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Monat: August 2018

Der Aufbau einer Rezension


Viele machen sich Gedanken über die „perfekte“ Rezension. Sie durchstöbern hierfür die unterschiedlichsten Plattformen, fragen Google oder machen sonstwas, um das, was sie schreiben möchten, so gut wie möglich rüberzubringen.

Doch in meinen Augen gibt es nicht die „perfekte“ Rezension sondern eine, die mein Interesse an der Handlung des Buches weckt und mich dazu veranlasst, das Buch zu holen oder auf meine Wunschliste zu setzen.

Also habe ich mich auch mal hingesetzt, um zu sehen, was macht die Rezension bzw. den Aufbau eigentlich aus.

Ich muss gestehen, dass ich nicht das fand, was mich zu 100 % überzeugt hat. Darüber hinaus gebe ich zu, dass ich auf der einen oder anderen Internetseite etwas gefunden habe, was mich hat hellhörig werden lassen.

Hier mal eine kleine Zusammenfassung von dem, was einem helfen kann eine Rezension zu schreiben und sich von Mal zu Mal zu verbessern.

Die Rezension im Kurzen

Die Rezension an sich ist eine kurze Inhaltsangabe eines Buches, welche eine Erläuterung der eigenen Meinung zu dem Gelesenen wiedergibt.

Sie besteht aus folgenden Elementen:

  1. Überschrift
  2. Einleitung
  3. Hauptteil
  4. Schluss

Im Grunde ähnlich aufgebaut wie Kurzgeschichten, Romane und die altbekannten Aufsätze aus der Schulzeit.

Nun zu den einzelnen Elementen der Rezension:

       1. Die Überschrift

Hier notiert man den Autor und den Titel des Buches, das man gelesen hat.

        2. Die Einleitung

In der Einleitung stehen Informationen über das Buch. Hierzu gehören:

  1. Erscheinungstermin und Verlag
  2. Umfang (Seitenanzahl)
  3. Erstlingswerk eines Autors oder weitere Titel (Bibliographie)
  4. Teil einer Buchreihe
  5. Biographische Informationen zum Autor
  6. Buchart (Taschenbuch, Hardcover, ebook, Hörbuch, etc.)

Vielleicht kann man hier auch den einen oder anderen Punkt zusammenführen oder mit Links erweitern. Vor allem das Recherchieren von Links benötigt Zeit, reduziert jedoch die Länge des Textes und bringt den Leser des Artikels dazu, sich ein wenig umzusehen.

       3. Der Hauptteil

Hier findet der Leser eine grobe Zusammenfassung der Handlung. Allerdings ist hier darauf zu achten, dass man nicht zuviel verrät. Am besten funktioniert es, sich an den Highlights entlangzuschreiben, aber nicht das Ende zu verraten.

Die Hauptfiguren (Protagonist/Antagonist) darf man natürlich nicht vergessen, denn die machen den Roman ja aus.

Auf Schreibstil des Autoren, Stilmittel und Spannungsaufbau sollte man ebenso eingehen, doch die Intensität kann variieren.

Äußert man Lob oder Kritik, sollte daran denken, diese Punkte auch zu begründen.

       4. Der Schluss oder auch die Leseempfehlung

Hier sollte man darauf eingehen, wem das Buch gefallen könnte und wem nicht. Ein Vergleich mit anderen Büchern hilft dem Leser der Rezension dabei, Vergleiche zu ziehen und zu entscheiden, ob ihn das Buch interessieren könnte. Hierbei macht es in meinen Augen nicht den Unterschied, ob man sich das Buch in einer Buchhandlung oder via Internet kauft oder einfach nur ausleiht.

Hat die Handlung indes nicht gefallen haben, sollte man die Begründung der Kritik nochmals in einer abgewandelten Form erneut aufgreifen.

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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 3: Es lauert in den Schatten

Wutentbrannt stampfte Archweyll auf der Brücke auf und ab. Er hatte seinen Männern befohlen, die Leiche des Dunklen Engels zu entsorgen, trotz aller Proteste seitens des Chefmechanikers. Auf dem Schiff hatte immer noch er das Sagen und Bering musste das akzeptieren. Wieder und wieder gingen ihm die Worte durch den Kopf, die er mit Howard gewechselt hatte.
Möglicherweise möchte uns etwas zu sich rufen.
Bei diesem Gedanken musste er schaudern. Zwar war er ein erfahrener Kommandant, aber den tödlichen Gefahren der Leere war er noch nie so direkt ausgesetzt gewesen. Archweyll blickte aus der riesigen gläsernen Frontkuppel in die Unendlichkeit des Warps. Die Dunkelheit hatte sich an sein Schiff geschmiegt wie eine Katze, die aber jederzeit bereit war die Krallen in sie zu versenken. Mittlerweile hatten die ersten Notstromaggregate ihre Arbeit eingestellt. Bald würde auch die Kommandobrücke ohne Energieversorgung dastehen. Das war der Moment, an dem sie restlos verloren waren.
Der Kommandant unterdrückte einen Wutausbruch. Er durfte nicht die Fassung verlieren, sonst würden die Männer und Frauen an Bord es ihm gleichtun.

Plötzlich ertönte aus der Navigatorenkabine ein markerschütternder Schrei, der klang als würden mehrere rostige Sägeblätter in einem schrillen Kampf aufeinandertreffen.
Archweylls Herz machte einen Satz. Dann rannte er los. Er spürte seinen Puls rasen und alle Systeme in ihm waren in Alarmbereitschaft versetzt. Die Hand am Induktionsrevolver schritt er vorwärts.
Das Kreischen nahm kein Ende. Es fühlte sich so an als müsse sein Kopf jede Sekunde zerplatzen wie eine reife Frucht. Sämtliche Nackenhaare stellten sich ihm zu Berge.
Alle Besatzungsmitglieder der Brücke eilten zur Kabine, wo ein Mann zitternd am Boden lag. Blut trat aus seinen Ohren und er schien bewusstlos zu sein. In seiner Hand hielt er ein Funkgerät. Daraus kamen die Schreie.
„Nicht zu nahe an ihn herantreten!“, befahl der Kommandant und zielte mit dem Revolver.
„Nein, nicht!“, schrie Clynnt lautstark und rannte auf Archweyll zu. „Das sind meine Männer! Du kannst sie nicht einfach töten!“
Es knallte laut, als der Induktionsrevolver eine Salve gebündelter Energiekugeln abfeuerte. Mit einem lauten Krachen sprang die Funkanlage entzwei, als die Kugeln detonierten. Funken tanzten wie Irrlichter durch den Raum und eine Rauchwolke hüllte die Kabine ein. Aber das Kreischen war verstummt.
„Holt mir sofort einen Apothekaris hier hoch!“, bellte Archweyll in sein Mikrofon. Sein Blick traf den seines Chefnavigators, welcher schwer atmend vor ihm innegehalten hatte.
„Für einen Moment dachte ich, du willst ihn umlegen“, gestand dieser keuchend.
„Was hätte es uns genutzt? Er ist nicht für diesen Aufruhr zuständig“, merkte der Kommandant achselzuckend an. Dann steuerte er auf die verkohlte Funkanlage zu. „Die wird uns nie wieder anschreien“, stellte er nüchtern fest. Zeitgleich bemerkte er, dass dies automatisch bedeutete, dass ihr Funkkontakt zur Außenwelt für immer verstummt war.
„Sir, was war das gerade?“, fragte eine Navigatorin. Ihr Gesicht war genauso bleich wie ihr Anzug und sie zitterte am ganzen Körper.
„Ich weiß es nicht“, gestand der Kommandant. „Clynnt?“

Bevor dieser etwas erwidern konnte, öffnete sich die Hauptpforte der Kommandobrücke und ein Team, bestehend aus einem Apothekaris und vier mechanischen Assistants, rollte herein. Die vierbeinigen Roboter hievten den Mann auf eine Trage und legten einen Zugang.
„Er hat einen Schock erlitten und sein Trommelfell ist geplatzt“, diagnostizierte der Arzt. „Er sollte bald wieder wohlauf sein. Bis dahin bringen wir ihn in den Krankenflügel.“ Mit einem Nicken verabschiedete er sich und war genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war.
Gemurmel machte sich unter der Besatzung breit.
Archweyll war bewusst, dass es ein Ding von wenigen Stunden war, bis sich die Nachricht auf dem ganzen Schiff verbreitet hatte. Was zur Hölle hatte dort Kontakt mit ihnen aufgenommen? Oder war es nur eine Fehlfrequenz gewesen? Hier draußen? Das erschien Archweyll unwahrscheinlich. Unbehagen breitete sich in ihm aus, eine kalte Hand griff geradewegs durch seine Brust und hielt sein Herz eisern umklammert.
„Sir…“, stotterte plötzlich eine unsichere Stimme. Ein Navigator trat aus der Gruppe heraus und deutete in die Kabine, in der sich der Rauch mittlerweile gelegt hatte. Auf den Radarschirmen blinkte es unheilverkündend. Sie waren nicht mehr alleine in der Leere.
Archweyll stieß einen Fluch aus. Ohne Energieversorgung war das Raumschiff ungeschützt. Weder die Deflektorschilde, noch die Torpedobatterien waren aktiv. Lediglich die manuellen Kampfstationen waren einsatzbereit. Gegen einen größeren Gegner waren diese aber praktisch nutzlos.

„Ich komme dann mal hoch“, krähte es plötzlich aus Archweylls Funkgerät. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Howard Bering war der Letzte, den er jetzt sehen wollte. Verärgert musste er sich eingestehen, dass es vermutlich nicht anders ging.
„So ein Signal habe ich noch nie gesehen“, grübelte Cylnnt Volker, während er die Monitore eingehend studierte. „Das ist etwas sehr großes. Aber kein Planet.“
„Planeten gibt es in der Leere nicht“, bestätigte eine Navigatorin. „Wir haben die Galaxiespirale längst hinter uns gelassen. Hier draußen sollte sich nichts befinden.“
„Informiert die Kampfstationen, sie sollen versuchen manuelle Torpedos schussbereit zu machen. Außerdem möchte ich Tamara hier oben sehen und zwar schleunigst. Wenn Howard eintrifft, seid ihr herzlich eingeladen ihm finstere Blicke zuzuwerfen.“ Wenn es brenzlig wurde, ging er auf. In diesen Momenten merkte Archweyll, dass er lebte. Adrenalin schoss durch seinen massigen Körper und er begrüßte es wie einen alten Freund. Howard begrüßte er nicht so. „Du hier? Wie kommen wir zu der Ehre?“
Kalte Blicke trafen aufeinander.
Beim Laufen stützte sich Howard auf einen mechanischen Greifarm, der ein unangenehmes Kratzen hinterließ, wenn er auf den Titanboden traf. Vermutlich beabsichtigt. „Ihr seid nicht die Einzigen, die von unserem Besucher in Kenntnis gesetzt wurden“, gab der Chefmechaniker gleichgültig zu. „Ich habe schließlich auch einen Radarzugang und sämtliche Bordinformationen erscheinen auf meinen Monitoren. Da dachte ich mir, ich beehre euch mit meiner Anwesenheit.“ Er gluckste. Dann wurde seine Miene ernst. „Ich habe einen sauberen Scan des unbekannten Objekts abgeschlossen“, sofort machte sich Gemurmel breit, schwoll an zu einem Getöse von Meinungen.
„Du hast…?“, Archweyll war ehrlich überrascht, „mal wieder über meinen Kopf entschieden!“, beendete er seinen Satz. „Wie kann es sein, dass du Technik besitzt, die besser ist als unsere Standardausrüstung und sie dem Schiff nicht zur Verfügung stellst?“
„Das lässt mich hier überleben“, sagte Howard und sein Blick nahm etwas verschlagenes an. Er überreichte dem Kommandanten das Tablet.
Mit kritischem Blick beäugte Archweyll die Daten. „Das kann doch unmöglich sein“, sagte er und blickte dem Chefingeneur tief in die Augen, um jede Form von Lüge daraus herauszufiltern. Er fand jedoch keine.

Der Scan zeigte eine Raumstation, die Archweyll so noch nie gesehen hatte. Ihr Zentrum bestand aus einer riesigen Konstruktion angeordneter Zahnräder, die weitere, darauf angedockte Module der Station in Bewegung versetzen konnten. Diese Komponenten waren lange spitze Türme, die das ganze Gebilde wie eine stachelbesetzte Kugel aus farblosem Metall erschienen ließen. Und sie war riesig. Jede einzelne Stachel war mindestens doppelt so groß wie ihr Kreuzer, welcher doch schon eine beträchtliche Größe aufwies und sie hatte Dutzende davon.
„Du weißt, dass es nur eine uns bekannte Zivilisation gibt, die zu so etwas in der Lage ist, oder?“, fragte Archweyll seinen Chefmechaniker. Sofort war ihm bewusst, dass die Frage rhetorischer Natur war und keiner Antwort bedurfte.
„Die Dunklen Engel, in der Tat“, bestätigte Howard mit feuchten Augen.
„Bastarde der Leere!“, Clynnt Volker spukte aus, woraufhin ihn der Chefmechaniker mit einem tadelnden Blick strafte.
„Ich würde eher sagen: höhere Lebensformen, die wir noch nicht verstanden haben“, ergänzte er. „Aber ich kann euch beruhigen, es sind keine Engel an Bord dieser Kampfstation.“
Archweyll runzelte die Stirn und Sorgenfalten taten sich wie Schluchten auf. „Wie kann das sein?“, fragte er argwöhnisch.
„Was das angeht, kann ich leider nicht mit Informationen dienen“, der Chefmechaniker deutete eine unterwürfige Verbeugung an. „Aber meine Scans haben keinerlei Lebensformen auf dem Schiff analysieren können. Die Station ist verlassen. Vielleicht wurde sie zurückgelassen. Die Wege der Dunkeln Engel sind unergründlich.“
„Spar dir deine Lobeshymnen“, zischte Clynnt Volker. „Das letzte Mal, als wir auf ihre Zivilisation gestoßen sind, hätten sie die Menschheit beinahe ausgerottet. Und das nur zu ihrem Vergnügen. Es gibt keine abscheulichere…“, er betonte das letzte Wort bewusst voller Abscheu, “Lebensform.“
Howard Bering überging seinen Kommentar mit der Gleichgültigkeit eines gelangweilten Beamten, der sich halbherzig durch seinen Papierkram arbeitete . „Außerdem habe ich eine Messung durchgeführt. Die Ursache der materiellen Verzerrung stammt von diesem Schiff. Wir werden ihm also wohl oder übel einen Besuch abstatten müssen, wenn wir jemals nach Hause kommen wollen“, sagte er trocken.
„Was versteht ein Mutant der Herrlichkeit schon von Heimat?“, Clynnt Volker war drauf und dran auf den Chefmechaniker loszugehen. Nur der erregt zuckende Tentakelarm hielt ihn zurück. Als der Navigator bemerkte, dass der Kommandant in ernsthafte Überlegungen vertieft war, wurde er noch wütender. „Du kannst doch nicht wirklich in Erwägung ziehen ihm zu trauen?“, schrie er außer sich.
Der Kommandant strafte ihm mit einem harten Blick. „Natürlich tue ich das nicht“, erwiderte er gedankenversunken. „Aber angesichts unserer Lage bleibt uns nicht viel übrig, wenn wir diese gähnende Leere endlich hinter uns lassen wollen. Selbst wenn sich die Quelle nicht auf der Station befindet, könnte sie uns eine Möglichkeit bieten nach Hause zu kommen.“ Archweyll wusste, dass diese Worte mehr als die Hälfte der Besatzung mit neuem Mut und dem nötigen Willen versorgen würde, der für ihre Mission notwendig war. Innerlich hatte er sich längst entschieden, auch wenn er Howard Berings Worten nicht einen Deut traute. „Ich werde einen Stoßtrupp zusammenstellen. In einer Stunde möchte ich die Entertorpedos einsatzbereit wissen.“
Clynnt zuckte zusammen. „Aber die automatischen Zielvorrichtungen sind außer Betrieb. Du weißt, was das heißt, oder?“, schluckte er.
„Aye, das weiß ich“, antwortete der Kommandant und legte ein Lächeln auf. „Es heißt, dass ihr besser verdammt gut zielt.“

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Heimkehr

Ich hatte die Nase voll. Inzwischen hielt der Computer höchstens noch ein paar Tage durch, bevor ich mich wieder um ihn kümmern musste. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Jedes Mal, wenn der Rechner wieder verrückt spielte, wirkte sich das auf die Temperaturkontrolle der Umwälzanlage aus. Diesmal war es besonders schlimm – die Temperatur hatte fast 300 C erreicht.

