Schreibkommune

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Monat: Januar 2019

Schatten im Wasser

von Nyx

Seit Tagen lasse ich mich in der Badewanne treiben wie eine Wasserleiche. Nicht ununterbrochen, nachts schlafe ich im Bett, bedeckt mit feuchten Handtüchern und klebrigem Schweiß, geplagt von fiebrigen Alpträumen, in denen Richard meinen Kopf unter Wasser drückt. Ich fühle mich aufgedunsen, voll von Wasser und Stimmen, und merkwürdigerweise dennoch wie ein Stück Dörrobst, ein Opfer der unbarmherzigen Hitzewelle, die draußen den Asphalt zum Schmelzen bringt und meine Wohnung wie einen Backofen erhitzt. Der Lärm ist kaum auszuhalten. Die Stimmen waren noch nie so laut wie diesen Sommer. Es ist, als würde die gesamte Menschheit gleichzeitig auf mich einreden. Worte prasseln wie tropischer Regen auf meine zusammengekauerte Form in der Wanne und die meiste Zeit kann ich das Durcheinander nicht einmal verstehen. Nur wenn ich mich anstrenge, kann ich einzelne Worte ausmachen. Pfefferminze, das murmeln sie erst seit gestern, dafür aber immer und immer wieder. Und nach Einbruch der Dämmerung schreien sie seinen Namen wie eine Warnung in die Dunkelheit: Richard. Richard, der Teufel in Menschengestalt. Richard, mein geliebter Richard.

Er hämmert gegen die Wohnungstür und ruft meinen Namen. Ich kann seine Wut durch die Wände und die verschlossenen Türen fühlen. Jeder Faustschlag gegen das Holz grollt wie schmerzhafter Donner durch meinen Kopf. Ich presse die Wange gegen den kühlen Rand der Keramikwanne und bohre die Fingernägel in meine Oberschenkel, bis rote Kratzspuren entstehen. Tief einatmen. Tief ausatmen. »Ich weiß genau, was du der Polizei gesagt hast!«, tobt Richard, und ich sinke tiefer ins Wasser. So wütend habe ich ihn noch nie erlebt. Wird er die Tür aufbrechen? Werde ich spurlos verschwinden, genauso wie seine kleine Tochter? Der Geschmack von Blut klebt an meinen aufgesprungenen Lippen. Die Wandfliesen verschwimmen vor meinen Augen und werden zu einem einzigen, beigen Fleck. Das Hämmern nimmt ein abruptes Ende.

An das Gespräch mit dem Polizeibeamten, der gestern hier war, kann ich mich nur bruchstückhaft erinnern. Nicht an alle Einzelheiten, aber an das Wichtigste. Es ist schwer, Fragen zu beantworten, wenn es unerträglich heiß ist und die Gedanken schmelzen wie Butter in der Sonne. Wann ich die kleine Kerstin zum letzten Mal gesehen habe, wollte er wissen, und in seinen Augen war kein Funken Hoffnung, als hätte er schon zu viele vermisste Mädchen tot aufgefunden, um noch an ein glückliches Ende zu glauben.

Seit meiner Trennung von ihrem Vater sehe ich sie selten, manchmal begegne ich den beiden im Stiegenhaus, aber ich höre die Kleine immer, habe ich gemurmelt. Richard setzt Kerstin jeden Nachmittag für ein paar Stunden ins Planschbecken auf die Dachterrasse. Es steht neben dem großen Pflanzkasten mit der Pfefferminze und hat ein aufblasbares Dach, das vor der Sonne schützt, und bunte Fische an den Seiten. Sie weint und schreit immer, wenn sie alleine da oben ist. Ich kann das bis in meine Wohnung hören. Ich bekomme sogar Kopfschmerzen davon.

Da hat das Gesicht des Polizisten härtere Züge angenommen. Er lässt seine zweijährige Tochter unbeaufsichtigt am Dach?

Das Wasser ist flach und sie trägt sogar Schwimmflügel. Sie kann auch nicht vom Dach fallen. Es kann eigentlich nichts passieren …

Die Schultern des Polizisten haben sich trotzdem weiter versteift. Er hat ausgesehen, als wüsste er alles, was er wissen müsste. Da habe ich zum ersten Mal Angst vor Richard bekommen.

Die Zeit vergeht quälend langsam, die Hitze dehnt alles aus. Die Minuten in der Badewanne werden zu Stunden, in denen ich nichts tue. Abends im Bett höre ich Richards unruhige Schritte in der Wohnung über mir. In meinem Kopf überschlagen sich die Stimmen, diskutieren, fangen einen Streit an, der wie Blitze durch meine Schläfen zuckt. Sie reden über Richard, als wäre er ein Monster. Sie reden über mich, als wäre ich in Gefahr. Das Kissen, das ich mir gegen die Ohren drücke, kann das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren wird, nicht ersticken.

Erst kurz nach Mitternacht und ein paar ermutigenden Schlucken Whiskey wage ich es, meine Wohnung zu verlassen. Die Stimmen lassen mir keinen Schlaf. Sie reden wieder von der Pfefferminze und trockener Erde. Die Dachterrasse liegt direkt über Richards Wohnung – ich hoffe, dass er bereits schläft und meine Schritte nicht hören kann. Vorwärts, drängen die Stimmen, vorwärts, die Zeit läuft davon. Nie zurück, sondern immerzu vorwärts. Die Sonne behält kein Geheimnis. Je länger ich zuhöre, desto mehr kann ich verstehen. Aber ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich das überhaupt will.

Die Nacht bringt keine Abkühlung. Die Luft ist warm und schwül, es weht kein Wind, der die schweißklebrigen Haare von meinen Schläfen lösen könnte. Das Wasser im Plantschbecken liegt in völliger Stille. Einen Moment lang verharre ich und tauche einen Finger hinein. Es ist wärmer als das Wasser in meiner Badewanne. In meinem Kopf taucht ein Bild auf: nasse, dunkelbraune Locken. Die Pfefferminze, schreien die Stimmen. Sieh nach, was er unter der Pfefferminze vergraben hat! Widerwillig richte ich meinen Blick auf den Pflanzkasten. Pfefferminze ist eine Pflanze, die sehr stress- und hitzeresistent ist. Aus ihren Blättern habe ich oft Mojitos für Richard und mich gemacht. Doch selbst die Erinnerung an gemütliche Abende zu dritt, in denen wir fast wie eine Familie waren, kann das ungute Gefühl in meiner Bauchgegend nicht beruhigen. Alles woran ich denken kann, ist der Schatten, der manchmal über Richards Gesicht gehuscht ist, wenn Kerstin nicht aufhören wollte, zu heulen.

Die Pfefferminze sieht mitgenommen aus, als wäre sie herausgerissen und wieder notdürftig zurück in die Erde gedrückt worden. Die Blätter hängen träge herunter, als hätten sie jegliche Hoffnung verloren. Wie der Polizist, der hier war.

Vielleicht ist es nur die Hitze, die der Pflanze zu schaffen macht.

»Iris?« Eine Stimme, tief wie ein See. Licht aus dem Stiegenhaus fällt auf Richard und wirft Schatten auf sein Gesicht. Ich stolpere rückwärts und stoße mit dem Bein an den Pflanzkasten. Ein pochender Schmerz breitet sich in meiner Wade aus. Richard bewegt sich langsam, fast so, als würde er schlafwandeln. »Was tust du hier oben um diese Uhrzeit?« Sein Blick bleibt am Planschbecken hängen. Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht deuten.

»Frische Luft … die Hitze setzt mir dieses Jahr zu. Ich sollte wieder nach drinnen gehen.«

»Bleib doch einen Moment, Iris.« Es klingt schwach, aber dennoch wie ein Befehl. Die Stimmen flüstern etwas, doch so sehr ich mich auch anstrenge, ich kann kein einziges Wort mehr verstehen.

»Ich habe einen Fehler gemacht …«, sagt Richard. Mein Herz rast, als ich darauf warte, dass er den Satz beendet. Doch das tut er nicht. Stattdessen sieht er vom Planschbecken auf und macht einen Schritt auf mich zu. Panik pulsiert durch meine Adern. Das Stiegenhaus ist nur wenige Meter entfernt. Ich muss nur an Richard vorbei. Richard, der mich in meinen Träumen ertränkt. Er packt mich am Handgelenk, als ich einen Schritt nach vorne mache.

»Ich habe der Polizei nichts gesagt!«, schreie ich und sehe in sein Gesicht, auf die schmalen Lippen und den Drei-Tage-Bart, den ich so gerne geküsst habe, obwohl meine sensible Haut sich danach gerötet hat. Plötzlich ist da keine Liebe mehr zwischen uns.

»Was? Was meinst du damit?»

Mein Handgelenk erzittert unter der hilflosen Wut seiner Finger. Doch in seinen Augen sehe ich nur Verwirrung. Ich blinzele. »Als du heute bei mir geklopft hast- »

»Geklopft? Ich habe nicht geklopft, ich war fast den ganzen Tag auf dem Revier.« Er lässt meine Hand los. Er sieht müde aus. »Iris, was- »

»Was ist passiert? Hast du sie getötet?« Mein Magen krümmt sich, als ich die Worte ausspucke. »War es ein Unfall?«

»Hast du den Verstand verloren?!«

Seine Worte treffen einen wunden Punkt. Ich schlage gegen seine Brust.

»Ich hätte ihre Mutter sein können! Ich hätte aufpassen können, Richard! Wenn du dich nicht von mir getrennt hättest … es wäre nicht so laut gewesen!« Schreien, Weinen, Stimmen. Papa! Papa! Jeden Nachmittag nur »Papa!«. »Du bist Schuld daran, dass es so laut war! Du hast mich nicht ihre Mutter sein lassen! Weißt du eigentlich, wie viel sie geschrien hat? Wie hast du das einfach ignorieren können? So viel Geschrei, Tag und Nacht, hat es sich nicht angefühlt, als würde dein Kopf explodieren?«

Die Knie geben unter mir nach. Ich drehe mich weg, stütze mich am Pflanzkasten ab. Bekomme eine Handvoll Erde zu fassen und schleudere sie beiseite. Noch eine Handvoll. Der Geruch von Pfefferminze und etwas Abscheulichem dringt mir in die Nase. Richard ruft meinen Namen, packt mich an der Schulter. Ich schüttele ihn ab und reiße an der Pfefferminze, schlage mit der Faust gegen den Pflanzkasten, grabe tiefer, ohne auch nur einen Moment innezuhalten. Es wird keine Pfefferminze mehr geben, über die die Stimmen reden können. Egal wie stress- und hitzeresistent diese verdammte Pflanze ist, sie wird nicht mehr zurückkommen. In all der Erde erspähe ich blassblaue Lippen und Augen, leer wie die einer Puppe. Ich reiße nicht mehr an den Wurzeln der Pfefferminze, es sind Haare, in denen meine Finger sich verfangen. Doch in meiner Wut hat es keine Bedeutung. Ich reiße stärker, und dann habe ich ein Büschel stinkender Locken in der Hand, das ich genauso beiseite werfe wie die Pfefferminze. Meine Finger graben sich erneut in die Erde-

Ich werde gestoßen. Der Natursteinboden empfängt mich mit einem dumpfen Schmerz. Wie durch einen Schleier sehe ich Richard, wie er vor dem Pflanzkasten in sich zusammensackt. Seine Schultern zucken, sein Mund bewegt sich auf und zu, aber ich höre nichts. Es ist so still um mich herum, dass ich vor Erleichterung weinen könnte. Ich schließe die Augen. Da sind keine Stimmen mehr. Ganz langsam nimmt die Welt schärfere Umrisse an. Und dann sehe ich mich, wie ich Kerstins Kopf unter Wasser drücke.

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Spaßgedicht

Manchmal, da setzt sich das Kind in mir durch und ich habe richtig viel  Lust mit Worten zu spielen. An so einem Tag entstand folgendes Gedicht, das mir beim Schreiben richtig viel Freude machte.

Da gibt es eine Frau, die lebt schon lang allein,
tagtäglich geht sie in den Wald,
dort ist es ihr gar nie zu kalt.
Am Wegesrand, ein wildes Schwein, das findt` sie fein.

„Nimm mich mit zu dir“, grunzt laut das Tier.
Da ruft die Frau: „schau mich doch an,
ich bin vegan
und du – bleibst schön brav hier!“

Gar wütend ist der Keiler und senkt den großen Kopf,
die Frau erkennt die Zeichen,
erklimmt eine der Eichen
wutschnaubend greift er an, der arme Tropf.

Der Förster auf der Pirsch,
will eigentlich den Hirsch,
doch so ein fettes Schwein,
das läuft ihm auch gut rein.

Da macht es Peng – tot ist das Schwein
Der Förster hilft der Frau galant
vom Baum mit seiner starken Hand.
Sie dankt ihm mit ‘nem Knicks gar fein
und lädt ihn in ihr Häusl ein.

Was dann passiert, das sag ich nicht.
Und die Moral von der Geschicht`
– die gibt es nicht.

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Jeschua

Dies ist noch eine Geschichte, die sich mit der Frage beschäftigt, wie das Weihnachtsfest im jahr 3000 aussehen könnte.

Geschrieben wurde sie von falky67.

Kevin stand am Bullauge seiner Behausung und schaute hinaus. Draußen tobte der rote Sturm, der immer zu dieser Jahreszeit Babakin überrollte. Dann waren sie mehrere Tage gezwungen, in ihren Wohnunterkünften zu bleiben. Die Mine blieb geschlossen, denn selbst mit den Marsmobilen war kaum ein Durchkommen mehr.

Er schaute auf die zerklüftete Landschaft des Kraters, in dem die Minenstadt Babakin gebaut war. An den Rändern erhoben sich die Felsformationen, in die die Stollen getrieben wurden. Die notwendigen Gerüste krochen wie ein Skelett an den Wänden hinauf. Doch wurden sie jetzt von rotem Staub bedeckt, der sich über den Rand ergoss, als wollte er die Stadt begraben. Manchmal stellte sich Kevin vor, auf der Erde zu leben, wo es solche Stürme sicher nicht gab. Jedenfalls glaubte er das. Er hatte die Erde noch nie gesehen. Seine Eltern und auch seine Großeltern waren auf dem Mars geboren, genauso wie er. Und alle waren irgendwie Minenarbeiter, denn um Arzt, Lehrer, Biologe zu werden oder eine andere interessante Tätigkeit ergreifen zu können, hätte man eine Bildungseinrichtung der Erde besuchen müssen. Der Verdienst reichte, um zu leben, zu überleben. Mehr aber auch nicht. Eine Reise zur Erde, die war ganz bestimmt nicht drin. Wer viel Glück hatte, ergatterte einen der begehrten Plätze für eine Mechanikerausbildung.

Kevin sah sich in seiner Wohneinheit um. Sie war spärlich eingerichtet, denn man musste alles irgendwie von der Erde heranschaffen. Die Standardausrüstung, die die Shenhua Energy Kooperation bereitstellte, bestand aus einem Metallbett, einem Klapptisch, einem Schrank und zwei Stühlen. Seine Eltern hatten ihm einen Vorhang genäht, der die Schlafstatt vom Rest abtrennte. Gemütlich wurde die Wohneinheit dadurch nicht. Aber er hielt sich ja auch kaum darin auf. In letzter Zeit verbrachte er seine Freizeit lieber draußen im Observatorium. Cho Ling hatte ihm die Sterne erklärt und einmal konnte er sogar einen Blick auf die Erde werfen. Sie sah atemberaubend aus. Man konnte wirklich blau erkennen. Ein blauer Planet, Kevin kannte nur Rot. Cho Ling meinte allerdings, dass die Erde nur noch vom Weltall so blau wirkte. Die Megacitys waren grau und schmutzig. Erst ab dem 150sten Stockwerk sah man die Sonne. Alles darunter benötigte künstliches Licht, das meist vom Smog geschluckt wurde. Wobei Kevin sich noch nicht einmal vorstellen konnte, wie ein Haus mit über 150 Stockwerken aussehen würde. Hier war das Observatorium das höchste Gebäude.

