Schreibkommune

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Monat: November 2018

Die Wölfe von Asgard – Sie ging fort mit dem Nebel

Byarne zog mit seinen zierlichen Fingern an den Saiten der Leier und räusperte sich kaum vernehmlich. Dass ihm zunächst niemand im Raum seine Aufmerksamkeit schenkte, kümmerte den jungen Skalden wenig. 
Seine Kunst war etwas, das den Intellekt der durchschnittlichen Männer, die bei diesen Gelagen reihenweise die Bänke besetzten, bei weitem überstieg. 
Sie erfreuten sich an Fraß und Bier, den Schenkeln der Frau, die sie bediente, und grölenden Versen über die tosende Schlacht. 

Gut für Byarne, dass Jarl Islav nicht zu diesen Leuten zählte und ihn in seiner Mitte willkommen geheißen hatte. 
Der Jarl saß auf einem Thron aus geschnitzter Eiche, der eine Verkörperung der Seeschlange Jörmungandr selbst darstellte, die sich einmal um den gesamten Sitz wandte. 
Rote Seide polsterte den Stuhl aus, ein Mitbringsel aus Konstantinopel, das sich für einen hochrangigen Adeligen geziemte. 
Der Thron befand sich auf einem erhöhten Podest, auf dem sich ein großer Tisch befand, der mit allerlei Köstlichkeiten gedeckt war.
Byarne erkannte Körbe voll dampfendem Brot, silberne Platten, auf denen Dorsch und Hering gereicht wurden, Schalen voller gekochter Wachteleier und in der Mitte des Raumes hing ein saftiges Ferkel in einer offenen Feuerstelle, von dem das Fett zischend in die Flammen tropfte. Das Knacken des Kiefernfeuers wurde nur von einem munteren Stimmengewirr und dem berauschenden Aufeinandertreffen von Trinkhörnern übertönt.

Islav war von den ranghöchsten Kapitänen, sowie den Kriegern umgeben, die auf der letzten Fahrt besonders ehrenhaft gekämpft hatten. Eine Garde, wie sie Walhall würdig war. 
Byarne saß am äußersten Ende der Runde und würde gleich für sie musizieren und ein paar Verse vortragen. 
Doch bis es soweit war, nutzte er die Gelegenheit um sich etwas umzusehen.

Unter dem Podest erstreckten sich zwei lange Tafeln, auf denen die restlichen freien Männer saßen und tranken. 
Regelmäßig erhob sich einer von ihnen, prostete dem Jarl zu und wünschte ihm Gesundheit, Schlachtenglück oder ein sich nie leeren wollendes Fass Met. 
Letzterer Wunsch wurde mit heiterem Gelächter quittiert, zeugte er doch von der fortgeschrittenen Trunkenheit des Fürbitters. 
Islavs begegnete diesen Wünschen stets höflich, aber nie überschwänglich. Er war ein nachdenklicher Mann, auch wenn man es seiner rauen Erscheinung, mit dem imposant geflochtenen, rabenschwarzen Bart und dem vernarbten Gesicht, kaum anzusehen vermochte. 
Mittlerweile kannte Byarne die meisten Gesichter in Skiringssal, auch wenn er für viele noch als fremder Sonderling mit einem gewissen Händchen für die Poesie galt. 
So erkannte er den Ältesten, Reighyr, der, von einer Menge erfahrener Krieger umgeben, eine Geschichte über die Tücken der Skagerrakwinde zum Besten gab. 
Die jüngeren Männer, die bald auf ihren ersten Viking fahren würden, hatten sich neben ihnen niedergelassen und schwelgten in Träumen von ruhmreichen Siegen, wofür sie von den alten Hasen stumm belächelt wurden. 
Denn insgeheim gedachten sie doch, von den erfahrenen Seeleuten etwas abschauen zu können oder einen geheimen Trick mitzubekommen, mit dem sich die Meere angenehmer befahren ließen.
Die zweite Tafel, die sich vor dem Podest befand, beherbergte eine bunt durchwürfelte Menge, die sich einen erbitterten Wettstreit um den Posten des Trunkenboldes lieferte. 
Grölendes Gejohle hallte durch das Langhaus, als Olaf der Gehörnte gleich zwei der Trinkgefäße gleichzeitig an seine Lippen setzte und trank, was unter seinen zunehmenden Gleichgewichtsstörungen eine beachtliche Leistung darstellen musste, denn jedermann klopfte ihm auf die Schultern oder feuerte ihn weiter an. Woher Olafs Spitzname herrührte, war somit also kein offenes Geheimnis. 

Byarnes neugieriger Blick jedoch konzentrierte sich zunehmend auf einen großgewachsenen Mann, der am Ende der Tafel saß und mit einem griesgrämigen Gesicht in seinen halbvollen Becher starrte. 
Das Essen auf seinem Teller hatte er kaum angerührt und auch nach Gesprächen schien ihm nicht zu sein. 
Von dem habe ich schon gehört. Er wird Aegir der Sauertopf genannt. 
Kein schöner Name für einen Krieger solch mächtiger Statur. Auch wenn seine riesigen Pranken die harte Arbeit auf dem Boot abzeichneten, so war sein Blick doch ein flackerndes Tor nach Hel.
Einst hatte er den Namen Riese getragen, abgeleitet von den großen Monster, aus dem Himmel und Erde und Meer geschaffen worden waren, doch seit seinem letzten Viking hatte sich das schlagartig geändert. 
Was wohl mit ihm passiert ist? Welche Geschichte erzählt von deinem vereisten Herzen? 
Eindringliches Kichern, das vom Frauentisch herrührte, der sich hinter dem Podest befand, und somit einen abgespaltenen Bereich darstellte, lenkte Byarne für einen Moment ab. 
Ein warmes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er Ylvie erblickte, eine Frau wie es unter tausenden keine zweite gab. 
Sie bemerkte seine Geste allerdings nicht und schnatterte angeregt weiter mit ihrer Tischnachbarin.
Achselzuckend widmete sich der Skalde wieder seiner Leier. Er erhob sich und stimmte einen leichten Singsang, gefolgt von ein paar Akkorden an. 
Schlagartig wurde es ruhiger im Raum, auf das auch den hinteren Reihen es vergönnt war, dem Klang der Melodie zu lauschen. 
»Ruhe, der Skalde singt jetzt!«, bekräftigte jemand Byarnes Voranschreiten.
»Das sehe ich selbst. Die Frage ist, ob man ihn hören will«, kicherte ein anderer. 
Der erste knuffte ihm mit dem Ellbogen in die Rippen, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Byarne ignorierte den Affront und ließ seine herzzerreißende Stimme wie ein Licht, wie ein Zeichen der Götter durch den Raum wandern. Gold und Silber flossen ineinander, während seine Stimme einen jeden für sich einnahm. 

Durch Torf und Gras und hohen Schlamm,
kämpft sich ein einsamer Nordemann.
Die Kälte berührt ihn mit silbernen Schleiern.
Die Bäume des Moores stöhnen bedauernd.

Und so ging er fort, mit dem Herzen voll Gram.
Die Liebe verlorn, was blieb war die Qual.
Das Lied seiner Seele verstummte so jäh.
Er nahm sich ein Seil, machte sich auf den Weg.

Im Moor sucht ihn das Ende.

Totenstille herrschte. Jeder lauschte, hing an seinen Lippen. Alle gemeinsam. Jeder für sich allein. Gefangen im Klang.
Und so sang er weiter, während seine Leier eine tieftraurige Melodie anstimmte.

Zu richten sich selbst, aufgrund des Verlusts,
nimmt Hela ihn mit, an ihre trauernde Brust.
Doch kurz bevor der letzte Schritt ist getan,
sieh, der Nebel, er regt sich, oh Nordemann!

Mit kräuselnden Schritten, die zierlich Gestalt,
kommt auf ihn zu, macht dicht vor ihm Halt. 
Ihr graues Lachen, nicht mehr als ein Schemen,
durchsichtige Lippen lächeln verlegen.

Im Moor hat ihn der Zauber gefunden.

Byarne bemerkte, wie Islav ihn mit steinerner Miene anstarrte. 
Eine unendliche Bewegtheit lag tief verborgen hinter seinen Augen, auch wenn der Rest seines Körpers ihm zu verbieten schien, eine Regung zu zeigen. 

Er streichelt ein letztes Mal ihr wallendes Haar,
blickt in zwei Augen, so blau wie das Mar.
Sie formt mit den Lippen einen endlosen Kuss
und sagt ihm dann, dass er Abschied nehmen muss. 

Sie gleitet aus seinen Händen, hinein in den Nebel,
dem Nordemann kommt eine einzige Träne.
Er fasst sich ein Herz und macht sich von ihr frei.
Auf der feuchten Erde verrottet einsam ein Seil.

Im Moor dämmert ein neuer Tag. 

Byarne verneigte sich tief. 
Nach einem kurzen Moment der Besinnung erhoben sich die Männer und applaudierten lautstark. 
Der Blick des Skalden richtet sich jedoch nur auf einen.
Islav hatte sich erhoben und neigte ihm den Kopf zu. Eine Geste des Respekts für seine Darstellung und ein Dank für diesen besonderen Moment und die Ehrung seiner verstorbenen Frau.
»Ich danke dir für deine Darbietung, Skalde. Iss und trink von meiner Tafel, wie es dir beliebt. Und nun spiele uns etwas fröhliches.«
Wieder verfiel die Menge in ausgewachsenen Jubel, während Byarne einen schnelleres Stück anstimmte und das Lied vom schlafenden Bären und der Fischerstochter spielte. 
Einige der Damen ließen sogar mit sich tanzen und so bewegte sich ein freudiger Tumult zwischen den Bänken umher. 
Aus dem Augenwinkel registrierte der Skalde, wie Ylvie zu ihrem Mann stieß und ihn mit freudigem Lachen zum Tanzen bewegen wollte.
Doch Aegir wies sie mit einer schroffen Handbewegung ab. 
Sie schien verärgert ein paar deutliche Worte zu fällen, dann ließ sie sich von einem der Männer zum Tanz auffordern und verschwand in der bunten Menge. 

Der Abend wurde immer ausgelassener, mittlerweile waren die meisten so betrunken, dass sich der Tanz in ein wildes Getorkel verwandelt hatte. 
Byarne spielte Alle Segel hoch, gefolgt von einem humorvollen Festlied über Geri und Freki, die Wölfe Asgards und seines großen Herrschers, dem machtvollen Odin. 
Der Blick des Skalden wanderte durch die Reihen und plötzlich stieß er auf etwas, das ihn erschaudern ließ. 
In einer abgelegenen Ecke hatte Ylvie es sich mit jemandem gemütlich gemacht, sie hatte die Arme um ihn geschlungen, er seine auf ihrer Hüfte ruhen. 
Nach leidenschaftlichem Partnertanz sah das ganz und gar nicht aus.
Sie steckten ihre Köpfe zusammen und schienen nur Augen füreinander zu haben. 
Vermutlich eine Folge des Alkohols und der Verschmähung durch ihren Mann.
Byarne schaute verstohlen zu Aegir, der nach wie vor an der Tafel saß und der Schmollerei verfallen war. 
Was für ein Mann lässt so etwas zu?

Plötzlich tauchte Aegirs jüngerer Bruder an seiner Seite auf und sie schienen ein ernstes Gespräch zu beginnen. Snorri gestikulierte wild mit den Händen und deutete auf die abgelegene Ecke.
Der Blick des großen Mannes verfinsterte sich, das Flackern, das Byarne schon zuvor bei ihm gesehen hatte, verwandelte sich in Surts tosendes Untergangsinferno.
Das gibt gleich furchtbaren Ärger.
Mit einem eindrucksvollen Ruck sprang Aegir auf, wobei er sich den Stuhl griff, auf dem er bis gerade noch gesessen hatte. In Windeseile hatte er die abgelegene Ecke erreicht. 
Byarne hörte nur noch einen wütenden Aufschrei und ein lautes Krachen, als der Stuhl sein Ziel fand und daran zerbarst. 
»Du Hundesohn!«, fluchte Aegir brüllend. »Hast dich wie eine Schlange an meine Frau herangeschlichen?«
Die Musik brach ab und alles wendete sich den beiden Streithähnen zu.
Der andere Mann kam keuchend auf die Beine, wischte sich das Blut von seiner Nase. »Sie wählte mich aus, weil du sie verschmähtest. Siehst vielleicht wie einer aus, aber ein echter Mann benimmt sich nicht so wie du, Sauertopf! Und jeder hier weiß das!«
Die Menge stimmte mit Gejohle ein. 
Der Faustschlag traf den Mann so unerwartet, dass er ächzend zu Boden ging. 
Aegir griff nach seinem Bart, zog ihn wieder zu sich empor, nur um ihn mit einer Kopfnuss abermals zu Boden zu schicken. »Kein Mann, eh? Spricht dieser Tölpel die Wahrheit?«, blaffte er seine Frau an. 
Ylvies Augen weiteten sich vor Furcht und sie versuchte eine Antwort zu zittern, was ihr jedoch nicht direkt gelang.
Mittlerweile hatte auch Islav das geschehen bemerkt. Noch schien er sich ruhig zu verhalten, doch seine Männer bahnten sich bereits einen Weg durch die Menge, die ihnen nur widerwillig Platz machte. Alle wollten hören, was Sauertopf zu sagen hatte.
»Denkt ihr das alle? Seid ihr so blind und taub? Könnt ihr die Zeichen nicht lesen? Ein Gott hat mich berührt und ich weiß, dass ich auf ihn hören muss. Jeder, der diese Entscheidung anfechten möchte, darf gerne vortreten und sprechen.« 
Der große Mann verschränkte die mächtigen Arme. 
Mit versöhnlicher Geste trat Snorri hervor und stellte sich zwischen die beiden. »Du bringst ihn ja gleich um«, sagte er milde, dann schaute er seinen Bruder eindringlich an. »Du scheinst mir von deinem Pfad abgekommen. Auch als wir heute miteinander sprachen, wirktest du so verändert. Sag mir, seit wann ist Fischen die Lieblingsbeschäftigung vom axtschwingenden Riesen? Komm mit auf unsere nächste große Fahrt und werde wieder du selbst. Ein Krieger Tyrs, dem großen Helden. Werde dem Sehnen deiner Frau gerecht und auch dem deines Bruders. Ich bitte dich.«
Einige der Männer verfielen in unterstützendes Gemurmel. Viele von ihnen konnten sich wahrlich bestens daran erinnern, wie es war, mit Aegir auf Beutefahrt zu segeln.
Dieser jedoch funkelte Snorri nur an. »Du kennst die Antwort«, sagte er und griff nach seiner Frau. Er zog sie mit sich auf den Ausgang zu. 