Mürrisch startete ich den Computer neu und betrachtete desinteressiert die Anzeigen auf dem Bildschirm. Es war nichts zu entdecken. Wie es schien, würde diesmal ein einfacher Neustart die Probleme lösen. Sowie die Systeme nach und nach wieder online waren, hatte ich auch Zugriff auf die Steuerung der Umweltparameter. Ich regelte die Temperatur zurück auf angenehme 200 C und blieb in meinem Sessel sitzen, bis es angenehmer wurde. Ich hatte schließlich auch nichts Besseres zu tun.

Einige Zeit später blickte ich mich um. Die Zentrale glich einer Müllhalde. Es war mir vollkommen gleich. Was spielte es noch für eine Rolle? Mit welchem Enthusiasmus waren wir vor ein paar Jahren gestartet. Nachdem man mithilfe der großen Radioteleskope Signale aufgefangen hatte, die man nur als Antwort auf die zahllosen Sendungen verstehen konnte, die man von der Erde ins All abgestrahlt hatte. Man hatte die Antennen insbesondere auf Sterne gerichtet, von denen man sicher war, dass dort ein Planetensystem existieren musste. Trotz intensivster Bemühungen gelang es zwar nicht, den Inhalt der Sendungen zu entschlüsseln, doch stand fest, dass sie nur von intelligentem Leben erzeugt worden sein konnten. Ein internationales Konsortium setzte schließlich durch, eine Expedition auszustatten, um nachzuschauen, wer der Menschheit eine Antwort auf ihre Sendungen geschickt hatte. Als Quelle der Sendungen, die selbst jetzt noch empfangen werden konnten, hatte man den Stern Proxima Centauri identifiziert, den uns am nächsten gelegenen Stern. Irgendjemand war dort draußen und wollte Kontakt zu uns aufnehmen. Trotzdem war es eine schwierige Mission, denn zwischen der Erde und dem Ziel lagen über vier Lichtjahre. Wer war schon bereit, Jahre seines Lebens zu opfern, nur um außerirdische Lebensformen zu treffen, deren Beschaffenheit nicht einmal bekannt war?

Es kam dem Konsortium entgegen, dass die Wissenschaft einen weiteren Schritt in der Entwicklung gemacht und einen atomaren Antrieb entwickelt hatte, der die Aussicht versprach, ein Raumschiff bis nahe an die Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Das Problem war allerdings die Brennstoffversorgung, denn ein Raumschiff, das bis an die Geschwindigkeit des Lichts beschleunigt werden sollte, unterlag damit bereits in verstärktem Maße relativistischen Problemen. Einstein hatte bereits vor dem zweiten Weltkrieg mathematisch bewiesen, dass ein Schiff zum Erreichen der Lichtgeschwindigkeit seine gesamte Masse aufwenden müsse – immer unter der Annahme, die Materie würde vollständig in Energie umgesetzt. Genau das kam natürlich überhaupt nicht infrage – schließlich wollten Raumfahrer nicht ihr Schiff und sich selbst in Energie umwandeln. Es schien erst, als wenn sich dieses Problem nicht lösen lassen würde, doch dann hatte der Physiker und Astronom Rudyard Allan Falkner seine Theorie veröffentlicht, wonach das Weltall möglicherweise nicht so leer war, wie man immer angenommen hatte. Er stellte ein Modell vor, wonach die Dichte des Raumes außerhalb des solaren Kuiper-Gürtels erheblich höher sein könnte, als vermutet.

Der Kuiper-Gürtel umgibt das gesamte Sonnensystem jenseits der Bahnen seiner äußeren Planeten wie ein weiträumiger Ring, der bis zu zwei Lichtjahre in den interstellaren Raum hineinreicht. Viele, der beobachteten Asteroiden und Kometen haben ihren Ursprung in diesem Gürtel, der noch immer weitgehend unerforscht ist. Falkner stellte nun die These auf, dass dieser Gürtel uns von der Feinstmaterie außerhalb des Sonnensystems abschirmt und innerhalb des Sonnensystems in den Milliarden von Jahren, die es bereits existiert, diese Materie bereits durch die Planeten, Monde und von der Sonne selbst eingesammelt worden ist.

Er meinte sogar, dass es bei steigender Geschwindigkeit eines Raumschiffes möglich sein müsste, diese Materiepartikel einzufangen und sie für den Antrieb nutzbar zu machen. Falkner wurde zunächst von der Fachwelt verlacht, doch ein paar Jahre später brachte eine der Voyager-Sonden, die im Jahre 1977 gestartet wurden und die noch immer funktionierte, den Beweis: Die Dichte des Raumes nahm mit zunehmender Entfernung von der Sonne tatsächlich wieder zu. Zwar sprechen wir hier nicht von einer Dichte, die auch nur in die Nähe der Beschaffenheit von fester Materie gelangt, doch sah man eine Chance für die von Falkner propagierten Thesen.

Fünfzehn Jahre später war es dann soweit: Das erste interstellare Raumschiff der Erde – die Milestone – war fertiggestellt. Eine Crew von zwanzig freiwilligen Männern und Frauen ging an Bord und machte sich auf den langen Weg nach Proxima Centauri.
Ein kurzes Signal schreckte mich aus meinen Gedanken. Diesmal war es die Energieversorgung der hydroponischen Anlage. Allmählich gab ein System nach dem Anderen seinen Geist auf. Die Milestone war am Ende, das wusste ich genau, aber solange ich noch in der Lage war, meinen Job zu machen, würde ich versuchen, jeden Schaden zu beheben. Ich wollte nicht ausgerechnet jetzt noch aufgeben – so kurz vor dem Ziel. Wenn meine Berechnungen stimmten, würde die Milestone in höchstens einem Monat den Rand des heimatlichen Sonnensystems erreichen. Sicher, ich wäre dann noch lange nicht zu Hause, doch theoretisch wäre ich auch nicht mehr im Leerraum zwischen den Sternen. Es wäre zumindest ein Hauch von Heimat.

Die hydroponischen Anlagen waren eines der wichtigsten Systeme der Milestone, denn sie sorgten für die Aufbereitung der Atemluft und bescherten mir das eine oder andere frische Gemüse. Die Aussicht darauf, dass ein Ausfall der Quarzlampen den empfindlichen Pflanzen schaden könnte, trieb mich zur Eile an. Ich bewegte mich durch scheinbar endlose leere Gänge, in denen meine Füße Abdrücke im Schmutz hinterließen, der hier überall zu finden war. Das war nicht immer so gewesen. Als die Milestone startete, damals vor elf Jahren, war alles blitzblank und sauber. Es hatte kleine automatische Reinigungsmaschinen gegeben, die ständig herumwuselten und dem Schmutz keine Chance gaben. Zudem hatte sich die Crew während der langen und langweiligen Reise zum Proxima Centauri darum gekümmert, alles in Ordnung zu halten. Schließlich war die Milestone ihr Zuhause für die folgenden Jahre und sie hatten auch eine Beschäftigung gebraucht.

In der ersten Zeit war es noch interessant gewesen. Es hatte Kontakt zur Erde bestanden, wenn auch das Antwortzeitverhalten mit zunehmender Entfernung immer schlechter wurde. Dann war die Verbindung zur Erde endgültig abgebrochen. Wir hatten damit gerechnet und uns darauf eingestellt. Mit Feuereifer hatten wir uns auf die Forschung gestürzt, denn noch nie hatte ein bemanntes Raumschiff das heimatliche Sonnensystem verlassen. Alles, was wir über die Struktur des Raumes weit draußen, jenseits des Kuiper-Gürtels wussten, stammte von uralten Sonden, die längst ihre Arbeit hätten einstellen müssen. Bald hatten wir alles erfasst, was es zu erforschen gab. Die Dichte des sogenannten Leerraumes hatte allmählich zugenommen und so testeten wir die größte Neuerung unseres Schiffes: den Materieschirm. Er war kein Schirm im wörtlichen Sinne, denn er tat das exakte Gegenteil von einem Regenschirm auf der Erde. Es handelte sich um einen spezielle Konstruktion, die vor der Milestone wie ein riesiger, umgekehrter Schirm entfaltet wurde. Voll ausgefahren sah es so aus, als würde ein umgekehrter Regenschirm ohne Bespannung durchs All fliegen. Die Schirmkonstruktion wurde elektrisch aufgeladen, um ein dichtes Magnetfeld zu erzeugen. Mit zunehmender Geschwindigkeit der Milestone fing dieser Schirm immer mehr von der frei im All umherfliegenden Materie ein und führte sie dem Reaktor zu, der sie in seinem Konverter zu Energie verarbeitete. Bei der Materie handelte es sich um kleinste Teilchen, oft nur im molekularen, oder sogar atomaren Bereich, die durch das Magnetfeld so abgelenkt werden konnten, dass sie im Reaktor genutzt werden konnten.
Die Pflege dieses Systems war meine Aufgabe gewesen, doch im Laufe der Zeit hatte es sich ergeben, dass ich zu einem Mädchen für alles geworden war. Ich möchte behaupten, dass niemand die Milestone so gut kannte – und noch kennt – wie ich.

In der Nähe der hydroponischen Abteilung war die Luft definitiv besser, als im Rest des Schiffes. Ich vermutete, dass die Luftverteilung auch wieder eine Überholung nötig hatte. Den Einstieg in die Anlage bildete ein großes, rundes Schott, das mit einem großen Handrad entriegelt werden musste. Ich drehte an dem Rad und zog die schwere Tür auf. Im Innern des Raumes war es stockfinster, was ich jedoch auch erwartet hatte. Also ließ ich die Tür wieder zufallen und griff nach meiner Taschenlampe, die ich stets an meinem Gürtel trug. Ein Versorgungsschacht mündete wenige Meter vom Einstieg entfernt. In ihn führten einige dicke Kabelstränge hinein und verschwanden im Dunkeln. Ich leuchtete in den Schacht hinein und war überrascht, dass mittlerweile selbst hier Moos an den Wänden und auf dem Boden zu finden war. Es gab hier kaum jemals Licht. Ich wusste, dass am Ende dieses Schachts ein Schaltschrank zu finden war, der die Sicherungen für die gesamte Hydroponik enthielt. Ich biss die Zähne zusammen und kletterte hinein. Die Stufen der Leiter waren feucht und schlüpfrig. Ich mochte diesen Ort nicht, seit ich einmal von der Leiter gestürzt war und mir den Unterarm gebrochen hatte. Man mag es eigenartig finden, in einem Raumschiff eine Leiter hinunterzustürzen, denn man denkt unwillkürlich an Schwerelosigkeit. Doch die Milestone beschleunigte oder verzögerte fast ständig – andernfalls hätte die Reise ewig gedauert. Dadurch hatten wir jedenfalls immer eine gewisse Schwerkraft im Schiff.
Damals war Indira noch da gewesen und hatte mir den Arm geschient. Ich seufzte. Indira war die Ärztin an Bord der Milestone gewesen.

Ich hangelte mich bis zu dem, inzwischen von Flechten überzogenen, Schaltschrank und entfernte die Flechten an der Klappe vor den Sicherungen. Ich vergewisserte mich, dass es wirklich die Sicherungen waren, die wieder einmal durchgebrannt waren, und schaute in den kleinen Kasten mit den Ersatzsicherungen, der neben mir auf dem Boden stand. Während ich die defekten Teile austauschte, zählte ich den Bestand und stellte fest, dass ich mir solche Defekte nicht mehr oft leisten konnte. Meine Vorräte an Ersatz waren fast aufgebraucht. Ich aktivierte die Schaltkreise der Reihe nach und erkannte an den aufleuchtenden Kontrolllämpchen, dass die Hydroponik wieder funktionierte. Ich schloss die Klappe und machte mich auf den Rückweg. Als ich wieder im Hauptgang war, stieß ich zischend meinen Atem aus. Ich mochte diesen Ort eben nicht.

Zur Kontrolle betrat ich die hydroponische Abteilung dann doch noch und starrte zur Decke, wo die hellen Quarzlampen nun wieder brannten. Ich zählte fünf Strahler, die den Stromausfall nicht überstanden hatten. Für sie würde ich keinen Ersatz mehr in den Lagern finden – das wusste ich genau. Ich hoffte, dass die restlichen Lampen für das Gedeihen der Pflanzen ausreichen würden. Ich blickte mich um. Viele der Pflanzen hatten eine Größe erreicht, die sie niemals haben sollten. Die Anlage sah regelrecht verwildert aus.

Marian schoss mir durch den Kopf. Marian. Es schmerzte mich noch immer, wenn ich an sie dachte. Marian war die Biologin des Teams gewesen. Sie war immer so ausgeglichen und fröhlich gewesen. Wir hatten uns gleich von Anfang an gut verstanden. Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie ich anfangs immer nach Ausreden gesucht hatte, um mich in der hydroponischen Anlage aufzuhalten, wo Marian fast immer zu finden gewesen war. Anfangs hatte sie manchmal genervt gewirkt, wenn ich immer wieder dort erschienen war, doch nach einiger Zeit hatte es sie amüsiert und dann kam der Zeitpunkt, als wir ein Paar wurden. Es war die schönste Zeit in meinem Leben gewesen. Ich seufzte wieder. Es war schon so lange her.

Die Mission der Milestone hatte von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden. Bereits auf dem Weg zum Proxima Centauri hatte es ständig technische Probleme gegeben. Im Gegensatz zu den meisten Anderen der Crew hatte ich alle Hände voll zu tun gehabt. Karim, der Navigator hatte irgendwann die Vermutung geäußert, ich würde die Reparaturen absichtlich nicht ordentlich ausführen, um eine Beschäftigung zu haben. Die Anderen hatten zwar gelacht, doch etwas davon war hängengeblieben und der Neid derjenigen, die nichts zu tun hatten, war immer größer geworden.

Die Stimmung in der Crew war immer schlechter geworden. Wir hatten uns trotz der relativen Größe der Milestone nicht aus dem Weg gehen können und so hatte unser Psychologe Thomas eine Menge Arbeit, aus uns ein Team zu machen. Zu diesen Problemen war dann noch der Raum selbst hinzugekommen. Die Beschaffenheit des Raumes hatte sich bei der Annäherung an unser Ziel derart verändert, dass wir schließlich gezwungen waren, den Schirm einzuklappen. Glücklicherweise war das zu einem Zeitpunkt geschehen, als wir bereits deutlich unterhalb der Lichtgeschwindigkeit gelegen hatten und wir mit relativistischen Schwierigkeiten nicht mehr rechnen mussten.

Ich konnte mich noch gut daran erinnern, dass ein regelrechter Ruck durch unser Team gegangen war, als es uns erstmals gelungen war, das Vorhandensein von Planeten im Proxima Centauri-System festzustellen. Nach unseren Messungen sollte es mindestens vier Planeten geben und noch immer hatten unsere Instrumente die Signalgruppen empfangen, die letztlich dafür verantwortlich waren, dass wir überhaupt hier waren. Unser Schwede Bo, der für die Kommunikation zuständig gewesen war, hatte die Sendungen immer wieder aufgenommen und sie über unsere Antennen zurückgeschickt. Wir hatten gehofft, dass die Urheber der Sendungen vielleicht anhand unserer Antwort feststellen würden, dass wir auf dem Weg zu ihnen waren. Wir hatten jedoch nie etwas anderes empfangen, als die schon bekannten Symbolgruppen, die wir schon von der Erde her kannten.

