Schreibkommune

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Monat: Oktober 2018

Plüschblaue Tagträume (2)

Und jetzt habe ich doch keinen Ausblick, außer dem watschelnden Hinterteil des Alpakas, das vor mir die Steinstufen hochtrottet. „Dir ist schon klar,“ sage ich – schnaufend nach Luft – ” dass dies noch keine spirituelle Erfahrung ist, die sich mir als solche erschließt?“ Zur Antwort bekomme ich nichts. Ich bleibe kurz stehen, um eine Reaktion zu erzwingen, aber das Alpaka trottet einfach weiter. „Ich weiß, dass Du stehenbleibst, Schaldek“, raunt es unbeeindruckt. „Dann tue das doch und schaue Dir die Gegend um uns herum an.“ „Nebel“, sage ich und unterbreche das Alpaka fast dabei. „Seit der ersten Stufe nichts als Nebel.“ Das Alpaka stoppt und wendet seinen Blick zu mir. „Du weißt, dass wir in Deinen Gedanken sind?“ „Ja“, stöhne ich. „So sieht es eben in meinem Schädel aus. Und das würde ich gerne ändern.“

Pummpaffpuff!

Das Alpaka ist weg. Und plötzlich stehe ich allein im Nebel meiner Fantasie. „Ähm. Say what?“, flüstere ich,denn die Stille erschreckt mich.

Langsam gehe ich weiter, aber es ist gruselig, denn ohne die Führung des Alpakas weiß ich nicht, wohin die Reise geht. Trotz der Stufen vor mir. Ich überlege, wieder umzukehren.

„Ähm, blaues Alpaka?“, flüstere ich weiter. „Was soll das jetzt?“ Noch eine ganze Weile verharre ich dort im Nirgendwo meiner Gedanken. Stunden vergehen.

Stunden!

Ich habe mich hingesetzt und meine Hoffnung, dass irgendjemand die Stufen, auf denen ich sitze, entweder rauf oder runterkommt und mir damit jemand Gesellschaft leistet, werden kurzzeitig durch Befürchtungen ersetzt, dass – wer auch immer hier rumkraxeln könnte – mir gar nicht wohlgesinnt sein muss und mich einfach ausraubt, umschubst oder mitnimmt.

Ja, das wollte das Alpaka doch! Dass ich hier Filme fahre. Meine Emotionen werden stimuliert, ohne, dass ich von Außenreizen – wie dem watschelnden Hinterteil des Alpakas – abgelenkt werden könnte. Plötzlich vermag ich eine vorbeischwebende Nebelschwade zu sehen. Sie ist da, obwohl ich nicht sagen kann, ob sie nah und klein ist oder weit weg und riesig.

Na bitte, denke ich nun. Da geht ja doch was unter meiner Frisur. Ich versuche mich zu konzentrieren, aber die Schwade, die nun eher wie Zuckerwatte taumelt, verrät mir einen Windzug.

Hinter mir atmet etwas tief und körperbetont. Nein, das Alpaka ist es nicht. Ich weiß, was es ist.

Das Produkt meiner Fantasie. Und da dies hier meine Fantasie ist, ist es auch real. In einem Monsterhörspiel von mir war es der verbitterte Star. Die unabhängige Variable einer Gruselgleichung voll mit traumatisierten Figuren.

Und jetzt? Es hat auch mich gefunden! Oder ich … es?!

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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 8: Der Xulthaquep

Die unnatürliche Finsternis schien Archweyll sämtliche Wärme zu entziehen. Er konnte die Hand vor Augen nicht erkennen, nur, dass er sich in einem riesigen Raum aufhalten musste. Der Boden unter ihm war uneben und schmatzte organisch, wenn er darauf trat. 
Wenn es wieder nur eine Halluzination war, warum fühlte sie sich so echt an? Er schluckte. Und was geschah gerade in der Realität?Was war überhaupt real? War er wieder vor versammelter Mannschaft zusammengebrochen? Diesen Anblick wollte er Howard nicht gönnen. 
Du hast Fragen. Das verstehe ich. Menschen sind so wissbegierig, gehen so leidenschaftlich ihrer natürlichen Neigung nach.Lass mich deine Leidenschaft spüren. 
»Wie bist du hierher gelangt? Wo sind wir hier?«,wollte Archweyll wissen.
Ich konnte die Einladung der Zeringhety einfach nicht ausschlagen. Ihr nennt sie auch Dunkle Engel. All dieser süße Schmerz, ich war ganz hingerissen. 
Aber ich habe schnell angefangen, mich zu langweilen, also habe ich mir neue Gäste gesucht. Es ist doch recht einsam hier.
 
»Du wirst dich noch wundern. Bald werden sie wieder aufstehen. Dann wird es hier ganz schön ungemütlich«, knurrte der Kommandant ungehalten. 
Huch, wie fürchterlich. Die Stimme triefte vor Sarkasmus. Dir sollte doch bewusst sein, dass ich längst ein Teil ihres Kollektivs geworden bin. Ich fresse mich durch ihre Körper und bereite ihnen das Geschenk des unsagbaren Leides. So wie ich es auch mit dir tue. Nur bist du ja zu engstirnig, um das zu erkennen.
»Also hast du die molekulare Verzerrung zu verursachen? Du hast sie benutzt, um uns herzulocken?«
Nicht direkt. Du musst wissen, dass die Zeringhety durch ihr Kollektiv nicht nur dazu in der Lage sind miteinander zu kommunizieren. Sie haben auch die besondere Fähigkeit entwickelt, die Struktur von Atomen zu beeinflussen. Eine Technik, deren Macht geradezu unheimlich ist. Allerdings steckte sie noch in den Anfängen fest. Aber durch mein Einmischen ist sie gereift, wie ein Kind, dem es bestimmt ist, etwas großartiges zu vollbringen. 
Allmählich verstand Archweyll die unheimliche Faszination seines Chefmechanikers für diese höhere Lebensform. »Zeig dich, wenn du dich traust«, knurrte er. Er war die Stimmen leid. War diese Raumstation leid. Und vor allem anderen fürchtete er sich davor, erneut diesen diabolischen Schmerzen ausgesetzt zu sein. 
Bist du dir sicher, dass du mich sehen willst? Die Stimme kicherte. Es könnte dir gefallen.
»Halt dein widerliches Maul und lass uns kämpfen!«, solange die Halluzination es zuließ, musste Archweyll Stärke zeigen. Sein eindringlicher Herzschlag verriet dem Kommandanten seine Anspannung. Doch noch war er entschlossen zu handeln.
So ein ungezogener Junge. Nein, kämpfen langweilt mich. Ich zeige dir, was mir Spaß macht. Schlagartig zog sich die Finsternis zurück. 
Als er realisierte, was passierte, schrie er panisch auf. Er stand vor einem Berg aus abgefertigten Leichen, genauso wie die Bilder in seinem Kopf es ihm schon vorher gezeigt hatten. Saugende Schläuche und Verkabelungen verbanden die einzelnen Leichen zu einem Kollektiv aus totem Fleisch. Der gesamte Boden dieser dämonischen Zwischenwelt schien aus Körpern zu bestehen. Blut sickerte in Strömen aus ihnen und machte den Untergrund rutschig. Röhrende, spinnenähnliche Maschinen musterten ihre Auslese mit roten Augen und surrenden Greifern.
Archweylls Magen kollabierte. Der Anblick überstieg seine schlimmsten Vorstellungen und die faule aber zeitgleich sterile Luft dieser Leichenabfertigungsfabrik bereitete ihm Kopfschmerzen. 
Sofort entlud sich sein Mageninhalt auf seine Stiefel. 
Das beste kommt doch erst noch. Du bist so enttäuschend. Ich dachte, du verstehst etwas von Kunst. 
Plötzlich rissen die Leichen ihre toten Augen auf. Vernetzt wie sie waren, stöhnten sie ihre Schmerzen frei heraus und schwollen gemeinsam zu einem schrillen Chor der Agonie an. Der gesamte Berg geriet in eine schleichende Bewegung des Leides, als die Glieder der Leichen sachte zu zucken begannen. 
Was für eine wunderbare Vorstellung. Ein vollkommenes Kunstwerk. Hast du jemals so ein zärtliches Lied vernommen? 
Instinktiv breitete sich brüllender Schmerz in Archweylls Kopf aus und er spürte, wie Blut aus seiner Nase austrat. Der Kommandant versuchte alle seine verbliebenen Kräfte zu mobilisieren. Er musste dem Dämon etwas entgegensetzen,sonst war es um den letzten Rest seines Verstandes geschehen. 
»Du bist ein Feigling«, keuchte er und hielt sich die Schläfen, um den Schmerz irgendwie auszublenden. »Du traust dich nicht, dich mir zu stellen. Was für eine armselige Vorstellung. Ich bin nicht amüsiert.«
Seine Provokation schien Wirkung zu zeigen. 
Wie kannst du es wagen? Die Stimme glich nun dem Zischen einer Schlange, die bereit war, ihre Zähne in ihn zu versenken. 
»Meine Bebsy singt viel besser«, kicherte Archweyll angestrengt. Für den Bruchteil einer Sekunde schwelgte er in vergangenen Tagen. Das gab ihm die Kraft, die er brauchte, um durchzuhalten. 
Ich habe mich wirklich um dich bemüht. Und so wird es mir gedankt? Was ist dein tristes Leben, in Relation zu all den explodierenden Farben des Schmerzes?
»Dein Gerede langweilt mich langsam.Lass mich deine Umwerbungen dennoch vergüten. Wie wäre es mit einem kleinen Tanz?« Er zog das Teleskopschwert. 
Erleichtert stellte er fest, dass sein Widerstand auch ein Abnehmen der Kopfschmerzen zur Folge hatte. Argwöhnisch bemerkte der Kommandant, dass die Maschinen ihre Arbeit eingestellt hatten. Wenn sie ihn angreifen würden, war er bereit. Doch dann geriet er ins Nachdenken. 
Wenn er nach wie vor in einer Halluzination gefangen war, konnte er den Dämon nicht vernichten. Er war in seiner Welt, hier galten die Regeln des Xulthaquep. Er musste einen Ausweg suchen. 
Die Stimme in seinem Kopf seufzte enttäuscht. Ich hätte dir so ein schönes Leben beschert, hättest du dich nicht geweigert, meine Geschenke anzunehmen. Du warst so ein vielversprechendes Exemplar, so ein ansehnlicher Mann. Ich werde mir einen anderen suchen müssen, nachdem ich dich in mein großes Lied etabliert habe. Nun wirst du nur eine Stimme von vielen sein. Wie bedauerlich.
»Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Aber mein Herz gehört Bebsy. Eine vollkommenere Ehefrau wird es wohl kaum geben«, erwiderte der Kommandant. 
Ein Mann, der für seine Pflicht lebt und bereit ist, dafür in den Tod zu gehen. Wie hinreißend. 
»Zeig dich endlich. Gewähre mir diesen letzten Tanz.« Ein grollendes Knurren entwich Archweylls Kehle. Er hatte genug von diesen Spielchen. 
Auf seinen Ruf hin, erschien eine Silhouette auf der Spitze des Leichenberges. Ein riesiger Thron aus schwarzem Granit und toten Schädeln formte sich vor ihm. 
Darauf saß der Xulthaquep. Er besaß den nackten Körper einer vollkommenen Frau, welcher ganzheitlich von violetten Dornenranken umschlossen wurde, an denen blutrote Rosen wuchsen. 
Ihr hübsches Gesicht wurde von hohen Wangenknochen und perfekten Konturen geprägt.
Tiefe violette Augen blickten auf den Kommandanten herab und sie hatte die blutroten Lippen zu einem verführerischen Lächeln aufgelegt. 
Gefalle ich dir? Du wärst nicht der erste Sterbliche, der diesem Anblick verfällt. Noch immer schien ihre Stimme aus Archweylls Kopf zusprechen. 
Während sie sprach, strichen ihre Hände sanft über ihre Reize. 
»Das einzige, was mir an dir gefällt, ist der Gedanke daran, dich in den Boden gestampft zu haben«, feixte der Kommandant. »Nur leider wirst du nicht dazu in der Lage sein, dein perverses Lied mit deiner heuchlerischen Stimme zu vervollständigen.Weil ich von deinem Kopf nicht mehr als Schnipsel übrig lasse.« 
»Genug!«, herrschte die Frau ihn an. »Ich werde deinen Wahnsinn heilen.« 
»Ich kann es kaum erwarten bei dir in Behandlung zu gehen.« Archweyll stürmte los. 
Mit einem kreischenden Aufschrei warfen sich ihm die Maschinen entgegen. Greifzangen schnappten nach dem Kommandanten, doch sie unterschätzten die Kraft des Teleskopschwertes. 
Krachend zerschmetterte Archweyll die Schaltkreise der angreifenden Drohne mit einem einzigen Hieb.
Sie rollte den Hügel hinab, als wäre sie funktionsloser Schrott. 
Weitere Roboterspinnen stürzten sich auf ihn. Erduckte sich unter einem Hieb weg, der seiner Schläfe gegolten hatte, und parierte den Angriff eines sensenartigen Greifarms. 
Sein Schwert konterte mit einem Aufwärtshaken, der den Kopf einer Drohne in zwei Hälften trennte.
Doch die Zahl seiner Gegner nahm drastisch zu. Immer mehr Spinnen brachten ihn gemeinsam in Bedrängnis. Ein Hieb traf seine Flanke, als sie eine Sekunde ungeschützt war. 
Bohrender Schmerz durchzog seinen Körper und Archweyll musste einen Schrei unterdrücken. Den gönnte er ihr nicht. Sein Leid würde enden, hier und jetzt. Plötzlich kam ihm eine Idee. 
»Kampfanzug Level 1«, befahl er lautstark. Erfreut stellte er fest, das seine Rüstung reagierte. Zischend aktivierten sich die Schubwerke und beförderten den Kommandanten in die Höhe. Mit einem Aufschrei seiner geballten Wut schoss Archweyll auf den Granit thron zu. 
Doch die Frau war verschwunden. 
Zornig bohrte sich sein Schwert in den Fels und zertrümmerte ihn unter einem lauten Beben. »War es dir schon zu viel?!«, schrie Archweyll herausfordernd. Seine Wut verlieh ihm unmenschliche Kräfte. 
»Mitnichten«, die Stimme kam direkt von hinten.
Noch bevor Archweyll sich umdrehen konnte, spürte er, wie sich eine Klinge in seinen Rücken bohrte. Er spuckte Blut aus. 
Schmerz und Überraschung brachen gleichermaßen über ihn herein. Er spürte warme Flüssigkeit aus seinem Körper in den Anzug strömen. 
Verwundert drehte er sich um. Diese Stimme kam ihm bekannt vor.
Er blickte in Tamaras Antlitz. Ihre Augen waren weit aufgerissen und auf ihrem Mund bildete sich ein diabolisches Lachen. In ihren Händen hielt sie eine der beiden geschwungenen Doppelklingen, mit denen sie bevorzugt kämpfte. Röchelnd ging er auf die Knie.
»Tamara…«, keuchte er. 
»Du hättest mich haben können«, hauchte die Stoßtruppführerin. Ihr Kampfanzug war einem nackten Körper gewichen, der von violetten Ranken umschlungen wurde. »Ich hätte dir jeden Wunsch von den Lippen abgelesen, als wäre es ein liebender Kuss.« Dann verzog sich ihr Blick zu einer Grimasse des Wahnsinns. Das Gesicht bildete Risse, wie eine Maske aus Ton, die zerschellte. Tamaras äußere Hülle fiel von ihr ab und offenbarte das nackte Fleisch darunter. Es war durchzogen von fauligen Mäulern, voller nadelspitzer Zähne, und blutunterlaufenen Augen. «Aber du hast dich dagegen entschieden!«, Tamara kreischte so laut, dass es Archweyll das Gehör zerriss. 
Der Kommandant bemerkte, wie sie die zweite Klinge, die noch nicht in seinem Körper verschwunden war, hervorholte, um ihm den Rest zugeben. 
Sie holte zum Streich aus, doch ein letztes Mal hielt sie inne, um zu sprechen. »Du wirst leiden, Archweyll. Dein Tod ist erst der Anfang.«
Das Schwert sauste auf ihn nieder. Gleich war es um ihn geschehen.
»Level 2, Panzerkette«, presste der Kommandant unter zusammengeknirschten Zähnen hervor. 
Der Dämon weitete vor Entsetzen seine unzähligen Augen, als der Kampfanzug sich vollständig transformierte. Ketten aus Titan schossen durch eine Schulterklappe auf die Klinge zu und umwickelten sie wie ein Tier, das in der Falle saß. Knirschend zerbrach das Schwert entzwei.
»Du bist nicht Tamara«, stöhnte Archweyll,während der Anzug ihm vollautomatisch auf die Beine verhalf und sich durch ausfahrende Hydraulikgelenke zu guten vier Metern Höhe aufbäumte.
Die Klinge in seinem Rücken wurde von einem Greifarm entfernt und die offene Wunde sofort sterilisiert. Der Schmerz der Desinfektion ließ den Kommandanten aufheulen. 
Zischend verankerten sich die Gelenke neu, ohne Rücksicht auf ihn zu nehmen. Pulsierende Pein schoss in Wogen durch seinen Körper, doch Archweyll riss sich zusammen. Er holte zum Schlag aus. Sirrend krachte die servobetriebene Panzerfaust in das Gesicht des Xulthaquep und schleuderte ihn mit seiner unbändigen Kraft durch die Luft. Archweyll setzte sofort nach. Weitere Ketten rasselten aus ihren Verankerungen und schlossen ihren eisernen Griff um den Dämon.
Kreischend versuchte sich der Xulthaquep zu befreien. 
Mit einem Ruck zog der Kommandant ihn zu sich, während er eine lange Klinge aus einem mechanischen Gelenk ausfuhr, die dem Verlauf seines gesamten Unterarms folgte. 
Die Wucht des Aufpralls trennte den Kopf des Dämonen von seinen Schultern. Xulthaqueps waren niederträchtige Kreaturen, die ihre Opfer mit Visionen folterten, bis sie wahnsinnig wurden, aber im direkten Kampf waren sie unterlegen, so schien es Archweyll. 
Ein Gefühl der Erlösung überkam ihn, als die Halluzination sich langsam auflöste. Er hatte dieses psychische Duell für sich entschieden und den Dämon vertrieben. 
Aber der Xulthaquep war immer noch am Leben und stellte eine Gefahr dar. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich erholt hatte und sie erneut angreifen würde. Sie mussten ihn finden und unschädlich machen. 
Allmählich erkannte Archweyll wieder die Umrisse des Korridors, in dem sie vorher noch verharrt hatten. Ihm wurde schwindelig, als er erkannte, dass er gepflastert mit den Leichen seiner Männer war. Zu Dutzenden lagen sie leblos am Boden, badeten in ihrem eigenen Blut. 
»Was zur Hölle ist hier passiert?«, keuchte Archweyll ohnmächtig. 
»Der Xulthaquep ist tot. Du solltest mir danken. Zu schade, dass er dich nicht mit in sein Reich genommen hat, um dir diesen Anblick zu ersparen«, erwiderte eine Stimme aus dem Inneren der Kommandobrücke. 
»Howard«, spuckte der Kommandant aus. »Was ist hier passiert?« Mühsam erhob sich der Kommandant auf die Beine. 
»Ich würde sagen, große Ereignisse nehmen ihren Lauf«, verkündete Bering feierlich. Das Klacken seines Gehstabes hallte auf dem Boden wieder, wie ein treuer Freund, der ihm stets folgte. »Die Macht, die Eigenschaften von Atomstrukturen zu verändern, lasse ich mir doch nicht entgehen«, feixte der Chefmechaniker. Vor Archweyll machte er Halt, einen Induktionsrevolver in der Hand haltend. »Meine Männer laden die Server bereits ein. Mit ihnen wird es mir möglich sein, auf das Kollektiv der Dunklen Engel zuzugreifen und mir ihre Kräfte anzueignen. Und dann wird Prospecteus brennen. Die gesamte Föderation wird in Flammen aufgehen, Archweyll. Für das, was sie mir und meinen Brüder angetan hat.« Er deutete auf seine Tentakeln.
»Die Hände der Herrlichkeit sind hier?«, keuchte Archweyll entsetzt.
»Exakt. Auf meinen Geheiß. Ich habe das ganze hier jahrelang geplant. Habe die Pilzsporen verstreuen lassen, damit ihr Kollektiv zerbricht, eine Schwachstelle zulässt. Dass ein Dämon aufgetaucht ist, hat meine Chancen auf eine rasche Weiterentwicklung des Kollektivs nur umso zügiger beschleunigt. Hat mir wohl in die Karten gespielt. Eine gefälschte Auftragsmission, die eine Patrouille in die Leere befördert und das Löschen der Daten über die Atharymn waren eine Kleinigkeit.« Howard setzte das typische verschlagene Lächeln auf. 
»Was ist mit den anderen Soldaten?«, Archweyll merkte, dass ihm gegen seinen Willen die Tränen aufkamen. »Was ist mit Tamara?«
»Oh, keine Sorge. Sie sind in besten Händen. Und mein Pfand, um hier heile herauszukommen. Volker wird niemals schießen lassen, wenn eigene Männer an Bord sind. Das weißt du genauso gut, wie ich. Jetzt, da die Verzerrung deaktiviert ist, ist die Atharymn wieder kriegsbereit. Aber keine Sorge, ich werde mich ihrer noch schnell genug entledigen.« Howard lachte grausam. »Dich werde ich allerdings nicht mitnehmen. Ich brauche keine Hunde auf dem Deck.« Mit diesen Worten legte er den Revolver an und feuerte.