Vor Islavs Podest machte er kurz Halt. »Verzeiht mir, dass ich die gute Stimmung derart tosend unterbrochen habe, mein Herr. Es lag nicht in meiner Absicht«, dabei blickte er seine Frau scharf an, die mittlerweile blass wie Pergament geworden war.
»Versprich mir, dass du sie auf dem Heimweg nicht schlecht behandeln wirst und ich werde dir verzeihen. Und versprich mir auch, dass du die Worte deines Bruders bedenken wirst«, sprach der Jarl von Skiringssal mit ernstem Tonfall.
»Was mein törichtes Weib angeht, so möchte ich euch versichern, dass ich ihr kein Haar krümmen werde«, sprach Aegir mit einer leichten Verbeugung. 
»Doch mein Entschluss für die Plünderfahrten steht fest. Ich habe Frau und Kinder und gedenke nicht, sie wieder zu verlassen. Es tut mir Leid, mein Herr.« 
Mit diesen Worten schritt er, in Begleitung seiner Frau, aus der Halle. 
Für einen Moment war es totenstill. 
Byarne befürchtete, dass der heutige Abend womöglich gerade sein jähes Ende gefunden hatte. 
Der Jarl entließ ihn für heute aus seinen Pflichten und so widmete er sich dem Bier. 
Was ist nur mit diesem Aegir los? Ein Gott hat ihn also berührt?
Noch lange grübelte der Skalde über das Geschehene nach, doch die heutige Nacht würde ihm keine Antwort mehr liefern können.

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Die Wölfe von Asgard – Die Rückkehr

Und am Ende wurde es etwas ganz anderes. 🙂

Die Wölfe von Asgard beinhaltet 8 Kurzgeschichten, die miteinander verknüpft sind. Und es geht um ein Volk, das nicht nur mehrere Jahrhunderte lang Europa in Angst und Schrecken versetzt hat, sondern auch zu den bedeutsamsten Entwicklungen seiner Zeit beigetragen hat. Willkommen, in der Welt der Nordmänner.


Die Rückkehr

Mit all seiner Kraft zog Aegir an dem salzverkrusteten Seil, das ihm heute sein Abendessen garantieren sollte. Platschend durchbrach der Reusenkorb die schäumende Wasseroberfläche und offenbarte sein dürftiges Inneres. Fluchend hob Aegir seinen mageren Fang aus dem eiskalten Wasser. Die abgelegene Bucht, an der er sich am gestrigen Abend dazu entschieden hatte, seine Fallen auszuwerfen, hatte ihm kein Glück eingebracht.
Njörðr war ihm heute nicht gewogen.
Vielleicht lässt er ja auch noch mein Boot kentern. Der muskulöse Mann spuckte aus. Die paar Krebse, die er bis jetzt in sein kleines Ruderboot gehievt hatte, reichten kaum für ihn selbst. Ganz zu schweigen von seiner Frau und den zwei Kindern, die ihm sämtliche Haare vom Kopf fraßen. Aegir ließ es zu, das ein Seufzer seinen Lippen entwich. Die Fischerei war ein ehrbarer Lebensunterhalt, wenn auch nicht zu vergleichen mit dem Ruhm und dem Reichtum einer siegreichen Schlacht und der Aussicht auf die prasselnden Feuer in den Hallen der Götter. Vielleicht sollte ich… ein letztes Mal?, schoss es ihm durch den Kopf. Er verwarf diesen flüchtigen Gedanken und zog den letzten Korb nach oben.
Wieder nichts.
Aegir vergrub für einen Moment das Gesicht in den Händen. Dann verwünschte er sich für seine Schwäche. »Wenn dein Weib dich jetzt sehen könnte«, mahnte er sich grollend. Dann setzte er sich an die Ruder und pflügte mit kräftigen Zügen durch das Wasser. Heimwärts.

Die Skiringssaler Buchten boten nicht nur einen idealen Rückzugsort, sie waren auch von den Göttern mit besonderer Schönheit und Fruchtbarkeit gesegnet worden. Kleine Inseln, kaum länger als zwei Drachenboote, trotzten mutig der rauschenden See und den meist rauen Winden, welche die Felsformationen im Laufe der Jahrhunderte gemeinsam geschliffen hatten. Die große Bucht, die er jetzt aus einem Seitenarm ansteuerte, vollzog sich noch eine lange Strecke in das Landesinnere hinein. Ihre Seiten waren gesäumt von großen Klippen, auf denen die Kiefern sich aufreihten wie die Soldaten zweier Schlachtreihen, die sich zu den sanften Klängen des Windes sachte räkelten. Der morgendliche Nebel, der auf der Wasseroberfläche lag, verlieh der Bucht fast etwas gespenstisches. Doch Aegir segelte und fischte hier schon, seit er als kleiner Junge das erste Mal in ein Boot steigen durfte. Er passierte den großen Raeg, einen massiven Findling auf jener Insel,auf der das regelmäßige Thing abgehalten wurde, und ruderte dann tiefer in den tristen Nebel hinein.
Als würden die Alben heute Fangen spielen. Aegir spürte es in den Knochen,  roch es in der salzigen Luft, das rauschende Wasser flüsterte es ihm zu. Der heutige Tag war von einer vorbestimmten Bedeutung. Der große Mann runzelte die Stirn und wanderte für einen Moment nachdenklich mit der Hand durch den Bart, spähte in die Ferne als wäre dort etwas fremdartiges auszumachen. Überlegte. Dann setzte er sich achselzuckend zurück an die Ruder.

Es dauerte nicht mehr lange und die Dächer von Skiringssal tauchten vor ihm auf. Schornsteine, aus denen dichter Rauch waberte, und einladendes Licht, aus offenen Kiefernfeuern, empfingen Aegir und hießen ihn willkommen. Das Dorf selbst zählte kaum mehr als ein paar Dutzend fensterloser Hütten, über denen sich das imposante Langhaus des Jarls aufbäumte. Gezimmerte Stege reichten vom Ufer bis in das tiefere Wasser, hier ankerten in der Regel die Knorrs, die Drachenboote, der ganze Stolz ihres Dorfes. Jetzt jedoch waren sie verlassen. Mit den Männern war das  Leben aus dem Dorf verschwunden. Warum nur bin ich nicht mit ihnen gesegelt? Aegir zog das Boot ans Ufer und watete durch den feuchten Sand, der an seinen Stiefeln zerrte und seinen Marsch verlangsamte. Der Geruch des Meeres vermischte sich mit dem des Rauches aus den zahlreichen Feuerstellen. Der Frühling hatte sich noch kaum aus seinem Nest geschält und so bildeten sich feuchte Dampfschwaden vor seinem Gesicht, während Aegir durch das Dorf ging. Er schnürte seinen Mantel enger, rückte die gepolsterte Mütze aus Eichhörnchenfell zurecht und beschleunigte seinen Gang. Die Arbeit würde seinen Knochen schon noch etwas Wärme spenden. Er erreichte seine Hütte und begann sofort damit, seinen Fang zu schälen. Krebse konnten einem wirklich lästige Arbeit bescheren, aber immerhin hatte er etwas gefangen. Er betäubte seine Beute durch einen Schlag auf den Kopf und puhlte dann das Fleisch aus ihrem Panzer. So verbrachte er in der Regel die meisten Morgen. Er richtete sich erst auf, als die Sonne schon hoch stand und plötzlich ein eindringlicher Ruf aus dem Hafen ertönte. Ein Horn verkündete die Ankunft Islavs und seiner Männer.
Die Drachenboote waren zurückgekehrt.


***

Snorri fegte wie der Wind durch den Hafen.
Der Nebel hatte sich mittlerweile gelichtet und gab den Blick auf drei schlanke Boote frei, die elegant durch die Wellen manövrierten. An ihrem Bug thronte der furchteinflößende Drachenkopf der Nordmänner. Rufe wurden laut, während die Segel eingeholt und die Masten umgelegt wurden. Den Rest der Strecke legten die Männer mit Rudern zurück. 
Mit schlagendem Herzen verfolgte Snorri jede ihrer Bewegungen. Dann rief er sich allerdings ins Gewissen, dass er jetzt ein Mann war und kein aufgeregtes Kleinkind mehr. Dennoch konnte ernicht umhin, ein strahlendes Lächeln an den Tag zu legen, als die Schiffe beidrehten und endlich in den Hafen steuerten.
Mittlerweile hatte sich eine dichte Traube von Menschen gebildet, die den Männern ein warmes Willkommen entgegenrief. Alle hatten sich versammelt.
Snorri blickte durch die Reihen.
Alle, außer seinem großen Bruder Aegir.
Du elender Feigling. Snorri ballte die Fäuste bis es wehtat. Dann verdrängte er den Gedanken und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen.
Die Männer hatten mittlerweile angelegt und damit begonnen, die wertvolle Fracht aus den Bäuchen der Drachenboote zu entladen.
Snorri erkannte Säcke voller Schmuck, Kelchen und Münzen, Fässer von fränkischem Wein und Kisten voller duftender Gewürze aus Konstantinopel. Der appetitliche Duft der mitgebrachten Speisen wurde nur von dem des ruhmreichen Sieges der Wiederkehrenden überdeckt und für einen Moment verweilte Snorri mit geschlossenen Augen in heldenhaften Tagträumen.
Dann stieg Islav von Bord und die Menge verfiel in tosenden Beifall. Der Jarl von Skiringssal war zurückgekehrt, von Thyr als Günstling in der Schlacht auserlesen. Sein Pelzmantel wehte spielerisch im Wind und er streckte seine blutverschmierte Axt gen Himmel, eine Posse des Siegreichen. Am heutigen Tage hatte er sich einen Platz an der Seite der Götter verdient.
»Wo ist denn dein Bruder?«, riss jemand den jungen Snorri aus seiner Faszination.
Er drehte sich irritiert um und erkannte Ylvie, das Weib, das sich Aegir zur Frau genommen hatte. Sie trug ihr langes rostrotes Haar zurückgekämmt und war in einen wärmenden Pelz gehüllt, den ihr Aegir irgendwann mal von einer Raubfahrt mitgebracht hatte. Mittlerweile war er jedoch alt und die ersten geflickten Stellen offenbarten sich bereits. Ihr hübsches Gesicht hatte in den verstrichenen Jahren etwas jugendliches beibehalten und niemand im Dorf kannte so derbe Scherze wie sie.
»Das solltest du doch besser wissen als ich, schließlich teilt ihr euch ein Bett«, frotzelte Snorri mit keckem Grinsen. Wäre sie damals nicht zu alt gewesen, hätte er sie sich vermutlich zu Eigen gemacht. Er hatte es aber dabei belassen, dem Älteren den Vortritt beider Brautschau zu lassen, so wie es sich für echte Männer geziemte. Und sie war mit ihren dreißig Jahren immerhin acht Jahre älter als er.
Ylvie legte ein mattes Lächeln auf. »Vielleicht solltest du mal mit ihm reden, damit er seinen Allerwertesten aus diesem alten Kahn hievt und ihn wieder dorthin schleppt, wo er hingehört. Ein Mann mit einer Axt in der Hand ist so viel aufregender als einer mit dem Fischmesser.«
Lachend versprach Snorri es ihr. Doch erst würde er mit den Männern reden und herausfinden, welche Abenteuer sie auf der Fahrt erlebt hatten.


***

Fertig. Das war der letzte Krebs. Selbst wenn es ein magerer Fang gewesen war, so hatte er ihn doch bis in die Mittagsstunden beschäftigt. Aegir legte das Messer zurück auf den mit Krebsresten verunreinigten Tisch und lehnte sich mit seinem Schemel an die Hauswand. In Gedanken fragte er sich, warum Snorri nicht längst aufgekreuzt war, um ihm mit belanglosem Gefasel ein Ohr abzukauen. Vielleicht verschont er mich ja heute?
Sein Blick wanderte zu der Schale mit dem Krebsfleisch, das er gleich braten und in Salz einlegen musste, damit es nicht schlecht wurde. Dann seufzte er und schloss für einen Moment die Augen.
Das Geräusch von Stiefeln, die durch die matschige Straße pflügten, weckte Aegir aus seinem halbschlafähnlichen Zustand. Irritiert setzte er sich auf, dann kam sein jüngerer Bruder auch schon um die Ecke gebogen.
»Dein Weib hat dich vermisst«, grüßte Snorri und klopfte ihm verheißungsvoll auf die Schulter. »Und Islav hat nach dir gefragt. Ich habe ihm gesagt, du seist noch in dringender Angelegenheit mit dem Tagesfang beschäftigt«, er lehnte sich grinsend an die Wand und blickte Aegir eindringlich an. Dann wich sein Lächeln einem gewissen Maß an Besorgtheit. »Was ist los mit dir? Verkriechst dich hier oben, während die Männer ruhmreich nach Hause zurückkehren? Sind es nicht auch deine Waffenbrüder?«
Aegir erwiderte mit einem unverständlichen Brummeln. »Unsere Waffenbrüder, ja? Sag, bist du schon einmal auf einen Viking gefahren, du vorlauter Rotzlöffel? Hast das Blut der Feinde vergossen? Brüder sterben sehen? Wind und Wellen getrotzt? Du bist ein Narr,der seinen Kopf in den Wolken stecken hat! Wenn Islav dich wirklich mitnehmen will, bringe ich ihn eigenhändig um.«
Für einen Moment blitzte der Zorn durch Snorris Augen, dann jedoch schien er sich eines Besseren zu besinnen. »Ich werde mitfahren, ob du willst oder nicht. Sie haben die Inselmänner angegriffen, wehrlose Feiglinge allesamt, aber reich sollen sie sein. Und du wirst es nicht glauben…«
Aegir verzog eine seiner buschigen Augenbrauen. »Was werde ich nicht glauben?«, fragte er forsch. Die Wahrscheinlichkeit, dass Snorri etwas wusste, das ihm nicht bekannt war, hielt er für relativ gering.
»Sie beten zu einem Toten. Ihr Gott ist am Kreuz gestorben und hat sie zurückgelassen. Wie die Lämmer auf der Schlachtbank. Was für blamable Schwächlinge«, Snorri reckte die Faust in die Luft als würde er ihr eine Abreibung verpassen.
Aegir schüttelte mit dem Kopf. »Die Inselmänner sind nicht so wehrlos, wie du vielleicht glauben magst. Man muss rasch zuschlagen, sich krallen was man kriegt und verschwinden, bevor sie einen aufknüpfen. Und auch wenn wir ihren Glauben nicht verstehen, er verleiht ihnen dieselbe Kraft, wie es die unseren Götter tun.«
»Du sprichst wie ein Ungläubiger!«,wütete Snorri und schlug mit der Faust laut krachend auf den Tisch. »Ich habe schon einen Bruder, der in Hel verrottet, ich will dich nicht auch noch an die Dunkelheit verlieren. Aber die Tore von Walhall verschließen sich vor dir. Sag,mit wem soll ich anstoßen, wenn ihr nicht mehr seid?«
»Lass Dyggur aus dem Spiel, bevor Mutter dich mit dem Besen verprügelt. Die Namen der Toten zu nennen, schickt sich nicht. Die Lepra ist ein Feind, gegen den wir nicht ankämpfen können, nicht mit Axt und nicht mit Schild. Das weißt du ganz genau.« Aegir spürte, wie die Wut in ihm aufkochte und er schob sich mit einem kräftigen Ruck aus seinem Schemel.
Jeder andere hätte das aufgrund seiner Körpergröße vermutlich als Drohung verstanden, nicht jedoch Snorri, der ihn seltsam ruhig beäugte. »Wir reisen zu einem Kloster der Inselmänner. In ein paar Monden geht es los. Ich werde dabei sein, denn sie sind keine Gegner für uns. Wir sind die Gefahr, die aus dem Norden zuschlägt. Wikinger nennen sie uns und ich will verflucht sein, wenn sie diesen Namen nicht mit Furcht aussprechen. Ich werde nicht in Hel versauern und mich von meinen Ahnen bedauern lassen!« Er legte Aegir fast zutraulich eine Hand auf die Schulter. »Lass uns Wölfe sein, Bruderherz. Wölfe aus Asgard, die den Tod und den Schrecken bringen, wohin sie auch segeln. Und dann stoßen wir in Walhall auf unseren Bruder an.«   
Für einen Moment sagte Aegir nichts, stand nur da und war ganz bei sich. Dann knurrte er: »Nein!«, griff sich die Krebse, schritt ohne ein weiteres Wort zu verschwenden an Snorri vorbei und ließ die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen.

