1. Teil – 17.November 2008 (2/2)

Khendrah starrte noch einen Moment auf die Stelle, an der Thomas gesessen hatte. Zischend stieß sie ihren Atem aus. Es war ihr diesmal nicht so leicht gefallen wie sonst. Thomas Rhoda war ein recht sympathischer Mann gewesen. Es war nur schwer vorstellbar, dass aus seiner Blutlinie ein faschistischer Massenmörder hervorgehen sollte, doch die Behörde hatte alles genau geprüft, bevor sie die Beweise dem Ausschuss vorgelegt hatte. Ein Agent wurde immer erst entsandt, wenn ein unwiderrufliches Urteil gefällt worden war. Sie tippte einen Code an ihr rechtes Jochbein, worauf sie eine Stimme in ihrem Ohr vernahm:
»Agentin Khendrah, haben Sie Ihren Auftrag ausgeführt?«
»Es ist alles erledigt«, antwortete sie. »Thomas Rhoda ist liquidiert. Bitte prüfen Sie den Erfolg der Korrektur.«
»Wird erledigt. Bitte kehren Sie nun zurück in den Zeitvektor. Es ist besser, dass Sie nicht noch irgendwelchen Menschen auffallen.«
»In Ordnung, ich kehre zurück«, entgegnete Khendrah und unterbrach das Gespräch.
Es war auch in ihrem eigenen Sinne, schnell wieder von hier zu verschwinden. Dieser Sektor lag ihr nicht besonders, was auch nicht schwer zu begreifen war, wenn man wusste, dass Khendrah ursprünglich aus dem Jahre 3162 stammte, in dem sie geboren war.
Nachdem sie Thomas‘ Wohnung wieder verschlossen hatte, lief sie die Treppe hinunter zur Straße. Im Eingang kam ihr eine ältere Frau entgegen, die sie anstarrte wie ein Gespenst. Khendrah nickte ihr kurz zu und ging an ihr vorbei. Die Frau starrte ihr noch hinterher, doch Khendrah war sicher, dass sie ihre Erscheinung bald wieder vergessen haben würde. Auf dem dunklen Gehweg fühlte sie sich wohler.
Auf dem Weg zur Hauptstraße ging ihr durch den Kopf, wie sie zur Korrekturbehörde gekommen war. Khendrah war – wie viele andere Kinder ihrer Zeit – ein Waisenkind. Frauen ihrer Zeit fanden es nicht in Ordnung, ihre Kinder selbst auszutragen, also nutzten sie die überall eingerichteten Brutanstalten. Die meisten Eltern holten ihre Babys ab, wenn die Zeit der Geburt gekommen war, doch es gab auch andere, die einfach die weitere Pflege und Erziehung dem Staat überließen. Khendrah war eines dieser Kinder. Eigentlich hatte es ihr an nichts gefehlt, nur, dass sie niemals erfahren hatte, wer eigentlich ihre Eltern gewesen waren. Schon früh war ihren Erziehern aufgefallen, wie begabt sie in sportlichen Dingen und vor allem in Kampfsportdisziplinen war. Eines Tages dann erschien ein eigenartig gekleideter Mann in ihrem Heim und ließ sich einige der Jungen und Mädchen zeigen. Nach einigen Tests, deren Sinn sie damals nicht begriffen hatte, nahm er sie und zwei der Anderen mit. Sie wurden getrennt und hatten sich bis heute nie mehr wieder gesehen. In der Folgezeit wurde sie systematisch zu einer Kämpferin und Killerin ausgebildet. Nach einigen Aufträgen, die sie in Begleitung eines Beobachters ausgeführt hatte, ließ man ihr bei der Erledigung ihrer Jobs freie Hand.
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als sie einen Schatten taumelnd vor sich auf dem Gehweg entdeckte. Das war einer der Gründe, warum sie diese Zeitebene hasste: Es gab einfach zu viel Alkohol und andere Drogen. Der Schatten vor ihr war ein offenbar betrunkener Mann. Als sie an ihm vorbeiging, griff er plötzlich nach ihr.