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Saigels Irr(e)lichter – Zeit zum Schreiben

Schreiben ist schön, aber es gibt Tage, Monate, ja sogar Jahre im Leben eines jeden Hobbyautors, in denen er nichts zu Papier bringt. In dieser Zeit fehlt die Zeit. So sitzt der eine oder andere von uns schon seit Jahren an einem Projekt und fragt sich, ob es wohl irgendwann noch einmal fertig wird. Denn das Leben, Beruf und Familie vereinnahmen uns und lassen phasenweise unser Hobby in den Hintergrund treten.
Wer hat sich nicht schon gewünscht, einmal in den Schreiburlaub zu fahren? Ganz allein, einfach nur schreiben und essen und schlafen.
Meiner Erfahrung nach ist die Zeit zum Schreiben jedoch trügerisch: Sie blockiert mich.
Am besten kann ich schreiben, wenn ich ausgelastet bin. Denn das Schreiben ist nicht die Arbeit, sondern das Ventil. Erlebe ich nichts und verbringe Tage ohne Input, ist es im Grunde logisch, dass mir die Textproduktion schwerer fällt.
Optimale Bedingungen, ein Buch zu schreiben, sind für mich persönlich folglich tatsächlich nicht in ausschließlicher Zeit zum Schreiben begründet.
Meinem Gefühl nach muss ein Text nicht zwangsläufig in einem großen Zeitfenster entstehen, um Qualität zu liefern. Sicher, bestimmt gibt es ein Beispiel, dass einen der ganz großen Schriftsteller zeigt, der ausschließlich schrieb oder immer noch schreibt. Jedoch wird auch dieser wohl eine relativ große Bandbreite an verschiedenen Texten in seinem Repertoire finden. So liegt der Ausgleich also in der Themenwahl.
Zu wenig Zeit fürs Schreiben ist also meiner Meinung nach nicht direkt das Problem eines Hobbyautors, sondern die wahre Schwierigkeit liegt in zu viel Zeit und die Anforderung an sich selbst, den Fokus zu behalten.

So gibt es also die Phasen in meinem Leben, in denen mir die Zeit zu der Aktivität des Schreibens fehlt. Das bedeutet, dass ich zu beschäftigt bin, um ein Fenster zu finden, in dem ich mich am Tag an den Schreibtisch setzen kann, um zu schreiben. Dann gibt es die andere Phase, die zwar sehr viel Zeit für das Schreiben übrig lässt, dann aber zu Frustration führt, weil ich im Vergleich tatsächlich nur sehr wenig aufschreibe.

Wie sonst auch im Leben, zählt hier also für meine Begriffe die Balance. Wenn mein Leben im Gleichgewicht ist und ich den Tag über mit anderen Dingen ausgelastet bin und dann letztendlich ein paar Stunden zum Schreiben finde, dann fließt der Text am besten. Ein Selbstexperiment hat bereits gezeigt, dass mehr Zeit das Textergebnis nicht beeinflusst. Ich käme genauso weit wie an einem ausgefüllten Tag.

Die Disziplin, mich professionell einem Projekt zu widmen, worunter ich das mehrstündige Schreiben an ein und demselben Projekt über mehrere Monate, bis es fertig gestellt ist, fehlt mir also offensichtlich. Dennoch bin ich davon überzeugt, meinen Weg gefunden zu haben, und lerne gerade, die Zeit nicht überzubewerten.

Eure Saigel

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Die Zeitreisenden 7

2. Yellowstone – Teil 3

»Hier ist es zum Üben ideal!«, rief Sequel. »Lass uns hier bleiben.«
Dunn stoppte und schaltete den Motor aus. Sie stiegen aus und sahen sich aufmerksam um. Wie es schien, waren sie tatsächlich vollkommen allein.
Brungk öffnete die hintere Tür und zog die Tasche mit den Waffen heraus. Er nahm drei Gürtel mit einem kleinen Kasten an der Seite heraus und reichte jedem einen davon.
Sequel legte ihren Gürtel um, der sich automatisch passend einstellte. Sie deutete auf Dunn. »Auch du solltest den Gürtel anlegen. Das Gerät muss dich beim ersten Mal vermessen, damit der Start des Anzuges später auf Knopfdruck erfolgen kann.«
Dunn legte sich den Gürtel um die Taille und spürte, wie sich das Gerät zusammenzog, bis es perfekt passte. »Und was muss ich jetzt tun?«
Brungk sagte: »Pass einfach auf und schau es dir an.« Er drückte einen Knopf auf dem kleinen Kasten an seiner Seite und hielt dann Arme und Beine leicht gespreizt. Vom Kasten schien eine leuchtende Gallertmasse auszugehen, die sich in kurzer Zeit über den gesamten Körper ausbreitete. Brungk war jedoch nicht im Geringsten beunruhigt, selbst als die Masse sein Gesicht erreichte und schließlich seinen Kopf komplett umschloss.
»Diese Masse ist nicht materiell«, sagte er. »Es wirkt nur so, als könnte sie dich ersticken. Es gehört zum Vermessen meines Körpers. Jetzt muss ich mich einmal komplett durchbewegen.«
Im nächsten Moment begann Brungk mit Turnübungen – jedenfalls wirkte es so. Er vermittelte dem Anzugprogramm dadurch alle wichtigen Informationen zu Bewegungserfordernissen, damit es später nicht zu Behinderungen kam. Als der Anzug genügend Informationen gesammelt hatte, leuchtete die Masse einen Moment lang heller und verwandelte sich daraufhin in ein anderes, undurchsichtiges Material, dass Brungks Körper wie aus einem Guss umschloss. Er wirkte wie eine Puppe ohne Gesicht. Alles an ihm war glatt und abgerundet. Es wirkte unheimlich.
Dunn sah Sequel fragend an. »Was ist mit ihm geschehen? Ist etwas schiefgegangen?«
»Ich bin vollkommen in Ordnung«, drang Brungks Stimme aus dem Anzug. Wie, um seine Behauptung zu beweisen, begann er sich zu bewegen. »Der Anzug ist ein abgeschlossenes System und macht mich von allen äußeren Einflüssen unabhängig. Ich schlage vor, ihr legt auch eure Anzüge an. Nur so ist eine Zusammenarbeit möglich.«
Sequel nickte. »Er hat recht. Wir sollten es ihm gleichtun.« Ohne zu zögern, drückte auch sie den Knopf und die leuchtende Masse trat aus dem Kasten. Dunn sah noch einen Moment zu, holte tief Luft und drückte ebenfalls den Knopf an seinem Gürtel. Ein leichtes Kribbeln lief durch seinen Körper und überall dort, wo das Leuchten seine Haut erreichte, fühlte er eine eigenartige Kühle. Als sein Kopf an der Reihe war, hielt er den Atem an, doch als er es nicht mehr aushielt, stellte er fest, dass diese Masse in Wahrheit nur ein Energiefeld war und ihn nicht behinderte. Sequel war bereits dabei, ihren Körper zu bewegen und so beeilte er sich, es ebenfalls zu tun. Nachdem er das hellere Aufflackern bemerkt hatte, schien nichts mehr zu geschehen. Das Kribbeln seines Körpers hörte auf und er fragte sich, ob sein Gürtel vielleicht defekt war. Er sah zu Sequel und Brungk und konnte sie klar erkennen. Brungks Anzug war nur noch als schwaches Schemen um seinen Körper wahrnehmbar.
Sequel trat auf ihn zu und berührte ihn leicht am Arm.
»Ist alles in Ordnung mit dir, Wayne?«
Dunn zuckte zurück. Die Frage war direkt in seinem Kopf entstanden. »Was war das?«
»Das muss dich nicht beunruhigen. Die Anzüge verbinden sich mit deinem Gehirn und ermöglichen eine Kommunikation durch Gedanken zwischen den Trägern der Anzüge. Auch die Steuerung der Waffen kann durch Gedankenbefehl vorgenommen werden. Du musst dazu nur einmal eine Waffe in die Hand genommen haben, während du den Anzug trägst. Dadurch verbindest du dich mit deiner Waffe und nur noch du kannst sie benutzen.«
Dunn keuchte auf. »Verdammte Scheiße, was macht ihr mit mir? Muss das wirklich sein, mit Gedanken miteinander zu sprechen? Für euch mag das normal sein, aber ich mag es nicht, jemanden in meinem Kopf zu haben.«
»Wayne, niemand ist in deinem Kopf. Wir empfangen nur, was du an uns richtest, und du empfängst nur, was wir an dich richten. Versuch es wenigstens mal. Es könnte im Einsatz wichtig werden.«
Sequel sah ihn verständnisvoll an. »Ich verstehe dich ja, aber wir haben so wenig Zeit, mit den Systemen zu üben. Du schaffst es ganz sicher.«
Dunn nahm all seinen Mut zusammen und konzentrierte sich darauf, die Antwort nicht laut auszusprechen. »Ich werd mein Bestes geben, mich daran zu gewöhnen.«
Brungk schlug ihm mit der Hand auf den Rücken. »Das war schon sehr gut. Ich denke, du schaffst es.«
Er händigte Dunn eine Handfeuerwaffe aus, die gut in der Hand lag. Sie verfügte über einen kurzen, gedrungenen Lauf mit einer metallenen Spitze und einem Griff, der sich automatisch an seine Hand anpasste. »Das ist ein Materie-Destabilisator. Er ist jetzt auf dich geprägt. Such dir einen Felsen aus, der etwas weiter entfernt ist, und ziele darauf.«
Dunn wog die Waffe in seiner Hand. Sie wirkte überaus handlich. In etwa einem Kilometer Entfernung sah er einen Felsvorsprung. Er hob die Waffe und versuchte, damit zu zielen. Kimme und Korn, wie bei Waffen, die er kannte, gab es nicht. Dafür schien sein Anzug zu bemerken, dass er schießen wollte und blendete vor seinen Augen ein taktisches Display ein. Darauf wurden die Umrisse des Felsvorsprungs durch einen roten Rand hervorgehoben.
»Der Anzug orientiert sich an deinen Augen«, übermittelte Brungk. »Du visierst mit den Augen an. Das Ziel wird vorgeschlagen. Ist es nicht korrekt, ändere deinen Blick, bis es passt. Mit etwas Übung klappt das in Sekundenbruchteilen. Wenn das Ziel ausgewählt ist, übermittelt dein Gehirn es dem System automatisch. Versuch es mal. Den Schießbefehl gibst du auch mit Hilfe der Gedanken. Halte dazu die Waffe locker. Nicht verkrampfen. Um den Felsen ist es sicher nicht schade.«
Dunn hatte noch immer den roten Rand um den Felsen. Konzentriert dachte er daran, dass dies sein Ziel ist und der Rand begann in seinem Display zu blinken. »Schuss!«, dachte er. Sein Arm änderte wie von Geisterhand bewegt, geringfügig den Winkel und ein kurzer Lichtstoß fuhr aus der Waffe in den weit entfernten Felsen. Er spürte nichts dabei, aber der Felsen leuchtete grell auf und schien zu zerfließen. Einen Moment später löste er sich in einer gewaltigen Explosion einfach auf und die Reste zerstoben mit dem Wind.
»Mein Gott!«, entfuhr es ihm. »Diese Waffe ist ja furchtbar!«
Sequel nickte. »Du hast sie gegen einen ungeschützten Felsen abgefeuert. Unser Gegner wird jedoch ein Schutzfeld einsetzen, das nicht ohne Weiteres durch diese Waffe durchdrungen werden kann. Wir werden vermutlich alle destabilisierenden Bomben einsetzen müssen, die wir haben.«
»Und wenn das nicht reicht?«, wollte Dunn wissen.
»Dann haben wir genauso versagt, wie viele vor uns. Dann können wir nur hoffen, dass sie noch weitere Teams schicken können, bevor die Skrii-Maschine ihr zeitliches Ziel erreicht.«
Sie übten noch eine Weile, und einige Felsen wurden noch zerstört. Schließlich machten sie sich wieder auf den Weg, bevor jemand neugierig wurde, wieso in dieser verlassenen Gegend heftige Explosionen erfolgten. Den Anzug wieder loszuwerden, war ein Kinderspiel. Der gedankliche Befehl ›Anzug aus‹ ließ ihn von einem Moment zum anderen verschwinden.
Dunn fuhr zur Hauptstraße zurück und sie setzten ihre Fahrt zum Ziel fort. Es war bereits stockfinster, als sie Cody erreichten. Sie beschlossen hier zu übernachten, bevor sie eine Ortsversetzung in den Yellowstone-Park durchführen wollten.
Sie buchten ein großes Doppelzimmer im Beartooth-Inn, direkt am Ufer des Beck-Lake und beschlossen, sich gut auszuruhen, bevor es weitergehen sollte. Zum Glück standen in amerikanischen Doppelzimmern im Grunde zwei Betten im Doppelbettformat, so dass sie ausreichend Platz zum Schlafen fanden, ohne ein zweites Zimmer buchen zu müssen. Dunn hatte gedacht, dass er und Brungk sich ein Bett teilen würden und Sequel das andere überlassen, doch stellte er überrascht fest, dass Brungk sich kommentarlos in das zweite Bett legte. Sequel zog ihre Sachen aus und stand einen Moment unschlüssig im Raum. Als sie ihre Entscheidung getroffen hatte, wählte sie die rechte Seite von Dunns Bett. Dunn fragte sich erneut, ob das etwas zu bedeuten hatte, oder ob es nur Zufall war. Schon in Thedford war sie zu ihm geschlüpft, als sie Trost gebraucht hatte. Seine Gedanken brachten ihn nicht weiter. Zu sehr hatte ihn die Fahrt ermüdet, und so schlief er nach wenigen Augenblicken fest ein.
Am Morgen erwachte er, als er ein Kitzeln im Gesicht spürte. Als er die Augen öffnete, lag Sequel dicht an ihn gekuschelt und ihre weißblonde Haarmähne hatte sich zwischen ihnen ausgebreitet. Seine Bewegung weckte auch sie und sie hob verschlafen den Kopf. Ihre Blicke trafen sich, aber Dunn konnte nicht deuten, was in ihr vorging. Offenbar hatte sie in der Nacht seine Nähe gesucht, doch er hatte es nicht bewusst bemerkt.
Sie lächelte kurz und wandte sich dann ab. Mit einem Ruck erhob sie sich und setzte sich auf die Bettkante. Dunn bewunderte ihren makellosen Rücken und spielte einen Moment mit dem Gedanken, mit seiner Hand darüberzustreichen. Doch sie stand auf und lief leichtfüßig ins Bad, ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen. Dunn wälzte sich auf den Rücken und fragte sich, was ihn eigentlich mit dieser Frau verband. Zu gern hätte er gewusst, was hinter ihrer Stirn vorging. Immer, wenn er glaubte, sie zeige normale Verhaltensmuster, wie er sie von den Frauen kannte, mit denen er mal befreundet war, gab es eine kalte Dusche und sie ließ durch keine Geste erkennen, ob ihr etwas an ihm lag. Vermutlich war das auch nicht der Fall, auch wenn sie am Vortag gesagt hatte, dass sie ihn ›ganz gern‹ hatte. Vielleicht sollte er in Zukunft darauf achten, dass sie ihm nicht mehr so nah kommen konnte. Etwas mehr Distanz konnte für seine geschundenen Nerven nur heilsam sein.
Als sie mit nassen Haaren aus dem Bad zurückkehrte, trug sie bereits wieder Shorts, Top und dicke Socken in Wanderschuhen. Sie ging zu Brungks Bett und weckte ihn unsanft. »Hey du Schlafmütze! Aufstehen!«
Brungk schlug die Augen auf und setzte sich übergangslos auf die Bettkante. »Wann starten wir?«
»Wir haben Frühstück gebucht«, warf Dunn ein. »Ohne dieses Frühstück geh ich nirgendwo hin.«
Zwei Stunden später fuhren sie mit dem Wagen auf den Park zu und stellten ihn kurz hinter der Wapiti-Lodge auf einem einsamen Wanderparkplatz ab. Ihre Ausrüstung hatten sie bereits zurechtgelegt und ein Zielpunkt für ihre Ortsversetzung war schon seit Wochen ausgewählt.
Dunn war besonders nervös, da Brungk und Sequel beabsichtigten, sie alle zusammen mit der Ausrüstung zu versetzen. Er verstand nicht, wie es funktionierte, und konnte nicht verhehlen, Angst davor zu haben.
Schließlich war es so weit. Die Ausrüstung war kompakt aufgestapelt. Sequel hatte ihm erklärt, dass sie nur Gegenstände und Personen transportieren könnten, die sich innerhalb eines eng begrenzten Radius um ihre Körper befinden. Sie legten sich daher von zwei Seiten auf ihr Gepäck und berührten sich mit der Stirn. Er selbst sollte sich neben einen von ihnen legen und nach Möglichkeit berühren. Wenn sie jemand dabei beobachtet hätte, würde er sicher an ihrem Geisteszustand zweifeln, doch sie waren allein. Sequel und Brungk verschmolzen ihren Geist miteinander, während Dunn nervös und heftig atmete. Er lag neben Sequel, hatte ihr seine Hand auf den Rücken gelegt und spürte, dass er zitterte. Sie schien das jedoch nicht wahrzunehmen.
Plötzlich wurde er von einem kurzen Schwindel erfasst. Als er sich wieder gefasst hatte, waren sie bereits an ihrem Ziel. Sequel und Brungk lösten ihre Verbindung und erhoben sich. Dunn brauchte einen Moment länger, da er solche Ortsversetzungen nicht gewohnt war und noch desorientiert war. Sequel kniete sich neben ihn und schaute ihm prüfend in die Augen. »Bist du in Ordnung? So ein Transport ist völlig ungefährlich. Es wird dir gleich besser gehen.«
»Sind wir schon auf dem Mirror Plateau?«, fragte er mit heiserer Stimme.
Sie nickte lächelnd. »Wir müssen nur noch unser Zelt aufstellen und unsere Ausrüstung ordnen. Ab jetzt sollten wir unsere Anzuggürtel ständig tragen. Wir können nicht wissen, wann wir unser Ziel spüren können. Dann müssen wir bereit sein.«
Dunn erhob sich, als die Spinnweben in seinem Kopf verschwunden waren. Brungk stand in der Ebene und blickte in die Ferne. Dunn ging zu ihm. »Suchst du etwas?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich betrachte die Landschaft. Es ist großartig hier. Berge, wie die dort hinten, gibt es auf der Welt, auf der ich bisher gelebt habe, nicht mehr.«
»Ich dachte, ihr hättet nicht im Freien auf eurer Welt leben können.«
Brungk sah ihn an. »Nicht ungeschützt. Wir sind für das hier geschaffen. Insoweit ist dies unsere Heimat, und nicht der Ort unseres Entstehens. Glaub mir, ich tue alles, was nötig ist, um das hier zu erhalten.« Er deutete in die Ferne. »Was sind das für Tiere dort hinten?«
Dunn folgte mit den Augen der Richtung. »Wapitis. Das ist eine Herde Wapitis.«
»Sie alle wären dem Untergang geweiht, wenn wir versagen. Das darf nicht geschehen.«
Dunn warf ihm einen Seitenblick zu. »Und du bist dir sicher, dass es dir um die Tiere geht? Ist nicht eine Frau namens Melanie ein wichtiger Grund?«
Brungk zog seinen Mund schief und grinste. »Sie ist der wichtigste Grund überhaupt.«
»Ich werd aus Sequel nicht schlau«, sagte Dunn. »Ich frag mich ständig, was dieses Mädchen denkt oder fühlt.«
»Wie wichtig ist es dir, das zu erfahren?«, fragte Brungk leise.
»Ich weiß es nicht. Ich stelle nur immer wieder fest, dass sie mich irritiert. Sie verhält sich so widersprüchlich.«
»Das gilt für euch beide«, sagte Brungk. Er schaute zu Sequel hinüber, die bereits das automatische Zelt aus ihrer Ausrüstung aufgestellt hatte und dabei war, Iso-Matten und
Kissen aus Dunns Garage hineinzulegen. »Sieh sie dir an! Immer in Bewegung, immer aktiv. So war sie nicht, als wir noch in der Zukunft in unserem Ressort lebten. Die Menschen der Zukunft haben nicht mehr viel mit euch gemein. Wir jedoch sind speziell gezüchtete Exemplare. Ich habe das inzwischen begriffen und arrangiere mich damit. Sequel ist das noch nicht gelungen. Sie lässt diese neue Gegenwart noch nicht an sich heran – wehrt sich noch dagegen.«
»Und was hat das mit mir zu tun?«
Brungk lächelte. »Vielleicht alles. Wer weiß? Du hast uns aufgegriffen, uns verhört und hast dich schließlich auf uns eingelassen. Hast du dich nie gefragt, wieso du das getan hast? Aus deiner Perspektive haben wir dir eine Geschichte präsentiert, für die man uns bei euch in eine Einrichtung für geistig gestörte Menschen gebracht hätte. Du aber hast es uns abgenommen und hilfst uns sogar. Es ist ganz sicher nicht mein strahlendes Lächeln, das dich dazu gebracht hat. Du lässt den Gedanken nicht zu, aber wenn du es konsequent zu Ende denkst, muss dir klar sein, dass dir Sequel nicht gleichgültig ist. Wie weit das reicht, kannst nur du dir selbst beantworten. Ich kann nur beobachten und bewerten, was ich sehe. Für mich steht absolut fest, dass du der Schlüssel zu Sequels Verhalten bist.«
Dunn sah ihn ungläubig an.
»Denk darüber nach«, sagte Brungk. »Wenn wir in ein paar Tagen noch leben, sind ein paar Entscheidungen zu treffen.« Er ließ Dunn stehen und ging hinüber zum Zelt.
Dunn blieb noch eine Weile stehen und blickte in die Ferne. Die Luft war erstaunlich mild für diesen Morgen. Er dachte über das nach, was Brungk ihm erzählt hatte. Hatte er recht und es gab ein Band zwischen Sequel und ihm? War sie ihm tatsächlich nicht gleichgültig? Und wenn es so war: Wie empfand es Sequel selbst? Noch nie in seinem Leben war er so unsicher gewesen.