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Plüschblaue Tagträume (3)

Das kleine, unnahbare Mädchen –Emily – hatte in dem Monster einen Freund gefunden; nicht wissend, dass es seit Jahrhunderten durch die Gegend strolchte. Erschaffen von einem frankensteinesken Wissenschaftler, der ganz eigene Motive hatte, war es doch die Nähe, die Freundschaft und vielleicht die Liebe, die das Monster und Emily letztlich zueinander finden ließen.

Mein erstes Hörspiel und was für eines! Kein Mensch – na ja fast keiner – hatte es verstanden, aber viele waren von der Stimmung darin fasziniert.

„Es tut mir leid“, flüstere ich, ohne mich umzudrehen. „Ich habe Dir, Monster, nie ein Gesicht gegeben. Es war halt ein Hörspiel.“

Ich beschließe in diesem Moment, es dabei zu belassen.

„Was willst Du von mir? Nähe? Freundschaft? Liebe gar?“

Wenn es was Böses wollte, hätte es mich längst ergriffen und getötet. So wie es seinen Meister getötet hat; wieder ganz frankensteinesk.

„Nääääääähe! Freund! Liiieebe!“

Oh! M! G! Es spricht? Dann verschwindet es und der Nebel hinter mir schließt sich still und eilig. Ich setze mich wieder und schüttle den Kopf. Natürlich ist jede Figur, die ich mir ausgedacht habe in meinem Kopf gewesen. Aber warum ich jemals solch ein leidendes Wesen erschaffen habe – so wie der Wissenschaftler und so wie Frankenstein – weiß ich nicht.

Ich realisiere nun, dass ich klüger sein sollte, als die beiden stolzen Herren. Sonst wäre ich auch mal dran mit grausam sterben. Ich greife in meinen Rucksack und wühle darin. Ein kleines, schmales Skript. Da!

Ich hole es heraus und bin erstaunt. „Emily – Ein Hörspielskript von Marek Schaedel“.

Es war eine Eingebung, es zu schreiben.Ein Experiment, total losgelöst von Plotten und Denken. Keiner hat es verstanden! Ich auch nur ein bisschen. Aber das Alpaka hatte es noch nicht gefressen, so, wie die anderen Hörspielskripte.

„Yammyamm!“, hatte es gesagt, wenn es während unserer Pausen auf der steilen Bergtreppe mal wieder zugelangt hatte.

„Yammyamm.“

Mein schönes „Dr. Zombie!“ – Skript! Das hatte es mit zwei Bissen verschlungen. „Blutbad wider das Vergessen!“

„Yammyamm.“

Und dieses miese Ohneplot-Skript„Emily“ war also nicht yammmyamm?„Nicht yammyamm!“, grunzt das Alpaka vor mir und sieht mich fest an.  „Du guckst schon wieder, als muss ich was erklären, Schaldek“.

„Sehe ich so aus? Wirklich?“

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Und was nun?

Ich stehe gerade an dem herrlichen Punkt, sämtliche Projekte abgeschlossen zu haben. Söhne der Krähe ist fertig und die Voidcall Chroniken brauchen zwar noch etwas Feinschliff, bevor sie als Ebook erscheinen, ich würde die Reihe aber dennoch als vorläufig abgeschlossen bezeichnen.

Und nun stellt sich mir die Frage: Was nun?
Mir schwirren die unterschiedlichsten Ideen im Kopf herum und mittlerweile muss ich gestehen, habe ich mich mit so ziemlich allen angefreundet. Aber es gruselt mich davor, mehrere Projekte gleichzeitig zu unterhalten. Wenn ich etwas anfange, richte ich meinen gesamten Fokus darauf, bis das Projekt fertig ist. Klappt das auch, wenn ich mehrere Projekte anfange?

Eines kann ich jedoch schon einmal versichern:
Es ist wieder eine Menge abgedrehter Kram dabei. Doch auch wenn ich das Schreiben an Voidcall als einen spannenden Exkurs betrachte, Science-Fiction wird, so fantastisch sie auch sein mag, niemals den gleichen Platz in meinem Herzen einnehmen wie der Fantasy-Bereich. Und wenn ich nach vorne schaue, wird mein nächstes Projekt sehr wahrscheinlich auch wieder in diesem Genre anzusiedeln sein. 

Anbei möchte ich euch gerne ein paar meiner Ideen vorstellen, wenn ihr mögt, könnt ihr gerne eure Gedanken dazu formulieren oder einen Favoriten benennen.

1.)
Eine wilde, noch namenlose, fantastische Welt – wo der Aspekt der Natur einen primären Bestandteil der Geschichte ausmacht. Ich will eine Welt kreieren, die in ihrer natürlichen Schönheit unübertroffen ist.
Die Bewohner dieser Welt leben als indigene Völker, mit eigenen Bräuchen und Riten. Schamanismus ist hier ein Stichwort. Weitere Gedanken zu Plot und Protagonisten habe ich mir an dieser Stelle noch nicht gemacht, allerdings wird der Schamanismus eine fundamentale Rolle spielen. 

2.) 
Die zweite Idee ist eine grundsätzlich andere. In einer Welt, die dem europäischen Mittelalter gleicht, wird der junge Thronerbe durch intrigante Ränkespiele verraten und verkauft. Selbst seine einst große Liebe spielt dieses eiskalte Spiel mit und entpuppt sich später als einer der Hauptantagonisten. Der Kopf des Königs rollt und die Intriganten reißen die Macht an sich. Doch das ist nicht der Fokus.Die Quintessenz dieser Geschichte wird das Innenleben des verstoßenen Thronerben, der flieht und im Exil sein Dasein fristet. Ich möchte hier das Motiv der Rache beleuchten und verdeutlichen, was sie aus einem Menschen machen kann. Denn irgendwann verliert sich der Thronerbe darin und wird selber nicht besser handeln, als seine Gegenspieler. Kann so eine Art der Rache überhaupt noch gerecht sein? Ich möchte hier mit Moral – und Doppelmoral- spielen.

3.)
Die dritte Idee beschäftigt mich schon länger und spielt in einer Welt, die einige von euch vielleicht schon kennen: Das Warhammer-Universum. Diese düstere Welt fasziniert mich schon seit der ersten Stunde und ich spiele schon lange mit dem Gedanken, hierzu etwas zu deixeln. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich das, copyrightmäßig, überhaupt darf, bzw. da irgendwelche Rechte verletze. Vielleicht nicht, wenn ich es nur im Blog poste, aber als Ebook könnte ich mir das kritisch vorstellen…
 Der Plot hierzu ist bisher eine vage Idee. In einer Welt, in der täglich durch die Mächte des Chaos verursachte Grausamkeiten entstehen, radikalisieren sich die Menschen zunehmend. Magier werden plötzlich zu Staatsfeinden und jeder Zauberer, der nicht zwangsläufig einer Kaste angehört, ist ein von den Hexenjägern gesuchter Verbrecher.
Genau so einer ist mein Protagonist. Von den Eltern im Verborgenen gehalten, lernt er die Magie ganz anders kennen, als sie durch die indoktrinierten Kasten gelehrt wird. Schnell wird dem Protagonisten klar, dass seine Fähigkeiten die eines gewöhnlichen Zauberers bei weitem übersteigen. Als erster Mensch gelingt es ihm, mehr als nur einen der acht Winde der Magie zu meistern, obwohl dies nach der Theorie des hochelfischen Magister Teclis für Humanoide völlig unmöglich ist. Schnell wird der Prota unfreiwillig zum Gesicht einer Widerstandsbewegung und zur Zielscheibe sämtlicher Hexenjäger des Imperiums. Dies ist die Geschichte des ersten großen Magierkrieges, der ein Reich völlig entzweit.

Na, war da was für euch dabei? Dann dürft ihr gespannt bleiben. Welches der drei Sachen es jetzt letztendlich wird, muss ich noch mit mir selbst ausmachen. Ihr könnt mir gerne ein paar Gedanken eurerseits dalassen! 🙂

Lieben Gruß,

Tobi



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Trivial von Saigel

Er sprach nicht. Selten bekam ich ihn dazu, in einer Situation wie dieser etwas zu sagen. Im Grunde stand ich da und versuchte eine kalte himmelhohe Wand hinaufzuklettern. Alles in mir schrie danach, in den Arm genommen zu werden. Meine Tränen boten keinen Ausweg, keinen Schlüssel für den festverschlossenen Koffer, der nach außen hin völlig leer war. Mir schien es so, als würden sich die eisigen Ketten enger um sein Herz ziehen, wenn meine Emotionen überkochten und sie ihm unkontrolliert um die Ohren peitschten.
Ich schrie Worte. Worte, die bedeutungsschwer das beinhalteten, was ich fühlte. Einmal herausgeschrien, machten sie sich auf den Weg, prallten ab, an dieser stahlharten Oberfläche, die unberührt zu bleiben schien.
Wie lange musste ich mich selbst heilen, wie lange musste ich mich in den Schlaf weinen, den folgenden Tag in tiefen grübelnden Gedanken verbringen. Wie oft ertappte ich mich dabei, die Entscheidung, mein Leben mit ihm zu teilen, in Frage zu stellen. Ein Mann, der nicht sprach, der nicht fühlte.
Doch eines Tages, nachdem die gigantischen Wellen der fassungslosen Wut und Enttäuschung über ihn hinweggeschwappt waren und er wieder nicht einmal mit der Wimper gezuckt hatte, da sagte er: „Lass uns was essen“.
„Lass uns was essen“ und seine Augen funkelten, seine Mundwinkel lächelten und seine Hände lagen plötzlich warm auf meiner Haut. Sanft zog er mich schweigend in Richtung Küche. Die Wand vor seinem Herzen war geschrumpft, ich konnte einfach darüber springen und meinen Kopf an seiner Schulter anlehnen. Ich spürte seinen Atem an meinem Ohr, während wir gemeinsam kochten. 
Als wir aßen blickten wir uns in vollkommener Ruhe tief in die Augen. Seine Seele war offen und ich spürte die Belanglosigkeit, die in meinen schäumenden Worten gesteckt hatte. Ich erkannte die Trivialität in meinen Ausbrüchen, die Sinnlosigkeit in meiner Wut verglichen zu diesen vier Worten: „Lass uns was essen“.

