Schreibkommune

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Monat: September 2018

Plüschblaue Tagträume (1)

Hallo, ich bin schaldek und wie wohl alle hier, träume ich nachts im Schlaf und auch manchmal am Tag. Und wenn ein Traum mich nicht los lässt, dann schreibe ich ihn auf. So, wie jetzt gerade.

Ich blicke mit geschlossenen Augen nach oben und sehe die von der Sonne in Gold getauchten Gipfel der Anden. Ja, ich war in Peru, wandern, heute in meinem Traum. Ich trug eine kurze Hose und mir war nicht kalt. Ich wollte den Gipfel dieses Berges erklimmen, doch auf irgendeinem steilen Treppenanstieg kam mir ein fremdes Hochgebirgstier entgegen und wollte einfach nicht zur Seite gehen. Ich sprach es freundlich an und es antwortete freundlich zurück. „Da oben gibt es vielleicht nichts für Dich, Bro. Sicher, dass Du da hoch willst?“, fragte es im Ton einer Antwort. Dann wachte ich auf.

Ich dachte mir dann, dass mein Gehirn ein schlechter Autor sein muss. Wieso – wenn man in der Fantasie überall hinreisen kann – hindert mich so ein komisches Tier daran, das zu tun? Ich bin doch hier der Autor! Es hat gefälligst aus dem Weg zu gehen! Als ich mir nun, da ich schon wach lag, den Weg nach oben vorstellen wollte, passierte nichts. Weiße Fläche, Stille. Nichts. Hm.

Seit Monaten und Jahren schreibe ich; plotte, skripte, prosare, gedichte privat vor mich hin. Ich glaube, dass dieses Gehirn dazu in der Lage ist, irgendwann was zu reißen. Aber wieso eigentlich?, dachte ich nun ernsthafter als je zuvor. Vielleicht ist ja an der Stelle bei mir empty. Woher soll ich auch wissen, wie es auf einem Berggipfel in den Anden aussieht? Ich war noch niemals in Südamerika. Und mein Verstand endet offenbar dort am Aufstieg der Bergtreppe, wo das Tier mich höflich wegkomplimentiert …

Als ich mich daraufhin – irritiert von diesen Gedanken – aus dem Bett erheben will, um was zu trinken und vielleicht das Fenster zu öffnen, höre ich ein eigenartiges Geräusch in der Dunkelheit meines Zimmers. Und da beginnt mein Abenteuer.

Ich greife nach meinem Handy und mache Licht. Meine Klamotten am Boden, mein kleiner Couchtisch aus Plastik, daneben der Flokati. Hm. Er scheint sich leicht zu heben und zu senken, denke ich kurz. Ein doppeltes Funkeln, das aus seinem Fell kommt, blendet mich plötzlich. Okay jetzt. Nicht ehrlich, oder?! Zusammengekuschelt vor mir am Boden; das Tier von der Steintreppe aus meinem Traum! Wie automatisch dreht dieses nun hellblau leuchtende Alpaka seinen langen, pelzigen Hals einmal fast um sich und guckt mich auf Bettsitzhöhe an. Es … spricht. „Keine Sorge, Bro. Du bist nur Teil eines Traumes von mir.“, sagt es ruhig. Bitte, was?

Es stößt mich sanft mit seiner warmen Schnauze an die Schulter. Jetzt plötzlich erkenne ich, dass es real ist. Es nickt mich wissend an. „Du musst nichts sagen, Mann! Ich will Dir zeigen, wie Du die Steintreppe hoch kommst. Aber erstmal: füttere mich!” „Ähm, okay?“, sage ich eher im Affekt. „Was frisst Du denn gern?“

Nicht zu glauben, aber das blaue Alpaka frisst Papier. Und zwar ganz Spezielles. Es fällt seit einer Viertelstunde genüsslich über ein altes Manuskript von mir her, während ich mein Müsli esse. Jap, sechzig Seiten Dialog-Skript. Eine anderthalbstündige Szene in einer Kneipe, in der ein zunächst pöbelnder Ex-Kommissar schliesslich von einem alten Erpresserfall erzählt, der ihn bis zum jüngsten Tag nicht loslassen will. Er war vom Ermittler zum Betroffenen geworden. Es hatte Morddrohungen einer geheimen Organisation an ihn gegeben. Zeugenschutzprogramm, Identitätswechsel. Am Ende stellt sich raus, dass der Ex-Kommissar an diesem Tag erneut einen Brief von jener Organisation bekommen hat. Er legt ihn auf den Tresen und geht nach Hause. Weglaufen wird er nicht mehr.

„Das Skript habe ich 2013 geschrieben“, sage ich etwas müde.  „Es hat mir keinen großen Erfolg gebracht.“ „Dafür riecht es ganz gut“, sagt das Alpaka.  Ich bin kurz sauer. „Keine Sorge, ich hab noch mehr für Dich!“ Wieder beginnt das Alpaka zufrieden zu wiehern. „Sehr gut. Wir haben eine lange Reise vor uns, Bro.“ Es beginnt zu schmatzen. Ich stelle mein Müsli zur Seite und packe meinen alten Rucksack voll mit leckeren Manuskripten, die unter meiner Couch lagern. Sind ein paar. Ähm, habe ich erwähnt, was das Spezielle am Papier sein muss, Leute? Das Alpaka frisst ausschließlich schlecht geschriebene Manuskripte. „Ehrlich, es tut mir in der Seele weh“, sage ich ihm.  „Laff bie Heilung begimmem.“, schmatzt es ohne aufzublicken. „Iff werbe Bir helfem, viel beffer pfu schreibm.“ Alles blinkt plötzlich auf.

Zäpp! Plötzlich stehen wir am Fuße des goldenen Berges …

Fortsetzung folgt

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Cyborg – von Saigel

Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr wir uns befinden. Zu lange schon befahre ich die endlosen Straßen des Alls, die mich die Zeit vergessen lassen. Die Schwärze um mich herum hat mich anfangs zu erdrücken versucht, doch heute macht sie mir nichts mehr aus. Die Modifikation meines Augenlichts ist nun vollkommen abgeschlossen. Ich fühle mich wohl in meiner Welt in schwarz-weiß.

Das Raumschiff legt an einem neuen Hafen an. Ich höre die Schreie nur dumpf an meine Ohren klingen, da mein Gehör ebenfalls auf ausdrücklichen Wunsch heruntergeregelt wurde. Meine Hände aus Stahl fahren in die Haken, ziehen sie zur Seite und öffnen die Türen. Herein strömt eine unkenntliche Masse von Menschen, die erst wieder versiegt wenn ich meinen Griff löse. Unbarmherzig schnellen die Türen zurück, ohne Vorwarnung knallen sie ins Schloss, verschließen sich luftdicht und bereiten dem Menschenstrom ein jähes Ende. Abgetrennte Gliedmaßen beseitige ich nachdem ich die Menschen in ihre Quartiere eingewiesen habe. Das Weinen kann ich nicht mehr hören. Selbst die angstverzerrten Gesichter kann ich nicht richtig erkennen, da der Kontrast der Schatten, die die vielen Körper im grellen Licht werfen, die Nuancenfähigkeit meiner Augen übersteigt.

Ich begebe mich auf das Podest, das mich noch einen Meter größer macht und mich vollends über alle Köpfe erhebt. Von dort aus lotse ich mechanisch die Menschen aus dem Wirrwarr in ihre Kojen, wo sie angewiesen sind, auf ihre Injektionen zu warten. Die kleinen Menschen werden gesondert untergebracht, da ihre Injektionen anders zusammengesetzt sind als die der großen Menschen. Immer wieder winke ich welche von ihnen, die mir besonders alt erscheinen, auf die Brücke, wo sie sich der Altersanalyse unterziehen sollen. Sind sie über 140 Jahre alt, werden sie in den Mülltrakt geleitet, der sich kurz nach jedem Start ins All entleert.

Nachdem der letzte Mensch in seiner Koje verschwunden ist, lasse ich die Seniboter aus ihren Kapseln und programmiere die Injektionen. Als ich mir sicher bin, dass alle schlafen, starte ich den Flug.

Die Erde unter uns wird schnell kleiner. Das letzte Mal, als ich noch Farben erkennen konnte, war sie vollkommen braun. Der Wassermangel war schon seit Hunderten von Jahren vorherzusehen, dennoch hat er katastrophale Ausmaße angenommen, die nur schwer in den Griff zu kriegen sind. Die Linie, die ich ansteuere, beträgt 15 Lebensjahre in ein anderes Sonnensystem. Dort siedele ich in einer Kolonie für gewöhnlich die Menschen aus, die den Flug überlebt haben.

Routiniert mache ich mich auf den Weg in den Empfangsraum, wo ich mit einem Eimer Desinfektionssäure die Überreste der Menschen aufräume, die es nicht an Bord geschafft haben. Der Gestank von Müll und frischen Fäkalien liegt noch im Raum, doch ich nehme ihn nur leicht wahr, da mein Geruchsinn schon vor vielen Jahren angepasst worden ist. Ein perfekt ausgeklügeltes Lüftungssystem wird den Geruch von Tod und Angst innerhalb von einigen Tagen vollkommen aufgesaugt und gefiltert haben.

Träge schleppe ich mich durch die Gänge, inspiziere die Kojen, versichere mich, dass alle Atemmasken richtig aufliegen, jedes Gerät seinen lebenserhaltenden Dienst tut und die Türen fest verschlossen sind. Müdigkeit durchzieht mich, die ich zwar dann und wann spüren kann, die sich jedoch nur als Echo eines einstigen Bedürfnisses herausstellt.

Am Ende der letzten Reihe bleibe ich stehen. Blicke in die dunkle Koje, die meiner Rechnung zufolge besetzt sein müsste, sich jedoch als leer erweist. Eilig werfe ich einen Blick auf meinen transparenten Tabloiden, der sich sofort einschaltet und meine Gedanken liest. Die Rechnung bildet sich über einige Seiten ab mit dem eindeutigen Fazit darunter: „Alle Kojen sind besetzt“. Hätte ich noch die Möglichkeit dazu, meine Augenbrauen zu einem verwirrten Gesichtsausdruck zusammenzuziehen, hätte ich es getan. Suchend geht mein Blick in die Kojen um mich herum. Alles schläft nach Ordnung.

Plötzlich schaltet sich der Tabloid wieder ein, scannt die Kojen nach Personen und liefert mir: „Koje 4580 : zwei Personen“. Hastig mache ich mich auf den Weg zu 4580, fahre die Rollen unter meinen Sohlen aus, um mich schneller fortzubewegen.

Dann stehe ich da. Blicke auf das Bild von zwei Personen, eng ineinander verschlungen, beide flach atmend, an ein Gerät angeschlossen, friedlich schlummernd. Ich erinnere mich an vergangene Zeiten auf der Erde. An ein weißes Familienbett, das ich mir mit meinen Eltern und meinem Bruder teilte. Ich erinnere mich an Körperkontakt, an Wärme. Ich erinnere mich an …

Ohne zu zögern schalte ich das Gerät der Koje 4580 aus. Die Menschen darin erwachen nach ein paar Sekunden, drehen ihre Köpfe in meine Richtung. Ich öffne die Tür, hebe die waffenpräparierte Hand und feuere zwei Kugeln, sauber durch zwei Köpfe. Einen Augenblick bleibe ich stehen, die Erinnerungen vergehen. Dann hole ich die Desinfektionssäure.