Der Mars besaß seit dem 25. Jahrhundert eine verbesserte Atmosphäre. Man begann damals, ein künstliches Magnetfeld zu erzeugen, dass das Abtragen der Atmosphäre verhindern sollte. Jedoch war es bis heute nicht gelungen, dieses stabil und stark genug zu halten. Aus diesem Grund wurden die Bergbaustädte alle in Kratern erbaut. Kleinere Krater wurden komplett mit einer künstlichen Abdeckung überzogen, sodass darunter eine atembare Luft erzeugt werden konnte. Hier wurden vorrangig Versuche zur Züchtung von marsfähigen Pflanzen durchgeführt. Leider war der Erfolg auch nach Jahrzehnten nur bescheiden. Es gab bis jetzt nur einige Moose und Wüstenpflanzen, die auch im Marsboden wuchsen. In den größeren, dem Bergbau dienenden Kratern waren nur die Behausungen mit einer Sicherheitskuppel überspannt, damit man notfalls die Gebäude auch ohne Schutzanzug erreichen konnte. Trotzdem gab es an jedem Ausgang Sicherheitsanzüge und Luftschleusen.

Cho Ling war noch nicht lange auf dem Mars, sie kam vor knapp neun Monaten mit dem letzten Fährschiff. Kevin hatte sich damals gefragt, wer von der Erde so verrückt war, freiwillig auf dem Mars Dienst zu tun. Mittlerweile kannte er Cho Lings Gründe. Es gab strenge Regeln auf der Erde und durch ihren freiwilligen Einsatz konnte sie ihren Zustand vor den Behörden verbergen. Vielleicht blieb sie ja auch auf dem Mars, wer wusste das schon? Kevin war sich sicher, dass er nichts dagegen hätte, wenn Cho Ling hierbleiben würde.

Das Observatorium war nicht im Krater, sondern auf der Marsoberfläche erbaut. Um es leichter zu erreichen, hatte man von Babakin aus einen Stollen in den Berg getrieben. An klaren Tagen konnte Kevin es von seinem Fenster aus sehen. Heute jedoch nicht, heute sah man nur roten Staub.

Doch was war das? Bewegte sich da nicht etwas? Halluzinierte er, oder tanzte da tatsächlich etwas mit dem Sturm? Es schien, als wenn sich die roten Staubpartikel an dieser Stelle zu einem Umriss zusammenfügten, sich verdichteten, um im nächsten Moment wieder auseinandergerissen zu werden, nur, um es erneut zu versuchen. Fast sah es menschlich aus. Aber Kevin wusste, dass so einen Sturm kein Mensch aushalten konnte, wenn er ohne Schutzanzug da draußen war. Was also war das? Langsam entfernte es sich aus Kevins Blickwinkel, um dann wieder aufzutauchen. Nun von einem inneren Leuchten begleitet. Und es bewegte sich eindeutig Richtung Observatorium. Konnte Cho Ling noch dort sein? Das musste er in Erfahrung bringen. Kevin verließ sein Quartier und rannte Richtung Gemeinschaftsraum. An den Tagen des roten Sturmes trafen sie sich alle dort und feierten gemeinsam. Wenn Cho Ling in der Stadt war, dann fand er sie am ehesten da. Außer Atem erreichte er den Raum, der in der Mitte der Stadt lag. Er war rund und in der Mitte war die Kuppel durchsichtig, sodass man die Sterne sehen konnte. Das Phänomen konnte er von hier aus allerdings nicht mehr erkennen. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, es hinge mit Cho Ling zusammen. Panisch durchstreifte er den dicht gefüllten Raum. Viele standen beisammen, tranken Oirel, ein auf dem Mars hergestelltes alkoholisches Getränk. Dazu wurden mitgebrachte Speisen gereicht und es wurde gesungen. Manche tanzten auch. Es war also für Kevin nicht leicht, Cho Ling hier zu entdecken. Doch dann sah er Mohadin. Er war Cho Lings Vorgesetzter und wusste sicher, wo sie sich befand.

»Mohadin«, rief Kevin schon von Weitem. »Mohadin. Weißt du, wo Cho Ling ist?«

»Ah, Kevin, setz dich zu uns, wir spielen gerade Quirl und könnten noch einen guten Spieler gebrauchen.« Mohadin legte seine Konsole beiseite. Er hatte eindeutig schon mehr als ein paar Oirel zu sich genommen. Das sah man an dem verschwommenen Blick.

»Ein anderes Mal, Mohadin. Sag, hast du Cho Ling gesehen?« Kevin musste sich zwingen, ruhig zu atmen.

»Sie war vor dem Sturm noch im Observatorium. Ich glaube, sie wollte da bleiben.«

Kevin meinte, sich verhört zu haben. Er packte Mohadin am Kragen und zerrte ihn von seinem Stuhl.

»Da bleiben, bei dem Sturm? Und das in ihrem Zustand? Das kann doch nicht dein Ernst sein!« Er stieß ihn zurück und stürmte aus dem Gemeinschaftsraum. Was, wenn Cho Ling wirklich noch dort war? Er musste sich Gewissheit verschaffen. Er schlug den Weg zum Fahrzeugpark ein. Vorher musste er sich noch die Ausrüstung besorgen. Es war normalerweise nicht erlaubt, außerhalb der Arbeitszeit Schutzanzüge zu benutzen. Dafür waren die Materialien viel zu wertvoll, denn sie konnten nicht auf dem Mars hergestellt werden. Die Flotte an Fährschiffen von der Erde kam nur aller 2 Jahre, wenn Mars und Erde die geringste Entfernung voneinander hatten. Man hatte dann knapp ein Jahr Zeit, um die Schiffe zu beladen, ehe sie wieder in Richtung Erde verschwanden. Die Berechnungen mussten sehr korrekt sein und die Abflugzeiten eingehalten werden, sonst würde die Erde beim Eintreffen der Fährschiffe auf einem anderen Punkt ihrer Umlaufbahn sein und die Schiffe würden nicht auf dem blauen Planeten landen können. Deswegen konnte man sich keine Materialverluste erlauben, die Neubeschaffung dauerte einfach zu lang.

Kevin spielte die Feier im Gemeinderaum in die Hände, somit war der Geräteraum nicht besetzt. Es kam ja auch niemand auf die Idee, dass bei einem Dezembersturm jemand freiwillig die Stadt verließ. Er schnappte sich ein Notfallset sowie einen Anzug für sich mit Atemmaske. Einer Eingebung folgend, nahm er auch noch ein Mediset mit. So ausgestattet, begab er sich zu den Marsmobilen. Hier hatte er es nun doch nicht so leicht. Es gab einige Mechaniker, die noch ihrer Arbeit nachgingen, und die äußere Schleuse galt es irgendwie zu öffnen. Ziemlich am Ausgang stand ein Mobil etwas abseits und bot ihm die Gelegenheit, sich unauffällig Zugang zu verschaffen. Er steuerte darauf zu und konnte gerade noch rechtzeitig hinter einem Stapel Kisten in Deckung gehen, als ein paar Mechaniker scheinbar Feierabend machten und ihm entgegenkamen. Als sie endlich vorbei waren, schlich er den Rest des Weges zum Fahrzeug. Zum Glück war es nicht verschlossen, das Aufbrechen der Tür hätte sein Vorhaben doch noch vereiteln können. Nun musste er nur noch aus der Anlage kommen. Wie sollte er das bewerkstelligen? Da bemerkte er einen Müllroboter, der sich der Schleuse näherte. Er zog den Anzug an und als sich die Schleuse öffnete, startete er das Mobil und setzte es in Bewegung. Das Starten des Motors machte nun doch einen Lärm, der nicht unbemerkt bleiben konnte. Die Mechaniker, die aufmerksam wurden, schafften es nicht rechtzeitig, ihn aufzuhalten. Er beschleunigte so rasch es ging, musste er doch direkt hinter dem Roboter das Tor passieren, sonst war der Durchgang wieder gesperrt.

Zum Glück lief alles gut ab und als er draußen war, suchte er sich einen Weg Richtung Observatorium. Der Sturm war mittlerweile so stark, dass er kaum das Fahrzeug auf Spur halten konnte. Auch verlor er nach einigen Metern fast die Orientierung, weil man die Hand vor Augen nicht sehen konnte. Er hatte sich gerade ein paar Kilometer vom Fahrzeugpark entfernt, schon konnte er diesen nicht mehr erkennen. Die Scheibenwischer waren im Dauereinsatz, um den sich ablagernden roten Staub aus seinem Sichtfeld zu beseitigen. Plötzlich sah er das Phänomen wieder vor sich. Es schien ihn zu locken, kam auf ihn zu, entfernte sich wieder. Der rote Staub sah aus wie ein Mensch. Er leuchtete dazu hell von innen, die Ränder allerdings zerfielen und bauten sich neu auf. Die ganze Erscheinung war in ständiger Bewegung und er folgte ihr, ohne zu wissen, warum. Irgendwann erreichte er den Eingang zum unterirdischen Stollen. Das Wesen, oder was immer es war, löste sich auf. Kevin nahm Notfall- und Mediset, verließ das Fahrzeug und machte sich auf den Weg.

Endlich erreichte er das Observatorium, in dem es unheimlich still war. Nur der Wind heulte, als wäre er in den Räumen selbst.

»Cho Ling. Cho Ling, bist du da? Antworte bitte.« Doch es blieb still. Vielleicht war sie ja doch nicht mehr hier? Als er an der Ausgangsschleuse vorbei kam, konnte er einen Blick auf die Marsoberfläche erhaschen. Hier tobte der Sturm noch intensiver. In der Ferne sah er riesige Staubtrichter, die der Sturm nach oben in die Atmosphäre schleuderte. Dann erreichte er endlich die Kuppel und entdeckte Cho Ling. Sie lag verkrümmt am Boden, atmete schwer.

»Cho Ling, alles wird gut, ich bin da.«

Als er näher kam, sah er, dass sie in einer Pfütze lag. War sie etwa darauf ausgerutscht? Woher kam die Flüssigkeit?

»Cho Ling, alles okay? Kannst du aufstehen?«

»Es beginnt«, presste sie durch die zusammengebissenen Zähne, »du musst mir helfen. Jetzt!« Dabei krallte sie sich an seinem Arm fest und schrie auf.

Plötzlich wurde ihm klar, was hier vor sich ging. Er hatte noch nie eine Geburt gesehen. Eigentlich wusste er nicht, was er tun sollte. Und doch breitete er das Mediset aus und reichte ihr die Sauerstoffmaske. Er war plötzlich ganz ruhig. Cho Ling brauchte ihn.

»Atmen. Ein und aus. Ein und aus.« Als die nächste Wehe kam, begann Cho Ling zu pressen. Scheinbar wusste sie besser als Kevin, was zu tun war. Er konnte nur unterstützen. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, während sie zwischen Pressen und Atmen ein neues Leben auf diese Welt brachte. Mit einem letzten Stöhnen von ihr und einem kräftigen Schrei des neuen Marsianers war es vollbracht. Kevin bettete einen Knaben in die sterilen Tücher aus dem Mediset. Erschöpft, aber glücklich nahm Cho Ling ihren Sohn in die Arme.

Es war still geworden. Eigenartigerweise hatte sich der Sturm im Augenblick der Geburt gelegt.

»Hast du schon einen Namen?«, flüsterte Kevin.

»Ja«, lächelte sie. »Jeschua.«

Langsam stand er auf und begab sich zu der erhöhten Aussichtsplattform, von der man nicht nur die Sterne beobachten, sondern auch durch eine Glasscheibe einen großen Teil der Marsoberfläche sehen konnte.

»Oh, mein Gott. Das ist wunderschön«, stieß er aus, als er hinausschaute. In der von rotem Staub geschwängerten Luft stiegen tausende kleine Lichter vom Boden in den Himmel hinauf. Es sah aus, als würden lauter Sterne nach oben steigen.

Kevin lächelte Cho Ling an, die ihren Sohn fest in den Armen hielt. Er ging zurück, half ihr aufzustehen und führte sie zu der Glasscheibe. Er zeigte ihr diese Lichter, die rund um das Observatorium aufstiegen, als hätten sie nur auf diesen Moment gewartet. Es war wie ein Wunder.

»Hallo Jeschua, geboren am 24. Dezember des Jahres 3000. Sei willkommen auf meiner Heimat, dem Mars. Ich glaube, du wirst etwas ganz Besonderes.« Kevin küsste den Kleinen auf die Stirn, dann wandte er sich an Cho Ling. »Sag, wenn du bereit bist. Dann gehen wir in die Stadt, deinen Sohn vorstellen. Ich werd an deiner Seite bleiben.«

Und so weit er blicken konnte, stiegen Lichter in den Marshimmel, als wenn sie den neuen Marsianer begrüßen wollten.

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Die Wölfe von Asgard – Vor den Toren der Hela (1/2)

Das ganze Kapitel zu schreiben habe ich diese Woche einfach nicht geschafft, aber ich möchte euch das bisherige Geschehen nicht vorenthalten. Also habe ich mich doch dazu entschieden, das Kapitel zu splitten. Der Rest folgt dann nächsten Donnerstag. 🙂






Die erste Nacht brach über sie herein. Der volle Mond spiegelte sich spielerisch auf der Wasseroberfläche des Meeres und verwandelte sie in glänzendes Glas. 
Das Rauschen der See wurde in regelmäßigen Abständen lediglich durch das eindringliche Knarren der Ruder unterbrochen, die das Schiff vorwärts zogen. 
Solange sie noch in Küstennähe blieben, konnten sie auch nachts noch etwas Strecke machen, bevor sie die Schiffe an Land zogen, um zu rasten. 
Snorri ließ es zu, dass ein inniges Gähnen über seine Lippen wich. Den ganzen Tag hatte er die Ruderbank bemannt und hinaus auf das Meer gestarrt. 
Jedes Mal, wenn er glaubte eine Insel auszumachen, stellte sich dieser Gedanke als trügerische Fehleinschätzung heraus. Nun schmerzten seine Knochen von der harten Arbeit an Deck. 
Wer nicht ruderte, musste sich um andere Dinge kümmern.
Knutson schien jede noch so nichtige Aufgabe einzufallen, um ihn zu beschäftigen. Deck schrubben. Vorräte inspizieren. Waffen putzen.
Snorri spuckte aus. Wäre dieser Mistkerl nicht unser Steuermann, würde ich ihn eigenhändig von Bord schmeißen. Soll Njörðr sich seiner erbarmen.
Seit Beginn ihrer Fahrt wirkte der erfahrene Nordmann so, als nagte der Zorn an ihm. 
Harsche Befehle schienen alles zu sein, was Knutson durch den Kopf ging, und einige der Männer begannen schon damit, hinter vorgehaltener Hand über seine Führung zu murren. 
Eine Tatsache, die Snorri in Alarmbereitschaft versetzte, denn schließlich waren die Männer aus Ustenström ihnen an Zahl dreifach überlegen. 
Dann endlich drehten sie bei und hielten auf einen seichten Strand zu, der ein einfaches Lager versprach. 

