Langsam versank die Sonne hinter den schiefen Dächern der Stadt. Die wärmenden Strahlen schienen vor der Wahrheit zu flüchten wie ein im Selbstschutz eingewickelter Mensch. Krallen aus Finsternis umschlangen die wispernden Bäume und Schatten schwangen sich auf zu ihrer Regentschaft.

Seltsamerweise hatte die Nacht Saskia nie geängstigt. Im Gegenteil, sie empfand die Fähigkeit der Finsternis, unliebsame Eindrücke und Bilder zu verbergen eher beruhigend. Wenn die Dunkelheit ihren Titel als Königin beanspruchte, flohen die meisten Menschen in ihre Häuser und verkrochen sich im Bett. Es kehrte Frieden ein auf den staubigen Straßen. Saskia hatte in ihrem Leben Stunden damit verbracht, schlicht im Mondlicht zu stehen und den Frieden zu genießen.

Diese Nacht jedoch unterschied sich von den anderen.

Die Nachricht von der morgigen Hexenverbrennung war mittlerweile Stadtgespräch. Die unbescholtenen Bürger begannen emsig mit den Vorbereitungen für das rauschende Fest, das am nächsten Tag vor dem Scheiterhaufen abgehalten werden würde. Spielmänner reinigten ihre Instrumente, Mimen übten ihre trickreichen Vorführungen, Barden erprobten ihre Stimmen, Händler sammelten ihre Waren. Diejenigen, die sich an dem Spektakel nur als Zuseher beteiligen mussten, frönten abends derweil dem Alkoholgenuss. Lautes Gelächter zerriss die Stille der Nacht und riss tiefe Wunden auf, die Saskia schon längst für geschlossen hielt. Wenn sie das Gegröle der Feiernden vernahm, tauchten Bilder vor ihrem inneren Auge auf, die sie längst begraben wissen wollte.

Zu ihrem großen Pech hatten Teshin und Saskia für die Nächtigung einen Gasthof gewählt, der als Stammlokal für alle zelebrierenden Bürger galt. Durch den dünnen Fußboden drang jedes Geräusch bis in ihr kleines Schlafzimmer herauf. Saskia saß vollständig gerüstet auf dem Bett und versuchte, sich mit dem Anblick des Sonnenuntergangs abzulenken. Teshin indes lief in dem Raum auf und ab wie ein gefangener Tiger. Sorge umwölkte seine hellen Augen.

Schließlich seufzte er. Im Schankraum unter ihnen stieß ein Mann anzügliche Bemerkungen aus. Gelächter drang an Saskias Ohren.

„Ich halte das hier nicht aus.“, knurrte er ungehalten. „Lass uns einfach zur Kirche gehen und diesen Dämon bekämpfen! Was sagst du?“

Saskia betrachtete ihn erstaunt. Nachdem Esben ihnen seine Geschichte erzählt hatte, sahen sie sich beide nicht mehr dazu in der Lage, ihren Auftrag in dieser Nacht auszuführen. Der Priester hatte den Schleier des Nichtkennens, der ihr Leben gnädigerweise vom Schicksal der Angeklagten trennte, brachial zerrissen. Es gestaltete sich einfach, den Tod einer unbekannten Person zu bezeugen. Dieses Privileg war ihnen nun nicht mehr vergönnt. Das Mitleid beraubte sie ihrer Konzentration.

Ob Esben wohl immer noch versuchte, mit dem Inquisitor zu sprechen? Saskia hatte nicht gewagt, ihn zu begleiten. Ihre Vergangenheit kettete sie an die maskierten Vollstrecker der Denomination. Sollte Medardus sie erkennen, würde dies ihr Ende bedeuten.

Saskia erwiderte Teshins Blick forschend. Ständig weilten ihre Gedanken bei der angeklagten Frau. Sie wusste, dass Esbens Schwester keine Schuld traf. Nur fragte sie sich, weshalb Teshin diese Informationen ebenfalls besaß. Sie hatte dies von ihrem alten Mentor erfahren, vor vielen, vielen Jahren. Aber er? In diesem Moment wurde Saskia bewusst, wie wenig sie von ihrem Gefährten wusste.

Ebenso wenig wie er über dich, flüsterte eine Stimme in ihrem Geist.

„Was sagst du?“, wiederholte Teshin drängend. Saskia hob eine Augenbraue und deutete auf ihren Mund. Worte wären das letzte, was sich dieser Kehle entrang. Teshin erinnerte sich an ihre Stummheit.

„Tut mir leid.“, murmelte er angespannt. „Nick einfach nur, wenn du mir zustimmst!“

Das Glühen in seinen Augen gefiel Saskia nicht. Solange sie ihn kannte, war Teshin eine optimistische und stets gut gelaunte Person. Er schien wie verwandelt. Trug wirklich allein der Hexenprozess die Verantwortung dafür?

