Trivial von Saigel

Er sprach nicht. Selten bekam ich ihn dazu, in einer Situation wie dieser etwas zu sagen. Im Grunde stand ich da und versuchte eine kalte himmelhohe Wand hinaufzuklettern. Alles in mir schrie danach, in den Arm genommen zu werden. Meine Tränen boten keinen Ausweg, keinen Schlüssel für den festverschlossenen Koffer, der nach außen hin völlig leer war. Mir schien es so, als würden sich die eisigen Ketten enger um sein Herz ziehen, wenn meine Emotionen überkochten und sie ihm unkontrolliert um die Ohren peitschten.
Ich schrie Worte. Worte, die bedeutungsschwer das beinhalteten, was ich fühlte. Einmal herausgeschrien, machten sie sich auf den Weg, prallten ab, an dieser stahlharten Oberfläche, die unberührt zu bleiben schien.
Wie lange musste ich mich selbst heilen, wie lange musste ich mich in den Schlaf weinen, den folgenden Tag in tiefen grübelnden Gedanken verbringen. Wie oft ertappte ich mich dabei, die Entscheidung, mein Leben mit ihm zu teilen, in Frage zu stellen. Ein Mann, der nicht sprach, der nicht fühlte.
Doch eines Tages, nachdem die gigantischen Wellen der fassungslosen Wut und Enttäuschung über ihn hinweggeschwappt waren und er wieder nicht einmal mit der Wimper gezuckt hatte, da sagte er: „Lass uns was essen“.
„Lass uns was essen“ und seine Augen funkelten, seine Mundwinkel lächelten und seine Hände lagen plötzlich warm auf meiner Haut. Sanft zog er mich schweigend in Richtung Küche. Die Wand vor seinem Herzen war geschrumpft, ich konnte einfach darüber springen und meinen Kopf an seiner Schulter anlehnen. Ich spürte seinen Atem an meinem Ohr, während wir gemeinsam kochten. 
Als wir aßen blickten wir uns in vollkommener Ruhe tief in die Augen. Seine Seele war offen und ich spürte die Belanglosigkeit, die in meinen schäumenden Worten gesteckt hatte. Ich erkannte die Trivialität in meinen Ausbrüchen, die Sinnlosigkeit in meiner Wut verglichen zu diesen vier Worten: „Lass uns was essen“.

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2 Gedanken zu „Trivial von Saigel

  1. Wie gut ich das kenne! Und wie anschaulich du das Bild dieses Paares gezeichnet hast, sie, überquellend vor Gefühlen, vor Sehnsucht nach Zärtlichkeit, er, geduldig, annehmend und schweigsam. Und wie einfach und bodenständig Versöhnung sein kann. Auch wenn ich denke, ein Gespräch sollte dennoch folgen, jetzt wo sie ihn wieder spürt und seiner Liebe sicher sein kann.

  2. Jeder muss mit seinen Gefühlen umgehen und diesen freien Lauf lassen können. Wenn das passiert und der andere weiß darum ist das OK, das muss allerdings nicht immer so bleiben. Manchmal ist Liebe eine Gratwanderung.
    Ein schöner Text liebe Saigel.

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