Als Snorri das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder festen Boden unter den Füßen fand, konnte er nicht umhin, etwas Erleichterung zu empfinden. 
Seine Stiefel versanken im weichen Sand und er begann damit, den Männern beim Entladen des Schiffes zu helfen. 
»He Bengel, das ist für uns, also pass besser drauf auf!«, bellte ihm ein wuchtiger Kerl aus Ustenström entgegen, bevor er ihm einen Beutel voll Stoff zwischen die Füße warf. Zelte für die Nacht. 
»Danach kannst du Holz hacken und, wenn du kannst, auch ein Feuer entzünden. Meine Männer wollen Fleisch, verstanden?« Der Krieger baute sich mit einem triumphierenden Grinsen vor Snorri auf, wobei er ihn bestimmt um einen Kopf überragte. 
Ein übler Gestank drang aus seinem Mund und seine fleischigen Wangen wackelten auf und ab, während er sprach, was Snorri instinktiv an ein Wildschwein auf Futtersuche erinnerte. 
»Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder mir lieber ernsthafte Sorgen über deinen Frauengeschmack machen sollte, wenn du mich wirklich für dein Weib hältst«, entgegnete er frech. 
Eine Handvoll Männer neigte bei diesen Worten den Kopf in seine Richtung. 
In einigen Gesichtern fand Snorri einen undefinierbaren Ausdruck. Er roch förmlich nach Gefahr. 
Noch bevor er reagieren konnte, packte ihn der Mann am Kragen. »Sag das nochmal und ich mache dich wirklich zu einer Frau«, grunzte er. In seinem Blick schwang eine unbändige Mordlust mit. 
»Loslassen!«, knurrte Snorri wutentbrannt. Was fiel diesem Kerl ein?
»Wie du meinst«, lachte der Mann und stieß ihm hart in die Rippen, sodass er keuchend in den Sand stürzte. 
Ein paar der Männer lachten derbe. »Einen Krug auf mich, wenn er das überlebt«, feixte einer von ihnen. 
Snorri spürte, wie die Wut in ihm aufkochte. »Na warte!« Er griff sich eine Handvoll Sand und schleuderte sie dem Ustenströmer ins Gesicht.
Fluchend bedeckte der Mann seine Augen.
Diesen Moment nutzte Snorri, um ihm die Faust ins Gesicht zu rammen. Schmerz pochte durch seine Hand, doch er verdrängte ihn. 
Aber der Nord ging nicht zu Boden. Er wischte sich den Sand aus den Augen und es gelang ihm Snorri zu packen. »Du bist ein toter Mann«, versicherte er und griff nach seinem Messer.
Panisch versuchte Snorri sich aus dem festen Griff zu lösen, doch es gelang ihm nicht. Dieses Mal schien das Glück nicht auf seiner Seite zu sein. »Du Bastard! Willst du mich etwas umbringen?!«, fluchte er lautstark, in der Hoffnung ihm würde jemand zur Hilfe eilen. Sein Blick traf auf Knutson, der dem ganzen Treiben mit gebleckten Zähnen zusah. Ist er wirklich so ein Hund? Liefert mich an die Ustenströmer aus? Ein grollendes Knurren entwich seiner Kehle. 

»Aufhören, alle beide! Sofort!«, schnitt plötzlich eine Stimme durch die Luft, scharf wie ein Schwert. Islav schritt an die Gruppe heran, Aegir und ein paar weitere bekannte Gesichter folgten ihm dichtauf. 
Snorri atmete erleichtert aus. Heute würde er noch nicht sterben. 
Der Griff seines Gegenüber erschlaffte. »Ein vorlauter Bengel wie er hier sollte sich lieber zweimal überlegen, ob er einen Mann aus Ustenström verärgert!«, rief er der Menge schäumend entgegen. 
Die anderen Männer, die sich noch an Bord der Donnermaid befunden hatten, stellten sich mit verschränkten Armen hinter ihm auf.
Die sind viel mehr als wir. Ich hoffe das geht gut aus. Snorri merkte, wie sich sein Körper verkrampfte. Das Pochen in seiner Hand nahm an Intensität zu, bis er letztendlich sogar ein eindringliches Rauschen in den Ohren wahrnahm.
Er biss sich ungewollt auf die Lippe. Ein bitterer Geschmack erfüllte seinen Mund. 
»Du bist nicht mein Jarl. Ich pfeife drauf was du sagst!«, fauchte der Mann in Islavs Richtung und sein Griff um das Messer versteinerte sich. 
Aufgeregte Schrei ertönten und plötzlich warfen sich beide Seiten wüste Beschimpfungen an die Köpfe. Einige der Männer griffen nach ihren Waffen. 
Islav rief seine Männer zur Ordnung auf, doch die Situation drohte zu eskalieren. 
Snorri fletschte die Zähne. Wenn sie sich dazu entscheiden würden, anzugreifen, war er bereit. 
»Kommt doch!«, bellte Yorrik, während er seine Axt durch die Handfläche kreisen ließ. 
Ein Mann aus Ustenström quittierte seine Herausforderung mit einem unflätigen Fluch.

Dann schritt Magnar in die Menge und hob beschwichtigend die Hände. »Knarr, du hältst jetzt dein dreckiges Maul und steckst sofort das Messer weg, haben wir uns verstanden?«
Snorri bemerkte sofort, dass dieser Mann es gewohnt war Befehle zu erteilen. 
Ohne ein Widerwort gehorchte Knarr. Für einen Moment herrschte eine bedrückte Stille. 
»Ich denke, das sollte reichen«, der Jarl aus Ustenström nickte Islav kurz zu, dann winkte er seine Männer fort und befahl ihnen ein Lager zu errichten. 
Auf Snorris Nacken formte sich eine Gänsehaut. Magnar war ihm unheimlich. Dieser Blick. Darin lag eine eisenharte Grausamkeit.
Er versuchte den Gedanken auszublenden, was ihm nicht sofort gelang. 

Dann packte ihn jemand bei der Schulter. »Willst du dich unbedingt umbringen lassen?«, zischte ihm Aegir ins Ohr. 
»Was soll ich denn sonst tun? Mich wie ein Mädchen behandeln lassen? Er hat mich herausgefordert und bekommen, was er verdient hat.« Auf den Tadel seines Bruders konnte Snorri jetzt getrost verzichten.
»Er hätte dich fast ausgeweidet. Ich will nicht mit ansehen müssen, wie jemand meinen kleinen Bruder ermordet, bevor er überhaupt das erste Mal wirklich zur See gefahren ist. Du reißt dich jetzt besser zusammen«, forderte der Riese eindringlich. »Auch Islavs Geduld kann ihr Ende finden und dann wehe dir Gott.« Er wandte sich ab und stampfte davon. 

Snorri blickte ihm ungläubig hinterher. Was hat er da gerade gesagt? Wehe mir Gott? Diese Floskel war ihm bisher noch nie untergekommen. Kann es sein, dass…? 
Finstere Gedanken voller übler Vorahnung legten sich um ihn und drückten schwer auf sein Gemüt. Selbst als das Zelt stand und ein fetttriefender Keiler über dem Feuer brutzelte, verbesserte sich seine Stimmung nicht. 
Die Gespräche der anderen, über den heutigen Vorfall mit den Ustenströmern, bekam er nur am Rande mit. Alle seine Gedanken drehten sich um seinen großen Bruder Aegir und das flaue Gefühl in seinem Magen. 
Irgendwann beschloss Snorri, dass es vermutlich besser war den heutigen Tag einfach zu vergessen. Er verabschiedete sich von den anderen und legte sich schlafen. Unruhig wälzte er sich auf und ab, bis er in einen dunklen Traum stürzte.

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Regen – von Saigel

Es regnet.
Leise klopfen Tropfen auf die Erde, werden immer lauter, kommen zu vielen, drängen sich aneinander, bis jeder kleinste Teil der Oberfläche bedeckt ist. Ob sie jemand hört? Klopf, klopf, klopf.
Der Wind muss sie vernommen haben, denn er trägt die schweren, kleinen Tropfen noch weiter hinaus, an noch fernere Plätze, wo sie energisch um Einlass bitten können.
Noch mehr kommen.
Sie überschwemmen die Erde, zerplatzen und dringen wässrig in sie ein. Zuerst tut ihr das gut. Die Pflanzen beleben sich, die Erde atmet. Doch dann sind es zu viele. Der Regen hört nicht auf, lässt seiner Wut darüber, dass er nirgendwo Einlass bekommt, freien Lauf.
Seine kostbaren Tropfen: Kleinste Kristalle aus schimmerndem, reinstem Wasser werden von der Erde nicht als Ganzes empfangen. Sie müssen zerbrechen, sich verteilen und zu dem werden, was dem Regen so missfällt, dunkle schwarze Erde.
Seit jeher kämpft der Regen um seine Schätze und hat sich über die Jahre unten auf der Erde Verbündete erstritten. Der Tau ist sein Bruder, er versucht, die Wasserkristalle für einen kurzen Moment wiederzubeleben. Das fließende Wasser ist seine Schwester, die hier und da die schönsten Tropfen abwirft. Das Meer ist seine Mutter und die Gischt sein Vater, der stets darum bemüht ist, seinem Sohn ein klein wenig Beistand zu leisten.
Die Wolken sind seine Helfer, dort oben, wo seine Regenwerkstatt liegt. Sie verschleiern die warme Sonne um seine Kristalle dann mit einzelnen Sonnenstrahlen aufeinandertreffen zu lassen, sodass der wahre Funke, für kurze Zeit zu Tage tritt. Er ist der wertvollste Schatz des Regens. Der Regenbogen lässt sie farbenprächtig scheinen, hält sie fest, für einen Augenblick und bedient sich ihrer Schönheit.
Doch dann ist es vorbei.
Der Tropfen fällt zu Boden und zerschellt in tausend kleine Teile. Er ist vergangen und der wunderbarste Moment ist vorüber. Der Regen zieht sich zurück, sammelt neue Schätze, die er auf die Erde herunterwirft, um dabei zuzusehen, wie sie auf die undankbarste Weise empfangen werden. Sein Kristall, der wertvollste den es gibt. Ein Geschenk, dessen Kostbarkeit wohl nur dann Beachtung finden könnte, wäre sie einzufangen, zu besitzen, für die Ewigkeit zu bestaunen.

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Das Paradies (4/4)

Das Paradies – Teil 4 (letzter Teil)