»Hallo Kleine, so allein unterwegs?«, fragte er mit schwerer Zunge. »Was hältst du davon, wenn wir ein bisschen Spaß haben?«
Khendrah überlegte einen Moment. Sie hatte zwar gute Grundkenntnisse in der Ausdrucksweise dieser Zeit, aber es fehlten halt einige Kraftausdrücke und Beleidigungen, die sie diesem aufdringlichen Kerl gern an den Kopf geworfen hätte. So sagte sie nur: »Lassen Sie mich sofort los, sonst werden Sie es bereuen.«
Der Mann lachte und fand wohl, dass Khendrah ihn noch ermuntern wollte. Er begann, an ihrem kurzen Rock herumzufummeln und darunter zu greifen.
Khendrahs Reflexe waren gut trainiert. Ein paar kurze Tritte und Schläge, die er kaum kommen sah, beförderten ihn in tiefe Bewusstlosigkeit. Sie ließ ihn zu Boden gleiten und blickte sich in alle Richtungen um. Offenbar hatte niemand diese kleine Auseinandersetzung mitbekommen. Angewidert ließ sie ihn liegen und ging weiter.
Auf der Hauptstraße angekommen, suchte sie nach einem ganz bestimmten Hauseingang, der in einem ganz bestimmten Augenblick nicht das sein würde, als das er erschien. Khendrah wartete vor dem Eingang und blickte auf ihre Uhr. Als es so weit war, stieß sie die Tür auf und betrat einen kleinen Raum, der nicht viel größer war als eine Aufzugkabine. Es war im Grunde auch eine Art von Aufzugkabine, nur, dass sie sich nicht nach oben und unten bewegte, sondern der Zeitachse folgte.
Khendrah hatte keine Ahnung, wie so etwas funktionierte – es war ihr auch egal. Im zweiundreißigsten Jahrhundert, aus dem sie stammte, gab es keine Zeitreisen. Sie waren erst sehr viel später möglich geworden. Wenn sie sich recht erinnerte, muss es ungefähr im siebenundvierzigsten Jahrhundert gewesen sein. Eine Zeit, die auch für Khendrah unvorstellbar war, obwohl sie schon seit einigen Realjahren als Agentin für die Korrekturbehörde arbeitete. Die Behörde wurde irgendwann nach der Entdeckung der Zeitreisen etabliert und hatte sich zum Ziel gesetzt, die Zeit zu beobachten. Sollte es irgendwann zu Unregelmäßigkeiten kommen, wollte man versuchen, herauszufinden, wie man sie abstellen konnte. Meist lag die Lösung in der relativen Vergangenheit. Oft reichte eine kleine Veränderung in der Vergangenheit eines Ereignisses aus, dieses Ereignis zu verhindern oder erst möglich zu machen, je nachdem, was gewünscht war. Die Agenten, die solche Korrekturen vornahmen, entstammten den unterschiedlichsten Epochen. Es handelte sich dabei aber immer um Menschen, die in ihrer Ursprungsepoche keine großen Spuren hinterlassen hatten. Für die oberste Behörde war es ein Leichtes, herauszufinden, wer dafür infrage kam.
Khendrah blickte gelangweilt auf die Anzeige an der Wand des Aufzuges. Soeben passierte sie ihr Geburtsjahr. Schon oft hatte sie mit dem Gedanken gespielt, den Aufzug einmal dort anzuhalten und sich ein wenig umzusehen, aber sie wusste, dass das strengstens verboten war, also unterließ sie es.
Thomas Rhoda, ihr letzter Auftrag, kam ihr wieder in den Sinn. Noch nie hatte sie so wenig Informationen im Vorfeld besessen, wenn sie einen Auftrag übernahm. Sie hatte zwar die Zielperson bekommen, ihren Aufenthalt und den Grund der notwendigen Korrektur, aber mehr auch nicht. Sie nahm sich vor, die Unterlagen des Ausschusses noch einmal genau zu lesen, wenn sie ihren Bericht schrieb.