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Die Zeitreisenden 8

3. Tag der Entscheidung – Teil 1

Wäre nicht ihre bedrückende Aufgabe gewesen, hätte man ihren Aufenthalt im Yellowstone-Park wie einen Abenteueraufenthalt empfinden können. Dunn wusste zwar, dass Individualreisen durch den Park grundsätzlich nicht verboten waren, sie wurden in der Realität jedoch meist nur von wenigen Extremwanderern unternommen. Zu nachhaltig wurde vor herumstreunenden Bären und anderen Tieren gewarnt, die durchaus zu einer tödlichen Gefahr werden konnten. Einem Grizzly-Bären ungeschützt gegenüberzustehen war kein Spaß. Er hoffte jedoch, dass sie auf dem Plateau weitgehend vor ihnen sicher waren. Meist hielten sie sich in den Flussbereichen auf, die von vielen anderen Tieren als Tränke benutzt wurden.
Auch vor Park-Rangern waren sie weitgehend sicher, denn die Parkaufsicht hatte nicht das Personal, auch die entlegensten Orte des riesigen Parks zu überwachen. Straßen gab es in weitem Umkreis nicht. Das Einzige, das man häufiger finden konnte, waren Pfade, denen abenteuerlustige Wanderer hin und wieder folgten.
Das Hightech-Zelt aus der Zukunft, das Sequel aufgestellt hatte, bot erstaunlich guten Schutz vor der Witterung und hatte bislang nicht einen Tropfen der nächtlichen Regenfälle durchgelassen. Es wärmte automatisch, wenn es draußen kalt wurde und kühlte, wenn die Mittagssonne sich allmählich durchsetzte und das Zelt aufheizte.
Vier Tage verweilten sie bereits an diesem Ort und noch immer hatten Brungk und Sequel das Herannahen der erwarteten Waffe der Skrii nicht gespürt. Sie schienen darüber nicht beunruhigt, denn sie waren vollkommen überzeugt davon, dass sie erscheinen würde.
Dunn war schon früh aufgewacht und hatte sich aus dem Zelt geschlichen, um die anderen nicht zu wecken. Obwohl es noch kühl war, genoss er es, den Sonnenaufgang über den Bergen zu beobachten. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Sequel kam aus dem Zelt gekrabbelt. Ihren Schlafsack hatte sie an der Seite geöffnet und sich wie eine Decke umgelegt, in die sie sich einwickelte, sowie sie sich erhoben hatte.
»Wie kannst du so hier in der Kälte stehen, ohne zu frieren?«, fragte sie, als sie sich zu ihm gesellt hatte.
Er sah auf sie herab und musste lächeln. »Ich bin das Klima von Wyoming gewohnt. Das kann in der kalten Jahreszeit schon mal rau sein. Mir macht das nicht so viel aus. Im Grunde liebe ich diese kurze Zeit vor dem Sonnenaufgang, wenn der Atem beim Ausatmen noch dampft. Es macht den Kopf klar.«
»Mich lässt es nur erzittern, wie ich feststelle. Vielleicht sollte ich besser wieder ins Zelt schlüpfen.«
»Bleib ruhig noch da«, sagte Dunn.
Sie sah ihn an, doch er sagte nichts mehr. »Wenn du das möchtest, musst du mich wärmen.«
»Na, komm her«, sagte er und breitete seine Arme aus. Sie trat zu ihm und er legte seine Arme um sie.
Sequel brummte leise. »Ich hätte nicht geglaubt, dass ich in dieser morgendlichen Kälte die Wärme deines Körpers spüren könnte. Es ist angenehm. Wie lange dauert es noch, bis die Sonne aufgeht?«
»Nicht lange.«
Dunn dachte an das Gespräch mit Brungk. Er hielt die schönste Frau, die er je getroffen hatte, in den Armen. Wie fühlte sich das für ihn an? Suchte sie lediglich seine Wärme? Gab sie ihm Zeichen und er war nur zu dämlich, sie zu verstehen? War dies der Moment, sich endlich über verschiedene Dinge klar zu werden?
»Wie kommst du mit den Waffenübungen zurecht?«, fragte sie plötzlich. Die Stimmung war mit einem Moment vorbei.
»Ich denke, ich bin schon recht schnell und sicher damit. Besonders, wenn ich den Anzug aktiviert habe. Wenn es losgeht, werde ich euch sicher unterstützen können.«
Sie nickte. »Gut.«
»Wann, glaubst du, geht es los? Die Warterei geht mir an die Nieren. Ich schlafe schon recht unruhig in den letzten Tagen.«
»Vielleicht wirst du dir die Warterei zurückwünschen, wenn das Ding erscheint. Es kann nicht mehr lange dauern. Wir rechnen jeden Moment mit den ersten Anzeichen.«
Ein erster Lichtschein erschien zwischen den Bergspitzen und leuchtete ihnen direkt ins Gesicht. Die Ebene des Plateaus wurde in goldenes Licht getaucht und es sah einfach fantastisch aus.
»Die Erde ist wunderschön«, sagte Sequel leise. »Soetwas gab es auf Lorana nicht. Dieser Moment zeigt mir deutlich, dass die Erde der Heimatplanet der Menschen ist. Wir habe Vieles durch unseren Exodus zurückgelassen und verloren.«
Sie schmiegte sich enger an Dunn. »Ich danke dir, dass ich diesen Moment erleben durfte.«
Er empfand plötzlich ein irrationales Glücksgefühl und presste sie fest an sich. In diesem Moment versteifte sich Sequel und Dunn erschrak. Hatte er eine unsichtbare Grenze überschritten und Sequel wies ihn zurück? Er blickte ihr ins Gesicht und erschrak nochmals. Ihr Gesicht hatte einen vollkommen abwesenden Ausdruck und ihre Augen waren komplett schwarz.
»Sequel! Was ist mit dir?«
Sie antwortete nicht und lag stocksteif in seinen Armen. Aus dem Zelt drangen unverständliche Laute und nach wenigen Augenblicken kam Brungk aus dem Zelt. Seine Bewegungen wirkten zeitlupenhaft und fahrig, als hätte er Probleme, seinen Körper unter Kontrolle zu bringen. Er benötigte mehrere Versuche, bis er endlich auf seinen Beinen stand. Mit steifen Schritten ging er auf die beiden zu. Auch er hatte schwarze Augen, die auch die Augäpfel mit einschlossen.
»Es geht los«, sagte er stockend. »Ich muss Sequel zurückholen.«
»Zurückholen?«
»Emotionen können unsere Deckung unterlaufen. Die temporale Bugwelle der Waffe hat sie überrascht und gelähmt. Allein kann ich nichts tun. Ich brauche ihre mentalen Kräfte. Ohne sie können wir den exakten Ort nicht orten.«
Brungk blickte in Sequels schwarze Augen. »Ich brauche sie sofort im Zelt. Hier draußen ist es zu kalt, und wenn ich es richtig sehe, ist sie unter ihrem Schlafsack nackt.«
Dunn presste die Lippen zusammen. Nur widerstrebend entließ er die Frau aus seinen Armen. Er hatte das Gefühl, für die Situation verantwortlich zu sein, sah sich aber nicht imstande, etwas zu tun.
»Fass mal mit an!«, forderte Brungk ihn auf. »Allein bekomm ich sie in diesem Zustand nicht ins Zelt.«
Gemeinsam trugen sie das Mädchen zum Zelt und zogen es auf dem Schlafsack hinein. Brungk ignorierte die durch das Aufklaffen des Schlafsacks offengelegte Nacktheit Sequels und beugte sich über sie, bis er mit seiner Stirn ihre berührte. Ein leichtes Zucken lief durch ihren Körper. Dunn beobachtete besorgt die Szene und fragte sich, was Brungk wohl mit ihr anstellte.
Nach mehr als einer halben Stunde ließ Brungk sich zurücksinken und wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Ich hab’s geschafft. Sie sollte gleich zu sich kommen.«
Wenige Augenblicke später begann Sequel, sich zu bewegen. Mit einem leisen Stöhnen richtete sie sich auf und blickte mit ratlosem Gesicht umher. Ihre Augen waren noch immer tiefschwarz. »Was ist geschehen? Ich kann mich noch an den Sonnenaufgang erinnern, dann war es, als hätte mich etwas einfach ausgeknipst.«
»Der erste Gruß der Skrii«, sagte Brungk. »Die erste temporale Schockwelle. Sie hat dich überrascht.«
»Dann ist heute der Tag der Entscheidung?«, fragte Dunn.
»Nicht heute«, sagte Brungk kopfschüttelnd. »Voraussichtlich morgen. Wir werden den heutigen Tag nutzen, um den exakten Ort zu bestimmen. Mit etwas Glück gibt es noch eine weitere Schockwelle. Spätestens dann können wir genau sagen, wo das Skriikravkniikth, wie unsere Feinde die Waffe nennen, erscheinen wird, bevor es wieder in die Tiefen des Zeitstroms weiterzieht.«
»Woher wisst ihr eigentlich so genau über diese Waffe Bescheid?«
Brungk und Sequel blickten sich kurz an. Sequel nickte.
»Gut«, sagte Brungk. »Warum solltest du es auch nicht wissen. Für die Situation der Kriegsparteien in der Zukunft ist es sicher nicht relevant. Als wir unsere Reise antraten, befanden wir uns schon viele Jahrzehnte mit den Skrii im Kriegszustand. Ich kann dir nicht einmal sagen, was ursprünglich den Ausschlag dazu gegeben hat. Fest steht, dass Menschen und Insektoide vollkommen unterschiedliche Motivationen haben und von den Moralvorstellungen will ich überhaupt nicht reden. Schon beim ersten Zusammentreffen unserer Rassen war dies von Missverständnissen geprägt und gipfelte in erste kleine Gefechte. Als es eskalierte, gab es furchtbare Schlachten, aber niemandem gelang es, einen endgültigen Sieg zu erringen. Wir glauben, dass der Einsatz einer Roboterschwadron schließlich dazu führte, dass die Skrii uns endgültig auslöschen wollen.«
»Roboterschwadron?«
»Eine riesige Flotte von automatischen Schiffen mit Kampfrobotern, die wir zu einer der Zentralwelten der Skrii geschickt haben. Ihr gelang die Vernichtung des ›Nests‹, dem Mutterstamm der Skrii. Es war jedoch naiv, anzunehmen, dass dies zu einer Kapitulation des Gegners führen würde. Sie bauten das Nest wieder auf und setzten eine neue Königin ein, die bedeutend kompromissloser war als die alte. Nicht nur wir Menschen, sondern auch die Skrii haben hervorragende Wissenschaftler. Sie hatten die Natur der Zeit ebenso erforscht wie wir und die neue Königin befahl den Bau des Skriikravkniikth, um uns aus der Geschichte unseres Universums zu tilgen. Wir lagen lange genug mit dem Gegner im Krieg, dass wir genau über die Vorgänge auf ihren Wissenschafts- und Industriewelten informiert waren. Dennoch kamen wir zu spät, den Einsatz der Waffe zu verhindern. Als unser Einsatzkommando eintraf, um das Gerät zu vernichten, war es bereits nicht mehr dort, und man hatte unserem Team eine Falle gestellt. Nur einer konnte entkommen, aber es gelang ihm, eine der Chefplanerinnen der Skrii zu betäuben und nach Lorana zu entführen. Bei den Befragungen plauderte sie viele Einzelheiten aus, die uns nun hoffentlich helfen.«
»Und diese Skrii hat euch das einfach verraten?«, wunderte sich Dunn.
»Natürlich nicht. Du willst nicht wissen, was geschehen musste, an dieses Wissen zu gelangen.«
»Ihr habt dieses Wesen gefoltert.«
»Vermutlich würdet ihr es so nennen. Unsere Spezialisten nennen es ›nachdrückliche Befragung‹.«
»Ich stelle fest, dass die Menschen der Zukunft auch nicht besser sind als wir.«
»Wir stammen zwar aus der Zukunft, aber wir haben noch immer unseren Selbsterhaltungstrieb«, sagte Brungk. »Ich weise aber darauf hin, dass weder Sequel noch ich an solchen Aktionen beteiligt waren. Ich glaube auch nicht, dass wir das könnten.«
»Okay«, sagte Dunn. »Das war für mich als Hintergrundwissen natürlich interessant, aber wie geht es jetzt weiter?«
»Wir werden jetzt verschmelzen und unsere Orterfähigkeiten einsetzen«, meinte Sequel. »Das kann eine Weile dauern. Für dich bedeutet es nur, dass du uns alles vom Hals halten musst, was uns stören könnte. Schalte eventuell den Anzug ein und aktiviere den Tarnmodus. Es wird dich dann niemand sehen können. Du könntest jeden Neugierigen ablenken oder notfalls ausschalten, wenn es ein gefährliches Tier ist.«
»Denkst du, es dauert so lange?«
»Wir müssen der Temporalschockwelle nachspüren. Die Nachwirkungen sind nur noch schwach spürbar. Wenn in der nächsten Zeit keine weitere Welle kommt, kann es Stunden dauern. Mach dir also keine Sorgen, wenn wir lange in der Verbindung bleiben.«
Sie setzten sich bequem auf den Zeltboden gegenüber und legten ihre Stirn aneinander. Nur wenige Augenblicke später waren sie nicht mehr ansprechbar.
Dunn verließ das Zelt und sah sich um. Nichts deutete darauf hin, dass jemand oder etwas sich für ihr Zelt interessierte. Nicht einmal Wapitis hielten sich in der Nähe auf. Er aktivierte aus purer Langeweile seinen Anzug und experimentierte mit den Kontrollen herum. Es gab tatsächlich einen Tarnmodus, aber aus dem Innern des Anzuges konnte er nicht die Wirkung dieses Modus überprüfen. So übte er weiterhin das Zusammenspiel von Waffensystemen und Anzug, trainierte, das System mit seinen Gedanken zu steuern und bemühte sich allgemein, die Abläufe zu beschleunigen. Dass das letztlich ausreichend war, um den Ernstfall zu überleben, konnte er nur hoffen.
Als er nach einiger Zeit den Anzug abschaltete, war es fast Mittag und sein Magen signalisierte ihm Hunger.
Er schlüpfte ins Zelt, um sich eine Rolle Kekse zu holen. Dabei sah er, dass sich weder Brungk noch Sequel in der Zwischenzeit bewegt hatten. Seit mehreren Stunden hatten sie in dieser Position verharrt. Das konnte nicht gesund sein. Er hoffte, dass die beiden bald aus ihrer Verschmelzung auftauchen würden. Es sollte noch ein paar weitere Stunden dauern, als sie sich plötzlich bewegten und ihre schmerzenden Glieder rieben. »Wasser!«, rief Sequel. »Ich bin völlig ausgetrocknet.«
Dunn eilte sofort mit einer Flasche Quellwasser zur ihr, die sie an einer kleinen Quelle, nur wenige Meter neben dem Zelt, auffüllen konnten. Sequel trank wie eine Verdurstende. Brungk ging es nicht besser, doch er wartete geduldig, bis Sequel fertig war.
Die beiden waren völlig erschöpft. Dunn sah, dass Sequel offenbar Schmerzen verspürte. »Geht es dir nicht gut?«
Sie lachte humorlos auf. »So kann man es nennen. Mir platzt der Kopf und jeder Knochen schmerzt. Aber wir wissen jetzt, wo wir die Waffe erwarten werden.«
»Tatsächlich? Ihr konntet es lokalisieren? Ist es weit von hier?«
Brungk setzte seine Flasche ab und wischte sich über den Mund. »Etwas mehr als drei Kilometer von hier.«
»Wir sollten unser Zelt hier stehen lassen und nur mit unserer Ausrüstung loslaufen«, ergänzte Sequel. »Für diese kurze Strecke sollten wir keine Energie für eine Ortsversetzung vergeuden. Wir werden jedes Quäntchen davon brauchen, wenn das Ding erscheint.«
»Wann brechen wir auf?«
»Wir sollten uns bald auf den Weg machen«, sagte Sequel. »Bereiten wir uns vor.«
Dunn schaute sie verständnislos an. »Welche Vorbereitungen meinst du?«
»Nun. Zieh deine Sachen aus und schalte den Anzug ein. Anschließend heften wir unsere Waffen an den Anzug und los geht es.«
»Und wieso soll ich mich ausziehen? Bei euch scheint Nacktheit normal zu sein. Bei uns ist das etwas anders.«
»Damit hat das nichts zu tun«, erklärte Sequel. »Der Anzug kann sich nur richtig um die Bedürfnisse deines Körpers kümmern, wenn er Kontakt dazu hat. Wenn du unter dem Anzug nackt bist, wird er sich auch um deine Ausscheidungen kümmern. Wir können es uns nicht leisten, deswegen auch nur eine Minute unachtsam zu sein.«
Dunn zögerte noch.
»Worauf wartest du?«, fragte Sequel, die bereits fast vollständig ausgezogen war.
»Nun mal im Ernst: Wenn ich irgendwann den Anzug ausschalte, stehe ich im Adamskostüm vor meinen Gegnern? Das ist doch völlig verrückt!«
Sequel lachte. »Dann schalt ihn halt nicht aus.« Elegant warf sie ihr Höschen als letztes Kleidungsstück auf den Kleiderhaufen am Boden und aktivierte ihren Anzug. Von einem Moment zum anderen verwandelte sie sich in eine graubraune Figur aus einem Guss. Auch Brungk war bereits fertig und schaltete seinen Anzug ein. Dunn begann zögernd, auch seine Kleidung abzulegen. Vielleicht war es seine prüde Erziehung, aber es fühlte sich einfach falsch an, seine Kleidung auszuziehen, wenn es in den Kampf gegen einen mächtigen Gegner ging. Trotzdem tat er es und der Kleiderhaufen auf dem Boden wurde noch etwas größer. Er fühlte sich erst besser, als sein Anzug ebenfalls aktiv war. Aus seinem Helm heraus konnte er die Gesichter seiner Freunde wieder erkennen. Vom Hals an abwärts verbargen die Anzüge allerdings die Körper vor den Blicken der anderen, was ihn beruhigte.
Er spürte, wie sich der Anzug wie eine zweite Haut an seinen Körper anpasste, bis er ihn kaum noch spürte. Brungk nahm die Waffen zur Hand und klebte sie einfach in Hüfthöhe auf die glatte Oberfläche des Anzuges. Sie blieben dort haften wie festgeschweißt. »Wenn du danach greifst, werden sie ganz einfach abgehen.«
»Können wir uns dann auf den Weg machen?«, fragte Sequel ungeduldig. »Wir kennen den exakten Zeitplan des Skriikravkniikth nicht. Wir müssen ganz dicht am Objekt sein, wenn es erscheint. Es wird ein Schutzfeld besitzen, das wir mit unseren Mitteln nur schwer durchdringen können. Daher sollten wir von vornherein innerhalb des Schutzmechanismus sein.«
Dunn spürte, wie ihm heiß wurde. Er begann zu ahnen, dass ihre Mission kein Spaziergang werden würde.
Sie verstauten noch ihre Kleidung im Zelt und liefen los. Durch die Navigationsmodule ihrer Anzüge geführt, war es ihnen unmöglich, sich zu verlaufen, und die kinetische Unterstützung ihrer Körper durch die Anzüge ließ sie den Marsch wie einen Spaziergang empfinden. Keine Stunde später trafen sie am Ziel ein. Nichts unterschied diesen Ort von der Stelle, an der ihr Zelt stand. Es fiel Dunn schwer, sich vorzustellen, dass an dieser Stelle in Kürze eine riesige Maschine erscheinen sollte, die eine tödliche Gefahr für die gesamte Menschheit darstellen sollte. Er fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, das Militär auf diese Waffe anzusetzen.
»Das wäre keine Lösung«, übermittelte Sequel.
»Was?«, fragte Dunn.
»Du hast so intensiv gedacht, dass der Anzug es an uns weitergeleitet hat. Euer Militär besitzt keine Waffen, die den Schutz des Skriikravkniikth überwinden könnten. Selbst diese Atomwaffen, auf die ihr so stolz seid, würden nur das Land unbewohnbar machen. Glaub mir, wenn jemand eine Chance hat, dann sind wir es
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Den ganzen Tag verbrachten sie mit Warten im eingeschalteten Anzug. Inzwischen hatte Dunn sich so daran gewöhnt, in dem Anzug zu stecken, dass er ihn überhaupt nicht mehr bemerkte. Das System versorgte ihn mit allem, was sein Körper benötigte. Als die Sonne versank, wurden Brungk und Sequel unruhig.
»Ich hab was gespürt«, sandte Brungk. »Es kommt.«
»Wir stehen mittendrin!«, rief Sequel laut. »Weg hier!«
Dunn blickte sie ratlos an. Sequel stürzte auf ihn zu und zog ihn am Arm hinter sich her. »Willst du, dass es dich zerquetscht?«
»Ich verstehe nicht. Hier ist doch weit und breit nichts zu sehen.«
In diesem Moment begann die Luft, sich mit Elektrizität aufzuladen. Winzige Blitze zuckten aus der Luft in den Boden, und auf dem Boden zeichnete sich plötzlich eine gerade Linie ab, an der entlang das Gras der Ebene von der Faust eines Titanen niedergedrückt schien. Die Blitze wurden zahlreicher und heftiger. Die Luft stank nach Ozon.
Sequel und Brungk liefen an der Linie entlang. »Es ist ein perfektes Quadrat! Wir müssen uns ganz knapp außerhalb des Quadrats aufhalten!«
Dunn achtete darauf, diesen Hinweis zu befolgen und rannte den beiden hinterher. Er hatte keine Lust, von ihnen getrennt zu sein, wenn dieses Ding plötzlich erschien. Doch nach wenigen Metern musste er stoppen, weil die Blitze inzwischen in großer Zahl rund um sie herum in den Boden schlugen. Sequel und Brungk waren kaum noch zu erkennen. Ständig wurde er durch Blitze geblendet, da die Automatik seines Helms nicht schnell genug regierte.
»Dunn, wo steckst du?«, fragte Sequel. »Warum folgst du uns nicht?«
»Ich kann nicht! Ich müsste durch ein Blitzgewitter laufen. Ich bezweifle, dass der Anzug das aushalten würde
»Nein! Versuch das nicht! Warte, bis die Waffe erschienen ist. Die Blitze sollten aufhören, wenn die Waffe materialisiert ist. Nicht erschrecken! Es wird ein riesiger Würfel sein!«
Dunn hatte nicht bemerkt, dass sein Kreislauf auf Hochtouren lief. Heftig atmete er und der Anzug bemühte sich, seine Nerven zu beruhigen, aber das Ergebnis fiel nur dürftig aus. Inzwischen war das Blitzgewitter zu einem regelrechten Dauerfeuer geworden und allmählich wurde aus den strahlenden Blitzen ein gewaltiges würfelförmiges Ding sichtbar. Er wagte kaum, sich zu rühren, da er befürchtete, sonst mit den Entladungen in Kontakt zu geraten. Nie in seinem Leben hatte er solche Angst verspürt, wie in diesen Momenten.
Von einem Augenblick zum anderen hörten die Blitze auf. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Eine gewaltige schwarze Wand erhob sich vor ihm. Er war zu dicht davor, um das tatsächliche Ausmaß erfassen zu können, schätzte aber, dass sie sich mindestens zwanzig Meter in die Höhe erstreckte. Ein schwacher Schein beleuchtete die Szenerie einen Moment später. Dunn spähte in die Richtung, aus der das Licht kam und sah, dass in wenigen Metern Entfernung ein leuchtender Vorhang erschien, der das gesamte Gebilde einhüllte.
»Sequel!«, dachte er.
»Komm jetzt zu uns«, antwortete sie. »Wir haben eine Art Schleuse gefunden
Dunn hastete an der Wand entlang, die völlig schwarz wirkte und leicht dampfte. Er legte versuchsweise eine Hand auf die Oberfläche und erfuhr über die Sensoren, dass die Temperatur der Oberfläche weit unter -100 Grad Celsius lag. Als er um die nächste Ecke des Würfels bog, sah er die beiden, die bereits ihre Destabilisatoren in der Hand hielten.
»Du musst uns helfen«, sagte Brungk. »Das Schott bekommen wir nicht auf. Es ist an die Physiognomie der Skrii gebunden, und damit können wir nicht dienen. Wir werden Gewalt anwenden müssen.«
Sie erhoben ihre Waffen und zielten auf eine Stelle des Schotts, wo sie das Scharnier vermuteten. Dunn hatte schon erlebt, was diese Waffen mit Materie anrichteten und wappnete sich instinktiv gegen eine heftige Explosion. Sie blieb jedoch aus und das Schott war völlig unbeschadet.
»Komm Wayne, wir versuchen es mit Dauerfeuer aus drei Waffen gleichzeitig.«
Dunn zog ebenfalls seine Waffe und gemeinsam nahmen sie das Schott unter Feuer. Minutenlang beschossen sie das Material, als es endlich Wirkung zeigte. Es löste sich zwar nicht in einer Explosion auf, doch wurde es porös und seine Dichte wurde immer geringer, bis es schließlich riss und ein gelbes Gas freigesetzt wurde.
»Weiterschießen!«, befahl Sequel. »Wir kommen da noch nicht durch. Das Loch ist noch zu klein.«
»Wozu habt Ihr Destabilisatorbomben?«, rief Dunn. »Die haben doch sicher mehr Power als die Handwaffen, oder?«
»Gute Idee!«
Brungk und Sequel pflückten ihre Bomben vom Anzug und hafteten sie an die bereits angeschlagene Tür.
»Weg hier! Wir ziehen uns bis um die nächste Ecke zurück!«
Sie rannten an der Mauer entlang und hielten nicht eher an, bis sie hinter der nächsten Ecke des Würfels in Deckung gehen konnten. Ein greller Blitz erhellte die gesamte Umgebung mit unnatürlichem Licht. Vorsichtig kehrten sie zurück zu der Stelle, an der sie auf das Eingangsschott geschossen hatten. Es war nicht mehr da. Stattdessen klaffte eine große, ausgefranste Öffnung in der Wand des Würfels.
Brungk hielt seine Waffe in der Hand und kletterte ohne zu Überlegen durch das Loch ins Innere. Sequel sah Dunn kurz an und folgte Brungk. Als Letzter folgte Dunn.
Im ersten Augenblick herrschte totale Finsternis, doch schon Sekunden später hatte der Anzug diverse Strahlenquellen ausgemacht, die sich eigneten, als sichtbares Licht über die Innenfläche des Helms auf die Augen übertragen zu werden. Es half ihm jedoch nicht weiter, da sein Verstand nicht einordnen konnte, was er sah. Das Innere des Würfels glich einem Bild von Hieronymus Bosch – vollkommen verwirrend und zugleich bedrückend. Man konnte zwar alles erkennen, doch wusste man nicht, was man überhaupt sah. Sequel und Brungk schien es nicht anders zu ergehen, denn auch sie standen staunend und unsicher inmitten des Chaos, welchem vermutlich lediglich ein Skrii etwas Sinnvolles abgewinnen konnte.