Er stieß die Tür nach draußen auf und ein Schwall eisigkalter Luft schlug ihnen entgegen. Es war windig und die Welt um sie herum war weiß. Sie schien von einer dicken Schneedecke bedeckt zu sein. Wind blies ihnen kleine Eiskristalle ins Gesicht, welches sogleich zu prickeln begann.
»Dort vorn steht unser Schneemobil!«, brüllte William gegen den Wind an. »Ihr seid unser Wetter noch nicht gewohnt! Beeilt euch – die Kabine ist beheizt!«
Eilig hasteten sie zum Fahrzeug und schwangen sich hinein. Es handelte sich um eine kantige Fahrerkabine auf Kufen. Eine breite Raupenkette trieb das Fahrzeug an.
»Ist es hier im Winter immer so kalt?«, fragte Nina.
William lachte, während er den Motor startete und losfuhr.
»Was ist an meiner Frage so lustig?«, wollte Nina verärgert wissen. »Sie könnten ruhig etwas entgegenkommender sein.«
»Also erst einmal: Hier sprechen wir uns alle mit dem Vornamen an und duzen uns. Ich heiße William und Punkt, okay? Und ich wollte euch nicht ärgern, aber es ist einfach so, dass wir überhaupt nicht Winter haben. Die Planetenachse ist gegen die Ekliptik unserer Sonne nicht geneigt. Es ist immer so, wie Ihr es jetzt seht.«
»Moment!«, rief Sebastian. »Park ist eine Schneelandschaft? Wir müssen ab jetzt leben wie die Eisbären?«
»Nein, so schlimm ist es nicht«, antwortete William. »Paradise City ist eine nette, kleine Stadt, aber wir improvisieren halt an allen Ecken und Enden. Von der Erde schicken sie uns zwar alles Mögliche, aber eben nur Dinge, von denen sie glauben, dass wir sie brauchen könnten. Wir können ja nicht unseren wirklichen Bedarf zurückmelden. Der Transmitter funktioniert nur in eine Richtung, und wenn wir ihnen Listen über Funk übermitteln würden, wären wir längst alle tot, bis wir darauf eine Antwort hätten.«
»So ernst ist die Lage?« Sebastian machte ein besorgtes Gesicht.
William lachte, als er den Ausdruck in Sebastians Gesicht entdeckte. »Mensch, ich wollte euch nicht erschrecken. Wir improvisieren halt ständig und ich bin sicher, dass wir es schaffen werden. Ihr werdet es sicher noch erleben, dass dieser Planet ein wirkliches Paradies wird. Eine bessere Welt als die Erde ist Park schon jetzt.«
Sebastian sah skeptisch aus dem Fenster. »Denkst du, die wissen auf der Erde, wie es hier aussieht?«
»Sie sollten es wissen. Schließlich hat das vollautomatische Raumschiff, das vor Jahrzehnten hier gelandet ist, Daten zur Erde gefunkt, worauf man beschloss, Park zu besiedeln. Vielleicht wissen es heute nur noch höchste Regierungskreise. Manchmal glaube ich es, wenn ich mir anschaue, was für einen Schrott sie uns schicken.«
Vor ihnen tauchten die ersten Gebäude auf, die bei dem starken Wind und dem leichten Schneefall zunächst nicht zu erkennen waren. Die meisten Bauten waren flach und verfügten über kein weiteres Stockwerk. Sie schienen sich regelrecht an den Boden ducken zu wollen. Vermutlich gab es gute Gründe, auf Park in dieser Weise zu bauen.
»Das ist die Hauptstadt?«, fragte Nina.
»Hmm, ich würde eher sagen: Das ist die Stadt. Es gibt zwar noch einige kleine, entferntere Ansiedlungen, aber die dienen derzeit nur Forschungszwecken. Gleich erreichen wir das Bürgermeisterbüro, dort erfahrt Ihr mehr.«
William hielt neben einer kleinen Baracke, die keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck machte. Das winzige Gebäude schien komplett aus echtem Holz gefertigt zu sein und über der Tür prangte ein handgemaltes Schild, auf dem »Bürgermeister« geschrieben stand. Sie betraten den einzigen Raum dieses Gebäudes und sahen einen Mann, der eine Tasse in der Hand hielt und seine Füße auf der Platte seines Schreibtischs gelegt hatte. Als er William mit seinen beiden Begleitern hereinkommen sah, sprang er auf und verschüttete dabei fast seinen Kaffee.
»Hey, gleich zwei Neulinge!«, rief er und begrüßte sie. »Willkommen in Paradise City. Ich bin Jose.«
»Wir sind vorhin angekommen«, sagte Sebastian zögernd. »Wir würden gern wissen, wie es jetzt weitergeht, Herr Bürgermeister. Wir haben schon begriffen, dass dies nicht wirklich ein Paradies ist, aber was haben Sie jetzt mit uns vor?«
Joe sah erst William, dann die beiden Neuen, verblüfft an.
»Ich bin nicht ›Herr Bürgermeister‹, sondern Joe, und ich mache diesen Job nur, bis endlich jemand kommt, um mich wieder abzulösen. Eigentlich haben wir keinen Bürgermeister und brauchen auch keinen. Deshalb teilen wir uns diesen Job, denn irgendwer muss ja die Reisenden offiziell empfangen, nicht wahr? Sagt mir einfach, wie ich euch nennen soll und dann trage ich Eure Namen hier in die Liste der Bürger ein.«
»Ich heiße Sebastian.«
»Und ich Nina.«
»Sebastian und Nina«, murmelte Joe, während er die Namen in die Liste schrieb. »Ich will gar nicht wissen, ob das Eure echten Namen sind oder ob Ihr sie euch eben erst ausgedacht habt. Hier auf Park fängt jeder neu an, müsst Ihr wissen. Bei uns muss man sich seine Anerkennung erarbeiten. Es ist leider nicht so, wie man es uns allen weisgemacht hat. Park ist kalt – oft sogar sehr kalt. Der Anbau von Nahrungsmitteln ist schwierig, aber möglich. In vielleicht zehn Jahren werden wir – so hoffen wir – von Lieferungen von der Erde endlich unabhängig sein. Dafür ist es allerdings erforderlich, dass alle anpacken und für dieses Ziel arbeiten.«
Er sah Sebastian und Nina abwechselnd an.
»Aber ich will euch damit jetzt noch nicht überfallen. Ihr solltet erst einmal Eure Quartiere beziehen und euch einrichten. Morgen sehen wir weiter und schauen, was Ihr könnt oder welche Arbeiten Ihr leisten wollt. Ihr habt übrigens Glück. Es ist soeben wieder ein Haus fertig geworden. Dort könnt Ihr gleich einziehen.«
»Oh, wir gehören nicht zusammen«, sagten Sebastian und Nina wie aus einem Munde.
»Wisst Ihr, dass mir das scheißegal ist?«, fragte Joe. »Es gibt ein Haus und ich weise es euch zu. Was Ihr daraus macht, ist nicht meine Sache. Wir sehen das hier nicht so eng. Vielleicht gefällt euch dieses Arrangement ja sogar bei näherer Betrachtung. Wenn nicht – gut, dann werden wir eine andere Lösung finden. Wir werden euch schon unterbringen. Wir haben es nämlich gern, wenn Neuankömmlinge auch Bereitschaft zeigen, Familien zu gründen. Wir brauchen dringend mehr Menschen auf Park.«
»Ich dachte, es werden ständig Menschen hierher geschickt«, sagte Sebastian. »Müsste da nicht inzwischen schon eine beachtliche Bevölkerungszahl zusammengekommen sein?«
Joes Miene umwölkte sich ein wenig.
»Das ist ein unangenehmes Thema. Wir erhalten ungeheuer viele Neuzugänge, die mit der Lebensweise nicht zurechtkommen. Es ist leider so, dass unser Leben recht hart sein kann, wenn das Wetter es nicht gut mit uns meint, oder die Ernte in den Treibhäusern verdirbt. Manche sind nicht bereit, ihren Beitrag zu leisten. Man hat ihnen ein Paradies mit weißen Stränden, Palmen und Leben in Wohlstand und Luxus versprochen und bestehen darauf, es auch zu bekommen.
Dazu muss ich sagen, dass wir uns nicht leisten können, solche Menschen durchzufüttern. Sie erhalten von uns eine Grundausstattung und sie können versuchen, die wärmeren Regionen am Äquator zu erreichen. Wir wissen nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich fürchte, dass es einige von ihnen nicht geschafft haben. Andere haben sich vielleicht weiter südlich angesiedelt. Eines Tages werden wir auch wieder Kontakt zu ihnen bekommen. Sie werden inzwischen begriffen haben, worum es hier geht.«
Nina schluckte, als sie hörte, wie rigoros mit Schmarotzertum verfahren wurde.
»Ihr macht mir jedoch nicht den Eindruck, als würdet Ihr zu dieser Sorte von Neuankömmlingen gehören.«
»Wir können arbeiten«, versicherte Sebastian schnell.
»Daran zweifle ich nicht. Doch jetzt vertagen wir alles Weitere. Will wird euch zu Eurem Haus bringen. Es ist noch sehr spartanisch ausgestattet. Macht eine Liste von dem, was fehlt und wir werden sehen, was sich machen lässt. Morgen holt euch jemand ab und bringt euch zur Versammlungshalle. Dort macht man euch mit den anderen bekannt und dann werden auch die Einteilungen vorgenommen. Ihr werdet sehen, es kann auch sehr befriedigend sein, hier zu leben und zu arbeiten.«
Er gab ihnen noch einmal die Hand, dann verließen sie zusammen mit William das Bürgermeisterbüro.
»Bis zu Eurem Haus ist es nicht weit!«, brüllte William gegen den Wind. »Wir laufen. Treibstoff ist leider etwas knapp.«
Sie stapften durch hohen Schnee zwischen den niedrigen Bauten hindurch. In vielen Fenstern war Licht zu erkennen und es wirkte zum Teil gemütlich dort drinnen. Passanten begegneten ihnen nicht. Am Ende der kleinen Straße hielten sie auf ein unbeleuchtetes Haus zu, das genauso aussah, wie die übrigen, an denen sie vorbeigekommen waren. William stieß die Eingangstür auf und schaltete die Beleuchtung ein, welche aus einer altertümlichen Glühbirne bestand und den kahlen Raum notdürftig ausleuchtete. Es gab einen Holztisch und ein paar Stühle. An der Wand gab es ein Waschbecken. Daneben befand sich ein Tisch mit einer verstärkten Arbeitsplatte. Mitten im Raum stand ein Ungetüm von einem Ofen, den man mit Holz befeuern konnte. Einige Holzscheite lagen bereit.
Sie gingen weiter und fanden auch ein zweckmäßiges Bad und ein Schlafzimmer mit einem Doppelbett.
»Muss mir das jetzt etwas sagen?«, fragte Nina und grinste.
»Diesmal kann ich mich nicht auf die Couch zurückziehen«, meinte Sebastian.
»Ich glaube, ich verstehe euch nicht«, sagte William.
»Kannst du auch nicht«, sagte Sebastian, ohne es näher zu erklären. »Wir werden zurechtkommen.«
»Decken und Wäsche findet Ihr in dem Wandschrank«, erklärte William. »Ein paar Lebensmittel befinden sich im Kühlraum hinter dem Haus. Da es fast immer kalt ist, brauchen wir hier keine Kühlschränke. Wenn Ihr etwas kochen wollt, müsst Ihr den Ofen anheizen, aber das werdet Ihr sowieso gleich machen, denke ich. Ich lasse euch jetzt erst mal allein. Morgen sehen wir weiter. In der Tür drehte er sich um.
»Schön, dass Ihr bei uns seid – und ich wünsche euch eine gute Nacht.«
Als sie allein waren, erkundeten sie ihr neues Reich noch einmal in aller Ruhe. Im Grunde war alles vorhanden, was man benötigte, abgesehen von Luxus.
»Tja, das ist dann unser Paradies«, sagte Sebastian und machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm.
»Ja, das ist es wohl«, meinte Nina leise und lächelte. »Darunter haben wir uns sicherlich etwas anderes vorgestellt, oder?«
»Ja, irgendwie schon. Das ist so etwas wie Dichtung und Wahrheit …«
»Was meinst du?«
»Nun, man hat uns in Hochglanzbroschüren vorgespiegelt, was wir hier vorfinden würden, nur um genügend Freiwillige zu mobilisieren, die sich fast zerreißen, um hierher zu gelangen. Und dann das hier: die Wahrheit eben. Man hat uns alle wirklich verarscht, oder findest du nicht?«
Nina wiegte ihren Kopf.
»Ja und nein. Was haben wir denn zurückgelassen? Eine verrottende Welt, die sich selbst zu Grunde richtet. Eine Erde, auf der niemand den anderen braucht, wo jeder nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Diese Welt hier ist sicher nicht das, was wir erwartet haben, aber sie ist sauber. Die Menschen brauchen einander. Sie sind direkt und ehrlich. Ich habe so ein Gefühl, als würden wir mit der ›Wahrheit‹ gar nicht so schlecht fahren.«
»Mir geht es genauso, Nina. Aber wie sieht es denn mit uns aus? Es gibt nur ein Doppelbett hier im Haus. Wie regeln wir das? Ich kann schlecht auf dem Boden schlafen oder auf zwei von den Stühlen.«
Sie gingen ins Schlafzimmer und standen eine Weile schweigend vor dem Bett, als könnte es ihnen eine Lösung zu ihrem Problem anbieten.
»Ich nehme die linke Seite«, sagte Nina plötzlich.
»Bitte?«
»Ich habe gesagt, ich nehme die linke Seite. Du kannst nicht auf dem Boden schlafen, also müssen wir uns arrangieren, oder wie siehst du das? Das ist aber kein Freibrief für Übergriffe, verstanden?«
»Natürlich nicht!«, sagte Sebastian im Brustton der Überzeugung.
»Kann ich mich darauf verlassen?«
Sebastian überlegte einen Moment, während Nina ihn forschend ansah.
»Nein.« Dabei grinste er spitzbübisch. Nina musste lachen.
»Na, ehrlich bist du wenigstens. Trotzdem werde ich nichts überstürzen. Lass uns einfach sehen, was geschieht. Vielleicht wird diese Welt ja für uns zu unserem ganz persönlichen Paradies …«
»Würdest du dir das wünschen?«
»Absolut«, bestätigte Nina, »aber ich werde nichts erzwingen.«
»Damit kann ich leben.«
»Ich werde mich mal darum kümmern, dass wir etwas zum Abendessen bekommen«, meinte Nina. »Würdest du inzwischen Feuer machen? Es ist immer noch kalt hier.«
Sie lief zum Kühlraum und verschwand darin. Sebastian wandte sich dem Ofen zu und studierte seine Funktionen. Dann legte er einige der vorbereiteten Holzscheite hinein und griff zu dem ebenfalls vorhandenen Anzünder. Bald brannte ein knackendes Feuer in der Brennkammer und eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem neuen Haus aus.
Sebastian ging ans Fenster und schaute hinaus. Eine dick vermummte Gestalt kämpfte sich durch den tiefen Schnee und winkte freundlich, als sie ihn am Fenster entdeckte. Er winkte zurück.
Es war Abend. In der Küche war Nina dabei, etwas zuzubereiten. Der Wind draußen war wieder stärker geworden und die Nacht brach endgültig herein.
Heute Nacht würde er neben der schönsten Frau einschlafen, der er jemals begegnet war. Irgendwie hatte er ein gutes Gefühl bei ihr. Wer weiß, was die Zeit noch bringen würde. Er hatte die Dichtung gewählt und die Wahrheit bekommen.
Morgen begann der erste Tag seines neuen Lebens. Überrascht stellte er fest, dass er gute Laune hatte. Vielleicht war er ja verrückt, aber er freute sich darauf.

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Die Wölfe von Asgard – Wo die Riesen wohnen

Das große Langschiff, das Yorrik pünktlich zum anstehenden Viking fertiggestellt hatte, konnte sich in seiner Größe und Pracht wahrhaft sehen lassen und hob sich deutlich von den anderen im Hafen liegenden Drachenbooten hervor. Das nach Odins Wolf benannte Schiff Gerri, der Gierige, würde ihnen auf See gute Dienste leisten. Auf jeder seiner Seiten gab es Platz für dreißig Ruder und es lag so flach im Wasser, dass es auch seichte Strände und Flüsse befahren können würde. Der Mast ließ sich umstürzen, um selbst Hindernisse wie Brücken zu passieren, und laut des Schiffsbaumeisters war das blutrote Rahsegel in der Lage, den harschesten Seewinden standzuhalten. Am Bug thronte der Drachenkopf, seine grimmigen Augen blickten hinaus in die Bucht. Er schien bereit, alles und jeden darin mit einem hungrigen Bissen zu verschlingen. 

Knutson folgte dem Blick des Drachen hinaus in die Weite, während er sein Schwert an einem Schleifstein wetzte. Das übliche Ritual, das er abhielt, bevor er zur See fuhr. 
Die Skiringssaler Klippen glühten rot im Abendlicht einer untergehenden Sonne, die ihnen den baldigen Sommer verkündete. Bald würde es selbst in der Nacht nicht mehr vollends dunkel werden. 
Ein warmer Wind strich sachte, fast zärtlich durch sein Haar und für einen Moment schien es Knutson so, als seien es die liebevollen Berührungen seiner einst geliebten Stjarna. Als wäre sie noch bei ihm. 
Verstohlen sah er sich um, hoffte nur für einen vergänglichen Moment einen Blick auf sie erhaschen zu können, doch niemand offenbarte sich ihm, bis ihm schließlich wieder einmal bewusst wurde, dass sie fortgegangen war. 
Die Geburt ihres ersten gemeinsamen Kindes hatte sie nicht überlebt.
Hela hatte sie mit sich genommen und dazu verdammt, bis an das Ende ihrer Tage in der Unterwelt zu verrotten. 
Leif, der Junge, den sie ihm einst schenkte, war mittlerweile acht Jahre alt. 
So lange ist es schon her? Knutson hielt für einen Moment inne und betrachtete das Schwert in seinen Händen. Noch ein bisschen. 
Schwarze Wolken hatte sie in seinem Kopf hinterlassen, undurchdringbar und schwer vor Bitterkeit. Und nicht einmal der flüchtige Kuss einer hübschen Frau wie Ylvie konnte diese lindern. Knutson spuckt aus. 
Ylvie. Dieser Name klang wie Gift in seinen Ohren. 
Alles in diesem Dorf drehte sich um die hübsche Tochter des Jarls und sie wiederum drehte sich um das gesamte Dorf. Das spürte Knutson in seinen kampferprobten Knochen. 
Aegir hat sich eine kleine Göttin ins Haus geholt. Und wie eine kleine Göttin hat sie ihn fallen lassen. Sie sind ja so wählerisch mit ihrer Gunst und wem sie diese zuteilwerden lassen.
Für einen Moment musste er schmunzeln, über seinen doch so törichten, ehemals besten Freund. 
Du kamst mit deinen Geheimnissen immer zu mir, eines dämlicher als das andere. Doch dieses Mal hast du dich selbst übertroffen, du elender Dummkopf!
Es musste ein ironischer Wink der Götter sein, dass sich Islavs bester Krieger, der einst noch der mächtige Riese genannt worden war, letztendlich als verkappter Denker und Schwarzmaler erwies.
Knutson wendete die Klinge und für einen Augenblick betrachtete er sein eigenes Abbild darin. Nun, da Aegir nicht mehr zur See fahren würde, stellte er den erfahrensten Kämpfer in Islavs Mannschaft dar. 
Endlich war seine Zeit gekommen. Zufrieden schob er das Schwert in die Scheide und erhob sich. Leif wartete vermutlich schon auf ihn.
Der Nordmann lächelte matt. 
Der Junge steckte voller Neugierde und Tatendrang. Er würde bald schon einen vortrefflichen Seefahrer abgeben. Besonders interessierten den Kleinen jedoch die Geschichten, die Knutson ihm mitbrachte, wenn er nach einem langen Tag heimkehrte. Geschichten über tapfere Helden, grimmige Riesen und furchteinflößende Seeschlangen. 
Knutson betrachtete sich selbst nicht als Geschichtenerzähler, wie es die Skalden waren. Jedoch erinnerte er sich gerne daran zurück, wie er noch in der Kinderstube gelegen hatte, mit dicken Fellen eingepackt, damit die Kälte nicht in seine Knochen dringen konnte, und den abenteuerlichen Geschichten seiner Mutter gelauscht hatte. Da der Junge seine eigene nie kennenlernen durfte, wollte Knutson ihm dennoch etwas von ihr mitgeben. Auch wenn es nur einen bescheidenen Ersatz darstellte. 

Er machte sich auf und stiefelte durch das Dorf. Auf seinem Weg begegneten ihm Yorrick und Snorri, die sich angeregt unterhielten. 
Der Nordmann grinste. Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie aufregend der Abend vor seinem ersten Viking gewesen war. 
»Werden wir wirklich bis in die Flüsse vorstoßen?«, fragte Snorri mit einem begeisterten Funkeln in den Augen.
»Dafür sind die Schiffe zumindest ausgelegt«, begann Yorrick zu erzählen. »Ihr Tiefgang ist so gering, dass du selbst seichte Gewässer befahren kannst. Und Brücken sind auch kein Problem für die Boote. Aber möglicherweise brauchen wir gar nicht erst so weit zu segeln, um Beute zu machen. Es gibt viele kleine Inseln vor der Küste, die nur darauf warten von echten Nord geplündert zu werden. Stell du nur sicher, dass deine Axt schön scharf ist und diese Welt gehört dir.«
Snorri nickte eifrig. »Das werde ich«, gelobte er feierlich, dann bemerkte er Knutson und wandte sich zu ihm. »Ah, der Inseltöter. Mit der Zunge so schnell wie mit dem Schwert«, frotzelte er mit verschlagenem Grinsen. 
Eine Anspielung auf die Geschehnisse bei Islavs Bankett. 
Knutson knurrte wie ein Wachhund. »Dein Bruder hat sich mit diesem Weib wahrlich ins eigene Fleisch geschnitten. Sollen die Wölfe über seinen Entschluss heulen oder Freya, wenn sie merkt, dass er ihr vermutlich nie wieder ein Kind in den Bauch setzen wird. Was für ein Verlust für das Dorf.«
»Meine Herren, bitte. Es gibt keinen Grund für Streitigkeiten«, versuchte Yorrik zu beschwichtigen. Seine eisenharten Augen musterten sie streng. 
Prügeleien wurden vom Jarl stark geahndet, das wusste Knutson und genau da lag das Problem. Als Aegir ihn damals auf dem Bankett eine Abreibung verpasst hatte, schien es Islav nicht besonders zu interessieren. Wer mit der Tochter des Jarl vögelte, konnte sich also neuerdings alles erlauben. 
Knutson spuckte aus. »Wir werden noch sehen, was hinter deinem losen Mundwerk steckt, Snorri Naseweis. Axt und Schwert zählen auf der Fahrt mehr als freche Worte und von denen kennst du wahrlich zu viele. Irgendwann wird dir jemand dafür die Zunge herausschneiden, das solltest du besser beherzigen.«
Der junge Nord rollte mit den Augen. »Aber selbstverständlich, mein Hoher Vater«, witzelte er, doch dabei schien er es zu lassen. 
Knutson war sich im Klaren darüber, dass Snorri bestens wusste, wann er lieber seine vorlaute Klappe halten sollte. Er nickte Yorrik noch im Vorbeigehen zu, denn schließlich hatten sie lange auf demselben Schiff gedient, dann schritt er ungehindert zu seiner Hütte herüber. 

