Schreibkommune

Autorinnen und Autoren im Netz

Monat: Dezember 2018

Frohe Weihnachten

In diesem Monat haben wir uns im Schreib-Forum gefragt, wie wohl ein Weihnachtsfest im Jahr 3000 aussehen könnte. Viele Autoren haben dort ihre Vision mit uns geteilt.

Diese Geschichte entstammt der Feder von Josy Burns.

Fahles Licht bahnt sich seinen Weg durch den grauen Winterhimmel. Es malt einen hübschen Kontrast von hellen roten, orangen und gleißweißen Flecken zwischen die zerklüfteten dunklen Wolkenfetzen. Sel schließt die Augen und kauert sich auf dem kleinen Absatz, hoch oben über den Dächern der Erdsiedlung, zusammen. Sie reckt die Nase in die kühle Luft und genießt die Ruhe, die hier oben herrscht. Das feine Sirren des Windes, der über die Dachstreben streicht, ist alles, was hier zu hören ist. Ein vorwitziger Strahl der tiefstehenden Sonne schummelt sich zwischen ihren Lidern hindurch. Sie blinzelt. Saugt noch einmal den Duft der frischen Luft tief in sich hinein.  So tief, bis sie beinahe platzen muss. Von wegen giftig. Wenn die Welt hier draußen wirklich giftig wäre, müsste sie ja wohl jetzt auf der Stelle tot umfallen. Tut sie aber nicht.

Wie anders die Welt hier oben ist. Ringsum erstreckt sich die durchgängige Fläche der Prosperikumdächer, die die Siedlung angeblich vor Umwelteinflüssen schützen sollen, in allen Richtungen – bis zum Horizont. Lückenlos. Von dem Gewusel darunter ist hier draußen nichts zu merken. Seit über fünfhundert Jahren leben die Menschen auf der Erde nun schon unter dieser Schutzhülle. Sel hört das Schnarren des alten Historikus beinahe noch: „Der Zyklus 0, der zusammenfällt mit dem Jahr 2478 alter Zeitrechnung …“, meistens folgte hier ein trockenes Husten, „ … Geburt der Zivilisation und Beginn der neuen Zeitrechnung, Gründung der Schutzhülle, Einführung des Gemeinwohls durch Max Karolus.“

Niemand weiß mehr so recht, warum das alles geschah, aber es gibt auch schon lange keine Alternative mehr, denn die Schutzhülle umspannt inzwischen den ganzen Planeten. Schwer vorzustellen, dass es früher einmal Bereiche zwischen den Siedlungen gab, in denen keine Wohneinheiten oder Produktionsstätten standen.

Unten ist es ein Tag wie jeder andere, nur hier oben – draußen – merkt man, dass es das ist, was die Menschen früher wohl einen schönen Wintertag genannt hätten. Drinnen ist die Welt standardisiert. Die Tage sind gleich lang, immer in Einheiten von sechs Stunden eingeteilt, das sind die optimalen Lebensbedingungen für alle. Die Bewohner folgen dem vorgegebenen Rhythmus: Aufstehen, sechs Stunden den Aufgaben nachgehen, sechs Stunden dem personoptimierten Erholungsprogramm folgen, sechs Stunden schlafen und wieder von vorn. Die Hülle gibt die passenden Licht- und Dunkelphasen dafür vor. Wenn man unten ist, merkt man gar nicht, dass es draußen sogar unterschiedlich lange Tage gibt.

Sel ist froh, dass ihre Erholungsphase heute mit einem ihrer Lieblingsmomente hier draußen zusammenfällt. Direkt nach der Arbeitsphase ist sie durch den langen Schacht aufs Dach geklettert. Vor ein paar Subzyklen hat sie ihn zufällig entdeckt. Jetzt schwänzt sie manchmal die Erholungsphase und kommt stattdessen hierher. Sie liebt es, wenn die Sonne ganz tief über dem Horizont steht. Es fühlt sich fast an, als wäre noch eine zweite Schutzhülle über ihr. Als wäre da noch eine Welt, eine Anderswelt nennt sie es manchmal für sich. In irgendwelchen Dateien über die Frühzeit hat sie das Wort einmal gefunden. Angeblich hat es etwas mit genau diesem schrägen Licht oder diesen dunklen Tagen zu tun, was genau, das ging aus den Quellen nicht mehr hervor.

Sels Aufgabe ist es, im Gemeinschaftsarchiv für Ordnung zu sorgen. Hin und wieder gelingt es ihr dabei, einen Blick in die alten Dateien zu werfen, die dort schlummern. Dann kommt sie anschließend oft hier herauf – obwohl das natürlich verboten ist – und denkt nach. Denkt nach über die Dinge, die sie da gefunden hat. Malt sich aus, wie das Leben vor tausend Jahren auf der Erde wohl gewesen sein muss. Es ist ihr egal, dass sie eine Zwangsversetzung riskiert, wenn sie erwischt wird.

Hinter ihr klappert etwas im Schacht – sie fährt herum.

„Hab ich mir doch gedacht, dass du hier bist!“ Joey grinst, als sie Sels erschrockenes Gesicht sieht.

„Ach, du bist das …“ Sel atmet erleichtert auf und rückt ein Stückchen zur Seite. Joey quetscht sich zu ihr auf den Absatz und lässt die Beine baumeln. Sie ist die einzige, die Sels Geheimversteck hier oben kennt.

„Und – was gibt es heute zu denken? Neues aus der Vergangenheit?“ Joey ist immer begierig, Sels Geschichten zu hören.

„Weihnachten“, antwortet Sel und macht erstmal eine Kunstpause, weil sie schon ahnt, dass Joey dieses Wort nicht kennt.

„Weyn Achtern?“, fragt diese auch prompt.

„Weih-nachten“, bekräftigt Sel und versucht, ihre Stimme so bedeutungsschwanger wie möglich klingen zu lassen. Dabei legt sie besonderes Gewicht auf die erste Silbe dieses wundersamen Wortes und unterstreicht dessen Bedeutung mit einer weit ausladenden Geste über den Horizont in Richtung der untergehenden Sonne.

„Wie Weih-nachten – was soll das sein? Nachten? Weinen? Das hört sich irgendwie unanständig an.“ Joey grinst.

„Weihnachten – haben die Menschen früher gefeiert, und zwar genau … heute.“

Dass es genau heute sein muss, behauptet Sel zwar einfach erstmal. Dann blinzelt sie aber wieder in die tiefstehende Sonne; so ein Licht wie in dieser Stunde gibt es hier draußen nur an den dunkelsten Tagen des Jahres. Also spricht ja wohl auch nichts dagegen, dass dieses Weihnachten eben genau heute ist.

Sie kann sehen, dass Joey tatsächlich keinen blassen Schimmer hat. Es ist ja auch eine ganz schön verrückte Geschichte, über die sie da gestolpert ist … Schade eigentlich, dass dieses Weihnachten wie so viele alte Traditionen seit der großen Vereinheitlichung irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Wobei – manches davon ist ja auch schon ganz schön schräg.

Und dann erzählt Sel Joey von den Bräuchen, mit denen die Menschen noch vor tausend Jahren zur Wintersonnwende die Geburt eines Gottes gefeiert haben, obwohl sie doch schon damals gewusst haben mussten, wie fraglich dieses Konzept mit den Religionen sein musste. Allein schon, wenn man an die ganzen Glaubenskriege dachte.  Egal, Sel wischt die Erinnerung an ihren alten Lehrer und dessen angeekeltes Kopfschütteln – „Eine Barbarei war das!“ – zur Seite und erzählt weiter.  Erzählt Joey von Geschenken, Weihnachtsbäumen, von Lichtern und Gebäck und davon, dass die Menschen damals in – sie muss kurz überlegen, wie war das Wort doch gleich? Dann fällt es ihr wieder ein: Die Menschen kamen in „Familien“ zusammen, um dieses Fest zu feiern. Sie schmückten die Wohnzellen mit Bäumen und wenn diese Familie dann da war, gaben sie sich unter einander Geschenke, je teurer, je mehr, je besser und irgendwie hing damit auch das Ansehen in der Gesellschaft zusammen. Ganz verstanden hat Sel das nicht.

„Ge-schen-ke“ Joey lässt sich das Wort auf der Zuge zergehen. „Was für ein komisches Konzept. Als ob irgendjemand irgendetwas besitzen könnte. Alles gehört doch allen.“ Joey ist eine glühende Anhängerin der Gemeinwohltheorie. Die Gemeinschaft stellte allen einfach das zur Verfügung, was sie brauchen, und mit Dingen, die man nicht benötigte, belastete man sich auch nicht. Es ist ja schließlich auch überhaupt kein Platz dafür da. Was für ein seltsamer Gedanke, dass Joey jetzt zum Beispiel beschließen könnte, Sel etwas aus dem Gemeinpool zu geben und einfach zu bestimmen, dass das nun Sel, und zwar nur Sel alleine gehören würde. Joey schüttelt den Kopf.

„Naja, aber ich finde, so verrückt dieses Fest auch gewesen sein mag, die Idee, einen Baum zu schmücken und ihn mit Lichter zu versehen, das ist doch ganz hübsch.“  So ein echter Baum war schon etwas Besonders. Joey hat erst ein einziges Mal einen gesehen. Das ist noch vor ihrer Initiation gewesen. Da haben sie eine der streng bewachten Sauerstoffplantagen besucht. In die eigentlichen Bereiche, in denen die Pflanzen wuchsen, durften sie gar nicht hinein, um das sensible ökologische Gleichgewicht nicht zu stören. Aber im Eingangsbereich der Anlage war ein echter Baum ausgestellt. Seitdem ist Joey von diesen Lebewesen fasziniert. „Die Menschen müssen ganz schön reich gewesen sein, wenn sie sich leisten konnten jedes Jahr einen eigenen Baum in ihre Wohnzelle zu stellen. Die Zellen müssen ja riesig gewesen sein.“

„Hm, ich weiß nicht – mir kommt das eher grausam vor. Die Bäume wurden doch dafür getötet?“

„Naja, aber ich glaube, vor tausend Jahren wusste man noch nicht so viel über das pflanzliche Emphathienetzwerk.“

Sel nickt. Ihr Blick bleibt wieder am Schauspiel hängen, das die untergehende Sonne in bunten Farben an den Himmel zaubert. Beinahe sieht es aus, als würde die Erdsiedlung in Flammen stehen. Wunderschön. Die da unten unter der Schutzhülle wussten gar nicht, was sie Tag für Tag verpassten.

„Weißt du, was ich am schönsten finde?“ Sel zieht ihre Knie hoch ans Kinn und schlingt ihre Arme darum. „Ich glaube, das schönste finde ich, dass die Menschen an Weihnachten der Liebe zueinander gedacht haben. Diese „Familie“ oder wie das nun auch hieß. Also ich meine, dass sie Zeit hatten, wenigstens für einen Moment innezuhalten und sich ganz und gar denjenigen Menschen zu widmen, die wichtig für sie waren. Und dass sie diesen Menschen von Herzen etwas Gutes tun wollten, um ihnen zu zeigen, wie sehr sie sie liebten.“

Jetzt ist es an Joey zu schlucken und es dauert eine ganze Weile, bis sie Sel antwortet: „Weißt du was – das machen wir ab heute auch. Wir feiern Weihnachten, und zwar jedes Mal, wenn wir hier oben zusammensitzen und einander was erzählen.“ 

Sel spürt, wie sich Joeys Arm behutsam um ihre Schultern legt. „Willst du meine Familie sein?“, fragt Joey und ein wohliges Gefühl macht sich in Sels Brust breit.

Sie lehnt den Kopf in den Nacken und schaut Joey an. Deren Blick hängt an der roten Sonne, die nun schon fast hinter dem Horizont verschwunden ist.

„Frohe Weihnachten“, sagt Sel leise.

„Frohe Weihnachten“, antwortet Joey.

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Wir sind wie das sturmgepeitschte Meer

Ein Liebesbrief von Pia Pandämonium

An dich, liebe mir vertraute Unbekannte; ich suche dich schon mein ganzes Leben lang. 

Ich kenne weder deinen Namen noch dein Gesicht; doch das sind sowieso nur Nebensächlichkeiten, wie ich finde … das,was zählt, trägst du ganz tief in dir.
Dieses wunderbare, unfassbare Etwas, das der Mensch als Seele eingegrenzt hat, werde ich sofort erkennen, wenn ich in den aufgewühlten Ozean deiner Augen blicke. 
Kurz zu etwas Profanerem: Bitte verzeih mir meine Schlampigkeit – sie ist ortsbedingt,
denn ich bin am Strand: Das Papier, auf dem ich schreibe, knittert im rauen Wind; es hat außerdem gerade angefangen zu regnen. Dicke einzelne Tropfen fallen vom sturm grauen Himmel, verwischen manches Wort. Ich sitze an den einen Leuchtturm gelehnt, der am nördlichsten Punkt Dänemarks steht, und kritzele vor mich hin. Es ist kalt und meine Finger werden taub, aber ich liebe es.
Manch einer würde meinen, es gäbe schönere Tage, um herzukommen. Tage, an denen der Himmel klar und blau ist und die Sonne blendet. Doch du wirst mir sicher zustimmen: wir sind nicht der Typ für solch ein langweiliges Wetter … wir sind die hohen, dunklen Wellen, und der wütende Himmel, der nasse, kalte Sand und der Wind, der einem den Atem nimmt. 
Ich war noch nie gut darin, meine Gefühle in Worte zu fassen, aber ich nehme an, es von Zeit zu Zeit zu versuchen, ohne sich zu verbiegen, ist nicht ungesund.
Also, hier ist mein Versuch:
Wenn ich an dich denke, sehe ich das Meer und den Strand vor mir, wie er jetzt ist.
Ich stelle mir komischerweise vor, mit dir zu streiten, hier an diesem Ort, wo wir uns gegenseitig anbrüllen können, ohne auf Nachbarn Rücksicht nehmen zu müssen – denn in gesunden Beziehungen spricht man das aus, was einen stört. Danach haben wir in meiner Vorstellung wilden Versöhnungssex, in den windgeschützten Dünen verborgen.
Die Sehnsucht nach dir verzehrt mein Innerstes; sie ist wie ein gefräßiges Feuer, das nur dein Wasser löschen kann.Nur beim Gedanken an dich bin ich schwach, sonst bin ich echt ein harter Hund.Ich fahre Motorrad, um mich frei zu fühlen, doch langsam dämmert mir, dass nur du mich befreien kannst. 
Bitte lass mich nicht noch länger warten; dies ist ein Leben, das nicht wirklich zählt; ich entbehre zu viel, ich entbehre dich, meine bessere Hälfte.
Und da es in keiner Partnerbörse je geklappt hat, versuche ich es nun auf diesem Wege:
Ich werde gleich das Stück Papierzusammenrollen und es in den Bauch der leeren, gesäuberten Flasche meines Lieblingsweines gleiten lassen. Dann verschließe ich das Gefäß mit dem Korken und stakse gegen den Wind gelehnt zum nahen Wasser. Ich werde der Flasche einen letzten stoppeligen Kuss aufdrücken und sie so weit wie möglich in die sturmgepeitschte See werfen.
Ich werde ihr eine gute Reise zu dir wünschen und mich dann voller Zuversicht abwenden und nach Hause fahren.

Hoffnungsvoll,

Rudi Mortensen
Mosevej 4
3700 Danmark


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Eine Kunst – von Saigel

Jetzt ist das Grab verschlossen. Ich fühle mich so unsäglich leer, bekomme den Moment und mich selbst nicht zu fassen. Meine Beine wiegen schwer, sie drohen unter dem Gewicht zu zerbrechen. Ich kann keinen Schritt gehen. Scheine hier festzusitzen, auf der Erde, in die ich mich regelrecht hineinbohre, weil sie meine Last nicht zu tragen gewillt ist.
Das soll es jetzt gewesen sein: Sie ist tot. Immer und immer wieder gehen sie mir durch den Kopf. Die Worte, die sie mir noch vor einigen Tagen zuflüsterte: „Schau genau hin, dann vergeht es irgendwann“.
Also sehe ich nicht weg. Weder dann, als ich an der Reihe bin, sie in ihrem Sarg zu betrachten, noch dann als ich eine Schaufel Erde in das tiefe Loch werfen muss, in dem sie nun ruhen soll.
Ruhen. In einem gepolsterten Sarg, in einem dunklen Fleckchen Friedhof. Dort soll sie also liegen, die Frau, die ihr Leben lang nicht liegen wollte. Sie, die das Leben lebte, einfach so an einem Wochenende nach Rom fuhr, um einen Kaffee in der Sonne zu trinken. Sie, die als einzige mit im Sandkasten auf dem Spielplatz saß und kräftig schaufelte, während die anderen Mütter kopfschüttelnd an ihren Sojalattemachiatos nippten. Sie, die nicht nur fragte, wie es in der Uni liefe, sondern die wissen wollte, wie diese und jene Vorlesung gewesen sei. Sie, die mich bei meiner Trauung zum Altar führte, weil mein Vater nicht mehr laufen konnte. Sie, die ihren Mann bis zuletzt pflegte, um dann auch selbst nach ein paar Jahren zu gehen. Meine Mutter, die nun in diesem fürchterlichen Sarg liegt und mich scheinbar noch immer über die Kunst des Lebens unterrichtet.
Fest verschließe ich den Anblick des Grabes in meinem Herzen und fange alle Gedanken ein, die wie wild gewordene Geister und letzte Worte um den Grabstein tosen und tanzen, ein wahres Fest veranstalten und mit ihren Ketten rasseln, die sie mir zu gerne um den Hals werfen würden. Ich sammele sie alle ein, verschließe sie in dem Sarg meiner Trauer, sehe noch einmal ganz genau hin und kann mich dann abwenden, die Beine leicht, die Zeit willkommen heißend, die mir noch bleibt, die in Freiheit gelebt werden will.

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Lieber Fremder


Ein Liebesbrief von Maryja

schon seltsam: Ich kenne deinen Namen nicht, aber deinen Geruch.
Ich weiß nicht, welche Worte dein Mund gerne formt, aber wie er sich auf meinem anfühlt.
Ich weiß, dass deine Lippen weich sind und dein Drei-Tage-Bart rau.
Ich weiß nicht, was du mit deinen Händen tagsüber arbeitest, weiß nur, dass sie groß sind und perfekt an meine Wange passen.
Ich weiß, dass ich gar nichts mehr weiß, wenn du mich küsst.

Es wird dunkel um mich
Ich fühl mich erdrückt, meine Welt wird verrückt
Erst dreh ich mich und dann du deinen Kopf von mir
Deine Lippen lösen sich, es entsteht eine Lücke
Lehn mich nach vorne, suche dich im Dunkeln
Schnell, bau wieder eine Brücke!
Lass mich nicht mit mir allein
Dann spür ich dich wieder
die anderen Menschen und der Lärm versinken
irgendwo im Boden
und du in mir und ich in dir.

Lieber Fremder,

ich habe mich verliebt in unsere Höhle und ein bisschen auch in dich.
Vor allem aber in den Moment.
Ich hab mich verliebt in das Gefühl von deinen Lippen auf meinen
In das Gefühl von Zusammenhalt, Zärtlichkeit und Zweisamkeit
Hab mich verliebt in – das Gegenteil von Einsamkeit.

Irgendwann ist sie gebrochen – unsere Brücke. Deine grünen Augen verschwunden in der Menge.
Jetzt bin ich verliebt in ein Hirngespinst, in das Was-wäre-wenn.
Aber vielleicht ist es nicht zu spät: Vielleicht können wir uns nochmal verlieben
– in einen anderen Moment
oder vielleicht auch ineinander?
Sollen wir es wagen, das Experiment?

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Es tut mir leid

Ein Liebesbreif von schnuppe88

Faye,

ich weiß, ein Brief kann nicht ersetzen, was uns eigentlich zusteht. Was dir zusteht. Was wir geplant und ich versprochen hatte.Auch weiß ich, dass ich für deinen Schmerz verantwortlich bin. Es tut mir leid. Auch diese Worte fallen zu kurz. Ich weiß.
Ich fühle genauso wie du. Auch ich fühle den Schmerz, die Grausamkeit des Zufalls. Ich fühle mich, als würde ich in ein schwarzes Loch gezogen, und mein Herz, mein Kopf, meine Seele würden mit schwarzem Pech aufgefüllt. In mir ist es schwarz. Ohne dich ist mein Leben schwarz. Vielleicht ist es dir ein Trost.Vielleicht mache ich es damit nur noch schlimmer.
Ich wünschte, ich könnte persönlich mit dir reden, aber dazu habe ich nicht die Kraft und du wünschst dir keinen Kontakt mehr.
Ich hasse die Situation, in der wir uns befinden. Und dass ich heute beim Standesamt war und unsere Trauung abgesagt habe.


Jeder Werwolf hat einen Gefährten. Und wenn ein Wolf seinen Gefährten findet, dann ist es sein bester Tag auf Erden, so sagt man. Alles fühlt sich richtig an, die Luft ist mit weichem Honigduft erfüllt und die Sonne lacht auf einen herunter.
Als ich meinen Gefährten fand, wünschte ich mir, kein Wolf mehr zu sein. Ich wünschte mir, den vertrauten Rudelverbund nie gekannt zu haben, nie den Wind in meinem Fell und den Wald unter meinen Pfoten gespürt zu haben. Als ich meinen Gefährten gefunden habe, habe ich nur an dich gedacht.
Ich liebe dich.
Und ich wünschte mir, du wärst es.

In Liebe,
dein Dean

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Tosteki

Ein Liebesbrief von Luziferito

Liebe Ella,

es war kein Zufall, dass wir uns im ‘Tosteki’ trafen, das Schicksal hat uns endlich zusammengeführt. Seit vielen Jahren teilen wir unser Faible für Kreta und die kretische Kultur. Waren unzählige Male dort und sind uns doch nie begegnet.

Seit dem gestrigen Abend bin ich wie verzaubert. Schon auf dem Heimweg machte sich in meinem Gesicht ein peinliches Dauergrinsen bemerkbar. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute in der U-Bahn meinem Blick irritiert auswichen. Ein Angetrunkener pöbelte mich sogar an und wollte wissen, warum ich ihn ständig so dämlich angrinsen würde. Als ich ihm freundlich einen guten Abend wünschte und weiter anlächelte, trollte er sich kopfschüttelnd.
Die letzten Meter zu Fuß schien ich dann zu schweben, und das lag sicher nicht am Wein und den beiden Gläsern Metaxa, die wir zuletzt noch zum Abschied getrunken haben.


Zuhause angekommen, legte ich passend zum Abend die Platte Zorba The Greek von Mikis Theodorakis auf und begann zu tanzen – mit Dir (leider nur in meiner Vorstellung). Ich drehte die Lautstärke fast bis zum Anschlag. Erst das Hämmern von Frau Wegmann an die Wohnungstür machte dem Spuk ein Ende. Okay, es war schon halb zwei – meine Nachbarin musste am nächsten Morgen früh raus, ich konnte ihren Ärger verstehen.

Ich ging zu Bett, konnte aber einfach nicht einschlafen. Die Bilder und sinnlichen Eindrücke von unserem wunderschönen Abend im ‘Tosteki’ liefen wie in einer Endlosschleife vor meinem inneren Auge ab. Ich sah das Feuer der Begeisterung in Deinen schönen, braunen Augen, als du von ‘Picilia’ erzähltest, Dein anmutig lauschendes Gesicht beim Zuhören, den schimmernden Glanz Deines rotbraunen Haars im Widerschein des Kerzenlichts, hörte den warmen Klang Deiner Stimme und Dein bezaubernd heiteres Lachen. Wie weich sich Deine Schulter anfühlte, wie mich unsere Berührungen beim Tanzen in eine Art Trance versetzten, wie sollte ich da einschlafen können? Ich stand wieder auf und machte mir einen Kamillentee zur Beruhigung. Dann rief ich meinen Freund Jens an, ich musste mit jemand reden. War wohl keine gute Idee, er war ‘not amused’ und kündigte mir beinahe die Freundschaft auf – naja, es war halb drei und Jens muss heute wieder früh zur Arbeit.

Nach ein paar Stunden Schlaf bin ich wieder aufgewacht und alles ist noch viel schlimmer. Mein Frühstück verlief völlig chaotisch. Dass ich das Frühstücksei viel zu lange kochte, war nicht weiter tragisch, aber der Biss in das halbe Brötchen mit Marmelade, das ich zuvor mit Leberwurst bestrichen hatte, schmeckte doch etwas eklig. Dass ich dabei vor Schreck auch noch die Tasse mit dem Kaffee umschmiss, verwunderte mich nicht weiter. Statt zu fluchen und zu schimpfen, habe ich lauthals losgelacht. Das ist das Bedenkliche an meiner Verfassung.

Bisher empfand ich all die poetischen Formulierungen, mit denen man den Zustand des Verliebtseins gerne beschreibt – auf Wolke Sieben schweben, Schmetterlinge im Bauch haben oder verrückt vor Liebe sein – eher als Übertreibungen. Nun muss ich meine Meinung wohl korrigieren. Unsere gestrige Begegnung lässt mich diesen Rausch gerade zum ersten Mal erleben. Ja, ich schwebe, die Schmetterlinge im Bauch flattern wie wild und ich bin sowas von verrückt. Ich fahre in einem Karussell, mein Denken und die Welt dreht sich nur noch um Dich, Ella. Ich musste 36 Jahre alt werden, um das endlich erleben zu dürfen.

Als ich Dich vom ‘Tosteki’ noch bis zur Haustür begleitete und Dich zum Abschied küsste, durchströmte mich ein zuvor nie gekanntes Glücksgefühl. Und ich glaubte in Deinen wunderschönen Augen zu lesen, dass es Dir ganz genauso erging. Ich hoffe sehr, es war so.