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Die Zeitreisenden 4

1. Die Ankunft – Teil 4

»Wie meinst du das?«
»In meiner Welt ist im Grunde jede Sekunde des Lebens vorgezeichnet. Bereits vor der Zusammenführung von Eizelle und Samen wird das zukünftige Leben nach den Erfordernissen der Gesellschaft geprägt. Der spätere Mensch wird exakt die Interessen und Talente entwickeln, die von der Gesellschaft benötigt werden. Dadurch sind die Menschen in ihren Tätigkeiten glücklich und werden wertvolle Elemente der Menschheit. Bei euch erscheint es mir eher roh und zufällig. Ist es nicht so?«
Dunn überlegte einen Moment. »Ich würde eher eine Prägung ungeborenen Lebens als unnatürlich oder sogar künstlich empfinden. Menschen sollten einen freien Willen haben und selbst entscheiden können, wie sie leben wollen.«
Sequel blickte ihn aus leuchtenden Augen an. »Wir haben einen freien Willen. Wie kannst du annehmen, wir unterlägen einem äußeren Zwang?«
»Wenn ihr alle für eine Aufgabe vorgesehen seid und man euch bereits vor der Zeugung genetisch darauf programmiert, sehe ich keinen freien Willen. Tut mir leid.«
»Jeder Mensch hat in unserer Gesellschaft das Recht, sich seinen Tätigkeitsbereich selbst auszusuchen. Natürlich wird er dabei seiner Prägung folgen, aber die Entscheidung liegt bei jedem selbst.«
»Du und Brungk habt also ganz allein entschieden, in die Vergangenheit zu reisen. Die Möglichkeit, hier zu scheitern, zu sterben, oder den Rest des Lebens in unserer rohen Zeit zu fristen, hat euch nie zweifeln lassen, ob ihr das Richtige tut?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nicht eine Sekunde. Wir wurden dafür geschaffen. Es war unsere Berufung.«
»Das meine ich doch! Ihr hattet überhaupt keine Wahl. In der Sekunde, als Wissenschaftler beschlossen hatten, Menschen zu schaffen, die in die Vergangenheit reisen sollen, war eure freie Wahl zum Teufel!«
Sequel sah ihn schweigend an. Dunn erwartete eine Antwort, doch sie kam nicht. Sie zog ihre Beine an und schlang ihre Arme darum. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. Hatte er sie durch seine Argumente vielleicht verunsichert? Er wusste es nicht. Als die Pause zu lang wurde, schaltete er den Fernseher an und verfolgte eine Nachrichtensendung.
»Vielleicht hast du sogar recht«, sagte sie plötzlich. »Wir haben immer nur für die Reise hierher gelebt. Unsere Aufgabe steckt in uns, treibt uns an. Ich weiß jedoch nicht, was geschieht, wenn es uns gelingt, unsere Mission zu erfüllen. Unser Daseinszweck wäre dann erfüllt, obwohl wir nach unseren Maßstäben noch recht junge Menschen sind. Ich habe mir nie die Frage nach einem Danach gestellt, weißt du?«
»Na, dann denk mal darüber nach. Nach allem, was ihr erzählt habt, wird sich euer Daseinszweck schon sehr bald erfüllen.« Er erhob sich. »Habt ihr Zukunftsmenschen eigentlich keinen Hunger? In meiner Zeit muss man hin und wieder Essen. Hast du Lust, mir in der Küche zu helfen?«
Sequel sah ihn unsicher an. »Wie sollte ich dir helfen? Ich habe noch nie eine Speise selbst hergestellt. Bei uns erledigen das Maschinen. Die Synthetisierer präsentieren uns gleich vollständige Mahlzeiten.«
Dunn lachte leise. »Synthetisierer, hmm? Dann komm mal mit. Ich zeige dir, wie das hier bei uns läuft.«
Er lief voraus und Sequel folgte ihm neugierig. »Ihr bearbeitet also wirklich noch die Rohstoffe selbst? Ist jeder von euch dann eine Art Chemiker?«
Sie betraten die Küche und Dunn deutete mit dem Arm einmal im Kreis. »Sieht das aus wie ein Labor? Eine Küche ist ein Arbeitsraum, in dem man mit Lebensmitteln hantiert. Wenn ich deine Fragen richtig interpretiere, esst ihr überhaupt keine natürlich gewachsenen Dinge mehr. In meiner Zeit ist das anders. Bei uns werden essbare Pflanzen noch richtig angebaut und wachsen im Boden. Fleisch stammt noch von richtigen Tieren, die gezüchtet werden, um uns zu ernähren.«
Sequels Gesicht nahm einen entsetzten Ausdruck an. »Ihr esst Tiere? Ihr tötet Tiere, um sie zu essen? Ich hätte nie vermutet, dass Menschen in früheren Zeitaltern so barbarisch waren. Und wie muss ich mir das vorstellen, dass Pflanzen zum Essen im Boden wachsen? Ist dir nicht bewusst, wie keimverseucht wild wachsende Flora sein kann?«
Dunn lachte laut auf. »Natürlich sind wir Keimen ausgesetzt. Na und? Die meisten töten wir durch Hitze ab und an die Verbleibenden sind wir meist gewöhnt. Und was das Fleisch angeht … Ja, wir Barbaren essen Tiere und auch ihre Produkte. Es gibt zwar auch Menschen, die das nicht tun, aber ich gehöre nicht dazu. Wenn du es nicht kennst, solltest du es zumindest einmal kosten. Du solltest wenigstens wissen, wovor du dich vor Entsetzen schüttelst. Oder kannst du etwa unsere Nahrung überhaupt nicht vertragen?«
Der Gedanke war ihm erst jetzt gekommen. Wenn diese Menschen nur keimfreie Nahrung kannten, wurden sie unter Umständen krank, wenn sie normales Essen zu sich nahmen.
»Euer Essen kann uns nicht schaden«, sagte Sequel. »Wir wurden genetisch so konzipiert, dass wir jede Nahrung vertragen sollten, die man in eurem Zeitalter kennt.«
»Okay. Also: Was hältst du von Bratkartoffeln mit Speck und Eiern? Mehr hab ich zurzeit nicht im Haus.«
»Ich kenne nichts davon. Ich werde mich überraschen lassen müssen.«
Dunn holte eine Tüte mit Kartoffeln hervor und begann, sie mit einem Schäler von der Schale zu befreien. Sequel zierte sich zunächst ein wenig, die schmutzigen Kartoffeln mit den Händen anzufassen, aber Dunn ließ nicht locker, bis auch sie versuchte, die Kartoffeln mit einem zweiten Schäler zu bearbeiten. Sie war recht ungeschickt und langsam, aber es gelang ihr nach kurzer Zeit, sie zu schälen.
»Ich schneide schon mal den Speck«, sagte Dunn. »Du könntest die Kartoffeln halbieren und in kleine Scheiben schneiden. Aber Vorsicht mit deinen Fingern. Das Messer ist sehr scharf.«
Während er den Speck würfelte, warf er immer einen Blick zu Sequel, die konzentriert an ihren Kartoffeln arbeitete. Man merkte ihr an, dass es eine völlig fremde Tätigkeit für sie war. Als alles geschnitten war, warf Dunn den Speck in eine Pfanne und zündete die
Flamme auf dem Herd. Nach kurzer Zeit zog ein köstlicher Geruch nach gebratenem Speck durch die Küche und Sequel schnüffelte ständig mit der Nase.
»Ist das normal, wenn der Speichelfluss im Mund zunimmt?«, fragte sie. »Ich muss ständig schlucken.«
Dunn lachte laut. »Offenbar habt ihr Zukunftsmenschen noch nicht alles verlernt. Ja, es ist normal.«
Er nahm den ausgebratenen Speck aus der Pfanne und gab ihn in eine kleine Schale. Er fügte noch etwas Öl in die Pfanne und gab die Kartoffeln hinein. »Jetzt dauert es noch eine Weile. Man muss nur achtgeben, dass die Kartoffeln nicht am Pfannenboden anbacken. Im Schrank neben dir stehen Teller. Hol schon mal zwei heraus. Besteck findest du in der Schublade unter dem offenen Fach.«
Sequel öffnete den Schrank und bestaunte die Menge an Geschirr, die sauber aufgestapelt darin stand. Sie nahm zwei Teller heraus und holte auch zwei Messer und Gabeln aus der Schublade. »So was kenne ich auch noch aus meiner Zeit, obwohl wir Messer kaum noch verwendet haben.«
Neugierig stellte sie sich hinter Dunn und blickte in die Pfanne, in der er geschickt mit einem Pfannenwender die Kartoffeln wendete. Das laute Bratgeräusch irritierte sie.
»Macht kochen immer solchen Lärm?«
»Lärm? Ich liebe dieses Geräusch beim Braten. Es stört mich auch nicht, dass es über eine halbe Stunde dauert, bis es fertig ist.«
»So lange dauert es, eine Mahlzeit zu bereiten? Bei uns ordert man sein Essen am Display des Synthetisierers und einen Augenblick später steht es dampfend im Ausgabefeld.«
»Bei uns dauert es eben. Manche Gerichte dauern noch viel länger, aber das Ergebnis rechtfertigt es in jedem Fall.«
Sequel blieb hinter ihm stehen und starrte fasziniert auf die Pfanne. Nach und nach trat sie näher an ihn heran und Dunn nahm auf einmal ihren Geruch wahr. Er musste sich krampfhaft auf sein Essen konzentrieren, um sich abzulenken. Er konnte sich nicht erinnern, jemals einer Schönheit wie Sequel so nahe gewesen zu sein. Er wusste genau, dass sie eine Fremde war, eine Frau aus einer fernen Zukunft. Er wusste, dass die körperliche Nähe nichts zu bedeuten hatte und nur ihrer unbefangenen Neugier auf alles geschuldet war, das ihr Informationen aus seiner Zeit bringen konnte. Alles das wusste er genau, aber er konnte trotzdem nicht verhindern, dass er auf sie reagierte.
Mit aller Gewalt brachte er sich auf andere Gedanken und rührte in den Kartoffeln. Als sie fast fertig waren und er den Speck dazugab, fiel ihm ein, etwas vergessen zu haben.
»Zwiebeln! Wie konnte ich die Zwiebeln vergessen?«
Schnell griff er in einen Eimer unter der Spüle und holte zwei Zwiebeln heraus. Geschickt entfernte er die äußere Haut und schnitt sie in Ringe. Als er Sequel ansah, bemerkte er Tränen in ihren Augen. Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wieso, aber es ist etwas in der Luft, das meine Augen reizt.«
»Es ist die Zwiebel«, sagte Dunn. »Das geht gleich vorbei.« Er gab auch die Zwiebeln in die Pfanne und wendete alles noch einmal. »Gleich ist es so weit.«
Als Letztes schlug er zwei Eier auf und ließ sie über die Kartoffeln laufen.
Wenige Minuten später saßen sie sich am Küchentisch gegenüber und Dunn trug Sequel etwas aus der Pfanne auf. Er schob ihr die Pfeffer- und Salzstreuer herüber.
»Salz und Pfeffer musst du nach eigenem Geschmack verwenden. Nimm nicht zu viel, bis du ein Gefühl dafür bekommst. Würze lieber nach.«
Sequel saß hilflos vor ihrem Teller, der köstlich duftete, und wusste nicht, wie sie beginnen sollte. Dunn nahm die Gabel und zeigte ihr, wie man es aß. »Einfach rein damit! Du kannst nichts falsch machen. Guten Appetit!«
Sie kostete vorsichtig von ihrem Teller und ihre Miene hellte sich zusehends auf. Die zweite Gabel war bereits deutlich voller als die erste. »Das schmeckt hervorragend. Ich hab noch nie einen so intensiven Geschmack erlebt. Schmeckt jedes Essen bei euch so gut?«
»Das hängt natürlich auch davon ab, wie gut jemand kochen kann. Bratkartoffeln sind jetzt nicht unbedingt eine Wissenschaft. Das ist ein recht einfaches Essen.«
»Ich finde es ungeheuer gut«, sagte sie mit vollem Mund.
Dunn beobachtete sie, und empfand eine irrationale Freude darüber, dass es Sequel so gut schmeckte. Als sie fertig waren, holte Dunn noch ein paar Früchte hervor, die sie ebenfalls mit Heißhunger verspeiste. »Und so was wächst bei euch einfach aus dem Boden?«
»Na ja, diese Pflaumen wachsen an Bäumen, aber grundsätzlich sind es einfach Pflanzen, die eigens angebaut werden, um gegessen zu werden.«
Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Allein dafür würde ich auf ewig hier in dieser Zeit bleiben wollen. Das gibt es bei uns in der Zukunft alles nicht.«
Dunn sah sie nachdenklich an. »Ich würde es dir und Brungk wünschen, dass ihr eure Mission erfüllen könnt. Mir im Übrigen auch, denn ein Scheitern würde schließlich bedeuten, dass es all das bald nicht mehr geben würde. Es erscheint mir so verdammt unwirklich, darüber nachzudenken. Gut, es gab Zeiten, in denen wir Menschen einer totalen Auslöschung näher standen als einem stabilen Frieden …«
Sie sah überrascht auf. »Wirklich? Und warum?«
»Menschen waren zu allen Zeiten kriegerisch veranlagt. Nach der Erfindung von Atom- und Wasserstoffbombe gab es eine Phase der militärischen Aufrüstung, und es sah mehr als nur einmal so aus, als würde es einen Verrückten geben, der den globalen Krieg auslösen würde.«
»Globaler Krieg? Auf der Erde? Zwischen den Menschen? Das ist unfassbar!«
»Ist es das wirklich? Kämpft ihr in der Zukunft nicht auch gegen die Skrii? Aggressives Verhalten scheint demnach auch in zwei Millionen Jahren noch immer in den Menschen zu existieren.«
»Aber doch nicht untereinander!«, entgegnete Sequel heftig. »Die Insektoiden wollen uns auslöschen! Das rechtfertigt jede Aggression!«
Dunn hatte keine Lust, dazu eine weitere Diskussion zu entfachen und ließ Sequels Ausbruch unkommentiert. Er wechselte das Thema. »Wie soll es eigentlich weitergehen? Wenn ich mich recht erinnere, wird die Waffe der Skrii in etwa zwei Monaten diese Zeitebene kreuzen. Wir haben also noch eine Menge Zeit, uns in Stellung zu bringen, aber wann wollt ihr im Yellowstone Nationalpark eintreffen? Braucht ihr eine Vorlaufzeit? Einen Mindestzeitraum vor dem Auftauchen der Waffe?«
Sequel überlegte. »Wenn sie auftaucht, wird sie innerhalb von zwei Tagen eurer Zeit weitergezogen sein. Wir sind zwar speziell für diesen Auftrag geschaffen worden, haben allerdings noch nie unter echten Bedingungen unseren Spürsinn prüfen können. Unsere Wissenschaftler meinen, wir würden das fremde Zeitfeld etwa einen Tag vor dem Durchgang spüren und lokalisieren können. Es darf dabei allerdings nicht mehr, als 100 Bymen … entschuldige, das sind etwa 150 eurer Meilen … entfernt sein.«
»Gut, dann schlage ich vor, ihr lebt euch erst mal etwas in unserer Zeit ein und einige Tage vor dem Ereignis fahre ich mit euch zum Park. Unter Umständen könnt ihr Hilfe von jemandem gebrauchen, der hier aufgewachsen ist.«
Sequel lächelte ihn an. »Ich hatte gehofft, dass du so denkst. Ich gestehe, dass ich befürchtet hatte, du und Cole würdet uns einfach nur für verrückt halten. Wir hatten bereits überlegt, eine ungezielte Ortsversetzung durchzuführen, aber ich war sicher, dass uns das nicht weitergebracht hätte. Schließlich hatten wir noch immer keine geeignete Kleidung, und erst recht keine Mittel, um weiterzukommen. Ich konnte Brungk überzeugen, zu warten. Ich bin froh, dass du uns jetzt glaubst. Kannst du mir erklären, was den Ausschlag gab, uns zu vertrauen?«
Dunn trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte und überlegte. Die Frage war berechtigt. Vermutlich war es seine ›Entführung‹, der Aufenthalt im psychischen Konstrukt dieses seltsamen Paares, der ihn schließlich überzeugt hatte. Solche Fähigkeiten kamen bei normalen Menschen einfach nicht vor.
»Es war unser Gespräch in eurem virtuellen Raum, denke ich.«
Sie nickte. »Das hab ich vermutet. Du weißt, worauf du dich einlässt, wenn du uns hilfst?«
Dunn schüttelte den Kopf.
»Und warum tust du es dann? Bist du immer so leichtsinnig?«
»Ich weiß es selbst nicht. Aber erkläre mir doch einfach, was geschehen kann.«
Sequel schmunzelte. »Doch, du weißt es. Du willst dir nur nicht eingestehen, dass ich der Grund sein könnte. Ich habe deine Blicke bemerkt. Das sollte für dich nicht der Grund sein, Wayne Dunn. Uns trennen Millionen Jahre Entwicklung und kulturelle Änderungen. Die Waffe der Skrii wird groß sein – wie eines eurer Häuser. Sie wird von einer künstlichen Intelligenz gesteuert werden, die nach den Wertvorstellungen der Skrii programmiert ist. Die Waffe ist darauf ausgelegt, sich gegen äußere Zugriffe zu verteidigen. Was immer wir tun, um sie unschädlich zu machen, wird von der KI als Bedrohung eingestuft und einen Verteidigungsmodus auslösen. Wir kämpfen seit Langem gegen diese Wesen und wissen daher, dass sie über mächtige Zerstörungswaffen verfügen. Unsere Mission ist vielleicht schon jetzt gescheitert, nur, dass wir es noch nicht wissen. Wir könnten alle sterben. Ist dir das klar?«
Dunn überlegte wieder. »Du hast vermutlich recht. Ich weiß selbst, dass es Schwachsinn ist, dich als normale Frau meiner Welt anzusehen. Hinzu kommt deine – für mich – unverständliche Beziehung zu Brungk, mit dem du dich in besonderer Weise mental verbinden kannst. Soweit der Verstand. Es steht nur nirgends geschrieben, dass Menschen immer nur vernünftig sind. Ist das bei euch anders?«
»Nein, auch wir sind nicht immer vernünftig – meistens aber schon. Unsere Gesellschaft basiert generell auf vernünftigem und logischem Verhalten.«
Dunn nickte. »Das dachte ich mir schon. Aber dein Argument, ich solle mich für dich nicht in Gefahr begeben, ist nicht unbedingt logisch, denn entweder wir gehen beim Versuch drauf, diese Waffe zu entschärfen, oder wir werden durch die Waffe selbst alle ausgelöscht. Was macht den Unterschied? Nur, wenn wir es überhaupt wagen, gibt es eine Chance auf Erfolg.«
»Stimmt«, sagte Sequel nachdenklich. »Das hatte ich nicht bedacht.«
»Sollten wir aber das Glück haben, und unsere Mission hat Erfolg, wirst du dich geistig davon lösen müssen, ein Mensch aus der Zukunft zu sein. Dann musst du dich in eine von uns verwandeln, oder du wirst in deinem Leben nie glücklich werden können.«
»Was meinst du mit glücklich?«
»Du kennst den Begriff Glück überhaupt nicht?«, fragte Dunn fassungslos. »Was ist mit Freude am Leben? Emotionalem oder körperlichem Hochgefühl?«
»Ich glaube, ich kann dir nicht folgen.«
Dunn betrachtete forschend die schöne Fremde. »Manchmal denke ich, dass euch in den Zeitaltern etwas verloren gegangen ist. Wenn wir Erfolg haben, werden du und Brungk eine Menge zu lernen haben. Was verbindet euch wirklich?«
»Brungk ist mein funktionaler Partner. Wir sind zwei Module, die zusammen funktionieren. Wir müssen uns geistig verschmelzen, um unser Potenzial ausschöpfen zu können. Du wirst es erleben, wenn wir gegen die Skrii-Waffe kämpfen werden. Dann wird sich zeigen, ob unsere Wissenschaftler uns richtig konfiguriert haben.«
»Wenn ihr so oft miteinander verschmelzt … Was löst es emotional in euch aus? Was empfindet ihr dabei?«
Sequel lächelte nachsichtig. »Das scheint dir ungemein wichtig zu sein. Ich bezweifle, dass du es verstehst. Wir sind die Mission. Nur gemeinsam ist es uns möglich, sie zum Erfolg zu bringen. Wir fühlen uns erst in der Verbindung vollständig … Ich weiß nicht, ob das korrekt ausgedrückt ist. Nur in der Verbindung gibt es überhaupt erst die Mission. Getrennt sind wir nur Menschen ohne besonderen Daseinszweck.«
»Entschuldige, aber das ist für mich eine grauenhafte Vorstellung. Eure Prägung hindert euch doch an allem, was das Menschsein ausmacht. Ihr empfindet demnach füreinander überhaupt nichts.«
»Hast du geglaubt, Brungk und ich hätten reproduktive Ambitionen?« Sie lachte hell auf. »Das ist absurd und durch unsere genetische Konditionierung auch überhaupt nicht möglich.«
Dunns Fassungslosigkeit wurde immer größer. Eigentlich hätte er das Gespräch hier gern abgebrochen, doch die Neugier und auch die auffällige Sachlichkeit Sequels trieben ihn dazu, weitere Fragen zu stellen. Er wollte einfach verstehen, mit wem er es zu tun hatte.
»Was meinst du damit? Wurdet ihr so geschaffen, dass euch Geschlechtlichkeit nichts bedeutet? Oder seid ihr überhaupt nicht in der Lage, euch zu ›reproduzieren‹, wie du es nennst?«
»Wir sind voll funktionsfähige Menschen der Typen A und B. Natürlich sind wir auch reproduktionsfähig, aber Brungk und ich sind diesbezüglich in jeder Hinsicht inkompatibel. Sind deine Fragen damit hinreichend beantwortet?«
Dunn verzog das Gesicht. »Vermutlich nicht, aber wir sollten weitere Fragen vertagen. Es ist spät geworden und ich brauche eine Mütze Schlaf. Wirst du überhaupt nicht müde? Brungk liegt schon seit Langem im Bett.«
»Ich brauche nicht so viel Schlaf, aber du hast recht. Ein paar Stunden könnten nicht schaden. Aber ich hab auch noch eine Frage.«
Dunn sah sie erwartungsvoll an.
»Wenn wir eine Weile hier bei dir wohnen … Wird dann niemand Fragen stellen, wer wir sind? Cole weiß natürlich Bescheid, aber was ist mit anderen Menschen dieses Ortes?«
»Offiziell werde ich euch als Cousin und Cousine von der Westküste vorstellen. Ihr seid eine Weile hier bei mir zu Besuch. Von der Familie meines Vaters, die von der Westküste stammt, wissen die Wenigsten hier etwas. Man wird es euch abnehmen.« Sequel nickte, aber er konnte sehen, dass sie noch nicht zufrieden war. »Was sind ein Cousin und eine Cousine?«
»So nennt man die Beziehung der Kinder von Geschwistern untereinander.«
Sie winkte ab. »Heute Abend wird mir das alles zu kompliziert. Vermutlich bin ich tatsächlich müder als ich dachte. Ich werde mich auch ins Bett legen.«
Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um und stieg die Treppe hinauf, die zu den Schlafräumen führte. Dunn blickte ihr hinterher und fragte sich, was er eigentlich erwartete. Er musste sich eingestehen, dass ihn diese Frau faszinierte. Sie sah toll aus, aber das war es nicht allein. Sie war hochintelligent, entstammte jedoch einer Kultur, die so fremdartig war, dass er sich ihr gegenüber vorkam wie ein Dinosaurier. Und genau genommen lagen zwischen ihnen so viele Jahre, dass dieser Vergleich durchaus angemessen war. Einige Minuten grübelte er und dann entstanden weitere Fragen in seinem Kopf. Brungk und Sequel sahen aus wie Menschen des 21. Jahrhunderts. Okay, sie sahen beide extrem gut aus, aber letztlich wirkten sie wie normale Menschen. Sollte sich der Mensch in zwei Millionen Jahren nicht weiterentwickelt haben? Was war mit Evolution? Offenbar hatten die Menschen die Erde verlassen oder zumindest andere Welten besiedelt. Müssten sie sich nicht ihrer neuen Umgebung angepasst haben? Würde sich das nicht auf das Aussehen auswirken müssen? Er hatte sich schon mit dem Gedanken angefreundet, Besuch aus der Zukunft bei sich aufgenommen zu haben, aber jetzt kamen ihm erneut Zweifel. Er beschloss, die beiden und ihr Verhalten in der nächsten Zeit sehr genau zu beobachten.


Hiermit endet Kapitel 1 meines Kurzromans. Aber keine Angst, er wird fortgesetzt … und das schon am 6. Oktober mit Kapitel 2 – Yellowstone


Kleine Vorschau:
Die Vorbereitungen gehen voran und die kleine Gruppe der Weltenretter richtet sich darauf ein, den mächtigen Gegner im Yellowstone-Park zu treffen. Auf dem Weg dahin erlebt Sheriff Dunn ein Wunder nach dem anderen und er erlebt, wie weit die Menschheit in der Zukunft den heutigen Menschen auf der Erde technisch überlegen ist. Doch wird das reichen, die Aufgabe zu erfüllen und schließlich die Menschheit zu retten?