»Vater, bist du das?«, begrüßte ihn eine fröhliche Stimme. Und schon kam Leif um die Ecke geschossen, mit einem unbändigen Eifer in den blauen Augen. Der Knabe war kaum Drei-Käse-Hoch und doch hatte er etwas an sich, das Knutson tief in seinem Innersten berührte. 
Das hat er von seiner Mutter, diese entwaffnende Fröhlichkeit. Die Lebensfreude. Unwillkürlich musste er an seine verstorbene Frau denken, an ihre unverhofft kurze gemeinsame Zeit. 
Einen Sommer hielt ihre Liebe und es war der schönste Abschnitt in Knutsons bisherigem Leben gewesen. Er erinnerte sich daran, wie sie im eiskalten Wasser planschten, Beeren pflückten oder sich auf einer Lichtung liebten, die nur ihr gemeinsamer, geheimer Ort gewesen war. Fast kam ihm eine Träne. Aber vor seinem Sohn wollte er keinen Schwermut äußern, also zwang er sich zu einem Lächeln. »Willst du eine Geschichte hören, bevor wir schlafen gehen?« 
Die Aussicht darauf verlieh ihm etwas Zuversicht.
»Ja!«, rief der Knirps begeistert. »Erzähl mir wo die Riesen wohnen.«
»Na schön, dann ab ins Bett mit dir«, schmunzelte Knutson. Die Geschichte von den Riesen war auch seine liebste und im Laufe der Jahre konnte er sie immer aufregender erzählen.
Leif gehorchte so augenblicklich wie immer, wenn er eine Geschichte hören wollte, und kuschelte sich mit einem erwartungsvollen Blick in seine Felle.
Knutson setzte sich an das andere Ende des Bettes und überlegte für einen Moment, wo er anfangen sollte. »Am Anfang war das alles um uns herum nicht, es gab kein Leben in dieser Welt, nur Feuer und Eis. Ein uraltes Gleichgewicht, zwischen dem eine riesige Schlucht klaffte, die wir Ginnungagap nennen«, begann er mit ruhiger Stimme zu erzählen. 
»War das eine große Schlucht?«, erkundigte sich Leif neugierig.
»Sie war so tief, dass man von oben nicht den Boden gesehen hätte. Auf der einen Seite grollten die Gletscher aus Niflheim ihr uraltes Lied, die andere Seite stellte das tosende Feuer von Muspellr dar. Dort, wo sie sich küssten, tropfte das erste Wasser in die Klamm. Eiszapfen, groß wie ein Drachenboot, ragten in die Tiefe.«
»Aber wo kommt das ganze Eis her?«
»Du bist ein aufgeweckter Junge. Stjarna hätte das gefallen. Also gut, ich werde es dir erzählen, wie meine Mutter es mir erzählte. Tief im Lande Niflheim gibt es eine uralte Quelle von unheimlicher Macht. Wir Nordmänner nennen sie Hvergelmir. Sie speist alle Gewässer dieser Welt. Elf Flüsse strömen durch das eiskalte Land und gefrieren im Laufe der Zeitalter im Ginnungagap. Doch das Feuer brachte das Eis zum Schmelzen. Tropfen für Tropfen plätscherte es in die Tiefe und formte ein Wesen von entsetzlicher Größe. Den ersten Riesen, der den Namen Ymir trug.« Knutson schaute seinen Sohn eindringlich an, um ihm zu verdeutlichen, dass die eigentliche Geschichte nun erst begann. 
»Und er war ganz alleine?«, Leif verzog traurig das Gesicht. »Er tut mir Leid.«
Der Nordmann lächelte verschmitzt. »Wer sagt denn, dass er das war? Denn auch ein Riese braucht etwas, um in dieser Schlucht bestehen zu können. Er nährte sich am Euter Audhumlas, um zu überleben. Die Mutter allen Lebens gab ihm die Kraft, die er brauchte. Ymir ging es so gut, dass er unwillentlich Leben hervorbrachte, wenn er schlief. Er schwitzte so stark, dass aus seinen Achseln ein Mann und eine Frau hervorgingen, die irgendwann mal das sein sollten, was wir jetzt sind.«
»Heißt das, ich komme auch aus dem Körper eines Riesen?«, Leif zuckte entsetzt zusammen. 
Knutson tätschelte ihm lachend den Kopf. »Keine Sorge, mein Sohn, du kommst aus deiner Mutter. Sie schenkte dir das Leben. Und so wie sie dir das Leben schenkte, schenkte Audhumla unseren ersten Göttern das Leben, indem sie Búri aus dem Eis befreite. Drei Tage lang leckte sie am Eis und befreite dadurch seinen gigantischen Körper. Er war ein Mann von solcher Pracht und Schönheit, dass er nur etwas göttliches erschaffen konnte. Sein Sohn nahm eine Riesin zur Frau und zeugte mit ihr drei Kinder. Einer davon war Odin, der Vater unserer Götter.«
»Aber wieso steckte er im Eis fest? Ist das nicht viel zu kalt?«, fragte Leif aufgeregt. Seine strahlenden Augen musterten seinen Vater voller Neugierde. 
»Nun, auch er war ein Riese. Also konnte er es vermutlich überleben«, erklärte Knutson nachdenklich. Sein Sohn stellte Fragen, über deren Antwort er noch nie nachgedacht hatte.
»Also gab es schon Riesen, bevor es überhaupt Götter gab? Was haben die Götter mit den Riesen gemacht? Waren sie Freunde?«, es sprudelte nur so aus Leif heraus. 
»Mitnichten«, Knutson hob tadelnd den Finger. »Obwohl sie als erste Lebewesen die Welt erblickten, galten die Riesen seit jeher als böse und gefürchtet. Ihr Eis brachte den Tod, genauso wie ihr Feuer. Traue nie einem Riesen, wenn du einem begegnest. Es ist dein sicherer Untergang.«
Leif versprach es. »Was haben die Götter denn mit ihnen gemacht?«, wollte er wissen. 
»Odin und seine Brüder, Vili und Ve erschlugen Ymir, formten aus seinem Blut das Meer und aus seinem Leib die Welt. Die Flut ertränkte alle Eisriesen, bis auf Bergelmir, der nach Jötunheimr floh, ein Land der ewigen Schneestürme, um dort der neue Stammvater der Reifriesen zu werden. Und so gab Ymir sein Leben, um etwas Neues beginnen zu lassen.«
»Das ist interessant«, grübelte Leif gedankenversunken. »Also verdanken wir nicht nur den Göttern, sondern auch den Riesen unser Leben. Aber alle finden, dass sie böse sind. Sind wir dann auch böse?«
Dieser Gedanke machte Knutson stutzig. Er wusste nicht genau, was er darauf erwidern sollte. »Möglicherweise haben die Riesen uns etwas gegeben, das uns in etwas Böses verwandelt. Surt, der Herrscher des Feuers, wird am Ende aller Tage die Götter herausfordern und über sie richten. Aber die Götter bekämpfen die Bosheit, wohin sie nur kommen.« Er tippte Leif auf die Brust. »Da drin kämpfen sie für dich, damit du etwas Gutes sein kannst. Also ehre sie dafür.«
»Mache ich gewiss, Vater. Versprochen«, der Junge gähnte ausgiebig. 
»Und jetzt wird geschlafen, keine Widerrede«, Knutson strich Leif durch das weiche Haar und pustete die Kerze aus, die den Raum bisher in ein flackerndes Licht getaucht hatte.
»Vater?«, drang es ein letztes Mal aus der Dunkelheit.
»Ja, mein Sohn?«
»Komm bald wieder nach Hause.«
»Ich verspreche es dir, Leif.« Dann schloss er die Tür hinter sich. 

Die ganze Nacht wälzte sich Knutson im Bett hin und her. Ein großer Riese stampfte um das Haus herum und brachte es dadurch allein beinahe zum Einsturz. Ihrer grollenden Stimme nach zu urteilen, musste es sich um eine Frau handeln, die ihn zu rufen schien. Ihre Macht war grenzenlos und sie herrschte über den Tod. 
Er wusste dies mit ebenjener Gewissheit, die ihm verdeutlichte, dass er in einem Albtraum gefangen war. Eine unsagbare Bosheit kroch in sein Herz und lähmte es mit schwarzem Gift. 
Dann vernahm Knutson noch eine weitere Stimme, brüchig und schwach, kaum mehr als ein kratzender Klagelaut. Stjarna!
Plötzlich riss die Riesin mit einem unsagbaren Beben das Dach vom Haus. 
Knutson spürte sein Herz rasen, es pochte so stark, dass es aus seiner Brust zu brechen drohte. Ein panischer Angstschrei erstickte in seiner Kehle. Wo ist Leif? Ich muss ihn beschützen! 
Er konnte sich nicht rühren. Er war nicht in der Lage jemanden vor Unheil zu bewahren. 
Dachbalken stürzten ihm entgegen und krachten zu Boden. Dann bäumte sich die Riesin über dem Haus auf, die eine Hälfte ihres Gesicht bestand nur aus fauligem Fleisch, das ihr allmählich vom Körper fiel. Ein totes und ein lebendiges Auge durchbohrten Knutson mit einem anklagenden Blick. In der anderen Hälfte des Gesichts erkannte er Ylvie, die hübsche Tochter des Jarls. 
Hunderte schwarze Krähen bedeckten den Himmel und sangen ein schrilles Lied der Verdammnis. Blitze zuckten über das Firmament. 
Knutson konnte die Seelen der Toten seinen Namen rufen hören. Endlich wich der Schrei aus seiner Kehle, der ihm bisher verwehrt geblieben war. Das Leben wich mit seinem Odem aus seinem Körper, hinterließ nur eine leere Hülle. 
Dann tauchte sich alles in Schwarz. 

Knutson fuhr jäh aus dem Schlaf. Kalter Schweiß rann an seinem Rücken hinab wie Gletscherwasser. Er tastete nach seinem Schwert und horchte. Draußen blieb es totenstill. Er vernahm nur das eindringliche Pochen seines Herzens, das seine Brust durchfuhr wie ein Schmiedehammer. Keuchend ließ er sich wieder ins Bett fallen. Durch die winzige Luke, die im Sommer etwas frische Luft in das Haus transportierte, konnte er erkennen, dass bald die Sonne aufgehen würde. 
Vorsichtig schlüpfte er in seine Stiefel und schlich sich in das Zimmer seines Sohnes.
Leif schlummerte den friedlichen Traum eines Kindes. Er schmunzelte leicht im Schlaf. 
Immerhin er kann diese Nacht genießen. 
Während Knutson zur See fuhr, würde der Junge bei Yilma bleiben. Die Kammerdienerin besaß ein geschicktes Händchen für den Jungen.
Im Stillen verabschiedete er sich von seinem Sohn und schwor ihm, bald nach Hause zurückzukehren. Durch unsere Adern fließt das gleiche Blut. Du wirst deine Eltern ehren und sie stolz machen. So wie ich versuche, meinen Sohn stolz zu machen. 
Er schloss leise die Tür und trat an die Truhe, wo er seine Ausrüstung bereithielt. Einen Rundschild, in dessen Rückseite ein Dolch verborgen lag, ein Helm mit Schutz für Nase und Augen und einen Lederharnisch, der schon etliche Male geflickt worden war. Schwere Rüstung behinderte einen Nord ohnehin viel zu sehr, denn sie mussten schnell zuschlagen und dann wieder verschwinden. Weite Strecken in Metall gehüllt zu rennen, war für die wenigsten Krieger wirklich zu schaffen. 
Nachdem er sich seine Ausrüstung angelegt hatte, schritt er hinaus. Nebel lag über den Dächern und die frische Luft war angenehm kühl. 
Noch herrschte eine trügerische Ruhe im Dorf, das sollte sich aber mit dem Voranschreiten der Sonne ändern.

Knutson schritt zu den Anlegestellen, wo die Drachenboote ruhten. Als er feststellte, dass über Nacht drei weitere Boote dazugestoßen waren, mutmaßte er, dass es sich dabei nur um die Schiffe des Magnar handeln konnte, die mit ihnen segeln würden. 
Er erspähte Hjalmaer auf einem von ihnen, neben ihm stand ein deutlich kleinerer Soldat, dessen Gesicht durch einen Helm verdeckt wurde. Für einen Augenblick gedachte Knutson, etwas bekanntes darin erkannt zu haben, doch er wollte nicht starren. 
Er hob die Hand zum Gruße und der Sohn des Magnar erwiderte ihn kurz, bevor er mit seinem Kameraden unter Deck verschwand. 
»Ob wir ihre Hilfe wirklich brauchen? Ich hoffe Islav weiß, was er tut«, drang plötzlich eine nur zu vertraute Stimme an Knutsons Ohr. 
Dieser drehte sich ruckartig um. Das konnte doch nicht sein? »Was machst du hier? Ich dachte du hütest die Fische, bis wir wieder zurück sind?«, zischte er seinem ehemals besten Freund entgegen.
Aegir hatte sich ebenfalls in seine Rüstung gehüllt, die aus vernieteten Ketten bestand, welche an Armen und Beinen mit Lederbändern umwickelt waren. Seinen Kopf schützte ein eindrucksvoller Helm und auf seinem Rücken heftete die todbringende Dänenaxt, die er schon in etlichen Schlachten geschwungen hatte. Aegir war einer dieser Männer, die es fertigbrachten, auch gepanzert zu marschieren. 
»Es freut mich zu wissen, dass du meinen Beistand schätzt. Doch ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu streiten«, erwiderte der Riese.
»Ach nein? Deine bloße Anwesenheit ist Grund genug für Streit. Hast du nicht in jener metschweren Nacht gestanden, dass du nie wieder Hand an einen Christen legen würdest? Hast du deine Meinung wieder geändert oder bist du ein Heuchler?«
Bevor Aegir etwas erwidern konnte, schritt Islav mit ausgebreiteten Händen auf den Platz. »Da ist er ja, mein Sohn der in der Schlacht geboren wurde. Es freut mich, den tödlichen Riesen wieder an meiner Seite zu wissen.« Er marschierte geradewegs zwischen die beiden. »Warst du schon an Deck der Gerri? Ein prächtiges Schiff, das muss man Yorrick lassen. Selbst Magnar scheint beeindruckt. Mit ihr zu segeln ist ein Privileg. Eines, das ich dir gerne erteilen möchte. Kraft meines Amtes wirst du Knutsons Platz als meine Rechte Hand einnehmen. Knutson, du wirst die Donnermaid befehligen. Das Schiff wird mit den jüngeren Kriegern besetzt, sowie einer Handvoll Männer aus Ustenström.«
Der Nordmann merkte, wie in diesem Moment etwas in ihm zerbrach. 
»Aber Herr, ich kenne diese Leute nicht einmal«, versuchte er etwas zu erwidern. Das war das kleinste Schiff der Flotte. Wollte Islav ihn demütigen? Oder hatte Aegir seine Finger im Spiel? 
Knutson begann zu zittern vor Wut und er merkte, wie an seiner Schläfe eine Ader zu pochen begann. Nur mit Mühe schluckte er Worte herunter, die ihm nur zu leicht über die Lippen gekommen wären. 
Für einen Augenblick wanderte seine Hand gedanklich zu seinem Schwert.
»Du wirst sie kennenlernen. Magnars Männer sind mutig und kampferprobt und ich brauche jemanden, der sie zu nehmen weiß.« Islavs Ton duldete keinen Widerspruch und immer mehr Männer fanden sich mittlerweile im Hafen ein. 
Ein Wutausbruch brächte wohl nur ungemütliche Konsequenzen mit sich. 
Knutson starrte Aegir mit einer blinden Bosheit an, dieser hatte einen undefinierbaren Gesichtsausdruck aufgesetzt. Fast so als quäle ihn etwas. 
Ich hoffe es frisst dich von innen auf, Freund.
Er verneigte sich steif vor dem Jarl und ließ sich entschuldigen. 