Entschuldige bitte, dass ich Dir meine Gefühle so offen schildere. Vielleicht wirkt dies abschreckend auf dich und Du ziehst Dich deshalb zurück. Ich gehe dieses Risiko ein, weil ich nicht anders kann. Es ist nicht schwer, Dir den Grund für meine Offenheit zu erklären. Du bist heute Morgen nach La Rochelle abgereist. Die Vorstellung, drei Wochen auf Deine Rückkehr warten zu müssen, ist mir unerträglich. Ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll. Ich habe mich unsterblich in Dich verliebt, und wenn mir meine Verliebtheit keinen bösen Streich in der Wahrnehmung spielt, bist Du das auch. Bitte komm bald zurück, brich den Urlaub bei Katrin vorzeitig ab. Ich will das, was gestern Abend begann, fortsetzen – lass uns unser gemeinsames Glück beim Schopf packen – ohne langen Aufschub. Ich sehne mich nach Dir und kann es kaum erwarten, Dich wirklich kennenzulernen. Ich bin mir sicher, Deine Freundin wird es verstehen, wenn Du nicht lange bleibst.
Wie gern würde ich mit Dir schon nächste Woche nach Kreta fliegen, vielleicht nach ‘Picilia’, in Dein Dorf. Ich hätte Zeit. Willst Du? Sag Ja! Komm zurück, ich sehne mich so nach Dir. Isch ‘abe mein ‘erz an Disch verloren, chère Ella!

Wie auch immer Du Dich entscheiden wirst, ich wünsche Dir eine schöne Zeit in La Rochelle – schönes Wetter, leckere Baguettes, Meeresrauschen und lass Dich von Deiner Freundin Katrin verwöhnen.

Dein vor lauter Liebe verrückter
Daniel

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Das Paradies (1/4)

Das Paradies – Teil 1

»Lange werde ich nicht mehr hier sein.«
Sebastian drehte sich um und sah seinen Partner spöttisch an. Bernd fing immer wieder davon an und merkte überhaupt nicht, wie sehr er allen damit auf die Nerven ging.
»Natürlich. Vermutlich gewinnst du gleich heute die Lotterie und machst dich auf den Weg ins Paradies.«
»Genau das werde ich«, sagte Bernd. »Und wenn es so weit ist, werde ich mich nicht verabschieden. Ich werde einfach gehen, das schwöre ich dir. Während ihr noch hier in diesem Loch schuftet, sehe ich die Sonne und lasse mich verwöhnen. Überhaupt: Wenn du das alles so skeptisch siehst – wieso spielst du denn in der Lotterie?«
»Müssen wir diese Diskussion immer wieder führen?«, fragte Sebastian vorwurfsvoll. »Ich bin zwar sicher, dass sie uns dadurch unseren mühsam verdienten Lohn nur aus der Tasche ziehen, aber vielleicht gewinne ich ja doch etwas Geld, damit ich mir wenigstens eine eigene Zelle für mich alleine leisten kann. Diesen Hauptgewinn will ich doch gar nicht. Gut, wenn es mich träfe, würde ich mich nicht dagegen wehren, aber in erster Linie will ich ein kleines bisschen Privatsphäre kaufen können.«
»Siehst du Seb, darin unterscheiden wir uns. Bei mir heißt es ›ganz oder gar nicht‹. Ich will hier weg. Wenn ich allein diesen Scheißjob betrachte: Kanalreinigung in der vierzigsten Sub-Ebene. Weißt du, wann ich zum letzten Mal das Tageslicht gesehen habe? Ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern. Und mach dir nichts vor: Ist man einmal hier unten gelandet, ist das auch das Ende der Karriere.«
Sebastian lachte humorlos auf. »Von welcher Karriere redest du denn? Von der Normschule direkt in die Sub-Ebenen? Das ist keine Karriere. Sieh es doch von der positiven Seite. Wir haben zumindest Arbeit. Okay, wir stehen zehn Stunden am Tag mit unseren Stiefeln im Brackwasser und sehen nur das, was uns unsere Helmlampen zeigen, aber wir haben ein Einkommen. Wir haben eine Teilzeitzelle und können uns die Standardrationen leisten.«
»Ich könnte kotzen, wenn ich dich so höre!«, ereiferte sich Bernd. »Ist es das, was du unter Leben verstehst? Die Erde ist im Arsch, mein Freund. Die einzige Chance, die wir haben, ist, von hier zu verschwinden. Ist das für dich etwa kein Engelsgesang, wenn dir einer erzählt, du dürftest auf diese neue Welt – Park? Stell dir vor: Saubere Luft, Sonne, echtes gewachsenes Gemüse und Obst. Es muss ein Paradies sein. Ich habe in meiner Zelle Fotos davon. Ich will da hin.«
»Fotos? Bist du sicher? Ich habe noch nicht gehört, dass Nachrichten von dort zurückgekommen sind. Ist zu weit weg. So ein Foto wäre jahrelang unterwegs und so lange läuft die Besiedelung von Park noch nicht. Das muss ein Fake sein.«
Bernd winkte ab. »Du wirst mir das nicht schlecht reden. Irgendwie müssen sie doch Feedback vom Ziel bekommen. Auf jeden Fall weiß ich genau, dass ich dort hin will.«
»Ich weiß nicht«, sagte Sebastian. »Hast du gehört, was sie mit denen machen, die nach Park dürfen? Sie stecken sie in diese neuartige Transmitterzelle. Wer garantiert dir, dass das nicht ein gewaltiger Schwindel ist und man die Leute einfach beseitigt? Die Erde hat 36 Milliarden Einwohner. Es heißt zwar, der in der Zelle zerstrahlte Körper käme am Ziel vollständig aus dem Empfänger, aber weiß man ‘s wirklich?«
Bernd war einen Moment lang nachdenklich, dann entspannte sich seine Miene. Er lächelte.
»Fast hättest du mir einen Bären aufgebunden, Seb. Mich bringst du nicht davon ab. Ich werde dir eine Gruß-Mail schicken, wenn ich auf Park in der Sonne liege.«
»Ja klar! Und wann soll die hier ankommen? Wenn ich alt und grau geworden bin?«
Bernd verzog das Gesicht und reckte ihm den ausgestreckten Mittelfinger entgegen.
Sebastian hatte keine Lust mehr, weiter auf diesem Thema herumzureiten. Seit Jahren schon gab es diese dumme Lotterie und der Hauptgewinn war stets eine Reise nach Park, dem Paradiesplaneten. Hier unten im Dunkel der Tiefebenen konnte man sich kaum vorstellen, dass es weiter oben noch wirkliche Wissenschaft und Fortschritt geben sollte. Aber man hatte es tatsächlich geschafft, ein Gerät zu entwickeln, das in der Lage war, materielle Körper über eine unvorstellbar weite Entfernung zu einem speziellen Empfänger zu senden, den das erste Fernraumschiff vor etlichen Jahren auf dem Planeten Park abgesetzt hatte. Es war die allererste Expedition gewesen – und gleich ein Volltreffer. Weitere hatte es leider nicht gegeben, da man sich die immensen Kosten solcher Raumschiffe nicht mehr leisten konnte. Seit es die Transmitterstrecke nach Park gab, waren schon Tausende von Menschen dorthin gereist. Der einzige bekannte Haken bei der Sache war die Tatsache, dass es eine Einbahnstraße war, doch wer käme freiwillig von einem paradiesischen Planeten auf die Hölle der Erde zurück? Sebastian konnte diese Gedanken nicht aus seinem Kopf verbannen. Dieses ständige Aufwärmen dieses Themas durch Bernd brannte es förmlich in seinen Schädel ein.
»Weißt du, was du nach der Arbeit machst?«, fragte Bernd, als sie gemeinsam unter der Dusche in ihrer Basis in der 39. Sub-Ebene standen.
Das Wasser roch, wie üblich, etwas muffig und war nur lauwarm. Um den Gestank des Abwasserkanals loszuwerden, brauchte es eine gehörige Menge an Duftseife, die es leider nur all zu selten in dem Laden in der 34. zu kaufen gab.
»Ich schlage mir gleich meine Ration in den Bauch und schaue ein wenig Vid. Zu mehr reicht es heute nicht. Ich bin total fertig.«
»Ich habe ein Sixpack Synthi-Bier«, sagte Bernd. »Sogar mit Alkohol. Kann ich dich damit locken? Dann wären wir wenigstens nicht allein.«
»Danke Bernd, aber heute nicht, ok? Ich denke, dass ich früh schlafen gehe – wenn dieser blöde Mitmieter weg ist.«
»Ist es immer noch dieser Kotzbrocken?«
Bernd nickte. »Genau der. Wenn ich nur etwas mehr Geld hätte, würde ich ihn auszahlen und vor die Tür setzen.«
Sie trockneten sich ab, zogen sich an und verabschieden sich. Bernd nutzte eine Teilzeitzelle in der 37. Sub-Ebene, während Sebastian in der 31. Sub-Ebene wohnte, außerdem in einer anderen Richtung.
Sebastian zwängte sich durch die engen Gänge der Ebene an unzähligen Bürgern vorbei zur nächsten Rohrbahn. Sie war um diese Zeit brechend voll und nach wenigen Minuten fühlte er sich bereits genauso verschwitzt wie vor dem Duschen. Die Luft im Waggon roch verbraucht und stickig, aber die Ventilation sprang trotzdem nicht an. Nach kurzer Fahrt verließ er die Bahn und kletterte in einen der Aufzüge für Normalbürger, in denen es nicht viel anders aussah als in der Bahn. Im 31. verließ er die Liftkabine und quetschte sich in die überfüllten Gänge seiner Wohnebene. Die Beleuchtung war wieder einmal defekt und alles nur schwach und diffus ausgeleuchtet.
Er war froh, als er endlich die Ziffern 31-2356-654X entdeckte, die seinen Wohnblock kennzeichneten. Hier bewohnte er eine Teilzeitzelle. Richtige Wohnungen gab es schon lange nicht mehr – jedenfalls nicht für Normalbürger der Sub-Ebenen. Eine Zelle bestand aus einem Schlafbereich mit einem großen Bett, einem Aufenthaltsbereich mit Vid, ausfahrbahrem Tisch, Kom-Konsole und einem Sessel. Dann gab es noch ein winziges WC und die kombinierte Kühlmikrowelle. Mehr gab es nicht und auch das musste er sich mit einem Mitbewohner teilen, der die Zelle nutzte, solange er selbst auf der Arbeit war.
Sebastian blickte auf seine Armbanduhr – das Geschenk einer Freundin, von der er sich vor Monaten getrennt hatte. Erleichtert stellte er fest, dass sein Teilzeitkollege Karl längst weg sein musste. Automatisch gab er den Berechtigungscode ins Zutrittsterminal ein, worauf sich der Eingang quietschend öffnete. Das Erste, was er registrierte, war die Tatsache, dass das Licht im Innern bereits brannte. Er trat ein und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Die Luft war warm und stickig, obwohl die Ventilation leise rauschte, also war die Luftaufbereitung wieder einmal defekt. Der Tisch im Aufenthaltsraum war herausgefahren und es standen zwei leer gegessene Rationsschalen darauf. Erst jetzt vernahm er das verhaltene Stöhnen aus dem Schlafraum. Überall lagen Kleidungsstücke verstreut, wovon einige unzweifelhaft einer Frau gehörten. Ein Blick ins Bett zeigte ihm, dass Karl ganz und gar nicht verschwunden war, sondern sich äußerst konzentriert mit einer Frau beschäftigte, die nackt in seinem Bett lag. Beide schreckten hoch, als sie ihn entdeckten.
»Verdammt, Seb!«, fuhr Karl ihn an. »Du siehst doch wohl, dass ich beschäftigt bin, oder? Findest du es etwa toll, uns zu stören?«
Sebastian spürte, wie der Ärger in ihm hochstieg, wie eine Welle.
»Karl, du bist ein Teilzeitmieter – genau wie ich! Du hast jetzt hier nichts verloren. Die Zelle gehört für die nächsten Stunden mir und es ist mir scheißegal, ob du zum Schuss gekommen bist, oder nicht. Nehmt eure Klamotten und verpisst euch. Das ist schon das dritte Mal, dass ich dich während meiner Nutzungszeit antreffe.«
»Hab dich nicht so, du Spielverderber. Was soll Milena von dir denken?«
»Deine Milena ist mir absolut gleichgültig! Ich will, dass ihr verschwindet, und zwar sofort. Ich gebe euch drei Minuten, bevor ich die Ordnungskräfte rufe.«
»Ist ja schon gut«, knurrte Karl und wälzte sich von der Frau herunter.
Sie richtete sich auf und bedeckte ihre Blöße. Sebastian konnte sehen, dass ihr die ganze Situation unsagbar peinlich war, doch er blieb hart. Karl nahm sich immer wieder das Recht heraus, seine Nutzungszeit zu überziehen, doch er brauchte seine Ruhe. Er zog sich in den Küchenbereich zurück und warf die Reste von Karls Ration in den Müllschacht. Hinter ihm huschte die Frau vorbei und hastete aus der Wohnung. Karl hatte sich eine speckige, alte Hose übergezogen und stand mit bloßem Oberkörper in der Tür.
»Darüber reden wir noch!«, blaffte er.
»Ich denke nicht. Du weißt genau, dass ich im Recht bin. Ich habe mein Geld nicht gestohlen und meinen Schlaf brauche ich auch.«
Mit einer bestimmenden Handbewegung deutete er auf die Tür.
»Und jetzt verschwinde!«
Mit einem wütenden Knurren griff Karl nach einer schmutzigen Jacke und zog sie über seinen nackten Oberkörper, trat ohne ein weiteres Wort auf den Gang hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Sebastian atmete erst einmal tief durch, als er die kleine Zelle endlich für sich allein hatte. Mürrisch blickte er sich um. Karl hatte überall seine Sachen ausgebreitet. Nie räumte er etwas weg oder machte sauber. Ein Blick auf das Bett ließ ihn angewidert das Gesicht verziehen. Mit einem Ruck riss er das Einmal-Bettzeug herunter und warf es in den Müll. Überall begegnete ihm Dreck und Unrat.
Als ein leiser Glockenton erklang, hob er überrascht den Kopf. Er hatte noch nichts in der Mikrowelle erwärmt, also musste es das Kom-Element sein. Ein Blick auf das blinde, zerkratzte Display sagte ihm, dass er Post erhalten hatte. Er bekam nie Post, außer, wenn es sich um Zahlungsaufforderungen handelte. Müde ließ sich Sebastian auf den Sessel vor dem Tisch fallen und schob die Tischplatte etwas in die Wand zurück, um besser an das Kom-Element heranzukommen. Er drückte auf die Annahmetaste und sah auf den Bildschirm. Er musste sich anstrengen, um auf dem farbstichigen Display etwas erkennen zu können.
Es war eine Mitteilung der Lotteriegesellschaft. Kurz dachte er nach, ob vielleicht sein Konto beim Kauf des letzten Loses keine Deckung aufgewiesen hatte, doch war er sicher, dass das nicht der Fall sein konnte.

»Sehr geehrter Herr Passlicki«, stand dort geschrieben. »Zu unserer großen Freude dürfen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Los bei der aktuellen Ziehung der Lotterie gezogen worden ist. Um Ihren Preis in Empfang nehmen zu können, legitimieren Sie sich bitte durch ihr Chipimplantat. Im Anschluss ergeht ein Druckauftrag an ihre Kom-Einheit. Bitte lesen Sie sich die Anweisungen und Hinweise auf dem Ausdruck genau durch.
Wir gratulieren Ihnen zu Ihrem Gewinn.«

Minutenlang starrte Sebastian auf diesen Text. Er hatte noch nie etwas gewonnen. Sollte die Mitteilung tatsächlich echt sein? Würde sich sogar sein Traum erfüllen und er könnte Karls Anteil an dieser Zelle aufkaufen? Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Ein leiser Glockenton erinnerte ihn daran, dass das Terminal auf eine Eingabe von ihm wartete. Nervös hielt er seinen Unterarm mit dem Chipimplantat an das Erfassungsgerät. Ein Quittungston zeigte an, dass er gescannt worden war. Einen Moment später begann der Drucker seiner Kom-Einheit zu summen. Sebastian betete, dass noch genügend Folien im Gerät steckten und der Prägekopf nicht wieder klemmte. Er hatte Glück.
Einen Augenblick später fielen die Ausdrucke aus dem Auswurfschacht und er nahm sie in die Hand. Hastig überflog er die Seiten und suchte nach dem Betrag, der ihm zustehen würde, doch nirgends konnte er ihn finden. Er begann von neuem, den Text zu lesen:

»Gewinnbenachrichtigung.
Sebastian Passlicki, im Folgenden Gewinner genannt, wurde bei der aktuellen Ziehung der Lotterie – Auslosungsnr. 356/22134-65000 – als Hauptgewinner ermittelt.
Gegen Vorlage dieser Gewinnbenachrichtigung wird dem Gewinner das Recht eingeräumt, mit maximal fünfzehn Kilo Gepäck die Reise zum Planeten Park anzutreten. Dieses Recht ist nicht übertragbar und muss innerhalb einer Frist von sieben Tagen beansprucht werden. Nicht eingelöste Lose verfallen nach Ablauf der Frist. Eine alternative Abgeltung in Form von Geld kann nicht erfolgen.«

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Die Fortsetzung dieser Geschichte könnt Ihr am 05. Januar hier lesen.

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Der erste Kuss

Ein Liebesbrief von Marek Schaedel

Mein liebster Clarke,

längst wirst Du über meine Gefühle gegenüber Dir unterrichtet worden sein und auch aus diesem Anlass schreibe ich Dir. 
Die schönen Worte, die Du sagtest, bin ich bereit von Herzen zu erwidern, aber doch muss ich Dich hier verblüffen.
Denn es ist nicht die Emilia, die aus mir spricht, wohl aber die Cassandra.
Ich liebe Dich, Clarke und für immer spüre ich diesen Kuss, den Du mir schenktest, als wir am Brunnen saßen, letzten Sonntag nach der Vesper. Du hieltest ihre Hand und sahst in ihre Augen.
Liebster Clarke! So sind denn ihre Augen doch auch meine!
Du erschrakst, als ich – Cassandra – Dich erblickte, doch schon war ich von Deinem verliebten Antlitz überwältigt, das in mir die Emilia sah.
Ich glaube Dir, Clarke.
Wenn Du – so wie meine Zofe mit scheuem Blick und kurzem Wort – mir sagst, dass diese eine Frau mit dem einen Herzen, dem Haar aus Ebenholz und den zwei silberblauen Augen zwei Frauen in sich hat. Emilia und mich, Cassandra.
Emilia bin ich nie begegnet, aber ich glaube Dir, dass sie da ist, in mir.
Sag mir! Warum kannst Du nicht auch mich lieben? Dieselbe Frau, dasselbe Herz, dieselben Augen?
Küsstest Du nicht auch meine Lippen, als Du Emilia mit festem Griff umschlossest?
Was für ein wonnevoller, endloser Augenblick der Schönheit.
Aber dann erkanntest Du mich. Cassandra. Die erwachte beim ersten zarten Kuss von Dir. 
Natürlich! Natürlich, liebster Clarke!
Doch dann Dein Schreck, Dein Blick, Dein überstürzter Aufbruch! 
Kannst Du mich denn nicht lieben, so wie sie?
So stehe ich nun wieder hier am Brunnen und schreibe diese Zeilen auf.
Da unten vor mir wird sich bald das Schicksal zweier Frauen zu letztlich einem wenden.

Auf ewig Dein!
Cassandra

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Die Wölfe von Asgard – Die Nordmaid

Der Kamm scherte mit brüsken Bewegungen über ihren Kopf als wolle er ihr sämtliche Haare herausreißen. 
»Ich habe in meinen langen Jahren als Kammerdienerin noch nie so eine Wolle bearbeiten dürfen«, zeterte Yilma, während sie mit ihren eisenharten Fingern die grazile Schnitzerei aus Buchenholz in ein monströses Todeswerkzeug verwandelte.
»Aua, das tut weh!«, zischte Deila zurück und versuchte sich vergeblich aus dem festen Griff der Dienerin zu lösen. 
Yilma ließ nicht mit sich diskutieren. »Ihr benehmt euch wie ein Kleinkind. Stur wie ein Esel und bockig wie eine Ziege. Aber ich habe dem Jarl versprochen, heute eine ansehnliche Dame aus Euch zu machen und möge Freya es bezeugen, ich habe ihm noch nie den Dienst versagt. Auch wenn Ihr mir diese Aufgabe, wie immer, zu einer Herausforderung macht. Jetzt kommt, das Bad wartet. Hopp Hopp!« 
Stöhnend schälte Deila sich aus dem gepolsterten Stuhl und folgte der Kammerdame im respektablen Abstand. Wenn Yilma erst einmal erzürnte, konnte sie sich in einen tosenden Seedrachen verwandeln. 

Der große Zuber war mit dampfendem Wasser gefüllt worden und der verspielte Duft von Lavendel und Kiefernnadeln lag in der Luft. 
»Ausziehen, Kind! Und dann hereinspaziert«, befahl Yilma und bugsierte ihren massigen Körper mit einladender Geste hinter die hölzerne Wanne. 
Bei diesen Worten zuckte die junge Frau unwillkürlich zusammen.
»Aber, aber. Da gibt es doch nichts, wofür Ihr euch schämen müsstet.« Der Ton der Kammerdienerin nahm für den Bruchteil eines Moments so etwas wie Mitgefühl an.
Deila begann widerwillig damit, ihr graues, schmuckloses Wollkleid über den Kopf zu ziehen. Sie hasste ihren Körper. Die kleinen Brüste würden kaum ein Kind ernähren können, dafür waren ihre Arme viel zu kräftig und ihre Schultern breit wie die eines Bauern. Das Gesicht eines jungen Knaben besaß sie, nur die strahlenden blauen Augen, in welchen die tosende Kraft des Meeres schäumte, so sagte ihr Vater stets, hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Deila kam sich jedoch ausschließlich abstoßend vor, ein Mann und doch eine Frau, vereint in einem unausgeglichenen Verhältnis. Da vermochte auch ein derartiges Kompliment nicht viel dran zu ändern. Vermutlich hatte sie bisher nur deswegen keine Schmach über sich ergehen lassen müssen, weil sie, mit nunmehr 23 Jahren, die jüngste Tochter des Jarl war. 
Als sie sich auch ihrer Unterwäsche entledigt hatte, stieg sie, so schnell es ihr nur möglich erschien, in den dampfenden Zuber. Das Wasser ließ zumindest den Großteil ihres Körpers verschwinden und sie besaß eine Ausrede für die Schamesröte, die ihr womöglich gerade ins Gesicht stieg. 

Plötzlich öffnete sich die Tür und Ylvie schritt in das von Dampfschwaden durchzogene Zimmer, ein roter Wasserfall aus Seidentuch wehte spielerisch hinter ihr her.
Sie sieht wirklich umwerfend aus.
»Hallo, Schwesterherz. Sei mir gegrüßt, Yilma«, begrüßte sie die beiden lächelnd. »Schon bereit für deinen großen Auftritt heute Abend? Vater redet nur noch davon. Der Jarl aus Ustenström wird bald hier eintreffen und mit sich bringt er einen wahren Leckerbissen. Soweit ich weiß, soll Hjalmaer von prächtiger Statur sein, ein Mann wie ihn sich jede Frau nur wünschten könnte. Manieren hat er und ein Schwert zu führen, vermag er auch. Ob auf dem Schlachtfeld oder im Ehebett. Das kann einem nur Recht sein.« Sie vollführte eine spielerische Drehung und grinste kokett. 
»Doch warum sollte er nur einen müden Blick auf mich werfen, wenn doch meine Schwester neben mir sitzt?« Manchmal fühlte sich Deila so unendlich müde. Es war doch immer dasselbe und am Ende ging sie leer aus. 
Nicht, dass sie sich für einen der Männer, interessiert hätte, aber das Gefühl nicht gewollt zu werden und diese Demütigung auch noch bis an ihr Lebensende ertragen zu müssen, war ein Schicksal, das die Götter verflucht haben mussten. 
»Lasst uns für einen Moment alleine, Yilma«, ordnete Ylvie an.
Mit einer unbeholfenen Verbeugung entfernte sich die Kammerdame, bis die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.
»Darf ich heute deine Haare waschen? Sie müssen glänzen, musst du wissen. Wir wollen Vater doch nicht im Stich lassen.« Ohne weiter zu fragen, begann Ylvie damit, ihre Schwester zu schrubben.
Ihre Bewegungen erschienen Deila weit weniger rustikal als die ihrer Kammerdame und so hieß sie sie willkommen, auch wenn sie längst durchschaut hatte, was die Absichten ihrer großen Schwester darstellten. »Vater schickt dich, nicht wahr? Du sollst mir Mut zureden. Wie immer.«
»Scharfsinnig wie eh und je, meine kleine Deila«, schmunzelte Ylvie, während sie die Seife aus den Haaren wusch. »Aber auch liegt es mir am Herzen dich glücklich zu wissen. Schließlich sind wir Schwestern und achten aufeinander.«
»Hättest du mich jemals wirklich geachtet, hättest du mir vermutlich geraten zu verschwinden, bevor Vater es wieder mit einer Heirat versucht«, grummelte die junge Dame verdrießlich. »Schließlich bist du es, die mit dem großen Helden Aegir Jötunson, dem Riesen von Skiringssal verheiratet wurde. Jeder Mann, der mein Antlitz erblickt, hat entweder Mitleid oder lacht mich aus.«
Ylvie spülte ein letztes Mal das mausbraune Haar aus, bevor sie ein Tuch heranholte, mit dem sie Deila abtrocknen konnte. »Großer Held? Das ich nicht lache. Ein Feigling ist er geworden, träge und trübselig. Ich musste ihm sogar mit der Auflösung unseres Bundes drohen, ehe er einwilligte mit zur See zu fahren.« Sie begann damit, das nasse Haar ihrer Schwester zu trocknen. »Er will kaum noch mit mir reden und das Bett teilen wir auch nur noch selten. Er ist in tiefe Gedanken verstrickt und seine Aussage, ein Gott soll ihn berührt haben, macht mir Sorge.« Für einen Augenblick nahm ihr wunderschönes Gesicht etwas finsteres an.
»Da hat dein Auftritt auf dem letzten Bankett sicherlich zur Linderung beigetragen«, erwiderte Deila bissig. »Ich habe Vater selten so wütend erlebt.«
Ylvie winkte ab. »Soll er doch heulen wie ein Seehund. Eine Dame muss kämpfen, wenn sie in dieser Gesellschaft etwas haben will!«
Die junge Frau nickte matt. »Kämpfen, ja«, murmelte sie nur in sich hinein. Dass Deila seit Jahren mit dem Speer übte, hatte sie ihrer Schwester und jedem anderen Skiringssaler bisher verschwiegen. Eines Tages wollte sie als erste Frau der Nord zur See fahren. Wäre da nicht die anstehende Hochzeit. Vermutlich will er mich eh nicht.
Seltsamerweise gab ihr dieser Gedanke etwas Trost.
»Dann mal raus aus der Wanne«, zwitscherte Ylvie und zog sie beinahe an den Armen empor. »Ein passendes Kleid sollten wir dir suchen«, sie blickte Deila abschätzend an. »Vielleicht etwas, was den Körper nicht so sehr betont? Vater hat Seide aus Konstantinopel mitgebracht, ein paar der Kleider sollten selbst dir passen.«
»Du findest stets die passenden Worte, um mich aufzubauen, Schwesterherz«, knirschte Deila, schluckte ihren aufwallenden Zorn jedoch herunter. Ylvie konnte sie, von Freya mit besonderer Schönheit gesegnet, einfach nicht verstehen. Niemand konnte das. Sie konnte es ja schließlich selbst nicht. Seufzend ließ sie sich an den Ankleidestuhl führen und ihre Schwester überhäufte sie mit Seide und Schmuck, aber vor allem mit Elend.
»Das sieht furchtbar aus! Können wir nicht etwas aus Wolle nehmen?«, klagte Deila gequält.
»Kommt nicht in Frage! Wolle ist kratzig und grob…«
»Ich auch!«, wurde sie von ihrer Schwester unterbrochen. »Und du weißt das! Warum nur könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen?« Fast kam ihr eine Träne.
Ylvie hielt für einen kurzen Moment inne. Dann kniete sie sich vor ihre Schwester und für einen Moment waren ihre Augen auf gleicher Höhe. »Es kommt der Tag, an dem eine Frau akzeptieren muss, dass sie nun eine Frau ist. Vater hat Erwartungen an dich und die solltest du ihm nicht abschlagen. Er hat so viel für dich getan.«
»Du hast diesen Erwartungen immer getrotzt und doch bist du hier«, antwortete Deila verdrießlich. Sie war diese falschen Worte leid. Dieses falsche Mitleid. Sie wollte nur fort, egal wohin. Sich verstecken und nie wieder gesehen werden. Doch das würde ihr Vater wohl kaum erlauben. Sie verdrängte die Tränen, ergab sie sich ihrem Schicksal und entschied sich schweren Herzens für ein luftiges blaues Kleid mit grüner Spitze und lang ausgeschnittenen Ärmeln. Darin sah sie zumindest nicht aus wie ein Ochse, der in Seidenstoff gepresst wurde. 
Ylvie befestigte ihr einen mit Perlen verzierten Kamm im Haar, und legte ihr ein silbernes Amulett der Freya um, als Gabe der Fruchtbarkeit und der Fortpflanzung. 
Deila schauderte, als das kalte Metall ihre Haut berührte. Es fühlte sich falsch an. nach etwas fremden, das nicht zu ihr gehörte.
»Bist du bereit? Der Jarl und sein Sohn werden bald hier sein«, fragte Ylvie ihre Schwester.
»Ja«, log Deila, dann folgte sie Ylvie in die große Halle. 
Ich hoffe das ist schnell vorbei.