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Damit endet das Kapitel Yellowstone, auch, wenn sich unsere Freunde weiterhin dort aufhalten. Die Lage spitzt sich zu und es kommt schließlich zum Showdown.
Doch das könnt Ihr erst am 3. November weiterlesen, wenn es mit dem dritten und letzten Kapitel meiner Geschichte weitergeht – mit dem “Tag der Entscheidung”

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Rezension zu Die Dämonenbraut von Christina M. Fischer

Allgemeine Informationen zum Buch

Die Dämonenbraut

Genre: Urban-Fantasy

Autor: Christina M. Fischer

Verlag: Art Skipt Phantastik Verlag

ISBN: 978-3-9815092-0-5

Preis: 11,80 €

Taschenbuch, 320 Seiten

Informationen zum Autoren:

www.lovelybooks.de/autor/Christina-M.-Fischer
www.de-de.facebook.com/AutorinChristinaFischer

Informationen zum Art Skript Phantastik Verlag:

www.artskriptphantastik.de

Zur Handlung:

Mit einer Virus Epidemie vor 60 Jahren fing alles an. Was vereinzelt auftrat, explodiert das Erscheinen von Hexen, Vampiren, Werwölfen und Dämonenbräuten, sogenannten A-Normalos.

Sophie Bernd ist eine von ihnen. Eine mächtige Dämonenbraut, die in einen Fall hineingezogen wird, der ihr ganzes Können benötigt.

Nicht nur, dass sie jemanden verliert, der ihr Nahe steht, findet sie auch ihre große Liebe.

Bis sie jedoch den Fall löst, werden ihr mehr als genug Steine in den Weg gelegt.

Mein Eindruck:

Ich brauchte drei Anläufe bis ich es endlich schaffte bei der Handlung dran zu bleiben. Und es hat sich gelohnt, denn mit jeder gelesenen Seite wurde die Handlung immer spannender.

Mein Fazit:

Die Handlung hatte sich nicht gerade mit einer Explosion mir gegenüber offenbart, aber mit jeder Seite stieg ich mehr und mehr in die Geschichte ein. So konnte ich mich dann doch auf all das was geschah einlassen. Ich musste nur meine innere Blockade lösen.

Auch wenn ich im Genre Fantasy zu Hause bin, so muss ich sagen, dass ich mich mit der Urban-Fantasy nicht in dem Maße beschäftigt habe. Es war sozusagen ein erster Schritt in diese Richtung den ich mit diesem Buch gewagt habe.

Ebenso muss ich sagen, dass ich wohl nicht vollkommen in diesem Bereich aufgehen werde. Und doch werde ich mir das ein oder andere Buch holen.

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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 7: Die Stimme

Seine Visionen hatten Archweyll mehr Kraft gekostet, als er bereit war zuzugeben. Wieder und wieder erlebte er die Geschehnisse, rekapitulierte sie vor seinem inneren Auge. Jedes Mal machte sich ein widerspenstiger Schmerz zwischen seinen Schläfen bemerkbar. Er spürte die nervösen Blicke seiner Mannschaft auf sich ruhen. Wenn er jetzt einknickte, würden sie ihm bald folgen. Also zwang er sich dazu, Stärke zu zeigen. Bereits eine halbe Stunde nach seinem Erwachen, ging Archweyll durch die Reihen seiner Leute, sprach ihnen Mut zu und erklärte abermals den Plan. Auch, weil er sich nicht sicher war, ab wann er sich in einer Halluzination befunden hatte. Wie er das alles fertigbrachte, wusste der Kommandant selber nicht.
Als er den Befehl zum Aufbruch gab, gesellte sich Howard Bering zu ihm an die Spitze des Trupps. „Willst du über den Xulthaquep sprechen?“, fragte er den Kommandanten.
„Deine perverse Neugier widert mich an“, antwortete dieser trocken. Der letzte Mensch, mit dem er jetzt sprechen wollte, war sein Chefmechaniker.
“Nicht einmal ein Dämon kann dir die Stimmung versüßen“, feixte Howard. „Du musst ein wirklich bedauernswerter Kerl sein.“
Noch bevor Howard den Satz ausgesprochen hatte, wurde er von Archweyll gepackt. Der Kommandant legte seine Hände um die Kehle des Chefmechanikers und rammte ihn mit einem brutalen Hieb gegen die Innenbordwand. „Geh mir aus den Augen“, knurrte Archweyll düster.
Howard Bering, dessen Füße nun einen halben Meter über dem Boden baumelten, während er versuchte sich aus dem Würgegriff zu winden wie eine Schlange, antwortete nur mit einem entsetzten Röcheln.
Lass ihn leiden. Er verdient den Schmerz. Ich erkenne diese Leidenschaft in dir, während du das Licht in seinen Augen zum Erlöschen bringst. Wie erregend. Die Stimme schnitt durch Archweylls Kopf wie ein Schwert.
Instinktiv lockerte er den Griff.
Mit einem Seufzer sank Howard zu Boden.
„Du bist nicht da“, hauchte der Kommandant ungläubig. Die Angst griff erneut nach seinem Herzen. Ich dachte, das ist vorbei?, dachte er und schluckte. Als er bemerkte, dass seine Mannschaft ihn entsetzt anstarrte, geriet er ins Stocken. Es erinnerte ihn zu sehr an seine Halluzination. Wieder pochte es in seinem Schädel. Würde es jetzt wieder von vorne beginnen? Irgendetwas schnürte ihm den Hals zu. „Wir sollten weiter“, murmelte er und setzte sich wieder in Bewegung.
Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Immer tiefer drangen sie in die Raumstation vor, passierten düstere Korridore und sterile Kammern. In regelmäßigen Abständen trafen sie auf Leichname der Dunklen Engel, die dem Parasitenbefall nicht standgehalten hatten. Blaue Pilze wucherten aus ihren Körpern und entstellten sie ganzheitlich. Die Atemkontrolleuchte auf Archweylls Monitor sprang ihm förmlich entgegen. Glücklicherweise hatten sie Sauerstoffgeräte dabei.
„Was wollte Bering von dir?“, der Kommandant hatte gar nicht gemerkt, wie Tamara zu ihm aufgeschlossen hatte. Sorge schwang in ihrer Stimme mit.
„Ach, nichts. Das übliche Gefasel. Mach dir keine Gedanken“, bemühte sich Archweyll. Ihm war gerade nicht so nach Gesprächen.
Was für eine liebreizende Dame. Ihre Lenden verzehren sich ja förmlich nach dir. Erfülle ihr flehendes Gesuche und dann vergieße ihren Lebenssaft. Was für ein Festmahl der Sinne.
Der Kommandant ballte die Fäuste bis es wehtat. Erst jetzt merkte er, dass er Tamara anstarrte wie ein Psychopath. Mühsam verdrängte er die Stimme in seinem Kopf.
„Und ich soll mir keine Sorgen machen“, sagte seine Spähtruppführerin mit gerunzelter Stirn. Dann wurde ihr Blick eindringlich. „Wenn du mir nicht sofort erklärst, was hier vor sich geht, nehme ich die Männer mit und kehre zum Schiff zurück. Dann kannst du hier alleine versuchen klarzukommen. Versuch nicht, mir zu widersprechen. Du bist blasser als eine Wasserleiche, dein Atem ist unregelmäßig und gerade hättest du Bering fast zerfleischt“, sagte sie bestimmt. „Nicht, dass es allzu bedauerlich gewesen wäre“, fügte sie noch hinzu. „Sag mir was los ist!“
„Ich höre Stimmen“, knurrte Archweyll widerwillig und darum bemüht, dass niemand sie hören konnte. „Ich glaube es ist der Xulthaquep. Er will mich wahnsinnig machen.“
„Dann reiß dich verdammt nochmal zusammen“, antwortete Tamara, ihr Blick ließ keinen Widerspruch zu. „Wir brauchen dich hier. Ohne dich haben wir keine Chance.“ Sie griff ihn bei der Schulter und für einen Moment waren sie sich näher als Archweyll lieb war. „Du schaffst das“, lächelte sie.
Der Kommandant versteinerte für eine Sekunde. Ein seit jeher für unmöglich befundenes Ereignis hatte stattgefunden: Tamara hatte tatsächlich gelächelt. Er wollte etwas erwidern, aber die Spähtruppführerin war schon verschwunden.
Ihr weiterer Weg führte sie in ein Treppenhaus. Archweyll befahl den Männern, sich in Dreiertrupps zusammenzutun und Rücken an Rücken voranzumarschieren. „Laut Berings Scans kommen wir von hier in die Hauptlebensader des Schiffs“, erklärte er der Mannschaft, während sie die Treppen hinabstiegen. „Von dort stoßen wir direkt in das Herz der Station vor.“ Es zischte, als eine Blendgranate langsam die Dunkelheit in den Tiefen des Schachtes zurückdrängte. Schatten tanzten an den rot beleuchteten Wänden, als würden sie ein wahnsinniges Spektakel abhalten.
Plötzlich bewegte sich einer dieser Schatten genau auf sie zu.
Archweylls Reaktion war nicht schnell genug.
Der Dunkle Engel schoss mit kräftigen Flügelschlägen aus dem Treppenhaus. Er breitete seine mechanischen Handflächen in ihre Richtung aus und feuerte. Ein roter Laser fegte durch ihre Reihen und durchtrennte alles, was mit ihm in Berührung kam. Detonationen, laut wie Donnergrollen, folgten der Schneise.
Soldaten brüllten auf, als sie von der Waffe versengt wurden. Mehrere fielen zu Boden, welcher aufgrund der Hitzeeinstrahlung Blasen warf. Ächzend gab ein Teil der Metalltreppe unter ihnen nach. Das knarzende Geräusch des Metalls übertönte selbst die Schmerzensschreie.
„Kampfanzug, Level 1!“, befahl Archweyll, während er sein Teleskopschwert ausklappte. Mit einem Satz sprang er von der Treppe ab. Krachend stürzte sie hinter dem Kommandanten in die Tiefe, aber die Schubtriebwerke beförderten ihn vorwärts.
Seine Männer gaben ihm Deckung, indem sie das Feuer eröffneten. Elektrische Ladungen fegten durch den Raum und zwangen den Dunklen Engel in die Defensive.
Mit einem Aufschrei seiner Schwingen stieß ihr Feind weiter in die Höhe.
Doch Archweylls Triebwerke waren schneller. Er wirbelte einmal um die eigene Achse und das Schwert teilte den Engel vom Rumpf an in zwei Hälften. Blut und Maschinenöl gleichermaßen spritzen durch die Leere, als sein Körper zertrennt wurde.
Sein Schwung ließ Archweyll auf die gegenüberliegende Wand prallen. Der Aufprall nahm ihm die Luft aus den Lungen, doch der Kommandant reagierte sofort. Mechanische Spitzen an seinen Handgelenken krallten sich in das Metall und hielten ihn fest, noch bevor der vernichtete Feind auf dem Boden aufgeschlagen war.

„Verluste?“, fragte Archweyll nach einer kurzen Atempause. Dieser Teil seines Jobs frustrierte ihn jedes Mal aufs Neue.
„Zwölf Männer gefallen, sieben verwundet“, rief Tamara ihm zu.
Der Kommandant ließ es zu, dass ein Fluch seinen Lippen entwich. Ein einziger Angriff dieses Dunklen Engels hatte fast ein Fünftel seiner Hundertschaft dezimiert. Er verließ seine verankerte Position, indem er erneut die Schubwerke aktivierte, und gleitete langsam auf den gesicherten Treppenabsatz zurück. „Deine Untauglichkeit hat sich einmal mehr unter Beweis gestellt!“, fuhr er Howard Bering an. „Du sagtest: keine Lebewesen oder zumindest keine Herzschläge. Dieser Feind sah mir ziemlich intakt aus und deine anatomische Untersuchung hat ergeben, dass sie ein Herz besitzen. Also was zur Hölle war das?“ Archweyll war drauf und dran seine Faust in Howards Gesicht zu versenken. Wieder und wieder.
Dessen Unfähigkeit hatte all diese Leben auf dem Gewissen.
„Das ist unmöglich“, quickte der Chefmechaniker empört. „Meine Scans waren absolut sauber.“
„Vor allem waren sie absolut ungenau“, zischte der Kommandant. Sein Blick versprühte reines Toxin. „Nenne mir einen Grund, dich nicht in den Schacht stürzen zu lassen“, Archweyll packte den Mann am Kragen und hob ihn in die Lüfte.
„Hast du eine Vorstellung davon, was die molekulare Verzerrung auslösen könnte oder wie man sie deaktiviert?“, krächzte Howard Bering bemüht. „Immer trampelst du auf meiner Arbeit herum. Hast du schon einmal daran gedacht es selbst zu erledigen? Oder ist der feine Herr sich zu schade für so etwas?“
„Vorsichtig!“, mahnte Archweyll zornig. Sein Griff lockerte sich leicht, sodass Howard fast aus seinem Griff in die Tiefe glitt.
Viel zu langweilig. Nimm deine Klinge, weide ihn aus und ergötze dich an seinem niederen Blute. Es muss Kunst sein, Archweyll, Kunst.
Der Kommandant erschrak so dermaßen, dass sich sein Griff vollständig löste.
Der Chefmechaniker glitt aus seinen Händen und stürzte ab. In letzter Sekunde schossen die Tentakeln aus Howards Hand hervor und schnappten nach dem Geländer. Mühsam zog er sich daran hoch. „Du bist ein Arschloch!“, fluchte der Chefmechaniker lautstark.
Archweyll starrte ihn entgeistert an. Wurde er langsam verrückt? Unkontrollierbar? Was machte der Dämon mit ihm? Howards wütende Hassparole bekam er nur am Rande mit. „Wir sollten weiter“, verdrängte er seine Gedanken. „Wenn mich nicht alles täuscht, sollten wir bald im Haupttunnel sein.“
Sie stiegen weiter in die Finsternis herab, die sie begrüßte wie ein alter Freund. Nur das Surren der Nachtsichtgeräte und das Klacken der Aspexylstiefel war zu hören. Niemand wagte es zu sprechen. Als sie auf die Leiche des Dunklen Engels stießen, wurde Archweyll stutzig. „Halt!“, befahl er lautstark. Der Körper ihres Feindes war ebenfalls überwuchert von Pilzen. Im Vergleich zu ihren vorherigen Funden, konnte dieser Dunkle Engel also unmöglich überlebt haben. Verstohlen Blickte er zu seinem Chefmechaniker.
Als Howard den Fund erkannte, schwollen seine Flüche zu einem ausgewachsenen Sturm an. „Ich habe dir gesagt, dass ich keine Lebensformen analysiert habe!“, brüllte er wutentbrannt. „Und dir fällt nichts Besseres ein, als zu versuchen mich hinzurichten? Vielen Dank auch!“, Howard spukte aus vor Verachtung.
„Wie kann das möglich sein?“, fragte Archweyll verunsichert.
„Ich denke, es ist der Parasit. Möglicherweise übernimmt er im Endstadium die Funktionen der wichtigsten Organe und dadurch letzendlich die vollständige Kontrolle über seinen Wirt. Da die Dunklen Engel Hybridwesen sind, könnte es sein, dass sie keinen Hirntod erleiden, wie es bei uns der Fall wäre. Das würde auch erklären, warum der Dämon hier ist. Weil sie auch mit ihrem Tod weiterhin Signale in das Kollektiv einfließen lassen“, erklärte der Chefmechaniker.
„Das heißt, wir haben ein Problem“, stellte der Kommandant fest. Wenn sich ihnen noch mehr dieser Wesen in den Weg stellen würden, könnte das üble Folgen haben.
„Lass sie nur kommen. Das nächste Mal sind wir vorbereitet“, Tamara schien es nach einem Gefecht zu dürsten. Auch für sie war der Tod dieser Männer ein tragischer Verlust.
„Wie weit ist es noch bis zum Zentrum?“, erkundigte sich der Kommandant. „Die Kommandobrücke befindet sich fast vor uns. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dir wirklich helfe“, Howard schien angefressen. Doch falscher Stolz ließ ihn nicht länger leben als er beabsichtigte.
Auf Archweylls Befehl hin eilte der Trupp weiter.
Die Lebensader des Schiffes war ein riesiger mehrstöckiger Korridor, dessen Decke in der Höhe nicht zu erkennen war. Normalerweise wäre hier alles in ein strahlendes Licht getaucht, doch die Lampen waren erloschen und mit ihnen die Hoffnung der Engel auf das weitere Fortbestehen. Überall befanden sich düstere Zwischenkorridore, Leitern, die in unerkennbare Gefilde führten, und elektronische Aufzüge. Hier konnte hinter jeder Ecke ein weiterer Feind lauern und diese Tatsache versetzte den Kommandanten in Alarmbereitschaft.
„Wir müssen dem Korridor folgen, dann erreichen wir automatisch die Brücke“, erklärte Howard und deutete in die Finsternis.
Jeder Urinstinkt in Archweyll sträubte sich davor weiterzugehen. Aber es musste sein, wenn sie die Atharymn jemals wiedersehen wollten. Mittlerweile hatte der Kommandant kein Gefühl mehr dafür, wie lange sie sich schon auf der Raumstation befanden.
Der Trupp marschierte weiter, beständig auf einen Überfall vorbereitet. Induktionsgewehre reichten in jede Himmelsrichtung und verliehen der Formation das Aussehen eines Igels. Die Stimmung war angespannt. Sie schritten eine gefühlte Ewigkeit durch den Korridor, bis sich vor ihnen eine riesige Pforte abzeichnete. Archweyll stieß einen energischen Fluch aus. Wenn diese Panzertüren versiegelt waren, gab es für sie zunächst keine Möglichkeit in das Innere vorzustoßen.
Mutig, dem Tod ins Gesicht zu lachen. Ich freue mich, dich empfangen zu dürfen. Wir werden viel Spaß miteinander haben.
„Halt dein Maul“, knurrte Archweyll.
„Hast du etwas gesagt?“, fragte Tamara verdutzt.
Der Kommandant winkte ab.
„Die Türen, sie bewegen sich!“, rief einer der Männer außer sich. „Ich dachte dieser Laden hätte keinen Saft mehr?“
„Soll uns nur recht sein“, erwiderte der Kommandant. „Egal was dort drinnen auf uns wartet, es wird sich wünschen uns nicht auf die Probe gestellt zu haben.“ Er blickte in zahlreiche Gesichter, die ihn entgeistert anstarrten. Niemand regte sich. Nein, nicht schon wieder. Das konnte doch nicht möglich sein. Archweyll wollte schreien, doch jeder Laut erstickte in seiner Kehle. Sofort stellten sich die Kopfschmerzen wieder ein und Panik kam in ihm auf. Zitternd trat er an den geöffneten Türspalt. Vor ihm lag eine unnatürliche Finsternis.
Willkommen, flüsterte die Stimme in seinem Kopf.