Die Donnermaid stellte das kleinste Schiff der Flotte dar, jede Seite bot Platz für fünfzehn Männer. Eine Kajüte gab es nicht. 
Als Knutson die Mannschaft in Empfang nahm, stellte er fest, dass er niemanden an Deck wirklich kannte, außer Snorri und fünf weiteren Jünglingen, die das erste Mal segelten. 
Der freche Bursche begrüßte ihn mit einem kecken Grinsen uns einem »Bereit wenn Ihr es seid, Kapitän.«
Und dann auch noch der. Thor vergelte es mir mit einem Blitz, wenn ich ihm nicht den Hals umdrehe!
Die restlichen Männer, die die Ruderbänke bemannen würden, stammten aus Ustenström. Derbe Kerle von harter Art und bis an die Zähne bewaffnet. Ob das gutgeht? Irgendwie bezweifelte Knutson das.
»Taue lösen, Segel bereitmachen, Ruderbänke bemannen!«, schrie er in alter Manier, während er zum Steuer trat, und seine Worte hallten wie ein Kriegsruf durch den Hafen. Zu seiner Überraschung gehorchten die Männer sofort. 
Dann löste sich die Donnermaid vom Steg und segelte, gemeinsam mit dem Rest der Flotte, aus der Skiringssaler Bucht heraus. Der Viking hatte begonnen!

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Das Paradies (3/4)

Das Paradies – Teil 3

»Wer sind Sie?«, fragte eine zaghafte Stimme von der Sitzgruppe her. Sebastian hatte überhaupt noch nicht bemerkt, dass dort jemand saß.
»Äh, ich … also … ich bin ein Gewinner der Lotterie«, sagte er und ging langsam auf den Sessel zu, von dem die Stimme gekommen war. »Man hat mir diese Suite zugewiesen. Mein Name ist Sebastian. Sebastian Passlicki.«
Er konnte jetzt sehen, dass in dem Sessel – zusammengekauert – eine Frau saß. Sie hatte die Arme um ihre Knie geschlungen und machte einen verstörten Eindruck.
»Sind Sie der andere Gewinner, den man mir angekündigt hat?«
Sie nickte.
»Ja, ich bin auch Gewinnerin. Ich heiße Nina Mommsen.« Sie schluchzte leise.
»Was ist denn los?«, fragte Sebastian besorgt. »Sollten Sie nicht eher glücklich sein? Wir werden morgen ins Paradies reisen.«
»Und wenn ich gar nicht nach Park möchte?«
»Sie wollen nicht weg von diesem Planeten?« Er breitete in einer ausholenden Geste seine Arme aus.
»Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich will und was nicht!«
Sebastian setzte sich ihr gegenüber in einen freien Sessel und betrachtete sie. Sie machte einen recht netten Eindruck und wirkte auch äußerst sympathisch auf ihn, wie sie da mit ihrem mittellangen Rock saß und ihre nackten Beine mit ihren Armen umfasste. Ihr Haar war blond und gepflegt, was entweder bedeutete, dass sie von der Oberfläche stammte oder dass sie über eine Menge Geld verfügte. Er schätzte sie auf höchstens Mitte dreißig. Eigentlich war Sebastian gar nicht mehr so ärgerlich, nicht allein in dieser Suite zu sein.
»Möchten Sie darüber reden?«, fragte er vorsichtig.
»Ich kenne Sie doch gar nicht.«
»Manchmal ist ja gerade das das Richtige«, meinte Sebastian. »Ich kann es eventuell unvoreingenommen anhören.«
»Möglicherweise haben Sie ja recht«, sagte Nina mit verweinter Stimme. »Ich habe einen Freund … nein, ich müsste sagen ich hatte einen Freund. Wir wollten versuchen, gemeinsam eine Teilzeitzelle zu mieten, um sie rund um die Uhr für uns allein zu haben. Leider reichte das Geld nie dazu. Also spielten wir in der Lotterie. Eigentlich versuchte er es damit, aber in der letzten Woche kam ihm etwas dazwischen und er bat mich, ein Los zu kaufen. Nun, wie Sie es sich denken werden, gewann dieses Los.«
»Und nun haben Sie das Problem, dass Sie ihn nicht mitnehmen können?«
»Das ist es doch überhaupt nicht!«, rief sie heftig aus. »Ich wollte nie reisen. Ich wollte mit ihm zusammen sein. Aber er regte sich so sehr darüber auf und warf mir vor, ihn zu übervorteilen. Hätte er das Los gekauft, würde es auf seinen Namen lauten und er könnte die Erde verlassen. Er hätte tatsächlich keine Hemmungen gehabt, ohne mich nach Park zu reisen, verstehen Sie? Wir haben uns entsetzlich gestritten und zuletzt hat er mich sogar geschlagen. Ich habe dann im letzten Moment das Los gegriffen und bin weggerannt. Ich höre immer noch seine Stimme, wie sie hinter mir her schreit, dass er mich umbringen würde, wenn er mich findet.«
Sebastian wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
»Was hätte ich denn tun sollen?«, fragte Nina und die Tränen rannen ihr über die Wangen. »Ich bin losgelaufen und floh vor dem Mann, den ich geliebt habe, nach Park. Ich weiß doch nicht, was ich dort soll. Sagen Sie es mir: Was soll ich tun?«
Sebastian erhob sich, quetschte sich neben die Frau in den breiten Sessel und nahm sie tröstend in den Arm. »Erst einmal sollten Sie sich beruhigen. Wie es scheint, haben Sie in einen Mann geliebt, den Sie überhaupt nicht gekannt haben. Wenn er Sie ohne Zögern zurückgelassen hätte, hat er es nicht verdient, dass Sie wegen ihm weinen. Sie sollten viel mehr Wut auf ihn haben – eine sehr gerechte Wut.«
Der Körper in Sebastians Armen wurde allmählich ruhiger.
»Haben Sie denn – abgesehen von diesem Mann – noch etwas, dass Sie hier nicht zurücklassen können? Wenn nicht, dann sollten Sie einfach ins kalte Wasser springen. Was hätten Sie zu verlieren? Eine Teilzeitzelle in den Sub-Ebenen oder einen verdammten Job, der Ihnen stinkt? Oder haben Sie etwa hier oben gewohnt, an der Oberfläche?«
Sie schüttelte ihren Kopf, ohne sich aus seinen Armen zu lösen. »Wie kommen Sie darauf?«
»Ihre Haare – sie machen einen gepflegten Eindruck, wie ich ihn selten bei Frauen der unteren Etagen erlebt habe.«
Ihr Mund verzog sich zögernd zu einem verhaltenen Lächeln. »Ach das. Ich hasse es einfach, wenn meine Haare ungepflegt und verfilzt sind. Ich habe viel zu viel ausgegeben, um sie in Ordnung zu halten. Verrückt, nicht wahr?«
»Eigentlich nicht.« Sebastian schüttelte den Kopf. »Wo haben Sie denn gewohnt?«
»Sub-Ebene 27 und ich habe in den Algenfarmen gearbeitet. Alle paar Monate wurde ich krank wegen der Sporen von den Dingern. Ich reagiere allergisch darauf.«
»Sehen Sie? Und das müssen Sie nicht mehr machen. Ab morgen gibt es nur noch saubere Luft, Sonne, Strand, Erholung – eine Atmosphäre zum Glücklichsein. Haben Sie schon etwas gegessen? Ich könnte nämlich ein halbes Schwein vertilgen und man hat mir in der Kommandantur gesagt, wir wären berechtigt, uns zu bestellen, was immer wir wollen.«
Allmählich lösten sie sich voneinander und zum ersten Mal sah Sebastian Nina lächeln. Es war ein warmes, nettes Lächeln.
»Danke«, sagte sie und wischte sich die restlichen Tränen aus den Augenwinkeln. »Ich bin dumm, nicht wahr?«
»Wie kommen Sie darauf? Ich sehe eine unglückliche Frau und keine dumme – dafür allerdings eine sehr attraktive, wenn Sie so lächeln, wie eben.«
Ihr Lächeln wurde noch etwas breiter. »Lügen ist keine Ihrer Stärken, was? Ich muss doch furchtbar aussehen, so verweint.«
»Daran kann man ja etwas ändern«, schlug Sebastian vor. »Ich denke, Sie gehen jetzt ins Bad, machen sich frisch und ich kümmere mich darum, dass wir hier auf der Erde einmal so richtig schlemmen können.«
Als Nina aus dem Bad zurückkam, musste er feststellen, dass sie nicht nur hübsch war, sondern eine regelrechte Schönheit. Unwillkürlich betrachtete er seinen eigenen Körper kritischer und nahm sich spontan vor, auf Park dafür zu sorgen, dass er besser in Form kam.
Der Abend entwickelte sich dann noch sehr harmonisch und sie lachten viel. Ein Problem stellte das Schlafzimmer dar, welches nur ein Doppelbett enthielt. Nachdem sie beide etwas befangen davor gestanden hatten, zog sich Sebastian auf die bequeme Couch zurück, wofür er von Nina ein dankbares Lächeln erntete.
Obwohl er nicht damit gerechnet hatte, schlief er bald ein und träumte von seiner Reise nach Park und davon, wie er mit Nina über einen schneeweißen Strand schlenderte, während die Sonne aus einem tiefblauen Himmel schien. Viel zu schnell wurde es Morgen und ein Signal weckte sie beide. Auf einem Wandmonitor erschien ein Techniker der Transmitteranlage und teilte ihnen mit, dass sie leider gezwungen seien, die geplante Reise leicht vorzuziehen.
Sebastian drückte die Antworttaste am Monitor und fragte, aus welchem Grunde diese Hektik erforderlich wäre.
»Wir haben erhöhte Sonnenaktivitäten registriert«, sagte der Techniker. »Wir werden die Reise innerhalb der nächsten Stunde durchführen, sonst müssen wir das Ende dieser Aktivitäten abwarten. Das kann eine Weile dauern. Die Abstrahlanlage befindet sich am Hinterausgang Ihres Wohnzimmers. Ich schlage vor, Sie machen sich frisch und legen die vorschriftsmäßige Reisekleidung an. Ihr Frühstück erhalten Sie dann bereits am Ziel. Was halten Sie davon?«
Nina war zu Sebastian getreten und sah ihn fragend an.
»Wir haben ja sicher keine andere Wahl, oder?«
»Nicht wirklich«, gab der Techniker zu. »Sonnenaktivität kann den überlichtschnellen Datenstrom schädigen und das wollen Sie nicht.«
Sebastian musste ihm Recht geben, also beeilten Sie sich, zu duschen und die unbequeme Reisekleidung anzulegen. Speziell bei Nina saß sie so schlecht, dass sie sich vorkam wie ein laufender Kleidersack. Sie verließen die Wohnung durch den Hinterausgang. Der Luxus der Suite wurde schlagartig durch die nüchterne Maschinerie der Reiseanlage ersetzt. Ein Heer von Technikern wuselte herum und beschäftigte sich mit für sie unerklärlichen Dingen. Sie wurden vermessen, gewogen, mit Scannern überprüft und anschließend einzeln in je eine Zelle geführt, deren Wände, Boden und Decke aus Spiegeln bestanden.
»Bleiben Sie entspannt und atmen Sie ganz normal«, ermahnte ein Techniker Sebastian. »Stehen Sie ruhig und bewegen sich nur so wenig wie nötig. Bei hektischen Bewegungen kann es schmerzen.«
»Was ist mit meinen privaten Sachen?«
»Werden nachgeschickt. Wir können kein Gepäck mit einem Menschen zusammen versenden. Wenn etwas schief geht, könnte es zu Vermischungen kommen. Das würden Sie nicht überleben.«
»Okay«, meinte Sebastian beunruhigt. Er hatte sich nie wirklich vorgestellt, was bei einem solchen Transport überhaupt geschah.
Der Techniker schloss die Zelle und er war allein. Ein Count-down auf einer der Spiegelwände zeigte ihm, wie lange es bis zur Abstrahlung noch dauerte. Als die Zahl auf Null sprang, blendete ihn ein greller Blitz und er hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, in heißes Öl getaucht worden zu sein – dann war es vorbei. Er fühlte sich etwas schwach und kurzatmig. Als er sich umsah, erkannte er, dass er immer noch in einer Spiegelzelle steckte, doch schien es nicht dieselbe zu sein, denn er entdeckte einen feinen Sprung auf dem Boden, der vorher nicht da gewesen war. Auf einer der Wände blinkte das Wort »drücken«. Sebastian tat es und die Wand schwang zur Seite. Das Erste, was er fühlte, war schneidende Kälte, die den Gang erfüllte, in den er blickte. Er bestand aus roh behauenem Felsgestein und einige Leuchtelemente erhellten ihn notdürftig. Beim Ausatmen bildete sich kondensierender Dampf vor seinem Mund und sein Körper begann zu zittern. War etwas schief gegangen? Er zwang sich, weiterzugehen und hielt auf eine grobe Holztür zu, die er am Ende erkennen konnte. Schwer atmend und vor Kälte schon ganz steif, stieß er sie auf. Dahinter empfing ihn wohlige Wärme und ein Mann in einem karierten Arbeitshemd und mit einer jeansähnlichen Hose bekleidet, erhob sich von einem Stuhl, der neben einem kleinen Feuer stand.
»Hey, ein Neuankömmling!«, rief er. »Willkommen auf Park. Ich heiße William.«
William reichte Sebastian die Hand und drückte sie fest.
»Komm erst mal aus diesem bescheuerten Anzug heraus. Du holst dir ja noch den Tod.«
Dankbar nahm er von William warme Unterkleidung, ein zweckmäßiges Hemd, eine Hose und dicke Socken entgegen.
»Wegen der Schuhe müssen wir schauen. Die sollten genau passen, bevor wir die Station verlassen. Du hast Glück. Beim letzten Warentransport haben sie tatsächlich auch mal grobe, gefütterte Schuhe mitgeschickt. Mit Badelatschen könnte ich dich erschlagen. Du ahnst nicht, wie viel unbrauchbaren Kram die uns schicken.«
Sebastian blickte sich interessiert um. Alles machte einen primitiven und improvisierten Eindruck.
»Wo bin ich hier?«, fragte er. »Das kann doch nicht Park sein.«
»Und ob es das ist. Wir befinden uns in der Einwanderungskontrolle von Paradise City. Du wirst schon sehen, dass wir eine Menge Humor brauchen. Ich weiß allerdings, dass Ihr Neuen euch anfangs damit etwas schwertut. Ich bin ja bereits hier geboren und kenn die gute alte Erde nicht mehr. Nach dem, was man so hört, bin ich aber sicher, dass ich da nicht viel verpasst habe.«
In diesem Moment schwang die Tür wieder auf und eine vollkommen durchgefrorene Nina stolperte herein. Man konnte ihr ansehen, dass sie nicht glauben wollte, was sie sah.
»Soll das hier ein Witz sein? Wo sind die Strände? Was ist das für eine Scheißkälte?«
»Komm rein, mein Engel«, sagte William, der offenbar erfreut war, eine hübsche Frau zu sehen. »Wir haben es hier schön warm. Du suchst dir deine Größe aus dem Stapel der Sachen dort besser selbst raus, okay? Ich weiß ja, dass Ihr Mädels da etwas wählerischer seid. Aber ich muss dich vorwarnen: Das Angebot ist leider äußerst beschränkt.«
Nina blickte zwischen den beiden Männern hin und her. »Da muss doch irgendetwas schief gelaufen sein. Es müsste warm sein, hell … ein Paradies eben.«
»Nichts ist schiefgegangen«, erklärte William. »Ihr wolltet nach Park und dies hier ist Park. Allerdings hat man euch ein kleines Bisschen verarscht, was die Lebensumstände angeht, mit denen wir es zu tun haben.«
»Was soll das heißen?«, fragte Sebastian.
»Also ich denke, man hat euch saubere, klare Luft versprochen«, meinte William lächelnd. »Keine Umweltverschmutzung und nicht diese Überbevölkerung, wie auf der Erde. Ich kann euch versichern: Das alles gibt es hier wirklich nicht. Leider erschöpfen sich damit auch die Wahrheiten, die man euch erzählt hat.«
»Könnten Sie langsam auf den Punkt kommen?«, fragte Sebastian ungeduldig. Nina nickte zustimmend.
»Ach, was soll ich es lang erklären«, sagte William. »Zieht die warmen Sachen an, dann bringe ich euch nach Paradise City zum Bürgermeisterbüro. Heute kommt sowieso niemand mehr an.«
Schweigend und in ihre eigenen Gedanken vertieft, zogen sie die dicke Kleidung an und probierten einige Schuhe, bis sie etwas Passendes gefunden hatten. William ließ ihnen Zeit und reichte am Schluss noch warme Mützen mit Ohrenklappen.
»Fertig?«, fragte er. »Dann kann es ja losgehen.«

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Der letzte Teil dieser Geschichte erscheint am 19.01.2019

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Soldaten spielen nicht!