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Die Mauerblume


»… und was hältst du von Bea?«, fragte Claus in die Runde.
Die Jungen starrten ihn spöttisch an.
»Die findest du gut?«, fragte Lennart und schüttelte verständnislos den Kopf, »Die könntest du mir schenken und ich würde sie nicht wollen. Hast du dir die schon mal näher angesehen? Also, ein Bisschen muss so ‘n Weib schon hermachen, bevor sie mit mir gehen darf.«
Selbstgefällig blickte er in die Runde und fand in den Augen der anderen Jungen nur Zustimmung.
Tim beteiligte sich in der Regel an solchen Diskussionen nicht. Es reichte, dass er als Einziger aus der Gruppe bisher noch keine Freundin gehabt hatte. Lennart hatte damit keine Probleme. Er war ein hervorragender Sportler und der Schwarm der Mädchen, was er auch in vollen Zügen genoss. Er bestimmte die Regeln, und wenn ihm Eine besonders gut gefiel, durfte sie mit ihm zusammen am Wochenende in die Disco gehen. Bei den anderen Jungen war es nicht so extrem, aber auch sie hatten im Grunde nur zwei Themen bei ihren Gesprächen und Prahlereien: ihre heldenhaften Leistungen beim Fußball und ihre Erfolge bei Mädchen.
»Was ist eigentlich mit dir, Tim?«, fragte Lennart und grinste ihn spöttisch an.
Tim war in Gedanken versunken. »Was? Was meinst du?«
Die Gruppe lachte, was ihn ärgerte und was man ihm vermutlich auch ansah.
»Wie heißt denn deine Freundin?«, fragte Lennart, »Oder hast du etwa keine?«
Wieder lachten die Anderen.
»Ach, lass mich in Ruhe!«, rief Tim aggressiv und wandte sich ab.
»Wer soll den auch wollen?«, hörte er noch, während er wegging, »Der bringt doch überhaupt nichts, dieser Loser.«
Schallendes Gelächter war die Folge.
Tim ärgerte sich maßlos über diese Attacken Lennarts. Er verstand es nicht, warum er immer auf ihm herumhackte, wo er doch der »Mr. Nice Guy« der Stufe war. Nicht, dass er sich nichts aus Mädchen machen würde. Das war es nicht. Aber er war nicht gut im Sport, konnte überhaupt nicht tanzen, und wenn er morgens in den Spiegel schaute, sah er einen schmächtigen Jungen mit Pickeln im Gesicht. Das alles war nicht eben hilfreich. Hinzu kam, dass er einfach schüchtern war. Sprach ihn einmal eines der Mädchen an, die er nett fand, verschlug es ihm einfach die Sprache. Er konnte sich dafür hassen.
Tim vergrub sich deshalb lieber in seine Bücher und blieb auf seinem Zimmer. Das ersparte ihm diese erniedrigenden Szenen, die Lennart ihm ständig bescherte. Mit Einigen der Anderen käme er ja noch klar, doch nicht in der Gruppe – da war Lennart der Wortführer und uneingeschränkte Chef.
Tim verließ den Schulhof und machte sich auf den Weg nach Hause. Er war eben um die Ecke des Schulgebäudes gebogen, als er stehen blieb, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Keine zwanzig Meter vor ihm lief eine Gruppe Mädchen aus der Stufe unter seiner. Sie scherzten und gibbelten herum. Zum Glück waren sie so beschäftigt, dass sie ihn nicht bemerkten. Mitten unter ihnen war auch Laura. Sie war etwas ganz Besonderes. Für ihn war sie das hübscheste Mädchen der ganzen Schule. Ihre langen, blonden Haare hatten einen leichten Stich ins Rötliche und immer trug sie sie zu einem dicken Pferdeschwanz gebunden. Ihr Gesicht war von Sommersprossen übersät und immer hatte sie diesen offenen, ehrlichen Blick. Am Schönsten jedoch war es, wenn sie lachte. Sie hatte ein angenehmes, ansteckendes Lachen und sie lachte gern.
Natürlich hatte er sie immer nur von Weitem beobachtet – damit sie es nicht bemerkte. Er brachte es einfach nicht fertig, mit ihr zu sprechen. Immer, wenn er sie sah, wurden seine Hände schweißnass und ihm wurde heiß. Manchmal, wenn ihr Blick zufällig auf dem Schulhof in seine Richtung zeigte, spürte Tim, wie ihm die Röte regelrecht in die Wangen schoss. Ein Kollege hatte es kürzlich bemerkt und er konnte ihm gerade noch klarmachen, dass es mit seiner Pollenallergie zu tun hätte.
Die Mädchen waren inzwischen weit genug vor ihm, dass er gefahrlos hinter ihnen herlaufen konnte, ohne, dass sie ihn bemerken würden. Tim wusste, dass Laura sich gleich von den Anderen verabschieden würde, die den Bus in die Innenstadt nehmen mussten, während sie nur ein paar Straßen weiterlaufen musste. Sie wohnte nur etwa 500 m von der Wohnung seiner Eltern entfernt. Er würde also noch eine Weile hinter ihr herlaufen und sie aus der Ferne betrachten können, während sie vor ihm herlief. Er mochte es, ihr beim Laufen zuzusehen. Sie hatte so einen ganz besonderen Gang – nicht so affektiert, wie manche von den so genannten Freundinnen Lennarts, mit denen er immer so gern angab. Er verfolgte Laura noch, bis sie in die Straße abbog, in der sie wohnte. Tim redete sich ein, dass er sowieso denselben Weg hatte wie sie, doch, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, hatte er einen kleinen Umweg gemacht.

Am nächsten Morgen versammelten sich die Schüler, wie üblich, auf dem Schulhof. Tim traf erst spät ein, da er sich nicht nach den Fahrplänen von Bussen richten musste und genau wusste, wann er von zu Hause loslaufen musste.
»Hey, da kommt unser Weiberheld!«, rief ihm Lennart schon von Weitem entgegen. Die anderen Jungen lachten hämisch. Tim wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Sagte er nichts und schluckte seinen Ärger nur hinunter, würden sie weitermachen, wenn er jetzt laut wurde, wäre es genauso. Er war für Lennart einfach das perfekte Opfer.
»Weiberheld! Ha ha ha …«
Eine Gruppe Mädchen kam vorüber und kicherte ebenfalls verhalten. Nur eine sah ihn nachdenklich an, während sie mit den Übrigen in Richtung des Haupteingangs lief. Es war Laura und Tim hatte das Gefühl, sie hätte mitten in ihn hineingesehen. Sofort färbten sich seine Wangen rot und er senkte den Blick. Erst als die Gruppe vorbei war, wagte er, ihnen hinterher zu schauen und sah gerade noch, wie Laura die Stufen zum Haupteingang emporstieg. Sie trug heute einen Jeansrock, der ihre Beine gut zur Geltung brachte. Dazu trug sie leichte Leinenschuhe, auf denen sie leichtfüßig die Stufen nahm. Für ihn war es eine Augenweide, sie einfach nur zu betrachten. Mehr war sowieso nicht drin, denn was sollte ein solches Mädchen mit einem Typen wie ihm?
Erst jetzt bekam er mit, dass die anderen Jungen ebenfalls in dieselbe Richtung blickten, wie er.
»Die ›Rote Zora‹ würde mich auch noch reizen«, verkündete Lennart soeben.
»Wie, mit der willst du gehen?«, fragte Kevin, ein Freund von Lennart.
»Na, was heißt ›mit ihr gehen‹? Aber mal in die Disco – ein bisschen rumknutschen und fummeln wäre doch ganz nett. Wenn du willst, kannst du sie ja hinterher haben.«
»Das wäre mir recht«, sagte Kevin und grinste anzüglich, »die ist schon richtig heiß.«
»In der Pause werde ich sie mal angraben«, meinte Lennart selbstgefällig. »Sie wird schon weichwerden.«
Tim glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Dieses Arschloch hatte doch tatsächlich vor, Laura anzubaggern. Er glaubte, sein Herz müsste stehen bleiben. Er spürte, wie sich sein Atem beschleunigte. Das durfte doch nicht wahr sein! Lennart hatte bisher noch Jede rumgekriegt, wenn man seinen Worten glauben konnte.
Seine Gedanken wurden durch die Schulglocke unterbrochen, die alle Schüler zum Unterricht rief.
Die ersten beiden Unterrichtsstunden vergingen, ohne, dass Tim viel davon mitbekommen hätte. Immer wieder dachte er an Lennart, der seine Laura anmachen wollte. Seine Laura? Tim hatte noch nie wirklich mit ihr gesprochen. Er hatte es einfach nicht geschafft, sich nicht getraut. Und nun kam dieser Gigolo daher und wollte sich nur ein paar nette Stunden machen? Mit seiner Laura? Er nahm sich vor, in der Nähe zu bleiben – für alle Fälle.

Als das Pausenzeichen kam, stürzte Tim förmlich auf den Pausenhof. Es dauerte nicht lange und auch die Mädchen der Stufe unter seiner erschienen. Sie versammelten sich dort, wo sie meistens standen und sich unterhielten. Tim näherte sich ihnen, wobei er darauf achtete, niemanden direkt anzusehen. Als er schließlich doch aufsah und nach Laura Ausschau hielt, konnte er sie in der Gruppe nicht entdecken. Ratlos ließ er seinen Blick umherschweifen. Sie musste irgendwo sein. Sie war immer auf dem Pausenhof. Dann endlich entdeckte er sie ganz in der Nähe des Haupteingangs. Lennart stand bei ihr und redete mit ihr.
Tim ließ alle Vorsicht fahren und rannte zu ihnen hinüber, bis er hören konnte, was gesprochen wurde.
»Ich wollte dir nur mitteilen, dass du am Samstag etwas vorhast, Kleine«, sagte Lennart eben zu Laura, die ihn aus zusammengekniffenen Augen anblitzte.
»Ich … bin … nicht … deine Kleine!«, zischte sie ihn an. »Und meine Wochenenden plane ich immer noch selbst.«
Lennart lachte leise. »Hab dich nicht so, Laura. Du siehst doch richtig heiß aus. Da würdest du doch wirklich gut zu mir passen. Außerdem hatte ich noch nie eine Rote … Oder bist du etwa eine Lesbe?«
Laura war einen Moment sprachlos, dann zeigte sie auf ihre Stirn. »Kannst du lesen, was hier steht, Lennart Büchner? Da steht ›Verpiss dich du Arschloch‹! Und jetzt zieh Leine.«
Lennarts Lächeln fror ein. Eine Abfuhr hier in der Schule, vor allen seinen Kumpels war nicht das, was er jetzt akzeptieren wollte. Er hatte schließlich einen Ruf zu verlieren.
»Ich hab es gern, wenn sich Frauen erst etwas sträuben«, sagte er. »Ich werde dir wohl erst zeigen müssen, was gut für dich ist.«
Er machte einen Schritt auf sie zu. Laura wich zurück.
»Lennart, ich meine es ernst«, sagte sie gefährlich ruhig. »Lass mich in Frieden und zieh Leine. Wenn du mich anfasst, bist du reif.«
»Reif?«, lachte Lennart, »Wenn hier jemand reif ist, dann bist du das, mein Engel. Du bist dermaßen reif für mich …«
Er trat noch einen Schritt näher.
Tim, der diesen Dialog die ganze Zeit über verfolgt hatte, war unschlüssig, was er tun sollte. Wie immer in solchen Situationen war die Pausenaufsicht nirgends zu sehen. Plötzlich traf er eine Entscheidung. Mit wenigen Sätzen war er bei den beiden und stellte sich zwischen sie.
Lennart war einen Moment verblüfft. »Was willst du Wicht denn, wenn Erwachsene sich unterhalten? Mach die Fliege, ich will mich mit meiner zukünftigen Freundin unterhalten.«
»Es reicht«, sagte Tim mit zitternder Stimme. »Lass Laura in Ruhe!«
»Tim, lass«, sagte Laura leise. »Er ist viel stärker als du.«
Tim atmete tief durch. Sie hatte ja recht und wahrscheinlich machte er einen Fehler.
»Nein!«, rief er, »Du lässt sie in Ruhe und machst hier die Fliege. Du fasst sie nicht an!«
Lennarts Verblüffung war verschwunden. Er fasste Tim am Kragen und schüttelte ihn.
»Dich lasse ich unter dem Arm verhungern, du Weiberheld.«
Er stockte einen Moment, dann lachte er laut los.
»Jetzt weiß ich, was hier los ist«, sagte er. »Du Blödmann bist in dieses Weib verknallt. Ausgerechnet eine Wurst wie du. Jetzt pass mal auf, wie ein Mann das regelt …«
Tim sah auf einmal nur noch rot und schlug mit seiner Faust zu. Er traf Lennart an der Augenbraue. Seine Hand schmerzte und ehe er sich versah, prügelte Lennart mit beiden Fäusten auf ihn ein.
»Weg, Tim!«, rief Laura mit einem Mal laut und zog ihn beiseite, sodass er sofort zu Boden stolperte. Lennart, der noch zu einem weiteren Schlag ausgeholt hatte, sah sich plötzlich einem äußerst wütenden Mädchen gegenüber, das seine Schlaghand griff und mit aller Kraft daran zog. Lennart verlor das Gleichgewicht. Laura verdrehte ihm den Arm und trat ihm unterhalb der Knie von hinten auf die Wade. Lennart klappte zusammen und stürzte zu Boden. Laura setzte sich auf seinen Rücken, Lennarts Arm hoch erhoben. Sein Gesicht klebte am Boden und er ächzte laut.
»Ich habe dir gesagt, du bist reif, du Großmaul«, sagte Laura im Plauderton. »Wenn du noch einmal Schwierigkeiten machst, breche ich dir den Arm. Hast du das verstanden?«
»Ja«, keuchte Lennart. »Ich habe verstanden. Lass meinen Arm los! Es tut weh!«
»Das soll auch wehtun«, sagte Laura. »Und komm mir nicht auf den Gedanken, dich an Tim zu rächen! Ich kann noch mehr als das hier.«
»Nein, nein, aber lass mich bitte los.«
Laura ließ von ihm ab und Lennart erhob sich. Man konnte deutlich sehen, dass er Tränen in den Augen hatte. Schnell war er verschwunden. Seine Freunde, die seine Niederlage mitbekommen hatten, sagten keinen Ton.
Laura hockte sich neben Tim auf den Boden.
»Ich danke dir, Tim«, sagte sie. »Das hättest du nicht tun müssen.«
»Doch«, sagte Tim und leckte sich etwas Blut von seiner Unterlippe, »Ich konnte nicht mit ansehen, wie er dich bedrängt hat, weil …«
»Weil?«, fragte Laura. »Weil du mich schon seit Wochen beobachtest? Weil du mich auf dem Heimweg verfolgst und weil du immer rot wirst, wenn ich dich ansehe?«
Die Hitze stieg Tim wieder in die Wangen. Eine weitere Demütigung vor allen Leuten – jetzt auch noch von Laura – würde er jetzt nicht ertragen. Er spürte die Blicke der gesamten Schülerschaft auf sich gerichtet. Sein Puls beschleunigte sich. Hätte er in diesem Moment einen Wunsch frei gehabt, er hätte sich an einen Ort, weit weg von hier, gewünscht. Doch er hatte diesen einen Wunsch nicht und Laura sah ihn forschend an. Diese Augen hielten seinen Blick einfach fest.
»… ich habe dich nicht … also ich wollte nie … Ich habe dich nicht verfolgt. Ich wohne doch auch …«
»Ja?«, fragte Laura auffordernd.
»Ich habe doch denselben Weg wie du.«
»Denselben Weg also«, sagte Laura mit ernstem Gesicht. In ihren Augen war kein Anzeichen von Spott zu erkennen. »Tim, wir wohnen nicht in derselben Straße. Du hast einen Umweg gemacht, oder etwa nicht?«
Tim fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Er erkannte, dass es keinen Zweck hatte, es weiter zu leugnen. Inzwischen hatten es sowieso alle mitbekommen.
»Ich wusste nicht, dass du es bemerkt hast«, sagte er resignierend. »Ich war doch so vorsichtig.«
Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Lauras Lippen.
»Also hast du mich absichtlich verfolgt«, stellte sie fest. »Aber warum hast du es getan?«
Sie zögerte einen Moment, um ihm Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen, doch er schwieg und kaute auf seiner Unterlippe.
»Vielleicht, weil du mich magst?«, fragte sie vorsichtig. Tim begann zu begreifen, dass sich dieses Gespräch in eine für ihn vollkommen unerwartete Richtung bewegte. Ihm wurde wieder heiß und sein Puls war bis in den Hals zu spüren. Sein Hals fühlte sich trocken an.
»Ja«, gab er leise zu.
»Ich hatte mich schon gefragt, wann du mich endlich einmal ansprechen würdest«, sagte sie.
»Ich?«, wunderte sich Tim.
»Ja, du«, sagte Laura lächelnd und angelte in ihrer Tasche nach einem Papiertaschentuch. »Du bist mir schon vor einiger Zeit aufgefallen. Du warst ernster als die anderen Jungen und hast dich nicht an den Macho-Sprüchen der anderen beteiligt. Ich mag deine stille, zurückhaltende Art. Wie ich gehört habe, liest du viel. Das tue ich auch. Ich dachte allerdings nicht daran, dass du dich erst für mich prügeln müsstest, bevor wir uns unterhalten können.«
Sie begann, das Blut aus Tims Gesicht zu tupfen, was ihm unglaublich gut tat.
»Na, du wusstest dir aber durchaus gegen Lennart zu helfen«, meinte Tim.
Laura lachte leise. »Kampfsport. Manchmal ist er zu etwas gut. Ich mach das schon seit ein paar Jahren im Verein. Komm, wir gehen ins Gebäude. Du musst dir unbedingt das Gesicht waschen.«
Er erhob sich und zog Laura mit der Hand hoch. Sie standen ganz dicht voreinander. Tim konnte ihren Duft riechen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte:
»Laura, würdest du denn mit mir am Samstag etwas zusammen unternehmen?«
Sie strahlte ihn an und entblößte dabei eine Zahnspange, was Tim unglaublich süß fand.
»Sehr gern, Tim«, sagte sie. »Sehr gern unternehme ich etwas mit dir. Was hast du dir denn vorgestellt? Wollen wir zur Disco gehen?«
Tim druckste herum. »Ja … vielleicht …«
Laura machte ein enttäuschtes Gesicht. »Das klingt nicht begeistert.«
»Doch«, beeilte sich Tim zu sagen, »es ist nur … nur … Ich kann nicht tanzen.«
Laura starrte ihn einen Moment lang schweigend an, dann hellte sich ihre Miene auf. »Dann sind wir jetzt schon zwei. Richtig tanzen kann ich auch nicht. Aber das, was man dort tanzt, bekommen wir beide schon hin. Hauptsache wir tun es zusammen. Was denkst du?«
»Dann haben wir jetzt ein richtiges Date?«, fragte Tim, der es immer noch nicht glauben konnte, »Nur wir beide?«
Laura nickte heftig, wobei ihr Pferdeschwanz heftig wippte. »Ja, das haben wir.«
Tim blickte in die Runde. Etliche Mitschüler hatten sich seit dem Streit mit Lennart eingefunden und blickten neugierig zu den beiden herüber. Es war ihm egal. Lachend wandte er sich wieder zu Laura und nahm sie in in den Arm. Sie ließ es lachend geschehen und schmiegte sich an ihn.
Einige Schüler applaudierten. Sie bemerkten es nicht. Sie waren einfach glücklich. Erst als es zum Unterricht schellte, trennten sie sich wieder.
»Wie viele Stunden hast du heute?«, fragte Tim.
»Fünf«, antwortete Laura, »und du?«
»Auch fünf.«
»Dann können wir nachher gemeinsam nach Hause gehen, nicht wahr?«, fragte sie. »Und lass dir nicht einfallen, wieder in fünfzig Metern Abstand hinter mir herzuschleichen.«
»Nie wieder!«, sagte er lächelnd und gab ihr einen zaghaften Kuss auf die Wange. Mehr traute er sich vor all den Leuten doch nicht.
Er winkte ihr noch einmal zu, als sie in ihrer Klasse verschwand, dann ging auch er in seine Klasse, wo er an Lennart vorbeikam, der ihm nicht in die Augen sah. Tim fühlte sich großartig und beschwingt. Irgendwie kam er sich auf einmal größer vor – und nach der Schule würde er mit dem tollsten Mädchen der Schule nach Hause gehen.