»Da ist er ja, mein kleiner Stern!«, Islav umarmte Ylvie innig, bevor er sich an Deila wandte. »Fühlst du dich bereit, deinen zukünftigen Bräutigam kennenzulernen?«, fragte er sie mit eindringlichem Blick.
»Ja, Vater«, sie schlug die Augen nieder und glaubte sich ihre eigene Lüge nicht. 
»Das ist meine Tochter!«, lobte der Jarl und klopfte ihr auf die Schulter. In der Berührung steckte keine Liebe. 
Wann kämpfe ich endlich? Sie bohrte ihre Fingernägel in die Hand bis es wehtat.

Die große Halle erschien ihr heute überraschend leer. Der nackte Stein der Wände strahlte keine Behaglichkeit aus und die Wärme des Kamins drang nicht zu Deilas Herzen vor. Sie starrte in die Flammen und verlor sich für einen Moment in ihrem knisternden Spiel. 
Ylvie riss sie aus ihren Tagträumen. »Hjalmaer wird gleich hier sein. Ich kann es kaum erwarten«, schwärmte sie aufmunternd, doch als sie in Deilas Gesicht sah, stoppte sie jäh. »Gut, ich habe es wirklich versucht. Ich kann Vaters Wort nicht ungeschehen machen, das weißt du…?«
Bevor Deila etwas erwidern konnte, trat auf einmal eine Gestalt aus dem Schatten einer Säule. »Welch verzückender Anblick«, schnurrte Byarne, während sein Blick Ylvie förmlich die Kleider vom Leib riss.
»Tausende Lieder würde ich für Euch schreiben, um doch nur das eine zu sagen. Eine Lied auf Eure gottgleiche Schönheit, wenn Ihr gestattet?« Er zupfte an der Leier.
Und jetzt auch noch der. Irgendwer sollte ihn erdrosseln.
»Lieber nicht, spart Euch das für unsere Gäste auf«, winkte Ylvie ab.
Deila war ihr unendlich dankbar dafür. Sie zog ihrer Schwester unauffällig am Kleid und dirigierte sie zu dem Podest, wo sie heute ausnahmsweise neben ihrem Vater residieren würden. 
Ohne ein weiteres Wort ließen sie den Skalden stehen und suchten sich ihre Plätze. 

Es dauerte nicht mehr lange, bis von draußen eindringliche Stimmen ertönten, gepaart mit Dutzenden Stiefeln, die durch den Matsch pflügten. Die Pforte der großen Halle wurde aufgerissen und Jarl Magnar von Ustenström trat in die Halle, dicht gefolgt von etlichen Männern. 
Deilas Blick richtete sich jedoch nur auf einen. 
Hjalmaer war ein ansehnlicher Bursche, groß, selbst für einen Mann der Nord. Sein aristokratisches Gesicht, mit den hohen Wangenknochen, besaß eine gewisse Härte, jedoch strahlten seine grauen Augen in einem unberechenbaren Glanz. Sein langes dunkles Haar hing in einem imposant geflochtenen Zopf über seine Schultern und ein flauschiger schwarzer Pelz hüllte ihn gänzlich ein. Zweifelsohne war dies ein Mann, der sich jede Frau aussuchen konnte, die er haben wollte. 
Deila konnte sich nicht entscheiden, ob sie das gut finden sollte. Zwar erschien ihr die Aussicht, heute doch nicht verheiratet zu werden, irgendwie als ein tröstender Gedanke, jedoch folgte dem stets die Schmach und die bittere Einsamkeit. Irgendetwas schnitt Deila plötzlich die Luft ab, sie merkte, wie sie keuchen musste, doch zwang sich zur Ruhe. 
»Seid mir gegrüßt, Islav Sturmtöter, Jarl von Skiringssal. Ich bringe Geschenke mit und meinen Sohn, um ihn mit Eurer bezaubernden Tochter zu vermählen.« Der groß gewachsene Mann, der seinem Sohn unwahrscheinliche Ähnlichkeit entgegenbrachte, verneigte sich wie es die Etikette verlangte. 
»Seid mir gegrüßt, Magnar von Ustenström. Ich biete euch Fleisch und Met aus meinen Hallen und meine bezaubernde Tochter, um sie mit Eurem Sohn zu vermählen«, erwiderte Islav die Geste und forderte seine Gäste auf, sich zu setzen. 
Magnar jedoch schritt kurz auf das Podest zu und verbeugte sich auch vor Ylvie. »Ihr seid bezaubernd. Sicher werdet Ihr meinem Sohn eine gute Frau sein.« Er lächelte freundlich.
Deila wollte sich einfach nur noch übergeben. Wein wäre jetzt genau das Richtige dafür, aber erst musste sie das Ganze hier über sich ergehen lassen. Alles beim Alten. Ein Gefühl der Ohnmacht schlich sich durch ihr Empfinden und machte sie taub gegenüber allen Empfindungen. Ihr aufgesetztes Lächeln gefror, bis es starb. 
»Ihr macht mich ganz verlegen, doch ich befürchte meine Hand ist bereits vergeben. Die Ehre euren Sohn zu begatten, gebührt meiner Schwester.« Sie deutete auf Deila. 
Plötzlich erfüllte eine bedrückende Stille den Raum. Das muntere Stimmengewirr erstarb für einen Moment. Alle Augen richteten sich auf sie.
Die junge Frau musste schlucken. Jetzt war es soweit. Der Augenblick der hässlichen Wahrheit, die keiner wirklich erfahren wollte.
Der Blick von Magnar richtete sich auf sie und für einen Moment flackerte etwas undefinierbares in seinen Augen, bevor er sich wieder fing und der Höflichkeit halber auch vor ihr niederkniete. »So sei es!«, verkündete er laut, bevor er Islav steif zunickte und Platz nahm. 
Deila folgte ihm mit einem müden Blick. Er empfindet mich als abstoßend, schlimmstenfalls als eine Beleidigung, die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz.
Dann schaute sie zu Hjalmaer und stellte fest, dass dieser sie schon mit einem undefinierbaren Blick anstarren musste, seit er in der Halle aufgetaucht war. Sein Vater schritt an ihn heran, flüsterte ihm etwas ins Ohr und doch er blickte unbewegt zu ihr empor.
Deila wandte sich ab. Sicher konnte er kaum fassen, was er da sehen musste. Ich an seiner statt wäre vermutlich ebenso enttäuscht gewesen. Sie biss sich auf die Lippen. 

Dann läutete Islav das Bankett ein. Er bot seinen Gästen Met aus erlesenstem Honig und saftiges Wild, mit Pilzen und Preiselbeeren. Er hatte scheinbar keine Kosten gescheut, um das Bekenntnis zur Vermählung gebührend zu feiern. 
Warum auch nicht? Die Geschenke lenken von der Braut ab. 
Deila stocherte nur in ihrem Essen herum. Ein Speer in der Hand wäre jetzt genau das richtige. Die Kraft der Eiche zu spüren, wie sie durch Panzer, Fleisch und Knochen trat. Den Ruhm zu kosten, von dem ein jeder Mann im Dorf des Nachts auch nur zu träumen wagte. Eine unbeugsame Wut schoss urplötzlich durch ihre Adern und sie merkte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte. Wut über ihren Vater, ihre Schwester, ihren neuen Gatten und vor allem war sie wütend auf sich selbst. Deila schluckte mühsam einen Fluch herunter, er schmeckte bitter im Abgang. Dann geriet eine hitzige Diskussion in ihr Augenmerk, die sich unweit von ihr abspielte. 
Einige der neuen Gäste redeten angeregt auf Hjalmaer ein.
Angestrengt spitzte sie die Ohren, um unter all den Stimmen etwas auszumachen.
»Die ist doch eher ein Pferd, als eine Dame. Nur reiten wollen würde ich sie nicht.«
Deila musste schlucken. Es schien also alles beim Alten zu sein. Es würde dasselbe passieren wie es seit jeher üblich war. 
»Ich finde, sie hat eher etwas von einem Wildschwein. Nur die Haare fehlen ihr noch, aber bei der würde ich auch nicht danach suchen wollen.«
Andere Männer kicherten.
Nur Hjalmaer nicht. Er schaute sie einfach nur an. Dann deutete er seinen Männern an zu schweigen.
Deila merkte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie verbot sie sich. Das würde sie ihnen nicht gönnen, nicht schon wieder.
Auf einmal legte sich eine Hand auf ihre Schulter, wie ein Schatten, der übles prophezeite. 
»Wollen wir an deinen neuen Gatten herantreten und ihn kennenlernen?«, die Stimme ihres Vaters schloss aus, dass sie etwas dazu zu sagen hatte. 
Wortlos erhob sie sich. Sie schritten einmal um das Podest herum und steuerten dann auf die Fremden zu.
Spöttische Gesichter beäugten sie kritisch und Deila merkte, wie sie unter diesen Blicken schrumpfte. 
Eingesperrt, für den Rest meines Lebens, mit einem Mann, der mich nicht liebt. Mit einem Volk, das mich verabscheut.
Sie konnte die Gedanken nicht mehr aufhalten. Tränen schossen ihr unkontrolliert in die Augen und für einen Moment wünschte Deila sich, einfach im Boden versinken zu können. 
»Komm jetzt! Streng dich etwas mehr an!«, zischte Islav und sie konnte den Groll in seiner Stimme hören. 
Das war der Moment, in dem sich alles in ihr überschlug.
»Nein!«, schrie sie so laut sie konnte, riss sich aus dem Griff ihres überraschten Vaters, stürzte auf die Pforte zu und warf sie krachend hinter sich ins Schloss.

Deila rannte wie sie noch nie in ihrem Leben gerannt war. Salzige Tränen benetzten ihre Wangen wie ein silberner Trauerschleier. Sie wollte fort! Nur fort!
Erst als ihre Lungen wie Feuer brannten, hielt sie endlich inne. Schwer atmend ließ Deila sich auf einen Fels fallen, sie hatte gar nicht darauf geachtet, wo sie überhaupt hingerannt war. 
Fichten umringten sie wie Fremde. Stumme Zeugen ihrer Verzweiflung. Mittlerweile legte sich die Dunkelheit mit einem alles verhüllenden Tuch um die Welt und entzog ihr sämtliche Farbe.
Deila schaute schluchzend auf ihre Handflächen. »Du Missgeburt!«, fluchte sie. »Du hässliche Missgeburt!« Sie schrie fast. 
Irgendwo über ihr stießen ein paar Vögel klagend in den Abendhimmel. 

Sie schob das Kleid empor, fingerte den Dolch aus seiner Scheide an ihrem Oberschenkel und schnitt das unliebsame Gewand in Fetzen, bis fast nichts mehr davon übrig war. Trotz ihrer Wut drang sofort die Kälte in sie hinein, tastete sich mit eisigen Fingern nach ihrem Herzen. 
Das junge Mädchen griff sich einen länglichen Ast. Fast so gut wie ein Speer. Da wollte etwas aus ihr hinaus, dass sich jahrelang angestaut hatte, sie seit jeher wie ein Geist heimsuchte. Die Wut. 
Mit einem Aufschrei hatte sie ihren ersten Feind durchbohrt, mit präzisen Bewegungen steuerte sie auf den nächsten zu. Brüllend stieß sie ihm den langen Ast zwischen die Rippen. Der dritte ließ nicht lange auf sich warten. Deila wirbelte um die eigene Achse und pfählte den nächsten im Sprung. Niemand entkam ihrer blutigen Rache.
Irgendwann sank sie entkräftet zu Boden und die Kälte kehrte zu ihr zurück, riss sie zurück in die Wirklichkeit. Schweiß dampfte von ihrem Körper, doch nun kühlte sie schnell ab. Von dem Kleid war nur ein Fetzen übrig geblieben, sie offenbarte Beine, Schultern, Brust und Bauch, doch es kümmerte sie nicht. Bei der Kälte würde sie den nächsten Tag hoffentlich nicht mehr erleben. Deila sackte in sich zusammen und wischte sich die Tränen fort. Dann hörte sie die Schritte. 

Hjalmaer kam geradewegs auf sie zugelaufen. Er schob sich durch das dichte Geäst, dann war er bei ihr. Seine Augen musterten sie, wie sie da stand, fast nackt und schweißgebadet. 
Instinktiv hielt sich Deila die Hände vor den Körper. Beschämt schaute sie zu Boden. Die Kriegerin in ihr verschwand und ließ sie zurück. »Verzeiht…«, begann sie zu stottern, doch Hjalmaer regte sich nicht, stand nur da und schaute sie an.
Ihr stieg erneut die Röte ins Gesicht. Instinktiv ging ein Beben durch Deilas Körper, wo es herrührte, konnte sie nicht ausmachen. Die Kälte, versuchte sie sich zu erklären. Die Kälte.
Er machte einen Schritt auf sie zu.
»Bleibt fort!«, Deila machte zwei Schritte rückwärts und sah ihn flehend an. »Bitte!«
Hjalmaer sagte nichts, doch blickte ihr direkt in die Augen. Dann legte er seinen Mantel ab und warf ihn zu ihr herüber. 
Für einen Augenblick schaute Deila ihn nur verdutzt an. 
»Mit einer Kriegerin von deiner Größe möchte ich gerne teilen«, sprach er, seine Stimme war sanft und strahlte eine unendliche Ruhe aus. »Ich habe noch nie gesehen, dass ein Mann auf diese Weise derart geübt einen Speer führen könnte.«
»Was?«, keuchte sie. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Wollte er sie zum Narren halten? Zitternd stand sie da und beäugte den Mantel. Er sah so warm aus. Doch sie würde standhaft bleiben. Mit Mühe und Not gelang es ihr, ihren Körper zu bedecken. 
»Hast du dir einmal überlegt wie es sein könnte, einmal auf das tosende Meer zu fahren?«, er machte einen Schritt auf sie zu.
Deila machte zwei Schritte zurück. »Ich stelle es mir wunderbar vor«, hauchte sie ehrlich. »Es ist alles, was ich begehre.«
»Ich möchte dir diesen Wunsch erfüllen, Valkyrja, Kriegsgeborene. Dein Herz brennt für den Kampf und du fechtest mit einer Leidenschaft, die selbst die Götter das Fürchten lehrt.« Er machte wieder einen Schritt auf sie zu.
Deila wich einen Schritt zurück. Wie hatte er sie gerade genannt? Valkyrja? Benannt nach den Schildmaiden Odins, welche die ehrenvollen Krieger nach Walhall führten? Sie suchte in seinen Augen nach den Anzeichen von Belustigung, von Spott und Hohn. Sie fand nichts darin, außer bedingungslose Zuneigung. 
»Lasst mir die Ehre zuteilwerden, Euch auf meinem Schiff zu wissen, wenn wir segeln«, Hjalmaer machte einen Schritt auf sie zu. 
»Ich möchte Euch zu den entferntesten Orten bringen und die wildesten Schlachten erleben. Und gemeinsam gehen wir in die Geschichte ein.«
Sie blieb stehen. Ließ den Ast fallen. War das gerade ein Traum? War sie schon tot oder hatte sie Wahnvorstellungen?
»Ich habe dich in der Halle erblickt und ich wusste sofort, dass du von der Macht der Götter durchflutet sein musst. So ein unbändiger Wille muss entfesselt werden.« Er machte einen Schritt auf sie zu.
Sie blickte in den Himmel. Er war getaucht in das grüne Götterlicht, den tanzenden Flammen, die das Firmament erhellten. Und das zu dieser Jahreszeit. Es war ein Zeichen der Götter! Ein Zeichen, das alles, was gerade in diesem Moment passierte, vorhergesehen war.
Sie kam ihm entgegen. 
Er schloss sie in seinen Arm und Deila versank darin. Auch ohne seinen Mantel war er warm und sie vergaß die Kälte, schloss sie aus ihrem Herzen aus. 
»Ich kann es kaum abwarten«, hauchte sie. »Das Meer wird uns auf ewig binden.«

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Mein Liebster

Ein Liebesbrief von Ida S.

Mein Liebster,

die Landschaft fliegt an mir vorbei und mit jeder Minute vergrößert der Zug den Abstand zwischen uns. Wenn ich daran denke, wie groß dieser jetzt schon ist, wird mir das Herz schwer.
Ich sehne mich so sehr nach Dir.
In meinen Gedanken springe ich aus dem Zug und fahre zurück zu Dir. Du stehst lachend am Bahnhof und ich versinke in Deinen Armen. Zwischen unseren Küssen flüsterst Du mir zu: „Nie, nie wieder werden wir uns trennen.“
Die kurze Zeit, die wir miteinander verbringen können, ist für mich unersetzlich. Jeder Moment ist ein Geschenk. Dein Lachen, Deine Berührungen auf meiner Haut, die flüchtigen Momente, die nur mir gehören … Ich verwahre sie tief in mir. Wie eine kostbare Gabe hole ich sie dann und wann hervor, um mich an ihnen zu erfreuen.
Heute Morgen habe ich mir Dein T-Shirt aus dem Wäschekorb gemopst, welches Du gestern getragen hast. Es riecht so angenehm nach Dir. Wenn ich daran schnuppere und die Augen schließe, kann ich mir vorstellen, Du wärst bei mir,so nah bei mir.
Ich wünschte, Du wärst hier.
Ich wünschte, ich könnte Dir all das sagen, dass Du meine Sonne bist, ich Dich wie die Luft zum Atmen brauche.
Du bist am Morgen mein erster Gedanke und mein letzter am Abend. Selbst in meinen Träumen bin ich bei Dir.
Stattdessen werde ich diesen Brief mit all den anderen Briefen an Dich verstecken und hoffen, dass sie nie, nie gefunden werden.
Wenn ich das nächste Mal meine Schwester besuche, werde ich an Euren Tischsitzen, Eure Kinder bewundern und mir wünschen, es wären unsere. Ich werde meiner Schwester zuhören, wie sie voller Bewunderung von einem Leben mit Dir schwärmt, während ich in Gedanken das Messer wetze, welches ich ihr in die Brust stoßen möchte. Dabei werde ich lächeln und niemand wird mir ansehen, wie sehr ich begehre, was ihr gehört.
Du hast mich gefragt, warum ich ans andere Ende des Landes gezogen bin. Was sollte ich Dir antworten?
Dass ich Dich liebe, dass Du der Mann meiner Träume bist? Dass ich es nicht ertragen kann, Dich jeden Tag im Arm meiner Schwester zu sehen? Dass es mir das Herz brechen würde, wenn ich meiner Schwester das Herz breche.
Denn für meine Schwester bist Du die Liebe ihres Lebens, Du bist ihr Universum.
Und sie … sie ist alles für mich. Nie würde ich ihr wehtun.
Und wenn Du ihr jemals wehtust, werde ich mir meine Liebe aus dem Herzen reißen und dann werde ich Dich zerfetzen.
Ich liebe Dich.

Ida

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Zwei Seiten

Ein Liebesbrief von Inyara
                        

Marina, oh Sonne meines Lebens!

Nie werde ich den Moment vergessen, in dem mein Blick dich das erste Mal traf. Ich weiß noch genau, wie die Sonne Reflexe zauberte auf deinem Haar, wie deine Augen strahlten, wie deine Hände gestikulierend durch die Luft fuhren, während du telefoniertest.
In diesem ersten Moment, da wusste ich, du warst die Frau, die ich für immer lieben würde. Du warst die Frau, die ich an meiner Seite haben wollte.
Ich habe dir Briefe geschrieben, seitenlang, immer wieder. Doch du wolltest mich nicht erhören. Hast dich gesperrt gegen das Unausweichliche, das das Schicksal für uns vorbereitet hatte. Wolltest nicht sehen. Hast dich gewehrt, mich angeschrien, mir mit Polizei gedroht. Mich angezeigt.
Bist sogar umgezogen, um mir zu entgehen.
Hast dich geziert, wie es sich gehört für ein anständiges Mädchen. Ich habe es verstanden. Du musstest das tun. Konntest doch nicht einfach „Ja“ sagen, nicht wahr? Kanntest mich doch gar nicht. Recht hast du getan.
Doch ich, ich wusste einfach, all das war nur gespielt. Du wolltest es doch auch. Ich bin deiner Spur gefolgt, habe dich wiedergefunden. Egal, wohin du gelaufen bist. Ich habe nie aufgegeben.
Und dann, vor anderthalb Jahren, da war er schließlich da, dieser Tag. Der Tag, auf den ich so lange warten musste, für den ich so hart gekämpft habe. Der Tag, an dem du endlich bei mir eingezogen bist. Mein Werben erhört hast. Dich mir hingabst. Da war ich der glücklichste Mann auf Erden. Natürlich hast du geweint und geschrien, um Erlösung gebettelt. Auch das musstest du tun.Konntest doch nicht einfach so „Ja“ sagen. Nach all der Zeit. Doch ich habe gespürt, tief in deinem Innersten, da wolltest du es doch so. Wolltest, das sich mich um dich kümmere. Wolltest in meiner Nähe sein, von mir berührt werden. Ich liebe dich doch.
Anderthalb Jahre hast du bei mir gewohnt. Es waren wohl die schönsten meines Lebens. Immer wieder hast du gefleht, gebettelt. Dass ich dich rauslasse. Das konnte ich natürlich nicht. Ich wusste doch, das war nur gespielt. Teil des Spiels. Teil unseres Spiels. Du hast oft geweint. Du wusstest doch, dass mich deine Tränen verletzt haben. Du wusstest doch, dass ich es lieber mochte, wenn du lächeltest. Selten nur hast du mir dieses Geschenk gemacht. Nur unter Schmerzen. Warum? Es hätte alles so schön sein können.
Und jetzt das. Warum hast du das getan? Was hast du dir nur dabei gedacht? Das muss doch weh getan haben. Ich wollte nie, dass du Schmerzen hast. Ich wollte doch, dass du glücklich bist. Ich habe dich doch geliebt.
Durch die Gitterstäbe vor meinem Fenster sehe ich ein Stück Himmel. Blau sieht er aus. So, als würde die Sonne scheinen. Die kann ich aber nicht sehen. Doch es ist mir egal. Denn ich weiß, dich, Sonne meines Lebens, dich werde ich nie mehr sehen. Denn du hast dich entschieden. Hast dich entschieden für eine Flucht, auf der ich dir nicht mehr folgen kann. Egal, was ich versuche.
Ich habe dich verloren. Bin verloren. Dieses Mal für immer. Allein. Dabei habe ich dich doch geliebt.

Dein Erwin

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Zwanzig Jahre

Ein Liebesbrief von C.