Ein Signal ertönte und zeigte an, dass sie ihre Basis im Jahre 3500 erreicht hatte. Es gab noch weitere Basen, aber sie war bisher immer nur in dieser gewesen. Khendrah öffnete die Tür und trat auf einen hell erleuchteten Gang hinaus. Fancan, ihre einzige Freundin hier, wartete vor der Kabine.
»Ich dachte mir, dass du es bist, als ich gesehen hatte, dass sich der Aufzug in Bewegung setzt«, sagte sie. »Wie war es? Hast du den Job erledigt?«
»Ja, wie immer«, sagte Khendrah müde.
»Was ist mit dir?«, fragte Fancan besorgt. »So kenne ich dich ja gar nicht.«
»Ich weiß auch nicht. Ich habe irgendwie ein komisches Gefühl bei meinem letzten Auftrag. Sonst kann ich es immer fühlen, dass es richtig und notwendig ist, was ich tue, aber diesmal ist es anders.«
Fancan winkte ab.
»Du machst dir zu viele Gedanken. Was war denn anders als sonst?«
»Du kennst meinen Auftrag?«, fragte Khendrah.
»Nur ganz grob«, gab Fancan zu. »Ich weiß eigentlich nur, dass es um einen Mann ging, dessen Nachkommen Massenmörder sind.«
»So ist es, aber der Mann, den ich liquidiert habe, war harmlos – sogar irgendwie niedlich. Es passt einfach nicht zusammen.«
»Vorsicht, meine Liebe«, mahnte Fancan. »Du begehst einen Fehler, wenn du dir nur die Zielperson ansiehst. Über die Generationen kann sich der Grundcharakter gewaltig verändern. Du hast dich doch nicht zu viel mit der Zielperson unterhalten? Du weißt, dass das sehr schnell das Urteilsvermögen beeinflussen kann.«
»Fancan, ich bin keine Anfängerin!«, ereiferte sich Khendrah. »Ich bin Profi, wie du! Ich habe nur das Nötigste mit ihm geredet und ich habe den Auftrag ja schließlich auch erledigt. Es ist nur …«
»Das kann doch nicht wahr sein«, meinte Fancan. »Du bist emotional beteiligt.«
»Dummes Zeug!«, schimpfte Khendrah. »Erzähle bloß nicht solchen Quatsch hier herum! Was ich meinte, ist, dass man mir vorher fast keine Informationen gegeben hatte. Normalerweise bekomme ich eine ausführliche Mappe mit allem, was der Analyst herausgefunden hat. Doch diesmal war das nicht der Fall.«
»Keine Mappe?«, wunderte sich Fancan. »Das habe ich auch noch nie erlebt. Aber ist ja letztlich auch nicht schlimm. Es muss ja alles in der Datenbank stehen. Dann erfährst du es eben jetzt im Nachhinein. Lies es, dann bist du beruhigt. Was machst du nachher, weißt du das schon? Liivo Qum hat uns Berechtigungsscheine für das 3500. gegeben. Wir dürfen uns ein wenig amüsieren gehen.«
»Fancan, sei mir nicht böse, aber ich bin müde. Beim nächsten Mal bin ich wieder dabei, aber jetzt muss ich einfach schlafen.«
Fancan zuckte mit den Schultern.
»Schade, ich hätte gern mit dir einen drauf gemacht.«
Khendrah folgte dem Gang zu ihrer Wohneinheit. Kurz davor traf sie auf den Analysten der Basis, Ralph Geek-Thoben.
»Hallo mein Täubchen, wieder zurück?«, fragte er.
Khendrah konnte ihn nicht leiden. Er hatte eine irgendwie schmierige Art. Sie vermutete, dass es mit seinem Job zu tun hatte. Die meisten Aufträge resultierten aus seinen Analysen. Er berechnete, was zu geschehen hatte und welcher der minimale Aufwand zur Erreichung des maximalen Zieles war. Das machte einen Menschen sicher einsam. Doch das Verständnis für Ralph machte ihn für Khendrah nicht sympathischer.
»Ich bin nicht Ihr Täubchen«, wies sie ihn zurecht.