Ein paar Monate später hatten wir das Planetensystem von Proxima Centauri erreicht. Unsere Stimmung hatte irgendwo zwischen der Enttäuschung darüber gelegen, dass wir keine gezielten Reaktionen bekommen hatten und der Erwartung dessen, was wir finden würden. Bo hatte inzwischen genau ermitteln können, dass die Signale vom ersten Planeten des Systems stammen mussten. Proxima Centauri ist ein sogenannter Zwergstern, der viel weniger Energie abstrahlt, als unsere heimatliche Sonne. Es war daher nicht überraschend, dass der innerste Planet dieses Systems bewohnt war – sofern es sich um Leben handelte, das unserem auch nur im Entferntesten ähnelte. Wir hatten also diesen Planeten angesteuert und uns in seine Umlaufbahn begeben. Was unsere Fernortungsinstrumente angezeigt hatten, war eine echte Sensation: Wir entdeckten große Städte von fremdartigem Aussehen, ein dichtes Verkehrsnetz. Breite Bänder verbanden die Städte miteinander. Wir hatten vermutet, dass es sich um Straßen handelte. Wir hatten es jedoch beunruhigend gefunden, dass wir selbst in der stärksten Vergrößerung keine Lebewesen entdecken konnten. Unser Kommandant Dimitri hatte entschieden, dass es nur eine Möglichkeit gab, dieses Rätsel zu lüften. Wir mussten mit Hilfe eines unserer beiden Landemodule nachschauen, was dort los war. Wir hatten Sonden in die Atmosphäre des Planeten entsandt und so erfahren, dass wir das Glück hatten, einen Sauerstoffplaneten zu finden, dessen Atmosphäre sogar für uns atembar war. Voller Euphorie wurden die Vorbereitungen für die Landung durchgeführt. Es war ein Schlag ins Gesicht, als mir Dimitri eröffnet hatte, dass ich nicht bei diesem Landeunternehmen dabei sein würde. Einer sollte auf jeden Fall zurückbleiben, für den Fall, dass es an Bord zu Zwischenfällen kommen würde. Ich kann mich noch gut an Marians trauriges Gesicht erinnern, als sie erfuhr, dass ich nicht mitkommen durfte.
Nachdem die Landefähre abgelegt hatte, konnte ich einfach nicht mehr. Schon seit Jahren waren wir in dieser Konservendose eingesperrt gewesen und jetzt, da es eine Möglichkeit gab, sich einmal gepflegt die Beine zu vertreten, durfte ich nicht mit. Wir hatten während unseres Fluges aus reiner Langeweile begonnen, aus Produktabfällen unserer hydroponischen Anlage Schnaps zu brennen. Ich holte ihn aus unserer Kombüse und nahm erst mal einen ordentlichen Schluck davon. Es hatte gebrannt wie die Hölle, doch ich hatte mich anschließend besser gefühlt. Ich hatte mich zur Zentrale bewegt und über die Instrumente den Verlauf der Landung verfolgt. Wir hatten unsere Hausaufgaben gemacht. Das Wetter war ruhig und stabil, und in Reichweite der Landefähre hatte sich ein Platz befunden, der durchaus eine Art Flugplatz sein konnte. Dort sollte die Landung stattfinden. Marco, unser Pilot, hatte etwas von seinem Fach verstanden. Er hatte die Fähre durch die fremde Atmosphäre bewegt, als wenn er sich auf der Erde befinden würde. Marian hatte mir über Funk ständig durchgegeben, was sie sahen. Alles hatte nach einer reinen Routinesache ausgesehen. Marian hatte irgendwann gesagt, dass sie nun gelandet wären und die Fähre verlassen würden. Sie waren auf eine Reihe von Gebäuden zugelaufen, die am Rand des Platzes standen. Marian hatte berichtet, dass die Gebäude vergleichsweise klein waren und auf dem Platz kleine Fahrzeuge standen, die eventuell Flugzeuge sein könnten. Alles war verlassen. Niemand hatte von ihnen Notiz genommen. Die Gebäude waren ebenfalls verlassen. Ihre Einrichtung war zwar fremdartig, hatte jedoch darauf hingedeutet, dass die Erbauer der Gebäude nicht so fremdartig sein konnten, wie man befürchtet hatte.

Ich hatte das alles lediglich über Funk miterleben müssen. Sie waren später weitergeflogen, um aus der Luft nach Zeichen von Leben zu suchen. Ein Alarm hatte mich aus meinen Gedanken abgelenkt. Es war ein stark erhöhter Sonnenwind registriert worden, wie man es im Sonnensystem während der Sonnenfleckaktivitäten ebenfalls feststellen konnte. Ich hatte den Alarm abgestellt und mich wieder dem Funkgerät zugewandt. Es dauerte nicht lange und der Alarm war erneut ertönt. Ich hatte ihn abgeschaltet und einen Blick auf die Messgeräte geworfen. Ich hatte geglaubt, meinen Augen nicht zu trauen. Die Werte waren so hoch gewesen, dass man befürchten musste, die Sonne könnte eine Plasmafackel ausstoßen. Auch das kam im Sonnensystem häufig vor, doch war man zu Hause auch viel weiter von der Sonne entfernt als hier. Mir war mulmig geworden und ich hatte den Alarm über Funk an unseren Kommandanten gemeldet. Er hatte der Erscheinung keine große Bedeutung beigemessen und erklärt, sie hätten soeben eine Art Flugfeld gefunden, auf dem sie Hunderte von brandigen Flecken entdeckt hatten, fast, als wenn von hier eine größere Zahl an Raumschiffen gestartet wäre. Irgendwie ergab das alles keinen Sinn.

Sie hatten die Gegend noch mehrere Tage lang untersucht, während ich regelmäßig neue Höchstwerte der Sonnenaktivität messen konnte. Ich hatte dem Zeitpunkt entgegen gefiebert, wenn die Anderen und besonders Marian wieder bei mir sein würden. Während der Tage, in denen meine Gefährten auf dem Planeten verweilt hatten, wurden die Meldungen immer spärlicher. Immer häufiger hatte ich von mir aus darauf drängen müssen, dass sie mich ins Bild setzten. Selbst Marian hatte sich nicht mehr von sich aus gemeldet. Ich hatte das nicht verstanden. Endlich hatte Dimitri angerufen und mitgeteilt, dass sie zurückkehren würden. Nervös hatte ich im Schleusenbereich auf die Ankunft der Fähre gewartet.

Als sie dann endlich eingetroffen waren, waren sie wieder da und doch auch wieder nicht. Nacheinander hatten sie die Milestone betreten und schwebten an mir vorbei. Sie hatten mich überhaupt nicht beachtet. Mir war ganz anders geworden. Was ging hier vor?
In den folgenden Tagen hatte ich meine Freunde und Partner immer misstrauischer beobachtet. Sie hatten sich, so oft es ging, in der Messe der Milestone versammelt, wo sie schweigend beieinandersaßen. Mich hatten sie völlig ausgeschlossen. Es war ja nicht so gewesen, dass sie sich nicht mehr mit mir unterhielten. Wenn ich sie gezielt angesprochen hatte, erhielt ich auch eine – wenn auch recht einsilbige – Antwort. Meine Verzweiflung war während dieser Zeit immer größer geworden, besonders weil auch Marian für mich immer fremder wurde.

Ich hatte damals noch die Hoffnung, dass sich das Blatt noch wenden würde, wenn wir erst auf dem Heimweg sein würden, und hatte deshalb darauf gedrängt, die Milestone für den Rückweg startklar zu machen. Niemand hatte auf mein Drängen reagiert, oder mir in irgendeiner Weise geholfen. Jetzt hatte es sich ausgezahlt, dass ich während der Anreise nach und nach in allen nur erdenklichen Bereichen gearbeitet hatte. Ganz allein hatte ich das Schiff für den Rückflug vorbereitet. Eine unbestimmte Angst hatte mich erfasst, dass meine Kollegen auf dem Planeten von einem Erreger infiziert worden sein könnten und das eigenartige Verhalten Anzeichen einer Erkrankung war.

Ein Geräusch holte mich in die Wirklichkeit zurück. Ich sah zur Konsole des Funkers hinüber. Im Geiste sah ich noch immer Bo, wie er dort auf seinem Sitz festgeschnallt gesessen hatte. Bo, unser Mann für die Kommunikation, war immer sehr sympathisch gewesen. Ich konnte mir noch immer keinen Reim darauf machen, was eigentlich auf Proxima Centauri 1 geschehen war. Aber was spielte das jetzt für eine Rolle? Bo lag – genau wie die Anderen – in der Kühlzone bei einer Temperatur von nur knapp über dem absoluten Nullpunkt. Eine Signalleuchte auf der Konsole blinkte rythmisch auf. Ein eingehender Ruf auf einer der irdischen Frequenzen! War ich etwa schon innerhalb der Reichweite von Sendern der Erde? Ich konnte es mir eigentlich nicht vorstellen. Ich warf einen Blick auf den Geschwindigkeitsmesser der Milestone. Es zeigte noch immer ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit an. Ich wusste, dass das nur ein hypothetischer Wert sein konnte, rechnerisch ermittelt aus der bekannten Triebwerksleistung und der bisherigen Dauer des Bremsvorgangs. Nervös wechselte ich meinen Platz und setzte mich an die Kommunikationskonsole, wo ich mit zittrigen Fingern den Eingangskanal des Funkgerätes öffnete. Was ich zu hören bekam, war nur ein hochfrequentes Zirpen. Verstehen konnte ich nichts. Ratlos sah ich auf die Konsole. Wer auf der Erde sendete einen solchen Müll? Ich begann, zu verstehen, dass diese Sendungen nicht für mich bestimmt sein konnten. Trotzdem gaben sie mir ein gewisses, beruhigendes Gefühl. Es gab die Erde und ihre Menschen offensichtlich noch.

Enttäuscht nahm ich erneut auf meinem Pilotensessel Platz, auf dem ich seit Marcos Tod häufig saß und vor mich hin döste. Marco war der Erste gewesen. Er hatte etwa vier Monate nach unserem Start von Proxima Centauri aufgehört, Nahrung und Wasser zu sich zu nehmen. Ich hatte wirklich alles versucht, aber mir hatten einfach die Mittel und Kenntnisse gefehlt, etwas Wirkungsvolles dagegen zu unternehmen. Anfangs hatte ich es noch geschafft, die Aufmerksamkeit Indiras, unserer Bordärztin, zu erwecken und von ihr einige Tipps zu bekommen, doch dann hatte auch sie die Nahrungsaufnahme eingestellt. Von da an ging alles ganz schnell. Innerhalb von wenigen Tagen waren fast alle Besatzungsmitglieder so weit geschwächt, dass sie dem Tode nahe waren. Ich hatte mich nach Kräften bemüht, ihnen wenigstens etwas Wasser einzuflößen, doch nach einer gewissen Zeit hatten sie nicht einmal mehr die nötigen Schluckreflexe. Hätte ich während dieser Zeit nicht so viel zu tun gehabt, ich glaube, ich wäre verrückt geworden.

Als ich unserm Kommandanten Dimitri die Augen für immer schloss, hatte ich eine Bewegung hinter mir bemerkt. Es war Marian.
»Marian«, hatte ich gesagt und mein Herz hatte einen Satz gemacht, »dir geht es wieder besser?«
Ich war aufgesprungen und hatte sie in meine Arme genommen, doch sie hatte meine Umarmung nicht erwidert.
»Wir werden alle gehen«, hatte sie gesagt. »Du musst mir jetzt genau zuhören.«
»Was meinst du, Marian? Was soll das bedeuten: Wir werden alle gehen? Wenn es eine Krankheit ist – vielleicht kann man sie heilen?«
Ein schwaches Lächeln hatte ihre Lippen umspielt.
»Marian, ja, so wurde ich genannt«, hatte sie leise gesagt und für einen Moment war der alte Schimmer in ihre Augen getreten, doch nur für einen Augenblick, dann war es vorbei gewesen.
»Du würdest es eine Krankheit nennen, Collin, aber es ist keine. Das, was geschehen ist, sollte niemals in dieser Form geschehen. Es tut uns unendlich leid, aber ihr seid nicht sie und uns fehlt das Wissen.«
Mir hatte sich alles im Kopf gedreht. Was erzählte Marian da für ein verworrenes Zeug?
»Marian, du machst mir Angst«, hatte ich geantwortet. »Wovon redest du eigentlich? Von welchem Wissen redest du?«
Sie hatte mich mit einer Handbewegung zum Schweigen gebracht und weitergeredet: »Collin, mir fehlt die Zeit. Die Anderen sind schon auf dem Weg. Ich wurde bestimmt, als Letzte zu gehen, da wir eng verbunden waren. Mir würdest du zuhören. Also tu bitte genau, was ich dir sage: Bring jeden, der gegangen ist, unverzüglich in die Kältezone. Warte nicht. Es ist wichtig. Du wirst es verstehen – später.«
Ich hatte ihre Worte vernommen, doch war ich noch nicht bereit, zu akzeptieren, dass Marian auch von sich selbst gesprochen hatte. Ich wollte sie nicht verlieren.
»Marian, was hindert dich daran, die Rückreise mit mir gemeinsam zu machen? Du scheinst dich doch etwas erholt zu haben.«
»Sie haben gesagt, dass du so reagieren wirst, aber glaub mir, ich spüre meine Kräfte schwinden, während ich hier mit dir spreche.«
Marian war plötzlich etwas in sich zusammengesackt und ich war ihr zu Hilfe gesprungen, um sie zu stützen. Sie hatte mich von unten angesehen und gelächelt. Da war sie – meine Marian, wie ich sie gekannt hatte. Sie hatte meinen Kopf in ihre Hände genommen und ihr Gesicht an meine Schulter gebettet. Ein Schluchzen hatte ihren Körper geschüttelt. Sie hatte mich anschließend ein Stück von sich weg geschoben und mich aus tränenerfüllten Augen angesehen.
»Collin, ich liebe dich«, hatte sie noch gesagt. »Verzeih uns und denke an die Kältezone.«

Dann war sie in sich zusammengesackt und war tot. Ich hatte sie noch Minuten lang in meinen Armen gehalten, erfüllt von Trauer und völliger Ratlosigkeit.
In den Tagen danach hatte ich genug damit zu tun, meine verstorbenen Kollegen in die Kältezone zu schaffen. Ich hatte zwar nicht verstanden, warum Marian mich immer wieder daran erinnert hatte, denn normalerweise erhielten verstorbene Raumfahrer eine Raumbestattung. Das heißt, dass sie aus der Schleuse ins All katapultiert wurden, um für alle Zeiten dort zu treiben. Ich wollte jedoch Marians letzten Willen respektieren und so hatte ich nach und nach alle Verstorbenen in die Kältezone geschafft, wo sie innerhalb von wenigen Sekunden zu einem Eisblock gefroren waren.

Ein Gedanke unterbrach meine geistige Reise durch die Vergangenheit: Doppler-Effekt. Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Dieses Gezirpe in der Funkanlage – das waren Funksignale, die dem Doppler-Effekt unterworfen waren. Der österreichische Mathematiker und Physiker Christian Doppler hatte bereits in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts festgestellt, dass sich die Wahrnehmung von Frequenzen verändert, wenn sich die Quelle und der Empfänger von Signalen aufeinander zu oder voneinander wegbewegen. Die Milestone raste mit einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit auf das Sonnensystem zu. Da war es doch vollkommen klar, dass sich die Signale am Empfänger verzerren mussten. Ich flog förmlich zur Kommunikationskonsole hinüber, um zu sehen, ob es die Signale noch gab. Ich hatte Glück und drückte sofort auf die automatische Aufzeichnung. Ich durfte gar nicht daran denken, was ich möglicherweise an wichtigen Informationen verpasst haben konnte. Ich wartete eine Weile und schaltete die Wiedergabe ein, wobei ich in Stufen die Geschwindigkeit beim Abspielen immer langsamer einstellte, bis ich etwas verstehen konnte. Die Qualität der empfangenen Nachricht war schlecht, aber größtenteils verständlich. Offenbar war es eine automatische Sendung, die sich ständig wiederholte:
»Dies ist eine automatische Mitteilung der Orbitalstation auf Titan. Im solaren Sonnensystem herrscht derzeit der Ausnahmezustand. Einfliegende Schiffe von jenseits der Grenzen des Systems müssen zwingend zunächst die Orbitalstation auf Titan anfliegen. Eine direkte Reise zu den inneren Planeten Mars, Erde oder Venus ist nicht gestattet.«

Danach wiederholte sich der Text der Meldung. Ich fragte mich, was das nun wieder zu bedeuten hatte. Ich war nicht über viele Jahre durch’s All geflogen, um dann nicht direkt nach Hause zu fliegen. Orbitalstation auf Titan. Was sollte das sein? Als die Milestone ihre Reise angetreten hatte, hatte es solche Stationen auf Saturnmonden überhaupt noch nicht gegeben. Nun, ich war auch schon lange unterwegs – viel zu lange.
Die Bordroutine war jeden Tag gleich. Wach werden, frühstücken, Rundgang durch das gesamte Schiff, notwendigste Reparaturen vornehmen – sofern möglich. Danach dösen im Pilotensessel der Zentrale. Es kotzte mich inzwischen an. Ich war mir sicher, dass ich mich nie wieder weiter vom Erdboden entfernen würde, als ein Flugzeug in die Luft steigen würde. Immer häufiger träumte ich davon, was ich tun würde, wenn ich wieder auf der Erde gelandet wäre. Die Geschwindigkeit der Milestone war inzwischen bereits sehr stark reduziert. Ich konnte die Sendungen vom Titan schon fast ohne Hilfsmittel verstehen – und das nicht allein deswegen, weil ich bereits innerhalb der Grenzen des Systems war.

Eines der größten Probleme bei Reisen, wie ich sie unternahm, war, dass ich viel zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. Unendlich oft hatte ich bereits diese letzten Gespräche mit meinen Kollegen, und insbesondere mit Marian, im Kopf durchgespielt. Auch nach Jahren verstand ich noch nicht, was Marian mit ihren letzten Worten gemeint hatte. Ich fragte mich, ob sich die ganze Mühe der Reise zum Proxima Centauri eigentlich gelohnt hatte, und beantwortete sie mir selbst ganz energisch mit Nein. Wir hatten gehofft, Brüder im All zu finden, aber waren scheinbar zu spät gekommen. Fast die ganze Besatzung hatte die Reise nicht überlebt und ich selbst hatte viele Jahre meines Lebens für einen Traum vergeudet. Doch ich sollte nicht undankbar sein, denn schließlich war ich zurückgekehrt und hatte auch nicht den Verstand verloren. Und Marian? Die hatte ich wirklich verloren. Sie war der wichtigste Mensch in meinem bisherigen Leben gewesen. Warum kam ich einfach nicht darüber hinweg? Sagt man nicht immer, dass die Zeit alle Wunden heilt?