 Liebe M.,

es wird wieder Frühjahr. Spürst du, wie das Leben zurückkehrt? … Ich auch nicht.
Zwanzig Jahre sind vergangen, seit ich dich zuletzt sah. Damals tranken wir billigen Whisky mit noch billigerer Cola und träumten von der Zukunft. Du von der IT und ich von „irgendwas mit Medien“. Wir lachten, grölten mit Onkel Tom und Ohrenfeindt, bis meine Schwester wütend an die Zimmertür klopfte, und als es still wurde, weil wir nur noch kicherten, küssten wir uns. Ich erinnere mich nicht mehr, wer von uns damit anfing, oder warum ich dir das Shirt abstreifte. Ich weiß nur noch, dass wir aufhörten, weil ich meine Tage hatte und du sagtest: „Machen wir einfach beim nächsten Mal weiter.“
Eine Woche später saß ich im Bus nach Wien. Auf dem Weg zu meinem Verlobten, die erste gemeinsame Wohnung herrichten. Achthundert Kilometer zwischen mir und dir. Wir telefonierten noch einmal. Du sagtest, du wirst jetzt wohl Berufssoldatin, denn bei der Fremdenlegion nehmen sie keine Frauen. Ich lachte.Aber es war kein Scherz, nicht wahr? Dieses tiefe Gefühl, zu Hause und wahrhaft am Leben zu sein – das habe nicht nur ich empfunden, wenn wir zusammen waren. Nicht wahr? Aber damals wusste ich nicht, dass es so etwas gibt. Ich wusste nicht, dass eine Frau eine Frau lieben darf, nicht einmal eine, die so wundervoll ist wie du.
Und jetzt sitze ich hier, zwanzig Jahre später. Meine Kinder sind so alt wie wir damals, und ich denke an dich und was hätte sein können, wenn ich ein bisschen mehr Mut gehabt und ein bisschen mehr auf mein Herz vertraut hätte. Dann hätte ich gewagt, es dir zu sagen, ein ums andere Mal. Hätte es nicht abgetan als Spinnerei wie meine Mutter oder die Vertrauenslehrerin. Dann hätte ich dich in meinen Armen gehalten und gesagt: Ich liebe dich. Und vielleicht hättest du gesagt: Ich dich auch. Dann wärst du jetzt hier und die Welt eine andere. Dann hätte „irgendwas mit Medien“ uns vielleicht nach Bali geführt oder nach Peru, und nicht in einen Teilzeitjob bei der Stadtverwaltung. Dann hätten wir statt einem Haus in der Neubausiedlung ein Hausboot auf der Seine oder einen Wohnwagen in Antwerpen und ich müsste mich nie wieder fragen, ob es so etwas wie Glück überhaupt gibt. So aber helfe ich dem Großen mit den Umzugskartons und der Kleinen mit der Abiprüfung und dieser Brief bleibt unbeantwortet, wie all die anderen davor.

Bis zum nächsten Frühjahr, in Liebe, C.

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Gespräch unter Arbeitskollegen

Ich bin an meinem Lieblingsplatz. Hier kann ich weit in die Stadt hineinschauen, die mein Arbeitsgebiet ist und nun auch schon länger meine Heimat. Neben mir sitzt Gabriel. Er ist sozusagen bei der Feuerwehr und wird immer dort eingesetzt, wo es brennt. Manchmal verlieren wir uns lange aus den Augen, aber das hat unserer Freundschaft bislang keinen Abbruch getan. Seit heute ist er wieder meinem Gebiet zugeteilt und ich bin gerade dabei, ihn einzuweisen. Da er ein alter Hase ist, dauert es nur eine halbe Stunde und er ist wieder auf dem Laufenden.

„Sag mal, was macht eigentlich Lydia? Lebt sie noch?“, fragt er mich interessiert.
„Oh ja, letzte Woche hatte ich vier Einsätze wegen ihr“, antworte ich lachend.
„Sie war für mich immer etwas Besonderes“, sagt Gabriel nachdenklich. „Sie ist so schön. Sie leuchtet wie eine Alte, obwohl sie noch so jung ist.“

Sein Piepser ertönt. „Ich muss los“, sagt er noch und ist auch schon weg.

Ich mache es mir gemütlich und genieße die Zeit die mir noch bleibt, bis auch ich zum nächsten Einsatz gerufen werde. Ich mag Gabriel. Er ist mir ähnlich und wir reden, wenn wir uns treffen. Das ist unüblich, mit meinen anderen Arbeitskollegen rede ich nur selten.
Gabriel hat Lydia gut in Erinnerung. Für eine junge Seele hat sie ein seltsames Leben geführt. Sie hat schon als Kind ihre Prioritäten falsch gesetzt. Sie war extrem risikobereit, sodass ich oft im Dauereinsatz nur für sie war. Später hat sie alle Fehler gemacht, die man nur machen kann und trotzdem ihre innere Ruhe nicht verloren. Dabei ist es doch das Privileg der jungen Seelen, rastlos und ohne langfristige Ziele durch das Leben zu rasen und sich selbst dabei zu verlieren. Lydia hat das zwar auch alles getan, aber mit der Einstellung und Ausstrahlung einer alten Seele, die ihre Erfahrungen bereits gemacht hat. Das ist kurios und bislang einzigartig.

Mein Piepser meldet sich. Ich strecke mich und stoße mich ab. Mit kräftigen Flügelschlägen beschleunige ich und halte auf mein Ziel, etwa einen Kilometer entfernt, zu. Ich weiß nicht, was mich dort erwartet, doch das berührt mich nicht. Das ist Teil meines Jobs und ich habe genug Erfahrung, um jede Situation zu meistern.
Als ich mich dem Einsatzort nähere, sehe ich Lydia, wie sie gerade ansetzt, über eine Straße zu laufen. Sie scheint tief in ihren Gedanken versunken zu sein, denn sie schaut sich nicht um und übersieht so den Laster, der gerade rückwärts aus einer engen Einfahrt in die Straße einbiegt.
„Oh nein, altes Mädel“, denke ich. „Noch ist es nicht Zeit für dich.“ Ich lege einen Zahn zu und erwische sie gerade noch rechtzeitig. Mit einem sanften Stoß befördere ich sie aus der Gefahrenzone. Zufrieden sehe ich ihr dabei zu, wie sie verwirrt um sich blickt. Sich wundert, worüber sie gerade gestolpert ist. Ihre Einkaufstasche aufhebt und kopfschüttelnd weiterläuft.

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Brief von der Front

Ein Liebesbrief von Peter S.

Liebste Rosa,

Ich schreibe diesen Brief in der Angst, es könnte der letze sein. Morgen beginnt der Großangriff. Meine Einheit wird ganz vorne dabei sein. Kommandant Huber sagt, es sei eine Ehre für uns, ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube, wir werden als Kugelfutter eingesetzt.
Darum nutze ich die letzten Stunden, um dir diesen Brief zu schreiben; noch mal alles zu teilen, was mir im Kopf herumschwirrt, damit ich mit leichten Herzens morgen in den Kampf ziehen kann.
Ich vermisse dich so unendlich viel. Ich vermisse dein Haar, das wie eine Wolke um deinen Kopf schwebt; deine roten Lippen, die mich immer an Rosen denken lassen.Ich vermisse dein Lachen, so bezaubernd wie der erste Sonnenstrahl nach Regen.
Die Tage hier werden wieder etwas länger und ich glaube, wir haben die schlimmste Kälte überstanden. Leider haben sich viele meiner Kameraden dem Trinken hingegeben, morgen werden sie es bereuen. Der Alkohol vernebelt die Sinne und man wird unachtsam. In der Schlacht darf man nicht unkonzentriert sein. Zu groß ist die Sehnsucht, nach dir und unserem ungeborenen Kind, um das Risikoeinzugehen und getroffen zu werden. Dein Bauch muss jetzt schon riesig sein. Es bricht mir das Herz, nicht bei der Geburt dabei sein zu können.
Ich habe mir gedacht, wenn es ein Knabe wird, könnten wir ihn »Franz« taufen, nach meinen Großvater. Ich musste in letzter Zeit oft an ihn denken. Er hatte mir oft Geschichten über den Krieg erzählt und nun bin ich selbst an der Front. Wie die Zeit vergeht.
Gestern hat das Rote Kreuz ein Klavier gebracht. In meiner Kompanie gibt es einen Polen, ich sage dir, der kann spielen! Seine Musik ist wie ein Sonnenstrahl im Winter. Es ist nicht immer schlimm hier. Wir haben auch viel Spaß. Der Krieg schweißt uns zusammen und steigert die Kameradschaft zwischen uns Männern. Ich habe viele neue Freunde gefunden.
Ich sitze oft bis spät in der Nacht draußen und sehe mir die Sterne an. Sogar die Sterne sind mir hier fremd, aber sie erinnern mich an dich. Kannst du dich noch an den einen Abend erinnern? Wir waren tanzen und später sind wir mit dem Volkswagen auf den Kalvarienberg gefahren. Wir lagen Arm in Arm im Gras und haben zu den Sternen geblickt. Du hast mir verraten, dass du einen Lieblingsstern hast. Ich denke oft an diesen Stern, wenn ich zum Himmel schaue,und hoffe, dass er irgendwo da oben ist. Er ist für mich wie eine Brücke zu dir.
Grüße deine Eltern von mir. Sag ihnen, dass ich mich gut schlage und dass sie sich keine Sorgen machen müssen.
Schau bitte auch nach meiner Mutter. Seit Vater tot ist und Anton und ich an der Front sind, ist sie viel alleine. Gibt ihr ein Bussal von mir. Sag ihr, sie kann stolz auf ihren Sohn sein.
Vor ein paar Tagen sind wir in ein Feuergefecht gekommen. Ich bin hinter einem Baumstamm in Deckung gegangen, und während die Kugeln über meinen Kopf schossen, hatte ich eine Vision von unserer Zukunft. Ich sah dich vor einem kleinen gelben Hof stehen. Er hatte ein rotes Tondach und braune Fensterläden;Efeu kletterte die Wand empor. Die Kinder spielten auf der Wiese und lachten;es waren vier. Zwei stramme Knaben und zwei bildhübsche Mädchen, wie ihre Mutter. Vor dem Hof war ein Gemüsegarten, auf den du sehr stolz warst. Ich danke Gott für diese Vision, sie gibt mir Mut für den Kampf morgen.
Wenn du mich wieder siehst, wirst du erschrecken, wie mager ich aussehe. Der Krieg zehrt schon an mir. Darum muss ich oft an deinen Braten denken, ich kann ihn sogar manchmal riechen.
Ich danke Gott aus tiefsten Herzen, dass es dicht gibt. Der Gedanke an dich gibt mir Kraft; er erfüllt mich mit Wärme, hier an diesem kalten Ort und schenkt mir Hoffnung. Wenn das mein letzter Brief ist, bitte vergiss nie, dass ich dich liebe, und sag unserem Kind, dass sein Vater gestorben ist, damit es eine bessere Zukunft hat. Ich liebe dich, Rosa.

In tiefster Liebe, dein Karl.

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Plüschblaue Tagträume (5)

Ja, natürlich weicht das Alpaka zurück. Es macht ein paar sanfte Schritte nach hinten und hält inne, sowie ich.

„Na, Schaldek? Was jetzt!?“, fragt es mit Unterton.

„Tja.“

Ich blinzle und erkenne auf der anderen Seite des Abgrunds einen schmalen Streifen Lichtzauber.

„Man sollte schon wissen, ob man da rüber will, oder, Schaldek?“

„Ich sehe was. Aber ich bin nicht sicher.“

„Du willst tatsächlich da hin? Du weißt nicht, was da ist, Bro! Du musst es doch vorher beschreiben können. Sonst landest Du-“

“Wie soll ich es denn sonst herausfinden, Alpakalein?! Ich will endlich sehen, wie das da drüben aussieht. Ich sehe keinen anderen Weg!”

Das Alpaka schnauft. Es nimmt Anlauf und galoppiert auf den Abgrund zu.

„Dir ist klar, dass Du richtig Angst hast? Das ist das andere Ende von inspirierter Federleichtigkeit.“

„Sind wir denn nicht federleicht?“

An das Monster muss ich denken. Das aus dem schlechten Hörspiel. Das kein Gesicht hatte und mich ängstigte. Das Alpaka springt vom Vorsprung ab und gleitet sanft. Irgendeine Kraft zieht uns nach unten. Das Alpaka dreht seinen Kopf zu mir und sein Gesicht ist verschwunden. Es macht Geräusche wie das Monster und beginnt zu wiehern. Dumpf und entstellt. Es scheint nicht glücklich zu sein. Dunkler Nebel wird dunkler und wir tauchen in volle Schwärze ab. 

Stillstand. Ich liege hart. Auf einem alten Holzboden. Ich weiß sofort, wo ich bin. Diese dumpfe Stille und das Gefühl aus Angst und fordernder Wut in mir. Ihr wollt wissen, auf wen ich wütend bin, weil es (nein sie) mich ängstigt?

 Ich erhebe mich und spüre den Atemzug des Windes, der durch dieses dunkle, leere Haus zieht. Es ist mein schlimmster Albtraum, den ich je geträumt habe. Tatsächlich!

Ich weiß, ich bin hier nicht allein. Spitze Knochen werden mich unsaft stoßen. Die alte, dürre Frau, die in diesem Haus wohnt, hat mich längst im Blick. Ich kann sie nicht sehen, aber sie mich schon.

„Komm doch her!“, rufe ich, so wie damals auch, als ich diesen Traum hatte.

Sie kam.

Und auch jetzt kommt sie. Ein spitzer Stoß in die Seite, ich drehe mich um. Ein Nackenschlag wie von einem Skelett.Ich spüre jeden Fingerknochen. Ich sacke auf die Knie als Zeichen meiner Ergebenheit.

Als Erwachsener tue ich das manchmal. Im Traum.

Als Kind konnte ich mich in Albträumen in eine Ecke stellen und mich zwingen aufzuwachen. Ich hielt die Augen zu und zählte bis drei. Dann wachte ich zwar wieder in Dunkelheit auf, aber ich wusste, dass es mein Bett war, in dem ich lag.

Langsam schleiche ich nun über knarrende Dielen und das leise und näherkommende Zischen der alten Frau macht mir klar, wie amüsiert sie gerade ist. Ich halte mir die Augen zu und zähle bis drei. Ich will hier nicht mehr sein!

Eins, zwei, drei.

Mein Bett, Gott sei Dank!

Habe ich erwähnt, dass in der Kindheit mein schlimmster Albtraum jetzt erst anfing? Und das, weil ich glaubte ich läge –gerade erwacht – in meinem Bett? Ich stieg aus dem Bett aus, nahm meine Taschenlampe und leuchtete mir den weg zum Klo, voller Absicht eine noch vollere Blase zu entleeren. Als ich am Spiegel im Flur vorbei lief: da! Im Flackern die bedeutsamen Umrisse einer alten, hüfthohen Frau mit einer Mähne aus Draht und Armen, die samit ihrer verwachsenen Finger bis fast zum Boden reichten!

Ich war nicht wach! Ich träumte noch, aber bis hierher hatte ich schwören können, ich sei auf dem Weg zu unserem Klo.

Das Zischen der alten Frau – das aus aus der Höhe meines Standspiegels kommt – lässt mich nun diesen Wahnsinn neu erleben. Sie lacht und lacht und ic- noch im Bett sitzend – realisiere neu, was ich schon damals spürte: Im Traum weglaufen und zählen bringt mich zwar von einem fremden Ort zu einem Vertrauten nächsten. Aber: die alte Frau kommt einfach mit! Ich habe Angst. So, wie damals auch! Und das in meinem eigenen Bett!

Als ich wieder die Augen aufreiße, ist es gewiss. So schweißgebadet wie ich bin, umgibt mich nun Wirklichkeit. Ich greife zu meinem Handy. 3: 14 Uhr. Nach einer Weile traue ich mich Licht zu machen. Ich trinke Wasser und realisiere längst: die Fantasie ist eine geile Sache! Sie brachte mich aus meiner Kindheit heraus. Ich stieg nach oben, weil es ging. Ich habe es geliebt!

Und jetzt: alle Konfrontation mit ihr – der Fantasie – zieht mich in den Abgrund. Nach da unten, wo die alte Frau in Dunkelheit wartet, um mich wahrscheinlich zu verspeisen.

Wozu ist das alles gut, wenn es mich so fertig macht? Irgendwas stimmt nicht!, denke ich. Noch an diesem frühen Morgen suche ich ein Bild bei Google. Ich vermisse es! Ich weiß, ohne es kann ich nicht weitermachen mit der Fantasie. Soll es das Wesen sein, auf dem ich reite, wenn ich die Fantasie bewandere.

Ich finde ein Bild, dass diesem Alpaka entspricht, lege mit Photoshop ein Blau darüber, drucke es aus und stecke es in einen Bilderrahmen. Dann setzte ich mich an den Rechner, ändere meinen Avatar und schreibe „Plüschblaue Tagträume“. Da sitzt also der blasse Typ mit dem Kinnbart und intuitiert einen Text nach dem anderen. Aber nicht mehr ohne es! Ich drehe mich zur Seite und sehe das Bild des blauen Alpakas im Bilderrahmen. Es hängt nun über meinem Bett. Da, wo Träume Dich holen können, wenn Du nicht gut aufpasst.

Ich weiß jetzt, es geht nur mit ihm. Meinem Bro!

Ich werde Dich finden, blaues Alpaka!

ENDE

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Weihnachten, das Fest der Freude

Bald ist es wieder soweit. Der christliche Teil unserer Bevölkerung feiert sein zweithöchstes religiöses Fest, die Geburt des Erlösers Jesu Christi.
Bereits in der davor liegenden Zeit der Ankunft, dem Advent, steigern wir uns in froher Erwartung auf dieses jährlich begangene Ereignis.
Als Symbol der Freude tauschen wir mit unseren Lieben kleine Geschenke aus, um auch ihnen eine Freude zu machen und das Fest in friedlicher Eintracht zu begehen.
Bereits im Advent wird in unseren Städten durch das Aufstellen kleiner Hütten eine heimelige Atmosphäre geschaffen, indem dort handgefertigte Weihnachtsartikel erstanden werden können. Weihnachtsmärkte fördern die advendliche Stimmung und bereiten uns so Schritt für Schritt auf das große Ereignis vor.

Nun, soweit die Theorie. Die folgende, fiktive Aneinanderreihung von Gesprächsfetzen zeigt ein anderes Bild, wie es leider durchaus real erscheint, bummelt man tatsächlich mal über einen normalen Innenstadt-Weihnachtsmarkt, wie sie in den Einkaufszonen entlang der Geschäftszeilen aufgebaut werden.


Beliebige Fußgängerzone einer deutschen Großstadt im Ruhrgebiet.
Dunkelheit.
Holzhütten säumen den Weg.
Dahinter: beleuchtete Schaufenster.
LED-Weihnachtsmotive überspannen die Straße.
Leise Musik ertönt allgegenwärtig aus verborgenen Lautsprechern.
Es ist kühl.
Leichtes Nieseln lässt die Dächer der Hütten und die Straße im Licht der Hütten und Schaufenster glänzen.
Menschenmassen schieben sich zwischen den Hütten hindurch. Immer wieder kommt es zu Staus. Passanten eilen quer über die Straße, andere versuchen, die zähe Masse der Schauenden zu überholen. Gesprächsfetzen dringen von überall ans Ohr. Zusammenhanglos und doch …

»Wir müssen noch nach Primark.«
»Bitte nich’, ich hab keine Lust mehr.«

»Ich brauch jetzt’n Glühwein.«
»Ja, aber mit Schuss.«

»Für dich auch ne Wurst?«

»Schau mal, ein Holzschnitzer!«
»Komm weiter! Wer stellt sich denn sowas in die Bude?«

»Die Wurst sieht aber lecker aus.«
»Was kostet die Schokobanane?«

»Mama, ich kann nich’ mehr.«
»Schluss jetzt, sonst gibt’s gleich keine Pommes!«

»… hab ich von H&M. War ’n Angebot.«
»Was? Jetzt schon runtergezeichnet?«

»Willze jetz überall stehnbleibn? Wirsse ja nie fertich …«

»Eine Spende für krebskranke Kinder?«
»Diese Bettelei geht mir auf den Sack!«
»Das war ein Bettler, Papa?«
»Komm weiter …«

»Watt soll der Aal kosten? Soll wohl’n Scherz sein?«

»Wer war der Eierpunsch?«
»Ich krieg ‘n Glühwein mit Schuss!«
»Eierpunsch?«
»Ach, gib schon her!«

»Mama, ich will aufs Karussell!«
»Heute nicht, du warst erst gestern.«
»Ich will aber!«

»Habt ihr schon alle Geschenke?«
»Wir schenken uns sowieso nur Geld. Gibt sons’ immer nur Stress.«

»Hört ma, hier fragt einer, worum datt bei Weihnachten geht!«
»Datt ist doch mit den Nikkelaus. Wo krisse sons die Geschenke her?«
»Du bis’n Blödmann. Echt. Du checks’ auch garnix. Weihnachten is’ doch Jesus gestorben.«
»Echt? Wusst’ ich garnich.«

»Wer ist der Nächste?«
»Noch jemand ein Nutella-Crêpe?«

»Mensch, tun mir die Füße weh!«
»Wird auch Zeit, nach Hause. Gleich kommt Voice-of-Germany.«
»Reicht jetzt auch mit Weihnachtsmarkt.«

»Bis die Tage: Seid ihr Donnerstag auch wieder am Glühweinstand?«
»Jau, bis dann …«

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An Sophie

Ein Liebesbrief von Falky67

Meine liebe Sophie!

Ich kann heute Nacht nicht schlafen. Du bist mit dem Auto nach Bonn unterwegs. Das erste Mal allein auf so weiter Strecke. Wie könnte ich da schlafen, bevor ich nicht weiß, dass Du angekommen bist? Tja, und schlaflose Nächte haben es so an sich, dass man beginnt, über Dinge nachzudenken, die man sonst gern von sich schiebt.
Hab ich Dir gestern zum Abschied eigentlich gesagt, dass ich Dich lieb hab?
So viel Zeit, die mir wie im Flug vergangen scheint. Und so viele Fehler, die ich gemacht hab und die ich nicht mehr ändern kann.
Ich weiß noch genau den Tag Deiner Geburt, wie könnt ich das vergessen? Schmerzen, die ich vorher nicht kannte, Du hast einfach noch nicht auf diese Welt gewollt. Hast Dich daran geklammert, weiter beschützt zu werden, dabei hab ich Dir schon da geschworen, Dich immer zu lieben, egal was kommt.
Und dann hielt ich Dich in den Händen, ein kleines Geschöpf, herausgepresst in ein unbekanntes Leben. Wie hätte ich nicht bei Deinem Anblick gleich in Liebe zu Dir entbrennen können? So zart, so schutzbedürftig und gleichzeitig bereits so kraftvoll. Ein Wunder des Lebens.
Du hast mir in den Jahren so manchen Kummer bereitet. Und doch haben Deine Augen, der Schmollmund und Dein Lachen alles ins Gegenteil verkehrt. Ich habe viele Fehler gemacht, die ich gern zurücknehmen würde, falls es ginge.
Am meisten schmerzt mich, dass ich nicht da war für Dich, als Oma ging. Ich war zu sehr in meiner eigenen Trauer gefangen, um die Deine zu spüren. Das ist ein Punkt, den ich mir bis heute nicht verzeihe. Ich hab Dich in ein tiefes Loch fallen lassen, aus dem Du nur schwer wieder heraus fandest.
Wie schnell Du danach erwachsen geworden bist.
Für mich viel zu schnell.
Die Pubertätsstreitereien hab ich gelassen hingenommen. Die kannte ich nur zu gut noch aus meiner eigenen Kindheit.
Und dann Dein Abi-Abschluss, was war ich stolz auf Dich. Wie Du da oben standest zwischen all den anderen jungen Menschen. Für mich, liebe Sophie, warst Du die schönste von allen.
Und ich war Dir peinlich, weil ich die einzige war, die laut aufschluchzte, als Du da oben standest und die Blumen entgegennahmst. Aber ich konnte nicht anders.
Das kleine Mädchen, das Du einmal warst, dem ich das Fahrradfahren beibrachte, das vor mir saß, ein Bilderbuch auf dem Schoß und mir daraus Geschichten erzählte, während ich die Haare kämmte, dieses kleine Mädchen stand nun auf der Bühne und war zu einer Frau geworden.
Wie hätte ich da nicht weinen sollen vor Glück, vor Stolz und auch vor Trauer? So viel Gefühl, das aus mir heraus musste.
Und nun sitz ich hier, schreibe die Zeilen, die mich davon ablenken sollen, dass Du allein mit dem Auto diesen weiten Weg nach Bonn fährst. Mitten in der Nacht. Mein Handy liegt neben mir, bereit, die rettende Nachricht zu erhalten: Mama, ich bin gut angekommen.
Ich höre Dich förmlich: Och Mama, mach dir keine Sorgen, ich bin schon groß, ich schaff das.
Ja mein Schatz, das weiß ich. Irgendetwas muss ich doch gut gemacht haben, denn Du schaffst das wirklich. Und doch werde ich nie aufhören, mir Sorgen um Dich zu machen, mit Dir zu leiden und Dir ungefragt Ratschläge zu geben.
Weil ich Dich uneingeschränkt liebe bis ans Ende meiner Tage.

Es ist bereits zwei Uhr in der Früh, endlich kommt deine Nachricht über WhatsApp:
Bin gut angekommen, geh jetzt schlafen. Du kannst ins Bett, Mama Lachsmiley, Kussmund
Wie gut du mich doch kennst.
Erst jetzt merke ich, liebe Sophie, wie müde ich bin. Ich werde den Brief zu den anderen legen, die ich Dir über die Jahre geschrieben habe. Wenn ich nicht mehr bin, sollen sie Dir Trost sein, Dir zeigen, dass Du alles für mich bist. Dass ich Dich immer lieb hab.

Deine Mom

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Wird Fantasy bald aussterben? Mein Tipp für Autoren

Zunächst einmal… Tja, ihr habt mich erwischt. Kein “Die Wölfe von Asgard” heute. Ganz einfach deshalb, weil ich es zeitlich nicht geschafft habe, das neue Kapitel fertigzustellen und ich niemandem meine halbgaren Texte servieren möchte. Ich hoffe, ich schaffe es bis nächsten Donnerstag. 🙂
Ich kann nur vorweg schon einmal verraten: Ich möchte mich im nächsten Kapitel mit der Schildmaid beschäftigen. 


Deswegen möchte ich mich heute kurz mit etwas anderem befassen. Nämlich mit der Frage, ob Fantasy vor dem Aussterben steht und wie man als Autor dagegen anstinken kann. Und jetzt mag mich vielleicht jemand fragen: Bist du bekloppt? Liegt doch bei Talia in jedem Regal und bald kommt die neue Staffel Game of Thrones.