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In meinem Traum

Alle Menschen sind gleich viel wert. Jeder bekommt, was er zum Leben braucht. Wir werden geliebt dafür, dass es uns gibt, unabhängig von der Leistung, die wir erbringen. Jeder darf das tun, was er gerne macht und gut kann.

Nachdenklich schaue ich auf die Zeilen, die ich bisher geschrieben habe. Ich schiele auf das Blatt meiner Nachbarin Susa. Sie schreibt von einem Tag, den sie damit verbringt, so viel einzukaufen wie sie möchte. Das ist tatsächlich ein Traum. Ich frage mich, wie das früher wohl war, damals, als man einfach so einkaufen gehen konnte. Wir bekommen alles zugeteilt.

Es ist still im Raum. Alle schreiben eifrig. Herr Magus sitzt an seinem Pult und liest die Zeitung. Er hat das Thema so gestellt, das Abschreiben kaum möglich ist. So erspart er sich das Aufpassen und kann sich seinem Vergnügen widmen. Genau solche Themen mag ich nicht. Manchmal liest er nach dem Korrigieren aus den Aufsätzen vor, den guten sowie den schlechten und es gibt immer viel Gelächter und Getuschel.

Ich streiche alles, was ich bisher geschrieben habe durch.

In meinem Traum. Verflixt. Mir fallen einfach keine Träume ein, die ich aufschreiben könnte, ohne Gefahr zu laufen, ausgelacht zu werden. Wie viel Zeit ist wohl schon vergangen? Die Uhr an der Wand steht schon seit Monaten. Es gibt keine Batterien mehr.

Wir haben für diesen Aufsatz ein ganzes Blatt Papier bekommen. Das Papier ist neu, es können beide Seiten beschrieben werden. Das ist so, weil dieser Aufsatz in die Schülerakte kommt. Die Note, die ich in diesem Aufsatz bekomme, entscheidet mit darüber, ob ich weiter auf die Schule gehen darf oder in ein paar Monaten in der Fischfabrik stehen werde.

Mir wird plötzlich etwas klar. Es ist gar nicht so wichtig, einen guten Aufsatz zu schreiben. Viel wichtiger ist es, die passenden Träume zu haben. Ich träume sicherlich nicht davon, für den Rest meines Lebens Fische zu entgräten, aber ich will auch nicht weiterlernen dürfen, weil ich gut im Lügen bin.

Susa wendet gerade ihr Blatt. Herr Magus steht auf und geht durch die Reihen. Mir wird ganz heiß vor Angst. Doch er schaut nur über unsere Köpfe hinweg. Ob Herr Magus gerne Lehrer ist? Ich glaube nicht. Warum gehen mir gerade jetzt all diese Gedanken durch den Kopf? Wieso kann ich nicht einfach den Aufsatz schreiben?

Will ich lügen? Nein, will ich nicht. Ich will mich aber auch nicht dumm stellen müssen. Gerade beneide ich Susa.

Ich erinnere mich an Fräulein Dierksen, sie war meine Lehrerin in der Grundschule. Sie sagte einmal zu mir, ich wäre etwas ganz Besonderes und ich würde auch einen ganz besonderen Weg gehen. Was hat sie damit gemeint? Dass ich ganz besonders gut Fische verarbeiten würde, im Akkord, zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche?

Meine Entscheidung fällt. Ich muss mir mehr Zeit verschaffen und dazu muss ich lügen.

Nun fliegt meine Hand förmlich übers Papier. Als Herr Magus uns bittet, zum Ende zu kommen, habe ich auch die zweite Seite fast vollgeschrieben.

Mein letzter Satz lautet: In meinem Traum bleibt alles für immer so, wie es gerade ist. Denn unser System ist gut und gerecht. Ich bin sehr stolz ein Teil unserer Gemeinschaft zu sein und freue mich darauf, bald etwas zurückgeben zu dürfen für die Fürsorge, die ich erfahren habe.

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Die Zeitreisenden 6

2. Yellowstone – Teil 2

»Das ist lächerlich. Er gefährdet die Mission, indem er seine Konzentration in Bahnen lenkt, die nicht der Aufgabe dienen.«
»Sequel bleib auf dem Teppich.«
»Warum soll ich auf einem Teppich bleiben?«
Dunn verdrehte die Augen. »Das ist eine Redensart, wenn man sagen will, dass der andere übertreibt. Ich denke nicht, dass Brungk seine Mission gefährdet. Aber im Gegensatz zu dir ist er offenbar bereit, sich zu erden – an ein Leben nach der Mission zu glauben. Sequel, du musst noch viel lernen.«
Sie knurrte leise. »Wir sind zunächst nur unserer Mission verpflichtet. Ich halte es für unverantwortlich, Kontakte zu knüpfen.«
»Ich hoffe, du siehst irgendwann ein, dass deine Einstellung nicht gesund ist«, sagte Dunn. Er griff einen Toast und begann zu frühstücken. Auch Sequel begann zu essen, und eine Weile sagte niemand von ihnen ein Wort.
Sie waren fast fertig, als sie ein Motorengeräusch hörten, das schnell näherkam. Durch das Fenster erblickten sie einen alten Honda, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Der Lack wirkte stumpf, und zahlreiche Roststellen zierten die Motorhaube. Vor dem Haus hielt der Wagen an, Brungk stieg auf der Beifahrerseite aus und eine junge Frau kletterte hinter dem Steuer hervor.
»Das ist Melanie«, sagte Dunn. »Sicher hat Brungk ihr gesagt, dass er für eine Weile verreisen muss. Wirst du dich zusammenreißen können und nicht wieder diese Missbilligung ausstrahlen? Melanie ist ein nettes Mädchen. Sie ist die Tochter von Lawrences Schwager, und hat ein paar schlechte Erfahrungen mit Männern hinter sich.«
»Ich hab es verstanden«, zischte Sequel. »Ich bin nicht dumm.«
»Das hab ich auch nie behauptet. Ganz im Gegenteil: Du bist verdammt intelligent, aber im zwischenmenschlichen Bereich hast du Defizite.«
Brungk und Melanie kamen Hand in Hand die Stufen zur Veranda herauf, und Dunn öffnete die Tür. »Kommt herein!«
»Mel wollte mich unbedingt nach Hause fahren«, sagte Brungk entschuldigend. »Ich hab ihr schon gesagt, dass wir gleich starten werden, aber sie meinte, das störe sie nicht.«
»Hallo Wayne«, grüßte Melanie, wandte sich dann an Sequel. »Auch an dich ein Hallo. Es stört euch doch nicht, dass ich meinen Freund nach Hause gefahren habe, oder? Ich wollte mich so spät wie möglich von ihm verabschieden.«
Sequel brachte ein Lächeln zustande und hielt Mel die Hand hin. »Schön, dich kennenzulernen.«
»Wieso habt ihr Wayne nicht schon früher mal besucht?«, fragte Melanie. »Ich hätte mich dann ganz sicher nicht mit diesem Ekel Dexter eingelassen. Und ihr müsst wirklich schon wieder wegfahren? Gerade jetzt, wo Brungk und ich uns kennengelernt haben?« Brungk griff Melanies Hände und zog sie an sich. »Ja, es muss sein, aber ich verspreche dir, zurückzukommen, wenn Sequel und ich unseren Job erledigt haben. Wir sind leider nicht nur zum Vergnügen hier. Wünsch uns einfach Glück.«
Sie küsste ihn. Anschließend blickte sie ihn fragend an. »Und du willst mir nicht sagen, was ihr tun müsst?«
Er schüttelte den Kopf. »Irgendwann werde ich es dir erzählen. Versprochen. Aber jetzt kann ich es nicht. Vertrau mir einfach. Wir sind keine Kriminellen. Frag Wayne.«
Melanie blickte zu Wayne, der nachdrücklich den Kopf schüttelte. »Sind sie ganz sicher nicht. Sie sind die Guten, das darfst du mir glauben. Gib deinem Freund noch einen Abschiedskuss, denn wir werden sofort starten.«
»Darf ich wenigstens erfahren, wohin ihr fahrt?«
»Bitte Mel«, sagte Dunn. »Bohre nicht nach. Du wirst später alles erfahren.«
Sie zuckte resignierend mit den Schultern und lehnte sich an Brungk, der sogleich seine Arme um das Mädchen schloss.
Dunn stieß Sequel an. »Komm, wir lassen den beiden einen Augenblick. Wir können auch am Wagen warten.«
Sie liefen zum Wagen, der eine Menge Zeug auf der Ladefläche hatte. Dunn hatte seinen Cherokee-Pick-up mit allem gepackt, das sie in den folgenden Tagen gebrauchen konnten. Er nahm am Steuer Platz und Sequel kletterte auf den Beifahrersitz. Ein paar Minuten später kamen Brungk und Melanie aus dem Haus. Brungk zog die Tür hinter sich zu und kam zu ihnen. Melanie blickte traurig hinter ihm her und hob winkend ihre Hand.
Kaum war Brungk an Bord, ließ Dunn den Motor an und fuhr los.
»Hätten wir nicht noch den Tisch abräumen müssen und das Haus verschließen?«, fragte Sequel. »Sonst hatten wir das immer getan, wenn wir alles das Haus verließen.«
»Lawrence wird sich darum kümmern. Er besitzt einen Schlüssel. Ich hatte es mit ihm abgesprochen.«
Die Fahrt war recht eintönig und langweilig.
»Stört es, wenn ich versuche, etwas zu schlafen?«, fragte Brungk.
Sequel schüttelte verständnislos den Kopf. »Wir starten in den Einsatz, für den wir geschaffen wurden und du willst schlafen?«
Brungk grinste. »Du kannst mich ja wecken, wenn etwas Interessantes geschieht.« Er legte sich quer auf die Rückbank und kurz darauf hörten sie ihn leise schnarchen.
Währenddessen studierte Sequel in einem fort die Karten, die im Handschuhfach von Dunns Wagen gelegen hatten.
»Was suchst du eigentlich?«, fragte Dunn. »Bis zum Ziel sind es noch über fünfhundert Meilen.«
»Es gibt eine Sache, die ich dir noch nicht erzählt hatte. Wir benötigen noch Ausrüstung.«
»Bitte? Und das sagst du mir jetzt, wo wir Thedford verlassen haben und Meilen im Umkreis nichts ist – abgesehen von Gegend?«
»Es ist nichts, was man kaufen kann. Es ist Ausrüstung, die man für uns bereitgestellt hat. Es gibt eine Kapsel mit Gegenständen, die wir für unsere Arbeit benötigen werden. Diese Kapsel ist schon lange vor uns hier angekommen und ich habe versucht, herauszufinden, wo sie zu finden ist. Offenbar haben meine Leute in der Zukunft ihren Job gut gemacht, denn wir fahren im Grunde daran vorbei.«
»Verdammt Sequel! Was gibt es noch, das du mir nicht erzählt hast?«
»Nur diese Sache. Es sind äußerst gefährliche Gegenstände und ich wollte nicht riskieren, dass irgendwer davon erfährt, nur weil er zufällig zugehört hat. Kannst du das nicht verstehen?«
»Nicht so richtig, wenn ich ehrlich bin. Und was zum Teufel müssen wir noch abholen?«
Sie deutete auf die Karte. »Kurz hinter Sheridan durchfahren wir einen Nationalpark. Irgendwo neben der Route liegt die Kapsel. Ich werde sie spüren, wenn ich in ihre Nähe gelange.«
»Und um was handelt es sich? Waffen?«
Sie presste die Lippen zusammen. »Ja, es sind Waffen, die es in eurer Zeit nicht gibt. Sie dürfen nicht in fremde Hände fallen und wir müssen sie auch vernichten, wenn wir sie nicht mehr benötigen.«
»So gefährlich?«
»In den falschen Händen noch gefährlicher …«
Dunn musste grinsen. Sequel passte sich allmählich an die Verhaltensweisen der Zeit immer besser an, und dieses Typ-A-Typ-B-Gerede würde er ihr auch noch abgewöhnen. Aber erst würden sie noch einen Kampf auszufechten haben. Er durfte nicht daran denken, denn im Grunde wusste er noch immer nicht, was auf sie zukam.

Seit Stunden schon führte der Highway durch eine staubtrockene Mondlandschaft und ihre Stimmung sank allmählich. Sheridan lag schon länger hinter ihnen und sie näherten sich dem Nationalpark, von dem Sequel gesprochen hatte. Ihr Gesicht drückte intensive Konzentration aus, als rechnete sie jeden Moment damit, die Kapsel zu spüren. Brungk war mittlerweile aufgewacht und versuchte ebenfalls, die Kapsel zu orten.
Es dauerte noch einige Zeit und sie steckten schon tief im Park, als beide plötzlich aufschrien. Dunn wäre vor Schreck fast in den Graben gefahren.
»Die Kapsel! Wir spüren die Kapsel! Fahr rechts ran und warte!«
»Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Schaut euch mal die Straße an. Wo soll ich hier halten? Wir müssen diesen Serpentinenbereich hinter uns lassen, dann finden wir sicher eine geeignete Stelle.«
»Was, wenn wir sie dann nicht mehr spüren?«
»Dann haben eure Leute ihren Job doch nicht so gut gemacht, wie ihr geglaubt habt.«
»Wir brauchen diese Waffen. Unbedingt.«
Dunn schüttelte den Kopf. »Dann müssen wir eben umkehren und ihr müsst noch einmal nach dieser Kapsel suchen. Ihr bekommt schon noch eure Spielzeuge …«
Dunn hielt am ersten Halteplatz, den er finden konnte. »Und? Spürt ihr es noch?« Sequel nickte. »Ja, aber sie steckt irgendwo dort in den Hängen. Ich werde sie mit Brungk holen müssen.«
Sie schnallte sich ab und kletterte zwischen den Vordersitzen hindurch nach hinten, wo Brungk bereits Platz gemacht hatte. Ohne sich weiter zu verständigen, legten sie ihre Stirn aneinander und leiteten eine Verschmelzung ein. Dunn sah den beiden zu, wie sie sich ineinander versenkten und zu etwas anderem wurden. Für einen Moment schienen sie zu flackern, dann waren sie verschwunden. Mit einem schmatzenden Laut füllte die umgebende Luft den Raum, den eben noch die Körper der beiden eingenommen hatten. So also sah eine Ortsversetzung aus, von der Sequel gesprochen hatte. Ihm war bewusst, dass es eine Weile dauern würde, bis seine Passagiere zurück waren, doch nach drei Stunden wurde er nervös. Er befürchtete, dass den beiden etwas zugestoßen sein könnte, und er nicht das Geringste tun konnte, weil er nicht einmal wusste, wohin sie sich transportiert hatten. Noch eine weitere Stunde verging und es
war bereits nicht mehr damit zu rechnen, dass sie noch bei Tageslicht ihr Ziel in Codi oder Wapiti erreichen würden, als neben dem Auto plötzlich ein merkwürdiges Leuchten in der Luft lag. Kleine Blitze zuckten daraus hervor und schlugen in die Karosserie, den Boden und nahe stehende Bäume ein. Dunn starrte wie gebannt in dieses Leuchten und er hoffte, dass nicht ausgerechnet in diesem Moment ein Auto seinen Standort passieren würde. Er hatte keine Lust, neugierige Fragen zu beantworten. Es roch nach Ozon und mit einem leichten Knall erschienen Sequel und Brungk, zusammen mit einer schweren Tasche. Sie wankten ein wenig, als sie die Tasche zum Wagen trugen und auf den Rücksitz des Cherokee wuchteten.
»Das war heftig«, sagte Brungk. »Wir sind total ausgelaugt. Die Ortsversetzung mit so schwerem Gepäck hätte uns beinahe das Bewusstsein geraubt.«
»Also habt Ihr die Ausrüstung gefunden?«, fragte Dunn.
»Haben wir«, nickte Sequel. »Das Zeug lag sicher schon seit ein paar Hundert Jahren in der Kapsel hier herum, aber es handelt sich um das Modernste, was unsere Waffentechniker in unserer Zeit zu bieten haben. Wir werden die Sachen allerdings noch auf ihre Funktionsfähigkeit testen müssen, bevor es ernst wird.«
Dunn warf einen neugierigen Blick auf den Rücksitz, wo Brungk bereits dabei war, alles zu begutachten. »Was sind das für Waffen?«
Brungk hielt eine handliche Faustwaffe hoch, die entfernt an einen futuristischen Revolver erinnerte. »Das hier ist ein Materie-Destabilisator. Man muss äußerst vorsichtig damit umgehen. Wird man davon getroffen, gibt es keine Rettung mehr.«
»Was stelle ich mir unter einem Materie-Destabilisator vor?«
»Nun, er macht genau das, was sein Name sagt: Er destabilisiert Materie. Er neutralisiert auf begrenztem Raum – eben dort, wo sein Strahl auf Materie trifft – die molekularen und atomaren Bindungskräfte. Einfach ausgedrückt: Er zerstört materielle Strukturen.«
Er hielt noch weitere Gegenstände hoch, die zum Teil nicht als Waffen erkennbar waren. »Neuro-Stimulator, Schockwellenbombe, Destabilisatorbombe, Lähmungs-Strahler, Spezialanzüge. Eine gute Auswahl für den Einsatz.«
»Anzüge? Ich sehe keine Anzüge.«
Sequel lachte. »Das war selbst bei uns das Neueste. Man schlüpft nicht mehr mühsam in einen Einsatzanzug hinein, sondern materialisiert ihn um sich herum über einen speziellen Projektor, den man am Gürtel trägt. Er passt sich dabei perfekt an die Gestalt des Trägers an. Solche Anzüge sind kleine Wunderwerke. Sie dienen dem persönlichen Schutz, der Kommunikation untereinander und der Orientierung, da der Helm über eine Vorrichtung verfügt, die jegliche Art von Wellen als sichtbares Licht auf dem integrierten 3D-Monitor im Helm darstellen kann. Wer so einen Anzug trägt, kann auch in der tiefsten Nacht hervorragend sehen. Müßig, dir alles zu erklären, da der Anzug fast alle notwendigen Maßnahmen automatisch trifft. Die Energiezelle reicht für etwa einen Monat, aber bei extremer Belastung kann das schnell auf wenige Stunden schrumpfen.«
Sie betrachtete ihn. »Du wirst diesen Anzug lieben, glaub mir.«
»Ihr habt auch für mich einen solchen Anzug mitgebracht? Ich dachte, ihr zwei wärt die eigentlichen Kämpfer.«
»Sind wir auch, aber du bist nun mal dabei und dann solltest du auch dieselben Möglichkeiten nutzen können wie wir. Sobald wir aus diesem Park heraus sind, sollten wir uns mit unserer Ausrüstung vertraut machen.« Sie griff die Karte und studierte sie einen Moment. »Dieses Fahrzeug kann doch auch durchs Gelände fahren, oder?«
»Ja.«
»Dann sollten wir hinter dem Ort Greybull ein Stück in die Berge fahren, wo uns niemand zuschauen kann.«
Dunn blickte auf die Karte und nickte. »Anspruchsvolles Gelände, aber das bekomm ich hin. Eine halbe Stunde abseits der Straße wird uns niemand mehr beobachten können.«
Sequel lächelte. »Dann los! Ich will sehen, wie du mit Waffen aus der Zukunft zurechtkommst.«
»Sag mal: Macht dir das Ganze jetzt etwa auch noch Spaß?«, fragte Dunn. »Es geht noch immer um Leben und Tod, oder? Wir und dieser ganze Planet kann dabei draufgehen.«
»Ja, du hast recht. Es ist nicht wirklich Spaß. Aber wir werden gemeinsam gegen diese Waffe der Skrii kämpfen, und da hätte ich es ganz gern, wenn ich weiß, dass du bereit bist und eine reelle Chance hast. Auch, wenn es dir vielleicht nichts bedeutet, aber ich habe dich inzwischen ganz gern und ich würde dich nur ungern tot sehen.«
Dunn zog überrascht die Augenbrauen hoch, startete den Wagen und fuhr wieder los. Auf den Straßen in dieser Gegend war nicht viel Verkehr und manchmal kam ihnen eine Viertelstunden lang kein einziges Fahrzeug entgegen. Hinter Greybull verließ Dunn die Hauptstraße und bog auf eine Dirt-Road ab, die in die Berge führte. Die Fahrt wurde bald holprig und sie wurden durchgeschüttelt. Hinzu kam, dass die Lichtverhältnisse allmählich schlechter wurden. Der Weg war im Licht der tanzenden Scheinwerfer immer schlechter zu erkennen.
Sie fuhren eine knappe halbe Stunde, bis sie einen kleinen Talkessel erreichten, der von steilen, felsigen Hängen umsäumt war.