Sie würde ihm diese Frage wohl nie stellen können. Saskia nickte. Sie fühlte sich eingeengt und bedrängt vom lauten Gelächter der Gäste und von den Aussichten auf den Prozess. Auf beides folgten schmerzhafte Erinnerungen. Sie ließ ihre Fingerknöchel knacken. Lieber würde sie sich nun im Kampf messen.

Teshin nickte grimmig. „Ich schlage vor, wir bleiben dann einfach bis morgen Abend dort.“, fügte er hinzu. „Bis dahin müsste die Aufregung verebbt sein.“

Bei dem Vorgang, den Teshin so euphemistisch mit dem Wort „Aufregung“ umschrieb, handelte es sich vielmehr um ein rauschendes Fest. Wie in anderen Städten auch war es in Aminas üblich, bei einer Hinrichtung zusammenzukommen und sich zu amüsieren. Oft nahmen auch mehrere Delinquenten aus den Kerkern daran teil – wenn auch als sehr besondere Animateure. Oft schätzten sich die zum Tode Verurteilten äußerst glücklich, beim Programm an letzter Stelle zu stehen und diesem besonderen Privileg entgehen zu können.

Der Schankwirt musterte sie misstrauisch, als sie sein Gasthaus verließen. Seine Kunden agierten ungezwungener. Einige junge Burschen unterhielten sich voller Spannung über das bevorstehende Ereignis. Einer von ihnen berichtete strahlend, dass er mit einer Krämerstochter aus der Nachbarschaft hingehen würde. Beim Tanz vor dem Scheiterhaufen würde sie mit ihrer Schönheit gewiss alle Blicke auf sich ziehen.

Während ihm die übrigen Burschen ihre Glückwünsche aussprachen und ihre Vorfreude mit glühenden Getränken zum Lodern brachten, ballten sich Saskias Hände zu Fäusten. Kurz war sie versucht, ihre Axt zu ziehen und an Ort und Stelle eine gerechtere Hinrichtung vorzunehmen. Doch da zog Teshin sie bereits hinaus ins Licht des vollen Mondes.

Leider mussten sie den Rathausplatz überqueren, um zur Kirche zu gelangen. Vom Rücken ihres müden Esels aus entdeckte Saskia einige Kerkerknechte, die eilig eine Art Bühne aufbauten. Daneben errichteten weitere Bedienstete Marktstände, einen Pranger, sowie einige Folterbänke. Einer von ihnen erzählte ihnen mit begeistert leuchtenden Augen, dass am morgigen Tage hier eine Ehebrecherin zur Schändung freigegeben werden würde. Jeder erwachsene Mann könnte sich dann straflos an ihr vergehen. Teshins Hand zuckte dabei zum Griff seiner Klinge Murakama.

Endlich ließen sie die schiefen Häuser hinter sich und bogen in den Weg ein, den Esben ihnen gezeigt hatte. Saskia dankte der Finsternis, dass sie den Galgenbaum am Wegesrand versteckte.

Sie ritten eine Weile, bis Teshin schließlich das Wort ergriff. Er klang verbittert.

„Du weißt auch, dass es keine Hexen gibt, oder?“

Saskia nickte. Die Frage überraschte sie nicht. Dass Menschen Mitleid mit Angeklagten verspürten, geschah nur äußerst selten. Meist blieb es den wenigen vorbehalten, die die Wahrheit kannten.

Teshin lachte leise. „Ich frage nicht, wer es dir erzählt hat. Aber wir beide wissen, dass es nur eine Art von Magie gibt: die Heilige, die der Inquisitoren. Aber wie heilig kann sie schon sein, wenn sie für solche Dinge missbraucht wird? Wie heilig kann Gott sein? “ Die letzten Worte klangen beinahe ängstlich, so als fürchte er sich vor der Antwort.

Saskia zuckte mit den Schultern. Sie hatte es aufgegeben, nach ihr zu suchen. Mittlerweile strebte sie lediglich ihr Überleben an. Das Philosophieren überließ sie lieber geeigneteren Leuten. Es war die Aufgabe der Schriftgelehrten, nicht die einer stummen Söldnerin, die kaum ihren eigenen Namen schreiben konnte. Gewaltsam verdrängte sie die aufkeimende Unruhe, in die seine Worte sie versetzten.

Teshin schien das anders zu sehen. „Warum lässt Gott das zu?“, murmelte er verzweifelt. „Sind wir nur Figuren in seinem Spiel?“

Der Gedanke versetzte Saskia einen schmerzhaften Stich. Am liebsten hätte sie Teshin laut angebrüllt, er solle verstummen. Warum quälte er sie mit solchen Vermutungen?