Das Leben konnte so schön sein.

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Sie soll Luna heißen

Nach einem gemütlichen Abendessen mit Kerzenschein laufen wir zurück ins Hotel. Die Straßen des kleinen Urlaubsortes sind hell beleuchtet, Kinder rennen um die kreuz und quer abgestellten Autos herum und ich fühle mich wie in einem Traum. Obwohl aus fast jedem Haus laute Musik herausdröhnt, höre ich auf einmal das Meer. Ein großes Schild mit einem roten Pfeil weist uns den Weg zum Strand. Ich ziehe Bernd hinter mir her.

„Lena, das ist um diese Zeit gefährlich. Wir sind hier in Brasilien, nicht in Deutschland. Du erinnerst dich, was uns der Reiseleiter gestern gesagt hat?“

 Ich lasse ihn reden und gehe weiter. Nach ein paar Sätzen gibt er seufzend auf und schüttelt den Kopf. Zärtlich drücke ich seine Hand. Ich weiß genau, was er nun denkt.

„Wofür habe ich denn einen Meister im Aikido geheiratet?“, frage ich ironisch und kuschle mich an ihn. Der Mond ist voll und wirft wunderschöne Reflexe auf die schäumenden Wellen. Wir laufen langsam an der Wasserlinie entlang und ich genieße den leichten Wind, den salzigen Geruch und die Leere. So schön ich unseren Urlaubsort auch finde, es ist hektisch, laut und voller Menschen und das stresst mich mehr, als ich gedacht hätte. Vielleicht liegt es auch daran, dass unsere hellblonden Haare hier selten zu sehen sind, und wir deshalb  mehr Aufsehen erregen als mir recht ist.

„So ist das eben mit uns Landeiern“, murmle ich leise vor mich hin.

Bernd zieht mich näher an sich heran und küsst mich. „Du wirst dich daran gewöhnen, wir sind ja erst angekommen“, flüstert er in mein Ohr.

Von irgendwoher kommen Geräusche. Ich höre Trommeln und Gesangsfetzen. Wir gehen um eine Düne herum und schauen direkt auf ein großes Feuer, um das etwa 30 Menschen tanzen.

„Lass uns umdrehen“, flüstert Bernd, doch ich bin verzaubert von diesem Anblick. Zwei Gestalten lösen sich aus dem Lichtkreis und kommen auf uns zu. Es sind Mädchen, fast noch Kinder. Sie fassen uns an den Händen und ziehen uns freundlich lächelnd in die Gruppe. Der Rhythmus der Trommeln ändert sich ständig und hat etwas Hypnotisches. Alles wird unwichtig. Meine Welt schrumpft auf ein Feuer, die Trommeln und das Stampfen vieler Füße. Irgendwann, nach Minuten – oder sind es Stunden – kann ich nicht mehr und lasse mich in den Sand fallen. Bernd legt sich neben mich. Er keucht vor Anstrengung und als sein Atem ruhiger wird, schläft er ein. Ich streichle ihm übers nassgeschwitzte Haar, kuschle mich an ihn und schließe die Augen. Die jungen Leute tanzen weiter. Ich fühle mich wohl und willkommen in dieser mir völlig fremden Gemeinschaft.

Viel später hört das Trommeln auf. Ich muss eingeschlafen sein. Als ich aufwache, dämmert es bereits. Bernd hat sich zur anderen Seite gedreht und mir ist kalt. Ich setze mich auf. In etwa 10 Meter Entfernung sitzt eine ältere Frau. Sie und ein alter Mann sind wohl die Begleitpersonen dieser Jugendgruppe und beide haben uns im Verlaufe des Abends immer mal wieder gemustert. Sie winkt mir. Ich stehe auf und setze mich neben sie. Sie spricht ein kindliches Englisch und ich verstehe sie gut.

„Wo kommt ihr her?“, fragt sie mich.

„Aus Deutschland.“

„Wo ist das?“

„In Europa“, antworte ich doch ich merke, dass ihr das auch nichts sagt.

„Wir kommen von der anderen Seite der Erde.“

„Wir leben am Amazonas, in den Wäldern. Manchmal sind wir hier, um uns unserer Wurzeln zu versichern. Wir kommen schließlich alle aus dem Meer.“

Ich nicke nachdenklich.

„Wenn wir feiern, laden wir gerne Fremde dazu ein. Damit wir nicht vergessen, dass es nicht nur unsere Art zu leben gibt und viele Wege zum Glück. Und ihr zwei seid glücklich.“

 Ich nicke abermals.

„Wir haben gemeinsam getanzt. Früchte werden reifen, in und unter unseren Herzen. Und ihr werdet euch immer an uns erinnern, genauso, wie wir an euch denken werden.“ Nach einer Weile des Schweigens steht die Frau auf und geht.

Monate später bin ich alleine im Taxi unterwegs ins Krankenhaus. Unser erstes Kind meldet sich an und Bernd ist ausgerechnet heute nicht da. Ich bin ein wenig aufgeregt, aber alles in allem doch froh, dass es endlich so weit ist.

Die Geburt kostet mich viel Kraft, immer wieder rieche ich Feuer, was mich irritiert, und als das Kind endlich kommt, bin ich völlig erschöpft. Irgendetwas stimmt nicht. Die Hebamme legt mir das Kind nicht auf den Bauch, sie nimmt es hoch und geht mit ihm fort.

„Was ist los?“, flüstere ich, doch ich bin alleine. Heiße Tränen fließen mir über die Wangen.

Die Türe öffnet sich und eine junge Schwester kommt in den Raum. Sie ist sichtlich überfordert mit mir, doch ihr Mitgefühl tut mir gut. Sie wäscht mich und ich lasse mir apathisch alles gefallen. Ich bin völlig am Ende.

Nach ewig langen Minuten kommt die Hebamme mit dem Kind zurück und legt es mir in den Arm.

„Es tut mir leid, es sah so aus, als gäbe es ein Problem, aber es ist alles gut. Sie haben eine wunderschöne, gesunde Tochter“, sagt sie und streicht mir mitfühlend über das Haar.

Neugierig schiebe ich das Handtuch zur Seite und betrachte mein Kind. Das kleine Gesicht ist noch ganz verdrückt von der Geburt. Ihre Haare sind voll, lang und schwarz. Ihre Haut ist dunkel und die geschlossenen Augen sind seltsam geformt, fast asiatisch.

„Was ist mit ihr?“, frage ich irritiert. „Ist das wirklich mein Kind?“

Das Mädchen verzieht den Mund und gähnt. Sie öffnet die Lider und tiefschwarze Augen blicken mich an. Und plötzlich wird mir alles klar. Eine längst vergessene Stimme erklingt in meinem Kopf.

Früchte werden reifen, in und unter unseren Herzen. Und ihr werdet euch immer an uns erinnern, genauso, wie wir immer an euch denken werden.

Die unterschiedlichsten Gefühle beherrschen mich gleichzeitig. Unglaube, Angst, Stolz, Freude. Sie ist meine Tochter und doch trägt sie ein fremdes Erbe in sich. Und während ich hilflos zu lachen beginne, spüre ich, wie sie meinen kleinen Finger mit ihrer winzigen Hand umfasst.

Die Hebamme beobachtet mich aufmerksam. Was sie wohl denken mag? Vermutlich überlegt sie gerade, ob sie mir ein Beruhigungsmittel spritzen soll.

Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ob wohl heute Nacht irgendwo am Amazonas ein hellhäutiges Mädchen geboren wurde? Oder ein kleiner Junge mit blauen Augen?

„Sie soll Luna heißen“, presse ich immer noch haltlos lachend hervor.