»Kamen sie mit dem Auftrag klar? Ist die Korrektur ausgeführt?«
»Als wenn Sie das nicht bereits wüssten«, sagte Khendrah. »Ich schreibe nachher noch meinen Bericht, dann haben Sie alles in Wort und Schrift, aber nun lassen Sie mich bitte in Frieden. Ich bin müde und will mich frisch machen.«
Sie ließ ihn stehen und betrat ihre Wohnung. Das Licht schaltete sich automatisch ein und eine Stimme teilte ihr mit, dass keine Nachrichten für sie hinterlassen worden waren. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen.
Hatte Fancan recht? Hatte sie nicht mehr den nötigen Abstand zu ihren Aufträgen? Sie hoffte, dass es nicht so war, denn eigentlich liebte sie diesen verantwortungsvollen Job. Sie fand, dass es wichtig war, Fehler in der Zeit zu korrigieren. Sie hatte dadurch schon Millionen von Menschen gerettet, auch wenn sie die Früchte ihrer Arbeit nicht selbst ernten konnte, sondern nur in der Datenbank sehen konnte, wie sich ihre Arbeit auf den Zeitstrom ausgewirkt hatte.
Khendrah stand auf und ging zu ihrer Nasszelle. Sie klatschte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und blickte in den Spiegel darüber. Ihre schwarz geschminkte Augenpartie war vollkommen verlaufen. Sie sah schrecklich aus. Fancan hatte ihr schon oft ihre Permanentfarben angeboten, aber sie konnte sich damit einfach nicht anfreunden. Sie entschloss sich, zu duschen und ließ sich das warme Wasser über den Körper laufen. Danach fühlte sie sich besser und beschloss, ihren Bericht vielleicht noch am selben Tag zu schreiben. Sie griff nach einem dünnen Overall in ihrem Schrank und zog ihn über. Sie blickte wieder in den Spiegel und zeigte sich die Zunge. Ihre Haare waren nun einfach nur blond und der Augenstreifen fehlte. Sie hatte aber einfach keine Lust, sich jetzt darum zu kümmern. Sie verließ ihre Wohnung und lief zur Datenzentrale.
»Welch Glanz in meiner Hütte«, empfing sie Techniker Zeno Dorgan, der für fast alles in dieser Basis verantwortlich war. »Du siehst gut aus, Khendrah. Endlich mal nicht diese dumme Farbe im Gesicht.«
Khendrah verzog leicht das Gesicht. »Du weißt, dass ich diesen Augenstreifen mag, Zeno.«
»Ja, leider«, meinte Zeno seufzend. »Ich finde nur, dass du ohne diese Farbe einfach netter aussiehst.«
Khendrah wusste, dass Zeno sie mochte, doch Khendrah empfand nicht dasselbe für ihn und sie wollte ihm keine Hoffnungen machen, deshalb wurde sie schnell wieder dienstlich:
»Kann ich in den Datenraum, oder ist jemand drin?«
»Um diese Zeit ist niemand mehr dort, Khendrah. Du kannst rein und alle Systeme nutzen, die du brauchst. Wenn du Hilfe benötigst – ich bin hier.«
Zeno lächelte sie breit an.
Khendrah lächelte zurück. »Danke Zeno, aber ich komme schon zurecht.«
Sie öffnete die schwere Sicherheitstür zum Datenraum und ließ sie hinter sich zufallen. Irgendwie tat ihr Zeno leid. Sie mochte ihn, als Kollegen und Freund, nicht jedoch als Liebhaber.
Sie nahm an einem der Terminals Platz und gab ihren Berechtigungscode ein. Sofort erwachte das Terminal zum Leben und sie gab die Aktennummer ihres letzten Auftrages ein, die man ihr mitgeteilt hatte. Der Auftrag erschien auf dem virtuellen Bildschirm und sie begann, ihren Bericht zu tippen. Als sie fertig war, wollte sie sich schon abmelden, als ihr einfiel, dass sie ja nun auch durchaus die Einzelheiten nachlesen könnte, die man ihr nicht ´mitgeteilt hatte. Nacheinander rief sie die entsprechenden Module auf.
