Abschied

Ich fülle die heiße Suppe in eine Schnabeltasse.
Der Physiotherapeut ist vor ein paar Minuten gegangen. Meist schläfst du nach der Behandlung ein Weilchen, ich brauche mich also nicht zu beeilen. Ich hole mir einen Teller aus dem Schrank, schöpfe mir etwas Suppe aus dem Topf und esse im Stehen, während ich aus dem Fenster schaue. Normal hätten wir bei diesem herrlichen Wetter auf der Terrasse gedeckt.
Doch normal ist nichts mehr seit deinem Schlaganfall vor einem Jahr. Erst sah alles sehr gut aus. Du hast schon wieder Pläne gemacht für die Zeit nach dem Krankenhaus, doch dann kam der zweite Schlag. Du, ein Pflegefall für den Rest deines Lebens? Damals habe ich es nicht geglaubt. Und auch heute habe ich oft noch Mühe  zu akzeptieren, dass du nie mehr aufstehen, nie mehr sprechen wirst.
Ich stelle den leeren Teller in die Spülmaschine und nippe an deiner Tasse. Ja, die Temperatur ist perfekt. Als ich die Türe zu deinem Zimmer öffne, schläfst du noch. Sanft streichle ich dir über die Wange.
„Zeit fürs Abendessen, Gerd“, sage ich und setze mich auf den Stuhl neben deinem Bett. Du öffnest deine Augen, schaust mich an und lächelst. Es ist ein schiefes, einseitiges Lächeln das mich schmerzt und doch tief berührt. Ich zeige dir die Schnabeltasse und will gerade aufstehen um das Kopfteil deines Bettes hochzustellen, als mich dein Blick aufhält. Wir haben vor deinem Schlaganfall schon oft über Blicke kommuniziert. Und seit du nicht mehr sprechen kannst, haben wir das geübt. Meist verstehe ich dich auch ohne Worte sehr gut.
Deine Augen sagen mir, dass du nie mehr Suppe essen wirst. Es dauert einen Moment bis ich begreife. Dann füllen sich meine Augen mit Tränen. Du zwinkerst zwei Mal, was einem bestätigenden Nicken gleichkommt und bist sichtlich erleichtert, dass ich dich auf Anhieb verstanden habe. Ich öffne meinen Mund und schließe ihn wieder. Es gibt keine Worte für das, was ich sagen möchte.
Ich nehme deine gute Hand. Ganz schwach fühle ich deinen Händedruck. Ruhig und gelassen schaust du, wartest geduldig bis meine Tränen versiegen. Nach einer Weile hauche ich dir einen Kuss auf die Nasenspitze. Du hast ja Recht. Wir hatten ein gutes und auch langes Leben. Und nun ist es Zeit für dich zu gehen.
Ich stehe auf und öffne das Fenster. Kühle Abendluft strömt herein. Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Ich schüttle dein Bett auf und vergewissere mich, dass du es bequem hast.
Unsicher schaue ich dich an. Soll ich bei dir bleiben? Oder möchtest du alleine sein? Deine Augen bitten mich zu bleiben.
Ich stelle den Stuhl zur Seite und ziehe mir den bequemen Sessel nahe an dein Bett. Als ich wieder sitze, sehe ich, dass dir die Augen zugefallen sind. Ich nehme deine Hand und streichle sanft über deinen Handrücken. Es wird nur eine kurze Trennung werden. Etwa so wie damals, als wir für zwei Jahre nach Hongkong  gezogen sind. Du bist vorausgefahren, hast uns eine Wohnung gesucht und dann bin ich nachgekommen. Und auch diesmal gehst du voraus und ich werde dir folgen, wenn meine Zeit gekommen ist.
Es wird dunkel im Zimmer. Draußen zirpen die Grillen. Irgendwann schlafe ich ein. Als ich aufwache, bist du schon fort.

Ein Gedanke zu „Abschied

  1. Liebe Eliane,
    ich bin tief gerührt! Ich glaube, ich finde jetzt keine Worte. Mit Tränen in den Augen und mit Gänsehaut am ganzen Körper sitze ich mit dir am Totenbett.
    So viel Liebe!

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