Tja, wenn es so einfach wäre, würde ich vermutlich nicht diesen Beitrag schreiben, oder? Ich glaube jeder, der sich mal etwas genauer mit der Materie auseinandersetzt, wird erkennen, dass immer nur die üblichen Verdächtigen die Bücherregale bemannen. In der Regel englischsprachige Autoren, die mit ihren Werken den Markt dominieren. Das einige dieser Bücher qualitativ hervorragend sind, möchte ich niemandem absprechen. Aber bei mir stellt sich beim Lesen oft die Frage: Habe ich diese Geschichte nicht schon zig Mal gehört? Dann ist halt aus Frodo Beutelin ein Tyrion Lennister geworden und niemandem ist es aufgefallen. Na und? “Wen juckts”? Verkauft sich ja… 

Wenn man sich nun also doch mal in ein eher heimeliges Büchergeschäft, abseits der großen Einkaufspassage, verirrt, wird einem schnell bewusst, dass die meisten durchaus schmucken Fantasyromane, die es dort noch zu finden gibt, mittlerweile schon ein beträchtliches Alter erreicht haben. 
Ich stelle mir also die Frage: Wie lange dauert es noch, bis die Leute restlos die Lust verloren haben? Bin ich nach Herr der Ringe, Harry Potter und Game of Thrones noch bereit, mich in eine vierte Saga fallen zulassen, ohne beständig die Parallelen zu identifizieren? Stört mich das überhaupt? Und was bedeutet das für die ganzen Autoren weltweit und ihren unerzählten Geschichten, die ein eben solches Meisterwerk darstellen könnten, würde man sie bloß entdecken?

Ich habe mich eigentlich explizit dagegen entschieden, Schreibratgeber zu erstellen, aber ich möchte mich dennoch in einem Tipp für jene Autoren versuchen: suche dein Alleinstellungsmerkmal! Baue es aus und sorge dafür, dass es eine Quintessenz deines Buches wird. Wenn die Geschichte fesselt, begeistert, den Leser in Atem hält, dann können doch ruhig Elfen darin vorkommen?
Nicht jedes Rad muss neu erfunden werden, wenn die Karre einen neuen Motor bekommt, der unglaublich leistungsstark ist. Aber nur den Lack neu anzusprühen, reicht natürlich an dieser Stelle nicht. Ich hoffe es ist klar, was ich damit meine. Die Quintessenz macht den Motor deiner Geschichte aus und du fütterst ihn mit dem Treibstoff, den er braucht, um ein einzigartiges Werk darzustellen. 

Es ist wichtig, dass du dir dieser Alleinstellungsmerkmale vollständig bewusst bist, den viele Verlage fragen explizit danach. Stell es dir wie bei einem Bewerbungsgespräch vor. “Und warum sollten wir Ihr Buch nehmen?” – Das muss der Moment sein, auf den du schon gewartet hast. Dem du sehnlichst entgegengefiebert hast. Vergleiche dich nicht mit anderen Autoren , sondern berichte von etwas, das noch niemand gehört hat – einfach weil das deine Story ist!

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Bei Norbert läuft´s flüssig

Liebster Norbert,

Ein Liebesbrief von Dirk Hoffmann

an solch verregneten Sonntagen wie heute fehlst Du mir ganz besonders, deshalb liege ich gerade auf meinem Bett und schreibe Dir diesen Brief.

Schon am ersten Tag als Deine neue Sekretärin war ich ganz hingerissen von Deiner weltmännischen Art und Deinen kultivierten Umgangsformen.Vor einigen Wochen spürte ich dann zum ersten Mal Deine streichelnden Blicke und wagte kaum zu hoffen, dass ein so erfahrener Mann wie Du wirklich Interesse an mir haben könnte. Doch dann, als ich Dir einige Akten brachte und deine Finger ganz sacht meine Hand streiften, wurde es für mich endlich Gewissheit. In den folgenden Tagen konnte ich mich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren und kam sogar verspätet ins Büro, da ich vorher besonders viel Zeit vor dem Spiegel verbracht hatte, um mich für Dich hübsch zu machen.
Ich konnte es kaum glauben, als Du mir bei unserem ersten gemeinsamen Abendessen davon erzähltest, wie sehr dich Deine Frau vernachlässigt und wie furchtbar diese Ehe für Dich ist. Ich verstehe, dass Du bei ihr bleiben musst, weil sie nun mal das Geld hat und die Firma praktisch ihr gehört. Aber, weißt Du, auch wenn es mir schwerfällt, Dich zu teilen, so hätten wir doch ohne diese Firma niemals zueinander gefunden. Und letztlich bezahlt sie ja viele unserer Treffen, bei denen Du Dich stets so spendabel zeigst und so zuvorkommend dafür sorgst, dass ich mich wie eine Prinzessin fühlen kann. Es muss wirklich anstrengend für Dich sein, gerade jetzt, wo die Firma so tief in den roten Zahlen steckt, Dir ständig neue Geschichten über Geschäftstermine und Überstunden auszudenken, um uns die nötige gemeinsame Zeit zu verschaffen.
Flüssigkeiten haben ja schon immer eine Rolle bei uns gespielt. Erst der Kaffee, den ich Dir jeden Morgen ins Büro bringe, später dann ein, zwei Gläschen Sekt und letztlich das Wasser aus der Blumenvase auf Deinem Schreibtisch – dessen Stabilität ich sehr zu schätzen gelernt habe –, die wir umstießen, während wir noch ganz andere Säfte austauschten. Dieses Mal, so einsam und allein, habe ich mich also für die Tinte entschieden.


In Liebe und sehnsuchtsvollem Verlangen,
Petra

p.s.
Ja, Hr. Uhlenbring, genau so einen Brief wird ihre Ehefrau – natürlich durch einen ganz dummen Zufall – in die Hände bekommen, wenn ich nicht endlich von Ihren plumpen und widerlichen Annäherungsversuchen verschont bleibe.
Sollte ich auch nur noch ein einziges Mal eine Bemerkung wie zu Beispiel „Damals, da schrieb man Pfütze noch mit O“ von Ihnen zu hören bekommen, oder Sie vertrockneter alter Sack bieten mir noch einmal einen neuen Arbeitsplatz „unter Ihrem Schreibtisch“ an, werden Sie sich sowohl mit dem Scheidungsanwalt ihrer Ehefrau als auch mit dem Betriebsrat auseinandersetzen müssen.


Ich hoffe, mein Anliegen deutlich und verständlich vorgebracht zu haben, und verbleibe mit unfreundlichen Grüßen.
P. Meinert

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Saigels Irr(e)lichter – der Wunsch zu veröffentlichen

Der Wunsch zu veröffentlichen kann groß sein. Aber auch manchmal ganz klein. Schreibt man denn nicht genau deshalb? Weil man einmal veröffentlichen möchte? Ich sage das auch immer: „Einmal möchte ich veröffentlichen. Das ist mein großer Traum, einmal mein eigenes Buch im Laden zu sehen.“ 
Ich glaube, so oft wie ich in diesem Zusammenhang das Wort „einmal“ nutze, habe ich es sonst noch nie gebraucht. Einmal. Irgendwann. In ferner Zukunft. In einem unbestimmten Zeitraum, der irgendwo an einem Punkt liegt, den ich noch nicht benennen kann.
Natürlich wünsche ich mir beim Schreiben, dass meine Texte auch gelesen werden, und wenn ich an einem Roman arbeite, dann stelle ich mir diesen auch gelegentlich als fertiges Buch vor. Allerdings habe ich persönlich nach so vielen Jahren des Schreibens diesen Sprung noch nicht gemacht.
Bei manchen scheitert es leider an der Zusage, die sie unweigerlich zu einer Veröffentlichung brauchen, zumindest sagt man das. Diese Grenzen sind allerdings durch die Möglichkeiten des Self-Publishings aufgeweicht. Bei mir ist das natürlich auch so. Die Absagen sind zahlreicher als die Zusagen, die mir in den letzten 15 Jahren ins Haus geflattert sind. Dennoch habe ich aus keiner Zusage etwas Ernstzunehmendes gemacht. Ich bin mir sicher, dass es vielen so geht: der Wunsch zu veröffentlichen ist ein zweischneidiges Schwert.
Ich sehe ihn selbst mit so widerstreitenden Gefühlen, dass ich es phasenweise bereuen kann, nicht die Chance ergriffen zu haben, als ich es gekonnt hätte, und dass ich es in anderen Zeiten wieder für gut und richtig erachte. Ich glaube, dass mir das zeigt, dass ich im Grunde noch nicht dazu bereit bin. Was das genau heißt, bereit zu sein, kann ich aber genauso wenig bestimmen wie die genaue Eingrenzung des Wortes „einmal“.
Ich habe über mich gelernt, dass das Schreiben mehr ist als das. Es stellt mich zufrieden. Die viele investierte Arbeit zahlt sich aus, auch ohne Veröffentlichung und Geld.
Schon alleine hier im Blog und im Forum zu veröffentlichen, fällt mir manchmal nicht leicht. Unweigerlich stellt sich mir dann die Frage, ob ich mich einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt präsentieren möchte. Würde das nicht an meiner Zufriedenheit mit meinen Texten und der Tätigkeit des Schreibens etwas verändern?
Ich bewundere alle Autoren, die veröffentlichen. Ich bewundere die viele Arbeit und ich bewundere ihren Mut, sich einer unbekannten Öffentlichkeit zu stellen. Vielleicht gehört dazu eine gewisse Reife und Selbstdistanz, die es für mich erst noch zu erforschen gilt. Helfen kann hier oft der Austausch untereinander. Jedoch bleibt meines Erachtens der Sprung dennoch immens groß.
Sicher ist aber, dass es ganz bestimmt tausende und abertausende wunderbare Texte gibt, die in verschlossenen Schubladen hinter gewöhnlichen Haustüren Staub ansetzen und wohl niemals gelesen werden. Da schreit der Leser in mir auf und der Autor in mir lehnt sich zurück und denkt: „Bevor die es nicht machen, mache ich es auch nicht.“ Es gibt den Traum vom Schriftsteller-Sein. Aber noch lange nicht jeder Autor träumt ihn auch ausgiebig und lange, heiß ersehnend in der festen Absicht, ihn irgendwann zu verwirklichen. In den Texten sehe ich keinen Unterschied von dem einen zum anderen Autor, manche sind gut ganz still für sich, andere für größere Lesergruppen. Deshalb denke ich persönlich, dass das Schreiben „mehr“ ist als die Veröffentlichung und sie uns nicht wirklich als Autoren definiert.

Eure Saigel

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Über den Tod hinaus

Ein Liebesbrief von InEs

Lieber Vati!

Wärest Du 40 Lenze früher geboren oder ich vierzig Jahre später und wären wir uns tatsächlich irgendwo und irgendwann einmal zufällig begegnet, so hätte ich um Deine Hand angehalten, wenn das damals auch noch nicht so üblich war.
Du hättest heute auf den Tag genau Deinen 100. Geburtstag. Zweiundneunzig bist Du zumindest geworden, Du hast somit ein gesegnetes Alter erreicht.
Außer Dir gab es in meinem Leben noch keinen, der so lieb, freundlich, anständig, geduldig, anspruchslos, selbstlos, aufopfernd, vertrauenswürdig und witzig war wie Du. Deine Bescheidenheit nicht zu vergessen. Es gab nie ein böses Wort von Dir. Warst Du einmal über etwas grantig, so brummeltest Du es Dir lieber in den eigenen Bart. Als Familienoberhaupt hast Du Dich vollkommen bewährt, wenn man auch den Eindruck von Dir hatte, Du seiest zu weich und empfindsam. Dies warst Du nie bei Dir selber, hast nicht gejammert, trotz Deiner Kriegsverletzung, die Dich Dein ganzes Leben einschränkte und Dir Schmerzen bereitete. Gejammert hast Du nur, wenn einer von uns krank wurde oder jemand anderes litt, den Du gut kanntest. Ich kann mich gut daran erinnern, wenn Dich jemand zum Beispiel nach Deiner schwerkranken Frau fragte, dass Du Deine Tränen nicht zurückhalten konntest, so sehr schmerzte es Dich, nicht helfen zu können. Der Kelch ging an Dir vorüber, ihr konntet noch gemeinsam die Diamantene feiern. –
Ich liebe Dich über den Tod hinaus. Danke, dass es Dich gab! Danke für Deine Fürsorge und Liebe. Du warst mein Vati, Tröster in all meinen Lebenslagen, Helfer in der Not. Auf Dich war immer Verlass! Ich möchte Dir danken, dass Du mich an Kindes statt genommen hast und dabei keinen Unterschied machtest zwischen mir und Deinen Kindern. Für mich bist Du ein Heiliger.
Dieser Brief musste jetzt an Deinem Geburtstag sein; den lege ich zu den Blümchen auf Deinem Grab.

In ewiger Liebe und Treue
Deine Lotte.

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Dunkle Liebe

Ein Liebesbrief von Saigel

Wie lange noch, Liebste? Wie lange werde ich noch auf dich warten? Hier in den dunklen Kellern der tiefen Verließe aus Mondglas und Sonnenstein? Wann wirst du mich holen, mich mit deinem grellen Licht erhellen, das die Augen leiden lässt und doch so heilsam seine Wirkung zeigt, da es allen Schmerz auf einmal bannt?
Evangeline … Sage ich deinen Namen so vor mir her, flüstere ihn in mich hinein, wo er sich kreisend niederlässt, sich in mein Fleisch bohrt und mich quält, entflammt sich ein Feuer der Entbehrung, das mich gänzlich verschlingt. Schreiend winde ich mich zwischen spuckenden Flammen, die an mir reißen und dem tonnenschweren Stein, der deinen Namen trägt, der sich immer weiter in mich hineinfrisst. Dies ist die schlimmste Folter, die ich hier unten in Gefangenschaft erleiden muss. Weder der Ausspruch des Todesurteils noch der Anblick des Folterknechts oder der Geschmack von zappelnden Ratten in meinem Mund vermögen mich so sehr zu plagen wie du. Dein Name dröhnt in meinen Ohren, lässt sie immer stärker schwingen, bis sie den Schall nicht mehr ertragen. Deine Schönheit sticht mir die Augen aus, selbst wenn ich an dieser nur im Traum vorübergehe und die Erinnerung an den Geschmack deiner Haut lässt mich die Bitterkeit all der anderen Dinge nur schwer ertragen. Mit fest verschlossenem Mund beiße ich mir auf die Zunge, um mit dem Geschmack des Blutes die Sehnsucht zu stillen. Die Augen stets weit geöffnet, knie ich, mir die Ohren zuhaltend, in einer Ecke der Zelle, um dem Traum von dir zu entgehen und den Namen nicht zu hören, der mir von den kalten Wänden um die Ohren peitscht wie ein Wirbelsturm.
Evangeline … Wann kommst du, um mich zu erlösen? Wann befreist du mich? Wie lange muss ich diese Qual noch ertragen?
Die Augen fallen mir zu und ich blicke direkt in dein Gesicht. Sofort schlägt das verloren geglaubte Herz in meinem Hals, lässt meinen Atem stocken. Ein wunderschöner Glanz aus feinstem Smaragd, umrundet von einem tiefschwarzen Meer aus Seide, gekrönt von dunkelroten Pforten in die höchsten Ebenen des Paradieses. Ich rieche den Duft von Zitronenmelisse und Rosenwasser, verschwimme in dem Traum, schreite auf das purpurne Portal zu, das sich mir bereitwillig öffnet und mir einen Moment der unangefochtenen Glückseligkeit beschert.
Du hast mich das Leben gelehrt. Den Genuss, im Sommer auf dem Felde zu tanzen, wonach die Arbeit verwunderlich leicht von der Hand ging. Die Kunst, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen und herzlich zu lächeln. Dieselbe Liebe selbst für den aufzubringen, der Vergebung nicht verdient. Das, was du für mich empfindest, finde ich für mich selbst nicht wieder. Dass du mich hier zurücklässt, muss wohl ein Irrtum sein, jedoch wünschte ich mir, es wäre dein Wille, um mich zu lehren, dir kein Leid mehr anzutun, nicht aus Kummer, nicht aus Eifersucht und auch nicht aus Liebe.
Liebste, ich wünschte, du könntest mich heute schon befreien, doch ich harre aus, beweise dir, deiner würdig zu sein. Obgleich ich wohl nie eines Wesens würdig war, dessen Züge sich so makellos auch in seiner Seele spiegelten.
Diesen Brief als letzten Beweis für meine tiefste Zuneigung, deren Empfindung mich bis ins Mark erschüttert und mich zu verschlingen droht, übersende ich dir und schiebe ihn mit den tauben Fingerspitzen durch den feinen Fensterbruch hinaus in die dunkle Finsternis, in der du auf mich wartest.

———————————————-

„Am heutigen Tage wird das Todesurteil an diesem Manne vollstreckt, der den grausamen Mord an der selbstlosen Evangeline und ihrem Ehegatten gestand und somit seine Schuld zu sühnen hat.“

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An meinen Geliebten

Ein Liebesbrief von Stephanie Schneider

Mein Geliebter,
schon im allerersten Moment, an jenem sonnenwarmen Tag, als sich erst unsere Hände und dann unsere Blicke trafen, schon in dieser Sekunde öffnete sich eine Tür in meinem Herzen.
Ach was, keine Tür, ein riesiges Tor war das, von dem ich nicht einmal ahnte, dass es dort war – noch nie zuvor war mir so etwas geschehen! Mein Lachen, mein Weinen, meine Einsamkeit, meine Freude, meine ganze ziehende, schmerzende Sehnsucht strömten daraus hervor wie ein Sturzbach, auf dich zu, und wollten ein Zuhause finden bei dir. Ach Gott sei Dank war auch dein Herz weit offen, mehr noch, es hielt dem Ansturm stand und nahm mich auf.
Seitdem bist du für mich der Ort, den ich Geborgenheit und Glück nenne. Von deinen Armen gehalten, deine Brust mein Kopfkissen, kann ich mich sorglos fallen lassen. Dein Körper umgibt mich, schmiegt sich mit seiner Weichheit an und gibt mir Halt mit seiner Härte. In der Nacht kann mir nichts Böses geschehen, so lange du bei mir liegst, denn du hältst die wilden Tiere und schaurigen Nachtmahre fern.
Deine Küsse schmecken so köstlich, besser als jedes Festmahl! Geradezu verboten gut sind sie – ich tauche meine Zunge ein wie früher ins Honigglas, um auch noch den allerletzten Rest aufzuschlecken. Und sehe mich verstohlen um, ob auch kein Neider uns beobachtet.
Ich begegne uns in deinen Augen. Sie sind Spiegel deiner wie auch meiner Seele geworden, so weit ist es gekommen! Ich kann meinen Ärger nicht festhalten, wenn ich sein Spiegelbild in deinen Augen erkenne. Und ist es deine Plage und dein Schmerz, der ihr klares Blau trübt, reißt das eine Wunde in mein Herz. Ach, könnte ich doch dann das eine richtige Wort finden, um die Schatten auf Nimmerwiedersehen zu vertreiben!
Lachen will ich mit dir und das Leben genießen, auf jeden Fall heute. Komm mit, lass uns feiern, lass uns die Nacht durch tanzen! Wir vergessen die Endlichkeit, die gibt es für uns nicht mehr. Den Tod, wenn er kommt, den nehmen wir in die Mitte wie einen alten Bekannten. Trennen kann er uns nicht, denn ich liebe dich, mein Gefährte, mein Freund, mein Geliebter.


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Hoffnung

Liebe Karin,

Ein Liebesbrief von Angela Dragon

Vermutlich werden dich meine Zeilen überraschen oder auch nicht. Ich bin mir nie sicher was in dir vorgeht, wenn du in meiner Nähe bist. Du bist rätselhafter als eine Sphinx. Und doch kann ich meine Gedanken nicht von dir lenken. Es fällt mir so schwer, mich dir gegenüber auszudrücken.
Nur mit den Händen ist es unmöglich, das zu sagen, was ich empfinde.
Bitte versteh das nicht falsch. Du hast in so kurzer Zeit gelernt, mit mir auf diese Weise zu reden. Diese Stunden mit dir waren für mich besondere Momente, in denen ich alles dafür getan hätte, um die Zeit anzuhalten. Allein um zu verstehen, warum du so anders bist. Kein Vergleich zu den anderen Mädels.
Seit dem Tag, an dem die Welt für mich stumm geworden ist, wurde ich anders behandelt. Die Mädels mochten noch so süß lächeln, aber immer konnte ich das Mitleid spüren. Anders als bei dir. Dein Lächeln ist das wunderschönste für mich. Offen, ehrlich und direkt.
Erinnerst du dich an unser erstes Treffen? Naja, wenn dieses überhaupt zählt. Wer denkt schon an einen besonderen Moment in einem Krankenzimmer. Für mich war es jedenfalls so. Schon in diesem Augenblick wusste ich, dass du anders bist. Aber nicht, wie anders.
Jetzt, da ich weiß, wer du wirklich bist, verstehe ich es.
Und das ändert nichts an dem, was ich über dich denke. Du bist für mich ein Engel, der unerreichbar ist. Keine Ahnung, wie es sein wird, wenn du fort bist.
Daran möchte ich nicht denken. Allein weil es schmerzt, zu wissen, dass ich dich nicht mehr sehen werde. Und ich bedauere zutiefst, dass ich dich nicht hören konnte. Vermutlich würde ich selbst mit dem Teufel einen Pakt eingehen, um nur ein einziges Mal deine Stimme hören zu dürfen. Das Lachen verbunden mit den kleinen Grübchen und deinen strahlenden Augen.
Vielleicht empfinde nur ich so. Vielleicht kannst du dir nicht vorstellen, welche Gefühle in meiner Brust toben. Und selbst wenn diese Liebe, die ich empfinde, nur einseitig ist, genügt es mir vollkommen, so lange an deiner Seite zu bleiben, wie es geht.
Ist es lächerlich zu wünschen, dass wir uns vielleicht in einem anderen Leben wiedertreffen? Unter anderen Umständen, die deinen Weg nicht vorbestimmen? An einem Ort, wo du ein normaler Mensch sein kannst?
Der Kummer wird weniger, wenn ich deine Hand auf meiner spüre. Diese Wärme, die nicht echt ist. Selbst wenn ich deinen Puls fühle, der mir vorgaukelt, dass ein Herz in deiner Brust schlägt. Dein wacher Blick, der mir zeigt, wie selbstverständlich es sein kann, miteinander umzugehen. Und doch ist da eine Kluft, die uns trennt. Es mir unmöglich macht, dir nahe zu sein. Mir ist gleich, ob eine KI dich geboren hat. Du zeigst mehr Gefühl, Verständnis und Wärme als meine Mitmenschen.
Es mag kitschig klingen, doch ich wäre bereit, für dich in den Kampf zu ziehen und alle aufzuhalten, die dir wehtun wollen. Ich weiß, ich bin nicht so stark oder so schnell wie die kleine Familie, in die du mich aufgenommen hast. Aber ich wäre bereit, die Grenzen meines Körpers zu sprengen.
Wenn ich dadurch weitere Augenblicke herauszuschlagen kann, um deine Hand halten zu dürfen, dann mache ich das auch.
Entschuldige meine Feigheit dafür, dass ich dir diesen Brief nicht zu einem Zeitpunkt übergebe, in dem mein Herz noch schlägt.
Keine Ahnung, ob dieser Brief dich je erreicht. Und ob du meine Gefühle verstehst.
Aber mit diesen Zeilen will ich das ausdrücken, was ich mit den Händen nicht vermochte. Ich hoffe inständig, dass es für uns beide eine Zukunft gibt. Eine, in der du an meiner Seite sein darfst, ohne dass das Damoklesschwert über unseren Köpfen schwebt.
Ich bin ein hoffnungsloser Optimist. Darum glaube ich fest daran. Bis dahin, vergiss mich nicht.