Ich war gerade dabei, den großen Materieschirm einzufahren, da er bei der inzwischen geringen Geschwindigkeit keine Funktion mehr hatte. Außerdem war die Materiedichte innerhalb des Systems viel zu gering. Da ging der Alarm los.
Ich fluchte, denn man konnte am Alarm nicht erkennen, worum es sich handelte. Also hastete ich durch die völlig verdreckten Gänge zurück zur Zentrale. Die früher einmal hier arbeitenden Reinigungsmaschinen hatten schon vor Jahren ihren Geist aufgegeben und in den Lagern hatten sich keinerlei Ersatzteile dafür befunden. Ich muss gestehen, dass ich auch überhaupt kein Interesse daran hatte, hier für Sauberkeit zu sorgen. Es war mir im Grunde auch vollkommen egal, was mit der Milestone nach meiner Ankunft auf der Erde geschehen würde.

In der Zentrale angekommen, erkannte ich, dass eine neue Mitteilung eingegangen war. Klugerweise hatte ich nach der letzten Funknachricht die permanente Aufzeichnung aktiviert gelassen. Es war eine weitere Nachricht vom Titan, doch diesmal war es offensichtlich keine automatische Mitteilung.
»Fremdes Raumschiff mit Kurs auf das Saturnsystem, bitte identifizieren sie sich!«
Es war mir klar, dass auch aus dieser Entfernung ein Funkspruch noch einige Zeit unterwegs sein würde, aber ich antwortete sofort:
»Hier spricht Collin Porter vom interstellaren Raumschiff Milestone. Ich befinde mich auf dem Rückweg von Proxima Centauri.«

Nach einiger Zeit traf die Antwort ein: »Milestone, wir haben sie schon seit einiger Zeit erwartet. Wir werden ihnen nun einige Kursdaten übermitteln und bitten sie, ihren Kurs entsprechend zu ändern. Die Milestone ist nicht für einen Weiterflug zur Erde vorgesehen, sondern verbleibt auf Titan.«
Es verschlug mir die Sprache. Was bildeten sich diese Leute eigentlich ein? Nach allem, was ich erlebt hatte, wollte ich einfach nur nach Hause und nun bestand die Aussicht, noch lange hier draußen – mitten im Sonnensystem – bleiben zu müssen. Wütend schlug ich auf die Antworttaste. »Was bilden sie sich eigentlich ein? Ich will nicht aus einer Blechbüchse in eine andere umsteigen – ich will endlich wieder einen blauen Himmel sehen, frische Luft atmen. Ich fliege zur Erde!«

»Mr. Porter, sie werden nicht zur Erde fliegen – jedenfalls nicht mit der Milestone. Seien sie kooperativ. Um so schneller können sie auch dorthin reisen, wo sie hinwollen. Wenn sie nicht freiwillig zu uns kommen, wird man sie holen. Ich denke, das können wir uns gegenseitig ersparen. Bitte legen sie den neuen Kurs an.«
Ich wollte schon abschalten, als die Stimme am andern Ende noch eine Frage stellte:
»Mr. Porter, wie geht es ihren Mitreisenden? Sind sie auch gut untergebracht?«
Ich spürte, wie sich mir die Nackenhaare aufstellten und ich leicht fröstelte. Was war das jetzt wieder? Was war das für eine eigenartige Frage?

»Ich bin der einzige Überlebende der Expedition, falls sie das wissen wollen!«, rief ich ins Mikrophon, »Was soll diese blöde Frage nach der Unterbringung?«
Ich war einfach nicht in der Lage, höflich und freundlich zu bleiben.
»Mr. Porter, uns ist bekannt, dass nur noch sie aktiv sind. Wir sind ihnen dafür auch dankbar. Was ich wissen wollte, ist, ob Ihre Mitreisenden gut untergebracht sind.«
»Verdammt noch mal, meine Mitreisenden sind tot! Verstehen sie? Tot! Sie stecken in der Kältezone der Milestone.«
»Das ist gut«, sagte der Mann vom Titan, »Mr. Porter, sie haben ihre Arbeit sehr gut gemacht.«

Ich stutzte. Wieso wusste man auf Titan, dass ich als Einziger an Bord noch aktiv bin? Die Rätsel hatten mich wieder eingeholt. Die Ereignisse der vergangenen Jahre zogen wieder an meinem geistigen Auge vorbei. Ich beschloss, mich zunächst dumm zu stellen und den Titan anzufliegen. Ich hatte auch nicht wirklich viele Alternativen.
Ein Blick auf die Navigationskontrolle zeigte mir, dass die neuen Zielkoordinaten inzwischen eingetroffen waren. Ich war fast dankbar dafür, dass ich etwas tun musste und nicht weiter nachdenken konnte. Ich war so froh gewesen, meinen Verstand behalten zu haben und nun stand ich doch noch an der Schwelle zum Wahnsinn. Die Steuerung der Milestone war mir im Laufe der langen Zeit so geläufig geworden, dass ich fast beiläufig den neuen Kurs setzte. Die Korrekturtriebwerke begannen zu arbeiten und die gesamte Schiffszelle begann zu vibrieren und zu ächzen. Die Milestone war mittlerweile eine alte Dame geworden. Ich hoffte, dass sie nicht auf den letzten Metern noch schlapp machte.

Es dauerte noch fast vier Wochen, bis ich mit dem Teleskop der Milestone zum ersten Mal einen Blick auf die Orbitalstation des Titan werfen konnte. Sie musste wahrhaft riesig sein. Sie bestand aus einer Kugel sowie einem dicken Torus darum herum, der an drei Stellen mit der Kugel verbunden war. Da sich die Station gemächlich um ihre Achse drehte, wirkte sie wie ein großes Rad. An den Polen der zentralen Kugel befanden sich Vorrichtungen, die möglicherweise zum Andocken von Schiffen geeignet waren. Ich nahm nach langer Zeit wieder eine Funkverbindung zur Station auf:
»Hier Milestone. Ich stehe quasi schon vor eurer Tür. Es wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, mir zu sagen, wie ich bei euch anlegen kann.«

Die Antwort kam fast augenblicklich: »Mr. Porter, wir haben sie auf unseren Ortungsschirmen. Wir empfehlen, einen Service-Kanal zu ihrem Autopiloten zu öffnen und uns Zugriff darauf zu geben. Wir holen sie dann automatisch herein. Sie können dann schon zur Hauptschleuse gehen, wenn sie möchten.«

Ich war mir nicht sicher, ob es sich wirklich um eine Empfehlung, oder eher um einen Befehl gehandelt hatte, aber es spielte letztlich keine Rolle mehr. Ich hatte die weitere Entwicklung nicht mehr in der Hand. Ich fühlte mich unglaublich müde und wollte nur noch meine Ruhe. Nicht mehr denken und endlich auf der Erde sein. Ich schaltete den Autopiloten auf den Service-Kanal und gab die Steuerung über mein Schiff endgültig ab. Ich blieb noch eine Weile im Pilotensessel sitzen und verfolgte die Manöver der Milestone, die nicht mehr von mir, sondern von außen veranlasst wurden. Ich musste allerdings zugeben, dass sie etwas vom Fach verstanden, denn die Milestone passte sich perfekt der Rotation der Station an, bevor sie endgültig andockte.
Hatte ich es mir so vorgestellt, nach Hause zu kommen? Eigentlich nicht. Ich erhob mich von meinem Sitz. Es war ein eigenartiges Gefühl. Die Triebwerke waren nun abgeschaltet und das Schiff rotierte leicht. Jede Außenwand schien nun unten zu sein. Ich griff nach meiner Tasche, in der ich die wichtigsten Unterlagen hatte. Es war schon komisch – da flog man viele Jahre durch das All und alles Wichtige aus dieser ganzen Zeit passte in eine kleine Tasche. Zum letzten Mal hangelte ich mich durch die schmutzigen Gänge, um zur Hauptschleuse zu kommen. Als ich dort ankam, wurde ich dort bereits erwartet. Man hatte die Schleuse – nachdem der Druckausgleich hergestellt war – von außen geöffnet.

Der Mann, der mich erwartete, machte auf mich einen ganz normalen Eindruck. Sein Blick war offen und drückte Freundlichkeit aus.
»Willkommen auf Titan, Mr. Porter«, sagte er mit wohlklingender Stimme, »folgen sie mir bitte in unsere Station. Sie haben sicher eine Menge Fragen und ich werde mich bemühen, sie zu beantworten.«

Ich folgte ihm und betrat die Titan-Station. Ich bemerkte gleich, dass es eine andere Welt war, die ich betrat. Alles wirkte sauber, ordentlich und nagelneu. Ich sah Geräte und Instrumente, deren Funktion ich nicht bestimmen konnte.
»Welches Jahr haben wir?«, fragte ich.
Der Mann drehte sich um. »Sie würden wohl sagen, wir hätten das Jahr 2050, doch wir rechnen nicht mehr nach diesem Zählsysten.

Das würde bedeuten, dass ich mit der Milestone stark relativistischen Einflüssen ausgesetzt war, denn ich hatte den Bordkalender noch gut im Gedächtnis und der hatte zuletzt den 11. Juli 2035 angezeigt. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass der Mann gesagt hatte, man würde nicht mehr nach diesem Kalender rechnen.
»Moment mal«, sagte ich, »was soll das bedeuten, ihr rechnet nicht mehr nach diesem Kalender. Wer seid ihr überhaupt?«

Der Mann lächelte. »Mein Name ist 4-Rehlog-3569, falls es sie interessiert. Lassen sie uns in unsere Kantine gehen und dort etwas trinken oder essen – wir haben eine gute Küche. Dort werde ich ihnen alles erklären.«

Ich ging hinter diesem 4-irgendwas her und verstand überhaupt nichts mehr. Ich registrierte, dass die Anziehungskraft allmählich größer wurde, also näherten wir uns dem äußeren Rad der Station, wo die Fliehkraft annähernd Erdschwere simulierte. Immer häufiger begegneten wir Menschen, die mich und meinen Führer freundlich grüßten. Endlich erreichten wir die Kantine, die mäßig besucht war. Sie wirkte noch genauso, wie ich Kantinen noch von früher kannte. Wir setzten uns und ein hübsches junges Mädchen nahm unsere Bestellung auf. Zumindest darin hatte sich in den vergangenen Jahren nichts geändert.

»Also«, sagte ich, »dann fangen sie mal an zu erklären, Herr 4-…«
»Nennen sie mich einfach Rehlog«, sagte er, »hier in der Station wird dies sicherlich nicht zu Verwechslungen führen. Ich bin ein fast reiner Glii, deshalb der eigenartige Name. Die meisten Anderen haben ihre alten menschlichen Namen beibehalten.«
Ich starrte mein Gegenüber an. »Was ist ein Glii?«, fragte ich mit leicht belegter Stimme.

»Was haben sie gefunden, als sie auf Proxima Centauri eintrafen?«, fragte Rehlog, »Oder anders gefragt, was haben sie dort nicht gefunden?«
Ich sah den Mann aus zusammengekniffenen Augen an.
»Dort war niemand«, sagte ich. »Wir fanden die Reste einer großen Zivilisation, doch war alles verlassen. Als meine Freunde dann vom Planeten zurück kamen, waren sie krank und starben. Nur ich habe überlebt.«
»Ganz so war es nicht«, sagte Rehlog. »Ich werde es mal in Kurzform erklären. Wir Glii stammen ursprünglich vom Planeten Glii, das ist der erste Planet der Sonne, die ihr Proxima Centauri nennt. In unserer früheren Heimat lebten wir in Symbiose mit einer Primatenspezies, die jedoch nur eine geringe Intelligenz entwickelt hatte. Wir Glii sind eigentlich eine Art Kollektivintelligenz. Ihr würdet sagen, wir sind so etwas wie Viren oder Bakterien. Einzeln sind wir nichts, doch als geballte Masse entwickelten wir Intelligenz. Irgendwann im Laufe unserer eigenen Entwicklung stellten wir fest, dass wir individuelle Intelligenz entwickeln und sogar unsere Umwelt manipulieren können, wenn wir die Primaten unseres Planeten infizieren. So gingen wir eine Symbiose ein und konnten so gemeinsam eine Zivilisation schaffen, die eurer in nichts nachsteht. Leider hatten wir unsere Rechnung ohne unsere Sonne gemacht. Proxima Centauri ist eine sehr instabile Sonne. Häufig schleudert sie Plasmafackeln weit in den Raum und überschüttete unsere Welt mit harter Strahlung. Der Allgemeinzustand unserer Wirtskörper wurde von Generation zu Generation immer schlechter. Auch unsere Mediziner waren nicht mehr in der Lage, die vielen degenerativen Erkrankungen zu heilen. Etwa in diesem Stadium erreichten uns eure ersten Funksignale. Wir begriffen, dass es weit draußen im All Wesen gab, die Kontakt zu uns aufnehmen wollten. Unsere Forscher fanden heraus, dass eure Sonne ein stabiler Typus ist und in diesem System eventuell eine Chance für uns zum Überleben bestand. Wir beschlossen daher, eine Raumflotte zu bauen und unseren Planeten zu evakuieren. Leider machte uns auch dabei unsere Sonne einen Strich durch die Rechnung. Ihre Aktivität nahm von Jahr zu Jahr zu und immer mehr unserer Körper versagten bereits in der Jugend. Mit äußerster Mühe schafften wir es, wenigstens eine kleine Flotte fertigzustellen und zu starten. Während der Jahre, die wir benötigten, dieses Sonnensystem hier zu erreichen, starben die Meisten von uns. Ich drücke das so aus, weil zwar die Summe unserer Teilelemente wieder dem Pool zugeführt werden konnte, doch diese Teilelemente mit dem Tod des Wirtskörpers ihre Individualität verloren haben. Sie wurden wieder Bestandteil der Mutterintelligenz, die wir in speziellen Behältern mitführten.«

Ich hatte den Ausführungen Rehlogs bisher gebannt gelauscht und empfand die Situation als völlig absurd. Konnte es wirklich sein, dass ich hier einem Außerirdischen gegenübersaß, der ebenso gut ein alter Bekannter hätte sein können. Er erzählte mir eine haarsträubende Geschichte, als wäre es eine kleine Anekdote, die man zwischen Suppe und Nachtisch zum Besten gab.

»Sie glauben mir nicht«, sagte Rehlog. »Ich spüre das genau.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich noch glauben soll. Würden sie es an meiner Stelle glauben?«

Rehlog lächelte. Es war ein warmes und verständnisvolles Lächeln. Wenn das wirklich ein Außerirdischer war, konnte es zumindest kein Monster sein. Ich zuckte bei dem Gedanken innerlich zurück. Monster? Warum dachten Menschen bei außerirdischem Leben immer zuerst an Monster? Ich sollte es besser wissen. Ich hatte aus dem Orbit des fremden Planeten die Spuren der Zivilisation mit eigenen Augen gesehen.
»Mr. Porter«, sagte Rehlog, »lassen sie mich erst zu Ende erzählen. Danach will ich ihnen gern alle Fragen beantworten.

