… doch Petrus fand den Schalter nicht

Dieser kleine Text ist im Rahmen unserer letzten Schreibübung entstanden, wo es darum gehen sollte, einen Charakter unserer Wahl in einen dunklen Raum zu sperren und anschließend darzustellen, was unter diesen heiklen Umständen mit ihm passiert.
Das diese Aufgabenstellung sehr dehnbar sein kann, zeigt der nun nachfolgende Text. Viel Spaß beim Lesen und möge euch der Himmel nicht auf den Kopf fallen!



Scheiße, ist das dunkel! Ganz ruhig jetzt, Petrus, altes Haus. Tief durchatmen. Bloß nichts überstürzen. Trotz dieser wahnwitzigen Vorsätze, stolperte er noch im nächsten Moment über etwas am Boden liegendes. Ein gezischter Fluch flog über seine Lippen, dann musste er glucksen. »Und du hast den Leuten wirklich erzählt, du hättest das Licht als erstes erschaffen, ja? Die glauben auch wirklich alles, was man ihnen serviert. Sogar wenn sie nicht einmal wissen, was Licht überhaupt sein soll. Der Gott, der hat das gemacht, schon gewusst? Na klar!« 

Mühsam erhob sich Petrus vom Boden und kniff angestrengt die Augen zusammen. 
Das pechschwarze Wasauchimmer, in dem er sich gerade befand, bot scheinbar genügend Möglichkeiten, um sich ordentlich zum Volldeppen zu machen. 
Sein launischer Arbeitgeber verbesserte diese verzwickte Situation nicht wirklich. »Die altägyptische Abteilung hat angerufen. Ein Herr Ra fordert dringend Licht«, hieß es seitens der Chefetage.
Nun durfte Petrus wieder für die Nachbarabteilung schuften, obwohl er sich doch auf sein Kerngeschäft konzentrieren wollte. 
Kein Wunder, dass dieser Saftladen nicht läuft.
Der Heilige ließ es zu, dass ein Seufzer über seine Lippen wich. Dann tastete er sich vorwärts durch die Dunkelheit. Petrus war sich nicht einmal sicher, ob das ein Boden war, auf dem er gerade wandelte, oder doch nur eine weitere überirdische Konsistenz. 
Bei dem Strukturwandel in letzter Zeit schien nichts mehr gewiss. 
So irrte er eine unendliche Unendlichkeit durch das triste Schwarz. 
Aber irren ist nun einmal menschlich oder nicht?
Die Antwort darauf kannte wohl nur sein Arbeitgeber…

Plötzlich summte eine eingehende Nachricht durch Petrus Kopf. Genervt stöhnte er auf. 
»Geschichtsabteilung hier, ein Herr Hades beanstandet, dass immer noch nicht notariell beurkundet wurde, dass er bereits vor Gott existiert hat«, summte es durch seinen Schädel.
»Wenden Sie sich mit derlei Anliegen bitte an unser Sekretariat, ich bitte um Ihr Verständnis.« Petrus legte auf und atmete tief ein und aus. 
Das ist die Dunkelheit. Kein Vitamin D mehr. Ich kriege hier drin noch Zustände. 
Was brachte sein Job nur für Strapazen mit sich? Noch fünf Jahre und er lief endgültig auf dem Zahnfleisch. Doch bis er in Ruhestand gehen konnte, musste Gott erst noch einen Himmel und rechtliche Rahmenbedingungen für einen Einlass in ebendiesen erschaffen. Petrus befürchtete, dass hier vermutlich noch eine Menge Papierkram auf ihn zukommen würde. 

Zähneknirschend pirschte er sich vorwärts. 
Irgendwo hier muss doch der Schalter sein?
Langsam aber sicher zweifelte er an sich selbst. 
Viermal links abbiegen, dann an der Gabelung rechts halten. Oder andersherum? Aber welche Gabelung? Oder war es hinter dem zweiten Baum geradeaus?

Wieder summte es in seinem Kopf. »Außendienst, Petrus«, meldete er sich barsch. Nicht mal für einen Kaffee hatte es heute gereicht.
»Vertriebsabteilung hier, die neuen Ablassverträge sind erstellt und bereit für den Versand. Wir bräuchten nur noch die Kundenadressen«, flötete es durch sein Hirn.
»Danke, ich komme schon selber nicht zurecht!«, kläffte Petrus kaltschnäuzig und legte abermals auf. 
Soll sie doch der Teufel ho… nein, er verwarf den Gedanken. Zu viel Papierkram. 

Die Dunkelheit nagte an seiner Substanz, das merkte Petrus. Die Menschen schienen einfach nicht für sie geschaffen. Er sollte zu gegebener Zeit über eine Gehaltserhöhung nachdenken. 
Dann, endlich, nachdem Äonen verstrichen sein mussten, in Mittelerde schrieben sie bereits das siebzehnte Zeitalter, stieß er auf etwas, das ihm neue Hoffnung verlieh: Den Schalter!
Hätte Petrus Kopf und Kragen riskieren wollen, hätte er jetzt einen Freudentanz aufgeführt. Doch er entschied sich für die nüchterne Variante und aktivierte den Knopf. 

Und wahrlich, es ward Licht… man hoffe er bereut es nicht.

Natürlich bereute er es. Nachdem Petrus sich an die brachiale Helle gewöhnt hatte, wurde ihm das Bild einer Welt offenbart, die offenkundig den Verstand verloren hatte. Riesige Bürogebäude ragten in den Himmel und überall taten es die Menschen ihrem Schöpfer gleich. Und das obwohl sie sich kein Abbild schaffen sollten! Instinktiv schaltete Petrus das Licht wieder aus. Seine nächste Amtshandlung war die offizielle Kündigung.

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