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Der ursprünglich für den 3.11. angekündigte Teil konnte leider erst verspätet heute gepostet werden. Die Fortsetzung gibt es am 01.12.2018

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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 10: Auge um Auge (Finale)

Aeola dürstete gnadenlos nach Blut. Ihre Klauen schnitten durch Fleisch und Panzer gleichermaßen, während Archweyll sie unter animalischen Aufschreien auf seine Feinde niederkommen ließ. Der Kopf eines Tiermenschen segelte durch die Luft, als der Kommandant ihn von seinem Körper trennte. Archweyll vollführte einen Satz und seine Klinge sauste wie eine Sense über das Schlachtfeld, um Leben zu ernten.
Ein tentakelbewachsener Mutant sank blutüberströmt zu Boden.
Doch sein Kampf schien kein Ende zu finden und langsam nagte die Erschöpfung an ihm.
Immer mehr Mutanten stürzten sich auf ihn, aber sämtliche Magazine des Induktionsrevolvers waren mittlerweile geleert und der Kampfanzug hatte seine elektronischen Modifikationen aufgrund mangelnder Energiezufuhr verloren. Nur noch sein Schwertarm leistete Archweyll treue Dienste. Kreischender Motorenlärm erfüllte den Hangar, während unzählige Kampfschiffe in den Warp vordrangen, um die Atharymn unter Beschuss zu nehmen.
Ein stierköpfiger Tiermensch stellte sich dem Kommandanten in den Weg, einen rostigen Hammer im Anschlag. Krachend ging die brutale Waffe unweit von Archweyll auf den Boden nieder.
Er wollte kontern, aber ein weiterer Feind stellte sich ihm in den Weg und drängte ihn zurück. Wenn das so weiter ging, würde er bald unterliegen.

***

„Wie weit ist der Reaktor?“, fragte Clynnt Volker hektisch. Auf der Kommandobrücke der Atharymn herrschte reges Treiben. Als die Stromversorgung wieder stabil war, hallte ein feierlicher Aufschrei der Erleichterung durch die gesamte Fregatte. Doch nun sahen sie sich gefährlichen Feinden gegenüberstehen und der Hauptantrieb funktionierte nicht einwandfrei, was auch bedeutete, dass die Deflektorschilde nach wie vor inaktiv waren. Torpedobeschuss war das letzte, was Clynnt jetzt gebrauchen konnte.
„76 Prozent, Sir“, meldete einer der Navigatoren, während er eifrig seine Hologrammmonitore studierte. „Derzeit 34 feindliche Schiffe in näherer Umgebung. Tendenz exponentiell steigend.“
Der Chefnavigator unterdrückte einen Fluch. Was hatte Archweyll ihnen da angeschleppt? „Haupthangar informieren, wir brauchen unsere Leute dort draußen. Deflektorschilde sind nach wie vor inaktiv, entsendet die Arrows. Außerdem brauchen wir eine Entertruppe. Eine große.“ Sein Blick ging durch die Menge. „ Archweyll steckt in Schwierigkeiten.“

***

Aus dem Augenwinkel durfte Tamara mit ansehen, wie ihrem Kommandanten die Puste ausging. „Komm schon, Arch“, flüsterte sie.
„Halt dein blödes Maul, Weib“, fauchte sie ein rattenähnlicher Tiermensch an und fuchtelte mit seinem Gewehr herum. Aus seinem Maul tropfte der Geifer der Vorfreude.
Tamara war sich im Klaren darüber, dass sie ihn ohne mit der Wimper zu zucken töten konnte, auch in ihrer jetzigen Situation. Wären da nicht noch die anderen zwanzig Mutanten und die potentielle Möglichkeit, dass sie die verbliebene Mannschaft sofort massakrieren würden. Ihr blieb nicht viel übrig, außer abwarten und hoffen, dass ihr Kommandant durchhalten würde, bis Clynnt ihnen Verstärkung schicken konnte.
Ein Schrei hallte durch den Hangar, als Archweylls Klinge einen Mutanten durchbohrte. Aber das änderte vermeintlich wenig an ihrer aussichtslosen Situation.
Plötzlich bemerkte Tamara aus dem Augenwinkel eine Bewegung, doch bevor sie sich vergewissern konnte, was sie da hinter einem der Kampfschiffe aufblitzen sah, war es wieder verschwunden. Eine Sekunde später erfüllte eine Explosion den Hangar, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall. Die Hitze strich über ihre Haut wie Schmirgelpapier, als einer der kleinen Kampfflieger auf dem Fließband in Flammen aufging. Metall knirschte protestierend, als der folgende Flieger mit dem Wrack kollidierte und in die Tiefe stürzte. Eine zweite Explosion erschütterte das Laufband und ließ es restlos in sich zusammenklappen. Tamara merkte, dass sie die ganze Zeit den Atem angehalten hatte.
War Clynnt gekommen, um sie hier rauszuholen?
„Was zur Hölle war das?!“, hörte sie Bering fluchen. „Sofort die Quelle ausfindig machen und eliminieren. Dann verschwinden wir von hier, die Jungs sind gleich fertig.“
Fünf schwer gepanzerte Mutanten marschierten in die Richtung, aus der Tamara die Bewegung vernommen hatte.
Hoffentlich krepiert ihr, dachte sie hasserfüllt.
Als wolle eine schicksalhafte Begebenheit ihren Wunsch erfüllen, ertönten plötzlich Schüsse. Ihnen folgten unsagbare Schmerzensschreie.
Das war kein Induktionsgewehr, schoss es der Spähtruppführerin durch den Kopf. Aber was war es dann?

***

Howard Bering stieß einen Fluch aus. Der Verlust der Kampfflieger war etwas, das er nicht hinnehmen konnte. Er wusste um die Fähigkeiten der Arrows, die ihnen in Kürze den Garaus machen konnten.
Seine Männer waren keine erfahrenen Kampfpiloten, wie es die der föderalen Armee waren, und auch nicht geschult in den Fliegern der Dunkeln Engel, an denen sie sich so vorzüglich bedienen konnten.
Howard hatte auf Quantität gesetzt, um die Atharymn möglichst lange beschäftigt zu halten. Was auch immer die Explosionen verursacht hatte, es musste ausfindig gemacht und vernichtet werden. Eifrig studierte er seinen Scanner, wie ein fürsorglicher Vater sein Kind betrachtete. Mit den
Daten auf den Servern und den Ressourcen der Herrlichkeit würde es ihm möglich sein, der galaktischen Föderation das Handwerk zu legen. Sie betrachteten sich als eine Art heiliges Imperium, aber in Wahrheit waren die Menschen verkommenere Kreaturen, als die Mutanten, die sie gezüchtet hatten. Nun wendete sich ihre Waffe gegen sie und der Tag würde kommen, da sie ihrer Fehler gedenken würden.
Plötzlich erfüllten Schmerzensschreie den Hangar mit ihrem Lied des Wehklagens.
Eilig hastete Howard zur Schiffspforte. Was war hier nur los? Sein Gesichtsausdruck wurde aschfahl, als er erkannte, dass seine größte Faszination sich gegen sie wandte.
Ein Dunkler Engel schoss anmutig über sie hinweg, sein Körper war von Pilzen ganzheitlich durchwuchert, was Howard darauf schließen ließ, dass der Parasit bereits die Kontrolle übernommen hatte. Ratternd aktivierte der Engel ein Maschinengewehr, das an seinem Arm befestigt war und eine Salve unbekannter Projektile ließ seine Männer dahinsiechen.
„Und dabei fing doch alles so gut an“, seufzte der Chefmechaniker und entledigte sich seiner Kutte. Auch wenn er stets gebückt ging, war dies doch nur ein Vorwand, um Gebrechlichkeit vorzugaukeln. Um seinen sehnigen Unterarm war eine Vorrichtung mit intravenösem Zugang eingerichtet, mit dem er seine größte Schaffung, das Monamarte, direkt in seinen Kreislauf injizieren konnte. Dagegen waren Archweylls Stimulanzmittel ein feuchter Witz. Er hatte die Experimente der föderalen Apothekaris optimiert und mit modernster Wissenschaft perfektioniert. Nun würden seine Feinde es am eigenen Leib zu spüren bekommen.