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Die Zeitreisenden 3

1. Die Ankunft – Teil 3

»Tatsächlich?«
»Nein, verdammt! Mit der Ironie habt ihr es in der Zukunft wohl nicht, oder? Was denkt ihr denn? Taucht nackt aus dem Nichts auf, könnt in Gedanken miteinander reden, und nehmt mich in einen Raum mit hinein, der nur in eurem verschmolzenen Geist existiert. Was soll daran normal sein? Habt ihr sonst noch Tricks drauf, von denen ich wissen sollte?«
»Was meinst du mit Tricks?«, fragte Sequel unbefangen. »Wirst du uns helfen?«
»Wie kann ich euch denn helfen? Ich bin ein kleiner Dorf-Sheriff, und – wenn ich ehrlich bin – fühle mich ein wenig von der Situation überfordert.«
»Nach unseren Berechnungen wird die Waffe in der Zeit vom 12. Mai bis zum 14. Mai dieses Jahres sichtbar sein. Sie soll sich in einer Gegend befinden – nicht all zu weit von diesem Ort hier entfernt -, der für seine vulkanische Aktivität bekannt ist. Es sollen dort nur wenige oder überhaupt keine Menschen leben. Kennst du einen solchen Ort?« Dunn überlegte. »Da fällt mir nur der Yellowstone Nationalpark ein, aber der ist nicht gerade in der Nähe.«
»Kannst du uns zeigen, wo das ist?«, fragte Brungk. »Es existieren doch sicher Karten, in denen Koordinaten verzeichnet sind, oder? Wir würden uns die erforderlichen Vektoren berechnen und könnten daraus eine Ortsverlagerung generieren.«
Dunn schüttelte den Kopf. »Ich verstehe wieder mal kein Wort. Also Karten kann ich euch natürlich zeigen, und der Nationalpark ist natürlich darauf verzeichnet. Was meint ihr mit Ortsverlagerung?«
Sequel sah ihn fragend an. »Ist das nicht klar? Wir müssen doch in unmittelbarer Nähe sein, wenn die Waffe erscheint. Es nutzt nichts, wenn wir hier sind, wenn das Ding diese Zeitebene durchzieht. Wir müssen schon physikalisch vor Ort sein. Während wir geistig verschmolzen sind, können Brungk und ich uns direkt an diesen Ort versetzen.« Dunn verzog seinen Mund. »Ich weiß nicht, ob ich überhaupt wissen möchte, was ihr alles draufhabt, aber eine Sache interessiert mich doch: Denkt ihr immer so kompliziert?«
»Nicht kompliziert, sondern nur folgerichtig.«
»Mag ja sein, aber ihr habt doch noch eine Menge Zeit, bis dieses Waffending erscheint, wie ihr sagt. Ich könnte euch hinfahren. Ich steck in dieser Sache sowieso schon tief genug drin – da kann ich euch auch weiterhin helfen. Außerdem kann es nicht schaden, meinen beschissenen Schreibtisch mal eine Weile nicht zu sehen.«
»Es mag sein, dass es nicht ungefährlich ist«, sagte Sequel ernst. »Brungk und ich sind nicht das erste funktionale Paar, das ausgesandt wurde. Etliche vor uns sind gescheitert, und wir haben keine Informationen darüber, was geschehen ist. Wir nehmen deine Hilfe natürlich gern an, aber du musst wissen, dass es uns alle das Leben kosten kann. Ihr Menschen dieser Epoche habt oft Bezugspersonen – andere
Menschen, mit denen ihr verbunden seid. Ist das bei dir auch der Fall? Bist du einem Typ A verbunden?«
Dunn konnte es nicht fassen. »Typ A? Jetzt noch mal von vorn: Wovon, zum Henker, sprichst du jetzt schon wieder? Was ist ein Typ A?«
Brungk antwortete: »Du bist ein Typ B, wie auch ich einer bin. Sequel ist ein Typ A – ein Mensch der Neumenschen in sich tragen kann, bis sie Lebensreife erlangen.«
Dunn verschluckte sich fast. »Geht’s noch komplizierter? Ihr wollt wissen, ob ich eine Frau habe? Ich kann euch versichern, dass ich auf Frauen stehe, aber es ist mir leider noch keine begegnet, die einen kleinen Dorfsheriff nehmen wollte. Ich bin solo, falls euch das beruhigt.«
Sequel wandte sich an Brungk. »Vermutlich will er damit sagen, dass es keine typübergreifende, emotionale Verbindung gibt.«
Sie wandte sich zu Dunn. »Unter diesen Umständen würden wir uns freuen, die Unterstützung eines nativen Menschen dieser Epoche zu bekommen. Wir werden diesen virtuellen Raum nun auflösen. Die Rückkehr in die Realität führt bei Menschen, die es nicht gewohnt sind, zu kurzfristiger Desorientierung. Das ist normal und muss dich nicht beunruhigen.«
»Aber …«, konnte Dunn noch sagen, dann versank die Welt um ihn in bodenlose Schwärze. Als er wieder zu sich kam, hielt er sich direkt neben Sequel und Brungk am Tisch fest und fühlte sich schwindelig. Brungk erhob sich und stützte ihn.
Als Cole das durch die halbdurchsichtige Scheibe sah, hastete er zur Tür und riss sie auf. »Was tun Sie da? Setzen Sie sich sofort wieder hin!«
Dunn winkte ab. »Ist schon in Ordnung, Lawrence. Mir war nur etwas schwindelig und unser Freund hier wollte mir helfen.«
»Freund?«, fragte Cole misstrauisch. »Hab ich was nicht mitbekommen? Als du eben in den Verhörraum gegangen bist, waren das noch unsere Gefangenen.«
»Eine lange Geschichte, Lawrence. Wir haben uns ausführlich unterhalten und ich glaub ihnen jetzt. Sie brauchen unsere Hilfe – und wenn ich das richtig verstanden habe, brauchen wir auch ihre.«
Cole blickte ihn ungläubig an. »Chef, nimm es mir nicht übel, aber das klingt jetzt ganz schön verrückt. Du bist doch erst vor wenigen Sekunden hier hineingegangen. Ihr habt überhaupt nicht miteinander gesprochen.«
Dunn sah Brungk an. Sequel antwortete: »Zeitabläufe im virtuellen Raum werden anders empfunden als in der Realität. Cole hat schon recht. Für ihn sind nur wenige Sekunden vergangen.«
Cole hob abwehrend die Hände. »Ich hab genug von dem Scheiß. Du hast dich von diesem Weib einwickeln lassen. Ich hab’s befürchtet. Ich ruf jetzt in Omaha an. Sollen die sich mit diesem Pärchen herumschlagen.« Er wandte sich um und machte einen Schritt.
»Lawrence, warte!«, rief Dunn und wandte sich an Sequel. »Könnt ihr es ihm ebenso erklären wie mir?«
Sie nickte. »Kommen Sie, Cole.« Sie lächelte ihm zuckersüß zu, und Cole ging – wie von Fäden gezogen – zu ihr.
»Und was kommt jetzt? Gehirnwäsche?«
»Man kann ein Gehirn nicht waschen«, bemerkte Sequel ernst. »Nehmen Sie Platz und fassen einen von uns an. Mehr müssen Sie nicht tun, aber Sie werden anschließend verstehen, worum es uns geht. Sie müssen nichts befürchten. Wir werden nur reden.« Damit wandte sie sich Brungk zu und sie berührten sich gegenseitig mit ihren Stirnen.
»Was jetzt?«, fragte Cole und sah Dunn fragend an.
Dunn deutete auf die beiden. »Na mach schon! Setz dich hin und berühre einen von ihnen.«
Widerstrebend folgte er der Aufforderung und streckte seinen Arm aus, um Sequel zu berühren. Im letzten Moment zuckte er zurück. »Was wird passieren, wenn ich sie anfasse?«
»Ich verstehe dich, aber dein Misstrauen ist unbegründet.« Dunn deutete mit dem Kopf auf die beiden. »Mach endlich. Sie warten auf dich.«
Cole seufzte und berührte die Frau. Ein kurzes Zittern fuhr durch seinen Arm und er bekam einen abwesenden Gesichtsausdruck.
Dunn wollte sich gerade einen Kaffee aus der Küche holen, als die drei sich wieder bewegten. Cole lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. »Oh Scheiße, in was sind wir da hineingeraten? Gut, dass ich Omaha nicht angerufen habe … Wenn das alles stimmt … Ich darf gar nicht darüber nachdenken …«
»Verstehst du jetzt, dass wir ihnen helfen müssen?«
Cole nickte. »Ja, sie haben mir gesagt, dass du sie begleiten wirst. Ich mach dabei allerdings nicht mit. Ich hab Elaine, und wir planen unsere Hochzeit. Da werde ich nicht mein Leben bewusst aufs Spiel setzen.«
»Ich verstehe dich.« Dunn legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Du wirst den Laden hier eine Weile allein schmeißen müssen. Offiziell kannst du sagen, ich wäre im Urlaub. Denkst du, das geht in Ordnung?«
»Du machst Witze! Wie soll ich die zwei Strafzettel, die ich in der Woche auszustellen habe, nur allein bewältigen?«
Dunn lachte. »So hab ich mir das gedacht.« Er wandte sich an Sequel und Brungk. »Ihr seid natürlich ab sofort keine Gefangenen mehr und könnt gehen, wohin ihr wollt.« Sequel lächelte. »Und wohin sollte das sein? Wir kennen hier nichts und haben auch nichts – nicht einmal passende Kleidung.« Sie wand ihren Körper ein wenig. »Selbst mit diesem Stück Stoff fühle ich mich etwas unvollständig bekleidet.«
Dunn schluckte, als er die Bewegungen der Frau sah. Sie sah einfach atemberaubend aus. Er fragte sich, ob sich so eine Frau für einen wie ihn interessieren könnte. Er schalt sich in Gedanken sogleich einen Narren. Die Frau war eine Fremde und hatte zudem diesen Brungk, der selbst aussah wie ein griechischer Halbgott.
»Ihr könnt erst mal mit zu mir kommen«, hörte er sich sagen. »Ich hab das Haus meiner Eltern geerbt und lebe dort seit ihrem Tod allein. Der Platz reicht für uns alle. Es gibt gute Betten und ihr könnt euch dort frisch machen. Mit etwas Glück ist auch noch Kleidung von meiner Schwester da. Sie ist vor einiger Zeit mit ihrem Mann nach Cheyenne gezogen.«
Er blickte Sequel prüfend an. »Die Sachen könnten dir passen. Ist zwar nicht mehr die neueste Mode, aber für den Anfang müsste es gehen.«
»Und was ist mit mir?«, fragte Brungk.
»Du kannst ein paar Sachen von mir anprobieren.«
»Das Angebot nehmen wir gern an«, sagte Sequel. »In deinem Haus gibt es auch eine Karte?«
Dunn lächelte. »Ja, eine Karte habe ich auch im Haus.«
»Dann schaff deine Gäste mal hier raus«, schlug Cole vor. »Es haben heute Morgen sicher ein paar Leute mitbekommen, dass wir diese zwei Nudisten an der Interstate aufgegriffen haben. Bevor hier Neugierige auftauchen, sollten sie schon weg sein.«
»Er hat recht«, sagte Dunn und deutete auf die Hintertür des Büros. »Mein Wagen steht hinter dem Haus. Folgt mir, ich bring euch zu mir nach Hause.«
Sie erhoben sich und folgten ihm. Dunn bemerkte erst jetzt, dass sie noch barfuß liefen. Schuhe hatten sie ihnen noch nicht anbieten können. Er lief zu seinem Wagen und öffnete ihn. »Na kommt schon.«
Sequel zögerte einen Moment und betrachtete skeptisch den Toyota Prius, bevor sie auf den Beifahrersitz kletterte. Brungk nahm auf dem Rücksitz Platz.
Sequel strich mit ihren Händen über den Stoff des Sitzes. »Dieses Fahrzeug ist überraschend bequem. Dunns Blick fiel auf die langen Beine seiner Beifahrerin und einige Augenblicke lang war er nicht in der Lage, den Wagen anzulassen. Verdammt, er war auch nur ein Mann, und in festen Händen oder nicht – diese Frau machte ihn wahnsinnig. Dabei hatte er nicht einmal das Gefühl, sie würde es absichtlich machen. Sie tat alles mit einer beeindruckenden Unbefangenheit.
Er riss sich von dem Anblick los und gab Gas. Seine Fahrgäste blickten neugierig umher und schienen alle Eindrücke förmlich in sich aufzusaugen. Sequel sah ihn von der Seite an. »Der Antrieb ist sehr laut«, sagte sie. »Mit welcher Energieform wird dieses Fahrzeug angetrieben?«
»Diesel-Benzin.«
»Darüber liegen uns keine Informationen vor. Worum handelt es sich dabei?«
»Es wird aus Erdöl gewonnen. Wir haben Motoren, die das verbrennen und daraus Leistung beziehen.«
»Da werden fossile Brennstoffe verbrannt?«, fragte Brungk ungläubig. »Das wäre bei uns strengstens verboten. Wisst ihr denn nicht, was diese Verbrennungsrückstände mit eurer Welt anstellen?«
»Willkommen im 21. Jahrhundert«, erwiderte Dunn sarkastisch.
Nach wenigen Minuten erreichten sie ein alleinstehendes Haus mit zwei Stockwerken und einem – für diese Gegend untypischen – Satteldach. Eine breite Veranda mit einem roten Holzgeländer zierte die Vorderfront.
»Wir sind da«, erklärte Dunn. »Das ist mein Zuhause. Lasst uns hineingehen, da ist es viel kühler als hier draußen.«
Sie verließen das Auto und folgten Dunn über die kleine Holztreppe auf die Veranda. Sequel schaute sich immer wieder neugierig um und Dunn bildete sich ein, dass ihr gefiel, was sie sah. Er öffnete die Tür und ließ seine Gäste eintreten. Von der Veranda aus erreichte man die Küche. Dunn hatte seit dem Tod seiner Eltern fast nichts darin verändert. So hatte er alle Möbel aus den 50er Jahren behalten und kochte noch immer
auf dem alten Gasherd, den sein Vater Dutzende Male repariert hatte. Er konnte sich einfach nicht davon trennen.
»Hier wird Essen zubereitet, nicht wahr?«, fragte Sequel. »Ich habe Fotos von solchen Räumen gesehen, hab aber keine Vorstellung davon, wie so etwas vor sich geht.«
»Richtig«, grinste Dunn, »Hier werden Speisen gekocht. Wir nennen so einen Raum Küche. Diese hier ist schon sehr alt und stammt noch von meinen Eltern. Ich hab alles gelassen, wie es ist. Es schien mir immer unpassend, sie zu verändern oder sogar zu modernisieren.«
Brungk hatte sich auf einen der Stühle gesetzt und wirkte desinteressiert, während Sequel mit ihren Fingern über die Oberflächen von Tisch, Anrichte und Spüle fuhr.
»Ich finde das faszinierend«, sagte sie. »Es ist unsagbar fremd für mich, aber es ist atmosphärisch stimmig. Ich weiß nicht, was es auslöst, aber es gefällt mir. Darf ich auch die anderen Räume sehen?«
Dunn deutete auf die schmale Holzstiege, die nach oben führte. »Die Schlafräume liegen oben. Vielleicht sollte ich euch zunächst diese Räume zeigen. Dort steht auch der Kleiderschrank mit den zurückgebliebenen Kleidungsstücken meiner Schwester.« Er ging vor und deutete ihnen, ihm zu folgen. Oben öffnete er die Tür zum Zimmer seiner Schwester und Sequel blickte hinein.
»Hier könnt ihr zwei übernachten. Das Bett ist breit genug für zwei Personen. Mein Zimmer liegt auf der anderen Seite. Was meint ihr?«
»Du meinst, ich soll mit Sequel zusammen in diesem Bett schlafen?«, fragte Brungk.
»Ich halte das nicht für eine gute Idee.«
Dunn sah ihn ratlos an. »Ähem, und warum nicht? Ihr seid ein Paar, oder nicht? Dann könnt ihr auch in einem Bett zusammen schlafen.«
Sequel sah ihn lächelnd an. »Du hast da etwas nicht ganz richtig verstanden. Brungk und ich sind ein funktionales Paar. Wir wurden als Paar konzipiert, um eine bestimmte Aufgabe lösen zu können. Wir sind in der Lage, unsere Egos miteinander verschmelzen zu lassen und haben in diesem Zustand besondere Fähigkeiten. Wir sind genetisch aufeinander abgestimmt. Es ist dir doch selbst bereits aufgefallen. Denk an unsere Fingerabdrücke. Das ist nur ein Hinweis auf unsere enge Beziehung. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns auch geschlechtlich als Paar empfinden. Es ist im Grunde ein Zufall, dass wir als Typ A und Typ B konzipiert wurden. Zwischen Brungk und mir existiert kein emotionales Band. Wir würden es vorziehen, nicht gemeinsam in einem Bett zu schlafen.«
»Da hab ich wohl tatsächlich was in den falschen Hals bekommen«, meinte Dunn, kommentierte es jedoch nicht, als er Sequels fragenden Blick bemerkte. »Ich hab noch ein Gästezimmer am Ende des Flures, aber das ist nicht so komfortabel eingerichtet.«
»Das nehm ich!«, rief Brungk, ohne es überhaupt gesehen zu haben.
Dunn sah ihn überrascht an. »Du hast es doch noch nicht einmal gesehen.«
»Wenn es ein Bett enthält, reicht mir das völlig. Ich bin sehr müde und muss unbedingt ein paar Stunden schlafen.«
Dunn deutete auf das Ende des Flures. »Dann leg dich einfach hin.«
»Kein Problem«, sagte Brungk. »Ich komme schon klar.«
Dunn wandte sich zu Sequel um. »Das gilt natürlich auch für dich. Du bist sicher auch müde.«
»Überhaupt nicht«, versicherte sie. »Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern weiter dein Haus anschauen und mich unterhalten. Es ist in eurem Zeitalter alles so interessant und ursprünglich. Ich möchte so viel wie möglich davon in mich aufnehmen.«
»Okay«, sagte Dunn und deutete auf das Bad. »Hier könnt ihr euch frisch machen, waschen oder duschen. Es gibt auch eine Toilette.«
Sequel warf einen Blick hinein und lächelte. »Nicht alles ist völlig verschieden, scheint mir. Das ähnelt einer Hygienezelle in meinem Heimatkomplex.«
Sie kehrten zurück zum Zimmer seiner Schwester. Dunn deutete von der Tür aus auf einen Kleiderschrank. »Dort befinden sich die Sachen meiner Schwester, die sie zurückgelassen hat. Probier einfach an, was dir passt und gefällt. Ein Spiegel befindet sich auf der Innenseite der Schranktür. Ich lass dich jetzt allein und du kannst in Ruhe auswählen. Wenn du mich suchst, findest du mich unten im Erdgeschoss. In Ordnung?«
Sequel lächelte und nickte. »Danke Dunn.«
»Wayne«, korrigierte Dunn. »Dunn ist der Familienname. Mein Vorname lautet Wayne. Wenn du schon in meinem Haus wohnst, solltest du mich beim Vornamen nennen.«
»Okay. Wayne also.«
Sie blickten sich einen Moment schweigend an, bis Sequel die Tür von innen verschloss und Dunn auf dem Flur stehen ließ. Er blieb noch einen Augenblick stehen, wandte sich dann um und lief die Treppe herunter ins Erdgeschoss. Im Kühlschrank fand er noch ein Bier, das er sogleich öffnete und mit ins Wohnzimmer nahm. Er hatte vor, sich durch das TV auf andere Gedanken bringen zu lassen, doch waren die Erlebnisse des Tages noch zu präsent in ihm. Er hielt die Fernbedienung in der einen, das Bier in der anderen Hand, konnte sich jedoch nicht entscheiden, was er tun sollte. Alles, was ihm etwas bedeutete, sollte in Kürze nicht mehr existieren? Und diese zwei eigenartigen Menschen, die nun auch noch in seinem Haus wohnten, sollten der Schlüssel zur Rettung sein? Ausgerechnet er sollte eine Rolle in diesem Drama spielen? Es war alles zusammen etwas viel für ihn.
Er wusste nicht, wie lange er so gesessen hatte, als er Geräusche von oben vernahm. Jemand kam die Treppe herunter. Das Erste, was er sah, waren zwei lange, nackte Beine. Es folgte eine junge Frau, wie er sie bislang nur aus Zeitschriften oder dem TV kannte. Sequel war eine ausgesprochene Schönheit und mit der Zielsicherheit einer Frau hatte sie aus dem Fundus seiner Schwester die Kleidung herausgesucht, die ihre gesamte Erscheinung am besten zur Geltung brachte.
Unten angekommen breitete sie ihre Arme aus und drehte sich einmal um ihre Achse.
»Ich hoffe, ich habe passende Kleidung gefunden. Trägt man es so bei euch? Ich möchte natürlich nicht auffallen, wenn andere Menschen mich sehen.«
»Es ist perfekt«, beeilte sich Dunn zu versichern. Es war eigenartig, diese Frau in den Sachen seiner Schwester zu sehen. Sequel schien eine Vorliebe dafür zu haben, Kleidung zu tragen, die ihren Körper gut zur Geltung brachte, beziehungsweise einiges davon zeigte. Dunn konnte sich nicht erinnern, wann Kim zuletzt so kurze Röcke getragen hatte.
Sie setzte sich neben ihn auf die Couch und schlug ihre Beine unter. »Bei euch ist alles so … ursprünglich«, sagte sie.

… wird fortgesetzt am 22. September 2018

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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 5: Ein grausamer Fund


Wir haben Halbzeit (5/10 Kapiteln) und damit verabschiede ich mich in den wohlverdienten Herbsturlaub. Am 11.10.2018 geht es weiter (jeden Donnerstag) mit Voidcall – Das Rufen der Leere Teil 6: Das psionische Kollektiv. Seid gespannt! 🙂







Es hatte nicht lange gedauert, bis die restliche Mannschaft sich in dem düsteren Korridor versammelt hatte. Clynnt war wirklich ein Naturtalent. Er hatte die Torpedos in einer einheitlichen Salve abgefeuert, sodass sie alle schnell zusammenfinden konnten. Das Surrend der hydraulikverstärkten Kampfanzüge erfüllte den Flur mit seinem mechanischen Lied.
„Howard, kannst du den Ursprung der molekularen Verzerrung identifizieren?“, fragte Archweyll widerwillig.
Es dauerte nicht lange, bis der Chefmechaniker seine Gerätschaften online gebracht hatte. Sein Tablet war für ihn ein ständiger Begleiter und dessen Nutzen stand außer Frage. „Es wird dir nicht gefallen, aber wir müssen bis ins Herz der Kampfstation vordringen“, murmelte Howard, während er die Scans eingehend analysierte.
Etwas anderes hätte den Kommandanten auch gewundert. „Tamara bildet die Vorhut. Nimm dir zehn der besten Männer mit. Der Rest folgt in Standardformation. Kampfanzüge auf volle Leistung und Nachtsichtgeräte aktivieren“, befahl Archweyll. Ein Visier legte sich über seinen Kopf und versorgte sein inneres Auge mit den Daten des Tablets. Sofort wurde die Karte, die ihren Weg anzeigte, heruntergeladen und mit den aktuellen Positionen der Kampfeinheiten versehen.
Die Stoßtruppführerin nickte ihm aufmunternd zu und war bald darauf in der Dunkelheit verschwunden. Der Rest folgte ihr nach einem Countdown. Archweyll griff mit beiden Händen nach seinem Teleskopschwert. Ausgefahren besaß es die Länge eines ausgewachsenen Mannes und der lange Griff war mit einer zusätzlichen Klinge für schnelle Stichattacken versehen. Es gab wenige Gegner, die dieser Waffe etwas entgegenzusetzen hatten, denn durch die Verstärkung seines Hydraulikanzuges besaß er unmenschliche Kräfte.

Wortlos schritten sie durch den dunklen Korridor.
Sogar Archweyll hatte die Lust auf Gespräche verlassen. Auch wenn sich laut Howard Bering niemand auf dem Schiff aufhielt, war er dennoch in Alarmbereitschaft, sollte etwas schief gehen. Das eigentliche Problem sah der Kommandant in dem Fehlen der Kommunikationsanlage. Jetzt verfluchte er sich für seine vorschnelle Aktion. Ohne Funkgerät waren sie auf sich allein gestellt. Sie passierten Korridore und sterile Kammern, doch kein Lebewesen kreuzte ihren Weg. Was wohl mit den Dunklen Engeln passiert war? Auf seinem Visier verfolgte er eingehend die Position seiner Vorhut. Sobald Tamara anhalten würde, war etwas geschehen.
“Wirklich faszinierend“, gab Howard Bering von sich, während er sein Hextech-Monokel über die mechanischen Ablagen flimmern ließ, um saubere Scans davon anzufertigen. „Diese Station ist wohl dazu in der Lage, sich selbst mit den Energien des Warp zu versorgen“,
erklärte der Chefmechaniker. „Sie brauchen keine primitiven Reaktoren, wie wir es tun.“ Wieder legte er diese gefährliche Faszination an den Tag, die Archweyll einfach nicht gefallen wollte.

Sie machten Halt vor einer großen Pforte, die mit sterilen Plastikvorhängen versiegelt war.
Tamara hatte sich bereits einen Weg durch diese Lianen aus Kunststoff erkämpft. Ohne zu zögern verfolgten sie ihre Spur.
Hinter den Vorhängen befand sich ein Gewächshaus, das die Größe einer ausgewachsenen Fabrikhalle aufwies. Pipelines aus Metall zogen sich wie Adern durch die einzelnen Sektoren, welche mit großen Plastikplanen voneinander abgegrenzt waren, und versorgten sie mit Leben. Riesige Pilze saugten sich wie Geschwüre an ihren Wirten fest und türmten sich fast bis zur Decke der Halle. Ihren Schirmen entwich in pulsierenden Abständen ein mattes blaues Licht. Soweit das Auge reichte, erfüllte ihr Schimmer die Dunkelheit und sie schienen fast sämtliches Leben, das einst in diesen Hallen geblüht haben musste, befallen zu haben.
Ein schriller Alarm ertönte auf Archweylls Monitoren. „Sauerstoffgeräte aktivieren!“, schrie er lautstark. Sofort legte sich ein zweites Visier über das erste, als wäre es ein großer Bruder.
„Die Sporen dieser Pilze sind hochgradig toxisch und erfüllen diesen Raum wie Feinstaub“, erkannte auch Howard Bering, sein Hextech-Monokel konnte sich nicht satt sehen an diesem Anblick. Dann geriet er ins Stutzen. „Sie haben diese Pilze nicht absichtlich gezüchtet. Sieh doch mal“, er deutete auf eine Verankerung, in der sich einer der Schwämme verwachsen hatte. Diese bestand aus den kümmerlichen Überresten eines einst enormen Baumes.
„Der Pilz ist ein Parasit. Und er hat hier nichts verloren“, erklärte der Chefmechaniker fasziniert. Langsam wurde die Sache interessant.
„Meinst du, er hat die Station befallen und deswegen sind die Dunklen Engel verschwunden?“, fragte Archweyll argwöhnisch.
„Es wäre eine Möglichkeit. Niemand verlässt freiwillig ein solches Schmuckstück“, erwiderte Howard grübelnd. Dann schien er eingehend seine Daten zu analysieren. „Über uns befindet sich eine Sauerstoffversorgung“, erklärte er und deutete in die Höhe, doch trotz Nachtsichtgerät war es Archweyll nicht vergönnt etwas zu erkennen. „Eventuell haben sich die Pilzsporen dadurch in der gesamten Station verteilt, bevor die Engel eingreifen konnten. Aber nicht alle Module der Station scheinen befallen zu sein, sonst hätten wir direkt bei unserem Eintreffen ein Warnsignal erhalten. Heutzutage ist niemand mehr so dumm ein zentrales Lüftungssystem zu nutzen“, erklärte der Chefmechaniker weiter.