„Eigentlich müssten wir sie befreien.“, sagte Teshin leise. „Selbst, wenn wir uns dabei der Denomination widersetzen. Nur würde sie nicht weit kommen. So wie Esben von seiner Schwester sprach, ist sie wohl kaum geeignet für den Söldnerberuf. Und wir können es uns nicht leisten, auch noch in Aminas gesucht zu werden. In den anderen Städten …“ Teshin brach ab. Saskia wusste, dass seine Vergangenheit ihn daran hinderte, das weite Gebiet um Aminas zu verlassen. Offenbar wurde er andernorts steckbrieflich gesucht. Saskia kannte das Gefühl. Dieses Schicksal hatte sie schließlich auch zusammengeführt.

Den Rest des Weges schwieg Teshin. Saskias Herz beschleunigte seine Schläge, als die Kirche sich vor ihnen erhob. Im spärlichen Mondlicht wirkten die Symbole auf der Tür und die Statuen noch bedrohlicher. Saskia schluckte nervös. Hatten sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Sie dachte an die fünfhundert Auris. Mit einem solchen Betrag wären ihre Sorgen getilgt.

Teshins Miene erstarrte zu einer Maske der Kälte. Schwungvoll glitt er von seinem Esel und ging gemessenen Schrittes auf das Portal vor ihnen zu. Saskia sprang neben ihm zu Boden. Ihre Knie erzitterten unter der Last ihrer Rüstung und der Axt.

Teshin warf ihr einen entschlossenen Blick zu. Kurz zeigte sich der altbekannte Humor in den hellen Augen.

„Wahrscheinlich ist es kein Dämon, sondern nur ein Sandler, der sich hier eingenistet und die frommen Gebetsleute erschreckt hat.“, sagte er schalkhaft.

Saskia hob eine Augenbraue. Fahrendes Volk als Sandler zu bezeichnen entsprach wahrlich nicht ihrer Vorstellung von geschliffenen Umgangsformen.

Teshin stieß das Tor auf und zog Murakama. Das Breitschwert reflektierte den Mondschein, der sich wie eine Aura aus Licht um den kalten Stahl legte. Saskia hob ihre Axt und nickte ihm zu. Gemeinsam betraten sie das Gotteshaus.

Alle Gedanken an die drohende Hinrichtung versanken im Meer des Blutnebels. Saskia wusste, ein Kampf stand bevor. Sie konnte ihre Ahnung nicht rational begründen, vielmehr schien es, als handle es sich lediglich um eine leise Andeutung von Gefahr am Rande ihres Bewusstseins.

Teshin schritt zügig auf die Engelsstatue zu, die als Altar fungierte. Saskia folgte ihm und positionierte sich daneben. Der spärliche Raum zwischen Statue und Wand war so gering, dass er einem Angreifer unmöglich genug Platz zum Verstecken bieten konnte. Ein Blick hinter den alten Marmor verriet ihnen, dass dort niemand lauerte.

Eine Zeit lang geschah nichts. Das Mondlicht stieß unbeirrt leuchtende Farben durch die Buntglasfenster in die Tristesse des verlassenen Gotteshauses. Teshin war kurz davor, Esbens Anweisung zu befolgen und ein Gebet zu sprechen, als das Licht rot wurde.

Zunächst glaubte Saskia an eine Halluzination. Doch als sie sich die Augen rieb und Teshins überraschten Ruf hörte, überzeugte das Schicksal sie vom Gegenteil.

Die Farben entwichen wie sich sacht kringelnder Rauch. An ihre Stelle trat ein durchdringendes Blutrot, das dem Inneren der Kirche das Aussehen einer Schlachtbank verlieh. Mit einem Mal wirkten die Züge der Engelsstatue nicht mehr sanft, sondern hart und streng. Als Saskias Blick auf die unregelmäßigen Schatten fiel, erkannte sie die Form von grotesk verdrehten Gliedern. Hektisch sah sie sich um, doch sie entdeckte keinen Gegenstand, der diese Bilder erzeugen könnte.

Teshin nahm einen festen Stand ein und hob seine Klinge. Zu Saskias Erstaunen strahlte Murakama blau. Hatte er die Wahrheit gesagt? War das Schwert tatsächlich verzaubert?

Ehe sie eine Antwort auf diese Frage finden konnte, schälte sich eine Gestalt aus der Dunkelheit jenseits der hölzernen Bänke. Ein Kloß blockierte Saskias Hals.

Es war kein Dämon, der seine lodernden Augen auf sie richtete.

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