Wir müssen uns unterwegs begegnet sein, doch auch wir hatten sie und ihr Schiff nicht bemerkt. Bereits vor Jahren trafen unsere Schiffe hier ein und sorgten zunächst bei den Menschen für einige Aufregung. Es kostete uns viel Mühe, sie davon zu überzeugen, dass wir keine Invasionsflotte waren, sondern dass wir auf die Hilfe der Menschen angewiesen waren. Wir gingen in einen Orbit um den vierten Planeten – Mars und nahmen diplomatische Verhandlungen auf. Wir legten unsere Karten offen auf den Tisch – ich mag diese blumigen irdischen Metaphern – und zeigten den Verantwortlichen, wie es um uns bestellt war. Unsere letzten überlebenden Körper starben wenige Monate nach unserem Eintreffen. Wir machten das Angebot, Menschen zu infizieren und uns von ihren Körpern assimilieren zu lassen. Wir stellten in Aussicht, dass ein betroffener Mensch seine Eigenständigkeit behalten und gleichzeitig eine Steigerung seiner Intelligenz erleben würde. Es gab viele Freiwillige, aber auch Menschen, die sich scheuten, uns in sich aufzunehmen. Im Laufe der Zeit lernten wir, dass es auch menschliche Hüllen gab, die offenbar keine eigenständige Individualität mehr besaßen. Bei ihnen heißt das wohl Koma. Wir stellten einen Antrag, zu prüfen, ob wir nicht solche Körper beseelen dürften. Nach langen Debatten wurde uns diese Erlaubnis erteilt. Ich bin ein solches Exemplar. Ich trage nur eine rudimentäre menschliche Seele in mir, deshalb auch der für sie merkwürdige Name.«

»Sie wollen mir also allen Ernstes sagen, dass ihre ganze Rasse sich mit uns Menschen verschmolzen hat?«, fragte ich verständnislos.
»Genau so ist es«, bestätigte Rehlog, »ich betone jedoch ausdrücklich, dass wir der Menschheit in keiner Weise ihre Eigenständigkeit genommen haben. Wir sind nur hinzugetreten.«
Ich hatte noch immer Probleme, die Informationen zu verarbeiten, die ich soeben erhalten hatte.
»Hat das mit dem sogenannten Ausnahmezustand zu tun, in dem in der automatischen Sendung die Rede war, die ich empfangen habe?«, wollte ich wissen.
»Das mag etwas zu dramatisch klingen«, räumte Rehlog ein, »denn es gibt natürlich nicht wirklich einen Ausnahmezustand, wie die Menschen ihn bisher verstanden haben. Die Formulierung hat allerdings bisher schon häufig dazu geführt, dass Piloten von Schiffen, die von der Entwicklung hier nichts wussten, tatsächlich erst unsere Station hier angeflogen haben.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Und? Wozu ist das so wichtig?«
»Wir sind der Ansicht, dass wir niemanden unvorbereitet ins innere System einfliegen lassen sollten.«
»Werdet ihr mich auch infizieren?«, fragte ich vorsichtig. Rehlog muss mir wohl angesehen haben, dass mich dieser Gedanke ängstigte.
»Nicht, wenn sie das nicht wünschen«, sagte er. »Es gibt viele Menschen wie sie, die uns nicht in sich tragen. Wir respektieren den Willen unserer Gastgeber, das dürfen sie mir glauben.«
Mir kam mit einem Mal ein Gedanke. »Rehlog, als meine Kollegen ihren Exkurs zu eurem Planeten gemacht haben, kamen sie krank zurück. Kann es sein, dass sie dort noch von restlichen Glii infiziert wurden? Oder seid ihr vollständig von eurem Planeten geflohen?«
Rehlog schüttelte den Kopf. »Nein, ein Kollektivwesen wie wir Glii kann niemals vollständig von einem Ort an den anderen reisen. Immer bleiben Reste unserer Wesenheit irgendwo zurück. Ein solcher Verlust ist auch unerheblich. Sie liegen mit Ihrer Vermutung ganz richtig. Ein Teil der Zurückgebliebenen hat die Chance ergriffen, den Planeten zu verlassen, als die Menschen dort eintrafen.«
»Wie können Sie da so sicher sein?«, wollte ich wissen, »Proxima Centauri ist etwa vier Lichtjahre weit entfernt. Wollen sie mir jetzt weismachen, sie stünden mit diesen Artgenossen in Verbindung?«
»Oh, ich nicht«, sagte Rehlog und machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, »ich bin Bestandteil dieses Körpers, der hier vor Ihnen sitzt. Damit habe ich meine Verbindung zur Mutterintelligenz eingebüßt, aber die Mutterintelligenz, die es in einem Bunker auf der Erde noch gibt, spürt ihre Bestandteile auch über große Entfernungen. Sie hat gespürt, dass sich weitere Teile auf den Weg hierher gemacht haben. Sie hat auch gespürt, dass diese Teile der Glii zu Wenige waren, um das Wissen zur gefahrlosen Infizierung von Organismen zu besitzen. Mit anderen Worten gesagt, die Glii in Ihren Kollegen waren zu dumm. Sie schadeten ihren Wirtskörpern, weil sie an die Primatenspezies auf unserem alten Planeten gewohnt waren. Die Mutterintelligenz hat ihre ganze Kraft aufbringen müssen, wenigstens über eines der infizierten Individuen Kontakt aufzunehmen. Sie gab die Anweisung aus, die Körper einzufrieren. Ich bin glücklich, dass sie das auch getan haben. Unsere Leute haben die Körper während unseres Gesprächs bereits von ihrem Schiff geholt. Sie werden zur Zeit erwärmt und viele Glii aus dem Bunker der Mutterintelligenz kümmern sich darum, den Organismus der Menschen wieder zu beleben.«

»Sie machen was?«, fragte ich aufgeregt. »Sie wollen tote Körper beleben? Ich bin schon traurig genug über den Tod meiner Freunde. Sie müssen mich nicht auch noch auf diese geschmacklose Art und Weise veralbern!«
»Ich will sie nicht veralbern, Mr. Porter«, sagte Rehlog. »Nichts liegt mir ferner. Mit etwas Glück sind ihre Kollegen nicht tot. Speziell das Individuum, mit dem die Mutterintelligenz Kontakt aufgenommen hatte, sollte noch leben. Da bin ich sicher.«
»Marian!?«, entfuhr es mir. »Sie meinen, Marian lebt?«
»Wenn das der Name des Individuums ist – ja.«
»Kann ich sie sehen?«

Mir war plötzlich alles egal. Die Erde, die Außerirdischen, eine Invasion oder auch nicht – wenn ich nur Marian zurückbekommen konnte.
Rehlog musste mir angesehen haben, wie erregt ich war, denn er erhob sich und kam um den Tisch herum. Sanft legte er mir eine Hand auf die Schulter.
»Wir müssen noch warten«, sagte er. »Der Prozess ist kompliziert und wir dürfen keinen Fehler machen. Meine Mitarbeiter werden sich melden, wenn es soweit ist. Es wäre auch im Sinne ihrer Marian, wenn sie etwas ruhiger wären, wenn wir sie nachher aufsuchen. Möchten Sie vielleicht jetzt etwas essen oder trinken?«

Ich blickte zu ihm hoch. Es war ein Mensch – zweifellos und doch entstammte das Meiste seiner Seele einer völlig fremden Zivilisation. In meinem Kopf drehte sich alles. Waren wir Menschen wirklich noch dieselben Menschen, die wir vorher waren, oder war die Menschheit so etwas wie ein Mischprodukt geworden? Mein Blick schwenkte umher. Überall saßen Leute an Tischen, aßen und unterhielten sich, manche lachten. Alles war so, wie er es kannte.
»Ich könnte einen Whisky vertragen«, sagte ich, »Ich glaube, den habe ich mir jetzt verdient. Gibt es hier so was?«
Rehlog lachte. »Einen Whisky also – den ersten nach vielen Jahren. Den sollen sie haben, Mr. Porter.«
Ich sah ihn an und musterte ihn. Rehlog war so natürlich und normal. Ich hatte bei ihm das Gefühl, einem Freund gegenüberzusitzen. Ich traf eine Entscheidung. »Wissen sie was? Nennen sie mich Collin.«

Rehlog winkte der Bedienung und bestellte zwei alte Glenfarclas.
»Ihr habt hier tatsächlich echten schottischen Single Malt Whisky?«, wunderte ich mich. »Und du – ich sage jetzt einfach du – trinkst das sogar? Ich fass es nicht.«
»Wieso Collin? Ich betrachte mich als Menschen und nicht als Glii. Da werde ich doch auch das Recht haben, die Errungenschaften der Erde zu schätzen und zu lieben.«
Die Drinks kamen und wir prosteten uns zu.

Stunden saßen wir so beisammen und Rehlog erzählte mir, was sich seit meiner Abreise und vor allem seit der Ankunft der Glii alles verändert hatte und was immer noch so war, wie eh und je. Die Welt hatte sich weitergedreht, doch wie es schien, war es immer noch meine Welt und ich saß hier bei einem Außerirdischen in menschlicher Gestalt und plauderte mit ihm, wie mit einem alten Freund.
Schließlich war es soweit. Rehlog erhielt einen Anruf. Anschließend nickte er mir zu.
»Bist du so weit, Collin?«, fragte er. »Deine Freundin fragt nach dir.«

Ich sprang auf und stieß dabei fast den Tisch um.
»Wo ist sie?«, brüllte ich meine Frage durch den Raum, worauf die Gespräche an den Nachbartischen verstummten und mich alle anstarrten.
»Komm mit«, sagte Rehlog und zupfte an meinem Ärmel. »Ich führ dich hin.«
Ich weiß noch, dass wir durch endlose Gänge dieser riesigen Station liefen, jedoch kann ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Meine Gedanken kreisten nur noch um einen Namen: Marian.

Wir betraten eine Abteilung, die auf den ersten Blick bereits als Krankenabteilung zu erkennen war. Manche Dinge ändern sich auch nach Jahren nicht wesentlich. Rehlog deutete mit der Hand auf eine Tür. Eine Krankenschwester wollte mich erst am Betreten des Raumes hindern, doch sie trat beiseite, als Rehlog ihr sagte, dass es in Ordnung wäre.

Mit zittrigen Händen drückte ich auf den Öffnerkontakt und die Tür fuhr zur Seite. Da war sie – meine Marian, genau so schön, wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie saß in einem Rollstuhl und sah mich lächelnd an, als ich eintrat.
»Collin«, sagte sie und hob ihre Hände in meine Richtung.
Ich eilte zu ihr, kniete mich hin und drückte ihren warmen Körper an mich. Ich konnte nichts sagen, so dick war der Kloß in meinem Hals. Tränen rannen mir über die Wangen. Ich konnte es nicht verhindern und ich wollte es auch gar nicht. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich konnte mein Glück noch nicht fassen.
Ich löste mich etwas von ihr und sah sie an.
Marian sah meinen Blick. »Der Rollstuhl ist nur vorübergehend. Ich bin noch zu schwach, um aufzustehen.«

»Ich hatte geglaubt, du wärst tot«, flüsterte ich. »Es ist ein Wunder, dass ich dich wiederhabe. Ich werde nicht zulassen, dass wir jemals wieder getrennt werden.«
Marians Augen strahlten mich an. »Das will ich auch nicht. Ich möchte nur noch dieses ganze Weltall hinter mir lassen und mit dir auf der Erde neu anfangen.«
Wir küssten uns immer wieder. Die Gespräche, die wir dabei führten, dürften für die Nachwelt nicht sehr interessant gewesen sein. Uns war es gleich. Wir fühlten uns wohl dabei.

Bald würden wir eine Passage vom Titan zur Erde bekommen – nach Hause, doch bereits jetzt hatte ich das überwältigende Gefühl, heimgekehrt zu sein.

Ende

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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 2: Der wahnsinnige Techniker


Als die Lichter das erste Mal zu flackern begannen, war sich Archweyll fast sicher, dass es nun auch um ihren Notstrom geschehen war. Glücklicherweise hatte sich dieses Bauchgefühl bisher noch nicht bestätigt. Auf seinem Weg zu den tieferen Docks des Patrouillenkreuzers begegneten ihm missmutige Blicke, sie verfolgten ihn wie sein eigener Schatten. Der Kommandant spürte Unbehagen in sich aufkeimen. Je tiefer er in das Raumschiff vordrang, desto schlimmer wurde dieses Gefühl. Seine schweren Aspexylstiefel klackten bei jedem Schritt, den er die Treppen herunterschritt, und ihr Echo hallte durch den Korridor, der ihn wie ein stählerner Mund zu verschlucken schien. Wieder flackerte das Licht. Hier unten waren keine Menschen. Die Maschinenräume waren durch die Antriebsenergie radioaktiv verseucht und nur Roboter konnten sich hier längere Zeit aufhalten. Roboter und Howard Bering. Archweyll schüttelte sich. Hier unten kam er sich verloren vor. Als wäre er ein Niemand, im willkürlichen Spiel des großen Ganzen. Das Treppenhaus fand ein jähes Ende und er befand sich vor einer mechanischen Pforte. Er legte seine Hand auf den Türgriff und der Scanner analysierte deren Struktur. Dann sprang das Licht auf grün und die Pforte öffnete sich zischend. Eine weitere Sicherheitstür blockierte seinen Weg. Er befand sich in einer Schleuse, die ihm den nötigen Schutz vor der Strahlung gewähren würde.
„Initiiere Startfrequenz“, knisterte eine mechanische Stimme.
„Ah, hallo Bebsy“, frohlockte Archweyll. „Heute nehme ich den weißen Anzug. Ich bin in Feierlaune. Krawatte nicht vergessen und sei doch so gut und spiel mir Musik.“ Es zischte lautstark, als die Hydraulikgelenke des Schleusenroboters damit begannen, ihn in einen Schutzpanzer einzukleiden und von oben bis unten zu desinfizieren. Das war wohl die einzige Musik, die Bebsy kannte.
Irgendwie stimmte es den Kommandanten traurig.
Längliche Roboterarme legten Schritt für Schritt einen weißen Panzer aus Aspexyl um den Kommandanten, bis er gänzlich darin eingehüllt war. Die Dichte dieses künstlichen Metalls war so unglaublich fest, dass radioaktive Teilchen nicht eindringen konnten, was ausgesprochen wichtig war, wenn man auf einem Raumschiff diente. Diese wurden in der Regel mit Reaktoren betrieben, deren Strahlung ausreichte, um einen ganzen Planeten zu verseuchen. Eine stählerne Hand legte Archweyll eine Sauerstoffmaske auf, dann verstummte Bebsys Lied und die zweite Pforte öffnete sich. Dahinter befand sich ein Aufzug, der ihn noch weiter in die Tiefe bringen würde.

Patrouillenkreuzer waren im Durchschnitt gesehen sehr große Schiffe, mit rund 10.000 Mann Besatzung, eigenen Frachträumen und Hangaren, Munitionsbatterien, Werkstätten und Wohnkegeln. Im Notfall mussten sie auf sich alleine gestellt klar kommen und dafür war die Atharymn ausgelegt. Nur die föderalen Fregatten und die legendären Hellscreamer konnten ihr an Größe das Wasser reichen. Der Aufzug setzte sich surrend in Bewegung und beförderte den Kommandanten zu den tiefsten Ebenen des Kreuzers, wo sich die essentiellen Maschinenräume befanden. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Tür und gab den Blick auf einen düsteren Korridor preis. Normalerweise war hier das ohrenbetäubende Dröhnen des Antriebs zu vernehmen, heute jedoch war es totenstill. Archweyll schritt eilig durch die Dunkelheit, passierte stählerne Türen und zischende Pforten. Kein Lebewesen kreuzte seinen Weg. Dann hatte er sein Ziel erreicht. Vor ihm befand sich die Werkstatt des Chefmechanikers.