***

Die Arrows leisteten ganze Arbeit. Wie silberne Pfeilspitzen schossen sie durch den Warp und hinterließen nichts als brennende Wracks. Lichtblitze erfüllten die Dunkelheit. Cylnnt Volker verfolgte das Spektakel von der Kommandobrücke aus und ein zufriedenes Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. Den Piloten der Atharymn hatten diese Missgeburten nichts entgegenzusetzen. Glücklicherweise war ihre Anzahl deutlich zurückgegangen. Zunächst hatte Clynnt befürchtet, dass die zahlenmäßige Überlegenheit ihrer Feinde ein Problem darstellen könnte, aber irgendwas hatte verhindert, dass sich ihr Schwarm weiterhin aus der Raumstation ergoss, als wäre es ein aufgestochenes Wespennest. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er die Entermannschaft ungefährdet entsenden konnte, um Archweyll zur Hilfe zu eilen.

***

Als der Dunkle Engel die Reihen der Feinde lichtete, war sich Archweyll fast sicher, dass sich das Schicksal zum Guten wandte. Aber schnell hatte er festgestellt, dass er genauso im Visier des Zeringhety geraten war wie alle anderen auch. Als das Maschinengewehr ihn ins Fadenkreuz nahm, wurde sein Kampfanzug von einer Salve aus Schüssen durchsiebt.
Keuchend floh der Kommandant in Deckung. Zwar war sein Anzug kugelfest, aber die Projektile waren wie göttliche Faustschläge auf ihn niedergehagelt.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Howard Bering auf den Dunklen Engel zumarschierte. „Dann lauf doch in dein Verderben, wenn du es drauf anlegst“, zischte Archweyll still in sich hinein. Zu seinem Entsetzen veränderte sich Howards menschliche Form, während er in einen rasenden Ansturm verfiel. Sein Fleisch schien förmlich zu explodieren. Muskelmasse bildete sich exponentiell und Händen und Füßen wichen geifernde Klauen. Berings rattenähnliches Gesicht nahm noch intensiver die Form eines Nagetiers an und Pelz begann auf seiner nackten Haut zu wuchern. Es knackte vernehmlich, als seine Knochen wuchsen und ihm zu beeindruckenden fünf Metern Größe verhalfen. Bering machte einen gewaltigen Satz und seine Pranke zerfetzte den Zeringhety in seine Einzelteile. Wieder und wieder schlug Howard zu, bis von der eigentlichen Gestalt nicht mehr viel zu erkennen war. Dann stieß er ein markerschütterndes Heulen aus.
Archweyll überkam eine Gänsehaut. Ohne einwandfrei funktionierenden Kampfanzug hatte er hier keine Chance. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg.
Sein Nachdenken wurde von einem Aufschrei unterbrochen, als weitere Dunkle Engel in den Hangar stürmten und die Mutanten ins Visier nahmen. Die Abscheulichkeiten wehrten sich verbissen, doch viele ihrer Nahkampfwaffen waren nutzlos und nicht viele besaßen Gewehre. Ein Teil der Herrlichkeit floh in das Raumschiff.
Archweyll ballte die Fäuste. Verdammte Bastarde. Ihr kommt auch noch dran.
Ratternd aktivierten sich die Verteidigungsanlagen des Raumschiffes und Geschosse nahmen die Zeringhety ins Fadenkreuz.
Mehrere Dunkle Engel fielen, doch mittlerweile waren es mindestens zwei Dutzend. Allmählich wurde die Zeit knapp. Der Kampflärm würde immer mehr Feinde anlocken und dann war die Aussicht auf ein Entkommen nahezu unmöglich.

***

Tamara witterte ihre Gelegenheit. Als mehrere der Dunklen Engel ihre Bewacher in die Defensive drängten, erhob sie sich und unter Aufwand all ihrer Kräfte und mit Verstärkung ihres Kampfanzuges brachte sie die Ketten um ihren Körper zum Bersten.
Als der Rattenmensch, der sie vorhin noch so angeschnauzt hatte, bemerkte, was passiert war, war es bereits zu spät.
Tamaras Faust verankerte sich in seinem Gesicht und pulverisierte jede Faser seines Schädels.
Der Tiermensch konnte nicht einmal mehr schreien.
Die Spähtruppführerin schnappte sich sein Gewehr und eröffnete das Feuer.
Mehrere Tiermenschen fielen, von ihren eigenen primitiven Kugeln durchsiebt. Mittlerweile pflasterte ein Teppich aus Leichen den Hangar.
Mutanten wie Dunkle Engel gleichermaßen würden hier ihre letzte Reise antreten.
Als Tamara die Zone gesichert hatte, half sie ihren Kameraden auf. „Haltet euch bedeckt, wartet auf die Verstärkung“, befahl sie. „Dort drüben ist Deckung, alle Einheiten folgen mir.“ Sie deutete auf ein größeres Raumschiff und setzte sich in Bewegung. Es hatte oberste Priorität, die Leben ihrer Kameraden zu sichern. Viel zu viele waren gefallen. Erst dann würde sie mit Bering abrechnen.

***

Seine eingeschränkte menschliche Wahrnehmung war durch einen roter Schleier des Zorns ersetzt worden. Rasend vor Aggression nahm er weder Schmerz, noch Mitgefühl war. Tausende Gerüche erfüllten seine Nase und jede Faser seines Körper strotzte nur so vor unnatürlicher Kraft. Jeder Feind, der sich ihm in den Weg stellte, starb eines grausamen Todes. Howards Klauen sägten durch Fleisch und Maschinenteile gleichermaßen. Ein Dunkler Engel attackierte seine linke Flanke, doch Howards Reflexe erlaubten es ihm, seinen Feind zu packen. Knirschend schloss sich sein Maul um den Hals seines Feindes und riss ihm den Kopf ab. Der Geschmack von Blut explodierte förmlich auf seiner Zunge.
Plötzlich hielt die riesige Kreatur inne. Da war ein vertrauter Geruch. Howard leckte sich über die Zähne. Archweyll.
Er stieß ein animalisches Brüllen aus und jede Faser seines Körpers zuckte erregt. Heute war der Tag der Abrechnung, für all die Erniedrigungen, die er erdulden musste. Mit einem Satz beförderte er sich in die Luft. Krachend kam er wenige Meter neben seinem Ziel auf dem Boden auf. Der heutige Tag würde das Ende des Kommandanten bringen, so viel stand fest.

***

Rasende Panik machte sich in Archweyll breit, als das riesige Ungetüm wie aus dem Nichts auf ihn zugestürmt kam. Sein Brüllen übertönte selbst den Schlachtenlärm und die ratternden Maschinengewehre um ein Vielfaches. Howards Pranken griffen nach ihm als wäre er ein Spielzeugsoldat.
In letzter Sekunde konnte Archweyll sich wegducken und dem sicheren Tod entgehen. Ein schneller Blick verriet ihm, dass keine Hilfe zu erwarten war. Sein Griff um Aeola versteinerte sich. Er war auf sich alleine gestellt.
Erneut schlug Howard nach ihm, der Kommandant rollte nach rechts, um dem tödlichen Streich zu entgehen. Der Luftzug des Angriffs war deutlich auf den Monitoren des Visiers verzeichnet. „Nicht schlecht“, knurrte Archweyll keuchend.
Sein Gegenüber erwiderte mit einem animalischen Fauchen. In der Ferne ertönte dröhnender Lärm, doch ihm blieb keine Zeit, zu erörtern, weshalb. Howard stürzte sich auf ihn und sein Schlag fegte den Kommandanten durch den halben Hangar. Schmerz zog pulsierende Bahnen durch jede Faser seines Körpers und er musste sich etwaige Knochen gebrochen haben. Für eine Sekunde blieb er regungslos liegen, nicht fähig, die Kraft seines Gegenübers zu begreifen. Kaum einer Bewegung fähig, versuchte Archweyll sich aufzurappeln, doch es wollte ihm trotz Kampfanzug nicht gelingen. Der Schmerz war zu groß.
Drohend baute sich Howard vor ihm auf. Ein dumpfes Knurren entwich seiner Kehle.
Die Panik in Archweyll erreichte ihren Höhepunkt, als er dem Tod ins Angesicht sah. Für eine Sekunde lauschte er seinem pochenden Herzschlag, spürte das Blut in seinen Ohren rauschen und war nicht fähig zu atmen. Alles in ihm schien zu protestieren.
Howard bäumte sich zu voller Größe auf. Sein bedrohlicher Schatten ließ alles verdunkeln. Seine Klauen fuhren auf Archweyll nieder, um seine Eingeweide durch den Hangar zu verteilen. Dieser schloss die Augen, bereit seinem Schöpfer entgegenzutreten.
Jetzt war es also doch gekommen, das Ende.
Ein Ruck ging durch seinen Körper und er stieß einen gequälten Schmerzensschrei aus. Dann riss ihn etwas in die Luft. Sein Körper protestierte vor Pein. Der Kommandant riss erschrocken die Augen auf. Er befand sich in schwindelerregender Höhe, in den festen Händen seiner Spähtruppführerin.
Tamara hatte Archweyll gegriffen und ihre Schubtriebwerke aktiviert, um ihn in sichere Entfernung zu geleiten. „Was ist mit deinem Anzug passiert?“, fragte sie ihn kritisch.
Es gelang ihm eine unverständliche Antwort zu brummeln. Die Schmerzen waren einfach zu stark.
„Festhalten!“, schrie Tamara, als ein Dunkler Engel das Feuer eröffnete. Tamara flog eine steile Kurve und schaffte es, den Geschossen auszuweichen. „Nimm meinen Revolver“, befahl sie.
Archweyll gelang es, an ihren Hafter zu greifen und zog die Waffe. Er feuerte zwei Schüsse ab, die ihren Feind zu Fall brachten.
Das dröhnende Geräusch, das er vorhin noch vernommen hatte, schwoll zu einem ohrenbetäubenden Getöse an, als die Silverhawk ihr Entermanöver ausführte.
Archweyll atmete tief durch.
Clynnt war gekommen, um ihnen mal wieder den Arsch zu retten. Erschöpft sank er in Tamaras Armen in einen dämmerigen Zustand.

***

Der Chefnavigator verfiel in einen manischen Jubelrausch, während sein Enterschiff das Feuer eröffnete. Torpedos schlugen in den Hangar ein und verwandelten ihn in eine brennende Hölle. Das Schiff der Hände der Herrlichkeit wurde von einem explodierenden Feuerball verschluckt.
Panik erfüllte die Mutanten und sie wuselten wie Ameisen umher, verzweifelt nach Deckung suchend.
Tamara hatte gut reagiert und die restliche Mannschaft außerhalb der Einschusszone untergebracht.
“Zielsuchraketen aktivieren. Ich will, das diese verdammten Engel im Staub kriechen“, befahl Clynnt. Ratternd aktivierten sich die Geschossbatterien und feuerten ihre deutlich kleineren Geschosse ab. Explosionen folgten und Dunkle Engel fielen. „Alle Gefechtsstationen, Feuer frei.“
Röhrend begannen die schweren Maschinengewehre damit, die restlichen Feinde unter Beschuss zu nehmen. “Das war‘s für euch“, kicherte der Chefnavigator. Diese Schlacht war so gut wie gewonnen.

***

Tamara hielt auf die Silverhawk zu. Das mittelschwere Kampfschiff war eine perfekte Wahl, wenn es darum ging, einen Hangar zu erobern.
Clynnt hatte mal wieder alles richtig gemacht. Pfeifend öffnete sich eine Pforte, um der Spähtruppführerin Einlass zu gewähren. Sachte ließ sie Archweyll in das Innere des Schiffes gleiten.
Auf einmal schoss ein riesiger Schatten auf sie zu und fegte sie vom Dach des Raumschiffes.
Keuchend schlug Tamara auf dem Boden auf, doch ihr Kampfanzug hatte die Kraft des Aufschlages deutlich reduziert.
„Ihr geht nirgendwo hin!“ die Laute aus Howards Kehle grollten wie Donnerschläge. Mit einem Satz stürmte er auf sie zu.
„Kampfanzug Level 1“, presste Tamara unter zusammengeknirschten Zähnen hervor. Gegen diesen Feind hieß es Geschwindigkeit an den Tag zu legen. Mit bloßer Kraft konnte sie dieses Monster nicht besiegen. Die Schubtriebwerke ihres Anzuges beförderten sie in die Luft.
Gerade noch rechtzeitig, bevor Howards Klauen sie zerfleischen konnten. Tamara stieß einen Fluch aus, als sie feststellte, dass Archweyll noch ihren Revolver bei sich hatte. Aus dem Augenwinkel bemerkte die Spähtruppführerin, wie die Silverhawk wendete, um das Monstrum unter Beschuss zu nehmen.
Aber Howard war nicht dumm. Er machte Kehrt und mit einer unfassbaren Agilität beförderte er sich unter das Schiff. Mit einem immensen Kraftaufgebot warf er sich wie ein Wilder gegen die Außenbordwand und der Bug der Silverhawk drehte gefährlich steil ab. Das Schiff geriet ins Schleudern und musste abdrehen.
Diese Sekunde nutzte Bering, um einen Versuch zu unternehmen, die Elektronik des Schiffes mit seinen Klauen zu zerfetzen.
Das konnte Tamara nicht zulassen. Zischend schoss sie auf den Chefmechaniker zu. „Kampfanzug Level 4, titanischer Koloss“, brüllte sie dem Monster entgegen. Noch im Flug fungierte ihre Rüstung um. Die Hydraulikgelenke schossen aus ihren Verankerungen und entfalteten sich zu voller Größe. Aspexylplatten legten sich schützen um sie und ein drittes Visier aus Panzerglas legte sich um ihr Sichtfeld. Mal wieder konnte Tamara nicht darum herum, die Technologie ihres Anzuges zu bewundern. Er konnte sich so vielfältig den Situationen anpassen, ohne sie dabei an Gewicht zu erdrücken, denn Aspexyl war federleicht. Mit einem entsetzlichen Schlag warf sie sich auf das Rattenungetüm.
Bering wuselte unter ihr, keifend und sabbernd. Doch er biss sich an ihrem Panzer die Zähne aus. Tamara setzte zum Schlag an. Wieder und wieder krachte ihre Faust auf Berings Kopf.
Doch er wollte einfach nicht sterben.
„Ich habe versprochen dich zur Strecke zu bringen“, keuchte die Spähtruppführerin unter Aufwand all ihrer verbliebenen Kräfte.
Doch auf einmal gelang es Howard, sie abzuschütteln.
Für eine Sekunde verlor Tamara die Orientierung. Lange genug, um Bering die Gelegenheit zu geben, seine Klauen in ihre Schaltkreise zu bohren.
Ein leises Summen ertönte, als ihre restliche Energie sie verließ. Der Anzug sackte in sich zusammen wie ein schlaffer Sack.
Mit einem einzigen Schlag zerfetzte Bering ihre Panzerglasscheibe.
Was für eine ungeheuerliche Kraft. Sie hatte ihn unterschätzt. Seine blutige Faust erhoben, holte der Chefmechaniker zum tödlichen Streich aus. Alles schien wie in Zeitlupe zu geschehen.
Plötzlich segelte ein Schatten aus der Luke der Silverhawk.
Mit einem Aufschrei versank Archweyll sein Schwert in den Rücken des Ungeheuers. Durch einem Knopfdruck aktivierte er die Stromzufuhr seiner Waffe und Howard wurde von der Spannung förmlich versengt.
Kreischend ging er zu Boden, bis er sich nicht mehr rührte.
Tamara fühlte, wie die Erschöpfung sie übermannte und ihre Augen schwer wurden. Dann verlor sie das Bewusstsein.