In Liebe, Henry

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Die Zeitreisenden 10

3. Tag der Entscheidung – Teil 3

Der Mann nickte. »Umso besser.« Man sah ihm an, dass er liebend gern Fragen gestellt hätte, doch sah er ein, dass das warten musste. Hier ging es um ein Menschenleben.
Sie trugen die Bewusstlose Sequel zum Flieger, wo Dunn sie so gut es ging, auf der Rückbank befestigte. Der Pilot war inzwischen auch startbereit. Unvermittelt hob er ab und Dunn fühlte ein flaues Gefühl in der Magengrube, als die Maschine nach vorn kippte und Fahrt aufnahm.
»Wo fliegen Sie mit uns hin?!«, brüllte Dunn gegen den Lärm nach vorn.
»Idaho-Falls! Es ist ein paar Meilen weiter als Billings, aber die Klinik dort hat einen guten Ruf. Wir werden über Funk durchgeben, dass wir kommen. Machen Sie sich keine Sorgen! Wenn man ihrer Freundin helfen kann, dann dort!«
Dunn sah Brungk an, in dessen Augen sich ebenfalls Besorgnis widerspiegelte. Er war im Grunde froh, dass die Turbine des Helikopters durch ihren Lärm jedes Gespräch von selbst verbot. So konnte er sich ungestört um Sequel kümmern, die das Bewusstsein noch immer nicht wiedererlangt hatte. Immer wieder tastete er nach ihrem Puls, der
schwach zu spüren war. Die Angst, dass sie womöglich zu spät in der Klinik eintreffen könnten, verursachte ihm beinahe körperliche Schmerzen. Die Zeit schien sich wie ein Gummiband zu ziehen, obwohl der Pilot alles aus dem Flieger herausholte.
Schließlich erreichten sie Idaho-Falls und landeten auf dem Hubschrauberlandeplatz vor dem Gebäude. Sanitäter warteten bereits mit einem fahrbaren Bett auf sie.
Als sie gelandet waren, legten sie die Verletzte darauf und verschwanden im Laufschritt mit ihr im Gebäude. Dunn sah ihnen nach und wäre am liebsten gleich hinterhergelaufen.
»Sie ist in guten Händen«, sagte der Kopilot, nachdem er den Helm abgenommen hatte. »Glauben sie mir. Sie können jetzt nichts tun – abgesehen davon, uns zu erklären, was sich auf dem Plateau im Park ereignet hat. Fangen wir einfach damit an, wer Sie eigentlich sind.«
Dunn hatte bereits erwartet, dass man sie zunächst nach ihren Identitäten fragen würde, und hatte sich etwas zurechtgelegt, von dem er nicht wusste, ob man es ihm abkaufen würde.
»Mein Name ist Wayne Dunn«, sagte er. »Ich bin Sheriff in Thedford, Nebraska. Das werden Sie schnell nachprüfen können. Meine Papiere habe ich allerdings nicht bei mir. Sie liegen im Handschuhfach meines Autos, auf einem Parkplatz bei Cody.«
Er nickte. »Gut, das werden wir dann sehen. Wer sind die anderen?« Dunn wies auf Brungk. »Brungk Porter, ein Freund aus Kansas.«
»Brungk? Was ist denn das für ein Name?«
»Das sollten Sie besser meine Eltern fragen«, sagte Brungk geistesgegenwärtig.
»Leider sind sie schon seit ein paar Jahren tot.«
»Können Sie sich ausweisen?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Ich hab beinahe alles bei dieser rätselhaften Explosion verloren. Tut mir leid.«
»Aber ich kann für ihn bürgen«, bot Dunn gönnerhaft an. »Darf ich fragen, wer Sie eigentlich sind? Ein einfacher Sanitäter sind Sie gewiss nicht.«
Der Mann grinste. Er zog einen Ausweis hervor und reichte ihn Dunn. »Agent Doyle, Staatspolizei Wyoming. Wir wurden über die Explosion im Park informiert und wollten uns dort umsehen.«
Dunn gab den Ausweis zurück. »Danke. Dann sind wir in gewisser Weise Kollegen.«
»In gewisser Weise. Aber zunächst: Wer ist die junge Dame, die wir notfallmäßig hergeflogen haben?«
»Sequel Bannister.«
»Sequel?«, fragte Doyle und winkte dann ab. »Ich weiß schon. Das sollte man die Eltern fragen. Hat sie irgendwelche Papiere?«
»Ich fürchte nein«, sagte Dunn bedauernd. »Die Explosion, wissen Sie?«
»Zurück zu dieser Explosion. Was haben Sie damit zu tun?«
»Was sollen wir damit zu tun haben? Wir waren auf einem Marsch durch den Park, und haben ganz in der Nähe gezeltet. Das Zelt sollte noch dort stehen. Wir wurden von dieser Erscheinung ebenso überrascht wie sie. Auf einmal waren überall Blitze und Feuer, dann gab es diesen gewaltigen Knall, und den Rest kennen Sie. Ich wüsste nicht
einmal, womit man so etwas überhaupt auslösen könnte … Vielleicht hat es einfach damit zu tun, dass der Nationalpark ein tektonisch recht akives Gebiet ist?«
Doyle presste seine Lippen aufeinander und überlegte. »Nicht sonderlich überzeugend, Ihre Geschichte, aber aktuell können wir sie auch nicht widerlegen. Wir rätseln auch noch, was eine so gewaltige Explosion ausgelöst haben könnte.«
»Agent Doyle, ich werde mich einer weiteren Befragung ganz sicher nicht entziehen. Sie werden feststellen, dass ich in meiner Heimatstadt als sehr zuverlässig bekannt bin. Aber jetzt würde ich liebend gern in dieses Gebäude gehen, um mich um Sequel zu kümmern.«
Doyle lächelte gequält. »Gehen Sie schon. Der Rest hat Zeit.«
Dunn lief sofort los und Brungk folgte ihm. Sequel war bereits im OP. Eine Schwester wies ihnen einen Platz im Warteraum zu. Kaffee und Zeitschriften wies er dankend zurück. Er hätte keine Ruhe dafür gehabt. Immer wieder sprang er auf und lief hin und her. Er kam sich vor, wie ein Tiger im Käfig.
»Nun setz dich doch hin«, forderte Brungk. »Das bringt doch nichts.«
Zwei Stunden mussten sie warten, bis schließlich ein Arzt aus dem OP kam und auf sie zu trat. Er nahm den Mundschutz ab. »Sind Sie ein Angehöriger der Patientin?«
»Keine Angehörigen«, sagte Dunn. »Aber wir waren mit ihr zusammen, als es geschah. Wie geht es ihr? Schafft sie es?«
Hoffnungsvoll richtete er seinen Blick auf den Arzt.
»Sie wird leben«, sagte er. »Die Metallspitze hat, wie durch ein Wunder, weder das Herz selbst, noch den Herzbeutel verletzt. Die Aorta wurde knapp verfehlt. Aber die Lunge wurde durchdrungen. Als wir das Metallteil aus dem Brustkorb entfernten, wollten wir das Lungenfell nähen, aber die Wunde schloss sich von selbst. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Können Sie mir über diese Frau nähere Informationen geben. Woher sie kommt und ob es vielleicht medizinische Unterlagen über sie gibt?«
»Kann ich zu ihr?«, wollte Dunn wissen.
»Sie ist noch nicht aus der Narkose erwacht. Sie müssen noch warten. Eine Schwester wird Ihnen Bescheid geben.«
Dunn drückte den völlig verduzten Arzt und bedankte sich bei ihm. Er vergaß völlig, sich weiter nach seiner Patientin zu erkundigen.
Das weitere Warten war zwar nervtötend, doch wusste er zumindest, dass Sequel wieder gesund werden würde.
Als endlich die Schwester erschien, um ihm zu sagen, dass er jetzt zu der Patientin dürfe, war ihm regelrecht mulmig zumute. Wie würde sie reagieren? Plötzlich hatte er Angst, sie könnte völlig anders empfinden als er. Was, wenn er sich alles nur eingebildet hatte? Sein Blick traf den Brungks.
»Na geh schon«, sagte er. »Und versteck dich nicht wieder hinter einer Maske. Lass sie ruhig wissen, wie es in dir aussieht.«
Dunn folgte der Schwester durch die Gänge der Klinik und hätte sie am liebsten angeschoben, damit sie schneller lief. Als sie auf die Tür zu einem Zimmer deutete, zögerte er sekundenlang, die Klinke niederzudrücken. Er atmete tief durch und öffnete die Tür. Dahinter lag ein typisches Krankenhauszimmer mit einem einzelnen Bett und zahllosen Instrumenten. Im Bett lag eine junge, weißblonde Frau, an der verschiedene
Sensoren angebracht waren. Ein dünner Schlauch führte in ein Nasenloch. Auf den zweiten Blick bemerkte er, dass sie wach war. Müde Augen blickten ihn an.
»Wayne«, flüsterte sie. »Schön, dich zu sehen.«
Dunn eilte zu ihrem Bett und beugte sich über sie. Er griff eine Hand und streichelte sie sanft. »Ich bin so froh. Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren.«
Sequel versuchte, zu lächeln, doch es gelang ihr nicht gut. »Ich bin zäh. Sag: Haben wir versagt? Ist uns das Skriikravkniikth entwischt?«
»Nein«, sagte Dunn lächelnd und strich ihr über das Gesicht. »Es ist uns nicht entwischt. Wir haben es ihm gezeigt. Es wurde in einer gewaltigen Explosion vernichtet.«
Sie schluckte. »Dann ist die Mission beendet. Brungk und ich sind somit frei.«
Tränen erschienen in ihren Augen. »Du ahnst nicht, wie erleichtert ich bin. Und danke, dass du uns so geholfen hast. Ohne dich wären wir vermutlich gescheitert. Du kannst jetzt zurückkehren in deinen Ort und alle Menschen dürfen weiterleben.«
Dunns Gesichtszüge froren ein. »Was meinst du damit? Ich soll in meinen Ort zurückkehren? Und was ist mit dir?«
»Brungk und ich sollen versuchen, in der Welt dieser Zeit Fuß zu fassen. Du bist uns nichts mehr schuldig, Wayne. Ich danke dir für alles.«
»Moment!«, rief Dunn heftiger als beabsichtigt. »So einfach ist das nicht! So einfach wirst du mich nicht los! Nicht, nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben. Vielleicht beurteile ich ja alles falsch, aber wenn ich gehen soll – wenn du willst, dass ich nach Thedford zurückkehre und dich hier zurücklassen soll, sag es mir direkt ins Gesicht. Ich kann nicht glauben, dass du so empfindest.«
Sequel sah ihn lange schweigend an, und Dunns Hoffnung schwand allmählich dahin. Dann begann sie zu sprechen: »Willst du mich denn nicht zurücklassen? War es nicht nur dein Versprechen, uns zu helfen, weswegen du bei uns geblieben bist?«
»Das fragst du nicht im Ernst! Verdammt, ich bin zuletzt nur deinetwegen geblieben. Vermutlich warst es immer nur du, und ich hab es nur nicht begriffen. Als du dann verletzt wurdest, verspürte ich eine furchtbare Angst, du könntest sterben. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass ich dich liebe. Ich könnte dich überhaupt nicht verlassen, verstehst du? Die Frage ist nur, was du willst? Was siehst du in mir?«
Sequels Gesicht überzog ein Lächeln. »Ich bin noch nicht gut darin, Gefühle zu äußern, aber ich empfinde genauso. Ich will, dass du bleibst. Ich möchte mit dir zusammen sein. Könntest du dir das vorstellen?«
Dunn beugte sich zu ihr herab und küsste sie. Sequel war erst überrascht, erwiderte dann jedoch den Kuss leidenschaftlich, bis ein Hustenreiz sie unterbrach.
»Versprich mir, dass du das wiederholst, wenn ich dieses Bett verlassen darf.«
Dunn lachte. »Das muss ich dir nicht erst versprechen. Du wirst dich nicht beklagen müssen.«
Sie lächelte erneut. »Ich freue mich darauf. Aber jetzt fühle ich mich unsagbar müde und würde gern etwas schlafen. Sei mir nicht böse.«
»Ich bin dir doch nicht böse. Ich werde warten, und wenn du erwachst, werde ich gleich da sein. Ich werde dich nicht allein lassen.«
Sie griff seine Hand und sah ihn glücklich an. »Mir geht es gleich etwas besser. Und noch eines: Ich liebe dich auch.«
Er gab ihr noch einen sanften Kuss und ließ sie dann schlafen. Als er den Raum verließ, wartete Brungk draußen auf ihn. »Wie geht es ihr?«
»Ich konnte mit ihr sprechen. Sie wird wieder gesund, ist aber jetzt noch müde und muss schlafen.«
»Sollen wir etwas essen gehen?«, fragte Brungk. »Ich könnte was vertragen.«
»Mich bekommst du hier nicht weg.«
Brungk grinste. »Du hast es mit ihr geklärt?«
Dunn nickte. »Jep.«
»Was hat sie gesagt?«
»Sie möchte, dass wir zusammenbleiben, und …«
Brungk sah ihn erwartungsvoll an. »Und? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.«
»Sie liebt mich.«
»Das hat sie tatsächlich gesagt?«
Dunn warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Wieso? Ist das so schwer zu glauben?«
»Nein, eigentlich nicht. Du musst nur verstehen, aus was für einer Welt wir stammen. Unser früheres Leben war nicht eben emotional. Wir wurden für genau eine Aufgabe geschaffen, die wir jetzt gemeinsam erledigt haben. Ich kann mich nicht erinnern, bei Sequel vor unserer Ankunft auf der Erde Gefühle bemerkt zu haben. Dass es jetzt anders ist, liegt ganz sicher an dir.«
»Und du?«, fragte Dunn. »Du warst immer mit Sequel zusammen. Wieso gelang dir die Anpassung leichter als ihr?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Als ich Melanie traf, war es, als öffne sich in mir ein Fenster. Es war, als wäre ich in diesem Moment zu einem Menschen dieses Planeten geworden. Vermutlich hast du mit Sequel das gleiche getan.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt etwas getan habe.«
Brungk nickte. »Doch. Hast du. Glaub mir.« Er erhob sich. »Dann besorg ich uns mal was zum Essen, okay. Und gibst du mir dein Mobiltelefon?«
Dunn zog es hervor. »Was willst du damit?«
»Melanie anrufen. Sie hat verdient, zu erfahren, dass es uns gut geht, oder nicht?«
»Natürlich. Grüß sie schön.«
Brungk hatte sich schon abgewandt, als ihm noch etwas einfiel. »Sag mal Wayne: Hier bei euch braucht man doch für alles Papiere. Wie kommen denn Sequel und ich an solche Papiere? Wir sind doch aus dem Nichts bei euch aufgetaucht.«
Dunn lächelte verschmitzt. »Natürlich hattet ihr Papiere. Brungk Porter und Sequel Bannister haben leider alles bei der Katastrophe verloren, nicht wahr? Sobald wir zurück in Thedford sind, beantragen wir Ersatzpapiere für euch. Das bekomm ich schon hin.«
»Das geht so einfach?«
»Nein, wir müssen lügen wie gedruckt, das ist alles.«
Brungk schaute ihn erst fragend an, dann lachte er los und verschwand, immer noch lachend, im Gang nach draußen.
Dunn blieb allein auf dem Gang zurück und setzte sich auf einen Stuhl, der neben der Tür stand. Die Ereignisse der letzten Wochen zogen an seinem geistigen Auge vorbei. Er hatte Abenteuer erlebt, die es nicht geben sollte, hatte Menschen kennen und lieben gelernt, die es eigentlich nicht gab und eine Frau gefunden, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht von dieser Welt war. Wie oft hatte er in seinem Büro in Thedford gesessen und sich gewünscht, sein Leben wäre interessanter. Jetzt fragte er sich, ob er sich nicht doch lieber die beschauliche Ruhe von Thedford wünschen sollte.
Sequel schlich sich in seine Gedanken, und ihm wurde warm ums Herz. Ganz so beschaulich würde die Zukunft doch nicht werden. Dunn lächelte. Jetzt würde es wieder eine Zukunft geben, und er würde sie nicht allein erleben.
Ein Geräusch ließ Dunn aufmerken und er sah Brungk, der ihm sein Telefon entgegenhielt. »Danke. Ich soll dich von Melanie grüßen.«
Er griff das Gerät und ließ es in seine Tasche gleiten. »Weiß sie inzwischen Bescheid?« Brungk setzte sich neben ihn und schüttelte den Kopf. »Das wird das Erste sein, wenn wir zurück in Thedford sind. Sie soll alles erfahren. Wenn wir zusammenbleiben wollen, sollte es keine Geheimnisse zwischen uns geben.«
»Sehe ich genauso.«
»Da gibt es noch etwas anderes, über das gesprochen werden muss.« Brungk griff in seine Tasche und holte ein Fläschchen mit Tabletten hervor.
»Was ist das?«
»Ein genveränderndes Präparat. Es lag bei unserer Ausrüstung in der Kapsel. Ich biete es dir an und auch Melanie – wenn Ihr es wollt.«
Dunn betrachtete den kleinen Behälter misstrauisch. »Ich wiederhole meine Frage. Was ist das?«
»Hast du etwa Angst, ich wollte dich vergiften? Ich bitte dich … Wir sind Freunde. Du hast uns geholfen, in dieser Welt und in dieser Zeit Fuß zu fassen.«
»Willst du meine Frage nicht beantworten?«, fragte Dunn. »Ich werde dieses Zeug nicht schlucken, bevor du mir erklärt hast, was ich tue. Genverändernd, sagst du?«
Brungk nickte. »Welche Lebenserwartung habt Ihr Menschen dieser Zeit?«
»Bitte?«
»Im Ernst. Wie alt werden Menschen in der Regel?«
Dunn überlegte. »Da gibt es keine Regel, aber wenn jemand neunzig Jahre alt wird, ist das schon ein ordentliches Alter.«
»Was würdest du sagen, wenn ich dir erzähle, dass ich eine Lebenserwartung von bis zu tausend Jahren habe? Dasselbe gilt natürlich auch für Sequel. Wenn Ihr ein Paar werdet und auch bleibt, wirst du irgendwann zum Greis werden, während Sequel noch immer eine junge Frau ist.«
»An so etwas hätte ich überhaupt nicht gedacht«, sagte Dunn geschockt.
Brungk hielt ihm das Fläschchen hin. »Damit muss es nicht so kommen. Es verändert deine Gene und verleiht auch dir eine uns vergleichbare Lebenserwartung. Überleg es dir. Dieses Mittel macht dich uns ähnlicher – in jeglicher Hinsicht. Es könnte der Startschuss sein, aus uns eine regelrechte kleine Familie zu machen. Ich würde mich freuen.«
Dunn griff das Fläschchen und hielt es vor seine Augen. Der Inhalt bestand lediglich aus einer Reihe von Tabletten. »Danke Brungk, ich werde es mir überlegen und mit Sequel darüber sprechen. Es hat ja sicher noch Zeit, oder?«
»Wayne, wir haben alle Zeit, die wir uns nehmen – und wenn du diese Tabletten nimmst, noch viel mehr.«

*** ENDE ***

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Die Wölfe von Asgard – Der Wald der Geister

Das blinzelnde Morgenlicht des aufkommenden Frühlings streckte seine wärmenden Fühler nach ihm aus und weckte ihn aus den Träumen der vergangenen Nacht. 
Gähnend wandte sich Yorrik unter den Fellen hervor und rieb sich den Schlaf aus den Augen. 
Der heutige Tag würde ihm eine Menge Arbeit bescheren, denn als Schiffsbaumeister oblag ihm die Verantwortung über Jarl Islavs Flotte. 
Dieser hatte ein weiteres Drachenboot in Auftrag gegeben, um den anstehenden Viking mit noch mehr Männern auszustatten. 
Doch Arbeit war Yorrik wahrlich willkommen, sicherte sie ihm und seiner Familie doch den Lebensunterhalt. Er schlüpfte aus dem Bett und hinein in seine Kleidung, ein dickes Wollhemd und ein Mantel darüber, dazu feste Stiefel aus Wildschweinleder. 
Astrithr und seine beiden Töchter, Svea und Maer begrüßten ihn am Esstisch, welcher mit Brot, Käse, Gemüse aus dem Garten und Aegirs gutem Fisch gedeckt war. Mehrere Kerzen und ein kleines Feuerchen in der eingelassenen Kochnische erfüllten den fensterlosen Raum mit ihrem flackernden Schein. 
»Vater, ich habe heute Nacht ein Alb getroffen!«, krähte die fünfjährige Svea, während sie mit ihrem dicken braunen Zopf herumspielte und ihn mit eisblauen Augen musterte.
»Dass das Kind immer solche Flausen im Kopf haben muss«, seufzte der Schiffsbaumeister, tätschelte seiner Tochter den Kopf und reichte ihr eine Schale mit Milch, die kurzerhand von der Kleinen verputzt wurde. 
Dann setzte er sich auf seinen Schemel.
»Ich will auch!«, meldete sich ihre große Schwester zu Wort und wedelte mit der leeren Schale herum. Mit ihrem blonden Haar und den braunen Knopfaugen bot Maer einen auffälligen Gegensatz zu ihrer Schwester, der Yorrik stets verblüffte, wenn er die beiden mit liebevollem Blick betrachtete. Sie sind beide so wunderschön, auf ihre ganz eigene Art.
»Nur die Ruhe, Kind. Wer Unrast säht, wird Eile ernten. Und mir schwebt da schon etwas vor«, kicherte er mit einem diebischen Blick auf die Tür, die in den kleinen Vorgarten führte. 
Das Unkraut dort galt es noch zu beseitigen. 
»Und du sagst, du hast wieder von ihr geträumt?«, erkundigte er sich dann interessiert. »Wenn das kein Zeichen der Götter ist!«, Yorrik lachte bellend und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann griff er nach Brot und Käse und beförderte beides mit geräuschvollem Schmatzen in sich hinein. 
»Erschreck doch die Kinder nicht so. Nur weil sie noch an etwas glauben«, meckerte seine Frau mit tadelndem Finger. Astrithr nahm der Kleinen die Schale ab, bevor sie lautstark nach einem weiteren Nachschlag verlangen konnte, und brachte sie in den Zuber. 
»Sie waren da. Wie immer«, protestierte Svea und verschränkte trotzig die Arme. 
»Wer? Die Wassermänner? Die Waldgeister? Odin persönlich? Oder hat er dir nur seine Wölfe geschickt?«, witzelte Yorrik, nur um von einem liebevollen Klaps seiner Frau zum Schweigen angehalten zu werden. 
Den Kochlöffel in den Händen haltend, wuselte Astrithr um ihn herum, um den gedeckten Tisch abzuräumen. »Wenn du weiter so schlechte Witze von dir gibst, wird Thor dir noch einen Blitz schicken«, ermahnte sie ihn, nur um dann ihrer jüngsten Tochter einen Kuss auf die Stirn zu geben. »Hör nicht auf deinen Vater, Liebes. Du weißt, er mag es dir Unsinn zu erzählen. Er könnte glatt ein Skalde werden.«
Yorrik lachte schallend. »Davon haben wir einen zu viel. Du weißt, ich halte nichts von diesen Märchenerzählern. Und er windet sich förmlich um des Jarls Stiefel. Seit Islav seine geliebte Hagebutte verloren hat, ist er nicht mehr derselbe. Dasselbe könnte man vom Fischer meinen. Heh, ein Dorf voller Trauerschnepfen, die gemeinsam zur See fahren. Man soll ihr Geheule schon von weitem vernehmen können, klagen die Inselmänner mit schmerzenden Ohren. Das wäre doch mal eine gelungene Geschichte, über die es sich zu singen lohnt.«
»Und du baust diesen Schnepfen ein weiteres prachtvolles Drachenboot«, schmunzelte seine Frau und gab ihm einen Kuss. »Wenn das mal kein Zufall ist.«
Wieder musste Yorrik lachen. Er hatte seine Frau schon geliebt, bevor er überhaupt das erste Mal zur See gefahren war. Und seitdem waren schon einige Jahre ins Land gegangen, ohne dass sich etwas daran geändert hatte. Wer konnte ihn an düsteren Tagen zum Lachen bringen, wenn nicht sie? Wer konnte tiefer in seine Seele schauen als sie? 
Astrithr war das Beste, was ihm je widerfahren war und er würde sie bis in die Ewigkeit als seine Frau ehren.

Als es an der Zeit war, erhob er sich aus seinem Schemel und griff nach der großen Axt, die ihn seit jeher in den düsteren Wald begleitete. 
Yorrik befand es immer schon als die oberste Pflicht eines jeden Bootsbauers, die Stämme, die später das Boot bilden sollten, selber auszuwählen und zu fällen. Nur in harter Arbeit fand sich ein so schnelles und wendiges Schiff wieder und er würde den Jarl auch dieses Mal nicht enttäuschen. Er verabschiedete sich von seiner Familie und setze einen ersten Schritt nach draußen.

Auch wenn der Frühling vor der Tür stand und der Schnee schon geschmolzen war, so blieb es dennoch zunächst angenehm frisch draußen und feuchte Atemwolken waberten aus seinem Mund. 
Der blaue Himmel schien heute unbedeckt zu sein, ein klarer und doch kalter Tag kündigte sich an. 
Die Axt in festen Händen, stampfte Yorrik durch das Dorf. Der winzige Markt in dessen Mitte, mit einer Handvoll verwaisten Ständen, schien zu dieser Tageszeit noch wie leergefegt und so behinderte niemand den Schiffsbaumeister auf seinem Weg in den nahgelegenen Wald. 

Doch als er Aegirs Haus passierte, das etwas abgelegen lag, vernahm er plötzlich Stimmen, die wüst miteinander zu schimpfen schienen
»Du kannst ja wieder zu Knutson gehen und ihm die Zunge in den Hals stecken!«, fluchte eine Männerstimme, die nur dem betagten Fischer gehören konnte.
»Und vielleicht mache ich das auch, wenn du nicht endlich aufhörst zu heulen wie ein Kleinkind. Was ist mit meinem Mann geschehen, den ich liebte, dem Reisen, dem Felsen in der tosenden Brandung, dem selbst die Götter ihren Respekt zollten?«, zeterte eine Frauenstimme, die demnach Ylvie gehören musste.
Yorrik horchte gespannt. Er wusste, dass ihn derlei Scherereien nichts angingen, aber auch er hatte mitbekommen, was während des Banketts vorgefallen war und so war seine Neugier geweckt. 
»Er fischt und sorgt sich um seine Familie«, knurrte Aegir wütend. 
»Mit einer Handvoll Krebsen am Tag? Und etwas Dorsch für die Nachbarn? Sieh dir meinen Mantel an, er fällt bereits in sich zusammen. Soll ich frieren, wenn der nächste Winter kommt?«
Yorrik presste sich dicht an die Hauswand, damit die beiden Streithähne ihn nicht bemerkten, dann spitzte er wieder die Ohren.
»Nein…«, begann Aegir zu erklären, doch seine Frau schnitt ihm das Wort ab.
»Du hast die Wahl. Knutson wird sehr wohl für mich sorgen und du weißt, wenn ich meinen Vater nur genug anflehe, wird er unser Bündnis auflösen. Islav ist vielleicht ein alter Mann, aber seiner Tochter wird er nichts abschlagen.«
»Ylvie, tu das nicht. Ich kann das einfach nicht…«, in Aegirs Stimme schwang nun die Verzweiflung mit.
Irgendwie tat er Yorrik Leid. Was nur mit ihm los ist? 
»Du hast die Wahl. Es liegt allein an dir und bleibt deine Entscheidung. Nur triff sie endlich!«, die Tür wurde aufgerissen und jemand trat heraus. 
Schnell machte sich Yorrik daran, unbemerkt zu verschwinden. 

Erst als der Wald vor ihm auftauchte, hörte er auf zu rennen. Schwer atmend hielt er inne, lauschte für eine Sekunde dem pochenden Schlagen seines eigenen Herzens. Du wirst zu alt für sowas.
Er richtete sich auf. Der Weg, der in den Wald führte, war von seinen Lehrlingen bereits mit kleineren Stämmen ausgelegt worden, damit ein größerer Baum schnellstmöglich durch den Wald transportiert werden konnte. 
Yorrik blickte für einen kurzen Moment in die aufgehende Sonne. Ihrem Stand nach zu urteilen, würden seine Jungs bald hier auftauchen. 
Aber bis dahin konnte er sich schon mal ein vielversprechendes Exemplar aussuchen und damit beginnen es zu fällen. 

Die kahlen Äste der Eichen räkelten sich ihm in ihrem uralten Schlaf entgegen, als er die ersten Schritte in den Wald trat, und bald hatten ihn die Stämme umzingelt, rückten immer dichter an ihn heran als würden sie seine Ankunft mit flüsternder Neugierde betrachten. 
Die Luft roch nach feuchter Erde und Laub und war erfüllt von dem morgendlichen Gezwitscher der Vögel. 
Noch hing der Morgentau auf den Gräsern und Farnen, die den Winter überdauert hatten, und spiegelte das frühe Sonnenlicht in tausenden leuchtenden Tränen aus durchsichtigem Kristall wieder. 
Das sanfte Plätschern eines Baches drang in Yorriks Ohr, während er einen schlanken Pfad einschlug, der ihn in den abgelegenen Fichtenhain führen würde. 
Das Holz dieser Bäume eignete sich hervorragend für den Schiffsbau, denn es war robust, aber auch formbar und dadurch wie geschaffen für die Planken, die längsschiff am großen Kiel angebracht wurden. 
Diesen hatten sie schon aus einer riesigen Eiche herausgeschlagen und er wartete im Dorf bereits sehnsüchtig auf seine Fertigstellung.