Plötzlich ließ ein innerer Instinkt den Kommandanten innehalten. Tamaras Punkt auf seiner Anzeige stand still. „Die Vorhut steckt in Schwierigkeiten!“, rief er lautstark und setzte zu einem animalischen Sprint an. Die Servogelenke seiner Beine bestärkten seinen Marsch um ein Vielfaches.
Der Trupp rannte durch das Gewächshaus. Wieder passierten sie eine versiegelte Pforte, dahinter befand sich ein weiterer Korridor. Das Stampfen ihrer Aspexylstiefel schwoll zu einem donnernden Getöse an. Sie bogen um eine Kurve. Das Signal war fast in Reichweite.
Archweyll fand sich in einer riesigen gläsernen Kuppel wieder. Von hier aus konnte man die Atharymn erkennen, die seelenruhig durch den Warp geisterte.
Tamara und ihr Trupp befanden sich unweit von der riesigen Fensterfront entfernt und studierten eingehend den Boden.
Je näher Archweyll ihnen kam, desto intensiver wurde seine Gänsehaut. Vor ihnen lag ein Dunkler Engel. Seine Gliedmaßen waren auf abstrakte Weise verzerrt und das einst makellose Gesicht war von einer Schicht aus Pilzen überzogen, die es aussehen ließen wie eine groteske Grimasse. Sogar aus seinem Körper wucherte sie wie Geschwüre.
„Ich glaube, er versucht etwas zu sagen“, begrüßte ihn die Stoßtruppführerin und deutete auf den Engel.
„Er lebt noch?“, Howard Bering bahnte sich kompromisslos einen Weg durch die Menge, bis er sein Ziel erreicht hatte. Der Dunkle Engel gab kryptische Laute von sich, die eher denen einer Maschine ähnelten, als einem Lebewesen.
Erst jetzt erkannte Archweyll, das überall die verwahrlosten Körper ihrer ehemaligen Todfeinde den Boden übersäten. Ein beunruhigendes Gefühl beschlich ihn.
„Die sind alle tot.“ Gab ein Soldat von sich. „Wir haben es geprüft.“
Der Kommandant wandte sich wieder ihrem Fund zu und beobachtete, wie der Chefmechaniker seine Instrumente in das Fleisch des Engels versank. Angewidert drehte er sich weg. Tamara war ein willkommenerer Anblick. „Ist das der Einzige, der noch lebt?“, fragte der Kommandant kritisch.
Die Stoßtruppführerin bestätigte.
„Das ist doch nicht möglich?!“, rief Bering plötzlich lautstark. Dann wurde seine Miene finster. Er zog seinen Induktionsrevolver und feuerte.
Der Engel gab einen röchelnden Laut von sich, als das Projektil seine Brust zerfetzte und ihm den Garaus machte.
Schwer atmend beugte Howard sich über ihn und blickte Archweyll mit einem grausamen Blick an. „Er hat eine Warnung ausgestoßen. Unfrequentiert klingt das ungefähr so wie die Geräusche, die aus unserer Funkanlage gekommen sind, bevor du sie vernichtet hast“, erklärte er mit belegter Stimme.
„Eine Warnung? Wovor?“, schoss es aus dem Kommandanten heraus.
Howard Bering richtete sich auf, bevor er sprach. “Hier ist etwas Schreckliches am Gange“, flüsterte er und das erste Mal lag Angst in seiner Stimme.

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Saigels Irr(e)lichter – Schreiben können

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder schreiben kann. Das Schreiben ist eine Tätigkeit, die der Mensch lediglich verlernt hat. Für meine Begriffe beschäftigen sich heute viel zu wenige damit. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass das Buch fester Bestandteil der Abendgestaltung und des Zeitvertreibs war. Man schrieb Briefe, führte Tagebücher und zückte im Supermarkt weder Handy noch Organizer, sondern einen beschriebenen Zettel.

Durch das Lesen formt sich auch der eigene Zugang zum Schreiben. Kein Mensch ist einfach morgens aufgestanden und hat ganze Bücher geschrieben. Erst einmal war da Input, vielleicht sogar ein bisschen Theorie, Analyse, Gedanken. Dann hat man sich selbst daran gemacht, den Stift zu schwingen und hat geübt, geübt und geübt. Genauso wie ein Musiker sein Instrument zuerst erlernen, ein Maler ein paar Grundlagen über Farben und Pinselstriche kennen und der Gärtner Informationen über seine Pflanzen sammeln muss, genauso muss sich auch der Autor die Zeit geben, sich mit seinem Handwerk vertraut zu machen.

Jedoch gebe ich zu, dass der Sprung heutzutage größer erscheint als er vielleicht schon einmal gewesen ist. Wieso also seine Freizeit damit verbringen, sich einer selbst erdachten Geschichte zu widmen, wenn man genauso gut Storys in Hülle und Fülle über alle möglichen Kanäle vierundzwanzig Stunden am Tag konsumieren kann?

“Nichts ist nicht schon einmal geschrieben worden, es gibt nichts, das es noch nicht gibt.” Diesen Satz hat bestimmt jeder schon einmal gehört. Jedoch sehe ich das anders: Eigene Gedanken, denen Ausdruck verliehen wird, die gibt es so noch nicht. Vielleicht gibt es keine originelle Idee, der Text jedoch ist einzigartig, denn er ist aus einem eigenständigen Geist herausgeschrieben und individuell erzählt. Durch die Augen ganz eigener Erfahrung und Wissen. Diesen Text gibt es so noch nicht. Der Satz oben hingegen ist stets derselbe.

Ich befürchte, dass sich die wenigsten Autoren, darüber im Klaren sind, dass sie ab dem Augenblick einzigartig sind, ab dem sie einfach schreiben. Das Streben nach großem Erfolg, nach dem Herausstechen aus der Masse, drückt doch eher die Stimmung anstatt sie darüber zu erheben, dass die Tätigkeit des Schreibens an und für sich niemand genauso anstellt, wie ich das mache. Dass niemand ein und dieselben Bücher in exakt derselben Reihenfolge gelesen hat wie ich. Dass niemand das Schreiben in denselben Etappen geübt hat wie ich.

Es sollte immer lohnen, sich einer Sache anzunähern, sie zu erlernen, sie nach eigenem Gefühl zu perfektionieren. Besonders das Schreiben, welches Individualität in vollem Ausmaß zulässt und im Grunde als bunte Ausdrucksform fungiert, sollte doch jedem zugänglich sein. Denn ist es nicht oft einfach der Ausdruck, der heutzutage fehlt, das „Ventil“, sich auch mal selbst erklären zu können und verstanden zu werden?

Das Schreiben ist einzigartig, nicht durch den Stift und auch nicht durch das Papier, sondern durch den, der sich beider bedient, um seine persönlichen Gedanken und Beobachtungen aufzuschreiben.

Eure Saigel

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Die Zeitreisenden 2

1. Die Ankunft – Teil 2

»Ihre Sorge ist unbegründet, Sheriff Dunn. Wir sind im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte und bald werden wir auch stark genug sein, uns zu verschmelzen. Wenn das der Fall ist, werden wir Ihre Hilfe nicht mehr benötigen und Sie auch nicht länger in Anspruch nehmen.«
Sequel lächelte und streifte wie beiläufig ihre Handfessel ab. Ruhig legte sie die offenen Handschellen vor Dunn auf den Tisch. »Eine interessante, mechanische Spielerei, diese Handfesseln. Sie wurden unbequem. Es ist Ihnen doch recht, wenn ich sie ablege?«
»Zum Kuckuck …!« Dunn fielen fast die Augen aus den Höhlen. »Wie haben Sie das angestellt?«
»Es war doch nur ein mechanischer Verschluss. Wir spüren, dass Sie sich in unserer Anwesenheit unwohl fühlen. Das müssen Sie nicht. Wir sind nicht gekommen, um jemandem etwas zu Leide zu tun. Im Gegenteil. Wir sind nur hier, weil es auf Ihrer Welt und ihn Ihrem Zeitalter, historischen Unterlagen zufolge, etwas geben muss, dass wir dringend finden und von hier wegschaffen müssen. Es ist wichtig.«
»Sie kommen also aus der fernsten Zukunft zu uns, weil wir etwas besitzen, das Sie
unbedingt benötigen? Dass ich nicht lache!«
Sequel lächelte süffisant. »Halten Sie mich bitte nicht für arrogant, aber es hat vermutlich wenig Zweck, Sie weiter in unsere Aufgaben einzuweihen. Es würde uns jedoch helfen, wenn Sie uns verraten, welches Jahr wir haben und nach welcher Zeitrechnung es gezählt wurde.«
»Bitte was?«, fragte Dunn verblüfft. »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Sie wirken auf mich wie zwei äußerst wache Menschen. Und Sie wollen nicht wissen, welches Datum wir haben?«
»Bitte«, sagte Sequel, die inzwischen das Reden der beiden vollständig übernommen hatte. »Sie würden mir damit wirklich helfen. Wir haben einen sehr weiten Weg hinter uns und da kommt es durchaus zu gewissen Unschärfen. Wir hatten gewaltiges Glück, im richtigen Moment die Oberfläche des Planeten zu treffen. Daher vermute ich, dass wir noch im Plan sind. Wir wissen es aber nicht genau. Also?«
Der Sheriff presste seine Lippen zusammen. »Von mir aus. Wir haben den 17. März 2018.«
Die beiden blickten sich kurz an, sagten jedoch nichts. Dunn vermutete, dass sie wieder in Gedanken miteinander sprachen.
»Gut 2018. Und nach welcher Zeitrechnung? Was war vor 2018 Jahren?«
»Na, Christi Geburt. Was sonst?«
Sequels Lächeln wurde breiter. »Das hatten wir gehofft. Die Zeit stimmt, der Planet auch – jetzt müssen wir es nur noch finden.«
»Was finden? Worum geht es überhaupt?«
»Besser, Sie wissen es nicht.«
Dunn schlug mit beiden Händen auf den Tisch und erhob sich. »Ich hab jetzt endgültig die Schnauze voll von Ihnen beiden. Ich kann es auf den Tod hassen, wenn man mich nicht für voll nimmt und mich zu veralbern versucht. Ich lasse Sie jetzt eine Weile allein. Sie können sich ja dann überlegen, ob Sie mir nicht noch etwas zu erzählen haben.«
Er verließ den Verhörraum und schlug die Tür lautstark hinter sich zu. Draußen atmete er ein paar Mal tief durch und sah seinen Deputy an, der die ganze Zeit über hinter der einseitig durchsichtigen Scheibe gesessen und dem Gespräch im Verhörraum zugehört hatte.
»Und was jetzt?«, fragte Cole.
»Ich halte diese Idioten fest, bis ich sie weich gekocht habe. Die spielen ein Spiel mit mir, und so was kann ich nicht leiden.«
»Rein rechtlich können wir das nicht, Chef. Abgesehen davon, dass wir sie wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses dranbekommen können, haben wir nichts in der Hand. Sie sind nicht verpflichtet, Papiere mitzuführen.«
»Weiß ich selbst. Ich versteh auch nicht, wieso die mir so einen Schwachsinn auftischen müssen. Aber da ist immer noch die Frage, wieso sie identische Fingerabdrücke haben. Haben sie womöglich sogar die Wahrheit gesagt?«
Cole lachte leise. »Chef, die werden Sie doch nicht mit diesen Räuberpistolen
überzeugt haben?«
Dunn schüttelte den Kopf. »Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll. Sie machen in ihrer Geschichte einfach keine Fehler. Entweder ist sie einfach nur gut durchdacht und konsequent erzählt, oder es ist so, wie sie behaupten.«
»Wayne, ich hab Dein Gespräch von hier aus mitverfolgt. Diese Sequel ist sicher eine äußerst heiße Frau, aber lass Dich von der doch nicht einwickeln. Ich hab auch keine Ahnung, welche Ziele die beiden verfolgen, aber ich hab nicht das Gefühl, sie würden mit offenen Karten spielen.«
»Vielleicht sollten wir uns Unterstützung aus Omaha holen.«
»Damit uns die gesamte Polizei des Staates auslacht?«
Dunn blickte durch die Scheibe, wo die beiden sich nun gegenübersaßen und ihre Köpfe mit ihren Stirnen aneinanderdrückten. »Hey, was machen die den jetzt?«
Er sprang auf und öffnete die Tür zum Verhörraum. »Was tun Sie da?«
Sequel und Brungk reagierten nicht, worauf Dunn zu ihnen trat, um sie voneinander zu trennen.
Als er sie berührte, erschien es ihm, als stürze er in ein tiefes, dunkles Loch. Die Welt um ihn versank und nur noch Dunkelheit umgab ihn. Das Gefühl des Fallens war unangenehm, und in seiner Vorstellung ruderte mit Armen und Beinen, um Halt zu finden. Sein Gefühl für Zeit und Raum ging verloren und er hatte keine Vorstellung, wie lange es dauerte, als er plötzlich die Gegenwart von zwei Persönlichkeiten wahrnahm.
»Hallo?«, rief er. »Ist da jemand?«
»Entspann Dich«, ertönte es direkt in seinem Geist. »Es ist gleich vorbei.«
Im nächsten Moment befand er sich in einem fensterlosen Zimmer, dessen Decke und Wände Licht ausstrahlten. Er saß in einem bequemen Sessel und ihm gegenüber saßen Sequel und Brungk – jeder in einem ähnlichen Sessel wie er. Sie lächelten ihm zu. Sequel beugte sich etwas nach vorn. »Wir haben unsere vollen geistigen Kräfte inzwischen zurückerlangt. Da es uns nicht gelungen ist, Dich mit Worten zu überzeugen, haben wir uns entschlossen, Dich für einen Moment in unseren geistigen Zusammenschluss einzuladen. Es ist vielleicht einfacher, Dich zu überzeugen, dass wir die sind, die wir zu sein vorgeben.« Sie sah ihn prüfend an. »Alles in Ordnung?«
»Ob alles in Ordnung ist?«, fragte Dunn schrill. Hektisch blickte er sich um. Er verstand nicht, was soeben mit ihm geschehen war. »Überhaupt nichts ist in Ordnung. Was habt ihr mit mir angestellt? Ich will sofort zurück in den Verhörraum! Sofort!«
»Beruhige dich«, sagte Sequel sanft. »Dir wird nichts geschehen. Wir haben uns lediglich entschlossen, dir zu zeigen, dass du es nicht mit zwei Verrückten zu tun hast. Wir hatten nämlich den Eindruck, dass du uns kein Wort von dem glaubst, das wir dir erzählt haben.«
Dunn schnappte nach Luft. Er hatte sich immer für einen Menschen gehalten, den nichts leicht erschüttern konnte, doch jetzt spürte er aufkeimende Panik, wie er es noch nie erlebt hatte. »Wer zum Henker seid ihr? Was wollt ihr von mir?«
Seine Augen wanderten hektisch durch den Raum. Er suchte krampfhaft nach einer Fluchtmöglichkeit. Als hätte Sequel seine Gedanken gelesen, sagte sie: »Du brauchst nicht vor uns zu fliehen. Deine Angst ist unbegründet. Wir haben diesen Raum eigens geschaffen, um uns mit dir ungestört unterhalten zu können. Natürlich hätten wir es auch in der realen Umgebung tun können, doch – wenn wir ehrlich sind – hat uns dein Kollege Cole hinter der Spiegelwand irritiert. Hier sind wir ungestört.«
»Verdammt, ihr habt mich nicht gefragt! Das ist eine Entführung! Was denkt ihr eigentlich? Dass ihr mich einfach in einen Scheiß Kerker schaffen müsst, um mich weich zu kochen? Ich kann euch versichern, dass ihr gehörigen Ärger bekommt, wenn ich hier rauskomme!«
»Wir können dich verstehen«, warf Brungk ein. »Du bist gegen deinen Willen durch uns hierher transportiert worden. Es ist jedoch weder ein Kerker noch haben wir vor, dich zu irgendetwas zu zwingen. Wir möchten dir nur unsere Mission erklären und hoffen, dass du anschließend verstehst, wer oder was wir sind. Ich gebe allerdings zu, dass wir und
davon auch erhoffen, dass du uns hilfst. Aber das wird am Ende deine Entscheidung sein – nicht unsere. Begreifst du nun, dass wir dir nicht schaden wollen?«
Dunns erste Panik begann sich zu legen und sein Atem beruhigte sich etwas. »Ihr betont das zwar immer wieder, aber es übersteigt meinen Verstand. Es erklärt auch noch immer nicht, wer oder was ihr seid.«
Sequel beugte sich vor und berührte ihn sanft an der Hand. Dunn wollte sie erst zurückziehen, entschied sich dann jedoch dagegen. Es war wie ein leichter elektrischer Schlag, als sie seine Hand berührte, und was auch immer sie tat, es führte dazu, dass er sich entspannte.
»Ist jetzt alles in Ordnung? Bist du jetzt bereit, uns zuzuhören?«
Dunn nickte. »Ich weiß zwar nicht, was hier gerade abgeht, aber ja, ich bin in Ordnung.«
»Gut. Brungk und ich sind speziell für diesen Auftrag konfigurierte Menschen. Die Umweltbedingungen in unserer Heimat sind etwas anders als hier auf der Erde. Wir wurden geschickt, weil es auf der Erde etwas gibt, das so gefährlich ist, dass es den Fortbestand der menschlichen Rasse, des Planeten und vielleicht sogar des gesamten Sonnensystems gefährden könnte.«
»Bitte was? Du willst mich verscheißern, oder? Ihr kommt daher und wollt mir erzählen, dass das Ende der Welt bevorsteht und ihr das mal eben verhindern wollt? Hab ich das richtig verstanden? Seid ihr sowas wie Sekten-Heinis, die immer wieder mal den Weltuntergang prophezeien? Ich sag dir gleich: Ich glaub nicht an solchen Quatsch!«
»Ich weiß nicht, was eine Sekte ist, aber ich kann dir versichern, dass es mit einer Prophezeiung nicht das Geringste zu tun hat. Die Gefahr ist real und tödlich. Es gibt auf der Erde einen Mechanismus, der dafür geschaffen wurde, die Menschen, die Erde und zuletzt das komplette Sonnensystem zu zerstören. Er stammt aus der Zukunft und durchzieht die Zeitalter, bis zur Entstehung des Menschen. Wir wurden ausgeschickt, diesen Mechanismus zu finden und unschädlich zu machen.«
Dunn lief es eiskalt den Rücken hinunter. »Ihr wollt mich wirklich nicht verarschen? Es gibt tatsächlich so ein Ding auf der Erde?«
Sequel und Brungk blickten ihn ernst an. »Ja.«
Dunn schluckte. Sein Rachen fühlte sich an wie zugeschnürt. Seine Stimme klang heiser, als er fragte: »Wie viel Zeit haben wir noch?«
»Das kann man so einfach nicht sagen. Wenn wir versagen, mag es noch einige Planetenjahre dauern, bis es geschieht – es kann aber auch deutlich schneller gehen. Die Menschen würden davon nichts spüren. Es würde sie nur auf einmal nicht mehr gegeben haben. Eure Welt – und letztlich natürlich auch unsere Welt – würde es in dieser Form nie gegeben haben. Wir wären aus der Geschichte getilgt.«
Dunn brach der Schweiß aus. Er spürte, wie eiskalte Angst Besitz von ihm ergriff. Es war schwer zu glauben, was ihm die beiden erzählten, doch die Umstände ihres Gesprächs verlieh dem Ganzen eine irrationale Glaubwürdigkeit.
»Und Ihr sucht dieses – was immer es auch ist – und verschwindet damit wieder in Eure eigene Zeit?«
Sequel schüttelte den Kopf. »Das wird nicht gehen. Die erforderliche Technologie steht hier nicht zur Verfügung. Wir werden hierbleiben müssen und uns an die Menschen dieser Zeit anpassen.«
»Was ist es überhaupt, was Ihr sucht? Was kann so gefährlich sein, dass es unser Sonnensystem gefährden kann?«
»Was sagt Dir der Begriff ’Singularität’?«
Dunn machte ein fragendes Gesicht. »Nichts.«
Sequel nickte. »Das dachte ich mir. Weißt Du, die Menschheit ist nicht allein dort draußen im Kosmos. Es gibt noch eine Reihe anderer Intelligenzwesen, und nicht alle sind dem Menschen wohlgesonnen. Wir hatten Dir gesagt, dass wir aus einer weit entfernten Zukunft stammen. Das bedeutet gleichzeitig, dass die Menschheit und auch die anderen Rassen sich in dieser Zeit enorm weiterentwickelt haben – geistig, wie auch technisch. Der größte Feind des Menschen ist eine mächtige, insektoide Rasse mit gewaltigem technischen Wissen. Sie nennen sich Skrii, und sie setzen alles daran, die Menschheit aus dem Universum zu tilgen. Rein militärisch sind sie nicht in der Lage, uns endgültig zu besiegen, aber wir konnten erfahren, dass es Kriegern der Skrii gelungen sein soll, auf dem Mutterplaneten der Menschheit einen Mechanismus auszusetzen, der sich in winzigsten Schritten rückwärts durch die Zeit frisst. Das soll so lange weitergehen, bis die menschliche Rasse im Entstehen begriffen ist.«
»Und dann?«, fragte Dunn.
»Dann wird die Singularität im Innern des Mechanismus freigesetzt. Das bedeutet, dass von diesem Moment an die Materie des Planeten allmählich in diese Singularität stürzt und sie mit Masse anreichert. Irgendwann wird es zu einem regelrechten Schwarzen Loch werden und den gesamten Planeten verschlingen, bis nichts mehr von ihm übrig ist. Die Menschheit wird nie entstanden sein und statt eines blühenden Planeten wird ein kleines Schwarzes Loch Eure Sonne umkreisen. Wir würden aus der Geschichte des Universums getilgt. Das wollen wir verhindern. Wir werden zur Stelle sein, wenn der Mechanismus diese Zeit passiert, und ihn unschädlich machen.« Sie machte eine kurze Pause und sah Dunn prüfend an. »Ist das etwas viel für Dich?«
Dunn schluckte. »Wenn ich ehrlich bin … ja. Verdammt ich bin ein kleiner Sheriff in einem kleinen Nest, und Ihr erzählt mir Dinge über eine Gefahr für die gesamte Menschheit. Wie die Dinge liegen, ist es Euch auch verdammt ernst damit. Könnt Ihr denn dieses Singular-Ding unschädlich machen? Geht das so einfach?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Absolut nicht. Zunächst müssen wir das Gerät finden und seine Wanderung durch die Zeit stoppen. Zumindest das sollte für uns kein Problem darstellen.«
Dunn presste seine Fäuste gegen seine Schläfen. »Aber das ist doch alles Bullshit! Habt Ihr mir nicht im Verhörraum erzählt, dass Ihr einen Punkt irgendwo im All finden musstet, an dem unsere Erde am Endpunkt Eurer Zeitreise einmal gestanden hatte? Wenn das so kompliziert ist, wieso kann dann so eine Maschine einfach auf der Erde bleiben und in die Vergangenheit reisen? Da stimmt doch etwas nicht.«
Sequel nickte anerkennend. »Du beginnst, in den richtigen Bahnen zu denken. Es stimmt, das klingt unlogisch. Es sind jedoch zwei völlig unterschiedliche Dinge. Während wir in einem Zug durch die Zeit hierher gereist sind, wurde die Waffe der Skrii schon in der Zukunft auf der Erde deponiert. Sie gleitet von dort quasi in winzigsten Schritten durch den Zeitstrom in die Vergangenheit zurück. Dabei kann sie den Kontakt zum Planeten ständig neu justieren. Wir haben leider erst spät davon erfahren, was die Insektoiden getan haben und viel Zeit haben wir dabei verloren, zu errechnen, wie wir die Waffe noch aufhalten können.«
»Also jetzt mal ehrlich«, sagte Dunn. »Ihr könnt mich ja für einen ungebildeten Halbwilden halten, aber ist nicht bereits die Tatsache, dass wir uns hier unterhalten, in diesem … ja was ist das hier eigentlich? … ein Indiz dafür, dass der Plan dieser Fremden misslungen sein muss? Hätte er funktioniert, würde es weder Euch noch mich geben, oder?«
»Grundsätzlich folgerichtig gedacht«, stimmte Sequel zu. »Wenn man berücksichtigt, dass die Menschen dieser Epoche noch glaubten, Zeit verlaufe linear. Eine Katastrophe, von der ich nichts weiß, kann in der Vergangenheit nicht stattgefunden haben. Leider verhält es sich etwas anders. Zeit ist ein kompliziertes Gespinst von Möglichkeiten. Welchen Weg sie nimmt, hängt oft von Verkettungen winzigster Faktoren ab. Ich weiß, es ist nicht leicht, das zu verstehen, aber du musst dir vorstellen, dass jedes System seine eigene Zeit mitbringt, die zunächst einmal unabhängig von anderen existiert. So gibt es die Zeit der Erde, die einen komplizierten Weg von ihrer Entstehung über den heutigen Tag bis zu einer fernen Zukunft nimmt. Dann ist da diese Waffe der Skrii, die sich rückwärts durch den Zeitstrom der Erde ihren Weg zur Entstehung des Menschen sucht. Diese Waffe besitzt ihre eigene Zeit und sie verläuft nicht rückwärts, sondern vorwärts. Mit anderen Worten: Sie wird auf ihrem Weg rückwärts durch die Zeit der Erde älter. Solange sie ihr Ziel nicht erreicht hat, wird sie nicht aktiv werden, und erst, wenn das geschieht, beeinflusst sie den Zeitstrom der Erde.«
Sie blickte Dunn forschend an. »Kannst du mir folgen?«
Dunn nickte und schüttelte dann den Kopf. »Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.«
»Dann begreife einfach, dass wir diese Waffe finden und aufhalten müssen. Wir können sie aufspüren, sobald wir in ihrer Nähe sind. Leider haben wir nur einige Hinweise, wo wir suchen müssen. Wir sind gut ausgebildet, aber unsere Zeit liegt eben zwei Millionen Jahre in eurer Zukunft. Du kannst dir sicher vorstellen, wie lückenhaft unsere Kenntnis der Erde und ihrer aktuellen Verhältnisse ist. Die Recherche nach zutreffenden Daten hat uns viele Jahre gekostet, und wir können nicht sicher sein, dass alles korrekt ist, was wir herausgefunden haben.«
»Spricht man auf eurer Welt und in eurer Zeit noch so wie wir?«, fragte Dunn. »Ihr habt nicht den geringsten Akzent und sprecht ein perfektes Englisch.«
Brungk lachte. »Nein, unsere Sprache ist von eurer vollkommen verschieden. Allerdings ist verbale Kommunikation bei uns nicht mehr besonders wichtig. Bei uns gibt es den mentalen Schirm, in den sich jeder Bürger einloggen kann. Ist man verbunden, kann man mit jedem anderen Teilnehmer gedanklich kommunizieren. Für diesen Einsatz hat man uns alle Sprachmuster implantiert, die wir noch über diese Epoche finden konnten. Da unsere Hirnkapazität jedoch nicht ausreicht, sie alle gleichzeitig zu beherrschen, brauchten wir Eure Sprache als Schlüssel zur Installation der richtigen Sprache.
Aber es ist schon angenehm, dass unsere Daten so zutreffend waren. Es wäre fatal gewesen, wenn man uns für die falsche Epoche konditioniert hätte.«
Dunn sah ihn ungläubig an.
»Wir sind besonders konzipierte Menschen«, sagte Sequel. »Wie ich bereits sagte. Wir sind aufs Reden konditioniert worden, um in dieser Welt normal zu wirken.«
Dunn lachte humorlos auf. »Na, das ist euch ja verdammt gut gelungen. Ihr ahnt nicht, wie verdammt normal ihr auf mich wirkt.«