***

An Bord der Atharymn herrschte eine ausgelassene Stimmung. Auf der Kommandobrücke wurde er wie ein König in Empfang genommen. Jeder wollte seine Schulter klopfen und seine Geschichte erfahren.
Archweyll ließ sich die Zeit, um es allen genau zu erzählen. Noch nie war es einem föderalen Raumschiff gelungen, dem Ruf der Leere zu entkommen. Doch sie hatten es geschafft und würden voller Stolz Bericht erstatten.
„Wie geht es Tamara?“, erkundigte sich Clynnt bei ihm.
„Ihr fehlt nichts. Sie wird bald wieder wohlauf sein“, erwiderte der Kommandant.
Der Chefnavigator nickte zufrieden. „Diesmal waren es siebzehn Brüche, Arch. Du schlägst noch sämtliche Rekorde.“
Der Kommandant bellte ein Lachen. „Mein Körper hat schon schlimmeres weggesteckt. Aber wir können von Glück reden, dass du mir eine Energiezelle zur Verfügung gestellt hast, damit ich sie retten konnte“, lobte er dann.
„Ich hätte echt nicht gedacht, dass wir das schaffen. Wir haben uns mächtig was eingebrockt“, sagte Clynnt hochachtungsvoll.
Archweyll zuckte mit den Achseln. „Was ist das Leben, ohne ein kleines Risiko?“, fragte er lachend, während er in die unergründlichen Weiten des Warps blickte und ihn eine endlose Zufriedenheit überkam. Dann ertönte das wohlbekannte Rumoren der Reaktortriebwerke und es war fast wie ein Befreiungsschlag. „Maximale Leistung!“, rief Archweyll lautstark. „Wir fliegen nach Hause.“

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Wenn die Schreibblockade zuschlägt

Wenn die Schreibblockade zuschlägt, kommt sie in den meisten Fällen ohne irgendeine Ankündigung und dann meist auch nicht nur auf einen kleinen Kaffeeklatsch. Sie kündigt auch nicht an wie lange sie bei einem verweilt. So können Tage, Wochen oder gar Monate vergehen in denen man nichts zustande bringt.
Immer wieder setzt man sich hin, nimmt sich Block wahlweise ein Notizbuch zur Hand und einen Stift, den man hierfür gerne nutzt, oder eines jener technischen Hilfsmittel und bekommt doch nichts zustande.
Meist der Kopf einfach nur leer oder aber es kreisen einem so viele Gedanken und Ideen durcheinander, dass man sich auf nichts richtig konzentrieren kann.

Wer zum ersten Mal sich in einer solchen Blockade steckt, ist nach einer gewissen Zeit der Verzweiflung nahe.
Es werden Bücher gewälzt, Bekannte um Rat gefragt und etliche Foren und sonstige Internetseiten befragt bis einem der Kopf qualmt.
All die Informationen, die man sich mühsam zusammen gesammelt hat, überfordern teilweise, dass man nicht weiß, wo man am besten anfängt.
Also steht man noch immer da und weiß nicht so recht wie man aus der Zwickmühle der Schreibblockade herauskommen soll.

Aus eigener Erfahrung und nach etlichen Gesprächen mit Gleichgesinnten ist der Weg diese Hürde des Schreibens zu überwinden ein Prozess, der Zeit benötigt. Denn was jemand anderem hilft, hilft einem selbst häufig nicht weiter.
Ich selbst habe mittlerweile um die 5 oder 6 Möglichkeiten erarbeitet um die Leere im Kopf zu vertreiben oder gar die verrückt spielenden Gedanken wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.

Wie schon angedeutet gibt es sozusagen 1001 Wege um mit der Blockade umzugehen bzw. sie zu überwinden. Die Geläufigsten, die sich mir offenbart haben, sind wie folgt:
1. ein gutes Buch lesen um sich Inspiration zu holen
2. Musik hören, am besten die, die einem gut tut
3. Spaziergänge
4. Fotografieren
5. sonstige Unternehmungen (das können Kinobesuche, Konzerte oder einfach nur Treffen mit Freunden sein)
6. der Besuch im Schwimmbad (egal ob Frei- oder Hallenbad)
7. Sport

Für all jene, die sich jedoch das lange Suchen im Internet sparen möchten, habe ich mal einige Links zusammengestellt, die den ein oder anderen Tipp bereithalten die Schreibblockade zu überwinden. Ebenso habe ich nach einigen Buchtiteln Ausschau gehalten, die einigermaßen vielversprechend klingen.
Wie folgt eine kleine Auswahl der im Internet recherchierten Links:
1) https://karrierebibel.de/schreibblockade/
2) https://www.leselupe.de/schreibblockade.php
3) https://www.kreativesdenken.com/artikel/schreibblockade-den-schrecken-nehmen.html
4) https://www.arbeitstipps.de/schreibblockade-ueberwinden-5-tipps.html

Neben dem recherchieren im Internet gibt es auch Bücher, die sich mit der Schreibblockade beschäftigen. Hier mal ein paar Bücher zum reinlesen:
1) Keine Angst vor dem Leeren Blatt von Otto Kruse
2) Tipps und Tricks bei Schreibblockaden von Helga Esselborn-Krumbiegel
3) Umgang mit Schreibblockaden und Methoden, diese zu überwinden von Lena Andrikowski
4) Die Einsamkeit des Schreibers: Wie Schreibblockaden entstehen und erfolgreich bearbeitet werden können von Gisbert Keseling

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Sich im Wirrwarr zurechtfinden

Vielleicht geht es vielen so, also vielen „Spätberufenen“, deren Texte jahrelang in einer Art Dornröschenschlaf dahindämmern wie Puzzleteile und  darauf warten, zu einem Ganzen zusammengefügt zu werden: Eines Tages werden  diese „Spätberufenen“ mutig. Nun soll endlich dieses größere Projekt entstehen, das schon so lange im Kopf herumspukt … jetzt oder nie. Dabei tauchen viele Fragen auf:

Schaffe ich es überhaupt, Texte zu schreiben, die andere berühren?

Wie kann man das herausfinden? Möglichkeiten gibt es viele. Etwa,  sich in einem Schreibforum anzumelden. Hier bekommt man Feedback, Verbesserungsvorschläge und kann  allein schon durch das Lesen von anderen Geschichten und Kommentaren sehr viel lernen. In erster Linie wohl,  dass man nichts weiß. Natürlich kennt man Begriffe wie Spannungsbogen, Plotten, Protagonisten, Schreibprogramme … und hat auch schon diverse Schreibratgeber gelesen. Allerdings alles eher theoretisch und noch kaum etwas davon in die Praxis umgesetzt. Was auch gar nicht notwendig war, wenn man sich hauptsächlich mit kurzen Geschichten beschäftigt hat.  Wenn noch dazu Facebook, Twitter & Co.  mangels Interesse bisher unbeachtet an einem vorübergezogen sind, ist ein Schreibforum natürlich eine ganz neue Erfahrung. Doch bevor man sich richtig eingelebt hat, gibt es Schwierigkeiten zu überwinden, die mit dem Schreiben eigentlich gar nichts zu tun haben.

Computer

Wenn  die Hürde der Registrierung geschafft ist, kommt die Erkenntnis, dass der sichere Umgang mit Computer heutzutage in vielen Bereichen Voraussetzung ist. Also mehr als nur die Kenntnisse, die für das alltägliche Leben notwendig sind.  Das wirft natürlich viele Fragen auf, die jene in Erstaunen versetzt,  für die das Leben in der virtuellen Welt eine Selbstverständlichkeit ist.

Normseiten, Wortzahl, Diskussionen über die unterschiedlichsten Schreibprogramme, E-books, … Die  romantische Vorstellung von einer einsamen Insel,  wo man völlig abgeschottet von der Außenwelt an seinem Buch arbeitet, gehört wohl endgültig der Vergangenheit an, denn ohne Internet kein Buch.

Spätestens jetzt kommen Zweifel, ob es nicht besser wäre, es einfach bleiben zu lassen. Doch dann entdeckt man, dass es auch andere gibt, für die diese Welt aus Daten Neuland ist.  Das macht Mut. Also weitermachen, dranbleiben und lernen.


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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 9: Die Hände der Herrlichkeit

Aufgrund feiertagstechnischer Aktivitäten mit einem Tag Verspätung:


Keuchend kam Archweyll auf die Beine. „Trottel. Hätte mir in den Kopf schießen sollen“, schnaufte er, während er sich langsam erhob. „Kampfanzug Level 3, mechanischer Medikus.“
Sirrend befolgte die Ausrüstung seine Anweisungen. Ein Scan analysierte seine Gewebestruktur und legte eine millimetergenaue Schablone auf seine Brust, dort, wo der Induktionsrevolver eine klaffende Wunde hinterlassen hatte. „Lunge und Herz verfehlt. Organzustand unkritisch. Parasitäre Fremdeinwirkung festgestellt. Blutverlust: hoch. Regeneriere“, krächzte die elektronische Stimme des Bordcomputers.
Archweyll schauderte bei dem Gedanken daran, dass die Pilze nun auch in ihm wachsen könnten, wenn der Anzug es nicht schaffen sollte sie zu neutralisieren.
Ein Laser begann damit, über die Wunde zu gleiten und die Hitze des Strahls versiegelte die Wunde.
“Verdammte Scheiße! Bering, das wirst du mir büßen“, keuchte Archweyll unter zusammengepressten Zähnen. Auch wenn die Behandlung sein Überleben sicherte, war sie doch keinesfalls angenehm. Er verbiss sich einen Aufschrei, als das Fleisch verkohlte und sich der Riss in seiner Brust langsam schloss.
„Wunde versiegelt. Lege Zugang.“ Eine sterile Nadel bohrte sich in Archweylls Unterarm und versorgte ihn mit benötigten Mineralien, einem Stimulanzmittel und der erforderlichen Dosis Parazyklon, um den Pilz in seinem Körper zu eliminieren. Innerhalb weniger Sekunden spürte der Kommandant, wie seine Kräfte zurückkehrten. „Danke für die Aufputschmittel“, frohlockte er, als die Wirkung der Stimulanzien sich gänzlich entfaltet hatte, und machte sich daran, die einzelnen Funktionen des Kampfanzuges zu untersuchen. Bis auf einen Riss in der Brustplatte war dieser zu seinem Glück einsatzbereit. Archweyll aktivierte per Spracherkennung sein elektronisches Visier und leuchtend erwachte es zum Leben, versorgte ihn mit den Daten, die er brauchte.
Berings Scanner hatte gute Arbeit geleistet, zumindest was die Struktur der Raumstation anbelangte. Eine Sammlung roter Punkte zeigte dem Kommandanten, wo sich seine restlichen Kameraden befanden. Anscheinend hatte der Chefmechaniker sie zu einem Hangar, auf der Rückseite der Station verfrachtet. Seine Männer hatten sich ungesehen der Station genähert, als die Radarschirme der Atharymn ihren Dienst versagt hatten.
Bei dem Gedanken an die Hände der Herrlichkeit lief dem Kommandanten ein eisiger Schauder über den Rücken.
Howard Bering war ein vergleichsweise menschlicher Mutant, wenn man erst einmal die anderen gesehen hatte. Diese terroristische Organisation verhieß nichts Gutes, denn egal wo sie auch auftauchte, ihr folgte stets Tod und Verderben.
Archweyll musste sich beeilen, denn Howard Bering dürfte mittlerweile einen ansehnlichen Vorsprung innehaben. „Level 1“, befahl der Kommandant. Sofort veränderte sich der Kampfanzug, um ihm zu Diensten zu sein. Wenn man dem Scan trauen durfte, musste er durch einen Aufzugschacht und von dort weiter in den Haupthangar. Dort würde er vermutlich auch Bering und seine Meute sabbernder Abscheulichkeiten antreffen. Den Aufzug fand er schnell. Als Archweyll die stählernen Türen mit einer sommerlichen Einfachheit aufpresste, wurde ihm bewusst, dass es jetzt erst richtig los ging. Ein manisches Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. Der Dämon war nur ein Vorgeschmack gewesen, wenn auch ein bitterer. Aber jetzt war er in seinem Element. Jetzt ging es nicht mehr um telepathische Fähigkeiten, sondern um Schlachtgeschick. Und davon besaß Archweyll mehr, als dem ein oder anderen lieb war. Das Adrenalin mischte sich mit den Substanzen in seinem Blut zu einem Feuerwerk der Leidenschaft.
Unter ihm klaffte ein finsterer Schlund, der ins Nichts zu führen schien, einem schwarzen Loch in nichts nachstehend. Mit einem Satz sprang Archweyll hinein. Die Haken auf seinem Anzug gruben sich kreischend in das Metall und sorgten dafür, dass er mit einem gemächlichen Tempo in die Tiefe sauste. Funken erhellten seinen Weg und der Lärm musste selbst auf Prospecteus noch vernehmbar sein. Archweyll war das egal. Ein Überraschungsangriff hatte seine Vorteile, das war dem Kommandanten durchaus bewusst, aber er hatte sich etwas Besseres überlegt.
Howard Bering war ein zutiefst paranoider Mensch. Wenn er frohlockend seinen Angriff ankündigte, würde das Nervosität bei seinen Feinden hervorrufen und ihre Fehlerwahrscheinlichkeit immens erhöhen. Archweyll hatte schließlich am eigenen Leibe erfahren müssen, dass Angst eine mächtigere Waffe war, als Heimlichkeit. Außerdem ließen die Stoffe in seiner Blutbahn keinerlei Ernsthaftigkeit mehr zu.
“Ich kooomme!“, rief der Kommandant mit aufgedrehter Stimme in den Schacht hinein, als würde er ein Versteckspiel beginnen. Es antwortete nur sein Echo und das Knirschen des Metalls. Als er auf der richtigen Ebene war, vollführte Archweyll einen gewaltigen Satz, zündete die Schubtriebwerke und brach mit einem lauten Knall durch die Aufzugstür, die zu beiden Seiten wegfegte, als wäre es nichts. Ohrenbetäubender Krach zog sich durch die gesamte Raumstation. „Pardon, wo sind meine Manieren?“, feixte Archweyll und salutierte, als er die Leiche eines Dunklen Engels passierte.
Dann blieb er wie angewurzelt stehen. Möglicherweise übernimmt er im Endstadium die Funktionen der wichtigsten Organe und dadurch letztendlich die vollständige Kontrolle über seinen Wirt.
Die Worte seines Chefmechanikers geisterten durch sein Erinnerungsvermögen wie Irrwische. Er blickte zu dem Leichnam und seine Vermutung wurde zu einer bösen Vorahnung. Intuitiv zog er den Induktionsrevolver und feuerte auf den Kopf des Dunklen Engels. Dann noch einmal. Sicher ist sicher. Und er konnte keine ungebetenen Gäste gebrauchen.
Vielleicht war die Aktion im Aufzug doch keine allzu gute Idee gewesen, schoss es durch seinen Kopf, doch er verdrängte diesen Gedanken und fokussierte sich wieder auf das Ziel.
Er befand sich in einem Korridor aus veredeltem Diamantglas, welcher einen Einblick in den Warp gewährte. Noch lag die Atharymn geduldig in der Leere. Allerdings war es nur eine Frage der Zeit, bis die Reaktoren wieder ihre volle Leistung entfesseln konnten, um dem Schiff die notwendige Energie zu verleihen. Dann würde es für Bering ungemütlich werden, also musste sein Plan vorsehen, entweder zu verschwinden, bevor dies geschah, oder die Atharymn zu überrumpeln und kampfuntauglich zu machen. Es wird nicht soweit kommen, beschloss der Kommandant in Gedanken, während er den Korridor entlangraste wie ein abgestochenes Wildschwein.
Vor ihm lag eines der riesigen Zusatzmodule der Raumstation. Wie ein halb eingeschlagener Nagel klaffte es aus der Raumstation und schien nur auf Arch zu warten. Er passierte eine weitere Pforte, bevor er endlich den Hangar erreichte.
Ein imposanter Anblick bot sich ihm: Das Ende der Halle war in der Ferne nicht auszumachen und die Decke in etwa so hoch wie einer der durchschnittlichen Wolkenkratzer auf seinem Heimatplaneten. Ein riesiges, durch ein semipermeables Energiefeld geschütztes Tor bot jedem Flieger die Möglichkeit, die Station zu betreten.
Im Normalfall hätte es nur kein feindlicher Flieger je bis hierher geschafft, schlussfolgerte Archweyll. Im Hangar selbst, befanden sich Kampfschiffe unterschiedlichster Größe und Ausstattung. Von kugelförmigen Einsitzern, die zu hunderten waffenbestückt auf Fließbändern ausharrten, bis hin zu imposanten Fregatten, die ungefähr die Größe der Atharymn erreichten, waren alle Fliegerklassen vertreten. Eine dieser Fregatten hatte bei ihrem gescheiterten Fluchtversuch eine Schneise der Verwüstung hinter sich hergezogen. Maschinenteile und Raumschiffwracks bedeckten den Boden des Hangars.
Langsam schlich Archweyll darauf zu und aktivierte sein Teleskopschwert. Heute würde er es mit hundertprozentiger Leistung benötigen. Ein kaum merkliches Vibrieren ging durch seinen Arm, als sich der Mini-Reaktor aktivierte, um die notwendige Energie zur Verfügung zu stellen. „Wärmekamera aktivieren“, flüsterte Archweyll, während er sich hinter einem Stück Weltraumschrott verschanzte. Der Scan zeigte mehrere Lebewesen in unmittelbarer Nähe. Hunde von Bering.
Archweyll atmete tief durch. Jetzt war es soweit. Für den Bruchteil einer Sekunde entwich seinen Lippen ein Lächeln. Dann stürzte er sich auf den Feind.
Die Mutanten waren große, menschenähnliche Wesen, die jeweils den unterschiedlichsten Experimenten ausgesetzt worden waren. Einer besaß den Kopf und den Rumpf einer Ziege, mit imposanten Hörnern, ein anderer war mit langen Fangarmen voller Saugnäpfe ausgestattet. Der dritte besaß vier Köpfe und der vierte eine Schuppenhaut. Als Archweyll auf sie zustürmte, stießen sie wütendes Geheule aus. Zweifelsohne musste Bering sie geschickt haben, um ihn aufzuhalten. „Hast du es nicht für nötig befunden, es mir etwas schwieriger zu machen?“, zischte der Kommandant beleidigt.
Plötzlich holte der Tiermensch eine Axt hervor, die größer war als er selbst. Und das bei beträchtlichen drei Metern Größe.
Der mit der Schuppenhaut zückte ein Induktionsgewehr und feuerte, um den Ansturm seines Kameraden zu decken.
Archweyll rutschte hinter einem Stück Schrott in Deckung. Eine Sekunde später wurde das Metallstück von der Schneise der Axt völlig zerfetzt. Der Luftzug der Waffe zauberte dem Kommandanten eine Gänsehaut auf den Nacken. Vielleicht würde der Kampf doch noch interessant werden. Er holte tief Luft, dann aktivierte er die Schubwerke. Mit einem Satz steuerte er auf seinen Gegner zu. Das Schwert riss dem Mutanten gleich zwei seiner Köpfe vom Körper. Blut besudelte den Boden und rote Tropfen zierten seinen Aspexylanzug.
Der nunmehr nur noch zweiköpfige Mutant machte Kurs auf ihn. Mit einer monströsen Kraft griff er nach Archweyll und schleuderte ihn gegen eines der kleineren Raumschiffe. Die Glasscheibe zerbarst mit einem schrillen Aufschrei und ließ ein Regen aus Scherben über den Kommandanten hinwegfegen.
Er spürte, wie sein Blut aus unzähligen kleinen Schnittwunden lief. Archweyll rappelte sich auf. Mit einem Satz entwich er der Großaxt des Tiermenschen um Haaresbreite. Seine Schubwerke leiteten ihn zu den Flügeln des Kampfschiffes, wo ein Dutzend Torpedos verankert lagen. Archweyll griff sich eine der Waffen, aktivierte manuell den Zünder und schleuderte sie von sich. Mit einem unsagbaren Knall explodierte der Torpedo und riss den zweiköpfigen Mutanten gänzlich in Stücke.
Doch sein Tod schien die anderen nur weiter anzustacheln. Weitere Schüsse aus dem Induktionsgewehr zwangen Archweyll in Deckung zu gehen, doch direkt war der Ziegenmensch zur Stelle, um ihn mit seiner riesigen Axt zu bearbeiten. Die Wucht dieser Waffe konnte Archweyll nicht parieren, also war er gezwungen auszuweichen, was sich als schwierig herausstellte. Ein Projektil traf seinen Arm, Schmerz zog seinen Körper zusammen wie ein Gummiband. Fluchend aktivierte der Kommandant die Schubwerke. „Maximale Leistung“, knurrte er verdrießlich. Er war die Mutanten leid. Mit einem unglaublichen Satz flog Archweyll durch den Hangar. Fast zu schnell, um noch gesehen zu werden. Das Schwert in seiner Hand löste einen kribbeligen Reflex aus.
Aeola wollte geschwungen werden. Sie dürste nach Blut.
Für eine Sekunde überlegte er fieberhaft, warum er seinen Lieblingsobjekten stets Frauennamen zuschrieb, und ob das sexistisch sei, doch dann verschwand der Gedanke wieder und wich einer Fontäne aus Blut, als er die Klinge in die Schulter des Echsenmenschen trieb. Sie trat am Rumpf wieder aus und hinterließ zwei Hälften aus leblosem Fleisch.
„500 Gramm Hack, halb und halb zum mitnehmen“, kicherte Archweyll zynisch, während er die Leiche mit seinen Fußspitzen anstieß. Die Stimulanzien in seinem Blut zeigten wahrlich ihre Wirkung.
„Du wirst leiden!“, kreischte der Tentakelmann wutentbrannt und rannte auf ihn zu. Archweyll drehte sich seelenruhig zu ihm um, ein fast zuvorkommendes Lächeln aufgelegt. „Dafür, dass du zu diesem Kampf noch nichts beigetragen hast, steht dein Maul verdammt weit offen“, sprach er seelenruhig.
Doch plötzlich tauchte der Tiermensch hinter ihm wie aus dem Nichts auf.
Angriff von zwei Seiten, wie originell. Für eine Sekunde war Archweyll abgelenkt.
Eine Sekunde zu lange, denn der Mutant packte ihn mit seinen abartigen Greifern und zerrte ihn mit sich. Wie in Zeitlupe sah der Kommandant, wie die riesige Klaue der Axt auf ihn zuraste, um seinen Kopf vom Rest seines Körper zu trennen. Doch das war Teil seines Plans. Er aktivierte die Schubwerke und rollte sich mit einem gewaltigen Satz über den Rücken des Mutanten ab.
Dessen Tentakeln rissen vom Körper, als der Kommandant sich so ruckartig von ihm entfernte. Der Mutant hatte jedoch keine Zeit, um dies zu beklagen, denn die Axt seines Kameraden durchtrennte seine Bauchdecke wie Butter. Röchelnd ging er zu Boden.
„Dich habe ich mir extra bis zum Schluss aufgehoben, du Missgeburt“, feixte Archweyll und für eine Sekunde schien ein Knistern in der Luft zu liegen, als sich ihre Blicke kreuzten. Dann stürmten sie aufeinander zu. Abermals sauste die Axt auf ihn zu.
Der Kommandant ließ sich auf die Knie fallen und aktivierte die Schubwerke. Er glitt unter dem Angriff des Tiermenschen hindurch und seine Klinge trennte dem Mutanten einen Arm ab. Krachend sank die schwere Axt zu Boden. Archweyll erhob sich in Sekundenschnelle und beendete es durch einen Stich in die Brust.
Schwer atmend blickte der Kommandant sich um. Dieser Kampf war erfrischend gewesen, aber noch nicht das, was er sich vorgestellt hatte. „Kampfanzug, Level 3“, forderte er grinsend. „Ich glaube, ich brauche noch ein paar Tropfen Stimmungsverstärker.“
Kurz nachdem die Nadel sich in seinen Arm gegraben hatte, wurde die Welt plötzlich klarer. Stimmen drangen an sein Ohr, aus undefinierbarer Ferne. “Batterieleistung kritisch. Kampfanzug auf Notstromreserve. Aufladung erforderlich“, knisterte die vertraute mechanische Stimme.
Archweyll schenkte ihr keine Beachtung. Notfalls hieß es: Er gegen den Rest der Welt. Für einen Moment schloss er die Augen und genoss die Blitze und Ringe aus grellen Farben. Diese Welt ist so grau geworden, dachte er wehmütig. Dann eilte er weiter. Er fand die restlichen Mutanten, wie sie riesige, sich auf Rollbrettern befindende Rechner in ein großes Raumschiff lieferten, auf dessen Bordwand die violette Hand der Herrlichkeit prangte.
Seine Mannschaft kniete gefesselt auf dem Boden, umzingelt von zwei Dutzend Tiermenschen.
„Hat dir mein Empfangskomitee nicht gut bekommen?“, Howard Berings Stimme erschien aus dem Raumschiff. Der Chefmechaniker trat aus einer kleinen Pforte, begleitet von zwei in Aspexylpanzer gehüllten Mutanten. „Du schwankst ja von links nach rechts. Mein Gott, Archweyll, hast du dich wieder mit Stimulanzien abgeschossen?“ Howard ließ einen kehligen Laut ertönen, der auch als sein Lachen bekannt war.
„Das endet. Hier und jetzt.“ Dem Kommandanten war klar, dass die Provokation sinnloses Gewäsch war. Wenn er es zuließ, würden die Stimulanzien ihm eine unmenschliche Klarheit verschaffen und
Bering wusste das. Er war nervös.
„In der Tat“, bestätigte der Chefmechaniker. Dann brummte er etwas in ein Funkgerät.
Röhrend aktivierte sich das Fließband, auf dem sich die kleineren Flieger befanden. Zu seinem Entsetzen stellte Archweyll fest, dass sie mittlerweile bemannt worden waren. Sie greifen die Atharymn an.
Dann öffnete sich ein Gatter in dem großen Raumschiff und unzählige Abscheulichkeiten rasten brüllend auf ihn zu. Für eine Sekunde schloss Archweyll die Augen. Er war bereit, sein letztes Gefecht auszutragen.

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Fan Fiction: Wikinger auf Deep Space Nine

»Wo bleibt mein Raktajino?« Der Hüne mit dem gehörnten Helm auf dem Kopf näherte sich bedrohlich dem Ferengi, welcher die Bar auf dem Promenadendeck der Raumstation Deep Space Nine betrieb.

»Quark!« Ein fester Griff in die großen Lauscher des Kleineren verlieh seiner Forderung Ausdruck und brachte den Barmann zum Schreien. »Das kannst du mit Lundolf, dem Ungeduldigen, nicht machen. Lass die anderen Gäste warten, aber nicht mich. Wenn ich klingonischen Kaffee will, dann sofort.«
»Ich gebe mein Bestes.«
»Sofort!«
Der Ferengi machte, dass er an den Replikator kam und orderte die verlangten Getränke. »Wer hat die Wikinger bloß in den Weltraum gelassen?«, grummelte er. Umgehend suchte er mit der Bestellung seinen Gast auf, der unweit der Theke saß. »So, bitte, ungeduldiger Lundolf, so schnell wie ich konnte. Genießen Sie ihren Raktajino.«
»Der kocht ja noch!«
»So ist er ja auch richtig. Die meisten trinken ihn heiß.«
»Ich will ihn kalt.«
»Das hatten Sie nicht gesagt.«
»Sie haben nicht gefragt. Und Quark …«
»Ja?«
»Sofort!«
»Sofort. Natürlich..«
Schnell entfernte sich der Barbesitzer und kam sich dabei vor wie ein Laufbursche. »Diese Wikinger!«, schimpfte er. Zum Glück durften sie nicht bewaffnet auf die Station, sonst würden sie passend zu ihrer Fellbekleidung hier mit Schilden und Äxten sitzen. Das wäre noch weitaus gefährlicher, aber es war auch schon schlimm genug.
Mit dem frisch replizierten kalten Raktajino macht er sich wieder auf den Weg zu dem Anführer der Wikinger, diesem Lundolf.
Dieser nippte an der Tasse und stellte sie wieder zurück aufs Tablett. »Ich habe es mir anders überlegt. Ich will ihn heiß.« Er lachte und seine Männer fielen ein.
»Bitte, wie Sie wünschen. Aber denken Sie nicht, dass ich Ihnen das nicht in Rechnung stelle.«
»In Rechnung stellen? Was soll das heißen?«, fragte Lundolf amüsiert.
»Na, ich will mein Geld haben, das ist doch wohl klar. Keine Dienstleistung ohne Profit.«
»Hat Ihnen noch niemand gesagt, dass die Wikinger den Tauschhandel pflegen? Wir verfügen nicht über Geld.«
»Was können Sie anbieten?«
»Bruderherz«, meldete sich Rom über die interne Kommunikation.
»Was ist denn?«
»Wir brauchen Dich hier. Es sind Gäste da, die Dich sprechen wollen.«
»Ich komme. Computer, Simulation anhalten und abspeichern.«
Jetzt könnte er einen Raktajino gebrauchen. Wenn das Zeug nicht so widerlich schmecken würde.

Diese Geschichte ist während unserer Schreibübung “Schreiben gegen die Zeit” während einer Stunde entstanden.
Vorgegeben war das Wort “Kaffee” und da ich mich zu der Zeit viel mit der Raumstation Deep Space Nine beschäftigt habe, habe ich einfach klingonischen Kaffee genommen und die Wikinger kamen von einer Ausschreibung, die Geschichten über Wikinger im Weltraum (aber keine Fan Fiction) suchte. Die läuft noch bis Anfang Dezember.

Bild: Pexels

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