Ohne zu klopfen trat er ein. Hier musste er Autorität an den Tag legen, das war Archweyll bewusst. Die Werkstatt wurde durch röhrende Notstromaggregate mit Energie versorgt und allerlei seltsame Konstruktionen hingen, mechanischen Armen gleichend, von der Decke. In der hintersten Ecke befand sich eine holographische Sternenkarte der bisher kartographierten Galaxis.
Er fand Howard Bering schweigend über einen sterilen Metalltisch gebeugt, während er eingehend einen Körper analysierte.
„Die Dunkeln Engel sind schon faszinierende Wesen“, begrüßte ihn der Meistertechniker murmelnd.
„Howard, was zum Teufel?“, schoss es direkt aus Archweyll heraus. Experimente mit Leichen waren strikt untersagt und diese Tatsache war jedem auf dem Schiff bewusst.
Der Chefmechaniker drehte sich zu ihm um. Howard Bering war ein geduckter Mann mittleren Alters. Dennoch hatte sich sein mausbraunes Haupthaar fast gänzlich von ihm verabschiedet und hing in dreckigen Strähnen von seinem unförmigen Kopf. Sein Gesicht glich eher dem einer Ratte, als dem eines Menschen. Er hatte eine dreckige Schürze angelegt, in der allerlei Gerätschaften untergebracht waren, und trug ein surrendes Hextech-Monokel. Seine linke Hand fehlte und war durch ein Geschwür aus wabernden Tentakeln ersetzt worden. Eines der vielen fehlgeschlagenen Experimente der Apotekaris auf Prospecteus, einem der drei Ankerplaneten der Föderation. Howard Bering war ein Mutant. Ein verdammt gefährlicher Mutant. Hätte Archweyll ihn nicht aufgenommen, hätte er in einer Zelle im intergalaktischen Gefängnis der Föderation den Rest seines Lebens abgesessen. Nicht jedes ehemalige Mitglied der Hände der Herrlichkeit konnte von so einem Glück sprechen.
„Experimente an Leichen sind strikt untersagt. Wieder einmal missbrauchst du mein Vertrauen. Ich hätte dich in einer Zelle verrotten lassen sollen“, spuckte der Kommandant zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Und dennoch hast du es nicht getan“, Howard blickte nicht von seiner Arbeit auf, während er sprach.
Archweyll trat an ihn heran. Was er sah, ließ seine Magengrube flau werden. Auf dem Tisch lag der ausgeweidete Körper eines Dunklen Engels. Die Schädeldecke war geöffnet worden und seltsame Apparaturen arbeiteten darin.
Sie waren verbunden mit einem Tablet, welches der Chefmechaniker studierte als hinge sein Leben davon ab. „Sie besitzen kein Gehirn wie wir es kennen“, sagte Howard fasziniert und zeigte dem Kommandanten eifrig ein Scan auf dem Display. Dieser stellte eine würfelähnliche Konstruktion dar, die durch Glasfaserkabel mit dem ganzen Körper vernetzt zu sein schien. „So wie ich vermute, sind all ihre Gedanken, Empfindungen und ihr Wissen in einer riesigen Cloud miteinander verbunden. Ein gesellschaftliches Kollektiv, eingearbeitet in einen winzigen Schädel. Stell dir doch einmal vor welche Möglichkeiten das bietet. Wenn es uns gelingen sollte, ihre Informationen aufzusammeln, steht uns das Wissen einer hochkultivierten Zivilisation zur Verfügung. Einer Zivilisation, die schon den Weltraum besiedelt hat, bevor es überhaupt Menschen in dieser Galaxie gab.“
Archweyll konnte nicht anders, als Bewunderung dafür zu hegen. Sein Blick studierte das makellose Gesicht des Dunklen Engels, das eine schneeweiße Blässe aufwies. Das Wesen war gute drei Meter groß und kräftig gebaut. Aschgraue Flügel hingen leblos, von seinem Rücken ausgehend, zu Boden, wie eine Pflanze, die man zu lange nicht mehr gegossen hatte.
„Wie bist du an den Leichnam gelangt?“, fragte Archweyll energisch. Das etwas auf dem Schiff ohne sein Wissen geschah, machte ihn zornig.
„Ich habe meine Quellen. Und du kannst froh sein, dass ich Informationen über den Dunklen Engel einbringen konnte, denn möglicherweise werden uns bald welche begegnen.“ Der Chefmechaniker lächelte verschlagen. „Angesichts unserer Lage.“
„Mit was haben wir es zu tun?“, wollte der Kommandant wissen. Bevor er eingriff, wollte er zunächst alle Details erfahren. „
Sie sind Hybridwesen. Ihr Körper besteht aus Organen und Muskelmasse, aber sie besitzen ein fast unzerstörbares Exoskelet und hochentwickelte technische Nervenfasern. Ihre Reflexe müssen die unseren bei weitem übertreffen“, Howard schien sich nicht aus seiner faszinierten Ektase lösen zu können.
Langsam wurde Archweyll ungeduldig. Er griff sich seinen Chefmechaniker und schüttelte ihn kräftig. „Ist dir vielleicht mal aufgefallen, dass unsere Antriebe defekt sind? Seit dreizehn Tagen?“, herrschte er ihn an. „Und du hockst hier unten und es ist dir scheißegal? Die Techniki versagen auf ganzer Linie und es ist deine Aufgabe, dich um ihren Erfolg zu kümmern.“ Howard stieß einen kehligen Laut aus, den man wohl als Lachen verstehen konnte. „Dreizehn Tage und unser Kommandant traut sich erst jetzt zu mir herunter. Wahrlich, ich muss ein furchtbarer Gesprächspartner sein.“ Er verschlüsselte das Tablet und deutete Archweyll an ihm zu folgen.
Sie machten Halt vor der Sternenkarte. Die spiralenförmige Galaxie drehte sich im Uhrzeigersinn langsam um die eigene Achse. Ein roter Punkt kennzeichnete die Lage ihres Schiffes, inmitten der großen Dunkelheit und schien den Kommandanten wie ein blutunterlaufenes Auge anzustarren. „Wie du erkennen kannst, hat unser Schiff die planetare Konfiguration unserer Galaxie bereits verlassen und driftet nun durch die Leere. Das ist unsere Bezeichnung für den Raum zwischen den einzelnen Spiralen unserer Galaxie“, fing Howard an zu erklären. Er deutete auf den roten Punkt, der sich bereits von der bekannten Fläche des Systems entfernt hatte und mitten im schwarzen Nichts lag.
„Erzähl mir lieber warum wir keine Schubkraft mehr haben“, langsam ging der Chefmechaniker Archweyll gehörig auf die Nerven.
„Ich weiß, dass es kein technischer Defekt ist“, raunte Howard bedächtig. „Vielmehr eine molekulare Verzerrung, die verhindert, dass das Plutonium in unseren Reaktoren sich spaltet und Energie austritt“, er deutete auf eine Anzeige. „Seit dreizehn Tagen hat sich der Zustand in unseren Reaktoren nicht verändert. Aber die Frage ist warum?“
„Ich dachte diese Frage könntest du mir vielleicht beantworten?“, erwiderte der Kommandant. Er hatte langsam das Gefühl sich im Kreis zu drehen. „Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Howard und wieder legte sein Gesichtsausdruck diese unheimliche Faszination an den Tag. „Möglicherweise möchte uns etwas zu sich rufen. Unsere Patrouille war wirklich weit außerhalb der gesicherten Zone unterwegs.“
„Aber unser Radar liefert keine Ergebnisse“, erwiderte Archweyll forsch. „Wir hätten doch schon längst auf etwas stoßen müssen.“
„Vielleicht werden wir das“, erwiderte der Chefmechaniker und seine Augen weiteten sich manisch. „Aber erst, wenn es gefunden werden will.“

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Wie finde ich den perfekten Reim?

Zu einem guten Gedicht gehören definitiv gute Reime. Wenn da nur “Haus – Maus – Reime” zu finden sind, ist das Gedicht sofort langweilig. Die Reime sollten anspruchsvoll, interessant und kreativ sein. Doch wie finde ich so einen Reim?

Um das herauszufinden, schauen wir uns dazu mal die Definition, die Funktion und verschiedene Reimarten an.

Definition

  • Verbindung von Wörtern mit ähnlichem Klang
  • Gleichklang eines betonten Vokals und der ihm folgenden Laute

Funktion

  • Gedicht zusätzlich zu Metrum Struktur geben
  • Bildet due Ästhehtik der Lyrik
  • Vor allem dann überzeugend, wenn Reimwörter in ihrer Bedeutung und Konnotation weit auseinander liegen
  • Karl Kraus: Reim umso besser, je mehr „Widerstand“ er zu überwinden hat àB. einsilbiges Wort reimt sich auf mehrsilbiges/ beide Reimwörter aus unterschiedlichen sprachlichen Bereichen
  • Gereimtes bleibt besser im Gedächtnis –> im Mittelalter wurden Botschaften oft gereimt übermittelt

Reimformen (ausgewählte)

  • Männliche Reimform
    • Stumpf, einsilbig
    • Zeile endet auf einer betonten Silbe
    • Auch Maskulinus genannt
  • Weibliche Reimform
    • Klingend, zweisilbig
    • Beide Zeile enden auf reimende Silben, erste betont, zweite unbetont
    • Auch Femininus genannt
  •  Gleitend/reich
    • Dreisilbig
    • Beide Zeilen reimen auf drei Silben, jeweils erste betont

Stellung im Vers

  • Endreim/Ausgangsreim
    • Reimwort steht am Ende des Verses
    • Häufigste Reimform
  • Binnenreim
    • Reimworte stehen ganz/teilweise im Innern des Verses
    • Innenreim/Inreim: Reimweorte am Versende oder im Versinnern desselben Verses
    • Mittelreim: Reimworte stehen im Innern von Versen, die aufeinander folgen
    • Mittenreim: ein Wort, das am Versende steht, reimt sich mit einem Wort, das im Innern des folgenden oder voranstehenden Verses liegt
    • Schlagreim: Es folgen Worte die sich reimen sofort aufeinander (z.B: Echoreim, Übergehender Reim)
  • Anfangsreim:
    • Die ersten Worte des zweiten Verses reimen sich

Reiner / Unreiner Reim

  • Reiner Reim: sich reimende Teile der Worte sind genau gleich (Beispiel: Hose – Rose, stehen – gehen)
  • Unreiner Reim: sich reimende Teile stimmen nur annähernd überein (Beispiel: Gewalt – Gestalt, kühn – hin)

Zusammenfassung

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, in einem Gedicht zu reimen.
Dabei spielt eine Rolle, wo die sich reimenden Wort befinden. Außerdem gibt es eine Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Reimen, die zum Beispiel Auswirkung auf die Stimmung des Gedichts haben kann.
Den Klang verändert, ob ein Reim männlich” oder “weiblich ist, je nachdem, welche Silben betont sind. Einen guten Reim macht aus, dass er anspruchsvoll ist, nicht nur die “0815-Reime” wie Haus – Maus, Hut – Gut. Das kann auch mal passen, aber interessante Reime bekommt man, wenn die sich reimenden Worte eine unterschiedliche Anzahl an Silben haben, oder sie aus unterschiedlichen Bereichen der Sprache sind.

Ich hoffe, dieser Beitrag konnte euch den Reim etwas näher bringen. Probiert doch einfach mal verschiedene Reimarten aus, manche sind vielleicht schwieriger, andere leichter.

Viel Spaß dabei,
Wolverine ^-^

P.S.: Hier ein Link zum Gedicht “Der Reim” von Karl Kraus (lohnt sich :D)
https://de.wikisource.org/wiki/Der_Reim_(Kraus)


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Das braucht der Mensch – von Saigel

Der Mensch braucht Brot,

der Mensch braucht Spiele,

Spiele Brot und Spiele.

Der Mensch braucht Illusion,

der Mensch braucht Zeit.

Zeit, die er in seiner Illusion verschwenden kann und die unwiderruflich verloren, außerhalb des Traumes von anderen ohne sein Einvernehmen benutzt, nie wieder gewonnen, für immer verstrichen ist.

Die Gladiatoren rennen aufeinander zu, sie sind bewaffnet mit scharfen Klingen, sie schreien, rufen in die Menge und sich selbst den letzten Funken Mut aus ihren Körpern. Sie sind getrieben vom Überlebenswillen, der jede Hoffnung, mag sie auch noch so klein und unscheinbar sein, zu einem lodernden Feuer aufkeimen lässt. Sie preschen aufeinander zu, wie das Pferd, das kurze Zeit zuvor, seine treuen Dienste geleistet hat und nun laut röchelnd in der finsteren Ecke der Arena den Tod willkommen heißt, ohne das ein Zuschauer es auch nur eines Blickes würdigt.

Blut kocht im Sand, von Füßen, Hufen und Pfoten in alle Richtungen getragen, vermischt mit dem eines anderen toten Körpers, der sein Ableben klammheimlich bereits vollendet hat.

Der Tod schwebt über den Köpfen aller, facht die Sensationslust an, lässt die Geister erregt in einen Wahn verfallen, nach immer mehr und mehr zu lechzen, auszublenden, was da gerade geschieht, das Spiel in vollen Zügen zu genießen, das nicht das eigene Leben bedroht, sondern lediglich das der anderen.

Der anderen von weniger Wert. Diejenigen, die doch schließlich dazu auserkoren, ausgebildet wurden, gut trainiert, genährt, gehegt und gepflegt auf Kosten des braven Steuerzahlers, die finale Vorstellung so packend und reißend wie möglich zu gestalten und für das bezahlte Geld etwas zu bieten, das man nicht nur in völliger Manie, der alltäglichen Gefühlsbandbreite entfliehend, erleben, sondern auch alles andere voll und ganz vergessen soll: das Leben, das Geschehen, die eigene Frau bis hin zum eigenen Kind.

Sie rasen weiter, die beiden Kämpfer, denen nichts mehr anderes übrig bleibt, als sich gegenseitig abzuschlachten, der Menge Schmerz und Gräueltaten zu bieten, um ihre mittelmäßigen Leben zu erheben, sie bunter, blutiger, gewalt-iger zu machen.

„Ach Schatz, das ist doch nur ein Film“, sagt er, verdreht die Augen bei meinem Gesichtsausdruck, der seinem Freudentaumel so ganz und gar nicht entspricht.

Der Zuschauer in der Arena knabbert an Fleischstückchen auf kleinen Spießen, wirft sie in gespannter Erwartung immer wieder mit den Händen in die Luft. Er speit Bröckchen von bereits halb Zerkautem auf die Frau, die vor ihm ihr Kind auf die Schultern nimmt, das ihm die Sicht im alles entscheidenden Moment versperrt.

Ich sinke in mich zusammen, höre mein Herz schlagen, das Grauen schleicht mir in den Nacken. Neben mir raschelt die Chipstüte, eine Hand voll landet im Mund, eine Hand voll auf dem Schoß, ohne den Blick von dem Bildschirm abzuwenden, streicht er hastig die Krümel herunter, die knirschend auf den Boden fallen.

„Ich mag das nicht sehen“, wimmere ich, traue mich nicht hinzusehen, halte mir die Augen zu.

„Nur noch einen kurzen Moment, das muss ich noch sehen!“.

Zwei Hiebe, ein Kopf fliegt durch die Luft, die Menge schreit, der Gladiator steht da, baut sich auf, brüllt seine Wut hinaus, den Horror, den er gerade mit aller Macht zu bewältigen versucht. Die Begeisterung ist groß, die Zuschauer toben, ein lebloser Körper im Sand.

Blut.

„Wie langweilig. Man hat ja gar nichts gesehen.“

Ich male mir die Albträume aus, die ich heute Nacht haben werde, während er friedlich neben mir schnarcht, als hätten wir an diesem Abend nicht dasselbe gesehen.

Ein anderes Programm.

Versprochen ist versprochen.

Jetzt befinden wir uns im Krieg. Gewehre schießen, Bomben fallen, junge Männer sind Helden, kämpfen für irgendetwas, das ich nicht nachvollziehen kann, sie rennen los. Einer nach dem anderen durch die Bresche. Feuer. Schreie. Giftgas. Schreie.

Das Wohnzimmer ist gefüllt mit Leid und Schmerz und Angst. Neben mir knistert die Chipstüte.

„Ich mag das nicht sehen.“

Ein vorwurfsvoller Blick. Dann ein genervtes Stöhnen. Aber es folgt ein anderes Programm. Schließlich verbringen wir nicht oft einen Abend miteinander, da kann man auch mal einlenken. Gemeinsam sitzen wir schweigend vor dem Fernseher, sehen in das flimmernde Licht, erleben eine Geschichte, sprechen aber nicht darüber, denn sonst:

„Scht. Was hat der jetzt gesagt? Sei doch mal still!“

Ein schöner Abend gemeinsam zu zweit. Brot und Spiele, Spiele und Brot.

Das neue Programm läuft. Keine Schüsse, keine Waffen, ein kleines Kind schreiend im Auto, die Eltern streiten, dann kommt der Baum. Alle sind tot. Der Anfang einer wahren Geschichte. Das Kind leblos, so klein, mir kommen die Tränen.

„Das ist doch nur ein Film, Schatz.“

„Ich mag das nicht sehen.“

Ärgerliche Blicke, schnaubend zieht Luft an meinem Ohr vorbei.

„Na gut, einmal schalte ich noch um, aber dann reicht es mir.“

Das neue Programm, ich stehe auf.

„Ich gehe ins Bett“.

„Ja, schlaf gut, Schatz.“

Stille – endlich habe ich sie wieder.

Ein schöner Abend zu zweit in wunderbarer vollkommener Stille, die die Süße der sanften Stimmen, die Weite der Gespräche, das Lächeln der sich zugewandten Gesichter pur und rein auflodern lässt.

Das braucht der Mensch.

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Wenn die Muse Sommerurlaub macht

Letzte Woche ist sie gefahren, nach Teneriffa zum Wandern und zum Baden. Natürlich gönne ich ihr die Erholung. Ich bin ja wirklich nicht immer einfach.  Andere Autoren setzen sich täglich zur selben Zeit an ihre Texte. Das kann ich nicht. Meine Muse muss da sein, wenn ich Lust zum Schreiben habe, egal zu welcher Uhrzeit. Und das tut sie auch, sie hat mich noch nie versetzt.

Bevor sie abfuhr, hat sie mir noch ein paar Ideen da gelassen. Damit ich nicht aus der Übung komme, hat sie gesagt und mich angegrinst.
Leider ist es dieses Jahr so wie alle Jahre, kaum hat meine Muse die Türe hinter sich zugemacht, plustert sich mein innerer Kritiker auf. Der kleine Giftzwerg hat mir diese Woche jeden Text, den ich begonnen habe, so schlechtgeredet, dass ich nach ein paar Sätzen die Lust verloren habe.

Draußen ist es noch dunkel. Ich habe mich eben aus dem Bett geschlichen und mir ganz leise einen Kaffee gemacht. Das Notebook fährt hoch. Ich möchte endlich mal wieder einen Text zu Ende bringen. Doch ich habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Gerade als ich loslegen will, kommt mein Kritiker zur Türe herein. Seine Haare stehen wild nach allen Seiten und sein Shirt hat er verkehrt herum an.
Vorerst stumm setzt er sich neben mich und schaut mit mir zusammen auf das leere Dokument mit dem blinkenden Cursor. 