Das nunmehr eindringliche Rauschen des Baches holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Das kristallklare Wasser schlängelte sich vorbei an großen, moosbedeckten Felsen und ächzenden Baumstämmen, bis es sich schließlich, in einiger Entfernung, tosend ins Meer ergoss. 
Yorrik passierte eine kleine hölzerne Brücke, die über das plätschernde Nass führte, und bereits grün vom Moos war. 
Doch die Vertäuung war erst letzten Sommer ausgetauscht worden und somit stellte sie einen robusten Pfad über den Bach dar.

Nachdem er die Brücke überquert hatte, musste er nur noch die große Felswand hinter sich lassen, die urplötzlich auftauchte und den Wald teilte wie ein grauer Vorhang. 
Selbst bis in diesen tiefen Abschnitt des Forstes hatten seine Lehrlinge die dicken Äste gelegt, denn Yorrik wusste genau, wo es die besten Bäume gab und wie man sie bis zum Schiff transportierte. 
Und nur die besten Bäume wurden für seine Schiffe verwendet, so viel stand fest. 
Der massive Fels verschluckte urplötzlich das Sonnenlicht und der Pfad wurde zunehmend steiler und enger. Zu seiner Linken befand sich die Anhöhe, zu seiner Rechten fiel das Gelände steil ab. 
Dichter Farn wucherte aus dem Boden wie ein Teppich aus wallender grüner Seide, die sich im Spiel des Windes räkelte. Immer wieder ragten große Findlinge der aufgehenden Morgensonne entgegen, nur ihre Spitzen jedoch fingen etwas von dem warmen Licht ein. 
Und schlagartig wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, warum seine Arbeit ihn so sehr beflügelte. Es war dieser Ort, an den er immer wieder zurückkehren durfte, um etwas großartiges aus ihm zu erschaffen. 
Im Stillen dankte er dem Wald für seine großzügige Gabe, denn von den Asen hielt Yorrik nicht sonderlich viel. Kein Platz hatten sie in ihren Hallen, für diejenigen, die keine besungenen Heldentaten vollbrachten und ihre Willkür kannte keinerlei Grenzen. 
Es fiel ihm schwer, den Glauben seiner Frau zu tolerieren, doch er wusste genau, dass ihm ein zu großer Unmut über die Götter vermutlich Pech bescheren würde. 
Die Felswand fiel so urplötzlich wieder ab wie sie vor ihm aufgeragt war und nun war Yorrik fast an seinem Ziel angelangt. Vor ihm erstreckten sich die Wipfel der dicht an dicht stehenden Kiefern. 
Wenn er genau hinsah, konnte er erkennen, wie sie, in einiger Entfernung, die Sonne in zwielichtigen Strahlen hindurchließen, denn dort fiel das Gelände zu einer steilen Klippe ab, von wo aus man eine vorzügliche Aussicht über die Skiringssaler Bucht genießen konnte. 
Ein dumpfes Grollen riss ihn aus seiner Faszination. Entsetzt taumelte Yorrik einen Schritt rückwärts, erst dann bemerkte er die Felsbrocken, die sich aus ihrer Verankerung gelöst hatten und auf ihn zugeschossen kamen. 
Er spürte nur noch einen kreischenden Schmerz, als ein faustgroßer Stein seine Schläfe traf und er ohne eine weitere Regung zu Boden ging. 
Dann wurde alles schwarz.

Yorrik wusste nicht, wie lange er so dalag, regungslos schlief, nicht lebendig und doch nicht tot. Er öffnete blinzelnd die Augen, denn das Licht schien ihn förmlich zu durchdringen, so hell strahlte es durch die grünen Wipfel der riesigen Bäume, die sich raunend bewegten. 
Er erkannte die Adern der einzelnen Blätter, durch die das Leben pulsierte, sie spielten ihm ein gemeinsames Lied, das von Glückseligkeit zeugte. Und dann wurde er stutzig. 
Es war doch erst Frühling? Es müsste eigentlich bitterkalt sein und die Bäume karg! Er war in einem Teil des Waldes, den er nicht kannte. Wo waren die Fichten oder die Felswand, unter der er zu Boden gegangen war? Yorrik bemerkte nichts dergleichen. Nur die riesigen Bäume, deren dichtes grünes Blätterdach ihn bei weitem überragte.
Und die Wärme. Es war wohlig warm. Viel zu warm für diese Jahreszeit. 
Die Sonne schien problemlos zu ihm durchzudringen, ihre strahlende Berührung prickelte angenehm auf seiner Haut. 
Verdutzt rappelte sich der Schiffsbaumeister auf. 
Saftiger Farn spross aus dem Boden, verwandelte sich vor seinen Augen, und aus kleinen Winzlingen wuchs schlagartig ein dichtes Gebüsch, das die Bäume erklomm, sie umschlängelte wie ein riesiges Tier. 
Immer mehr Farne drangen aus dem Boden und schossen in die Höhe. 
Eine sanfte Stimme drang durch den Wald, formte eine Melodie, die Yorrik das Herz zerriss und es gleichzeitig in Wallung brachte. 
Er setzte vorsichtig den ersten Schritt, ungläubig darüber, was ihm gerade widerfuhr. Er traute seinen Augen nicht, dies musste ein Streich der Götter sein, die er doch stets geleugnet hatte. 
Bedacht darauf, keine der Pflanzen zu berühren, trat er vorwärts, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Die Melodie führte ihn ganz von alleine, immer tiefer in den Wald hinein. 
Die wuchernden Blätter streckten sich ihm entgegen, strichen über seine Haut als wollen sie ihn umarmen, ihn willkommen heißen. 
Mit offenem Mund wandelte Yorrik durch das dichte Gebüsch, dies musste wahrlich ein Zauber sein. Wo bin ich hier? Schlafe ich oder weile ich unter den Geistern meiner toten Ahnen?

Bevor er weiter darüber sinnieren konnte, vernahm Yorrik das Rauschen eines Wasserfalls. Bin ich wieder bei dem Bach angelangt?
Schnell wurde ihm klar, dass dem nicht so war. 
Vor ihm erstreckte sich eine Lichtung, in der sich ein kleiner Wasserfall durch schneeweißes Gestein arbeitete, um sich dann in einen kleinen Weiher zu ergießen. 
Unter dem rauschenden Wasser stand eine gedrungene Gestalt, die eine goldene Fiedel spielte. Der herzzerreißende Klang musste von dort stammen. 
Vorsichtig schlich sich der Schiffsbaumeister näher heran, bis er eine Stimme vernahm, die zu singen schien.

Durch Dunkelheit gebunden, von Götterhand erwählt,
Die großen Augen funkeln, verschleppt in ihre Welt.
Doch oh weh, auch dieses Mal die Kette bricht erneut.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, und fressen wird er euch!

Die Götter, sie verzweifeln und leisten einen Schwur.
Den Fenriswolf zu geißeln, und das mit einer Schnur.

Doch oh weh, auch dieses Mal, der Fen wittert Betrug.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da und fordert ein Tribut.

Die Götter sind verwegen, nur trauen tut sich Tyr.
Die Hand ins Maul zu legen, zu binden das Getier. 
Doch oh weh, auch dieses Mal, der Arm er reißt entzwei.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, bis Ragnar ist er frei.

Als das Männchen erkannte, dass sich jemand an seinem Weiher befand, verstummte es und beäugte den Neuankömmling mit neugierigen Augen, so klar wie die See an einem windstillen Tag, wobei es den Kopf leicht schief legte und seltsam lächelte. Ein Bart aus Algen wucherte in seinem grünlichen Gesicht und es konnte die Fiedel, trotz seiner Schwimmhäute an den Fingern, gar zu vortrefflich spielen. »Was haben wir denn da?«, fragte es mit froschigem Quaken. »Einen Zweifler?« Es schien den Kopf noch ein kleines Stückchen schiefer zu legen, wobei das Grinsen in seinem Gesicht sich im gleichen Maße ausbreitete. 
»Bist du… ein Wassermann?«, keuchte Yorrik atemlos. Das konnte doch nicht möglich sein. Solche Wesen gab es doch nur in Erzählungen. Oder etwa nicht?
Das Männchen watschelte mit seinen kleinen Beinen aus dem Wasserfall heraus und setzte sich auf einen nahgelegenen Fels. 
»Das bin ich. Und ich bin schrecklich hungrig«, erklärte es mit einem Seufzer. »Hast du nicht Lust mir ein Tischlein zu decken, mit Hammelfleisch, dass du einen Mond lang jeden siebten Tag aus dem Hause des Nachbarn stielst? Dafür zeige ich dir, wie man die Fiedel spielt, bis die Hände bluten und selbst Großmütterchens lahme Beine einen wilden Tanz anstimmen.« 
Yorrik wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte und stammelte eine Antwort.
»Dir das Singen beizubringen, wird eine harte Arbeit«, seufzte das Männchen kopfschüttelnd. »Aber sie wird getan. Hammelfleisch ist, was ich dafür brauche.«
Endlich erlangte Yorrik seine Sprache wieder. »Ich bin aber Schiffsbaumeister. Ich brauche das Singen nicht zu lernen. Dafür haben wir einen Skalden. Ich würde lieber erfahren, wo ich hier bin und was das Ganze soll. Ich muss ein Drachenboot fertigstellen und dafür muss ich Heim. Ich befürchte, ich habe mich verirrt.«
»Nicht mal eine einzige saftige Keule willst du mir bringen?«, der Wassermann schien ehrlich enttäuscht. 
Yorrik erwiderte nur mit einem fassungslosen Kopfschütteln. »Nun, nein, befürchte ich. Es sei denn, du kannst mich hier herausgeleiten.«
»Nein, nein, nein! Das kann ich nicht!«, zeterte das Männchen vehement. »Ich bin ein Mann der Kunst, ein Meister der Verse. Wenn du Hilfe brauchst, musst du schon zur Mutter des Waldes gehen.«
»Und wo finde ich die?«, allmählich tanzte ihm der Kleine auf der Nase herum.
»Na im Wald«, das Männchen kicherte spitzbübisch, dann zeigte es auf einen Baum. »Da biegst du rechts ab. Dann immer geradeaus, dann wieder rechts. Dann linksherum und wieder geradeaus, bis du angekommen bist. Verstanden?«
»Nicht im geringsten. Aber ich werde sie schon finden«, gestand der Schiffsbaumeister seufzend. Dann machte er sich auf den Weg.
»Warum habe ich dafür keine Keule verlangt?«, vernahm er noch das Grübeln des Wassermannes, während er sich wieder durch das Gebüsch arbeitete. 

Der Wald nahm ihn wieder vollständig für sich ein und es kam Yorrik wie eine Ewigkeit vor, während er ziellos durch ihn hindurchstreifte. 
Dunkelgrünes Moos bedeckte den Boden und jeder seiner Schritte erschien ihm plötzlich federleicht. Wenn es die Mutter des Waldes wirklich gab, so musste sie doch irgendwo hier zu finden sein? 
Er traute sich nicht zu rufen. Wer wusste schon, was dieser Wald noch alles beheimatete?

Dann erinnerte er sich wieder an die ersten Worte, die ihm der Wassermann zugerufen hatte. 
Ich… ein Zweifler? Vielleicht hätte ich Svea öfter zuhören sollen. Yorrik verfluchte seine Blindheit. 
Seine Frau trug eben mehr Weisheit in sich, als er es je gekonnt hätte. Und nun wurde er dank seiner Narretei von den Göttern verhöhnt, gefangen an diesem Ort, wo jeder seinen Schabernack mit ihm trieb, wie es ihm beliebte. 
Er trat, in düsteren Gedanken versunken und ohne es zu merken, auf einen Ast, der knackend entzweibrach. Yorrik fuhr stocksteif zusammen und blickte sich um. Sein Herz pochte eine wilde Melodie. 
Und dann wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, dass er nicht mehr alleine war.

Er befand sich abermals auf einer Lichtung, vor ihm ragte eine einzige riesige Eiche in den Himmel, ihr Stamm musste dicker sein als sein Haus in Skiringssal und das dichte Blätterdach erstreckte sich so hoch, dass es den Himmel zweifelsohne berühren musste. 
Der uralte Baum war durchzogen von Moos und dicken Efeuranken, auch hier wucherte der mystische Farn am Stamm entlang, welcher zudem mit Pilzen besetzt war, die in einem hellen orangen Licht erstrahlten. 
Dicke Wurzeln, breit wie sein ganzer Körper, stießen durch die Erde und traten an den unterschiedlichsten Stellen wieder aus ihr heraus. 
Leuchtende Käfer summten geschäftig über die Lichtung und fast urplötzlich verschwand die Sonne am Horizont und wich der beginnenden Abenddämmerung. 
Was Yorriks Aufmerksamkeit jedoch besonders auf sich zog, war eine Bewegung zu Füßen des Baumes. 
Eine Frau stand dort. Ihr Körper, aus Wurzeln, Farn und Moos gemacht, räkelte sich ihm entgegen. Grüne Augen, in denen eine unendliche Weisheit lag, durchdrangen ihn förmlich, tauchten ein, in die tiefsten Abgründe seiner Seele. Auf ihren roten Lippen lag ein wissendes Lächeln. Sie wusste, wer er war.
Der Schiffsbaumeister ging auf die Knie. »Die Mutter des Waldes«, keuchte er und verbeugte sich tief. Diese Erscheinung musste eine Gottheit sein und sie hatte sich ihm offenbart. »Es gibt sie wirklich«, eine Demut erfasste Yorrik, wie er sie noch nie verspürt hatte. »Meine Kleine hatte Recht.«
»Sei willkommen auf meiner Lichtung. Dies ist ein Ast des großen Yggdrasil, der unser aller Welten trägt«, sprach die Frau und deutete auf den riesigen Baum. Ihre Stimme war das Knacken der Äste, das Rascheln der Blätter, die Tiefe der Wurzeln, die das Erdreich durchdrangen. »Dies sind meine Kinder«, sie weitete die moosbedeckten Arme aus und es schien Yorrik so, als würde der Wald plötzlich näher an sie heranrücken. 
»Verzeiht, ich wollte euch nicht stören«, stotterte der Schiffsbaumeister. Seine Handflächen verwandelten sich in morastige Tümpel und er zitterte am ganzen Körper. Diese Erscheinung war von einer Macht, die sein Verstand nicht begriff. 
»Dieser Ort obliegt meiner wachsamen Hand. Zeige deine Demut, wenn du ihn betrittst, dich von ihm labst. Nehme von ihm, wie es dir beliebt, doch lasse immer ein Zeichen deiner Dankbarkeit zurück. So verlangt es der Kreislauf des Lebens.«
»Ich verstehe, Herrin. Verzeiht mir, dass ich an euch gezweifelt habe«, wisperte Yorrik unterwürfig, während er seine Stirn in der feuchten Erde versenkte. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Erst der Wassermann, nun die Herrin des Waldes. Ich bin ein blinder Narr.
Nun musste die Dame lachen, ein Laut, so klar wie ein Bergkristall. Sie schritt anmutig auf ihn zu, machte dicht vor ihm Halt und legte ihm eine moosdurchwucherte Hand an die Wange. 
Ihre Berührung fühlte sich angenehm kühl auf der Haut an, gar nicht so wie er sich das vorgestellt hätte.
»Sieh mich an«, hauchte die Moosfrau.
Er gehorchte ohne zu zögern. Für einen Moment blickte der Schiffsbaumeister in ihre Augen und ergab sich dem Gefühl, das ihn durchströmte. 
»Sag mir wer du bist«, forderte sie ihn auf. 
»Ich bin niemand, Herrin«, wieder senkte er sein Haupt, den es war nicht würdevoll genug, um ihrer göttlichen Schönheit entgegengestreckt zu werden.
Wieder lenkte sie seinen Blick auf sich, diesmal energischer. »Sag mir wer du bist!«, forderte sie erneut.
»Yo… Yorrik.«
»Wer?«, wiederholte sie ein letztes Mal.
»Yorrick. Yorrick!«, und dann war ihm klar, was sie wollte. Er schloss die Augen und lächelte. 

»Yorrick! Yorrick!«, klang es da wieder. Die Stimme war vertraut. »Meister Yorrick! Steht doch auf, Ihr blutet! So helft mir doch, faules Pack!«
Das ist Grundolf. Einer meiner Lehrlinge.
Blinzelnd öffnete er ein Auge. Das Licht überwältige ihn für einen Moment und ein kreischender Schmerz breitete sich zwischen seinen Schläfen aus. 
Um ihn herum standen fünf Männer versammelt, seine Lehrlinge, und blickten ihn mit sorgenschweren Gesichtern an. Als er sich an den Kopf fasste, spürte er Blut. Ein Stöhnen entwich seinen Lippen und er fühlte Schwindel aufkommen.
»Meister, Ihr lagt ohnmächtig auf dem Boden. Sagt, was ist geschehen? Ihr seht aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen.« 
Grummelnd ließ Yorrik sich auf die Beine helfen. »Das habe ich vermutlich auch«, murmelte er in sich hinein. 
Eines stand fest: Er würde seiner kleinen Svea jetzt einen Besuch abstatten und ihr etwas wichtiges erzählen.
»Ruht euch für heute aus, wir machen später weiter«, verkündete der Schiffsbaumeister. »Und bringt Feuerholz und Wein mit euch, wenn ihr morgen kommt, wir opfern Herdflamme und Gastfreundschaft an diesen Ort, der uns so fürsorglich ernährt, verstanden?« 
Er sah seinen Lehrlingen die Verwunderung an, niemand jedoch wagte es, dem Schiffsbaumeister zu widersprechen. Dann trat er lächelnd den Weg nach Hause an.

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Elfe Elli

Elli saß hinter einem Holzstapel, eingeklemmt zwischen dem Holz und einer großen Schneewehe. Sie zitterte und weinte bitterlich. Was sollte sie nur tun? Sie hatte heute einen so großen Unfug verbockt. Wenn die anderen Elfen merkten, was heute Nacht schiefgelaufen war, würde sie vor dem Rat der Oberelfen erscheinen müssen. Die Oberelfen würden über sie Gericht halten,  ihr das rote Elfenkleid und ihre grüne Elfenmütze wegnehmen. Anschließend würden sie ihr die spitzen Ohren rund schneiden, sodass sie wie Menschenohren aussahen und dann … dann würden sie sie aus dem Weihnachtsland verbannen. Ein heftiges Zittern überfiel den kleinen Elfenkörper. Elli zog sich die grüne Elfenmütze tief ins Gesicht und schluchzte herzerweichend.
Mit einem lauten Platsch landete etwas Schweres neben Elli in der Schneewehe. Das konnte nur Bert sein, ihr bester Freund. Bert liebte alles Süße und er roch wie eine Zuckerstange mit Zimtgeschmack. Bert und sie waren zusammen zur Elfenschule gegangen. Danach begann Bert eine Lehre bei den Postelfen und Elli lernte bei den Packelfen.
„Hallo Elli“, begann er aufgeregt. „Wie war deine Schicht? Oh, meine war cool. Endlich sind wir keine Lehrlingselfen mehr und können ordentlich arbeiten. Ich habe heute so einen riesigen Berg Wunschzettel in den Computer eingegeben. Das hat Spaß gemacht.“
Bert Stimme war voller Übermut. Elli konnte hören, wie begeistert Bert über seine Arbeit als Postelf war. Als Bert merkte, dass Elli nicht antwortete, verstummte er. Bert schaute erstaunt zu Elli.
„Elli, was ist los mit Dir?“, fragte er verwundert.
Elli war eine lustige Elfe, immer zu Scherzen aufgelegt. Ihr Lachen klang hell durch das Weihnachtsland. Wenn Elli stumm Berts Erzählungen zuhörte und ihn gar nicht aufzog, konnte das nur eins bedeuten.
„Elli, bist du krank?“
Eine kranke Elfe so kurz vor dem Weihnachtsfest war gar nicht gut.
„Wenn du krank bist, musst du zu den Heilerelfen.“
Mit einen Ruck zog Bert Elli die Mütze vom Gesicht und schaute erstaunt auf die verweinte Elli.
„Was ist passiert, Elli?“, fragte Bert alarmiert.
Elli schnappte sich ihre Mütze und zog sie sich bis zu ihrem Kinn. Dann nuschelte sie irgendwas Unverständliches.
Jetzt war Bert mehr als alarmiert. Er musste kurz mit Elli kämpfen, aber dann hatte er ihr die Mütze entwunden und schaute in ihre verweinten Augen.
„Elli, erzähle, was ist los!?“, fragte Bert und reichte Elli sein klebriges Taschentuch.
Elli pulte ein paar Schokostücken aus dem Tuch, bevor sie sich damit ihre kleine Elfennase putzte.
„Ach, Bert“, sagte Elli, mit Tränen in der Stimme. „Ich habe ein ganz großes Durcheinander angerichtet. Wenn die Oberelfen das merken, werde ich aus dem Weihnachtsland verbannt.“
Elli begann wieder bitterlich zu weinen und Bert nahm sie in seine Arme.
„Elli, komm, erzähl, was dir passiert ist. Ich kann dir bestimmt helfen.“ Tröstend klangen Berts Worte und in Elli glomm eine kleine Hoffnung auf. Sie schnäuzte in Berts Taschentuch und begann zu erzählen.
„Heute Nacht hat Förderband 14 gesponnen. Anstatt die Pakete zum Schlitten zu transportieren, wurden die Geschenke immer wieder ins Lager gebracht.“
Bert hatte eine große Zuckerstange aus seiner Jackentasche gezogen und nuckelte daran. Einladend hielt er sie Elli hin, doch die schüttelte den Kopf.
„Ja, das war toll. Ich konnte nicht weiterarbeiten und hatte Zeit in den Speisesaal zu flitzen.“ Bert strahlte. „Ich habe 5 Tassen Kakao mit Zimtgeschmack geschafft.“
„Ach, Bert,“seufzte Elli, „Du bist und bleibst ein Schleckermaul.“
Bert nickte und nuckelte weiter an seiner Zuckerstange.
„Na ja, wir mussten alle Bänder stoppen und Monika hat sich den Schlamassel angesehen. Als alles repariert war, hat sie mir ein Zeichen gegeben, damit ich die Bänder neu starte“, erzählte Elli weiter.
„Oh cool, Elli. Gleich in deiner ersten Schicht bekommst du eine solch verantwortungsvolle Aufgabe.“
Elli rannen die Tränen übers Gesicht. Ihr Kinn zitterte.
Schluchzend antwortet sie: „Ich habe die Ländercodes vertauscht. Die Geschenke für die Kinder aus Schweden landeten in den Schlitten für Deutschland, die Geschenke für Deutschland liegen jetzt in den Schlitten für Südafrika. Alle Geschenke sind in falschen Schlitten gelandet.“
Elli schlug sich die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich.
Berts Gesicht war ganz blass geworden. Der Weihnachtsmann hatte am Weihnachtstag viele Geschenke auszuliefern. Natürlich passten die nicht alle in einen Schlitten. Deshalb gab es überall auf der Erde Verstecke für die Schlitten. Immer, wenn ein Schlitten leer war, flog der Weihnachtsmann zum nächsten Versteck und wechselte den Schlitten. Wenn aber in den Schlitten nicht die richtigen Geschenke lagen … diese Katastrophe wollte Bert sich gar nicht vorstellen.
„Das ist übel”, sagte Bert.
Bert steckte die Zuckerstange in seine Jackentasche und schaute Elli ernst an.
„Das ist wirklich übel”, wiederholte er.
Elli nickte. „Sie werden mich zu den Menschen verbannen.“
Bert sprang auf. Das konnte er nicht zulassen. Seine beste Freundin, verbannt aus dem Weihnachtsland. Nein, das durfte nicht geschehen.
Er zerrte die weinende Elli hinter sich her in den großen Speisesaal. Fast alle Tische waren besetzt. Auf den Tischen lagen körbeweise Plätzchen, Zimtsterne und viele andere Nascherein. Vor den Elfen standen dampfende Tassen gefüllt mit Milch oder leckerem Kakao. Aber Bert hatte keinen Blick für die Köstlichkeiten.
An ihren Tisch saßen Fionna und Nils beim Frühstück. Erstaunt sahen sie auf Elli, die noch immer heftig schluchzte. Bert schob ihr einen Tasse Milch mit Honig hin und dann erzählte er den beiden, was Elli in ihrer Schicht passiert war. Fionna und Nils wurden immer blasser. Das war so übel.
Es gab einen furchtbar wichtigen Plan, nach dem der Weihnachtsmann die Geschenke verteilte. Wenn er in Deutschland war und die Geschenke für die Kinder waren nicht im Schlitten … Oh weh, das gäbe eine Katastrophe.
Fionna überlegte kurz. „Bert, du bleibst bei Elli. Nils, komm mit mir. Wir trommeln unsere Freunde zusammen.“
Sie schnappte Nils am Arm und zog ihn mit sich. Es dauerte nicht lange und immer mehr Elfen sammelten sich um Elli und Bert.
Zuletzt kam Vicky angerannt. Vicky gehörte zu den Koordinationselfen, sie stellten die optimalen Flugrouten für den Weihnachtsmann zusammen und waren für die ganzen organisatorischen Dinge zuständig.
„Ich habe Listen erstellt”, begann Vicky, „wo die Pakete jetzt sind und wo sie hingehören.“
Sie winkte mit den vielen Listen, die sie in der Hand hatte.
„Wir bilden jetzt Teams und dann werden die Pakete in die richtigen Schlitten umgeräumt.“
Schnell hatte Vicky die Elfen zu Teams zusammengestellt und ihnen ihre Liste in die Hand gedrückt. Die Elfen gingen los, um die Pakete in die richtigen Schlitten zu räumen. Sie brauchten fast den ganzen Tag dazu. Am späten Nachmittag legte Elli das letzte Paket an seinen Platz. Erleichtert atmete sie auf. Bert, der mit ihr zusammengearbeitet hatte, war feuerrot im Gesicht und hatte seit mindestens einer Stunde keine Zuckerstangen mehr gegessen.
Erschöpft lehnte er sich an den Schlitten und sagte: „Elli, lass bloß die nächsten Tage deine Finger von den Ländercodes.“
„Das werde ich“, versprach sie.
Nach und nach kamen alle Elfen, die Elli geholfen hatten. Elli bedankte sich überschwänglich bei allen.
„Wir sind im Weihnachtsland. Da hilft man sich“, sagte Fionna. „Jetzt darfst du uns alle zu einer Tasse Kakao einladen.“
Elli nickte und sie gingen zusammen in den Speisesaal. Dort saßen sie zwischen den geschmückten Tannenbäumen, schlürften Kakao und aßen Plätzchen. Bert hatte wie immer eine Zuckerstange im Mund. Elli schaute zu ihren Freunden und war glücklich. Alle Pakete waren an ihrem Platz, die Kinder auf der Erde würden ihre Geschenke bekommen und sie durfte im Weihnachtsland bleiben. Freudestrahlend steckte sie sich eine Zuckerstange in den Mund und dachte: „Habe ich ein Glück, dass ich so viele liebe Freunde habe!“

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Plüschblaue Tagträume (4)

„Dein tolles Skript ist einen verrückten Weg gegangen, Schaldek. Ähnlich wie das Monster. Es hat viel Glück gehabt. Und bilde Dir bloß nichts drauf ein, dass ich es nicht gefressen hab. Ich habe nur Respekt vor seiner Entstehung. Die Handlung jedenfalls war nach sich selbst auf der Suche.“

Ich reite auf dem Rücken des Alpakas, das mir eine Abkürzung nach oben versprochen hatte. Eben einen kürzeren Weg aus dem Nebel, und als dieser sich lüftet, bin ich irritiert, dass das Alpaka über Matsch und Schlitter trabt. Als ich genauer hinsehe, erkenne ich Windungen wie bei einem Gehirn.