… wird fortgesetzt am 15. September 2018

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Wozu Schreibspiele führen können: Eine Ein-Satz-Geschichte

Es war einmal eine hässliche, hirnlose Schmeißfliege. Sie lebte in einem weit entfernten Königreich im Schweinestall des Schlosses. Der Schweinehirt war unsterblich in sie verliebt. Immer, wenn ihm die Schmeißfliege um die Nase surrte, machte sein Herz einen Hüpfer vor Freude.

Und dann atmete er sie ein. Nun war sie noch näher bei seinem Herzen, das vor Wonne gegen seine Rippen trommelte.

Die Prinzessin beobachtete dies in rasender Eifersucht. Sie stürmte ihm rasend entgegen, stolperte aber über eine quiekende Sau. Obwohl sie es nicht wusste, rettete die Sau dem Hirten damit das Leben, denn so traf das Messer, das die Prinzessin ihm ins Herz rammen wollte, nur seinen Fuß. “Verdammter Scheißdreck!”, fluchte die Prinzessin.

Der Schweinehirte brach über ihr zusammen. Die Fliege summte immer noch durch seine Lunge und suchte nach dem Ausgang oder wenigstens einer Tasse Kaffee.

Die Prinzessin bekam unter der Last kaum Luft, freute sich jedoch über so viel Körperkontakt zu ihrem Angebeteten und drehte sich um, um die Lage zu ihren Gunsten auszunutzen.

Er erbrach die Fliege zwischen ihre zum Kuss gespitzten Lippen.

Sie verzog angeekelt das Gesicht und spuckte die Fliege in eine Ecke mit Schweinemist, hielt dabei aber ihren Liebsten mit kräftigem Griff an den Oberarmen fest.

Derweil gönnte die Sau sich seinen Fuß.

“Summ”, sagte die Fliege.

Die Augen der Prinzessin weiteten sich vor Erschrecken, als sie sah, was mit dem Fuß des Schweinehirten vor sich ging.

Der Fuß interessierte den Hirten aber kaum, schließlich hatte sich die Fliege gerade den Kopf gestoßen! Plötzlich musste er mitansehen, wie eine andere Fliege vorbeikam und beide Insekten sich heißblütig aufeinander stürzten.

Wie paralysiert starrte die Prinzessin auf den Fuß.

Wutentbrannt nahm der Hirte die auf dem Boden liegende Fliegenklatsche und erschlug die beiden brünstigen Schmeißfliegen.

“Ewald”, hauchte die Prinzessin entzückt.

Ewald drehte sich zu ihr um und sah, dass er ein Messer und ein Schwein in seinem Fuß stecken hatte. Ihr Atem roch nach frischem Kaffee. “Isolde.” Ewald musste sich jetzt zwischen Isolde und seinem Fuß entscheiden. Während er nachdachte, kam seine Sekretärin herein und fragte: “Möchtest du einen Kaffee?”

Das Messer nahm die Prinzessin wieder an sich.

Die Sekretärin wurde leichenblass und verließ wieder den Raum.

Fröhlich sprudelte das Blut aus Ewalds Fuß.

Im Büro des Schweinehirten wählte die Sekretärin den Notruf und sagte: “Isolde hier, bitte schicken Sie schnell einen Krankenwagen!”

ENDE.

Diese Geschichte haben wir erstellt, in dem wir zu dritt nacheinander jeweils einen Satz geschrieben haben. Wenn ihr Lust habt, sie fortzusetzen, könnt ihr das gleich hier in den Kommentaren tun! Aber bitte jeder nur einen Satz, danke. 🙂

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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 4: Aufbruch ins Ungewisse

Tamara Vex war nicht die Sorte Frau der man widersprach. Tatsächlich trauten sich nur wenige Männer überhaupt ein Wort mit ihr zu wechseln. Die Stoßtruppführerin besaß Muskeln aus Stahl und diese wurden durch einen massiven Kampfanzug aus Aspexylplatten verstärkt, der ihr unmenschliche Kräfte verlieh. Nicht das sie den Anzug gebraucht hätte.
Der einzige Mensch an Bord, der ein Händchen für ihr aufbrausendes Temperament aufweisen konnte, war Archweyll. Sie lebten beide für den Nervenkitzel. Das verband sie auf einer Ebene, die kein anderer Mensch erreichen konnte. Wer glaubte, ihre zu einem Pferdeschwanz gebundenen roten Haare seien das pure Feuer, hatte noch nicht in ihre Augen gesehen. Tamara lebte für den Kampf.
„Wir werden die Station entern und die Ursache der molekularen Verzerrung erörtern“, erklärte Archweyll seinen Plan.
Der Stoßtruppführerin waren einhundert in Körperpanzer gehüllte Soldaten gefolgt, die sich in Zehnerreihen aufgestellt hatten, die Induktionsgewehre angelegt. Sie würden den ersten Ansturm bilden, der das morbide feindliche Herz zum Stillstand bringen sollte.
„Ich halte diese Idee nach wie vor für einen Fehler, das weißt du?“, fragte Clynnt Volker vorsichtig.
„Was soll ich denn sonst tun? Sie mit Rosinen bombardieren? Oder betteln, bis sich die Verzerrung freiwillig auflöst?“, knurrte Archweyll zynisch.
„Lass mich dich wenigstens begleiten. Wenn dein Kopf rollt, hat deine Truppe keinen mehr zum nachdenken“, flüsterte Clynnt. Sein Blick ging vorsichtig zu Tamara, um sicherzustellen, dass sie ihn nicht gehört hatte. Dann schweiften seine Augen zum Chefmechaniker und Clynnts Miene verfinsterte sich um ein Vielfaches. „Und das du ihn mitnehmen willst…“, begann er, doch Archweyll unterbrach ihn mit einer brüsken Handbewegung.
„Wenn mein Kopf rollt, bist du der einzige, der dieses Schiff noch retten kann. Außerdem brauche ich jemanden, der die Entertorpedos manuell aktiviert und abfeuert. Das traue ich nur dir zu. Howard Bering wird mich begleiten, weil er ein umfangreiches Wissen über die Dunklen Engel gesammelt hat. Das könnte nützlich sein. Außerdem möchte ich ihn lieber in meiner Nähe wissen. Wenn er etwas ausheckt, werde ich sicherstellen, dass es ihm Leid tun wird.“ Die Worte des Kommandanten ließen keinen Widerspruch zu.
„Noch 0,02 Parsec bis zum Ziel“, unterbrach sie die Stimme eines Navigators.
„Die Stunde hat geschlagen. Ich verlasse mich auf dich. Wenn etwas schiefgeht, sollst du wissen, dass ich dich sehr zu schätzen gelernt habe, alter Freund“, sagte Archweyll.
Clynnt nickte matt. Dann klopfte er dem Kommandanten auf die Schulter und schritt wortlos in die Navigatorenkabine.

Die Entertorpedos besaßen einen Durchmesser von drei Metern und liefen vorne spitz zu. Jedes Geschoss besaß Platz für zehn Mann. Die Geschossspitze war mit rasiermesserscharfen Werkzeugen ausgestattet, die den Torpedo in Windeseile durch eine Außenbordwand fräsen konnten.
Archweyll bugsierte seinen massigen Körper auf einen der viel zu engen Sitze und sofort schlossen sich Gurte um seinen Körper, als wären sie die Arme einer Geliebten.
„Initiiere Abschussvorrichtungen“, knisterte es aus einem Lautsprecher
„Ah, Hallo Bebsy“, frohlockte der Kommandant. „Mensch, die Gurte sind aber wirklich eng. Besonders an den intimen Stellen. Man könnte fast meinen du meinst es heute gut mit mir.“ Er stieß ein derbes Lachen aus.
„Du redest wirklich immer noch mit ihr?“, Tamara nahm seufzend neben ihm Platz und ihre smaragdgrünen Augen durchbohrten Archweyll wie Projektile.
„Hier im Warp wird man schnell einsam“, erklärte er mit eindringlichem Blick und verschmitztem Grinsen.
„Schau mich noch eine Sekunde so an und ich breche dir sämtliche Knochen“, knurrte die Stoßtruppführerin und ihre Wangen begannen zu glühen wie zwei Lampions.
Archweyll war klar, dass er sich in die rote Zone befördert hatte, also beließ er es dabei, bevor er möglicherweise den Verlust von Körperteilen riskierte.
„Und es sind wirklich keine Feinde auf der Raumstation? Nicht mal ein paar?“, Tamara klang ehrlich enttäuscht.
„Und eine Person mehr, die meiner Arbeit nicht vertraut“, seufzte Howard Bering, während er auf einem der Sitze Platz nahm.
„Und dabei war es gerade so kuschelig hier“, feixte Archweyll mit düsterer Stimme. Der Anblick der wabernden Tentakeln versetzte seiner aufgesetzten Stimmung einen herben Dämpfer.

Die Pforte des Torpedos schloss sich zischend hinter dem Chefmechaniker und der Kommandant konnte hören wie die Triebwerke angedockt wurden.
„Dann ist es vielleicht gut, dass er hier ist. Noch ein bisschen mehr kuschelig und hier wäre was schiefgegangen“ betonte Tamara und ballte die Faust, als würde sie dem Kommandanten verdeutlichen wollen, dass sie ihn wie ein Insekt zerquetschen konnte.
„Kannst du mich hören?“, knisterte Clynnt Volkers Stimme aus dem Lautsprecher.
Tausende Lobpreisungen für dieses Deeskalationstalent, dachte sich Archweyll. „Schieß los“, erwiderte er.
„Wir sind fast in Schussreichweite. Ich hoffe, ihr habt euch alle gut angeschnallt?“
„Keine Sorge, Bebsy hat sich wirklich vortrefflich um mich gesorgt“, versicherte Archweyll. Für einen Moment war es still.
„Du redest wirklich immer noch mit ihr?“, knistere es aus dem Lautsprecher.
Tamara konnte ein Kichern nicht unterdrücken.
„Sieht wohl so aus“, knurrte der Kommandant. Langsam langweilte ihn dieses Spielchen.
„Ich werde gleich den Countdown initiieren. Die Triebwerke sind aktiv und die Kette wird euch gleich nach draußen ziehen“, erklärte der Chefnavigator.
Mit diesen Worten ging ein Ruck durch die Kapsel und plötzlich geriet Leben in den Torpedo.