„Was hast du vor?“, fragt er nach einer Weile.
„Ich schreibe ein Gedicht.“
„Du hast doch keine Ahnung von Versfuß, Versmaß und Strophenform und vermutlich weißt du nicht einmal, wie man Jambus schreibt. Das kann doch gar nichts werden.“
„Gedichte müssen sich heutzutage nicht mehr reimen.“

„Das stimmt, aber dann müssen sie zumindest tiefgründig sein und wenn ich mir deine letzten Texte so ins Gedächtnis rufe …“ Er macht eine vielsagende Pause und schüttelt dabei den Kopf.
„Dann schreib ich eben etwas Lustiges!“ Heute soll er mich nicht abhalten. Ich will schreiben und es soll ein Gedicht werden.

Der Giftzwerg lacht sich kaputt. „Du, die du jedes zweite Komma falsch setzt und auch ansonsten Probleme mit der Rechtschreibung hast, du willst in die Königsdisziplin? Lustig ist noch schwerer als erotisch … und was passiert ist, als du einen erotischen Text schreiben wolltest, das weißt du doch noch, oder?“ Er schüttelt abermals vielsagend den Kopf.

Oh Mann, der Kerl weiß schon ganz genau, welche Knöpfe er bei mir drücken muss. Ich nehme meine Hand von der Tastatur und trinke einen Schluck Kaffee. Sollte ich vielleicht lieber Fenster putzen gehen? Ist ja wirklich eine Schnapsidee. Ein Gedicht. Wie bin ich da bloß drauf gekommen? Mein Selbstwertgefühl schmilzt wie Butter in der Sonne.

Sein Lachen wird hysterisch, er klopft sich mit den Händen auf die Schenkel, Tränen laufen ihm die Wangen hinunter. Und dann verschluckt er sich und beginnt laut zu husten.
„Das hat er nun davon“, denke ich schadenfroh und lege meine Hände wieder auf die Tastatur. Doch ich komme nicht zum Schreiben. Innerhalb weniger Sekunden läuft er lila an, und ringt keuchend um Luft. Ich stehe auf und klopfe ihm kräftig zwischen die Schulterblätter. Was nicht sonderlich hilfreich ist. Er wird ohnmächtig. Immerhin bin ich da und kann ihn halten, sodass er nicht vom Stuhl fällt.

Das Husten hört abrupt auf und einen Moment denke ich, er ist hinüber. Ich werde hektisch. Auch wenn er beim Schreiben eines Entwurfes oft nervt, beim Überarbeiten ist er Gold wert. Und zudem ist er ein Teil von mir. Er darf nicht sterben. Ich schüttle ihn ein wenig und überlege gerade, ob ich ihn beatmen soll, da hebt sich sein Brustkorb ruckartig. Nach einigen Atemzügen normalisiert sich auch seine Gesichtsfarbe wieder. Ich lege ihn aufs Sofa, streiche ihm das wirre Haar aus dem Gesicht und setze mich wieder an das Laptop. Wie von selbst gleiten meine Finger über die Tastatur.

Minuten später ist mein Gedicht fertig. Gerade rechtzeitig. Ich höre ein leises Rascheln und schon sitzt er wieder neben mir. Seine Augen fliegen über die wenigen Zeilen. Ein Grinsen stiehlt sich in sein Gesicht. „Nett“, sagt er und verlässt den Raum.

Mit offenem Mund schaue ich ihm hinterher. Was ist denn mit dem passiert? Ich hoffe, der Sauerstoffmangel hat keine bleibenden Folgen und er ist bei der nächsten Überarbeitung wieder er selbst.

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Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 1: Verloren


Die Atharymn glitt geräuschlos durch den leeren Raum. Tausende blinkende Augen und blutunterlaufene planetare Abstraktionen erhellten ihren Weg durch den Warp und verspotteten sie, aufgrund ihrer Nichtigkeit. Seit nunmehr dreizehn Tagen lagen die interstellaren Triebwerke des Patrouillenkreuzers brach. Ihr säuselndes Dröhnen, das Flottenkommandant Archweyll Dorne sonst so liebevoll in den Schlaf gewogen hatte, war verklungen und einer unheilvollen Stille gewichen, die ihn kein Auge mehr zumachen ließ. Hier draußen im Warp waren sie alleine. Niemand hatte auf ihre Funkanfragen reagiert.
Archweyll wunderte das nicht. Sein Kreuzer war für die galaktische Föderation genauso entbehrlich wie der Dreck unter seinen Stiefeln und wie eben jener Dreck wurde er mit einer halbherzigen Bewegung ins Vergessen gekratzt. Die Stille, die das Raumschiff überkommen hatte, ging der Besatzung an die Substanz. Noch wurde auf der Kommandobrücke Geschäftstätigkeit vorgeheuchelt, doch hinter vorgehaltener Hand sprach man von dem Versagen der Techniki in den essentiellen Maschinenräumen. Mittlerweile war ihre Aussicht auf Rettung ebenso verschwindend gering wie das Interesse der galaktischen Gesellschaft an ihrer Routinemission.
Auf der Kommandobrücke herrschte reges Treiben. In sterile weiße Panzer gehüllte Navigatoren versuchten verzweifelt herauszufinden, warum sie von ihrem Kurs abgewichen waren und auf den Rand der bekannten Welt zusteuerten. Ratternde Servogetriebe versorgten ihre Datenbanken notdürftig mit der benötigten Leistung. Seit der Hauptantrieb, der gleichzeitig auch die Kernenergiequelle der Atharymn darstellte, ausgefallen war, saßen sie im Dunkeln. Die meisten der einst so farbenfrohen Kontrollleuchten waren erloschen. Die flackernde Notbeleuchtung tauchte sie alle in ein milchiges Licht, das die Menschen an Deck wie verrottende Leichname aussehen ließ.
Archwell schauderte bei dem Gedanken daran, dass sie vielleicht bald auch genau das sein würden. Das Rauschen der schiffsinternen Kommunikationsanlage riss den Kommandanten aus seinen düsteren Gedanken.
„Technikstation B14 hat alle Scans In Maschinenraum 2 sauber abgeschlossen“, knisterte es aus dem Mikrofon, das an seiner Brust klemmte. Die mechanische Stimme der Techniki war ebenso wenig liebevoll, wie menschlich.
„Hinweise für das Dahinscheiden unserer geliebten Lebensader? Oder seid ihr immer noch damit beschäftigt das Maschinenöl von den Antrieben zu lecken?“, fragte Archweyll sarkastisch. Er liebte es, die Techniki zu beleidigen. Maschinen verstanden einfach keinen Humor.
„Negativ. Kein Hinweis über den Antriebsausfall“, der Roboter überging seine Provokation einfach. Was für eine Frechheit.
„Wir haben nur zwei wichtige Maschinenräume“, wetterte Archweyll erzürnt. „Soll das heißen ihr habt schon wieder nichts gefunden? Wofür bezahle ich euch eigentlich?“
„Ihr bezahlt uns nicht. Wir dienen mit Freuden“, entgegnete die Stimme aus dem Mikrofon trocken.
Der Kommandant verdrehte die Augen. Für einen kleinen Schlagabtausch würde er sich jemand anderen suchen müssen. Und mittlerweile lagen seine Nerven so blank, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als jemanden für seine Unfähigkeit zurechtzustutzen. Vielleicht sollte er mit den Programmierern der Technikstation B14 anfangen? Dann fasste er sich wieder und überlegte fieberhaft. Wie konnte es sein, dass die Antriebe einfach ausfielen, ohne jeglichen Hinweis auf einen technischen Defekt? Das war rätselhafter als die abstrusen Belange seiner Ehefrau.
Archweyll blickte sich um.
Sämtliche Blicke auf der Kommandobrücke waren auf ihn gerichtet. Jedes Besatzungsmitglied hoffte auf positive Nachrichten.
Auch heute würde er sie vertrösten müssen und er hasste sich dafür. Der Kommandant fuhr mit der Hand über seine Glatze und wanderte mit seinen Fingern grübeln durch den imposanten Schnauzer, der seine Oberlippe zierte. Er war ein Bär von einem Mann und hatte seit dem Beginn seiner Dienstzeit nichts von seiner genetisch optimierten Körperkraft eingebüßt. Noch wagte es niemand seine unangefochtene Autorität anzuzweifeln. Er räusperte sich widerwillig und teilte der Mannschaft die aktuelle Lage mit.
Seine Nachrichten wurden mit Totenstille entgegengenommen. Schweigend wandten die Leute sich von ihm ab und widmeten sich halbherzig ihrer Arbeit.
Sogar Clynnt Volker, sein Chefnavigator, blickte ihn mit einer endlosen Müdigkeit an. Wie Archweyll selbst hatte er seit Tagen nicht geschlafen und das sah man ihm an. Dicke Ringe zierten seine Augen um die scharfe Hakennase herum, als hätten sie eine Ehe geschlossen. Sein graues Haupthaar war zu einem undefinierbaren Geschwür herangewachsen und tiefe Sorgenfalten durchzogen sein Gesicht als wäre es eine Landkarte.
Als würden ihn seine Verpflichtungen als Kommandant dazu zwingen, schritt Archweyll auf ihn zu. „Haben wir wenigstens irgendetwas auf den Monitoren?“, bemühte er sich um ein Gespräch.
Der Chefnavigator schüttelte den Kopf. „Sogar Taurenscheiße weist mehr Inhalt auf als unser Radar. Mit Verlaub“, sagte er spitz.
Dafür liebte Archweyll ihn. Clynnts Zunge war genauso scharf wie sein Verstand und über all die Jahre an Bord der Atharymn war er zu einem treuen Gefolgsmann geworden. Der Kommandant lies es zu, dass ein Seufzer seinen Lippen entwich. Seit dreizehn Tagen schwebten sie im Nichts. Eine unheilverkündende Zahl.
Als wolle eine schicksalhafte Begebenheit ihre Situation noch weiter ins Dunkel stürzen, blinkte plötzlich die Leistungsleuchte rot auf.
„Die Notstromversorgung verabschiedet sich von uns!“, fluchte Clynnt lautstark und schlug mit der Faust gegen die Titanverkleidung der Innenbordwand. „Wenn die ausfällt sind wir taub, blind und vor allem geliefert. Das darf nicht passieren. Die Mannschaft steht kurz vor einem Ausfall und wenn ich so darüber nachdenke, kann ich es ihnen nicht einmal übel nehmen.“ Er griff Archweyll an die Schulter. „Wir müssen endlich eine Lösung finden.“
Der Kommandant blickte ihn ungläubig an. „Wirklich?“, fragte er gespielt erstaunt, doch dann beließ er es dabei. Er wollte nicht noch mehr unnötigen Stress hervorrufen und Clynnt hatte seinen Groll wahrlich nicht verdient. Er wandte sich zum Gehen. „Ich werde dann wohl mal den Chefmechaniker aufsuchen müssen“, seufzte er abermals. Howard Bering war ihm zuwider. Zwar war er brillant, aber auch unberechenbar und jeder Funke Weisheit besaß ein gewisses Potential von Wahnsinn. Archweyll setzte lieber auf Leute, denen er vertrauen konnte.
„Wir verlassen nun den uns bekannten Sektor“, krächzte eine Stimme, unweit vom Kommandanten entfernt, welcher sich gerade seinem Schicksal ergeben und auf den Weg zu den tieferen Docks des Kreuzers gemacht hatte. Archweyll drehte sich um.
Das Gesicht des Navigators war genauso weiß wie sein steriler Anzug und er glich eher einer Wachsfigur als einem Menschen. Das waren keine guten Nachrichten. Außerhalb des Einflussbereichs der Föderation war es gefährlich. Die Weiten des Warps beheimateten weit gefährlichere Bewohner, als die Piraten, mit denen sie öfters zu tun hatten. Hier hausten Dämonen, Dunkle Engel oder die Hände der Herrlichkeit. Kontakt zu diesen Wesen wollte Archweyll um jeden Preis vermeiden.
Er blickte finster in die Runde. „Dann haltet von nun an die Augen offen. Ihr alle!“, knurrte er düster. „Denn ab jetzt steht unser Leben auf Messers Schneide.“

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Lieblingssohn

»Komm, Schatz, iss noch etwas!«, Svenja schöpfte ihren Sohn noch eine Kelle Suppe auf den Teller. Dabei dachte sie: »Ich hätte etwas Besseres kochen sollen. Er ist so schrecklich dünn.« Dabei strich sie ihm liebevoll über den Arm.
»Ich bin so froh, dass du da bist.«
»Svenja, setz dich wieder hin. Eric ist alt genug, er kann sich selbst was zu Essen nehmen!«, erklang die genervte Stimme ihres Mannes. Svenja setzte sich zurück auf ihren Stuhl und warf Peter einen wütenden Blick zu.
»Schatz«, sprach sie ihren Sohn an, der unbeeindruckt von seiner Umgebung mit einer Hand am Handy herum spielte und mit der anderen die Suppe in sich hinein schaufelte. »Wir haben mit unseren Partnern gesprochen. Du kannst am Montag bei uns in der Kanzlei anfangen. So eine Art Praktikum, bezahlt natürlich.« Svenja lächelte ihren Sohn hoffnungsvoll an. »Wenn du dann im nächsten Jahr an die Uni gehst, hast du schon ein paar Vorkenntnisse. Ist das nicht wundervoll?«
Svenjas Stimme drohte vor Begeisterung zu kippen, vor ihren Augen konnte sie es förmlich sehen, ihr gut aussehender Sohn, der erfolgreiche Anwalt. Die Welt und vor allem die Frauen würden ihm zu Füßen liegen.
»Montag geht nicht«, nuschelte Eric, stand auf und verstaute sein Handy in der Hosentasche. Im Gehen sagte er: »Ich fahr Montag mit ein paar Kumpels nach Berlin. Da brauch ich noch ein bisschen Kohle.«
Polternd stürzte der Stuhl von Peter um, als dieser aufsprang und seinem Sohn hinterher brüllte: »Eric, komm sofort wieder zurück. Wir reden mit dir!«
Lässig lehnte sich Eric in den Türrahmen. »Ich hab keinen Bock auf so einen langweiligen Scheiß. Ich will etwas erleben und mich nicht zu Tode schuften.«
Svenja spürte, dass der brüchige Familienfrieden mal wieder kurz vor dem Zerbersten war. Beschwichtigend legte sie ihren Mann eine Hand auf die Schulter.
»Ein Jahr war ausgemacht, ein Jahr, in dem du machen konntest, was du wolltest!« Peters Stimme nahm einen gefährlichen Unterton an. »Wann war es vorbei, vor drei, vier Monaten? Wenn du weiter finanzielle Unterstützung von uns erwartest, wirst du etwas dafür tun müssen. Ansonsten dreh ich dir den Geldhahn zu. Dann kannst du zusehen, wie du deine Klamotten und den ganzen anderen Mist bezahlst. Wie rennst du eigentlich schon wieder rum? Hast du nichts Anständiges anzuziehen?«
»Ich kann ja mal in der Kanzlei vorbei kommen.« Erics Stimme klang nicht gerade überzeugend. »Aber diesen Montag nicht. Mum, ich nehm dein Auto.« Mit diesen Worten fiel die Tür hinter Eric zu.
»Weißt du Peter, das mit Berlin ist vielleicht gar keine so schlechte Idee«, versuchte Svenja die Situation zu retten. »Er braucht eh ein paar Anzüge, wenn er in der Kanzlei mitarbeitet. Ich geb ihn Geld mit, da kann er sich neu einkleiden.«
»Verdammt Svenja, wann begreifst du es endlich. Er wird das Geld verjubeln. Er ist ein Nichtsnutz, dein Sohn.«
Peter stampfte die Treppe hinauf. »Wag es ja nicht, ihn wieder meine Kreditkarte mitzugeben. Ich arbeite doch nicht nur, damit unser Herr Sohn unser gesamtes Geld verprasst.« Dann hörte Svenja die Bürotür scheppernd ins Schloss fallen.