Der Text des Auftrages war identisch mit dem Ausdruck, den sie erhalten hatte. Er war genauso dürftig, wie ihr Einsatzbefehl. Also schaute sie nach, ob bereits die Ergebnisse ihrer Korrektur gespeichert waren. Tatsächlich war Ralph bereits tätig geworden und hatte den Fall abgeschlossen. Das war eigenartig. Wie konnte er ihn abschließen, ohne, dass ihr Bericht im System gespeichert und von der obersten Behörde bestätigt worden war?
Sie begann zu lesen. Ihr Auftrag war notwendig geworden, weil man bei Beobachtungen im Jahre 2117 festgestellt hatte, dass ein faschistischer Machthaber mit Namen Gunter Manning-Rhoda den gesamten europäischen Kontinent in seine Gewalt gebracht und ein absolutes Schreckensregime errichtet hatte. Zum Schutz der Menschen dieser Epoche wurde eine Korrektur angeregt, die sich gegen die Vorfahren dieses Diktators richten sollte. Dabei hatte Ralph Geek-Thoben sich rückwärts durch die Zeit gearbeitet, um herauszufinden, welcher der Vorfahren sich mit dem geringsten Aufwand für dessen eigene Epoche beseitigen ließe. Durch die Beseitigung des Thomas Rhoda im Jahre 2008 existierte im Jahre 2117 kein Gunter Manning-Rhoda und die Diktatur wurde vermieden.
Khendrah atmete auf. Es war doch nicht falsch gewesen, was sie getan hatte. Ihre Gefühle hatten ihr einen Streich gespielt. Trotzdem fand sie die Verfahrensweise nicht in Ordnung, wie Ralph sie angewandt hatte. Sie würde sich jedoch hüten, die Arbeit eines Analysten infrage zu stellen. Das bedeutete immer nur Ärger.
Sie rief nur kurz die Darstellung der geänderten Geschichte auf, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Sie stellte das Jahr 2117 ein und aktivierte die geschichtliche Zusammenfassung, wie sie sich nach ihrer Korrektur ergab. Was sie sah, verschlug ihr den Atem.
Auch nach ihrer Korrektur sollte es dort eine Diktatur geben. Tausende von Regimegegnern hatten den Tod gefunden. Was hatte denn dann ihre Korrektur überhaupt bewirkt? Sie tippte den Namen Gunter Manning-Rhoda ein und wartete. Die Suche verlief ohne Erfolg, also hatte ihre Korrektur funktioniert, aber warum war die Diktatur nicht beseitigt? Khendrah forschte weiter. Ralphs Abschlussbericht stand sogar im krassen Gegensatz zu den Ergebnissen der Korrektur, die er selbst abgespeichert hatte. Da stimmte doch etwas nicht.
Sie begann im Jahre 2117 mit ihrer Recherche und glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als sie den Namen des Diktators las: Herwarth Thoben. Der Name ihres Analysten war Ralph Geek-Thoben. Das konnte kein Zufall sein.
Khendrah versuchte, Ralphs Personalakte aufzurufen, doch war diese mit einem Sperrvermerk versehen.
»Verdammt!«, entfuhr es ihr.
Es war ihr klar, dass ihr Zugriffsversuch registriert worden war. Spätestens, wenn Ralph sich beim nächsten Mal im System anmelden würde, würde er eine entsprechende Warnung erhalten. Jetzt kam es für sie darauf an, dass sie wirklich etwas fand, was eine Dienstpflichtverletzung Ralphs war, sonst könnte sie ihren Job vergessen. Sie verschränkte ihre Finger und ließ sie knacken. Jetzt waren ihre Fähigkeiten aus dem zweiundreißigsten Jahrhundert gefragt. Nur die Wenigsten wussten, dass in dieser Zeit die besten Hacker gelebt hatten, die es in der Zeit jemals gegeben hatte. Schon Kinder waren fähiger, als viele erfahrene Informatiker in anderen Zeitaltern.
