aus dem Archiv liefern lassen.
Als sie alles beisammenhatte, machte sie sich auf den Weg zum Aufzug. Während der Fahrt zum Zielzeitpunkt wünschte sie sich insgeheim, ihre Freundin nicht zu finden. Sie konnte nicht abstreiten, dass es ihr nicht leicht fallen würde, sie zu töten. Doch wenn sie ihr gegenüberstand …
Die Kabine kam zum Stillstand. Fancan sog zischend die Luft ein und drückte die Tür auf, im nächsten Moment stand sie auf einer belebten Straße. Passanten hasteten vorbei, unerhört viele Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren verstopften die Fahrbahn. Die Luft stank vor Abgasen der Fahrzeuge. Fancan blickte desorientiert umher und spürte die schneidende Kälte des Novembertages. Der Gehweg war feucht und ein unangenehmer Nieselregen schlug ihr ins Gesicht.
»Verdammt, ist das kalt«, sagte sie.
»Da wunderst du dich, wenn du in solchen Klamotten herumläufst, Kindchen«, mischte sich eine alte Frau ein, die gerade mit vollen Kunststofftaschen an ihr vorbei kam.
Fancan ignorierte sie, nahm sich aber vor, sich wärmere Kleidung zu besorgen.
»Wo steckst du, Khendrah?«, sagte sie leise zu sich selbst und mischte sich unter die unzähligen Passanten. Erst einmal brauchte sie irgendwo eine Bleibe. Morgen würde die Jagd beginnen.

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