Ein Klopfen riss Svenja aus ihren Gedanken. Isabel ihre Partnerin in der Kanzlei, kam zur Tür herein. Sie waren gute Freundinnen, kannten sich schon seit ihrer Studienzeit. Doch in den vier Wochen, seitdem Eric mit in der Kanzlei arbeitete, wurde ihre Freundschaft fast täglich auf eine harte Probe gestellt.
»Svenja, wir müssen reden.«
Nicht schon wieder, dachte Svenja und suchte nach einem Grund, um dieses Gespräch zu verhindern. Da hatte Isabel schon vor ihrem Schreibtisch Platz genommen.
»Was hat er schon wieder angestellt?«, fragte Svenja resigniert. Ständig beschwerten sich die anderen Mitarbeiter der Kanzlei über Eric. Na gut, mit dem Aufstehen hatte er es nicht so. Deshalb kam sie jetzt immer später zur Arbeit, damit sie ihren Sohn mit dem Auto mitnehmen konnte. Denn sonst war es passiert, dass er erst gegen Mittag oder gar nicht aufgetaucht war. Aber er war doch noch so jung, gerade mal 20, die anderen hatten überhaupt kein Verständnis. Und woher sollte er denn das alles wissen, was sie von ihm verlangten. Sie waren einfach nur ungerecht.
»Hast du gesehen, wie dein Sohn heute aussieht?«, fragte Isabel. »Hast du nicht letzte Woche erzählt, dass du ihm Geld für einen Anzug gegeben hast?«
Svenja zuckte zusammen. Weder mit dem Geld von letzter Woche, noch mit dem aus der Woche davor, hatte er sich etwas Vernünftiges zu Anziehen gekauft. Auch nicht in Berlin. Fragte sie ihn, was mit dem Geld passiert war, zuckte er nur mit den Schultern und sagte: »Weg.«
»Wie immer. Warum?«
»Du weißt, ich bin nicht spießig und ich habe ganz bestimmt nichts gegen Jeans und T-Shirt. Aber Eric sieht aus, als wenn er seine Sachen vom Müll hat. Heute hatte der Chef der Brauerei seinen Termin bei mir. Der hat Eric in der Küche Kaffee trinken sehen. Der dachte, wir verköstigen hier einen Obdachlosen. Svenja, so geht das nicht weiter.« Isabel redete sich immer mehr in Rage. Svenja wollte sie stoppen, denn sie wollte es nicht hören, konnte die ewigen Vorwürfe nicht mehr ertragen, nicht von Isabel oder ihrem Mann oder sonst wem.
»Du musst endlich aufwachen, dein Sohn ist nicht nur faul und verantwortungslos. Er hat auch ein Alkoholproblem, wenn nicht sogar ein Drogenproblem.«
Svenja versuchte sie zu unterbrechen, doch Isabel redete einfach weiter. »Gestern sollte er eine Akte zu Martin bringen. Dort ist sie nie angekommen. Wir haben sie dann unten im Café gefunden, wo Eric sie liegenlassen hat. Nachdem er sich keine Ahnung wie viele Drinks genehmigt hat und einfach verschwunden ist, ohne zu bezahlen. Du kannst froh sein, dass der Wirt uns so gut kennt. Sonst hätte dein feiner Sohn jetzt eine Anzeige wegen Zechprellerei am Hals.«
»Isabel, das ist bestimmt alles ein Missverständnis. Ich rede mit ihn, wir müssen ihm eine Chance geben. Er ist es nicht gewohnt zu arbeiten aber er wird sich daran gewöhnen. Er ist doch ein guter Junge und so intelligent.«
»Svenja, du verstehst es einfach nicht. Dein Sohn ist nicht länger tragbar für diese Kanzlei. Roland redet gerade mit ihm. Er hat ab sofort hier Hausverbot.«
»Hausverbot?« Svenjas Stimme drohte sich vor Panik zu überschlagen. »Ist das nicht etwas übertrieben? Was habt ihr nur alle gegen den Jungen?«
Isabel umrundete den Schreibtisch und lehnte sich vor Svenja an den Tisch.
»Ist dir aufgefallen, dass unsere Kaffeekasse in letzter Zeit ständig leer ist und dass viele Dinge hier einfach verschwinden und nirgendwo wieder auftauchen?«
Svenja schnappte nach Luft, diese Anschuldigungen waren einfach ungeheuerlich.
Isabel stand auf und ging zur Tür. »Am besten du gehst nach Hause und beruhigst dich erst einmal. Und sag jetzt nicht, er war es nicht. Du selbst hast mir erzählt, dass bei euch zu Hause einige deiner Schmuckstücke verschwunden sind.«


Wie in Trance ging Svenja nach Hause. Ihr Auto hatte nicht mehr auf dem Parkplatz gestanden. Sicher war Eric damit nach Hause gefahren, nachdem Roland ihn des Hauses verwiesen hatte. Sie musste dringend mit ihren Mann über Rolands Verhalten reden. Das konnten sie sich nicht gefallen lassen.
Peter saß mit einen Glas Whiskey in der Hand auf der Terrasse.
»Ist das nicht ein bisschen zu früh?«, konnte sie sich nicht verkneifen.
Statt einer Antwort schenkte er das Glas wieder voll und hielt es ihr hin.
»Nimm, du wirst es brauchen!«, sagte er. Seine Stimme ging schleppend. Das konnte nicht sein erstes Glas gewesen sein.
Svenja betrat das Haus und wanderte langsam von Zimmer zu Zimmer. Die teuren Gemälde fehlten, genauso wie die Flachbildschirme, von den Computern hingen nur noch die Kabel auf den Schreibtischen. Im Schlafzimmer erblickte sie den leeren Tresor, in dem sie ihren wertvollen Schmuck und die Wertpapiere sicher verwahrt geglaubt hatte.
Unendlich müde trat sie auf die Terrasse. »Hast du schon die Polizei gerufen?«, fragte sie.
Peter sah sie mit einen eigentümlichen Blick an. »Und was bitteschön sollen wir dann sagen? Fangen Sie unseren missratenen Sohn wieder ein, weil er seine Eltern beklaut hat? Nein danke.«
Resigniert ließ sich Svenja auf den Stuhl neben ihren Mann sinken und nahm einen großen Schluck aus dem Whiskyglas, welches er ihr wortlos hinhielt.

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Saigels Irr(e)lichter – Das Schreibselbstbewusstsein

Das Schreibselbstbewusstsein. Eine Größe im Leben eines jeden Autors, ein Faktor, eine Variable und (hoffentlich) irgendwann einmal ein Ergebnis. Ständig ändert es sich, schwingt innerhalb eines Tages von einer Million auf minus Tausend und schnellt mit dem nächsten Wort wieder rasant in den Plusbereich. Es macht uns sowohl müde und verzweifelt als auch stark und motiviert.

Das Schreibselbstbewusstsein … es ist ein Phänomen. Ein unbändiges Tier, das sich entweder brav von uns kraulen oder uns tagelang im Regen stehen lässt.

Es zu bändigen habe ich bis heute nicht gelernt. Ebenso wenig konnte ich es zähmen oder die immensen Aufs und Abs zu kleineren, weniger verheerenden Schlägen überreden. Es erfasst mich noch immer genauso hart und unvorbereitet wie vor über zehn Jahren, als ich anfing zu schreiben. Sitze ich, mir die Ohren zuhaltend und die Augen verschlossen unter einer großen Welle, die tosend über mir zusammenzubrechen droht, erkenne ich selbst nicht einmal den Fortschritt, den ich bereits zu verzeichnen, die schönen Kritiken, die ich bekommen habe. Die Welle ist dieselbe, sie hat sich nicht verändert, sie macht weder halt vor schönen Anfängen noch vor beendeten Werken, die Zeugnis für tausende von Arbeitsstunden sind.

Das mag jetzt auf den ersten Blick trostlos klingen, jedoch habe ich gelernt, dass die Tiefschläge genauso wichtig sind wie das Hochgefühl. Wie viele herausragende Schriftsteller wollten in ihrem Leben ihre Manuskripte verbrennen? Gott sei Dank, haben sie sich nicht unterkriegen lassen, sich aus den Wassermassen erhoben und einfach weitergemacht. Besser. Bemühter. Überlegter.

Das Schreiben ist für mich ein Prozess. Eine Geschichte entwickelt sich nicht innerhalb von ein paar Wochen. Sie arbeitet in uns, schlägt Wurzeln und Blüten. Das braucht Zeit und Geduld. Stehe ich am Ende meiner Überlegungen, liegen vielleicht fünf Jahre zwischen dem Schluss und der Anfangsidee. Das ist oftmals ein guter Zeitpunkt für das Schreibselbstbewusstsein, unterzutauchen. Denn genau dann stelle ich fest, dass ich mich mit dem Anfang meiner Geschichte nicht mehr identifizieren kann, sie sich also wie aus fremder Hand liest, da der Fortschritt, den ich mir über die lange Zeitspanne erarbeitet habe, meine Texte verändert hat. Genauso begreife ich, dass die Handlung nicht ideal verläuft und der Anfang auf den weiteren Hergang der Geschichte nicht mehr passen will.

Die Erkenntnis, dass der Anfang im besten Fall noch einmal komplett überarbeitet und im schlechtesten Fall neu verfasst werden muss, drückt mich dann nieder, lässt mich den Text vergraben, ihn vergessen. Das Potenzial, das darin steckt, sehe ich nicht mehr, in meiner Erinnerung klingt jedes Wort schief, jeder Satz ungelenk und jedes Kapitel zusammenhangslos.

Doch dann, mit der Zeit, kehrt es zurück, das Schreibselbstbewusstsein. Schmiegt sich versöhnlich an mich, lockt mich mit zarten Gesten in das Versteck, wo meine Texte schlummern und lässt mich neugierig einen davon herausziehen. Beim Lesen setzt es sich auf meinen Schoß, hört meinen Gedanken zu, erfüllt mich mit einem eigenartigen Hochgefühl und lässt mich dann endlich wieder laut sagen: „Mensch, das ist ja doch gar nicht so schlecht!“

Frohes Schreiben!

Eure Saigel

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Das Tetriskalb – eine ulkige Geschichte

Ein alter Afghane mit einem großen Salzstangenbeutel – er trug einen Lollipophut – erzählte mir eines Tages die Geschichte vom Tetriskalb.
Es war eine Zarenfrau, die in ihrem Zierfischteich eine Seerose bewunderte, als sie plötzlich ein Tintenalb befiel und sie von Anatolinens Nagetiergang träumte. Es waren keine Giraffen, sondern Nager in Elefantenblau. Sie rockten zu AH – ah! -, weil sie wohl zu oft in den USA gewesen waren. Es war niemand da, der die FW (Feuerwehr) zu Hilfe rufen konnte. So träumte die Zarenfrau nicht nur von der Berlinfee, sondern auch von einem Eiteralb, bis sie plötzlich den Westfalenruf vernahm und erwachte. Jemand, sie konnte es vom Teich aus nicht genau erkennen, betätigte sich mit Abfallklau und ergatterte ein Hanuta. Dabei waren diese extra von Rolltoren gesichert worden. Die nächsten Unkenrufe wurden aber ernst genommen, denn es tauchte wieder die Nagergang auf – diesmal in einem Giraffenhaufen. Ein lautes Seefahrtsamttatütata erscholl und bevor die Giraffen zum Ballsport in der Nähe des Elefantensees übergehen konnten, entfuhr der Zarenfrau ein Ulrikenfurz.
Zum Glück erschien die Erbsenmichaela und brachte sowohl ihren eigenen Teebeutel als auch Leseratteneis für sie beide mit.

Die beiden probierten auch den neuen Ulmentee, der von der hiesigen Urflora inspiriert war und aufgrund dubioser EU-Richtlinien auch eine Spur Blaukraut und Seife enthielt. Für die Erbsenmichaela schmeckte dies eher wie ein Ekelkuss, während die Zarenfrau vom Nachtgesang eines Gentleman schwärmte, als sie den Tee probierte. Der Cafébetreiber setzte sich zu ihnen an den Tisch und erzählte vom hiesigen Ackerbau und den Riesenkarren, die während der Ernte ein kilometerlanges Gespann bildeten. Sie flüchteten über die Straße, ohne den Nettobetrag zu bezahlen, was ihnen ein Ampelkurzschlussermöglichte. Da Erbsenmichaela wegen überraschendem Unterschenkelschmerz ins örtliche Lazarett musste, dieses aber durch den jährlichen Wettbewerb im EisensiebWeitwurf der tirolerNarren schwer beschädigt worden war, machten sie sich auf die Suche nach einer anderen Bleibe. Schließlich hatte die Zarenfrau die Idee, eine Alpenstraße zu suchen, um sich eines Ausguckdaches zu bedienen. Sie kletterten eine Leiter aus Stahl hoch und erschlugen dabei leider unwissentlich eine kleine Laus. Sie entdeckten die örtliche Sauna des kleinen Alpennests und besuchten sie umgehend. Leider bekam die Erbsenmichaela hier noch immer keine Ruhe, da ein Hyazinthara in seinem Zypressenholzkanu in der Sauna saß und alte Piratenlieder kreischte, die auch noch Schleichwerbung für EA (Electronic Arts) enthielten.

Obwohl Erbsenmichaela wirklich tierlieb war, konnte sie diese Unruhe nicht ertragen. Auch die Zarenfrau fand die Neigung des Papageien, pausenlos zu krächzen, gemein. Deshalb beschlossen sie, diesem Saustall von Sauna den Rückenzu kehren und sich auf den Weg über die Alpenstraße zu machen. Doch das war gar nicht so einfach. Weder Erbsenmichaela noch Zarenfrau hatte noch Geld im Ablagefach.
Unter der Dusche, wo niemand ihnen lauschen konnte, ersannen sie eine List: Sie würden den FCKW-Alarm auslösen und dann, wenn alle panisch ihre Genitalien in Handtücher hüllten, wollten sie zum Notausgang hinausschlüpfen.
In der Umkleidekabine begann die Zarenfrau, laut und ordentlich falsch zu singen, und während alle abgelenkt waren, huschte Erbsenmichaela zu dem großen, gelben Knopf und drückte ihn. Dann versteckte sie sich hinter einer Agave im Flur und wartete. Schließlich erschien die Zarenfrau, und gemeinsam öffneten sie die Fluchttür und rannten, was das Zeug hielt. Hinter ihnen erklang Geschrei, und die beiden hatten Angst, dass ihre Flucht in einer Untierhatz enden würde. Doch zum Glück konnten sie sich auf einem Bauernhof am Wegesrand verstecken. Der Eigentümer bekam es gar nicht mit, so sehr war er mit dem Zebrastallbau beschäftigt. Gerade saß er auf einem Heuballen und machte Brotzeit – leckeres Schwarzbrot, dick mit Sanella bestrichen, und dazu eine Sardinenbüchse.
Die beiden beobachteten den Bauern, und Erbsenmichaela wünschte sich weit weg, am liebsten nach Uganda. Aber wenn das so weiterging, würden sie es nicht mal bis in die Bretagne schaffen! Sie zupfte die Zarenfrau am Ärmel, und gemeinsam schlichen sie in das Haupthaus. Dort fanden sie einen Atlas.
“Prima, jetzt können wir nachsehen, wo wir langmüssen”, freute sich Erbsenmichaela. “Sonst kommen wir ja doch nicht vom Fleck und hängen auf Lebenszeit hier fest wie die Nesthocker.”
Sie prägten sich den Wanderroutenverlauf genau ein und brachen auf. Sie wanderten über Roggenfelder, deren Rispen sich in der Sonne wiegten, kamen an einem seltsamen Betonklotz vorbei, der einen noch seltsameren Aufbau auf dem Dach trug, und passierten einen weiteren Bauernhof, auf dem man sich offenbar dem Enziananbau verschrieben hatte.
“Na, sind wir nicht ein super Team?”, fragte die Zarenfrau voller Eigenlob.
“Und was für eins!”, bekräftigte Erbsenmichaela. “Wenn wir ankommen, dann gönnen wir uns ein großes Glas Cognac und eine teure Havanna.” Sie seufzte bei dem Gedanken an eine gute Zigarre.
Ihr Weg führte sie an einem kleinen Bergsee vorbei. Ein Steg führte ein Stück ins Wasser und mitten auf dem See schaukelte ein kleines Boot. Sie beschlossen zu rasten. Doch was war das? In der Mitte des Steges klebte eine eklige Pfütze Erbrochenes! Und als sie hinunterblickten, trieb da eine Gestalt im Wasser. Leblos!
Da begann das Wasser des Sees zu sprudeln, als ob es kochte. Etwas durchstieß die Wasseroberfläche, riesig, schleimig – schrecklicher als jedes mutierte Vieh aus einem Endzeitdrama. Es riss ein Maul voller spitzer Zähne auf, brüllte und schlug mit einem Tentakel nach ihnen.
Schreiend rannten die beiden weg, zurück in die Sauna, wo sie sich im heißen Dampf von ihrem Schrecken erholten.

ENDE.

Gelesen habt ihr eine Gemeinschaftsarbeit von zwei Kollegen aus dem Forum, oder besser Freunden, und mir. Jeder von uns hat einen Abschnitt geschrieben. Die kursiven Wörter waren vorgegeben, die sind aus einem Spiel (Gefüllte Kalbsbrust) entstanden, bei dem man zu einem gegebenen ersten und letzten Buchstaben ein verbindendes Wort finden musste. Wir spielen manchmal im Forenchat, aber meistens quatschen wir nur – es sei denn, wir machen ernste Textarbeit.

Wir haben noch andere Formen des gemeinsamen Schreibens, die im Forum gelebt werden. Neben Schreibspielen gibt es auch Rollenspiele und zur Zeit läuft ein Experiment mit einem Textdokument, das von allen beschrieben werden kann. Und zudem gibt es den geschützten Bereich für Romanautoren, die Schreibprojekte. Da schreibt zwar jeder an seinem eigenen Roman, aber man tauscht sich sehr intensiv aus und arbeitet so schon gewissermaßen gemeinsam am Projekt.

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