Ihre Finger flogen nur so über die Tastatur und nach und nach schaltete sie alle Sicherungen aus, die ihr einen Zugriff auf Ralphs Akte verwehrten. Es war ihr vollkommen klar, dass sie sich soeben strafbar gemacht hatte, aber sie musste die Wahrheit erfahren. Schließlich erfuhr sie, was sie wissen wollte: Ralph stammte ursprünglich aus dem Jahre 2082. Also hatte Ralph seine Stellung als Analyst ausgenutzt, um einen Verwandten an die Macht zu bringen. Um sicher zu gehen, rief sie auch noch die vergangene Version der Realität vor der Korrektur auf und schaute nach, wie die Geschichte vorher ausgesehen hatte.
Auch hier gab es einen Herwarth Thoben, der als Politiker eine Linie der Gewalt verfolgte. Allerdings gab es auch eine sehr starke Opposition, angeführt von dem charismatischen Gunter Manning-Rhoda, der sich gegen die radikale Partei gestellt hatte. Schließlich unterlag Thoben gegen Manning-Rhoda, wodurch dem Volk eine Gewaltdiktatur erspart blieb.
Khendrah war fassungslos. Sie war gnadenlos ausgenutzt worden, um einem Verwandten Ralphs in den Sattel zu helfen. Sie hatte einen vollkommen unschuldigen Menschen getötet, ja, sie war sogar schuld am Tode vieler unschuldiger Menschen.
Minutenlang starrte sie auf die Anzeige, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollte sie nun tun? In wenigen Stunden würde Ralph erfahren, welche Informationen sie abgerufen hatte. Offenbar ging er über Leichen. Es war zu vermuten, dass er Vorsorge getroffen hatte, dass sein Tun vertuscht werden konnte. Sie dachte an die oberste Behörde, doch verwarf sie den Gedanken wieder. Immerhin hatte sie ihren Auftrag genau von dort bekommen. Entweder hatte Ralph sogar in diesem Gremium seine Gönner oder die oberste Behörde war nicht so souverän, wie sie es immer geglaubt hatte.
Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr wurde ihr bewusst, dass es für sie gefährlich werden konnte, wenn sie noch länger in der Basis blieb. Sie meldete sich vom Terminal der Datenbank ab und ging.
»Na, alles erledigt?«, fragte Zeno, der noch immer vor seinen Rechnern ausharrte.
»Ja? Warum?«, fragte Khendrah vorsichtig. Hatte Zeno etwa etwas bemerkt? Doch ihre Angst war unbegründet. Zeno wollte nur etwas Small Talk machen.
»Nichts«, sagte er. »Ich wollte nur fragen, ob wir vielleicht noch etwas trinken.«
»Zeno«, sagte Khendrah vorwurfsvoll. »Ich mag dich, aber gib auf. Lass uns einfach Kollegen und Freunde sein, ja?«
»Solltest du deine Meinung doch einmal ändern – ich bin hier.«
Khendrah lächelte ihm zu und verließ den Raum. Sie beeilte sich, ihre Wohnung zu erreichen. Dort zog sie sich um und legte eine komplette Einsatzkombination an. Sie hatte sich entschlossen, die Basis zu verlassen. Nur wenig später schlich sie zur Kabine und hoffte, dass der Zeitaufzug nicht schon wieder in Benutzung war. Sie wollte sich nicht vor irgendwem dafür verantworten müssen, warum sie in voller Ausrüstung vor dem Aufzug wartete. Sie hatte Glück – die Kabine öffnete sich. Leise schloss sie die Tür hinter sich.
Erst jetzt fragte sie sich, was sie eigentlich wollte. Sie musste schon ein Ziel eingeben, denn sonst würde sich der Aufzug nicht in Bewegung setzen. Sie dachte nach. Ihr letzter Auftrag führte sie zum 17. November 2008, 18:45 Uhr. Vielleicht fand sie ja eine Möglichkeit, ihre Korrektur rückgängig zu machen. Entschlossen stellte sie den 17. November 2008, 17:00 Uhr ein und drückte die Starttaste.