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Den nächsten Teil der Geschichte gibt es hier am 20. Oktober zu lesen!

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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 6: Das psionische Kollektiv


Archweyll war zutiefst beunruhigt. Howard Bering zu verängstigen war in der Regel ebenso unmöglich wie einen Hund das Alphabet heulen zu lassen. Doch nun lag Furcht in der Stimme des Chefmechanikers und sein Blick wanderte hektisch durch den Raum, während er ihnen mitteilte, was vor sich gegangen war. „Durch meine Verbindung mit dem Dunklen Engel ist es mir möglich gewesen, einen kurzen Einblick in ihr kollektives Bewusstsein zu erlangen. Doch sofort wollte mich etwas zu sich locken, meinen Verstand rauben und als sabbernder Köter zurücklassen“, erklärte Howard nervös.
„Als wäre er das noch nicht vorher gewesen“, flüsterte Tamara abfallend in Archweylls Ohr.
Doch dieser konnte sich kein Lachen abgewinnen. „Erkläre uns, was du gesehen hast“, verlangte der Kommandant zu wissen.
„Leid, Tot und Wahnsinn“, Howard Berings Miene verzog sich zu einer schiefen Grimasse. „Mir ist es lediglich gelungen in einen winzigen Teil ihres Kollektivs vorzustoßen, nämlich zu dem dieser Raumstation. Alles andere hätte meinen Verstand schneller schmelzen lassen, als Butter vor dem Angesicht einer Supernova. Die Pilzsporen enthalten Substanzen, die parasitäre Lebensformen beinhalten. Wenn sie sich erst einmal an einen Wirt geheftet haben, übernehmen sie die Kontrolle über ihn, bis er so endet, wie unser lieber Freund hier“, der Chefmechaniker stieß mit der Fußspitze nach dem Leichnam des Engels, „und möglicherweise liegt darin eine viel größere Gefahr, als wir bisher annahmen.“
„Spuks’ schon aus“, knurrte Archweyll verdrießlich. Er hatte keine Lust unnötige Zeit mit wirrem Geplapper zu vergeuden. Es gab ein Problem zu eliminieren.
„Das psionische Kollektiv der Dunklen Engel ist unser wahres Problem“, erklärte Howard mit erhobenem Finger. „Der Pilz hat ihnen ungewollt den Tod gebracht und dadurch die gemeinsame geistige Verbindung der Dunklen Engel schwer geschädigt, indem er sie mit Schmerz, Wut und Verzweiflung genährt hat. Gefühle, welche die Dunklen Engel nicht besitzen oder verarbeiten können. Ihr massenhaftes Leiden hat unbewusst eine höhere Macht angelockt.“ Howards Miene verfinsterte sich. „Ich habe gelesen, von diesen Bestien aus der Dunkelheit des Warps. Sie fühlen sich angezogen von großer Verzweiflung, von Hass und von Wahnsinn. Archweyll, ich befürchte wir könnten es hier mit einem Xulthaquep zu tun haben. Einem höheren Dämonen der Leere. “
Der Kommandant konnte nicht glauben, was er da hörte. Es gab viele Gruselgeschichten, die er in seiner langen Dienstzeit an Deck von Kameraden erzählt bekommen hatte, doch er hatte sie immer belächelt. Aber die föderalen Akademien hatten die Existenz von solchen Dämonen mittlerweile belegen können und während seiner Ausbildung zum Kommandanten wurde er über die potentiellen Feinde außerhalb ihres Einflussbereichs durchaus in Kenntnis gesetzt. Einem Xulthaquep zu begegnen, endete in der Regel mit einem schlimmeren Schicksal als dem Grab. Diese undefinierbaren Wesen ergötzten sich am Leid und würden es solange aufrecht erhalten, bis man verzweifelt um Erlösung durch den Tod flehte. Außerdem besaßen sie psionische Kräfte, die ihre Opfer an den Rand des Wahnsinns stürzen konnten.
„Wie können wir ihn aufhalten?“, fragte Tamara kämpferisch. Sie war sofort in ihrem Element.
Howard setzte ein grausames Lachen auf. „Versuche es ruhig. Niemand wird um deinen Tod trauern, Weib.“
Die Spähtruppführerin richtete ohne zu zögern ihr Induktionsgewehr auf seine Brust. „Der Tag wird kommen, wo dein Nutzen versagt. An diesem Tag werde ich da sein, verlass dich drauf“, sagte sie und ihre Stimme glich dem Frost einer kristallklaren Winternacht.
Der Chefmechaniker zuckte mit den Achseln. „Und wenn schon“, gab er beiläufig ab.
„Genug ihr zwei!“, brüllte Archweyll genervt. „Ich bekomme Kopfschmerzen von eurem Kindergeplärre!“ Sein plötzlicher Wutausbruch hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
Tamara senkte ihr Gewehr und trat zurück.
Howard Bering war nicht so bemüht, aber auch er schien es bei diesem Schlagabtausch zu belassen.
„Aber wie ist der Pilz überhaupt an Bord gelangt? Und warum haben die Engel in nicht sofort beseitigt?“, grübelte der Kommandant nachdenklich. “Diese Frage kann ich dir leider nicht beantworten. Wir sollten uns auf die essentielle Diskrepanz fokussieren“, winkte Bering ab.
„Unsere Mission ist es nicht, den Dämon zu besiegen, sondern die molekulare Verzerrung zu eliminieren“, erklärte Archweyll sachlich. “Wenn das bedeutet, dass wir dafür an dem Xulthaquep vorbei müssen, dann sei es so. Da draußen warten fast 10.000 Menschen auf unsere Rückkehr. Heute werden wir sie nicht enttäuschen.“
Leiser Jubel kam auf, der schneller verebbte als ein Kiesel im Treibsand. Die Gesichter der Mannschaft spiegelten Furcht und Ungewissheit wieder.
Nur Tamaras Augen glühten vor Entschlossenheit.
„Howard, meinst du es gibt hier immer noch Überlebende? Dein Scan hat sich scheinbar getäuscht. Sonst hättest du die Pilze und unseren Freund hier schließlich entdeckt, oder nicht?“, fragte der Kommandant.
„Ich bin mir nicht sicher“, grübelte der Chefmechaniker. „Möglicherweise ist nur noch der mechanische Teil des Dunklen Engels aktiv gewesen. Und ich habe lediglich nach Impulsen, wie zum Beispiel Herzschlägen Ausschau gehalten. Mehr Zeit habe ich nicht gehabt.“
„Mal wieder eine vage Aussage von dir. Ich hätte es besser wissen müssen“, spukte Archweyll aus. Langsam aber sicher verlor Bering seine Fürsprache. Wenn das so weiter ging, würden ernsthafte Konsequenzen drohen.
„Wir werden weder den Dämon vertreiben, noch jeden einzelnen Dunklen Engel auf dieser Station eliminieren können, um ihr geistiges Kollektiv zum Verstummen zu bringen“, begann der Kommandant seine Ansprache an die Gruppe. Es musste ein Plan her und zwar schnell. Jede Sekunde, die sie länger an Bord dieser Raumstation verbrachten, rückte sie näher an den Tod heran. „Daher sage ich wir dringen zum Herz des Raumschiffes durch, vernichten alles, was sich uns in den Weg stellt, und zerstören den Ursprung der molekularen Verzerrung. Dann fliehen wir zurück zur Atharymn und verschwinden von hier.“ Archweyll blickte in die Runde. Seine Männer starrten ihn entsetzt an. Keiner rührte sich vom Fleck, als wäre der Moment eingefroren.
„Was ist denn in euch gefahren? Ihr macht mich ja ganz verlegen“, spottete der Kommandant, bis er feststellte, dass etwas nicht zu stimmen schien. Niemand reagierte auf seine Frage. Er sah an sich herab, konnte aber nichts ungewöhnliches feststellen. Langsam wurde Archweyll unbehaglich.
Noch immer wirkten seine einstigen Kameraden so, als wären sie leblose, in Stein gemeißelte Statuen.
„Tamara?“, schluckte er.
Die Spähtruppführerin blickte ihn aus leblosen Augen an. Ihr Feuer war erloschen. Was war hier nur los?
Das unbehagliche Gefühl wich einer unsagbaren Kälte, die sich an seine Brust heftete. Er verspürte Angst. Nichts als pure Angst. Träumte er? Hatte er nicht gerade noch eine Ansprache gehalten?
„Kann mich jemand hören? Irgendwer?!“, er schrie fast. Nur der unrhythmische Schlag seines rasenden Herzens antwortete ihm. Archweyll kämpfte gegen die Panik an. Er wollte loslaufen, seinen Kameraden um jeden Preis beistehen, doch seine Bewegungen waren schwerfällig, als wäre er an bleierne Kugeln gekettet. Er kam sich schwach und nutzlos vor. So schwach. Plötzlich ertönte aus undefinierbarer Ferne ein sadistisches Kichern.
Du hast sie alle in den Tod gelockt.
Bilder von unaussprechlichen Gräueltaten schossen durch Archweylls Kopf. In Gedanken watete er über einen Berg aus Leichen, der mittlerweile eine groteske Einheit verdorbenen Fleisches angenommen hatte. Röhrende Maschinen, mit sirrenden Greifern, machten sich an ihnen zu schaffen und verbanden sie mit Hydraulikschläuchen. Ein schriller Schrei ertönte. Archweyll fragte sich bestürzt, woher er kam, bis er feststellte, dass es ein eigener war.
Ein Kunstwerk. Welch liebsäuselnde Melodie. Dein Leid ist nahe der Perfektion. Beneidenswert. Die Stimme in seinem Kopf klang, als würden zwei rostige Klingen übereinander schaben.
Noch einmal schrie der Kommandant aus voller Kehle. Er wollte nur noch weg von hier. Gleich hatten die Maschinen ihn erreicht. Das surrende Klacken ihrer Greifer kam immer näher. Gleich würde er das Kunstwerk vollenden. „Nein!“, brüllte Archweyll aus vollem Hals, doch jede Gegenwehr war zwecklos. Jetzt war alles zu spät. Das Leid hatte ihn eingeholt.

Schwer atmend riss er den Kopf in den Nacken. Er war wieder in dem Raum, mit der riesigen Fensterfront, in welchem sich sein Einsatzkommando zuletzt befunden hatte. Er war nassgeschwitzt und sein Herz drohte sich zu überschlagen. Zitternd richtete Archweyll sich auf, er musste auf dem Boden zusammengeklappt sein. Ein Albtraum? Plötzlich bemerkte der Kommandant, dass sich außer ihm niemand in dem Raum befand. Eine üble Gewissheit überkam ihn. Er war alleine. Aber sie konnten ihn doch nicht einfach hier zurücklassen? Das hätte Tamara niemals zugelassen. Es sei denn, sie war…
Archweyll wollte den Gedanken nicht zu Ende denken. Wieder schossen ihm die Bilder seines Albtraums durch den Kopf und er verspürte eine flaue Übelkeit in seiner Magengrube. Was war passiert? Er wollte rufen, doch jeder Laut erstickte in seiner Kehle. Sein Hals fühlte sich trocken an. Erneut überkam ihn die Panik. Langsam wurde ihm schwindelig und erneut sank er zu Boden, als würde eine fremde Macht ihn ohne mit der Wimper zu zucken auf die Knie zwingen.
So schwach. Diese Agonie grenzt an Vollkommenheit. Fast schon egoistisch, dass du sie nicht teilen willst.
„Wer bist du?“, wollte Archweyll schreien, doch er zitterte so stark, dass er nur noch ein jämmerliches Wimmern zustande brachte. Die Angst hielt ihn fest umklammert und wollte ihn nicht mehr loslassen. Sein Blick ging zu der riesigen Fensterfront, die vor wenigen Momenten noch einen sehnsüchtigen Blick auf die Atharymn zugelassen hatte. Nun hatte sich ein schwarzer Belag darauf angeheftet, wie an einem faulen Zahn.
Ich bin der Erlöser. Dein Heiland. Das frohlockende Glück. Flieh vor einem grauen Leben, in die wollüstigen Arme der Agonie. Denn nur im Schmerz, findet sich Wahrheit. Die Stimme aus Archweyll Kopf hinterließ einen kreischenden Schmerz zwischen seinen Schläfen, der zu einem unerträglichen Getöse anschwoll.
Langsam merkte der Kommandant, wie etwas in ihm zerbrach. „Aufhören! Ich flehe dich an, hör endlich auf!“, kreischte er, doch der Schmerz nahm unerbittlich zu. Tränen der Angst erfüllten seine Wangen und er wandte sich am Boden wie ein tollwütiges Tier. Plötzlich vernahm er Stimmen. „Arch! Arch! Hörst du mich? Steh auf!“
Eine weitere Welle von Schmerzen erschütterte den Kommandanten, als wolle ihn irgendwer dafür bestrafen, dass er sie zugelassen hatte. Sein Aufschrei verdrängte die Stimmen.
Sie sind fort. Du gehörst mir.
„Er kollabiert! Schockstoß einleiten, sofort!“, wieder ertönten diese Stimmen. Warum nur kamen sie ihm so vertraut vor? Auf einmal ging ein Ruck durch seinen Körper. Dann noch einer. Als wolle etwas sein Inneres gewaltvoll nach Außen zehren. Gequält schrie er auf, ließ es zu, dass ihn all sein Leiden in einem abstrakten Aufschrei verließ. Archweyll bemerkte, wie sich Risse auf den Fenstern bildeten. Die Erschütterungen nahmen an
Intensität zu.
„Noch einmal. Wir verlieren ihn!“ War das Tamara?
Er konnte es nicht genau feststellen. Der Schmerz nahm in zu sehr für sich ein. Was zur Hölle war hier los? Es war ihm egal. Solange die Höllenqualen endlich enden würden, war alles andere nebensächlich.
Nur das Leid wird bleiben.
Noch ein Stoß durchfuhr Archweylls Körper wie ein Blitzschlag. Er brachte nur noch ein Heulen zustande. Sein Körper zerbrach. Durch die Macht des Schlages riss die Fensterkuppel endgültig. Mit einem kreischenden Aufschrei flogen die Glassplitter wie kristallklare Projektile durch den Raum. Explosionsartig erfüllte das Vakuum des Warp die Raumstation, verschluckte sie, wie einen Gaumenschmaus. Alles schien wie in Zeitlupe zu passieren. Sämtliche Luft wurde aus seinen Lungen gepresst und eine eisige Kälte ließ seine Glieder gefrieren. Archweyll konnte noch nicht einmal schreien. Der Schmerz wurde unaushaltbar. Sein Blut kochte in den Adern und das Wasser auf seiner Zunge verdampfte. Dann riss ihn etwas mit sich in die Leere und alles wurde in Dunkelheit gehüllt. Binnen Sekunden war er ins Vergessen eingetaucht.

Sein Erwachen war wie ein Schlag ins Gesicht. Unzählige Gesichter waren über ihn gebeugt, das Leuchten einer elektronischen Lampe blendete ihn. Sofort machte sich ein dumpfes Pochen in seinem Kopf bemerkbar, der jedoch in keiner Relation zu den vorherigen Schmerzen stand.
„Er ist wach“, stellte jemand fest.
Irritiert blickte Archweyll sich um. Ein grauer Schleier trübte seinen Blick und es schien ihm so, als würde er die Personen nur durch eine Scheibe trüben Glases wahrnehmen. Um ihn herum waren etliche Gesichter, die ihm bekannt vorkamen.
Tamara beugte sich über ihn. Ihre Hände schüttelten ihn aus den Grundfesten. „Arch…Arch!“, schrie sie ihn an. Es klang weit entfernt.
„Er kommt zurück“, erklärte eine zweite Stimme.
Irritiert blickte Archweyll sich um. Die Fensterfront war völlig intakt. Er hatte halluziniert. Der Xulthaquep, schoss es ihm durch den Kopf. Er ist wirklich hier. Dieser Gedanke holte ihn in die Realität zurück.
„Arch, was zur Hölle treibst du da?“, wetterte die Spähtruppführerin erbost. „Glaubst du das ist witzig? Du bist einfach zusammengebrochen und hattest einen Anfall. Was ist passiert?“
„Ich glaube, ich habe gerade etwas erkannt“, murmelte der Kommandant. „Helft ihm erst einmal hoch“, die zweite Stimme gehörte also Howard Bering.
Zwei kräftige Hände zogen den Kommandanten auf die Beine.
Schwer atmend richtete er sich auf. Sein Wahntraum machte sich nach wie vor bemerkbar und ihm war noch leicht schwindelig.
„Was hast du erkannt?“, fragte Tamara stirnrunzelnd.
„Das wir besser verdammt schnell unsere Mission erledigen sollten“, keuchte der Kommandant. „Unser Feind ist mächtig und er kommt direkt auf uns zu.“

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Veränderung und Leben – von Saigel

Da kam es, das Gewitter. Heiß ersehnt schlug es auf uns nieder, überdeckte uns mit klarem, kühlen Nass, an dem wir uns labten und uns freuten. Zu lange schon hatten wir unsere Gesichter gen Himmel gestreckt, in der Hoffnung einen kleinen Tropfen Wasser abzubekommen. Tagelang hatten wir Durst gehabt, ja, manche von uns waren beinahe verdurstet. Die Hitze hatte sich über uns gelegt wie eine bleierne Schwere, die uns die Luft zum Atmen nahm. Dem Erstickungstod nahe, hatten manche von uns panisch versucht, sich dagegen zu wehren, sich abzuwenden, sich zu verkriechen, in die trockene Erde, die genauso nach Flüssigkeit verlangte wie wir selbst. Neben mir streckte die schönste von uns ihre Glieder, neigte sich immer weiter gen Boden, bis sie schließlich, erdrückt und erschöpft, den Kopf nicht mehr zu heben vermochte.
Dann zog sich der Himmel zusammen, große dunkle Wolkenmassen rollten aufeinander zu, kollidierten, brachen sich und bildeten neue Formationen. Ein tiefes Grollen erfüllte die Luft, Blitze erhellten die finstere Nacht. Dann kam der Regen und benetzte alles, was er finden konnte. Der heftige Wind führte ihn in Unterstände hinein, ließ Behälter überlaufen, ja, sogar manche von ihnen bersten. Das Unwetter verwüstete so manch menschliches Hab und Gut und keine menschliche Seele war mehr im Freien zu sehen. So plötzlich wie das Gewitter kam, so schnell hatten sich die Menschen in ihre Behausungen zurückgezogen, um dort auszuharren und die Gesichter dann und wann erwartungsvoll an die dicken Scheiben aus Glas zu drücken. Ein elektrisierter Lichtschein am schwarzen Nachthimmel erhellte ihre Augen, versetzte sie in Staunen. Die kleinen Kinder weinten und hatten Angst vor Mutter Naturs zorniger Seite.
Die Erde pulsierte. Jedwedes Kleingetier verschwand in seinem eigens gegrabenen Loch, schlüpfte tief hinein, um nicht den Tod in den großen Regenmassen zu finden. Wir spürten, wie sich die trockene Erde um uns herum belebte. Wie sie uns abgab von ihrer Energie, die uns durchströmte, wie die Elektrizität die Häuser der Menschen. Sie floss in uns hinein, ließ einen Teil dort, der hektisch zu zirkulieren begann, und nahm einen anderen Teil wieder mit, um die anderen auch davon kosten zu lassen. Peitschend umtoste uns das kühle Nass, zog an uns, riss an uns, und jene, die nicht gut verankert waren, flogen mit in die unendlichen Lüfte, aus denen es keine Rückkehr mehr gab. Wie grausam das nun auch klingen mag, so erschien uns selbst stets die Stagnation und das Leiden, dass mit ihr verbunden war, als weitaus grausamer. Der Wandel, die Veränderung, die so natürlich, so erwünscht und auch so verheerend sein konnte, sie war der Inbegriff des Lebens, des ewigen Prozesses, ohne den es nichts geben konnte.
Die ganze Nacht hindurch hielten wir dem Unwetter stand, zogen uns das heraus, was uns zum Vorteil gereichte, und hielten aus, was zu unserem Nachteil war. Danach ruhten wir und wuchsen, streckten uns, ließen den Genuss der neuen Kraft seine Wirkung zeigen. Am nächsten Morgen, als mir die abgekühlte Luft durch die Blüte strich, reckte ich mich nach oben und sah umher. Jede von uns war noch tausendmal schöner als zuvor. Meine Nachbarin stand wieder fest neben mir und lächelte verzückt. Die Wiese erstrahlte in Gelb, Rot, Lila und sattem Grün. Die Sonne versprach uns wieder einen heißen Tag. Doch nun, nach dieser plötzlichen Überraschung, nach dem Ausbruch aus der Monotonie, machte ich mir darüber keine Sorgen mehr.