„Na dann mal los“, feixte Archweyll und begann damit ein Liedchen zu summen. Aber seine Hand hatte sich fest um den Griff seines Schwertes gekrallt. Diese Anspannung vor einer möglichen Schlacht war ein unbeschreiblich gutes Gefühl. Er sah zu Tamara und stellte fest, dass es ihr genauso erging. Dafür hätte er sie fast umarmen können, hätte Bebsy nicht ihre Einwände gehabt. Dann ertönte der Countdown. Jede Muskelfaser in Archweylls Körper spannte sich an. Ein unsagbarer Ruck ging durch das Geschoss, als die Triebwerke zündeten und die kleine Metallkapsel in den Rachen des Warp schleuderten.
„Bereit machen zum entern!“, befahl der Kommandant. Ihr Flug dauerte nur ein paar Sekunden, das wusste er. Sein Blick ging zu Howard Bering.
Der Chefmechaniker hatte erneut dieses wissende Lächeln aufgelegt, das Archweyll einfach nicht gefallen wollte. Wenn irgendetwas schiefging, würde er dafür Sorge tragen, dass Howard an seinen hässlichen Tentakeln ersticken würde.
Mit einem lauten Krachen trafen sie auf die Außenbordwand der Raumstation. Die gesamte Besatzung des Torpedos wurde durchgeschüttelt. Der Gurt presste sich in seinen Kampfanzug und für eine Sekunde ging Archweyll die Luft aus. Für einen Moment sah er die Sterne des Warp vor seinem inneren Auge aufflammen wie ein Meer aus Lichtern.
Das mechanische Sirren der Apparaturen des Gefechtskopfes holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Langsam bohrte sich der Torpedo durch die Hülle der Raumstation.
„Gurte deaktivieren!“, rief der Kommandant lauthals. Es summte wie in einem Wespennest, als die Vorrichtungen entfernt wurden und ihm endlich wieder Bewegungsfreiheit gewährten. „Danke Bebsy, du warst großartig“, lobte Archweyll. Doch seine Miene wurde schlagartig wieder ernst, als der Gefechtskopf von seinem Rumpf entfernt wurde und mit einem metallischen Aufschrei zu Boden ging.
Einheitliche Schwärze empfing sie und ein ungutes Gefühl schlich sich in Archweylls Magengrube. Was immer sie hier empfangen sollte, es entzog sich ihrer Vorstellungskraft.
Noch hatte er keine Ahnung, wie bald sich dieses Gefühl bestätigen sollte…

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Die Zeitreisenden 1

1. Die Ankunft – Teil 1

Die nun folgende Geschichte besitzt mehrere Teile. Ursprünglich als Kurzgeschichte geplant, wurde daraus ein Kurzroman, den ich euch hier vorstellen möchte. Ich werde an jedem der folgenden Samstage jeweils einen neuen Teil vorstellen und würde mich freuen, eure Meinungen dazu zu erfahren. Zunächst wünsche ich viel Spaß bei der Lektüre des ersten Teils!


»Was hältst Du von den beiden?«, fragte Sheriff Wayne Dunn seinen Deputy. Lawrance Cole sah durch die Scheibe zu dem Pärchen hinüber, dass sie splitternackt am Coyote Run am Ortsrand von Thedford aufgegriffen hatten.
»Keine Ahnung. Vielleicht sollten wir die Behörden in Omaha informieren.«
Dunn lachte humorlos. »Um denen zu demonstrieren, dass wir die Sache hier nicht im Griff haben? Was sollte ich denen auch sagen? Dass wir ein nacktes Pärchen an einer Durchgangsstraße aufgegriffen haben, ohne Papiere und nur mit einem kleinen Beutel voller rätselhafter Gegenstände?«
Cole deutete mit dem Kopf zu ihren Gefangenen, die stumm nebeneinander im Verhörraum saßen und sich nicht ansahen. »Sie sind merkwürdig, oder? Sehen aus, als wären sie einem Modemagazin entsprungen. Sie wirken weder wie Exhibitionisten, noch wie irgendwelche Verbrecher.«
»Bisher ergab der Abgleich mit den Fahndungslisten auch keine Ergebnisse. Aber was soll’s? Wir werden schon etwas aus ihnen herausbekommen.« Er erhob sich. »Kommst Du mit rein, oder schaust Du lieber von hier aus zu?«
Cole nippte an seinem Kaffee. »Lass mich mal hier sitzen. Ich kann Dich später ablösen, wenn sie weiter so schweigsam sind.«
Dunn nickte und öffnete seufzend die Tür zum Nebenraum. Der Mann trug nun Hemd und Hose, die sie ihm gegeben hatten, um ihre Blößen zu bedecken, die Frau trug ein langes Hemd, das sie in der Taille mit einer Kordel zusammengebunden hatte und wie ein kurzes Kleid wirkte. Ihre langen, weißblonden Haare trug sie offen, wie einen dichten Vorhang um die Schultern, bis auf den Rücken.
»Haben Sie es sich überlegt?«, fragte er. »Wir haben eine Menge Zeit, wenn Sie sich weiterhin weigern, uns zu erzählen, wer Sie sind. Wollen Sie vielleicht einen Kaffee oder ein Wasser?«
Sie antworteten nicht.
»Nein? Mir soll es recht sein. Also: Wie sind Sie zu der Straße gekommen, an der wir Sie gefunden haben? Wo ist Ihr Fahrzeug? Wo Ihre Kleidung? Hat Sie jemand dort abgesetzt?«
Der Mann bewegte sich plötzlich. »Mein Name ist Brungk. Meine Begleiterin heißt Sequel. Wir wollten nicht unhöflich sein, mussten jedoch zunächst Ihre Sprache erlernen. Die Analyse ist abgeschlossen. Wir können kommunizieren.«
Dunn öffnete seinen Mund, schloss ihn aber sogleich wieder. Einen Moment sah er verständnislos zwischen den beiden hin und her. »Sagen Sie, wollen Sie mich verarschen? Sie wollen mir erzählen, sie hätten unsere Sprache vorhin noch nicht verstanden, und jetzt reden Sie, als hätten Sie nie etwas anderes getan?«
»So ist es. Bei uns wird höchstens verbal kommuniziert, wenn es sich nicht vermeiden lässt, aber wir können es, wenn wir es gelernt haben. Ich danke Ihnen für Ihre vielen verbalen Vorlagen, die Sie uns mit Ihrem Kollegen gegeben haben.«
Er hob seine Hände. »Hat es einen Grund, warum man uns diese Handfesseln angelegt hat?«
Dunn schüttelte den Kopf. »Zurück zum Thema. Sie sind also Brungk. Und weiter?«
»Wie? Ich heiße Brungk. Nur Brungk.«
»Und ich heiße nur Sequel«, sprach die Frau mit klarer, wohlklingender Stimme. »Aber wir sind nicht hier, um über Dinge zu sprechen, die Sie nicht verstehen. Wir sind Forscher.«
»Forscher«, sagte Dunn skeptisch. »Haben Sie kürzlich mal in den Spiegel geschaut? Sie sind doch höchstens Mitte zwanzig und sehen aus, wie aus einem Modemagazin. Was können Sie schon erforschen?«
»Lassen Sie sich nicht von unserem Äußeren täuschen. Wir sind sicher älter als Sie vermuten, und wurden lange auf unsere Mission vorbereitet. Wir würden es begrüßen, wenn Sie uns helfen, einen bestimmten Ort zu finden.«
Dunn zog seine Brauen hoch. »Einen bestimmten Ort? Genauer geht’s wohl nicht? Sonst haben Sie keine Probleme? Ich werd Ihnen jetzt mal was sagen: Solange Sie solche Spielchen mit mir spielen, werden Sie nirgendwo hinkommen, Mr Brungk.«
»Einfach nur Brungk.«
Dunn schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Hören Sie endlich auf, mich zu veralbern!«
»Wir machen uns nicht über Sie lustig«, sagte Sequel. »Wir verstehen nur nicht, wieso es für Sie wichtig ist, unsere Identität zu kennen. Wir kannten uns vor unserem Erscheinen nicht und werden uns sicher nicht mehr wiedersehen, nachdem wir unsere Mission fortgesetzt haben.«
»Sie beide kosten mich den letzten Nerv, wissen Sie das? Sie sind verpflichtet, sich jederzeit, zumindest mit Ihrem Führerschein, ausweisen zu können. Ich bin berechtigt, Sie hier festzuhalten, bis wir diesen Punkt geklärt haben. Es liegt also an Ihnen, ob Sie mit uns zusammenarbeiten, oder unsere Arbeit behindern.«
Er griff den Beutel, den sie den beiden abgenommen hatten und schüttete seinen Inhalt auf den Tisch. Dunn hatte die Sachen schon vorher in Augenschein genommen, aber weitergebracht hatte ihn das nicht. Er hielt einen Gegenstand hoch, der entfernt an einen Kugelschreiber erinnerte. Er fühlte sich kühl an und bei der ersten Berührung wirkte es beinahe elektrisierend. Die Spitze leuchtete einen Moment lang schwach, verblasste aber bald wieder.
»Was ist das?«, fragte er. »Wozu dient es?«
Er deutete auf eine Reihe von bunten Ringen und Würfeln, die ebenfalls in dem Beutel waren. Sie waren überraschend schwer, eine Funktion schienen sie nicht zu haben. »Oder dieses Zeug. Das ist doch sicher kein Schmuck, oder?«
Die beiden Fremden sahen Dunn nur an und schwiegen. Dunn trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tisch. »Na gut. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir Ihre Fingerabdrücke überprüft haben. Was denken Sie, was wir dann über Sie erfahren? Wenn Sie etwas zu sagen haben, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.«
Es klopfte an der Tür und Cole steckte seinen Kopf herein. »Wayne? Kannst Du mal kurz rauskommen?«
Dunn erhob sich und ließ seine Gefangenen allein im Verhörraum zurück. »Was gibt es denn?«
Cole hielt ihm einige Papiere entgegen. »Die Ergebnisse aus Omaha sind da. Sie werden Dir nicht gefallen.«
Dunn griff sie und studierte sie. »Das gibt’s doch überhaupt nicht. Das muss ein Irrtum sein.«
»Ich hab eben noch mit dem FBI telefoniert. Sie bestehen darauf.«
Dunn schüttelte den Kopf. »Keine zwei Menschen auf der Erde haben exakt dieselben Fingerabdrücke. Nicht einmal bei Zwillingen gibt es das, und diese Zwei dort drinnen sind ganz sicher keine Zwillinge.«
Cole zuckte die Achseln. »Was willst Du jetzt von mir hören? Du erwartest doch nicht, dass ich Dir sagen kann, was hier los ist? Aber bist Du Dir sicher, dass wir sie tatsächlich festhalten können? Allein die Tatsache, dass wir nichts über sie wissen, macht sie nicht gleich zu Verbrechern.«
»Das weiß ich selbst! Trotzdem hab ich das Gefühl, dass mit den beiden etwas nicht stimmt. Sie können doch nicht von Himmel gefallen sein. Niemand hat sie kommen sehen und plötzlich stehen sie nackt an der Straße. Keine Papiere, kein Geld, nichts, abgesehen von diesem Spielzeugkram, den die Frau in ihrem Beutel hatte. Das gibt es doch nicht. Ich will wissen, was da los ist.«
»Dann wünsch ich Dir viel Spaß«, sagte Cole grinsend. »Ich würd sie laufen lassen, mich entspannt zurücklehnen und sie vergessen.«
Dunn brummte etwas und öffnete die Tür zum Verhörraum. Brungk und Sequel saßen noch so da, wie sie gesessen hatten, als er den Raum verlassen hatte. Er setzte sich den beiden gegenüber und legte betont ruhig seine Hände auf die Tischplatte.
»Die Auswertung Ihrer Fingerabdrücke liegt vor, und Sie können sich vermutlich denken, dass ich jetzt erst recht weitere Fragen an Sie habe.«
Sequel warf ihre langen, weißblonden Haare zurück und sah ihn irritiert an. »Und aus welchem Grund?«
»Weil Sie beide exakt identische Fingerabdrücke besitzen. Keine zwei Menschen auf diesem Planeten haben dieselben Fingerabdrücke. Erklären Sie mir, warum das bei Ihnen anders ist.«
»Ich denke, Sie gehen von falschen Prämissen aus. Sagen wir einfach, wir sind nicht hier aus der Gegend. Wo wir herkommen, sind identische Fingersignaturen ein Zeichen für Zusammengehörigkeit. Wir wurden als biologisches Konzept geschaffen, weil unsere Forschung uns lange Zeit von unseren Bezugsgruppen trennen wird, und ein Paar als kleinstes Konzept die größte Wahrscheinlichkeit auf Erfolg verspricht.«
Sheriff Dunn sah sie an, als wäre sie ein Geist. »Was zum Henker erzählen Sie mir da? Das ist doch alles Bullshit! Ich will endlich wissen, woher Sie kommen und was Sie vorhaben.«
Sequel sah Brungk an, und Dunn war sicher, dass sie so etwas wie einen nonverbalen Dialog führten. Schließlich nickte Brungk und Sequel wandte sich ihm wieder zu. »Wir sind bereit, Ihnen alles zu erzählen, auch wenn wir glauben, dass Sie es nicht verstehen oder zumindest nicht glauben werden.«
Dunn lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Sie können es ja mal versuchen.«
»Wir haben einen weiten Weg hinter uns. Wir sind Menschen, stammen jedoch nicht von dieser Welt, die Ihr Erde nennt. Unsere Geburtswelt trägt den Namen Lorana und ist viele Lichtjahre von hier entfernt. Ich könnte Ihnen die genaue Position nennen, aber ich fürchte, das würde Ihnen nicht viel sagen. Unsere Heimat ist nicht nur weit von hier entfernt, sie liegt auch in einer Zeit, die aus Ihrer Sicht in einer weit entfernten Zukunft liegt. Wir können Ihnen leider nicht genau sagen, wie viele Ihrer Jahre das sind, da die Zeitrechnungen im Laufe der Zeitalter oft gewechselt wurden.«
Sheriff Dunn starrte sie mit offenem Mund an. »Sagen Sie, wollen Sie mich testen? Erscheint hier gleich ein Kamerateam von Kanal 9 und ich werde vor Millionen Zuschauern als Depp der Nation vorgestellt?«
»Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«
»Na hören Sie! Sie tischen mir eine so verrückte Geschichte auf und verlangen, dass ich Ihnen das abnehme? Aber okay, ich spiele Ihr Spiel mal eine Weile mit. Sie kommen also von einem weit entfernten Planeten und aus einer Zeit, die viele Jahre in der Zukunft liegt. Hab ich das so weit richtig verstanden?«
»So ist es.«
»Dann sind Sie so etwas wie Aliens?«
Sequel überlegte einen Moment. »Wenn Sie damit meinen, dass wir eine fremde Lebensform darstellen, ist das falsch. Wir sind Menschen wie Sie … oder besser: ähnlich wie Sie.«
»Und was macht den Unterschied aus?«, fragte Dunn, inzwischen gelangweilt.
»Sie stellen die archaische Form des Menschen unserer frühen Vorfahren dar. Wir besitzen ein optimiertes genetisches Gerüst und sicher einige Fähigkeiten, über die Sie nicht verfügen. Allerdings sind wir von der Reise noch etwas geschwächt und können das Potenzial nicht voll ausschöpfen. Das ist auch der Grund, aus dem wir Ihre Hilfe benötigen.«
Dunn nickte. »Das können Sie laut sagen. Sie brauchen verdammt Hilfe, wenn Sie von dem überzeugt sind, was Sie erzählen. Fangen wir noch einmal dort an, wo sie nackt an der Straße gestanden haben. Wieso überhaupt nackt, und wo ist Ihre Kleidung geblieben? Sie sind doch sicher nicht völlig nackt gestartet, von wo Sie gekommen sind.«
Sequel lächelte zum ersten Mal. »Oh doch. Es ist zu gefährlich, körperfremde Dinge mit in das Zeitfeld zu nehmen. Wir mussten so kommen, wie wir geschaffen wurden.«
»Zeitfeld. Klar. Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin. Scottie hat Sie also quasi nackt durch die Zeit in unsere Welt gebeamt, und schon stehen Sie entspannt an unserer Durchgangsstraße.«
»Wer ist Scottie?«
Dunn winkte ab. »Ich geb ’s auf. Sie ziehen das Ding wirklich durch bis zum Schluss, was? Aber mal im Ernst: Sie hatten Ihren Spaß. Gegen Sie liegt im Grunde nichts vor. Ich hab nur ein Problem damit, dass Ihre Fingerabdrücke identisch sind. Dafür muss es doch einen nachvollziehbaren Grund geben. Wie macht man so was? Und warum?«
»Hab ich doch erklärt: ein Zeichen für Zusammengehörigkeit. Brungk und ich wurden als Paar geschickt. Wir sind vollständig kompatibel und fungieren als Einheit. Nur wir können untereinander in Gedanken miteinander sprechen und unseren Geist miteinander verschmelzen.«
Der Sheriff schüttelte den Kopf. »Mir wird das allmählich zu bunt. Aber wenn Sie sich schon so ein vollständiges Szenario ausgedacht haben, können Sie mir ja sicher erklären, wie man so einfach durch die Zeit hierher geschickt werden kann, oder?«
Er sah die beiden auffordernd an.
Sequel nickte ihrem Partner zu, der das Wort ergriff: »Wir haben nicht gesagt, dass es einfach war. Im Gegenteil. Es hat uns Jahre gekostet, diese Welt so genau zu treffen. Viele vor uns sind bei dem Versuch gestorben. Sie haben völlig falsche Vorstellungen davon, wie eine Zeitreise funktioniert. Sie stellen sich vor, wir hätten an einer identischen Stelle in der Zukunft gestanden und wären nur zurückgereist. Im weitesten Sinne ist das sogar korrekt, weil eine Reise durch die Zeit eben nicht gleichzeitig auch eine Reise durch den Raum darstellt. Sie ahnen nicht, wie viel Bewegung in jedem einzelnen Staubkorn dieses Planeten steckt. Er dreht sich um sich selbst, umkreist seine Sonne, die wiederum das galaktische Zentrum umkreist. Die Galaxis steht auch nicht still, sondern ist Bestandteil einer lokalen Gruppe von Galaxien, die in ihrer Gesamtheit um einen Superhaufen von über 2000 Galaxien rotiert. Können Sie sich vorstellen, welche Rechenleistung erforderlich ist, herauszufinden, an welcher Position Ihr Planet rund zwei Millionen Jahre vor unserer ursprünglichen Gegenwart gestanden hat? Uns reichte dabei keine grobe Schätzung, sondern wir brauchten das Ziel bis auf wenige Zentimeter genau, sonst wären wir entweder im All oder mitten im Planeten herausgekommen. Wir fürchten, dass es einigen unserer Vorgänger so ergangen ist, denn wir erhielten nie eine Nachricht von ihnen.«
Dunn lachte leise. »Sie wollen also zwei Millionen Jahre aus der Zukunft kommen? Willkommen in Thedford, dem Treffpunkt der Zeitalter. Was wollen Sie trinken?«
»Was wir trinken wollen?«
»Leute, das nennen wir archaischen Alten Ironie. Vermutlich kennt man das in zwei Millionen Jahren nicht mehr.«
»Sie glauben uns noch immer nicht.«
»Und das wundert Sie? Ihre Geschichte wird von Mal zu Mal haarsträubender. Es fällt mir zunehmend schwerer, sie ernst zu nehmen. Vielleicht sollte sich ein Psychologe mit Ihnen befassen, denn ganz normal kommen Sie mir nicht vor.«


… wird fortgesetzt am 8. September 2018

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