Allen unter euch, die auf den 5 Teil von “Die Wölfe von Asgard” warten, kann ich schon einmal mitteilen, dass es vermutlich nächsten Donnerstag den neuen Teil geben wird 🙂
Solange möchte ich diese Kurzgeschichte mit euch teilen, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Viel Vergnügen beim Lesen!

Das morgendliche Licht brach durch die grauen Riesen, spiegelte sich in den großen Pfützen und den Tropfen des Morgentaus, auf das der zerstörte Hinterhof, der einst einen Teil seiner Heimat dargestellt hatte, erstrahlte wie ein Festsaal im Glanze der Kronleuchter.
Toki war gerne hier. Wenn die Sonne schien, konnte er vergessen, was vor oder hinter ihm lag.
Das Geräusch, das der Fußball aus Lumpen jedes Mal hinterließ, wenn er gegen die Wand der Ruine prallte, hatte etwas beruhigendes und ließ ihn die Explosionen, welche die Stadt Futuria in regelmäßigen Abständen erschütterten, beinahe vergessen. 
Er war jetzt sechs Jahre alt, ein Kind des Krieges, hatte nie etwas anderes erlebt, bis es zum Normalzustand geworden war.
Das einzige, wonach Toki sich sehnte, war ein Spielkamerad. Ein echter Freund, der gemeinsam mit ihm Ball spielen mochte. 
Die Tage konnten so schrecklich langweilig sein und wenn der Fliegeralarm ihn mal wieder dazu zwang, sich zu verstecken und die Hölle über ihn hereinbrach, gab es kein schlimmeres Gefühl, als die Einsamkeit.

Tock! Der Ball prallte abermals gegen die Mauer aus Stein, Toki hatte mittlerweile einen guten Schuss drauf, wie er fand. 
Der Lumpenfetzen segelte über ihn hinweg und landete in einem Gebüsch, eines der wenigen, das es noch wagte den beständigen Feuern in der Stadt zu trotzen. 
Der Junge rannte hinterher und kramte nach dem Ball, Dornen ritzten seine Arme auf, doch ohne dieses Stück Stoff hatte er nichts mehr zum Spielen. 
Mit einem Aufschrei zerrte er den Ball hervor, dieser rollte langsam auf die Straße. Die Luft über dem heißen Asphalt war schon am frühen Morgen schwummrig. 
Vorsichtig schlich Toki ihm nach, sah sich dabei kalkulierend um, damit niemand ihn erwischen konnte.

Aber eigentlich war seit ein paar Monaten schon niemand mehr hier gewesen. Er war allein. 
Wie auch an diesem Tage, so schien es ihm. Die großen Ruinen der Häuser ragten wie faule Zähne in einem morbiden Gebiss vor ihm auf, viele waren bereits eingestürzt und verlassen. 
Verlassen.
Toki erblickte den Ball, wie er hinter die Überreste eines Autowracks rollte. 
Der alte Landrover hatte die Bombeneinschläge nicht überstanden und war nur noch ein graues Abbild seiner selbst.
Der Junge erreichte das Fahrzeug ohne aufgehalten zu werden und kroch vorsichtig unter das Auto, damit er seinen geliebten Ball endlich wiederfand. Doch Anstelle eines Fußballs, erblickte er den gähnenden Lauf eines Gewehres, das auf ihn zielte.

Angst erfüllte jede Faser von Tokis Körper, der Anblick des Gewehres, das auf ihn zielte, lähmte in gänzlich. 
Er wollte noch nicht gehen, er hatte Angst davor. Auch wenn seine Eltern ihm verraten hatten, dass es der Weg zu einem besseren Ort war. 
Der Soldat, der es in seinen Händen hielt, blickte ihn ungläubig an, es war ein junger Mann, dem gerade erst der Bart wuchs. 
Aber seine grauen Augen waren hart wie Stahl, geprägt durch einen Krieg, der sein Leben geformt hatte.
„Mein Fußball….“, bibberte der kleine Junge und eine Träne rann seine Wange hinab. „Bitte, ich habe doch sonst nichts.“ 
Als der Soldat merkte, das er von dem Winzling keine Gefahr zu befürchten hatte, legte er sich das Gewehr um die Schulter. 
Toki griff sich blitzschnell seinen Ball und krabbelte unter dem Auto hervor. Also ist der Mann doch nicht böse. Endlose Erleichterung überkam ihn. Vielleicht hatte er ja endlich einen Spielkameraden gefunden?

„Magst du mit mir Ball spielen?“, fragte Toki zögerlich und hielt langsam seinen wertvollen Schatz in die Höhe. Der Mann winkte ab. 
„Ein Soldat spielt nicht, Junge. Das ist was für Kinder.“
„Musst du denn immer Soldat sein?“, fragte Toki neugierig. 
„Ja, ich muss jederzeit bereit sein, um mein Viertel zu verteidigen“, erwiderte der Mann scharf. 
Für eine Sekunde musste der Junge zu überlegen. „Das tut mir Leid“, sagte er dann, ohne auf das verdutzte Gesicht seines Gegenübers zu reagieren.
„Häh?“
„Nun, wenn ich immer etwas sein müsste, das mir verbietet ein Kind zu sein, wäre ich ganz schön traurig.“ 
Der Mann erstarrte.
„Wie heißt du Knirps eigentlich?“, fragte er dann und das erste Mal huschte ein Lächeln über sein Gesicht. 
„Toki und du?“
„Ich bin Rynn“, stellte der Mann sich vor. „Und zu welcher Seite gehörst du? Du hast doch hoffentlich nichts mit den Belias zu schaffen, oder? Sag mir, dass du ein Turak bist.“
Wieder überlegte Toki fieberhaft. „Ist das denn wichtig?“, fragte er.
„Natürlich! Für welche Seite kämpfst du?“
„Ich möchte für beide Seiten sein“, lächelte Toki.
„Sag mal spinnst du? Das geht unmöglich!“, schimpfte Rynn und sein Gesicht versprühte Funken des Zorns.
„Warum? Es muss sich doch einfach nur jemand trauen, den Anfang zu machen“, erwiderte der Junge strahlend. 
Der Soldat schien verdutzt darüber nachzudenken. Dann erhob er sich. 
„Ich muss jetzt los, aber ich bin öfters hier, vielleicht sehen wir uns ja mal, Toki.“ Er winkte zum Abschied .
„Und dann spielen wir Ball“, grinste der Junge. Rynn war wirklich nett.

Am nächsten Tag erspähte Toki den Soldaten, wie er an einer Mauer gelehnt die Straße beobachtete. 
„Spielen wir heute Ball?“, fragte er gespannt. Er wollte doch nur ein bisschen spielen.
„Nichts da!“, blaffte Rynn und verzog das Gesicht. „Ein Soldat spielt nicht!“
„Warum bist du denn Soldat geworden?“, erkundigte sich der Junge, während er seinen Ball gegen die Mauer pölte. 
„Um mein kleine Schwester zu verteidigen. Ich muss immer bereit sein, das Gewehr immer scharf halten. Denn wer weiß schon, was kommt?“ Als er bemerkte, das Toki wieder angestrengt nachdachte, fügte er noch hinzu: „Du heckst doch schon wieder etwas aus?“
„Naja“, erwiderte der Junge nachdenklich. „Würde Frieden sie nicht besser beschützen, als ein Gewehr?“
Rynn zögerte ob seiner Antwort. „Du… hast Recht“, antwortete er zähneknirschend. „Aber manchmal ist das Gewehr der einzige Weg zum Frieden. Wir lassen uns nicht unterkriegen, denn es wird immer böses geben, gegen das man kämpfen muss.“ 
Stumm bearbeitete Toki sein Spielzeug. Er ist sehr traurig, wurde ihm klar. Ansonsten würde er nicht so denken.

Am folgenden Morgen war Toki schon früh auf, er hatte unruhig geschlafen. Wieder und wieder waren Bomben in der Ferne detoniert. 
Der Krieg war allgegenwärtig und mit ihm die Angst, den nächsten Morgen nicht mehr erleben zu dürfen.
Rynn erwartete ihn bereits, seine Miene war eine Maske der Furcht. „Sie ist fort. Sie haben sie mir genommen“, der junge Mann kämpfte mit den Tränen und verlor. Er sackte auf die Knie. „Meine Schwester ist fort.“
Eine tiefe Traurigkeit berührte Toki dort, wo sein Herz war. „Es tut mir Leid“, nuschelte er, er wusste nicht ganz, was er diesem Mann sagen sollte.
„Ich habe meine Eltern verloren, als ich noch ganz klein war“, gestand Toki und auch ihm kam eine Träne. „Aber ich glaube, es geht ihnen gut“, er lächelte matt.
Rynn raffte sich auf. „Hier geht es niemandem gut, Kleiner“, spukte er aus. 
Wieder musste Toki lächeln. „Hier nicht. Aber sie sind ja woanders.“
Als er merkte, dass es dem Soldaten die Sprache verschlagen hatte, ging er auf ihn zu und ergriff seine Hand. „Wir dürfen uns nicht fürchten. Wir müssen mutig sein“, sagte er, denn er war es seit sechs Jahren. 
„Aber mutig sein heißt auch, sich erlauben zu trauern“, erwiderte Rynn niedergeschlagen. 
„Du hast Recht, glaube ich“, antwortete der Junge und setzte sich neben den Soldaten. „Dann lass uns zusammen mutig sein.“

Der darauffolgende Tag brachte einen trüben Nebel mit sich, der sich wie die Silhouetten von Geistern stumm durch die Straßen schlängelte. 
Doch auch am heutigen Tage trafen sich Toki und Rynn im Hinterhof.
„Spielen wir heute Ball?“, fragte Toki. Er konnte es nicht mehr ertragen alleine zu spielen.
Der Mann blickte auf. „Nun gut, aber nur kurz. Wir müssen aufpassen“, sagte er vorsichtig und griff sich den Ball. 
Gemeinsam tollten sie durch den Hinterhof und Toki hatte noch nie so viel Spaß gehabt, wie in diesem Moment. Kann das für immer sein?, fragte er sich nachdenklich. 

Plötzlich landete etwas mit hartem Knall neben ihm, eine tickende Granate kullerte über den asphaltierten Boden.
„RUNTER!“, schrie Rynn und warf den Jungen zu Boden.
Die Explosion, die sie erschütterte, tauchte alles in ein glänzendes Weiß. 
Toki erblickte das Gesicht von seinem neuen Freund, den er soeben verloren hatte. 
„Danke“, hauchte Rynn schwach, sämtliche Lebensgeister verließen seinen entstellten Körper. Blut sickerte aus seinem Mund und formte rote Rosen auf dem Asphalt. „Danke, dass ich noch einmal Kind sein durfte.“ 
Dann wurde langsam alles in ein schwarzes Kleid gehüllt. Toki merkte, wie er zitterte. Es war nicht einmal mehr Schmerz da, der ihn erfüllte. Nur die Leere. „Soldaten spielen nicht“, ächzte er, dann war es mit ihm vorbei.

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Saigels Irr(e)lichter – Die (Schreib-)Inspiration

Die Inspiration kommt, um zu gehen. So geht es mir zumindest. Es gibt Phasen, da fühle ich mich immens inspiriert, dann gibt es wieder Phasen, da habe ich einfach nichts zu sagen. Das Thema dieses Beitrags spiegelt meine momentane Inspirationslosigkeit, da ich bereits überlegte, den Beitrag diesen Monat auszusetzen. Allerdings geht es in dieser Reihe um persönliche Schreiberfahrungen, die selbstverständlich auch nicht immer rosig sein können.

Die Inspiration ist also für meine  Begriffe recht scheu. Die Situation, eine gute Idee zu haben, die sich beim sofortigen Aufschreiben sogar über mehrere Seiten erstrecken könnte, nach ein paar Minuten jedoch wieder verflogen ist, müsste wohl jedem ein schrecklicher Bekannter sein. Genauso dürfte es nicht nur mir so gehen, dass es Phasen im Leben gibt, die völlig unabhängig von den Ereignissen, die sich darin abspielen, absolut ideenlos verlaufen.

Ich habe gehört, dass sich die Inspiration aber auch suchen lässt. Für mich stellte sich das allerdings stets so ähnlich dar, wie die „Suche nach der Nadel im Heuhaufen“. Meine Erfahrung zeichnet ein eindeutiges Bild, davon, dass eine Verbindung zwischen Inspiration und Auslöser besteht. Gibt es keinen natürlichen Auslöser, bleibt zumeist auch die Inspiration aus. Einen Weg, den Auslöser künstlich zu erzeugen, habe ich bisher nicht gefunden, was sicherlich einer der Gründe ist, weshalb ich nicht in professionellem Rahmen schreiben kann.

Allerdings gibt es einen Lichtschimmer in diesem nebligen Text, der eine der großen Schattenseiten des Schreibens beleuchten soll: Die Inspiration kommt immer wieder zurück. Sie ist vergänglich, genauso wie wir es sind. Das kann ein Problem sein. Jedoch glaube ich, dass gerade die Vergänglichkeit und das Wissen darum das Leben und die Liebe ausmachen. Wäre die Inspiration eine Konstante in meinem Leben, würden sich wohl wieder andere Abgründe auftun.

Für mich persönlich ist das Schreiben Balance und Ausgleich. Nur, weil ich nicht zum Schreiben inspiriert bin, bedeutet das nicht, dass ich keine Inspiration in anderen Teilen des Lebens erfahren kann. Die Momente, in denen sie dann aber da ist und ich die Zeit finde, mich ihr zu widmen, die sind besonders, und die Texte, die daraufhin entstehen, sind einzigartig. Wie eine Fotografie, die es so nur ein einziges Mal gibt. Ich denke also folglich, dass Schreiben auch Geduld sein muss, weil sich die Inspiration nicht drängen lässt. Dies mag auf den ersten Blick nicht gerade enthusiastisch klingen, auf den zweiten Blick jedoch hoffentlich umso mehr.