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Leseprobe aus meinem ersten Roman: Söhne der Krähe – Die schwarze Krankheit (Fantasy)

Von Tobias Ziemann

Hey, ich hoffe ich kann euch ein bisschen für mein Buch begeistern. 
Wenn ja, lasst mir doch eine Nachricht da. 🙂

Kapitel 1: Dunkle Visionen

»Wir haben schon wieder drei verloren.« Das Entsetzen in Amnaeons Stimme war kaum zu überhören. Vor drei Wochen war die Seuche ausgebrochen, seitdem hatten sich die Todesfälle drastisch vermehrt. »Die Frau vom Fischer hat es nicht überstanden.« Er bedeckte das furchtbar entstellte Gesicht der alten Frau mit einem schmutzigen Laken und kniete sich neben sie, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Die beiden anderen Leichname waren bereits in Leinensäcke verstaut worden und lagen auf einem Karren.
Die letzten Strahlen des Tages glitzerten in seiner goldenen Maske, die der Hohepriester des Klosters von Karkarstyre schon trug, seit Corvin ihn kannte. Er hatte dem jungen Schüler nie sein wahres Gesicht enthüllt. Die Maske war kreisrund und formte die Strahlen einer aufgehenden Sonne, die sich einmal um das angedeutete Gesicht zogen. Auf der Stirn war eine elfische Rune eingraviert. Malhaeyli, die Sonne einer längst vergangenen Zeit. Lediglich das aschgraue Haar, das in einem imposanten Zopf über seinen Rücken fiel, ließ darauf schließen, dass sich ein Mensch unter der Maske verbarg. Amnaeon hatte eine elegante rote Robe angelegt, die mit Goldfaden bestickt war, und die verwobenen, glitzernden Linien schienen immer wieder miteinander zu verschmelzen, auch wenn sie doch getrennt waren. Außerdem trug er rote Samthandschuhe, sodass kein Stück seiner Haut unbekleidet war.
Corvin runzelte die Stirn. Er betrachtete die leblose Leiche, die vor ihm lag, und fuhr sich dabei durch sein mittellanges, schwarzes Haar. 
»Mit deiner Erlaubnis würde ich gerne noch einmal ihren Körper betrachten. Ich untersuche die Krankheit jetzt schon eine ganze Weile und möchte sämtliche Symptome in einer Zeichnung festhalten«, sagte der junge Priesterschüler zu seinem Lehrmeister. 
»Nur zu, aber beeile dich«, erwiderte Amnaeon mit einem düsteren Ton in der Stimme. »Die Krankheit entfesselt ihre wütende Seele und schickt sie gen Himmel. Sei wachsam, dass sie nicht in dich hineinfährt und dich zu einem Dämon macht.«
Corvin antwortete nicht und schob das Leichentuch sachte beiseite. Die Augen der Toten waren weit aufgerissen und sie hatte sich sicher ein Dutzend Büschel Haare herausgerissen. Dort, wo einmal Zähne gewesen sein mussten, befanden sich Lücken oder faulige Überreste. Ihre Gesichtszüge erinnerten eher an eine groteske Grimasse und sie war über und über mit blutig aufgekratzten Pusteln bedeckt. Die Augen des Priesteranwärters ließen keine Stelle der Frau aus und er bemühte sich, möglichst schnell eine Skizze anzufertigen, um die Verstorbene nicht allzu lange ihrer Ruhe zu berauben. Sie so zu betrachten kam ihm im ersten Moment unglaublich merkwürdig vor, doch dann rief er sich in Erinnerung, dass er hier eine wichtige Aufgabe zu erledigen hatte. Dafür zog er eine Rolle Pergament hervor und begann diese mit Feder und Tinte zu bearbeiten. Plötzlich fiel ihm auf, dass die alte Frau etwas in der Hand festkrallte. Er hatte Mühe, ihre geballte Faust zu öffnen, da sie schon in die Leichenstarre verfallen war. Als er den Gegenstand endlich entwenden konnte, bemerkte Corvin einen fauligen Gestank, der von der Alten ausging. Erschrocken riss er den Inhalt ihrer Handfläche an sich und taumelte ein paar Schritte rückwärts. Sein Blick wandte sich von der Toten ab, zu dem Objekt, das er in der Hand hielt.
Es war ein aus Holz geschnitztes Amulett des Araz’Nol, dem Gott des Jüngsten Gerichts. Die Frau schien den Tod gespürt zu haben und hatte in ihrer Verzweiflung um Gnade und Einzug in den Himmel gebetet. Er legte das Amulett zurück in ihre Hand und sie verschlossen den Leichensack. Zwei stämmige Männer legten die Leiche zu den anderen und das eingespannte Maultier setzte sich in Bewegung. Bald war der Karren verschwunden.
»Lass uns aufbrechen. Hier können wir nichts mehr tun«, sagte Amnaeon sanft und legte dem jungen Priester eine Hand auf die Schulter.
Das Dorf Windbruch lag nur einen kurzen Marsch entfernt von seiner Heimat, dem Kloster von Karkarstyre. Dies war die Umgebung, in der Corvin seine Kindheit verbracht hatte, nachdem er vor achtzehn Jahren als Findelkind an die Pforte des Klosters gelegt worden war. Hier gab es überall kleinere oder größere Wälder, Felsen und Höhlen und der seichte Plätschernde Wanderer wand sich wie eine fließende Schlange durch die Landschaft. Ringsumher erstreckten sich die Felder des Klosters oder jene der Bauern aus dem Dorf. Eine fruchtbare Landschaft, von der sie alle gut leben konnten. Corvin hatte keinerlei Ahnung, wer seine Eltern gewesen waren, dennoch spürte er deswegen keinen Zorn in sich. Er hatte in Amnaeon einen Vater und Lehrmeister gefunden, wie er ihn sich nicht besser hätte erhoffen können.
»Was meinst du, wie sich die Seuche entwickeln wird?«, riss ihn dieser aus seinen Gedanken. »Ich befürchte, sie wird sich ausbreiten, auf die nördlichen Gebiete bis nach Arkarnoss.«
»Gut möglich«, antwortete Corvin. »Ich hoffe wir finden bald ein Gegenmittel, denn das Dorf betrauert wahrlich schon genug Tote. Und es werden bald weitere folgen, da bin ich mir fast sicher. Spätestens, wenn sie die Hauptstadt erreicht.«
»Es stimmt mich traurig, aber wir sind so gut wie machtlos, angesichts dieser Bedrohung. Uns bleibt nur abzuwarten und weiter nach der Ursache zu suchen.« Amnaeon seufzte unter seiner Maske. »Sobald wir zurück im Kloster sind, möchte ich, dass du deinen Lehrgang absolvierst. Du warst nun schon lange genug mit mir hier draußen.«
Sie schritten eine Weile schweigend den matschigen Feldweg entlang.
»Irgendwie verhalten sich die Dorfbewohner merkwürdig«, murmelte Corvin nachdenklich. »Sie distanzieren sich immer mehr von uns und denken, ich würde ihre Blicke nicht bemerken. Seit die Krankheit ausgebrochen ist wirken sie angespannt.«
»Sie mussten schon einmal gegen eine Krankheit kämpfen, die dieser hier verdächtig ähnlich war«, erwiderte der Hohepriester und sein Tonfall nahm etwas Dunkles an. »Das nannte man die schwarze Zeit«, raunte er bedächtig. »Es werden möglicherweise viele Menschen sterben und wir schweben vielleicht in größerer Gefahr, als uns lieb ist.«
Bevor Corvin weiter darauf eingehen konnte, beschleunigte der Hohepriester seinen Schritt und hatte ihn bald abgehängt.
Vor ihnen zeichnete sich das Kloster ab.
Die Pforten aus schwerem Eichenholz öffneten sich quietschend, als sie sich dem Gebäude näherten. Schon von weitem konnte man den Kirchturm erkennen, dessen Glocke schon jahrelang nicht mehr geläutet hatte. Zu schwarz waren die Tage geworden, zu dunkel die Gedanken. Die roten Ziegel, die sein Dach bedeckten, waren alt und die Farbe schien aus ihnen zu weichen. Doch war das Kloster ein Auffangort für diejenigen, die noch wagten zu hoffen oder sich der Lehre der Magie unterziehen wollten. Allerdings schien Corvin, zumindest seit er sich erinnern konnte, der einzige Student der magischen Künste zu sein. Die anderen Jugendlichen in seinem Alter waren einfache Waisen oder hier geboren. Das Kloster bot Platz für jeden Hilfsbedürftigen und mittlerweile hatte sich daraus eine nette Gemeinde entwickelt.
Bruder Efaso begrüßte sie am Eingang, der runde Bauch und sein gutmütiger Gesichtsausdruck vermittelten seit jeher ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Obwohl Amnaeon das Oberhaupt des Klosters darstellte, so war er es doch, der stets ein offenes Ohr für die Mitglieder der Gemeinde hatte  und dem man sich am besten anvertrauen konnte. Eine braune Kutte bedeckte seinen mächtigen Bauch und ein grünes Amulett verzierte seinen Hals. Seine Glatze wurde durch eine schlichte Lederkappe bedeckt und er begrüßte die beiden mit einem warmen Lächeln, zwischen seinen fleischigen Wangen. »Wie ist die Visite verlaufen, meine Herren?«, fragte er mit einer unbeholfenen Verbeugung.
»Es gab drei weitere Todesfälle und wir konnten nichts tun, außer ihre Beerdigung zu veranlassen«, entgegnete Amnaeon frustriert und stürmte regelrecht an dem dicken Mönch vorbei, eilte in das Innere des Klosters und verschwand.
Corvin strich sich nachdenklich durch das Haar. »Nimm es ihm nicht übel«, stotterte er hastig. »Das Ganze nimmt ihn einfach zu sehr mit.«
»Ich weiß«, entgegnete Efaso wehmütig. »Er ist ein guter Mann mit einem großen Herzen. An ihm können sich so manche ein Beispiel nehmen.« Der Mönch setzte ein mildes Lächeln auf.
»Wenn du mich nun entschuldigst, Bruder, ich muss noch meinen Lehrgang absolvieren und benötige dafür Zeit. Ich ziehe mich zurück«, sagte der junge Priester und setzte sich wieder in Bewegung.
Eine weitere Pforte, mit einem eingesetzten kleinen Türchen, um still in den Altarraum zu gelangen, trennte ihn von der großen Haupthalle. Links und rechts von ihm befanden sich Treppen, die in die Dormitorien führten, welche strikt nach Geschlechtern unterteil waren. Es gab einen Jungen- und einen Mädchentrakt. Dies waren zwei Flügelbauten, die seitlich parallel zu der Haupthalle gebaut worden waren. Im Notfall konnten also alle Klosterbewohner gemeinsam ihre Heimat und das Allerheiligste gleichermaßen verteidigen.
Die große Halle stellte gleichzeitig auch den Altarraum dar und somit den Ort für ihre morgendlichen Andachten. Zwei Reihen aus schlichten Bänken, gefertigt aus schwarzem Holz, bildeten einen Gang nach vorne, wo sich eine schnörkellose, erhöhte Kanzel befand. Von hier sprach Amnaeon zu ihnen, wenn er die Andacht hielt und die täglichen Aufgaben wurden von Bruder Efaso vorgetragen . Der Altar zu ihren Füßen war aus Stein gemeißelt und besaß goldene Verzierungen, die sich in elegant geschwungenen Linien darüber zogen. Eine Kerze flackerte darauf, so groß und dick, dass sie vermutlich schon brannte, seit Corvin hier lebte. Hinter dem Altar, in einigem Abstand und dicht an die Mauer gedrängt, führte eine Wendeltreppe nach oben. Hier ging es zu den Gemächern des Hohepriesters. Corvin erinnerte sich an die heutige Predigt, als Amnaeon diese Treppe hinabgestiegen war und ihm schon jeder gespannt gelauscht hatte, bevor er überhaupt zum Altar getreten war. Dieser Mann hatte eine bewundernswerte Ausstrahlung. In einiger Höhe befand sich zu beiden Seiten eine Empore, von denen aus man der Andacht folgen konnte, außerdem führten sie ebenfalls zu den Schlafzellen. Doch heute hatte er anderes zu erledigen, als im großen Altarraum zu beten. Corvin entschied sich für den Weg nach links, in den ersten Stock, wo die Bibliothek lag, ebenso wie die Zellen der männlichen Klosterbewohner. Er steuerte zielstrebig darauf zu, als er jäh gestoppt wurde. 
Auf der Bank eines Fensters saß ein Mädchen, mit einer langen braunen Mähne und großen grünen Augen, genauso grün, wie es seine eigenen waren. Sie schien in Tagträume vertieft zu sein und aus ihren wohlgeformten Lippen zwitscherte eine Melodie. Ein Diadem zierte ihren Kopf, welches mit kleinen grünen Steinen besetzt war und sie hatte eine Tasche aus Leder umgebunden, in der sich ein eleganter Langbogen befand.
Corvin schmunzelte. »Faulenzt du mal wieder, Jaina? Das kannst du doch hervorragend.«
»Die Pausen sind das Beste und hier wird nie jemand nach mir suchen. Du weißt doch, ich schätze es, meine Ruhe zu haben«, entgegnete das Mädchen mit einem frechen Grinsen. Die beiden fielen sich in die Arme.
»Wie ist es dir da draußen ergangen?«, wollte sie wissen.
»Es sterben immer mehr«, entgegnete der junge Zauberer niedergeschlagen und legte die Handflächen übereinander, um seinen Gott um Beistand zu ersuchen.
»Lass den Unsinn. Du weißt ich glaube an keinen Gott«, sagte sie angewidert und schlug seine Hände ausladend zur Seite.
»Möge er dich auf den rechten Pfad leiten«, erwiderte Corvin, legte beide Fäuste an seine Brust, als Zeichen für religiöse Erhabenheit, und schritt weiter in Richtung der Bibliothek. Er bekam einen spöttischen Blick mit auf den Weg, was ihn jedoch nicht kümmerte. Er stand stets begeistert für seinen Glauben ein und hatte es noch nie bereut.
»Ich sehe dich dann beim Essen«, sagte das Mädchen und ging in entgegengesetzter Richtung davon. Er winkte ihr noch im Gehen hinterher, doch Jaina war schon verschwunden.
Der Korridor, in dem er sich jetzt befand, war im ersten Obergeschoss. Hier lagen die Zellen der älteren Schüler sowie der Ordensmönche. Der junge Priester stellte es sich wunderbar vor, bald zu ihnen zu gehören. Außerdem waren hier die Bibliothek und ein Bad, in dem zwei große, mit Wasser gefüllte Holzwannen standen.
Zum Glück regnete es regelmäßig in diesen Gefilden, denn das Wasser wurde niemals gänzlich ausgetauscht, sondern verlief von einem Rohr auf dem Dach direkt in die Kübel. Das war eine der vielen Ideen des Bruders Teskyr gewesen, einem schlauen Fuchs, der mit so mancher Idee das Leben aller angenehmer werden ließ. Leider war er letzten Winter verstorben und auf dem klostereigenen Friedhof beerdigt worden. Die Bibliothek war ein riesiges Labyrinth zusammengestellter  Buchregale, die sich bis zur Decke erstreckten. Tausende Bücher und Schriftrollen waren hier im dämmerigen Zwielicht der wenigen Fenster eingelagert.
Ob Meister Amnaeon wohl alle Bücher  kennt?, fragte sich Corvin, verwarf den Gedanken jedoch und konzentrierte sich auf seine Aufgabe.
Er sollte eine Abhandlung über eine Schrift des ersten Hohepriesters Merrymnion verfassen und dabei besondere Rücksicht auf die Konstruktion der Beziehungen der alten Götter nehmen. Er deckte sich mit Folianten ein, begab sich an einen freien Tisch und verlor sich zwischen den Zeilen. Corvin atmete den Geruch des alten Papiers und seiner Tinte ein und fing an, auf eine Rolle Pergament zu schreiben.
In der Bibliothek verbrachte er sehr viel Zeit seines Lebens und er tat es gerne. Das Wissen von unzähligen Generationen, vermittelt an einem Ort, zugänglich für jeden, das war einfach eine wunderbare Vorstellung. Wenn er einst ein vollwertiger Priester sein wollte, so wie er es sich immer vorstellte, so musste er noch viel Wissen aus diesen uralten Büchern aufsaugen. Es wurde langsam dunkel und er zündete sich eine Kerze an. Oft arbeitete Corvin bis tief in die Nacht. Manchmal kämpfte er dabei mit dem Schlaf, so wie auch heute. Der Tag war lang und anstrengend gewesen und sein Körper forderte eine Ruhepause für sich ein, die ihm der junge Zauberschüler jetzt aber noch nicht gewähren wollte. Also fokussierte er sich angestrengt auf die gekritzelten Buchstaben. Die Schrift des Merrymnion verdeutlichte die Beziehungen der Götter zueinander und ihren Zweck. Der große Erhabene war der Schöpfer der Götter und des Lebens, er stand an oberster Stelle und wurde von allen verehrt. Er hatte die Kaheleth erschaffen, die niederen Götter, die unter seinem Befehl einzelne Aufgaben zugetragen bekommen hatten. Mestopheles, sein erstes Kind, war der Weber der lebenden Seelen und befand sich im inneren Ich, dem Charakter des Menschen. Er war immer zugegen, da war sich Corvin ganz sicher. Dann gab es die vier Elementargötter, deren Macht die Erde formte, ganz nach dem Willen des Erhabenen. Eine weitere wichtige Gottheit war Andrysthe, die Gebieterin des Endes, da Leben und Tod ein empfindliches Gleichgewicht darstellten. Sie hatte mit Araz’Nol eine Tochter gezeugt, die jähzornige Morrigan, die sich schon früh von ihr abwandte und sich den dunklen Pfaden widmete. Sie verhieß Elend und Tod. Corvin musste intensiv gähnen und seine Augen wurden langsam schwer. Er versuchte sich angestrengt auf den Text einzulassen. Der Übermittlung nach trat die Morrigan in drei verschiedenen Formen auf.
Die erste davon war Macha, eine Krähe, die sich an den Gefallenen der Schlacht labte. Dann gab es Badb, eine Riesin, welche die Kleidung derer an einem Bach wusch, die am heutigen Tage fallen würden, und für Unglück stand. Ihr letzter Aspekt war die Nemain, die Mutter der Trauer und des Wehklagens über den Tod. Drei Schwestern, die zusammen ein großes Ganzes ergaben.
Es gibt so viele verschiedene Götter, die für die Menschen das Unheil verheißen, dachte der junge Priester wehmütig. Die Leute vergaßen einfach an den positiven Seiten des Lebens festzuhalten. Schließlich übermannte ihn der Schlaf. Er hatte bis tief in die Nacht gelesen und konnte sich dem Verlangen nach Ruhe nicht mehr entziehen. Corvins Kopf sank auf das Pult und er schlief über seinen Büchern ein.