„What the!“

„Na, wir reden doch über Deinen Schimmer im Kopf. Verstehst Du? Über Dein nassgraues Rechenzentrum zwischen den Koteletten. Sei doch froh“, schnauft das Alpaka, „Du hast endlich den Beweis dafür, dass es existiert.“

Ich bin nicht erfreut, dass wir diesen Weg nehmen und das sage ich auch.

Und das Alpaka lacht plötzlich und ohne jede Scham.

„Ich weiß nicht mal wohin wir reiten, Bro. Aber ich weiß, dass ich es nicht weiß. Und trotzdem reite ich hier lang. Denke dran, dass man in der Fantasie nicht sterben kann und vielleicht macht sie uns auch unsterblich.“

„Wenn ich meine Fantasie benutze, bin ich alles und manchmal danach wieder nichts.“, erwidere ich und bemerke währenddessen, dass ich die Worte des Alpakas verstehe.

“Hm”, sage ich. „Ich kann alles tun und dieses Gefühl ist göttlich.“

„Na klar. Und jetzt: Vergiss die Millionen Wege Deiner Fantasie! Denke an dieses Gefühl! Und dann fühle es, wenn es da ist. Mache Dir klar, dass es ein scheues Wesen ist. Checke nur diese eine Sache: Wie Du das Wesen zu Dir lockst, ehe es Dich irgendwann plötzlich aufsuchen muss.“

Ich bin geflasht. “So, wie das Monster aus dem Hörspiel?” Ich schließe aus einem Reflex heraus die Augen und sehe was, was ich nicht sah, kurz vorher noch.

Der Nebel ist nun in mir. Er schwebt vor meinem inneren Auge, als sei ich in eine Maschine geraten, die Zuckerwatte macht. Der Nebel verwandelt sich in einen blassen Typen mit Kinnbart und Brille – an einer alten, furchtbar lauten Tastatur seines PCs tippend. Ich bin in diesem Moment das Produkt seiner Fantasie. Er weiß es. Er schreibt an diesem sonnigen Vormittag seit 8 Minuten an diesem Text. Er versucht zu verdrängen, dass er heute schon zwei Krisennotrufe von besorgten Mamas aus seinen Familienhilfen hatte, obwohl er heute frei hat. Dass er selbst etwas hysterischer ist, als er es von sich gewohnt ist und, dass er eigentlich vorhin Staub wischen, statt schreiben wollte.

Und jetzt: Jetzt ist er hier bei sich und ich … auch.

Das Alpaka stoppt.

“Tolle Erkenntnis”, schnuffert es kühl.

Ich öffne die Augen und sehe vor uns nun einen gewaltigen Abgrund.

„Boh, Alpaka! Vorsicht, ein Abgrund!“

„Ich weiß, Mann!“, gruffelt es. „Er hat uns wohl die ganze Zeit beobachtet.“

 …

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Die Zeitreisenden 9

3. Tag der Entscheidung – Teil 2

Sie erhielten jedoch nicht viel Zeit, sich auf die Situation einzustellen, denn plötzlich begann dieses Chaos, sich zu bewegen. Gleichzeitig empfingen sie in ihren Köpfen den übermächtigen Befehl, ihre Waffen zu senken und sich zu ergeben. Aus unzähligen Öffnungen, die vorher noch nicht zu sehen waren, drängten sechsbeinige Maschinen in den Innenraum. Sie brauchten nicht zu überlegen, was das zu bedeuten hatte, denn diese Maschinen feuerten sogleich aus winzigen Strahlwaffen auf sie. Dunns Anzug signalisierte mehrere Treffer, die er jedoch neutralisieren konnte. Dunn feuerte auf die Maschinen und einige von ihnen explodierten in einer grellen Explosion. Auch Sequel und Brungk hatten das Feuer eröffnet und überall gab es Explosionen und Feuer. Die gegnerischen Maschinen waren nicht so widerstandsfähig wie das Türschott und auch ihre Strahlschüsse waren nicht so gefährlich wie erwartet.
Anfangs sah es noch so aus, als könnten sie der Roboter Herr werden, doch immer weitere erschienen und nahmen sie unter Feuer. Die Maschinen mochten zwar einzeln nicht gefährlich sein, doch in der Masse wurden sie zu einem Problem.
Allmählich signalisierten ihre Anzüge Überlastung und Dunn schoss der Gedanke durch den Kopf, was geschehen würde, wenn sein Anzug ausfallen und er splitternackt vor diesen Maschinenmonstern stehen würde. Wild um sich schießend rief er Sequel. »Das wird nichts! Habt ihr keine anderen Möglichkeiten? Ich dachte, ihr bekommt das hier in den Griff, wenn ihr miteinander verschmelzt!«
»Wir brauchen einen Moment, um das zu tun! Wirf ein paar der Granaten, um sie aufzuhalten! Das verschafft uns die Zeit, die wir brauchen!«
Dunn hechtete zu den beiden hinüber und rollte sich ab. Sofort schoss er wieder und riss zwei der Granaten von seiner Hüfte. Er warf sie und gab dem Anzug den Befehl, sie zu zünden. Die Wirkung war verheerend und die Druckwelle warf ihn von den Beinen.
Als er wieder auf den Beinen stand, näherten sich bereits weitere Roboter von allen Seiten, aber Sequel und Brungk standen beisammen und waren von einem roten Leuchten überzogen. Die sich nähernde Armee kam ins Stocken. Vollkommen desorientiert schossen sie in alle Richtungen und dezimierten sich dabei gegenseitig.
Dunn atmete auf. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, sie könnten diese Mission zu einem guten Ende bringen.
»Gebt auf!«, erklang die Stimme wieder in seinem Kopf. »Die Roboter waren erst der Anfang. Der Auftrag darf nicht gefährdet werden.«
Im nächsten Moment spürte Dunn unerträgliche Schmerzen in seinem gesamten Körper. Er konnte keine Angreifer erkennen, doch irgendetwas wurde mit seinem Gehirn angestellt. Aus tränenerfüllten Augen blickte er zu Sequel und Brungk. Sie befanden sich noch immer in dem roten Schimmer, doch ihre Gesichter drückten ebenfalls Schmerz aus. Er konnte sie nicht hören, doch schien es ihm, als würde Sequel vor Schmerz schreien. Sie mobilisierte zusammen mit Brungk ihre letzten Kräfte und Gegenstände begannen, sich von den Wänden zu lösen. Es war, als risse die Hand eines Titanen planlos schwere Metallteile los, die anschließend wie Geschosse durch den Raum flogen. Dunn war sicher, dass es eine der Erscheinungen der Verschmelzung ihrer Persönlichkeiten war. Allerdings schienen sie in gewisser Weise die Kontrolle verloren zu haben, denn ihre Aktivitäten wirkten erschreckend planlos.
Er blickte sich hektisch um. Alles um ihn herum befand sich in Bewegung, aber es wirkte insgesamt einfach nur chaotisch. Er verstand nicht, wieso dieser Kampf zwischen zwei ungemein hoch entwickelten Kulturen in diesem Chaos versank. Natürlich war nicht sicher, dass sie diesen Kampf überleben würden, doch weder die von den Skrii eingesetzten Roboter noch die Maßnahmen von Sequel und Brungk wirkten überlegt und zwingend.
Die Schmerzen ließen ein wenig nach und auch die Stimme in seinem Kopf hatte nicht mehr die zwingende Autorität, wie zu Anfang.
»Gebt auf, und ihr werdet einen schnellen Tod bekommen!«
Die Stimme hatte nicht mehr die ursprüngliche Intensität und Dunns Gedanken ordneten sich. Immer wieder musste er herumfliegenden Gegenständen ausweichen, um nicht verletzt zu werden. Er versuchte zu erkennen, ob die planlosen Angriffe seiner
Freunde beim Gegner Wirkung zeigten, war sich jedoch nicht sicher, ob das der Fall war. Die Helmoptik schaffte es endlich, sich besser an die Lichtverhältnisse innerhalb des Skrii-Würfels anzupassen, und er erkannte im Zentrum des Würfels Öffnungen, die offenbar nicht dazu gedacht waren, weitere Kampfroboter auszuspeien. In geduckter Haltung rannte er zur ersten der Öffnungen und spähte hinein.
Hinter sich hörte er erneut das verräterische Zischen der Strahlschüsse von Robotern. Das Feuer konzentrierte sich allerdings auf Sequel und Brungk, die ihm direkt ausgesetzt waren. Er hoffte, dass der Schutz durch den Anzug ausreichend sein würde. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Hinter ihm näherte sich ein sechsbeiniger Roboter, der einem anderen Typ angehörte als die Modelle, die sie bisher bekämpft hatten. In den vorderen Gliedmaßen hielt er einen, mit nadelspitzen Stacheln bewehrten Zylinder, mit dem er auf ihn zielte. Im nächsten Moment wurden zahlreiche Stacheln auf ihn abgefeuert, denen er nur durch einen beherzten Sprung entgehen konnte. Hinter ihm krachten die Stacheln mit hellem Klingen in die Wand, vor der er eben noch gestanden hatte, und blieben darin stecken. Verblüfft betrachtete er die metallen schimmernden Stacheln, die tief in das Metall der Wand eingedrungen waren.
Der Roboter schwenkte herum und zielte erneut auf ihn, doch Dunn hatte bereits seinen Destabilisator erhoben und drückte ab. Die restlichen Stacheln zerbarsten in Tausende kleiner Teile und der Roboter war mit einem Schlag unbewaffnet. Er bewegte sich dennoch blitzschnell auf ihn zu, die leeren Vordergliedmaßen drohend erhoben. Dunn brauchte zahlreiche Schüsse, bevor die Maschine ihren Dienst einstellte. Sie musste aus einem ungemein widerstandsfähigen Material bestehen.
Zum ersten Mal hatte Dunn Zeit genug, sich umzusehen. Der Raum, in dem er sich befand, war im exakten Zentrum des Würfels. Die rätselhafte Anlage, die er vor sich hatte, musste demnach die eigentliche Waffe sein – der Auslöser für eine Singularität, die alles verschlingen sollte. Es lief ihm eiskalt über den Rücken, als er daran dachte, das Ende der Menschheit vor sich zu haben. Er versuchte, zu ergründen, wo man Bomben hinterlegen musste, damit sie genügend Schaden anrichteten, um die Waffe außer Gefecht zu setzen. Bald gab er auf, einen Sinn in der Anlage entdecken zu können. Vermutlich musste er einfach seinem Gefühl vertrauen. Hauptsächlich irritierte ihn, dass er in diesem Raum auf so wenig Widerstand traf. War es vielleicht überhaupt nicht der Auslöser der Singularität?
Kampfgeräusche aus dem Vorraum lenkten ihn ab. Hastig rannte er zur Öffnung zurück und blickte hinaus. Seine Freunde hatten inzwischen ihre Verbindung aufgelöst und jeder von ihnen hielt eine Waffe in jeder Hand, die sie ohne Pause abfeuerten. Einige der stachelbewehrten Roboter waren erschienen und kreisten sie allmählich ein. Dunn zielte von hinten auf die Maschinen und eröffnete seinerseits das Feuer. Wie beim ersten Mal half nur Dauerfeuer, sie zu zerstören. Leider gelang es ihnen meist noch immer, ihre Stacheln abzufeuern, und Sequel und Brungk vollführten akrobatische Sprünge, um ihnen auszuweichen. Konnten diese Stacheln den Schutzanzügen wirklich gefährlich werden? Dunn war instinktiv ausgewichen, als der Roboter auf ihn geschossen hatte, aber seine Freunde reagierten genauso und sie sollten die Leistungsfähigkeit ihrer Ausrüstung kennen.
Von der Decke wurden destabilisierende Strahlen abgefeuert, die überall, wo sie auf Materie trafen, eine Wolke Materiestaub zurückließen. Es schien den Rechner der Skrii nicht zu stören, dass jeder Fehlschuss auch Beschädigungen an der Anlage verursachte. Nur direkt bei der eigentlichen Waffe schien Dunn einigermaßen sicher zu sein, denn weitere Roboter waren nicht erschienen und auch Strahlenbeschuss gab es hier nicht. Das Gerät schien also viel zu empfindlich zu sein, um es durch Waffen zu beschädigen.
Dunn überlegte. Seine Freunde hatten draußen genug mit sich selbst und ihrer Verteidigung zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie es noch bis zu ihm schaffen würden, war äußerst gering, also musste er selbst etwas tun. Eilig löste er alle Bomben von seinem Anzug. Zum Glück hatte er seine Bomen behalten, als Sequel und Brungk den Eingang freigesprengt hatten. Er wusste nur, wie man sie scharfmachte, nicht aber, was sie anrichten würden. Es blieb keine Zeit, sich damit weiter zu befassen. Er aktivierte eine Bombe nach der anderen und steckte sie in jede Öffnung an der Maschine, die er finden konnte. Als er fertig war, wurde ihm bewusst, dass sie nur noch zwei Minuten Zeit hatten, bevor die Bomben zünden und vermutlich ein Inferno auslösen würden.
Er stürzte zur Öffnung des Vorraums zurück und feuerte, ohne nachzudenken, auf den nächstgelegenen Roboter. Der gesamte Raum war von Materiestaub angereichert und die Sicht schlecht. Sequel und Brungk waren nur noch als Schemen erkennbar. Aus den Augenwinkeln sah er einen der zähen Stachelroboter auf die Schemen seiner Freunde zulaufen.
»Vorsicht!«, brüllte er und schoss sofort. Die vielen Materiepartikel in der Luft beeinträchtigten jedoch die Wirkung und der Roboter konnte seine Stacheln abfeuern. Als das helle Klingen der auftreffenden Stacheln verebbte, sah er Sequel schwanken. Ohne einen Laut sackte sie zusammen und Brungk bückte sich zu ihr.
Dunn war plötzlich nicht mehr zu bremsen. »Seque!l!«, brüllte er und schoss wie ein Wahnsinniger auf den Roboter, der auf das Mädchen geschossen hatte. Er rannte direkt auf den Roboter zu und hörte erst auf zu schießen, als er nur noch ein Haufen Schrott war. Er hatte Glück gehabt, dass ihn in diesem Moment keine der Waffen in der Decke getroffen hatte. Er lief zu Sequel und kniete sich neben sie. In ihrer Brust steckte einer der Stachel. Ihre Augen waren geschlossen. Er konnte nicht erkennen, ob sie noch lebte.
»Wir müssen sie hier rausschaffen«, sagte er zu Brungk, der hilflos neben ihr hockte.
»Sofort!«, rief Dunn eindringlich. »Fass mit an!«
Brungk schien aus einem Traum zu erwachen und bewegte sich endlich wieder. Er fasste die Beine des Mädchens, während er sie unter den Armen fasste.
»In wenigen Augenblicken ist hier die Hölle los«, erklärte Dunn. »Wir müssen versuchen, sie ins Freie zu bringen.«
Sie erhielten noch immer Treffer aus den Waffen der Skrii-Maschine, doch ihre Anzüge konnten sie neutralisieren. Weitere Roboter schien es nicht zu geben, sonst hätten sie ihnen sicher das Leben schwer gemacht. Sie erreichten die aufgebrochene Schleuse und traten ins Freie. In einiger Entfernung schimmerte der Schirm, der den Würfel vollständig umgab.
»Verdammte Scheiße!«, rief Dunn. »An den Schirm hab ich nicht gedacht.«
»Diese Dinger wirken meist nur in eine Richtung«, sagte Brungk.
»Was heißt das?«
»Sie schützen gegen Gefahren von außen. Aus unserer Richtung sollte er durchlässig sein.«
»Und wenn nicht?«
»Dann sind wir tot. So einfach ist das.«
»Dann los!«, rief Dunn. »Tot sind wir auch, wenn wir hierbleiben.«
Sie mobilisierten ihre letzten Kräfte und trugen Sequel auf den schimmernden Schirm zu. Dunn hätte Angst haben müssen, doch hatte er nur ein einziges Ziel: Sequel in Sicherheit zu bringen. Sie durchstießen den Energieschirm, der ihnen tatsächlich keine Schwierigkeiten machte.
Dunn sah sich verzweifelt nach einer Bodenmulde um, in die sie flüchten konnten, bevor die Bomben zündeten.
»Da vorn!«, rief Brungk und deutete mit dem Kopf voraus. »Eine Bodensenke!«
Das Adrenalin in seinen Adern ließ Dunn Kräfte mobilisieren, von deren Existenz er bisher nichts geahnt hatte. Sequel in seinen Armen blieb völlig bewegungslos. Er hoffte, dass sie noch lebte und nicht zu schwer verletzt war.
Sie hatten eben die Senke erreicht und sich darin tief auf den Boden geduckt, als eine gewaltige Explosion das Innere der Skrii-Waffe erschütterte. Weitere Explosionen folgten und der Würfel schien von innen zu leuchten. Sie spürten einen Hitzeschwall über sich hinwegziehen, der die umliegenden Gräser in Brand setzte. Dunn hatte sich halb über Sequels Körper geworfen, um ihn zu schützen. Er achtete jedoch darauf, den Stachel nicht zu berühren, der noch immer in ihrer Brust steckte.
Dunn wusste nicht, wie viele Bomben er scharfgemacht hatte. Er wusste nur, dass die Zahl der Explosionen weitaus höher war. Die Hitze wurde trotz ihrer Anzüge allmählich unerträglich, als eine letzte Explosion, die sich durch ein tiefes Grollen angekündigt hatte, erfolgte. Der Würfel verging in einer gewaltigen Feuersäule, die bis in die Wolken reichte. Eine Druckwelle fegte über sie hinweg und knickte noch in einiger Entfernung sämtliche Bäume um wie Zahnstocher. Danach wurde es still.
Brungk und Dunn krochen zum Rand der Senke und spähten in die Richtung, in der vorher der Würfel gestanden hatte. Nichts deutete darauf hin, dass dort eben noch eine gewaltige Maschine gewesen war. Einige Brände kündeten davon, dass hier etwas geschehen sein musste.
»Haben wir es geschafft?«, fragte Dunn.
Brungk starrte noch einen Moment auf die Brände. »Es sieht ganz danach aus. Wir haben sie vernichtet. Du hast sie vernichtet.«
Dunn kroch zurück zu Sequel. »Gut. Wenn die Welt jetzt gerettet ist … wie können wir ihr helfen? Kann man feststellen, ob sie noch lebt?«
»Wir können uns mit ihrem Anzug verbinden. Dann zeigt mir mein eigener Anzug ihre Vitaldaten an.«
Brungk legte sich zu ihr und versuchte, möglichst viel Kontakt zwischen seinem und ihrem Anzug zu erzeugen. Nach einiger Zeit löste er sich wieder. »Sie lebt«, sagte er.
»Aber sie ist ohne Bewusstsein. Der Stachel steckt in ihrer Brust, hat aber ihr Herz verfehlt.«
»Wie konnte dieses Ding überhaupt den Anzug durchdringen? Ich dachte, es wäre ein Schutzanzug und wäre absolut sicher.«
»Was ist schon absolut sicher? Wer weiß, was das für eine Legierung ist? Schutzanzüge und Schutzfelder schützen meist nur perfekt vor Energieangriffen. Waffen mit Bolzen oder Projektilen und kinetische Energie sind noch immer ein Problem.«
»Schöne, neue Welt«, sagte Dunn sarkastisch. »Jeder beschissene irdische Revolver hätte uns also töten können? Zwei Millionen Jahre Forschung und Entwicklung und Ihr habt Schutzanzüge, die gegen Waffen meiner Zeit wirkungslos sind? Das gibt es doch nicht!«
»In der Zukunft wird nicht mehr mit primitiven Waffen gekämpft, sondern nur noch mit Energiewaffen. Dagegen schützen unsere Anzüge zuverlässig.«
»Wenn das so ist, wieso schossen die Skrii-Roboter dann mit diesen Metallklingen auf uns?« Dunn winkte ab. »Lassen wir das! Es führt ja doch zu nichts!«
Er deutete auf Sequel.
»Kannst du ihr helfen? Habt ihr in eurem Gepäck etwas, das ihr helfen würde?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Wir sind gegen Krankheiten geschützt und haben schnell heilendes Gewebe, aber solche Verletzungen verlangen nach einem Heiler.«
»Einem Arzt.«
»Gut, einem Arzt.«
»Ich fasse es nicht! Ihr habt nicht einmal ein Erste-Hilfe-Pack dabei. Oder kann der Anzug diese Funktion übernehmen?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Nein, dafür ist er nicht ausgelegt. Normalerweise haben Teams einen Heiler-Roboter dabei, aber das ging bei unserem Einsatz nicht.«
»Erkläre mir nicht, wieso. Ich will es gar nicht wissen! Wie können wir Sequel jetzt helfen?«
Brungk schwieg. Der Mensch aus der Zukunft war ratlos.
Dunn überlegte. Die Explosion war sicher beobachtet worden. Es musste davon ausgegangen werden, dass bald jemand nach der Rechten sehen würde. Vermutlich würde ein Helikopter kommen. Bis dahin musste Sequel normale Kleidung tragen – wie auch sie selbst. Dunn erzählte es Brungk.
»Gut, ich hol die Sachen aus dem Zelt«, sagte Brungk. »Mit dem Anzug schaff ich die Strecke in wenigen Minuten. Ich denke, dir ist lieber, hier bei Sequel zu bleiben.«
Dunn sagte nichts, aber sah besorgt auf die Frau hinab.
Brungk rannte los und war bald am Horizont verschwunden. Dunn kniete neben Sequel und strich ihr mit der Hand über den Helm. Viel lieber hätte er ihr Gesicht gespürt und ihre Haut gestreichelt. »Du darfst nicht sterben«, sagte er leise. »Wochenlang hab ich mich gefragt, was ich eigentlich für dich empfinde. Erst jetzt, wo ich befürchten muss, dich zu verlieren, weiß ich es. Bitte halte durch …«
Als Brungk eintraf, war noch immer kein neugieriger Ranger oder ein Helikopter erschienen. Er legte das Bündel mit ihren Kleidern auf den Boden und fingerte an seinem Anzug herum, der augenblicklich verschwand. Er suchte seine Sachen heraus
und zog sich zweckmäßige Kleidung an. Dunn tat es ihm gleich. Zuletzt befreiten sie Sequel von ihrem Anzug. Als sie nackt vor ihnen lag, konnten sie zum ersten Mal die Wunde mit eigenen Augen sehen. Der Stachel war exakt zwischen ihren Brüsten eingedrungen und steckte in ihrem Brustkorb. Es war nur wenig Blut ausgetreten und es blieb zu hoffen, dass es auch keine inneren Blutungen gegeben hatte. Gemeinsam zogen sie Sequel an, die von alldem nichts mitbekam. Dunn streichelte ihr immer wieder über das Gesicht und hoffte, dass endlich Hilfe eintreffen würde.
Aus der Ferne hörten sie das Näherkommen eines Helikopters.
Dunn blickte auf. »Endlich. Es kommt jemand. Hoffentlich ist ein Sanitäter oder Arzt dabei.«
Brungk sah dem Helikopter mit gemischten Gefühlen entgegen. »Wir werden eine Menge Fragen zu beantworten haben, fürchte ich.«
»Sie können fragen, soviel sie wollen – nachdem sie Sequel gerettet haben!«
Das Fluggerät ging neben ihnen nieder. Es handelte sich um eine Maschine mit dem Wappen des Staates Wyoming. Sie kamen also nicht von der Parkverwaltung.
In geduckter Haltung kamen zwei Männer mit einer schweren Tasche angelaufen. Sie trugen klobige Helme und eine dunkelblaue Kombination ohne Abzeichen.
»Was ist hier geschehen?«, fragte einer der Männer.
Dunn ignorierte die Frage. »Ist einer von ihnen Arzt oder Sanitäter? Wir müssen ihr helfen, sonst stirbt sie vielleicht.«
Einer der Männer beugte sich zu Sequel hinunter. »Oh, verdammt! Ich bin Sanitäter, aber das ist eine Nummer zu groß für mich. Sie muss sofort in eine Klinik.«
Er rief seinen Kollegen zu sich, der sich irritiert umblickte und zu ergründen versuchte, was hier geschehen war. »Wirf den Motor wieder an. Wir müssen sofort starten.«
Er stellte keine Fragen, als er das Metallteil in Sequels Brust entdeckte, und sprintete los.
»Wir müssen sie vorsichtig auf die hintere Bank im Flieger legen.« Der Sanitäter schaute Dunn an. »Sie kommen mit und achten darauf, dass die Frau nicht herumrutscht. Wir sind für Krankentransporte nicht ausgelegt.«
»Ich komme auch mit«, sagte Brungk.

Fortsetzung und letzter Teil der Geschichte erscheint am 08.Dezember 2018

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