Eure Saigel

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Das Paradies (2/4)

Das Paradies – Teil 2

Sebastian las diesen Absatz immer wieder, doch sein Inhalt veränderte sich nicht. Er würde nach Park reisen können – ins Paradies. Noch vor ein paar Stunden hatte er mit Bernd darüber diskutiert, dass es ihm überhaupt nicht darum ginge, von der Erde wegzukommen, nun hatte er tatsächlich die Möglichkeit dazu. Wie sollte er sich entscheiden? Was hielt ihn hier auf diesem verrottenden Planeten? Eigentlich nichts.
Überdeutlich nahm er die bedrückende Atmosphäre seiner Zelle wahr. Er befand sich im 31. Tiefgeschoss einer Stadt, deren Ebene 0 er erst einmal in seinem Leben mit eigenen Augen gesehen hatte. Es gab keine Fenster, die Luft war ein Dutzend Mal aufbereitet, bevor sie über die Ventilation der Tiefebenen verteilt wurde. Das Wasser war stets lauwarm und stank. Bevor man es trinken konnte, musste es gründlich abgekocht werden. Dann war da der Dreck. Dieser allgegenwärtige, schmierige, immer leicht feuchte Dreck überall in seiner Zelle. Man konnte nicht dagegen anputzen. Und Privatsphäre? Hatte es für ihn jemals so etwas gegeben? Die Teilzeitzelle war an sich der pure Luxus eines Normalbürgers. Als er noch jünger war, lebte er in einer Gemeinschaftsunterkunft in der 38. Tiefebene. Doch jetzt könnte er diesem Sumpf endgültig entkommen.
Fünfzehn Kilo könnte er mitnehmen! Er stellte fest, dass er sich entschieden hatte. Er würde nach Park gehen und er würde niemandem etwas sagen. Er würde einfach verschwinden …, wie Bernd es tun würde.
Schnell packte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen und wusste nicht einmal, wie er das zulässige Gewicht von fünfzehn Kilo Gepäck überhaupt zusammenbekommen sollte. Alles, was ihm etwas bedeutete, passte in eine große Sporttasche hinein.
Jetzt, wo die Entscheidung getroffen war, konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Er blickte sich ein letztes Mal in seiner Zelle um. Sollte Karl doch glücklich werden damit!
Er griff seine Tasche, steckte die Gewinnbenachrichtigung ein und verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal umzublicken.
In den Gängen herrschte noch immer die gleiche Enge, wie vorher, als er von der Arbeit nachhause gekommen war. Ständig wurde er von unbekannten Menschen angerempelt, murmelte unverständliche Entschuldigungen oder schimpfte, wenn ein gar zu energischer Passant ihn anstieß. Als er vor den Aufzügen wartete, zog er die Folien aus seiner Tasche und las sie noch einmal, während er sie mit seiner Hand abschirmte, damit niemand sonst sie lesen konnte.
Expresslift stand dort. Er sollte mit dem Expressaufzug in die dritte Etage fahren. In die Dritte! Das bedeutete über der Erde!
Zögernd drückte er auf den Rufknopf des Expresslifts, worauf ihn einige der übrigen Wartenden interessiert musterten. Die ungerechtfertigte Benutzung der Sondereinrichtungen stand unter Strafe.
Als sich die Tür des Aufzugs öffnete, befanden sich nur zwei Wachen darin, die ihn mürrisch ansahen.
»Haben Sie diesen Aufzug gerufen?«, fragte einer der beiden. »Ich will sofort Ihren Chip sehen und ich garantiere, dass Sie es bereuen werden, wenn Sie keinen triftigen Grund hatten.«
Stumm hielt Sebastian ihnen seinen Unterarm hin und ließ es zu, dass die Wachen ihn scannten.
»Normalbürger?«, fragte der andere. »Das soll wohl ein Scherz sein, was? Sie wissen doch genau, dass Ihnen diese Einrichtung nicht zur Verfügung steht.«
Ohne ein Wort zog er die Gewinnbenachrichtigung aus der Tasche und zeigte sie den beiden. Erst wanderten ihre Augenbrauen nach oben, dann änderten die Männer ihre Haltung vollständig.
»Verzeihen Sie, aber das haben wir nicht gewusst. Es dauert in der Regel immer ein paar Stunden, bis wir Nachricht vom Ergebnis der Auslosungen bekommen. Sie sind früh dran. Kommen Sie, wir bringen Sie nach oben.«
Für Sebastian war es bereits jetzt, als betrete er eine andere Welt. Die Kabine wirkte peinlich sauber und lief vollkommen lautlos in ihren Schienen. Wäre nicht ein leichter Andruck gleich zu Beginn gewesen – er hätte nicht gewusst, dass er sich nach oben bewegte. Niemand sprach ein Wort und er wagte es nicht, den Blick einer der Wachen zu suchen. Zu sehr war er durch die Jahre in den Sub-Ebenen darauf geprägt, sich als Normalbürger minderwertig zu fühlen.
Ein Glockenton kündigte an, dass die Kabine ihr Ziel erreicht hatte. Einer seiner Begleiter drückte auf einen Knopf und die Aufzugtüren öffneten sich für ihn in eine neue Welt. Das grell hereinflutende Licht ließ ihn seine Augen zusammenkneifen. Sie waren nicht an eine solche Lichtfülle gewöhnt.
»Wollen Sie nicht aussteigen?«, fragte die Wache freundlich. Sein Status schien durch die Gewinnbenachrichtigung in ihren Augen gestiegen zu sein.
»Oh, natürlich«, stammelte Sebastian und machte einen unbeholfenen Schritt nach vorn.
Die Wache hielt ihn am Oberarm und verhinderte so einen Sturz.
»Herzlichen Glückwunsch noch zu Ihrem Gewinn«, sagte er. »Ich spiele selbst seit Jahren in der Lotterie, aber es ist nie mehr als ein winziger Geldgewinn dabei herausgekommen. Sie glauben nicht, wie ich Sie um ihre Reise beneide.«
Als er Sebastians ratlosen Gesichtsausdruck bemerkte, zwinkerte er ihm zu und fügte hinzu: »Eines Tages werde ich auch nach Park reisen. Ich habe das so im Gefühl. Halten Sie mir dann einen Platz an einem der Strände frei, okay? Machen Sie es gut. Die Mädchen auf Park sollen ausnehmend hübsch sein …«
Sebastian nickte dem Mann zu und hob noch ein letztes Mal grüßend die Hand, dann machte er den entscheidenden Schritt und betrat den oberirdischen Teils des Gebäudes. Es war ein nüchterner, aber sauberer Flur mit einem echten Fenster auf der gegenüberliegenden Seite, durch welches das Licht der Sonne aus einem trüben Himmel hereinschien. Bis an den Horizont reichten Hochhäuser und Industrieanlagen und der Himmel war erfüllt von unzähligen Fliegern, die teilweise so eng aneinander vorbeiflogen, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie nicht zusammenstießen.
Die Welt außerhalb des Gebäudes war zwar deutlich heller als in den Sub-Ebenen, jedoch nicht wirklich schöner. Dennoch stellte allein der Anblick der Sonne bereits eine Offenbarung für ihn dar.
»Herr Passlicki?«, schreckte eine volltönende Frauenstimme ihn aus seinen Betrachtungen. Sie gehörte der nicht minder angenehmen Erscheinung einer jungen Frau in einem dunkelblauen Hosenanzug. Sie deutete mit der Hand, ihr zu folgen und übernahm gleich die Führung.
»Ich bringe Sie jetzt zum Büro für Ausreiseangelegenheiten, wo man die letzten Formalitäten erledigen wird. Als Gewinner des Hauptgewinns der Lotterie haben Sie selbstverständlich Anspruch darauf, bevorzugt abgefertigt zu werden.«
»Ich dachte, es gäbe nur diese Lotterie, um nach Park zu gelangen?«, wunderte sich Sebastian. »Ihren Worten entnehme ich, dass es durchaus andere Möglichkeiten gibt, die langwieriger sind. Habe ich Sie da richtig verstanden?«
Die Frau lachte hell auf. »Natürlich gibt es die. Wie stellen Sie es sich denn vor, wie es auf diesem Planeten zugehen sollte? Irgendwer muss auch die Anlagen für die Versorgung bedienen und für die reguläre Bevölkerung sorgen, oder finden Sie nicht? Bei diesen Arbeitskräften handelt es sich oft um Spezialisten und sie rekrutieren sich aus besonderen Ausbildungsschichten. Da diese Menschen allerdings nicht den Hauptanteil der Reisenden ausmachen, wird das gern unter den Teppich gekehrt. Aber da Sie ja ein Lotteriegewinner sind … durfte ich Ihnen diese Information sicherlich geben. Sie können sich vorstellen, dass es zu einer wahren Flut von Anträgen käme, wenn das bekannt würde. Bei der derzeitigen Lage auf der Erde könnte es zu Unruhen kommen.«
Sebastian sah sie irritiert an.
»Machen Sie sich keine Gedanken, Herr Passlicki«, sagte sie und winkte mit der Hand ab. »Sie als Gewinner sollten das Paradies genießen, wie es ist.«
»Und Sie?«, fragte Sebastian. »Macht es Sie nicht verrückt, ständig Menschen zu sehen, die der Erde den Rücken kehren dürfen?«
Ihre Miene wurde schlagartig ernst.
»Ja es macht mich verrückt«, sagte sie leise, »aber es werden niemals ganze Familien geschickt. Ich müsste alles zurücklassen, was mir etwas bedeutet. Meinen Gefährten, die Kinder … Verstehen Sie? Ich würde nicht einmal gehen, wenn ich es dürfte …«
Sie erreichten eine Tür, an der »Kommandantur für Ausreiseangelegenheiten Park« angeschlagen war. Sie öffnete ihm die Tür und wies hinein.
»Viel Glück im Paradies«, sagte sie und wandte sich schnell ab. Sebastian hatte das Gefühl, dass es ihr deutlich schwerer fiel, als sie es sich selbst eingestand.
»Ah, unser Gewinner!«, rief ein kahlköpfiger, untersetzter Mann mittleren Alters und erhob sich hinter seinem Schreibtisch, kam zu ihm herum und schüttelte heftig Sebastians Hand.
»Es ist mir immer wieder eine Freude, einen glücklichen Menschen zu verabschieden. Sie freuen sich doch, oder etwa nicht?«
»Äh, natürlich.«
»Ich wusste es! Nehmen Sie Platz, Herr … Passlinski!«
»Passlicki!«
Er blickte kurz auf seine Unterlage.
»Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich möchte Sie auch nicht lange aufhalten, müssen Sie wissen. Sie werden Ihre Reise ja bereits morgen Vormittag antreten und da will ich Ihnen nicht den Genuss unserer Suite für Lotteriegewinner vorenthalten. Haben Sie Ihre Papiere dabei?«
»Papiere?«, wunderte sich Sebastian. »Ich trage ein Chipimplantat, wenn Sie das meinen.«
»Oh, das ist noch besser. Reichen Sie mir bitte Ihren Arm.«
Sebastian schob den Ärmel seiner Jacke nach oben und hielt ihn dem Mann, der sich ihm gegenüber nicht vorgestellt hatte, hin. Mit einem Handscanner prüfte er seine Identität.
»Au!«, rief Sebastian, als er einen schmerzhaften Stich spürte.
»Mein Fehler!«, entschuldigte sich der Mann. »Die Entfernung der Chips ist oft mit einem kleinen Schmerz verbunden.«
»Entfernung der Chips?«
»Natürlich! Im Paradies benötigen wir solche Kontrollmechanismen nicht mehr. Haben Sie noch Geld dabei? Das müsste ich nämlich hier ebenfalls einziehen. Auf Park verwendet man kein Geld. Sie werden schon sehen …«
Schweren Herzens übergab Sebastian ihm seine hart erarbeiteten Ersparnisse. Der Mann zählte es durch.
»Gibt es jemanden, dem Sie diesen Betrag zugutekommen lassen wollen? Es ist üblich – Sie brauchen mir nur angeben, wen Sie bedenken möchten.«
Sebastian kam sich schon seit seiner Ankunft wie in einem Traum vor. Er war überhaupt nicht mehr in der Lage, zu begreifen, was um ihn herum geschah. Fast automatisch schrieb er Bernds Namen und Anschrift auf das Formular. Sollte sein alter Kollege seine »Reichtümer« erben, während er ins Paradies reiste.
»Von hier aus bringen wir Sie in die Gewinner-Suite. Sie dürfen dort sämtliche Einrichtungen benutzen. Alles ist frei – natürlich … Sie können sich zu Essen und Trinken bestellen, was immer Sie wünschen. Sie dürfen sogar ein Bad nehmen und dazu frisches Wasser verwenden. Da wäre nur eines …«
»Und was?«, fragte Sebastian, der die ganze Zeit über nach einem Haken an der Sache gesucht hatte.
»Sie werden diese Suite nicht allein nutzen können. Wir besitzen nur diese eine Suite, aber diesmal zwei Gewinner. Es gibt Platz genug, Sie sind eben nur nicht allein. Vielleicht ist es Ihnen aber auch recht, wenn Sie einen Gesprächspartner haben, der – wie Sie – ebenfalls nach Park reisen wird.«
Sebastian war nicht begeistert von dieser Aussicht, doch im Grunde war er ja gewohnt, Wohnraum mit jemandem teilen zu müssen. Der Leiter der Kommandantur verabschiedete Sebastian und wünschte ihm noch einmal alles Gute und viel Glück in der neuen Heimat. Dann schob er ihn auf den Flur hinaus, wo ihn die junge Frau, die ihn hierher geführt hatte, bereits erwartete.
Die Suite lag in einem vollkommen anderen Stadtteil und die Fahrt dorthin legten sie in einer Rohrbahn zurück, die im Gegensatz zu denen in den Sub-Ebenen über Fenster verfügte. Die Entfernung zum Ziel war groß. Die Wohn- und Verwaltungsanlagen ließen sie weit hinter sich und sie durchquerten weitläufige Industriekomplexe und Fertigungsanlagen. Mitten in diesen Anlagen kam die Bahn zum Stehen.
»Hier sind wir richtig?«, fragte er seine Begleiterin.
Sie nickte.
»Das ist bereits der Transmitterkomplex. Von hier aus werden Sie morgen Ihre Reise antreten. Die Suite befindet sich ebenfalls in diesem Gebäude, aber keine Angst: Sie ist wirklich sehr komfortabel.«
Sie liefen nur noch einige Schritte, bis sie den Eingang erreicht hatten. Dort verabschiedete sie ihn endgültig und ließ ihn allein vor der Tür stehen. Zögernd klopfte er an. Als sich niemand meldete, drückte er gegen den Öffner und sie sprang auf.
Er stand in einer geräumigen Diele, die einem Bewohner der Sub-Ebenen als absolute Platzverschwendung erschien. Es zweigten einige Räume ab, deren Türen verschlossen waren. Sebastian schaute der Reihe nach hinein und entdeckte ein riesiges Badezimmer mit echten Fliesen an den Wänden, einer Badewanne und zusätzlich einer luxuriösen Dusche. Im nächsten Raum befand sich ein großes Doppelbett und es gab sogar noch eine Menge ungenutzten Platz darum herum, was ihm fast unvorstellbar erschien. Der Gipfel hingegen war das eigentliche Zimmer, das ihm wie ein Ballsaal vorkam, wie er ihn sich jedenfalls vorstellte. Es gab eine Fensterwand, die den Blick auf eine gigantische Fabrik frei gab. Davor stand eine bequem aussehende Sitzgruppe mit einem niedrigen Tisch. Ein Stück davon entfernt gab es einen normalen Tisch mit echten Holzstühlen darum herum. An der Wand stand ein riesiger Kühlschrank. Er konnte sich an all den Luxusgütern nicht sattsehen.

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Die Geschichte wird am 12.01.2019 fortgesetzt.

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