Er taumelte vorwärts, seine Füße schienen an Blei gekettet zu sein. Jede Bewegung erschien ihm schwerfällig und träge. Corvin merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Diese bestimmte Gewissheit, gleich mit etwas konfrontiert zu werden, das ihm Angst bereiten würde, schnürte ihm die Kehle zu. Er befand sich auf einem Hügel. Ein schwarzer Himmel, der mit tausenden furchteinflößenden Augen auf ihn herabstarrte, schien ihn zu verspotten, weil er so klein und nichtig war. Um den Priester herum erstreckte sich eine weite, hügelige Graslandschaft, die bis zum Horizont reichte. Dunkle Vögel am Horizont, sie kamen ihn holen!
Ein riesiger Schwarm aus Krähen näherte sich mit kreischendem Flattern seiner Position, ihre Präsenz war durch und durch böse. Plötzlich ertönte das wohlbekannte Donnern von Hufen, die auf die Erde niederfuhren, dunkel und mächtig. Ihr regelmäßiger Schlag drang wie ein Blitz in Corvins Schädel ein und zwang ihn auf die Knie.
Der junge Priester schrie und hielt sich den Kopf, welcher zu explodieren drohte. Dunkle Vögel am Horizont, sie kamen ihn holen!

Corvin öffnete die Augen. Vor ihm baute sich ein Reiter auf, der ein Ross aus Schatten ritt. Er hatte einen schwarzen Mantel umgelegt und sein Gesicht wurde durch eine Kapuze verborgen. Ein Schwert ruhte in seiner Hand, das mit tausend Stimmen kreischte, noch lauter als die Vögel am Himmel. Corvins Kopf schien zu platzen und vor Schmerz schrie er abermals auf. Er blickte gegen seinen Willen direkt in das Gesicht des Reiters, irgendetwas zwang ihn dazu. Der junge Priester erkannte nichts außer einer alles verschlingenden Dunkelheit darin, die an ihm sog, um ihn zu vertilgen. Der Reiter richtete seine Klinge an Corvins Hals und seine toten Lippen flüstern das wohlbekannte Wort. »Bruder!«
Corvin schrie: 
»Nein! Geh fort! Weg von mir!« Es fühlte sich so an, als würde ein Zeitalter vergehen, während er sprach, so langsam formten seine Lippen die Worte, so schwach war er. So schwach. Die Vögel hatten ihn fast erreicht. Sie kamen ihn holen! 
Abermals rief der Reiter: »Bruder!« Die Krähen erreichten ihn, der Reiter verschwand und alles wurde erstickt von schwarzem Gefieder und messerscharfen Schnäbeln. Schmerzerfüllt sank Corvin zu Boden. Er versuchte sich zu schützen, doch er kam nicht dagegen an. Die Schnitte in seinem Körper ließen ihn noch an Ort und Stelle sterben. Während seine Seele in den dunklen Himmel aufstieg, um endlose Qualen im Fegefeuer der höllischen Schmieden von Heraxes zu erwarten, sah er auf seine eigene Leiche herab und ein letztes Mal vernahm er den Ruf des Reiters. »Bruder!«


Corvin wurde jäh aus dem Schlaf gerissen, um ihn versammelt stand ein Dutzend Leute, die ihm bekannt vorkamen. Ein grauer Nebel erfüllte seinen Kopf, schien sein Sichtfeld undurchsichtig zu machen. Er blickte in das besorgte Gesicht von Bruder Efaso und in die nichts verratende Maske des Hohepriesters. 
»Du hast geschrien im Schlaf«, stellte dieser mit ernstem Ton fest und musterte den Jungen. Corvin erkannte ihn nur verschwommen, denn er war noch benommen von seinem Albtraum. Seine Schulter brannte höllisch, wie jedes Mal, wenn er dem dunklen Reiter begegnete. Der junge Priester versuchte sich zu orientieren, was ihm im ersten Moment leider absolut nicht gelang. Schwindel kam in ihm auf und er verspürte Brechreiz. Er versuchte vergeblich, sich nichts anmerken zu lassen, der Schmerz übermannte ihn und er wurde bewusstlos. 
Corvin erwachte in einem weichen Bett und grub seinen Kopf tief in ein Kissen. Ein leichtes Pochen, eine Art Vibrieren, das von seiner Schulter ausging, ließ ihn spüren, dass die Wirkung des Traums noch nicht ganz nachgelassen hatte. Er krempelte seine Kutte hoch und musterte seine Schulter. Die drei ineinander verschlungenen Krähen schienen ihn zu verspotten. Er trug dieses Siegel seitdem er an einem stürmischen Herbsttag vor der Klosterpforte gefunden wurde. So zumindest hatte es ihm Amnaeon erzählt. Die Krähen spreizten ihre Flügel und waren in einem Kreis angeordnet. Es sah so aus, als würden sie der jeweils nächsten Krähe in die Schwanzfedern beißen und in der Mitte befand sich eine Rune die nicht einmal Meister Amnaeon kannte. Jedes Mal, wenn er träumte, brannte sie wie das Fegefeuer. Corvin blickte durch den Raum. Es war einer der Krankensäle, mit vier Betten, die parallel zueinander angeordnet wurden. Ein robuster Nachttisch, auf dem eine rote Kerze brannte, und ein Hocker standen neben seinem Bett. Scheinbar musste jemand hier gewesen sein. Corvin blickte aus dem großen Fenster am Ende des Raumes. Es war schon wieder Abend, er musste also lange bewusstlos gewesen sein. Das Fenster stand offen und ein kühler Luftzug wehte durch den Raum. Der Sommer würde bald vorbei sein.
Es klopfte und ohne auf eine Antwort zu warten, trat der Hohepriester ein. »Du kannst von Glück reden, solche Freunde wie Jaina zu haben«, sagte er bestimmt. »Sie ist nicht einen Moment von deiner Seite gewichen und es brauchte zwei Mann, um sie hier herauszutragen.«
Corvin schmunzelte. »Ja, die gute Jaina. Eigenwillig und stur bis zuletzt.«
»War es wieder der Traum?« wollte Amnaeon wissen.
»Ja, und er wird immer intensiver«, antwortete Corvin mit trockenem Mund. Der Gedanke an seinen Albtraum schnürte ihm die Kehle zu.
»Zeig mir deine Schulter«, verlangte der Hohepriester und begann damit, die Kutte hochzustreifen. Die bernsteinfarbenen Augen unter der Maske schienen das Mal förmlich zu verschlingen.
»Mysteriös«, hauchte er. »Das ist eine elfische Rune, aber aus einer Zeit, weit vor der unseren. Außerdem hat sie einen seltsame Schreibweise, ich habe sie in keinem unserer Bücher wiedererkannt. Ich kenne da jemanden, der die alte Sprache der altvorderen Elfenkönige weitaus besser beherrscht als meine Wenigkeit. Er ist der Anführer der hier stationierten Hand von Alzykrazh und sein Name ist Elendrahyl. Ein Sohn der Blutelfen, aus dem fernen Reich der Hochwohlgeborenen. Doch die Hand ist eine Organisation von Verstoßenen und sie verstecken sich an unauffindbaren Orten.«
»Die Elfen verlassen für gewöhnlich ihren Wald nicht. Was ist mit ihm geschehen?«, wollte Corvin wissen.
»Er wurde verbannt«, murmelte Amnaeon finster. »Er hat einen Menschen geliebt, was nach Elfengesetz strikt verboten ist. Lass dich nicht von ihnen täuschen, Corvin, sie sind Wesen ohne Güte und sie kennen kein Mitleid mit einem der Unseren. Doch ich glaube er ist anders.«
Plötzlich wurde die Tür abermals aufgerissen und Bruder Efaso schritt, sichtlich außer Atem und mit rot angelaufenem Gesicht, herein.
»Hohepriester«, japste er und schnappte nach Luft. »Ein Fremder ist aufgetaucht und verlangt dich zu sprechen. Er sagt, er bringt schlechte Nachrichten.«
Amnaeon erhob sich. Bevor er das Zimmer verließ, drehte er sich noch einmal um. »Du wirst noch früh genug eine Antwort finden, aber jetzt schlafe erst noch ein wenig, mein Junge.« Mit diesen Worten brachte er die Kerze mit einem Fingerschnippen zum Erlöschen und verließ, dicht gefolgt von Bruder Efaso, das Zimmer.
Unruhig wälzte sich der junge Priester hin und her. Nachrichten, die Amnaeon nicht gefallen werden? Ein Fremder mit schlechter Kunde? Das klang beunruhigend. Er murmelte Nachtgebet um Nachtgebet, bis er endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

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Wann ist ein journalistischer Text seriös?

Um das herauszufinden, müssen wir ersteinmal klären, was ein “journalistischer Text” ist. Als erstes fällt einem da sicher der klassische Zeitungsbericht in einer Tages-, Wochen-, oder Sonntagszeitung ein. Aber es gibt noch mehr journalistische Formate, ich hier hier aufzählen möchte:

Journalistische Textsorten

Nachricht:

Darstellung eines Ereignisses, die auf alle W-Fragen antwortet (Was? Wer? Wo? Wann? Wie? Warum?). Aufbau: Zuerst wird das wichtigste beschrieben, was passiert ist; dann wichtige Details, Quellen und ggf Hintergrüne.

Bericht: 

Länger als eine Nachricht, ähnlicher Aufbau (wichtigstes zuerst, dann Details etc.), enthält mehr Details, ggf Zitate und ausführlichere Hintergründe, außerdem kommen Urteile und Stellungsnahmen von bspw ExpertInnen hinzu.

Reportage:

Ein Reporter erlebt ein Ereignis, welches er dann lebendig schildert, es werden sachliche Informationen genannt, aber eben auch die eigenen Eindrücke geschildert. Außerdem werden nicht nur ExpertInnen oder bekannte Personen zu Wort gebeten, sondern auch BürgerInnen.

Interview: 

Gespräch/Antwort-Frage-Form wird widergegeben, es steht entweder die Meinungsäußerung, die interviewte Person, oder der thematisierte Sachverhalt im Vordergrund.

Kommentar: 

Meinungsbeitrag zu bestimmtem Thema, über das bereits berichtet wurde. Es gibt vergleichende Kommentare (einerseits/andererseits, Pro/Contra), Geradeaus-Kommentare (Eine Meinung, auf die unmittelbar verwiesen wird), argumentierende Kommentare (eine Meinung wird mit einigen Argumenten beschrieben).

Kolumne: 

Meinungsbeitrag eines einzelnen Kolumnisten, der sich meist an immer gleicher Stelle einer Zeitung befindet

Glosse:

Kurzer, subjektiv geschriebener Meinungsbeitrag mit teilweise ironischer, satirischer, zugespitzter Argumentation. Oft werden Wortspiele und Metaphern verwendet.

Das sind nicht alle Arten von journalistischen Texten, aber eine anschauliche Auswahl. Wer regelmäßig Zeitung ließt, hat sich die Definitionen wahrscheinlich gar nicht durchlesen müssen. Es fällt auf, dass man die oben genannten Textsorten grob in zwei Kategorien einteilen kann:

Informations- und Meinungsbeiträge

Informationsbeiträge

  • erfolgen nach dem Nachrichtenwert (“Messung” anhand von Relevanz, Aktualität, Emotionalität etc. eines Themas, wie berichtenswert es ist)
  • sind im Idealfall sachlich und neutral (objektiv) verfasst
  • berichten über Ereignisse, Gegebenheiten, Missstände, Situationen etc. in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Soziales.
  • enthalten keine Wertungen und Meinungen des Autors

Meinungsbeiträge

  • beschäftigen sich mit einer Meinung zu einem aktuellen Thema
  • sind dadurch nicht neutral
  • Meinung sollte argumentativ belegt und Hintergründe, Zusammenhänge und Relevanz analysiert werden
  • müssen als Meinungsbeitrag gekennzeichnet und strikt von Informationsbeiträgen getrennt werden
  • sollen die LeserInnen zur Diskussion anregen und dazu, sich selbst eine Meinung zu bilden

Die Trennungsregel

Das wichtigste bei der Berichterstattung ist, dass Meinung und Information getrennt werden!

So wird dagegen vorgegangen, dass Menschen bei der Informationsbeschaffung manipuliert werden. Wären Zeitungsberichte und Nachrichten immer von der Meinung eines Reporters oder Journalisten geprägt, würde sich diese spezifische Meinung etablieren. Sie würde uns nach einer Weile, wenn wir sie oft genug gelesen hätten und nur diese eine Meinung zu einem Thema weit genug verbreitet wäre, legitim vorkommen. Man hätte keine Möglichkeit mehr, sich seine eigene Meinung zu einem Thema zu bilden.
Deshalb brauchen wir möglichst neutrale Quellen. Das macht ja eine Demokratie aus: Jede/r hat die Möglichkeit, seine eigene Meinung zu haben und diese vertreten und äußern zu können (solange sie der Verfassung entspricht).

Berichterstattung soll sachlich und unvoreingenommen über Themen ausfklären. Haben wir das gelesen, können wir uns unsere Meinung bilden. Dazu können wir uns dann die Stellungnahmen anderer dazu durchlesen. Wir sollten dann reflektieren, ob wir die Argumente des Meinungsbeitrags nachvollziehbar und glaubhaft finden, oder nicht. Im Idealfall ergibt sich dann eine Meinung, die wir mit sachlichen Argumenten, Fakten, Zahlen, Statistiken etc. begründen können.

Fazit:

Ein journalistischer Text kann auf verschiedene Arten seriös sein.
Es kommt darauf an, zu welcher Gattung er gehört. Beiträge, die dazu beitragen, sich informieren zu können, müssen sachlich und neutral sein. Abgegrenz davon gibt es die Meinungsbeiträge, in denen mithilfe von sachlichen Argumenten zu einem Thema Position bezogen wird.

Journalistische Texte sind für Büger und Bürgerinnen in beiderlei hinsicht wichtig: Zur Informationsbeschaffung und zur Meinungsbildung.

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Journalistische_Darstellungsform (entnommen: 15.09.18 um 18:30 Uhr)
https://blog.zeit.de/schueler/files/2010/09/2.1-Klassische_Medien.pdf (entnommen: 15.08.2018 um 17:45 Uhr)
https://faktenfinder.tagesschau.de/hintergrund/journalismus-kommentar-101.html (entnommen: 16.08.2018 um 15:30 Uhr)

Beitragsbild: pixaby.com



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Die Zeitreisenden 5

2. Yellowstone – Teil 1

Ein paar Wochen waren inzwischen vergangen und Dunns Gäste hatten sich alle Mühe gegeben, in der für sie fremden Zeit zurechtzukommen. Sequel hatte sich von dem Geld, das Dunn ihr gegeben hatte, im Ort etwas eigene Kleidung gekauft, die der Mode etwas besser entsprach als die von seiner Schwester zurückgelassenen Sachen. Sie meinte, die Leute würden sie immer anstarren, dabei wolle sie doch nicht so sehr auffallen. Ihr war nicht klar, dass es dafür andere Gründe gab. Wenn sie die kleine Einkaufszone von Thedford entlangbummelte, drehten sich die Männer des Ortes reihenweise nach der bildhübschen jungen Frau um. Auch Brungk fiel durch seine auffallend maskuline Erscheinung auf, und viele Frauen verglichen verstohlen ihre eigenen Männer mit ihm. Brungk hatte sich besonders schnell an die Gegebenheiten in Thedford angepasst und schnell Kontakt zu den Bürgern des Ortes bekommen.
Man hatte sich daran gewöhnt, dass diese Zwei zum Stadtbild gehörten und jeder wusste, dass Dunn seine Verwandten zu Besuch hatte.
Dunn hatte als Sheriff des Ortes nicht viel zu tun und Cole war gern bereit, zusätzliche Aufgaben zu erledigen, um seinem Chef den Rücken frei zu halten. Oft ging Dunn schon früh nach Hause und brütete mit Brungk und Sequel über den Karten des Gebietes, in dem aller Voraussicht nach die Skrii-Waffe auftauchen würde.
Sequel entschied schließlich, dass sie es etwa in der Mitte des Mirror Plateau im Ostteil des Nationalparks versuchen sollten. Es lag fernab aller Straßen und auch Sehenswürdigkeiten für Touristen, wie Geysire, Pools oder Sinterterrassen, gab es im weiten Umkreis nicht. Da man mit dem Erscheinen einer gewaltigen Maschine rechnen musste, die nach Möglichkeit nicht entdeckt werden sollte, wäre eine weitgehend unerschlossene Gegend ideal für die Zwecke der Skrii.
»Wie kannst du sicher sein, dass die Waffe in dieser Gegend auftauchen wird?«, fragte Dunn. »Wenn sich das Ding rückwärts durch die Zeit frisst, können sie doch in der Zukunft nicht wissen, welche Gegenden in der Vergangenheit erschlossen waren und welche nicht.«
Sequel nickte. »Doch, das können sie. Wir müssen davon ausgehen, dass sie es stichprobenhaft überprüft haben. Zeitreisen sind eben möglich – sowohl für uns als auch für die Skrii. Ich bin sicher, dass wir mit diesem Plateau richtig liegen. Bleibt es dabei, dass du uns hinbringst?«
Dunn nickte. »Wenn ich etwas verspreche, halte ich das auch.« Er deutete auf die Karte. »Wir fahren nach Norden bis zur Interstate 90 und von dort nach Westen bis Sheridan. Von dort müssen wir über kleinere Straßen weiter. Ich schlage vor, wir suchen ein Quartier außerhalb des eigentlichen Parks – also hier in Codi oder Wapiti. Das sind zwar kleine Nester, aber ein Hotel oder Motel werden wir dort sicher finden. Wir können uns als Naturliebhaber ausgeben, die dort durch die Wildnis wandern wollen. In gewisser Weise stimmt das ja sogar.«
Sequel und Brungk nickten.
»Die Entfernung zu unserem Zielgebiet ist nicht sehr groß«, sagte Sequel. »Wir könnten in einem Zug eine Ortsversetzung bis auf das Plateau schaffen. Was meinst du?«
»Kein Problem«, meinte Brungk. »Wir könnten sogar Dunn und unsere Ausrüstung mitnehmen.«
»Was ist, wenn ihr euch mit dem Plateau getäuscht habt und das Ding im Südwesten des Parks auftaucht?«, fragte Dunn. »Bekommt ihr das mit?«
»Das liegt in unserem Radius«, sagte Sequel. »Wir könnten sofort dorthin weiterziehen.«
Dunn schlug mit der Hand auf den Tisch. »Dann sollten wir morgen aufbrechen. Ich hab den Wagen schon vollgetankt und Vorräte für die Reise sind im Kühlschrank. Wir sollten früh schlafen gehen, damit wir morgen frisch und ausgeruht sind.«
Sie trafen noch weitere Vorbereitungen, packten das Fahrzeug und legten zweckmäßige Kleidung bereit.
Mitten in der Nacht wurde Dunn wach. Er hatte normalerweise einen festen Schlaf und wurde in der Regel nicht einfach wach. Er blickte an die Decke, wo durch seinen Projektionswecker die Uhrzeit angezeigt wurde. Es war 02:10 Uhr, also noch eine Menge Zeit bis zum Aufstehen. Er rollte sich von seiner rechten auf die linke Seite und stieß gegen ein Hindernis. Irritiert tastete er mit der Hand danach und zuckte erschreckt zurück. Seine Hand hatte warme, weiche Haut berührt. Der Körper neben ihm bewegte sich leicht und rückte näher an ihn heran.
Dunn wusste nicht, was er davon zu halten hatte. Offenbar war Sequel zu ihm ins Bett geschlüpft. Mehr als einmal hatte sie ihm in den letzten Wochen zu verstehen gegeben, dass sie alles andere als romantisch veranlagt ist und eine Beziehung über die Zeitalter hinweg für sie nicht infrage kam. Was also hatte es zu bedeuten? Ging es einfach nur um Sex? Er war irritiert, da sie bisher nie den Eindruck erweckt hatte, diesbezüglich Interesse an ihm zu haben.
»Kannst du mich in den Arm nehmen?«, fragte sie zaghaft.
»Bist du sicher?«
Statt einer Antwort schmiegte sie sich in seinen Arm, sodass ihm keine andere Wahl blieb, als sie an sich zu drücken. Es war ihm natürlich alles andere als unangenehm. Er verstand es nur nicht.
»Was ist mit dir?«, fragte er sie.
»Ich weiß nicht«, gab sie unsicher zu. »Es ist wegen der Fahrt morgen, der Mission und
… Ich glaub, ich habe Angst. Angst vor der Aufgabe, die vor uns liegt. Man hat uns auf vieles vorbereitet, nur nicht auf Emotionen. Ich kann es nicht einmal konkret fassen. Da ist eine schreckliche Angst, zu versagen, zu sterben.« Sie blickte zu ihm auf und versuchte, im schwachen Licht der Nacht, sein Gesicht zu sehen.
»Hast du keine Angst?«
»Doch, hab ich. Ich wollte es nur nicht zeigen, weil ihr immer so tough gewesen seid. Wie kommt es, dass du zu mir gekommen bist?«
»Mit Brungk würde es nicht klappen. Bei dir hab ich das Gefühl, ich könnte meine Ängste loslassen, wenn ich deine Nähe spüre. Darf ich bei dir bleiben? Ich bin auch ganz ruhig und lass dich schlafen.«
Dunn lachte leise und drückte die Frau fester an sich. »Dir ist schon klar, dass du es mir in diesem Aufzug nicht leicht machst? Du bist splitternackt in mein Bett geschlüpft.«
»Muss ich wieder gehen?«, fragte sie enttäuscht.
»Nein, natürlich darfst du bleiben«, flüstete er gönnerhaft.
Er strich ihr mit seiner freien Hand sanft über das Gesicht und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie versteifte sich einen Augenblick, entspannte jedoch gleich wieder und schlief seufzend ein. Dunn blieb noch eine Weile wach und dachte über die seltsame Situation nach, in der er sich befand. Schließlich schlief auch er ein.
Als er am Morgen wach wurde, fiel ihm gleich ein, dass Sequel sich in der Nacht zu ihm ins Bett geschlichen hatte. Das Gefühl ihres warmen Körpers an seinem war noch angenehm präsent. Vorsichtig tastete er mit der Hand nach dem Platz neben sich, fand aber nur eine kalte Matratze. Sequel war genauso unbemerkt verschwunden, wie sie auch gekommen war. Dunn fühlte Enttäuschung. Zwar bildete er sich nicht ein, dass der nächtliche Besuch für sie etwas bedeutet hatte, doch hätte er sich gefreut, sie beim Erwachen noch neben sich vorgefunden zu haben.
Er setzte sich auf die Bettkante und versuchte, seinen Kopf klar zu bekommen. Er fragte sich, ob er unbewusst tatsächlich geglaubt hatte, diese Frau aus der Zukunft könnte in ihm mehr sehen als einen unbedeuteten Menschen aus ihrer fernsten Vergangenheit – eine Art von Halbwildem. Andererseits: Wieso war sie in der Nacht zu ihm gekommen? Sie hatte Trost gesucht. War sie wirklich so verschieden von den Frauen, die er kannte? Er schüttelte den Kopf. Es hatte keinen Sinn, darüber Mutmaßungen anzustellen. Er fragte sich, wieso ihn das so sehr beschäftigte. Sicher, Sequel war ein schönes Mädchen, aber hatten ihn andere Mädchen aus Thedford auch so aus dem Konzept gebracht? Empfand er mehr für sie, als er sich selbst eingestand? Er schüttelte den Gedanken ab.
Zunächst galt es, die Gefahr für die Menschheit abzuwenden.
Dunn lachte humorlos auf. Es war hochgradig lächerlich, sich im Zusammenhang mit der Rettung der Welt zu sehen. Es fühlte sich reichlich eigenartig an.
Die Tür öffnete sich und Sequel trat ein. Sie war bereits vollständig angezogen und trug ein kariertes Hemd aus seinem Schrank, das ihr viel zu groß war, und Shorts, die sie sich im Ort gekauft hatte. Dazu trug sie feste Schuhe. Ihre langen Haare hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten. Wäre nicht ihr weißblondes Haar gewesen … Er hätte gedacht, Lara Croft wäre von der Leinwand herabgestiegen. Sie sah atemberaubend aus.
»Ich bin schon reisefertig«, verkündete sie munter. »Das Frühstück wartet in der Küche auf dich. Ich hoffe, ich hab alles richtig gemacht. Oft genug zugesehen hab ich ja.« Dunn erhob sich und sah sie prüfend an. »Alles in Ordnung, Sequel?«
»Warum fragst du?«
»Wenn ich das heute Nacht nicht geträumt habe, dann …«
»Ach das. Ja, ich bin wieder in Ordnung. Vermutlich ist mir die Verantwortung über den Kopf gewachsen. Ich bekam einfach Panik, ein Gefühl, das ich bisher nicht kannte. Danke, dass du mir den Halt gegeben hast, den ich brauchte.«
Dunn nickte. »Keine Ursache.« Damit war auch geklärt, dass Sequels Verhalten nichts mit ihm zu tun hatte. Er stand halt zur Verfügung. Das war alles. Er war etwas enttäuscht.
Er folgte ihr in die Küche und pfiff anerkennend, als er den gedeckten Tisch sah. Sequel hatte gut aufgepasst, denn es fehlte absolut nichts. Sie hatten am Tag zuvor
beschlossen, vor ihrer Abfahrt noch reichhaltig zu frühstücken, da sie nicht wussten, was in den nächsten Tagen auf sie zukommen würde.
»Was ist mit Brungk?«, fragte Dunn. »Er wird doch nicht noch schlafen?«
Sequel verzog das Gesicht, wie er es bei ihr bisher noch nicht gesehen hatte. »Er wollte noch in den Ort laufen und etwas erledigen, wie er es nannte.«
»Etwas erledigen?«
»Brungk ist unprofessionell!«, schimpfte sie. »Hast du es etwa nicht mitbekommen? In den letzten Wochen ist er immer häufiger in den Ort gegangen.«
»Warum auch nicht? Ich muss gestehen, dass ich es begrüßt habe, dass er sich bemüht hat, sich an unsere Gemeinschaft anzupassen. Von dir kann ich das nicht unbedingt behaupten. Du bist in allem, was du tust, schrecklich distanziert. Aber du solltest überlegen, dass du eine von uns werden musst, wenn die Aufgabe erfüllt ist. Für dich wird es keinen Weg zurück in deine Heimatzeit geben. Oder war das gelogen? Werdet ihr wieder verschwinden?«
»Ob ich gelogen habe? Es ist gemein, mir das zu unterstellen. Ich kann aus verschiedenen Gründen nicht mehr zurück. Es wäre selbst dann nicht möglich, wenn es eine Zeitreise zurück in meine Zeit gäbe.«
Dunn stutzte. »Und warum wäre das nicht möglich?«
Sequel setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. »Ich hatte dir erzählt, dass die Menschen die Erde verlassen haben. Wir waren am Ende so viele geworden, dass ein Exodus unvermeidbar war. Mit der Entdeckung neuer Antriebssysteme und anderen Errungenschaften gelang es, das All zu erforschen. Man fand geeignete Planeten in anderen Sonnensystem, weit entfernt vom heimatlichen Sonnensystem. Die Besiedelung der neuen Welten gelang, forderte aber auch ihren Tribut, denn keine Welt ist wie die Erde. Mal war die Schwerkraft auf der Oberfläche zu hoch oder zu niedrig. Mal war die Zusammensetzung der Luft von der irdischen Luft so verschieden, dass man entweder immer mit Luftaufbereitern herumlaufen musste, oder … man passte sich an. Wir entschieden uns für die Anpassung. Wir sorgten dafür, dass die nächste Generation mit genetischen Veränderungen aufwuchs, die sie an die Gegebenheiten der neuen Heimatwelt anpasste. Inzwischen sind Millionen Jahre vergangen. Manche der besiedelten Welten sind inzwischen wieder unbewohnt, weil Krankheiten, Katastrophen oder leider auch Kriege ihre Bevölkerung ausgelöscht haben. Auf anderen Welten ist die Adaption an die Natur inzwischen perfekt gelungen. Es gibt in der Zukunft keine einheitliche Menschheit mehr, sondern es existieren zahlreiche Rassen mit zum Teil extrem voneinander abweichenden Körpermerkmalen. Menschen wie Brungk und mich gibt es auf keiner unserer Welten mehr. Diese Linie ist vor vielen Jahren ausgestorben.«
Dunn sah sie ungläubig an. »Und woher stammt ihr dann?«
»Oh, keine Angst. Wir sind durchaus echte Menschen, aber wir wurden genetisch nach den ältesten verfügbaren Daten geschaffen, die wir finden konnten. Dabei konnten wir uns nicht einmal sicher sein, dass unsere Daten lückenlos und zutreffend waren. Datenspeicherung ist eine tolle Sache, aber es gibt keine Medien für die Ewigkeit. Zwei Millonen Jahre sind im Grunde eine Ewigkeit. Wir verfügen in unserer Zeit über hervorragende Archive und über eine beispiellose Dokumentation der menschlichen
Geschichte. Aber diese Daten wurden immer wieder kopiert, transformiert und migriert, um sie an die jeweils aktuellen Speichersysteme anzupassen. Dabei können Details verlorengehen oder verändert werden. Auch die zuletzt verwendeten Kristalle mit ihren Quantenspeichern halten nicht ewig. Doch wir hatten keine Wahl und so wurden wir nach den Daten geschaffen, die wir für authentisch hielten.«
Dunn starrte sie ungläubig an. »Ihr wurdet speziell gezüchtet, um diesen Einsatz zu machen? Was, wenn eure Daten fehlerhaft gewesen wären?«
»Dann wären wir im Augenblick unserer Ankunft gestorben.«
Er schüttelte den Kopf. »Das ist unfassbar! Ein Himmelfahrtskommando! Wo habt Ihr denn bis zu eurer Reise in unsere Zeit gelebt, wenn es keine Welten mehr gibt, auf denen Menschen wie wir leben können? Oder seid Ihr gleich als Erwachsene Menschen geschaffen worden?«
Sequel lächelte. »Ich habe dir gesagt, wir wären richtige Menschen und das meine ich auch so. Wir sind fast natürlich entstanden, wenn man davon absieht, dass die Gensätze in Spermium und Eizelle künstlich zusammengefügt wurden und der Reifungsprozess in einem künstlichen Brutautomaten erfolgte.«
»Bis jetzt kann ich nicht viel Natürliches darin entdecken. Ihr wart also auch mal Babys und Kleinkinder?«
»Aber sicher. Wir hatten auch eine schöne Kindheit mit unseren Aufzuchtrobotern.« Dunn verschluckte sich beinahe. »Aufzuchtroboter? Ihr hattet keinen Kontakt zu menschlichen Wesen?«
»Ja wie denn? Wenn wir auf dem Planeten unserer Geburt nicht leben konnten, dann konnten es die Menschen dort auch nicht bei uns. Bis zu unserer Reise mussten wir in speziell geschaffenen Ressorts leben, in denen die Lebensbedingungen der alten Erde simuliert wurden. Wir sollten schließlich auf der alten Erde leben können. Keine der in meiner Zeit lebenden Rassen könnte hier ohne Schutzvorkehrungen überleben. Als ich sagte, wir wären für die Mission entworfen und geschaffen worden, meinte ich das genau so. Einen Weg zurück gibt es für uns nicht. Ich würde auch gern darauf verzichten, nachdem ich in den letzten Wochen erleben durfte, wie das Leben sein kann, wenn man es nicht in einem künstlichen Gefängnis führen darf.«
Dunn nickte. »Das hab ich verstanden. Ich verstehe aber noch nicht, warum du dich so über Brungk aufregst.«
Sequel verzog wieder das Gesicht. »Was er zu erledigen hat, trägt den Namen Melanie. Er trifft sich mit einer Typ A aus dem Supermarkt. Ich hab sogar den Verdacht, es sind typübergreifende Emotionen im Spiel.«
Dunn verschluckte sich fast. »Typübergreifende Emotionen? Sequel, du bist wirklich eine hoffnungslose Romantikerin! Es macht dir Probleme, dass unser cooler Brungk sich vielleicht in die Kassiererin vom U-Store verknallt hat? Wirklich? Er trifft sich mit Melanie Ryback? Das hätte ich nie vermutet. Und was stört dich daran? Du wirst doch nicht etwa eifersüchtig sein?«

Die Geschichte wird fortgesetzt. Wie es weitergeht mit Sequel und Brungk erfahrt Ihr schon am nächsten Samstag, dem 13.Oktober …

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Kurzfaust

Nachdem ich mich mit Goethes Faust befasst hatte, war ich so infiziert von dieser Sprache, dass ich versuchte, es dem großen Meister gleichzutun und obendrein das ganze mal kurz und knapp zusammenzufassen. Das war vor zwölf Jahren. Dabei musste ich an die Melodie des König von Thule denken.

Gesteh ichs unumwunden
Ich bin ganz bloß und nackt
Immer noch gebunden
An des Teufels Pakt.

Ach wenn ich doch nicht bliebe
Hier in dem dunklen Ort!
Denn als ich sprach von Liebe
So wars mein Herzenswort

Doch sah ich lang im Leben
Auf Erden keinen Sinn
Und hab es hingegeben
Um zu erfahren ihn.

Dies hier soll sein ein Zeichen
Für Menschen alle Zeit
Für Euch und Euresgleichen
Die ihr noch suchend seid

Tut nicht dem Teufel geben
Für Antwort einer Frag!
Der Sinn, der ist zu leben
Und lieben jeden Tag.

Wie miss ich meine Buhle
In alle Ewigkeit.
Einst war ich Fürst in Thule
Gestorben vor der Zeit

Und nur vor lauter Denken
An mich, den eitlen Narrn,
Kann ich die Lieb nicht schenken
Muss ihrer Liebe harrn.

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NaNoWriMo und das Camp NaNo – Ein Erfahrungsbericht

Wie fast jeder Schreibende bin ich immer wieder über den NaNoWriMo
(National Novel Writing Month) sowie das Camp NaNo gestolpert.
Also fing ich an mich mit diesem Thema an zu beschäftigen. Das was ich herausfand, schreckte mich doch ziemlich ab.

Ich schnappte sprichwörtlich nach Luft, als ich sah welches Pensum beim NaNoWriMo einem Autoren abverlangt wird. 50.000 Wörter in einem Monat… Innerlich lief ich schreiend durch die unterschiedlichsten Orte nur um mich nicht weiter mit dieser Zahl auseinandersetzen zu müssen.

Vor allem aber baute sich in mir ein solcher Widerstand auf, dass ich von dieser Herausforderung, die der NaNo für den ein oder anderen herausstellt, einfach nichts wissen wollte. Besonders unter dem Aspekt, dass ich unter Zeitdruck nicht die besten Variationen von Texten niederschreibe. Das bezieht sich sowohl auf die Arbeit an PC, Tablet und auf das Papier.
Das hat vor allem mit meinem inneren Kritiker zu tun, der sich häufig beim Schreiben ankündigt.

Um diesen Widerstand abzubauen, wurde ich tätig und begann mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umzuhören was diese denn von dem NaNoWriMo halten. Hierzu bekam ich dann die unterschiedlichsten Aussagen. Während die einen vollkommen davon begeistert waren, waren die anderen absolute Gegner davon.
Nicht gerade sehr hilfreich, wenn man sich ein konkretes Bild zusammenbauen möchte um dann zu entscheiden, ob man beim NaNo mitmachen soll.

So kam es, dass in den darauffolgenden Wochen und Monaten mit mir selbst haderte. Immer wenn es an der Zeit für den NaNoWriMo war oder die Zeit für die Camps näherte, merkte ich wie es mich von mal zu mal dann doch immer stärker anzog. Und doch… war ich über eine recht lange Zeit in der Lage an dem Ganzen teilzunehmen.

Dann kam der November 2015 in dem ich für mich selbst entschied, dass ich es ja mal versuchen könnte wie viel ich in diesem Monat geschrieben bekomme. Allerdings nahm ich für mich den Druck raus in dem ich mich “noch” nicht anmeldete. Also schrieb ich im November 2015 eine Szene nach der anderen ohne mir ein gewisses Wortziel zu setzen.
Um ehrlich zu sein dehnte ich das alles dann auf ca. 9 Monate aus, was für mich sehr motivierend war. Denn so kam ich dazu, dass meine Handlung bis zum Schluss fertig gestellt wurde ohne, dass sich der innere Schweinehund all zu sehr einmischte.

Als ich dann auf den Kalender schaute, stellte ich fest, dass auch schon bald das CampNaNo vor der Tür stand. Motiviert aus den vorangegangenen Wochen und Monaten entschloss ich mich dann mal an dem Camp zu versuchen, denn hier kann man sich sein Wortziel selbst wählen. Minimum allerdings 10.000 Worte, die ich mir dann setzte. Ich erreichte diese zwar nur knapp, aber ich war trotz allem stolz auf mich. So hielt ich mich bis zum November 2017 an den CampNaNo’s bis ich mich dann schlussendlich für den NaNoWriMo entschied. Letzteres war eine große Hürde für mich, aber im Nachhinein hat es sich dann doch gelohnt, sodass ich dieses Jahr erneut am NaNoWriMo teilnehmen werde.

Jedem, der daran Interesse hat, würde ich empfehlen es auszuprobieren. Auch wenn es vielleicht noch nicht der NaNoWriMo ist, kann einem das Camp NaNo schon sehr weiterhelfen.

Da ich denjenigen, die zwar von dem NaNoWriMo sowie dem Camp NaNo gehört haben, sich jedoch nichts darunter vorstellen können, habe ich da mal was vorbereitet:

Der NaNoWriMo

Beim NaNoWriMo handelt es sich um eine Challenge für Autoren binnen 30 Tagen (hier der November eines jeden Jahres) einen Roman zu schreiben. Hierbei soll es sich jedoch um einen Entwurf handeln, nicht um ein abnehmbares Exemplar.

Das Wortziel in diesem Monat liegt bei 50.000 Wörtern (im Schnitt 1667 Wörter pro Tag), wobei die Planung bereits vor November stattfinden kann. Mit dem Schreiben darf man erst mit dem 1. November Ortszeit beginnen. Der Schluss der Challenge ist am 30. November um 24 Uhr Ortszeit.
Die 50.000 Wörter sind bewusst gewählt, damit auch Berufstätige und all jene mit Familie an dieser Challenge teilnehmen können. Für diese ist es zwar schwierig das Ziel zu erreichen, aber es ist machbar.

Während dieser 30 Tage werden lediglich die geschriebenen Worte bewertet. Der Inhalt des Geschriebenen spielt vorerst keine Rolle. Wichtig ist, dass das was da entsteht, nur von einer Person entwickelt und niedergeschrieben wird.

Um aktiv am NaNoWriMo teilnehmen zu können, registriert man sich kostenlos. In dem Profil, das man mit der Registrierung anlegt, kann man Angaben zu sich selbst machen als auch die Projekte an denen man arbeitet zu hinterlegen.

Die, die sich registrieren, machen dies mit den Hintergedanken sich mit anderen Autoren auszutauschen und sich gegenseitig zu motivieren.
Nebenher gibt es dem Autor auch die Möglichkeit Schreibhemmungen zu überwinden und das Schreiben zu trainieren, was aber auch bedeutet, den inneren Kritiker sowie den höchstpersönlichen Schweinehund zum Schweigen zu bringen.

Das Camp NaNo

Das Camp NaNo beinhaltet die gleichen Aspekte wie der NaNoWriMo.

Allerdings unterscheidet sich das Camp vom NaNoWriMo insofern, dass es zweimal im Jahr stattfindet (April und Juli).
Während dieser beiden Monate kann man sich sein Ziel selbst setzen. Allerdings ist hier zu beachten, dass man eine Mindestanzahl von Worten hat. Dieses Minimum liegt bei 10.000 Worten. Human wie ich finde, denn dieses Ziel ist eigentlich recht gut zu schaffen, wenn man sich noch nicht an den großen Bruder herantraut oder einfach nur an etwas kleinem arbeiten möchte.

Auch für das Camp NaNo registriert (natürlich auch kostenlos) man sich und listet seine pro Tag geschriebenen Worte. Ebenso ist einem Autoren in dieser Zeit nicht abverlangt das Non-Plus-Ultra zu Papier oder in die Datei zu bringen.
Wichtig ist nur, dass man seinen inneren Schweinehund und Kritiker (meist in einer Person) überwindet und an dem was man zustande bringt arbeitet.

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